Die Franzosen, Spanier und Italiener.

[16] Die Kriegsverfassung Frankreichs im 15. Jahrhundert beruhte auf den Ordonnanz-Companien und den francs-archers. Nachdem die letzteren sich bei Guinegate so schlecht bewährt hatten, wollte Ludwig XI. sie in Fußvolk nach Schweizer Muster umwandeln.[16] Er gab ihnen statt der Bogen lange Spieße und Hellebarden und zog sie, über 10000 Mann stark, zu ihrer Ausbildung in ein Lager bei Hedin in der Pikardie, das nächste Jahr bei Pont de l'Arche, unweit Rouen, zusammen.

Der König lasse eine große Waffe langer Spieße und Hellebarden nach deutscher Weise fabrizieren, meldete der schweizerische Gesandte Melchior Ruß nach Hause11; wenn er auch Menschen fabrizieren könnte, die sie handhabten, würde er Niemandes Dienste weiter gebrauchen. Spätere Historiker haben geglaubt, das Lager von Pont de l'Arche als die Wiege der französischen Infanterie betrachten zu dürfen; man habe dort die Mannschaften systematisch einexerziert, nachdem man 6000 Schweizer als Mustertruppe zugezogen. Drei Jahre soll das Übungslager bestanden haben, ein Jahr die Schweizer Lehrmeister geblieben sein. Aber nähere Prüfung der Zeugnisse hat dies Phantasiebild zerstört12. Es ist in Wahrheit nichts von einem Drill und von einer Schweizer Mustertruppe überliefert. Die Absicht des Königs ist unzweifelhaft auf dasselbe gerichtet gewesen, was eben damals unter Maximilian in den Niederlanden geschaffen wurde. Wir hören auch ausdrücklich, daß 1500 Ritter der Ordonnanz-Compagnien in das Lager geführt wurden, um nach Bedarf zu Fuß zu fechten, was doch wohl heißen soll, bei den Fußknechten einzutreten. Aber solche Reformen sind mit einem bloßen Befehl nicht durchgeführt.

Die Infanterie, die aus jenem Lager hervorging, ist niemals den Schweizern oder Landsknechten gleichgewertet worden. Eine ähnliche Truppe, wie an der belgischen, wurde auch noch an der italienischen Grenze gebildet. Neben diesen Truppen, die später als die »alten Banden« von Pikardie und Piemont bezeichnet wurden, gab es noch andere, mehr oder weniger lockere Soldbanden, die aventuriers genannt werden, auch zum Teil mit blanken Waffen ausgerüstet waren, zum größeren Teil aber als Schützen dienten. Vor Genua im Jahre 1507 zeichneten sie sich einmal aus, als[17] Bayard und andere Ritter sich zum Sturm an ihre Spitze stellten, so daß Susane, der Historiker der französischen Armee, hier den Ursprung der französischen Infanterie feststellen zu können glaubt. Seit jenem Ereignis sei es Sitte geworden, daß junge Edelleute, denen die Mittel für eine Reiter-Ausrüstung fehlten, gegen einen erhöhten Sold bei der Infanterie eintraten. Man nannte diese Edelleute mit einem italienischen Ausdruck lanze spezzate. Der Ausdruck lanspessades habe sich in der französischen Armee bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts gehalten als Bezeichnungen für Soldaten erster Klasse zwischen den Korporalen und den Gemeinen.

In den sog. Memoiren Bieillevilles wird erzählt, daß in jeder Kompanie zwölf lansspessades gewesen seien; sie trugen weder Hellebarden noch Arkebusen, sondern den Spieß.

Aber trotz dieser sozialen Stärkung haben die französischen Infanteriehaufen neben den im Solde ihres Königs auftretenden Schweizern und Landsknechten doch immer nur eine nebensächliche Rolle gespielt. Sie treten auf in den großen Schlachten von Ravenna bis Pavia, auch Gascogner und Burgunder werden genannt, das Zeugnis unbedingter Tüchtigkeit wird ihnen aber nirgends ausgestellt, und die französischen Könige von Karl VIII. an haben ihre großen Schlachten immer wieder vorwiegend mit deutschem Fußvolk geschlagen. Im Jahre 1523 schickte ihr Feldherr Bonnivet die Franzosen aus Italien nach Hause, als er an ihrer Stelle Schweizer haben konnte. Erst 1544, in der Schlacht bei Ceresole, ficht ein gaskognischer Spießerhaufe nicht nur nach Schweizer Art, sondern auch erfolgreich.

