Vormittagssitzung.

[544] [Der Angeklagte von Schwach im Zeugenstand.]


MR. DODD: Herr Präsident! Ich möchte sicherstellen, daß ich die folgenden Dokumente zum Beweis angeboten habe: 3914-PS, das Beweisstück US-863 wird, 3943-PS, US-864 und 3877-PS, US-865.

Herr Zeuge! Gegen Ende der Sitzung am Freitag hatten wir Ihnen gerade ein Exemplar des Fernschreibens an Martin Bormann vorgelegt. Ich habe es Ihnen durch das Übertragungssystem vorgelesen. Ich möchte Sie nun fragen, ob Sie diese Mitteilung an Bormann gesandt haben?


VON SCHIRACH: Ja, ich habe dieses Fernschreiben abgeschickt, und ich möchte dazu eine Erklärung abgeben: Zunächst...


MR. DODD: Darf ich Sie für eine Minute unterbrechen und Sie für die kurze Zeit unseres heutigen Gespräches bitten, immer einige Augenblicke nach Ihrer Antwort zu warten. Ich glaube, das wäre eine kleine Erleichterung für die Dolmetscher. Ich glaube, wir werden heute vormittag keine Schwierigkeiten haben. Ich werde mich bemühen, das gleiche zu tun, vielleicht werden wir dadurch besser zusammenarbeiten.


VON SCHIRACH: Zunächst möchte ich erklären, warum ich mit Bormann »per Du« bin. Bormann stammt aus derselben Heimatstadt wie ich. Ich kannte ihn von Weimar her nur flüchtig. Als er 1928 oder 1929 nach München kam, machte er mir dort Besuch und bot mir, da er der ältere war, bei dieser Gelegenheit das »Du« an. Diese Form haben wir aufrechterhalten, bis er 1943 von sich aus diese Form fallen ließ und in seinen Schreiben mich nur noch mit »Sie« anredete.

Zum Inhalt des Fernschreibens: Wir befanden uns im dritten Kriegsjahr. Die tschechische Bevölkerung, sowohl im damaligen Protektorat Böhmen und Mähren als auch in Wien, hatte sich völlig ruhig verhalten. Im Protektorat waren fast friedensmäßige Verhältnisse. Ich habe eine starke tschechische Bevölkerung in Wien gehabt. Durch das Attentat auf Heydrich mußte ich befürchten, daß Unruhen im Protektorat entstehen konnten, die ohne Zweifel ernste Rückwirkungen in Wien gezeitigt hätten. Es war die Zeit, in der sich die deutschen Truppen im Vormarsch auf der Halbinsel Kertsch befanden. Es war eine Zeit, in der im Rücken unserer Front nichts passieren durfte. Und gleichzeitig mit der Nachricht von der Ermordung des Protektors erhielt ich amtlich Mitteilung, daß das [544] Attentat durch, wie das hier steht, englische Agenten ausgeführt worden war und mit englischen Waffen.

In diesem selben Monat hatten wir Kenntnis davon, das ist auch im Wehrmachtsbericht erwähnt worden, daß britische Bomber Wohnviertel in Hamburg und Wohnviertel in Paris bombardiert hatten und auf deutsche Kulturstätten in Kiel einen Angriff durchgeführt hätten. Deshalb habe ich den Vorschlag einer Vergeltungsmaßnahme gemacht, um die britische Schuld an diesem Attentat vor der Welt festzustellen und zu verhindern, daß in der Tschechei ernste Unruhen für uns erwachsen. Das ist alles, was ich zu sagen habe. Das Fernschreiben ist echt.

Darf ich bei dieser Gelegenheit zu einer Übersetzungsschwierigkeit aus dem letzten Kreuzverhör vom Freitag etwas bemerken? Da wurde das deutsche Wort »Retter« mit »Saviour« übersetzt. Es ist die Schwierigkeit bei der Übersetzung aus dem Deutschen ins Englische. Es handelt sich um einen Ausdruck, den ich in meinem Buch gebrauchte, wo ich den Führer als »Retter« bezeichnete. Es handelt sich um die Schwierigkeit, daß man das deutsche Wort »Retter« nur mit »Saviour« im Englischen übersetzen kann. »Saviour« heißt aber in der deutschen Rückübersetzung »Heiland«.

Um deutlich zu machen, was mit dem deutschen Wort »Retter« im Englischen gemeint ist, müßte ich eine Hilfskonstruktion gebrauchen. Wenn ich sage die exakte Übersetzung würde »Rescuer« heißen, dann ist die wirkliche Bedeutung des Wortes »Retter« klar gekennzeichnet. In dieser Bedeutung liegt natürlich in dem Vergleich des Staatsoberhauptes oder in der Bezeichnung des Staatsoberhauptes als »Retter« nichts Blasphemisches. Wenn ich aber im Deutschen geschrieben hätte, das Staatsoberhaupt ist ein »Heiland«, dann ist es natürlich etwas Blasphemisches.


VORSITZENDER: Eine derartige Erklärung sollte für das Rückverhör aufgehoben werden. Das Kreuzverhör sollte dadurch nicht unterbrochen werden.


MR. DODD: Hinsichtlich dieser Mitteilung habe ich nur noch eine oder zwei zusätzliche Fragen.

Haben Sie an irgendeine bestimmte Kulturstadt in England gedacht, wie Cambridge, Oxford, Stratford oder Canterbury?


VON SCHIRACH: Nein, ich habe keine bestimmte Vorstellung damit verbunden. Ich dachte, daß man ein Objekt nehmen sollte, entsprechend den von den britischen Bombern in Deutschland getroffenen.


MR. DODD: Wenn es nur eine Kulturstadt war. Dachten Sie dabei an das, was in Deutschland geschah oder an das, was Heydrich geschah?

[545] VON SCHIRACH: Ich dachte daran, daß in Deutschland kulturelle Gebäude angegriffen worden waren, und ich wollte diese Gelegenheit vorschlagen, um eindeutig festzustellen, daß nicht aus der tschechischen Bevölkerung der Mord an Heydrich begangen war, sondern aus den Kreisen der tschechischen Emigranten in London mit britischer Unterstützung. Es sollte bei diesem Zurückschlagen im dritten Kriegsjahr verbunden werden die Antwort auf das Attentat auf Heydrich mit der Antwort auf das Attentat auf deutsche Kulturdenkmäler.


MR. DODD: Sie haben in diesem Telegramm aber nicht Bezug genommen auf sogenannte oder angebliche Bombardierungen von kulturellen Objekten in Deutschland, nicht wahr?


VON SCHIRACH: Sie waren bereits durch den Wehrmachtsbericht bekanntgegeben. Sie waren allgemein bekannt.


MR. DODD: Das habe ich nicht gefragt. Ich fragte, ob es nicht richtig sei, daß Sie in diesem Fernschreiben die angebliche Bombardierung kultureller Stätten in Deutschland überhaupt nicht erwähnt haben; Sie haben auch nicht Ihren Vorschlag zur Bombardierung einer Kulturstadt in England in Zusammenhang mit angeblichen Bombardierungen von Kulturstätten in Deutschland gebracht, Sie machten es vielmehr voll kommen klar, daß Sie eine Aktion gegen eine Kulturstadt in England wegen des Schicksals Heydrichs forderten? So ist es doch, nicht wahr?


VON SCHIRACH: Ich habe gar nicht notwendig gehabt, auf die Bombardierung deutscher Kulturstätten hinzuweisen, weil das eine der gesamten deutschen Öffentlichkeit aus den täglichen Angriffen britischer Bomber bekannte Tatsache war.


MR. DODD: Ich nehme an, daß Sie damals bereits den allgemeinen Ruf Heydrichs sehr gut kannten. Nicht wahr?


VON SCHIRACH: Nein, das ist nicht richtig. Ich habe Heydrich in diesem Falle betrachtet als den Repräsentanten unseres Reiches in Böhmen und Mähren, nicht als den Chef der Gestapo.


MR. DODD: Kannten Sie wenigstens den Ruf, den er allgemein in Deutschland hatte?


VON SCHIRACH: Ich wußte, daß er der Chef der Gestapo war. Ich wußte nicht, daß er die Greuel begangen hatte, die inzwischen bekanntgeworden sind.


MR. DODD: Sie wußten also nicht, daß er als der »Schrecken der Gestapo« betrachtet wurde?


VON SCHIRACH: Das ist ein Ausdruck, den die Feindpropaganda gegen ihn gebrauchte.

MR. DODD: Sie meinen, daß Sie das noch immer für Propaganda halten?


[546] VON SCHIRACH: Nein.


MR. DODD: Haben Sie durch die Feindpropaganda erfahren, daß man ihn schon vor seinem Tode im Jahre 1942 als »Schrecken« bezeichnete?


VON SCHIRACH: Nein, das will ich nicht sagen...


MR. DODD: Wieso wußten Sie es also?


VON SCHIRACH: Ich will hier nur feststellen, daß der Reichsprotektor Heydrich für mich eine andere Person war in diesem dritten Jahr des Krieges, als der Chef der Gestapo. Hier handelte es sich um eine politische Sache.


MR. DODD: Sie begnügten sich nicht mit Ihrem Vorschlag, England zu bombardieren, nicht wahr? Erinnern Sie sich dessen, was Sie nicht lange nachher vorgeschlagen haben?


VON SCHIRACH: Nein, das weiß ich nicht.


MR. DODD: Erinnern Sie sich, im Rahmen einer weiteren sogenannten »Vergeltung« für Heydrichs Ermordung irgend etwas entweder vorgeschlagen oder getan zu haben?


VON SCHIRACH: Nein, ich habe keine Erinnerung.

MR. DODD: Haben Sie nicht vorgeschlagen, daß alle Tschechen aus Wien evakuiert werden sollten? Ist das richtig?


VON SCHIRACH: Das ist ein Vorschlag, der nicht von mir persönlich stammt, sondern der zurückgeht auf das, was 1940 bei meiner Meldung im Hauptquartier der Führer selbst über Wien gesagt hat. Ich glaube, ich habe das bereits in meiner eigenen Aussage erwähnt, daß er sagte: Wien soll eine deutsche Stadt werden, es sollen sowohl die Juden als auch die Tchechen aus Wien allmählich evakuiert werden. Das habe ich in meiner eigenen Aussage hier bereits bemerkt gehabt.


MR. DODD: Meine Frage ist: Stimmt es, daß Sie wenige Tage nach der Ermordung Heydrichs die Evakuierung der Tschechen aus Wien als Vergeltungsmaßnahme für die Ermordung Heydrichs vorschlugen?


VON SCHIRACH: Es ist möglich, ich habe keine Erinnerung daran, daß ich in der Erregung über dieses Ereignis, das mich sehr beunruhigte, etwas Derartiges gesagt habe.


MR. DODD: Ich schlage Ihnen vor, sich Dokument 3886-PS anzusehen. Es wird US-866, Herr Präsident.

Dieses Dokument besteht aus den Auszügen aus dem Protokoll einer Sitzung des Wiener Stadtrates vom 6. Juni 1942, wie Sie auf Seite 9 des Originals sehen werden. Sie waren anwesend, und diesen Aufzeichnungen zufolge haben Sie als Reichsleiter Baldur [547] von Schirach gesprochen, und wenn Sie sich diese Seite weiter unten ansehen, werden Sie folgende Erklärung finden:

»Er teilt schließlich mit« – Sie sind damit gemeint – »daß noch im Spätsommer oder im Herbst des Jahres alle Juden aus der Stadt entfernt sein werden und daß dann mit der Entfernung der Tschechen begonnen werde, denn dies sei die notwendige und richtige Antwort auf das Verbrechen, das an dem stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren begangen worden ist.«

Erinnern Sie sich, das gesagt zu haben?

VON SCHIRACH: Ich habe keine exakte Erinnerung, aber ich halte diese Aufzeichnungen hier für echt, und sie geben wohl den Sinn dessen wieder, was ich damals gesagt habe. Ich war in einer sehr großen Erregung über den Tod Heydrichs. Ich befürchtete ernste Unruhen in Böhmen und Mähren, und ich habe das ausgesprochen. Das Wesentliche ist, daß ich diesen Plan bei ruhiger Überlegung fallen ließ und nichts weiter unternahm.

MR. DODD: Ja, jedenfalls glaube ich, daß es ganz klar ist, und ich frage Sie, ob Sie mit mir nicht übereinstimmen, daß Sie mindestens zwei Vorschläge ge macht haben, einen zur Bombardierung einer Kulturstadt in England und einen zweiten zur allgemeinen Evakuierung der Tschechen aus Wien wegen der Ermordung dieses Mannes Heydrich.


VON SCHIRACH: Daß ich den Gedanken einer solchen Evakuierung der Tschechen Ausdruck gegeben habe, ist richtig; ebenso richtig ist die historische Tatsache, daß ich diesen Gedanken fallen ließ und daß er nicht ausgeführt wurde. Es ist richtig, daß ich den Vorschlag für die Bombardierung einer britischen Kulturstätte gemacht habe als Antwort auf das Attentat Heydrichs, als Antwort auf die unzähligen Bombardements deutscher Kulturstätten im dritten Jahre des Krieges, in der Zeit, wo es um entscheidende Dinge des deutschen Lebens ging.


MR. DODD: Nebenbei bemerkt, Hitler hat auch eine vollständige Evakuierung der Tschechen aus der Tschechoslowakei vorgeschlagen als Bestrafung für die Ermordung Heydrichs. Tat er das nicht?


VON SCHIRACH: Das weiß ich nicht.


MR. DODD: Ich möchte mich nun einer anderen Sache zuwenden und sehen, ob wir damit heute morgen bald fertig werden.

Sie erinnern sich, daß wir am Freitag ein wenig über Ihre Beziehungen zur SS und Himmler sprachen, und ich möchte Sie jetzt fragen, Herr Zeuge, ob es nicht eine Tatsache ist, daß Sie mit Himmler und seiner SS sehr eng zusammengearbeitet haben, angefangen von beinahe den ersten Tagen bis fast zu den letzten [548] Tagen Ihres Regimes in Wien. Ich möchte gern, daß Sie diese Fragen beantworten.


VON SCHIRACH: Ich will diese Frage sehr gern sehr ausführlich beantworten.


MR. DODD: In der ersten Beantwortung ist Ausführlichkeit nicht erforderlich. Doch später, wenn Sie glauben, eine notwendige Erklärung geben zu müssen, wird man Ihnen das sicher zugestehen. Wollen Sie dem Gerichtshof nicht zuerst sagen, ob es nicht eine Tatsache ist, daß Sie von den ersten Tagen Ihres öffentlichen Amtes bis zu den letzten Tagen Ihres öffentlichen Amtes sehr eng mit Himmler und seiner SS zusammengearbeitet haben?


VON SCHIRACH: Eine enge Zusammenarbeit in dem Sinn, daß Himmler etwa wesentlichen Einfluß auf die Erziehung gehabt hätte, hat nicht bestanden.


MR. DODD: Machen wir hier Halt, und gehen wir etwas näher in die Sache ein. Ist es nicht eine Tatsache, daß Himmler seine SS-Leute zu Ihrer Jugendorganisation abkommandierte, um Ihre jungen Leute auszubilden? Sie können das sehr einfach beantworten. Tat er dies, oder tat er dies nicht?


VON SCHIRACH: Für Ausbildungszwecke?


MR. DODD: Ja.


