Drittes Kapitel.

Die Taktik der Spießerhaufen.

[60] Der große Infanteriehaufen mit der blanken Waffe war einst von den Schweizern gebildet worden, um defensiv ansprengenden Rittern zu widerstehen und offensiv Ritter und Schützen niederzurennen. Die Verbreitung dieser Infanterie über die anderen Völker ergab die neue Aufgabe des Kampfes solcher Infanteriehaufen nicht bloß gegen Reiter und Schützen, sondern auch gegeneinander. Ja, dieser Kampf wurde jetzt nicht nur eine neue, er wurde die Hauptaufgabe. Denn die Überlegenheit der geschlossenen Infanterie über die alten Waffen war so evident geworden, daß man sie zur Hauptwaffe hatte machen müssen, daß sie die Waffe und die Kraft des Heeres bildeten und die anderen Waffen dagegen zurücktraten, daß in ihrem Sieg oder ihrer Niederlage die Entscheidung lag. Machiavelli erkannte aus seinen Studien, daß auch im Altertum die Infanterie mit der blanken Waffe den Kern des Heeres gebildet habe, und forderte und prophezeite deshalb eine Erneuerung der Kriegskunst nach dem Muster der Alten.

Die Formen der neuen Infanterie waren aber doch von denen der antiken recht verschieden. Die Alten hatten die Phalanx gehabt, die breite Aufstellung, sei es mit dem Spieß, sei es mit Pilum und Schwert; die Neueren hatten mehrere, meist drei tiefe Gevierthaufen mit den langen Spießen; am meisten Ähnlichkeit hatten sie noch mit der späteren mazedonischen Phalanx, mit der Sarisse, aber der Unterschied zwischen der einheitlichen breiten Aufstellung und den drei Haufen ist doch fundamental. Wir werden noch darauf zurückkommen.[60]

Die neue Aufgabe des Kampfes von Infanterie gegen Infanterie hat vielleicht auch in dem Wesen der Gevierthaufen und ihrer Bewaffnung eine gewisse Wandlung herbeigeführt. Ich habe noch im vorigen Bande bei der Darstellung des schweizerischen Kriegswesens in Übereinstimmung mit der Tradition an der Vorstellung festgehalten, daß der Langspieß, d.h. der Spieß von etwa 5 Meter Länge, wenn er auch bei Morgarten und Sempach vielleicht noch nicht vorhanden gewesen, sich doch im Laufe des 15. Jahrhunderts eingebürgert gehabt habe, weil er so sehr geeignet war, die Ritterschaft abzuwehren. Nun findet sich bei Jovius zweimal mit einer gewissen Betonung die Nachricht, daß die Schweizer, als sie 1494 im Dienste Karls VIII. von Frankreich in Italien auftraten, Spieße von 10 Fuß Länge gehabt hätten. Rüstow hat das so ausgelegt, daß die Eidgenossen in ihrem gesteigerten Selbstbewußtsein und weil der Langspieß so sehr un bequem zu tragen ist, ihn auf 10 Fuß verkürzt hätten. Hobohm hat dem gegenüber die Meinung ausgesprochen, daß bis dahin die Schweizer überhaupt keine längerer Spieße geführt, und daß der eigentliche Langspieß, also die Verlängerung von 3 Meter auf 5 Meter, erst die Frucht des Kampfes der Infanteriehaufen gegeneinander gewesen sei. Auch mit Spießen von 3 Meter Länge konnten die alten Eidgenossen die Ritter im geschlossenen Haufen genügend abwehren, und nachher im Einzelkampf war dieser Spieß unendlich viel brauchbarer als der ganz lange. Wenn nun dennoch die Waffe verlängert wurde, so war diese Verlängerung zunächst die Technik der Landsknechte, denen sie im Kampf mit den Schweizern den unschätzbaren Vorteil gewährte, daß sie eher zum Stoße kamen. Die Schweizer folgten deshalb notgedrungen nach. Die Bilderhandschriften geben einen gewissen Anhalt dafür, daß die Handhabung des Spießes bei Schweizern und Landsknechten eine etwas verschiedene war.

Wenn dies die Entwicklung gewesen ist – also so unbedingt sicher möchte ich es freilich nicht annehmen – so wäre es eine Analogie zu der Geschichte der mazedonischen Sarisse, die ja auch nicht von Anfang an, sondern erst in ihrem letzten Stadium die überlieferte Länge von 21 Fuß erreicht hat.

