Die Schlacht bei Ravenna[82] 110.

(11. April 1512.)

Auf der einen Seite steht Papst Julius II., der mit Venedig und den Spaniern verbunden ist, auf der anderen Ludwig XII. von Frankreich, der Mailand in Besitz hat. Die Spanier kommen unter[82] dem Vizekönig Cardona von Neapel angerückt, von Norden stiegen die Schweizer, die sich dem Papst zur Verfügung gestellt hatten, von ihren Bergen herab (Herbst 1511). Aber da es nicht so leicht war, zu einer Kooperation zu gelangen, besonders bei dem schlechten Winterwetter, vielleicht auch unter Mitwirkung französischen Geldes, kehrten die Schweizer wieder um. Nun hatten die Franzosen die Überlegenheit. Sie entsetzten Bologna, das die Verbündeten belagerten, nahmen Brescia zurück, das den Venetianern in die Hände gefallen war, und als nun noch weitere Verstärkungen an französischem Fußvolk anlangten, da beschloß Gaston de Foir, der Oberbefehlshaber, einem Befehl seines Königs gemäß, in großangelegter Offensive vielleicht bis nach Rom selbst vorzudringen.

Umgekehrt suchte der spanische Feldherr die Entscheidung hinzuziehen, da der Kaiser, der König von England und die Schweizer nahe daran schienen, zu Spaniens Gunsten einzugreifen. Als das französische Heer, mit einer Proviantkolonne ausgerüstet (Guicciardini), Ende März heranzog, nahm Cardona auf dem Ostabhang der Apenninen Stellung, die der Gegner trotz seiner Überlegenheit nicht anzugreifen wagte. Während die Spanier sich aus den Städten her Ämilia ohne Schwierigkeit verpflegten, gerieten die Franzosen in Mangel. Da wandte sich Gaston gegen Ravenna. Noch im letzten Augenblick gelang es den Spaniern, eine Verstärkung der Besatzung in die Stadt zu werfen, und man schlug einen Sturm, den die Franzosen wagten, ab. Aber lange hätte sich die Stadt gegen die französische Artillerie nicht halten können; die Feldarmee mußte etwas tun, sie zu retten. Man rückte näher und fand südöstlich von Ravenna eine Stellung, die nach der Ansicht des Fabricius Colonna, des Befehlshabers der Reiter, allen Anforderungen[83] entsprach; sie war schwer angreifbar, man konnte sich leicht darin verpflegen, dem Feind aber bei Fortsetzung der Belagerung von Ravenna schwer bedrohen und ihn an der Verpflegung verhindern. Navarro, der Führer des Fußvolks, glaubte, eine ebenso gute Stellung noch eine italienische Meile näher am Feinde zu finden, und Cardona befahl, in diese einzurücken, obgleich Colonna protestierte und behauptete, das würde zur Schlacht führen111.

Der linke Flügel lehnte sich an den tief eingeschnittenen Fluß Ronco, jenseits dessen die Franzosen standen. Man hatte also, ehe sie anrücken konnten, Zeit, die Front künstlich zu sichern. Navarro war bereits durch solche Befestigungen berühmt. Hinter einem Graben112 wurden eine Anzahl Karren aufgestellt, aus deren jeder ein Spieß dem Feinde entgegenragte. Zwischen den Karren wurden Schützen und Feldschlangen aufgestellt. Hinter dieser Befestigung stand die Infanterie, im ersten Treffen in Linie, die Spanier, im zweiten in zwei Gevierthaufen die Italiener. Links von der Infanterie, auf dem hohen Uferrande des Ronco, stand die schwere Reiterei, die kein fortlaufendes Fronthindernis vor sich hatte, vermutlich Weil nicht Zeit genug gewesen war, den Graben bis an den Fluß zu verlängern; auf etwa 20 Klafter wird der Zwischenraum zwischen dem Ende des Grabens und dem Fluß angegeben. Auf dem rechten Flügel standen die leichten Reiter unter Führung des jungen Pescara, des Gemahls der Vittoria Colonna. Die Quellen berichten nichts davon, daß auch dieser Flügel im Gelände eine Anlehnung gehabt habe. Das italienische Meßtischblatt aber zeigt, daß etwas über einen Kilometer vom Ronco nasse Wiesen beginnen, die von Gräben durchzogen sind, also für Truppenbewegungen kaum brauchbar. Eben darum wird man die leichte Reiterei von der schweren getrennt auf diesen Flügel aufgestellt haben. Da die Frontlinie überdies senkrecht an den Ranco ansetzend etwas rückwärts geneigt verlief, so war eine Umgehung hier um so weniger tunlich.[84]

