Drittes Kapitel.

Söldner.

[329] Wir haben es als einen Irrtum erkannt, daß jemals ein einzelner Mann auf eigene Kosten in den Krieg gezogen sei; das ist nur möglich auf ganz kurze Entfernungen und auf ganz kurze Zeit, bei Nachbarfehden, aber nicht in den Kriegen der Großstaaten, von denen wir handeln. Von Chlodwig an müssen die Krieger, die ins Feld zogen, von einer größeren Organisation oder einem größeren Herren ausgerüstet und unterhalten worden sein. Der Herr, der vornehmlich in dieser Art Kriegszüge organisierte, ist der Graf, und ob der Graf nun die Krieger, die er hinausführte, aus seinen belehnten oder nicht belehnten Vasallen und ererbten Kriegsknechten auswählte oder zugereiste fahrende Ritter und Kriegsgesellen, die ihm brauchbar scheinen, hinzunahm, machte für die Leistung keinen bemerkbaren Unterschied. Auch den eigenen Leuten mußte wohl der Herr von je neben der Verpflegung auch etwas an barem Gelde geben, vom 12. Jahrhundert an sogar ziemlich viel; wir haben oben einige Beispiele angeführt, wieviel die Ministerialen für eine Romfahrt erhielten. Der Übergang von einem Vasallen- und Ministerialen-Aufgebot zu einer Söldnertruppe war also praktisch viel leichter, als es nach dem begrifflichen Gegensatz scheinen möchte. Bis auf einen gewissen Grad ist vermutlich von je beides nebeneinander hergegangen. Von einem venetianischen Dogen Vitalis oder Urseolo wird schon im 10. Jahrhundert erzählt, er habe in Longobardien und Tuscien Söldner angeworden und sei deshalb von den Bürgern Venedigs umgebracht worden.328 Graf Fulco von Anjou schickte i. J. 992 ein Heer,[329] »sowohl von den Seinen als von Söldnern« gegen den Herzog Conan von Bretagne.329 Zur Zeit Kaiser Heinrichs III. warb Papst Leo IX. in Deutschland Truppen gegen die Normannen in Unteritalien.330 Das Heer, mit dem der Eroberer im Jahre 1066 nach England hinüberging, bestand zum größten Teil aus Söldnern, und wir haben gesehen, wie schnell sich die Elemente der Feudal-Verfassung, die ja nur teilweise von den Normannen nach England übertragen wurde, dort vollständig in Söldnertum umsetzten. Bald finden wir dieselbe Erscheinung auf dem Kontinent. Schon in den Kriegen Heinrichs IV. spielt das Geld eine erhebliche Rolle: die Subsidien, die der Kaiser in Konstantinopel dem deutschen Kaiser zahlte, damit er ihm den Normannen Robert Guiscard vom Halse halte, benutzte dieser für seine eigenen Kriegszwecke: auch hören wir öfter, daß der König Geld lieh und seine Städte ihm Steuern zahlten. Unter seinem Sohne Heinrich V. hören wir zum erstenmal das Wort von dem unersättlichen Schlunde des königlichen Fiskus (regalis fisci of insatiabile).331 Der Herzog von Lothringen schickte im Jahre 1106 den Kölnern Gelduni zu Hilfe332, und unter Friedrich Barbarossa sind die Brabanzonen ein sehr wesentlicher Teil seiner Streitmacht. Das Heer, das der Erzbischof Christian von Mainz im Jahre 1171 über die Alpen führte, bestand zumeist aus ihnen. Gegen den Kaiser warben im Jahre 1158 die Genuesen Schützen, und Byzanz wirbt in Italien nach des Deutschen Ragewin Ausdruck »milites qui solidarii vocantur«. Es sind nicht bloß vorwiegend germanische Landschaften, aus denen diese Söldner kommen, sondern es werden auch noch im besonderen Aragonesen, Navarresen und Basken genannt. Sie werden auch coterelli, ruptuarii, triaverdini, stipendiarii, vastatores, guladana (gelduni), berroerii, mainardieri, forusciti, banditi, banderii, ribaldi, satellites333 genannt.[330]

Das Lehnskriegertum ist ein Produkt der Naturalwirtschaft; daß neben ihm und aus ihm sich wieder ein Söldnertum entwickelte, konnte nicht geschehen, ohne daß eine gewisse Geldwirtschaft wieder aufgekommen war, und dazu gehörte, daß eine gewisse Menge von Edelmetall im Umlauf war.

