Vormittagssitzung.

[216] DR. DIX: Herr Dr. Gisevius! Wir standen gestern im Jahre 1938. Sie waren nach Berlin in eine von Schacht arrangierte Scheinstellung zurückgekehrt und waren nunmehr in ständigem Kontakt mit Ihren politischen Vertrauten Schacht, Oster, Canaris und Nebe. Und Sie hatten zuletzt weiter bekundet, daß Sie damals in Ihrem Kreise alle das Gefühl hatten, daß irgendein Schlag bevorstände.

Und wir kommen ja jetzt tatsächlich zur sogenannten Fritsch-Krise, nach meiner Auffassung die entscheidende innenpolitische Vorstufe des Krieges. Schildern Sie bitte, und zwar im Zusammenhang, den gesamten Verlauf und die Hintergründe dieser Krise, Insbesondere auch unter Berücksichtigung der Tatsache, daß in die Geschichte dieser Krise der Einmarsch in Österreich fällt, selbstverständlich alles unter Berücksichtigung der Position und der Handlungen Schachts, auf die es ja ankommt.


GISEVIUS: Ich werde zunächst den Ablauf der Krise als solche schildern, von der es richtig ist, daß alle meine Freunde sie als die entscheidende Vorstufe des Krieges aufgefaßt haben.

Ich werde in getrennter Weise Tatsachen aneinanderreihen und halte es für gut, um das Bild nicht zu verwirren, daß ich zunächst die Person Schachts aus der Schilderung herauslasse, weil der Tatbestand als solcher schon umfangreich genug ist.

Ich werde auch in meiner Schilderung zunächst nicht auf die Herkunft unserer Informationen und auf meine eigenen Erlebnisse verweisen, sondern warten, bis ich darüber gefragt werde.

Am 12. Januar 1938 wurde die deutsche Öffentlichkeit von der Meldung überrascht, daß der damalige Reichskriegsminister vor Blomberg geheiratet hätte. Nähere Einzelheiten über seine Frau auch Bilder, wurden nicht gegeben. Nach einigen Tagen erschien als einziges Bild eine Abbildung des Marschalls mit seiner neuen Frau ausgerechnet vor dem Affenzwinger des Leipziger Zoologischen Gartens. Es erhoben sich eine Anzahl Gerüchte in der Reichshaupt Stadt, die über das Vorleben der Marschallin böse Dinge zu berichten wußten. Nach einigen Tagen befand sich auf dem Schreibtisch des Berliner Polizeipräsidenten ein dickes Aktenbündel, aus dem folgendes hervorging:

Die Frau des Marschalls von Blomberg war eine vorbestrafte Sittendirne, die allein in sieben Sittenakten großer Städte registriert war. Sie befand sich im Berliner Steckbriefregister. Ich [216] selbst habe die Fingerabdrücke und die Bilder gesehen, und endlich war sie wegen Verbreitung unsittlicher Bilder vom Berliner Gericht bestraft worden. Der Berliner Polizeipräsident war verpflichtet, diese Akte auf dem Dienstwege dem Chef der Polizei Himmler zu übergeben.


DR. DIX: Entschuldigen Sie bitte, wer war damals Polizeipräsident?


GISEVIUS: Polizeipräsident war Graf Helldorf. Graf Helldorf erkannte, daß die Weitergabe dieses Materials an den Reichsführer-SS die Wehrmacht in eine unmögliche Situation bringen würde. Dann würde Himmler das Material gehabt haben, das er zur moralischen Beendigung der Karriere von Blombergs und zu einem Schlage gegen die Wehrmachtsführung benötigte. Helldorf ging mit diesen Akten zu dem engsten Mitarbeiter des Marschalls Blomberg, dem damaligen Chef des Wehrmachtsamts Keitel, der damals gerade in verwandtschaftliche Beziehungen, durch die Eheschließung beider Kinder, zu dem Marschall Blomberg getreten war. Der Marschall Keitel – oder damaliger Generaloberst Keitel – sah sich diese Akten genauestens an und stellte an den Polizeipräsidenten Helldorf das Ansinnen, den ganzen Skandal zu vertuschen und die Akten zu verschweigen.


DR. DIX: Vielleicht sagen Sie dem Gericht, woher Sie das wissen?


GISEVIUS: Ich weiß dies durch den Grafen Helldorf, der mir den ganzen Ablauf der Dinge geschildert hat, und durch den damals im Polizeipräsidium in Berlin sitzenden Oberregierungsrat und späteren Reichskriminaldirektor Nebe.

Keitel lehnte es ab, von sich aus Blomberg irgendwelche Konsequenzen nahezulegen. Er lehnte es ab, den Chef des Generalstabs, Beck, oder den Chef des Heeres, Generaloberst von Fritsch, zu unterrichten. Er schickte den Grafen Helldorf mit den Akten zu Göring. Helldorf unterbreitete dem Angeklagten Göring das Aktenstück. Göring behauptete, von dem Steckbriefregister und von der Vorstrafe der Frau von Blomberg nichts zu wissen. Dagegen gab er zugleich in diesem ersten Gespräch und dann in späteren Gesprächen zu, daß er folgendes bereits gewußt habe:

Erstens, daß der Marschall Blomberg bereits vor Monaten Göring gefragt habe, ob es zulässig sei, daß er ein Verhältnis mit einer Dame aus niederer Herkunft habe. Nach einiger Zeit hatte Blomberg Göring gefragt, ob er ihm behilflich sein wolle, einen Heiratsdispens zu erhalten für diese Dame, wie er sich ausdrückte, mit einer Vergangenheit. Nach einiger Zeit kam Blomberg wieder und erzählte Göring, leider habe diese Dame seines Herzens noch einen weiteren Liebhaber, und er müsse Göring bitten, ihm, Blomberg, behilflich zu sein, diesen Liebhaber beiseite zu schaffen.


[217] DR. DIX: Entschuldigen Sie, das erzählte Göring damals Helldorf, und Sie haben es erfahren von Helldorf?


GISEVIUS: Ja, das erzählte Göring, und wir haben es in dem weiteren Verlauf der Untersuchung auch anderweitig erfahren. Göring schaffte darauf den Liebhaber beiseite, indem er ihm Devisen gab und ihn nach Südamerika verbannte. Trotzdem unterrichtete Göring über dieses Vorspiel Hitler nicht, er ging sogar mit Hitler zusammen als Trauzeuge zu der am 12. Januar stattfindenden Eheschließung des Marschalls Blomberg. Ich möchte hier bemerken, daß...