Die Franzosen waren etwa 23000 Mann113 stark, darunter ein starkes Korps deutscher Landsknechte, 5000-6000 Mann unter Jacob von Ems. Die Spanier zählten etwa 16000 Mann, waren also fast um die Hälfte schwächer. Überdies hatten die Franzosen die doppelte Überlegenheit an Artillerie, etwa 50 Geschütze gegen 24. Bei der durch Natur und Kunst so überaus vorteilhaft verwahrten Stellung der Spanier, schwankte man im französischen Kriegsrat, ob der Angriff zu wagen sei. Da aber andernfalls nichts als Aufgabe der Belagerung und ein ruhmloser Rückzug übrig geblieben wäre, so entschied sich der jugendlich-kühne Prinz Gaston schließlich für den Angriff und fand auch das Mittel, den Gegnern den Vorteil ihrer Stellung zu entreißen.

Beim ersten Morgengrauen überschritt das französische Heer teils auf der Brücke, teils durchs Wasser gehend den Ronco und marschierte dem Feinde gegenüber auf.

Colonna hatte dem Vizekönig noch den Vorschlag gemacht, da man nun einmal dem Feinde so nahe sei, vor Tage aufzubrechen und ihn beim Flußübergang anzugreifen. Die Brücke ist nur einen halben Kilometer von der Aufstellung der Spanier entfernt. Der Feldherr aber war bei dem Plan Navarros, den Feind in der unübertrefflichen Defensiv-Stellung zu erwarten, stehen geblieben.

Die Franzosen marschierten also rein frontal den Spaniern gegenüber auf, rechts die schweren, links die leichten Reiter, in der Mitte das Fußvolk. Die Mitte soll etwas zurückgehalten worden sein, so daß die Aufstellung halbmondförmig war; was das für einen Zweck gehabt haben soll, ist jedoch nicht ersichtlich, ebensowenig hat es auf den Verlauf der Schlacht Einfluß geübt.

Weder hüben noch drüben finden wir noch etwas von den drei Haufen der schweizerischen Taktik. Diese Drei-Haufen-Taktik ist angelegt auf die stürmische Offensive von wenigstens einem oder zwei der Haufen, wenn nicht allen dreien. Die Spanier aber standen in einer reinen Defensiv-Stellung, und auch die Franzosen schritten nicht unmittelbar aus dem Aufmarsch zum Angriff vor. Es geschah etwas ganz Neues. Das angreifende Heer kam wohl[85] bis auf eine gewisse Nähe an den Feind heran, dann aber ließ es zunächst seine Artillerie spielen, so daß die anderen Truppen nur in der Deckung dieser Waffe ihre Aufgabe erfüllten.

