Neuntes Kapitel.

Allgemeine Ansicht der Kreuzzüge.

[230] Die Kreuzzüge in unser Werk einzuordnen, ist nicht ganz leicht. Sie bilden in vieler Beziehung eine kriegsgeschichtliche Einheit, indem dieselben oder ganz ähnliche Elemente fortwährend mit einander ringen, sie erstrecken sich aber doch wieder über eine so lange Periode, und zwar gerade über eine Periode, innerhalb deren sich wesentliche Abwandlungen vollziehen, daß es geraten scheinen möchte, die Untersuchung zu teilen. Wie zeitlich, so auch sachlich. Die eigentümlichen Verhältnisse unter denen, und die eigenartigen Gegner, mit denen die Abendländer im Orient zu kämpfen hatten, bringen naturgemäß auch bei ihnen eigenartige und neue Erscheinungen hervor. Wenn wir nun gerade im zwölften und dreizehnten Jahrhundert im Abendlande wesentliche Abwandlungen in der Kriegsweise beobachten, die mit den Erscheinungen in den Kreuzzügen Verwandtschaft zeigen, so erhebt sich die Frage, ob hier etwa ein Kausalverhältnis vorliegt, so daß also der Fortgang geradezu auf die Kreuzzüge aufzubauen wäre, oder aber nur eine Parallelerscheinung, wonach man die Kreuzzüge der Entwicklung im Occident nachfolgen zu lassen hätte. Eine gewisse Rückwirkung der Kreuzzüge auf die Verhältnisse im Abendlande hat wohl sicherlich stattgefunden, aber doch nur in soweit, daß sie eine natürliche Entwicklung noch beförderte und bestärkte. Ich glaube daher am besten zu tun, indem ich das im engeren Sinne Militärische in den Kreuzzügen erst im nächsten Buch in den allgemeinen Zusammenhang einordne und an dieser Stelle nur die generellen Züge der gewaltigen Bewegungen, die für uns in Betracht kommen, zusammenfasse.

Der Aufbau des Feudalstaates im Mittelalter mit stufenweise[230] zerlegter obrigkeitlicher Gewalt ist nicht das einzige Kennzeichen der Epoche; es gehört dazu vor allem auch noch die über alle diese lockeren Staatswesen übergreifende und in sie eingreifende allgemeine Kirche. Man faßt das romanisch-germanische Mittelalter am richtigsten nicht als ein Nebeneinander des deutschen, französischen, englischen und der anderen Reiche auf, sondern nach Rankes Ausdruck als einen geistlichen Universalstaat, innerhalb dessen die einzelnen Königreiche Teile bilden, die in sich wieder mehr oder weniger fest zusammenhängen.

Aus der Kirche, die Engländer, Franzosen, Spanier, Schweden, Dänen, Deutsche und Italiener umfaßt, und aus dem Gegensatz dieser Einheit zum Islam entspringen die Kreuzzüge, die diesem ihrem Ursprung gemäß nicht nach rationell-politischen Motiven geleitet werden, sondern dem mystischen Drange folgend, sich auf die Eroberung einer kleinen Enklave mitten in der muhammedanischen Welt, auf das heilige Land richten.

Da der Krieg ein Mittel der Politik ist und die Kriegführung am letzten Ende immer durch ihren politischen Zweck bestimmt wird, so macht der mystische Urgrund eine rationelle Strategie in den Kreuzzügen von vornherein unmöglich. Hätte das Abendland nur einen Teil der ungeheuren Kräfte, die Palästina verschlang, auf die Gewinnung von Grenzlandschaften verwandt, so hätte man sicherlich dauernde Erfolge erzielt. Als Friedrich Barbarossa die Donau herunterzog, geriet der griechische Kaiser, dessen Reich bereits von lateinischen Elementen erfüllt war, in Besorgnis, das Kreuzheer wolle sich Konstantinopels bemächtigen, und die Serben, Walachen und Bulgaren boten an, sich vom griechischen Reich loszusagen und sich dem römischen Kaiser zu unterwerfen. Hätte der Hohenstaufe doch solche Dinge ins Auge gefaßt, fügt Ranke hinzu! Sein Sohn, Heinrich VI., starb, ehe er eine Politik in dieser Richtung ins Werk setzen konnte, und hatte vielleicht schon nicht mehr die Kräfte dazu, die seinem Vater nicht gefehlt hätten.

Aber es ist für uns nicht nötig, uns in solche Möglichkeiten zu vertiefen, es genügt, sich die strategische Widersinnigkeit der Grundidee der Kreuzzüge und ihre Genesis klargemacht zu haben. Der mystisch-transzendentale Zug der Menschheit ist fähig, eine ungeheure Kraft zu entwickeln, aber sie unmittelbar auf praktisch-irdische[231] Ziele zu lenken, entfällt ihm, und die Kräfte verzehren sich fruchtlos.

