Viertes Kapitel.

Die Hussiten.

[503] Von dem Kriegertum der Hussiten gebe ich zunächst die Schilderung wieder, die MAX JÄHNS in seinem Handbuch einer Geschichte des Kriegswesens (S. 891 ff.) davon entworfen hat.

Die Taboriten, hören wir, zerfielen in zwei Gemeinden, die haussässige und die im Felde dienende. Jene trieb Handwerk und Landwirtschaft und lieferte Kriegsbedarf, diese führte lediglich den Krieg. Es scheint jedoch, als wenn die Gemeinden sich untereinander in diesen Tätigkeiten ablösten.

Ziskas Kampfweise war durchaus rationell. In seinem Heere fragte man nichts nach Ritterart und Wappenbild, nach Turnierkünsten und Courtoisie; desto sorgfältiger berücksichtigte man die Eigentümlichkeit des Terrains.

Eifrig benutzten sie jedes Hilfsmittel der Befestigungskunst sowohl durch Anwendung von Erdschanzen als namentlich durch eminente Ausbildung des Kriegswagenkampfes. Dieser war das vornehmste Mittel Ziskas, Defensive und Offensive in jener wirkungsvollen und beispiellosen Weise zu verschmelzen, die das Staunen aller Zeitgenossen weckte.

Die Wagenburg war eine bewegliche Feste, deren einzelne Glieder, die Wagen, untereinander mit Ketten verbunden, in Reihen daherfuhren. Vor jedem Wagen zogen zwei Pferde, das eine in der Gabel, das andere vor diesem an Strängen. Die Manöver wurden durch Signalflaggen geregelt, die auf dem Spitzwagen und dem Schwanzwagen jeder Reihe aufgezogen waren. Die Übung der Taboriten in den künstlichen Verschlingungen und Entwickelungen ihrer fahrenden Festungen erwies sich außerordentlich[503] groß. Gewöhnlich bildeten die Wagen vier »Zeilen« (Reihen), zwei äußere (krajni) und zwei innere (placni). Die Zeilen der Krajni waren vorn und hinten länger als die der Placni, und diese überschießenden Wagenstrecken hießen Okridli (Flügel). Sie hatten den Zweck, je nach Umständen verbunden zu werden, um mit einem Schlage die Marschordnung in die Form des geschlossenen Lagers (tabor) zu verwandeln. Sonst aber formierte man auch während der Bewegung die mannigfaltigsten Formen damit, so namentlich die eines V, C, E oder eines Ω.

Wenn die bewegliche Feste sich in das geschlossene Tabor verwandeln sollte, so wurden die Pferde ausgespannt, die Gabeln auf die vorausgehenden Karren geschoben und festgekettet. Die Pferde blieben bei den Wagen, um jeden Augenblick wieder vorgelegt werden zu können, da man gern aus der Defensive plötzlich zum Angriffe überging. Sie befanden sich unter Obhut der Schildknechte (Paveseni), mit deren Setzkartschen die schmalen Zwischenräume zwischen den Fahrzeugen gedeckt wurden. Auf jedem Wagen standen vier Drischler, die geübt waren, die eisenbeschlagenen Flegel 20- bis 30- mal in einer Minute zu schwingen, sowie die mit Langhaken bewaffneten Krieger und eine Anzahl von Bognern, Armbrustern und Büchsenschützen. Unter jedem Wagen hing der Länge nach ein Brett, welches kleine Geschosse abzuhalten imstande war. Hinter den Fahrzeugen in den Lagergassen waren bewaffnete Rotten zur Ablösung der Wagenkämpfer aufgestellt. Endlich hielt auf dem Alarmplatze die Reserve, bereit, durch eins der Ausfallstore vorzubrechen, sobald der abgewiesene Feind sich eine Blöße gäbe.

Papst Pius II. (Enea Silvio de'Piccolomini), Zeitgenosse der Hussitenkriege, gibt ein zwar ungenügendes, doch immerhin lebendiges Bild von der Kampfweise der Taboriten: Er sagt: »Sie lagerten nebst den beim Heere befindlichen Weibern und Kindern im Felde, indem sie eine Menge Wagen hatten, mit denen sie sich wallartig verschanzten. Wenn sie zur Schlacht zogen, so bildeten sie aus diesen Wagen zwei Reihen, welche das Fußvolk einschlossen, während die Reiter außerhalb blieben, ohne sich doch weit zu entfernen. Sollte der Kampf beginnen, so umfuhren, auf ein vom Hauptmann gegebenes Zeichen, die Wagenlenker[504] schnell einen Teil des feindlichen Heeres und stießen mit den Fahrzeugen wieder zusammen. Dann erlagen die Gegner, eingeengt zwischen den Wagen und abgesperrt von ihren Genossen, entweder dem Schwerte des Fußvolkes oder den Geschossen der Männer und Weiber, die von den Fahrzeugen herab kämpften. Die Reiterei focht außerhalb der Wagenburg, doch zog sie sich in diese zurück, wenn der Feind sie übermächtig bedrängte und kämpfte dann abgesessen wie von den Mauern einer befestigten Stadt. Auf diese Weise gewannen sie viele Schlachten und errangen den Sieg. Denn die benachbarten Völker kannten solche Kriegsweise nicht, und das Böhmerland bietet in seinen weiten und ebenen Feldern gute Gelegenheit, Karren und Wagen zu reihen, auseinanderzubreiten und wieder zu vereinigen.«

Hierauf kam es nämlich offenbar am meisten an. Dies geht noch deutlicher aus einer anderen Stelle Piccolominis hervor. Er berichtet: »Sobald das Zeichen zur Schlacht gegeben war, entfalteten die Wagenführer nach gewissen, ihnen vorher angegebenen Figuren oder Buchstaben ihre Bewegungen gegen den Feind, bildeten Gassen, die, den geübten Taboriten wohlbekannt, dem Gegner zu einem verderblichen labyrinthischen Gewinde wurden, aus dem er den Ausgang nicht mehr fand, in dem er sich wie in einem Netze verfing. Waren solchergestalt die Feinde durchbrochen, abgeschnitten, vereinzelt, so vollendete das Fußvolk leicht ihre gänzliche Niederlage mit dem Schwerte und den Dreschflegeln, oder sie erlagen den auf den Wagen stehenden Schützen. Ziskas Heer glich einem vielarmigen Ungeheuer, das seine Beute unerwartet und schnell packt, erdrückt und die Stücke des Erwürgten verschlingt. Gelang es auch einzelnen, aus dem Wagenlabyrinthe zu entkommen, so fielen sie der außen aufgestellten Reiterei in die Hände und fanden hier den Tod.«

Als Ziska im Dezember 1421 auf dem Berge Taurgang eingeschlossen war und nur zwischen Ergebung und Tod die Wahl zu haben schien, schloß er seine Kriegswagen durch Ketten aneinander, besetzte sie mit auserlesenen Streitern und zog den Berg hinab. So durchdrang er den Feind, der die wandelnde Burg nicht anzugreifen wagte, sondern unschlüssig auswich, und entkam nach Kolin.[505]

