Die Niederländer und die Schlacht bei Guinegate


Die Niederländer und die Schlacht bei Guinegate.[4] 1.


7. August 1479

Die erste Schlacht, in der die schweizerische Kriegsweise von Nicht-Schweizern angewandt erscheint, ist die Schlacht bei Guinegate, in der 21/2 Jahre nach der Schlacht bei Nanch Erzherzog Maximilian, der Schwiegersohn Karls des Kühnen, ein französisches Heer besiegte – gerade die Burgunder also, die die schweizerische Überlegenheit so sehr am eigenen Leibe erfahren hatten, sind es gewesen, die den ersten und erfolgreichen Versuch machten, diese taktische Kunst nunmehr selber auszuüben.

Maximilian belagerte die kleine Grenzfestung Therouanne und ging einem französischen Entsatzheer, das unter des Cordes von Süden heranzog, entgegen, um es zurückzuwerfen. Das französische Heer bestand in der bis dahin üblichen Weise aus Rittern und Schützen; neben den den einzelnen Rittern zugeteilten Schützen bei Ordonnanz-Kompagnien auch aus zahlreichen Landesschützen (Francs archers). Maximilian war in diesen beiden Waffen erheblich schwächer, hatte aber dafür nicht weniger als 11000 Fußknechte mit blanken Waffen, Spießen und Hellebarden, die ihm Jean Dadizelle, Bailli von Gent und Generalkapitän von Flandern, herangeführt hatte. Maximilian war erst 20 Jahre alt und[4] hatte selber weder die Erfahrung, noch hier in den Landen seiner Gemahlin die Autorität, um das neue Kriegswesen zu schaffen. Aber in seinem Heer war der Graf v. Romont, dessen Besitzungen in der unmittelbaren Nachbarschaft von Bern und Freiburg am Neuenburger See lagen. Im Dienste des Burgunder-Herzogs hatte er die Schlachten gegen die Schweizer mitgeschlagen. Sehr gegen seinen Wunsch und seinen Willen war er ihr Feind geworden; niemand kannte sie im Frieden und im Kriege besser als er. Dieser schweizerische Graf ist es gewesen, der nach dem Zeugnis der Quellen jetzt die flämischen Knechte nach der schweizerischen Art aufstellte. Wir werden annehmen dürfen, daß er es auch gewesen ist, der seinem jetzigen Herrn den Rat gab, sich in Waffen mit solchen Fußknechten zu versehen, und nirgends in der Welt konnte er einen besseren Stoff für die Neugestaltung vorfinden, als eben in den burgundischen Niederlanden. Hier hatte ja schon einmal ein Kriegswesen ganz ähnlich dem Schweizerischen sich aufgetan, als die aufständischen flämischen Städte die französische Ritterschaft in der Schlacht bei Courtray (1302) niederwarfen. Bei Rosebeke (1382) war dieses Kriegertum wieder zugrundegegangen, weil ihm in der flandrischen Ebene gegenüber den Rittern die Gelände-Stützpunkte, die den Schweizern ihre Berge gewährten, fehlten. Immer aber hatte sich viel Kriegertum und viel kriegerischer Sinn in diesen Landschaften erhalten; auch die Heere Karls des Kühnen bestanden zum großen Teil aus Niederländern, und das Schweizer Muster gab nun die Form, in der dieser kriegerische Geist sich von neuem realisieren konnte.

Im Ganzen wird das burgundische Heer um einige Tausend Mann stärker gewesen sein, als das französische, selbst wenn man diesen die Besatzung von Therouanne zuzählt, 4000 Mann, die während der Schlacht die Burgunder im Rücken bedrohten.

Beide Heere hatten die Reiter auf den Flügeln, das Fußvolk, hier Schützen, dort vorwiegend Pikeniere im Zentrum. Die burgundischen Pikeniere waren in zwei große, tiefe Haufen geteilt, deren einen der Graf Engelbert von Nassau, der unter Karl dem Kühnen bei Nanch mitgefochten hatte, deren andern der Graf von Romont führte, und statt nach der überlieferten Rittersitte mit den Rittern zu fechten, trat Maximilian selbst mit einer[5] Anzahl von Edelleuten2 mit dem Spieß in der Hand bei diesen Haufen ein. Maximilian selbst erzählt uns in seinen Memoiren, daß er, nachdem er als junger Fürst in die Niederlande gekommen, lange Spieße habe anfertigen lassen und Waffenübungen ausgeführt habe. So zu sagen systematisch ist also das Fußvolk ausgebildet worden: lange Spieße, eingetretene Edelleute und Übungen. Daß man durch den Ein tritt von Edelleuten, die natürlich im ersten Gliede standen, den Haufen der Fußknechte festzumachen suchte, ist ein Vorgang, den wir im späten Mittelalter schon öfter gefunden haben. Der Unterschied, der wesentliche Unterschied aber ist, daß sie jetzt mit dem Langspieß auch die Waffe der Fußknechte annehmen und diesen nicht bloß vorkämpfen, sondern mit ihnen zu einem einheitlichen, taktischen Körper verschmelzen. »Da erstelde«, meldet uns die »Allerexcellentste Cronyk«, »der grave van Romont tvolc im ordinancien unde dade den hertoghe (Maximilian) staan onder dat volc te voet ende onder den pyken.«

Des Cordes gelang es nun, auf dem einem, seinem rechten Flügel, die die Infanteriehaufen begleitenden burgundischen Ritter zu werfen und auch die dort aufgestellten burgundischen Geschütze zu nehmen. Die burgundischen Schützen, obgleich auch ziemlich zahlreich, werden in dem Gefecht gar nicht erwähnt; sie werden vor der französischen Überlegenheit sofort gewichen und entweder geflohen sein oder sich in die Pikenierhaufen gedrängt haben.

