Schlacht bei Nikopolis


Schlacht bei Nikopolis[497] 472.

25. September 1396.

Ich habe früher die außerordentliche Bedeutung der Lage Konstantinopels hervorgehoben, die natürliche Festigkeit vereinigt mit dem Reichtum und den Hilfsmitteln eines Verkehrszentrums und Straßen-Kreuzungspunktes. Diese Stärke der Stadt[497] zeigt sich auch wieder darin, daß die Türken schon die ganze Balkan-Halbinsel innehatten, ehe ihnen endlich auch Konstantinopel erlag. Von dem ersten Festsetzen in Europa im Jahre 1356 bis zum Fall der Kaiserstadt im Jahre 1453 sind noch fast hundert Jahre vergangen; in diesem Jahrhundert war Adrianopel die Hauptstadt des Padischah, von wo aus er die Serben und Bulgaren unterwarf.

König von Ungarn wurde damals durch Heirat mit einer Erbtochter der Sohn Kaiser Karls IV., der Kurfürst von Brandenburg, Sigismund, der später noch selbst die Kaiserkrone tragen sollte. Er erkannte die Gefahr, die nicht nur seinem eigenen Reiche, sondern dem ganzen Abendlande drohte, und benutzte seine Verbindungen, um eine allgemeine Hilfe auf die Beine zu bringen. Als Graf von Luxemburg einer französisch sprechenden Familie entstammend, stand Sigismund auch zu den Franzosen in alten freundschaftlichen Beziehungen – sein Großvater, König Johann, war in der Schlacht bei Crecy gefallen, und Papst Bonifaz IX., der in Deutschland, Italien und England anerkannt war, rief die ganze Christenheit auf und ließ das Kreuz predigen.

Der Erfolg war so groß, wie nur je in den Kreuzzügen. Der jugendliche Graf von Nevers, ein Sohn Herzog Philipps von Burgund, trat an die Spitze eines glänzenden Auszuges französischer Ritter. Venedig versprach Schiffe. Deutsche, Engländer, Polen, Italiener stellten sich unter den Befehl des Ungarkönigs; unter den deutschen Fürsten ein Pfalzgraf Ruprecht und der Burggraf Johann von Nürnberg; neben ihnen auch städtische Ritter aus Straßburg. Der Großmeister der Johanniter, die damals auf Rhodos ihren Sitz hatten, traf mit Rittern ein, und der Fürst der Walachen, Mircea, leistete Zuzug. Die Franzosen allein zählten an 1000 Ritter und Knappen, mit den Hilfskombattanten wohl 2500 Mann; das ganze christliche Heer mag 9000 bis 10000 Reiter stark gewesen sein, wovon nach den Marschverlusten und zurückgelassenen Besatzungen an der Schlacht etwa 7500 aktiv teilgenommen haben mögen – ein so gewaltiges Heer, daß der Stolz und die Zuversicht, mit der die Ritter die Heidenreise machten und in den Kampf gingen, wohl verständlich erscheinen. Von Fußvolk hören wir nichts. Der Marsch ging die Donau[498] entlang, indem eine Transportflotte auf dem Strom den Proviant mitführte.

Man vermaß sich, nicht nur die Türken gänzlich aus Europa zu vertreiben, sondern sogar das heilige Grab wiederzugewinnen. Wenn der Himmel einstürze, soll Sigismund gesagt haben, dies sein Heer sei imstande, das Gewicht auf seine Lanzen zu nehmen. Welchen Menschen sollte man zu fürchten haben?

Beim Eisernen Tor ging man über die Donau, schlug aber nicht die Richtung ins Binnenland, auf Adrianopel, ein, wo man das mächtige Heer nur schwer hätte verpflegen können, sondern zog weiter an der Donau entlang mit der Proviantflotte neben sich. Indem man die bulgarischen Städte einnahm, war man sicher, den Sultan Bajazeth mit seinem Heer heranzuziehen, und konnte ihm die gewünschte Entscheidungsschlacht liefern.

