Vormittagssitzung.

[475] [Der Angeklagte Jodl im Zeugenstand.]


DR. NELTE: Herr Generaloberst! Sie haben gestern meine letzte Frage über den General Thomas dahin beantwortet, daß dieser laufend Berichte über das Kriegspotential der Feindmächte an Sie und den Feldmarschall Keitel geliefert hat. Sind diese wichtigen Berichte stets Hitler vorgelegt worden?

JODL: Diese Berichte mit einer eingehenden graphischen Darstellung, Skizzen und Zeichnungen sind regelmäßig dem Führer vorgelegt worden und gaben vielfach Anlaß zu sehr heftigen Auseinandersetzungen, weil der Führer diese Darstellung des gegnerischen Kriegspotentials für weit übertrieben hielt.


DR. NELTE: Standen Sie und Feldmarschall Keitel auf dem Standpunkt, daß die Darstellungen des Generals Thomas begründet seien?


JODL: Sowohl Feldmarschall Keitel wie ich waren der Auffassung, daß bei dem sehr sorgfältigen Studium der gegnerischen Rüstungsleistungen diese Angaben von Thomas zweifellos im großen und ganzen vollkommen richtig waren.


DR. NELTE: Sie haben von dem Zeugen Gisevius gehört, daß Thomas ein Gegner der Kriegführung Hitlers gewesen sein soll. Ist Ihnen dies im Laufe der Jahre und bei den Berichterstattungen jemals auch erkennbar in Erscheinung getreten?


JODL: Das ist mir nicht in Erscheinung getreten. Das einzige, was mir in Erscheinung getreten ist, das war, daß er sich gegen diesen übertriebenen Optimismus, dem der Führer zu huldigen pflegte, gewandt hat und daß er vielleicht in seiner Grundeinstellung eher eine pessimistische als optimistische Natur war.


DR. NELTE: Ist General Thomas auf Betreiben Keitels aus seiner Stellung als Wehrwirtschaftsamtschef entlassen worden?


JODL: Nein; der General Thomas unterstand zu der Zeit, als er aus seiner aktiven Verwendung ausschied, dem Minister Speer; Minister Speer legte keinen Wert mehr darauf, mit ihm zusammenzuarbeiten und beantragte beim Führer, daß er aus dem Rüstungsamt, das ja der Minister Speer übernommen hat, entlassen wurde. Das hat der Feldmarschall dann auf Befehl des Führers getan.


DR. NELTE: Ich kann also feststellen...

[475] VORSITZENDER: Dr. Nelte! Inwiefern ist die Aussage über General Thomas im Falle Keitel erheblich? Inwiefern ist die Frage, ob General Thomas gegen die angeblichen Interessen Deutschlands handelte oder nicht, in den beiden Fällen Keitel oder Jodl erheblich? Die Zeugenaussage von Gisevius war für den Angeklagten Schacht erheblich. Es scheint mir, und ich glaube auch dem Gerichtshof, daß das für Ihren Mandanten und für den Fall des Generals Jodl völlig unerheblich ist. Es kann uns doch gleichgültig sein, ob General Thomas versucht hat, Hitler zu stürzen oder nicht.


DR. NELTE: Die Frage, um die es für den Angeklagten Keitel geht, ist, ob der Feldmarschall Keitel die Berichte, die Thomas geliefert hat, auch von sich aus vorgelegt und vertreten hat. Es ist hier von dem Zeugen Gisevius vorgetragen worden, und zwar unter Berufung auf Thomas als Informationsquelle, daß diese von Thomas gefertigten Berichte Hitler vorenthalten worden seien. Ich muß also den Beweis...


VORSITZENDER: Wir haben das schon gestern behandelt, und jetzt hat der Angeklagte Jodl gesagt, daß die Berichte, daß die von Thomas gefertigten Berichte dem Führer unterbreitet worden sind. Aber worauf ich Sie hinweisen will ist, daß die Frage, ob die Berichte von Thomas wahrheitsgetreu waren oder nicht, völlig unerheblich ist.


DR. NELTE: Für die Frage der Glaubwürdigkeit der Informationsquellen des Gisevius meines Erachtens nicht; aber ich will diese Frage zurückstellen.


[Zum Zeugen gewandt:]


Ich muß in diesem Zusammenhang aber noch eine Frage bezüglich der anderen Informationsquelle, Canaris, stellen. Canaris war ein ständiger und häufiger Gast im Führerhauptquartier und bei Ihnen. Wie war das Verhältnis des Feldmarschalls Keitel zu seinem ältesten Amtschef?

JODL: Das Verhältnis des Feldmarschalls Keitel zu Canaris war vom ersten bis zum letzten Tage ein ganz besonders freundschaftliches und gutes und ein leider viel zu vertrauensseliges.

DR. NELTE: Darf ich fragen, wie das Verhältnis nach dem 20. Juli war?


JODL: Ich weiß, daß der Feldmarschall Keitel auch nach dem 20. Juli an die erhobenen Anklagen gegen Canaris nicht geglaubt hat und daß er nach der Verhaftung von Canaris seine Familie mit Geld unterstützt hat.


DR. NELTE: Wie war das Verhältnis von Canaris zu Heydrich?


JODL: Davon habe ich schon einmal gesprochen. Canaris hat sich stets bemüht, mit Himmler und Heydrich ein besonders gutes Verhältnis zu haben, damit sie gegen ihn nicht mißtrauisch würden.


[476] DR. NELTE: Was können Sie über die Stellungnahme des Feldmarschalls Keitel zu dem Plan Hitlers im Oktober 1939 sagen, im Westen anzugreifen?


JODL: Ich weiß, daß der Feldmarschall Keitel, offenbar stark beeindruckt durch die Einstellung des Oberbefehlshabers des Heeres und des Generalstabs des Heeres, ebenfalls seine warnende Stimme gegen diesen Angriff im Westen erhoben hat, und ich weiß – allerdings habe ich es nicht persönlich miterlebt, sondern Schmundt hat es mir nachträglich erzählt –, ich weiß, daß er auch in dieser Zeit eine Kontroverse mit dem Führer hatte, die damals schon zu einem ersten Abschiedsgesuch führte. So kann ich berichten nach dem, was mir Schmundt erzählt hat; miterlebt habe ich es nicht. Feldmarschall Keitel hat es nur persönlich auch damals nicht gesagt.


DR. NELTE: In dem Dokument 447-PS, das die Anklagebehörde vorgelegt hat – es handelt sich um die Richtlinien auf Sondergebieten zur Weisung Nummer 21 –, ist unter I 2 b der berühmt gewordene Absatz, wonach im Operationsgebiet des Heeres der Reichsführer-SS zur Vorbereitung der politischen Verwaltung Sonderaufgaben im Auftrage des Führers erhält, die sich aus dem endgültig auszutragenden Kampf zweier entgegengesetzter politischer Systeme ergeben. Soweit das verkürzte Zitat. Ich will Ihnen das Dokument, das Ihnen sicherlich geläufig ist, nicht übergeben, sondern Sie zur Abkürzung lediglich bitten, dem Gerichtshof zu sagen, wie sich Feldmarschall Keitel zu der Entstehung dieser Bestimmung verhalten hat.


JODL: Die Forderung des Führers, mit Himmler und der Polizei in die Souveränität des Heeres in seinem Operationsgebiet einzubrechen, hat zu tagelangen erbitterten Auseinandersetzungen mit dem Führer geführt. Dieselben Auseinandersetzungen hat es schon bei der Einsetzung von Terboven in Norwegen gegeben, und man braucht darüber nur meine Einträge in meinem Tagebuch, 1780-PS, nachzulesen. Ich weiß natürlich heute, warum der Führer diesen seinen Standpunkt unter allen Umständen durchgesetzt hat und warum er diese seine Polizei unter Himmler in das Operationsgebiet hineingepreßt hat. Es widersprach all unseren Vorschriften; es widersprach allen früheren Abmachungen mit der Polizei und mit Himmler. Aber letzten Endes hat es gegen den Widerstand auf der ganzen Linie der Führer durchgesetzt.


DR. NELTE: Es ist hier von der Anklage behauptet worden, der Feldmarschall Keitel habe im Jahre 1940 den Befehl gegeben, den General Weygand, also den Generalstabschef der damaligen französischen Armee, zu töten. Diese Behauptung stützt sich im wesentlichen auf eine Aussage des Zeugen General Lahousen.[477] Hierzu habe ich einige kurze Fragen an Sie. Hatte der Feldmarschall Keitel überhaupt eine Zuständigkeit, die Tötung eines Generals anzuordnen?


JODL: Nein, jedes Todesurteil überhaupt mußte ja vom Führer bestätigt werden.


DR. NELTE: Ja, Todesurteile meine ich natürlich nicht in diesem Zusammenhang...


JODL: Ja, zuständig für einen Mord ist überhaupt niemand.


DR. NELTE: Ich frage dies, weil es in der Aussage Lahousens so dargestellt wurde, als sei dieser Befehl von Feldmarschall Keitel an Admiral Canaris gegeben worden. Wenn wir einmal annehmen, ein solcher Befehl sei von Hitler erteilt worden, so wäre diese Aktion bei der Bedeutung des Generals Weygand doch ein hochpolitischer Akt gewesen.


JODL: Zweifellos.


DR. NELTE: Wäre es nicht auch gleichzeitig politisch ein widersinniger Akt gewesen?


JODL: Das wäre zunächst ein Verbrechen gewesen...


VORSITZENDER: Dr. Nelte! Das ist alles nur Argumentation, und Ihre Fragestellung ist rein suggestiv. Mein Einwand ist, daß Ihre Fragestellung nur Argumente bringt. Setzen Sie fort!


DR. NELTE: Hätte Ihnen, wenn ein solcher Befehl gegeben worden wäre, dieser unbekannt bleiben können?


JODL: Ich kann mir nicht vorstellen, daß der Feldmarschall Keitel, mit dem Auftrag zu einem Mord belastet, mir gegenüber darüber nicht gesprochen hätte.


DR. NELTE: Was haben Sie über den Fall Weygand überhaupt gehört?


JODL: Ich habe über den Fall Weygand niemals auch nur ein einziges Wort gehört, sondern ich habe nur das eine gehört, als Himmler in meiner Gegenwart dem Führer meldete, ich habe dem General Weygand eine sehr schöne Villa gegeben in Baden, und dort ist er so untergebracht, daß er vollkommen zufrieden sein kann. Das ist das einzige, was ich über diese Sache Weygand überhaupt gehört habe.


DR. NELTE: Der Zeuge Lahousen ist ebenso auch zum Falle des Generals Giraud gehört worden. Haben Sie von diesem Fall Giraud, der großes Aufsehen erregte, auch erfahren?


JODL: Von dem Fall Giraud habe ich etwas mehr gehört. Kurz nach der gelungenen Flucht von Giraud hat mir der Feldmarschall Keitel einmal gesprächsweise erzählt, daß er ihn durch Canaris überwachen ließe, damit er nicht, was der Führer immer befürchte, [478] womöglich nach Nordafrika ginge und dort den militärischen Aufbau der Kolonialarmee gegen uns leite, oder für den Fall, daß er doch noch mal in das tatsächlich besetzte Gebiet zu seiner Familie käme, um ihn dann festnehmen zu lassen. Davon hat er mir erzählt. Und es war etliche Monate später, als er nur wieder sagte: Ich habe jetzt diesen Auftrag an Canaris zurückgezogen; denn der Führer hat Himmler damit beauftragt; und wenn diese beiden Stellen sich darum kümmern, dann gibt es bloß Schwierigkeiten und Differenzen. Und ein drittes Mal habe ich über den Fall Giraud gehört, als der Feldmarschall Keitel mir sagte: Es ist ein Beauftragter von Giraud – und zwar war es, glaube ich, Ende 1943 oder Frühjahr 1944 – es ist ein Beauftragter von Giraud an die Abwehr herangetreten, und Giraud, der sich mit dem General de Gaulle in Nordafrika nicht verträgt, hat anfragen lassen, ob er nicht eventuell nach Frankreich zurückkehren könne. Ich sagte damals zu Feldmarschall Keitel, darauf muß man unbedingt sofort eingehen, denn das ist ja politisch für uns außerordentlich günstig. Das ist das einzige, was ich jemals über den Fall Giraud gehört habe, sonst nichts.


DR. NELTE: Sie haben vorgestern über die Besprechung im Führerzug September 1939 ausgesagt, bei der auch General Lahousen anwesend war, und Sie haben in diesem Zusammenhang gesagt: Von meiner Seite ist gegen die Darstellung Lahousens nichts einzuwenden. Nur um Mißverständnisse auszuschließen, möchte ich Sie bitten, zu sagen, ob Sie damit sagen wollen... wollten, daß die ganze Aussage Lahousens glaubwürdig und richtig sei, die sich also auch auf Giraud und Weygand bezog, oder nur der Teil, der Ihre Anwesenheit im Führerzug betrifft.


JODL: Ich meinte dabei natürlich nur die Äußerungen Lahousens, die er über mich gemacht hat. Über die Äußerungen, die sonst hier vorgebracht wurden, habe ich meine eigene Meinung; die gehört aber vielleicht nicht hierher.


DR. NELTE: Sie haben gestern auch schon auf die Frage des Herrn Stahmer gesprochen über die Auseinandersetzung aus Anlaß der 80 geflohenen Royal-Air-Force-Flieger. Ich möchte in dieser, den Feldmarschall Keitel besonders bedrückenden Frage zur Klarstellung noch folgendes von Ihnen wissen:

Haben Sie gehört, daß Keitel sich heftigst dagegen wehrte, daß die wiederergriffenen Royal-Air-Force-Flieger Himmler, das heißt der Gestapo, ausgeliefert würden?


JODL: Als ich diese ein oder zwei Minuten am Vorhang stand, da hörte ich zunächst, wie der Führer sagte: »Das ist ja unerhört; das ist jetzt das zehnte Mal, daß mir Dutzende von gefangenen Offizieren ausbrechen. Diese Offiziere bedeuten eine Riesengefahr; das sehen Sie nicht ein, Sie,« – Keitel nämlich –; »bei den sechs [479] Millionen fremdvölkischen Leuten, die wir an Gefangenen und Arbeitern in Deutschland haben, sind das die Führer, die mir einen Aufstand organisieren. Das kommt von dieser schlappen Haltung der Kommandanten. Diese ausgebrochenen Flieger sind sofort Himmler zu übergeben.« Und dann hörte ich noch, wie daraufhin der Feldmarschall Keitel sagte: »Mein Führer, es ist ein Teil bereits wieder in das Lager eingeliefert, die sind wieder Kriegsgefangene, die kann ich nicht abgeben.« Daraufhin sagte der Führer: »Gut, dann können die bleiben.« Das ist das, was ich mit eigenen Ohren in diesem Augenblick gehört habe, bis mein Telephongespräch mich wieder weggerufen hat.