Ein Jahr später unternahm Ziska einen Zug nach Ungarn. Die Ungarn vermieden die Schlacht, und die Hussiten gingen wieder zurück. Unter immerwährenden allseitigen Angriffen fuhr die Wagenburg, mehrere hundert Fahrzeuge stark mit zahlreichem Geschütz, sechs Tage lang durch Ebene und Wald, über Berge und Flüsse; aber so oft auch die Ungarn die rollende Festung zu stürmen versuchten – jedesmal wurden sie abgeschlagen. –

Die vorstehende Schilderung von JÄHNS geht nach seiner eigenen Angabe in ihren Grundzügen auf Enea Silvio Piccolomini, Papst Pius II., zurück, der nicht nur Zeitgenosse war, sondern auch in nahen Beziehungen zu den besten Kennern des Hussitentums stand. Er war tätig auf dem Konzil zu Basel; er stand dem Kardinal Cesarini nahe, der den letzten Kreuzzug gegen die Hussiten selber geleitet, und dem sogar der Böhmen-Hautpmann Procop gelegentlich der Friedensverhandlungen persönlich auf seine Frage das hussitische Kriegswesen erklärt hatte. Enea Silvio war selber in Böhmen und sogar in Tabor und hat auch in späteren Jahren selbst mit überlebenden Häuptern der Bewegung verhandelt.

Einen besser informierten Zeugen als den Papst-Schriftsteller kann man sich nicht wünschen, und war er selbst nicht kritisch, so sind doch seine Mitteilungen durch das Sieb exakt geschulter historischer Kritiker gegangen. JÄHNS hat seine Schilderung ihm in der Hauptsache nicht direkt, sondern durch die Vermittlung des böhmischen Historikers PALACKY entnommen, und noch der jüngste Darsteller der zeit, Professor LOSERTH, in seiner Geschichte des späteren Mittelalters (S. 490), erzählt in kurzen Worten dasselbe. In seiner späteren »Geschichte der Kriegswissenschaft« (Bd. I, S. 303) hat JÄHNS seine frühere Schilderung aufrecht erhalten und sie noch quellenmäßig weiter gestützt; für das offensive Manövrieren der Wagenburgen beruft er sich475 noch im besonderen auf zwei Stellen bei Cäsar, wo dieser es schon von Helvetiern und Germanen berichte.

PALACKY, der Historiker Böhmens, meint,476 daß Nicolaus v. Huß und Ziska, »etwa noch mit Zuziehung anderer Kenner, ein neues System der Kriegführung entwarfen, das die alten Erfahrungen[506] und Grundsätze der Römer mit den neuesten, durch den Gebrauch des Schießpulvers bedingten Fortschritten der Kriegskunst auf eigentümliche Weise in Einklang brachte.«

Wären uns die Urquellen verloren gegangen, so wäre es für die historische Kritik gewiß sehr schwer, gegen ein so allgemein angenommenes Geschichtsbild aufzukommen: JÄHNS war preußischer Generalstabsoffizier und Lehrer an der Kriegsakademie, sein Handbuch der Geschichte des Kriegswesens ist dem Feldmarschall Moltke gewidmet und die »Geschichte der Kriegswissenschaften« schrieb er im Auftrage der »Münchener historischen Kommission«; er beruft sich auf die allerbesten Quellen – wer kann gegen die Autorität Cäsars, wenn er einen militärischen Vorgang berichtet? – und die besten Historiker stehen ihm als Eideshelfer zur Seite. Dennoch ist das Ganze ein Phantasiestück. Von Anfang an hatte ich bei meinen kriegsgeschichtlichen Studien aus fachlichen Gründen die Überzeugung, daß ein offensives Manövrieren mit Wagenburgen unmöglich sei, aber, um es quellenmäßig zu widerlegen, war ein der tschechischen Sprache kundiger Forscher notwendig. In jedem Semester fragte ich in meinem Seminar, ob nicht ein Slavist unter den Teilnehmern sei. Endlich fand sich ein Balte, MAX v. WULF, der, als des Russischen kundig, sich auch die Bewältigung des Tschechischen zutraute, die Aufgabe angriff und sie, wie ich wohl sagen darf, meisterhaft gelöst hat, obgleich es mir, (ich war damals selber noch nicht Mitglied der Fakultät), nicht geringe Mühe kostete, die Annahme der Dissertation bei dem Referenten durchzusetzen.477

Die Berufung auf Cäsar hatte sich schon von vornherein als hinfällig erwiesen, da an den angegebenen Stellen das gar nicht gesagt ist, was JÄHNS glaubte, herauslesen zu dürfen. WULF wies nun weiter nach, daß auch bei Enea Silvio die Sätze, die JÄHNS aus ihm anführt, nicht stehen. Die ganze Ausmalung von dem kunstvollen Manövrieren und den Buchstaben findet sich erst bei einem Jesuiten des 17. Jahrhunderts, BALBINUS. Aus diesem hatte der Historiker ASCHBACH in seiner Geschichte Kaiser[507] Sigismunds eine Schilderung entnommen. Aus Aschbach entnahm es wörtlich MEYNERT in seiner »Geschichte der Kriegskunst«, ohne den Verfasser zu nennen und mit dem irrtümlichen Zusatz »meldet Eneas Silvius«. Aus MEYNERT wiederum hat es JÄHNS, ohne nachzuprüfen, ob die Selle auch wirklich bei Eneas vorkomme, übernommen.

Ebensowenig, wie das kunstvolle Manövrieren der Wagen, geht das Aneinanderschließen der Wagen mit Ketten während der Fahrt auf eine Urquelle zurück, sondern es ist eine bloße Konstruktion PALACKYS.

Immer bleibt noch, daß ein so gut unterrichteter Zeuge wie Enea Silvio tatsächlich das offensive Agieren der Wagenburg erzählt, und daß seine Schilderung durch einen positiven Bericht des Andreas von Regensburg über das Gefecht bei Klattau (1426) bestätigt wird. Aber auch von diesen beiden Zeugnissen, die, sich gegenseitig stützend, unumstößlich schienen, hat WULF nicht nur nachgewiesen, daß sie auf Mißverständnissen beruhen, sondern auch die Genesis dieser Mißverständnisse aufgedeckt. Über das Gefecht von Klattau ist glücklicherweise der Bericht des Ulmer Hauptmanns Heinrich von Stoffel an seine Stadt erhalten, welcher die Richtigstellung der Erzählung des Andreas ermöglicht; über den Irrtum des Enea Silvio werden wir noch weiter unten sprechen.

