Erstes Kapitel.

Die Umbildung der Ritterschaft in Kavallerie[137] 133.

Die Wandlung des Kriegswesens vom Mittelalter zur Neuzeit haben wir begründet gefunden in der Schöpfung einer Infanterie: des Fußvolks in taktischen Körpern.

Im Laufe des 16. Jahrhunderts vollzieht sich nun der analoge Vorgang bei den Reitern, die Umwandlung der Ritterschaft in Kavallerie.

Der begriffliche Unterschied, wie mehrfach ausgesprochen, ist, daß das Rittertum beruht auf den qualifizierten Einzelkämpfern, die Kavallerie auf den aus Reitern bestehenden taktischen Körpern. So gewiß bei Reitern dieser Unterschied ebenso besteht wie bei Fußkriegern, so ist doch bei jenen die Spannung in den polarischen Gegensätzen des Einzelnen und des Organismus eine geringere. Der äußere Zusammenhalt in einer berittenen Truppe ist schwerer herzustellen und festzuhalten, als bei Fußvolk, und der Kampf Mann gegen Mann ist bei den Reitern immer in viel weiterem Umfang geübt worden, als beim Fußvolk, wo er hinter den Bewegungen und dem Druck der Massen oft ganz zurücktrat. Wir haben deshalb z.B. die Frage offen lassen können, ob die Reiterei Alexanders des Großen als Ritterschaft oder als Kavallerie anzusehen sei.[137]

Die Wandlung, die wir in der Übergangszeit zunächst beobachten, ist eine schärfere Scheidung der uns schon bekannten Waffengattungen unter den Reitern. Während die eigentliche mittelalterliche Ordnung ist, daß der Ritter als der Hauptkämpfer von leichten Reitern und Schützen unterstützt wird, und nur selten die Waffengattungen für sich operieren, so finden wir jetzt viel öfter, daß die drei Waffen für sich zusammengefaßt werden und für sich kämpfen. In der Schlacht bei Ravenna 1512 kämpften z.B. beiderseits die schweren Reiter auf dem einen, die leichten Reiter auf dem anderen Flügel.

Tüchtige und brauchbare leichte Reiter waren unter den Kurturvölkern nicht so leicht in größeren Mengen zu haben. Zuerst die Venetianer warben dafür Albanesen an, die Stradioten, die dann auch in dieses oder jenes Herrn Dienst traten und uns allenthalben bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts begegnen.

Ähnlich den Stradioten sind die Husaren, Ungarn, die schon im 15. Jahrhundert auftauchen und im 16. häufiger auch in deutschen Kriegen genannt und gerühmt werden134; sie führen Lanzen und Schilde.

Während also die Tüchtigkeit der schweren Reiter verbürgt wird durch ihren ritterlichen Stand, wirbt man als leichte Reiter halbe Barbaren, die in ihrer Wildheit einen natürlichen kriegerischen Sinn zeigen.

Die Schützen nahmen statt des Bogens und der Armbrust allmählich die Feuerwaffe, eine 21/2 bis 3 Fuß Arkebuse an. Der erste, der Arkebusiere zu Pferde als eine besondere Truppengattung organisierte, soll Camillo Vitelli im Jahre 1496 gewesen sein. Bei Wallhausen und anderwärts finden wir später Bilder von Reitern, die im vollen Jagen mit der Arkebuse schießen; daß sie getroffen haben sollten, kann man sich kaum vorstellen.[138]

In Du Bellays Instruktions (Discipline militaire) von 1548135 sind vier Reiter unterschieden: die Ritter (hommes d'armes), leichte Reiter (chevaux legers), Stradioten (estradiots ou gineteres), Arkebusiere (harquebusiers). Nicht früher als 17jährig, fügt der Autor hinzu, dürfe der Mann Reiter werden und dann allmählich in der obigen Reihenfolge von einer Gattung zur anderen, in jeder zwei oder drei Jahre dienend, aufsteigen. In derselben Reihenfolge seien auch immer bessere Pferde notwendig. Die hommes d'armes mußten noch drei bis vier Jahre im Dienst bleiben; dann dürfen sie sich auf ihre Lehen zurückziehen, aber immer bereit, dem Aufgebot zu folgen.

Neben dieser schärferen Scheidung der reiterlichen Waffenarten finden wir aber noch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die Zusammenstellung von Rittern, Schützen und leichtgewappneten Knechten in Einheiten ganz wie in den alten Ordonnanz-Companien. In der genannten Schrift Du Bellays im Jahre 1548 werden 100 Gensdarmen, 100 leichte Reiter, 50 Arkebusiere zu Pferde und 50 Stradioten zusammengefaßt zu einer Einheit unter einen Kapitän gestellt, und als Heinrich II. von Frankreich sich der Stadt Metz bemächtigt hatte, hielt er vor ihren Toren im Jahre 1552 eine große Parade ab, die uns ein Augenzeuge, Rabutin, nach seinem Tagebuch schildert: Die Gensdarmerie, 1000 bis 1100 Mann stark, auf großen französischen, spanischen oder türkischen Rossen, die in den Farben der Kapitäne geharnischt waren, die Ritter von Kopf zu Fuß gepanzert, mit Lanze, Degen, Dolch oder Hammer; hinter ihnen ihr Gefolge von Schützen und Knechten, die Chefs aufs reichste geschmückt in vergoldeten und ziselierten Harnischen, mit Gold- und Silberstickereien, die Schützen mit leichter Lanze, der Pistole am Sattelbogen, auf leichten rittigen Pferden, jeder und alles so glänzend wie es nur zu machen war.

Zum nächsten Jahre, 1553, berichtet uns derselbe Rabutin (S. 594) ausdrücklich, daß besondere Schützen-Kompanien zu Pferde[139] nicht gebildet worden seien, sondern der König befohlen habe, daß jeder Chef einer Gensdarmen-Kompanie auch eine entsprechende Anzahl Arkebusiere zu Pferde anwerbe; sie seien sehr nützlich gewesen, wenn die Ritter auf ungünstiges Gelände gekommen wären. Für eine Schlacht aber werden sie dann doch abgetrennt (S. 600) und zu einem besonderen Korps vereinigt.

Diese Schilderungen, wenn wir statt der Arkebusen und Pistolen Armbrüste einsetzen, können ebensowohl aus dem 13., wie aus dem 16. Jahrhundert sein. Eine weitere Entwicklung ist daraus unmittelbar nicht abzuleiten.

Die schärfere Scheidung der reiterlichen Waffengattungen ist nur die Folge eines stärkeren Bedürfnisses nach leichten Reitern, die imstande sind, den neuen, so gewaltigen Waffen der Infanterie und Artillerie auf dem Marsch durch Überfälle und Verfolgung mehr Schaden zuzufügen, als die schwerfälligen Ritter. Ihrer größeren Zahl entsprechend können sie nun auch in der Schlacht selbständiger auftreten.

Im Gegensatz zu der hier beobachteten schärferen Trennung der verschiedenen Reitergattungen vollzieht sich ein anderer Vorgang, nämlich ein Ausgleich, eine Annäherung zwischen dem Ritter und seinem Gefolge zu einer gleichmäßigeren Art der Bewaffnung, indem in demselben Maße Ritter, rittermäßige Knechte und gewöhnliche Knechte zu einem festeren Zusammenhalt in bestimmten Formen gebracht werden. Diese Entwicklung beobachten wir in den Heeren Karls V. während seines letzten Krieges gegen Franz I. von Frankreich (1543/44).

Jovius berichtet uns, daß, während die Kaiserlichen 1543 Düren bestürmten, zwei deutsche Infanterie-Schlachthaufen und zwei »quadrata equitum agmina« aufgestellt gewesen seien, ein Entsatzheer abzuwehren136. An anderer Stelle137 hebt er das langsame Reiten (doch wohl wegen der Geschlossenheit) der Deutschen hervor, und ein venezianischer Gesandter, Navagero, berichtet seinen Herrn, daß die Franzosen vor dem gleichmäßigen Anreiten der deutschen Reiterei (cavalleria) Furcht gehabt hätten138.[140]

Im Schmalkaldischen Kriege, drei Jahre später, wird die Erscheinung schon deutlicher.