VON SCHIRACH: Da ist mir nichts bekannt. Daß Verbindungsoffiziere vielleicht tätig waren, das wäre nicht ungewöhnlich, weil praktisch von allen Ministerien und Organisationen Verbindungsoffiziere eingesetzt waren. Aber mir ist nicht erinnerlich, was Sie jetzt meinen.


MR. DODD: Ich glaube, wir werden das lieber zuerst klarstellen. Ich bitte Sie, sich Dokument 3931-PS anzusehen. Es ist ein neues Dokument und wird US-867, Herr Präsident.


VORSITZENDER: Welche Nummer wird das?


MR. DODD: US-867.

Herr Zeuge! Wenn Sie sich dieses Dokument ansehen, werden Sie bemerken, daß es eine Mitteilung ist, die Sie im August 1941 an den »lieben Parteigenossen Bormann« sandten. Sie ist recht lang, und ich glaube, daß es nicht nötig ist, alles zu verlesen, aber ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf einige Teile lenken, die vielleicht Ihrem Gedächtnis bezüglich der SS nachhelfen werden.

Eine Vorfrage nebenbei; Die SA hatte offenbar während des Sommers 1941 den Vorschlag gemacht, einen Teil der Ausbildung Ihrer jungen Leute zu übernehmen. Nicht wahr?


VON SCHIRACH: Ich habe in meiner Aussage, ich glaube am Donnerstag, zum Ausdruck gebracht, daß bereits früher, ich glaube [549] es war 1939 im Frühjahr, die SA den Versuch unternommen hatte, die vormilitärische Ausbildung der zwei älteren Jahrgänge der Jugend zu übernehmen, und solche Versuche sind wohl 1941 wiederholt worden.


MR. DODD: Ja, ich wußte, daß Sie sich in Ihrer Mitteilung bei Bormann darüber beklagten. Sie erinnern sich jetzt, schon bei einem bloßen Blick auf das Schreiben, daß das der wesentliche Inhalt des Schreibens ist, eine Beschwerde über den Versuch der SA, die Ausbildung eines Teiles der jungen Leute in der Hitler-Jugend-Organisation direkt zu kontrollieren.


VON SCHIRACH: Ich kann zu diesem langen Fernschreiben nicht Stellung nehmen, ohne daß ich es durchlese.


MR. DODD: Gut, wir werden sehen. Wenn Sie sich die zweite Seite des englischen Textes ansehen. Sie haben keine Seiten dort. Ich glaube, es ist alles eine Seite. Es ist ein Fernschreiben, Sie finden es weiter unten im ersten Teil. Erstens möchte ich, daß Sie versuchen, die Feststellung zu finden, daß es

»die Hitler-Jugend für notwendig erachtet hat, von vorneherein die Partei selbst zum Träger der Führung und Verwaltung ihrer Wehrerziehung zu machen«.

Finden Sie diese Stelle?

VON SCHIRACH: Nein.

MR. DODD: Gut. Sie finden einen Absatz, der die Ziffer 1 in Ihrem Fernschreiben hat. Sie sehen, daß sie numeriert sind: 1, 2, 3 und so fort. Finden Sie das, Herr Zeuge?


VON SCHIRACH: Ich habe römisch I.


MR. DODD: Gut. Darauf möchte ich Sie aufmerksam machen. Wenn wir an eine Stelle kommen, die wir beide gefunden haben, dann können wir weitergehen. Sie haben diese Nummer 1 gefunden, die besagt:

»Im übrigen ist 1.) seit mehr als einem Jahr der SA ein Vertrag in Entwurf vorgelegt worden...« Finden Sie das? »... wonach darum gebeten wird, SA- Ausbilder für die Wehrertüchtigung der Jugend zur Verfügung zu stellen. Es wurde in keinem Falle diesem Wunsche der Hitler-Jugend von der obersten SA-Führung nachgekommen.«

Bitte gehen Sie nun weiter hinunter zu Nummer 3 und nach Nummer 3, wahrscheinlich eine weitere Länge tiefer, drei oder vier Absätze, werden Sie in großen Buchstaben finden das, worauf ich Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte. Sie werden es finden, ich nehme an, daß auch im deutschen Text große Buchstaben verwendet wurden.

[550] »Ich wäre glücklich, wenn mir die SA hierfür, ähnlich wie dies die SS und die Polizei seit langer Zeit tun, Kräfte zur Unterstützung zur Verfügung stellen würde.«

Im Englischen, Herr Präsident, ist es am Ende von Seite 4 und dann oben auf Seite 5.


[Zum Zeugen gewandt:]


Haben Sie es jetzt gefunden?

VON SCHIRACH: Ja.

MR. DODD: Sie sagen dort, daß Sie sich freuen würden, wenn die SA zu diesem Zweck Personal zur Verfügung stellen würde, ähnlich wie die SS und die Polizei dies schon lange taten. Und Sie weisen in dem Absatz vor diesem Satz auf die Ausbildung der jungen Leute hin. Sie sprechen über Hitler-Schulen und die Ausbildung der Hitler-Jugend. Es ist doch vollständig klar, nicht wahr, daß Sie von der SS unterstützt wurden gemäß Ihren eigenen Methoden, von der SS und der Polizei, lange Zeit bevor Sie diesen Bericht gesandt haben?


VON SCHIRACH: Im Kriege, ja. Wir haben ja seit 1939 Krieg gehabt, und seit Ausbruch des Krieges haben wir Wehrertüchtigungslager gehabt, und für diese Wehrertüchtigungslager suchte ich nach Ausbildern für die Jugend, und das Heer konnte mir nicht Ausbilder in genügender Anzahl zur Verfügung stellen. Die SA konnte es auch nicht, die SS konnte mir einige junge Offiziere zur Verfügung stellen. Das konnte auch die Polizei.


MR. DODD: Also hatten Sie erst seit Kriegsbeginn Personal von der SS und von der Polizei zur Ausbildung der jungen Leute, nicht wahr?


VON SCHIRACH: Ich glaube nicht, daß wir sonst SS-Ausbilder für etwas gebraucht hätten. Wir haben ja, wie ich ausgeführt habe, ein Führerkorps in der Jugend aus der Jugend heraus geschaffen.


MR. DODD: Ich frage Sie noch einmal, wollen Sie dem Gerichtshof sagen, daß Sie erst seit Kriegsbeginn die Hilfe von SS- und Polizeipersonal für Ihre Jugendorganisation hatten bei der Ausbildung der jungen Leute?


VON SCHIRACH: Ich kann diese Frage nicht ganz eindeutig beantworten, und zwar aus folgendem Grunde: Wenn wir im Schießsport zum Beispiel ein Trainingslager hatten, dann konnte es sein, daß einer der Trainer SA-Mann oder SS-Mann war, weil er eben zufällig einer der besten Sportsleute gewesen ist. Ich weiß aber sonst nicht, wo eine Zusammenarbeit stattgefunden hätte.


MR. DODD: Können Sie sagen, daß Sie kein SS-Personal für die Ausbildung der Jugend hatten? Ich spreche nicht von einigen [551] einzelnen Skilehrern, ich spreche von einem regulären Unterstützungsprogramm seitens der SS bei der Ausbildung Ihrer jungen Leute.


VON SCHIRACH: In der Wehrausbildung ist erst durch dieses Fernschreiben Hilfe angefordert worden für Ausbildungszwecke. Sonst ist mir nicht erinnerlich, wo eine Zusammenarbeit stattgefunden hätte.


MR. DODD: Kennen Sie den Ausdruck »Heuaktion«?


VON SCHIRACH: Heuaktion? Ich kann mich nicht daran erinnern, ich weiß nicht, was damit gemeint ist.


MR. DODD: Nun, Sie sind doch täglich im Gerichtssaal gewesen. Erinnern Sie sich nicht, daß von der Anklage bezüglich des Angeklagten Rosenberg Beweismaterial über eine Aktion mit dem Namen »Heuaktion« vorgelegt wurde?


VON SCHIRACH: Nein, ich kann das im Augenblick nicht sagen, ich weiß es nicht.

MR. DODD: Erinnern Sie sich nicht, daß hier im Gerichtssaal etwas über die Festnahme von jungen Menschen im Osten gesprochen wurde, die zwangsweise nach Deutschland gebracht wurden, 40000 oder 50000 Jugendliche im Alter von zehn bis vierzehn Jahren? Sie erinnern sich daran, nicht wahr, und daß einer der Zwecke war, das biologische Potential dieser Menschen zu zerstören. Wissen Sie nicht, worauf ich hinweise?


VON SCHIRACH: Das ist eine Aktion, deren ich mich jetzt im Zusammenhang mit dem Prozeß erinnere. Das einzige, was ich dienstlich dazu sagen kann, ist folgendes, daß mir Axmann im Krieg – ich weiß nicht mehr genau in welchem Jahre – mitgeteilt hat, daß er bei Junkers in Dessau eine große Anzahl von russischen Jugendlichen in Lehrlingsheimen und Lehrlingswerkstätten untergebracht hätte und daß diese Jugend dort sehr gut aufgehoben wäre und sehr gut betreut würde. Ich bin mit dieser Aktion vorher nicht befaßt worden, aber ich habe zu Beginn meiner Aussagen erklärt, daß ich für das, was die Jugend in diesem Krieg getan hat, die Verantwortung übernehme, und ich bleibe dabei. Ich glaube aber, daß die Jugend nicht hierfür verantwortlich ist, sondern erinnere mich aus der Aussage des Mitangeklagten Rosenberg, daß er dem Wunsche des Heeres und einer Heeresgruppe damit entsprach.

MR. DODD: Gut. Wir haben das Dokument hier. Es ist bereits als US-171 zum Beweis eingeführt worden und dem Gerichtshof bekannt, und ich möchte Sie auf die Tatsache aufmerksam machen, daß in diesem Dokument steht, daß Rosenberg mit dem Programm einverstanden war, 40000 bis 50000 Jugendliche im Alter von zehn bis vierzehn Jahren zu ergreifen oder festzunehmen und ins Reich zu transportieren. Es besagt auch, daß dieses Programm [552] mit Hilfe der Hitler-Jugend-Führer durch das Jugendamt des Ministeriums Rosenberg durchgeführt werden kann. Weiter besagt es, daß eine Anzahl dieser jungen Leute der SS und den SS-Hilfseinheiten zugeteilt werden sollen. Nun, wonach ich Sie nun ganz besonders frage, ist: was wissen Sie über dieses Programm und wie die Hitler-Jugend daran mitarbeitete?


VON SCHIRACH: Ich kann über dieses Programm nicht mehr sagen, als was ich vorhin ausführte.


MR. DODD: Sie waren doch mit dem Kriegseinsatz der Hitlerjugend betraut?


VON SCHIRACH: Der Kriegseinsatz der deutschen Jugend stand unmittelbar unter dem Befehl des Reichsjugendführers. Ich kann darüber aus eigener Kenntnis nur allgemein, aber nicht speziell Auskunft geben


MR. DODD: Herr Zeuge! Ich frage Sie nochmals, wurden Sie nicht ernannt, und dienten Sie nicht als Verantwortlicher für den Kriegseinsatz der deutschen Jugend? Ich habe das Dokument Ihrer Ernennung, wenn Sie es sehen wollen.


VON SCHIRACH: Ja, das will ich durchaus nicht bestreiten. 1939 und 1940, solange ich Reichsjugendführer war, habe ich selbst diesen Kriegseinsatz geleitet.


MR. DODD: Ich spreche über eine Ernennung, die sogar später als 1939 oder 1940 erfolgt ist. Sie sind zum Hauptbevollmächtigten für den Kriegseinsatz der deutschen Jugend durch den Führer in seinem Hauptquartier im März 1942 ernannt worden, nicht wahr?


VON SCHIRACH: Ich bitte, mir das Dokument zu zeigen. Ich halte es für möglich. Ich habe keine genaue Erinnerung.


MR. DODD: Gut. Es ist 3933-PS und wird US-868. Aber zuerst einmal: Sie wissen nicht, daß Sie zu dem Verantwortlichen für den Kriegseinsatz der Jugend ernannt wurden, ohne daß Sie das Dokument sehen?


VON SCHIRACH: Nein! Ich kann nur das Datum nicht genau aus meiner Erinnerung sagen. Ich befand mich in der Meinung, daß ich von 1939 ab für den Kriegseinsatz zuständig war.

MR. DODD: Gut, das ist alles, was ich feststellen wollte. Sie waren tatsächlich dafür verantwortlich und blieben bis ganz zum Schluß des Krieges dafür verantwortlich. Ich habe Sie eben dahin verstanden, daß Sie sagten, der Reichsjugendführer sei der Verantwortliche gewesen und nicht Sie.


VON SCHIRACH: Nein! Ich habe gesagt, ich könnte nur allgemeine Auskunft und nicht spezielle Auskunft geben, weil die Durchführung des Kriegseinsatzes bei Axmann lag. Meine Verantwortlichkeit will ich damit in keiner Weise beeinträchtigen.


[553] MR. DODD: Sehr gut. Ich denke, wir sind uns nun genügend über die Tatsache klar, daß Sie ganz bestimmt in dieser Stellung ernannt waren, gleichgültig, wie Sie auch jetzt wünschen, Ihre Verantwortlichkeit zu verwässern. Wann, sagen Sie, wurde Ihnen zuerst die Verantwortung für den Kriegseinsatz der Jugend übertragen?


VON SCHIRACH: Ich war nach meinem Gedächtnis bereits seit 1939, seit Kriegsausbruch dafür verantwortlich. Ich sehe aber, daß der Erlaß erst 1942 unterschrieben wurde.


MR. DODD: Gut. Wir wollen uns also darüber einigen, daß Sie von März 1942 an verantwortlich waren. Nun möchte ich Sie bitten, ein anderes Dokument an zusehen.


VON SCHIRACH: Einen Augenblick, ich möchte dazu etwas erklären. Es handelt sich hier um einen Erlaß, von dem ich nicht weiß, wann er unterschrieben wurde. Ich kann also nicht sagen, daß in diesen Märztagen 1942 der Erlaß von Hitler unterschrieben wurde. Hier teilt mir Axmann mit:

»Der Erlaßentwurf geht nunmehr an den Reichsminister und Chef der Reichskanzlei, der die beteiligten obersten Reichsbehörden offiziell um ihre Zustimmung bitten wird und der sodann den Erlaß gemeinsam mit Reichsleiter Bormann...«


MR. DODD: Sie brauchen es wirklich nicht zu verlesen. Was wollen Sie jetzt sagen? Vielleicht, daß es nicht unterschrieben war oder daß Sie vielleicht nicht ernannt wurden, oder wollen Sie sagen, daß Sie ernannt wurden? Wollen Sie uns bitte eine Antwort geben.

VON SCHIRACH: In keiner Weise. Ich kann doch nicht sagen, daß das Datum für die Verkündung des Erlasses der März 1942 war. Es kann sein, daß der Erlaß erst im Mai verkündigt wurde.


MR. DODD: Ich messe dem Datum keine große Bedeutung bei. Ich möchte, daß Sie sich jetzt Dokument 345-PS ansehen, welches wir als US-869 anbieten, das wird Ihnen helfen, sich bezüglich des Programmes dieser Heuaktion zu erinnern.