Der Vorrat von Edelmetall dürfte in der Periode der Völkerwanderung, wo der regelmäßige Bergbau ganz aufhörte, immer weiter gesunken und in der Epoche der ersten Karolinger auf dem Tiefpunkt gewesen sein.334 Schon im 8. Jahrhundert aber sollen neue Quellen erschlossen worden sein; man wusch Gold in französischen und deutschen Flüssen, und in Poitou wurde schon in der Karolingerzeit wieder viel Silber durch Bergbau gewonnen. Im 9. Jahrhundert fand man Silber im Elsaß und im Schwarzwald, seit dem 10. in Tirol, Steiermark, Kärnthen und besonders in Böhmen und im sächsischen Erzgebirge, von 970 an im Harz. Etwa von derselben Zeit an, vielleicht auch schon früher, gewann man auch Gold in Böhmen, Salzburg, Ungarn und Siebenbürgen,[331] meist also Landschaften, die die Römer noch nicht oder nur wenig hatten ausbeuten können.

Sind die einzelnen Daten über den Beginn dieser bergmännischen Erfolge auch unsicher, und liegen die Zeiten der eigentlich reichen Ausbeute auch erst später, so ist doch vom 12. Jahrhundert an die Zunahme so deutlich, daß sie schon erheblich früher eingesetzt haben muß. Schon der Mönch Abbo bei seiner Schilderung der Belagerung von Paris (886) klagt (Buch II v. 605-609) über die Ritter, die nur mit Gold geschmückte Kleider tragen wollen, und ebenso schildert uns der Biograph des Erzbischofs Brun, des Bruders Ottos des Großen, dessen Ritter als in Purpur und Gold einherschreitend (inter purpuratos ministros et milites suos auroque nitidos vilem ipse tunicam induxit).335

Es ist aus den Quellen im Einzelnen nicht zu erkennen, ob es sich bei den Söldnern um Fußvolk handelt oder um Leute zu Roß, die rittermäßig kämpften;336 jedenfalls haben auch sehr bald Ritter im strengsten Sinne des Wortes Solddienst genommen.337 Als König Wladislaw von Böhmen im Jahre 1158 die Seinigen zum Zuge nach Italien aufbot, erzählt uns der Chronist, waren sie anfänglich sehr unzufrieden; als der König aber erklärte, daß, wer nicht wolle, zu Hause bleiben dürfe, den Mitziehenden aber Ohn und Ehre in Aussicht stellte, da drängte sich alles zur Heeresfolge. In der älteren Zeit hatte ein sehr karges Lehen oder bloß der Unterhalt am Hofe den Entgelt für den Kriegsdienst gebildet, jetzt, wo das bare Geld und der Wohlstand überhaupt zugenommen hatten, bot auch der Kriegsdienst Gelegenheit zu höherem[332] Erwerb und Gewinn. Die feudale Grundlage ist in Deutschland und Frankreich nicht in dem Maße geschwunden wie in England, aber die Verhältnisse haben sich doch den englischen allmählich genähert. Lehen und Ritterstand waren nicht mehr die unmittelbaren Träger des Kriegsdienstes, sondern behielten ihre Bedeutung hauptsächlich nur darin, daß sie einen Stand trugen und fortpflanzten, der dauernd ein vorzügliches Material, einen ideellen Werbeplatz für Soldkrieger bot. Man darf wohl sagen, daß sich darin die Bedeutung der sozialen Wurzel, der Standesgrundlage der Ritterwaffe am allerstärksten manifestiert, daß, obgleich das Kriegswesen mehr und mehr zum Söldnertum überging, wo ein starker, tapferer, geübter Mann soviel gilt wie der andere, dennoch das Rittertum als Stand sich behauptete und gerade in dieser Zeit sich zum niederen Adel einformte.