Ich habe mich über die Kette von Irrtümern und ihre endliche Auflösung etwas ausführlicher verbreitet, um des methodologischen Wertes, um der mannigfachen Analogie willen, die wir dazu in der Kriegsgeschichte haben, bei denen aber die quellenmäßige Klarlegung nicht bis zu diesem Grade zu erreichen ist, und wo daher die gelehrte Welt sich so schwer entschließt, die Überlieferung aufzugeben, so deutlich für den Fachmann der Irrtum auch vor Augen liegt. Die Erzählung Livius' (VIII, 8) über die römische Manipulartaktik, die die gelehrte Welt so lange geäfft, und von der Mommsen bis zuletzt nicht hat lassen wollen, die Aufstellung der Legionäre im Nahkampf mit 6 Fuß Abstand von einander, die noch immer herumspukt, die Bauernheere Karls des Großen, das im Dreieck aufgestellte Fußvolk, sind, denke ich, vollständige Gegenstücke zu Jähns' Erzählung von der offensiven Wagenburg, der »rollenden Festung«. Was wurde denn aus[508] der »rollenden Festung«, wenn ein feindlicher Spieß oder Pfeil auch nur ein einziges Pferd zu Fall brachte? Ließen es sich die gegnerischen Heere denn gefallen, daß die hussitischen Fahrer nach den Winken ihrer Signalflaggen die künstlichen Figuren durch ihre Reihen fuhren?

Wie Livius eine Exerzier-Übung in mißverstandener Weise in eine Schlachtschilderung verwandelt hat, so hat Eneas Silvius, nach Wulfs Ausdruck,478 die Marschordnung der Wagenzeilen und ihre Aufstellung nicht unterschieden und in fahrlässig-phantastischer Weise, als er 25 Jahre nach den Ereignissen seine Aufzeichnungen niederschrieb, zu dem Bilde einer beweglichen, angreifenden Wagenburg zusammengeschmolzen. So ist hier wie dort eine ursprünglich gute Quelle durch Mißverständnisse bei der Überarbeitung in fachliche Ungeheuerlichkeiten verkehrt worden. Die Kritik aber, die nicht den Mut hat, in solcher Lage durchzugreifen, sondern durch Abschwächungen und Verkleidungen einen gewissen Schein realer Möglichkeit zu erwecken sucht, muß den Zweck der wahren Erkenntnis verfehlen.

Werfen wir, ehe wir in die Darstellung selbst eintreten, einen Blick auf das frühere Vorkommen des charakteristischen Streitmittels der Hussiten, der Wagen.

Streitwagen kommen hauptsächlich in der ältesten Zeit der Geschichte vor, vor dem Zeitpunkt, wo dieses Werk einsetzt. Später erscheinen sie einige Male als Sichelwagen von geringer Wirksamkeit.479 Die Streitwagen, die die Britannier benutzten in der Art, wie sie uns aus der Ilias bekannt ist, die »Esseden«, schildert uns Cäsar als überaus brauchbar und wirksam. Da er sie aber selber nicht etwa nachgeahmt oder Britannier mit Wagen in derselben Weise in seinen Dienst genommen, wie er es mit den germanischen Reitern tat, so ist ihr Erscheinen in der Kriegsgeschichte doch zu vorübergehend geblieben, um in unsere Betrachtung hineingezogen zu werden. Nur nachträglich sei daran erinnert an dieser Stelle, wo die Wagen plötzlich zu einer unzweifelhaft großen historischen Bedeutung gelangten.480[509]

Die Wagen, um die es sich jetzt handelt, haben aber weder mit den Sichel- noch mit den Streitwagen, die statt des Reitpferdes dienen, etwas zu schaffen, sondern dienen ausschließlich zur Bildung einer Befestigung, der Wagenburg.

Die Wagenburg ist schon in den ältesten Zeiten als ein brauchbares Instrument der Verteidigung im Kriege erkannt worden. Euripides läßt in den Phönissen (V. 450) sich die eine Partei gegen die andere durch eine Wagenburg decken. Bei den Germanen hat sie während der Wanderungen der Volksstämme mit Weib und Kind unzweifelhaft eine Rolle gespielt, z.B. bei Adrianopel.

Auch im Mittelalter werden hier und da Wagenburgen erwähnt, und der Gedanke, die Wagen, die man ohnehin mit sich führt, zugleich als leichte Deckung für das Lager zu benutzen und sich im Notfall hinter ihnen zu verteidigen, liegt ja nahe genug. Aus Böhmen ist uns von einem Feldhauptmann König Wenzels, Hajek von Hodjetin, eine Kriegsordnung vom Jahre 1413, also vor den Hussitenkriegen, erhalten, in der die Streitwagen und die Wagenburg vorgeschrieben werden. Durch die hussitische Bewegung erhält nun diese traditionelle Lagerbefestigung plötzlich eine neue Bedeutung.

Das Husitentum ist eine Bewegung gleichzeitig religiösen und national-tschechischen Charakters. Ein Manifest der Stadt Prag beim Beginn des Krieges proklamierte, daß die Deutschen »die natürlichen Feinde des tschechischen Volkes« seien,481 und Ziska sagte in seiner Kriegsordnung, nicht nur für die Befreiung der Wahrheit des göttlichen Gesetzes, sondern auch besonders der böhmischen und slawischen Nation trage er die Waffen.482 Auch ein Teil des Adels, der Magistrat von Prag und vieler anderen Städte schlossen sich der Bewegung an; die Hauptträger aber waren die erregten Bürger und Bauern.

Wir wissen, wie gering die militärische Leistungsfähigkeit von Bürger- und Bauern-Aufgeboten ist. Die Ritter sprengten solche Haufen hohnlachend auseinander; auch der gewaltigste, religiös-nationale Enthusiasmus, mag er auch die persönliche Tapferkeit noch so hoch steigern, hebt die militärische Brauchbarkeit nicht gleich[510] so weit, um gegen Berufskrieger mit Erfolg streiten zu können, so wenig wie das Bewußtsein, für Eigentum und Leben, Weib und Kind zu kämpfen, die Bewohner der Franken- und Angelsachsenreiche befähigt hatte, sich der Wikinger, oder einst die Römer, sich der Germanen zu erwehren.

So sind auch die Böhmen anfänglich nicht imstande, es im freien Felde mit den deutschen Kriegsscharen aufzunehmen, die König Sigismund heranführte, um seine rebellischen Untertanen wieder zu unterwerfen. Er kam bis vor Prag und suchte es zu belagern, drang aber nicht durch; das Kreuzheer, das er führte, war gelähmt durch inneren Zwiespalt, und der Widerstand des Landes in der Verteidigung blieb zäh genug, um ihn endlich zum Rückzug zu nötigen. Was ihm widerstand, war auch nicht bloß ungeordnete Masse, sondern zum nicht geringen Teil die überlieferten ständischen Obrigkeiten, die die Bewegung leiteten. Die mancherlei Gefechte, die in dieser ersten Zeit stattfanden, und in denen auch die Deutschen noch mehrfach siegten, machen keinen anderen Eindruck, als sonst Gefechte des späteren Mittelalters, nur daß die böhmischen Herren und Ritter von zahlreichen Bürgern und Bauern unterstützt waren, die um der religiöse-nationalen Sache willen die Waffen ergriffen hatten.