Von so sehr großer Bedeutung ist die Frage der Länge des[61] Spießes nicht, weil der Vorteil auf der einen Seite, mit dem längeren Spieß eher zum Stoß zu kommen, doch wieder aufgehoben wird durch die viel größere Handlichkeit des kürzeren Spießes. Die Spanier, die bei ihrer Ausbildung der Infanterie von vornherein mehr Gewicht auf die Gewandtheit des einzelnen Kämpfers gelegt haben, sind deshalb auch bei einem Spieß von nur etwa 14 Fuß Länge geblieben, und die Franzosen und Italiener haben sich ihnen darin angeschlossen.

Hobohm sieht die Entwicklung des Langspießes jetzt so an.

Zunächst verlängerten die Ritter ihre Lanzen, um den Fußspießern an den Leib kommen zu können. Erst der Plattenharnisch gab im 15. Jahrhundert die Möglichkeit dazu, weil er den Haken zum Auflegen der Lanze hatte, die ohne den Haken nicht lange zu halten war.

Dann experimentierte man mit Verlängerung der Spieße bei den Landsknechten.

Über das Experimentier-Stadium war man aber noch nicht hinaus, als 1494 die Schweizer mit Karl VIII. nach Italien zogen, also noch mit den 10 Fuß-Spießen.

Erst von jetzt an begann dann das wirkliche Verlängern.

Stießen nun zwei solcher Haufen mit langen Spießen aufeinander, so entstand ein gewaltiges Drängen. Immer wieder erscheint in den Quellen der »Druck« oder der »Nachdruck«, vermöge dessen die tiefen Haufen den Gegner niederzuwuchten suchten; bei Bicocca, wo die Schweizer geschlagen wurden, wird hervorgehoben, daß der »Nachdruck« (da die Leute durch den Graben aufgehalten wurden) »nicht zum Besten war.« Bei Ceresole hält der Hauptmann der Schweizer seinen Haufen zurück, damit der gegnerische Landknechtshaufe sich beim Anlauf lockere und nicht fest geschlossen auf die Schweizer stoße, was auch erreicht wird. Wie in derselben Schlacht die Gascogner auf die Landsknechte stoßen, erzählt Monluc, sei der Zusammenprall so heftig gewesen, daß auf beiden Seiten das erste Glied zu Boden stürzte (tous ceux des premiers rangs, soit du choc ou des coups furent portés par terre). Das wird nicht ganz wörtlich zu nehmen sein, aber wenn es weiter heißt, daß das zweite und dritte Glied den Sieg entschieden habe, da es von den letzteren vorwärts gedrängt sei (car les derniers rangs les[62] poussaient en avant), so entspricht das allem, was sonst berichtet wird.

Man könnte meinen, unter einem solchen Druck von hinten und Mann an Mann fest aneinandergepreßt, hätten die vordersten Glieder sich gegenseitig aufspießen müssen; zum Teil geschah es auch, aber da gerade die vordersten Glieder gut gerüstet waren, so zerbrachen auch wohl die Spieße, oder gingen in die Luft oder glitten rückwärts den Knechten durch die Hand, trotz der Kerben, die sie einschnitten, um sie festhalten zu können. Schließlich also preßte man gegeneinander, fast ohne die Waffe gebrauchen zu können.

Aus dem Altertum ist ein solches Bild, da ja die Spätmazedonische Phalanx nie mit einem gleichartigen Gegner zu kämpfen gehabt hat, nicht überliefert85.

Auch in der Landsknechtszeit aber erleidet das eben gezeichnete Normal-Bild einige Abwandlungen. Man stellte einige besonders gut gerüstete, starke und bewährte Krieger in das erste Glied, die mit zweihändigen Schwertern oder Hellebarden dreinschlugen. Von Frundsberg selbst wird berichtet, »daß er in der Schlacht bei La Motta (1513) im ersten Gliede gestanden, sein Schwert geschwungen habe und gekämpft, wie ein Holzhackerknecht, der im Walde eine Eiche fällt«. Man stellte auch Schützen ein in das erste oder zweite Glied, z.B. bei Ceresole. Die Spanier ließen in der Schlacht bei Ravenna auserwählte Fußknechte, erfahrene Soldaten unterhalb der langen Spieße am Boden hinkriechen und die Landsknechte mit dem kurzen spanischen Schert treffen.

