Die Handfeuerwaffen

Die Handfeuerwaffen.

[49] Sehr früh, muß sich, wie wir gesehen haben, die Feuerwaffe in Handfeuerwaffen, in Deutschland Lotbüchsen genannt, und Geschütze differenziert haben. Die Entwicklung aber hat bei aller Verschiedenheit auch wieder Analogien. Auch bei den Handbüchsen wurde das Rohr verlängert und zuweilen in zwei Stücke zerlegt oder innerhalb ein Wulst angebracht, der die Kammer von dem Fluge trennte, damit beim Hineinstoßen des hölzernen Pfropfens dieser nicht ganz bis auf das Pulver herunterkäme, sondern der leere Raum zur vollen Entwicklung der Gase bliebe.

Die Zündung bei den großen Büchsen geschah, indem man einen glühend gemachten eisernen Haken in das Zündloch steckte. Bei den Handbüchsen drückte man eine Lunte auf das mit Pulver gefüllte Zündloch. Das verhinderte, solange das Zündloch oben war, ein Zielen, um so mehr, als aus dem Zündloch ein Feuerstrahl herausschoß. Man hatte deshalb zuweilen zwei Mann bei einer Büchse: der eine zielte und der andere feuerte ab, wenn jener ihm das Zeichen gab. Dann legte man das Zündloch an die Seite, brachte für das Zündpulver eine Pfanne an und machte die Erfindung des Hahns, in dessen Maul die Lunte eingeklemmt wurde und den der Schütze ohne hinzusehen, während er zielte, mit der Hand herunterdrücken konnte.

[49] Dem Luntenhahn, den der Schütze mit der Hand niederdrückte, folgte das Luntenschloß, das den Hahn vermöge einer Feder bei dem bloßen Anziehen mit dem Finger niederschnappen, wie man das an der Armbrust schon kannte.

Das Laden wurde erleichtert, indem der Schütze kleine hölzerne Pulvermaße bei sich führte, deren jedes die im voraus abgemessene passende Pulvermenge für einen Schuß enthielt. Um diese Patronenbüchsen, wie man sie nennen kann, möglichst schnell bei der Hand zu haben, trug der Schütze sie, ihrer 11 an der Zahl, an einem Bandelier über der Schulter. Daneben hatte er einen Beutel mit Kugeln und ein Pulverhorn zum Ausschütten auf die Pfanne. Zu diesem Zündpulver oder Zündkraut nahm man eine andere, feinere Sorte Pulver, als zu dem Schuß selbst. Die Pfanne erhielt einen Deckel.

Auf sehr verschiedene Weise wurden die älteren Lotbüchsen gehandhabt: man stemmte den Stiel gegen den Boden, legte ihn in die Achselhöhle oder auf die Achsel, stemmte ihn gegen die Brust oder hielt das Gewehr mit beiden Händen frei vor sich.

Aber alle diese Gestaltungen konnten weder einen weiten, noch einen sicheren Schuß geben und wenn man, um diesen zu erlangen, noch den Lauf verlängerte, so ergab der verstärkte Rückstoß neue Schwierigkeiten. Um diesen abzufangen, brachte man unter dem Lauf, nahe der Mündung einen eisernen Haken an (seit 1419)63. Büchsen mit solchen Haken sind sehr häufig, da sie aber einer festen Unterlage, einer Mauer oder eines Balkens bedürfen, so sind sie für das freie Feld kaum verwendbar. Auch als man eigene Böcke zum Auflegen konstruierte, war damit für das freie Feld wenig gewonnen, da das Transportieren und jeder Wechsel der Aufstellung zu schwierig war64.

[50] Ein feineres Zielen wurde ermöglicht durch die Erfindung von Visier und Korn. Seit 1430 fanden Wettschießen unter den Bürgern statt. Doch kam das Feinschießen für den Krieg, wo der Schütze durch die Erregung mehr oder weniger behindert war, nicht so sehr in Betracht und wurde später, im 18. Jahrhundert, sogar zugunsten des Massenfeuers und des Schnellfeuers absichtlich unterdrückt.