So kam der Krieg zunächst in ein gewisses Gleichgewicht, und die Hussiten gewannen Zeit, sich im Kriege und durch den Krieg selbst ihr eigenes und eigentümliches Kriegertum zu schaffen. Die konservativeren Elemente, die anfänglich noch mitgegangen waren, gerieten bald mit den Radikalen in Zwiespalt; in dem darüber ausbrechenden Bürgerkrieg behielten die Radikalen die Oberhand und mit ihnen die neue Kriegsweise. Zu einer großen Offensive ist man aber noch nicht gleich befähigt. Die Einbrüche in Deutsch land beginnen erst im achten Jahre des Krieges, 1427. Diese Entwicklung ist ganz analog dem, was die Weltgeschichte später in der englischen und französischen Revolution erlebt hat. Der religiöse oder national erregte Enthusiasmus schafft nicht unmittelbar eine neue überwältigende Heereskraft, aber er schafft Verhältnisse, aus denen sich eine solche Heereskraft bilden kann. Erst nach Verlauf mehrerer Jahre haben auch die Krieger Cromwells und der französischen Revolution eine qualitative Überlegenheit[511] gewonnen. Den glücklichen Widerstand, den die französische Republik im Jahre 1792 der preußisch-österreichischen Invasion leistete, verdankt sie viel mehr als den aufgebotenen Freiwilligen, den zu ihr übergetretenen Resten der alten königlichen Armee und den Festungen.483

Die große Aufgabe der hussitischen Führer war, die mit den zur Hand befindlichen Waffen, Spießen, Hellebarden, Äxten, Morgensternen, Flegeln ausgerüsteten Volksmänner fast ohne Schutzwaffe, Helm, Panzer, Schild, gegen anspregende Ritter standfest zu machen.

Ziska, ein kriegserfahrener Edelmann, wird es gewesen sein, der den Gedanken faßte und durchführte, hierzu die Wagenburg zu benutzen. Anfänglich waren es wohl die gewöhnlichen Bauernkarren, die zusammengeschoben wurden, später wurden die Wagen eigens zu diesem Zweck konstruiert. Sie wurden mit festen Schutzbrettern versehen; auch zwischen die Räder wurde lang unter dem Wagen noch ein Brett gehängt, damit man nicht durchkriechen konnte, und eiserne Ketten wurden mitgenommen, um die Wagen aneinander zu befestigen, so daß auch nicht durch das Herausreißen einzelner Lücken geschaffen werden konnten. Jeder Wagen war mit vier Pferden bespannt. Die Wagen fuhren, wenn man in der Nähe des Feindes war, womöglich in mehreren Zeilen nebeneinander, damit sie schnell zu einem Viereck auffahren konnten. Schaufeln, Äxte, Hacken waren vorrätig, um den Weg nötigenfalls frei und fahrbar zu machen, was sich natürlich nur auf die letzten Momente der Stellungnahme beziehen kann. Öfter wurde auch vor den Wagen ein Graben ausgehoben, und das Erdreich gegen[512] die Räder geworfen, so daß sie wie eingegraben waren. Auf der Vorder- und Rückseite blieb ein breites Ausfalltor offen, das wohl durch Setztartschen zunächst gedeckt wurde. Womöglich fuhr die Wagenburg auf einer Höhe auf, und hinter den Wagen standen die Verteidiger mit Wurfgeschossen, Spießen, Schleudern, Steinen, Bogen, Armbrüsten, und zwischen den gewöhnlichen Wagen, von denen auf jeden zehn Mann gerechnet wurden, standen die Wagen, auf denen die seit einiger Zeit üblich gewordenen Geschütze angebracht waren.484 Wollten nun die Deutschen eine solche Wagenburg stürmen, so mußten zunächst die Ritter absitzen, in ihrer schweren Rüstung die Anhöhe heran, wo sie mit einem Hagel von Geschossen, namentlich auch aus den Feuerwaffen, empfangen wurden. Kamen sie auch bis an die Wagen, so war es nicht leicht, einzudringen, sie erlitten Verluste, ohne den Gegnern etwas Wesentliches anhaben zu können. Sobald sich aber Unordnung oder Zurückweichen bemerkbar machte, so stürmte die bereitgehaltene Reserve der Hussiten mit den blanken Waffen aus dem Ausfallstor heraus – eine Leistung, die natürlich erst möglich ist, wenn die religiöse erregte Menge auch schon kriegerisch zu einem starken Selbstvertrauen und Vertrauen in die Führung erzogen ist, ebenso wie die Führer durch Erfahrung und Gewöhnung genügende Sicherheit gewonnen und sich die Menge in die Hand erzogen haben müssen. Ein beliebiger aufrührerischer Bauernhaufe, das ist wohl zu bemerken und muß man sich klarmachen, hätte nicht etwa mit einer improvisierten Wagenburg auch zu anderen Zeiten Ritterheere besiegen können; es gehörte, um[513] diese hussitische Taktik zu ermöglichen, dazu der religiös nationale Untergrund, auf dem Ordnung, Führung, Organisation, Zuversicht, Vertrauen erwachsen und bedeutende Männer, die solche Kräfte zu gestalten und anzuwenden verstehen.

Als ein charakteristisches Beispiel populärer Geschichtsüberlieferung sei noch bemerkt, wie Enea Silvio den Umstand, daß Schwerbewaffnete beim Sturm auf die auf einer Anhöhe postierte Wagenburg natürlich leicht zu Fall kommen, berichtet:485 er führt es auf eine List der Hussiten zurück, deren Weiber ihre Gewänder vor den Wagen auf der Erde ausbreiteten. Betraten nun die Ritter, von den Rossen abgesessen, diese, so verwickelten sie sich mit den Sporen, fielen um und wurden umgebracht. Das Geschichtchen erinnert an das, was nach Polybius die Römer von den nackten Galliern und ihren weichen Schwertern zu berichten wußten, nur daß hier die Gallier die Tölpel, und die Römer die Listigen sind.

Die große Wirkung, die die Hussiten durch ihre Artillerie erreichten, hat zu der Meinung geführt, daß Ziska durch technische Verbesserungen in dieser Waffe einen Fortschritt erzielt habe. Davon ist jedoch nichts nachweisbar; der entscheidende Punkt liegt vielmehr anderswo. Die Hussiten waren ihren Gegnern weder durch die Zahl noch durch die Art ihrer Geschütze überlegen; die Büchsen lagen unbekleidet auf eigens dazu hergerichteten Wagen durch eiserne Bänder auf starken Holzplateaus befestigt. Wenn die Wagenburg auffuhr, wurde die Mündung nach außen gerichtet, sie waren aber in dieser Verfassung weder einer Erhöhung noch einer Seitenrichtung fähig.486 Das Laden war umständlich und langsam. In der Bewegung und beim Angriff konnten derartige Geschütze fast gar nicht verwendet werden; für die Hussiten aber waren sie brauchbar, weil ihre ganze Taktik ja darauf beruhte, daß sie den Angriff abwarteten. Sobald der Feind nahe genug war, wurden alle Büchsen gleichzeitig abgeschossen, und das machte natürlich einen gewaltigen Eindruck, einen Eindruck, der wohl noch erheblich größer war, als die Wirkung selber. Das Übergewicht des hussitischen[514] Geschützes lag also nicht sowohl in diesem selbst, als in der hussitischen Taktik.