Das ist ein Telegramm, das der Angeklagte Rosenberg an Dr. Lammers in der Reichskanzlei für das Führerhauptquartier am 20. Juli 1944 abgesandt hat. Sie werden sehen, daß es im ersten Absatz heißt:

»Auf Grund einer Vereinbarung zwischen dem Reichsmarschall als Oberbefehlshaber der Luftwaffe, dem Reichsführer-SS, dem Jugendführer des Deutschen Reiches und dem Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, findet durch Kriegseinsatzkommandos eine Anwerbung auf freiwilliger Basis von Jugendlichen russischen, ukrainischen, weißruthenischen, litauischen und tatarischen Volkstums im Alter von 15 bis 20 Jahren für einen Kriegseinsatz im Reichstatt.«

[554] »Kriegseinsatz« war doch ein Programm, wofür Sie zweifellos damals verantwortlich waren.

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit nun etwas weiter unten auf Absatz 3 lenken und Sie an das Dokument Heuaktion erinnern, das bereits als Beweisstück vorliegt. Das Telegramm besagt:

»Auf Grund einer Anregung militärischer Dienststellen findet in einem Teil des Operationsgebietes die Erfassung und Überführung von Jugendlichen im Alter von 10-14 Jahren in das Reichsgebiet statt (Heuaktion), da die Jugendlichen im Operationsgebiet eine nicht unerhebliche Belastung darstellen.«

Dann geht es weiter:

»Das Ziel der Aktion ist eine weitere Betreuung der Jugendlichen unter Einschaltung der Reichsjugendführung und die Heranbildung von Anlernlingen für die deutsche Wirtschaft in ähnlicher Form, wie dies beim Weißruthenischen Jugendwerk bereits mit Erfolg im Einvernehmen mit dem GBA durchgeführt worden ist.«

Ich möchte Sie besonders auf den letzten Satz aufmerksam machen: »wie dies... bereits mit Erfolg... durchgeführt worden ist.«

Dann der Schluß des nächsten Satzes, wo es heißt:

»... da diese Jugendlichen später als besonders zuverlässige Aufbaukräfte in den besetzten Ostgebieten verwendet werden sollen.«

Sie werden bemerken, daß es im letzten Absatz heißt:

»Die Aktionen unter Punkt 1.) und 3.) sind dem Führer bekannt.«

Und dann steht da etwas über die Hilfe der SS bei dieser Aktion. Sie setzten einen Termin dafür fest.

Die nächste Seite des Dokuments enthält den Verteiler an den Reichsmarschall, den Reichsführer-SS, den Reichsjugendführer, den Reichsinnenminister und ganz unten unter anderem an ein Gauleiterbüro.

Was wissen Sie über diese Ergreifung junger Menschen zwischen zehn und vierzehn Jahren und ihre Übergabe an Ihre Jugendorganisation in Deutschland während dieser Kriegsjahre, und wie viele Tausend ungefähr wurden auf diese Weise geraubt, wenn Sie das wissen?

VON SCHIRACH: Ich sagte vorhin schon, daß ich die Verantwortlichkeit, die ich dafür habe, nicht einschränken will, daß ich aber erst später davon Kenntnis erhielt. Der Jugendführer des Deutschen Reiches war ja nicht ich in dem Jahr, sondern ein anderer. Die Abkommen traf er mit dem Oberbefehlshaber der Luftwaffe und dem Reichsführer-SS. Ich decke aber seine Maßnahmen...

[555] MR. DODD: Sie waren doch später der Reichsjugendführer in Deutschland, und Sie waren doch auch der Bevollmächtigte für den Kriegseinsatz der deutschen Jugend in der Zeit?


VON SCHIRACH: Ich saß in Wien, und das Datum ist der 20. Juli 1944. Sie werden sich erinnern, daß die historischen Ereignisse jener Zeit in Deutschland alle Funktionäre außerordentlich in Anspruch genommen haben. Ich habe später von Axmann über die Durchführung erfahren, und ich weiß, daß die Unterbringung, Ausbildung, Verpflegung und überhaupt die Behandlung dieser russischen Jugendlichen eine geradezu hervorragende gewesen ist.


MR. DODD: Sie wissen aber auch, daß die alliierten Streitkräfte noch jetzt damit beschäftigt sind, Tausende von diesen jungen Menschen zu suchen, um sie dorthin zurückzubringen, wo sie hingehören? Wissen Sie, daß in der heutigen Zeitung zu lesen ist, daß noch immer ungefähr 10000 Menschen nicht aufgefunden werden konnten?


VON SCHIRACH: Ich glaube nicht, daß es sich um Jugendliche handelt, die in Lehrlingsheimen untergebracht wurden und unter den bestgeordneten Verhältnissen einer sehr guten Berufsausbildung zugeführt wurden.


MR. DODD: Aus diesem Dokument 345-PS geht deutlich hervor, daß dieses Programm tatsächlich durchgeführt wurde. Das Schreiben von Rosenberg besagt das. Er sagt: »Wie dies... bereits mit Erfolg... durchgeführt worden ist.« Ihre Jugendorganisation muß also etwas damit zu tun gehabt haben, bevor diese Mitteilung abgesandt wurde.


VON SCHIRACH: Ich habe das ja gar nicht bestritten. Im Rahmen des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete waren auch Jugendführer tätig, und ich möchte aus dem, was ich hier in der Verhandlung gehört habe, sagen, daß ich es durchaus verstehe, wenn die Generale im Osten sagten, die Jugend muß aus diesem Kriegsgebiet heraus. Es handelt sich darum, daß man diese Jugend zwischen zehn bis vierzehn Jahren von der Front wegbringen mußte.


MR. DODD: Mit der Hilfe der SS?

Ich möchte Ihnen jetzt ein anderes Dokument 1137-PS vorlegen, das Ihnen eine Idee davon geben wird, wenn Sie sich nicht daran erinnern sollten, was mit diesen jungen Menschen geschah und um wie viele es sich dabei handelte.

Dies wird US-870.


VORSITZENDER: Mr. Dodd! Unten auf Seite 1 ist ein Absatz in diesem Dokument, der sich auf einen anderen Angeklagten bezieht.


MR. DODD: Jawohl, Herr Präsident. Ich bedauere, ich habe es übersehen. Ich werde es jetzt in das Protokoll verlesen, wenn es mir gestattet ist.

[556] Herr Zeuge! Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit noch einmal auf 345-PS lenken, damit Sie auch wissen, was ich verlese. Im letzten Absatz der Mitteilung Rosenbergs an Dr. Lammers finden wir diesen Satz:

»Wie ich erfahre, ist Gauleiter Sauckel am 21. 7. 1944 im Führerhauptquartier. Ich bitte, dort mit ihm Fühlung zu nehmen und alsdann dem Führer Vortrag zu halten.«

Sauckel hat also ebenfalls an der Entführung dieser Zehn- bis Vierzehnjährigen teilgenommen. Ist Ihnen das bekannt?

VON SCHIRACH: Darüber habe ich keine Kenntnis, ich kann darüber keine Auskunft geben.

MR. DODD: Dieses – Dokument 1137-PS beginnt mit einem Schreiben eines Generals, vielmehr einer Mitteilung einer zwischenamtlichen Notiz, datiert vom 27. Oktober 1944, und es schließt mit einem Bericht des Brigadegenerals der Hitler-Jugend, eines Mannes namens Nickel. Kannten Sie Nickel übrigens? Nickel?


VON SCHIRACH: Der Name ist mir bekannt. Ich kenne ihn wahrscheinlich auch persönlich. Ich finde im Augenblick keinen Begriff mit diesem Namen, er ist aber kein Brigadegeneral, sondern ein Hauptbannführer.


MR. DODD: Gut, was er auch immer war, er war ein Funktionär der Jugendorganisation. Das ist alles, was ich hier feststellen will. Vielleicht habe ich einen falschen Titel genannt. Wir haben es hier als Brigadegeneral.

Jedenfalls, wenn Sie das Dokument lesen, dann sehen Sie, daß er über die Ergreifung dieser Jungen in den besetzten Ostgebieten berichtet. Das ist Oktober 1944. Und er beginnt wie folgt:

»Am 5. 3. 1944 wurde mir der Auftrag erteilt, eine Dienststelle zu errichten, die eine Anwerbung 15-20jähriger junger Kräfte aus den Völkern der besetzten Ostgebiete für einen Kriegseinsatz im Reich vornehmen sollte.«

Dann zitiert er Zahlen und berichtet, wo er mit seiner Arbeit begann: in Litauen, Estland, Lettland, im mittleren Abschnitt der damaligen Ostfront, im Südabschnitt der damaligen Ostfront.

Dann auf der nächsten Seite des englischen Textes – ich nehme an, daß es auch bei Ihnen auf der nächsten Seite ist – steht, wie Ale Zurückgebrachten eingeteilt, wurden: »138S russische SS-Helfer, 5953 ukrainische SS-Helfer, 2354 weißruthenische SS-Helfer, 1012 litauische SS-Helfer«, dann betrifft es die Luftwaffe: »– 3000 estnische Luftwaffenhelfer« und so weiter.

Einige davon gingen zur Marine.

[557] Ich lese nicht alles, aber Sie erhalten einen Begriff, wie man diese Männer, vielmehr Jungen und Mädchen, verteilte.

Sie werden bemerken, daß eine beträchtliche Anzahl in die SS kam.

VON SCHIRACH: Ja, aber Hauptbannführer Nickel hat auf diesem Brief einen Stempel, der die Überschrift trägt »Der Reichsminister für die besetzten Ostgebiete«. Er hat hier nicht im Auftrage der Reichsjugendführung, sondern im Auftrage des Ostministeriums gehandelt.

MR. DODD: Ja, ich bitte Sie, auch noch Seite 6 anzusehen. Es ist wohl Seite 5 im deutschen Originaltext. Sie finden dort, welches Personal der Haupt bannführer Nickel zur Durchführung dieser Aufgabe verwandte. Er hatte Mitglieder der Hitler-Jugend, wie er sagt: »5 Führer, 3 BDM-Führerinnen, 71 volksdeutsche Jugendführer als Sprachmittler und Hilfsausbilder, 26 SS-Führer, 234 Unterführer und Mannschaften, Kraftfahrer und Sprachmittler«, alles »SS-Angehörige«. Außerdem »Luftwaffenangehörige: 37 Offiziere, 221 Unteroffiziere...« und so weiter.

Hilft das Ihrem Gedächtnis? Können Sie sich jetzt etwas besser an das Programm erinnern, mit dem Ihre Jugendleute beschäftigt waren? Erinnern Sie sich jetzt daran?


VON SCHIRACH: Es hilft meinem Gedächtnis insofern gar nicht, als ich es von... aus diesem Dokument davon erfahre. Ich bin über die Aktion des Ostministeriums auf russischem Gebiet nicht unterrichtet, und ich weiß nicht, welche Aufträge der Hitler-Jugend-Führer Nickel im Ostministerium hatte. Ich übernehme die Verantwortung für das, was auf meine Anordnungen hin geschehen ist. Das, was auf die Anordnung von anderen hin vollzogen wurde, müssen andere verantworten.


MR. DODD: Auf Ihre Antwort hin, die Sie soeben gaben, möchte ich Ihnen etwas zeigen. Das Personal, von dem ich Ihnen vorlas, wie Sie wissen, gehörte nur zu einem Teil des Programms. Aus der letzten Seite des Dokuments ersehen Sie, wie groß das Gebiet war, in dem Nickel arbeitete. Er arbeitete im Zusammenhang mit dem »HJ-Kriegseinsatzkommando Niederlande«, mit dem »HJ-Kriegseinsatzkommando Adria«, mit dem »HJ-Kriegseinsatzkommando Süd in der Slowakei und in Ungarn«, mit dem »Sonderkommando Oberleutnant Nagel in den Flüchtlingslagern im Reich« und dann, das ist interessant genug, mit den »Außenstellen Wien...«. Das ist doch dort, wo Sie sich damals befanden, nicht wahr? Und Sie sagen dem Gerichtshof, Sie wußten nichts von diesem Programm und über die Teilnahme Ihrer Hitler-Jugend-Führer?


VON SCHIRACH: Ich habe weder Vortrag von Nickel gehabt, weder schriftlich noch mündlich. Sein Bericht ging, wie es aus dem [558] Brief ersichtlich ist, an den Reichsminister für die besetzten Ostgebiete. Inwieweit der Reichsjugendführer unterrichtet wurde, ist mir nicht bekannt. Ich selbst kenne die Vorgänge nicht. Das, was ich davon weiß, habe ich ganz genau in meiner Aussage vorher wiedergegeben. Es bezog sich auf die Junkers-Werke, es bezog sich auf die Berufsausbildung, die den Jugendlichen in Deutschland zuteil wurde, ich habe sonst keine weitere Kenntnis.


MR. DODD: Beachten Sie bitte auch, Herr Zeuge, daß Ihr Hitler-Jugend-Kriegseinsatzkommando in Polen war und sogar in Norditalien. Ich frage. Sie nochmals als den langjährigen Hitler-Jugend-Führer, als den Führer für den Kriegseinsatz der Jugend und später Gauleiter von Wien, wo ein Teil dieses Programms durchgeführt wurde und im Hinblick darauf, daß das gesamte Programm in diesem großen Umfang ausgeführt wurde: Wollen Sie wirklich den Gerichtshof glauben machen, daß Sie nichts davon wußten?


VON SCHIRACH: Ich habe davon keine Kenntnis, aber ich übernehme dafür die Verantwortung.


MR. DODD: Sie sagten dem Gerichtshof in Ihrem direkten Verhör, daß Sie diesen Brief an Streichers »Stürmer« geschrieben haben.

Ich möchte ihn gern als Beweisstück vorlegen, Herr Präsident, so daß der Gerichtshof eine Idee davon bekommt, wie er auf der ersten Seite des »Stürmer« erschienen ist.

Vielleicht, wenn Sie das Dokument sehen wollen, können Sie dies tun, Herr Zeuge. Es ist US-871. Ich möchte gern, daß Sie es sich kurz ansehen, bevor es überreicht wird. Sie kennen es ja ohnedies schon.


VON SCHIRACH: Ich habe darüber neulich schon meine Aussage gemacht.


MR. DODD: Ja, ich möchte nicht weiter darauf eingehen. Was ich Sie fragen möchte, Herr Zeuge, ob ich Sie richtig verstanden habe, wenn ich sage, daß wir aus Ihrer Aussage entnehmen, daß es Hitler war, der die Evakuierung der Juden aus Wien befahl und daß Sie dies wirklich nicht vorgeschlagen haben oder ausgeführt wünschten. Ist das eine richtige Wiedergabe Ihrer Aussage von gestern oder vorgestern?


VON SCHIRACH: Ich habe neulich festgestellt und wiederhole, daß die Idee der Evakuierung der Juden aus Wien die Idee Hitlers war, die er mir 1940 im Hauptquartier darlegte. Ich habe weiter ausgeführt, daß ich unter dem Eindruck der Ereignisse der Novembertage 1938 tatsächlich der Meinung war, es sei besser für die jüdische Bevölkerung, in einem geschlossenen Siedlungsgebiet untergebracht zu werden, als von Zeit zu Zeit der Goebbels'schen Propaganda und Goebbels'schen Aktionen zur Zielscheibe zu dienen. Ich möchte das [559] ganz klar hier feststellen, und ich habe im weiteren Zusammenhang gesagt, daß ich mich also mit dieser Aktion identifiziert habe, ohne sie durchgeführt zu haben.