Die Parallel-Erscheinung ist, daß unter den Inhabern der Ritterlehen die Neigung auftaucht, sich in einen einfachen Groß-Grundbesitzerstand umzuwandeln.

Im »Kleinen Lucidarius« (auch Seifried Helbling genannt) zwischen 1283 und 1299 erzählt der Knappe seinem Herrn, daß man sich am Hofe nicht mehr von Parcival und Gahmuret, sondern von Milchkühen, Korn- und Wein-Handel unterhalte,338 und im nächsten Jahrhundert läßt der österreichische Dichter Suchenwirt einen niemals aus der Heimat gekommenen Ritter sagen

»Da stee ich alz ain ander rint

Und pin ain haimgetzogen chint.«

Schon im 12. Jahrhundert war das Söldnerwesen so weit ausgebildet, daß es berühmte Söldner-Führer gab, die man als Vorläufer der späteren Condottieri bezeichnen kann. Der erste war Wilhelm von Ypern, ein, wie es scheint, illegitimer Sohn Philipps von Flandern. Er heiratete eine Verwandte Papst Calixt II., wurde Herr von Sluys und in England durch König Stephan Graf von Kent. Die Bande, an deren Spitze er bald hier, bald da Krieg führte, bestand aus Reitern und Fußvolk, und die Chronik339 beschreibt seine Stellung »quasi dux fuit et princeps eorum«. († 1162.) War Wilhelm von Ypern selber ein vornehmer Ritter,[333] so war ein anderer, der als Brabanzonenführer genannt wird, Wilhelm von Cambray, ein ehemaliger Priester. Die meisten dieser Führer aber werden wohl ritterlicher Abkunft gewesen sein oder stiegen wenigstens durch Erwerb von Lehen und Würde in die erste Gesellschaftsklasse auf. Der Bandenführer Mercadier, ein Provençale, war die Hauptstütze Richards Löwenherz, als er aus der Gefangenschaft zurückkam und soll zu dem König in persönlicher Freundschaft gestanden haben.

Mit der Zeit bildete sich als Vermittelung zwischen der feudalen Kriegsverfassung und dem Söldnertum der Modus aus, daß Großmächte, Könige oder Städte, mit Fürsten und Herren feste Soldverträge schlossen, so daß diese mit dem festen Kern ihrer angesessenen und angeerbten Kriegsleute, ihrem Vorrat an Waffen und eigener Erfahrung und Autorität sich verpflichteten, bestimmte Mannschaften, sei es für einen bestimmten Feldzug, sei es für den Fall des Bedürfnisses, zu stellen. Den ersten Vertrag dieser Art schloß schon im Jahre 1103 Heinrich I. von England, der Sohn des Eroberers, mit dem Grafen Robert von Flandern, der sich verpflichtete, dem König für 400 Mark Silber jährlich 1000 Ritter zu 3 Pferden zu stellen. Der Vertrag ist sehr genau spezialisiert. Er gilt nicht gegen den Lehnsherrn Roberts, den König von Frankreich. Der Graf soll die Ritter 40 Tage nach empfangener Botschaft bereitstellen. Der König von England soll die Schiffe schicken, um sie abzuholen. Solange die Vlamen in England sind, soll der König sie verpflegen und ihnen ihre Verluste an Material ersetzen wie seinem eigenen Gefolge (der »familia«). Der Vertrag wurde dadurch bekräftigt, daß die Barone und Kastellane des Grafen von Flandern in einem besonderen Aktenstück die Verpflichtung gegen den König von England anerkannten, und nach 50 Jahren, 1163, wurde der Vertrag von den Nachfolgern erneuert.340[334]

Derartige Verträge sind später unendlich viele abgeschlossen worden, namentlich auch von deutschen Reichsstädten mit benachbarten Dynasten.341