Franz I. hat im Jahre 1533 einen anderen Versuch gemacht, eine nationalfranzösische Infanterie, mehr milizartigen Charakters, zu schaffen, der er den stolzen Namen »Legionen« gab. Man wollte mit ihnen sogar neue taktische Formen schaffen, die aus der Phalanx, der römischen Legion und dem Gebrauch der modernen Kriege gemischt sein sollten. Was uns vorgeführt wird, ist der große Gevierthaufe, der auf eine höchst gekünstelte Weise in kleine Abteilungen mit kleinen Intervallen zerlegt ist. Irgend ein Zweck, eine Funktion der kleinen Haufen ist dabei nicht zu erkennen; es handelt sich offenbar um ein bloßes theoretisches[18] Spintisieren. Als im Jahre 1543 10000 französische Legionäre Luxemburg verteidigen sollten, desertierten sie in Waffen und überlieferten den Kaiserlichen die Festung. Dasselbe geschah 1545 in Boulogne. Zum Jahre 1557 steht in den Memoiren des Marschalls Bieilleville, diese Legionäre seien keine Krieger, sie verließen den Acker, um durch eine Dienstzeit von 4-5 Monaten von den Steuern frei zu werden, auf Grund eines Zeugnisses, das in den Akten des Amtsbezirks registriert werde.

Man erkannte in den leitenden französischen Kreisen wohl, wie unerträglich es sei, die französischen Kriege mit Fremden zu führen, aber man fand, der französische Charakter sei einmal für den Infanteriebetrieb nicht geeignet, und indem man Deutsche, Schweizer und Italiener in Sold nehme, habe man nicht nur gute Soldaten, sondern entziehe eben diese guten Soldaten auch dem Feinde.

Um 1500 nannte man in Frankreich die Kavallerie l'ordinaire de la guerre und die Infanterie l'extraordinaire de la guerre, weil im Frieden nur jene vorhanden waren13. Die Bezeichnung »Infanterie« soll aber erst unter Heinrich III. aufgekommen sein; um 1550 habe man noch »fanterie« gesagt, aus dem Italienischen »fante« gleich »Bursche«, »Knecht«.14

Anders als in Frankreich verlief die Entwicklung in Spanien. Schon im Jahre 1483, also gleich nachdem Ludwig XI. das Lager in der Pikardie errichtet haben soll und während noch um Granada gekämpft wurde, soll König Ferdinand von Aragonien eine schweizerische Truppe zu sich berufen haben, die als Modell für die Bildung einer ähnlichen Infanterie dienen sollte. Von schweizerischer Seite ist aber von dieser Truppe jenseits der Pyrenäen nichts bekannt, und die bisherige Forschung hat auch noch nichts über die Neubildung in den nächsten 20 Jahren zutage gefördert.

