Drittes Kapitel.

Die Osmanen.

[493] Wir haben gesehen, wie die kriegerische Naturkraft der Araber nach einigen Jahrhunderten durch die der seldschuckischen Türken abgelöst wurde. Noch ehe die Kreuzzüge zu Ende waren, wurde die östliche Welt überrannt durch die Mongolen unter Dschingis Khan. Er aber sowohl wie der in seinen Spuren wandelnde Timur (Tamerlan) können trotz ihrer gewaltigen Kriegstaten in diesem Zusammenhang übergangen werden468, dagegen verdient eine Darstellung das auf dem Trümmerfeld emporwachsende eigentümliche Kriegswesen der Osmanen.

Sie sind nicht eigentlich ein Stamm der Türken, wie die Seldschucken, sondern die aus den verschiedensten Elementen zusammengeschweißte Gefolgschaft eines großen Kriegshauptmanns, des Osman (1300) und seiner nicht weniger kriegerischen Nachkommen. So waren ja auch die Normannen vielfach gemischten Blutes.

Die Osmanen begannen nicht anders, als vor ihnen im Morgenland und Abendland Staaten gegründet worden waren; als kriegsgewaltige Reiter unterwarfen sie sich Landschaften und lagerten sich über sie hin als Kriegsgenossenschaft oder Kriegerstand.[493] Das ursprüngliche System der Araber, die Kriegerschaft aus einem Staatsschatz zu erhalten, den die Steuern der Unterworfenen aufzufüllen hatten, war schon von ihnen selbst in Formen übergeführt worden, die dem abendländischen Lehnswesen ähnlich waren und allmählich immer ähnlicher wurden. Man wies den Einzelnen Gebiete an, deren Steuern ihnen direkt zuflossen und über die sie eine gewisse Jurisdiktion ausübten.469 Die Seldschucken und dann die Osmanen haben das fortgesetzt. Es bleiben jedoch im Vergleich mit dem Abendland wesentliche Verschiedenheiten. Man darf sie, so viel ich sehe, etwa folgendermaßen umschreiben. Die osmanischen Lehen werden erstens immer nach ihrem Geldwert abgeschätzt und unterschieden; es hat zweitens viel länger gedauert, bis sich die Erblichkeit durchgesetzt hat, und infolgedessen ist drittens das öffentliche Amt, die Regierungsgewalt, nicht von den Lehnsbesitzern annektiert worden, sondern dem Sultan verblieben. Der osmanische Staat steht also dem anglo-normannischen näher, als dem europäisch-kontinentalen: die eigentliche Feudalität hat sich hier wie dort nicht voll entwickelt. Aber auch von dem anglo-normannischen unterscheidet sich das osmanische Lehnswesen in seiner Blütezeit durchgreifend, weil die Lehen, die Timar, nach ihrem Werte klassifiziert, immer von neuem wirklich verliehen, nicht mit den Familien der Inhaber, verschmolzen, sondern sozusagen der ganzen Genossenschaft der Krieger, der Sipahi, gehören: der junge Mann, als Sohn eines großen Lehnbesitzers, erbt nicht die Herrschaft seines Vaters, sondern fängt mit einem einfachen Kriegerlehen an, um, wenn er sich auszeichnet, mit größeren Lehen begnadet zu werden. So sehr dadurch die Gewalt des Sultans über die Belehten, die Timarli, gestärkt wird, so hören wir doch selbst hier von Saumseligkeit, wenn sie seinem Kriegsruf folgen sollten. In einer der unterworfenen Landschaften, Serbien, hat man berechnet, daß auf etwa 40 qkm ein belehnter Sipahi kam. Neben den Timarli hatten die Sultane noch in ihrer unmittelbaren Umgebung die Sipahi der Pforte, ihre Leibwache, die wir der fränkischen scara vergleichen dürfen. Neben den Reitern gab[494] es auch Spießknechte zu Fuß, die Asaben, die aber, wie im Abendlande, hervorragende Leistungen nicht aufzuweisen haben. In allen diesen Institutionen liegt, wie wir sehen, wenn es auch seinen eigentümlichen orientalischen Anstrich hat, doch nichts, was dieses Staatswesen durchgreifend von dem sonstigen Zeitgenössischen unterschiede. Das Reich Osmans hätte, bloß auf die belehnten oder unbelehnten Sipahi aufgebaut, die intensive Lebenskraft, durch die es die vorhergehenden muslimischen Staaten so sehr in Schatten stellt, schwerlich hervorgebracht.

