Sechstes Kapitel.

Friedrich als Stratege.

[426] So tiefgreifend, ja grundstürzend die Abwandlungen der Taktik von der Renaissance bis auf Friedrich den Großen sind, so sind die Grundzüge der Strategie doch dieselben geblieben. Aus den dicken tiefen Haufen der Infanterie sind die fadendünnen Linien geworden; aus den Spießern und Hellebardieren sind die Musketiere geworden; aus den einzelfechtenden Rittern sind die geschlossenen Schwadronen geworden; aus den wenigen, schwerfälligen Geschützen sind zahllose Batterien geworden, aber die Feldherrschaft zeigt durch alle die Jahrhunderte das gleiche Gesicht. Immer wieder findet man dieselben Situationen und auf dieselbe Weise entstandene, auf dieselbe Weise motivierte Entschlüsse. Selten geht man sich von beiden Seiten direkt entgegen, um die Entscheidung herauszufordern. Manchmal beide Teile oder aber der sich schwächer fühlende suchen unangreifbare Stellungen. Schlachten entstehen, indem ein Teil eine gute Gelegenheit wahrzunehmen glaubt; z.B. angreifen kann, ehe der andere sich befestigt hat (am Weißen Berge 1620; Höchstädt 1704) oder bei Gelegenheit einer Festungs-Belagerung. Die Schlachten bei Ravenna 1512, bei Nördlingen 1634, bei Malplaquet 1709 entstehen ganz auf die gleiche Weise, indem der stärkere Teil eine Festung belagern will, der andere das durch eine vorteilhafte nahe Aufstellung zu verhindern sucht und dabei angegriffen wird. Kollin unterscheidet sich von den vorgenannten nur dadurch, daß der Belagerer dem Entsatzheer ein Stück weiter entgegengeht. Oder umgekehrt, eine Entsatzarmee greift eine an sich stärkere Armee, die aber durch die Belagerung in Anspruch genommen ist, an: Pavia 1525; Turin 1706. Ein guter Teil des[426] Siebenjährigen Krieges dreht sich um die Belagerung oder Deckung von Festungen, Prag, Olmütz, Dresden, Schweidnitz, Breslau, Küstrin, Neiße, Glatz, Kosel, Kolberg, Glogau, wie in den Kämpfen zwischen Karl V. und Franz I., wie im Dreißigjährigen Krieg, wie in den Kriegen Ludwigs XIV. Der Entschluß Gustav Adolfs zu den Schlachten von Breitenfeld und Lützen entsteht ganz ähnlich dem Entschlusse Friedrichs zu den Schlachten bei Leuthen und Torgau. Jede Periode, jeder Feldzug und jeder Feldherr zeigt dabei individuelle Züge, die sehr zu beachten sind. Gustav Adolf greift Wallenstein bei Lützen an, weil er ihn den Winter nicht in Sachsen, Friedrich greift die Österreicher bei Leuthen und bei Torgau an, weil er sie den Winter nicht in Schlesien beziehungsweise Sachsen lassen will. Insofern sind die Situationen ähnlich, aber es ist ein erheblicher Unterschied, insofern für Friedrich das Wagnis beidemale unendlich viel größer war als für den Schwedenkönig. Wiederum das weite Ausgreifen und die Beweglichkeit Torstenssons gaben seiner Strategie eine ganz eigene Farbe, aber die Grundzüge sind doch nicht andere als bei Gustav Adolf. Selbst in der Geschichte einzelner Feldherren finden wir auffällige Parallelen: Eugen wie Friedrich haben eine letzte große Schlacht mit sehr großem blutigem Verlust und mäßigem strategischen Erfolg geschlagen, jener bei Malplaquet, dieser bei Torgau, und dann nur noch Feldzüge geführt, in denen sie es nicht mehr zur Schlachtentscheidung trieben. Malplaquet war, was man mit dem uralten Wort als »Pyrrhus-Sieg« bezeichnet, und Torgau war nur wenig mehr. Vom Gesichtspunkt der Welt-Kriegsgeschichte ist deshalb die Frage nicht sowohl darauf zu stellen, weshalb Friedrich sich nach 1760 so stark dem Manöverpol genähert hat, als, wie er nach den Erfahrungen der großen Feldherren vor ihm sich noch einmal von einer solchen Leidenschaft für den Schlachtpol ergreifen lassen konnte. Wir haben gesehen, daß es die gesteigerte Qualität der preußischen Truppen war, die taktische Gewandtheit, die schließlich die Idee der schrägen Schlachtordnung eingab und ausführbar erscheinen ließ, die auch strategisch dem Anrufen er Schlachtentscheidung durch einen genialen Wagehals neue Aussichten bot.