Ohne Widerstand ergab sich Widdin. Rahowa wurde nach fünf Tagen genommen, indem die bulgarische Bevölkerung sich gegen die türkische Besatzung erhob. Zäh verteidigt wurde erst Nikopolis, und noch nach sechzehn Tagen hatten es die Kreuzfahrer nicht bezwungen, als das Herannahen des Entsatzheeres gemeldet wurde.

Bajazeth stand vor Konstantinopel, als er erfuhr, daß das Kreuzheer im Anmarsch sei. Er scheint sich mit seinen Rüstungen einige Zeig genommen zu haben, um die Christen noch weiter ins Land kommen zu lassen. Dann rückte er von Philippopel durch den Schipka-Paß über Tirnowa heran, also mit einer Ausbiegung nach Osten, offenbar, weil er auf dieser Seite von Nikopolis ein Gelände fand, das für seine Taktik besonders gut geeignet war. Er marschierte so schnell, daß er fast gleichzeitig mit den Boten, die sein Eintreffen in Tirnowa meldeten (90 Kilometer Luftlinie von Nikopolis), schon selbst zur Stelle war. Nur 5 bis 6 Kilometer von dem christlichen Heer entfernt, schlug er sein Lager auf (Abend des 24. September). Die Christen standen unten im Donautal vor der Stadt, die Türken auf einer gewellten Hochebene, die sich nach Südost über dem Flußtal erhebt und etwa eine halbe Meile breit rechts und links von steilen Abfällen begrenzt ist.[499]

Diese Plötzlichkeit des Erscheinens der Türken versetzte das christliche Heer sofort in eine sehr üble Lage. Hätte man nur einen Tag Zeit gehabt, so wäre man den Türken auf die freie Hochebene entgegen gegangen; jetzt mußte man angesichts des Feindes den Aufstieg aus dem Tal machen, aus dem eine Schlucht zu dem Plateau hinaufführte. Wohl hatte man an diesem Tage bereits die Berennung der Stadt eingestellt, weil einige Nachrichten über die Annäherung des Entsatzheeres eingelaufen waren, aber man hatte es noch nicht für so nahe gehalten, um sofort den Vormarsch anzutreten. Erst in der Nacht begab sich Sigismund zu den Franzosen, um mit ihnen den Aufmarsch und den Schlachtplan zu verabreden. Angeblich hat man bei dieser Besprechung hauptsächlich um die Ehre des Vorstreits gezankt, möglicherweise versteckt sich aber hinter der Etikettenfrage eine taktische. Wenn Sigismund wünschte, daß beim Anmarsch seine Ungarn die Spitze haben sollten, so mag er dabei weniger die Ehre als die Bewaffnung im Auge gehabt haben. Die Ungarn hatten noch wie vor Alters berittene Bogner, waren also ganz besonders geeignet, ein Gefecht zu eröffnen. Die Franzosen aber bestanden darauf, daß der Vorstreit ihnen gebühre und setzten ihren Anspruch durch. Eins hinter dem anderen zogen sich die verschiedenen Kontingente und Nationalitäten durch die Schlucht auf das Plateau hinaus.

Die Janitscharen erwarteten sie in einer Stellung, die sie, ganz wie wir es von den englischen Bogenschützen bei Azincourt gehört haben, durch eine leichte Verpallisadierung geschützt und befestigt hatten. Es erscheint nicht unmöglich, daß die Engländer das geradezu den Janitscharen nachgemacht haben; auch englische Ritter haben ja an dieser Schlacht teilgenommen und waren Zeugen des türkischen Erfolges. Im übrigen hat die Schlacht freilich mehr Ähnlichkeit mit Crecy als mit Azincourt. Die Türken hatten eine günstige Defensivstellung für ihre Bogner, und die Christen ließen sich verführen, diese Stellung nicht mit ihrer geschlossenen Masse, sondern truppweise anzugreifen. Bajazeth hatte noch vor den Janitscharen Reiter ausschwärmen lassen, währen er an der Spitze seiner Sipahi rückwärts hinter einem Hügel verborgen hielt. Als die Franzosen nun auf dem Plateau anlangten, die wenig zahlreichen türkischen Reiter und dahinter das Fußvolk erblickten, ließen[500] sie sich nicht halten, sondern stürzten sich auf den Feind; sei es, daß sie glaubten, er sei überhaupt nicht stärker, sei es in der Meinung, daß sie ihn noch im Aufmarsch überraschten. Vergeblich ließ Sigismund ihnen noch einmal sagen, sie sollten warten, bis das ganze Heer zur Stelle sei.