VORSITZENDER: Dr. Dix! Der Gerichtshof möchte gerne wissen, wieso Sie diese Angelegenheit, die so persönlich zu sein scheint, für erheblich zu unserem Fall hier halten, und inwiefern Sie die Angeklagten Schacht, Göring oder Frick betrifft.


DR. DIX: Ich vertrete hier nur die Interessen, die berechtigten Interessen des Angeklagten Schacht. Es ist notwendig, diese Krise in ihrer ganzen Schauerlichkeit darzustellen, um zu begreifen, welche Wirkung, welche revolutionäre Wirkung, sie auf Schacht und seinen Kreis gegenüber dem Regime gehabt hat. Ich habe schon früher einmal gesagt, in der Entwicklung Schachts vom Anhänger und – bis zu einem gewissen Grade – Bewunderer Hitlers zu einem Todfeind, der ihm nach dem Leben trachtet, ist der Wendepunkt die Fritsch-Krise. Das Gericht kann diesen inneren Umschwung nicht verstehen, wenn das Gericht nicht selbst den gleichen Eindruck empfängt, den damals Schacht empfunden hat. Es kommt mir hier wahrlich in keiner Weise darauf an, unnötig irgendwie schmutzige Wäsche zu waschen. Der Entschluß, diese Fragen zu stellen und den Zeugen zu veranlassen, die Fritsch-Krise in der notwendigsten Einzelheiten zu schildern, beruht eben nur darauf daß man die weitere Entwicklung Schachts und die Entwicklung der Fritsch-Krise, sagen wir, den Kreis Oster-Canaris, zu dem Schach gehörte, gar nicht verstehen kann, wenn man nicht die Ungeheuerlichkeiten dieser Krise kennt, und angesichts dieser Tatsache muß man, so unangenehm es ist, sich dazu entschließen, diese zum Teil sehr persönlichen Dinge zur Kenntnis des Gerichts zu bringen. Ich kann es leider nicht entbehren in meiner Verteidigung. Es ist das A und O meiner Verteidigung.


JUSTICE JACKSON: Hoher Gerichtshof! Es wäre jetzt vielleicht von Nutzen, unsere Stellungnahme bezüglich dieser Art von Aussage bekanntzugeben zur Prüfung der Frage, ob sie zulässig ist oder nicht.

Wenn jetzt über diese Dinge nicht ausgesagt wird, würde ich versuchen, sie im Kreuzverhör herauszubekommen, und zwar aus verschiedenen Gründen:

[218] Erstens zeigen sie den Hintergrund zu den gestern behandelten Ereignissen, was nach meiner Ansicht wichtig ist, um die Glaubwürdigkeit der Aussagen beurteilen zu können.

Zweitens hatten sie Einfluß auf die Verschwörung zur Machtergreifung. Es gab verschiedene Männer in Deutschland, die die Verschwörer beseitigen mußten. Einige konnten sie ohne Schwierigkeiten umbringen. Bei der Liquidierung anderer, wie zum Beispiel im Röhm-Putsch, riefen sie einen gewissen Widerstand wach, den sie mit anderen Mitteln niederschlagen mußten. Und die Mittel, die sie gegen Fritsch und Blomberg anwandten, zeigen die Verschwörung zur Machtergreifung und Beseitigung der Männer, die allenfalls einem Angriffskrieg im Wege standen.

Meiner Ansicht nach gehörten Fritsch und Blomberg wohl zu jenen Leuten, auf die sich das deutsche Volk verlassen hat, als es die Nazis gewähren ließ, im Glauben, daß wenigstens diese beiden Männer ihre Interessen schützen würden; die Art und Weise, in der diese Männer angeschossen und aus dem Wege geräumt wurden, halten wir für einen wichtigen Teil der Verschwörung, und ich würde bitten, beim Kreuzverhör darauf einzugehen.

Das mag vielleicht für die Entscheidung des Gerichtshofs über den Fortgang des Verhörs wichtig sein.


DR. DIX: Darf ich noch etwas sagen?


VORSITZENDER: Jawohl, Herr Dr. Dix. Der Gerichtshof ist angesichts dessen, was Sie und Herr Jackson zur Begründung gesagt haben, der Meinung, daß Sie mit Ihrem Verhör fortfahren sollen. Sie werden sich nur die Mühe geben, es soweit wie möglich auf die politischen Seiten dieser Sache zu beschränken.


DR. DIX: Selbstverständlich. Aber das Persönliche ist hier von so großer politischer Wirkung gewesen, daß es hier nicht entbehrt werden kann.


[Zum Zeugen gewandt:]


Also, Herr Dr. Gisevius! Sie sehen ja die Schwierigkeit der Situation. Wir wollen hier nur bekunden, Sensationen oder Sonstiges wollen wir hier nicht machen als Selbstzweck. Wenn es aber notwendig ist, derartige Dinge zu sagen, um hier dem Gericht die Entwicklung verständlich zu machen, so bitte ich Sie, sich freimütig zu äußern.

GISEVIUS: Ich bitte das Hohe Gericht, auch meine Schwierigkeit in Rücksicht stellen zu wollen; auch ich spreche nicht gerne über diese Dinge. Ich muß hinzufügen, daß Göring der einzige Chef des Forschungsamts war. Das ist jene Institution, die alle Telephonüberwachungen im Dritten Reiche übernahm. Dieses Forschungsamt begnügte sich nicht, wie es hier geschildert worden ist, nur mit telephonischem Abhören und Decodieren, es hatte auch seinen eigenen [219] Nachrichtendienst bis herunter zu eigenen Beamten, die Erkundigungen einziehen konnten, so daß es durchaus möglich war, auch über die Marschallin von Blomberg vertrauliche Erkundigungen einzuziehen. Als Helldorf Göring die Akte übergeben hatte, sah Göring sich gezwungen, diese Akte Hitler zu geben. Hitler erlitt einen Nervenzusammenbruch und entschloß sich, den Marschall Blomberg sofort zu entlassen. Wie Hitler es später auch den Generalen in öffentlicher Sitzung gesagt hat, war sein erster Gedanke, zum Nachfolger Blombergs den Generaloberst von Fritsch zu ernennen. In dem Augenblick, als er diesen Entschluß aussprach, erinnerten ihn Göring und Himmler, daß dieses nicht möglich sei, da Fritsch durch eine Akte aus dem Jahre 1935 aufs schwerste kriminell belastet sei.

DR. DIX: Entschuldigen Sie, Herr Doktor! Was ist Ihre Erkenntnisquelle hinsichtlich dieser Unterhaltung zwischen Hitler und den Generalen hinsichtlich der Mitteilung Görings?