Ein venezianischer Gesandter, Mocenigo, der diesen Krieg mitgemacht hat, unterscheidet in der kaiserlichen Reiterei zwei Arten, die Gensdarmen und die Schützen (archibusetti); die letzteren, meldet er, tragen Panzer, führen leichte Lanzen und Radschloßpistolen, stehen eng zusammen und halten vorzügliche Ordnung139.

Der spanische Historiker dieser Ereignisse, Avila, berichtet, daß die kaiserlichen Reiter in Gevierthaufen (Eskadrons) aufgestellt waren, die nur 17 Glieder tief waren. »Dadurch wurde, sagt er, ihre Front sehr breit und zeigte mehr Leute, was einen sehr schönen Anblick hat. Nach meinem Urteil ist dies, wenn das Gelände es gestattet, die bessere und mehr Sicherheit gewährende Ordnung; denn ein breit aufgestelltes Geschwader kann nicht leicht umfaßt werden, was bei einem schmalen ohne Schwierigkeit geschieht. Andrerseits genügen 17 Glieder Tiefe für den Choc (golpo), und ein solches Geschwader kann es mit einem anderen aufnehmen. Davon sah man ein deutliches Beispiel in dem Gefechte, welches die niederländische schwere Reiterei der clevischen 1543 bei Sittard lieferte«.

Die Vorschrift, daß die Tiefe nur 17 Pferde betragen solle, weist darauf hin, daß bis dahin die Reiter noch tiefer aufgestellt worden waren. In dem Gefecht von Pillenreuth (1450) haben wir gesehen, daß die Ritter mit ihren Knechten bei etwa 14 Mann Breite, einige 20 Mann tief aufgestellt waren140 und in einer theoretischen Schrift aus dem Jahre 1532141 wird empfohlen, 6000 Reiter 83 Pferde rief aufzustellen.

Bei den mittelalterlichen Reitern haben wir zwei Grundformen der Aufstellung gefunden; entweder die Ritter ordneten sich in einem Gliede und ließen die Knechte und Schützen folgen (so weit sie nicht etwa als Plänkler voraufgingen) oder man ordnete[141] sich in einem tiefen Haufen. So fundamental der Gegensatz zu sein scheint, in der Praxis war er es nicht, da es sich ja nicht um Kampfes- sondern um bloße Annäherungsformen handelte, und im Kampfe auch der tiefe Haufen sich von selbst verbreitete und bei größeren Heeren die eingliedrige Ordnung der Ritter von vorn herein nicht durchführbar war.

In der schon angeführten Schrift »Trewer Rath und Bedenken Eines Alten und wohl versuchten und Erfahrenen Kriegsmanns«, die etwa aus dem Jahre 1522 stammt, und vielleicht keinen Geringeren als Frundsberg zum Verfasser hat142, werden »viel Hauffen und breitte Ordnungen« empfohlen, »damit viel Leute zum treffen und wehren kommen mögen und hinden, fornen und uffen seitten die Feinde angegriffen werden«. Ebenso verlangt Herzog Albrecht von Preußen, der ein großes Werk über Kriegswesen, ein »Kriegsbuch«, verfaßte (abgeschlossen 1555), in ganz ähnlichen Worten »breite Fronten und viele kleine Haufen«143.

Man könnte meinen, daß diese Anweisungen eigentlich eher als Vorläufer der Kavallerie-Bildung aufzufassen seien, als jene doch noch immer so erstaunlich tiefen 17gliedrigen Haufen Karls V. Aber so ist es doch nicht. Die vielen kleinen Haufen Frundsbergs und Albrechts gehören noch in die Sphäre der ritterlichen Ordnungen, der bloßen Annäherungs-Formationen, während die 17 Pferde tiefe Eskadron einen Keim zur Fortentwicklung enthält.

Die Tiefe von 17 Pferden beruht auf der Berechnung, die dem Herzog von Alba zugeschrieben wird144, – daß ein Reiter in der Tiefe etwa dreimal so viel Raum einnehme wie in der Breite, daß also eine Front von 100 Reitern in 17 Gliedern doppelt so breit wie tief sei. Man ist also von dem »agmen quadratum« der Reiter, von dem Jovius berichtet, schon zu einer viel flacheren Aufstellung[142] gelangt und hält, wie alle die Berichte übereinstimmend betonen, diese Ordnung mit Sorgsamkeit fest. Um das zu können, muß man, wie die Infanterie das längst tat, Exerzier-Übungen gemacht haben, und wie man in diesen Übungen erst eine gewisse Festigkeit und Sicherheit erlangt hatte, da setzte man die Tiefe noch weiter herab. Bei Tavannes145 hören wir von einer Tiefe von 10 Pferden, und de la Noue scheint 6-7 als die normale Tiefe einer Eskadron anzusehen146. Mit dem Ende des 16. Jahrhunderts nähern wir uns also den Formen einer modernen Kavallerie147. Wenn das genügte – weshalb hat man nicht gleich mit dieser flachen Aufstellung begonnen? Vermutlich aus demselben Grunde, weshalb auch die Infanterie mit den ganz tiefen Haufen begonnen hat und erst allmählich zu flacheren Aufstellungen fortgeschritten ist – nämlich, weil die tieferen Massen leichter zusammenzuhalten sind. Erst wenn die Exerzitien und die damit verbundene Disziplin einen höheren Grad erreicht haben, ist es möglich, die Aufstellungen zu verbreitern, ohne die Ordnung zu verlieren, und eben deshalb sind historisch die 17 Glieder tiefen Eskadrons des Schmalkaldischen Krieges und nicht die »vielen kleinen Haufen« Frundsbergs an die Spitze der Entwicklung zu stellen.

In den Heeren der deutschen Fürsten, die dem Kaiser im Schmalkaldischen Kriege gegenüberstanden, erschien noch der aufgebotene Vasall oder angeworbene Edelmann mit einem Gefolge verschiedenartig bewaffneter Begleiter148, und Philipp von Hessen legte Wert darauf, möglichst viele Edelleute als Kürisser unter seinen Rittern zu haben, aber die einfachen Soldreiter, die[143] den kaiserlichen entsprochen, hatten dennoch die Überzahl und der noch vorhandene feudale Untergrund verhinderte nicht, daß auch die Reiter der Schmalkaldner sehr wegen ihrer Tüchtigkeit und Ordnung gerühmt werden, im besonderen, daß sie den Trompeten-Signalen so gut Folge leisteten149.

Das scheint nun alles noch sehr wenig zu sein, und man würde weiter nichts daraus schließen, wenn man ähnliche Notizen über Reiter im Mittelalter fände. Der Fortgang der Dinge aber zeigt uns, daß wir es in der Tat mit Keimen zu etwas organisch neuem zu tun haben.

Die »Schwarzen Reiter«, wie sie schon im Schmalkaldischen Kriege genannt wurden, pflanzten sich fort wie die Landsknechts-Banden. Durch Räuberei und Meuterei berüchtigt, erscheinen sie in den äußeren und inneren Kriegen Deutschlands150[144] unter Albrecht Alcibiades, bald unter Emanuel Philibert von Savoyen, bald unter Günther von Schwarzburg. Die Nachfolger dieser »schwarzen Reiter« wiederum sind in den Hugenottenkriegen bei beiden Partien auftretenden »deutschen Reiter«, die von den Franzosen kurzweg »reîtres«, von den Italienern »raitri« genannt, in demselben Sinne als die Väter der europäischen Kavallerie zu betrachten sind, wie die deutschen Schweizer als die Väter der europäischen Infanterie. Deutsche sind es, die die neue Waffe bilden, aber nicht auf deutschem Boden. Deutschland genießt damals die längste Friedensperiode, über 60 Jahre lang, die ihm die Weltgeschichte jemals gegönnt hat, aber Frankreich ist erfüllt von den 30jährigen Wirren der Hugenottenkriege, und wie in der ersten Hälfte des Jahrhunderts die Kriege der Franzosen zum großen Teil bestritten wurden mit der Infanterie der Schweizer und Landsknechte, so fochten jetzt sowohl auf der Seite der Protestanten wie der Katholiken vornehmlich deutsche Reiter und bildeten hier auf französischem Boden die neue Methode des Reiterkampfes aus.