MR. DODD: Im Oktober 1940 hatten Sie eine Sitzung im Hauptquartier des Führers. Der Angeklagte Frank war anwesend und der jetzt berüchtigte Koch, über den wir schon so viel gehört haben. Können Sie sich an diese Sitzung erinnern?


VON SCHIRACH: Ich weiß nicht mehr genau.

MR. DODD: Meinen Sie, daß Sie sich an diese Sitzung überhaupt nicht mehr erinnern?


VON SCHIRACH: Oktober 1940 bin ich in der Reichskanzlei gewesen, weil das die Zeit war, in der ich die Evakuierung der Jugend organisierte, und es ist möglich, daß ich beim Mittagessen...


VORSITZENDER: Sie wurden gefragt, ob Sie sich an eine bestimmte Sitzung mit gewissen Leuten im Oktober 1940 erinnern können. Erinnern Sie sich daran oder nicht?


VON SCHIRACH: Ich habe keine Erinnerung mehr daran. Wenn ich ein Dokument bekomme, kann ich es bestätigen.


MR. DODD: Gut, das wollte ich wissen. Ich werde Ihnen nun das Dokument USSR-172 vorlegen. Ein Teil des Dokuments wurde durch Oberst Pokrowsky über die Mikrophonanlage verlesen. Sie werden bemerken, daß am 2. Oktober ein Aktenvermerk über diese Sitzung verfaßt wurde. Diese Notizen hat Martin Bormann zusammengestellt, daher nehme ich an, daß er auch zugegen war:

»Am 2. 10. 1940 entspann sich nach Tisch in der Wohnung des Führers eine Unterhaltung über den Charakter des Gouvernements, über die Behandlung der Polen und über die vom Führer bereits angeordnete Abtretung der Kreise Petrikau und To maschow an den Warthegau«

und dann heißt es:

»Die Unterhaltung wurde dadurch ausgelöst, daß Reichsminister Dr. Frank dem Führer berichtete, die Tätigkeit im Generalgouvernement könne als durchaus erfolgreich bezeichnet werden. Die Juden in Warschau und anderen Städten seien jetzt in Ghettos abgeschlossen. Krakau werde in ganz kurzer Zeit judenrein sein.

Reichsleiter von Schirach, der an der anderen Seite des Führers Platz genommen hatte, warf ein, er habe in Wien noch über 50000 Juden, die Dr. Frank ihm abnehmen müsse. Pg. Dr. Frank bezeichnete dies als nicht möglich! Gauleiter Koch wies darauf hin, daß auch er bisher weder Polen noch [560] Juden aus dem Ziechenauer Gebiet abgeschoben habe; selbstverständlich müßten diese Juden und Polen aber vom Generalgouvernement nunmehr aufgenommen werden.«

Und dann heißt es weiter, daß Dr. Frank auch dagegen Widerspruch erhob, er betonte, daß dort keinerlei Unterbringungsmöglichkeiten vorhanden seien – ich zitiere das nicht direkt, ich will nicht alles verlesen – und daß dort auch nicht genügend andere Einrichtungen wären. Können Sie sich jetzt auf diese Zusammenkunft erinnern?

VON SCHIRACH: Ja, ich habe jetzt meine Erinnerung aufgefrischt.

MR. DODD: Ja, und Sie schlugen vor, 50000 Juden aus Wien in das Gebiet Franks abzuschieben, nicht wahr?

VON SCHIRACH: Das ist so nicht richtig, sondern der Führer hatte mich gefragt, wieviel Juden noch in Wien wären. Das habe ich mit meiner eigenen Aussage neulich festgestellt, das liegt auch in den Akten fest, daß damals 60000 Juden noch in Wien gewesen sind. Und bei dieser Unterhaltung, wo es um die Ansiedlung der Juden im Generalgouvernement ging, habe ich auch gesagt, es sollen ja die 50000 Juden aus Wien auch noch ins Generalgouvernement. Ich sagte Ihnen ja vorhin, ich habe wegen der Ereignisse vom November 1938 diesen Plan des Führers, die Juden in ein geschlossenes Siedlungsgebiet zu bringen, für richtig gehalten.


MR. DODD: Gut, später, wie Sie aus US-681 wissen, nach welchem Dokument Ihr eigener Verteidiger sich erkundigt hat, sandte Dr. Lammers Ihnen eine Mitteilung nach Wien, daß der Führer nach Eintreffen eines Ihrer Berichte entschieden hätte, daß die 60000 Juden von Wien auf schnellste Art und Weise deportiert werden sollten, und das war genau zwei Monate nach der Besprechung, die Sie mit Frank, Koch und Hitler hatten, nicht wahr?


VON SCHIRACH: Ja, der Führer hat ja seit 1937 – ich finde, das geht schon aus den Hoßbach-Notizen hervor – den Gedanken einer Aussiedlung der jüdischen Bevölkerung gehabt. Mir ist der Plan erst bekanntgeworden und übermittelt worden im August 1940, als ich mich wegen der Übernahme des Reichsgaues Wien bei ihm meldete. Er hat mich gefragt: Wie viele Juden sind in Wien? Ich habe diese Frage beantwortet, und nun wollte er, daß sie tatsächlich alle im Generalgouvernement angesiedelt würden.


MR. DODD: Wie viele Juden haben Sie als Gauleiter tatsächlich aus Ihrem Gau deportiert?


VON SCHIRACH: Erstens habe ich die Durchführung dieser Aktion nicht in Händen gehabt. Ich weiß nicht, wieviel von den 60000 Juden von Wien wegtransportiert worden sind.


[561] MR. DODD: Haben Sie irgendeine Idee, wohin Sie gebracht wurden?


VON SCHIRACH: Ich habe mitgeteilt bekommen, daß die Alten nach Theresienstadt kommen und die anderen nach Polen gefahren werden, ins Generalgouvernement. Ich habe sogar einmal, ich glaube anläßlich meiner Vereidigung entweder als Statthalter oder eines Vortrages über die Kinderlandverschickung, Hitler gefragt, wie denn diese Juden beschäftigt werden, und da hat er mir gesagt, entsprechend ihren Berufen.

MR. DODD: Darauf werden wir noch zu sprechen kommen. Sie erinnern sich doch, nicht wahr, daß zumindest einige von ihnen nach Riga und Minsk geschickt wurden, und davon wurden Sie unterrichtet. Erinnern Sie sich, diese Nachricht erhalten zu haben?


VON SCHIRACH: Nein.


MR. DODD: Werfen Sie einen Blick auf Dokument 3921-PS, das Beweisstück US-872 wird. Es ist ein Bericht über die Evakuierung der Juden und besagt, daß 50000 Juden in das Gebiet Riga-Minsk verschickt werden sollten. Sie erhielten als Reichsverteidigungskommissar eine Durchschrift dieses Berichtes. Wenn Sie sich die letzte Seite ansehen, werden Sie dort die Paraphe Ihres Hauptmitarbeiters, des SS-Mannes Dellbrügge, und auch den Empfangsstempel Ihres eigenen Büros finden.


VON SCHIRACH: Ich sehe nur, daß Dr. Dellbrügge den Vorgang zu den Akten geschrieben hat. Es stehen die Zeichen dabei z.d.A., zu den Akten.


MR. DODD: Und er hat Sie nicht von diesem Bericht über die Juden unterrichtet? Obwohl Sie darüber mit Hitler gesprochen hatten, daß Sie aus Ihrem Gebiet deportiert werden sollten; ich nehme also an, daß Ihr Hauptmitarbeiter sich nicht die Mühe machte. Ihnen davon etwas zu sagen. Wollen Sie, daß wir das so verstehen?


VON SCHIRACH: Ja.


MR. DODD: Nun, sehen Sie sich ein weiteres Dokument an, das etwas Licht auf diese Sache werfen wird. Es liegt schon als US-808 vor. Es sagt Ihnen, was mit den Juden in Minsk und Riga geschah; und das Dokument gelangte auch in Ihr Büro, wenn Sie sich daran erinnern. Vielleicht ist es gar nicht nötig, Ihnen das noch einmal zu zeigen. Sie erinnern sich an das Dokument. Es ist einer der monatlichen Berichte von Heydrich, worin er sagt, daß 29000 Juden in Riga gewesen wären, die auf 2500 reduziert worden seien, und daß 33210 von der Einsatzgruppe erschossen worden sind. Erinnern Sie sich daran?


VON SCHIRACH: Ich habe während der vergangenen zwei Tage mir diese Monatsberichte genau angesehen. Die Monatsberichte, dazu muß ich grundsätzlich hier folgendes feststellen, tragen auf [562] dem Deckblatt unten rechts eine Initiale, die Dr. Fsch. etwa lautet. Das sind die Initialen von Dr. Fischer. Sie sind oben abgezeichnet nicht von mir, sondern mit vom Regierungspräsidenten, mit dem Zusatz »zu den Akten«. Wenn ich sie gelesen hätte...


MR. DODD: Ich behaupte nicht, daß Ihre Paraphe auf einem derartigen Dokument stand, aber ich behaupte, daß diese Dokumente in Ihre Organisation und in die Hände Ihres Hauptmitarbeiters gelangten.


VON SCHIRACH: Ich muß aber hier feststellen, wenn sie mir vorgetragen sind, befindet sich ein Vermerk darauf »dem Reichsleiter vorgetragen«, und der vortragende Referent zeichnet diesen Vermerk ab. Wenn ich davon Kenntnis genommen habe, sind meine eigenen Initialen drauf mit einem »K.g.«, Kenntnis genommen.


MR. DODD: Ja. Ich möchte Sie daran erinnern, daß das Datum dieses Berichts Februar 1942 ist, und außerdem möchte ich Sie daran erinnern, daß Heydrich Ihnen darin sagt, wie viele Juden in Minsk getötet worden sind. Nun hielten Sie einmal eine Rede in Polen über die Polen- oder die Ostpolitik Deutschlands. Erinnern Sie sich daran, Herr Zeuge?


VON SCHIRACH: In Polen?


MR. DODD: Ja, in Polen.


VON SCHIRACH: Ich habe in Polen 1939 mich vorübergehend aufgehalten, später glaube ich nicht.


MR. DODD: Ihr Gedächtnis scheint heute morgen ganz besonders schwach zu sein. Erinnern Sie sich nicht daran, daß Sie am 20. Januar 1942 in Kattowitz gesprochen haben?

VON SCHIRACH: Das ist Oberschlesien.


MR. DODD: Oberschlesien, gut. Erinnern Sie sich an diese Rede?


VON SCHIRACH: Ja, in Kattowitz habe ich eine Rede gehalten.


MR. DODD: Und haben Sie über Hitlers Politik für die Ostgebiete gesprochen?


VON SCHIRACH: Das weiß ich aus dem Gedächtnis nicht, was ich da gesagt habe. Ich habe viele Reden gehalten.


MR. DODD: Gut. Ich werde Ihnen das Dokument D-664, welches Beweisstück US-873 wird, vorlegen lassen. Sie haben zu einer Gruppe von Parteiführern und deutschen Jugendführern gesprochen?


VON SCHIRACH: Ja.


MR. DODD: Im Absatz 7 beschäftigten Sie sich mit den Aufgaben der deutschen Jugend im Osten. Die Hitler-Jugend hatte politische Schulungen gemäß der Ostpolitik des Führers durchgeführt, und Sie sagten, wie dankbar Sie dem Führer waren, daß er das deutsche [563] Volk dem Osten zugewandt habe, denn der Osten wäre die Bestimmung Ihres Volkes. Was haben Sie unter der Ostpolitik des Führers verstanden? Oder haben Sie in dieser Zeit eine gute Vorstellung davon gehabt?


VON SCHIRACH: Das ist gesprochen in Oberschlesien und gesprochen aus der Dankbarkeit heraus dafür, daß wir dieses Land zurück hatten.


MR. DODD: Gut, danach habe ich Sie wirklich nicht gefragt. Ich fragte Sie, ob Sie damals, als Sie diese Rede hielten, die Politik des Führers verstanden hatten?


VON SCHIRACH: Ich habe damals natürlich unter dem Eindruck unseres Sieges über Polen und über die Rückgewinnung deutschen Bodens die Ostpolitik bejaht.


MR. DODD: Sie haben sie nicht nur bejaht; ich möchte wissen, ob Sie sie tatsächlich verstanden haben?


VON SCHIRACH: Ich weiß nicht, wie ich diese Frage beantworten soll. Wahrscheinlich hat Hitler unter Ostpolitik etwas ganz anderes verstanden als ich.


MR. DODD: Aber worauf ich hinaus will: Er hat Ihnen davon erzählt, nicht wahr, und zwar einige Zeit, bevor Sie diese Rede gehalten haben.

Sehen Sie sich noch einmal dieses Dokument in Ihren Händen an, USSR-172, und Sie werden finden, daß, nachdem Sie, Frank, Koch und Hitler Ihre Unterhaltung über die Judendeportationen aus Wien beendet hatten, der Führer Ihnen dann gesagt hat, was er mit den Polen zu tun beabsichtige. Und das ist keine schöne Geschichte, wenn Sie es sich ansehen.


VON SCHIRACH: Hitler sagt hier:

»Das Idealbild sei: Der Pole darf im Gouvernement nur kleine Grundparzellen besitzen, die seine eigene Ernährung, bzw. die seiner Familie einigermaßen sicherstellen. Was er sonst an Geld für Kleidung, zusätzliche Nahrung usw., usw. braucht, müsse er durch Arbeit in Deutschland verdienen. Das Gouvernement sei die Ausleihzentrale für ungelernte Arbeiter, insbesondere für landwirtschaftliche Arbeiter. Die Existenz dieser Arbeiter sei eine völlig gesicherte, denn sie würden immer als billige Arbeitskräfte gebraucht werden.«

Polnische landwirtschaftliche Arbeitskräfte kamen nicht mehr in Frage.

MR. DODD: Lassen Sie mich Ihnen einige Auszüge verlesen, die Sie ausgelassen haben:

[564] »Der Führer betonte weiter, der Pole sei im Gegensatz zu unserem deutschen Arbeiter geradezu zu niedriger Arbeit geboren...«, und so weiter.

»Das Lebensniveau in Polen müsse sogar niedrig sein bzw. gehalten werden.«

Auf der nächsten Seite:

»Wir«, die Deutschen, »hätten auf der einen Seite übersiedelte Industriegebiete, auf der anderen Seite Mangel an Arbeitskräften in der Landwirtschaft usw. Hierfür würden die polnischen Arbeiter gebraucht. Es sei also durchaus richtig, wenn im Gouvernement eine starke Übersetzung an Arbeitskräften vorhanden sei, damit von dort aus wirklich alljährlich die notwendigen Arbeiter in das Reich kämen. Unbedingt zu beachten sei, daß es keine ›polnischen Herren‹ geben dürfte; wo polnische Herren vorhanden seien, sollten sie, so hart das klingen möge, umgebracht werden.

Blutlich dürften wir uns natürlich nicht mit den Polen vermischen.«

Etwas weiter betont er noch einmal:

»Noch einmal müsse der Führer betonen, daß es für die Polen nur einen Herrn geben dürfe, und das sei der Deutsche; zwei Herren nebeneinander könne es nicht geben. Daher seien alle Vertreter der polnischen Intelligenz umzubringen. Dies klinge hart, aber es sei nun einmal das Lebensgesetz.«

Halten wir hier eine Minute inne. Herr Zeuge, Sie sind doch, nebenbei bemerkt, ein Kulturmensch, wie Sie dem Gerichtshof gesagt haben. Was für einen Eindruck hat dieses vom Führer ausgedrückte Gefühl auf Sie gemacht?