GISEVIUS: Mehrere Generale, die an der Sitzung teilgenommen haben, haben mir dies erzählt, und ich habe es schon gesagt, daß im Laufe der Dinge, die ich noch zu schildern haben werde, auch Hitler viele persönliche Erklärungen abgegeben hat; und wir haben auch die Originaldokumente des später stattfindenden Reichskriegsgerichts bis zum 20. Juli in unserem Besitz gehabt.

Die Akte aus dem Jahre 1935, die nunmehr im Januar 1938 Hitler vorgelegt wurde, bezog sich darauf, daß die Gestapo im Jahre 1934 auf den Gedanken gekommen war, neben anderen Staatsfeinden auch Homosexuelle als kriminelle Verbrecher zu verfolgen. Auf der Suche nach Material war die Gestapo in Zuchthäuser gegangen und hatte gerichtlich verurteilte Zuchthäusler, die Homosexuelle erpreßt hatten, um Material gebeten und um Namen, wer wohl homosexuell sei. Dabei hatte ein Zuchthäusler eine fürchterliche Geschichte zu Protokoll gegeben, die nun wirklich so scheußlich ist, daß ich sie hier nicht wiedergeben werde. Es genügt, daß dieser Zuchthäusler meinte, der davon Betroffene sei ein gewisser Herr von Fritsch oder Frisch gewesen, des genauen Namens konnte sich der Zuchthäusler nicht entsinnen. Die Gestapo übergab diese Akte im Jahre 1935 Hitler. Hitler war entrüstet über den Inhalt. Er sagte, wie er sich vor den Generalen ausgedrückt hat, er habe von einer solchen Schweinerei nichts wissen wollen. Hitler gab die Anordnung, diese Akte solle unverzügich verbrannt werden. Jetzt, im Jahre 1938, erinnerten Göring und Himmler Hitler an diese Akte, und es war Heydrichs Geschick vorbehalten, diese im Jahre 1935 angeblich verbrannte Akte nunmehr wieder Hitler vorzulegen, und zwar inzwischen vervollständigt um ganz beträchtliche Untersuchungen. Hitler glaubte in diesem Moment, wie er den Generalen gesagt hat, nach der Enttäuschung, die ihm Blomberg bereitet hatte, [220] daß auch bei Fritsch allerhand Böses möglich sei. Der Angeklagte Göring erbot sich, Hitler den Zuchthäusler aus dem Zuchthaus in die Reichskanzlei zu bringen. Göring bedrohte zuvor diesen Zuchthäusler in Karinhall mit dem Tode, wenn er nicht bei seiner Aussage bliebe.


DR. DIX: Woher wissen Sie das?

GISEVIUS: Das ist im Reichskriegsgericht zur Sprache gekommen. Und dann wurde Fritsch in die Reichskanzlei bestellt und von Hitler auf die gegen ihn erhobene Beschuldigung aufmerksam gemacht. Fritsch, ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle, hatte durch den Adjutanten Hitlers eine vertrauliche Warnung erhalten, sie war aber so unvollständig gewesen, daß Fritsch völlig erschrocken in die Reichskanzlei kam. Er verstand überhaupt nicht, was Hitler ihm vorwarf. Entrüstet stritt er ab, was er verbrochen haben sollte. Er gab Hitler in Gegenwart Görings sein Ehrenwort, daß alle Beschuldigungen falsch seien. Aber Hitler ging zur nächsten Türe, öffnete diese und herein trat dieser Zuchthäusler, erhob den Arm, zeigte auf Fritsch und sagte: »Das ist er.« Fritsch war sprachlos. Er konnte einzig verlangen, daß eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet wurde. Hitler verlangte seine sofortige Demission und wollte unter der Bedingung, daß Fritsch schweigend ging, die Angelegenheit auf sich beruhen lassen. Fritsch wandte sich an den Chef des Generalstabs Beck. Der Chef des Generalstabs Beck intervenierte bei Hitler. Es entstand ein großer Kampf darum, daß diese ungeheuerlichen Beschuldigungen gegen Fritsch gerichtlich untersucht werden müssen. Dieser Kampf zog sich ungefähr eine Woche hin. Es gab dramatische Auseinandersetzungen in der Reichskanzlei. Am Ende kam der berühmte 4. Februar, zu dem die Generale nach Berlin bestellt wurden, die bis zu diesem Tage, also noch zehn Tage seit der Entlassung Blombergs und Beurlaubung Fritschs, völlig ahnungslos waren, daß ihre beiden Vorgesetzten nicht mehr ihres Amtes walteten. Hitler persönlich trug den Generalen die Akte vor, in einer Form, daß auch sie vollständig verwirrt waren und sich damit zufrieden gaben, die Angelegenheit sollte gerichtlich untersucht werden. Gleichzeitig überraschte Hitler die Generale...


DR. DIX: Sie haben doch nur Kenntnis durch die Teilnehmer an dieser Versammlung?


GISEVIUS: Von den Teilnehmern an der Versammlung, ja.

Gleichzeitig überraschte Hitler die Generale mit der Mitteilung, daß sie einen neuen Oberbefehlshaber, den Generaloberst von Brauchitsch bekommen hätten. Ein Teil der Generale war inzwischen amtsenthoben, und ebenfalls war an jenem Abend zuvor jene Meldung in der Zeitung erschienen, in der Hitler unter dem Vorwand einer Konzentration der Regierungsverhältnisse den Außenminister [221] von Neurath entlassen hatte, den Wechsel im Wirtschaftsministerium perfektiert hatte, eine Anzahl Diplomaten ihres Postens enthoben hatte und dann als Annex zu dieser Meldung den Wechsel im Kriegsministerium und der Heeresführung bekanntgegeben hatte. Es entspann sich nunmehr wiederum ein wochenlanger Kampf um den Zusammentritt des Kriegsgerichts, das über die Rehabilitierung des Generaloberst von Fritsch zu entscheiden hatte. Dieses war für uns alle der Moment, wo wir glaubten, vor einem höchsten deutschen Gericht beweisen zu können, mit welchen Mitteln die Gestapo sich ihrer politischen Gegner entledigte. Hier war die einzigartige Gelegenheit, unter Eid Zeugen darüber vernehmen zu können, wie diese ganze Intrige eingefädelt war, und so machten wir uns dann an die Arbeit, diesen Prozeß für unseren Teil vorzubereiten.


DR. DIX: Was heißt »wir« in diesem Falle?