Das Gefecht bei HORIC, 1423, schildern die alten böhmischen Annalen folgendermaßen: »Ziska lagerte sich mit ihnen bei der Kirche von St. Gotthard deshalb, damit er sich mit seinen Geschützen auf der Höhe aufstellen könne, und damit sie, die zu Pferde heranzogen, von den Pferden absitzen müßten, ohne etwas zu haben, woran sie diese bänden, durch die Rüstung mehr beschwert als die Fußgänger. Sie rückten bergauf und ermüdeten, die Wagen stürmend. Ziska erwartete sie mit Geschützen und frischen Leuten, und bevor sie die Wagen stürmen konnten, erlegte er ihrer nach Belieben, und als er sie zurückgeschlagen, ließ er seine frischen Leute auf sie los.« Ebenso erzählen sie von Ziskas Kämpfen 1423 in Ungarn. »Als aber sie einmal ihn anzugreifen unternahmen, indem die Reiter absaßen und zu Fuß gegen ihn stürmten, so wurden sie von ihm niedergeschlagen; denn anders ist die Geschicklichkeit der Reiter zum Kampf, anders des Fußvolks, weil es jenen eine ungewohnte Sache.«487

Ziska schuf auch allmählich eine Reiterei, indem er nach dem Ausdruck einer Chronik aus den Taboriten die geeigneten Leute, »die ritterlichen Knechte ausklaubte« und ihnen die Rüstungen gefangener Ritter gab. Sie wurde zwar nie bedeutend und konnte es selbständig mit dem Gegner nicht aufnehmen, war aber doch zur Unterstützung des Fußvolks und Ausbeutung des Erfolges nützlich. Sie pflegte innerhalb der Wagenburg im Hintergrunde aufgestellt zu sein und fiel aus dem hinteren Tor aus, wenn das Fußvolk aus dem vorderen herausbrach; um die Seiten der Wagenburg herumreitend, suchte sie den Feind in den Flanken anzugreifen oder von hier aus zu verfolgen.

Von entscheidender Wichtigkeit in einer Hussitenschlacht ist, daß für den Ausfall der richtige Augenblick getroffen wird; mehrfach ist es geschehen, daß er zu früh stattfand, und der Gegner,[515] noch nicht genügend erschüttert durch den vergeblichen Sturm auf die Wagenburg, die Ausgefallenen draußen ohne ihren Schutz seinerseits angriff und überwältigte, oder daß gar, durch eine verstellte Flucht mit Absicht herausgelockt, die Hervorstürmenden von bereitstehenden Truppen angefallen und geschlagen wurden.488 So ging es bei Nachod 1427 einem Teil des Waisen-Heeres und bei Waidhofen in Österreich im Jahre 1431 den Taboriten.

Unrichtig ist die Erzählung von einem regelmäßigen Wechsel der hussitischen Haus- und Feldgemeinden – ebenso unrichtig wie bei den alten Germanen, von denen die Römer ja ähnliches berichtet haben. Vielmehr löste sich aus der ursprünglichen allgemeinen volkstümlichen Bewegung allmählich das eigentlich kriegerische Element aus und organisierte sich selbständig, so daß es zu einem stehenden Heer wurde. Die von dem Geist der Bewegung am stärksten Ergriffenen sammelten sich mit Weib und Kind im südlichen Böhmen an der Luschnitz und schlugen hier als das Heer Gottes ein Lager aus, das sie in alttestamentarischer Erinnerung Tabor nannten. Neben den Taboriten bildete die Stadt Prag ein eigenes Heer.

Schon bei Lebzeiten Ziskas trat unter den Taboriten einmal eine Spaltung ein, die nach dem Tode des Feldherrn (1424) dauernd wurde. Seine eigentlichen Anhänger nannten sich, weil sie an Ziska ihren Vater verloren hatten, die »Waisen«; das Haupt der anderen Partei, im engeren Sinn die Taboriten genannt, wurde Procop der Priester oder der Kahle. Das Prager Heer hat stets den Charakter eines Volksaufgebots behalten, die beiden taboritischen Heere aber sind es, die den Charakter dauernder großer Kriegsgenossenschaften annehmen und sich je länger je mehr zu Berufskriegern mit allen ihren Tugenden und bald auch Untugenden ausbilden. Sie repräsentieren das eigentliche hussitische Kriegswesen und die hussitische Kriegskunst, die die Welt in Schrecken setzte und in der Sage fortlebt. Zuweilen verstärkte sich jedes dieser beiden Heere noch durch ein besonderes Aufgebot aus den Gegenden und Städten, wo ihr Anhang herrschte. Im Gegensatz zum Feldheer, welches dann der »große Tabor« heißt, wird das Aufgebot aus der Niederlassung die »Hausgemeinde«[516] oder der »alte Tabor« genannt.489 Im ganzen sind also fünf verschiedene Heere zu unterscheiden, zwei stehende und drei Aufgebote, die jedoch nie alle in einer Schlacht beisammen gewesen sind. Das einzelne Heer wird auf 5000-6000 Mann anzuschlagen sein, schwerlich je mehr, zeitweilig auch wohl erheblich weniger. Einige Male waren drei solche Heere beisammen, z.B. in der Schlacht bei Aussig 1426, bei Glatz 1428.490 Bei dem Einfall in Deutschland im Jahre 1430 sollen alle hussitischen Heere, die ganze böhmische Streitmacht, beisammen gewesen sein; ebenso war es 1431 bei Tauß die böhmische Gesamtmacht, vor der das Kreuzheer die Flucht ergriff. War eine größere Masse zusammen, so teilte sie sich auf dem Marsch; die Schwierigkeit, sich mit vielen Tausenden auf einer Straße fortzubewegen, die wir kennen, mußte hier, wo ein besonders großer Troß von Weibern und Kindern und neben den Proviant- und Gepäckkarren noch die Streitwagen folgten, besonders groß sein.

Als der kriegerische Charakter erst ganz die Oberhand behalten und sich vollkommen durchgebildet hatte, und der Schrecken vor den Hussiten herging, so daß die Deutschen vor ihnen auseinanderstoben, wenn sie nur ihren Schlachtgesang von fern hörten, muß ein solcher hussitischer Heereszug äußerlich und innerlich große Ähnlichkeit mit dem Zuge der Cimbern und Teutonen oder einem Völkerwanderungsgheer gehabt haben.