VON SCHIRACH: Ich habe mit diesen Ansichten des Führers nie übereingestimmt, und ich habe hier auch gesagt, daß ich wegen der Politik in der Ukraine 1943 den Führer angesprochen habe. Wenn ich von Ostpolitik sprach, 1942 in Kattowitz, im deutschen Kattowitz, vor deutscher Bevölkerung in Oberschlesien, dann meinte ich dort selbstverständlich nicht diese brutale Polenpolitik Hitlers.

MR. DODD: Aber Sie wußten davon, als Sie die Rede hielten, nicht wahr?


VON SCHIRACH: Ich habe das nicht in Erinnerung gehabt zwei Jahre später und habe das auch nicht gemeint.


MR. DODD: Sie vergaßen, daß Hitler sagte, er müsse die Intelligenz ausrotten, Sie müßten die Herren dieser Leute sein, sie mußten auf einem niedrigen Lebensniveau gehalten werden? Ist das so leicht Ihrem Gedächtnis entfallen?


[565] VON SCHIRACH: Ich habe bei dieser Rede in Kattowitz, an die ich mich erinnere, von ganz, ganz anderen Dingen gesprochen, und ich nehme an, daß die Staatsanwaltschaft sogar das Stenogramm dieser Rede hat. Die bräuchte man hier nur vorzulegen. Das hier ist ja nur ein kleiner Auszug.


MR. DODD: Aber Herr Zeuge, es kommt darauf an, ob man gewußt hat, wie die Politik beschaffen war. Ich möchte gerne, daß Sie dem Gerichtshof sagen, wie Sie diese Politik vor einer Gruppe junger Menschen und Parteiführern anläßlich Ihrer Rede in Kattowitz unterstützen und loben konnten.


VON SCHIRACH: Die Politik, die ich dort den Jugendführern empfahl, war nicht die Politik, die Hitler hier in seiner Tischrede entwickelt hat.


MR. DODD: Natürlich sagten Sie in Ihrer Rede, daß es die Politik des Führers wäre, und Sie wußten, was sie war. Aber ich werde nicht länger darauf drängen, wenn das Ihre Antwort ist.


VON SCHIRACH: Ich habe – ich habe das schon einmal ausgeführt – vielleicht sehr häufig aus falscher Loyalität die Politik des Führers gedeckt. Ich weiß, daß es nicht richtig war.


MR. DODD: Ja, das ist, was ich wissen wollte. Also, Sie haben auf Grund des Gefühls der Treue zum Führer gehandelt. Jetzt sehen Sie ein, daß es ein Irrtum war. Und das ist alles, wonach ich frage. Wenn Sie das dem Gerichtshof sagen, werde ich vollkommen zufrieden sein.


VON SCHIRACH: Jawohl, ich bin bereit, dies einzugestehen.


MR. DODD: Sehr gut. Und, Herr Zeuge, jetzt kommen wir dazu: das gilt für alle diese Dinge, die sich ereignet haben?


VON SCHIRACH: Nein, das nicht.

MR. DODD: Sollten Sie nicht dem Gerichtshof sagen hinsichtlich Ihres Briefes an den »Stürmer« und hinsichtlich aller dieser Dinge über die Juden, von denen Sie zu der Jugend sprachen, und hinsichtlich dieses langsamen Aufbaues des Rassenhasses in ihnen, hinsichtlich der Zusammenarbeit mit der SS und Ihrer Behandlung der Juden in Wien, sollten Sie nicht sagen, daß Sie für alle diese Dinge, für alle, verantwortlich sind?


VON SCHIRACH: Nein.


MR. DODD: Abschließend möchte ich zum Beweis einige Auszüge von diesen Wochenberichten der SS überreichen, Herr Präsident, auf welche ich am Freitag kurz hingewiesen habe, damit sie dem Gerichtshof vorliegen. Es gibt 55 dieser Berichte, Herr Präsident, die wöchentlich erschienen sind und die alle den Empfangsstempel des Büros dieses Angeklagten tragen. Sie ersetzten [566] die Monatsberichte, die bis zum Erscheinen der Wochenberichte einliefen.

Wir haben nicht alle übersetzen und vervielfältigen lassen, aber wenn der Angeklagte noch andere vorlegen will, werden wir sie natürlich zugänglich machen. Wir haben nur einige als Beispiele ausgewählt, um die Art der Berichte zu illustrieren, die in den Wochenberichten enthalten waren, und ich möchte sie vorlegen:

Der erste ist Nummer 1, beginnt mit 1. Mai 1942, dann Nummer 4, 6, 7, 9, 38, 41 und 49.

Aus Fairheit möchte ich Ihnen dieses klarmachen, Herr Zeuge. Neben Feststellungen über das, was mit den Juden geschehen ist, finden Sie in diesen Wochenberichten eine Anzahl von Mitteilungen über die Partisanenangelegenheiten im Osten. Diese Auszüge befassen sich meistens mit der Behandlung der Juden, und wir haben, Herr Vorsitzender, bezüglich der Partisanen keine größere Zahl von Auszügen gemacht. Es ist jedoch eine Anzahl vorhanden, die sich nur mit den Partisanen und nicht mit den Juden befaßt. Wir wollen also keinen Zweifel darüber bestehen lassen, wie wir diese Wochenberichte anbieten.

Ich möchte Sie bezüglich der Wochenberichte nur fragen: Erinnern Sie sich heute morgen daran, daß Sie sie jede Woche in Ihrem Büro erhielten?


VON SCHIRACH: Das ist ja nicht mein Büro. Mein Büro ist das Zentralbüro. Dieses Büro, das von dem Regierungspräsidenten geleitet wurde, hat, wie hier aus den Akteneinzeichnungen hervorgeht und was jeder in der deutschen Bürokratie geschulte Beamte bestätigen kann, dieses Büro hat durch seinen Referenten den Akt abgezeichnet, dem Regierungspräsidenten vorgelegt, und der Regierungspräsident hat »zu den Akten« daraufgeschrieben und seine Initiale daraufgesetzt. Ich kann diese Akte gar nicht kennen.

MR. DODD: Einen Moment, bitte. Sie waren der Reichsverteidigungskommissar für dieses Gebiet, nicht wahr?


VON SCHIRACH: Ja.


MR. DODD: Und dies ist der Stempel, der sich auf diesen Wochenberichten befindet, nicht wahr?


VON SCHIRACH: Ja.


MR. DODD: Was meinen Sie nun damit, wenn Sie sagen, das war nicht Ihr Büro?


VON SCHIRACH: Weil die Post, die zu mir kam, ähnlich wie in einem Ministerium, wo sie in ein Ministerbüro kommt, zu mir in das Zentralbüro gelangte. Es müßten entsprechende Vermerke dann auf diesen Akten sein. Ich verstehe durchaus, warum bei meiner Arbeitsüberlastung der Regierungspräsident Akten, die in gar [567] keinem Zusammenhang mit Wien und meiner Tätigkeit standen, sondern nur informatorisch waren und Vorgänge in Rußland, zu 90 Prozent Bandenkämpfe in Rußland betrafen, mir überhaupt nicht vorlegte.


MR. DODD: Ich möchte Sie nun nochmal fragen, wie ich das schon so oft während dieses Verhörs getan habe: Dellbrügge, der diese abgezeichnet hat, war Ihr Hauptmitarbeiter, nicht wahr? Ja oder Nein?

VON SCHIRACH: Ja. Er war einer meiner drei Vertreter.


MR. DODD: Und er war außerdem SS-Mann, wie auch Ihre anderen Hauptmitarbeiter, wie wir Sie neulich fragten?


VON SCHIRACH: Dellbrügge war ein hoher SS-Führer. Er war ein besonderer Vertrauensmann des Reichsführers-SS.


MR. DODD: Wie kam es, daß er für Sie arbeitete?


VON SCHIRACH: Er wurde mir dort hingesetzt.


MR. DODD: Herr Präsident! Ich halte es nicht für notwendig, Auszüge aus diesen Wochenberichten vorzulesen. Sie wurden in die vier Sprachen übersetzt.. Nein, ich bin nicht richtig unterrichtet. Ich dachte, sie wären übersetzt. Dann wäre es, glaube ich, besser, wenn wir sie übersetzen lassen und später vorlegen, als uns die Zeit zu nehmen, sie jetzt vorzulesen. Ich habe keine weiteren Fragen.


VORSITZENDER: Wollen Sie ein Rückverhör führen? Wir vertagen uns besser jetzt.


[Pause von 10 Minuten.]


GENERALMAJOR G. A. ALEXANDROW, HILFSANKLÄGER FÜR DIE SOWJETUNION: Geben Sie zu, daß die Hitler-Jugend sich zur Aufgabe gestellt hatte, der deutschen Jugend und den Kindern vom neunten Lebensjahr an die faschistischen Ideen einzuimpfen?

Hören Sie mich?


VON SCHIRACH: Ja. Ich habe die Frage so verstanden, ob ich bekenne, in der Hitler-Jugend zehn- bis vierzehnjährigen Kindern faschistische Ideen eingeimpft zu haben.

Ich habe, wie ich schon in meinen Ausführungen vor ein paar Tagen sagte, meinen Auftrag und meine Pflicht darin gesehen, die deutsche Jugend zu Staatsbürgern des nationalsozialistischen Staates heranzubilden...


VORSITZENDER: Das ist keine Antwort auf die Frage. Sie brauchen uns nicht zu erzählen, was Sie uns schon in Ihren früheren Aussagen angaben. Wollen Sie nun die Frage beantworten: Geben [568] Sie zu, daß Sie der Hitler-Jugend Hitlers Weltanschauung eingepflanzt haben? Sie können mit Ja oder Nein antworten.


VON SCHIRACH: Ich kann darauf nicht mit Ja antworten, weil von »Faschismus« die Rede war. Zwischen »Faschismus« und »Nationalsozialismus« ist ein großer Unterschied. Ich kann diese Frage nicht bejahen. Ich habe die deutsche Jugend nationalsozialistisch erzogen. Dazu kann ich Ja sagen.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Ich möchte jetzt, daß Sie mir die Aussagen, die Sie am 16. November 1945 während Ihres Verhörs gemacht haben, bestätigen. Damals haben Sie selbst Ihre persönliche Einstellung zu Hitler folgendermaßen definiert; ich zitiere Ihre Aussage: »Ich war ein begeisterter Anhänger Hitlers und nahm alles, was er sagte und schrieb, wie von einer Gottheit an.«

Bestätigen Sie diese Aussage?


VON SCHIRACH: Das habe ich nicht gesagt. Das ist auch kein Protokoll, das ich gesehen habe. Ich habe niemals von Hitler als von einer »Gottheit« gesprochen; niemals. Ich erinnere mich ganz genau an diese Einvernahme durch Sie, Herr General, da wurde ich gefragt, ob ich ein begeisterter Anhänger gewesen sei. Ich habe das bejaht. Ich habe über die Zeit gesprochen, wie ich zur Bewegung kam. Ich habe niemals diesen Vergleich gebraucht, der mir in der Übersetzung hier vorgehalten wird. »Ich hätte an Hitler wie an eine Gottheit geglaubt«, das habe ich niemals gesagt, nie.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Sie haben mich nicht richtig verstanden. Hier ist keine Rede von »Gottheit«. In Ihrer Aussage steht es, ich wiederhole: »Ich war ein begeisterter Anhänger Hitlers und nahm alles, was er sagte und schrieb, als Wahrheit an.« Bestätigen Sie diese Aussage? Antworten Sie direkt auf meine Frage.


VON SCHIRACH: Die Übersetzung ist sehr ungenau. Ich bitte, mir die Frage noch einmal genau zu stellen.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Ich zitiere Ihre Aussage: »Ich war ein begeisterter Anhänger Hitlers und nahm Stellung zu allem, was er sagte und schrieb, wie zu einer Aufrichtigkeit.«


VON SCHIRACH: Es ist mir eben vorgehalten worden, ich soll gesagt haben:

»Ich war ein begeisterter Anhänger Hitlers und nahm Stellung zu allem, was er sagte und schrieb, wie zu einer Aufrichtigkeit.«

So habe ich das verstanden. Einen solchen Unsinn kann ich gar nicht ausgesagt haben.

DR. SERVATIUS: Darf ich vielleicht eine Erklärung geben zu der Übersetzung? Es müßte meiner Ansicht nach richtig heißen auf deutsch: »Ich betrachtete es als Offenbarung, was Hitler sagte« und [569] nicht als eine »Aufrichtigkeit«, es ist ein Fehler der Übersetzung, dann wird es verständlich.

GENERALMAJOR ALEXANDROW: Ihr Verteidiger hat Ihnen geholfen, meine Frage zu beantworten.


VON SCHIRACH: Herr General! Das war nicht mein Verteidiger, sondern das war der Verteidiger des Angeklagten Sauckel. Und wenn man es so übersetzt mit »Offenbarung«, dann bekommt das Ganze einen Sinn und entspricht auch dem etwa, was ich ausgeführt habe Ihnen gegenüber bei der Darstellung meiner Jugendzeit.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Gut. In Ihrem Buch »Die Hitler-Jugend« haben Sie auf Seite 17 geschrieben, Hitlers Buch »Mein Kampf« ist uns, ich zitiere, »wie eine Bibel«. Bestätigen Sie es? Haben Sie das geschrieben?


VON SCHIRACH: Ich habe dem noch etwas hinzugefügt in dem Buch »Die Hitler-Jugend, Idee und Gestalt«. Ich habe das Buch, das möchte ich zunächst sagen, geschrieben. Ich habe es geschrieben...


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Ich muß Sie unterbrechen. Ich brauche keine solche ausführliche Erklärung, ich möchte die Antwort auf meine Frage haben: Steht dieser Satz in Ihrem Buch oder nicht?


VON SCHIRACH: Ich habe das ja eben bestätigt, aber ich möchte einer solchen Bestätigung eine Erklärung hinzusetzen, und diese Erklärung will ich jetzt geben. Ich sagte in meinem Buch, das ich 1933 schrieb und das 1934 publiziert wurde:

»Wir konnten unsere Auffassung noch nicht im einzelnen begründen. Wir glaubten einfach. Und als dann Hitlers ›Kampf‹ erschien, war uns dieses Buch wie eine Bibel, die wir fast auswendig lernten, um die Fragen der Zweifler und überlegenen Kritiker beantworten zu können.«

Ich habe das damals so geschrieben, das ist richtig.

GENERALMAJOR ALEXANDROW: Jetzt möchte ich noch eine präzisere Frage an Sie stellen. Geben Sie zu, daß die Hitler-Jugend eine politische Organisation war, die unter Führung der NSDAP die Politik dieser Partei innerhalb der deutschen Jugend durchführte?

VON SCHIRACH: Die Hitler-Jugend war eine große Erziehungsgemeinschaft auf politischer Basis. Ich kann nicht anerkennen, daß sie von der Partei geleitet wurde; sie wurde von mir geleitet. Insofern, als ich ein Mitglied der Parteileitung war, kann man von einer Mitwirkung der Partei sprechen. Aber ich weiß nicht, warum ich das bestätigen soll; ich habe es ja schon ausgesagt. Richtig ist, daß die Hitler-Jugend die Jugendorganisation der Partei war.

