Schlacht am Weißen Berge[223] 255.

8. November 1620.

Fast drei Jahre zog sich der böhmische Krieg zunächst hin, ohne daß es zu einer großen Entscheidung kam. Die Böhmen waren der erheblich stärkere Teil, auch die Mährer, Schlesier und ein großer Teil der Österreicher hielt zu ihnen, und die Ungarn kamen, ihnen zu helfen. Aber Wien zu nehmen, reichte ihre Kraft bei wenig entschiedener Führung doch nicht aus, und endlich bekam der Kaiser so viel Hilfe, daß er seinerseits die Offensive ergreifen konnte. Der Papst schickte Geld, die Könige von Spanien und Polen Truppen, und der Herzog Max von Bayern als Haupt der Liga führte selbst eine stattliche Armee heran.[223]

Trotzdem war es bis zum letzten Augenblick zweifelhaft, ob es zu einer Entscheidung kommen würde. Der Herzog von Bayern drängte darauf, daß man die große numerische Überlegenheit des vereinigten kaiserlich-liguistischen Heeres benutze und direkt auf Prag marschiere (von Oberösterreich aus). Der Führer der Kaiserlichen aber, Buquoi, der bis dahin einen erfolgreichen Manöver- und Kleinkrieg geführt hatte, hatte große Bedenken ob des Wagnisses in der späten Jahreszeit. Er hätte sich lieber darauf beschränkt, den Feind aus Niederösterreich herauszumanövrieren, aber Herzog Max erklärte, man müsse den Feind zu einer Schlacht zwingen und Österreich und Mähren vor Prag zurückgewinnen. Buquoi gab nach, aber wir werden sehen, daß das kühne Unternehmen sehr leicht hätte mißglücken können.

Das böhmische Heer unter dem Oberbefehl Christians von Anhalt suchte den Vormarsch des Feindes einzuhalten, indem es sich ihnen in günstigen, schwer angreifbaren Stellungen vorlegte. Das verbündete Heer hatte die Entschlossenheit, in einem Bogen nach Norden herumzuziehen. Lebensmitteltransporte aus Bayern konnten ihm auch in dieser Richtung über die Pässe des Böhmer Waldes nachgeführt werden und kamen glücklich an. Nur durch einen Gewaltmarsch gelang es den Böhmen, als sie bemerkten, daß der Zug des Feindes wirklich auf Prag ginge, sich abermals vorzulegen und auf dem Weißen Berge, eine halbe Meile westwärts vor Prag eine Verteidigungsstellung zu nehmen.

Die Stellung war sehr günstig, rechts angelehnt an einem ummauerten Wildpark mit festem Schloß, links ein ziemlich steiler Abfall, vor der Front ein durch sumpfige Wiesen fließender Bach, die Scharka, die der Feind in der Hauptsache nur auf einer Brücke zu überschreiten vermochte.

Als Tilly, verwegen genug, die Bayern die Brücke überschreiten und jenseits vor der feindlichen Stellung aufmarschieren ließ, erkannte man auf der böhmischen Seite, daß die Gelegenheit gegeben sei, die Bayern anzufallen und zu schlagen, ehe die Kaiserlichen die Scharka überschritten hatten und ihnen helfen konnten. Zwei Obersten, Stubenvoll und Schlieck, machten den Fürsten Christian auf die Gunst des Augenblicks aufmerksam und er war geneigt, dem Rate zu folgen, aber der General Graf Hohenlohe[224] widersprach, wies darauf hin, daß die Bayern das Dorf Rep, das diesseits der Brücke lag, mit Musketieren so lange halten könnten, bis das Gros herübergekommen, und daß man mit dem Angriff die Vorteile der so vortrefflichen Defensiv-Stellung aufgebe. Anhalt gab diesen Einwänden nach und verzichtete auf die gewiß sehr aussichtsreiche Chance des Angriffs auf den noch nicht entwickelten Feind, um eine reine Defensiv-Schlacht zu liefern, oder aber, wie er bis zum letzten Augenblick hoffte, durch die Stärke seiner Stellung dem Feinde so zu imponieren, daß er einen Angriff überhaupt nicht wagen werde. Trat das wirklich ein, so war der Feldzug sog gut wie sicher für die Böhmen ohne Schlacht gewonnen.