Wenn die Wirkungen auch der größten taktischen Entscheidung immer nur begrenzte sind und nicht erwartet werden kann,[427] daß sie als solche zum Frieden führen, so gewinnen die sekundären Werte eine derartige Bedeutung, daß der Feldherr diese nicht vernachlässigen und zu ihren Gunsten sogar der taktischen Hauptentscheidung Kräfte vorenthalten darf. Im Dreißigjährigen Kriege wird der bei weitem größte Teil der vorhandenen Heeresmacht durch die Besetzung zahlloser befestigter Städte verbraucht, die Schlachten werden nur von kleinen Heeren geschlagen. Bei Eugen und Marlborough nicht anders als bei Friedrich sind wir immer wieder auf Fälle gestoßen, daß bei einer Schlachtentscheidung Truppen fehlen, die ideell betrachtet, hätten zur Stelle sein können. Friedrich stellte in den »General-Prinzipien« 1748 den Grundsatz auf, wenn man von mehreren Gegnern zugleich angefallen wird, »muß man alsdann dem Feind eine Provintz sacrificieren, indessen aber mit der gantzen Force denen anderen zu Leibe gehn, sie zu einer Bataille obligieren und seine äußersten Kräfte anwenden, um solche übern Hauffen zu werffen, alsdann man gegen die andere detachieren muß.« Als der vorgesehene Fall 1756 wirklich eintrat, hat Friedrich sich zur Opferung einer Provinz doch nicht entschließen mögen und deshalb nicht seine ganze »Force« zusammengebracht. Überdies fügt er auch in den »General-Prinzipien« schon hinzu »Diese Arth von Kriegen ruinieren die Armeen durch Fatiguen und durch die Märsche, welche man selbige muß thun lassen, und daferne dergleichen Kriege dauern, so nehmen sie auf die letzt dennoch ein unglückliches Ende«. Er hat daher den Grundsatz des »Operierens auf der inneren Linie«, wie es eine spätere Theorie genannt hat, doch immer nur relativ angewandt. Denn so hoch er die Schlachtentscheidung einschätzte, er wußte, daß er es bis zur wirklichen Niederwerfung des Feindes doch nicht treiben könne und daß deshalb für das Durchhalten des Krieges die Deckung seiner Provinzen und im einzelnen Falle von Magazinen von nicht geringerer Bedeutung sei. Als er daher in einer theoretischen Betrachtung zum zweitenmal auf das Zusammenfassen seiner ganzen Kraft auf einen Punkt zurückkommt, ist es ihm nur das letzte Mittel der Verzweiflung, um mit Ehren zu sterben. Als im Winter 1761/62 die Not den höchsten Grad erreicht hatte und sich nirgends mehr eine Hilfe zu bieten schien, da hat er (9. Januar 1762), wenige Tage, ehe er die Nachricht vom Ableben der Zarin erhielt, seinem Bruder, dem[428] Prinzen Heinrich, diesen Ausweg gezeigt. Heinrich erwiderte ihm, mit der Vereinigung aller Streitkräfte auf einen Punkt, gäbe man allenthalben wo anders dem Feinde Magazine und Provinzen preis. Nicht anders hat der König selber gedacht, als er trotz seines Grundsatzes, in einer Schlacht möglichst stark zu sein, immer wieder seine Schlachten mit Teilkräften schlug, weil er Truppen zu Deckungen verbrauchte. Bei Kesselsdorf, bei Prag, bei Zorndorf und bei Kunersdorf hätte er auf dem Schlachtfelde stärker sein können, wenn ihn die Deckungsrücksicht nicht gebunden hätte. Schon als er Olmütz belagerte, kamen die Russen bis an die Oder und bedrohten Berlin; Prinz Heinrich wollte seine Armee in Sachsen mit den Truppen des Grafen Dohna verbinden und den Russen eine Schlacht liefern, um die Mark zu befreien. Aber die Deckung Sachsens schien dem König zu wichtig und der Plan kam nicht zur Ausführung. Daß wir immer wieder dieselbe Erscheinung haben, zeigt uns, daß es sich nicht um zufällige Fehler, sondern um Prinzipien handelt. Man sah um so leichter ab von der systematischen Vereinigung aller Kräfte, als die größere Menge sich auch schwerer lenkte. 20 oder 30 Bataillonsfronten nebeneinander aufmarschiert, gleichmäßig vorwärtszubewegen, war unermeßlich schwer458. Statt die größtmögliche Stärke anzustreben, wurde sogar immer von neuem der Gedanke erwogen, ob nicht nach oben eine Grenze zu ziehen sei, ob nicht die Menge zur Last und zum Hindernis werden könne, deren man sich besser entledige. Man überlegte, welche Stärke die vorteilhafteste sei, konstruierte also ein Normal-Heer. Schon Machiavelli erklärt ein Heer von 25000 bis 30000 Mann für das beste. Man könne mit ihm solche Stellungen nehmen, daß man nicht zur Schlacht gezwungen werden könne, und könne so auch ein größeres, das doch nicht lange zusammenzuhalten sei, ausdauern459. Turenne wünschte nur wenig zahlreiche Armeen zu kommandieren, höchstens 20000 bis 30000 Mann, aber die Hälfte davon Kavallerie460. Ähnlich wollte Montecuccoli[429] nicht mehr als 30000 Mann. »Der Kampf wird mehr mit dem Geist, als mit dem Körper geführt, schreibt er, daher ist die große Zahl nicht immer nützlich«. Allzu große Armeen seien unnütz461. Die Zahl wurde später etwas heraufgesetzt. Der Marschall von Sachsen setzte 40000 als Maximum, Fleming in seiner Schrift »Der vollkommene Teutsche Soldat« (1726) schreibt (S. 260): »Ein Kriegsheer von 40-50000 Mann wohl resolvierter und disziplinierter Leute ist capable, Alles zu unternehmen, ja es kann sich ohne Verwegenheit gleichsam versprechen, die ganze Welt zu gewinnen. Was demnach über diese Zahl sich findet, ist nur überflüssig und erweckt lauter Ungelegenheit und Konfusion«. Guibert, ein halbes Jahrhundert später, ging auf 70000462. Selbst zu Napoleons Zeit soll Moreau noch von 40000 als dem Normalen gesprochen haben und der Marschall St. Cyr erklärte, daß es über menschliche Fähigkeiten hinauszugehen scheine, mehr als 100000 Mann zu leiten463.