Wenn das der Sinn Ihrer Frage ist, will ich es bestätigen.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Ja, das hatte ich gemeint.

[570] Ich möchte Sie jetzt an die Aufgaben, die Hitler für die Erziehung der deutschen Jugend stellte, erinnern. Darüber wird in Rauschnings Buch gesprochen, das dem Gerichtshof bereits als Urkundenbeweis unter USSR-378 vorgelegt worden ist. Ich zitiere von Seite 252 dieses Buches:

»In meinen Ordensburgen wird eine Jugend aufwachsen, vor der die Welt zurückschrecken wird. Ich will eine gewalttätig aktive, beherrschende, unerschrockene und brutale Jugend. Die Jugend muß Schmerzen gegenüber immun sein; sie darf weder Schwäche noch Zärtlichkeit kennen; ich will in ihren Augen wiederum den Strahl von Stolz und Unabhängigkeit eines grausamen Tieres sehen.«

Und Sie haben die deutsche Jugend in Übereinstimmung mit diesen Forderungen Hitlers erzogen. Geben Sie das zu?

VON SCHIRACH: Das erkenne ich nicht an, was Herr Rauschning schreibt. Ich bin ganz zufällig Zeuge einer Unterhaltung zwischen Hitler und Rauschning gewesen, und danach muß ich sagen, daß das, was Herr Rauschning in seinem Buch schreibt, eine unrichtige Wiedergabe Hitlerscher Äußerungen darstellt. Zufällig bin ich einmal Zeuge einer solchen Unterhaltung gewesen.

Über die Erziehung hat Hitler mir nicht die Anweisungen gegeben, die Herr Rauschning hier als Aufgaben der Hitler-Jugend, wie sie Hitler mir gestellt habe, schildert.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Wir verlangten von Ihnen keine derartig ausführliche Erklärung. Ich möchte bitten, auf meine Fragen kürzer zu antworten, um die Zeit der Vernehmung zu verkürzen. Sie haben hier behauptet, daß die Hitler-Jugend die Jugend nicht in militärischem Geist erzogen und sie nicht für zukünftige Angriffskriege vorbereitet hat. Ich möchte Sie an einige Ihrer Äußerungen aus Ihrem Buch »Hitler-Jugend« erinnern. Auf Seite 83 dieses Buches, wo Sie über die jüngste Generation, das sogenannte Jungvolk, sprechen, schrieben Sie:

»So ist es auch verständlich, daß die Jungvolkgeneration die Trägerin des nationalsozialistischen Stils ist.... Die Spielwarenhändler haben sich bei mir beschwert, daß die Buben kein Spielzeug mehr haben wollen. Ihr Interesse sei ausschließlich auf Zeltbahnen, Wurfspeer, Kompaß und Karte gerichtet.... Das Verbrennen ist überhaupt eine Spezialität der neuen Jugend... was gegen unsere Einheit ist, muß auf den Scheiterhaufen.«

Und das waren die Weisungen, die die in der Hitler-Jugend erzogenen deutschen Soldaten befolgten, wenn sie die Häuser der friedlichen Bevölkerung in den besetzten Gebieten in Brand steckten? Nicht wahr? Steht das, was ich soeben zitiert habe, in Ihrem Buch geschrieben?

[571] VON SCHIRACH: Das, was vor mir liegt, steht in meinem Buch geschrieben, das was aus der Übersetzung kam, steht nicht in meinem Buch.

GENERALMAJOR ALEXANDROW: Gut, dann korrigieren Sie.


VON SCHIRACH: Ich muß deshalb darum bitten, daß ich die richtige Stelle verlesen darf:

»Die Spielwarenhändler haben sich bei mir beschwert, daß diese Buben«, sie sprechen vom Jungvolk, »kein Spielzeug mehr haben wollen. Ihr Interesse sei ausschließlich auf Zeltbahnen, Wurfspeere, Kompaß und Karte gerichtet. Ich kann den Spielwarenhändlern nicht helfen, denn auch ich meine mit den Pimpfen, daß die Zeit der Indianer nun endgültig vorbei ist. Was ist ›Old Shatterhand‹, was ist überhaupt ein Trapper im amerikanischen Urwald im Vergleich zu einem Fähnleinsführer? Ein armseliges, verstaubtes Requisit aus der Rumpelkammer unserer Väter. Nicht nur die Spielwarenhändler beschweren sich, sondern auch die Schulmützenfabrikanten. Wer trägt heute noch Schülermützen? Wer ist heute überhaupt ein höherer Schüler oder eine höhere Tochter? Mancherorts haben sich Jungvolk und Hitlerjungen zusammengetan und solche Schülermützen öffentlich verbrannt. Das Verbrennen ist überhaupt eine Spezialität der neuen Jugend. Die Grenzpfähle der deutschen Kleinstaaten sind auch im Feuer der Jugend verkohlt. Es ist eine einfache, aber heroische Philo sophie; was gegen unsere Einheit ist, muß auf den Scheiterhaufen.«

Das, Herr General, ist der Ausdruck des Sturmes und Dranges einer Jugend, die ihre soziale Einheit findet.

GENERALMAJOR ALEXANDROW: Nach Ihrer Meinung also geht die Philosophie dahin, daß die Kinder nicht mehr mit Spielzeug spielen, sondern andere Dinge tun sollen. Habe ich Sie richtig verstanden? Ich sehe keinen wesentlichen Unterschied zwischen dem, was ich sagte und dem, was Sie vorlasen.

VON SCHIRACH: Ich darf dazu bemerken, daß in Bezug auf die militärische Erziehung die deutsche Jugend doch wohl sehr weit hinter der der Sowjetunion zurücksteht.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Dies ist ein unerheblicher Vergleich. Auf Seite 98 Ihres Buches sagen Sie: »Sie«, die deutsche Jugend, »strebt es an, politische Soldaten zu sein, ihr Vorbild ist Adolf Hitler.« Haben Sie das geschrieben?


VON SCHIRACH: Ich habe die Stelle nicht, Seite 98?


VORSITZENDER: Der Zeuge hat doch zugegeben, daß er das ganze Buch geschrieben hat, nicht wahr?


[572] GENERALMAJOR ALEXANDROW: Um keine Zeit zu vergeuden, gehen wir zur zweiten Frage über.

Sie haben bereits von der besonders errichteten motorisierten Hitler-Jugend gesprochen. Sie behaupten, daß diese Organisation nur sportliche Ziele verfolgte, nicht wahr?


VON SCHIRACH: Ich habe auch im Zusammenhang mit der Ausbildung der Motor-HJ von Geländesport und Geländefahren gesprochen. Ich habe auch gesagt, daß ich anerkenne, daß die Motor-HJ eine vormilitärische Bedeutung hat. Ich habe da nichts bestritten.


VORSITZENDER: Herr Dodd hat den Zeugen längere Zeit kreuzverhört über diese besonderen Einheiten der Hitler-Jugend, ich glaube wirklich, daß es nicht viel Zweck hat, wenn wir uns nochmals damit beschäftigen.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Herr Präsident! Einige Punkte, die noch nicht geklärt sind, werden durch die nachfolgenden Fragen geklärt werden.

Haben Sie gewußt, daß Ende 1938 die Organisation der motorisierten Hitler-Jugend aus 92 Abteilungen, das heißt aus 100000 jungen Menschen bestand?


VON SCHIRACH: Ob sie aus 92 Abteilungen bestand, kann ich aus dem Gedächtnis nicht sagen, weil das übersetzte Wort »Abteilung« keinem Einheitsbegriff in der HJ entspricht. Die exakte Stärke der Motor-HJ 1938 habe ich in meiner eigenen Aussage hier entweder gegenüber meinem Verteidiger oder gegenüber Mr. Dodd ausgesagt; ich habe genaue Zahlenangaben über die Stärke der Motor-HJ 1938 gemacht.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Ich spreche von 1938 und gebe die Zahl von 100000 Jungen an, die der Organisation der Motor-HJ angehörten. Ist es Ihnen bekannt?


VON SCHIRACH: Ich kann aus dem Gedächtnis nicht sagen, ob 1938 100000 Jungens in der Motor-HJ waren oder nicht; es können 60000, es können 120000 gewesen sein, ich kann das nicht sagen, ich weiß es nicht, mir fehlen die Unterlagen.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Ich nenne diese Ziffer aus den in der Zeitschrift »Das Archiv« befindlichen Angaben. Ich erinnere an die Aufgaben dieser Organisation laut Angaben, die in dieser Zeitschrift im November/Dezember 1939 erschienen sind. Ich zitiere:

»Hiernach erfolgt... eine Vorschulung der Jungen soll in besonderen Lehrscharen.... Den Abschluß der Schulung der Motorsportscharen bildet ein Kursus auf einer der Motorsportschulen des NSKK.«

[573] Ich zitiere diesen Auszug aus dem Dokumenten buch der Verteidigung. Es ist Dokument Nummer 20, Seite 50 des russischen Textes. Ich wiederhole das Zitat vom Anfang an:

»Vereinbarung über die Ausbildung der Motorsportscharen der HJ.« »Hiernach erfolgt... eine Vorschulung der Jungen in besonderen Lehrscharen.... Den Abschluß der Schulung der Motorsportscharen bildet ein Kursus auf einer der Motorsportschulen des NSKK. Zu diesem Lehrgang können jedoch nur Hitlerjungen zugelassen werden, die im 18. Lebensjahr stehen oder das 18. Lebensjahr vollendet haben. Das Lehrprogramm der Motorsportschule umfaßt neben der kraftfahrtechnischen Ausbildung, dem Erwerb des Führerscheins und der Unterweisung in der Kunst des Geländefahrens auch die weltanschauliche Schulung. Hitlerjungen, die an einem Kursus mit Erfolg teilgenommen haben, werden als Nachwuchs in das NSKK übernommen.«

Das stimmt mit Ihrer Erklärung, daß die Ziele sportliche waren, nicht ganz überein. Nicht wahr?

VORSITZENDER: Wir haben ein langes Kommentar über diese besonderen Einheiten gehört, und wir wollen es nicht nochmals hören. Wenn Sie neue Fragen haben, die von Herrn Dodd noch nicht behandelt worden sind, dann wollen wir sie gerne hören, aber wir wollen keine Einzelheiten mehr darüber, ob die Kraftfahrerkorps aus 60000, 70000 oder 100000 oder 120000 Hitlerjungen bestanden.

GENERALMAJOR ALEXANDROW: Ich habe Punkte zitiert, die bisher noch nicht zitiert wurden.


VORSITZENDER: Wir wollen das nicht hören, General, wir wollen es nicht hören.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Ich gehe nun zur nächsten Frage über.

Sie haben das für das ganze Land geltende Ausbildungsbuch für die Mitglieder der HJ, »HJ im Dienst« herausgegeben. In Ihren Vorschriften waren folgende Übungen mit der Jugend vorgesehen: Die Waffenlehre, die Theorie des Schießens, Zielübungen, Schießübungen, militärische Übungen, topographische Übungen, Geländeübungen; ein Anhang enthält außerdem Anweisungen zum Gebrauch von Kompaß und Winkelmesser. Kennen Sie diese Vorschriften? Haben auch diese Vorschriften, Ihrer Meinung nach, mit der Vorbereitung der deutschen Jugend zum Krieg nichts zu tun?


VON SCHIRACH: Ich habe über das Ausbildungsbuch »HJ im Dienst« hier in meiner Aussage am vergangenen Donnerstag ausführlich gesprochen, insbesondere auch über die Schießausbildung, [574] die in diesem Buch 40 Seiten umfaßt, und habe in diesem Zusammenhang bemerkt, daß diese Schießausbildung nach den Regeln des internationalen Sportschießens für Kleinkaliberbüchsen durchgeführt wird und daß die britische Board of Education allen Boy-Scouts diese Schießausbildung sowohl als das ganze Buch empfohlen hat. Mehr kann ich nicht dazu sagen. Ich bestreite nicht, daß ich dieses. Buch »Hitler-Jugend« herausgegeben habe und daß es für die Ausbildung als Richtlinie diente. Das habe ich aber neulich auch schon gesagt.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Sie haben hier verneint, daß die Hitler-Jugend eine wichtige Rolle in der Fünften Kolonne in Polen spielte. Dieselben Methoden wurden besonders auch in Jugoslawien angewandt. Die Jugoslawische Regierung hat der Sowjetischen Anklagebehörde verschiedene Dokumente zur Verfügung gestellt, die die Mitwirkung der deutschen Jugendorganisation unter Führung der »Hitler-Jugend« bei der Schaffung der Fünften Kolonne auf jugoslawischem Gebiet feststellt. Ist Ihnen etwas darüber bekannt, wissen Sie etwas darüber?


VON SCHIRACH: Die Hitler-Jugend hat nie in einer Fünften Kolonne gearbeitet, weder in Jugoslawien noch anderswo.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Ich verlese Auszüge aus dem offiziellen Bericht der Jugoslawischen Regierung. Dieses Dokument wurde dem Gerichtshof bereits als USSR-36 vorgelegt. Ich zittere Seite 3 des russischen Textes:

»Die Regierung des Dritten Reiches und Hitlers Partei organisierten in geheimer Weise die deutsche Minderheit.... Seit 1930 hatten sie ihre Massenorganisation, den schwäbisch-deutschen Kulturbund.... Schon 1932 vertritt Dr. Jakob Awender,.. den Standpunkt der gänzlichen Faschisierung des Kulturbundes.

Im Jahre 1935 stellte er sich an die Spitze der ›aktiven Jugendlichen‹, die sich bald darauf ›Erneuerer‹ nennen.«

Wissen Sie etwas darüber?

VON SCHIRACH: Nach den Mitteilungen, die Sie eben gegeben haben, kann ich mich nicht dazu äußern. Ich verstand soviel, daß Bohle einige Jugendführer als Beauftragte dort gehabt hat. Ich weiß darüber nichts Genaues, ich kann Ihnen zur Frage Jugoslawien aus meiner früheren Tätigkeit sagen, daß ich eine sehr gute Beziehung zur jugoslawischen Jugend unterhielt, eine sehr freundschaftliche und kameradschaftliche Beziehung, in der Zeit vor dem Kriege.

GENERALMAJOR ALEXANDROW: Das interessiert mich nicht. Ich möchte versuchen, Ihrem Gedächtnis zu helfen durch Zitierung [575] einiger Auszüge aus dem ergänzenden Bericht der Jugoslawischen Regierung, der dem Gerichtshof als Beweisstück USSR- 357 vorliegt. Auf Seite 5, Zeile 3 des russischen Textes dieses Dokuments wird gesagt:

»Vom Jahre 1937 an,... begann unter den Volksdeutschen in unserem Lande eine nazistische Orientierung, und die ersten volksdeutschen Jünglinge begaben sich in nazistische Spezialkurse ins Reich.«

Weiter auf Seite 8 lesen wir:

»Später, aber noch vor dem Ausbruch des Krieges mit der Sowjetunion, traten die meisten als aktive Offiziere in die deutsche Armee.... Außerdem wurde von jüngeren und älteren Jahrgängen die SS-Division ›Prinz Eugen‹ gebildet.« Leugnen Sie diese Tatsachen?