Der Vorzug der neuen Waffe vor Bogen und Armbrust ist ihre große Durchschlagskraft und große Tragweite. Bei den Schützenfesten Ende des 15. Jahrhunderts wurde mit den Büchsen auf nicht weniger als 230 bis 250 Schritt geschossen, während für Armbrust die Entfernung nur 110 bis 135 Schritt betrug65. Gezogene Läufe, die damals schon erfunden waren, werden meist ausdrücklich ausgeschlossen. Weitere Bestimmungen sind kaum anders zu verstehen, als daß es sich um freihändiges Schießen (nicht etwa aufgelegte Hakenbüchsen) handelt.

Die schwere Ritterrüstung zu durchschlagen, erwies sich die Kugel der Arkebusen doch häufig noch zu schwach. Man konstruierte deshalb die Muskete, in Infanteriegewehr, das eine 4 Lot schwere Kugel (das ist etwa das doppelte unseres alten Zündnabelgeschosses) schoß und, weil der Schütze es mit den bloßen Händen nicht regieren konnte, auf eine Gabel gestützt wurde. Du Bellay berichtet zum Jahre 1523, also nach Biccoca und vor Pavia von dieser Erfindung.

Die Gabel war so leicht, daß der Schütze sie neben der Muskete tragen konnte, und ließ sich beim Anschlagen leicht nach allen Seiten drehen. Während des Ladens hielt sie der Schütze an einer ledernen, über den linken Arm gestreiften Schleife.

Erst sehr allmählich wurde die Schäftung so gestaltet, daß das Gewehr an die Schulter angesetzt werden konnte.

[51] Die leichtere Arkebuse und die schwerere Muskete halten sich das 16. Jahrhundert hindurch nebeneinander. (S. unten Exkurs.)

Beim Schmieden des Laufes über einen Dorn mußte große Rauhigkeit bleiben, die der Wirkung der Pulvergase wie der Sicherheit des Zielens abträglich waren. Durch sorgsame Ausbohrung suchte man völlig glatte Seelenwände zu erreichen.

Man erfand auch schon Doppelläufer, Revolver-und Orgelgeschütze, die mit den modernen Mitrailleusen und Maschinengewehren Ähnlichkeit haben. Man versuchte, auch mit Bolzen zu schießen.

Der unsichere Erfolg der Schießwaffe erzeugte den Gedanken, sie so zu gestalten, daß man sie auch als Schlagwaffe benutzen könne. Man verfertigte Streitkolben, aus denen man auch schießen konnte, sogar mehrläufige66.

Diese Erfindungen und Konstruktionen haben nur den Wert von Versuchen und Kuriositäten. Die eigentliche Entwicklung geht den Weg, das Instrument der Handfeuerwaffe in sich selbst immer mehr zu vervollkommnen.

Schon auf dem Reichstag zu Nürnberg 1431 wird für den Feldzug gegen die Hussiten beschlossen, daß die Hälfte der Schützen mit Büchsen, die Hälfte mit Armbrüsten bewaffnet werden solle. Ähnliche Vorschriften finden sich öfter. Noch in den Heeren Karls des Kühnen gab es Bogner, Armbrustschützen und Feuerschützen nebeneinander. Im Jahre 1507 aber schloß Kaiser Maximilian die Armbrust von der Musterung aus.

Etwa zweihundert Jahre waren damals seit der Erfindung der ersten Feuerschußwaffe verflossen. Man hatte den Lauf verlängert, die Schäftung mit dem Kolben erfunden, die Zündpfanne mit dem Deckel, das Luntenschloß, die Gabel, die Patronenbüchsen, die Bohrung des Laufes. Aber hören wir, wie ein moderner Kenner die Handhabung dieser so vervollkommneten Gewehre schildert67.