Das Gelübde der Kreuzfahrer verpflichtete sie, das heilige Grab zu befreien, aber nicht, dauernd in Palästina zu wohnen, um es zu verteidigen. Eine kleine Zahl fand sich dazu bereit, so daß die Kreuzzüge zugleich eine Kolonisation bedeuten, aber rings eingeschlossen von Muhammedanern, in mehrere Herrschaften, von Edessa (Urfa) bis Jerusalem verteilt, konnten sie sich nur behaupten, indem von Zeit zu Zeit ein neues Heer aus dem Abendlande die unendliche Reise machte und, sofern es hingelangte, eine vorübergehende Verstärkung brachte.

Über die Grundfrage, wie stark die Kreuzheere waren, die der Occident 175 Jahre lang immer von neuem gen Jerusalem sandte, haben wir wieder, wie schon bei den Legionen Cäsars in Gallien und bei den Heeren der Völkerwanderung, zwei Gruppen von Aussagen, die sich gegenseitig ausschließen: nach der einen handelt es sich um Heere von Hunderttausenden, nach der andern sind die Schlachten im heiligen Lande von wenigen Tausenden, worunter nur wenige hundert Ritter, zuweilen überhaupt nur von Hunderten geschlagen worden. Das Ergebnis einer systematischen Untersuchung von HANS JAHN ist, daß, entsprechend den sonstigen Ergebnissen dieses Bandes für die mittelalterlichen Heere, auch die Kreuzzugs-Heere sich als recht klein herausstellen.193 Als Heinrich von Sybel im Jahre 1881 die zweite Auflage seiner »Geschichte des ersten Kreuzzuges« erscheinen ließ, wußte er sich noch mit den in den Quellen überlieferten Zahlen nicht anders auseinanderzusetzen, als daß er sie, ohne sich für ihre Glaubwürdigkeit zu verbürgen, einfach mittelte. Die Quellen des ersten Kreuzzuges aber erzählen von 100000 »loricis et galeis muniti« und im ganzen 600000 »ad bellum valentium« neben zahllosen Unbewaffneten (Fulcher) oder 300000 pugnatorum (Ekkehard); bei dem Ausfall aus Antiochien sollen es noch 150000 Streiter (bellatorum) gewesen sein (Orderich). Mir fiel nun damals auf, daß dieses ungeheure Heer vor der Schlacht bei Doryläum an einem Tage eine Brücke passiert haben und dann[232] noch einen Marsch gemacht haben sollte, und ich berechnete danach in einem Aufsatz in der »Historischen Zeitschrift« (Bd. 47 S. 423), 1882, alle Umstände in Betracht gezogen, als das denkbar höchste Maximum des Heeres an Köpfen 105000 Mann, wovon etwa 15000 Mann wirkliche Krieger. Vorsichtigerweise fügte ich hinzu, daß diese maximal-Rechnung nicht ausschließe, daß das Pilgerheer etwa 60000 Köpfe, darunter 10000 Vollgewappnete, stark gewesen sei. Heute dürfte kein Zweifel mehr obwalten, daß auch diese Zahl, namentlich die 60000, aber auch die 10000, noch erheblich zu hoch ist.

In einer Marburger Dissertation »Die Gefechtsführung abendländischer Heere im Orient in der Epoche des ersten Kreuzzuges« von Otto Heermann (1887) ist bereits zusammengestellt (S. 102), daß die höchste Zahl, die an Reitern in einer Schlacht in Palästina genannt werden, 1200 sei, die höchste Zahl an Fußgängern 9000 (bei Askalon, 12. August 1099). Nach Beendigung des eigentlichen Kreuzzuges schmolz das christliche Heer auf 260 Reiter und 900 Fußgänger zusammen, die überdies nur mit großer Mühe aufgebracht werden konnten. Dreimal erscheinen 700 Reiter, einmal 1100; Fußgänger 2000 und 3000. Einmal wird das Gesamtheer auf 8000 Mann angegeben (bei Asdod im Jahre 1123), und dieser letzten Zahl möchte ich noch den Zweifel, ob sie nicht stark übertrieben ist, hinzufügen.