In der Tat fand Buquoi, daß man die feindliche Aufstellung auf ihrer Höhe zu wenig überblicken könne; daß man nicht wisse, was für Verschanzungen angelegt seien; daß man möglicherweise in ein Artillerie- und Musketenfeuer geraten werde, dem die Truppen nicht Stand halten könnten, und daß dann mit dem Défilé im Rücken alles verloren sei. Er hätte deshalb lieber gewünscht, den Feind aus der Stellung durch Umgehung von Süden herauszumanövrieren.

Aber Herzog Max und Tilly, die die Schlacht wollten, drangen in dem Kriegsrat, der hinter der Front der schon aufmarschierten Armee stattfand, endlich durch. »Wer mit dem Feinde in der Feldschlacht kämpfen will«, sagte Tilly nachher, »kann dies nicht anders tun, als wenn er ihm das Gesicht zukehrt und sich der Gefahr seiner Schüsse aussetzt«. Es war doch zu klar, daß die Umgehung kaum ausführbar und ein Rückzug aus der einmal genommenen Position höchst gefährlich war. Sowohl die numerische wie die moralische Überlegenheit war unzweifelhaft auf Seite der katholischen Armee. Man hatte etwa 28000 Mann256 gegen 21000 Böhmen und man hatte den Gegner fortwährend zurückgedrängt bis unter de Mauern Prags und noch in der letzten Nacht einen sehr glücklichen Überfall auf die Ungarn ausgeführt, der diesen wesentlichen, nicht weniger als 5000 Mann starken Heeresteil des[225] Böhmenkönigs äußerst deprimiert und schlachtunlustig gemacht hatte.

Noch während drüben der Kriegsrat verhandelte, arbeiteten die Böhmen eifrig an der Befestigung ihrer Position. Schon während des Marsches hatte der Fürst von Anhalt, die Stellung auf dem Weißen Berge in Aussicht nehmend, die Anordnung getroffen, daß dort Verschanzungen angebracht würden. Er hatte den König selbst, der dem Heere voraus nach Prag eilte, gebeten, für diese Arbeiten zu sorgen. Aber es war wenig geschehen, da die Armee ihr eigenes bisher mitgeführtes Schanzzeug verbraucht hatte und man erst die ständische Regierung angehen mußte, 600 Taler zur Neubeschaffung von Schaufeln und Spaten zu bewilligen. Mit etwas mehr Eifer und Pflichttreue an dieser Stelle und einigen Stunden Zeit hätte man die Position auf dem Berge so verstärkt, daß die Besorgnisse Buquois sehr wohl hätten in Erfüllung gehen können.

Aber nicht nur waren die Verschanzungen nicht genügend gefördert, sondern auch sonst der Vorteil des Geländes nicht ausgenutzt. Der rechte Flügel mit der Parkmauer und steilem Anstieg war von Natur sehr stark; hier hätte eine schwächere Besatzung genügt, um den auf sanfter Böschung leichter zugänglichen linken Flügel um so stärker zu machen oder eine Reserve zum Gegenstoß bereit zu stellen. Aber man besetzte die ganze Stellung gleichmäßig in zwei Treffen, immer abwechselnd ziemlich kleine Haufen von Infanterie und Kavallerie mit sehr breiten Intervallen dazwischen. Die 5000 ungarischen Reiter hätten teils in Reserve, teils auf dem äußersten linken Flügel stehen sollen: sie scheuten diesen Platz jedoch, weil sie meinten, daß er dem feindlichen Artilleriefeuer ausgesetzt sei, und hielten sich ausschließlich als drittes Treffen im Hintergrunde. Durch den Überfall, den sie in der Nacht vorher ausgesetzt gewesen waren, war ihre Moral offenbar sehr erschüttert.

Schon der Jesuit Fitzsimon, der im Gefolge Buquois die Schlacht mitmachte und dem wir einen guten Bericht darüber verdanken, hat unter Anführung von gelehrten Reminiszenzen aus Livius bemerkt, daß die Aufstellung der Böhmen zu dünn gewesen sei. Der Raum zwischen dem Tierpark auf dem rechten und dem[226] Abhang auf dem linken Flügel beträgt in der Tat etwa eine Drittelmeile257, und das ganze böhmische Heer war nicht stärker als 21000 Man. Eine sehr sichere, überlegene Führung, die die Truppen fest in der Hand hatte, hätte das wohl ausgleichen können, indem sie, um es zu wiederholen, den Wildpark und den rechten Flügel schwächer besetzte und dafür eine starke Reserve zurückbehielt, um sie einzusetzen, wo es nötig wurde. Ein solcher Feldherr aber war Christian von Anhalt nicht. Das hatte sich schon gezeigt bei seinem Schwanken, ob er die Bayern, als sie noch isoliert waren, angreifen sollte, und selbst wenn er ein wirklich großer, in sich selbst völlig sicherer Mann gewesen wäre: er verfügte nicht mit Sicherheit über seine Unterführer und durch sie über die Truppen.