Der Gedanke eines Normalheeres ist das direkte Widerspiel zu dem Grundsatz der höchstmöglichen Vereinigung aller Kräfte zur Schlacht.

Wodurch werden denn die Schlachten gewonnen, wenn nicht durch die größere Stärke? Vorausgesetzt, daß Tüchtigkeit und Tapferkeit auf beiden Seiten etwa gleich hoch zu bewerten sind?

Clausewitz hat später den Satz geprägt: Die beste Strategie ist, möglichst stark zu sein, erstens überhaupt und zweitens auf dem entscheidenden Fleck. Dem Denker der alten Schule war diese Wahrheit so wenig selbstverständlich, daß Dietrich v. Bülow es für nötig hielt, den Vorzug der numerischen Überlegenheit besonders zu begründen: sie folge aus der Notwendigkeit, sich nicht überflügeln zu lassen. »Hat man mehr Leute, wie der Feind und versteht, von dieser Überlegenheit gehörig Gebrauch zu machen, so hilft die größere Geschicklichkeit und Tapferkeit der Soldaten desselben nichts«464.[430]

Wie jedes einzelne Glied des preußischen Kriegsstaates durch bessere Ausbildung und energischere Anspannung dem entsprechenden österreichischen überlegen ist, in derselben Weise ist endlich auch die Strategie Friedrichs derjenigen Dauns überlegen. Die preußischen Truppen manövrieren geschickter, die Infanterie schießt schneller, die Kavallerie macht einen heftigeren Choc, die Artillerie ist beweglicher, die Verwaltung ist zuverlässiger und ermöglicht es, das Fünf-Märsche-System zu einem Sieben- und Neun-Märsche-System zu erweitern: Alles das fast ein König-Feldherr, der keiner höheren Autorität, keinem Hofkriegsrat über sich Verantwortung schuldig ist, zu jener durch Kühnheit und Elastizität unendlich überlegenen Strategie zusammen.

Wir haben erfahren, welche Wunder die Führung zu vollbringen vermag. Immer wieder sind wir aber auch darauf hingewiesen worden, daß der Zufall, das ganze blinde Ungefähr eine sehr wesentliche Rolle spielt und diese Bedeutung des Zufalls hat sich in der Epoche, die wir überblickt haben, allmählich gesteigert, um in Friedrichs Zeit den höchsten Grad zu erreichen. Theodor von Bernhardi in seinem Werke »Friedrich der Große als Feldherr« spottet über die Zeitgenossen Friedrichs, die in der Schlacht-Entscheidung ein Produkt des Zufalls sehen wollten. Er sieht in dieser Auffassung einen charakteristischen Unterschied zwischen dem König und nicht nur seinen Gegnern, sondern auch seinen Gehilfen, Prinz Heinrich und Prinz Ferdinand von Braunschweig. Er hat aber übersehen, daß Friedrich selber an sehr zahlreichen Stellen ganz ebenso wie alle anderen Generale dieser Zeit, wenn er zu einer Schlacht schreitet, das als eine Herausforderung des Zufalls bezeichnet465, und er hat ganz besonders übersehen, daß tatsächlich bei den Verhältnissen des 18. Jahrhunderts der Zufall[431] einen größeren Spielraum in der Entscheidung hatte, als in irgend einer anderen, früheren oder späteren Kriegsepoche.

Um die Feuerwirkung auszunutzen, hatte man die Linien der Infanterie sehr dünn und damit auch lang gemacht. Diese langen dünnen Linien waren nun aber sehr zerbrechlich, sie konnten durch irgend welche Unebenheiten im Gelände, Abhänge, Moräste, Gräben, Teiche, Gehölze leicht zerrissen und in Unordnung gebracht werden. Sie waren überdies höchst empfindlich auf den Flanken. Je tiefer eine Aufstellung ist, desto leichter bewegen sich Truppen und desto leichter verteidigen sie sich auch in den Flanken. Je flacher sie ist, desto stärker ist ihre Feuergewalt, desto schwerer aber bewegt sie sich sowohl vorwärts wie seitwärts.

Die Schlachtentscheidung hängt also meist davon ab, ob es dem Angreifer gelingt, dem Verteidiger eine Flanke abzugewinnen und seine Linien leidlich geordnet an ihn heranzubringen; ferner muß der Angriff möglichst überraschend geschehen, da der Gegner sonst eine neue Front bilden kann.

Ob das alles gelingt, ist in hohem Grade vom Gelände abhängig, das der Feldherr vorher nicht so genau kennt und auch meist nicht ganz einsehen kann, und wenn man die Nacht zu Hilfe nimmt, so gibt es Schwierigkeiten für die Truppen, sich im Dunkeln richtig zu orientieren.

Die qualitative Überlegenheit der Preußen über ihre Gegner beruhte nicht zum wenigsten darauf, daß sie vermöge ihres intensiveren Exerzierens und ihrer besseren Disziplin dieser Schwierigkeiten leichter Herr wurden. Friedrich wagt es deshalb, den Satz aufzustellen, daß, wenn das Flanken-Manöver gelinge, man mit 30000 Mann 100000 Mann schlagen könne, und tatsächlich ist es ihm ja bei Soor und Leuthen gelungen, eine sehr große Überlegenheit auf diese Weise über den Haufen zu werfen.