Nach dem Muster dieser Reiter schuf auch Spanien eine nationale Reiterei, die nach einem kurzen Mantel, den sie trugen, Herreruelos oder Ferraruoli genannt wurden und die Stradioten, die man bis dahin noch immer gebraucht hatte, ersetzten151.

In der Schlacht auf der Mooker Heide (1574) berichtet uns der spanische General Mendoza, der selbst dabei war, seien die Reiter-Eskadrons der Haufen so geschlossen angeritten, daß man durch ihre Glieder nicht durchstehen konnte152.

Da ja auch das Mittelalter schon das Anreiten zum Gefecht in dichten, tiefen Haufen kannte, so hängt die Bedeutung der Eskadrons-Bildung davon ab, welche Festigkeit des Zusammenhalts diese taktischen Körper gewinnen, und diese erfährt nun eine wesentliche, wenn schon nur mittelbare Steigerung durch die Einführung der neukonstruierten Waffe, der Pistole. Noch in der[145] 50er Jahren erscheinen die »schwarzen Reiter« mit Lanzen, dann aber verschwinden diese und der deutsche Reiter führt nur Pistole und Degen, während die französischen Ritter, die Gensdarmen, noch in der alten Weise mit Lanzen bewaffnet sind.

Die Radschloß-Pistole, die sie anwenden, auch Fäustling genannt, war sehr lang und schwer, hatte eine sehr unsichere Zündung, das Schloß verschmandete sehr schnell, war schwer zu reinigen, und der Schwefelkies nutzte sich ab. Aber sie hatte den großen Vorzug, mit einer Hand regiert werden zu können, und der Unsicherheit des Schusses half man ab durch die Bewaffnung mit mehreren Pistolen. Nicht nur in den Halftern, sondern auch in den Stiefeln hatten die Reiter Pistolen stecken153.

Wenn das Schießen auf den Pferden auch nicht so einfach ist154, so gehörte dazu doch immer viel weniger Übung, als zur Handhabung der ritterlichen Lanze; auch bedurfte der Pistolier nicht eines so starken Pferdes wie der Ritter.

Wallhausen nennt die Lanze eine Offensiv-, die Pistole nur eine Denfensiv-Waffe. Die Charakteristik wird erklärlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die Lanze 18 bis 21 Fuß lang ist155,[146] die Pistole aber nur auf ganz kurze Entfernung wirkt. Die Anweisungen empfehlen, nur zu feuern, wenn man beinah aufsetzen könne; man solle, da der Panzer so leicht nicht zu durchschießen ist, den Reiter in die Hüfte zu treffen suchen, oder aber das Pferd aufs Blatt oder in den Kopf. De la Noue sagt, die Pistole wirke nur auf drei Schritt.

In dem Treffen von Sievershausen, 1553, zwischen Moritz von Sachsen und Albrecht Alcidiades von Brandenburg, berichtet der Kurfürst selbst in einem Brief an den Bischof von Würzburg noch vom Schlachttag156, die beiderseitigen Reiter seien sich so nahe gerückt, daß man das Weiße in den Auge habe erkennen können; dann hätten sie ihre Pistolen (sclopetos) gelöst und sich in den Kampf gestürzt, und Schärtlin von Burtenbach in seiner Selbstbiographie sagt (S. 103): »in dieser Schlacht haben die Schützen zu Roß großen Schaden getan«.

Um nun die Pistolen zu möglichst ausgiebiger Wirkung zu bringen, bildeten die Reiter ein eigenes Manöver aus, das wir schon bei den Fußschützen unter dem Namen die »Schnecke« »limaçon« kennen lernten und das bei den Reitern meistens »Caracole« genannt wird. In dem Treffen von Sievershausen ist es offenbar noch nicht angewandt worden; die älteste Erwähnung finde ich zehn Jahre später in der Erzählung der Schlacht bei Dreux (1562) in den Memoiren des Marschalls Tavannes157. Seit zur Zeit Karls V., erzählt er, die Pistolen erfunden worden seien, habe der deutsche Adel, der früher bei den Landsknechten diente, sich zu Pferde gesetzt und die 15 bis 16 Glieder tiefen Eskadrons gebildet. Mit diesen hätten sie angegriffen, aber ohne durchzubrechen. »Das erste Glied wendet sich nach links, macht dadurch das zweite frei, das ebenfalls schießt« und sofort die Schnecke bildend, um wieder zu laden. Bei Dreux aber fügt der Autor hinzu, hätten die Reiter ihre Wendungen gar nicht nötig gehabt, da sie mit ihren tiefen Eskadrons es nur mit französischen Rittern in der dünnen Haag-Aufstellung zu tun gehabt hätten. Als erst die Franzosen gelernt hätten, sich auch in Eskadrons aufzustellen,[147] hätten sie die Reiter leicht besiegt, da sie nicht caracolierten und kehrt machten, sondern eindrangen in den Feind, und die hinteren Glieder der Reiter nur aus Knechten bestanden.

Diese Reiter, hören wir weiter, seien durch Moritz von Sachsen und Albrecht von Brandenburg158 ausgebildet worden, und der Landgraf von Hessen, ihr Chef, habe gesagt, daß für seinen Sold man einmal zum Angriff schreite, für sein Land zweimal, für die Religion dreimal, bei Dreux aber für die französischen Hugenotten hätten die Reiter viermal attackiert.

Die nächste Erwähnung der Caracole finde ich bei der Erzählung von Moncontour, 1569, in der Geschichte des Bürgerkrieges aus der Feder des Hugenotten de la Popelinière, die kurz darauf, 1571, in Köln im Druck erschien159. Gegen die Schilderung bei Tavannes ist insofern ein kleiner Unterschied, als er je nach dem Raum die Caracole nach rechts oder links machen läßt, während Tavannes (weil der Reiter mit der rechten Hand schießt) nur die Wendung nach links erwähnt und an einer späteren Stelle sie sogar für die allein mögliche erklärt160.

Des weiteren hebt Popelinière noch hervor, daß die Reiter die besten Leute sorgfältig für die ersten Glieder auswählten und daß jeder Gefallene sofort durch seinen Hintermann ersetzt wurde.

Bis tief in den dreißigjährigen Krieg hinein spielt die Caracole eine Rolle. In den Anweisungen zur Exerzierkunst, welche in dieser Zeit zu einer eigenen Literatur heranwachsen, wird sie nicht so ausführlich behandelt, wie man meinen sollte, da die Vermutung naheliegt, daß die Caracole gerade auf dem Exerzierplatz sehr schön, doch im Ernstfall, wie so viele künstliche Evolutionen, kaum durchführbar[148] zu sein scheint161. Da la Noue bemerkt (Discours XVIII), daß mit den ersten Gliedern auch gleich die hinteren zu feuern pflegten nämlich in die Luft, »wenns nur knalle«. Ich möchte also die Vermutung aussprechen, daß die Bedeutung der vielgenannten Caracole weniger in der direkten praktischen Verwendung, als in dem Exerzitium selbst zu suchen ist, nämlich in der Disziplinierung, die sich gewollt oder ungewollt aus jeder regelmäßigen Übung ergibt. Die Disziplinierung ist aber gerade das, worauf es uns in diesem Moment der Entwicklung, nämlich dem Übergang zum Rittertum zur Kavallerie ankommt. Ein Rittmeister, der sein Fähnlein dahin gebracht hat, daß es eine exakte Caracole durchführt, hat, das ist klar, seine Leute in der Hand und hat eine wirklich disziplinierte Truppe. Denn ohne viel Mühe und Arbeit an Mann und Pferd, Aufmerksamkeit und Willensspannung, Waffenkontrolle und Gewöhnung ist das Ziel nicht zu erreichen. Ist die genau durchgerittene und durchgefeuerte Caracole da, so ist auch der taktische Körper da, in den der einzelne Reiter als bloßes Glied hineingearbeitet und dessen Haupt und Seele der Führer, der Rittmeister ist.

Die engen Grenzen der praktischen Anwendung der Caracole ergeben sich aus folgenden Erwägungen.