Das katholische Heer benutzte die numerische Überlegenheit nicht etwa zu einer Umfassung, die auf dem linken Flügel der Böhmen, wo die Ungarn nicht eingerückt waren, wohl möglich gewesen wäre, sondern nahmen, wie es scheint, sogar auf beiden Flügeln eine kürzere Front ein als der Gegner. Um so größer war die Tiefe der Aufstellung. Die Kaiserlichen wie die Liguisten formierten aus ihrer Infanterie je fünf große Gevierthaufen, schachbrettförmig in drei oder zwei Linien anrückend, neben oder hinter ihnen die Kavallerie, bei den Kaiserlichen in kleinere Schwadronen verteilt, bei den Liguisten in größeren Haufen zusammengehalten258.

Die Artillerie spielte an beiden Seiten während des Aufmarsches, wohl ohne hüben und drüben viel Schaden anzurichten. Die katholische stand in der Tiefe und mußte in die Höhe schießen, und die Böhmen hatten nur sechs größere und einige kleinere Geschütze.

Obgleich die Bayern, wie wir gesehen haben, zuerst aufmarschiert waren, so ging der erste Angriff hoch von den Kaiserlichen auf dem rechten Flügel aus. Die Bayern mußten eine steile[227] Böschung hinansteigen, aber das kann nicht, wie man wohl gemeint hat (Krebs), der Grund für ihr spätes Eingreifen in die Schlacht gewesen sein. Wenn sie gleichzeitig mit den Kaiserlichen angetreten wären, so hätte der steilere Anstieg sie kaum um Minuten später in den Kampf treten lassen, während die meisten Regimenter des Herzog, dem doch in erster Linie der Entschluß zur Schlacht zu verdanken war, überhaupt nicht zum Schlagen gekommen sind, weil die Kaiserlichen die Schlacht bereits gewonnen hatten. Der Grund, daß die Schlacht sich als eine Art Flügelschlacht entwickelte, wird vielmehr darin zu suchen sein, daß man bei der Divergenz der Ansichten eine Art Kompromiß geschlossen hatte, nämlich es zunächst einmal mit einem großen Scharmützel zu versuchen, ob die Stellung des Feindes so stark und so verschanzt sei, wie die Ängstlicheren argwöhnten. Dieses Scharmützel mußte naturgemäß der rechte Flügel führen, wo das Gelände übersichtlicher war, und da sich daraus sofort die Schlacht entwickelte und auch sehr schnell die Entscheidung fiel, so geschah es, daß der erstaufmarschierte und schlachtlustigste Teil des katholischen Heeres fast nichts zu tun bekam.

Diese Idee, daß man noch nicht ganz zur Schlacht entschlossen war, mag auch zu der sehr tiefen Art der Aufstellung beigetragen haben. Man wollte bei dem ersten Anlauf nicht gar zu viel einsetzen und starke Reserven behalten.