Der Sieg seiner Ritter gab des Cordes die Möglichkeit, den linken, von Nassau geführten Pikenierhaufen der Burgunder aus der Flanke anzugreifen. Er brachte ihn dadurch zum Stehen und indem nun die französischen Schützen ihn sowohl von vorne wie von der Seite beschossen und sogar durch die eroberten burgundischen Kanonen unterstützt wurden, in große Bedrängnis, obgleich die Mehrzahl der siegreichen französischen Ritter, statt sich an diesem Kampfe zu beteiligen, den geflohenen burgundischen Rittern nachsetzte und sich dadurch vom Schlachtfelde entfernte.

Wenn der Verlauf auf dem anderen Flügel der gleiche gewesen wäre, hätten die Burgunder unterliegen müssen. Aber hier[6] hielt sich der größere Teil der Ritterschaft gegenüber der französischen und ließ diese nicht den Pikenieren in die Flanke kommen. Der Romant'sche Haufen blieb also im Vordringen, jagte die französischen Schützen in die Flucht, entlastete und befreite dadurch auch den anderen Haufen und entschied die Schlacht.

Einen zeitgenössischen Bericht, der uns mit präzisen Worten sagte, daß wir in den Infanteriehaufen bei Guinegate die übertragene Schweizer Taktik haben, haben wir nicht. Namentlich steht nichts dergleichen in den nicht weniger als vier Berichten über die Schlacht, die von Maximilian selbst herrühren aber auf ihn zurückgeführt werden können. So auffällig das auf den ersten Blick erscheint, so ist es doch nicht so ganz selten, daß Zeitgenossen sich des Moments einer prinzipiellen Abwandlung nicht bewußt werden und erst die Nachwelt die Bedeutung dieses Moments erkennt. In der Kriegsgeschichte des Altertums z.B. haben wir ja gefunden, daß eine so fundamentale Reform wie die Treffenbildung während des zweiten punischen Krieges von den Quellen direkt gar nicht erwähnt wird. Nichts destoweniger ist hier, wie dort der Tatbestand völlig sicher. Dadizeele, Molinet, de But und Basin stimmen darin überein, daß das flämische Fußvolk den Sieg entschieden habe. »Dux Maximilianu, sagt de But, cum picariis fortiter instabat, ut equitatus Francorum, qui ab utraque parte cum aliis suis obpugnare quaerebat eundem, non posset in eum praevalere« und noch anschaulicher Basin: Die flämischen Fußknechte mit ihren langen Spießen wehrten das Eindringen der feindlichen Reiter ab. Nam ipsi Flamingi pedites, cum suis longis contis praeacutis ferramentis communitis, quos vulgo piken appellant, hostium equites, ne intra se se immitterent, viriliter arcebant.

Es gehörte zu dem Siege aber auch, wie nicht zu übersehen, daß wenigstens dem einen burgundischen Pikenierhaufen die Ritterschaft die Flanke deckte. Wäre das nicht geschehen, so hätte das flämische Fußvolk die Schlacht verlieren können, wie einst die von Rosebeke.

Bisher unerklärt ist, daß der Sieg nicht etwa den Fall von Therouanne zur Folge hatte, sondern das Maximilian den Feldzug aufgab und sein Heer entließ. Wäre der Verlauf und[7] Ausgang der Schlacht nicht so vielfältig und sicher bezeugt, so würde man dem Siege überhaupt nach diesem Schlußergebnis wohl den Glauben versagen. Die Vlamen, heißt es, wollten nicht länger dienen; vermutlich ist es der alte Gegensatz zwischen dem Fürsten und den Ständen, der hier mitspielt: die Niederländer fürchteten ihren eigenen Herrn, Maximilian, nicht weniger, als die Franzosen, und wollten nicht, daß er, den Sieg verfolgend, gar zu mächtig werde. Vielleicht waren Maximilians Kassen auch so leer, daß er nicht einmal den Sold für den kleinen Heeresteil, der nunmehr für die Fortsetzung der Belagerung noch notwendig gewesen wäre, aufbringen konnte.

Politisch hat daher die Schlacht von Guinegate seine Bedeutung gewonnen; militärisch aber ist sie ein Wendepunkt. Die Bande der niederländischen Knechte, die die nächste Generation hindurch eine Rolle spielt, wird von den Siegern von Guinegate ihren Ausgang genommen haben, und den Franzosen gab die Niederlage den Anstoß zu einer Reform ihrer Kriegsverfassung, die auf Spanien hinübergewirkt haben dürfte. Vor allem aber sind diese niederländischen Knechte die Vorläufer der Landsknechte.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 4, S. 4-8.
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