Die spanische Artillerie antwortete der französischen mit Erfolg, da sie, wenn auch an Zahl viel schwächer, den Vorteil der Stellung für sich hatte. Auf der Seite der Franzosen aber war der Herzog Alfons von Este (Ferrara), der sich die Pflege der neuen Waffe der Artillerie zur besonderen Aufgabe gemacht hatte. Seine Zeughäuser waren gefüllt mit Geschützen, und vermöge seines Kontingentes waren die Franzosen in dieser Waffe so stark und die Bedienung aufs trefflichste einexerziert. Der Herzog erkannte den Nachteil der eingenommenen Stellung und führte einen Teil der Geschütze hinter der Infanterie weg auf einen Fleck, vermutlich einer kleinen Erhöhung, von wo sie die Spanier in der Flanke beschießen konnten114. Navarro befahl seinem Fußvolk, sich hinzulegen, um der Wirkung des Feuers zu entgehen, die spanische Ritterschaft aber auf dem linkel Flügel wurde jetzt durch das Kreuzfeuer aus der Front und Flanke schwer mitgenommen. Moderne Kavallerie würde in solcher Lage sicher durch einen Platzwechsel, Benutzung irgend einer Gelände-Schwellung sich der heftigsten Wirkung des feindlichen Feuers entziehen. Die spanische Ritterschaft war nicht derart in der Hand ihrer Führer, um Bewegungen, wie die gedachten, richtig auszuführen. Ganz im Gegenteil, so wie die feindlichen Geschützkugeln unter sie einschlugen, forderten sie von ihrem Führer Colonna, daß er sie zur Attacke anreiten lasse. Der zahlenmäßige Verlust, den man erlitt, wird gar nicht so sehr erheblich gewesen sein, da auch die geübteste Artillerie-Mannschaft damals nur langsam und unsicher feuern konnte. Aber schon einige wenige der schweren Kugeln, die durch die Masse hindurchfuhren oder einschlugen und Roß und Reiter zerrissen und zerschmetterten, ließen die Lage als unerträglich erscheinen. Colonna sandte an Navarro und Pescara die Aufforderung,[86] mit der ganzen Linie gleichzeitig zum Angriff zu schreiten. Natürlich lehnte Navarro ein solches Ansinnen ab, da ja die Spanier damit den ganzen Vorteil ihrer so sorgsam gewählten Defensiv-Stellung preisgegeben hätten. Das ist so klar, daß auch Colonna das unmöglich verkannt haben kann. Aber eine Defensiv-Schlacht zu liefern, ist nicht so leicht: es gehört dazu, daß die Truppen in der Hand des Feldherrn sind. Colonna aber war seiner Ritter nicht Herr. Sie stürmten, um den Kanonenkugeln zu entgehen, vorwärts auf die ihnen gegenüber haltenden französischen Ritter. In dem Kampf, der sich entspann, wurden sie um so mehr geschlagen, als die Franzosen noch eine Reserve von 400 Lanzen, die an der Ronco-Brücke zurückgeblieben war, heranholten und sie den Spaniern in die Flanke schickten.

Auf dem anderen Flügel, bei der leichten Reiterei, spielte sich ein ganz ähnlicher Vorgang ab; die italienisch-spanischen Reiter unter Pescara gingen vor gegen die feindlichen Geschütze und erlagen der Übermacht.

Im Zentrum hatte Navarro sein Fußvolk festgehalten. Bei durchaus rationeller Führung hätte das französische Fußvolk sich ebenfalls zurückhalten müssen, bis die Reiterei auf den Flügeln gesiegt hatte, um dann mit ihr zusammen zum Sturm zu schreiten. Aber es scheint, daß das spanische Geschütz das feindliche Fußvolk früher erreichte, als es erwartet hatte, und da ließ es sich auch nicht mehr halten, sondern stürmte los. Navarro ließ die Steinigen sich erheben, die hinteren Haufen schlossen auf die vordere Linie auf, und das Ganze warf sich auf den Feind, als dieser schon durch die voraufgehende Salve der Hafenbüchsen erschüttert, den Graben zu überschreiten suchte. Die Picarden und Gascogner wichen vor dem Anprall der Spanier zurück, die Landsknechte aber hielten Stand, obgleich die besser mit Kurzwaffen ausgestatteten Spanier ihnen, wo sie sich zwischen die langen Spieße eindrängen konnten, schweren Schaden zufügten.

Die Entscheidung brachte, daß mittlerweile auf beiden Flügeln die Reiter der Franzosen gesiegt hatten und nun der spanisch-italienischen Infanterie in die Flanke fielen. Auch die weichenden Picarden und Gascogner gingen wieder vor, und von allen Seiten mit gewaltiger Überlegenheit angegriffen, mußten die Truppen Navarros[87] schließlich zurückweichen. Aber trotz aller Verluste, die sie erlitten, ließen sich nicht auseinandersprengen, sondern zogen, noch 3000 Mann stark, in geschlossener Ordnung auf den Ronco-Damm entlang und retten sich. Ihr Führer Navarro wurde gefangen, wie auch Fabricius Colonna und Pescara, die beiden Führer der Reiterei. Gaston de Foir aber, der französische Feldherr, war gefallen, als er mit einer Anzahl Ritter den zurückgehenden Gewalthaufen der spanischen Pikeniere zu sprengen versucht hatte.