Als das kaiserliche Heer, die sanfte Böschung schnell hinaufmarschierend, sich dem linken Flügel der Böhmen nahte, gingen ihnen zunächst die verschiedenen Kavallerie-Regimenter entgegen, mußten jedoch vor der Übermacht nach einigem hin und her zurück. Dann setzte sich auch das Thurnsche Infanterie-Regiment in Bewegung. Schoß jedoch nur auf 3-400 Schritt die Musketen ab, kehrte um und ergriff die Flucht. Der Oberfeldherr in seinem Schlachtbericht sieht in diesem Verhalten nichts als Feigheit; die Historiker haben auf den mit der vorhergehenden Vernachlässigung, Nichtzahlung des Soldes, zusammenhängenden schlechten Geist der Truppen hingewiesen, um die elende Haltung zu erklären. Aber die Dinge liegen doch wohl noch etwas anders. Wir haben gesehen, daß die Böhmen ein sehr dünnes Treffen bildeten; die einzelnen Haufen waren flach und mit großen Intervallen[228] aufgestellt. Eine solche Aufstellung gibt die Möglichkeit sehr freier Bewegung und des Zusammenwirkens der verschiedenen Haufen je nach den Umständen. Aber diese Umstände müssen erkannt und benutzt werden, mit anderen Worten, eine so dünne Aufstellung postuliert eine durchaus sichere und überlegene Führung, sowohl von der höchsten Stelle, wie in den einzelnen Regimentern. Davon finden wir aber nichts. Wir haben schon gesehen, daß die Aufstellung im ganzen schematisch gleichmäßig, ohne wirkliche Anpassung an das Gelände war. Jetzt sehen wir, daß vom Regiment Thurn nur derjenige Teil vorging, der im ersten Treffen stand259, und zwar in einem Augenblick, als die Kavallerie neben ihm schon wieder im Weichen war. Weder das zweite Treffen, noch die im dritten Treffen haltenden Ungarn wurden gleichzeitig vorgeführt. Das erste Treffen des Regiments Thurn stieß also bei seinem Vorgehen auf eine vielfache Überlegenheit an Infanterie wie Kavallerie. Kein Wunder, daß die Mannschaft da gestockt hat und umgekehrt ist. Wozu wurden sie überhaupt vorgeführt, statt den Feind erst in den Bereich des aus der Position mit voller Wirksamkeit abzugebenden Musketenfeuers kommen zu lassen und dann erst zusammen mit der daneben haltenden Kavallerie den Gegenstoß zu machen? Ob er gelungen wäre, ist bei der Überlegenheit der Kaiserlichen, da den beiden vorderen Infanterie-Haufen ja noch drei weitere und auch noch weitere Kavallerie-Schwadronen folgten, recht fraglich, aber das Entgegenführen eines vereinzelten Regiments, ohne den Vorteil der Verteidigungsstellung und des Verteidigungsfeuers vorher auszunutzen, das hieß, den Truppen zu viel zuzumuten und konnte auch der höchsten Tapferkeit keinen Erfolg bringen. Erstaunlich genug, daß die Truppen des zweiten Treffens, darunter der Rest des Thurnschen Regiments, sich nicht sofort der Flucht anschlossen, sondern Stand hielten, während das erste Treffen durch die Intervalle rückwärts davoneilte.

Noch gelang es einer tapferen Reiterschar unter Führung des jungen, 21jährigen Christian von Anhalt, des Sohnes des Feldherrn, durch einen kühnen Vorstoß aus dem zweiten Treffen[229] einen überraschenden Erfolg davonzutragen. Das vorderste Treffen der Kaiserlichen war beim Vormarsch und den ersten Kämpfen mit der böhmischen Kavallerie wohl etwas in Unordnung geraten. Als Christian nun plötzlich hineinsprengte, warf er sowohl die Kavallerie, auf die er traf, wie er auch den einen Infanterie-Gevierthaufen sprengte und zum Teil niedersäbelte. Einige andere Truppenteile folgten ihm, und auch die Ungarn aus dem dritten Treffen setzten sich in Bewegung. Aber die feindliche Masse war zu stark. Tilly schickte der liguistischen Armee Reiter zu Hilfe, die die Reiter Anhalts schnell überwältigten, und die Ungarn kamen gar nicht bis zu einem wirklichen Angriff. Vor dem immer weiteren Vordringen der katholischen Truppen, wobei sich auch die Polen auszeichneten, ergriffen die Böhmen, ein Regiment nach dem anderen die Flucht oder warf sich in den Wildpark auf dem rechten Flügel, wo sie bald, von allen Seiten zugleich angegriffen, zugrunde gingen.

Die Schlacht, die um Mittag begann, dauerte nicht länger als 11/2 bis 2 Stunden. Ein großer Teil der bayrischen Truppen, die auf dem linken Flügel standen, hatte kaum zu fechten brauchen.

Über die Aufstellung der beiden Heere sind wir unterrichtet, nicht nur durch die verschiedenen Erzählungen von Teilnehmern, sondern auch durch die Zeichnungen, die dem offiziösen bayerischen Feldzugsbericht dem »Journal« (gedruckt München 1621 bei Raphael Sadeler), und dem Rechenschaftsbericht des Fürsten Christian an den König Friedrich (im »Patriotischen Archiv« 1787) beigegeben sind.

Das »Journal« läßt auf beiden Seiten die Infanterie in Gevierthaufen stehen und macht nur insofern einen Unterschied, als bei den Katholiken die Gevierthaufen rings (auch hinten) mit Schützen umkleidet sind, während bei den Böhmen die Schützen teils als Umkleidung, teils in langen vorgestreckten Flügeln an die Spießerhaufen angegliedert sind.