Die Vorteile, statt der Lehnsritter Soldritter ins Feld zu führen, die man, wenn man nur den Sold aufzubringen vermochte und pünktlich zahlte, ganz in der Hand hatte, waren für den Fürsten so offenbar und so groß, daß im 13. Jahrhundert in Frankreich die Lehnsherren erledigte Lehen lieber an Bürger verkauften, die dafür zahlten, als einen neuen Ritter darauf anzusetzen, der dafür diente.342

Wir haben gesehen, wie leicht schon der wirkliche, vermögende Ritter zum Räuber wurde; noch viel mehr dazu angelegt war natürlich der gemeine, heimatlose Soldknecht. Schon die Landschaft, die sie auf dem Kriegspfade durchzogen, litt schwer bei der so sehr schwach entwickelten Disziplinar-Macht in einem derartigen Kriegshaufen, am schrecklichsten aber wurden sie, wenn sie nach Beendigung eines Krieges entlassen auf eigene Hand das Land durchstreiften. In Banden, bewaffnet wie sie waren, blieben sie zusammen, drangsalierten und schanden die Einwohnerschaft aufs äußerste und schonten weder Kirchen noch Klöster. Schon von vornherein waren es ja die gewalttätigsten, rohesten Elemente des Volkes, ihrer Natur nach dem bürgerlichen Leben und dem friedlichen Erwerb feindlich, die der Werbung folgten und nun in der Rechtlosigkeit und Wildheit des Krieges jeden Zügel und jedes Gefühl des Mitleids abstreiften. Gleich von einem der ersten Söldnerheere, von denen uns berichtet wird, dem, welches der strenge, eifrige Papst Leo IX. im Jahre 1053 geworben hatte gegen die Normannen, berichtet uns der Chronist Hermann von Reichneau, daß es aus Abenteurern und landflüchtigen Verbrechern bestanden habe. Die Könige selber, die sich dieser Banden bedienten, mußten nachher nach Mitteln suchen, das Land von ihnen zu befreien.[335] Kaiser Friedrich und Ludwig VII. von Frankreich schlossen im Jahre 1171 (14. Febr.) einen Vertrag, in dem es heißt, daß sie persönlich zusammengekommen seien mit vielen Baronen und sich gegenseitig verpflichtet hätten, die »ruchlosen Menschen, die Brabanzonen oder Coterelli genannt werden«, nirgends in ihren Reichen zu dulden. Auch kein Vasall soll sie dulden, es sei denn, daß ein Mann in seinem Lande ein Weib gekommen oder dauernd in seinen Dienst getreten sei. Wer es dennoch tue, solle von den Bischöfen mit Bann und Interdikt belegt werden, er soll allen Schaden ersetzen, und die Nachbarn sollen ihn mit Gewalt dazu anhalten. Ist der Vasall zu mächtig, um von den Nachbarn bezwungen zu werden, so werde der Kaiser selber die Strafe vollziehen.343

Das Lateran-Concil von 1179 verfügte die schärfsten kirchlichen Strafen gegen alle »Brabanzonen, Aragonesen, Ravarresen, Basken, Triaverdiener« und auch gegen die, die sich weigerten, die Waffen gegen sie zu ergreifen.

Es sind auch einige Fälle überliefert, wo man sich ihrer mit Gewalt entledigte. Die Brabanzonen unter dem Priester Wilhelm von Cambray, die eine Zeitlang auch König Heinrich II. von England gedient hatten, bemächtigten sich des Schlosses Beaufort in Limousin, von wo sie die Umgegend brandschatzten, und wurden hier endlich (1177) von dem Grafen Ademar und dem Bischof von Limogenes überwältigt und sämtlich niedergemacht.344

1183 wurde bei Charenton eine große Bande von Brabanzonen vernichtet; es hatte sich ein großer »Friedensbund« unter Führung eines Zimmermanns Durand in Auvergen zu ihrer Vernichtung gebildet.[336]

Als aber dieser Friedensbund eine Wendung gegen die Herren nahm, vernichteten diese wiederum im Bunde mit den Brabanzonen die aufrührerische Plebs.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 329-337.
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