DR. NELTE: Haben Sie nachher noch einmal mit Feldmarschall Keitel über diesen Vorfall gesprochen?


JODL: Wir fuhren zusammen vom Berghof wieder nach Berchtesgaden hinunter. Der Feldmarschall Keitel war außer sich, denn er hatte mir beim Herauffahren gesagt, er würde den Ausbruch dieser Flieger dem Führer nicht melden. Er hoffe, daß er am nächsten Tage alle wieder habe. Und er war wütend auf Himmler, der das sofort dem Führer gemeldet hat. Ich sagte zu ihm, wenn der Führer in dem Ausbruch gefangener Offiziere mit Rücksicht auf die Gesamtlage in Deutschland eine so große Gefahr sieht, dann muß man mal zuerst das in England notifizieren, damit der Befehl zurückgenommen wird; denn alle gefangenen Offiziere hatten einen Ausbruchsversuch zu machen. Nun muß ich offen sagen, daß in diesem Augenblick keiner von uns beiden überhaupt auch nur mit einem Gedanken damit beschäftigt war, diese wieder ergriffenen Offiziere könnten erschossen werden. Denn sie hatten ja nichts getan, als aus einem Lager auszubrechen, was deutsche Offiziere auch dutzendmal getan hatten; sondern ich stellte mir vor, er will sie der Disziplinarbestrafung des Heeres entziehen, die sicherlich nach seiner Auffassung viel zu weich wäre, und läßt sie durch Himmler eine Zeitlang in einem Konzentrationslager arbeiten als Strafe. Diese Vorstellung hatte ich.


DR. NELTE: Es ist jedenfalls in Ihrem Beisein und, soweit Sie mitgehört haben, nacht der Befehl Hitlers an Himmler erteilt worden, diese Offiziere zu erschießen?


JODL: Das weiß ich mit absoluter Sicherheit; denn ich weiß, in welchem Zustand ich mich befand, als ich dann plötzlich die Nachricht bekam, die seien erschossen worden.


DR. NELTE: Ich möchte nur noch einige kurze abschließende Fragen an Sie richten:

Das Tribunal hat Feldmarschall Keitel auf dem Zeugenstand gefragt, ob er schriftliche Rücktrittsgesuche eingereicht habe. Sie [480] waren ja zugegen. Was können Sie dem Gerichtshof über die Rücktrittsgesuche beziehungsweise das Bemühen Keitels, von seiner Stellung wegzukommen, sagen?


JODL: Das erstere habe ich schon kurz vorhin erwähnt; das muß im Frühjahr 1940 gewesen sein wegen des Westfeldzuges; davon hat mir Schmundt erzählt; aber ich habe es nicht gesehen. Den zweiten Fall – den ich aber nun genau weiß –, der war im Jahre 1941, und zwar im November, als es eine ungeheuere Kontroverse zwischen dem Führer und Keitel gegeben hatte, wo der Führer den Ausdruck: »Ich habe es nur mit Strohköpfen zu tun« gewählt hat...


VORSITZENDER: Wir wollen die Einzelheiten nicht, wenn er uns nur sagen kann, wann Keitel zurücktreten wollte...

JODL: Also dieser zweite Fall war im Herbst 1941. Nach der Kontroverse schrieb der Feldmarschall Keitel sein Abschiedsgesuch, als ich zu ihm ins Zimmer trat, und vor ihm auf dem Schreibtisch lag seine Pistole, die ich persönlich weggenommen habe.


VORSITZENDER: Dr. Nelte! Ich habe Ihnen gesagt, daß der Gerichtshof die Einzelheiten gar nicht hören will, und jetzt bekommen wir doch Einzelheiten über seinen Rücktritt erzählt.


DR. NELTE: Kann es nicht für das Gericht von Bedeutung sein zu wissen, wie ernst es dem Angeklagten Keitel war, daß er sogar zur Pistole greifen wollte? Aber...


VORSITZENDER: Er erzählt da irgendwelche Einzelheiten über den Schreibtisch, auf dem das Dokument lag, oder so etwas. Er versuchte schriftlich zurückzutreten. Das ist das Wichtige.


DR. NELTE: Also, Sie können von diesem Fall bekunden, daß der Feldmarschall Keitel sein Gesuch schriftlich eingereicht hat?


JODL: Ich habe selbst gesehen, wie er daran geschrieben hat, und ich habe die Einleitung gelesen.


DR. NELTE: Wenn nun die Dinge, wie Sie sie auch im Laufe Ihres Verhörs geschildert haben, häufig so weit kamen, wie Sie dies an Hand der Pistole sogar beweisen, wie kam es dann, daß Keitel immer wieder blieb?


JODL: Weil sich der Führer von ihm unter gar keinen Umständen trennen wollte. Er ließ ihn überhaupt nicht weg. Ich glaube, es sind mehrere Vorstöße in dieser Richtung unternommen worden, auch von anderer Seite, aber der Führer ließ Ihn nicht weg; und zweitens kam selbstverständlich in dieser Hinsicht unsere gleiche Einstellung zum Durchbruch, daß wir uns ja im Kriege befanden, in einem Krieg auf Sein oder Nichtsein, in dem ja ein Offizier letzten Endes nicht mehr zu Hause Strümpfe stricken konnte. Es war also doch immer wieder das Pflichtbewußtsein, was [481] sich durchgesetzt hat und das uns veranlaßt hat, all das Schwere tatsächlich zu ertragen.


DR. NELTE: Aber Sie werden verstehen, daß man dem General doch auch das Wort entgegenhalten muß: Treue um Treue, und daß der Gehorsam doch nur so weit gehen kann, als er nicht die Menschenwürde verletzt? Haben Sie darüber auch nachgedacht?


JODL: Darüber habe ich sehr viel nachgedacht.


VORSITZENDER: Das ist doch sicher keine Frage, die ein Verteidiger stellen kann. Das ist Argumentation, nicht Beweisführung. Das ist keine zulässige Frage.


DR. NELTE: Ich bin am Ende.


DR. THOMA: Herr Zeuge! Ist es richtig, daß Rosenberg Ihnen und General Zeitzler Mitte Januar 1943 den Entwurf einer Proklamation an die Völker Osteuropas vorgelegt hat?


JODL: Das ist richtig. Es war nach der Lagebesprechung. Rosenberg war im Hauptquartier anwesend. Er bat mich und Zeitzler einen Moment in ein Nebenzimmer und sagte, er wolle jetzt dem Führer vortragen eine Proklamation an die Ostvölker, und er möchte sie uns vorher vorlegen. Daran erinnere ich mich.


DR. THOMA: Können Sie sich noch an den Inhalt erinnern?


JODL: Es war ein sehr weitgehendes Entgegenkommen bezüglich der Souveränität dieser einzelnen Oststaaten in ihm enthalten. Es war ein ausgesprochener Versuch, durch eine ostentative Versöhnungspolitik diese ganze Unruhe und Ablehnung des deutschen Systems zu bekämpfen.


DR. THOMA: Haben Sie Herrn Rosenberg gegenüber Ihre Freude über diese Proklamation zum Ausdruck gebracht?


JODL: Wir haben damals gesagt, daß das schon immer unsere Auffassung war; aber wir haben Zweifel gehegt, ob es jetzt nicht schon zu spät ist.


DR. THOMA: Was war denn dann der Erfolg dieser Denkschrift?


JODL: Soviel mir Rosenberg nach dieser Besprechung gesagt hat, hat der Führer die Dinge, wie er es oft getan hat, auf die lange Bank geschoben, das heißt, er hat sie nicht abgelehnt, aber er hat gesagt: »Legen Sie das zurück.«


DR. THOMA: Hatten Sie den Eindruck, daß die Vorschläge Rosenbergs aus der Sorge vor den Gefahren entstanden sind, die durch die Kochschen Methoden hervorgerufen wurden?


JODL: Zweifellos. Es war ein Versuch, diesen anderen Methoden, wie sie durch Himmler und gerade durch Koch allmählich üblich geworden sind, entgegenzuwirken.


[482] DR. THOMA: Ich danke schön, ich habe keine Fragen mehr.


DR. KARL HAENSEL, STELLVERTRETENDER VERTEIDIGER FÜR DIE SS: Hat der strategische Einsatz der Division der Waffen-SS Ihnen unterstanden?


JODL: Die Divisionen der Waffen-SS wurden bezüglich des Einsatzes allgemein genau so behandelt wie die Heeres-Divisionen.


DR. HAENSEL: Wieviel Waffen-SS-Divisionen hat es nach Ihrer Erinnerung gegeben? Bitte, nennen Sie auch die Zahl der Wehrmachts-Divisionen, damit man einen Vergleich hat.


JODL: Wir fingen bei Kriegsbeginn, ich glaube, mit 3 Divisionen an, 3 SS-Divisionen, und, die Zahl steigerte sich bis Ende des Krieges auf schätzungsweise 35 bis 37 Divisionen, gegenüber einer Zahl von Heeres-Divisionen, die schwankte, aber die man rund angeben kann, vielleicht mit 280, 290, 300.


DR. HAENSEL: Wie wurde bei der Aufstellung von neuen Divisionen verfahren? Wer entschied, ob eine solche neue Division eine Waffen-SS-Division wurde oder eine Wehrmachts-Division?


JODL: Sobald der Führer eine neue Aufstellungswelle befohlen hatte, sagte er nach Rücksprache mit Himmler: Dabei sind aufzustellen soundso viele Divisionen, soundso viele Waffen-SS-Divisionen; die bestimmte er zahlenmäßig.


DR. HAENSEL: Bestand da ein gewisser Schlüssel, oder wurde das nach einer gewissen Willkür gemacht?


JODL: Ich hatte den Eindruck, daß der Führer bei der Aufstellung der SS-Divisionen so weit gehen wollte, als er überhaupt konnte.


DR. HAENSEL: Und worin sehen Sie... wenn Sie sagen »konnte«, worin sehen Sie die Begrenzung?


JODL: Die Begrenzung lag darin, daß die Soldaten dieser Waffen-SS-Division ja Freiwillige sein sollten, und es kam dann sehr bald der Moment, wo Himmler melden mußte: »Ich kriege den Ersatz nicht mehr für die Division«, und von diesem Augenblick trat der Zustand ein, daß nun einfach von den Wehrpflichtigen durch die SS oben der Rahm abgeschöpft wurde und diese Leute, auch wenn sie streng katholische Bauernsöhne waren, zu SS-Divisionen eingezogen wurden. Ich habe selbst darüber erbitterte Briefe von Bäuerinnen bekommen.


DR. HAENSEL: Wurde bei diesen Einziehungen zur Waffen-SS, wie Sie sie eben geschildert haben, von politischen Gesichtspunkten abgegangen? Hat man einen Rekruten erst politisch in irgendeiner Weise befragt, ehe man ihn zur Waffen-SS gab, oder wurde darauf keine Rücksicht genommen?


[483] JODL: Nein, das Entscheidende war, daß der Bursche groß war und gut aussah und versprach, ein guter Soldat zu werden. Das war das Entscheidende.

DR. HAENSEL: Sie haben gestern gesagt, daß bei der Einziehung von Rekruten keine Rücksicht darauf genommen wurde, ob ein Mann etwa der SA angehörte oder nicht. Gilt das Entsprechende auch auf die Zugehörigkeit zur Allgemeinen SS? Ich meine in der Hinsicht: Wurde keine Rücksicht darauf genommen, ob der Rekrut der Allgemeinen SS angehörte, weder bei seiner Einziehung noch bei seiner Ausbildung noch dann bei seiner Beförderung?


JODL: Nicht in diesem ausgesprochenen Maße wie bei der SA. Ich glaube, daß der größere Teil der Leute, die in der Allgemeinen SS waren, zur Waffen-SS kamen und sich meldeten; aber ich weiß auch, daß sehr viele das nicht getan haben und normalerweise durch das Heer eingezogen wurden, so daß sie dann genau wie jeder andere Deutsche auch im Heere behandelt wurden.


DR. HAENSEL: Also es gibt, wenn ich Sie recht verstehe, viele Angehörige der Allgemeinen SS, die im Heere dienten, auf der einen Seite, und es gibt viele Männer, die weder der Partei angehörten noch der SS, aber in der Waffen-SS dienten?


JODL: Das ist richtig; das gilt nicht für die allererste Zeit des Krieges, aber absolut für die zweite Hälfte des Krieges.


DR. HAENSEL: Und diese zweite Hälfte des Krieges ist wohl diejenige, die nummerisch die größeren Zahlen enthält?


JODL: Unbedingt; zweite Hälfte nenne ich immer die nach Einsetzen der großen Verluste im ersten Rußlandfeldzug des Jahres 1941.


DR. HAENSEL: Wie stark war die gesamte Waffen-SS am Kriegsende, so etwa?


JODL: Rund 480000 Mann.


DR. HAENSEL: Und zu dieser Zahl würden die Abgänge, also die Gefallenen und die durch Gefangenschaft Verlorenen, hinzukommen?


JODL: Die kommen noch dazu.


DR. HAENSEL: Und haben Sie darüber irgendeine ziffernmäßige Vorstellung?


JODL: Das kann ich schwer schätzen bezüglich der SS.


[Kreuzverhör durch Mr. Roberts.]


MR. ROBERTS: Herr Zeuge! Sie haben vor zwei Tagen dem Gerichtshof gesagt, daß Ihnen das Soldatentum im Blute liegt. Stimmt das?

[484] JODL: Ja, das stimmt.

MR. ROBERTS: Sehr gut, und Sie sagten gestern, Sie wären hier, um die Ehre des deutschen Soldaten zu vertreten. Stimmt das?


JODL: Das tue ich im hohen Maße.


MR. ROBERTS: Sehr wohl. Sie haben sich als ein ehrenhafter Soldat hingestellt?


JODL: Das habe ich mit vollem Bewußtsein.


MR. ROBERTS: Sie haben sich als einen wahrheitsliebenden Mann hingestellt?


JODL: Ich habe mich als einen solchen Mann hingestellt, und ich bin es auch.