Wie viel nun aber von den günstigen oder ungünstigen Vorbedingungen eintraf, war unberechenbar.

Chotusitz ging für die Österreicher nur deshalb verloren, weil sie sich bei ihrem Nachtmarsch zu lange aufgehalten hatten. Den Preußen gelang der Nachtmarsch, der sie nach Hohenfriedberg führte.[432]

Bei Kesselsdorf muß man es als einen reinen Glücksfall für die Preußen bezeichnen, daß sie die Sachsen vor Ankunft der Österreicher angriffen.

Bei Lowositz hatten die Österreicher eigentlich die Schlacht gewonnen und der Sieg blieb nur deshalb den Preußen, weil Browne seinen Vorteil nicht erkannte und nicht verfolgte und in der Nacht abzog.

Bei Prag war Daun mit seiner Armee im Anzug, sich mit der Hauptarmee zu vereinigen. Die Vortruppen des Korps Puebla näherten sich während der Schlacht dem Kampfplatz im Rücken der Preußen schon bis auf 11/2 Meilen. Das Korps war 9000 Mann stark und hätte, so schwankend wie die Schlacht verlief, den Ausschlag gegen die Preußen geben können.

Bei Leuthen ermöglichte es eine Hügelkette den Preußen, ihr Abbiegen gegen den linken Flügel der Österreicher verborgen zu halten, was bei Kollin nicht möglich gewesen war.

Bei Zorndorf war ein russisches Nebenkorps von 13000 Mann zwei Tagemärsche nördlich des Schlachtfeldes und hätte sehr leicht mit der russischen Hauptarmee vereinigt sein können.

Kay hatte vielleicht für die Preußen gewonnen werden können, wenn die Kolonne unter dem General v. Kanitz, die die Russen in weitem Bogen von Süden umgehen sollte, über einen Wasserlauf, das Eichemühlen-Fließ, hätte hinüberkommen können.

Bei Kunersdorf gelang es dem König, sein Heer ganz in die Flanke der Russen zu bringen, aber dieser Vorteil wurde wieder aufgehoben dadurch, daß das Gelände dem Angriff Schwierigkeiten bot, die der König vorher nicht erkannt hatte und zum Teil nicht hatte erkennen können.

Bei Torgau hing alles davon ab, daß die beiden Heereshälften unter dem König und unter Zieten, die ganz von einander getrennt vorgingen, zusammenwirkten; erst im allerletzten Augenblick kam es dazu.

An dieser Stelle ist es, wo man ansetzen muß, um sich die spezifische Größe des Preußenkönigs klarzumachen. Als der General Leopold v. Gerlach Rankes Preußische Geschichte gelesen hatte, schrieb er 1852 in sein Tagebuch (I, 791), Friedrichs »Kriegführung ist oft unbegreiflich schwach, hat aber die brillantesten[433] Momente«. Was Gerlach als unbegreifliche Schwäche erschien, ist das Wesen der Ermattungs-Strategie, deren Verständnis den Soldaten des 19. Jahrhunderts verloren gegangen war. Wer den König nicht auf diesem Hintergrund zu sehen vermag, kann tatsächlich dem verdammenden Urteil nicht entgehn. Vollends auf den Abweg begibt man sich, wenn man Friedrich grundsätzlich als einen Anhänger der Niederwerfungs-Strategie auffassen will; da muß Friedrich auf Schritt und Tritt, ganz wenige Momente ausgenommen, als ein Schwächling erscheinen, der seine eigenen Prinzipien nicht zu Ende zu denken und auszuführen wagt. Friedrichs Größe ist nur dem voll erkennbar, der ihn als Ermattungs-Strategen sieht. In der Einschätzung der Schlachtentscheidung ist, wie wir gesehen haben, zwischen ihm und seinen Vorgängern und Zeitgenossen kein Unterschied. Er lebte durchaus in den Anschauungen der Ermattungs-Strategie, hat sich aber dem Pol der Schlachtentscheidung auf dem Höhepunkt seiner kriegerischen Laufbahn so genähert, daß die Vorstellung entstehen konnte, er sei ein Vertreter der Niederwerfungs-Strategie und als solcher ein Vorläufer Napoleons gewesen. Man glaubt ihm damit eine besondere Gloriole zu verleihen, in Wirklichkeit bringt man ihn dadurch in ein sehr ungünstiges Licht. Im nach den Grundsätzen der Niederwerfungs-Strategie zu handeln, sind Vorbedingungen notwendig, die in Friedrichs Staats- und Heeresverfassung fehlten; auf Schritt und Tritt bleibt Friedrich notwendig hinter den Anforderungen der Niederwerfungs-Strategie zurück. Man legt einen Maßstab an ihn, der für ihn nicht paßt und ihn selbst in seinen größten Tagen als kleinlich und beschränkt erscheinen lassen würde. Die späteren Jahre aber würden gar einen Abfall von sich selbst darstellen. Richtig eingestellt in den Rahmen und auf den Boden der Ermattungs-Strategie aber erscheint ein Bild lebensvoll und von gespenstischer Größe. Im Wesen der Ermattungs-Strategie liegt, wie wir gesehen haben, ein unausschaltbares Moment der Subjektivität; Friedrichs Heerführung ist, wie ich glaube sagen zu dürfen, subjektiver als die irgend eines anderen Feldherrn der Weltgeschichte. Immer wieder verbot er seinen Generalen, Kriegsrat zu halten; sogar bei Todesstrafe, als er den Grafen Dohna den Oberbefehl gegen die Russen übertrug[434] (Brief vom 2. August 1758). Im Kriegsrat, meint er, habe immer die timidere Partei die Oberhand. Er verlangt aber, daß auch auf das Ungewisse hin gewagt werde. Ein solcher Entschluß muß immer eine persönliche Farbe tragen, muß subjektiv sein. Ein Kriegsrat ist zu ängstlich, weil er zu objektiv ist. Will man den Vergleich mit der bildenden Kunst zulassen, so darf man daran erinnern, daß das 17. und 18. Jahrhundert die Epoche des Barock und Rokoko ist, wo die Phantasie in ihrer ungezügelten Subjektivität arbeiten darf, während die taktische Kunst sich an objektive Formen hält. Man darf darum Friedrich nicht etwa einen Rokoko-Helden nennen, denn mit diesem Wort würde man die Vorstellung einer gewissen Zierlichkeit und Kleinkunst mitschwingen lassen, die ganz unangebracht ist. Auf die französischen Feldherrn im Siebenjährigen Kriege ließe sich die Bezeichnung schon eher anwenden. Für Friedrich liegt der Vergleich nur in dem Gegensatz zu allen Schematischen, der sein Feldherrntum bezeichnet. Es ist so zu sagen nie eine naturgegebene Notwendigkeit, die seine Beschlüsse diktiert, sondern freier, persönlicher Wille. Statt der großen, allseitigen Invasion in Böhmen im Jahre 1757 hätte er sich auch auf der Defensive halten und dem Feinde die Initiative lassen können. Er hätte oft angreifen können, wo er es nicht getan hat466 und hätte die Angriffe bei Lowositz, Zorndorf, Kay und Kunersdorf auch unterlassen können. Formell kann das natürlich auch von Napoleons Entschlüssen gesagt werden; sachlich aber sind diese von einem inneren Gesetz bestimmt, das mit logischer Notwendigkeit ans Ziel führt. Je stärker das subjektive Moment in einer Erwägung ist, desto größer ist die Last der Verantwortung, desto schwerer der Entschluß. Der Held selber sieht seine Entscheidung nicht als das Ergebnis einer rationellen Kombination, sondern, wie wir gesehen haben, als eine Anrufung des Schicksals, des Zufalls an. Oft genug fällt diese Entscheidung gegen ihn aus. Aber hat er die Größe seines Charakters bewährt in dem Wagnis seines Entschlusses, so hat er sie noch mehr zu bewähren in der Standhaftigkeit, mit[435] dem er dem Unglück Trotz bietet. Vergleicht man ihn mit seinem unmittelbaren Vorgänger, dem Prinzen Eugen, so ist die Feldherrnlaufbahn des Preußenkönigs viel reicher an Wechselfällen: beim Prinzen Eugen eine gewisse Zähflüssigkeit der Entwicklung, oft nur im Laufe von Jahren zu den ganz großen Momenten zuspitzend; bei Friedrich einmal in einem Jahr vier große Schlachten, Prag, Kollin, Roßbach, Leuthen und abwechselnd Siege und Niederlagen, deren Verwindung noch höheren Ruhm verdient als selbst die Siege. Kein Zweifel, daß in dem Versuch, die ganze österreichische Armee in Prag gefangen zu nehmen, eine Überspannung lag und daß der Angriff auf die doppelt so starke österreichische Armee bei Kollin in ihrer überaus günstigen Stellung eine Tollkühnheit war. Aber Siege wie Niederlagen dieser Art hatten eine geistige Bedeutung, die über den militärischen Erfolg weit hinausging und von ihm beinahe unabhängig war. Das war der ungeheure Respekt, in den sich der König dadurch bei den gegnerischen Feldherren setzte. Warum haben sie die günstigen Gelegenheiten, die er ihnen häufig genug bot, so selten ausgenutzt? Sie wagten es nicht. Sie trauten ihm alles zu. Liegt es ohnehin im Wesen der doppelpoligen Strategie, daß man nur mit großer Vorsicht an die großen Entscheidungen herangeht, so steigerte sich diese Vorsicht namentlich bei dem Hauptgegner, Daun, bis zur Ängstlichkeit, wenn er sich Friedrich persönlich gegenüber wußte. Der Krieg ist kein Schachspiel; der Krieg ist ein Kampf sowohl physischer, als intellektueller, als moralischer Kräfte. Schon wenn man die Feldzüge Ferdinands von Braunschweig gegen die Franzosen verfolgt, bemerkt man, wie dieser Jünger der friderizianischen Schulung den Gegnern überlegen bleibt allein durch den höheren strategischen Mut, der eben der Gefahr trotzt, der der Gegner ausweicht. Ferdinand stand 1759 mit 67000 Mann gegen 100000; 1760 mit 82000 Mann gegen 14000 und hat sich behauptet. Die Entscheidungen sind kleiner und weniger blutig, im übrigen sind die Gegensätze ganz dieselben wie auf dem Hauptschauplatz des Krieges, dem Kampf Friedrichs gegen die Österreicher und Russen.

Die Zeitgenossen, an der Spitze sein Bruder, Prinz Heinrich, haben den König getadelt, oft in der allerschärfsten Form, daß[436] er unnötiges Blut vergossen habe; seine Kriegskunst habe darin bestanden, immer zu bataillieren. Der französische Oberst Guibert wollte finden (1772), daß er durch seine Märsche, nicht durch seine Schlachten gesiegt habe467. Die neueren haben umgekehrt seinen Genius gerade darin erblicken wollen, daß er und er allein unter allen seinen Zeitgenossen das Wesen der Schlacht richtig erkannt und in Anwendung gebracht habe. Der König selber hat schließlich eigentlich seinen zeitgenössischen Kritikern recht gegeben; er erklärte seinen Bruder Heinrich für den einzigen Feldherrn, der keinen Fehler gemacht habe; er ließ das Schlachtprinzip in seinen letzten Feldzügen fallen; er erklärte in seiner Geschichte des Siebenjährigen Krieges die Methode Dauns für die gute. Wir haben auch gesehen, daß die Entscheidung im Siebenjährigen Kriege nicht durch den Ausgang der Schlachten bestimmt worden ist. Hätte Friedrich die Schlacht bei Prag und dann auch die Schlacht bei Kollin und weiter die Schlacht bei Zorndorf und Kunersdorf nicht geschlagen, so würde er den Krieg leichter und besser haben durchführen können. Aber das ist eine sehr äußerliche Betrachtung. Es ist richtig, daß diese Schlachten vermeidbar waren; daß sie ihren Ursprung nicht in einer inneren sachlichen Notwendigkeit, sondern in dem persönlichen Gutbefinden, in der Subjektivität des Feldherrn hatten. Schlechthin notwendig aber waren Roßbach und Leuthen, und für den Feldherrn, der diese beiden Entschlüsse faßte, waren auch Prag, Kollin, Zorndorf, Kunersdorf mit freilich nur subjektiver, aber doch innerer Notwendigkeit gegeben. Phaeton ist gefallen, höhnte Prinz Heinrich nach der Niederlage von Kollin. Der Vergleich wäre richtig gewesen, wenn Preußen wirklich in diesem Sturze untergegangen wäre und der König nicht in sich die Kraft gefunden hätte, wieder empor zu steigen. Aber weil er diese Kraft in sich hatte, durfte er sich nicht nur vermessen auf der Sonnenbahn zu fahren, sondern mußte es auch tun. Er wäre nicht er selbst gewesen, wenn er nicht versucht hätte, das Schicksal zu zwingen. Es wäre sachlich vorteilhafter gewesen, aber es war für ihn eine innere Unmöglichkeit,[437] einzutreten in den Siebenjährigen Krieg mit jenem bescheideneren strategischen Defensivprogramm, wie er es seit 1759 befolgte. Er hat es ja 1757 ursprünglich auch im Auge gehabt, aber als Winterfeld ihm die glänzende Möglichkeit des Offensiv-Erfolges zeigte, da konnte er sich der Himmelsgewalt einer solchen Aussicht nicht entziehen, durfte sich ihr nicht entziehen. Von hier aus muß er nicht nur selbst verstanden werden, sondern sind auch die widersprechenden Urteile über ihn zu verstehen. Die naive Anschauung der Zeitgenossen, die nur das Heldentum sah, vergötterte ihn, fachmännische Kritik der Zeitgenossen verdammte ihn; die spätere Kriegsgeschichtsschreibung fühlte wohl, daß die Verdammung absurd sei, brachte aber ihre Anerkennung in eine falsche Kategorie und geriet dadurch in unlösbare innere Widersprüche.

Friedrich schreibt in der Einleitung zu seiner Geschichte des Siebenjährigen Krieges, die Not habe ihm zuweilen gezwungen, die Schlachtentscheidung zu suchen. Theodor v. Bernhardi lehrte umgekehrt, die Not habe den König gezwungen, vom Schlachten-Schlagen abzulassen. Kann es etwas Wunderlicheres geben, als daß man hundert Jahre nach Friedrich im Preußischen Generalstabe, seine Strategie nicht mehr verstand und ein umfangreiches, quellenmäßiges Werk über seine Kriege herausgab, um, als die Arbeit schon weit vorgeschritten und viele Bände herausgegeben waren, zu entdecken, daß man von einer falschen Grundanschauung ausgegangen war? So wunderlich es ist, es ist nicht nur Tatsache, sondern es ist auch wieder nicht einmal so unnatürlich. Zwischen der historischen Betrachtung und der Ausübung einer Kunst entsteht leicht eine derartige Spannung.

Die historische Vertiefung, so wertvoll sie für den Praktiker ist, ist auch gefährlich, weil sie so vieles als bloß relativ berechtigt erscheinen läßt, was der Praktiker sich zum absoluten Gesetz macht und machen muß, um die volle Sicherheit und Festigkeit der Anschauung für das Handeln zu verlangen. Nur sehr starke Geister vermögen beides zu vereinigen und so mag ich dieses Kapitel schließen mit der Erzählung, daß der Feldmarschall Blumenthal, der gewiß zu den entschiedensten Vertretern der Niederwerfungs-Strategie gehörte (er verlangte 1870 gleichzeitig mit der Einschließung[438] von Paris von Anfang an eine große Offensive in das innere Frankreich) mir einmal seine Zustimmung zu meiner Auffassung der Friderizianischen Strategie ausgesprochen hat, mit dem Bemerken, sie könne einmal wiederkommen.


Quelle:
Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte. Berlin 1920, Teil 4, S. 426-439.
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