»Langweilig, kompliziert und gefährlich in hohem Grade war die Handhabung der Feuergewehre mit Luntenschlössern. Vorerst das Anzünden der Lunte mit Stein, Stahl, Zünder und Schwefel [52] (wenn nicht gerade eine andere brennende Lunte oder ein Lagerfeuer zu Gebote stand), dann die Vorsicht, welche notwendig war, die Lunte vor dem Auslöschen vor Feuchtigkeit, sich selbst, seine Kleider und die Munition vor ihrer Glut zu bewahren. Hierauf die langweilige Ladung aus der kleinen Pulverbüchse und dem Kugelbeutel, endlich das Aufschütten auf die Pfanne, wobei ein guter Atem dazu gehörte, das überflüssige Pulver, nachdem diese geschlossen war, aus allen Fugen des Schlosses wegen Gefahr zufälliger Entzündung wegzublasen. Sollte man nicht unmittelbar oder bald nach der Ladung abgefeuert werden, so war es meist notwendig, den Pfannendeckel zu besserem Schutze des Zündpulvers mit Unschlitt zu verkleben – eine etwas schmutzige Operation, dann das Einpassen der Lunte in das Hahnenmaul; nicht zu weit vorstehend, wo sie die Pfanne nicht getroffen hätte, nicht zu weit zurück, wo sie leicht erstickt wäre – nicht zu fest, weil man sie ja bei dem Kürzerbrennen sehr oft weiterschieben mußte, nicht zu locker, weil sie sonst leicht durchrutschen und erlöschen konnte, und dabei immer die ängstliche Aufmerksamkeit, um nicht mit einer der beiden brennenden Luntenspitzen oder der von ihnen abgewehten Funken der offenen Pulverbüchse oder dem Gewande nahe zu kommen. Und vollends ein so armer Luntengewehrmann, den man als Dragoner auf ein Pferd setzte und der alle diese verwickelten Manipulationen noch mit der Leitung seines Gaules vereinigen sollte!«

Kein Wunder, daß Machiavelli wohl an manchen Stellen seiner Kriegskunst von der Gefährlichkeit der Hafenbüchse und Feldgeschütze spricht, an anderen aber sie wieder geringschätzig behandelt und von den Hafenbüchsen meint, sie seien nützlich, die Bauern zu schrecken, wenn sie etwa einen Paß besetzt hätten.

Ein französisches Werk aus dem Jahre 1559 empfahl die Armbrust wieder einzuführen, weil sie vorteilhaft sei gegen Kavallerie, bei Regen und bei Überfällen68.

Namentlich der Bogen hat noch lange seine Anhänger und Verteidiger gefunden. Noch im Jahre 1590 fand in England eine [53] literarische Kontroverse über die Vorzüge des Bogens und der Arkebuse statt. Ein John Smythe ist für den Bogen: er schießt sicherer, schneller, man wird nicht in Verlegenheit gebracht durch schlechtes oder feuchtes Pulver oder durch die Lunte; man könne in mehr Gliedern schießen und die Pfeile erschrecken die Pferde. Barwick erwidert darauf, daß die Nässe für die Bogensehnen ebenso schädlich sei wie für das Pulver; gute Bogenschützen seien selten, da es leichter sei, mit der Artebuse zu zielen als mit dem Bogen und Müdigkeit den Bogner überhaupt unfähig mache; oft würden die Schüsse überhaftet, mit halber Kraft abgegeben. Es möge sein, daß die Pferde mehr in Furcht gelegt würden durch Pfeile, die Männer aber mehr durch Kugeln. Smythe erwidert, daß, wenn ein Musketier öfter als zehnmal in der Stunde schieße, er nicht mehr imstande sei, ein Ziel zu treffen69.