Da neben den Deutschen es zunächst allein die Spanier sind, die ein brauchbares Fußvolk nach Art der Schweizer gebildet haben, so hat ihr Kriegswesen in dieser Zeit ein besonderes[19] Interesse, und Dr. Karl Hadank hat auf meine Veranlassung und mit Unterstützung des Kultusministeriums eine Reise nach Spanien unternommen, um in den dortigen Archiven wie in der Literatur Nachforschungen anzustellen. Die Ergebnisse sind jedoch nur geringfügig gewesen und führen nicht wesentlich über das hinaus, was schon bei Hobohm gesagt ist. Die Quellen-Literatur über die spanisch-französischen Feldzüge in Unteritalien ist zwar ziemlich umfangreich – an der Spitze steht das Leben des »Gran Capitan« Gonzalo de Cordova von Jovius –, gibt aber für das eigentliche Problem, die Bildung des taktischen Körpers der Infanterie nur wenig. Eine Miliz-Einrichtung, die im Jahre 1495 auf einer Junta und noch mehrfach angeordnet wurde, zeigt nichts von dem Geist der neuen Kriegskunst, und als die Spanier den Kampf mit den Franzosen um den Besitz von Neapel aufnahmen und ihre Truppen unter Gonzalo von Cordova hinüberbrachten (1495), konnten diese es mit den Schweizern, die ihnen die Franzosen gegenüberstellten, nicht aufnehmen. »Weder an Qualität der Waffen noch an Festigkeit der Ordnung« waren sie ihnen gewachsen und nahmen trotz numerischer Überlegenheit die Flucht. Gonzalo aber gab darum seine Sache nicht verloren. Während des Krieges und durch den Krieg selbst bildete er seine Truppen aus und erfocht, unterstützt von Landsknechten, den ersten Erfolg in der Schlacht bei Cerignola 1503. Das Material seiner Truppen soll ursprünglich sehr schlecht gewesen sein. Nicht nur Abenteurer und Vagabunden, die auch sonst der Trommel nachliefen, sondern auch gewaltsam Gepreßte waren darunter. Aber es kam ihm zu Hilfe, daß sie fern von der Heimat im fremden Lande waren; es blieb den Leuten um ihrer selbst willen nichts anderes übrig, als zu ihrer Fahne zu stehen, und wieder einige Jahre später unterliegt es keinem Zweifel, daß die spanische Infanterie den Schweizern und den Landsknechten an Tüchtigkeit nichts nachgibt. Die Schlacht bei Ravenna (1512) wird es zeigen, obgleich sie hier von den Landsknechten, verbunden mit der französischen Ritterschaft, geschlagen wurden, und von da haben die Spanier an die anderthalb Jahrhunderte den Ruf einer ganz hervorragenden Infanterietruppe bewahrt.

Bei ihnen erfahren wir auch einmal etwas von der prinzipiellen[20] Opposition, auf die die Neubildung stieß. Ein Gonzalo von Ayora, der gleichzeitig mit Gonzalo von Cordoba zu Haufe Gevierthaufen aufstellen und einüben wollte, wurde damit verspottet. Einmal erfahren wir, daß er feine Fußknechte den ganzen Tag geübt habe; er bittet den König den dadurch entstandenen Mehrbedarf an Wein und Proviant zu decken und wünscht eine Verstärkung seiner Autorität durch Ernennung zum Oberst und ausdrückliche Anweisung an die Kapitäne, ihm aufs Wort zu gehorchen. In einem großen Kriegsrat wurde darüber debattiert, ob man Ayoras Ideen gutheißen solle. Die Hofleute sollen sich noch lange darüber lustig gemacht haben. Im Jahre 1506 aber brachte der Gemahl der Erbtochter, Philipp der Schöne, der Sohn Maximilians, 3000 Landsknechte mit nach Spanien, und deren Beispiel wird wohl den letzten Widerstand besiegt haben.

Wieder anders als in Spanien gingen die Dinge in Italien. Italien war im 14. und 15. Jahrhundert ein höchst kriegerisches Land. Es brachte die großen Condottieri hervor, die eine schulmäßige Tradition in der Kriegskunst ausbildeten. Man unterschied nach gewissen, wenn schon nicht sehr wesentlichen Differenzen in den strategischen Prinzipien die Schule der Sforza und die Schule der Braccio. Die großen Historiker der Renaissance, Machiavelli, Guicciardini, Jovius sind einig in der Behauptung, daß die Condottieri den Krieg bloß als Spiel und nicht als blutigen Ernst betrieben hätten; in eigenflüchtiger Berechnung, um den Krieg möglichst in die Länge zu ziehen, um möglichst viel Sold herauszuschlagen, hätten sie die Entscheidung nicht aufgesucht, sondern vermieden, und wenn es einmal zur Schlacht kam, so hätten sich die Mannschaften, die sich untereinander als Kamera den ansahen, gegenseitig geschont und kein Blut vergossen. In der Schlacht von Anghiari (1440) z.B. sei wohl ein Mann umgekommen, aber er sei nicht gefallen, sondern im Sumpfe erstickt. Neuere haben wohl gar diese Art Kriegführung dahin charakterisiert, daß durch diese Condottieri der Krieg zu einem Kunstwerk, nämlich des Manövrierens, erhoben worden sei.