GISEVIUS: Ich nenne in diesem Zusammenhang vor allem einen Mann, der selber als rechtschaffener Jurist und Richter Teilnehmer bei diesem Reichskriegsgericht war. Es ist der damalige Reichskriegsgerichtsrat und spätere Chefrichter des Heeres, Ministerialdirektor Dr. Sack. Dieser Mann glaubte es dem Gedanken des Rechtes schuldig zu sein, mit allen Mitteln an der Aufdeckung dieser Dinge mitzuwirken. Er hat es getan, und auch er ist nach dem 20. Juli den Weg des Todes gegangen.

Bei dieser Untersuchung stellte sich nunmehr folgendes heraus:

Die Richter des Reichskriegsgerichts vernahmen nun ihrerseits die Gestapo-Zeugen. Sie untersuchten die Protokolle der Gestapo sie machten Lokaltermine, und es dauerte nicht lange, bis sie mit Hilfe allerdings des Kriminalisten Nebe genau erkundet hatten, daß es sich bei dieser ganzen Angelegenheit um einen Doppelgänger handelte, nicht um den Generaloberst von Fritsch, sondern um einer längst pensionierten Hauptmann a. D. von Frisch.

Bei dieser Untersuchung stellten die Richter ein weiteres fest: Sie konnten den Nachweis erbringen, daß die Gestapo bereits an 15. Januar in der Wohnung dieses Doppelgängers von Frisch gewesen war und seine Haushälterin befragt hatte. Ich darf noch einmal jetzt die beiden Daten gegenüberstellen:

Am 15. Januar ist für die Gestapo erwiesen, daß Fritsch nicht der Schuldige war. Am 24. Januar bringt der Angeklagte Göring den Zuchthäusler und Belastungszeugen in die Reichskanzlei, um Fritsch, den Generaloberst, seiner Schuld zu überführen. Wir glaubten, daß wir hierbei einem intriganten Stück von geradezu unvorstellbaren Ausmaßen gegenüberstanden, und daß nunmehr auch der skeptischste General sehen mußte, daß sich nicht nur in den unteren Regionen der Gestapo, unsichtbar, verborgen, ohne daß jemand in den Rängen der Minister und Reichskanzlei etwas davon [222] wußte, Dinge abspielten, die jedermann von Ehre und Recht zum Eingreifen zwingen mußten. Dieses war der Grund, daß wir uns nunmehr in einer größeren Gruppe zusammenfanden und daß wir nunmehr sahen, jetzt brauchen wir nicht nur heimlich Material über die Gestapo sammeln. Das war ja die große Schwierigkeit, unter der wir standen. Wir hörten unendlich viel, aber wenn wir dieses Material weitergegeben hätten, dann hätten wir jedesmal diejenigen Männer, die uns dieses Material ausspielten, dem Gestapoterror ausliefern müssen. Hier konnten wir auf legalem Wege vorgehen, und so begannen wir unseren Kampf, den Generaloberst von Brauchitsch dazu zu bewegen, in dem Reichskriegsgericht die nötigen Beweisanträge zu stellen.


DR. DIX: Was heißt hier »wir«?


GISEVIUS: In diesem Moment fand sich eine Gruppe, von der ich Herrn Dr. Schacht hervorheben muß, der damals in höchstem Maße aktiv war, der damals zu Großadmiral Raeder ging, zu Brauchitsch ging, zu Rundstedt ging, zu Gürtner ging, der damals überall versuchte zu sagen: Jetzt ist die große Krise da, jetzt müssen wir handeln, jetzt ist es die Aufgabe der Generale, uns jetzt von diesem Terrorregime zu befreien. Aber ich muß in diesem Zusammenhang noch einen anderen Namen nennen. Bereits im Jahre 1936 hatte mich Schacht mit Dr. Goerdeler zusammengebracht. Ich habe die Ehre gehabt, mit diesem tapferen Manne von da an den Weg gemeinsam bis zum 20. Juli gehen zu dürfen, und ich will auch nicht, daß ich hier seinen Namen zum ersten Male nenne, ohne daß in diesem Saale, wo so viele furchtbare Dinge bekannt werden, auch der Name eines Deutschen genannt wird, der ein tapferer, unerschrockener Kämpfer für Freiheit und Recht und Anstand war, und von dem ich glaube, er wird einstmals nicht nur in Deutschland ein Vorbild sein, daß man seine Pflicht auch unter dem Gestapoterror tun kann, treu bis zum Tode.

Dieser Dr. Goerdeler, immer schon ein unerschrockener und unermüdlicher Kämpfer, war in diesen Tagen von einer Tapferkeit sondergleichen. Ähnlich Dr. Schacht ging er von einem Ministerium zum anderen, von einem General zum anderen, und er glaubte auch, daß nun die Stunde geschlagen hätte, wo wir die große Front der Anständigen mit den Generalen an der Spitze erreichen könnten. Brauchitsch hat damals nicht abgelehnt, er hat es damals Goerdeler gegenüber nicht abgelehnt zu handeln, er ist Goerdeler gegenüber in seinen Zusicherungen für einen Putsch bis an die Grenze des Religiösen gegangen.

Ich darf mich als Zeuge dafür anführen, daß auch Brauchitsch mir gegenüber die feierliche Zusicherung abgab, er würde jetzt diese Gelegenheit zum Kampf gegen die Gestapo benutzen. Aber Brauchitsch stellte eine Vorbedingung. Diese Vorbedingung wurde von[223] den Generalen insgesamt übernommen. Brauchitsch sagte: Hitler ist ja noch ein populärer Mann, wir fürchten den Hitler-Mythos. Wir wollen dem deutschen Volke und der Welt den letzten Beweis liefern in Form der Sitzung des Reichskriegsgerichts und dessen Urteilsspruch. Deswegen verschob Brauchitsch seine Handlung auf den Tag des Urteilsspruchs des Reichskriegsgerichts.

Das Reichskriegsgericht trat zusammen. Es begann seine Sitzung. Die Sitzung wurde plötzlich unter dramatischen Umständen unterbrochen. Ich muß allerdings noch etwas hinzufügen. Hitler ernannte zum Vorsitzenden dieses Reichskriegsgerichts den Angeklagten Göring. Und nun trat das Reichskriegsgericht unter dem Vorsitz Görings zusammen. Ich weiß von Nebe, daß Göring sich eingehend die Tage vorher mit Himmler und Heydrich über dieses Gericht beriet. Ich weiß, daß Heydrich zu Nebe sagte: Dieses Reichskriegsgericht wird das Ende meiner Laufbahn sein.


DR. DIX: Hat Ihnen das Nebe gesagt?


GISEVIUS: Jawohl, noch am selben Tage.