Die Schwäche der hussitischen Wagenburg-Taktik liegt auf der Hand. Sie ist ähnlich derjenigen, die auch der von den englischen Königen ausgebildeten anhaftete: sie ist nur defensiv anwendbar. Ja, die Schwäche der Wagenburg ist noch viel größer als die der englischen Kombination von Schützen und Fußrittern, weil sie viel schwerfälliger und weil sie auch nicht einmal ausnahmsweis offensiv anwendbar ist. Aber trotz dieser einseitig defensiven Verwendbarkeit und trotz ihrer Schwerfälligkeit ist die Wagenburg dennoch von so großer Bedeutung, weil sie einerseits den Fernwaffen, darunter auch den seit einiger Zeit erfundenen Feuerwaffen, eine starke Wirksamkeit ermöglicht, andererseits aber und ganz besonders dem[517] gemeinen, ungewappneten Fußvolk mit der blanken Waffe, wozu in diesem Zusammenhang auch Morgensterne und Flegel gehören, eine selbständige und starke Bedeutung vermittelt. Erst der Schutz der Wagenburg, dann der Ausfall, dann der Sieg, das gibt diesen Hussiten eine moralische Kraft, die noch weiter führt; zwar nicht zur Schaffung einer organisierten Infanterie, die es grundsätzlich wagte, auch im freien Felde, ohne Schutz der Wagenburg, den Kampf mit den Rittern aufzunehmen, aber doch zu gelegentlichen Offensiven bei günstigen Umständen, was wieder bei dem Charakter der entgegenstehenden Heere genügt, um die niederschmetterndsten Erfolge davonzutragen und den Ketzern zeitweilig den Ruf der Unwiderstehlichkeit zu verschaffen.

Die richtige Erkenntnis der Hussitenkriege ist wieder wie allenthalben ganz besonders auch durch falsche Heereszahlen versperrt worden. Aber es sind nicht sowohl, wie man erwarten möchte, Übertreibungen in der Masse der Hussiten, die nur hier und da vorkommen, als merkwürdigerweise gerade umgekehrt die Übertreibungen der deutschen Chroniken in der Stärke der deutschen Heere, die von den Hussiten geschlagen wurden. Es ist wohl nicht ganz unnatürlich, daß, wenn die Geschlagenen selber angeben, einem viel kleineren Heer erlegen zu sein, man das zunächst für glaubwürdig gehalten hat. Aber es ist gar kein Zweifel, daß es nicht so ist: in ihrem Schmerz und in ihrem Schrecken über die Furchtbarkeit der Hussiten haben die deutschen Chronisten eine selbstquälerische Freude darin gefunden, die eigenen Niederlagen zu vergrößern, indem sie die eigenen Heere viel zu stark angaben.491 Das zweite Kreuzheer, das 1421 über Eger in Böhmen einbrach, bis Saaz kam und, ohne zu schlagen, umkehrte, als Ziska sich mit den Böhmen näherte, wird von einem Teilnehmer auf 100000 Reiter, »ann die Wägen und fußknecht« angegeben492 und eine andere Quelle schätzt es in Übereinstimmung damit auf 200000 Mann und mehr.493 Zufällig ist aber ein Brief erhalten, in dem[518] mitgeteilt wird, die Herolde hätten das Heer überschlagen und gefunden, »das wir von ritterschaft bei den viertusend ritteren und knechten habent«.494 Das war gewiß, da noch das Fußvolk hinzukommt, ein stattliches Heer. Aber als Saaz mehrere Wochen der Belagerung tapfer widerstand, zogen einzelne Kontingente eigenwillig ab, und der Rest fählte sich schließlich nicht stark genug, den heranziehenden Böhmen eine Schlacht zu liefern, sondern trat ebenfalls den Rückzug an.

Im Jahre 1426 verlangte Sigismund auf dem Reichstag in Nürnberg ein Heer von 6000 Gleven. Die Fürsten erwiderten, ein so großes Heer wäre in Deutschland nicht aufzubringen und in Böhmen nicht zu ernähren;495 sie wollten 3000 oder 4000 Gleven stellen, davon sollten die Städte 1000 aufbringen; so viel wollten diese aber bei weitem nicht geben.496

Die größte rangierte Schlacht, die die Deutschen gegen die Hussiten verloren haben, war die Schlacht bei Aussig (16. Juni 1426). Die Deutschen kamen herangezogen, die böhmische Stadt Aussig an der Elbe, die zu ihnen hielt und von den Hussiten belagert wurde, zu entsetzen. Das Heer bestand fast nur aus Meißnern und Thüringern mit einem Zuzug aus der Lausitz. Über das Hauptkorps sind wir authentisch unterrichtet, daß es 1106 Pferde und im ganzen 8000 Mann stark war; mit den Zuzügen wird das Heer schwerlich 12000 Mann im ganzen überschritten haben. Die Hussiten werden ziemlich übereinstimmend auf 25000 Mann angegeben; das mag doch schon etwas zu viel sein, obgleich die beiden taboritischen Heere und das Prager Aufgebot zur Stelle waren. Auf jeden Fall waren die Hussiten erheblich stärker, und die Kurfürstin von Sachsen hatte nicht unrecht gehabt, als sie in ihrer Ansprache an die ausziehenden Krieger sie gebeten hatte, »wegen der menge irer Feinde nicht zaghafftig noch kleinmütig zu werden«. Die Chronisten aber geben den Sachsen bis zu 100000 Mann, und Matthias Döring will, daß fünf Deutsche gegen einen Böhmen gestanden hätten.497[519]

Trotz ihrer Minderzahl suchten die Sachsen die hussitische Wagenburg zu stürmen, drangen auch an einer Stelle ein, wurden aber schließlich, indem Procop seine Leute zu einem Ausfall herausführte, mit schwerem Verlust (3000-4000 Mann) geschlagen.

1427 brach wieder ein Kriegsheer unter Führung Kurfürst Friedrichs I. von Brandenburg in Böhmen ein, das nach manchen Chroniken 160000 oder 200000 Mann stark war.498 Dem steht die Aussage Windeckes in seinem Leben Sigismunds und eines Teilnehmers, des Ritters Heinrich von Stoffel, entgegen, der dem Ulmer Rat aus dem Feldlager berichtete, daß das Heer »gar klein« sei. Als die Husiten nahten, während es das Städtchen Mies belagerte, ergriff es die Flucht, so sehr sich der Kurfürst und der Kardinal von England bemühten, es zum Stehen zu bringen.

1431 entschloß sich der deutsche Reichtstag, einen Anschlag auf nicht weniger als 8200 Gleven zu machen; die Zahl war aber von vornherein fiktiv, denn ein Teil davon entfiel auf Burgund, Savoyen, den deutschen Orden, von denen man im Voraus wußte, daß sie nichts schicken würden. Fast noch mehr fiktiv war wohl der weitere Beschluß, daß außer den Reisigen von den näheren Gegenden der 25., von den ferneren der 50. Mann zu Fuß ausziehen solle.499 Wie groß das Heer, das zusammenkam, tatsächlich gewesen ist, dafür habe ich keinen Anhalt gefunden. Auf die Angaben der Chroniken (z.B. 90000 zu Fuß, 40000 Reiter) wird man nach den Proben, die wir kennen gelernt haben, keinen Wert mehr legen. Ob gleich auch Pfalz, Hessen und andere Reichsstände ihre Kontingente nicht schickten, Österreich und Sachsen an anderer Stelle angriffen, so mag das Reichsheer, das abermals Friedrich von Brandenburg führte, doch erheblich stärker gewesen sein, als da, welches 1427 bei Mies geflohen war; ob es aber auch stärker war als das hussitische Heer, das ihm nunmehr bei Tauß entgegentrat und vor dem es, ohne zu fechten, ganz in derselben[520] Weise floh, wie einst bei Mies, das muß dahinbestellt bleiben.500