Alle diese Hilfsmittel können aber nur sekundäre Bedeutung haben. Denn sobald man, sei es Schwertkämpfer, sei es Hellebardier, sei es Schützen, sei es Kurzwaffen in größerer Zahl zwischen die Spießer mischen wollte, würde man nicht sowohl den Gegner als die eigene Ordnung aufgelöst haben, denn diese beruht einmal auf der ungeheuren Wucht der dichtgedrängten Spießleute.

Wir haben eine Schrift »Trewer Rath und Bedencken. Eines Alten wol versuchten und Erfahrenen Kriegsmans«, die wohl[63] Ende 1522 geschrieben ist und vielleicht von keinem Geringeren als von Georg Frundsberg herrührt. Diese Schrift verwirft die Meinung, »die Ordnung solle dicke sein« und durch den Druck von hinten die Entscheidung geben, »denn die fordersten, die die Erbeit thun sollen, die wollen nicht überdrenget werden; man muß ihnen den freien Stich lassen«, sonst dränge man sie hinein, »wie man ein Bolck in einem Graben stieße«.

»Der trewe Rat« empfiehlt deshalb ein anderes Mittel. Der alte Schweizer Haufe, wie ihn die Landsknechte übernommen haben, ist ein Manns-Viereck: ebensoviel Glieder wie Rotten, das will jagen, noch erheblich tiefer als breit, wenigstens im Anmarsch, da der Mann mehr Abstand nach hinten, als nach der Seite beansprucht. »Der trewe Rat« verlangt nun, daß die Front drei mal so breit sei, wie die Tiefe; denn, sagt er, so viel eine Ordnung breiter sei als die gegnerische, so weit breche man in die Seiten ein »und faßt die schmale Ordnung zwischen die Arme. Das ist der rechte todt und gewinn der Schlacht«; selbst wenn der Feind stärker sei, »denn wenn man in dieselbe in die seiten kompt, so sein sie verloren«. Die vordersten fünf oder sechs Glieder seien es, die die Schlacht gewinnen oder verlieren und je mehr Leute durch die breite Ordnung »zu der arbeit kommen können«, desto leichter sei es.

In Unterstützung seines Umfassungsgedankens hängt »der trewe Rat« seinem Gewalthaufen noch einige kleine Haufen an, die plänkeln und sich auf die Flanke des Gegners werfen sollen.

Nichts scheint einleuchtender zu sein, als diese Betrachtung. Aber nicht nur ist auch der Gewalthaufen des »trewen Rats« noch immer überaus tief und massig (bei 6000 Mann etwa 45 Mann tief und 135 breit), sondern bis gegen Ende des Jahrhunderts und noch darüber hinaus, hat sich das Prinzip der quadratischen Aufstellung tatsächlich behauptet. Ein Theoretiker nach dem anderen empfahl flachere Aufstellung, die Praxis blieb bei der Tiefe, es sei denn, daß man wenigstens zum Raum-Viereck statt des Manns-Vierecks überging, was ja eine größere Breite, geringere Tiefe bedeutete86. Wir werden darüber noch zu reden haben,[64] wenn wir zu dem Moment gekommen sind, wo die Abwandlung einsetzt. Hier sei der Grund des Beharrens in den alten Formen nur angedeutet: breite Ordnungen sind sehr viel schwerer zu bewegen und zu führen, als schmale. Stellen wir hier nun zunächst fest, daß von der Idee, durch breitere Aufstellung Vorteil zu gewinnen, wie wir es kriegsgeschichtlich ausdrücken könnten, aus der Haufen- oder Keil-Aufstellung in die Phalanx-Stellung überzugehen, die tatsächliche Frontentwicklung nicht ausgegangen ist87.

Die Abwandlung, die die schwere Infanterie aus sich heraus erfährt, ist allein, daß man die schweizerische Dreizahl der Haufen allmählich aufgibt. Als das Heer der Schmalkaldener Karl V. an der Donau gegenüberstand, sah man es als ein Doppelheer an und stellte zweimal drei Haufen mit den Reitern dazwischen nebeneinander. Die Spanier hatten sich ja schon in der Schlacht bei Ravenna (1512) vom Schema emanzipiert, gehen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zu einer größeren Zahl von Haufen über, je nach Umständen, deren quadratische Form beibehalten wird. Diese freiere Behandlung finden wir auch in den Hugenottenkriegen. Eine prinzipielle innere Abwandlung der Infanterietaktik bedeutet die zeitweilige Vermehrung der Haufen aber noch nicht.[65]

Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 4, S. 60-66.
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