Stieß eine caracolierende Schwadron auf Reiter, die ihrerseits den Kampf mit der blanken Waffe suchten und in die Caracolierenden hineinsprengten, so war es sofort mit dem kunstvollen Ablösen der Glieder zu Ende und das Gefecht verlief in einem allgemeinen Kampf, in de Melee. Das berichtet uns schon Popelinière, und de la Noue spottet geradezu über diese Fechtweise, die eher an das Barlaufspiel erinnere, als für den Krieg passe. (XVIII Discours.)

Stieß die caracolierende Schwadron auf geschlossenes Fußvolk, so konnte sie diesem hart zusetzen; so ist es z.B. dem Schweizer Gevierthaufen in der Schlacht bei Dreux (1562) widerfahren. Aber der Infanterie-Gevierthaufen ist ja auch seinerseits von Schützen begleitet, die mit ihrer viel weiter reichenden und sicherer abgeschossenen Kugel doch den nur auf ganz kurze Entfernung wirkenden Pistolen sehr überlegen waren und die Reiter wohl meist in einer gewissen respektvollen Entfernung hielten. Das bezeugt uns der im Jahre 1588 ermordete Herzog Heinrich[149] von Guise, der zu Brantome sagt: »Um die Reitres zu besiegen, muß man eine ordentliche Truppe von guten Musketieren und Arkebusieren haben ...; dies ist die Sauce, mit der man ihnen den Geschmack verdirbt«. So habe er sie im Jahre 1575 bei Dormans (unweit Chateau-Thierry) besiegt, so wenig Schützen zu Fuß er auch gehabt habe162.

Die beste Anwendung hatte daher die Caracole wo die Reiter sie von beiden Seiten anwandten und dann allerdings der Erfolg davon abhing, wer das Manöver am flottesten und exaktesten ausübte, welcher Teil also am besten exerziert war und die zuverlässigsten, am besten imstande gehaltenen Pistolen hatte.

Da der Reiter mit der rechten Hand schoß, so machte er die Caracole am besten nach links. Tavannes erklärt es deshalb einmal (S. 118) für einen Fehler, Reiter auf dem rechten Flügel aufzustellen, weil sie dann caracolierend die Truppen links von ihnen in Unordnung brächten, während auf dem linken Flügel niemand durch ihr Caracolieren berührt werde.

Die Pistolen-Reiter werden auch »Kürisser« genannt und dieses Wort wechselt damit seine Bedeutung163. Ehedem bezeichnet es den Ritter oder rittermäßig gewappneten Mann – jetzt wird der Kürisser geradezu als »leichter Reiter« bezeichnet – nämlich im Gegensatz zu den ganz schwer gewappneten Rittern auf dem schwer gepanzerten Roß. Diese werden die Gensdarmen genannt, und man findet eine Armee wohl eingeteilt in Gensdarmerie, Kavallerie und Infanterie164.

Die Kürisser sind zum nicht geringen Teil auch Edelleute, aber doch überwiegend gemeine Soldknechte und zum Teil die alten Begleiter der Ritter, die mit Panzer, Sturmhaube und Pistolen ausgerüstet in der Eskadron, in der die Edelleute und die bewährtesten Krieger die ersten Glieder und den äußeren Rand[150] bildeten, mitritten. Allmählich aber wurden durch den Zusammenhalt in der Eskadron die verschiedenen Elemente zu einer homogenen Masse ausgeglichen165.

Noch sehr lange aber blieb der Bestallungsbrief, den ein Kriegsherr einem Obersten oder Hauptmann für eine Truppenwerbung ausstellte, anders für die Infanterie, anders für die Kavallerie. Bei der Infanterie stand jeder Mann nur auf sich selbst; bei der Kavallerie blieb der feudale Charakter, der Ritter mit einer Anzahl von Erfolgsleuten166.

Wie die Kürisser, so werden auch die berittenen Arkebusiere in Eskadrons geordnet, wie wir das oben schon im Schmalkaldischen Kriege gefunden haben, und caracolieren.

Als besondere Waffengattung kamen in der Mitte des 16. Jahrhunderts noch die Dragoner hinzu. Um die Vorteile der Feuerwaffe, die doch nur auf dem festen Erdboden ganz zu gewinnen waren, mit dem Vorteil der Schnelligkeit des Pferdes zu vereinigen, gab man Infanteristen Klepper von geringerem Wert, die für eine Attacke nicht hinreichten und ohne Schmerz im Stich gelassen werden konnten167. Dragoner sind also ihrem Begriffe nach[151] berittene Infanteristen und tragen deshalb noch heute, obgleich sie allmählich zu einer Kavallerie umgebildet wurden, den Infanteriehelm.

Scharf geschieden sind die verschiedenen Waffengattungen der Reiterei natürlich nicht und zu verschiedenen Zeiten bedeuten auch, wie wir das eben an den Kürissern gesehen haben, dieselben Namen nicht immer dasselbe.168

Wallhausen, Kriegskunst zu Pferd (S. 2), sagt, schwere Reiterei seien die Lanzierer und Kürisser; leichte die Arkebusierer und Dragoner. Die Lanzierer könnten jedoch sowohl leicht als schwer sein.

Das erste größere Gefecht, von dem uns, so weit ich sehe, positiv der Sieg von Pistoliers berichtet wird, fand nicht weit von Nanch, bei Saint Vincent am 28. Oktober 1552 statt. Die deutschen Reiter unter Albrecht Alcibiades trafen auf französische Reiter unter Aumale. Sowohl die beiden Reiter, wie die berittenen Arkebusiere, wie schließlich auch die Gensdarmen, müssen vor den Pistolenkugeln der deutschen Reiter weichen. Sehr viele Pferde werden getötet und im Handgemenge endlich auch eine Menge vornehmer Herren getötet oder gefangen. Auch Aumale selbst erhält mehrere Pistolenschüsse und wird schließlich gefangen169.

Im Jahre 1572 berichtet ein venezianischer Gesandter, Contarini, nach Hause, die französische Gensdarmerie habe sich verschlechtert; im Kampfe mit den Pistolen-Reitern habe sie sich zuerst durch Verstärkung ihrer Rüstungen zu helfen gesucht, bis[152] Mann und Pferd das Gewicht nicht mehr hätten tragen mögen, dann aber habe ein großer Teil der Gensdarmen selber die Fechtweise der Gegner angenommen. Die deutschen Landsknechte, fügt Contarini hinzu, die früher so berühmt gewesen, seien in ihren Leistungen sehr zurückgegangen, die »Kavallerie der Reiter« aber habe alle Tage an Kredit gewonnen170.

Die Pistole als Ausbau und neue Anwendung der Feuerwaffe erregte, ganz wie einst die Geschütze und die Arkebusen, den Widerwillen der Zeitgenossen. De la Noue nannte sie teuflisch, und Tavannes klagt171, wie mörderisch die Kämpfe dadurch geworden seien. Früher habe man drei bis vier Stunden gefochten und von 500 seien nicht zehn getötet worden. Jetzt sei in einer Stunde alles aus.

Trotzdem traten nicht etwa in einem einfachen Ablösen die Reiter-Eskadrons der Pistoliers an die Stelle der Ritter mit ihren Hilfskriegern, sondern in langem praktischen und auch theoretischen Ringen standen die beiden Kampfmethoden einander gegenüber. Es ist ein doppelter, ineinander verflochtener Gegensatz, um den es sich handelt: einerseits der Kampf des tiefen Haufens der Eskadron gegen die eingliedrige Aufstellung, den Haag, andererseits der Kampf der Pistole gegen die Lanze. Die Schriftsteller nennen sie oft kurzweg die französische und die deutsche Fechtweise172.

Ende des 18. Jahrhunderts verbreitet sich wieder eine Gattung Reiter mit Lanzen, die ULANEN. Man könnte sie, da sie die Hauptwaffe der Ritter führen, für deren Nachkommen halten. So ist es jedoch nicht; sie sind polnischer Abkunft. Der Gang der Dinge hat es mit sich gebracht, daß die Reiter die Lanze mehrere Generationen hindurch völlig abgelegt und sie dann erst unter ganz veränderten Umständen wieder aufgenommen haben.[153]

Wir wollen die hauptsächlichsten Äußerungen über den Übergang von der ritterlichen zur kavalleristischen Fechtweise, die sich teils bei den Erzählern der Hugenottenkriege, teils in militärisch-theoretischen Schriften finden, an uns vorüberziehen lassen. Ihre Mannigfaltigkeit und ihre Widersprüche geben von dem unsicheren Tasten der Fachmänner einen lebendigen Eindruck.