Daß das gewaltige deutsche Reich keine größeren Heere aufbrachte, wird uns nicht wundern, wenn wir uns erinnern, in welchem Zustand die deutsche Reichsverfassung damals war. Von vielen Landschaften und Städten war man unsicher, ob sie eigentlich zum Reiche gehörten oder nicht. Der Reichskörper war völlig aufgelöst und entbehrte aller festen und dauernden Institutionen. Während der Reichstag den Krieg gegen die Hussiten beschloß, sagten der Kurfürst von Mainz und der Kurfürst von Köln dem Landgrafen von Hessen Fehde an (1427). Als im Jahre 1428 die Hussitensteuer ausgeschrieben wurde, brachte z.B. der Bischof von Augsburg von seinen Geistlichen 3000 Gulden zusammen, lieferte sie aber nicht ab, da ihn selbst der Appenzeller Krieg bedrohte. Das wenige Geld, das bei der Zentralstelle einkam, wurde verbraucht für Gesandtschaften, um die Säumigen zu mahnen, denn weder Fürsten noch Edelleute noch Reichsstädte gaben etwas, »weder wenig noch viel«, wie sich ein Zeitgenosse ausdrückt.501

Wie ist es nun möglich, daß da die Chroniken gleichzeitig von Riesenheeren berichten, die die Deutschen gegen die Ketzer aufgebracht hätten?

Die Neigung der Menschen zu Übertreibungen ist unausrottbar; wenn die Niederlage so groß geworden ist, daß keine Großsprecherei sie aus der Welt schaffen der bemänteln kann, so wirft sich die Entstellung auf die andere Seite, und wer seine Genugtuung nicht mehr finden kann im Prahlen, findet sie im Heulen. Nach der Kurmark Brandenburg sind die Hussiten nur einmal gekommen, im Jahre 1432 haben sie einen Tag vor Bernau gelegen, die gut ummauerte Stadt vergeblich bestürmt und sind dann ungeschliffen abgezogen.502 In Sachsen sind sie ebenfalls nur einmal rechts und einmal links der Elbe gewesen; bis nach Naumburg sind sie nie gelangt.[521]

Da die Hussiten so großen Vorteil aus ihrer Wagenburg zogen, so wollten die Deutschen ihnen das nachmachen. Zu dem interessanten Schauspiel jedoch, daß zwei Heere mit Wagenburgen, die also jedes dem andern den Angriff zuschieben wollen, gegeneinander manövrierten, ist es mit den Deutschen nicht gekommen. Bei Aussig griffen die Sachsen die Böhmen ohne weiteres an und die beiden Kreuzheere von 1429 und 1431 nahmen die Flucht, ohne die Ankunft der Böhmen abzuwarten. Als aber die Böhmen selbst in Deutschland einbrachen, waren Heere, die es mit ihnen hätten aufnehmen können, nicht zur Stelle, und man verteidigte nur die festen Plätze.

So konnten mit einer bloßen Defensivtaktik doch Offensivfeldzüge geführt werden.

Alle die wilden Phantastereien, in die die Tradition und die spätere Ausmalung verfallen sind, das Fahren um den Feind herum, die künstlichen Figuren, die Verkettung der Wagen während der Fahrt, die rollende Festung gehen auf den einen Urfehler zurück, daß die Wagenburg offensiv verwandt worden sei. Sie war nichts anderes und konnte nichts anderes sein, als eine defensive Deckung für ein Fußvolk, das sich noch nicht traute, es im freien Felde mit Rittern aufzunehmen. Eben deshalb, weil eine Wagenburg viel zu schwer ist, um je offensiv verwandt zu werden, ist diese Taktik auch nicht entwickelungsfähig, und das hussitische Kriegswesen bildet keine Entwickelungsstufe, sondern nur eine Episode in der Geschichte der Kriegskunst. Der Fehler, daß die Wagenburg offensiv vorgegangen sei, findet sich nun, wie wir sahen, tatsächlich bereits in der wichtigsten Urquelle der Zeit, den Werken des Enea Silvio, dieser aber, so sehr er in der Lage gewesen wäre, die besten und sichersten Nachrichten einzuziehen, hatte doch für solche Realitäten zu wenig Sinn, um das Bild, das seine Phantasie märchenhaft entwarf, wirklich historisch aufzufassen und zu begründen. Nach dem allgemeinen Sinn der Zeit, daß der tapfere Mann auf seinen Gegner losgehe und ihn angreife, nahm er das auch bei der berühmten, so erfolgreichen Wagenburg an und konstruierte sich danach den Vorgang.

Die Hussiten sind unbesiegt geblieben, sie haben nicht etwa durch die Reaktion eine noch stärkere Kriegsform in Deutschland[522] hervorgerufen. Aber sie waren nicht imstande, politisch ein geordnetes Staatswesen in religiösem Gegensatz zu der ganzen umgebenden Welt zu schaffen, und das rief in ihrem eigenen Körper die Reaktion hervor. Die beiden Feldheere, die im Bürgerkriege zuerst die Gemäßigten niedergeworfen und zehn Jahre lang die Herrschaft gehabt hatten, machten sich schließlich den eigenen Landsleuten so unerträglich, daß der Adel und die Städte, darunter auch die Stadt Prag, sich zusammenfanden, ein Heer aufstellten und jene bei LIPAN 1434 besiegten und vernichteten. Beide Heere lagen sich in Wagenburgen einander gegenüber. Das ständische Heer wagte schließlich den Angriff, wurde zurückgeschlagen oder ging absichtlich in einer Art Scheinflucht zurück und lockte dadurch die Taboriten aus ihrer Wagenburg heraus. Hier fielen die Ritter sie an, nachdem sie die taboritischen Reiter verjagt, sprengten sie aus einander und erstürmten zusammen mit dem Fußvolk die Wagenburg, innerhalb deren nun die Taboriten zusammengehauen wurden.503

Als Soldbanden, die bald in dieses, bald in jenes Herrn Dienst traten, durch ganz Deutschland hindurch bis nach Polen und Ungarn, haben sich die Reste der Taboriten, »Bruderrotten«, wie sie sich jetzt nannten, oder »Zebracken«, noch lange erhalten und durch das ganze Jahrhundert hindurch fortgepflanzt.