Die Truppe, die den Osmanen ihre Eigentümlichkeit gibt und ihre Herrschaft durch Jahrhunderte begründet und befestigt hat, sind die Janitscharen.470

Die Janitscharen, zu deutsch »neue Truppen« (Jenidscheri), gebildet etwa 1330, sind Fußbogner, wie die englischen um dieselbe Zeit, aber in einer ganz anderen Organisation. Sie sind eine stehende, disziplinierte Truppe. Die englischen Bogner sind auch Berufskrieger, aber Söldner, die zum Zweck eines augenblicklichen Krieges angeworben, nach dem Friedensschluß wieder entlassen, entweder in einen bürgerlichen Beruf zurücktreten, oder eines anderen Herrn Dienst suchen oder als Räuber und Vagabunden durchs Land ziehen. Die Janitscharen, auch ursprünglich Geworbene, bleiben im Dienst ihres Sultans dauernd beisammen und werden ergänzt durch Knaben, die bei den unterworfenen Christen ausgehoben, ihren Familien gewaltsam entrissen, dem Islam zugeführt, durch eine strenge Erziehung für den kriegerischen Beruf ausgebildet werden. Die Janitscharen heiraten nicht und haben keine Familie, sondern leben in ihrer unauflöslichen Genossenschaft, zu zugleich Wirtschafts-Einheit und Truppenkörper ist. Je etwa 10 bilden zusammen eine Rotte und Zeltgenossenschaft, die ihren gemeinschaftlichen Kochkessel und ihr gemeinschaftliches Packpferd hat. Je 8-12 solche Rotten zusammen bilden eine Kompagnie, eine »Oda«, die unter einem Kommandanten steht. Im 14. Jahrhundert gab es 66 Oda Janitscharen, die wir wohl auf etwa 5000 Mann veranschlagen dürfen. Muhammed[495] II., der Eroberer Konstantinopels, fügte noch 33 Oda, die »Segban«, hinzu, und später kamen noch weitere 100, die »Jaga«, dazu.471

Die Vorbedingung für den Zusammenhalt und damit für den Charakter der Truppe war die unbedingt zuverlässige regelmäßige Verpflegung, und die osmanischen Sultane haben, was kein christlicher Monarch damals fertig brachte, die Mittel dazu aus den Untertanen, die ihr Schwert unterworfen, dauernd herausgeholt. Wie sehr das Janitscharentum auf der Organisation der Verpflegung aufgebaut war, erkennt man an den grotesken Bezeichnungen der Offizierschargen: der Kommendant der Oda heißt der Tschorbadschi Baschi, d.i. der »Suppenausteiler«, ein anderer heißt der »Oberkoch«, ein dritter der »Quartiermeister«. Die Unteroffiziere heißen »Kameltreiber«. »Oda« selbst heißt die »Kammer«, wo die Kameraden zusammen schlafen, und wird auch wohl »Orta«, d.i. »Herd«, genannt, an dem man gemeinschaftlich kocht. Der Kochkessel gilt geradezu für das Heiligtum der Truppe. Außer dem kleinen Kessel für die Rotte hatte auch die ganze Oda einen großen, gemeinschaftlichen Kessel, in dem jeden Freitag aus der Küche des Sultans selbst der Pilav, das Nationalgericht von Reis und Hammelfleisch, für die Krieger Allahs geholt wurde.

Seinen hölzernen Eßlöffel hatte jeder an seiner Filzkappe stecken.

Nicht nur der militärische, sondern auch der religiöse Geist des Islam wurde von Anbeginn an bei den Janitscharen gepflegt. Der Derwisch-Orden der Bektaschy war bei der Begründung beteiligt, Bektaschy-Derwische begleiteten als Feldprediger, daneben auch als Sänger und Lustigmacher, die Janitscharen in den Krieg; die Krieger trugen die Filzkappe der Mönche mit dem Abzeichen eines weißen, herabhängenden Tuchstreifens, der an den wallenden Ärmel des segnenden Derwischs erinnern sollte. In der Hand[496] dieser Derwische wird vermutlich auch die Erziehung des jugendlichen Nachwuchses wesentlich gelegen haben.

Ihrer Eltern, ihrer Heimat vergessend, kennen diese Krieger kein Vaterland als das Serail, keinen Herrn und Vater als den Großherrn, keinen Willen als den seinen, keine Hoffnung als auf seine Gunst; sie kennen kein Leben als in strenger Zucht und in unbedingtem Gehorsam, keine Beschäftigung als den Krieg zu seinem Dienst, für sich keinen Zweck als etwa im Leben Beute, im Tode das Paradies, das der Kampf für den Islam eröffnet.

In den klosterähnlichen Kasernen ist die Zucht so streng, daß niemand die Nacht auswärts zubringen darf. Schweigend dienen die Jüngeren den Älteren. Wer gestraft wird, hat dem, der verhüllt die Strafe an ihm vollzogen, die Hand zu küssen.

Nach Ausrüstung und persönlicher Geschicklichkeit waren die Janitscharen etwa dasselbe wie die englischen Bogenschützen, aber ihre Disziplin befähigte sie zu noch höheren Leistungen. Wohl hören wir, daß auch ihnen zuweilen Spießer (Asaben) zugeteilt wurden, um die Rosse der Gegner abzuwehren, aber das ist offenbar nur ausnahmsweise geschehen, und die Asaben sind auch nicht höherstehende Krieger, die die Bogner moralisch stützen sollen, wie die Ritter, sondern im Gegenteil minderwertige. Die Janitscharen haben Halt genug, allein jedem Angreifer zu widerstehen; freilich nicht derart, daß sie sich in der Ebene einer freien Ritterattacke hätten aussetzen können; das vermag Pfeil und Bogen nicht zu leisten. Aber sie verstanden, schnell leichte Verschanzungen vor sich auszurichten und Gräben zu ziehen, hinter denen sie den Angriff erwarteten. Die Offensive überließen sie der Ritterschaft, den Sipahi.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1923, Teil 3, S. 493-497.
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