Der erste bedeutende Mann, der über das Problem des Reiterkampfes in dieser Zeit geschrieben, war Gaspard de Saulx-Tavannes (geb. 1505), der schon mit König Franz als dessen Page bei Pavia mitfocht und in den Hugenottenkriegen als Marschall auf der Seite der Katholiken kämpfte († 1573). Ein Werk »Instruction d'un vrai chef de guerre«, das auf Grund von Mitteilungen, vielleicht auch Niederschriften des Marschalls von einem Neffen herausgegeben worden ist, ergibt für uns kaum etwas. Wichtig und ergiebig aber sind die Memoiren, die sein Sohn Jean unter Benutzung väterlicher Aufzeichnungen verfaßt hat, leider ohne bei den eingestreuten militärischen Betrachtungen immer zu erkennen zu geben, ob sie von ihm oder von dem Vater stammen. Da der Vater bereits im Jahre 1573 starb, wo die Entwicklung noch in vollem Fuß war, so ist das ein empfindlicher Mangel.

Bei Tavannes (S. 203) ist berichtet, daß die Ritter ihre Rüstungen immer schwerer machen ließen, um sich gegen die Pistolenkugeln zu schützen. Gegen die schweren Rüstungen richte aber auch die Lanze nichts aus: eine leichte zersplittere ohne Effekt und eine schwere sei für den eigenen Träger so gefährlich, daß er sie oft lieber fallen als brechen lasse.

Nur in voller Karriere bei frischem Mann und frischem Pferd auf gutem Boden richte die Lanze etwas aus. Die gar zu schwere Rüstung mache den Träger unfähig zu kämpfen. Tavannes ist deshalb gegen die Lanzen und für die Bewaffnung der Reiter mit Pistolen.

Nach den Memoiren hat er in der katholischen Armee zuerst im Jahre 1568 die taktische Ordnung reformiert, Eskadrons von Pistoliers nach Art der Reitres gebildet und verlangt, daß die Gensdarmerie größere Kompanien als bisher, nicht von 30, sondern von 80-100 Mann bilde und statt der Aufstellung im Haag die[154] Aufstellung in Eskadrons annehme. Die Eskadrons von 400 Reitern seien die besten. Die Ordonnanz der Reitres bilde Haufen von 1500-2000 Pferden; diese aber würden von drei Eskadrons zu je 400 überwunden werden. Der gar zu große Haufe bringe Konfusion, und es kämen zu wenig Reiter zur Anwendung der Waffe. Bei den Reitres bildet man die ganz großen Haufen, weil Dreiviertel von ihnen aus bloßen Knechten beständen. Habe man deshalb erst die beiden ersten Glieder durchbrochen, so sei der Rest wenig gefährlich173.

Anfänglich hätten (S. 291) die Reitres die französischen Gensdarmen vermöge ihrer Aufstellung in Eskadrons geschlagen. Aber sobald diese auch die Aufstellung in Eskadrons annahmen, besiegten sie die Reitres, indem sie sie, während jene caracolierten, kräftig attaquierten174.[155]

Tavannes will also sowohl die Aufstellung in Eskadrons wie die Pistole, aber nicht die Caracole, sondern verlangt, daß die Attacke zum Handgemenge und zum Durchbrechen des Gegners führe.

Trotzdem hat er die Lanze für überflüssig erklärt und nur sein Temperament (sa vogue), wie der Neffe hinzufügt, habe ihm ein Glied in der Front und in der rechten Flanke der Eskadron gestattet.

Tavannes wirft die Frage (S. 116) auf, ob es besser sei, im Trabe in den Kampf zu gehen oder stehenden Fußes den Feind zu erwarten. Der Angriff gäbe Pferden und Menschen mehr Schwung, aber er gäbe denjenigen, die sich nicht in das Stechen mischen wollten, mehr Mittel, sich ihm zu entziehen. Deshalb sei es wenigstens bei neuen oder weniger zuverlässigen Soldaten besser, in guter Ordnung den Feind zu erwarten oder wenigstens erst auf 20 Schritt in Trab oder Galopp überzugehen, weil die Feiglinge dann ihre Plätze nicht wohl verlassen könnten und die Kapitäne sie selbst gegen ihren Willen zwingen könnten, tapfer zu sein175.

Noch mehrfach (S. 122, 123, 203 bis 205) kommt Tavannes breit ausgesponnen und mit anderen Betrachtungen vermischt auf[156] die Warnung vor den Attacken in schneller Gangart zurück, weil dann die weniger Mutigen zurückblieben. Ein Kapitän, der 15 Schritt Galopp mache, ohne auf seine Soldaten zu achten, laufe Gefahr, allein zu attackieren und sich im Feinde zu begraben. Die Feiglinge hielten sechs Schritt vor dem Feinde ihre Pferde an. Wenn man sich aber im Schritt oder im kurzen Trage bewege, verderbe man ihnen den Kunstgriff und die hinteren Glieder drängten sie vorwärts. Wer im Galopp angreife, komme mit wenigen und ungeordneten Leuten in den Kampf; deshalb langsam marschieren, häufig halt machen, die Kapitäne in der Front und auf den Ecken, die Leute mit ihren Namen anrufend, die Machtmeister hinten, die Feigen antreibend (frappant les couards). Wer sich auf seine Leute verlassen kann, möge auf 15 Schritt in Galopp übergehen. Wer langsam anrückt und den scharfen Trab oder kurzen Galopp erst zehn Schritt vom Feinde aufnimmt, wird sich nicht allein hineinstürzen.

Als Gegenstück gegen den hier von Tavannes so anschaulich geschilderten Vorteil des Angriffs in fest geschlossener Eskadron sei hier ein Zwischenspiel wiedergegeben, das Reisner in seinem Leben Frundsbergs aus der Schlacht bei Bicocca erzählt; es beweist, daß Tavannes keineswegs übertrieben hat. »Ein Französischer Kürisser rennet nach beschechener Schlacht zu dem von Frundsberg, unter seinen Hauffen, bis in das dritte Glied, und als die Knechte zu im stachen, und in wolten umbbringen, schrey der von Frundsberg: last in leben. Und als er in durch ein Tolmetschen fraget, wie und warumb er so vermessenlich unter sie geritten? Gab er zur Antwort: Er were einer vom Adel, und irer siebentzig hätten zusammengeschworen, sie wollten mit ihm eynfallen, und den schaden rechen. Er hab nit anders gemeynt, denn sie seyen hinden an ihm, und eylen hernach.«

Mehrfach empfiehlt Tavannes auch der Kavallerie, sich hinter einem Gelände-Hindernis, wie etwa einem Graben aufzustellen und den Angriff des Feindes stehende Fußes zu erwarten.

Vielfach sehr ähnlich den Betrachtungen des Katholiken-Führers Tavannes sind diejenigen eines Kapitäns aus dem Hugenotten-Lager, de la Noue.[157]

De la Noue (geb. 1531) hatte in einer Schlacht den linken Arm verloren und ersetzte ihn durch einen eisernen, nach den die Soldaten ihn bras de fer nannten. Fünf Jahre (1580 bis 1585) in spanischer Gefangenschaft, schrieb er hier seine hochberühmten 28 politischen und militärischen Diskurse, die 1587 zu Basel veröffentlicht wurden.