WULF (Dissertation S. 38) hat zur Veranschaulichung eine Zahlenberechnung für ein Hussitenheer aufgemacht. Er nimmt ein größeres selbständiges Heer von 6000 Mann an, darunter 600 Reiter. Auf je 15 bis 20 Mann, wovon 10 seine eigentliche Besetzung bildeten, ist nach späteren Angaben ein Wagen zu rechnen; auf das Heer von 6000 Mann also 300 Wagen. Fuhren diese Wagen in 4 Zeilen, von denen die äußeren um die Hälfte länger waren, so hatten diese äußeren Zeilen je 90 Wagen. Rechnet man auf den vierspännigen Wagen mit Abstand 40 Fuß, so ergibt sich eine Marschtiefe von 90 mal 40, gleich 3600 Fuß, also etwa einen Kilometer. Die beiden Außenzeilen, also etwa 180 Wagen, bilden den äußeren Rand der Wagenburg; der Wagen ist etwa 10 Fuß lang; mit den beiden Ausfallstoren hat also das Lager einen Umfang von etwa 2000 Fuß und einen Inhalt von etwa 250000 Quadratfuß oder 25000 Quadratmeter.[523]

Bei dieser Berechnung ist jedoch nicht in Betracht gezogen die Menge der Proviant- und Gepäckwagen. Bei der Größe dieses Trosses scheint mir das Lager für ein Heer von 6000 Mann erheblich zu klein. Die Vorschrift in späteren Wagenburg-Anweisungen, daß ein Teil der Streitwagen, die beiden inneren Zeilen, zur Bildung einer zweiten inneren Wagenburg benutzt werden sollen, scheint mir für die Praxis recht fragwürdig; das natürlichere würde wohl sein, daß die Streitwagen sämtlich für die eigentliche Wagenburg verwandt werden, die Gepäck- und Proviantwagen aber innerhalb, zu einem zweiten Ringe auffahren.

Es gibt aus dem 15. Jahrh. sehr zahlreiche Wagenburgordnungen, über die JÄHNS, Handbuch S. 943 (auch S. 897) und Gesch. d. Kriegswissensch. I, 304 ein Überblick gegeben ist. Vgl. WULF, Dissert. S. 9. Sie sind jedoch mit Vorsicht zu gebrauchen, da man nie wissen kann, wie weit die Praxis der Theorie entsprochen hat. In der »notdurfft ordenung und geschick der wagenburck in ein feldt zu denen Veind und von denn Veindenn« von Philipp von Seldeneck (um 1480) wird z.B. geraten, daß den äußeren Zeilen der Wagenburg einige Rotten verlorene Knechte zugewiesen werden sollen, die mit feuchtem Stroh und Heu viel Rauch machen, um den Feind zu blenden, damit er die mit der Wagenburg unternommenen Manöver nicht zu erkennen vermag. Ein Gebirge überschreite man am besten zur Nachtzeit; dabei läßt man die Mannschaft mit ihren Hacken arbeiten und klopfen, daß es klingt, als befestigte man die Wagenburg, während man doch über die Höhe abzieht.

»In einem ›Büchsenbuch‹ mit Bildern von Augustinus Dachßberg ›ein moler und ein büchsenschießer‹ (1443) ist die Wagenburg gar keilförmig geordnet. Das Bild hat die Beischrift: ›Ein wiser stritter sol sin wegen in starkem strit also ordnen: des ersten einen wagen, nach dem anderen darnach zween nebeneinander, darnach dry, darnach vier, ie mer vnd mer nach der lenge nutz du sie alle ordnest nach deß heres kraft. Dar in teille das roßvolk, also teillest du alle spitz. Dieß ordnung bruch, so du bist in der frömbde.‹«

Die beiden Stellen, in denen ENEA SILVIO über die hussitische Kriegsweise berichtet, lauten wörtlich folgendermaßen:

Hist. Boh. cap. XLVII. »Muro circumdatas urbes nisi necessariorum emendorum gratia perraro ingredi, cum liberis et uxoribus in castris vitam agere. Carros quam plurimos habere, his pro vallo uti. Procedentes ad pugnam duo ex his cornua facere, in medio peditatum claudere, alae equitum extra munitiones prope adesse. Ubi congredi tempus visum, aurigae, qui cornua ducerent, ad imperatoris signum comprehensa sensim, qua voluerunt, hostium parte, ordines quadrigarum contrahere; intercepti hostes, quibus sui subvenire non possent, partim gladio a peditatu partim missilibus ab his, qui erant in carris, viris ac mulieribus necari. Equitatus extra munimenta depugnare,[524] quem si forte quis oppressisset, fugientem mox aperti currus excipere indeque velut ex civitate moenibus cincta defendi, eoque modo victorias quam plurimas consequi, cum eam pugnandi peritiam vicinae gentes ignorarent et ager ille Septentrionalis late patens ad explicandas bigarum quadrigarumve ordines peridoneus haberetur.«

Ferner Commentarii od Alphonsum regem lib. IV, 44: »Bohemi, apud quos multa plana, raras fossas invenias, equitatum peditatumque omnem intra currus claudunt, in curribus vero quasi moenibus armatos collocant, qui missilibus hostem arceant. Cum praelium committitur ex curribus quasi duo cornua efficiunt eaque pro multitudine pugnatorum et loci necessitate explicant, retroque et a lateribus tecti in fronte pugnant, interea paulatim aurigae procedunt, hostiumque acies circumvenire atque includere conantur. Quo tacto haud dubie victoriam parant, cum hostes undique feriantur. Est quoque plaustrorum compages ea arte composita, ut ad Imperatoris jussum, qua velit et quando velit aperiatur sive ad fugam sive ad insequendos hostes ratio postulaverit.«

Die Nachrichten über Kriegswagen sind zum erstenmal systematisch gesammelt in der Schrift: Der Streitwagen. Eine Geschichtsstudie nebst Betrachtungen über die Eigenschaften und den Gebrauch des Streitwagens. Taktikern und Pferdeliebhabern gewidmet von KAMMBY, Oberstleutnant a.D., Berlin 1864. In Kommission der Springerschen Buchhandlung. Der Verfasser ist häufig nicht auf die Originalquellen zurückgegangen, sondern hat seine Notizen und Referate irgend welchen Vermittlern entnommen; auch entbehrt er der eigentlichen historischen Kritik; trotzdem ist die kleine Schrift wertvoll und sehr interessant durch den praktischen Zweck, auf den es dem Verfasser eigentlich ankommt, nämlich für die Zukunft die Möglichkeit eines Kriegswagens nachzuweisen, der als Mittelwaffe zwischen Kavallerie und Infanterie manche Vorzüge beider Waffen vereinigen könnte. Daß gefahrene Infanterie unter Umständen sehr nützlich sein könnte, leuchtet leicht ein, aber es ist erstaunlich, wie weit nach den Darlegungen des Verfassers, der als alter Artillerist kundiger Fahrer ist, Wagen auch in der eigentlich kavalleristischen Leistung mit Kavallerie konkurrieren könnten. Speziell für die Wagen der Hussiten ist die Schrift verfehlt, weil der Verfasser befangen in seiner Lieblingsidee, sie etwas in die Quellen hineingelesen hat und so aus dem Phantasiebilde des Enea Silvio noch ein anderes macht, das zwar nicht ganz so unmöglich, aber ebensowenig historisch ist. Er stellt sich die hussitischen Wagen vor als Streitwagen, die wie Kavallerie einen Chock gegen den Feind machen und seine geschlossenen Massen sprengen.[525]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 503-526.
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