Die Kavallerie der Katholiken ist ganz richtig bei den Liguisten in viel größeren Schwadronen formiert als bei den Kaiserlichen.

In der dem Anhaltschen Bericht beigegebenen Zeichnung sind die böhmischen Truppen, Infanterie wie Kavallerie, flach aufgestellt, aber nicht markiert, wie sich Schützen und Pikeniere zueinander verhalten. Die bayerische Zeichnung der Böhmen wird Phantasie[230] sein: man hatte etwas gehört von den Schützenflügeln und konstruierte sich das nun zurecht, war aber nicht bekannt mit der Hauptsache, der flachen Aufstellung, an der wir auf Grund der Zeichnung des Feldherrn selbst nicht zweifeln können.

Wie aber kam Christian dazu, zwischen den einzelnen flachen Körpern so große Intervalle zu lassen? Die Zeichnung macht den Eindruck, daß die Ordnung auf die Weise hergestellt wäre, daß erst alles (mit Ausnahme der Ungarn) in einem Treffen aufgestellt worden und dann immer der zweite Haufe 300 Fuß vorgerückt sei, so daß die Intervalle des ersten Treffens genau den Frontbreiten der flachen Kolonnen des zweiten Treffens entsprachen. Bei Zusammenprall mit einer feindlichen Front wäre also jeder Haufe des ersten Treffens sofort von beiden Flanken umfaßt gewesen, wenn nicht schon vorher das zweite Treffen vorgeeilt war, die Intervalle zu schließen. Besonders die feindliche Kavallerie wäre dabei der böhmischen Infanterie verderblich geworden. Die Erklärung wird darin liegen, daß auch der Feind, wie Christian wußte, keine geschlossene Front bildete, sondern in riefen Haufen mit großen Intervallen anrückte. Christian mag also darauf gerechnet haben, daß, wo trotzdem eine Flankierung drohte, das zweite Treffen nahe genug sei, helfend einzuspringen, und daß die weiten Intervalle jedem einzelnen Haufen die größte Bewegungsfreiheit gewährten.

Nichts destoweniger wird man die Frage aufwerfen dürfen, ob nicht die weiten Intervalle, welche die Truppenkörper isolierten, eine wesentliche Mitschuld an der Niederlage gehabt haben. Hätten die böhmischen Truppen, statt der Auflösung in zwei Treffen, nur ein geschlossenes Treffen gebildet, mit diesem den Angriff abgewartet, möglichst viel Feuergewehre in Wirksamkeit treten lassen260 und erst im letzten Augenblick möglichst gleichmäßig mit der ganzen Linie den Gegenstoß gemacht (als zweites Treffen oder Reserve blieben ja immer noch die Ungarn), so hätten sie doch wohl bessere Chancen des Sieges gehabt. Sollte etwa eine klassische Reminiszenz, das unselige, noch heute spukende Gespenst, die Intervallierung der römischen Legion (Lipsius' Quincunx nach,[231] Livius VIII, 8) mitgeteilt haben? Die Folgezeit ist jedenfalls zu geschlossenen Fronten übergegangen.

In einer Denkschrift über die Mißstände im böhmischen Heer, wohl von Christian von Anhalt selbst (gedr. im Patriotischen Archiv, Bd. VII (1787) S. 121), wird geklagt, daß viele Offiziere dem Wesen nicht gewachsen gewesen seien und die niederländische Art zu kriegen, welche sie nicht verstanden, verachtet hätten. Nun, wenn Christian die niederländische Art wirklich so aufgefaßt und angeordnet hat, wie wir es gehört haben und es nach seiner eigenen Zeichnung glauben müssen, so können wir den alten Kriegspraktikern, die dieses Wesen ablehnten, nicht so Unrecht geben. Christian hat zum General offenbar nicht weniger als alles gefehlt, und wenn er (S. 119) klagt, daß er zu wenig Oberste gehabt habe, weil die Generale die Obersten-Bestallungen für sich genommen, so mag das zutreffen, fällt aber zuletzt auch wieder auf das mangelnde Durchgreifen des Feldherrn zurück.

Merkwürdig viel Völkerschaften sind an dieser Schlacht beteiligt. Auf böhmischer Seite fochten Böhmen, Österreicher, Ungarn, Niederländer; auf katholischer Seite Deutsche, Spanier, Italiener, Wallonen, Polen.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 4, S. 223-232.
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