Mit Leichtigkeit trieben die französischen Ritter die türkischen Reiter vor sich her; diese zogen sie in den Schußbereich der Janitscharen, und nachdem Reiter und Rosse durch die Pfeile aufs schwerste mitgenommen waren, erschien der Padischah an der Spitze seiner Sipahi über dem Hügel und traf mit zermalmenden Schlägen die stolze französische Ritterschaft. Wir werden annehmen dürfen, daß rechts und links von den Janitscharen Raum freigelassen war, wo die Sipahi attackieren konnten, ohne ihre eigenen Bogner niederzureiten. Mit großer Überzahl fielen sie die Franzosen von allen Seiten zugleich an und hatten sie bald ganz umschlossen.

Als Sigismund mit den Ungarn, Deutschen und den anderen Bannern erschien und eingriff, war es um die Franzosen bereits geschehen, und nicht lange, so war der Sieg der Türken über das Kreuzheer vollendet.

Ob die Türken an Zahl auch im ganzen den Christen überlegen gewesen sind, muß dahingestellt bleiben. Die Quellen, die bis zu 400000 Mann (Annales Estenses) gehen, geben uns keinen zuverlässigen Anhalt für eine Schätzung.473 Schon das vortreffliche Zusammenwirken auf ihrer Seite und die geniale taktische wie strategische Führung, bei dem völligen Mangel an Führung auf Seiten der Christen würde vollauf genügen, den Sieg zu erklären. Es mag aber auch noch eine ziemlich numerische Überlegenheit hinzugekommen sein, so daß wir das türkische Heer auf 11000 bis 12000 Mann veranschlagen können. Durch das Aushalten der Janitscharen ohne ritterliche Unterstützung und durch[501] die Offensive der türkischen Reiter steht dieser Sieg an Kunst und Kraft noch über den Siegen der Engländer bei Crecy und Azincourt.

Man muß diesen Vergleich umsomehr ziehen, als nicht nur der taktische Verlauf, sondern auch der letzte Grund des Sieges hier wie dort analog ist. Es ist jedesmal der Sieg der Heeresmacht einer starken Monarchie über ein bloß auf seine Tapferkeit vertrauendes, unregierliches Feudalheer. König Sigismund persönlich trifft an der ungenügenden Führung die geringste Schuld, denn Kommando-Gewalt hatte er kaum über seine Ungarn, geschweige über die Franzosen. Da der Sultan aber seine Truppen in noch viel höherem Grade diszipliniert und in der Hand hat als wie Eduard und Heinrich die ihrigen, so ist auch sein Sieg noch viel größer.

Das christliche Heer, hinter sich die verschlossene Stadt, deren Besatzung einen Ausfall machte, den breiten Donaustrom und feindliches Land, wurde so gut wie vernichtet.474 Der Graf von Nevers fiel in türkische Gefangenschaft; König Sigismund rettete sich in ein Schiff und gelangte die Donau hinab über Konstantinopel und Dalmatien wieder nach Hause.

Wenn die Osmanenwoge nicht gleich im Anschluß an Nikopolis über den Occident hingebraust ist, und auch Konstantinopel sich immer noch behauptete, so verdanken wir das dem Mongolen Tamerlan, der acht Jahre später den tapferen Bajazeth bei Angora in Kleinasien in einer großen Schlacht besiegte und gefangen nahm.[502]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 497-503.
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