Das Reichskriegsgericht wird die große Gefahr für die Gestapo sein. Und nun trat dieses Reichskriegsgericht zusammen, tagte einige Stunden und wurde unter dramatischen Umständen vertagt. Denn dieses war der Tag, an dem die Entscheidung fiel, die deutschen Armeen nach Österreich einmarschieren zu lassen. Es war uns schon damals kein Zweifel, weswegen der Präsident dieses Kriegsgerichts ein so unerhörtes Interesse hatte, daß an diesem Tage noch die Truppen den Marschbefehl kriegten, der sie nicht in Frontstellung nach innen, sondern mit dem Ziel nach außen marschieren ließ. Erst nach einer Woche konnte das Reichskriegsgericht wieder zusammentreten. Aber dann war Hitler der Triumphaler. Die Generale hatten ihren ersten Blumenfeldzug hinter sich, eine Volksstimmung war angesagt, der Jubel war groß und die Verwirrung bei den Generalen noch größer. Und so ging dieses Kriegsgericht auseinander. Fritschs Unschuld wurde ausdrücklich festgestellt, aber Brauchitsch meinte, in dieser neuen psychologischen Situation, die durch die Annektion Österreichs verursacht war, könne er es nicht mehr verantworten, zu einem Putsch zu schreiten. Dies ist in großen Zügen die Geschichte, die praktisch das Kriegsministerium seiner führenden Männer beraubte, die Generale in eine Verwirrung ohnegleichen brachte und von welchem Augenblick an wir nunmehr den Weg steil abwärts in den Radikalismus hineingingen.


DR. DIX: Ich darf vielleicht um die Erlaubnis des Gerichts bitten, in diesem Zusammenhang einen Satz aus einem Dokument verlesen zu dürfen, welches ich unter Schacht Exhibit Nummer 15 überreichen werde. Mein Dokumentenbuch ist noch in der Übersetzung, ich hoffe aber, daß es am Tage der Vernehmung Schachts da sein wird. Es [224] ist nur ein Satz, der in diesem Zusammenhang interessant ist, nämlich aus dem Zweijahresbericht des Generalstabs...


VORSITZENDER: Ist dieses Dokument der Anklagevertretung und dem Gerichtshof überhaupt vorgelegt worden?


DR. DIX: Die Dokumente sind ja eingehend, und zwar zweimal mit der Anklage, einmal für die Frage der Übersetzung und dann für die Frage der Zulassung als Beweismittel besprochen worden und dann hier durch Herrn Dodd vor dem offenen Court diskutiert worden. Aber ich habe die feste Überzeugung, daß die Anklagebehörde das Dokument genau kennt; es ist auch nur ein Satz und ich glaube nicht, daß seitens der Anklagevertretung Bedenken bestehen gegen die Verlesung dieses einen Satzes, weil sonst der Zusammenhang mit den Dokumentenbeweisen vielleicht auseinandergerissen wird. Ich will manchesmal, wenn es sich sachlich empfiehlt, schon eine Urkunde hier hineinbringen. Es ist ja nur ein Satz aus dem Zweijahresbericht des Generalstabs der Vereinigten Staaten...


JUSTICE JACKSON: Ich weiß nicht, um welches Dokument es sich handelt, Herr Vorsitzender. Ich möchte es gerne wissen, da wir vielleicht auch einige Fragen dazu zu stellen haben. Ich möchte Dr. Dix nicht aufhalten, aber ich habe kein Exemplar dieses Dokuments und weiß noch nicht, um was es sich handelt.


DR. DIX: Ich wollte nur das Verfahren abkürzen, aber wenn ich sehe, daß sich Schwierigkeiten ergeben, eine lange Diskussion notwendig ist, dann werde ich es unterlassen und werde es später, wenn ich meine Urkundenbeweise vortrage, tun. Ich werde sonst ja nicht meinen Zweck erreichen.


[Zum Zeugen gewandt:]


Sie wollen vielleicht in Ergänzung und zum Verständnis des Gerichts dem Gericht noch eine Bekundung über die Stellung machen, die der Vorsitzende im deutschen Kriegsgerichtsverfahren einnimmt, daß die Kontrolle des Verhörs in seinen Händen liegt, überhaupt der ganze Aufbau in seinen Händen liegt.

GISEVIUS: Herr Dr. Dix! Ich zweifle nicht, daß Sie an sich über die Zuständigkeit eines solchen Vorsitzenden besser und juristisch klarer antworten können. Ich möchte Ihnen aber folgendes sagen: Ich habe das Stenogramm dieser Sitzung gelesen, denn es ist eines jener Dokumente, das wir glaubten, einmal der Öffentlichkeit übergeben zu wollen. Auch dieses, hoffe ich, werden wir noch einmal finden; und daraus geht hervor, daß der Angeklagte Göring als Vorsitzender den Tenor der gesamten Verhandlungen und der Fragen bestimmte. Er fragte den Belastungszeugen und er sorgte dafür, [225] daß andere Fragen nicht gestellt wurden, die vielleicht hätten peinlich werden können. Ich muß sagen aus der Lektüre dieses umfangreichen Protokolls, daß Göring es verstanden hat, die wahren Vorgänge durch seine Verhandlungsweise zu vertuschen.

DR. DIX: Ich habe bei meinen einleitenden Worten anfangs der Sitzung die Fritsch-Krise die entscheidende innenpolitische Vorstufe des Krieges genannt. Sie haben, Herr Doktor, diesen Ausdruck aufgenommen. Wollen Sie sich nach Abschluß der Schilderung der Fritsch-Krise bitte dazu entschließen, die von Ihnen aufgenommene Ansicht zu begründen; und wie war der Eindruck auf Ihre Kreise in dieser Richtung, insbesondere auch auf Schacht?


GISEVIUS: Ich muß nochmals darauf hinweisen, daß es bis zu dieser Fritsch-Krise schwer war, innerhalb der deutschen Opposition auch nur den bloßen Gedanken an Krieg laut werden zu lassen. Das kam daher, daß in Deutschland die oppositionellen Kreise so sehr von der Stärke der Armee durchdrungen waren und von der Stärke der führenden Männer, daß sie glaubten, es genüge, einen solchen Ehrenmann, wie Fritsch, an der Spitze der deutschen Armee zu sehen. Der Gedanke schien unvorstellbar, daß Fritsch ein Abgleiten in den Terror dulden würde oder auch ein Hineingleiten in den Krieg. Nur einige wenige hatten darauf hingewiesen, daß es in dem Gesetz jeder Revolution liegt, daß sie eines Tages über die Grenzen eines Volkes hinausgeht. Wir glaubten, daß diese geschichtliche Lehre auch für die nationalistische Revolution als eine drohende Gefahr sprechen werde, und deswegen warnten diejenigen, die von einer Revolution, nicht nur vor einer Diktatur, überzeugt waren, immer wieder davor, daß eines Tages diese Revolutionäre als letztes Mittel zum Kriege schreiten würden. Je mehr nun im Zuge der Fritsch-Krise klar wurde, daß der Radikalismus das Feld behauptete, wurde einem weiteren Kreise klar, daß die Kriegsgefahr nicht mehr von der Hand zu weisen war.