Durch diese Zahlen sind natürlich alle die Hunderttausende, von denen wir vorher gehört haben, ebenso sicher außer Kurs gesetzt, wie die Hunderttausende von Galliern, mit denen Cäsar uns sonst aufwartet, durch seine Bemerkung über die Eburonen. Wenn mit wenig hundert Rittern das heilige Land zu behaupten war, so haben auch nur wenige Tausende dazu gehört, es zu erobern. Diese wenigen Tausende aber stehen in vollem Einklang mit den Heeren der Völkerwanderung, wie wir sie jetzt kennen gelernt haben, den Heeren Karls des Großen, den Heeren der Normannen, mit denen sie Europa verwüsteten und schließlich das Gebiet der unteren Seine, England und Neapel okkupierten. Nicht weniger entspricht die Kleinheit der christlichen Heere dem Charakter der Gegenseite, sowohl des unkriegerisch gewordenen Byzanz, als des Kalifenreiches, wo das Arabertum[233] längst seine kriegerische Urkraft eingebüßt, die Kalifen zu geistlichen Figuranten reduziert und die Macht in den Händen seldschuckischer oder kurdischer Häuptlinge war, deren Kriegerscharen einen ebenso kleinen Stand über der unkriegerischen Masse der Bevölkerung bildeten, wie die Ritter im Abendlande. Alle die Massenheere der Ungläubigen, die die christlichen Schriftsteller heraufmarschieren lassen, sind ebensolche Produkte der Phantasie in der Renommiersucht, wie die Massenheere der christlichen Pilger der Phantasie im Enthusiasmus des Glaubens.

Die Ansiedelung der christlichen Krieger in Palästina war so geringfügig, daß notwendig in den Zeiten, wo kein Kreuzzug gerade eine Flutwelle brachte, die Muslim von Syrien wie von Ägypten erheblich stärker sein mußten, und die Christen hätten sich deshalb wohl nicht solange behauptet, wenn nicht noch die besondere Organisation der Ritterorden, der Templer, der Johanniter und später auch der deutsche Ritter eine wesentliche dauernde Hilfe geleistet hätte. Während, wie es im Vorwort der Templerregel heißt, die weltlichen Ritter ihre Stärke darin suchten, zu rauben, Beute zu machen und zu morden, wollten die Mitglieder des von Hugo von Payens (1118) gestifteten Ordens der Kirche und der Gerechtigkeit dienen und um der Verbreitung des rechten Glaubens willen ihre Seelen Gott als wohlgefälliges Opfer darbringen. Bernhard v. Clairvaux, der selbst an der Schöpfung teilgenommen, schildert die Templer im Jahre 1125 folgendermaßen194: »Bei ihnen fehlt weder im Hause noch im Felde gute Zucht und der Gehorsam wird nicht gering geschätzt. Sie gehen und kommen nach dem Wink des Meisters, sie legen die Kleidung an, welche er ihnen gibt, und begehren von keinem andern weder Kleidung noch Nahrung. In beidem wird Überfluß vermieden, nur für die Notdurft wird gesorgt. Sie leben miteinander fröhlich und mäßig, ohne Weiber und Kinder, und damit nichts an der evangelischen Vollkommenheit mangeln möge, ohne Eigentum, in einem Hause eines Sinnes, bemüht, im Bande des Friedens die Eintracht zu erhalten, so daß in allen gleichsam ein Herz und eine Seele zu wohnen scheint.[234] Zu keiner Zeit sitzen sie müßig oder schwärmen sie neugierig umher; wenn sie vom Streite wider die Ungläubigen ruhen, was selten geschieht, so bessern sie, um nicht ihr Brot umsonst zu essen, ihre schadhaften oder abgenutzten Kleider und Waffen aus. Das Schach- und Brettspiel verabscheuen sie, der Jagd sind sie abhold und nicht minder der sonst beliebten Vogelbeize. Sie hassen die Gaukler, Bänkelsänger, allen üppigen Gesang und alle Schauspieler als Eitelkeit und Torheiten der Welt. Sie gehen nicht stürmisch und unbesonnen in die Schlacht, sondern mit Bedächtigkeit und Vorsicht, friedlich als die wahren Kinder Israel. Sobald aber der Kampf begonnen, dann dringen sie unverzagt in die Feinde, sie als Schafe achtend, und kennen keine Furcht, ob ihrer auch wenige sind, vertrauend auf die Hilfe des Herrn Zebaoth. Darum sind oft von einem von ihnen tausend und von zweien zehntausend in die Flucht getrieben worden. Also sind sie in seltsamer Verbindung zugleich sanftmütiger als Lämmer und grimmiger als Löwen, so daß man zweifeln kann, ob man sie Mönche oder Ritter nennen soll. Doch ihnen gebühren beide Namen; denn ihnen ist die Sanftmut der Mönche und die Tapferkeit der Ritter zuteil geworden.«

Man mag von diesem Idealbilde in den realistischen Betrachtungen so viel abziehen wie man will, die Organisation von Rittern in der Form von Mönchsorden mit ihren Gelübden bleibt eine imponierende Erscheinung, und wenn schon ein Fortschritt im spezifisch militärischen Sinne von ihnen nicht ausgegangen ist, so werden wir doch noch vielfältig auf sie Bezug zu nehmen und uns mit ihnen zu beschäftigen haben.195[235]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 230-237.
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