Die Prüfung der gleichzeitigen Berichte hat ergeben, daß an dieser ganzen Schilderung trotz der drei großen Autoritäten kein wahres Wort ist. Richtig ist nur, daß die Condottieri den Krieg nicht[21] mit der Grausamkeit führten, wie es Machiavelli und seine Zeitgenossen an den Schweizern sahen, denen es ja verboten war, Gefangene zu machen und die sogar in den erstürmten Städten alle Männer töteten. Die Schlacht der Condottieri war ähnlich der der Ritter, die ebenfalls, wenn es der Kriegszweck zuließ, Schonung walten ließen und auch des Lösegelds wegen Gefangennahmen nicht bloß erlaubten, sondern auch erstrebten. Weiter sind auch die Condottieri in der Schonung nicht gegangen, und ihre Schlachten waren oft recht blutig15.

Eines besonderen Rufes erfreuten sich im ganzen 14. und 15. Jahrhundert die italienischen Schützen, Genuesen und Lombarden, die auch in dem Heere Karls des Kühnen eine große Rolle spielten.

Die Heere der Condottieri bestehen, wie die mittelalterlichen Heere überhaupt, wesentlich aus Reitern. Auch das war ein Grund, weshalb Machiavelli sie haßte und verachtete, da er die Infanterie, nach dem römischen Muster, für die entscheidende Waffe ansah.

Als nun die Nachrichten von den Taten der Schweizer und der Landsknechte auch in Italien erschollen, fanden sich bald einsichtige Kriegsmänner, die die neue Praxis auch auf ihr Land übertragen wollten. Die Bevölkerung bot viel mehr und besseres Material als damals etwa die Franzosen. Jener Spanier Gonzalo de Ayora hatte in Mailand die neue Kunst gelernt, und ein angesehenes Condottieri-Geschlecht, die drei Brüder Vitelli, die in der Romagna die kleine Herrschaft Città di Castello besaßen, nahmen sich vor, die bisher fehlende italienische Infanterie zu schaffen (1496). Sie warben unter ihren eigenen Untertanen, mischten sie mit erfahrenen Kriegsleuten, bewaffneten sie mit Spießen, die noch eine Elle länger waren als die der Deutschen und lehrten sie, wie uns Jovius sehr anschaulich berichtet, »den Fahnen zu folgen, nach dem Trommelschlag Tritt zu halten, die Kolonne zu dirigieren und zu wenden, die Schnecke zu bilden und endlich mit vieler Kunst den Feind zu schlagen und genau die Ordnung zu bewahren.« (Signa sequi, tympanorum certis pulsibus scienter[22] obtemperare, convertere dirigereque aciem, in cocleam decurrere, et denique multa arte hostem ferire, exacteque ordines servare.) Wirklich gelang es Vitellozzo mit einem Haufen von 1000 Mann in einem Gefecht bei Coriano (26. Januar 1497), 800 deutsche Landsknechte im Dienste des Papstes, Alexanders VI., zu schlagen. Aber die Schöpfer überlebten ihr Werk nur kurze Zeit: Camillo Vitello starb schon 1496 in Neapel in französischem Dienst, Paolo wurde 1499 von den Florentinern geköpft, Vitellozo 1503 auf Befehl Cäsar Borgias erdrosselt.

Cäsar Borgia selbst hat das Werk der Vitelli aufgenommen und fortgebildet, und nach seinem Untergang traten in venezianischem Dienst Romagnolen als Söldner auf, die sehr tüchtig waren. Aber schließlich waren die Versuche zu klein und hatten nicht die Hinterhand einer überragenden politischen Macht, die sie auch nach Krisen aufrecht erhalten hätte. Machiavellis Versuch, der Republik Florenz eine einheimische, kriegstüchtige Miliz zu organisieren, war in der Anlage verfehlt und mißglückte. Am günstigsten hätten die Verhältnisse in der Republik Venedig gelegen, die über eine sehr große und anhängliche Bauernschaft gebot. Aber die Regierung scheute sich, die eigenen Untertanen zu militarisieren und warb lieber auswärts, namentlich in der Romagna. Diese Romagnolen, die die Stammtruppe einer national-italienischen Infanterie hätten werden können, wurden in den beiden Schlachten von Vaila (1509) und La Motta (1513), von den Schweizern und dann von den Spaniern und Landsknechten geschlagen und vernichtet. Seitdem gilt das italienische Fußvolk, wo es auftritt, als ebenso minderwertig, oder noch weniger als das französische, obgleich der einzelne Italiener einen so guten militärischen Ruf hatte, daß die Kapitäne der französischen Aventuriers zum geringen Teil Italiener waren.