VON SCHIRACH: Ich kann einige zugeben, andere muß ich verneinen; mit anderen Worten, ich muß also eine Erklärung abgeben. Seit 1933 habe ich mich bemüht, ein gutes Verhältnis mit der jugoslawischen Jugend herzustellen. Ungefähr seit 1936 oder 1937 liefen auch Einladungen von mir an jugoslawische Jugendgruppen, genau so wie an Jugendgruppen aller Länder Europas, sich deutsche Jugendeinrichtungen anzusehen. Es sind also jugoslawische Jugendliche tatsächlich in Erwiderung solcher Einladungen nach Deutschland gekommen. Von einem Eintritt jugoslawischer Jugendlicher in die deutsche Armee weiß ich nichts, ich glaube nicht daran. Ich kann nur sagen, daß in der Zeit, als der Prinzregent Paul in Jugoslawien regierte, eine sehr enge Zusammenarbeit mit der jugoslawischen Jugend war. Während des Krieges haben wir sowohl mit serbischer als auch mit kroatischer Jugend gute Beziehungen unterhalten. Es waren sowohl deutsche Jugendliche dort gewesen als auch serbische und kroatische Jugendliche in deutschen Jugendlagern, deutschen Führerschulen und so weiter und haben sich unsere Einrichtungen angesehen. Das ist so ungefähr alles, was ich darüber mitteilen kann. Das war aber nicht nur eine Beziehung zwischen uns und Jugoslawien, sondern auch eine Beziehung, die mit sehr vielen anderen Ländern bestand.

GENERALMAJOR ALEXANDROW: Sie haben mich nicht richtig verstanden. Ich meine ja nicht die jugoslawische und kroatische Jugend, ich spreche von der Jugend der deutschen Minderheit in Jugoslawien, die in diesem Bericht erwähnt wird und die mit Hilfe der Hitler-Jugend Zentren für die Tätigkeit der Fünften Kolonne in Jugoslawien schuf, um subversive Handlungen durchzuführen und für die Waffen-SS und die Wehrmacht Rekruten zu stellen. Das ist, worüber ich spreche. Sind Ihnen diese Tatsachen bekannt?


[576] VON SCHIRACH: Ich weiß, daß es volksdeutsche Jugend in Jugoslawien gab, genau so, wie es volksdeutsche Jugend in Rumänien und Ungarn gab. Ich weiß, daß diese Jugend sich als Hitler-Jugend fühlte. Daß sie beim Einmarsch der deutschen Truppen diese Truppen begrüßt hat, halte ich auch für selbstverständlich. Inwieweit eine direkte Zusammenarbeit bestand zwischen den Truppen und der Jugend, darüber kann ich nichts sagen; aber sie ist ganz natürlich. Es ist natürlich keine militärische Zusammenarbeit, sondern eine Zusammenarbeit, wie sie sich eben zwischen einer Besatzungstruppe und der Jugend, die der gleichen Nation oder dem gleichen Volkstum angehört wie die Besatzungstruppe, immer ergeben wird. Es hat deshalb nichts mit Spionage oder Agententätigkeit zu tun.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Aber der größte Teil der SS-Division »Prinz Eugen«, die auf jugoslawischem Boden aufgestellt worden war, wurde aus Mitgliedern der Hitler-Jugend, die der deutschen Minderheit in Jugoslawien angehörten, gebildet. Dies war das Ergebnis der vorbereitenden Arbeit der Hitler-Jugend. Geben Sie das zu?


VON SCHIRACH: Ich weiß nicht, wie sich die Divisionen der Waffen-SS, deren es sehr, sehr viele gab, rekrutiert haben. Es ist möglich, daß sie sich an Ort und Stelle auch aus volksdeutschen Elementen rekrutiert haben; genaues kann ich darüber nicht sagen, ich weiß es nicht.

GENERALMAJOR ALEXANDROW: Ich möchte jetzt aus zwei deutschen Dokumenten zitieren. Sie sind dem Gerichtshof noch nicht vorgelegt worden. Das erste ist ein Auszug aus einem Buch von Dr. Janko Sepp, Jugendführer in Jugoslawien. Es ist »Reden und Aufsätze« betitelt. Er schrieb:

»Unsere gesamte nationale Arbeit war bis zum 1. September 1939 von der Hilfe des Reiches abhängig. Als am 1. September 1939 der Krieg ausbrach und es anfangs unmöglich erschien, daß wir auch weiter unterstützt werden, bestand die Gefahr, daß unsere ganze Arbeit unterbrochen wird...«

Und weiter:

»... Daß sich aber im großen gesehen die gesamte deutsche Volksgruppe im einstigen Jugoslawischen Staate in dieser für ein Volk und für die Wertung eines Volkes entscheidenden Frage hundertprozentig dem Führer zur Verfügung stellte und ihm so viele freiwillige Soldaten gab, macht mich persönlich ungemein stolz...«.

Ich lege den Auszug aus diesem Buch dem Gerichtshof als Beweisstück USSR-459 vor.

[577] Der zweite Auszug ist aus einem Artikel »Wir in der Batschka«, den der Bannführer der deutschen Jugend dieser Gegend, Otto Kohler, im Jahre 1943 schrieb. Ich lege dieses Dokument dem Gerichtshof als USSR-456 vor. Otto Kohler schrieb: »... daß sich 90 Prozent der deutschen Menschen hier in diesem Lande zu dieser Volksgemeinschaft bekennen. Auch unsere Jugend steht 90prozentig in den Reihen der Dj.«

Diese Erklärungen sollten Sie davon überzeugen, daß die subversive Tätigkeit und die Organisation einer Fünften Kolonne, die Propagierung des nazistischen Gedankens bei der deutschen Minderheit und die Bildung von militärischen Einheiten aus dieser Minderheit auf jugoslawischem Gebiet durch die Hitler-Jugend durchgeführt wurden. Bitte, antworten Sie mit Ja oder Nein!

VON SCHIRACH: Nein. Ich möchte aber zu den Dokumenten Stellung nehmen. Dieser Dr. Sepp Janko, der Führer der Volksdeutschen in Jugoslawien gewesen sein soll, ist mir sowohl dem Namen nach unbekannt, als auch der Person nach unbekannt. Ich habe Jugoslawien mehrfach früher besucht. Ich habe weder in der Zeit als ich, ich glaube 1937, zum erstenmal dort war, noch 1938, als ich den Prinzregenten Paul besuchte, mich mit der volksdeutschen Jugend und volksdeutschen Jugendführern dort überhaupt befaßt. Ich habe damals ausschließlich nur mit national-jugoslawischen Jugendlichen gesprochen. Das ist alles, was ich zum ersten Dokument zu sagen habe, das sich ja im übrigen auch überhaupt nicht auf die Jugend bezieht. Zum zweiten Dokument, das unterschrieben ist von einem Otto Kohler, der sich »D.J.-Führer« im Bann 7 nennt, also wahrscheinlich soll es heißen »Deutscher Jugendführer«, kann ich nur sagen, daß es einem Buch über die deutsche Jugend in Ungarn entstammt, das 1943 erschienen ist. Wir haben in der Batschka eine sehr, sehr große Siedlung von Deutschen gehabt, die seit 150 Jahren dort lebten oder 200 Jahren, und dieser Jugendführer hat die deutsche Jugend dort organisiert, und zwar mit Genehmigung der Ungarischen Regierung, mit Genehmigung des ungarischen Unterrichtsministers und in Zusammenarbeit mit den sonstigen ungarischen Stellen. Es ist eine völlig legale Maßnahme, wegen der zwischen den beiden Ländern gar keine Kontroverse bestanden. Diese Jugendlichen waren nicht Mitglieder der deutschen Hitler-Jugend, sondern national-ungarische Jugendliche deutscher Volkszugehörigkeit, der deutschen Minderheit in Ungarn.

GENERALMAJOR ALEXANDROW: Hatte denn die Reichsleitung mit solchen Organisationen der Hitler-Jugend im Ausland nichts zu tun?


VON SCHIRACH: Natürlich haben wir diese Jugendlichen auch besucht. Wenn ich zum Beispiel in Budapest zu Gast war, ist mir [578] von den Ungarn selbst angeboten worden, ob ich einmal ein volksdeutsches Dorf und volksdeutsche Jugend besuchen wollte. Dagegen hatte weder der Reichsverweser etwas einzuwenden noch sonst eine Regierungsstelle. Ich hatte gar keine Veranlassung, durch deutsche Jugendführer etwa Spionage in Ungarn zu betreiben. Ich hätte ja genau so gut ungarische Jugendführer fragen können, mit denen ich sehr, sehr gute Beziehungen unterhielt.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Wer hatte die Leitung der Auslandsorganisationen der Hitler-Jugend inne? Es gab doch eine spezielle Auslandsabteilung bei der Reichsjugendführung, deren Aufgabe es war, die deutschen Jugendorganisationen im Auslande zu leiten?


VON SCHIRACH: Das ist nicht richtig. Das Auslandsamt der Reichsjugendführung war, wenn man so sagen kann, das Foreign Office der jungen Generation. Die Aufgabe des Auslandsamtes bestand darin, die Verbindungen mit anderen nationalen Jugendorganisationen zu unterhalten, also die fremdvölkischen Jugendführer einzuladen, die Wanderungen fremder Jugend in Deutschland zu organisieren und die Fahrten deutscher Jugend in anderen Ländern im Zusammenwirken der Auswärtigen Ämter zu regem, das heißt, dieses Auslandsamt der Reichsjugendführung wandte sich in einem solchen Fall ans Auswärtige Amt, das dann seinerseits sich an den Botschafter oder Gesandten des betreffenden Staates, um den es sich handelte, wandte. Die Organisation der Jugend im Auslande, wie Sie hier meinen, das war eine Untergliederung der AO, deren Chef Gauleiter Bohle war, der hier in diesem Gericht schon gesprochen hat. Diese Auslandsjugend war deutsche nationale Jugend, also Jugend deutscher Staatsangehörigkeit in anderen Ländern, die dort eben Einheiten der Hitler-Jugend bildete; also sagen wir einmal in Budapest die Kinder der deutschen Kolonie, von den Kindern des Gesandten angefangen über die Kinder...


VORSITZENDER: Angeklagter! Es ist sicherlich nicht notwendig, eine so lange Rede darüber zu halten.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Sie verlieren sich zu sehr in Einzelheiten.

Nun die nächste Frage: Beim Ministerium für die besetzten Ostgebiete wurde im ersten Hauptamt eine besondere Jugendabteilung gegründet. Was wissen Sie über die Tätigkeit dieser Abteilung und darüber, in welcher Beziehung diese zu der Reichsjugendführung stand? Antworten Sie bitte kurz!


VON SCHIRACH: Aus meiner Kenntnis heraus kann ich sagen, daß bei der Bildung des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete Reichsleiter Rosenberg damals den Wunsch gegenüber dem Reichsjugendführer aussprach, er möge ihm einen Mitarbeiter für [579] das »Amt Jugend« oder die »Abteilung Jugend« im Ministerium benennen. Dieser Mitarbeiter wurde benannt, er ist dann ins Ministerium eingebaut worden und hat dort die Jugendabteilung geleitet, natürlich unter der Verantwortung des Ostministers. Mehr kann ich darüber nicht sagen. Berichte dieser Abteilung habe ich nicht bekommen.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Sie wollen also sagen, daß die Reichsjugendführung einen Vertreter in das Ministerium für die besetzten Ostgebiete ernannte und daß dieser Herr keine Berichte an die Reichsjugendführung erstattete, ist das richtig?


VON SCHIRACH: Herr General! Ich wollte sagen, dieser Abteilungschef oder wer es gewesen ist, oder Beamte im Ostministerium, der aus der Hitler-Jugend stammte, hat mir nicht Bericht erstattet. Er hat selbstverständlich seinen nächsten Vorgesetzten in der Reichsjugendführung Bericht erstattet. Die Reichsjugendführung befindet sich bekanntlich in Berlin, und ich nehme an, daß die Mitarbeiter des Stabes der Reichsjugendführung mit ihm in ständiger Verbindung standen.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Ich verstehe. Demnach sind alle Maßnahmen der Jugendabteilung im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete im Einklang mit der Führung der Hitler-Jugend durchgeführt worden, ist das richtig?


VON SCHIRACH: Die Maßnahmen, die dort durchgeführt wurden, wurden vollzogen nach den Richtlinien des Reichsministers, der ja der unmittelbare Vorgesetzte seiner Beamten war. Soweit es sich um ausgesprochene Jugendmaßnahmen handelte, Behandlung von Jugendlichen und so weiter, hat sicherlich dieser betreffende Beamte oder Jugendführer sich bei der Reichsjugendführung unterrichtet und entsprechend Bericht erstattet. Verantwortlich, muß ich sagen, ist immer für den Jugenddezernenten in einem Ministerium der Minister, nicht das Haus, aus dem der Jugenddezernent stammt.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Ich verstehe. Auf die Frage Ihres Verteidigers hinsichtlich der Teilnahme der Hitler-Jugend an den Greueltaten in Lemberg, haben Sie geantwortet, daß die diesbezüglichen Aussagen der Französin Ida Vasseau, die im Bericht der Außerordentlichen Staatskommission enthalten sind, unwahr wären.

Herr Präsident! Die Sowjetische Anklagebehörde hatte Gelegenheit, die Zeugin Ida Vasseau zu vernehmen. Der Verteidiger des Angeklagten Schirach suchte ebenfalls um eine Vernehmung nach. Ich lege dem Gerichtshof jetzt Auszüge aus der Aussage der Zeugin Ida Vasseau vom 16. Mai 1946 vor und möchte dem Dokument die Bezeichnung USSR-455 geben. Ich verlese diese Auszüge:

[580] »An den Grausamkeiten, die gegen die Juden und die polnische und sowjetische Bevölkerung in der Stadt Lemberg verübt worden sind, nahmen nicht nur erwachsene Deutsche und alte Nazis teil, sondern auch die deutsche Jugend, vertreten durch Mitglieder der faschistischen Jugendorganisation in Lemberg, der ›Hitler-Jugend‹.

Diese in Uniform gekleideten, mit Jagdmesser, Knüppeln, Schwertern und oft mit Pistolen bewaffneten Burschen rannten in Banden in der Stadt herum, stürzten in jüdische Wohnungen und verwüsteten sie, töteten die Bewohner, Erwachsene und Rinder. Sehr oft hielten sie die ihnen verdächtig vorkommenden Kinder auf der Straße an mit dem Ruf: ›Du bist ein Jude!‹ oder ›Du bist eine Jüdin!‹ und erschossen sie auf der Stelle. Diese Mitglieder der Hitler-Jugend hatten den besonderen Auftrag, jüdische Wohnungen ausfindig zu machen, versteckte Juden zu finden, Fallen zu stellen und Straßenpassanten zu überfallen, wobei sie einige von ihnen unter dem Vorwand, sie seien Juden, auf der Stelle töteten und andere zur Gestapo schleppten; ihre Opfer waren oft Russen, Polen, Ukrainer oder Personen anderer Nationalitäten. Dieser Terror der erwachsenen und jungen Deutschen herrschte bis zum letzten Tag der deutschen Besetzung.... Es war offenbar, daß die Deutschen die vollständige Vernichtung der Juden anstrebten, indem sie sogar die jüdische Nachkommenschaft auszurotten trachteten. Diese Absicht konnte genau beobachtet werden bei den Ghettoaktionen, wo Kinder verschiedenen Alters systematisch und planmäßig umgebracht wurden, nachdem man sie in besonderen jüdischen Kinderheimen versammelt hatte. Sobald genügend Kinder beisammen waren, drangen die Gestapo und SS-Leute, begleitet von Hitler-Jugend ein.... Sie töteten sie auf der Stelle...«

Ende des Zitats.