MR. ROBERTS: Sehr wohl. Und glauben Sie, daß durch das, was Sie, wie Sie sagen, während der letzten sechs oder sieben Jahre tun mußten, Ihre Ehre beschmutzt worden ist?


JODL: Meine Ehre ist sicherlich nicht beschmutzt worden; denn die habe ich persönlich gewahrt.


MR. ROBERTS: Sehr gut. Sie sagen, daß Ihre Ehre nicht beschmutzt worden sei. Ist während der letzten sechs oder sieben Jahre, als Sie angeblich solche Dinge sagen mußten, Ihre Wahrheitsliebe auf demselben hohen Niveau geblieben?

[Keine Antwort.]


MR. ROBERTS: Können Sie die Frage nicht beantworten?

JODL: Ich glaube, ich bin zu dumm für diese Frage.


MR. ROBERTS: Gut, wenn Sie zu dumm sind, dann werde ich die Frage fallen lassen und weitergehen.

Im Jahre 1935 waren Sie Oberstleutnant im Amt Landesverteidigung der Wehrmacht, stimmt das?


JODL: Absolut richtig.


MR. ROBERTS: Das ist das Amt L, Landesverteidigung, stimmt das?


JODL: Jawohl, das stimmt.


MR. ROBERTS: Und Feldmarschall von Blomberg war Ihr Vorgesetzter?


JODL: Feldmarschall von Blomberg war nicht mein direkter, aber einer meiner Vorgesetzten.


MR. ROBERTS: Haben Sie viel mit Feldmarschall von Blomberg gearbeitet?


[485] JODL: Ich bin auch verschiedentlich persönlich bei ihm beim Vortrag gewesen. Naturgemäß lange nicht so viel wie der Chef des Wehrmachtsamtes.


MR. ROBERTS: Haben Sie Stabsbesprechungen bei ihm beigewohnt?


JODL: Besprechungen im größeren Kreise bei Blomberg habe ich nicht miterlebt. Ich glaube, daß selten mehr da waren als der damalige General Keitel und ich und vielleicht noch ein anderer Amtschef.


MR. ROBERTS: Und wurden diese als Stabsbesprechungen bezeichnet?


JODL: Nein, die Besprechungen, die fanden beim Chef des Wehrmachtsamtes statt.


MR. ROBERTS: Gingen Sie zu Stabsbesprechungen?


JODL: Natürlich, da ich ja dem Stabe angehörte.


MR. ROBERTS: Sehr gut; das habe ich mir gedacht.

Schauen Sie sich bitte das Dokument C-139 an, US-53. Schauen Sie sich zuerst die Unterschrift an. Es ist doch von Blomberg unterschrieben, nicht wahr?


JODL: Das ist von Blomberg unterschrieben, ja.


MR. ROBERTS: Das befaßt sich mit dem Unternehmen »Schulung«. Erinnern Sie sich, was das Unternehmen »Schulung« war?


[Keine Antwort.]


MR. ROBERTS: Das ist doch die Wiederbesetzung des Rheinlandes, nicht wahr?


[Keine Antwort.]


MR. ROBERTS: Können Sie mir nicht antworten?

JODL: Ich kann Ihnen antworten, sobald ich das gelesen habe.


VORSITZENDER: Angeklagter! Die Frage war, ob Sie sich erinnern, was das Unternehmen »Schulung« war. Sie brauchen das Dokument nicht zu lesen, um diese Frage zu beantworten.


JODL: Meiner Erinnerung nach – von der ich aber nicht weiß, ob sie nicht erst hier aus dem Aktenstudium von Nürnberg stammt – war der Begriff »Schulung« die Vorbereitung für die Besetzung der Rheinlinie nach Räumung der westrheinischen Gebiete im Falle französischer Sanktionen...


MR. ROBERTS: Gut, ich verstehe.


JODL: Aber... Dazu ist noch etwas zu sagen.


[486] MR. ROBERTS: Nun, warten Sie einen Augenblick. Das handelt sich dann doch um die Wiederbesetzung des Rheinlandes; stimmen Sie dem zu?

JODL: Nein, das befaßt sich nicht mit der Wiederbesetzung des Rheinlandes; das ist absolut falsch, sondern das...


MR. ROBERTS: Nun, wir wollen das Dokument zusammen betrachten und sehen, was darin geschrieben steht.

Vor allem ist es datiert vom 2. Mai 1935.

»Für das in der...«

Ich lese es Ihnen vor; dabei möchte ich folgendes klarstellen: Es ist scheinbar so geheim, daß es nicht einem Stenographen anvertraut werden konnte. Das ganze Dokument ist nämlich mit der Hand geschrieben, nicht wahr?


[Keine Antwort.]


MR. ROBERTS: Diese Frage können Sie doch bestimmt beantworten. Können Sie erkennen, ob es mit der Hand geschrieben ist oder nicht?

JODL: Das ist in Handschrift geschrieben, ja.


MR. ROBERTS: Warum sagen Sie das nicht?

Nun, wir wollen es uns ansehen. Es stammt vom Reichswehrminister; das ist von Blomberg, nicht wahr? Es ist die zweite Ausfertigung, »von Hand zu Hand«. Es geht an den Chef der Heeresleitung, an den Chef der Marineleitung und an den Reichsminister der Luftfahrt.

»Für das in der letzten Wehrmachtsbesprechung angeregte Unternehmen...«

deshalb habe ich Sie gefragt, ob Sie Stabsbesprechungen beiwohnten, sehen Sie...

»bestimme ich das Deckwort ›Schulung‹.«

Dann darf ich mich ganz kurz auf den Inhalt beziehen. Es ist

»eine gemeinsame Aktion der drei Wehrmachtsteile... Das Unternehmen muß... schlagartig als Überfall zur Ausführung gelangen« – ein Ausdruck, den wir später gut kennengelernt haben – »Größte Geheimhaltung... ist erforderlich... in Friedenszusammensetzung...«

Und unter Ziffer 3 heißt es:

»Jede Besserung der Rüstungslage wird eine Erweiterung der Vorbereitungen ermöglichen...«

Und dann die Frage an die Heeresleitung:

»Wie viele kampffähige Divisionen... können für das Unternehmen verfügbar gemacht werden?«

[487] Nicht ein symbolisches Bataillon, wie Sie gestern sagten.

»Verstärkung der dort notwendigerweise unzureichenden Kräfte« – das war im Westen – »durch die sofort durch Bahn- oder Seetransport heranzuziehenden ostpreußischen Divisionen....Marineleitung: Gesicherte Durchführung der Abbeförderung der ostpreußischen Truppen auf dem Seeweg, falls der Landweg verschlossen.«

Worauf könnten sich diese geheimen Befehle beziehen, die so geheim waren, daß sie nur handschriftlich niedergeschrieben werden konnten, wenn nicht auf die Wiederbesetzung des Rheinlandes?

JODL: Wenn Sie mir eine ganz kurze Erklärung gestatten, dann wird die Zeit des Gerichts ungeheuer abgekürzt.

MR. ROBERTS: Bitte, Herr Zeuge, beantworten Sie zuerst meine Frage, und dann geben Sie Ihre Erklärung ab, wenn sie kurz ist. Die Frage ist: Auf was könnte es sich denn beziehen, wenn nicht auf die Wiederbesetzung des Rheinlandes?


JODL: Ich bin hier nicht als Hellseher. Ich kenne das Dokument nicht. Ich habe es nie gelesen. Ich war zu dieser Zeit nicht im Wehrmachtsamt – das hat ganz andere Unterschriften –, sondern ich war in der Operationsabteilung des Heeres, und ich habe dieses Papier weder gesehen noch je davon gehört. Wenn Sie das Datum ansehen, 2. Mai 1935, dann liegt das dokumentarisch fest; denn ich bin erst Mitte Juni 1935 in das Wehrmachtsamt gekommen. Ich kann Ihnen also nur auf Grund meiner Generalstabsausbildung einige Vermutungen sagen. Aber Vermutungen wünscht ja das Gericht nicht.


MR. ROBERTS: Gut, wenn das Ihre Antwort ist.

Und Sie, der Sie Feldmarschall von Blombergs Stabsbesprechungen beigewohnt haben, behaupten, daß Sie dem Gerichtshof gar nichts darüber sagen können, womit sich dieser geheime Operationsbefehl befaßt hat?


JODL: Das war doch vor meiner Zeit, da war ich nicht bei Blomberg.


MR. ROBERTS: Wollen Sie sich bitte das Dokument EC-405 anschauen. Lassen Sie ihn das deutsche Dokumentenbuch Seite 277 ansehen.

Herr Vorsitzender! Das ist Seite 26. – Hat er nicht ein deutsches Buch?


VORSITZENDER: Angeklagter! Sie haben doch gesagt, daß Sie sich daran erinnern, daß das Unternehmen »Schulung« die Vorbereitung für die Besetzung des Rheinlandes gewesen sei?


[488] JODL: Nein, das Gegenteil habe ich gesagt. Ich habe gesagt, das Wort »Schulung« habe ich zum erstenmal hier im Gericht gehört und habe mir nun Gedanken gemacht: was könnte denn das gewesen sein.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof wird, dem Protokoll entnehmen können, was Sie sagten. Sie sagen also, daß Sie nicht gesagt haben, daß »Schulung« die Vorbereitung zur Besetzung des Rheinlandes bedeutete. Stimmt das?


JODL: Ich will sagen, daß ich ja als damaliger Generalstabsoffizier der Operationsabteilung wissen mußte, welche militärischen Vorbereitungen getroffen waren.


VORSITZENDER: Das ist aber nicht, wonach ich Sie fragte. Sondern ich will wissen, was Sie eben gesagt haben als Antwort. auf die Frage, ob Sie sich erinnern, was das Unternehmen »Schulung« bedeutet. Was haben Sie gesagt? Es ist möglich, daß die Übersetzung nicht richtig durchkam. Was sagten Sie?


JODL: Ich habe gesagt, ich glaube, mich zu erinnern – aber ich weiß nicht, ob diese Erinnerung nicht erst aus dem Studium der Dokumente hier stammt oder von früher –, daß mit dem Worte »Schulung« die Vorbereitungen gemeint waren, die für die Räumung des westrheinischen Gebietes und für eine Besetzung der Rheinlinie vorgesehen waren im Falle französischer Sanktionen; denn das war das einzige, womit wir uns damals befaßt haben. Dazu gehörten die ganzen Räumungsmaßnahmen, die ich dann später im Dokument EC-405 sowieso erwähnt habe.


MR. ROBERTS: Sie erinnern sich doch an das Datum des letzten Dokuments, 2. Mai 1935? Jetzt beziehe ich mich auf EC-405. Das ist im großen Doku mentenbuch Nummer 7 auf Seite 261 und auf Seite 277 des deutschen Buches. Dieses, Zeuge, ist eine Sitzung... Schauen Sie sich bitte Seite 43 und 44 des Originals an, das Sie haben. Haben Sie 43 und 44?


JODL: 43 und 44, jawohl.


MR. ROBERTS: Schön; Sie sehen da, es ist eine Sitzung des Arbeitsausschusses des Reichsverteidigungsrates. Es ist vom 26. Juni 1935 datiert, und unter »f« heißt es:

»Oberstleutnant Jodl über Beteiligung an Mobilmachungsvorarbeiten«.

Und die ersten drei Absätze befassen sich. mit der Mobilmachung. Ich will sie nicht verlesen. Aber im vierten Absatz heißt es:

»Besondere Behandlung erfordert die entmil. Zone. Der Führer und Reichskanzler hat in seiner Rede vom 21. 5. 35 [489] und anderen Erklärungen zum Ausdruck gebracht, daß die Bestimmungen des Versailler Vertrages und des Locarno-Abkommens für die entmil. Zone beachtet werden. Auf das ›Aide mémoire‹ des Französischen Geschäftsträgers vom 17. 6. 35 über ›Ersatzdienststellen in der entmil. Zone‹ hat die Deutsche Reichsregierung geantwortet, daß weder die zivilen Ersatzbehörden noch andere Stellen in der entmil. Zone mit Mob.Aufgaben, wie Aufstellung, Ausrüstung und Bewaffnung von irgendwelchen Formationen für den Kriegsfall oder der Vorbereitung hierfür be traut sind.«

Wenn von Blombergs handgeschriebener Brief vom 2. Mai 1935 sich auf Vorbereitungen zur schlagartigen Wiederbesetzung des Rheinlandes bezog, dann war es doch sehr unehrlich vom Führer, wenn er 19 Tage später, am 21. Mai, sagte, daß das Locarno-Abkommen und der Versailler Vertrag beachtet werden würden, nicht wahr?

JODL: Nein, das war nicht unehrlich; denn, wenn es überhaupt richtig ist, daß sich der Begriff »Schulung...«

VORSITZENDER: Ich glaube, das ist Auffassungssache, wenn Sie gestatten.


MR. ROBERTS: Ich muß natürlich im weiteren Verlauf dem Zeugen gegenüber gewisse Bemerkungen machen. Sie werden ohne Zweifel feststellen, Herr Vorsitzender, daß ich von dieser speziellen Entscheidung, die sich vermutlich nur auf diese Frage bezieht, nicht abzuweichen versuche.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof ist der Ansicht, daß Sie keine Bemerkungen machen, sondern Ihr Kreuzverhör, soweit wie möglich, auf Tatsachen beschränken sollen.


MR. ROBERTS: Was Ihre Entscheidung anlangt, Herr Vorsitzender... ich habe sehr große Erfahrung im Kreuzverhör, vor vielen Gerichten; ich füge mich natürlich Ihrer Anordnung, Herr Vorsitzender.

Es ist sehr schwierig, ein Kreuzverhör nur auf Tatsachen zu beschränken; aber ich werde mein möglichstes versuchen.

Ich will jetzt weiterlesen:

»Da zur Zeit außenpolitische Verwicklungen unter allen Umständen vermieden werden müssen, dürfen in der entmil. Zone nur unabweisbar notwendige Vorarbeiten durchgeführt werden. Die Tatsache solcher Vorarbeiten oder die Absicht hierzu unterliegt sowohl in der Zone selbst wie auch im übrigen Reich strengster Geheimhaltung.