DR. DIX: Und gehörte zu diesem Kreise auch der Angeklagte Schacht?


GISEVIUS: Ja, in diesen Tagen der Fritsch-Krise haben Schacht wie viele andere gesagt, »das ist der Krieg«, und dieses wurde auch unzweideutig dem damaligen Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst von Brauchitsch, gesagt.


DR. DIX: Nun drängt sich die Frage auf, warum finanzierte denn nun Schacht, allerdings vorher, zumindest in den Anfängen die Aufrüstung?


GISEVIUS: Schacht hat mir immer zur Begründung angegeben, er habe die Aufrüstung zu defensiven Zwecken mit seinen Mitteln ausgestattet. Schacht war lange Jahre davon durchdrungen, daß ein so großes Volk in der Mitte Europas wenigstens die Mittel für eine Defensive haben müßte.

[226] Ich darf darauf hinweisen, daß damals weite Kreise des deutschen Volkes von dem Gedanken durchdrungen waren, es könne etwa aus dem Osten eine offensive Gefahr kommen. Sie dürfen nicht vergessen, mit welcher Propaganda damals das deutsche Volk überschwemmt wurde, und daß besonders diese Gefahr aus dem Osten mit dem Hinweis auf die polnischen Aspirationen auf Ostpreußen begründet wurde.


DR. DIX: Hat sich Schacht mit Ihnen damals auch darüber unterhalten, daß er mit dieser Aufrüstung insofern politische Zwecke verfolgte, als er durch sie die Debatte über die allgemeine Abrüstung wieder in Gang setzen wollte?


GISEVIUS: Ich bitte um Entschuldigung. Ich habe leider vergessen, von mir aus diesen Punkt hervorzuheben. Schacht war der Meinung, man müsse mit allen Mitteln das Gespräch um die Aufrüstung1 wieder in Gang bringen. Ihm schwebte vor, daß sehr bald schon, ich glaube, daß er diese Meinung seit 1935 hatte, die Gegenseite auf die deutsche Aufrüstung zu verweisen sei; und daß dann Hitler gezwungen werden würde, nunmehr wegen seiner bekanntgewordenen Wiederaufrüstung die Gespräche auf der Abrüstungskonferenz neu zu beginnen.


DR. DIX: Ist das, was Sie eben gesagt haben, der Gegenstand Ihrer damaligen Gespräche mit Schacht, oder ist das ein Urteil von Ihnen jetzt?


GISEVIUS: Nein, ich entsinne mich dieses Gespräches deswegen sehr genau, da ich dachte, daß Hitler einen anderen Drang hatte, als zu einer Abrüstungskonferenz zu gehen. Ich rechnete meinerseits mit einer ganz anderen Mentalität Hitlers und war etwas erstaunt, daß Schacht solche Gedankengänge Hitlers überhaupt für möglich hielt.


DR. DIX: Nun, hatten Sie den Eindruck aus Ihrer Unterhaltung mit Schacht, daß er über Art, Tempo und Ausmaß und so weiter der Aufrüstung im einzelnen orientiert war?


GISEVIUS: Ich entsinne mich deutlich, wie oft Schacht Freunde von mir und auch mich persönlich fragte, ob wir ihm nicht behilflich sein könnten, den Umfang der Aufrüstung durch Rückfragen im Kriegsministerium zu eruieren. Ich habe gestern schon die Versuche geschildert, die er unternahm, um über Oster und Thomas Einzelheiten in Erfahrung zu bringen.


DR. DIX: Nun, können Sie dem Tribunal etwas darüber sagen, ob überhaupt Schacht sich dann bemüht hat, die Rüstungsausgaben und damit die Rüstung nach Tempo und Ausmaß zu beschränken; und, bejahendenfalls, wann diese Bemühungen Schachts einsetzten?


GISEVIUS: Diese Bemühungen setzten meines Wissens bereits im Jahre 1936 ein. Unter den erregten Debatten um Schachts [227] Rücktritt als Wirtschaftsminister im Jahre 1937 spielten diese Bemühungen eine besonders große Rolle. Ich entsinne mich, daß eigentlich jedes Gespräch um diesen Punkt kreiste.


DR. DIX: Nun wird gesagt – und verständlicherweise auch von der Anklagebehörde –, daß die Begründungen, die Schacht auch in offiziellen Eingaben und so weiter über die Notwendigkeit dieser Einschränkungen gab, hauptsächlich auf finanztechnischem Gebiet gelegen hätten, das heißt, daß er als besorgter Wirtschaftsführer und besorgter Reichsbankpräsident gesprochen hätte und nicht als besorgter Patriot, der befürchtete, daß sein Land in einen Krieg gestürzt werden könnte. Wissen Sie, haben Sie mit Schacht Unterhaltungen geführt, in deren Erinnerung Sie zu diesem meinem Vorhalt dem Tribunal etwas Nützliches sagen können?


GISEVIUS: In diesen ganzen Vorbesprechungen gab es von dem Schriftsatz, den Schacht abfaßte, Dutzende von Vorentwürfen. Sie wurden in Freundeskreisen durchgesprochen; um nur ein Beispiel zu nennen, hat Schacht wiederholt solche Schreiben auch mit Goerdeler durchgesprochen. Immer ging es um eine Frage: Was kann man sagen, damit ein solches Schreiben nicht als Provokation empfunden wird, sondern damit es den Zweck erfüllt, die übrigen bürgerlichen Minister und insbesondere den Kriegsminister Blomberg auf die Seite Schachts zu ziehen; denn das war ja gerade der Kampf: wie überzeugt man solche Minister, wie Blomberg, Neurath oder Schwerin-Krosigk, die viel loyaler Hitler gegenüberstanden, daß sie sich Schacht anschließen, statt daß sie sagen, daß Schacht wieder einmal in seiner bekannt bissigen Zunge Hitler und Göring provozierte.

Alle diese Schreiben sind nur zu verstehen aus den taktischen Gründen, die wie gesagt, eingehendst mit führenden Männern der Opposition beraten wurden.


DR. DIX: Nun nach der Fritsch-Krise; wie gestaltete sich denn nun die politische Verschwörerarbeit, die Sie mit Ihren Freunden und Schacht gemeinschaftlich hatten?