Es gelte unter den Kriegsleuten von Profession als ausgemacht, sagt er, daß eine Lanzen-Truppe von Pistoliers schlagen müsse. Spanier, Italiener und Franzosen seien darüber einig. Die Deutschen aber dächten anders. In einer Eskadron Gensdarmen, auch wenn sie aus Edelleuten bestehe, gäbe es doch immer weniger Mutige, und wenn nun der Angriff im Haag erfolge, so bildeten sich sehr bald Lücken: wenn auch die Tapferen, die regelmäßig in der Minderzahl sind, energisch angreifen, so bleiben doch die andern zurück, die ihrerseits gar keine Luft haben, zu beißen: Dem einen blutet angeblich die Nase, dem anderen ist der Bügel gebrochen, oder das Pferd hat einen Eisen verloren – kurzum, man sieht nach 200 Schritt Weges die lange Linie dünn werden und große Lücken darin erscheinen. Dem Feinde macht das sehr Kourage. Oft werden von 100 Reitern nicht 25 wirklich einbrechen; und wenn diese sehen, daß sie gar nicht unterstützt werden, brechen sie ihre Lanzen und tun ein paar Schwertschläge – dann kehren sie um, sofern sie nicht gleich niedergerannt worden sind.

Der Vorzug der Reitres ist daher ihr fester Zusammenhalt; sie seien wie aneinandergeleimt (collez les uns avec les autres). Die Erfahrung habe sie gelehrt, daß le fort toujours emporte le foible. Auch wenn sie geworfen seien, lösten sie sich nicht auf. Wenn sie aber die Caracole machten und zwanzig Schritt vom Feinde die Flanke böten, um ihre Pistolen-Salve zu geben, und dann nach hinten ritten, um wieder zu laden oder die andere Pistole herauszuziehen, so habe man sie oft geschlagen. Denn die Pistole wirke doch nur auf drei Schritt, und um eine Truppe zu werfen, müsse ma sie mit Entschiedenheit angreifen.

Die gute Ordnung müsse man nicht nur im Kampf halten, sondern schon auf dem Marsch. Daran ließen die Franzosen es[158] fehlen, die Deutschen aber hielten auch schon auf den Marsch sorgsam darüber, daß Jeder an seinem Platz bleibe176.

Wolle man einwenden, daß bei der Aufstellung im Haag die Möglichkeit gegeben sei, gegen die Flanken der feindlichen Eskadrons einzuschwenken, so sei damit auch nicht viel gewonnen, da in den dicken Haufen doch nicht tief einzudringen sei.

Stelle man nun wieder die Lanzen-Reiter in größerer Tiefe auf, so seien doch nur die ersten Glieder in der Lage, von der Lanze Gebrauch zu machen; die folgenden könnten im Gewühl nichts mit ihnen machen, und es bleibe ihnen nichts übrig, als sie fortzuwerfen und den Degen zu ziehen. Im Handgemenge sei nun aber der Pistolier am allergefährlichsten; während der Lanzierer eigentlich nur einen Stoß mit einer Lanze ausführen könne, habe der Pistolier seine 6-7 Schüsse und die Eskadron sei nichts als Feuer.

Man sollte danach meinen, daß de la Noue einfach die Abschaffung der Lanze empfehlen, durch eine relativ tiefe Formierung ein geschlossenes Herankommen verbürgen und ohne Caracole die Entscheidung im Handgemenge durch die Pistole erzielen wolle. So klar ist das Ergebnis seiner wiederholten und breit ausgesponnenen Betrachtungen jedoch nicht. So sehr er betont, wie viel furchtbarer die Kraft der Pistolen sei als die der Lanze, so preist er diese doch auch wieder und verwahrt sich ausdrücklich dagegen, daß er sie abschaffen wolle. Im Besondern für den französischen Edelmann sei die Pistole nicht zu empfehlen, denn er werde ihre Pflege und Ladung seinem Diener überlassen, und dann werde sie im entscheidenden Augenblick versagen.

Was de la Noue über die damalige Rüstung (15. Discurs) sagt, will ich in der 1592 erschienenen Übersetzung von Jacob Rathgeben hersetzen.

Die französischen Adligen, sagt er, fallen leicht in Übertreibung.[159]

»Das Exempel, so ich einfüren will, ist von der Manier, wie sie sich jetzundt zu wapnen und zu rüsten pflegen. Nun ob sie wol wegen gefehrlichkeit und strenge der Freustling und Büchsen gute ursachen gehabt, ihr Rüstung etwas stercker, und auff bessere prob als zuvor schlagen zu lassen: Haben sie doch in dem die rechte maß so gar überschritten, daz der mehrer theil an statt einer Rüstung, also davon zu reden, ein ganzen Amboß uff sich geladen. Hernach hat sich die schöne eines gerüsten gewapneten zu Pferdt ganz in heßliche ungestalt verwandelt. Dann sein Helmlein (habillement de teste) sicht jetzt einem Eisinen Haffen gleich. Am linken Arm führet er ein großen Blechhendschuh (gantelet), der inn den Arm biß zum Elenboen bedeckt: Am rechten nur ein so schlechts Armzuglein (mougnon), das blößlich die Achsel darunder verwahrt ist, Und gemeiniglich führet er keine Beintäschen (tassettes). Un statt der Casacken (Casaque) ein kleines rundes Glockenröcklin (un mandil), und kein Spehr oder Lantzen. Unsere Kürisser und leichte Pferdt bey König Heinrichs deß andern zeiten wahren viel schöner und luftiger zu sehen, die führten ihre Helmlin (salade), Arm und Bainzeug (brassals, tassettes), ihre Casacken, Spehr und Lantzen, und oben daran ein Fennlin (banderolle), unnd wahr diese ganze Rüstung so ring und leicht, daß einer solche ungehindert mol vier und zwenzig Stunden am Leib führen köndte. Die jenigen aber, so man heutigs Tags zu führen pflegt, feindt dermaßen so unbequem und schwer, daß einer vom Adel auff fünff unnd dreißig Jahr alt under einem solchen schweren laßt an Achseln allerdings lahm wirdt. Vor der zeit hab ich den Herren von Eguilli und den Ritter Puigreffier, zween ehrliche berümbte Alten, einen ganzen tag, allerdings von Fuß auff gerüst, vor iren Compagnien herreiten sehen, da doch jetziger zeit ein vil jüngerer Capitani nit wolt oder kondt in solchem Standt allein zwo Stunden verharren.«

Einige, sagt de la Noue (15. Discurs S. 345), erheben den Einwand, daß bei der Aufstellung im Haag alle zum Kampf kommen, in der Eskadron höchstens ein Sechstel, nämlich die in der Front. Aber es komme nicht auf den Erfolg des Einzelnen an, sondern darauf, den Gegner zu sprengen, und das tue die Eskadron; sie werfe die feindliche Linie da, wo die Standarte oder[160] die Kapitäne und die besten Leute ständen, und mit diesen löse sich das ganze auf. In einer Eskadron stelle man die Tapfersten ins erste Glied; auch für das zweite Glied wären noch tapfere Leute vorhanden sein. Der Rest fühle sich dann durch diese gedeckt und folge, da jene die Gefahr auf sich nähmen, wenn man siege, aber allesamt an dem Ruhm teil hätten. Hundert gut gewappnete und geführte Knechte in der Eskadron würden hundert Edelleute im Haag aufgestellt schlagen.

In zwei besonderen Fällen will auch de la Noue die Aufstellung im Haag beibehalten, nämlich, wenn eine kleine Abteilung gesondert kämpfe, und wenn man Infanterie angreife und Abteilungen detachiere, um von verschiedenen Seiten zugleich zu attackieren.

Blaise MONLUC, der vom einfachen Krieger zum Marschall von Frankreich emporstieg (†1577), rühmt in seinen Memoiren (zum Jahre 1569) die militärische Tüchtigkeit der Reistres, die sich nicht überfallen ließen, Pferd und Waffen gut in Stand hielten und im Gefecht furchtbar seien; man sähe nichts als Eisen und Feuer, und jeder Stallknecht sei gerüstet und bilde sich zum Kriegsmann aus.

Der bedeutendste spanische Militär-Theoretiker der Epoche ist BERNARDINO MENDOZA, der eine Geschichte des Krieges in den Niederladen schrieb (1592), und dessen »Theorie und Praxis des Krieges« im Jahre 1595 erschien und auch mehrfach ins Deutsche übersetzt worden ist.

Über die Tiefe der Eskadrons-Aufstellung gibt er keine bestimmte Vorschrift, sondern nimmt an, daß man nach Umständen eine breitere oder tiefere Aufstellung wähle, will aber, daß so oder so das Verhältnis 1 : 3 nicht überschritten werde (Th. I cap. 42).