Es ist hiernach ausdrücklich festzustellen, daß, wenn in der neuen Kriegskunst die Franzosen und Italiener hinter den Deutschen und Spaniern zurückblieben, eine Rassen-Anlage dabei nicht in Betracht kommt, da ja die Franzosen noch in späterer Zeit hervorragende kriegerische Anlagen gezeigt haben und die Italiener bis in die Renaissance-Epoche hinein für sehr tüchtige Krieger galten. Es handelt sich vielmehr um ein Produkt der Umstände[23] und der Abfolge der Ereignisse. Den Deutschen ist zugutegekommen, daß sie zunächst mit Schweizern zusammen unter den Fahnen Maximilians standen. Die Schweizer selbst wurden dadurch die Stammtruppe der Landsknechte, die sie später, als sie sich getrennt hatten, nicht bloß als ihre Rivalen, sondern als ihre grimmigen Feinde ansahen. Einige bedeutende Männer unter Führung Maximilians selber haben, die Aufgabe theoretisch erkennend, sie durch Abhalten von Exerzierübungen durchgeführt, und als ein gewisser Kern von Landsknechten, erfüllt von dem neuen Geist und seinem Selbstvertrauen geschaffen war, als eine Anzahl von Hauptleuten und Obersten, die das allgemeine Ansehen und Vertrauen genossen, sich emporgearbeitet hatten, pflanzte sich das Landsknechttum durch die eigene Kraft unausgesetzt weiter fort.

Weshalb bei den Franzosen nichts Ähnliches geschah, haben die Zeitgenossen schon oft gefragt; man meinte, es stecke die Absicht dahinter, das Volk nicht wehrhaft werden zu lassen, damit man es leicht gehorsam halten könne. Das sei die Auffassung des Adels gewesen, und der König selber habe sich dadurch beeinflussen lassen16. Dem widerspricht, daß man ja immer wieder Versuche gemacht hat, eine national-französische Infanterie zu schaffen. Aber sie sind nicht gelungen, d.h. sie brachten es nicht bis zu der Tüchtigkeit und dem Selbstvertrauen der Schweizer und Landsknechte, und man wird wohl auch nicht daran zweifeln dürfen, daß die französischen Könige, statt der minderwertigen Truppen, lieber vollwertige haben wollten. Der Grund des Versagens der Franzosen ist also, daß zunächst der Ausgangspunkt fehlte: die Anlehnung an die Schweizer. Freilich hatten ja auch die französischen Könige selber Schweizer, aber es war unmöglich, französische Fähnlein wie die Schwaben und Tiroler mit den Schweizern in einem Haufen zusammenzustellen. Die Schweizer haben den Franzosen nur theoretisch als Vorbilder dienen können. Die französische Infanterie mußte aus neuem Samen aufgezogen werden. Hierauf aber die genügende Arbeit und Energie zu verwenden, fühlte man sich nicht veranlaßt, weil das bequeme Mittel[24] zur Hand war, aus der Schweiz die allerbesten Krieger durch Anwerbung zu beziehen. Gerade, daß Schweizer und Landsknechte sich verfeindeten, kam den französischen Königen zu Hilfe. Als Ludwig XII. im Jahre 1509 sich mit den Schweizern erzürnt hatte und sie ihm keine Knechte lieferten, ließ er Landsknechte werben.

Umgekehrt lag es in Spanien. Sobald man einmal die neue Kriegskunst begriffen hatte, trieb die harte Notwendigkeit dazu, die eigenen Mannschaften in ihr auszubilden. Wo hätten die Könige von Aragonien und Castilien, auch wenn es geographisch leichter gewesen wäre, das Geld hernehmen sollen, die anspruchsvollen deutschen Knechte zu bezahlen? Die Quelle des Edelmetalls jenseits des Ozeans begann eben erst angebohrt zu werden. Für Italien ist schließlich noch als sehr wesentlich in Betracht zu ziehen, daß die Bildung des mehr oder weniger stehenden Heeres von Fußknechten die Republiken und sonstigen nur mittelgroßen Gewalten in eine sehr gefährliche Abhängigkeit von den Führern gebracht hätte. Die großen Könige brauchten das als Kriegsherrn nicht so sehr zu fürchten.[25]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 4, S. 16-26.
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