GISEVIUS: Ich greife das Wort, von der Verschwörung auf. Während ich bis zu diesem Augenblick unsere Tätigkeit mehr oder minder nur oppositionell nennen kann, begann in der Tat jetzt eine Verschwörung; und nunmehr tritt auch in den Vordergrund ein Mann, der später als Haupt dieser Verschwörung eine große Rolle spielen sollte. Der damalige Chef des Generalstabs, Generaloberst Beck, meinte, es sei der Zeitpunkt gekommen, wo ein deutscher General das große Alarmsignal für das In- und Ausland zu geben hat. Es ist, wie ich glaube, für das Tribunal wichtig, auch den letzten Grund zu wissen, weswegen Beck sich zu diesem Schritt entschloß. Der Chef des Generalstabs war zugegen, als Hitler im Mai 1938 in Jüterbog vor den Generalen eine große Rede hielt.

[228] Diese Rede war gedacht als Rehabilitierung Fritschs, mit ein paar Worten wurde auch über Fritsch gesprochen; aber mehr wurde gesprochen und zum erstenmal offen vor deutschen Generalen im großen Kreise von Hitlers Absicht, die Tschechoslowakei mit Krieg zu überziehen. Beck hörte diese Rede, er war entrüstet, daß er als Chef des Generalstabs zum erstenmal von einer solchen Absicht in einem solchen Gremium hörte, ohne vorher auch nur unterrichtet oder befragt worden zu sein. Noch während der Sitzung schickte Beck zu Brauchitsch einen Brief, in dem er diesen um eine sofortige Unterredung bat. Brauchitsch verweigerte diese und ließ Beck ostentativ mehrere Wochen warten. Beck geduldete sich nicht so lange, er verfaßte ein umfangreiches Memorandum, in dem er als Chef des Generalstabs sich dagegen verwahrte, daß das deutsche Volk in Kriegsabenteuer hineingezogen würde. Beck erklärte am Ende dieses Memorandums seinen Rücktritt und hier, glaube ich, ist es Zeit, daß ich auch über diesen Chef des Generalstabs ein Wort sage...


DR. DIX: Einen Moment, Herr Doktor; wollen Sie nur noch sagen, von wem haben Sie diese Kenntnis über die Gedanken Becks und die Unterhandlungen zwischen Beck und Brauchitsch?


GISEVIUS: Beck schenkte mir sein Vertrauen, und ich habe in den letzten Jahren eng mit ihm zusammengearbeitet, und bis zur letzten Stunde seines Lebens, am 20. Juli, habe ich an der Seite von ihm gestanden und ich kann hier bezeugen, und es ist wichtig für das Gericht, daß Beck immer wieder mit dem Problem gerungen hat, was ein Chef des Generalstabs zu tun hat, wenn er sieht, daß die Dinge in den Krieg treiben; und deswegen bin ich es seinem Andenken und meinem Eide hier schuldig, nicht zu verschweigen, daß Beck die Konsequenz zog, als einziger deutscher General freiwillig von seinem Posten zurückzutreten, um zu zeigen, daß es auch für Generale in führenden Positionen eine Grenze gibt, wo sie unter Einsatz ihrer Position und ihres Lebens zurückzutreten haben und nicht mehr Befehle entgegenzunehmen haben. Beck war der Meinung, daß der Generalstab nicht nur eine Vereinigung von Waffentechnikern sei; Beck sah in dem deutschen Generalstab das Gewissen der deutschen Armee, und so erzog er seine Generalstäbler und litt die späteren Jahre seines Lebens unendlich darunter, daß Menschen, die von ihm in diesem Sinne erzogen waren, nicht diesen Weg des Gewissens gingen; und ich bin es diesem Manne schuldig, zu sagen, daß er ein Mann unbeugsamen Charakters.


VORSITZENDER: Dr. Dix! Ich glaube, wir sollten lieber das behandeln, was Herr General Beck tatsächlich getan hat.


DR. DIX: Das will ich tun, aber Euer Lordschaft...


VORSITZENDER: Ich glaube, es wäre jetzt Zeit, eine Pause einzuschalten. Der Zeuge hat gesagt, daß General Beck in einem [229] Memorandum protestiert hat und seinen Rücktritt angeboten hat. Das hat er schon vor einigen Minuten gesagt, er hat dann weitergesprochen, hat uns aber noch nicht gesagt, was General Beck wirklich getan hat.


DR. DIX: Ja.


VORSITZENDER: Wir werden jetzt eine Pause einschalten.


[Pause von 10 Minuten.]


VORSITZENDER: Der Gerichtshof wird morgen, Samstag, keine öffentliche Sitzung abhalten, sondern wird in geschlossener Sitzung tagen.

DR. DIX: Sie hielten nach der Jüterbog-Rede des Generaloberst Beck bei der Durchführung seines Entschlusses, seinen Abschied einzureichen. Was tat er denn nun?

GISEVIUS: Beck wurde von Hitler und Brauchitsch dringend ersucht, in seinem Amte zu bleiben. Beck weigerte sich und beharrte auf seinem Rücktritt. Daraufhin drangen Hitler und Brauchitsch in Beck, es möge wenigstens sein Rücktritt nicht publiziert werden und Beck möge formell seinen Rücktritt auf einige Monate später verschieben. Beck, der damals noch nicht den Weg zum Hochverrat gegangen war, glaubte diesem Ansuchen stattgeben zu sollen. Er hat diese loyale Haltung späterhin aufs tiefste bedauert. Tatsache ist, daß bereits Ende Mai oder Anfang Juni sein Nachfolger, der General Halder, die Dienstgeschäfte des Generalstabschefs übernahm und Beck von diesem Augenblick an faktisch seines Amtes nicht gewaltet hat.


DR. DIX: Darf ich nochmals fragen: Die Kenntnis dieser Tatsachen gründen Sie auf welche Beobachtungen und Unterhaltungen mit wem?


GISEVIUS: Damals auf ständige Gespräche zwischen Beck, Oster, Goerdeler, Schacht und einer ganzen Gruppe, und die Frage, warum Beck seinen Rücktritt nicht publiziert hat, hat ihn später so sehr bedrückt, daß es ein ständiges Gespräch bis in die letzten Tage zwischen ihm und mir war.


DR. DIX: Das war der Rücktritt von Beck. Nun spukte aber in den Überlegungen wahrscheinlich auch das Problem eines eventuellen Rücktritts von Schacht. Ist diese Frage der Notwendigkeit oder Zweckmäßigkeit eines Rücktritts von Schacht zwischen Beck und Schacht nach Ihrer Kenntnis und Beobachtung besprochen worden?