In der Frage, ob die Lanze oder die Pistole vorzuziehen sei, entscheidet sich Mendoza (I cap. 44, cap. 49) für die Lanze; eine Kompanie Lanzen von 100 oder 120 Mann können 400 bis 500 Ferraruolen überwinden, wenn sie sie mit Ungestüm und von verschiedenen Zeiten zugleich angreifen. Er fügt aber hinzu, daß man gut tue, die Lanzen durch Arkebusiere zu Pferde, oder Pistoliers (ca. 43) auf ihrer linken Seite unterstützen zu lassen.[161]

Wenn so viele für die Pistoliers einträten, so sei der Grund, daß diese Waffengattung viel weniger Übung gebrauche, als die Lanzierer, und an Mann und Pferden deshalb viel leichter zu beschaffen sei177.

Bei der Erzählung der Schlacht auf der Mooker Heide (1574)178, die sonst nicht völlig deutlich ist, erklärt Mendoza, die Eskadrons der Lanzierer dürften nicht stärker als 100-120 Mann sein und müßten lebhaft angreifen, dann würden in der Melee den Reitres die Pistolen wenig nützen.

GEORG BASTA, als Sohn eines epirotischen Edelmannes in Italien geboren (1550), führte jung ein Regiment Arnauten unter Alexander Farnese, wurde spanischer General, kommandierte ein kaiserliches Heer gegen die Türken und schrieb neben einem Werk über den General-Feldoberrsten (il maestro di Campo generale) ein eigenes Werk über die leichte Kavallerie (1612), das auch mehrfach in deutlicher Übersetzung erschien.

Wie Tavannes, so will auch Basta die Mannschaft im Kampf nicht bloß in Tapferkeit, sondern auch durch Strenge zusammenhalten. Er schreibt vor (Bd. 4 Kap. 5), der Kapitän solle, wenn es an ein Treffen geht, zwei oder drei Pferdelängen vor seiner Kompagnie reiten, der Leutnant aber mit bloßem Schwert in der Hand hinter dem Haufen, »um jeden, der Unfügliches tue«, wenn nötig, sofort zu töten.

Basta wägt in einem eigenen Kapitel am Schluß seiner Schrift die Vorzüge der Kürisser und der Lanzierer gegeneinander ab und entscheidet sich für die Kürisser. Lanzierer hätten sehr gute Pferde, viel Übung und festen Boden nötig; nun die beiden ersten Glieder könnten zur Anwendung der Waffe gelangen; deshalb müsse man sie in viele kleine Schwadronen teilen, die getrennt angreifen. Weshalb denn nun aber eigentlich die Kürisser[162] die überlegene Waffe sind, kommt nicht heraus. Der Autor widerspricht sich wiederholt selbst und wird schließlich sogar unklar darüber, ob er eigentlich von den schweren ritterlichen Lanzieren oder von ungerüsteten, leichten Lanzenreitern spricht.

Diese Ungeschicklichkeit in den Argumentationen Bastas reizte den berühmtesten Theoretiker der Epoche, den Oberwachtmeister der Stadt Danzig JOHANN JACOBI VON WALLHAUSEN, ihm in seiner »Kriegskunst zu Pferd« (1616) mit scharfer Polemik entgegenzutreten. Er höhnt und spottet über des trefflichen Kavaliers Basta (der 40 Jahre der Kavallerie beigewohnt und seine Profession davon durchgemacht hat) Theorien und tritt mit Entschiedenheit für die Lanze ein. Beide Autoren sind darin einig, daß die Lanzierer in kleinen Haufen und nicht tiefer als in zwei Gliedern, ja sogar noch mit einem Zwischenraum zwischen diesen beiden angreifen sollen. Wallhausen sagt (S. 21): »Der Lanzierer thut sein effect in kleinen Squadronen, und nicht höher, zum höchsten als zwey Glieder hintereinander, und zwischen diesen zweyen Gliedern ein guter Raum gelassen, nicht geschlossen. Wenn nun im Angriff ein Pferd einem strauchelt oder gar fällig wird, so kann er seinen nachfolgenden Mitsoldaten nicht schädlich oder hinderlich seyn, sondern kann sich wiederumb aufflesen, und zu seinem Sqaudron sich wiederumb in Ordnung gebe.«

»Der Rührissierer aber, dieweil er in grossen Sqaudrorien, dick zusammengeschlossen, neben und hintereinander zusammen halten muß, so einem ein Pferdt im fordersten zweiten Gliede strauchelt oder durch den Feind verletzt wirdt, so kann er sich nicht allein, wan er noch nicht verwundet, nicht auflesen, sondern auch alle seine hinder ihm folgende Mitconsorten, in seynen Reyen, stossen und fällen mit ihren Pferden auff ihn: Da dann mancher Rührissierer mehr Gefahr seines Lebens mit Zertrennung seiner nachfolgenden Mitconsorten Perden sich zu befahren, als er vom Feindt hat. Dann so nur einer in einem Gliedt forn oder in der mitte fällig wirdt, so kann der hinderst folgende weder zur rechten noch zur linken noch hinder sich noch für sich, weichen, sondern wird von dem hindersten, der dieses nicht siehet, oder weiß, also angetrieben; daß also mancher gesunder unverletzter[163] Mann und Pferdt über das ander fellt, zertrit und umbs Leben bringt: Ja also mehr Schaden ihnen mit dieser Zertrennung zufügen: Wie auch dieses Mittel und Unglück ihr eigen Squadron sie selbsten mehr trennen und in ein Confusion bringen, also vom Feinde geschieht. Welches ohne zweiffel mehr dann 1000 mal von dem Herrn Basta erfahren und gesehen, da ich dieser Ungelegenheit Exempel so ich mit Augen gesehen, darthun könnte. Vermeine also, der Lanzierer habe eine größere Praerogation und Vortheil für den Rührissierer auch in dieser occasion.«

Man nehme, sagt Wallhausen weiter (S. 31), dem Lanzierer sein gutes Pferd und die Lanze und gebe ihm ein geringeres Pferd, so habe man einen Kürisser; dieser sei also so zu sagen, nichts als ein halber Lanzierer.

An einer späteren Stelle (S. 32) will Wallhausen sogar, daß das zweite Glied der Reiter dem ersten schädlich sei, weil es verhindere, daß dieses sich, wenn sein Angriff mißlinge, nach recht oder links abziehen könne. Deshalb sollen, wenn der Raum nicht reicht, alles in einem Gliede aufzustellen, die späteren mit 20 bis 30 Schritt Abstand folgen.

In dieser Argumentation vermissen wir hüben wie drüben einen wesentlichen Punkt, die Caracole. Um die Vorteile und Nachteile von Pistole und Lanze gegeneinander abzuwägen, müßte man doch auch in Betracht ziehen, daß die Lanzierer eine wirkliche Attacke ritten, die Pistoliers eigentlich nur plänkelten. Diese also mußten unterliegen. Aber nicht nur Basta schweigt davon, sondern auch Wallhausen, der grade hier das stärkste Argument für seine Auffassung hätte finden können. Alle beide aber sind schwache Dialektiker und haben den wahren Gang der Entwicklung nicht verstanden.

Als Wallhausen diese Betrachtungen schrieb (1616), ja schon als Mendoza noch für die Lanzen eintrat (1595), waren sie tatsächlich bereits abgeschafft.

Ist nun mit seinen Gründen Wallhausen unzweifelhaft sachlich im Recht, so fragt man um so mehr: weshalb sind denn die Lanzen abgeschafft worden und haben die Kürisser historisch gesiegt? Wallhausen selbst muß zugeben, daß der große Kriegsmeister seiner Zeit Moritz von Oranien, die Lanzen, die er von seinem[164] Vater Wilhelm I. überkommen, abgetan habe, und weiß keinen rechten Grund dafür.