Das Merkwürdige an der Schlacht von Ravenna ist die Rolle, die auf der Seite des Angreifes die Artillerie spielt. Mit voller Absicht ließ Gaston sie zunächst allein arbeiten, nicht nur um den Feind mürbe zu machen für die folgende Attacke der Ritter und Fußknechte, sondern um durch das Feuer den Feind zu verlocken, selber aus seiner schönen Defensiv-Stellung zum Angriff vorzugehen. Daß das nicht bloß Folge, sondern bewußte Absicht war, wird nicht nur bezeugt durch Guicciardini, der es Gaston in seiner Ansprache an die Truppen verkündigen läßt, sondern besonders durch den florentinischen Gesandten Pandolfini, der bei der Schlacht zugegen war, auf der französischen Seite. Auch Machiavelli jagt in den Discorsi (I, 206): »Die Spanier wurden durch das feindliche Geschütz aus ihren Verschanzungen herausgetrieben und zur Schlacht gezwungen«. Der Zwang wurde ausgeübt ausschließlich auf die spanischen Ritter auf dem linken Flügel. Man mag daher die Frage aufwerfen, weshalb diese nicht zurückgezogen und die Deckung der vor ihr stehenden Geschütze einer Infanterie-Abteilung übertragen wurde, die sich durch Niederlegen einigermaßen hätte schützen können, so wie es das Gros der Infanterie tat. Die Antwort auf diese Frage ist, daß die Ritterschaft von dem Platz, wo sie einmal stand, sich nicht so leicht zurückführen ließ.

Durch das planwidrige Vorbrechen der spanischen Ritterschaft wurde erst diese selbst und dann auch die Infanterie ruiniert, die ja, schon im Begriff zu siegen, vermöge des Flankenangriffs der französischen Ritterschaft geschlagen wurde. Hätte die spanische Ritterschaft den Angriff der französischen in ihrer Stellung abgewartet, so würde sie ihm vermutlich gewachsen gewesen sein, denn die Öffnung zwischen dem Frontgraben und dem Ronco, wo der Angriff hindurch mußte, war ja nur 20 Klafter (braccia)[88] breit (nach Pandolfini), und Navarro hatte eine Abteilung von 500 Pikenieren bereitgestellt, um Hilfe zu bringen, wo es not täte, d.h. der Ritterschaft, sobald sie angegriffen wurde und im Handgemenge war, zu Hilfe zu kommen.

So glänzend der Sieg von Ravenna war, die Franzosen hatten keinen Gewinn davon. Die deutschen Landsknechte, die einen so wesentlichen Anteil an dem Siege gehabt hatten, wurden durch kaiserliches Mandat aus dem französischen Lager abberufen und folgten diesem Befehl mit Ausnahme von etwa 800, die auf die kaiserliche Autorität nichts gaben. Die Schweizer aber, die ja durch ihren Abzug im Winter den Franzosen die Hand gegen die Spanier freigemacht hatten, traten wieder auf den Plan. Als Bundesgenossen des Papstes und der Republik Venedig, mit Zustimmung Kaiser Maximilians, zogen sie durch Tirol 18000 Mann stark den Venezianern zu und brachten dadurch ein so gewaltiges Heer zusammen, daß die Franzosen, ohne auch nur eine neue Schlacht zu wagen, Italien verließen. Nur zwei Monate nach der Schlacht von Ravenna währte es, da waren sie auf dem Wege über den Mont Cenis nach Frankreich abgezogen und hielten im Mailändischen nur noch einige feste Schlösser. Man liest wohl, der Tod ihres Feldherrn Gaston de Foir habe die Franzosen aller Früchte ihres Sieges beraubt. Richtiger wird man den Satz umkehren: daß kein ritterlicher Schlachtentod den jugendlichen französischen Prinzen davor bewahrte, die unmittelbar darauf folgende strategische Niederlage mit seinem Namen verbunden zu sehen. Ich sehe nicht, daß er wesentlich anders und besser hätte handeln können, als sein Nachfolger La Palice es getan hat. Gegenüber einer absoluten Übermacht muß auch der strategische Genius versagen.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 4, S. 82-89.
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