Im Jahre 1547 besiegte der englische Bogen die Schotten bei Pinkin Cleugh; 1616 werden in den Kämpfen zwischen Venedig und Österreich Pfeilschützen erwähnt; im Jahr 1627 erschienen die Engländer vor La Rochelle mit Bogen und Pfeilen; im Jahre 1730 im Lager von Mühlberg waren sächsische Husaren mit Bogen und Pfeil bewaffnet; im Siebenjährigen Krieg brachten die Russen Kalmücken mit, von denen ein Tagebuch berichtet: Sie führen Bogen und Pfeile, mit denen sie unglaublich weit und gewiß schießen, alleine bei nassem und windigem Wetter ist dieses Geschoß nicht sehr zu fürchten. General Fermor habe schließlich die »meisten Kalmücken« nach Hause geschickt, weil sie der Kriegszucht nicht zu unterwerfen waren, überdies auch, ebenso wie die Kosacken, das Feuer scheuten70. Ja sogar im Jahre 1807 und 1813 traten im russischen Heere Kalmücken, Baschkieren, Tungusen auf, die mit Bogen und Pfeil bewaffnet sind. Der französische General Marbot erzählt in seinen Memoiren, er selbst sei in der Schlacht bei Leipzig durch einen Pfeil verwundet worden; obgleich aber die Zahl dieser berittenen Bogenschützen ungeheuer gewesen sei, sie wie ein Wespenschwarm die Franzosen immer umschwärmt und [54] die Luft mit der Masse ihrer Pfeile erfüllt hätten, so sei, seines Wissens, doch nur ein Franzose durch einen Pfeilschuß getötet worden und die Verwundungen, die sie hervorbrachten, meist nur leicht gewesen. Diese geringe Wirkung würde mit den mittelalterlichen Nachrichten schlecht harmonieren, wenn nicht in Betracht zu ziehen wäre, erstens daß Marbot die Zahl dieser Naturkrieger ungeheuer übertreibt und zweitens, daß sie sich den Feuergewehren gegenüber natürlich meist in respektvoller Entfernung gehalten haben71.

Wenn im Jahre 1495 die Franzosen72, im Jahre 1499 Schweizer73, im Jahre 1526 Frundsbergs Landsknechte74 sich auf einem Marsch gegen verfolgende Gegner durch Schützen in der Nachhut deckten, so werden Bogner und Armbruster das in ähnlichen Lagen auch früher getan haben.

Während das Geschütz in der Feldschlacht eine völlig neue Erscheinung ist, so sind das Geschütz im Festungskrieg und die Handfeuerwaffe Instrumente, die zunächst nur ergänzend neben ähnlich wirkenden Instrumenten anderer Art gebraucht werden und erst sehr allmählich dazu kommen, diese ganz zu verdrängen. Die taktische Verwendung der neuen Handfeuerwaffen unterscheidet sich daher zunächst nicht von der Anwendung der bisherigen Fernwaffen.

In den Schlachten, die dem mittelalterlichen Kriegswesen ein Ende machten und die neue Epoche auf diesem Gebiete heraufführten, bei Granson, Murten und Nancy, um das noch einmal zu betonen und mit Nachdruck hervorzuheben, war die neue Kraft auf der Seite der Ritterschaft: nicht durch das Feuergewehr ist sie überwältigt [55] worden, sondern umgekehrt: sie ist überwältigt worden, obgleich sie es verstanden hatte, sich die neue Technik schon zu Nutzen zu machen und sich mit ihr zu verbünden.

Das erste größere Gefecht, bei dem wir eine wesentliche Einwirkung der Handfeuerwaffe bemerken, scheint Anfang 1503 in Unteritalien zwischen Franzosen und Spaniern stattgefunden zu haben und wird uns, offenbar nach guten Quellen, von Jovius in seinem Leben Gonsalvos von Cordova erzählt75. Der französische Feldherr, der Herzog von Remours, sucht Gonsalvo aus seinem festen Stützpunkt Barletta herauszulocken. Gonsalvo hielt sich zurück, aber als die Franzosen abzogen, folgte er ihnen mit seiner leichten Reiterei und gab dieser zwei Abteilungen Arkebusiere mit, die auf beiden Flügeln die Reiter begleiteten. Die französischen Gensdarmen machten kehrt und stürzten sich auf die spanischen Reiter, die scheinbar die Flucht ergriffen und die Franzosen dadurch zwischen die Arkebusiere lockten, die sie nun kräftig beschossen. Die Gensdarmen hätten sich nun ihrerseits gegen die Arkebusiere wenden können, um die niederzureiten, aber dazu kamen sie nicht, da die spanischen Reiter verstärkt wieder zum Angriff übergingen, so daß die Franzosen mit schwerem Verlust die Flucht ergreifen mußten.

Bald darauf ist die Schlacht bei Cerignola (28. August 1503), wo dies Feuergewehr in Verbindung mit einer Feldbefestigung den Charakter des Gefechts bestimmt, und das steigert sich nun von einer Schlacht zur anderen.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 4, S. 49-56.
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