Wir haben hier also wieder einmal den gar nicht so seltenen Fall, daß hervorragende Praktiker, die versuchen, die Probleme ihrer Zeit theoretisch zu erfassen, damit nicht fertig werden: sie vermögen sich das, was sie sehen und verstehen, doch nicht begrifflich und kausal zu erklären. Basta kommt den Dingen am nächsten, wenn er bemerkt, daß zu einem Kürisser viel weniger gehöre, als zu einem Lanzierer, jener brauche nichts weiter, als daß er die Rüstung tragen könne und in der Masse mitreife. Wallhausen erwider darauf: »Es gibt mehr Bauerflegel, die reiten können, als wohlgeübter berittener Kavallierers und Rittersleute: ergo haben die Bauerflegels den Vorzug für Rittersleuten.« Wirklich hat Basta dem Wortlaut nach diesem Fehlschluß gemacht: er hätte aber logisch und historisch das Richtige und Treffende gesagt, wenn er geschossen hätte: der Lanzierer, besonders wenn er neben der Lanze noch mit Pistolen ausgerüstet ist, ist in seiner Zwei-Glieder-Rangierung und kleinen Schwadronen dem tiefen Haufen der Kürisser überlegen – gleiche Zahlen vorausgesetzt. Für Lanzierer aber gebraucht man Edelleute oder sonst hervorragend tüchtige Krieger; deren gibt es immer nur wenige. Dagegen an den Kürisser, Mann wie Roß, stellt man so viel geringere Anforderungen, daß man eine sehr viel größere Zahl aufzubringen vermag, und vermöge dieser Überzahl werde sie die Lanzierer trotz ihrer besseren Qualität und besseren Aufstellung überwinden.

Der Kampf zwischen Haag und Schwadron, zwischen Lanze und Pistole ist also nicht bloß ein technischer Gegensatz, sondern zwei Zeitalter streiten miteinander. An dieser Stelle ist an der Legende, daß die Feuerwaffe das Mittelalter überwunden habe, wirklich wieder ein Körnchen Wahrheit. Aber die Wege der geschichtlichen Entwicklung sind oft nicht grade, sondern sehr gewunden und verschlungen. Die grade Entwicklung von der Ritterschaft zur Kavallerie würde Erleichterung der ritterlichen Rüstung, schnellere Pferde und Disziplinierung verlangt haben. Statt dessen finden wir, daß die eigentlich ritterliche Kampfart, die Attacke mit der eingelegten Lanze, völlig vergeht und eine Kampfart einsetzt, die daß grade Gegenteil alles Kavalleristischen zu sein scheint:[165] dicke Haufen in langsamster Gangart oder gar stehend den Gegner erwartend179 und statt mit der blanken Waffe mit der Pistole arbeitend. Aber so unkavalleristisch das alles ist, so war es doch der einzige Weg, das zu gewinnen, was dem Rittertum fehlte und was direkt aus ihm auf keine Weise zu entwickeln war: den disziplinierten, taktischen Körper. Von hier aus werfe man auch noch einmal den Blick rückwärts ins Mittelalter, um sich zu überzeugen, wie unrecht diejenigen haben, die schon in den Ritterscharen Kavallerie sehen wollen.

Aus dieser Gegenüberstellung wird uns nun auch ganz klar, weshalb die Geschichte der Kavallerie ihren Ausgang von den ganz tiefen Eskadrons nimmt. Je dicker die Haufen sind, desto schwerfälliger bewegen sie sich, desto weniger Kunst gehört aber auch dazu, sie zu bilden. Je weiter die Kunst und Disziplin fortschreiten, desto flacher wird allmählich die Rangierung wieder. Die Kavallerie ist keine Fortbildung des Rittertums, sondern eine Neubildung, die an die Stelle des Rittertums tritt.

Da uns die tiefen Aufstellungen ja schon im Mittelalter begegnet sind und sie sich von selbst ergeben, wo eine Anzahl Ritter, jeder mit einem Gefolge gewappneter, berittener Knechte zum Gefecht zusammentraten, so mag man, wenn man will, Übergangsformen viel weiter hinauf feststellen, als ich es oben getan habe; um die Mitte und im dritten Viertel des sechszehnten Jahrhunderts aber vollzieht sich erst der wirkliche Übergang und ist an die Stelle des Alten etwas Neues getreten.

Sehr gut spiegelt sich der Wandel der Zeiten in einer Betrachtung in den Tavannes-Memoiren (S. 204), die offenbar von dem jüngeren Tavannes her rührt, über die Reitkunst. Die »sechs Volten«, sagt er, seien wie ehedem nötig für die Kämpfe im Haag mit Lanze und Degen; aber der moderne Soldat habe solche Künste nicht nötig; Mann und Pferd seien in drei Monaten für den Krieg auszubilden; die Stallmeisterkunst locke die Leute[166] nur auf den Leim und sei überflüssig, es sei denn, wenn Kavaliere zu Pferde ein Duell ausfechten wollten. Auch die Jesuiten lernten jetzt in drei Jahren, wozu früher zehn notwendig gewesen seien, und man werde einmal auf noch weniger kommen.

Eine Zeitlang stehen sich die beiden Formen schroff einander gegenüber. Die Franzosen fechten in den Hugenottenkriegen noch als Ritter; beide Partien aber, die Katholiken wie die Protestanten, ziehen deutsche Reiter als Hilfstruppen heran, und diese deutschen Reiter auf französischem Boden bilden das Wesen der neuen Kavallerie aus. Die französischen Ritter waren dafür ein zu sprödes Material. Sie waren, wie unsere Schriftsteller übereinstimmend sagen, zu stolz, sich in Eskadrons aufstellen zu lassen, denn alle wollten im ersten Gliede stehen, niemand einen anderen vor sich lassen, und haßten die Pistole. Disziplin und Waffe widersprechen dem Wesen des Rittertums. Die gemeinen Söldner aber ließen sich das Einrangieren gefallen und überwältigen nun mit ihrer Masse, die Ritter.

Mit der Bildung der geschlossenen Schwadronen verschwindet naturgemäß auch der Mischkampf, die Begleitung der Reiter durch Fußkämpfer. Die letzten Beispiele, die mir aufgefallen sind, finden sich erzählt bei Jovius180 zum Jahre 1543 vor Landrech.

In den letzten Schlachten der Hugenottenkriege, Coutras 1587 und Ivry 1590 ist die neue Waffe, wie wir es ausdrücken dürfen, die Kavallerie so weit entwickelt, daß die Infanterie, die seit dem Auftreten der Schweizer die erste Rolle gehabt hat, wieder dagegen zurücktritt. HEINRICH IV. von Frankreich ist es, der den Ruhm beanspruchen darf als Feldherr, die neue Kraft richtig verstanden und voll ausgewertet zu haben. Obgleich er bei Coutras an Reitern in der Minderzahl war, siegte er dennoch, indem er seine Reiter durch Schützen unterstützte, die geschlossenen Schaaren zusammenhielt und sie fachgemäß führte, während auf der katholischen Seite die Edelleute noch in der direktionslosen ritterlichen Weise kämpften. Bei Ivry bewies er dieselbe taktische Überlegenheit, noch gesteigert durch eine meilenweit ausgedehnte Verfolgung.

Über zweihundert Jahre später ist es noch einmal geschehen,[167] daß Ritter und Kavallerie sich miteinander gemessen haben. Als die Franzosen unter dem General Bonaparte 1798 Ägypten erobern wollten, wurde das Nilland beherrscht von einer Kriegerkaste, den Mamelucken. Sie fochten zu Pferde, trugen Panzerhemd und Helm, waren bewaffnet mit Karabiner und zwei Paar Pistolen und hatten jeder mehrere Diener und Pferde zu ihrer Unterstützung. Trotz der Feuerwaffen kann man sie also als Ritter bezeichnen, und Napoleon sagte, daß zwei von ihnen drei Franzosen gewachsen seien, 100 Franzosen aber 100 Mamelucken nicht zu fürchten brauchen, 300 Franzosen einer gleichen Anzahl überlegen seien und 1000 Franzosen unfehlbar 1500 Mamelucken besiegen würden. Eine eigentliche Probe ist darauf wohl nicht gemacht worden, da die Franzosen keine wirkliche Kavallerie übers Meer geführt hatten, aber die Schilderung aus diesem Munde gibt uns eine sehr lebendige Anschauung von dem Unterschied zwischen dem Ritter, dem qualifizierten Einzelkämpfer, und dem taktischen Körper der Kavallerie.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 4, S. 137-168.
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