Demnach nahm die Hitler-Jugend im Dienst der Deutschen Wehrmacht, der SS und der Gestapo an diesen und ähnlichen Greueltaten teil. Geben Sie das zu?

VON SCHIRACH: Ich glaube kein Wort von dem, was hier in diesem Protokoll steht.

GENERALMAJOR ALEXANDROW: Gut, das ist Ihre Sache.

Herr Präsident! Ich lege dem Gerichtshof ein weiteres Dokument, USSR-454 vor, das Auszüge aus den Aussagen des deutschen Kriegsgefangenen Gert Bruno Knittel enthält.

Gert Bruno Knittel, Hutmacher von Beruf, wurde im Jahre 1924 in Sachsen, Kreis Rochlitz, geboren. Seit 1938 war er Mitglied [581] der Hitler-Jugend. Seine Schwester Ursula war Mitglied des Nationalsozialistischen Bundes Deutscher Mädel.

Im Jahre 1942, also im Alter von 18 Jahren, wurde er zur Deutschen Wehrmacht eingezogen. Er ist also ein typischer Vertreter der Hitler-Jugend und gerade deswegen ist seine Aussage von Interesse. Ich lese das, was er über seinen Dienst in der Deutschen Wehrmacht aussagt, vor:

»Mindestens zweimal wöchentlich ließ man uns Wälder durchkämmen...«


DR. SAUTER: Herr Präsident! Gegen die Verwertung dieser Urkunde, von der uns eben eine Abschrift übergeben worden ist, muß ich Verwahrung einlegen. Aus dem, was ich da habe, ergibt sich überhaupt nicht, ob diese Urkunde unterzeichnet wurde. Es ergibt sich auch nicht, ob diese Urkunde beschworen worden ist, und es ist auch nicht ersichtlich, wer diese Urkunde, die anscheinend ein Protokoll sein soll, im einzelnen aufgenommen hat. Diese Fragen müssen meines Erachtens geklärt werden, und solange diese Klärung nicht erfolgt ist, muß ich Widerspruch erheben. Ich darf vielleicht, Herr Präsident, in diesem Zusammenhang gleich auch zu der anderen Urkunde Stellung nehmen, die vorhin verlesen worden ist, nämlich zu der Vernehmung einer Ida Vasseau, ich kann den Namen schwer lesen, wie er eigentlich geschrieben ist.

Ich vermute, daß diese Zeugin identisch ist mit derselben französischen Staatsangehörigen Ida Vasseau, bezüglich der Sie, meine Herren Richter, einen Fragebogen gebilligt haben und für die auch seinerzeit schon längst Fragen vorgelegt worden sind. Wir warten nun auf die Rückkehr der Antworten auf diesen Fragebogen und bekommen nun heute ein Protokoll, das sich anscheinend auf dieselbe Zeugin bezieht, vom 16. Mai 1946. Und hier ist es nun auffällig, daß diese Zeugin...


VORSITZENDER: Ich kann dem, was Sie sagen, nicht ganz folgen. Wollen Sie sagen, daß Sie an die Person, die angeblich dieses Dokument ausgefertigt hat, einen Fragebogen gerichtet haben?


DR. SAUTER: Ich nehme als sicher an, daß es dieselbe Person ist. Es ist zwar in dem Protokoll vom 16. Mai der Name anders geschrieben, aber es müßte ja merkwürdig sein...


VORSITZENDER: Ich höre die Übersetzung nicht. Ich kann nicht hören, was Sie sagen. Sagen Sie, daß Sie an die Person, die dieses Dokument ausgestellt hat, einen Fragebogen gerichtet haben?


DR. SAUTER: Das Hohe Gericht hat einen Fragebogen für die Französin Ida Vasseau genehmigt. Vasseau, ich buchstabiere: V-a-s-s-e-a-u. Es ist das die Französin Ida Vasseau, die in einer Anstalt in Lemberg tätig war und die in dem Lemberger Kommissionsbericht erwähnt wird. Sie erinnern sich vielleicht, Herr [582] Präsident, in einem dieser Berichte ist doch erwähnt, daß Kinder aus dem Ghetto an die Hitler-Jugend verschenkt worden seien und daß die Hitler-Jugend auf diese Kinder dann Schießübungen veranstaltet habe. Das ist die Zeugin Ida Vasseau, und ich glaube bestimmt, daß das dieselbe Ida Vasseau ist, die jetzt in dem Protokoll vom 16. Mai 1946 erscheint. Nun ist das Merkwürdige: Im Protokoll vom 16. Mai 1946 äußert sie sich nicht zu dem, worüber sie nach dem Fragebogen vernommen werden sollte. Statt dessen bringt sie hier weitere Behauptungen, die sie früher in dem Lemberger Kommissionsbericht offenbar nicht aufgestellt hat. Das ist also eine ganz mysteriöse Angelegenheit, und ich glaube, ich würde dem Recht des Angeklagten Schirach etwas vergeben, wenn ich gegen diese..., wenn ich Ihre Aufmerksamkeit nicht auf diese Widersprüche lenken würde.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Darf ich eine Erklärung abgeben?


VORSITZENDER: Wir würden gern Ihre ausführliche Antwort auf das hören, General, was Dr. Sauter soeben gesagt hat.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Ida Vasseau, aus deren Erzählungen ich Auszüge verlesen habe, ist zweifelsohne die gleiche Person, von der Dr. Sauter spricht. Nur weiß ich nicht, durch wen, wohin und auf welchem Wege der Fragebogen an sie gesandt wurde. Er ist nicht durch unsere Büros gegangen. Ida Vasseau wurde auf unsere eigene Initiative hin verhört, und wir konnten dies nur am 16. Mai tun. Da wir keinen Fragebogen erhalten haben, konnten wir diesen auch nicht weitersenden, weil das Verhör...


VORSITZENDER: Mir liegt das Dokument nur in deutscher Sprache vor. Es scheint überhaupt nicht von einer Person namens Vasseau unterschrieben oder ausgestellt worden zu sein. Ich weiß nicht, ob es sich mit etwas beschäftigt, was Ida Vasseau gesagt haben soll.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Das Dokument ist unterschrieben.


VORSITZENDER: Ich habe gesagt, daß das Dokument nicht von der Vasseau unterschrieben ist.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Dieses Dokument ist unterschrieben. Ich lese: Ida Vasseau-Thom, es folgen die Unterschriften derjenigen, die das Verhör durchgeführt haben, nämlich des Chefs der Untersuchungsabteilung von der Staatsanwaltschaft des Lemberger Gebietes, Kryzanowsky, und des Staatsanwalts für das Lemberger Gebiet, Kornetow. Das Verhör wurde am 16. Mai durchgeführt.


VORSITZENDER: Sehen Sie sich das Dokument an, und stellen Sie fest, ob es das richtige Dokument ist!


[583] GENERALMAJOR ALEXANDROW: Jawohl, dies sind Auszüge aus dem Verhör der Ida Vasseau.


VORSITZENDER: Ist das dasselbe Dokument?


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Jawohl, jawohl, es ist dasselbe Dokument, das wir jetzt dem Gerichtshof vorlegen.


VORSITZENDER: Haben Sie das Original vor sich?


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Nein. Das ist ein Auszug aus dem Protokoll, der vom Leiter der Dokumentenabteilung der Sowjetischen Delegation, Oberst Karew, beglaubigt ist. Es ist nicht das Originalprotokoll des Verhörs. Es sind Auszüge aus diesem Protokoll.


VORSITZENDER: Sagen Sie, daß es sich um ein Dokument handelt, das gemäß Artikel 21 des Statuts zulässig ist, oder was sagen Sie dazu?


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Wir legen es vor. Sollte der Gerichtshof der Auffassung sein, daß das Originalprotokoll, welches sich in Lemberg befindet, beigebracht werden muß, so kann es in kurzer Zeit geschehen. Sollten dem Gerichtshof diese Auszüge nicht genügen, so können wir sehr leicht das ganze Protokoll nachträglich vorlegen.

VORSITZENDER: Wollen Sie uns bitte sagen, was das Dokument ist? Ist es ein Affidavit? Ist es beschworen? Ist es vor einer Behörde der Sowjetunion ausgestellt worden?


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Hier ist ein Verweis auf die Verantwortlichkeit für falsche Aussagen laut Artikel 89 des Strafgesetzbuches der Ukrainischen SSR. Diese Warnung entspricht dem in der Sowjetunion geltenden gesetzlichen Verfahren, und diese Warnung ist auch Ida Vasseau gegeben worden. Darüber ist ein besonderer Vermerk im Protokoll zu finden.


VORSITZENDER: Sagen Sie, daß es sich um ein Dokument handelt, das unter Artikel 21 des Statuts fällt?


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Jawohl, aber wenn der Gerichtshof es für nötig hält, so werden wir später die Möglichkeit haben, das Originalprotokoll vorzulegen. Jetzt aber möchte ich Sie bitten, diese Auszüge, die vom Leiter unserer Dokumentenabteilung beglaubigt sind, anzunehmen.


VORSITZENDER: Dr. Sauter! An welchem Tage wurde Ihr Fragebogen vom Gerichtshof genehmigt, und wann wurde er an diese Person gesandt?


DR. SAUTER: Herr Präsident! Der Fragebogen trägt das Datum vom 11. April.


[584] GENERALMAJOR ALEXANDROW: Der Fragebogen konnte nicht befördert werden, weil wir nicht wußten, wo die Zeugin Vasseau sich aufhielt. Wir konnten sie erst kürzlich ausfindig machen.


VORSITZENDER: Wollen Sie sagen, daß der Fragebogen der Person, die diese Aussage gemacht hat, noch nicht vorgelegt worden ist?


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Dieser Fragebogen ist und konnte seine Bestimmung noch nicht erreichen, da wir, ich wiederhole, bis vor ganz kurzer Zeit noch nicht wußten, wo sich die Zeugin Vasseau aufhielt.


VORSITZENDER: Als Sie den Aufenthaltsort der Zeugin festgestellt hatten, wäre der Fragebogen vorzulegen gewesen.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Jawohl, das kann jetzt geschehen, wenn dies nötig ist.


DR. SAUTER: Herr Präsident! Darf ich auf folgendes hinweisen:

Diese Frau Ida Vasseau war doch bei Abgabe der Erklärung, die im Kommissionsbericht kurz wiedergegeben ist, in Lemberg; das ergibt sich aus dem Kommissionsbericht. Ich glaube, es ist USSR-6, ich weiß es aber nicht bestimmt. Und jetzt, am 16. Mai 1946, war diese Frau, Ida Vasseau, ja auch in Lemberg. Diese Frau ist also nicht unbekannten Aufenthaltes; sie ist ja am 16. Mai vernommen worden. Nun habe ich über den Fragebogen, der an Frau Ida Vasseau gerichtet ist, mich ja mit der Staatsanwaltschaft seinerzeit wegen der Fassung der Fragen geeinigt, weil es zunächst geheißen hat, es seien Suggestivfragen enthalten, beziehungsweise irgend etwas stimme nicht ganz. Und ich habe dann die Fragen, die ich dem Gericht vorgelegt habe, entsprechend den Wünschen der Staatsanwaltschaft abgeändert. Also könnte Ida Vasseau, wenn die Sowjetrussische Delegation dazu bereit ist, ja jederzeit vernommen werden. Merkwürdig ist nun, in der neuen Erklärung äußert sich die Frau über etwas ganz anderes als das, was in ihrer früheren Erklärung steht und über etwas ganz anderes als das, worüber sie sich nach dem Fragebogen äußern sollte. Ich bin der Meinung, daß es wohl zweckmäßig wäre, Frau Ida Vasseau hierher kommen zu lassen.


VORSITZENDER: Einen Augenblick, welche frühere Erklärung meinen Sie? Welche frühere Erklärungen meinen Sie?


DR. SAUTER: Die Erklärung in dem Kommissionsbericht der Stadt Lemberg. Dieser Kommissionsbericht ist einmal verlesen worden und in ihm steht eben, daß die Hitler-Jugend das mit den Kindern gemacht haben soll, und darauf bezieht sich ja auch mein Fragebogen, den Sie genehmigt haben.


VORSITZENDER: General! Wurde der von Dr. Sauter eingereichte Fragebogen der Zeugin Vasseau vorgelegt?


[585] GENERALMAJOR ALEXANDROW: Nein, er wurde nicht an die Zeugin gesandt.

Darf ich, um die Sache zu klären, auf die Geschichte dieses Fragebogens noch einmal zurückkommen?

Die Sowjetische Anklagebehörde legte dem Gerichtshof ein Dokument vor, den Bericht der Außerordentlichen Staatskommission über die deutschen Greueltaten im Lemberger Gebiet. In diesem Dokument war eine Aussage der Zeugin Vasseau enthalten. Sie wurde damals von niemandem verhört. In dieser Aussage teilte sie mit, daß sie Augenzeuge davon war, wie die Hitler-Jugend kleine Kinder als Zielscheibe benützte. Das war die Erklärung in dem Bericht der Außerordentlichen Staatskommission. Dieses Dokument wurde vom Gerichtshof angenommen. Dann wurde auf unsere Initiative hin – der Fragebogen Dr. Sauters gelangte nicht zu uns, und wir haben ihn auch nicht abgesandt – der Aufenthaltsort von Ida Vasseau festgestellt. Sie wurde in Ergänzung zu dem, was sie der Außerordentlichen Staatskommission bereits ausgesagt hatte, erneut von Untersuchungsbehörden vernommen.

Ich lege dem Gerichtshof nun Auszüge aus ihrem Verhör vom 16. Mai vor, in welchem sie über einige Einzelheiten der Behandlung von Kindern durch die Hitler-Jugend aussagt.


VORSITZENDER: Wir alle verstehen das, General. Die Frage ist jedoch: Warum, wenn Fragebogen vom Gerichtshof genehmigt und von der Anklagebehörde gesehen worden sind, die von irgendwann im April stammen, warum wurde diese Zeugin im Mai verhört, ohne daß sie diesen Fragebogen zu sehen bekam? Dr. Sauter, dieses Dokument ist doch vom 16. Mai 1946 datiert?

Dr. Sauter sagt uns, daß der Fragebogen vom Gerichtshof im April genehmigt wurde.


GENERALMAJOR ALEXANDROW: Ich weiß nicht, an wen Dr. Sauter seinen Fragebogen gesandt hat. Er sandte ihn nicht durch unser Büro. Ich wiederhole, daß wir diesen Fragebogen nicht weitergeleitet haben und nicht weiterleiten konnten, da wir nicht wußten, wo Ida Vasseau sich aufhielt. Sie wurde auf unsere Veranlassung ausfindig gemacht und nach Feststellung ihres Aufenthaltsortes vernommen, nämlich am 16. Mai.

VORSITZENDER: Der Gerichtshof wird die Sitzung unterbrechen.


[Das Gericht vertagt sich bis 14.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 14, S. 544-587.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hoffmannswaldau, Christian Hoffmann von

Gedichte

Gedichte

»Was soll ich von deinen augen/ und den weissen brüsten sagen?/ Jene sind der Venus führer/ diese sind ihr sieges-wagen.«

224 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon