Vormittagssitzung.

[320] [Der Zeuge von Weizsäcker im Zeugenstand.]


VORSITZENDER: Dr. Siemers! Ich glaube, wir waren gestern soweit gekommen, daß wir fragten, ob irgendwelche der anderen Verteidigungsanwälte noch Fragen stellen wollen.

DR. SIEMERS: Ja, sicher. Ich glaube, Dr. von Lüdinghausen wünscht den Zeugen zu befragen.


DR. OTTO FREIHERR VON LÜDINGHAUSEN, VERTEIDIGER DES ANGEKLAGTEN VON NEURATH: Herr Zeuge! Ich möchte einige Fragen an Sie stellen über die Tätigkeit Herrn von Neuraths als Außenminister. Sie waren seinerzeit Direktor der politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes. Von wann bis wann?


VON WEIZSÄCKER: Ich glaube, vom Spätherbst 1936 vertretungsweise und vom Frühjahr 1937 bis Frühjahr 1938 definitiv.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Sie hatten wohl vor her auch schon Gelegenheit gehabt, mit Herrn von Neurath zusammenzuarbeiten? Sie waren doch mit ihm auch hin und wieder im Herbst 1932 auf der Abrüstungskonferenz in Genf.


VON WEIZSÄCKER: Jawohl.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Und welche Tendenzen verfolgte Herr von Neurath, beziehungsweise welchen Standpunkt nahm Herr von Neurath bei diesen Verhandlungen auf der Abrüstungskonferenz ein?


VON WEIZSÄCKER: Die Haltung von Herrn von Neurath war vorgeschrieben durch die Bestimmungen des Völkerbundpaktes, worin die Abrüstung vorgesehen war. Er hielt sich an diese Richtlinien.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Er verfolgte damit dieselbe Politik, die auch seine Vorgänger auf der Abrüstungskonferenz verfolgt hatten?


VON WEIZSÄCKER: Das war immer dasselbe.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Ja, die ganzen Regierungen vorher hatten ja auch stets eine durchaus auf Frieden und Eintracht beziehungsweise Verständigung gerichtete Politik verfolgt, und diese Politik hat Herr von Neurath auch voll weiter vertreten, nicht wahr?


VON WEIZSÄCKER: Ich hatte niemals etwas anderes von ihm beobachtet.


[320] DR. VON LÜDINGHAUSEN: Haben Sie damals, also 1932, irgendwie bemerkt, daß er irgendwelche nationalsozialistische Tendenzen verfolgte oder ihnen überhaupt sympathisch gegenüberstand?


VON WEIZSÄCKER: Ich hatte den Eindruck, daß zwischen ihm und dem Nationalsozialismus nichts Gemeinsames war.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Können Sie ganz kurz das außenpolitische Glaubensbekenntnis des Herrn von Neurath zusammenfassen? Wäre er damals irgendwie für eine kriegerische Auseinandersetzung zu haben gewesen, oder war er der Vertreter der ausgesprochene Vertreter, einer Politik der Verständigung und des Friedens?


VON WEIZSÄCKER: Ich würde sagen, daß Herr von Neurath eine Politik des friedlichen Revisionismus betrieben hat, wie er auch von seinen Vorgängern betrieben worden war. Er strebte an gute Nachbarschaft mit allen, ohne sich politisch speziell nach irgendeiner Richtung zu binden. Von einer kriegerischen Tendenz in seiner politischen Linie habe ich nie etwas gespürt...


DR. VON LÜDINGHAUSEN: In diesem Glaubensbekenntnis des Herrn von Neurath hat sich da im Jahre 1936, als Sie nunmehr zum engsten seiner Mitarbeiter wurden, irgend etwas geändert, oder war es immer das gleiche?


VON WEIZSÄCKER: Es war immer dasselbe.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Er hatte doch besonders im Auge auch eine Verständigung mit England, aber auch mit Frankreich?


VON WEIZSÄCKER: Ich hatte den Eindruck, daß Herr von Neurath nach allen Seiten Verständigung suchte.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Nun möchte ich gern noch ein paar Fragen an Sie stellen, die mehr oder weniger sein Verhältnis zu Hitler betreffen.

Konnte man nach Ihrer Kenntnis der Verhältnisse, als sein Mitarbeiter, davon sprechen, daß er das Vertrauen Adolf Hitlers die ganze Zeit besessen hat, in der er Reichsaußenminister war, und daß Hitler sich auch durchaus von ihm beraten und führen ließ?


VON WEIZSÄCKER: Soweit ich das beurteilen konnte, war er der Berater, aber nicht der Vertraute von Hitler.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Aber es bestand doch immerhin ein gewisser Kontakt zwischen den beiden Herren?

VON WEIZSÄCKER: Ich bin fast nie Zeuge eines solchen Kontaktes gewesen.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Haben Sie beobachtet, daß, als Herr von Neurath und Hitler zusammengekommen sind, sie öfters [321] über die politischen Verhältnisse, das was zu geschehen hätte und geschehen sollte, gesprochen haben oder nicht?


VON WEIZSÄCKER: Ich kann nur soviel sagen, daß wir im Auswärtigen Amt bedauerten, daß der Kontakt nicht enger war, um so mehr, als Hitler sich häufig nicht in Berlin befand. Wir fanden die Verbindung zu lose.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Man kann also nicht von einer engen Verbundenheit, von einem engsten Mitarbeiter Hitlers bei Herrn von Neurath sprechen?


VON WEIZSÄCKER: Nach meiner Meinung, nein.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Und wie wirkte sich nach Ihrer Ansicht und Ihren Beobachtungen die Tätigkeit des Herrn von Neurath auf außenpolitischem Gebiete aus? War er selbst der Führende oder war er nicht vielmehr ein gewisses retardierendes Element, also eine Bremse bei irgendwelchen Sachen, die seinen Überzeugungen zuwiderlagen?


VON WEIZSÄCKER: Ich habe keinen Anhaltspunkt dafür, daß außenpolitische Akte von Bedeutung in dieser Periode von Herrn von Neurath eingegeben waren. Ich könnte mir aber sehr wohl denken, daß gewisse Handlungen auf, außenpolitischem Gebiet unterblieben sind...


VORSITZENDER: Einen Augenblick. Ich glaube nicht, daß wir Vorstellungen des Zeugen zulassen können. Wir können nicht zulassen, daß der Zeuge uns erzählt, was er sich vorstellen kann. Ich denke, die Frage ist zu unbestimmt und überhaupt keine zulässige Frage.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Hat in der Zeit, als Herr von Neurath Außenminister war, hat irgendeine Stelle der Partei Einnuß auch auf die Außenpolitik gehabt, und zwar in einem Sinne, der eigentlich den Tendenzen des Herrn von Neurath entgegengesetzt war oder zumindest sie nicht teilte?


VON WEIZSÄCKER: Ich glaube, daß nicht eine Stelle da war, sondern viele Stellen da waren, die in diesem Sinne gewirkt haben und die auch Verbindung und Einfluß auf Hitler hatten, natürlich. Das entzog sich der Kontrolle, aber man konnte es nach den Wirkungen schließen.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Ist Ihnen bekannt, warum, aus welchem Grunde der Antikomintern-Pakt mit Japan im November 1955 nicht von Herrn von Neurath, sondern von dem damaligen Außerordentlichen Botschafter, Herrn von Ribbentrop in London, unterzeichnet wurde?


VON WEIZSÄCKER: Ist das nicht 1936 gewesen?


DR. VON LÜDINGHAUSEN: 1936; ja, das ist richtig.


[322] VON WEIZSÄCKER: Ich nehme an deswegen, weil Hitler es liebte, für gewisse Geschäfte immer mehrere Figuren einzusetzen und zwischen denen zu wählen, je nachdem er den einen oder den anderen als Ausführenden für zweckmäßig ansah.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: War Herr von Neurath dann überhaupt einverstanden mit diesem Antikomintern-Pakt?


VON WEIZSÄCKER: Das weiß ich nicht.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Wie war die Personalpolitik von Herrn von Neurath? Hat er die alten Beamten nach Möglichkeit im Amte erhalten, oder hat er nationalsozialistische Beamte mit hineingenommen?


VON WEIZSÄCKER: Herr von Neurath war sehr darauf bedacht, den alten und ihm vertrauten Bestand an außenpolitischem Personal sowohl im Auswärtigen Amt wie auch auf den Außenposten zu konservieren.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Das änderte sich aber in dem Moment, wo er fortging?


VON WEIZSÄCKER: Nicht sofort, aber später steigend.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Nun noch zwei Fragen. Wie war die Einstellung des Herrn von Neurath, als er nicht mehr Außenminister war und die Sudetenfrage akut wurde im Herbst 1938, und welche Tätigkeit hat er beim Zustandekommen der Münchener Konferenz ausgeübt?


VON WEIZSÄCKER: Ich erinnere mich einer Szene in der Reichskanzlei am Tage vor dem Abkommen von München, wobei Herr von Neurath sehr entschieden dazu riet, eine versöhnliche Linie zu verfolgen und der Anregung Mussolinis zu einer Vierer-Konferenz zu entsprechen.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Ist Ihnen etwas darüber bekannt, daß nach dem Ausscheiden Herrn von Neuraths aus dem Auswärtigen Amt im Amt untersagt wurde oder untersagt worden war, daß ihm außenpolitische Informationen von dort erteilt würden?


VON WEIZSÄCKER: Ich glaube, mich zu entsinnen, daß der Nachfolger von Herrn von Neurath die außenpolitische Information seines Vorgängers sich selbst vorbehalten hat.


DR. VON LÜDINGHAUSEN: Ich habe weiter keine Fragen, Herr Präsident.


DR. LATERNSER: Herr von Weizsäcker! Sie waren ab Sommer 1943 Deutscher Botschafter beim Heiligen Stuhl in Rom?


VON WEIZSÄCKER: Ja.


DR. LATERNSER: Zur gleichen Zeit war Oberbefehlshaber auf dem italienischen Kriegsschauplatz der Feldmarschall Kesselring?


[323] VON WEIZSÄCKER: Ja. Das heißt, er war der Oberbefehlshaber auf diesem Kriegsschauplatz vom 25. September 1943 an; denn vorher hatte das Oberkommando ein italienischer General.


DR. LATERNSER: Sind Sie des öfteren von Feldmarschall Kesselring in Anspruch genommen worden zur Beilegung von Differenzen zwischen Deutscher Wehrmacht einerseits und der Bevölkerung andererseits?


VON WEIZSÄCKER: Es war ein sehr lebhafter Verkehr zwischen dem Feldmarschall Kesselring und meiner eigenen Mission, nicht nur zur Ausräumung von Differenzen, sondern vor allem zur Vorbeugung.

DR. LATERNSER: Haben Sie durch den häufigen Verkehr mit Feldmarschall Kesselring einen persönlichen Eindruck gewonnen in Bezug auf die Einstellung der militärischen...


VORSITZENDER: Dr. Laternser! Wir verhandeln hier nicht den Fall Kesselring. Welche Erheblichkeit hat diese Frage?


DR. LATERNSER: Die Frage ist deswegen von Erheblichkeit, weil im Kreuzverhör des Feldmarschalls Kesselring die Anklage Belastungsmaterial vorgebracht hat, das in der Richtung Geltung haben sollte, daß von der militärischen Führung in Italien die Kriegsbräuche und Gesetze der Menschlichkeit nicht eingehalten worden sind. Ich erinnere mich noch ganz genau, daß Sie, Herr Präsident, selbst am 13. März 1946 (Band IX, Seite 267, 268) gesagt haben auf einen Einwand von Dr. Stahmer, daß es sich dabei um Belastungsmaterial gegen den Generalstab handle. Ich will mit wenigen Fragen den jetzt anwesenden Zeugen über dieses Belastungsmaterial fragen.


VORSITZENDER: Wenn Sie ihn über etwas fragen wollen, was er hinsichtlich der Anklagen sagen kann, die von der Anklagebehörde gegen Feldmarschall Kesselring als Mitglied des Generalstabs erhoben worden sind, dann können Sie das tun.


DR. LATERNSER: Jawohl, Herr Präsident, ich habe damit begonnen, und das sollte eine vorbereitende Frage sein.

Herr von Weizsäcker! Sind auf dem italienischen Kriegsschauplatz die Kunstschätze Italiens geschont und in Sicherheit gebracht worden?


VON WEIZSÄCKER: Die Deutsche Wehrmacht unter der Führung des Feldmarschalls Kesselring hat sich die erdenklichste Mühe gegeben, Kirchenbauten, Kirchengüter und kirchliche Kunstwerte zu schonen und zu schützen; das war ja ein großes Kapitel in der Tätigkeit des Stabes des Feldmarschalls Kesselring; der Erfolg ist auch nicht ausgeblieben.


[324] DR. LATERNSER: Kennen Sie ein oder zwei besonders markante Beispiele dafür?


VON WEIZSÄCKER: Ja, es gibt eine Menge von Beispielen. Ich möchte erwähnen, daß vor einem halben Jahr oder vor einem Jahr eine Ausstellung von Manuskripten, Inkunabeln und dergleichen im Vatikan stattgefunden hat, und zwar von solchen Gegenständen, deren Rettung zu sehr großem Teil, wenn nicht zum größten Teil, der Deutschen Wehrmacht zu verdanken war.


DR. LATERNSER: Das wird genügen, Herr von Weizsäcker. Nun wurde der hohen militärischen Führung in Italien der Vorwurf gemacht, daß sie die italienische Bevölkerung besonders grausam und hart behandelt hat. Können Sie Angaben darüber machen, daß gerade von Seiten der hohen militärischen Führung in Italien besondere Maßnahmen zur Ernährung der Bevölkerung ergriffen wurden in einem Zeitpunkt, als die Ernährung große Schwierigkeiten machte?


VON WEIZSÄCKER: Die Frage bezieht sich besonders auf die Ernährung?


DR. LATERNSER: Ja. Die Ernährung Roms.


VON WEIZSÄCKER: Ja, mein Beobachtungsfeld war eben nur Rom. Aber da kann ich sagen, daß Feldmarschall Kesselring mir eines Tages erklärt hat, die Hälfte seines Tages ginge dahin mit der Frage der Ernährung von Rom. Und ich kannte einen höheren Militärbeamten, ich glaube, er hieß Seifert oder so ähnlich, der mit großer Hingabe sich dieses Themas angenommen und es mit Erfolg durchgeführt hat.


DR. LATERNSER: Nun eine letzte Frage, Herr von Weizsäcker. Durch diese ganzen Beobachtungen der Tätigkeit der hohen militärischen Führer in Italien haben Sie ja ein persönliches Bild von diesen gewonnen. Haben Sie dabei den Eindruck gehabt, daß das unbedingte Bestreben bei diesen militärischen Führern bestand, die Kriegsbräuche und die Gesetze der Menschlichkeit zu achten?


VON WEIZSÄCKER: Das ist selbstverständlich, denn sonst hätten gewisse Erfolge auch nicht eintreten können. Vielleicht ist hier nicht bekannt, daß im Herbst 1943 der Heilige Stuhl ein Kommuniqué, ein offizielles Kommuniqué, veröffentlicht hat, das die Haltung der deutschen Soldaten in Rom besonders belobte. Außerdem hätte die Talsache der Schonung der Ewigen Stadt ja auch nicht verwirklicht werden können, wenn nicht eben eine solche Haltung von der Deutschen Wehrmacht eingenommen worden wäre.


DR. LATERNSER: Das war ein Verdienst des Feldmarschalls Kesselring im besonderen?


[325] VON WEIZSÄCKER: Ich würde sagen, wenn einmal die Geschichte dieser Zeit geschrieben wird, wird das erste Verdienst dem Papst Pius XII. zugeschrieben werden, unmittelbar danach aber wird zweifellos das Lob fallen auf die Deutsche Wehrmacht unter der Führung von Kesselring.


DR. LATERNSER: Danke schön, ich habe keine weiteren Fragen.


DR. KUBUSCHOK: Es ist einmal behauptet worden, daß der im Sommer 1934 zum Außerordentlichen Gesandten in Wien ernannte Angeklagte von Papen von Wien aus eine Politik aggressiver Expansion hinsichtlich des gesamten Südostens bis zur Türkei betrieben hätte und daß er unter anderem auch Nachbarstaaten, wie Ungarn und Polen, Angebote auf territorialen Erwerb aus der aufzuteilenden Tschechoslowakei gemacht hätte. Bestand diese Politik?


VON WEIZSÄCKER: Verzeihung, ich habe diese Frage nicht ganz verstanden.


DR. KUBUSCHOK: Bestand diese eben gekennzeichnete Politik?


VON WEIZSÄCKER: Meine Beobachtung beginnt erst vom Spätsommer 1936 ab, denn vorher war ich im Auslande. Daß Herr von Papen von Wien aus Südostpolitik betrieben hätte oder damit beauftragt gewesen wäre, habe ich auch später nicht bemerkt. Das Auswärtige Amt konnte ihn gar nicht damit beauftragen, er unterstand dem Auswärtigen Amt gar nicht.


DR. KUBUSCHOK: Und diese gekennzeichnete Politik, hat die zur Zeit Ihres Eintritts ins Auswärtige Amt überhaupt bestanden?


VON WEIZSÄCKER: Dürfte ich bitten, die Frage nochmal zu wiederholen?


DR. KUBUSCHOK: Hat diese gekennzeichnete Expansionspolitik Deutschlands...

VON WEIZSÄCKER: Welche Politik?


DR. KUBUSCHOK: Die aggressive Expansionspolitik Deutschlands auf den Südosten bis zur Türkei, Aufteilung der Tschechoslowakei und Abgabe von Teilen der Tschechoslowakei an Polen und Ungarn.


VON WEIZSÄCKER: Ja. Im Jahre 1939 zweifellos?


DR. KUBUSCHOK: 1936, im Jahre 1936.


VON WEIZSÄCKER: Nein.


DR. KUBUSCHOK: Danke.


VORSITZENDER: Die Anklagevertretung?


MAJOR ELWYN JONES: Herr Zeuge! Ich möchte Ihnen eine oder zwei Fragen über den »Athenia«-Fall stellen. Sie haben dem [326] Gerichtshof gesagt, daß Sie selbst den Amerikanischen Geschäftsträger gesehen haben und ihn Mitte September unterrichteten, daß die »Athenia« nicht von einem deutschen U-Boot versenkt worden sein könnte; nicht wahr?


VON WEIZSÄCKER: Ich habe nicht Mitte September den Amerikanischen Geschäftsträger gesehen, sondern an demselben Tage, an dem ich von der Versenkung erfuhr, das muß also etwa der 3., 4. oder 5. September gewesen sein.


MAJOR ELWYN JONES: Sie haben den amerikanischen Vertretern schon so zeitig die Versicherung abgegeben, daß ein U-Boot nicht verantwortlich dafür sein könnte.


VON WEIZSÄCKER: Richtig.


MAJOR ELWYN JONES: Haben Sie befürwortet oder vielmehr hat das Deutsche Auswärtige Amt empfohlen, daß der Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine den amerikanischen Marine-Attaché empfangen und ihm dasselbe sagen solle, nämlich, daß ein U-Boot die »Athenia« nicht versenkt haben könne?


VON WEIZSÄCKER: Das weiß ich nicht, ich hatte nur mit dem Geschäftsträger zu tun.


MAJOR ELWYN JONES: Ich möchte, daß Sie sich ein neues Dokument ansehen, D-804, das Beweisstück GB-477 wird. Es ist ein Auszug aus den Akten der Skl über den »Athenia«-Fall. Sie werden sehen, daß es ein Bericht von Neubauer an den Marine-Attaché ist. Es heißt dort:

»Dem Auswärtigen Amt ist telephonisch folgender Wortlaut einer Aufzeichnung über die Unterredung des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine mit dem amerikanischen Marine-Attaché am 13. 9. durchgegeben worden:

Ich lese Abschnitt 2:

Am 16. 9 , etwa 13,00 Uhr, empfing der Ob.d.M....«


VON WEIZSÄCKER: Verzeihung, ich habe das Dokument noch nicht richtig...

MAJOR ELWYN JONES: Vielleicht können Sie in der englischen Kopie mitlesen, Herr Zeuge; wenn Sie das vorziehen...

»Am 16. 9., etwa 13,00 Uhr, empfing der Ob.d.M. auf Anregung des Reichsaußenministers den amerikanischen Marine-Attaché und führte etwa folgendes aus: Er habe schon seit einigen Tagen – wie er wisse – beabsichtigt, ihn zu sich zu bitten, um ihm angesichts der immer weiter geführten Hetze um den Untergang der ›Athenia‹ eindeutig seinen Standpunkt zu dem Untergang mitzuteilen. Er habe jedoch noch die Rückkehr der für den Handelskrieg in der fraglichen Zeit eingesetzten U-Boote abgewartet, um sich persönlich Meldung[327] über ihre Tätigkeit erstatten zu lassen. Er wiederholte nachdrücklichst, daß der Untergang der ›Athenia‹ nicht von einem deutschen U-Boot herbeigeführt ist. Das der Unfallstelle zunächststehende Boot habe s. Zt. tatsächlich etwa 170 Seemeilen von der Unfallstelle abgestanden. Im übrigen sind die Weisungen, nach denen die Kommandanten den Handelskrieg zu führen haben, ja bekanntgegeben worden. Es ist bisher in keinem Falle auch nur im geringsten gegen diese Weisungen verstoßen worden. Im Gegenteil ist über das besonders zuvorkommende und ritterliche Verhalten der U-Boots kommandanten ja kürzlich gerade von einem amerikanischen Schiffskapitän berichtet worden.«

Daraus ergibt sich ganz deutlich, daß das Deutsche Auswärtige Amt darauf bedacht war, diesen »Athenia«-Fall so gut wie möglich zu verdecken; nicht wahr?

VON WEIZSÄCKER: Nein, da war nichts zu verdecken.

MAJOR ELWYN JONES: Als Sie nun herausfanden, daß das U-30 tatsächlich die »Athenia« versenkt hatte, dann mußte doch viel verhüllt werden?


VON WEIZSÄCKER: Ich glaube gestern schon gesagt zu haben, daß mir davon nichts zur Kenntnis gekommen ist.


MAJOR ELWYN JONES: Behaupten Sie, daß Sie Ende September nicht wußten, als das U-30 zurückkehrte, daß es tatsächlich die »Athenia« versenkt hatte?


VON WEIZSÄCKER: Es ist mir in keiner Weise erinnerlich.


MAJOR ELWYN JONES: Wann haben Sie zuerst entdeckt, daß das U-30 die »Athenia« versenkt hatte?


VON WEIZSÄCKER: Nach meiner Erinnerung während des Krieges überhaupt nicht.

MAJOR ELWYN JONES: Sie haben aber gestern doch gesagt, daß Sie dachten, daß die Veröffentlichung eines Artikels im »Völkischen Beobachter«, der Winston Churchill der Versenkung der »Athenia« beschuldigte, ein Werk perverser Phantasie sei, nicht wahr?


VON WEIZSÄCKER: Durchaus.


MAJOR ELWYN JONES: Behaupten Sie also vor dem Gerichtshof, daß Sie die wahren Umstände über die Versenkung der »Athenia« nicht vor dem Ende des Krieges entdeckten, während Sie im Auswärtigen Amt direkt mit dieser Sache befaßt waren und viel Verantwortung hatten?


VON WEIZSÄCKER: Ich habe gestern schon gesagt, was ich darüber weiß. Es scheint so zu sein, daß bei der Marine die Versenkung der »Athenia« später erkannt worden ist, als zurückzuführen [328] auf ein deutsches U-Boot. Ich kann mich aber durchaus nicht erinnern, daß diese Tatsache, mir oder dem Auswärtigen Amt zur Kenntnis gebracht worden wäre.


MAJOR ELWYN JONES: Auf alle Fälle hat der Angeklagte Raeder keinen Schritt unternommen, um diese Information richtigzustellen, die den amerikanischen diplomatischen Vertretern gegeben wurde?


VON WEIZSÄCKER: Mir ist durchaus nicht erinnerlich, daß Admiral Raeder mich oder das Auswärtige Amt von dem Tatbestand unterrichtet hätte.


MAJOR ELWYN JONES: Gut, nun in Bezug auf den Angeklagten von Neurath.

Wenn der Gerichtshof damit einverstanden ist, beabsichtige ich nicht den Zeugen über die frühere diplomatische Geschichte zu befragen, denn der Gerichtshof hat ja bereits seinen Wunsch angezeigt, diese Sache aufzuschieben, bis die Angeklagten später im Zeugenstand erscheinen.

Ich möchte Ihnen aber eine allgemeine Frage stellen.

Wann war der früheste Zeitpunkt, an dem verantwortliche Beamte des Auswärtigen Amtes wie Sie zuerst einsahen, daß Hitler einen Angriffskrieg zu führen beabsichtigte?


VON WEIZSÄCKER: Daß der außenpolitische Kurs der Regierung Hitlers ein gefährlicher sei, habe ich zum erstenmal im Mai 1933 sehr deutlich empfunden; daß ein Angriffskrieg geplant sei, vielleicht im Sommer 1938, mindestens, daß der eingeschlagene Weg der Außenpolitik sehr leicht in einen Krieg hineinführen könne.


MAJOR ELWYN JONES: Bereits im April 1938 war die außenpolitische Lage so gespannt, daß Sie ein Memorandum an alle deutschen diplomatischen Vertreter sandten, das sich mit der Lage, mit der kritischen Lage, befaßte.


VON WEIZSÄCKER: Das kann sein. Wenn ich das Dokument sehen dürfte?


MAJOR ELWYN JONES: Sehen Sie sich Dokument 3572-PS an, das ist ein Memorandum vom 25. April 1938, von Ihnen unterzeichnet, und eine Abschrift wurde an alle deutschen diplomatischen Vertreter gesandt. Es wird Beweisstück GB-478. Dieses Dokument sagt:

»Nachdem die Arbeiten auf dem Gebiet der Mobilmachungs-Vorbereitung im Inland bei der Wehrmacht und allen Zivilverwaltungen einschließlich Auswärtiges Amt weitere Fortschritte gemacht haben, ist es erforderlich, daß nunmehr auch bei den Auslandsbehörden unverzüglich darangegangen wird, entsprechende Maßnahmen für ihren[329] Amtsbezirk zu treffen und sie mit den der Heimat obliegenden Aufgaben in Einklang zu bringen.«

Darauf folgt eine Reihe von Anweisungen über Maßnahmen, die bei Beginn der kritischen Periode oder bei tatsächlicher Mobilmachung getroffen werden sollten. Im vorletzten Absatz wird betont:

»Ich bitte die Behördenleiter – ohne Vorliegen näherer Weisung – sich schon jetzt die für den dortigen Wirkungskreis im Ernstfalle in Frage kommenden Maßnahmen zu überlegen und alsbald entsprechende Vorschläge zu machen. Im Interesse der unbedingten Geheimhaltung muß strengstens darauf geachtet werden, daß der Kreis der Eingeweihten auf das geringste Maß beschränkt bleibt.«

Daraus geht hervor, nicht wahr, daß Sie sich schon im April 1938 bewußt waren, daß eine tatsächliche Mobilmachung kurz bevorstand, nicht wahr?

VON WEIZSÄCKER: Darf ich fragen, ist das Dokument wirklich vom Jahre 1938 oder ist es vom Jahre 1939. Ich kann das nicht recht sehen hier.

MAJOR ELWYN JONES: 25. April 1938.


VON WEIZSÄCKER: Na ja, mag sein.


MAJOR ELWYN JONES: Nun, Sie waren doch selbst gegen die Angriffspolitik Hitlers, nicht wahr?


VON WEIZSÄCKER: Ich habe die Frage vielleicht nicht ganz verstanden.


MAJOR ELWYN JONES: Sie waren doch gegen Hitlers aggressive Außenpolitik, nicht wahr?


VON WEIZSÄCKER: Ich persönlich durchaus.


MAJOR ELWYN JONES: Haben Sie versucht, den Angeklagten Neurath zum Widerstand gegen Hitlers Angriffspolitik zu überreden?


VON WEIZSÄCKER: Herr von Neurath war damals gar nicht Außenminister.

MAJOR ELWYN JONES: Aber er blieb doch ein sehr wichtiger Funktionär des Nazi-Staates?


VON WEIZSÄCKER: Ich glaube, daß sein Einfluß in dieser Periode noch kleiner war als vorher; aber ich habe Kontakt mit ihm gehalten und glaube, daß ich mit seinen Auslassungen und er mit den meinigen übereinstimmte.


MAJOR ELWYN JONES: Und trotzdem diente er dem Nazi-Staat weiter, insbesondere in einem Gebiet, das als Ergebnis dieser Angriffspolitik erworben wurde, nicht wahr?


[330] VON WEIZSÄCKER: Ich wäre dankbar, wenn diese Frage an Herrn von Neurath und nicht an mich gerichtet würde.


MAJOR ELWYN JONES: Wie es Ihnen beliebt. Sie waren in Rom und in Italien im März 1944, nicht wahr?


VON WEIZSÄCKER: Jawohl.


MAJOR ELWYN JONES: Sie haben über das Verhalten der deutschen Streitkräfte in Italien ausgesagt. Waren Sie in Rom zu der Zeit der Massaker in den Hadrianischen Höhlen? Sie erinnern sich des Vorfalles, Zeuge, nicht wahr?


VON WEIZSÄCKER: Jawohl.

MAJOR ELWYN JONES: Als 325 Italiener ermordet wurden und 57 Juden wie als Zulage in die Grube hineingeworfen wurden; da waren Sie doch damals dort, nicht wahr?


VON WEIZSÄCKER: Ich glaube, es waren 320 Gefangene, die ermordet wurden in der Höhle, die Sie vorher genannt haben.


MAJOR ELWYN JONES: Wurden Sie über diese Sache zu Rat gezogen?


VON WEIZSÄCKER: Nein.


MAJOR ELWYN JONES: Das war eine Handlung, die von den deutschen Streitkräften ausgeführt wurde, nicht wahr?


VON WEIZSÄCKER: Ich glaube, von der deutschen Polizei und nicht von den deutschen Streitkräften.


MAJOR ELWYN JONES: Und Sie wissen doch, Zeuge, daß viele ähnliche Morde von der SS während der Zeit der deutschen Tätigkeit in Italien begangen wurden, nicht wahr?


VON WEIZSÄCKER: Ich wüßte nicht von vielen Morden, die da passiert sind, aber ich habe der deutschen Polizei auf diesem Gebiet viel zugetraut.


MAJOR ELWYN JONES: Sie wissen doch, daß sie den Ruf des Terrors und der Brutalität in Italien hinterlassen haben, wo immer sie ihre Spuren hinterließen.


VON WEIZSÄCKER: Die deutsche Polizei, ja.


MAJOR ELWYN JONES: Ich habe keine weiteren Fragen.


VORSITZENDER: Wollen Sie rückverhören?


DR. SIEMERS: Ich habe keine Fragen im Rückverhör.


VORSITZENDER: Dann kann sich der Zeuge zurückziehen.


DR. SIEMERS: Herr Präsident! Ich bitte jetzt den Zeugen Vizeadmiral Schulte-Mönting vorladen zu dürfen.


VORSITZENDER: Gut, rufen Sie ihn!


[331] [Der Zeuge betritt den Zeugenstand.]


Wollen Sie Ihren vollen Namen nennen?

ZEUGE ERICH SCHULTE-MÖNTING: Erich Schulte-Mönting.

VORSITZENDER: Wollen Sie diesen Eid mir nachsprechen: Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich die reine Wahrheit sagen, nichts verschweigen und nichts hinzusetzen werde.


[Der Zeuge spricht die Eidesformel nach.]


Sie können sich setzen.

DR. SIEMERS: Herr Admiral! Ich bitte Sie, kurz anzugeben, in welchen Stellungen Sie in den Jahren 1925 bis 1945 gewesen sind, insbesondere in welchen Stellungen Sie unmittelbar unter Großadmiral Raeder Dienst getan haben?

SCHULTE-MÖNTING: Von 1925 bis 1928 war ich Marineadjutant des Reichspräsidenten von Hindenburg, als solcher gleichzeitig in Personalunion zweiter Adjutant des Chefs der Marineleitung. Infolgedessen datiert der Zeitpunkt meiner ersten Zusammenarbeit mit Raeder seit 1928.

Von 1929 bis 1933 hatte ich verschiedene Frontkommandos.

Von 1933 bis 1937 war ich erster Adjutant bei Raeder.

Von 1937 bis 1939 verschiedene Frontkommandos.

Von 1939 bis 1943 Chef des Stabes beim Großadmiral Raeder;

bis 1944 Chef des Stabes bei Großadmiral Dönitz.

Im Januar 1944 wurde ich Seekommandant in Südfrankreich bis zur Invasion, anschließend Kommandierender Admiral Nord in Drontheim. Nach dem Zusammenbruch war ich einige Monate tätig zu Abwicklungsaufgaben im Auftrag der britischen Marine. Ich kam dann im Herbst in Gefangenschaft in ein Generalsgefangenenlager nach England.


DR. SIEMERS: Darf ich Sie bitten, mir noch, falls Sie sich erinnern, den Monat vom Jahre 1933 zu sagen, in dem Sie Ihre Tätigkeit bei Raeder begannen?


SCHULTE-MÖNTING: Am 1. Januar.


DR. SIEMERS: Können Sie ganz kurz, Herr Admiral, etwas angeben über das Ansehen von Raeder als Marinefachmann und speziell im Ausland? Ich meine jetzt nur auf marinetechnischem Gebiet.


SCHULTE-MÖNTING: Jawohl. Ich glaube, durch die vielen Jahre, unter denen ich bei Raeder tätig war, einen Einblick zu haben auf Grund der vielen Gespräche, die ich mit den Ausländern gehabt habe. Raeder hat ja 15 Jahre an der Spitze der Marine gestanden. Er war bekannt oder ein Begriff, ich möchte sagen [332] als Seeoffizier auf der Kommandobrücke, als Chef des Stabes des letzten deutschen Flottenchefs der kaiserlichen Marine, Admiral Hipper, des Gegenspielers des bekannten britischen Admirals Beatty in der Skagerrakschlacht. Er war bekannt...


VORSITZENDER: Zeuge, wollen Sie bitte das Licht beobachten. Wenn das gelbe Licht aufleuchtet, dann sprechen Sie zu schnell. Wenn das rote Licht erscheint, müssen Sie aufhören zu sprechen.


SCHULTE-MÖNTING: Er war bekannt durch seine literarische Tätigkeit zur Zeit der Tirpitzschen Aera, wo er den »Nauticus« redigierte und später, nach dem ersten Weltkrieg, durch seine beiden von ihm verfaßten Seekriegswerke über den Kreuzerkrieg des letzten Weltkrieges, auf Grund derer er zum Dr. h. c. ernannt wurde und die ihm einen, ich möchte sagen, Ruf in der Fachwelt eingebracht hat.


DR. SIEMERS: Es wird dem Angeklagten der Vorwurf gemacht, daß er die Marine mit der Absicht aufgebaut hat, Angriffskriege zu führen, und zwar bereits unter der Herrschaft des Versailler Vertrages.


SCHULTE-MÖNTING: Das trifft nicht zu. Aus allen Gesprächen, die ich mit Raeder gehabt habe, ist niemals der Gedanke geschweige das Wort Angriffskrieg jemals gefallen. Ich glaube, alle seine Handlungen und seine Weisungen sprechen dagegen.


DR. SIEMERS: Sind etwa irgendwelche Überlegungen strategischer Art während der Herrschaft des Versailler Vertrages angestellt worden in Richtung auf einen Angriffskrieg?


SCHULTE-MÖNTING: Niemals.


DR. SIEMERS: Welche Grundlage hatten die Kriegsspiele der Marine, also die Planspiele und die Manöver, in den Jahren 1932 bis 1939?


SCHULTE-MÖNTING: Sie waren ausschließlich auf die Sicherung und zum Schutz und zur Verteidigung der Küstengewässer und der Küste selbst und des Nachschubs gerichtet.


DR. SIEMERS: Wurde in einem der Kriegsspiele von 1932 bis 1939 oder einem der Manöver jemals ein Krieg mit England zugrunde gelegt?


SCHULTE-MÖNTING: Nein, der Fall ist niemals zugrunde gelegt worden, und ich glaube auch, der wäre jedem Seeoffizier unmöglich und unbillig erschienen. Ich entsinne mich, daß noch zu Beginn 1939 Raeder eine Weisung ergehen ließ an die Frontbefehlshaber zwecks Abhaltung von Kriegsspielen, wo er diese Möglichkeit eines Kriegsspieles mit England als unmöglich und außerhalb dieses Spieles stellte. Es war also verboten, dieses Spiel überhaupt durchzuführen.


[333] DR. SIEMERS: Herr Admiral! Es steht nun fest, wie Sie wissen, daß die Marine in den zwanziger Jahren, allerdings mit Wissen der damaligen parlamentarischen Regierung, gegen den Versailler Vertrag verstoßen hat. Die Fragen sind schon sehr viel hier besprochen, wir können uns daher kurz fassen.

Ich möchte Sie generell fragen, ist es möglich, aus diesen Ihnen ja bekannten Verstößen eine Angriffsabsicht herauszulesen?


SCHULTE-MÖNTING: Nein, das halte ich für ausgeschlossen. Die Verstöße waren so geringer Art und so auf Verteidigung und Schutz gerichtet, daß man, glaube ich, aus ihnen unmöglich eine offensive Absicht deuten konnte.


DR. SIEMERS: Können Sie ganz kurz ein paar Punkte, ein paar Gebiete nennen, auf denen die Verstöße erfolgt sind?


SCHULTE-MÖNTING: Sie waren in erster Linie beschränkt auf die Aufstellung von Küstenbatterien, von Flakbatterien, von Beschaffung von Minen und ähnlichen Dingen, die ausschließlich auf die Verteidigung oder den Schutz gerichtet waren.


DR. SIEMERS: Sind diese Verstöße gegen den Versailler Vertrag oder diese geringen Abweichungen der damaligen Interalliierten Kommission ganz oder zum Teil bekanntgeworden, und hat die Kommission dar über teilweise hinweggesehen, weil es sich um Bagatellen handelte?


SCHULTE-MÖNTING: Ja, dazu möchte ich sagen, es war wie ein offenes Geheimnis.


DR. SIEMERS: Darf ich Sie bitten, Herr Admiral, zwischen den Fragen und Antworten Pausen einzulegen, da die Dolmetscher sonst nicht mitkommen können. Also einen Moment Pause nach meiner Frage, bevor Sie antworten.

Ich darf Sie bitten, diese Frage noch einmal zu beantworten wegen der Kommission.


SCHULTE-MÖNTING: Ich möchte sagen, es war ein offenes Geheimnis, diese Tatsache. Man ging darüber zur Tagesordnung hinweg.


DR. SIEMERS: Zum Beweis dieser Vertragsverstöße in der Absicht, Angriffskriege zu führen, hat die Anklage mehrfach die Schrift des Kapitäns zur See Schüssler, »Der Kampf der Marine gegen Versailles«, Dokument C-156, vorgelegt.

Ich lasse Ihnen diese Schrift im Original übergeben. Ich möchte, um Zeit zu sparen und den Gerichtshof nicht mit Einzelheiten nochmals zu belästigen, nicht auf die Einzelheiten eingehen, sondern Sie nur fragen: Was ist Ihnen über diese Schrift bekannt, und wie ist diese Schrift überhaupt zustandegekommen, und wann? Ferner wie ist Ihr Gesamturteil?


[334] SCHULTE-MÖNTING: Mir ist diese Schrift bekannt. Sie ist zustande gekommen auf Grund der Angriffe des nationalsozialistischen Regimes in den Jahren 1934 bis 1935, die der vorigen Regierung und auch der Marine den Vorwurf machten, daß in der rückliegenden Zeit nicht genügend geschehen sei zur Wehrhaftmachung der Nation und daß nicht einmal die Möglichkeiten des Versailler Vertrages voll ausgeschöpft worden seien. Infolgedessen entstand damals der Gedanke, eine Art Rechtfertigungsschrift herauszugeben. So ist diese Broschüre aufzufassen, eine Art Rechtfertigung für, ich möchte sagen, Unterlassungssünden.

Diese Schrift ist nachher tatsächlich nicht veröffentlicht worden, beziehungsweise sie ist wieder aus dem Verkehr gezogen worden, weil sie, ich möchte sagen, einen schwachen Versuch darstellte, denn letzten Endes enthält sie ja keine gravierenden Punkte, die man mit Aufrüstung bezeichnen könnte.


DR. SIEMERS: Ist diese Schrift nachher innerhalb der Marine weiterverbreitet worden?


SCHULTE-MÖNTING: Nein. Sie ist, wie gesagt, von den Stellen, die sie schon besaßen, zurückgezogen worden, und man hat sie auch scharf kritisiert.


DR. SIEMERS: Ist die Zurückziehung dieser Schrift auf Anordnung von Raeder erfolgt?


SCHULTE-MÖNTING: Ich glaube, ja.


DR. SIEMERS: Aus dieser Schrift und aus einem anderen Dokument von Aßmann sind vorgeworfen worden die bekannten Bemühungen hinsichtlich des Konstruktionsbüros der Firma in Holland, und es ist gestern noch gesagt worden, auf Anordnung von Großadmiral Raeder wären in Finnland und in Spanien U-Boote für Deutschland gebaut worden. Ist das richtig?


SCHULTE-MÖNTING: Das trifft nicht zu. Die Boote, die von den holländischen Büros entworfen wurden und im Ausland gebaut wurden, sind nicht für die deutsche Marine gebaut worden, sondern für das Ausland.


DR. SIEMERS: Wissen Sie für wen?

Wer hat das Boot erhalten, das in Finnland gebaut wurde?


SCHULTE-MÖNTING: Ich glaube, ein Boot hat die Türkei bekommen, und ein Boot hat Finnland bekommen.


DR. SIEMERS: Also es wurde gebaut in ausländischem Auftrag zugunsten eines ausländischen Staates?

SCHULTE-MÖNTING: Jawohl.


DR. SIEMERS: Welche Vorteile hatte dann überhaupt die Marine von dieser Mitwirkung beim Konstruieren?


[335] SCHULTE-MÖNTING: Uns lag nur daran, die Erfahrungen aus dem U-Bootkrieg aus dem letzten Weltkrieg wach zu erhalten. Infolgedessen hatte die Marine das Interesse daran, daß Konstrukteure auf diesem Gebiet weiter sich in dieser Richtung betätigen. Es lagen nun...


DR. SIEMERS: Ist das nach Ihrer Meinung nach dem Versailler Vertrag verboten?


SCHULTE-MÖNTING: Nein, ich kenne keinen Paragraphen, wonach uns die Betätigung auf irgendeinem Gebiet im Ausland untersagt war.


DR. SIEMERS: Großadmiral Raeder hat anfangs Februar 1933 Hitler den ersten Marinevortrag gehalten. Wissen Sie, was Hitler bei dieser Gelegenheit als grundlegende Basis für den Aufbau der Marine Raeder gesagt hat?


SCHULTE-MÖNTING: Ja, ich erinnere mich deswegen genau, weil es der erste Vortrag war, den der damalige Chef der Marineleitung Admiral Raeder vor dem Reichskanzler Hitler hielt. Hitler sagte zu Raeder, daß es die Grundlage seiner zukünftigen Politik sei, in einem friedlichen Verhältnis mit England zu leben, und er gedenke diese Sache zum Ausdruck zu bringen, indem er versuchen wolle, ein Flottenabkommen mit England zu schließen. Er wünsche dabei, daß die deutsche Flotte relativ klein gehalten würde. Er wolle die starke Überlegenheit der britischen Flotte auf Grund ihrer Weltmachtstellung anerkennen. Er würde entsprechend versuchen, ein solches Stärkeverhältnis vorzuschlagen. Er wünsche Verständnis beim Aufbau unserer Marine, und wir möchten diese, seine politischen Gesichtspunkte, berücksichtigen. Raeder war von diesen Ausführungen angetan, weil sie absolut seiner grundsätzlichen Einstellung entsprachen.


DR. SIEMERS: Im Rahmen dieser Linie wurde dann 1935 das deutsch-englische Flottenabkommen abgeschlossen. War die Marine, im ganzen gesehen, und speziell Großadmiral Raeder, erfreut über dieses Abkommen, oder sah man Nachteile darin?


SCHULTE-MÖNTING: Raeder und die Marine waren über dieses Abkommen sehr erfreut, obwohl wir auf absehbare Sicht uns eine so große freiwillige Beschränkung auferlegen mußten. Wir rangierten ja mit diesem Flottenabkommen, ich möchte sagen, im Vergleich zur Washingtoner Konferenz zu den kleinsten Seemächten.

Trotzdem wurde dieses Abkommen allgemein begrüßt, weil man freundschaftliche Beziehungen zur britischen Marine wünschte und weil man glaubte, daß bei einer weisen und maßvollen Politik man auch auf Gegenliebe in England stoßen würde.


DR. SIEMERS: Wissen Sie, ob seinerzeit auch Hitler dieses Abkommen in dieser Form billigte und erfreut war?


[336] SCHULTE-MÖNTING: Ja, das kann ich bejahen. Raeder und ich waren zufälligerweise mit Hitler an dem Tage des Zustandekommens dieses Flottenabkommens in Hamburg, und Hitler äußerte sich, als ihm dies gemeldet wurde, mit folgenden Worten zu dieser Tatsache Raeder gegenüber: Es ist der glücklichste Tag meines Lebens, den ich heute erlebe. Heute früh bekam ich die Nachricht von meinem Arzt, daß mein Kehlkopfleiden unwesentlicher Natur sei und heute nachmittag bekomme ich diese für mich so erfreuliche politische Nachricht.


DR. SIEMERS: Sie sagten schon, Herr Admiral, daß das Flottenabkommen von der Marine begrüßt wurde. Sie erinnern sich, daß im Jahre 1937 das qualifizierte Flottenabkommen mit England abgeschlossen wurde. War zu dieser Zeit die Einstellung der Marine zu dieser Frage noch die gleiche?


SCHULTE-MÖNTING: Ja, absolut. Das Flottenabkommen 1937 brachte ja auch nur eine, ich möchte sagen, zusätzliche Bestimmung. Es war ein Nachrichtenaustausch, und wir hatten uns mit der britischen Marine auch in der U-Boot-Tonnage auf ein bestimmtes Verhältnis geeinigt. Wir hatten keinen Grund...


DR. SIEMERS: Herr Admiral, U-Boot-Tonnage. Ich erinnere: 1935 Vereinbarung 100 Prozent der englischen U-Boot-Tonnage; Deutschland beschränkte sich jedoch auf 45 Prozent und behält das Recht, eventuell bis auf 100 Prozent zu erhöhen, ist aber dann verpflichtet, England davon zu unterrichten und mit der englischen Admiralität darüber zu sprechen.

Ist diese nachrichtliche Mitteilung über die Erhöhung auf 100 Prozent erfolgt und wann und in welcher Form?


SCHULTE-MÖNTING: Nachdem wir auf 100 Prozent gingen, war der Admiral Cunningham in Berlin, und bei dieser Gelegenheit ist diese Tatsache nochmal besprochen worden. Wie weit darüber hinaus noch eine schriftliche Bestätigung erfolgt ist, weiß ich nicht mehr. Ich nehme sie als selbstverständlich an, denn das war ja der Sinn des Flottenabkommens 1937. Bei dieser Gelegenheit des Besuches von Admiral Cunningham im Dezember 1938 hat Cunningham ausdrücklich das Einverständnis von England hinsichtlich der endgültigen Gleichberechtigung der U-Boote auf 100 Prozent erklärt. So habe ich, beziehungsweise so haben wir seinen Besuch auch aufgefaßt.


DR. SIEMERS: Erinnern Sie sich, ob noch eine spezielle Besprechung oder eine Besprechung zwischen Admiral Cunningham und Raeder anläßlich dieses Besuches stattgefunden hat, wo Admiral Cunningham allgemein zu den Beziehungen zwischen der deutschen und britischen Marine und zwischen Deutschland und England sprach?


[337] SCHULTE-MÖNTING: Ich hatte den persönlichen Eindruck, daß Cunningham und Raeder in sehr gutem freundschaftlichem Verhältnis schieden. Es fand noch zum Abschied für Cunningham ein Frühstück in kleinerem Kreise statt, in dem Cunningham seiner Freude über dies Zustandekommen des Flottenabkommens Ausdruck verlieh und etwa mit einem Toast schloß dem Sinne nach, daß nunmehr die Fragen restlos bereinigt und in der Zukunft hoffentlich ein Krieg zwischen unseren beiden Marinen ausgeschlossen sei.


VORSITZENDER: Wann fand das statt?


DR. SIEMERS: Dezember 1938, ich glaube, es ist richtig, Herr Admiral?


SCHULTE-MÖNTING: Soweit ich mich erinnere, im Dezember 1938.

DR. SIEMERS: Ich erinnere an das Datum aus der Zeugenaussage von Raeder, ich selbst wußte nur, daß es 1938 gewesen ist.


VORSITZENDER: Welcher Admiral Cunningham ist das?


DR. SIEMERS: Ich weiß es nicht, ich bin kein Marinefachmann, vielleicht kann Admiral Schulte-Mönting darüber Auskunft geben.


SCHULTE-MÖNTING: Ich habe die Frage nicht verstanden, Herr Doktor.


DR. SIEMERS: Welcher Admiral Cunningham ist das?


SCHULTE-MÖNTING: Der Admiral, der jetzige Lord Cunningham, er war der ältere.


DR. SIEMERS: Herr Präsident! Ich darf noch darauf hinweisen, daß es der 30. oder 31. Dezember 1938 gewesen sein muß, soweit wir wissen, beziehungsweise soweit Raeder es weiß.


[Zum Zeugen gewandt:]


Vertraute Raeder in den Jahren 1933 bis 1939 fest darauf, daß Hitler keinen Krieg beginnen würde?

SCHULTE-MÖNTING: Darauf vertraute Raeder hundertprozentig, und ich glaube, als Beweis anführen zu können, daß tatsächlich in unserem Bauprogramm in der genannten Zeit niemals etwas geändert ist. Das wäre notwendig gewesen, wenn man sich gedanklich wenigstens auf einen kriegerischen Konflikt hätte einstellen müssen.

DR. SIEMERS: In welcher Richtung hätte man das Bauprogramm ändern müssen, wenn man einen Angriffskrieg führen wollte?


SCHULTE-MÖNTING: Man hätte zumindest das U-Boot-Bauprogramm vorziehen müssen.


DR. SIEMERS: War es Ihnen und den maßgebenden Seeoffizieren klar, daß ein von Deutschland begonnener wirklicher Angriffskrieg zwangsläufig einen Krieg mit England zur Folge haben würde?


[338] SCHULTE-MÖNTING: Ja, aus dieser Tatsache ergibt sich meines Erachtens der Beweis, daß ein Angriffskrieg nicht geplant war.


DR. SIEMERS: Herr Admiral! Nun ereigneten sich aber 1938 und 1939 verschiedene Dinge, die doch wohl zu einer gewissen Skepsis berechtigten. Ich erinnere an die Krise im Herbst 1938 bezüglich des Sudetenlandes, bei der es fast zum Kriege kam, der dann nur durch das Abkommen von München im letzten Augenblick verhindert wurde.

Ich erinnere aber besonders an die Besetzung der restlichen Tschechei im März 1939, welche dem Münchener Abkommen zuwiderlief.

Wie war nun die Stellungnahme Raeders zu diesen Ereignissen, die Sie ja kennen müssen, da Sie so gut wie täglich mit ihm sprachen?


SCHULTE-MÖNTING: Da Hitler in München ausdrücklich erklärt hatte, daß er nur auf die deutschen Gebiete der Tschechoslowakei Wert lege und tatsächlich, obwohl er sich vielfach nach außenhin etwas übertrieben energisch gab, zu Verhandlungen bereit war, glaubten Raeder und die maßgebenden Stellen in der Marine, daß diese Dinge politisch bereinigt würden.

Bei der Besetzung der Tschechoslowakei trat zweifelsohne eine große Beunruhigung bei uns ein. Aber wir glaubten fest, daß Hitler keine überspannten Forderungen stellen würde und daß er bereit wäre, diese Dinge politisch zu bereinigen, weil wir uns nicht vorstellen konnten, daß er das deutsche Volk der Gefahr eines zweiten Weltkrieges aussetzen würde.


DR. SIEMERS: Haben Sie vor dem unter eigenartigen Umständen zustande gekommenen Vertrag mit Hácha irgend etwas davon gewußt, daß angeblich mit einem Bombardement Prags gedroht worden ist, oder hat Raeder etwas davon gewußt?

SCHULTE-MÖNTING: Ich glaube nicht, daß Raeder etwas davon gewußt hat. Ich höre von dieser Tatsache zum erstenmal.


DR. SIEMERS: Ich komme nun zu dem Dokument L-79. Es ist die Rede Hitlers, und zwar der sogenannte »Kleine Schmundt« vom 23. Mai 1939.

Herr Präsident! Es ist US-27 und befindet sich im Dokumentenbuch der Britischen Delegation 10, Seite 74.

Darf ich bitten, dieses Dokument dem Zeugen zu überreichen.

Diese Rede Hitlers vom 23. Mai 1939 wurde von dem diensttuenden Adjutanten Oberstleutnant Schmundt protokolliert. Soviel ich weiß, hat Raeder am gleichen Tage über diese Rede im einzelnen mit Ihnen gesprochen. Sie waren damals seit einem halben Jahr Chef des Stabes. Aus Ihrer späteren Tätigkeit kennen Sie die [339] Art der Protokolle. Ich darf Sie bitten, mir zu sagen, ist dies ein Protokoll, wie es bei militärischen Reden üblich ist?


SCHULTE-MÖNTING: Als Protokoll kann man diese Niederschrift nicht werten. Ich habe von diesem Protokoll...


VORSITZENDER: Dr. Siemers! Sie haben dem Zeugen ja eine sehr stark führende Frage gestellt. Sie haben ihm keine Frage gestellt. Sie legen ihm das, was sich ereignet hat, in den Mund. Das ist völlig falsch. Wenn Sie eine Unterredung, die er mit Raeder hatte, beweisen wollten, hätten Sie ihn fragen sollen, ob er eine Unterredung mit Raeder gehabt hat. Sie erzählten ihm, er habe eine Unterredung mit Raeder gehabt. Der Zweck des Verhörs ist, Fragen zu stellen, dann kann er uns sagen, ob er mit Raeder eine Unterredung hatte. Er kann uns nicht sagen, ob dies eine wahre Darstellung oder eine wahre Form der Darstellung ist, wenn er selbst nicht bei der Zusammenkunft anwesend war.


DR. SIEMERS: Ich danke dem Gericht und werde mich bemühen, richtig zu fragen. Der Zeuge...


VORSITZENDER: Nicht nur das; der Gerichtshof kann sich nicht den Bericht des Zeugen oder seine Meinung darüber anhören, ob das ein wahrer Bericht über eine Zusammenkunft ist, bei der er nicht zugegen war.


DR. SIEMERS: Herr Präsident! Die ordnungsmäßigen Protokolle über wichtige Vorgänge hat der Zeuge als Chef des Stabes stets gesehen, und sie sind ihm laut Verteiler übersandt worden. Ich möchte deshalb, da dies Dokument grundlegend ist, feststellen, ob Schulte-Mönting als Chef des Stabes dieses Protokoll bekommen hat oder ob er lediglich den Inhalt kennengelernt hat durch den sofortigen Bericht an Großadmiral Raeder. Darauf zielte meine Frage ab.


VORSITZENDER: Verzeihung, meinen Sie, daß Sie ihn fragen wollen, ob er jemals dieses Dokument gesehen hat? Sie können ihm gewiß diese Frage vorlegen. Fragen Sie ihn, ob er das Dokument gesehen hat.


DR. SIEMERS: Ich bitte zu entschuldigen, die Antwort des Zeugen ging, glaube ich, in der Übersetzung unter, wenn ich richtig...


VORSITZENDER: Es liegt uns nichts an seiner Antwort, es kommt uns auf die Frage an, die Sie ihm stellen. Er kann dann antworten, ob er das Dokument gesehen hat.


DR. SIEMERS: Ja, ich stelle diese Frage.

Herr Admiral, haben Sie dieses Dokument seinerzeit zu sehen bekommen?


SCHULTE-MÖNTING: Nein, ich habe es jetzt zum ersten Male hier in Nürnberg bekommen.


[340] DR. SIEMERS: Wie haben Sie über den Inhalt dieser Rede vom 23. Mai Kenntnis erhalten?


SCHULTE-MÖNTING: Raeder hat mich grundsätzlich nach allen Ansprachen oder Aussprachen auch unter vier Augen, die er mit anderen Herren getätigt hat, hinterher genau unterrichtet. Raeder hat nach dieser Ansprache mir sofort seine Eindrücke von dieser Ansprache vermittelt. Diese Eindrücke stehen in Widerspruch zu diesem sogenannten Protokoll. Raeder hat nicht diesen Eindruck – ich möchte sagen, diesen übertriebenen kriegerischen Eindruck, den dieses Papier atmet – gehabt. Er hat aber...


VORSITZENDER: Der Zeuge muß uns sagen, was Raeder ihm gesagt hat. Das habe ich Ihnen schon vorher erklärt. Er kann uns mitteilen, was Raeder ihm gesagt hat.


DR. SIEMERS: Herr Admiral! Ich darf Sie bitten, zu sagen, was Raeder Ihnen berichtet hat?


SCHULTE-MÖNTING: Raeder hat mir gesagt, daß Hitler in seiner Ansprache einen Konfliktfall mit Polen auf weitere Sicht in Aussicht genommen hätte und daß dies im Widerspruch stände zu den Dingen, die er mit ihm unter vier Augen besprochen hatte. Daß die Ansprache an und für sich auch in sich Widersprüche birgt, das waren seine Eindrücke, die er damals mir vermittelte. Er sagte mir dann ferner, daß er im Anschluß an diese Ansprache eine Unterredung mit Hitler gehabt habe unter vier Augen, worin er ihn auf die Widersprüche aufmerksam gemacht hat, die einmal in dieser Ansprache lagen; andererseits aber auch zu den Worten, die er ihm gesagt hatte, nämlich den Fall Polen unter allen Umständen friedlich zu bereinigen... und in diesem Fall, eine kriegerische Lösung für möglich zu halten. Hitler habe ihn absolut beruhigt und ihm gesagt, er habe die Dinge politisch fest in der Hand.

Er hat seinerzeit, als Raeder ihn fragte oder aufmerksam machte auf diese Widersprüche und ihn fragte, was er denn nun wirklich wolle, etwa geantwortet, wie es mir Raeder wiedergegeben hat: Ich, Hitler, habe drei Arten der Geheimhaltung. Die erste, wenn wir beide unter vier Augen sprechen; die zweite, die behalte ich, Hitler, für mich; die dritte, das sind Probleme der Zukunft, die ich nicht zu Ende denke.

Raeder hat ihn auf die Unmöglichkeit einer kriegerischen Auseinandersetzung aufmerksam gemacht. Darauf sagte ihm Hitler, die Dinge liegen etwa – wie Raeder mir es wiedergab – so: Es ist so ähnlich, als ob wir beide um einen Vergleich verhandelten, um eine Mark. Ich, Hitler, habe bereits 99 Pfennige. Glauben Sie, daß Sie wegen dieses einen fehlenden Pfennigs mit mir noch zu Gericht gehen? Darauf erwiderte Raeder: Nein. Sehen Sie, sagte Hitler zu Raeder, ich habe, was ich will, politisch bekommen, und [341] ich glaube nicht, daß wegen dieser letzten politischen Frage, nämlich, wie wir sie nannten, die Bereinigung des Polnischen Korridors, wegen dieser Frage wir mit einem Krieg mit England zu rechnen haben.


DR. SIEMERS: Das war in einer Besprechung zwischen Hitler und Raeder im Anschluß an diese Rede?

SCHULTE-MÖNTING: Das war im Anschluß an diese Rede.


VORSITZENDER: Wir werden jetzt eine Pause machen.


[Pause von 10 Minuten.]


DR. SIEMERS: Herr Admiral! Ich habe zu dem Protokoll, das ich Ihnen gezeigt hatte, noch eine Schlußfrage.

Haben Sie selbst als Chef des Stabes regelmäßig alle Protokolle, die Raeder zugingen, ebenfalls gesehen und erhalten?


SCHULTE-MÖNTING: Ja, ich habe sämtliche Protokolle, sämtliche Eingänge, die Raeder vorgelegt wurden, grundsätzlich vorher gehabt.


DR. SIEMERS: Vertrat Großadmiral Raeder den Standpunkt, daß... Verzeihung, ich möchte die Frage lieber anders stellen.

Welchen Standpunkt vertrat Raeder bezüglich Marine und Politik?


SCHULTE-MÖNTING: Raeder stand auf dem Standpunkt, wir – die Marine – hat mit der Politik nichts zu tun. Er hat diesen Standpunkt übernommen als Weisung und Vermächtnis des alten Reichspräsidenten von Hindenburg, der ihm seinerzeit, als er ihn an die Spitze der Marine berief, dieses zur Pflicht gemacht hatte.


DR. SIEMERS: Ich komme jetzt zu Norwegen. Welche Gründe veranlaßten Raeder, im September und Oktober 1939 Überlegungen hinsichtlich der eventuellen Besetzung Norwegens anzustellen?


SCHULTE-MÖNTING: Es waren die Nachrichten, die aus verschiedenen Quellen über angebliche Absichten der Besetzung Norwegens durch die Alliierten einliefen. Diese Nachrichten kamen aus folgenden Quellen:

Erstens, Admiral Canaris, der Chef unseres Abwehrdienstes war, trug ja wöchentlich einmal Raeder die eingegangenen Nachrichten vor. In meiner Gegenwart.

Zweitens, die Nachrichten des Marine-Attachés Oslo, Korvettenkapitän Schreiber, die dahin gingen, daß die Gerüchte sich verdichteten, daß die Alliierten die Absicht hätten, Skandinavien in den Krieg hineinzuziehen, um nach Möglichkeit auch die Erzausfuhr von Schweden nach Deutschland zu unterbinden. Diese Nachrichten hielten wir nicht für ausgeschlossen, weil, wie im letzten Weltkrieg [342] dokumentarisch feststand, Churchill ernstliche Erwägungen über die Besetzung Norwegens hatte.

DR. SIEMERS: Gab es noch eine weitere Quelle dieser Nachrichten?


SCHULTE-MÖNTING: Generaladmiral Carls, der Befehlshaber der Gruppe Nord, hatte ähnliche Nachrichten und trug sie mündlich und Schriftlich Raeder vor.


DR. SIEMERS: Erinnern Sie sich noch irgendwelcher Einzelheiten dieser Nachrichten, die Sie nur stichworthaltig anzugeben brauchen?


SCHULTE-MÖNTING: Ja, es lagen Nachrichten über angeblich in Zivil getarnte englische Flugbesatzungen in Oslo vor. Es lagen Nachrichten vor über Vermessungsarbeiten durch alliierte Offiziere an norwegischen Brücken, Viadukten und Tunnels bis an die schwedische Grenze, die darauf hindeuten ließen, daß man schweres Gerät und Geschütze transportieren wollte.

Es lagen nicht zuletzt Nachrichten von stiller Mobilmachung schwedischer Truppen vor wegen angeblicher Gefährdung der Erzgebiete.


DR. SIEMERS: Welche Gefahren entstanden dadurch für Deutschland?


SCHULTE-MÖNTING: Wenn tatsächlich Norwegen besetzt worden wäre, wäre eine Kriegführung in der Nordsee fast unmöglich geworden, in der Ostsee sehr erschwert. Die Erzausfuhr wäre wahrscheinlich unterbunden worden, die Gefahr aus der Luft für Norddeutschland und die östlichen Gebiete würde furchtbar geworden sein. Auf weitere Sicht gesehen, wären Nordsee und Ostsee restlos blockiert worden, was letzten Endes zum totalen Kriegsverlust geführt hätte.


DR. SIEMERS: Was tat Raeder nun aus dieser Überlegung?


SCHULTE-MÖNTING: Er machte Hitler von seinen Bedenken durch einen Vortrag auf die Gefahren aufmerksam.


DR. SIEMERS: Wann war dieser Vortrag?


SCHULTE-MÖNTING: Meines Wissens im Herbst 1939.


VORSITZENDER: Dr. Siemers! Wollen Sie bitte bis zur Pause sehr langsam vorgehen, da die elektrische Aufnahmeanlage nicht funktioniert und die Vorgänge hier im Gerichtssaal nicht festgehalten werden können. Aus diesem Grunde sind wir auf das Stenogramm allein angewiesen, das nicht mit Hilfe der elektrischen Aufnahme überprüft werden kann. Sie verstehen, daß ich Sie deshalb bitte, langsamer als gewöhnlich zu sprechen.


DR. SIEMERS: Wann war die Besprechung zwischen Hitler und Raeder, wo Raeder zum erstenmal auf diese Gefahren aufmerksam machte?


[343] SCHULTE-MÖNTING: Im Oktober 1939.


DR. SIEMERS: Nach dem Kriegstagebuch fand die Besprechung, an die Sie sich natürlich aus dem Kopf nicht erinnern können, am 10. Oktober statt. Jedenfalls meinen Sie vermutlich diese Besprechung?


SCHULTE-MÖNTING: Ja.


DR. SIEMERS: Kam es auf Grund dieser Besprechung bereits zu einem endgültigen Entschluß seitens Hitlers?


SCHULTE-MÖNTING: Nein, in keiner Weise.


DR. SIEMERS: Haben dann zwischen Hitler und Raeder fortlaufend Unterhaltungen über dieses Thema stattgefunden?


SCHULTE-MÖNTING: Nein, es haben dann keine weiteren Besprechungen bis etwa Ende des Jahres stattgefunden in dieser Richtung. Erst als die Nachrichten, die ich vorher erwähnte, in verschärfter Form einliefen, wurde dieses Thema wieder aufgegriffen.


DR. SIEMERS: Ist Ihnen bekannt, daß Quisling im Dezember 1939 nach Berlin kam und auch mit Raeder gesprochen hat?

SCHULTE-MÖNTING: Ja, es ist mir bekannt, und ich habe an dieser Unterhaltung teilgenommen.


DR. SIEMERS: Was teilte Quisling Raeder mit?


SCHULTE-MÖNTING: Quisling kam auf Empfehlung von Rosenberg und sagte, er habe wichtige militärisch-politische Nachrichten. Er bestätigte im großen und ganzen die Dinge, die wir bereits wußten.


DR. SIEMERS: Wurde bei dieser Unterhaltung nur von diesen militärischen Gefahren gesprochen?


SCHULTE-MÖNTING: Es wurden ausschließlich diese Dinge besprochen, die Unterredung war auch sehr kurz.


DR. SIEMERS: Es sind keine politischen Fragen besprochen worden?


SCHULTE-MÖNTING: Überhaupt nicht.


DR. SIEMERS: Wissen Sie, wann Raeder Quisling zum erstenmal gesehen hat, wann er ihn kennenlernte?


SCHULTE-MÖNTING: Bei diesem Besuch.


DR. SIEMERS: Hatte zu der Zeit Raeder irgendwelche engere Beziehungen zu Rosenberg?


SCHULTE-MÖNTING: Nein, er kannte ihn flüchtig vom Sehen.

DR. SIEMERS: Hatte Rosenberg Raeder über die Beziehungen Rosenberg-Quisling schon früher einmal unterrichtet?


SCHULTE-MÖNTING: Meines Wissens, nein.


[344] DR. SIEMERS: Was tat Raeder, als Quisling die Nachrichten, die Canaris und andere gegeben hatten, bestätigte?


SCHULTE-MÖNTING: Da von norwegischer Seite die Dinge bestätigt wurden, die wir vermuteten, hielt Raeder es für sehr natürlich, daß er unmittelbar zu Hitler kam.


DR. SIEMERS: Wissen Sie auch, was er Hitler vorschlug?


SCHULTE-MÖNTING: Hitler wünschte Quisling selbst zu sprechen.


DR. SIEMERS: Und das geschah?


SCHULTE-MÖNTING: Ja, das geschah.


DR. SIEMERS: Wurde nun ein endgültiger Entschluß gefaßt bezüglich Norwegen im Dezember 1939?


SCHULTE-MÖNTING: Nein, Hitler ordnete an, daß als Gegenmaßnahmen gedankliche Vorarbeiten zu treffen seien für eine deutsche Landung in Norwegen. Eine Anordnung erging meines Wissens, eine endgültige Anordnung, erst im März.


DR. SIEMERS: War die Landung in Norwegen ein Unternehmen, das von Ihnen und Raeder als Wagnis angesehen wurde, oder glaubte man sich seiner Sache völlig sicher?


SCHULTE-MÖNTING: Nein, Raeder und die Herren der Seekriegsleitung und auch die Frontbefehlshaber sahen in diesem Unternehmen das größte Risiko. Ich erinnere an eine Ansprache Churchills im Parlament, wo er, über diese Tatsache gefragt, sagte, er glaube nicht, daß die deutsche Flotte angesichts der britischen Flotte dieses Risiko übernehmen würde.


DR. SIEMERS: Wissen Sie, wann Churchill dies etwa sagte?


SCHULTE-MÖNTING: Ich glaube, zwischen 7. und 9. April.


DR. SIEMERS: 1940?


SCHULTE-MÖNTING: Ja, 1940.


DR. SIEMERS: Wie hoch schätzten Sie in der Seekriegsleitung das Risiko des Verlustes ein?


SCHULTE-MÖNTING: Raeder hat Hitler gegenüber zum Ausdruck gebracht, daß er mit dem völligen Verlust der Flotte rechnen müßte und daß, wenn die Operationen klar liefen, er mit etwa 30 Prozent der eingesetzten Streitkräfte rechnen müßte.


DR. SIEMERS: Und wieviel gingen verloren?


SCHULTE-MÖNTING: Etwa 30 Prozent.


DR. SIEMERS: Bei einem Risiko des Verlustes der ganzen Flotte war Raeder trotzdem von vornherein betont für dieses Unternehmen?


[345] SCHULTE-MÖNTING: Nein, er hielt eine neutrale Haltung Norwegens für besser, als dieses Risiko eingehen zu müssen.


DR. SIEMERS: Die Anklage hat behauptet, daß Raeder und die Seekriegsleitung die Besetzung Norwegens aus Ruhmsucht empfohlen haben und aus Eroberungssucht. Was sagen Sie hierzu?


SCHULTE-MÖNTING: Ruhmsucht lag Raeder nicht. Die Operationen, die auf seinem Schreibtisch entstanden, trugen zwar den Stempel kühnen Wagemuts, aber auch kühlster Überlegung. Bis in die kleinsten Details durchdacht auf eine Entfernung etwa von den deutschen Ausgangshäfen bis nach Narvik, die etwa einer Entfernung entsprechen würde von Nürnberg nach Madrid, setzte man die Flotte aus Ruhmsucht gegen die überlegene englische Flotte nicht ein.

Raeder hatte der Seekriegsleitung und den Frontbefehlshabern gesagt, daß er gegen alle Regeln der Kriegskunst diese Operationen durchführen müßte, weil eine zwingende Notwendigkeit vorläge.


DR. SIEMERS: Wann erfolgte die tatsächliche Ausarbeitung der militärischen Operation bei der Seekriegsleitung?


SCHULTE-MÖNTING: Februar 1940.


DR. SIEMERS: Fanden sich in der Zeit Dezember 1939 bis März 1940 laufend aus den von Ihnen genannten Quellen weitere Nachrichten ein?


SCHULTE-MÖNTING: Ja.


DR. SIEMERS: Wurde bei diesen späteren Nachrichten schon eine genauere Bezeichnung der Landungen angegeben, oder haben Sie die diesbezüglichen Einzelheiten nicht gesehen?


SCHULTE-MÖNTING: Ja, sie bewegten sich zwischen Narvik über Bergen nach Drontheim, Bergen bis Oslo.


DR. SIEMERS: Ist Raeder Hitler gegenüber... Verzeihung, ich möchte anders fragen; welche Grundlage hat Raeder Hitler für die Beziehung Deutschland-Norwegen vorgeschlagen?


SCHULTE-MÖNTING: Ich möchte darauf...


DR. SIEMERS: Verzeihung, ich meine, ich komme jetzt zu der Zeit, nachdem die Operation durchgeführt und Deutschland Norwegen besetzt hatte?


SCHULTE-MÖNTING: Raeder trat Hitler gegenüber für eine Friedenspolitik ein. Er hatte mehrfach vorgeschlagen zu versuchen, mit Norwegen Frieden zu schließen. Er ging damit mit dem Marine-Oberbefehlshaber, mit dem deutschen Oberbefehlshaber in Norwegen, Generaladmiral Boehm, konform, während Terboven, der die Dinge politisch steuerte, wohl anderer Ansicht war.


[346] DR. SIEMERS: Sind auf diesem Gebiet starke Differenzen entstanden zwischen Terboven und seiner Zivilverwaltung auf der einen Seite, und Raeder und Boehm und seinem Mitarbeiter Korvettenkapitän Schreiber auf der anderen Seite?


SCHULTE-MÖNTING: Ja, es sind sehr starke Differenzen entstanden, Streitigkeiten, die bis zu Hitler ausgefochten wurden.

Hitler antwortete damals Raeder, daß er mit Norwegen keinen Frieden schließen könne, mit Rücksichtnahme auf Frankreich.


DR. SIEMERS: Herr Admiral! Sie sagen »mit Rücksicht auf Frankreich«. Konnte man denn nicht mit Frankreich auch Frieden schließen, und welche Stellung hat Raeder in dieser Beziehung eingenommen?


SCHULTE-MÖNTING: Raeder verfocht dieselbe Linie auch bei Frankreich.


DR. SIEMERS: Und was sagte er?


SCHULTE-MÖNTING: Er hat eine Besprechung mit Admiral Darlan angestrebt, um diese Dinge vorwärts zu treiben. Er hat Hitler bei der Befestigung der Atlantikküste darauf aufmerksam gemacht, daß es besser und richtiger sei, mit Frankreich Frieden zu schließen, als große und doch nicht vollwertige Opfer in die Verteidigung zu stecken. Hitler erwiderte darauf, daß er dies zwar einsehe, aber mit Rücksicht auf Italien einen Friedensschluß mit Frankreich nicht durchführen könne.


DR. SIEMERS: Hat die Besprechung Raeder-Darlan stattgefunden?


SCHULTE-MÖNTING: Jawohl, in der Nähe von Paris.


DR. SIEMERS: Waren Sie dabei?


SCHULTE-MÖNTING: Nein, Admiral Schultze, der Kommandierende Admiral in Frankreich.


DR. SIEMERS: Hat Raeder Ihnen gesagt, ob die Unterhaltung günstig verlaufen ist?


SCHULTE-MÖNTING: Ja, er hat mir von dem sehr günstigen Verlauf Mitteilung gemacht.


DR. SIEMERS: Hat Raeder darüber Hitler berichtet?


SCHULTE-MÖNTING: Ja.


DR. SIEMERS: Und Hitler hat dann trotzdem abgelehnt?


SCHULTE-MÖNTING: Jawohl, mit Rücksicht auf Mussolini.


DR. SIEMERS: Haben nach Ihrer Kenntnis die Partei- oder die SS-Führung durch Heydrich versucht, Raeder zu bekämpfen?


SCHULTE-MÖNTING: Heydrich hat mehrfach versucht, Raeder und die Marine durch diffamierende Äußerungen und durch [347] Bespitzelung bei Hitler in Mißkredit zu bringen, sei es, daß er in das Offizierkorps oder in die Kasinos Spitzel entsandte; sei es, daß er Nachrichten, die aus dem Zusammenhang gegriffen waren, entstellte.

Gegen diese Angriffe hat sich Raeder hartnäckig mit Erfolg verteidigt.


DR. SIEMERS: Warum war die Partei gegen Raeder eingestellt?

SCHULTE-MÖNTING: Eine Frage, die schwer zu beantworten ist.

Ich glaube, im wesentlichen, weil in erster Linie Differenzen auf religiösem Gebiet bestanden. Es wandten sich manche Kommandanten, bevor sie auf Feindfahrt fuhren, an Raeder, damit während ihrer Abwesenheit ihre Angehörigen nicht in ihrer Glaubensfreiheit beschränkt wurden.


DR. SIEMERS: Wann entstanden zuerst Differenzen zwischen Raeder und Hitler, und in welcher Zeit hat Raeder um seinen Abschied gebeten?


VORSITZENDER: Haben wir das nicht von dem Angeklagten selbst gehört? Raeder hat uns das gesagt, als wir ihn fragten. Kein Kreuzverhör darüber.


DR. SIEMERS: Dann darf ich Sie nur fragen: Aus welchen Gründen ist Raeder geblieben?


SCHULTE-MÖNTING: Einmal bat ihn Hitler selbst darum, machte ihm Zusicherungen für die Integrität der Marine...

Ferner bestanden damals Erwägungen, die Handelsmarine und Kriegsmarine in einem Ministerium zu vereinigen und sie parteimäßig zu besetzen. In dieser Möglichkeit sahen wir keine Stärkung, sondern eine Schwächung der Waffe.

Zudem trat in der fraglichen Zeit ein Nachfolgerva kuum ein durch Krankheiten und Ausfälle, und nicht zuletzt blieb Raeder im Kriege aus Verantwortlichkeitsgefühl und Vaterlandsliebe.


DR. SIEMERS: Haben Sie selbst Raeder gebeten, im Amt zu bleiben?


SCHULTE-MÖNTING: Ja, ich habe Raeder verschiedentlich sehr ernst bitten müssen. Ich bin einmal selbst von Hitler in die Reichskanzlei befohlen worden.


DR. SIEMERS: Wann war das?


SCHULTE-MÖNTING: Anfang 1939, wo er mir in einer sehr langen Unterhaltung seinen Standpunkt klarmachte und mich bat, Raeder davon zu überzeugen, daß er bleiben müßte. Ferner hatte er das Vertrauen der Marine. Die älteren Offiziere und Beamten der Marine haben mich schriftlich wie mündlich gebeten, in dieser Richtung auf Raeder einzuwirken, nicht vorzeitig sein Amt zu verlassen. [348] Er hatte seit 1928 mit sicherer Hand die Marine durch alle politischen Fährnisse gesteuert.


DR. SIEMERS: Herr Admiral! Ich darf noch einmal eben zurückkommen auf Ihre Unterhaltung mit Hitler Anfang 1939. Sprachen Sie mit Hitler allein?


SCHULTE-MÖNTING: Ja, die Unterhaltung war unter vier Augen, etwa eineinhalb Stunden.


DR. SIEMERS: Hat Hitler Ihnen bei dieser Gelegenheit irgend etwas über seine politischen Pläne gesagt?


SCHULTE-MÖNTING: Nein, über politische Pläne in dem Sinne nicht, was man mit Politik bezeichnet; sondern er hat nochmal versucht, die politischen Diskrepanzen mit Raeder zu überbrücken. Er hat mir gesagt, man dürfe bei ihm nicht alle Worte auf die Goldwaage legen; jeder, der von ihm ginge, hätte immer wieder recht, er käme mit Protokollen und mit Zeugen. Ihm läge daran, seine Zuhörer mitzureißen und sie zur Höchstleistung anzuspornen, aber nicht sich mit ihnen auf ein Wort festzulegen. Er wolle in Zukunft versuchen, die Integrität der marinefachlichen Fragen dabei aufrechtzuerhalten.


DR. SIEMERS: Sie sagten eben, nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Herr Admiral, sind eigentlich später die Reden von Hitler richtig protokolliert, also mitstenographiert worden oder nie?


SCHULTE-MÖNTING: Ja, aber meines Wissens erst im späteren Verlauf des Krieges. Hitler sträubte sich, festgelegt zu werden, weil jeder mit seiner eigenen Auffassung wieder nach Hause ging. Er machte sich selber frei von seinem Konzept, er dachte laut, und er wollte die Zuhörer mit sich reißen, aber nicht beim Wort genommen werden. Ich habe mit Raeder öfter darüber gesprochen. Wir wußten immer, was man von uns wollte, wir wußten aber nie, was Hitler selber dachte oder wollte.


DR. SIEMERS: Wenn Hitler nicht beim Wort genommen werden wollte, wieso kam er dann doch dazu, später, im Krieg, wie Sie sagen, seine Reden stenographieren zu lassen?


SCHULTE-MÖNTING: Ich sagte Ihnen schon, daß so viele Mißverständnisse entstanden waren, und sowohl Hitler als die Vortragenden glaubten, jeder den anderen von seiner Meinung überzeugt zu haben. Daraufhin wurde das Protokoll eingeführt. Die früheren Protokolle waren persönliche Eindrücke nicht dazu Bestellter aus eigener Initiative heraus.


VORSITZENDER: Von welcher Zeit spricht der Zeuge jetzt? Er sagte, bis dahin seien die Protokolle lediglich durch die persönliche Initiative der Person, die sie aufgenommen hat, entstanden. Von welcher Zeit spricht er denn?


[349] DR. SIEMERS: Seit wann wurden nach Ihrer Erinnerung die Protokolle durch Stenographen aufgenommen?


SCHULTE-MÖNTING: Seit 1942, glaube ich.


DR. SIEMERS: Seit 1942?


SCHULTE-MÖNTING: Es kann auch 1941 sein. Erst im Kriege.


DR. SIEMERS: Ihre Unterhaltung mit Hitler war aber im Januar 1939?


SCHULTE-MÖNTING: Januar 1939.


DR. SIEMERS: Herr Admiral! Wie sahen dann nun später die stenographischen Protokolle aus. Haben Sie die einmal gesehen?


SCHULTE-MÖNTING: Wir haben uns verschiedentlich Auszüge geben lassen aus dem Stenogramm und haben versucht, sie mit dem Konzept zu vergleichen, und auch diese enthielten Widersprüche.


DR. SIEMERS: Ich komme nun zu dem Zeitpunkt, wo Hitler den Krieg gegen Rußland vorbereitete und darf Ihnen die Weisung Nummer 21, Fall »Barbarossa«, vom 18. Dezember 1940 vorlegen.

Herr Präsident! Es ist das Dokument 446-PS gleich US-31 im Dokumentenbuch der Britischen Delegation 10a, Seite 247.

Die Anklage hat behauptet, daß Raeder beziehungsweise die Führung in der Marine an der Ausarbeitung dieser Weisung mitgearbeitet habe. Ist das richtig?

SCHULTE-MÖNTING: Nein, das trifft nicht zu. Die Marine ist an dieser Ausarbeitung nicht beteiligt worden.


DR. SIEMERS: Hatte Raeder vorher schon Kenntnis von Hitlers Plan, gegen Rußland vorzugehen, bevor er diese Weisung erhielt?


SCHULTE-MÖNTING: Ja, durch eine mündliche Informierung Hitlers an Raeder etwa Mitte August 1940, Oktober 1940.


DR. SIEMERS: Oktober 1940. Hat Raeder Sie über seine Besprechungen unterrichtet, die er mit Hitler hatte über Rußland, und wie hat sich Raeder bei diesen Besprechungen eingestellt?


SCHULTE-MÖNTING: Raeder hat mich genauestens unterrichtet, weil ein Kriegsfall mit Rußland ja viel zu gravierend war, um ihn oberflächlich zu behandeln. Raeder hat aufs schärfste gegen einen Kriegsplan Rußland opponiert, und zwar aus, ich möchte sagen, aus moralischen Gründen, weil Raeder der Ansicht war, daß ein Vertrag mit Rußland nicht gebrochen werden durfte, solange die andere Seite keinen Anlaß dazu gäbe. Das war, soweit es Raeder wußte, im Oktober noch nicht der Fall. Dieser Wirtschaftsvertrag, wie wir ihn damals nannten, ging unseres Wissens zu Lasten der Marine, etwa zu 90 Prozent. Wir haben an Rußland abgegeben: einen schweren Kreuzer, schwere Artillerie für Schlachtschiffe.[350] Artilleriefeuerleitanlagen, U-Bootmaschinen, U-Bootaggregate, wertvollste U-Bootoptik. Raeder stand zudem auf dem Standpunkt, daß der Kriegsschauplatz nicht in die Ostsee getragen werden dürfte. Die Ostsee war unser Kasernenhof, möchte ich sagen. Der gesamte Nachwuchs wurde dort geschult, die gesamte U-Bootausbildung ging in der Ostsee vor sich. Wir hatten schon die Ostseeküste zum Teil von Batterien und Personal entblößt, zum Schutze für die norwegische und französische Küste. Wir verfügten über einen sehr geringen Ölvorrat, die synthetische Ölgewinnung war noch nicht auf vollen Touren. Die Marine mußte aus ihren Beständen abgeben an Industrie und Landwirtschaft. Infolgedessen hat Raeder gegen eine Kriegführung mit Rußland aufs schärfste opponiert.


DR. SIEMERS: Herr Admiral! Die Anklage meint, daß Raeder nur hinsichtlich des Zeitpunktes des Krieges mit Rußland opponiert hat und will dies aus dem Kriegstagebuch schließen, wo tatsächlich die Eintragungen den Zeitpunkt betreffen. Ist das richtig?


SCHULTE-MÖNTING: Nein, das trifft nicht zu. Raeder hat nach Eingang der Weisung 21, genannt »Barbarossa«, nochmals Hitler auf den Kriegsfall Rußland angesprochen und seine Gedanken in einer Denkschrift niedergelegt. Er hat versucht, Hitler von folgendem zu überzeugen:

Nachdem Polen niedergerungen war, nachdem Frankreich besetzt war, nachdem aus militärischen Gründen eine Invasion England nicht in Frage kam, hat er klar zum Ausdruck gebracht, daß nunmehr der Zeitpunkt gekommen sei, wo der weitere Krieg sich nicht auf dem Kontinent entscheiden könnte, sondern auf dem Atlantik. Er hat ihm daher gesagt, er müsse die Konzentration der gesamten zur Verfügung stehenden Kräfte auf ein Ziel richten: Schläge gegen die strategischen Punkte des Empire, insbesondere gegen die Nachschublinien der britischen Inseln, um unter allen Umständen England verhandlungsbereit, wenn möglich friedensbereit zu machen. Er hat vorgeschlagen, wie vorhin schon erwähnt wurde, die Politik einzuschalten: Frieden mit Norwegen, Frieden mit Frankreich. Er schlug vor eine engere Anlehnung an die russische Marine, etwa in der Form, auf Grund des Wirtschaftsvertrages Rückkauf von U-Bootgeräten oder U-Booten. Er hat mit einem Wort gesagt, daß die Entscheidung oder der Zeitpunkt für die Entscheidung nicht mehr bei uns liegen könne, da wir nicht über die nötige Seeherrschaft verfügten, daß angesichts einer längeren Dauer des Krieges die Gefahr eines Eintretens seitens der USA auch ins Auge gefaßt werden müsse, daß infolgedessen der Krieg nicht auf dem europäischen Kontinent und am wenigsten in den Weiten der russischen Steppen gewonnen werden könne. Diese seine Einstellung hat er immer und immer wieder, solange er im Amt war, Hitler gegenüber zum Ausdruck gebracht.


[351] DR. SIEMERS: Herr Schulte-Mönting! Sie haben erst gesagt, daß Raeder grundsätzlich widersprochen hätte, aus, wie Sie sich ausdrückten, moralischen Gründen, also aus völkerrechtlichen Gründen.


SCHULTE-MÖNTING: Jawohl.


DR. SIEMERS: Warum ist das nicht mit in das Kriegstagebuch hineingeschrieben, während die anderen Punkte, die Sie nannten, im Kriegstagebuch stehen, zumindestens angedeutet sind?


SCHULTE-MÖNTING: Dazu kann ich Ihnen eine Antwort oder wenigstens eine Erklärung geben. Raeder hat grundsätzlich in Gegenwart der Herren der Seekriegsleitung oder der Frontvertreter niemals Kritik geübt an der politischen Führung. Infolgedessen hat er auch von den Unterhaltungen, die er mit Hitler unter vier Augen hatte, nur mir gegenüber davon Gebrauch gemacht und den anderen Herren gegenüber nur, soweit es aus militärischen Gründen notwendig war.

DR. SIEMERS: Sind nun die... Wann sind die Vorbereitungen der Marine auf Grund der Weisung 21, die Sie vor sich haben, erfolgt. Wissen Sie das noch?


SCHULTE-MÖNTING: Etwa ein Vierteljahr später, glaube ich.


DR. SIEMERS: Jedenfalls bestimmt nach dieser Weisung.


SCHULTE-MÖNTING: Nach dieser Weisung.


DR. SIEMERS: Sind sie auf Grund dieser Weisung erfolgt?


SCHULTE-MÖNTING: Auf Grund dieser Weisung.


DR. SIEMERS: War die Weisung schon ein endgültiger Befehl oder nur eine vorsorgliche strategische Maßnahme?


SCHULTE-MÖNTING: Sie war meines Erachtens nicht als Befehl aufzufassen, wie es auch aus der Ziffer IV und V hervorgeht.


DR. SIEMERS: Inwiefern?


SCHULTE-MÖNTING: In Ziffer V lautet es, daß Hitler den Vorträgen der Oberbefehlshaber noch entgegensähe. Und danach hat ja Raeder noch bei Hitler Vortrag gehalten, nach Erhalt dieser Weisung.


DR. SIEMERS: Deckt sich Ziffer IV, wenn Sie noch einmal hineinsehen wollen, auch mit Ihrer Meinung?


SCHULTE-MÖNTING: Ja, absolut. Das Wort »Vorsichtsmaßnahmen« ist unterstrichen.


DR. SIEMERS: Vorsichtsmaßnahmen, für welchen Fall?


SCHULTE-MÖNTING: Für den Kriegsfall Rußland.


[352] DR. SIEMERS: Ja, ich glaube, Herr Admiral, weil Sie es selbst ausgedrückt hatten, sollten Sie auf den Satz hinweisen, der hier steht, einfach die Worte, die hinter »Vorsichtsmaßnahmen« stehen.


SCHULTE-MÖNTING:

»... handelt für den Fall, daß Rußland seine bisherige Haltung gegen uns ändern sollte.«


VORSITZENDER: Sie dürfen mit Ihrem eigenen Zeugen nicht argumentieren über die Bedeutung von Worten. Er hat seine Antwort gegeben.

DR. SIEMERS: Gut.

War Raeder der Meinung zu irgendeiner Zeit, daß es ihm geglückt wäre, Hitler von dem unglücklichen Plan, Rußland anzugreifen, abzubringen?


SCHULTE-MÖNTING: Ja, er kam seinerzeit nach diesem Vortrag zurück und sagte: Ich glaube, ich habe ihm diesen Plan ausgeredet! Und wir hatten zu nächst auch den Eindruck, denn es fanden in den nächsten Monaten keine Besprechungen mehr in dieser Richtung statt, meines Wissens auch nicht mit dem Generalstab.


DR. SIEMERS: Ich darf dann noch ganz kurz fragen bezüglich Griechenland. Laut Dokument C-152, ich darf Ihnen das überreichen lassen, hat... erfolgte am 18. März 1941 ein Vortrag Raeders bei Hitler, wo dieser darum bat, ganz Griechenland zu besetzen. Welche Gedanken leiteten das Oberkommando, also Raeder und Sie, bei diesem Vorschlage?


SCHULTE-MÖNTING: Als dieser... als Raeder um Bestätigung bat; wie es hier im Kriegstagebuch lautet, daß ganz Griechenland besetzt werden soll, auch bei friedlicher Regelung, waren wir bereits, nach meiner Erinnerung, etwa drei Monate vorher im Besitz der Weisung, die sich mit der Besetzung Griechenlands befaßte und als...


DR. SIEMERS: Verzeihung, ist das die Weisung Nummer 20? Ich darf Sie Ihnen überreichen. Meinen Sie diese damit?


SCHULTE-MÖNTING: Ja, »Marita«, das ist sie.


DR. SIEMERS: Herr Präsident! Das ist 1541-PS, gleich GB-117 in dem Dokumentenbuch der Britischen Delegation 10a, Seite 270. Das ist Weisung 20, Unternehmen »Marita«, vom 13. Dezember 1940.

Herr Admiral! Was veranlaßte Raeder, abgesehen von diesem Punkt, daß Hitler es schon erklärt hatte, im März ausdrücklich noch einmal die Frage zu stellen, und zwar am 18. März?


SCHULTE-MÖNTING: Wenige Tage vorher war bereits eine britische Landung in Südgriechenland erfolgt.


[353] DR. SIEMERS: Zwang diese Landung dazu, ganz Griechenland zu besetzen?


SCHULTE-MÖNTING: Aus strategischen Gründen unbedingt. Eine Bedrohung der Besetzung von See aus oder von Luft aus oder der Bildung einer Balkanfront gegen Deutschland oder die luftmäßige Bedrohung der Ölgebiete mußte unter allen Umständen ausgeschaltet bleiben. Ich darf hier nur an das Saloniki-Unternehmen des ersten Weltkrieges erinnern. Ich glaube, es war eine ähnliche Lage.


DR. SIEMERS: Auch hier sagt die Anklage wiederum, man hätte sich von Eroberungsgedanken und Ruhmsucht leiten lassen. Ist das richtig?


SCHULTE-MÖNTING: Darauf möchte ich erwidern, zu Ruhm gehören Taten, und ich weiß nicht, womit die Marine irgendwas im Mittelmeer hätte erobern können. Wir haben nicht einen Mann und nicht ein Schiff unten gehabt, aber Raeder mußte natürlich aus den genannten strategischen Gründen Hitler in dieser Richtung beraten.


DR. SIEMERS: Waren Ihnen seinerzeit, bevor wir Griechenland besetzten, griechische Neutralitätsbrüche bekannt?


SCHULTE-MÖNTING: Wir hatten Kenntnis davon bekommen, daß 1939 gewisse griechische Kreise der Politik und auch des Militärs engste Beziehung zum alliierten Generalstab hielten. Wir wußten, daß die griechische Handelsschiffahrt für England fuhr. Wir hatten infolgedessen uns genötigt gesehen, die griechischen Handelsschiffe, die in der Sperrzone nach England fuhren, als feindlich zu behandeln, und wir bekamen, ich glaube Anfang 1940 oder Mitte 1940, davon Kenntnis, daß die Alliierten in Griechenland zu landen beabsichtigten beziehungsweise eine Balkanfront gegen Deutschland aufrichten wollten.


DR. SIEMERS: Herr Präsident! Wollen Sie nun eine Pause eintreten lassen?


VORSITZENDER: Der Gerichtshof unterbricht die Sitzung jetzt.


[Das Gericht vertagt sich bis 14.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 14, S. 320-355.
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