[490] Die mobilmachungsmäßig gelagerten Waffen, Geräte, Abzeichen, feldgraue Umformen und Ausrüstungsstücke dürfen nicht gezeigt werden.«

Jetzt lese ich aus dem letzten Abschnitt vor:

»Das Niederlegen von schriftlichen Anweisungen für Mobilmachungszwecke ist nur soweit zulässig, als es zur reibungslosen Durchführung der für die entmil. Zone vorgesehenen Maßnahmen unbedingt notwendig ist. Die Aufbewahrung in Panzerschränken muß ausnahmslos gewährleistet sein.«

Sie haben Waffen und Ausrüstungsgegenstände in der entmilitarisierten Zone gestapelt, stimmt das?

JODL: Das waren Waffen und Ausrüstungsgegenstände der Landespolizei, der Schutzpolizei und der Gendarmerie. Truppen waren nicht dort; infolgedessen waren auch keine Waffen für sie dort.

MR. ROBERTS: Hat die Polizei feldgrau getragen?


JODL: Die Polizei hat meines Wissens eine graugrüne Uniform getragen oder eine grüne Uniform.


MR. ROBERTS: Warum mußte dies so geheimgehalten werden, wenn es nur Polizeiausrüstung war?


JODL: Das war die Ausrüstung außerdem noch für den verstärkten Grenzaufsichtsdienst, den Zollschutz, von dem ich schon gesagt habe, daß es beabsichtigt war...


MR. ROBERTS: Meine Frage ist: Warum die Geheimhaltung, Herr Zeuge? Warum war Geheimhaltung notwendig, wenn Sie nicht den Versailler Vertrag brachen? Können Sie das nicht beantworten?


JODL: Ich habe mich über die Notwendigkeit und die Gründe der Geheimhaltung all dieser Maßnahmen in meiner Zeugenaussage bereits eingehend geäußert, und ich stelle fest, daß es in diesen ganzen Vorarbeiten sich darum handelte, im Falle einer Besetzung des westrheinischen Gebietes durch Frankreich, am Rhein selbst mit Hilfe der Schutzpolizei, der Gendarmerie und des verstärkten Grenzaufsichtsdienstes eine Sperrlinie aufzubauen. Das war die damalige Absicht, nur für diesen Fall. Daß ich von der Rheinlandbeset zung erst acht Tage vorher oder sechs Tage vorher erfahren habe, habe ich unter Eid bereits ausgesagt.


MR. ROBERTS: Ich weiß, daß Sie das ausgesagt haben, und ich möchte Ihnen gegenüber behaupten, daß Ihre Aussage darüber ganz unwahr war, und ich möchte behaupten, daß sie auch über viele andere Punkte unwahr gewesen ist. Wollen Sie sich bitte[491] wieder dem ersten Absatz zuwenden, den ich Ihnen vorgelesen habe. Da heißt es:

»Auf das ›Aide mémoire‹ des Französischen Geschäftsträgers vom 17. 6. 35 über ›Ersatzdienststellen in der entmil. Zone‹ hat die Deutsche Reichsregierung geantwortet, daß weder die zivilen Ersatzbehörden noch andere Stellen in der entmil. Zone mit Mob.Aufgaben, wie Aufstellung, Aufrüstung und Bewaffnung von irgendwelchen Formationen für den Kriegsfall oder der Vorbereitung hierfür betraut sind.«

Zeigt nicht der darauffolgende Absatz über die Waffen, die Geräte, die Abzeichen und die feldgrauen Uniformen, daß der Französische Geschäftsträger nicht die Wahrheit erfahren hat?

JODL: Ich weiß nicht; ich wiederhole ja doch nur, was dem Französischen Geschäftsträger erwidert worden ist, und ich glaube, daß das im wesentlichen auch richtig war: Keine Mobilmachungsaufgaben, wie Aufstellung, Ausrüstung und Bewaffnung von Formationen für den Kriegsfall. An einen Krieg war überhaupt nicht gedacht, mit keinem Wort, von niemandem.

MR. ROBERTS: Ich möchte diesen Punkt nicht wiederholen. Darf ich Sie an den Artikel 43 des Versailler Vertrags erinnern – ich glaube, dem Gerichtshof stehen auch Abschriften davon zur Verfügung. Artikel 42 umreißt das Gebiet; das linke Rheinufer und das rechtsrheinische Ufer westlich einer 50 Kilometer östlich des Stromes verlaufenden Linie. Artikel 43 sagt:

»Ebenso ist in der im Artikel 42 bezeichneten Zone die ständige oder zeitweise Unterhaltung oder Ansammlung von Streitkräften untersagt. Das gleiche gilt für jedwede militärischen Übungen und die Beibehaltung aller materiellen Vorkehrungen für eine Mobilmachung.«

Ich halte Ihnen vor, daß die Schritte, die Sie damals unternahmen – die auf der Sitzung damals erwähnt wurden – eine klare Verletzung des Versailler Vertrags gewesen sind. Stimmen Sie dem zu oder nicht?

JODL: Nein, dem stimme ich nicht zu, weil sie nur für den Fall getroffen worden waren, daß der Gegner den Vertrag nicht hält und uns wieder angreift wie damals im Ruhrgebiet.

MR. ROBERTS: Gut. Ich möchte mich nun von Zeit zu Zeit auf ein Dokument beziehen, welches als Ihre Rede bezeichnet worden ist, L-172. Ich will es Ihnen übergeben. Ich möchte zuerst klarstellen, als was Sie das Dokument bezeichnen; denn Sie möchten doch nicht an einem Tag das eine sagen und dann am nächsten Tag das Gegenteil?


JODL: Ich habe...


[492] MR. ROBERTS: Dieses Dokument zeigt doch verschiedentlich Ihre Handschrift. Ich kann Ihnen die Seiten sagen, wenn Sie wollen. Wenn Sie Seite...


JODL: Nein, unnötig. Es enthält viele, viele handschriftliche Streichungen und Notizen von mir. Aber ich habe...


MR. ROBERTS: Ich danke Ihnen, Herr Zeuge, daß Sie mir die Mühe erspart haben. Ist dies eine Rede –, der Entwurf einer Rede, die Sie im Jahre 1943 in München vor den Gauleitern gehalten haben?


JODL: Ich habe schon klar gesagt, der Papierkorb davon, nicht die Rede, die ich gehalten habe, sondern Teile eines ersten Entwurfs und die Masse, was da drinn ist, sind Vortragsnotizen meines Stabes, die er nur für die Bearbeitung dieses Vortrags zugeschickt hat. Daraufhin habe ich ganze Seiten weggestrichen und den ganzen Papierkorb wieder zurückgeschickt; und dann habe ich erst meine Rede gemacht.


MR. ROBERTS: Nun, ich will das nachprüfen; denn Sie haben doch ganz andere ausgesagt als ein amerikanischer Offizier Sie bei zwei verschiedenen Gelegenheiten verhörte?

Sie haben damals ganz anders ausgesagt, nicht wahr?


[Keine Antwort.]


MR. ROBERTS: Wurden Sie nicht zu dieser Sache am 8. Oktober vorigen Jahres von Oberst Hinkel verhört? Erinnern Sie sich daran? Vielleicht erinnern Sie sich nicht an das Datum?

JODL: Nein. Wir haben ein paarmal über diese Angelegenheit gesprochen.


MR. ROBERTS: Ja, und Sie wurden auch vereidigt als Sie Ihre Antworten dem Vernehmungsoffizier gaben?


JODL: Jawohl.


MR. ROBERTS: Darf ich Ihnen, um Ihr Gedächtnis aufzufrischen, eine Abschrift des stenographischen Protokolls der Vernehmung vorlesen?

»Ich zeige Ihnen eine Photokopie einer Anzahl von Seiten eines Vortrages, der angeblich von Ihnen am 7. November 1943 gehalten worden ist, und ich frage Sie, ob diese Seiten Ihren damaligen Vortrag darstellen? Für das Protokoll trägt das die Nummer L-172.«

Dann antworteten Sie:

»Jawohl. Eine Anzahl von Sachen sind nicht darin enthalten, die ich an Hand einer Karte erklärt habe.

[493] Frage: Sie haben zwischendurch Bemerkungen gemacht, die in diesen schriftlichen Ausführungen nicht enthalten sind; ist das richtig?

Antwort: Jawohl. Ich habe viele Einzelheiten an Hand der Karte erklärt.

Frage: Ist das Ihre Handschrift, die auf dem Titelblatt zu sehen ist?

Antwort: Nein, Das ist nicht meine Handschrift.

Frage: Aber die restlichen Seiten erkennen Sie doch als den handschriftlichen Wortlaut eines in München gehaltenen Vortrages an?

Antwort: Ich kann nicht sagen, ob mein Vortrag tatsächlich damals so gewesen ist; denn ich sehe die Unterschrift von Buttlar. Es ist nicht der Vortrag selbst. Es ist das Material der Aufzeichnungen, die mir vorgelegt worden waren.«

Herr Zeuge! Wollen Sie mir jetzt bitte besondere Aufmerksamkeit schenken!

»Frage: Erkennen Sie die ersten 29 Seiten als den Inhalt des Vortrags an, den Sie gehalten haben?

Antwort: (Nachdem er das Dokument geprüft hat) Jawohl, das ist mein Vortrag.«

Wollen Sie diese unter Eid gegebene Antwort jetzt abändern? Wollen Sie das tun?

JODL: Ich habe das Protokoll, das hier aufgenommen ist, ja nicht gelesen. Ich kenne auch die Übersetzung nicht. Ich habe noch mehrere diesbezügliche Erklärungen abgegeben. Ich habe in der zweiten Vernehmung festgestellt, daß das tatsächlich nicht mein Vortrag ist, daß ich zwar...

MR. ROBERTS: Ich werde Ihnen auch die zweite Vernehmung vorlesen, Herr Zeuge! Ich habe sie hier für Sie. Das war am 16. November.


VORSITZENDER: Angeklagter! Haben Sie beendet, was Sie sagen wollten?


JODL: Nein. Ich habe es nicht beendet. Ich bin unterbrochen worden.


VORSITZENDER: Dann beenden Sie, was Sie sagen wollen.


JODL: Ich wollte sagen, daß ich, bevor ich das ganze Dokument durchgesehen hatte, natürlich im ersten Moment des Eindrucks war, daß das mein Vortragsexemplar sei; und erst bei genauer Durchsicht im Laufe der Vernehmungen habe ich gemerkt, daß das nur die gesammelten Unterlagen für diesen Vortrag sind, [494] und ich habe klipp und klar erklärt: »Es enthält zwar einen ersten Entwurf, den Rahmen und den Schluß von mir. Die ganze Mitte sind nur Unterlagen meines Stabes, und das Ganze ist überhaupt nicht der Vortrag, den ich gehalten habe.«

Das habe ich wörtlich dem Oberst Hinkel gesagt.


MR. ROBERTS: Ja. Und nun lassen Sie mich bitte weiterlesen, was ich vorlesen wollte, das zweite Verhör. Es ist vom 16. November 1945, vier Tage vor dem Prozeß. Dieses Dokument trägt im Protokoll die Nummer L-172. Um Ihre Erinnerung aufzufrischen, zeige ich Ihnen die Photokopie:

»Wie ich mich aus Ihrer früheren Aussage erinnere, haben Sie gesagt, daß der erste Teil des Dokuments die schriftliche Fassung der Rede sei, die Sie bei dieser Zusammenkunft halten wollten. Der zweite Teil enthält verschiedene Gedanken, auf deren Grundlage die Rede vorbereitet wurde. Ist das richtig?

Antwort: Einen Augenblick bitte. Das ist nicht mein eigentlicher Vortrag. Es ist ein Konglomerat verschiedener Schriftstücke, die teilweise meine eigenen Entwürfe sind, wenigstens die Einleitung; aber alle Anlagen sind die Unterlagen meines Vortrages, die mir von meinem Stabe zur Verfügung gestellt worden sind. Die Photokopien, die dem Originalvortrag beigefügt waren... es war ein photographiertes Exemplar; auch eine Reihe gezeichneter Karten war beigefügt. Das ist an sich nicht mein Vortrag, und diese kalligraphischen Anmerkungen stammen nicht von mir. Die meinigen habe ich selbst in meiner eigenen Handschrift gemacht. Ich kenne den Ursprung dieses Exemplars nicht; es ist mir wahrscheinlich vom OKW für meinen späteren Vortrag zur Verfügung gestellt worden. Es ist ja ein Konglomerat verschiedener Schriftstücke und nur beschränkt verwertbar.«

Nun, wollen Sie mir bitte genau zuhören!

»Jedoch im großen und ganzen ist es das, was ich zu meinem Vortrag benützt habe.«

Dann die nächste Frage:

»Ich glaube, Sie haben schon vorher ausgesagt, daß die schriftlich aufgesetzte Rede nicht dem tatsächlich vorgetragenen Wortlaut entsprach, weil Sie während der Rede verschiedene Bemerkungen eingefügt haben, insbesondere, wenn Sie auf eine der Karten verwiesen, die Sie den Zuhörern zum besseren Verständnis der von Ihnen behandelten Feldzüge zeigten? Ist das richtig?«

[495] Und hören Sie sich bitte das an:

»Was ich niedergeschrieben habe, habe ich tatsächlich gesagt; ich halte mich an diesen Wortlaut, der von mir selbst niedergeschrieben worden ist. Aber was die gegenwärtige Lage an den verschiedenen Fronten anlangt« – das ist Teil 3 und 4 der Aufzeichnung –, »die hatte ich so klar im Kopf, daß ich mich in meiner Rede nicht auf geschriebene Notizen zu stützen brauchte. Ich habe mich auch ganz frei auf die Karten bezogen.«

Dann die letzte Frage über diesen Punkt:

»Ist es richtig, daß das Dokument, das Sie vor sich haben, im allgemeinen die Rede darstellt, die Sie in München im November 1943 gehalten haben?«

Die Antwort ist:

»Jawohl, ohne Zweifel ist vieles darunter das gleiche. Alle Anlagen über die verschiedenen Operationsgebiete und die anderen Anlagen habe ich während meiner Rede nicht benützt. Ich hatte sie zurückgegeben.«

Stimmen Sie mit Ihren Antworten in diesem Verhör überein?

JODL: Im großen und ganzen haben Sie ja bestätigt, was ich gesagt habe. Aber ich weiß nicht, warum man überhaupt so lange darüber reden muß. Der Fall ist doch vollkommen klar. Es ist...

MR. ROBERTS: Bitte, machen Sie sich keine Gedanken. Ich weiß, daß ich Sie unterbreche; aber ich weiß genau, daß ich Sie davon abhalte, etwas ganz Unerhebliches zu sagen; und um Zeit zu sparen ist es meine Pflicht, Sie zu unterbrechen. Bitte, machen Sie sich keine Gedanken darüber, warum ich etwas tue. Ich will von Ihnen wissen, ob dieses Dokument, allgemein gesagt, das darstellt, was Sie in Ihrer Rede gesagt haben. Es ist etwas ganz anderes, als wenn es in einem Papierkorb liegt.


JODL: Die Einleitung und der Schluß, wie er hier im ersten Entwurf vorhanden ist, ist natürlich in den Grundgedanken letzten Endes so gehalten worden. Aber der ganze Vortrag ist auf Grund dieses ersten Entwurfes erst endgültig bearbeitet, gekürzt, geändert, gestrichen, die falschen Dinge herausgenommen worden. Und dann kam erst der Hauptteil des Vortrages, für den hier nur die Unterlagen da sind. Es gibt keinen Beweis, und ich bin selbst nicht in der Lage zu sagen, ob ich auch nur einen Satz von denen, die hier stehen, tatsächlich so gesprochen habe, wie der erste Entwurf lautet.


MR. ROBERTS: Sehr gut, ich akzeptiere das.


JODL: Wenn Sie mir ein tatsächliches Vortragsexemplar vorlegen, das erkenne ich an.


[496] MR. ROBERTS: Das ist alles, Herr Zeuge, was wir Ihnen vorlegen können; denn das ist alles, was wir gefunden haben.


VORSITZENDER: Ich denke, wir wollen uns jetzt vertagen.


MR. ROBERTS: Wenn Sie wünschen, Herr Vorsitzender.


[Pause von 10 Minuten.]


PROF. DR. EXNER: Herr Präsident! Ich möchte auf folgendes aufmerksam machen. Mein Klient ist seinerzeit gehört worden hier, und zwar durch einen Dolmetscher, da er die englische Sprache nicht versteht. Es ist auf Grund dieser Aussage ein Protokoll, wie ich eben höre, in englischer Sprache vorhanden. Dieses Protokoll hat er nie gesehen und hat es nicht unterschrieben, und jetzt wird ihm dieses Protokoll, das in englischer Sprache abgefaßt ist, in einer deutschen Übersetzung wieder vorgehalten. Meines Ermessens ist es unmöglich, unter solchen Umständen den Angeklagten auf bestimmte Worte festzulegen, welche in dem Protokoll stehen. Er steht zu dem, was er gesagt hat; aber er kann nicht alles anerkennen, was in dem Protokoll steht, wenn...

VORSITZENDER: Das ist wahr. Der Gerichtshof wird diese Tatsache in Erinnerung behalten, wenn Sie seine Aufmerksamkeit darauf lenken werden.


MR. ROBERTS: Hoher Gerichtshof! Ich gehe von diesem Punkte jetzt ab. Ich glaube, der Zeuge sagte, daß dieses Dokument die Grundlage der Rede war. Ich akzeptiere das und gehe jetzt weiter. Wollen Sie bitte dem Zeugen sein Tagebuch geben, 1780-PS, deutsches Dokument C-113, Seite 133 im großen Dokumentenbuch.

Herr Zeuge! Ich glaube, Sie haben diese Eintragung bereits gesehen – sie ist vom 5. November 1937 –, mit der ich mich befasse:

»Führer entwickelt... seine Gedanken über zukünftige Entwicklung, Absichten und Führung der Po litik.«

Es ist Seite 133 im großen Dokumentenbuch.

VORSITZENDER: Wenn Sie sagen »großen Buch« meinen Sie Nummer 7?

MR. ROBERTS: Ja, das Dokumentenbuch Nummer 7. Entschuldigen Sie, ich hätte ihm eine Nummer geben sollen.

»5. 11. 1937:

Führer entwickelt dem Ob.d.W, H, M und L sowie Reichsaußenminister seine Gedanken über zukünftige Entwicklung, Absichten und Führung der Politik. Wiedergabe der Gedanken weicht zwischen den des Chefs WA (R Kr Min) und Ob.d.L.... ab. Absicht L...«

[497] Ist damit Ihre Abteilung gemeint, »Landesverteidigung«, Ihre Absicht, diese Gedanken zu Papier zu bringen?


[Keine Antwort.]


MR. ROBERTS: Bitte, Herr Zeuge, antworten Sie!

JODL: Es heißt »Absicht L«; das heißt: Absicht der Abteilung Landesverteidigung, die Gedanken zu Papier bringen und den Wehrmachtsteilen übermitteln.


MR. ROBERTS: Jawohl. Die Zusammenkunft, über die Sie sprachen, war doch, was wir die Hoßbach-Konferenz nannten; das ist 386-PS. Der Gerichtshof kennt es sehr gut. Sie erinnern sich doch an diese Konferenz. Sie haben doch das Protokoll hier oft gelesen?


JODL: Ja; aber ich war bei der Konferenz nicht dabei. Was hier verlesen worden ist, an das erinnere ich mich.


MR. ROBERTS: Ich weiß, daß Sie nicht anwesend waren. Aber wahrscheinlich erhielten Sie als Chef der Abteilung Landesverteidigung Mitteilung über das, was bei dieser Konferenz besprochen wurde?


JODL: Ich habe mich bereits darüber geäußert, daß die Mitteilung, die ich bekommen habe, in keiner Weise etwas Sensationelles war; die Weisungen für die Vorbereitungen nach dieser Zeit liegen dem Gericht ja schriftlich vor. Damit ist ja bewiesen, was wir damals vorbereitet und ausgearbeitet haben. Wir haben den Befehl vom 20. Mai, wir haben den Befehl vom 14. Juni; es liegt ja vor.


VORSITZENDER: Angeklagter! Sie wurden nur gefragt, ob Sie Mitteilung davon erhalten haben, was bei der Konferenz besprochen wurde. Es war nicht nötig, darüber lange Ausführungen zu machen.


MR. ROBERTS: Sie sehen, ich versuche, einfache Fragen zu stellen und bitte auch um einfache Antworten. Ich möchte Sie keinesfalls unterbrechen.

Wurde Ihnen mitgeteilt, daß Hitler gelegentlich dieser Konferenz sagte, daß das deutsche Problem eine Raumfrage sei?


JODL: Nein; nicht ein Wort.


MR. ROBERTS: Wurde Ihnen mitgeteilt, daß Hitler bei dieser Konferenz sagte, daß die deutsche Frage nur mit Gewalt gelöst werden könne?


JODL: Nein.


MR. ROBERTS: Wurde Ihnen mitgeteilt, daß Hitler sagte, daß die deutsche Wiederaufrüstung praktisch vollendet sei?


JODL: Nein.


[498] MR. ROBERTS: Und die letzte Frage, die ich an Sie stelle: Wurde Ihnen mitgeteilt, daß Hitler sagte, daß Österreich und die Tschechoslowakei im Falle eines Krieges das erste Ziel sein würden?


JODL: Die Mitteilung über die aktivere Vorbereitung eines Aufmarsches gegen die Tschechoslowakei, das glaube ich, war in den Ausführungen enthalten; aber ich kann nur sagen, die Einzelheiten, die ich vom Feldmarschall Keitel bekommen habe, sind mir nicht mehr gegenwärtig. Ich weiß nur das eine, daß es keinerlei Überraschung oder Sensation für mich war, sondern daß nur kleine Korrekturen der bisher ausgegebenen Weisungen notwendig wurden.


MR. ROBERTS: Jawohl, danke. Nun, Sie waren nicht auf dem Obersalzberg anwesend, als Keitel zusammen mit Schuschnigg im darauffolgenden Februar dort war?


JODL: Nein, da war ich nicht anwesend.


MR. ROBERTS: Aber Keitel hat Ihnen später mitgeteilt, was sich ereignet hat?


JODL: Er hat einige ganz kurze Bemerkungen darüber gemacht, erzählungsweise, denn mich ging das weiter ja nichts an.


MR. ROBERTS: Haben Sie diese Eintragungen in Ihrem Tagebuch gemacht? Und zwar die nächste nach der, auf die ich mich jetzt beziehe, Seite 133, Buch Nummer 7, dieselbe Seite, am 11. Februar 1938?

»Abends und 12. 2. Grl. Keitel mit Grl. v. Reichenau und Sperrte in Obersalzberg. Schuschnigg und G. Schmidt wurden wieder unter schwersten politischen und militärischen Druck gesetzt.«

Hat Keitel Ihnen das erzählt?

JODL: Ja. Sie haben nur das Wort »wieder« eingefügt, das steht in meinem Tagebuch nicht. Diesen Eintrag habe ich persönlich gemacht, und zwar des wegen, weil mir Keitel erzählte, beim Mittagessen hätten Reichenau und Sperrle kriegerische Reden geführt, indem sie über die neue Aufrüstung Deutschlands erzählt hatten.

MR. ROBERTS: Sehr gut, jawohl. Nun im März, ich glaube, da gibt es keine Meinungsverschiedenheit, haben Sie einen oder zwei Befehle für das Unternehmen »Otto« unterschrieben oder paraphiert.


JODL: Jawohl. Es hieß aber damals nicht »Otto«, sondern »für den Einmarsch in Österreich«.


MR. ROBERTS: Und als Hitler hörte, daß Schuschnigg die öffentliche Meinung durch eine Volksabstimmung feststellen wollte, entschloß er sich, sofort einzufallen?


[499] JODL: Ja, mir wurde erzählt, als er hörte, daß hier eine groteske Vergewaltigung der öffentlichen Meinung stattfinden sollte durch den Trick einer Abstimmung, da sagte er, dies dulde er unter keinen Umständen. So wurde mir erzählt.


MR. ROBERTS: Er wollte also nicht dulden, daß die öffentliche Meinung festgestellt wurde?


JODL: Nein; er würde nicht dulden, daß die öffentliche Meinung durch diesen Trick vergewaltigt wird, so wurde mir erzählt.

MR. ROBERTS: Die Deutsche Wehrmacht marschierte dann in Österreich ein. Ist das richtig?


JODL: Das ist richtig, die Wehrmacht marschierte ein.


MR. ROBERTS: Und Österreich hat von diesem Tage an alle Wohltaten des Nationalsozialismus erfahren?


JODL: Das ist eine politische Frage; es hätte jedenfalls vielleicht das glücklichste Land der Welt werden können.


MR. ROBERTS: Ich habe Sie nicht gefragt, was es hätte werden können, sondern was Österreich erfuhr? Es erfuhr die SS, die Gestapo, die Konzentrationslager, die Unterdrückung von Gegnern und die Verfolgung der Juden. Stimmt das nicht?


JODL: Das sind Fragen, mit denen ich mich nicht beschäftigt habe. Die Frage müssen Sie an die zuständigen Leute stellen. Es hat außerdem mich bekommen als Artilleriekommandeur; und mich haben sie geliebt, das stelle ich nur fest.


MR. ROBERTS: Gut. Sie behaupten, daß die Leute sehr froh waren, Sie dort zu sehen?


JODL: Die Leute, die unter meinem Befehl standen, die waren glücklich über diesen Offizier, das kann ich Ihnen sagen.


MR. ROBERTS: Die mußten doch so tun, ob sie es waren oder nicht. Nicht wahr?


JODL: Nein, das mußten sie sicher nicht. Sie brauchten jedenfalls, nachdem ich lange weg war, mir nicht noch begeisterte Briefe zu schreiben, die ich während des ganzen Krieges immer bekommen habe von diesen Österreichern, denen mein Herz gehörte.


MR. ROBERTS: Es gab einen Mann, der nicht froh war, Sie zu sehen. Stimmt das?


JODL: Ich kenne keinen solchen Mann.


MR. ROBERTS: Nein?


JODL: Nein.


MR. ROBERTS: Wie war es mit Schuschnigg?


JODL: Schuschnigg habe ich nie gesehen, der kennt mich nicht, ich kenne ihn nicht, ich weiß nicht...


[500] MR. ROBERTS: Er war sicherlich nicht darüber erfreut, daß Sie dorthin gekommen sind, nicht wahr?


JODL: Das kann ich nicht sagen.


MR. ROBERTS: Was ist mit ihm geschehen?


VORSITZENDER: Wir wissen das, Herr Roberts.

MR. ROBERTS: Herr Präsident! Ich weiß das. Ich kann mir nicht denken, daß meine Frage nicht zulässig ist. Aber wenn Sie es nicht wünschen – sie gehört zu einer Reihe von Fragen – werde ich sie zurückziehen.


[Zum Zeugen gewandt:]


Schuschnigg wurde in ein KZ gesteckt, nicht wahr?

JODL: Mir wurde erzählt, der Führer hätte entschieden: »Ich will unter keinen Umständen einen Märtyrer; aber ich kann ihn auch nicht freilassen; ich muß ihn in Ehrenhaft nehmen«; und in dieser Vorstellung lebte ich während des ganzen Krieges.

MR.(Rosana) ROBERTS: Ehrenhaft?


JODL: Ehrenhaft wurde es genannt.


MR. ROBERTS: War er ein Ehrenmitglied von Dachau?


JODL: Das weiß ich nicht. Das sind keine Fragen, die Sie an mich stellen können, weil ich Soldat war und nicht Inhaber eines Konzentrationslagers.


MR. ROBERTS: Das ist eine Ehre, auf die jeder gerne verzichten würde, nicht wahr?


JODL: Ich würde auf vieles gerne verzichten, was in diesen Jahren passiert ist.

PROF. DR. EXNER: Bitte, ich muß protestieren gegen derartige Fragen, rein politische, rein auf Rechtsfragen gerichtete Fragen und Dinge, die der Zeuge aus eigenem Wissen überhaupt nicht beantworten kann. Es ist keine Tatsache, ob sich der Herr Schuschnigg wohlgefühlt hat.


MR. ROBERTS: Herr Präsident! Ich gestatte mir, vorzubringen, daß diese Fragen zulässig sind. Es sind Fragen, wie sie immer wieder sowohl von der Verteidigung als auch von der Anklage vorgebracht werden.


VORSITZENDER: Herr Roberts! Der Gerichtshof ist der Ansicht, daß das Kreuzverhör ordnungsgemäß geführt wird.


MR. ROBERTS: Ich danke Ihnen.


[Zum Zeugen gewandt:]


Ich verlasse nun diesen Punkt und stelle Ihnen noch eine einzige Frage zum Abschluß. Schuschnigg wurde mehrere Jahre im [501] Gefängnis oder in Haft gehalten, ohne jede Anklage und ohne jegliches Verfahren. Stimmt das?

JODL: Das kann so sein, ich weiß es nicht.

MR. ROBERTS: Sie wußten doch, als Sie diese Befehle für den Einmarsch nach Österreich unterschrieben haben, daß Deutschland im Mai 1935 eine Zusicherung gegeben hatte, daß es die territoriale Unabhängigkeit des Bundesstaates Österreich respektieren werde und daß am 11. Juli 1936 zwischen Ihrer Regierung und der österreichischen Bundesregierung eine Vereinbarung abgeschlossen wurde, wonach sich Deutschland verpflichtete, die Souveränität des Bundesstaates Österreich voll anzuerkennen. Haben Sie von diesen Dingen gewußt?


JODL: Das wußte ich in diesem Augenblick nicht; das ging mich als Oberst im Generalstab auch gar nichts an. Wo käme man da hin?


MR. ROBERTS: Ich verlasse jetzt das Thema Österreich mit dieser letzten Frage: Enthält Ihr Tagebuch eine Eintragung – es ist ein Abschnitt in L-172, in den Unterlagen für Ihre Rede –, daß die Tschechoslowakei nach dem Anschluß einem Zangenangriff zum Opfer fallen mußte? Herr Präsident, das steht auf Seite 290 des Buches Nummer 7. Erinnern Sie sich daran?


JODL: In dem ersten Entwurf, den ich für meine Gauleiterrede machte, da steht genau drin, welche strategischen Verbesserungen durch die einzelnen politischen Aktionen des Führers eingetreten sind, rückblickend; aber nur diese strategischen Folgerungen.


MR. ROBERTS: Ja, aber... wiederum möchte ich Sie nicht unterbrechen. Aber sagten Sie nicht zumindest etwas in diesem Sinne? Ich gebe Ihnen das Dokument, wenn Sie wollen, daß die Tschechoslowakei einem Zangenangriff zum Opfer fallen mußte.


JODL: In dem ersten Entwurf habe ich niedergeschrieben, daß durch die Einnahme, durch den Anschluß Österreichs die strategische Lage der Tschechoslowakei so aussichtslos geworden war, daß sie jederzeit einem Zangenangriff zum Opfer fallen mußte; ein strategischer Rückblick über Tatsachen, unbestreitbare Tatsachen.


MR. ROBERTS: Ich nehme das an, Herr Zeuge! Und dann möchte ich mich ganz kurz mit dem Fall Tschechoslowakei beschäftigen. Ich mochte mich wirklich nur mit ein paar Dokumenten befassen, und zwar mit Ziffer 17, die der Gerichtshof auf Seite 29 des Buches 7 findet.

Es ist angezeichnet, wenn Sie es zur Hand nehmen; ich habe ein Zeichen für Sie hineingelegt, Herr Zeuge, Ziffer 17.


JODL: Ja.


MR. ROBERTS: Sie kennen das doch, nicht wahr?


[502] JODL: Das kenne ich, jawohl.


MR. ROBERTS:... und ich habe nicht die Absicht, es nochmals vorzulesen, denn es ist erst vor kurzem verlesen worden. Aber Sie stimmen doch darin überein, daß Sie gestern sagten: Das Problem war folgendes: Zuerst müßten Sie einen Überraschungsangriff führen; wenn Sie überhaupt angreifen, müßte ein Überraschungsangriff durchgeführt werden.


JODL: Auf Grund der Forderungen, die der Führer gestellt hat, ja.


MR. ROBERTS: Sie müßten erst einen Überraschungsangriff durchführen. Ihre Truppen brauchten vier Tage, um ihre Kampfstellungen zu beziehen?


JODL: Jawohl.


MR. ROBERTS: Und deshalb müßten Sie den Zeitpunkt wissen, den Zwischenfall, der der Anlaß zu dem Angriff sein würde; Sie müßten wissen, wann sich dieser Zwischenfall ereignen sollte?


JODL: Ja, ich sagte, man muß entweder den Zeitpunkt voraus bestimmen oder man muß ihn vorher wissen; sonst sind die Forderungen nicht erfüllbar.


MR. ROBERTS: Jawohl. Und deshalb müßten Sie diesen Zwischenfall selbst hervorrufen?


JODL: Ich habe darüber gestern eingehende Ausführungen gemacht, entweder mußte man einen der vielen ausnützen oder man mußte vielleicht etwas nachhelfen; aber, wie gesagt, das sind ja alles Generalstabsüberlegungen, die Sie, wenn wir sie bei den Franzosen erbeuten, als völlig unerheblich bezeichnen.


MR. ROBERTS: Am Ende des Dokuments auf Seite 30 heißt es, daß entweder die Wehrmacht oder das Amt Abwehr die Aufgabe haben würde, diesen Zwischenfall hervorzurufen – im letzten Absatz.


JODL: Ja. Ich schrieb daher

»sofern nicht ohnehin die Abwehr-Abteilung mit der Organisation des Zwischenfalles beauftragt wird«.

»Sofern«. Das sind alles theoretische Generalstabsüberlegungen in einer Situation, die ich gestern ganz genau geschildert habe, wo es jeden Tag solche Zwischenfälle bereits gab.

MR. ROBERTS: Ich verstehe. Und wenn sich dies ereignet hätte, würde der Welt mitgeteilt worden sein, daß eben dieser Zwischenfall Deutschland dazu zwang, in den Krieg zu ziehen?

JODL: Ich glaube nicht, daß das der Welt mitgeteilt worden wäre, sondern es wäre ihr der wahre Grund mitgeteilt worden, der im übrigen unaufhörlich durch die Presse mitgeteilt worden [503] ist, daß man nicht dreieinhalb Millionen Deutsche einem anderen Volke versklaven kann auf die Dauer; darum handelte es sich.

MR. ROBERTS: Wenn der Welt die Wahrheit mitgeteilt wird, warum muß dann ein Zwischenfall fabriziert werden?


JODL: Das habe ich gestern schon... Ich kann nur dasselbe wiederholen, was ich gestern eingehend sagte. Ich war ein zu guter Kenner der Kriegsgeschichte, um nicht zu wissen, daß das in jedem Krieg so passiert bei der Frage um den ersten Schuß; und erste Schüsse hatte die Tschechei um diese Zeit schon Tausende abgegeben, die auf deutsches Gebiet gefallen sind.


MR. ROBERTS: Ich behaupte, Zeuge, unbeschadet einer Berichtigung, daß Sie auf meine Frage überhaupt nicht geantwortet haben; meine Frage ist sehr kurz, und Sie halten da einen langen Vortrag über etwas ganz anderes. Die Frage ist: wenn die Wahrheit genügte, um eine Kriegserklärung zu rechtfertigen, warum mußten Sie einen Zwischenfall hervorrufen? Wenn Sie das nicht beantworten können, dann sagen Sie es.


JODL: Ja, es ist ja gar nicht feststehend, daß ich einen solchen Zwischenfall hervorrufen wollte, ich habe geschrieben »Sofern nicht«. Es ist nie einer vorbereitet worden, das ist doch das Wesentliche.


MR. ROBERTS: Ich möchte nicht weiter mit Ihnen darüber diskutieren. Ich habe meinen Standpunkt klargemacht und verlasse diese Frage.

Ich möchte nun einen ganz anderen Punkt berühren. Ich verweise Sie auf den letzten Absatz auf Seite 29 im gleichen Dokument:

»Auch eine Warnung der diplomatischen Vertretungen in Prag ist unmöglich vor dem ersten Luftangriff durchführbar, obwohl die Folgen, falls sie dem Luftangriff zum Opfer fallen, sehr schwere sein können.«

Vielleicht lesen Sie diesen Absatz, der dem Gerichtshof schon bekannt ist:

»Zum Beispiel der Tod von Vertretern befreundeter oder sicher neutraler Mächte...«

Das bedeutet einen Luftangriff, bevor eine Kriegserklärung erfolgte oder irgendeine Warnung der Zivilbevölkerung erfolgte. Stimmt das nicht?

JODL: Das bedeutet, daß ich den Führer durch dieses Schreiben darauf aufmerksam mache, daß auf Grund seines Befehls solche Folgen eintreten können oder eintreten werden.

MR. ROBERTS: Würden Sie das einen Terrorangriff nennen? Einen Terrorangriff?


[504] JODL: Man kann nicht sagen, unter welchen Voraussetzungen sich eine solche Aktion überhaupt würde auslösen lassen. Das sind ja alles theoretische Arbeiten für unseren Generalstab. Wie das und ob das in die Praxis umgesetzt würde, das weiß ja kein Mensch, ob mit Recht oder Unrecht, das unterlag der politischen Entscheidung.


MR. ROBERTS: Ich werde Ihnen später zeigen, wie diese Gedanken im Falle von anderen Ländern dann in die Wirklichkeit umgesetzt wurden. Wir wollen dieses Dokument jetzt ganz verlassen und damit auch den Fall Tschechoslowakei.

Sie wurden also am 23. August 1939 in das OKW zurückberufen von Ihrem Artilleriekommando. Wir wissen das ja.


JODL: Jawohl.


MR. ROBERTS: Das war doch ein großes Kompliment, dank der guten Meinung, die der Führer von Ihnen hatte?


JODL: Der Führer hat die Rückberufung nicht gemacht. Ich weiß gar nicht, ob er sie überhaupt gewußt hat; ich glaube es nicht.


MR. ROBERTS: Sehr wohl. Eine Kleinigkeit, Zeuge – Sie haben dem Gerichtshof gestern oder vorgestern gesagt, daß Sie vor September 1939 nie eine Unterredung mit dem Führer hatten. Aber in Ihrem Tagebuch am 10. August 1938, Seite 136 des Buches 7, sagen Sie, daß Sie einer Besprechung auf dem Berghof mit den Befehlshabern des Heeres und der Luftwaffe beiwohnten. Haben Sie den Führer da nicht getroffen?


JODL: Das, was Sie behauptet haben in Ihrem ersten Satz, das habe ich nicht gesagt, sondern ich habe gesagt wörtlich: »Ich wurde am 3. September dem Führer von dem Feldmarschall Keitel vorgestellt. Jedenfalls habe ich bei dieser Gelegenheit das erste Wort mit ihm gesprochen.« So habe ich gestern wörtlich ausgesagt. Gesehen habe ich den Führer vorher dutzend Male und gehört in großen Reden auch, nachdem er Reichskanzler und Oberbefehlshaber war.


MR. ROBERTS: Sehr gut. Ich nehme diese Antwort an. Ich kann mich irren.

Nun, verstehe ich Sie richtig, bezüglich des polnischen Feldzuges sagten Sie, daß Warschau erst nach Abwurf von Flugblättern bombardiert wurde?


JODL: Das trifft für den Zeitpunkt der Belagerung Warschaus zu. Also der Terrorangriff, möchte ich sagen, der die gesamte Stadt treffen mußte durch die Artilleriebeschießung, der fand erst nach dieser zweimaligen Vorwarnung statt.


MR. ROBERTS: Ist es nicht eine historische Tatsache, daß Warschau gleichzeitig mit vielen anderen polnischen Städten am [505] Morgen des 1. September 1939 ohne jedwede Kriegserklärung bombardiert wurde? Ist das nicht eine historische Tatsache?


JODL: Über diese historische Tatsache hat sich eingehend der Feldmarschall Kesselring hier, der es sehr genau weiß, geäußert. Er hat gesagt – und der Reichsmarschall Göring –, daß an diesem Tag die militärisch wichtigen Objekte ganz Polens angegriffen wurden, aber nicht die Bevölkerung von Warschau.


MR. ROBERTS: Sie haben ganz recht, nun hat Kesselring...

Falls der Gerichtshof die diesbezüglichen Angaben wünscht – die Aussage Kesselrings über das Bombardement von Warschau ist in der Nachmittagssitzung des 12. März 1946 (Band IX, Seite 199/200) erfolgt.


[Zum Zeugen gewandt:]


Nun nehme ich an, daß das Ergebnis des Polenfeldzuges eine Quelle der Befriedigung für Sie alle war?

JODL: Der militärische Verlauf des Polenfeldzuges hat uns, militärisch betrachtet, außerordentlich befriedigt. Aber es gibt natürlich Dinge im Leben, über die man noch größere Genugtuung empfindet als über eine kriegerische Handlung.

MR. ROBERTS: Nun ersuche ich Sie, sich einen Brief anzusehen.

Hoher Gerichtshof! Es handelt sich um ein neues Beweisstück, D-885, GB-484.


[Zum Zeugen gewandt:]


Dies ist ein handschriftlicher Brief von Ihnen, nicht wahr? Ist das Ihre Handschrift?

JODL: Ja.

MR. ROBERTS: Sehr gut. Dieser Brief ist an den Polizeipräsidenten Dr. Karl Schwabe in Brünn, Mähren, Polizeipräsidium, gerichtet und ist vom 28. Oktober 1939 datiert. Er lautet:

»Sehr verehrter Herr Polizeipräsident!

Für Ihren begeisterten Brief vom 22. September danke ich Ihnen herzlich. Ich habe mich ganz besonders darüber gefreut. Dieser wundervolle Feldzug in Polen war ja ein herzlicher Auftakt dieses schweren Entscheidungskampfes und hat uns eine selten günstige Ausgangslage sowohl auf politischem wie militärischem Gebiet gebracht. Der schwere Teil für Volk und Wehrmacht kommt natürlich erst.«

Ich werde das Schreiben erst ohne Erläuterungen vorlesen und es erst später erläutern.

»Aber der Führer und seine Umgebung sind voll bester Zuversicht; denn uns wirtschaftlich zu er drosseln, wird den scheinheiligen Briten nicht gelingen und militärisch sind wir [506] ohne Sorge. Entscheidend ist der Wille des Volkes zum Durchhalten, und dafür werden die vielen willensstarken und einsatzbereiten Männer, die heute an der Spitze der Gaue und auf sonstigen verantwortlichen Posten stehen, schon sorgen. Diesmal werden wir die besseren Nerven und die größere Geschlossenheit zeigen. Daß auch Sie, Herr Polizeipräsident, Ihren gewichtigen Anteil dazu beitragen werden, um die Tschechen bei der Stange zu halten und sie nicht aufmuntern zu lassen, davon bin ich überzeugt.«

Dann freut er sich über die den Truppen zuteil gewordene Anerkennung.

»Indem ich nochmals herzlich danke für Ihre anerkennenden Worte, die weit über meine bescheidene Mithilfe im Schatten der gewaltigen Persönlichkeit unseres Führers hinausgehen.«

Warum bezeichneten Sie die Briten als scheinheilig? Weil diese ihre Verpflichtungen einhielten, keine Konzentrationslager hatten und die Juden nicht verfolgen? Nannten Sie uns deshalb scheinheilig, weil wir keine Verträge brechen?

JODL: Nein, das war nicht der Grund. Sondern der Grund war, daß die allgemeinen politischen Verhältnisse damals so dargestellt waren und daß ich damals tatsächlich dieser Überzeugung war.

MR. ROBERTS: Ich danke. Nun sagen Sie:

»Entscheidend ist der Wille des Volkes zum Durchhalten, und dafür werden die vielen willensstarken und einsatzbereiten Männer, die heute an der Spitze der Gaue und auf sonstigen verantwortlichen Posten stehen, schon sorgen.«

Wer sind diese willensstarken und einsatzbereiten Männer? Die SS und die Gestapo?

JODL: Nein, das sind die Gauleiter.

MR. ROBERTS: Die Gauleiter?


JODL: Ja.


MR. ROBERTS: Nun, wir haben ein oder zwei Gauleiter hier, Gauleiter Sauckel zum Beispiel. Aber in einem so großen Gebiet wie Thüringen konnte er doch allein nicht so viel leisten, stimmt das? Er muß doch irgendwelche SS oder Gestapo zur Verfügung gehabt haben; ist das richtig?


JODL: Darum dreht es sich hier gar nicht. Die Tatsache ist, daß diese Gauleiter die Organisation des Staates und der Verwaltung tatsächlich in diesem Kriege in einer bewundernswerten Weise geführt haben. Das Volk ist viel besser versorgt worden, trotz der Katastrophe, als in den Jahren 1914 bis 1918. Das ist unbestritten und ist ein Verdienst dieser Leute.


[507] MR. ROBERTS: Das Volk wurde viel besser versorgt?


JODL: Selbst in den letzten furchtbaren Zuständen hat jedermann in Berlin noch seine normale Verpflegung bekommen. Es war ein Muster der Organisation; das kann ich nur feststellen.


MR. ROBERTS: War es ein Muster der Organisation, weil kein Widerspruch gegen die Regierung oder gegen die Partei erlaubt war?


JODL: Gewiß; das hat es auf der einen Seite erleichtert, hat auf der anderen Seite auch zu furchtbaren Katastrophen geführt, die ich allerdings erst hier erfahren habe.


MR. ROBERTS: Nun, der Brief spricht für sich selbst, und ich will fortfahren.

Darf ich Sie noch über den letzten Satz des Briefes befragen:

»Daß auch Sie, Herr Polizeipräsident, Ihren gewichtigen Anteil beitragen werden, um die Tschechen bei der Stange zu halten und sie nicht aufmuntern zu lassen...«

Was meinten Sie damit?

JODL: Nachdem er Polizeipräsident in Brünn war, war es ja seine Aufgabe, in Brünn für Ruhe und Ordnung zu sorgen und nicht im Rücken einen tschechischen Aufstand zu dulden, während wir im Kampf stehen. Das ist selbstverständlich. Ich habe nicht gesagt, daß er die Tschechen umbringen soll oder germanisieren; aber in Ruhe halten mußte er sie.

MR. ROBERTS: Sehr gut. Ich schließe diesen Punkt nun ab und will zu den verschiedenen Feldzügen im Westen übergehen. Nun wußten Sie natürlich hinsichtlich Norwegens, daß Deutschland wiederholt feierliche Versicherungen abgegeben hatte, die Integrität von Norwegen und Dänemark zu achten. Ist das richtig?


JODL: Ich habe gestern schon von den beiden Erklärungen vom...


MR. ROBERTS: Bitte, beantworten Sie meine Frage, sie ist doch einfach.


JODL: Ja, die waren mir damals, glaube ich, in Erinnerung; ich glaube bestimmt.


MR. ROBERTS: Gut; und wir wissen, daß zu Beginn des Krieges all diesen neutralen Ländern des Westens und Skandinaviens Zusicherungen gegeben wurden, außerdem eine weitere Zusicherung am 6. Oktober. Sie erklären, daß Hitler sich im November entschlossen hat, in Dänemark und Norwegen einzufallen?


JODL: Ja. Darüber habe ich mich gestern ganz eingehend geäußert.

[508] MR. ROBERTS: Ich weiß das. Bitte, wiederholen Sie das nicht stets. Ich bin gezwungen, Sie zu bitten, dieselbe Sache von einem anderen Gesichtspunkt aus zu betrachten. Sie sagen in Ihrem Vortrag,... ich zitiere von Seite 291 des Dokumentenbuches Nummer 7, Seite 11 Ihrer Aufzeichnungen. Ich bitte, ihm die Stelle vorzulegen.

Es ist in der Mitte, der achte Absatz, Herr Vorsitzender.

»Inzwischen stellte sich jedoch ein neues und vordringlich zu erledigendes Problem: Die Besetzung Norwegens und Dänemarks... Einmal bestand die Gefahr, daß sich England im skandinavischen Raum festsetzte und neben der strategischen Umfassung von Norden her auch unsere so kriegswichtigen Zufuhren an Eisen und Nickel unterband. Zum anderen war es die Erkenntnis der eigenen maritimen Notwendigkeiten, die es erforderten, durch Luft- und Flottenstützpunkte an der norwegischen Küste einen freien Zugang zum Atlantik sicherzustellen.«

Sie wollten also Luft- und Flottenstützpunkte haben, nicht wahr?

JODL: Sie waren militärisch für uns außerordentlich wertvoll, darüber ist kein Zweifel. Aber die Voraussetzungen, sie zu nehmen, waren die Nachrichten, die wir hatten, die Gefährdung Norwegens.

MR. ROBERTS: Ich möchte Ihnen folgendes entgegenhalten: Sie gebrauchten auch im Falle Norwegens, ebenso wie bei den Niederlanden, einfach eine Ausrede. Haben Sie wirklich angenommen, England werde losschlagen, obwohl seit Monaten nichts dergleichen geschehen war? Sie haben die Neutralität Norwegens zu der Ihnen passenden Zeit verletzt. Ist das richtig?


JODL: Um das mit Ja oder Nein zu beantworten, müßte man eine ganz gründliche historische Studie aller Dokumente vornehmen, der eigenen und der Gegenseite. Dann kann man sagen, ob das richtig ist oder nicht. Bevor das entschieden ist, gibt es nur die subjektive Auffassung. Meine ist die, und Ihre ist die andere.


MR. ROBERTS: Nun möchte ich Sie aber darauf hinweisen, daß es Deutschland war, das die Neutralität in jedem einzelnen Falle verletzt hat; die anderen Länder, die Alliierten haben das nicht getan.


JODL: Im Falle Norwegen haben das das erstemal die Engländer gemacht mit dem Falle der »Altmark« durch das Minenlegen und das Beschießen der deutschen Schiffe in norwegischen Hoheitsgewässern. Das ist einwandfrei festgestellt, darüber gibt es keinen Zweifel.


MR. ROBERTS: Bei der »Altmark« handelte es sich, wie Sie, Zeuge, ganz genau wissen, nicht um eine Besetzung. Es war lediglich eine Aktion der britischen Marine, um britische [509] Kriegsgefangene von einem deutschen Gefangenenschiff zu befreien. Ich glaube, auch Ihre Marine hätte gegebenenfalls das gleiche getan. Was für einen Sinn hat es, über den Fall der »Altmark« zu sprechen. Es war gar keine Besetzung.


JODL: Aber es war ein Völkerrechtsbruch gegenüber den norwegischen Hoheitsrechten. Sie durften nur Norwegen ersuchen, daß Norwegen das tut; sie selbst durften in den norwegischen Hoheitsgewässern keine Kampfhandlungen durchführen. Dazu kenne ich diese Bestimmungen zu genau.


MR. ROBERTS: Warum mußten Sie Ihr an Norwegen gegebenes Wort brechen und den Bewohnern dieses Landes unsägliches Leid und Elend zufügen, nur weil die Engländer in norwegische Hoheitsgewässer eingedrungen waren und ein paar hundert Gefangene befreit hatten? Wo bleibt da die Logik? Warum sollten die Norweger darunter leiden?


JODL: Sie haben auch nur einen kleinen Nagel von diesem ungeheuer plastischen Bild der bevorstehenden Besetzung Englands herausgezogen. Es gibt aber Hunderte solche.


MR. ROBERTS: Sie haben dieses Beispiel aufgegriffen, Zeuge, nicht ich. Nicht ich habe mich darauf bezogen.


JODL: Ich kann nur sagen, wir standen unter dem sicheren subjektiven Eindruck, daß wir in letzter Sekunde ein Unternehmen durchgeführt haben, zu dem die englischen Truppen bereits eingeschifft waren. Wenn Sie mir beweisen, daß das nicht wahr ist, wäre ich ungeheuer dankbar.


MR. ROBERTS: Ich lenke nunmehr Ihre Aufmerksamkeit auf das einzige von außen stammende Beweismaterial, das Sie darüber vorgelegt haben; es wurde eilig verlesen... ganz richtig, gestern!

Hoher Gerichtshof! Es handelt sich um das Dokumentenbuch Jodl Nummer 2, Seite 174. Das Protokoll beginnt auf Seite 174 links oben. Aus Seite 174. geht hervor, daß Albrecht Soltmann Sachbearbeiter war und die bei der englischen Landungsbrigade in Lillehammer erbeuteten Akten und Befehle ausgewertet hat. Das geht aus der zweiten Seite, Seite 175 unten, hervor:

»Die Dokumente und Aussagen von Gefangenen zeigten, daß kurze Zeit vor unserer Landung in Norwegen die britischen Landungstruppen auf Zerstörern eingeschifft worden waren. Sie wurden am darauffolgenden Tage wieder an Land gesetzt und verblieben in der Nähe des Einschiffungshafens. Sie wurden dann nach der deutschen Landung in Norwegen zum zweitenmal eingeschifft und nach Norwegen abtransportiert. Welche Absichten die Engländer mit der Einschiffung ihrer Truppen vor unserer [510] Landung hatten, konnte aus den Dokumenten und Gefangenenaussagen nicht ermittelt werden. Ob sie die Absicht gehabt haben, Norwegen vor unserer Landung zu besetzen, konnte man damals nur vermuten, weil die Gefangenen in dieser Hinsicht keine genauen Aussagen gemacht haben. Die Vermutungen stützen sich auf die besonderen Ausrüstungen dieser britischen Truppen. Soweit ich die Dokumente und Gefangenenaussagen auswerten konnte, haben sie keinen Beweis über die englischen Absichten in Bezug auf Norwegen gebracht.«

Nächste Frage:

»Ist das Ergebnis aller Dokumente und Gefangenenaussagen nicht das gewesen, daß wir den Engländern mit der Landung in Norwegen nur ganz knapp zuvorgekommen sind?

Antwort: Ja, die Angaben in den Dokumenten und Gefangenenaussagen konnten darauf hindeuten, daß wir den Engländern mit unserer Landung knapp zuvorgekommen waren. Ob diese jedoch als eindeutige Beweise anzusprechen waren, entzieht sich meiner Beurteilung.«

Dann befaßt sich dieses Schriftstück mit Dokumenten, die im Juni 1940 in Frankreich in einem Eisenbahnzug erbeutet wurden. Darüber weiß er nichts.

Ist das nicht sehr mageres Beweismaterial, um daraufhin in Norwegen einzufallen, trotz aller Verträge und Zusicherungen?

JODL: Da stimme ich Ihnen vollkommen zu, da haben Sie recht. Aber das kommt nur daher, daß dieser Soltmann leider nicht der Spezialist für diese Dinge war. Er war nicht einmal Generalstabsoffizier. Das hatte ich vergessen. Wir haben weitere, ganz andere Beweise gehabt, und die waren selbst vor mir auf dem Schreibtisch gelegen, nämlich die ganzen Befehle der englischen Landungsbrigade. Die haben die Vermutung endgültig und definitiv bestätigt.

MR. ROBERTS: Eine Invasion ohne jede Warnung oder Kriegserklärung?


JODL: Das ist eine politische Frage.


MR. ROBERTS: Sie haben gestern dem Gerichtshof gesagt, wie sehr Sie das Völkerrecht respektieren, wie besorgt Sie waren, darauf zu sehen, daß das Völkerrecht beachtet wurde. Sie wußten doch, daß dies gegen das Völkerrecht verstieß, oder nicht?


JODL: Diese Dinge standen nicht in unseren Vorschriften, sondern nur die Vereinbarungen, die für die Wehrmacht galten. Der Begriff Angriffskriege oder nicht, der stand in keiner [511] Vorschrift, sondern nur die Haager Landkriegsordnung und die Genfer Konvention. Das war das für uns zuständige.


MR. ROBERTS: Wenn ein ehrenhafter Deutscher sein Wort gibt, so hält er es doch, oder nicht? Er bricht doch nicht sein Wort, ohne daß er wenigstens sagt, daß er davon abgeht; tut das ein ehrenhafter Deutscher?


JODL: Das ist eine allgemein übliche Erscheinung auf der Welt auf dem Gebiete der menschlichen Zusammenarbeit; nicht auf dem Gebiete der Politik.


MR. ROBERTS: Wenn das Ihr Ehrenkodex ist, warum ist es dann nicht äußerst unehrenhaft für Deutschland, sein Versprechen immer und immer wieder zu brechen? Oder wollen Sie diese Frage lieber nicht beantworten?


JODL: Nein; diese Frage müssen Sie besser an die für die Politik Deutschlands verantwortlichen Männer richten.


MR. ROBERTS: Gut, ich will diesen Gegenstand verlassen. Ich möchte mich nun der Invasion Hollands, Belgiens und der Niederlande zuwenden, Verzeihung, der Niederlande, Belgiens und Luxemburgs.

Sie hegen doch wohl keinerlei Zweifel, auf Grund der Dokumente, daß im Falle eines Krieges im Westen Hitler immer die Absicht hatte, die Neutralität dieser drei kleinen Länder zu verletzen?


JODL: Er hatte vom Beginn seiner Befehle zum Angriff im Westen an schon die Absicht, durch Belgien zu gehen, hatte aber bezüglich Hollands noch sehr lange Zeit Vorbehalte gemacht, die erst später – ich glaube Mitte November – aufgehoben wurden. Also bezüglich Hollands lagen die Absichten nicht fest. Bezüglich Belgiens waren sie ziemlich früh in dieser Richtung, etwa schon Mitte Oktober oder Anfang Oktober.


MR. ROBERTS: Deutschland wollte natürlich einen Angriffskrieg führen, und zwar einen Angriffskrieg in einem anderen Land. Das war natürlich das Ziel, nicht wahr?


JODL: Das deutsche Ziel war, in diesem Kriege zu siegen, damals.


MR. ROBERTS: Sie konnten im Westen nicht angreifen, außer durch Belgien?


JODL: Jedenfalls war jeder andere Angriff ungeheuer erschwert und höchst fragwürdig. Das habe ich schon gesagt.


MR. ROBERTS: Jawohl. Deshalb hat Frankreich die Maginotlinie gebaut, damit Sie es nicht direkt angreifen könnten. Wenn Sie nun die Küste von Belgien und Holland sicherten, so sicherten [512] Sie damit Luftstützpunkte, von welchen aus Sie England oder Großbritannien vernichten konnten. Haben Sie das nicht gehofft?


JODL: Kein Zweifel, daß durch Besitznahme der Küste die strategische Lage Deutschlands im Kampfe gegen England sehr verbessert wurde. Das ist richtig.


MR. ROBERTS: Jawohl. Darf ich Sie an einige Dokumente erinnern, welche dem Gerichtshof bereits bekannt sind. Ich beabsichtige nicht, dieselben zu verlesen. Das erste Dokument in zeitlicher Reihenfolge ist 375-PS, US-84, datiert vom 25. August 1938; es fällt in die Zeit von Fall »Grün«. Es ist die Stellungnahme der Luftwaffe, in der es im letzten Absatz des Dokuments, ich glaube auf Seite 11, heißt:

»Da Belgien und die Niederlande in deutscher Hand einen außerordentlichen Vorteil in der Luftkriegführung gegen Großbritannien... bedeuten...«

Und das Heer wird um Auskunft gebeten, wie lange man dazu benötigen würde. War das nicht während der tschechischen Krise?

JODL: Ja; dieses Dokument ist, glaube ich, schon als eine Lächerlichkeit gebrandmarkt worden, als. die Arbeit eines kleinen Hauptmannes.

MR. ROBERTS: Er scheint auf jeden Fall ein gutes Urteil gehabt zu haben, wenn man in Betracht zieht, was nachher geschehen ist.

Nun, das nächste Dokument – ich weiß, Sie waren damals in Österreich, aber Sie haben zweifellos hier über von Keitel gehört – ist die Sitzung in der Reichskanzlei vom 23. Mai 1939. Es ist dies Dokument L-79, Buch Nummer 7, Seite 275. Erinnern Sie sich, daß der Führer dort sagte:

»Die holländischen und belgischen Luftstützpunkte müssen militärisch besetzt werden. Auf Neutralitätserklärungen kann nichts gegeben werden.... Hierbei spielen Recht oder Unrecht oder Verträge keine Rolle.... Das Heer hat die Positionen in Besitz zu nehmen, die für Flotte und Luftwaffe wichtig sind. Gelingt es, Holland und Belgien zu besetzen und zu sichern, sowie Frankreich zu schlagen, dann ist die Basis für einen erfolgreichen Krieg gegen England geschaffen.... Die täglichen Angriffe der Luftwaffe und Kriegsmarine zerschneiden sämtliche Lebensadern.«

Über die Politik des Führers bestand doch im Mai 1939 nicht mehr der geringste Zweifel?

JODL: Ich habe von dieser Versammlung erst hier im Gericht gehört und von dem, was angeblich dort gesprochen worden ist. Auch wenn es richtig ist, ich kann es nicht beurteilen, ich habe es nicht gehört, auch von Keitel nicht, auch später nicht.

[513] MR. ROBERTS: Gut, haben Sie etwas über die Rede des Führers vom 22. August 1939 gehört?

Ich weiß nicht, ob der Gerichtshof dieses Dokument besitzt. Es ist nicht im Dokumentenbuch. Es ist Dokument 798-PS, im Dokumentenbuch Nummer 4. Wir haben einige lose Exemplare, Herr Vorsitzender.

»... alle diese Staaten« – Holland, Belgien – »und auch Skandinavien ihre Neutralität mit allen Mitteln verteidigen werden. England und Frankreich werden die Neutralität dieser Länder nicht verletzen.«


[Zum Zeugen gewandt:]


Haben Sie nicht immer geglaubt, daß Hitler ein guter Prophet war? Sie dachten, daß Hitler ein gutes Urteil hatte.

JODL: Sehr oft, ja, sehr oft.

MR. ROBERTS: Er hat sehr gut beurteilt, daß England und Frankreich ihr Versprechen halten, hingegen Deutschland das seinige brechen würde.

Nun, das war im August. Ich möchte...


JODL: Das kenne ich aber auch nicht.


MR. ROBERTS: Gut. Ich komme nun auf das Dokument, das Ihnen gestern vorgelegt wurde.


VORSITZENDER: Einen Augenblick, Zeuge! Was meinten Sie, als Sie sagten: »das kenne ich aber auch nicht«. Meinen Sie, daß Sie dieses Dokument nicht kannten? Sie sagten »das kenne ich auch nicht«.


JODL: Ich kenne nicht, was der Führer in dieser Besprechung am 22. August tatsächlich gesprochen hat. Ich wußte gar nicht, daß eine Besprechung war; denn ich war in Wien. Ich weiß nur, was angeblich darüber in Niederschriften hier vorgelegt worden ist.


MR. ROBERTS: Nun, ich möchte das ganze Dokument L-52 vorlegen. Herr Dr. Exner hat, rechtmäßigerweise natürlich, einige Auszüge verlesen. Ich möchte noch einige mehr verlesen.

Haben Sie Kopien für den Gerichtshof?

Das Dokument L-52 ist eine Denkschrift Hitlers vom 9. Oktober 1939. Darf ich betonen, daß der 9. Oktober 1939 drei Tage nach seiner erneuten Versicherung an die westlichen neutralen Staaten war?

Ich möchte auf gewisse Stellen verweisen. Sie haben einige gelesen. Ich möchte auf andere verweisen.

Herr Vorsitzender! Ich möchte mit der Titelseite beginnen, das ist die fünfte Seite. Es ist Seite 27 im Original; die Seitenzahl steht in der unteren rechten Ecke.


[514] [Zum Zeugen gewandt:]


Ich lese den Absatz auf Seite 25 Ihres Originals, Herr Zeuge:

»Die militärischen Mittel Deutschlands bei einer längeren Kriegführung sind unserem Hauptgegner gegenüber die Luftwaffe und das U-Boot.

Das U-Boot kann auch heute bei rücksichtsloser Anwendung zu einer außerordentlichen Bedrohung Englands führen. Die Schwächen der deutschen U-Bootkriegführung liegen in den weiten Anmarschwegen zu den Stationen ihrer Tätigkeit, in der außerordentlichen Gefährdung dieser Anmarschwege und in der dauernden Bedrohung ihrer Heimatbasen. Daß England augenblicklich noch nicht die im Weltkrieg errichtete große Minensperre zwischen Norwegen und den Shetland- Inseln aufgerichtet hat, hängt – wenn überhaupt der Wille zur Kriegführung vorhanden ist – wohl mit dem Fehlen des dafür notwendigen Sperrmaterials zusammen. Bei langer Dauer des Krieges ist aber mit Bestimmtheit mit der Erschwerung dieser dann allein verbleibenden Aus- und Einmarschmöglichkeiten unserer U-Boote zu rechnen. Jede Schaffung von U-Bootstützpunkten außerhalb dieser eingeengten Heimatbasis würde zu einer enormen Steigerung der Wirkungsmöglichkeit dieser Waffen führen.«

Ist das eine versteckte Anspielung auf die norwegischen Stützpunkte, die einen Zutritt zum Atlantik ermöglichen?

JODL: Das glaube ich nicht. Das ist eine allgemein richtige seestrategische Betrachtung und kann sich genau so gut auf den Stützpunkt Murmansk beziehen, den wir damals zum Beispiel schon hatten oder in Spanien oder irgendeinem damals neutralen Staat; aber es ist kein Hinweis auf Norwegen; denn ich habe unter Eid ausgesagt, daß der Führer zu dieser Zeit mit keinem Gedanken an Norwegen gedacht hat, bevor nicht die Nachricht von Quisling kam.

MR. ROBERTS: Ich habe Ihre Antwort gehört. Ich möchte nun weiter verlesen:

»Die Luftwaffe: Sie kann zu einem wirkungsvollen Einsatz gegen das industrielle Zentrum Englands und gegen die im Krieg an Bedeutung gewinnenden südlichen und südwestlichen Häfen erst dann gelangen, wenn sie nicht mehr gezwungen ist, von unserer derzeitigen kleinen Nordseeküste aus auf ungeheueren Umwegen und damit langen Anflügen anzugreifen. Sollte das holländisch-belgische Gebiet in englisch-französische Hände kommen, so werden die Luftstreitkräfte unserer Gegner, um in das industrielle Herz Deutschlands vorstoßen zu können, kaum den sechsten Teil [515] des Weges zurücklegen müssen, den der deutsche Bomber benötigt, um wirklich wichtige Ziele zu fassen. Wenn wir Holland, Belgien oder gar das Pas de Calais als Ausgangsbasen deutscher Luftangriffe besitzen würden, so könnte damit ohne Zweifel auch unter Aufnahme stärkster Repressalien Großbritannien in das Herz getroffen werden.

Für Deutschland würde eine solche Verkürzung der Anflugwege um so wichtiger sein, als die Brennstoffversorgung bei uns schwieriger ist. Je 1000 kg Brennstoffersparnis kommen nicht nur der nationalen Wirtschaft zugute, sondern sie bedeute für das Flugzeug als Nutzlast 1000 kg mehr Sprengstoff, das heißt also statt 1000 kg Transportleistung, 1000 kg Wirkung. Ebenso führt dies zu einer Einsparung an Flugzeugen, zu einer Schonung der Maschinen und vor allem zu einer Erhaltung kostbaren Soldatenblutes.«

Ich bitte Sie, sich nun Seite 41 zuzuwenden.

Herr Vorsitzender! Es findet sich zwei Seiten später, und Sie werden »41« fast oben auf der Seite mit einem Stern versehen finden, zusammen mit der Überschrift »Der deutsche Angriff«. Haben Sie es gefunden, Herr Vorsitzender?

VORSITZENDER: Jawohl.

MR. ROBERTS:

»Der deutsche Angriff. Der deutsche Angriff ist so anzusetzen, daß er grundsätzlich zur Vernichtung des französischen Heeres führen kann, auf alle Fälle aber die günstige Ausgangslage und damit Voraussetzung für eine erfolgreiche weitere Kriegführung schafft. Als Angriffsfront kommt unter diesen Umständen nur in Frage der Abschnitt zwischen Luxemburg südlich bis Nymwegen, nördlich unter Aussparung der Festung Lüttich. Aufgabe des Angriffs der sich daraus ergebenden beiden Angriffsgruppen ist es, zu versuchen, in kürzester Zeit den luxemburgisch-belgisch-holländischen Raum zu durchstoßen, die sich dem Angriff entgegentretenden belgisch-französisch-englischen Kräfte zu stellen und zu schlagen.«

Ich nehme an, ich kann Sie nicht um Ihre Meinung bitten, ob es ehrlich ist, diesen westlichen Neutralen am 6. Oktober eine Garantie zu geben und in dieser Denkschrift vom 9. zu sagen, daß dies das einzig mögliche Mittel zum Angriff sei. Ich nehme an, daß dies eine politische Frage ist, nicht wahr?

JODL: Das ist eine politische Frage. Aber die Erklärungen sind immer nur abgegeben worden unter der Voraussetzung strengster Neutralität dieser Länder. Die ist aber nicht gehalten [516] worden; denn die britischen Flugzeuge sind täglich und nächtlich über dieses Gebiet geflogen.

MR. ROBERTS: Warum sollte das unglückliche niederländische und belgische Volk vernichtet und verstümmelt werden, weil britische Flieger über ihr Gebiet flogen – vom deutschen Heer vernichtet und verstümmelt? Worin liegt die Logik Ihrer Bemerkung?

Herr Vorsitzender! Ich möchte noch eine weitere Stelle aus diesem Dokument verlesen. Wenn der Herr Vorsitzende daran denkt, eine Pause zu machen, möchte ich mir gestatten, diese Stelle noch zu verlesen. Ich bin dann mit diesem Dokument fertig. Herr Vorsitzender, es findet sich auf der nächsten Seite, und zwar unten.

Es ist mit Seite 52 bezeichnet, und zwar direkt über »Zeitpunkt des Angriffes«.

Herr Zeuge! Es befindet sich auf Seite 52 oben oder besser, Seite 51 unten.

»Die gesamte Führung hat sich bei den bevorstehenden Operationen unentwegt vor Augen zu halten, daß die Vernichtung der französisch-englischen Armee das große Ziel ist, dessen Erreichung dann die Voraussetzung für einen späteren, und zwar erfolgreichen Einsatz der Luftwaffe auch gegen andere Ziele ermöglicht. Der brutale Einsatz der Luftwaffe gegen das Herz des britischen Widerstandswillens kann und wird zur gegebenen Zeit erfolgen.«

Bedeutet dies Terrorangriffe gegen die Zivilbevölkerung?

JODL: Sie befragen mich dauernd über ein Dokument, das vom ersten bis zum letzten Wort der Führer geschrieben hat, wie ich Ihnen gesagt habe, und bringen hier eine ganz interessante Darstellung über die Person des Führers als Feldherrn und Strategen. Das ist für die Welt von größtem Interesse. Aber ich weiß nicht, was das mit mir zu tun hat. Es sind das die Gedanken, die der Führer als Feldherr niedergelegt hat; für die ganzen Soldaten der Welt von größtem Interesse. Aber was hat das denn mit mir zu tun? Das verstehe ich nicht.

MR. ROBERTS: Aber Herr Zeuge! Darf ich darauf aufmerksam machen, daß Ihr eigener Verteidiger das Dokument vorgelegt hat und daß Sie auf gewisse Teile des Dokuments Bezug genommen haben? Deshalb hat das mit Ihnen zu tun. Sie haben sich auf das Dokument gestützt.


JODL: Jawohl.


VORSITZENDER: Wir vertagen uns nunmehr.


[Das Gericht vertagt sich bis 14.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 15, S. 475-518.
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