GISEVIUS: Jawohl, es wurde sehr eingehend darüber gesprochen.

[230] Beck war der Meinung, sein Rücktritt allein würde vielleicht nicht wirksam genug sein. Er trat daher an Schacht mit der Bitte heran, ob Schacht nicht auch seinerseits sich dem Rücktritt Becks anschließen wolle. Es wurde eingehend hierüber gesprochen, einerseits zwischen Beck und Schacht persönlich, andererseits zwischen Oster und mir als den beiden Mittelsmännern. In diesen Gesprächen, gestehe ich ein, war ich ebenfalls der Meinung, Schacht solle unbedingt zurücktreten. Ich habe ihn auch in diesem Sinne beraten. Oster war der Meinung und bat Schacht, er möge unbedingt im Amte bleiben, weil für die Beeinflussung der Generale unbedingt der Schacht mit dem Ministertitel und im Amte notwendig sei.

Rückblickend muß ich hier aussagen, daß ich mit meinem damaligen Rat an Schacht unrecht hatte; denn die Ereignisse, die ich hernach zu schildern habe, haben bestätigt, wie wichtig es für Oster und andere war, daß Schacht im Amte blieb.


DR. DIX: Das war ja nun eine sehr schwere Gewissensfrage für Schacht. Sie haben dem Gericht bekundet, welche Ansicht Sie hatten und welche Ansicht und welche Gründe Oster hatte. Hatte nun Schacht seine Gewissensqualen und seine pros und contras seiner Überlegungen mit Ihnen besprochen in seinem endgültigen Entschluß?


GISEVIUS: Jawohl.


JUSTICE JACKSON: Herr Vorsitzender! Ich erhebe keine Einwendung gegen die Art und Weise, in der die Angeklagten versuchen, ihre Darstellung von ihrer Sache zu geben. Ich glaube aber, daß wir über die Grenzen eines notwendigen Verhörs hinausgehen. Schacht ist persönlich da, er kann uns über sein Gewissen Auskunft geben. Ich glaube nicht, daß ein anderer Zeuge dazu imstande ist, Aus diesem Grunde denke ich, daß dies nicht eine Frage ist, deren Antwort Beweiskraft hat und ich erlaube mir, Einwand dagegen zu erheben.


VORSITZENDER: Dr. Dix! Es ist besser, Sie sagen uns nur, was Schacht getan, das heißt vielmehr, Sie lassen den Zeugenaussagen, was Schacht getan hat.


DR. DIX: Darf ich dazu kurz eine Bemerkung machen. Es ist natürlich richtig, was Herr Justice Jackson sagte, daß Schacht am besten über seine Gründe Bescheid wissen wird und dem Gericht darüber Bekundung machen kann. Aber bei einer so diffizilen Frage, deren Berechtigung ja auch umstritten ist – die Anklagevertretung, so habe ich sie wenigstens verstanden, neigt ja dazu, die Gedankengänge, die damals Schachts Entschluß leiteten, als nicht berechtigt anzuerkennen – meine ich, daß es doch wenigstens nach unseren Beweisgrundsätzen für das Gericht von Erheblichkeit ist, auch von einem Augen- und Ohrenzeugen zu erfahren, was denn [231] nun die Erwägungen gewesen sind, und ob sie es wirklich damals gewesen sind, oder ob nicht jetzt Schacht auf der Anklagebank, ex post facto, sich eine Erklärung zurechtzimmert, einem Verdacht, unter dem ja ein Angeklagter immer leicht leidet.


VORSITZENDER: Herr Dr. Dix! Der Gerichtshof glaubt, daß der Zeuge nur aussagen soll, was Schacht gesagt und getan hat, aber nicht, was Schacht dachte.


DR. DIX: Sehr richtig, Euer Lordschaft, er soll ja auch nur sagen, was er dem Zeugen damals über seine Meinung seinerzeit mitgeteilt hat.


VORSITZENDER: Ich glaube, daß eine weitere Diskussion darüber überflüssig geworden ist. Der Zeuge hat gehört, was ich gesagt habe, und Sie können ihn fragen, was Schacht sagte, oder was Schacht tat, aber nicht, was Schacht dachte.


DR. DIX: Also, was hat Schacht zu Ihnen gesagt über die Gründe seines Rücktritts?


GISEVIUS: Schacht sagte mir damals, erstens es sei nach allem, was wir erlebt hätten, kein Verlaß auf die Generale, daß sie wirklich einmal putschen würden. Aus diesem Grunde habe er als Politiker die Pflicht, sich auch auf Möglichkeiten einzurichten, wie man ohne einen Putsch eine Änderung der Zustände in Deutschland herbeiführen könne. Aus diesem Grunde hatte er sich einen Plan zurechtgelegt, den er mir damals entwickelte. Schacht sagte mir wörtlich: »Ich habe Hitler an der Gurgel«, und damit meinte er, wie er mir eingehend begründete, daß nunmehr der Tag nahe, wo die bei der Reichsbank aufgenommenen Schulden von dem Reichsfinanzminister und somit auch von dem gesamten Reichskabinett zurückgezahlt werden müssen. Schacht zweifelte, ob der Finanzminister Schwerin-Krosigk so ohne weiteres bereit sein würde, die moralische und rechtliche Verpflichtung der Zurückzahlung der gegebenen Kredite einzuhalten.

Für diesen Augenblick glaubte Schacht mit seinem Rücktritt herauskommen zu sollen, mit einem Kollektivschritt des Reichsbankdirektoriums, und er hoffte, daß in dieser Situation sich die übrigen Reichsminister, die in ihrer Mehrheit damals noch bürgerlich waren, ihm anschließen würden.

Das meinte er, wenn er mir sagte: »Ich habe hier noch einen Pfeil im Köcher, und dies ist der Moment, wo selbst ein Neurath, Gürtner, Seldte mir die Gefolgschaft nicht versagen können.«

Ich habe damals Schacht geantwortet, ich zweifelte daran, ob es je zu einer solchen Kabinettsberatung kommen werde. Meines Erachtens würden die Schritte, mit denen man sich seiner entledigen würde, viel brachialer sein. Schacht glaubte mir nicht, und vor allem sagte er mir, eines werde er bestimmt erreichen, es werde über diese Dinge [232] im Kabinett geredet werden müssen, und er werde dann eine ähnliche alarmierende Situation in Deutschland erreichen, wie im Februar 1938 anläßlich der Fritsch-Krise. Er rechnete also mit einer Kabinettsumbildung im radikalen Sinne und einem dadurch psychologisch ermöglichten Eingreifen der Generale.


DR. DIX: Sie haben zu Anfang gesagt, Schacht hätte gesagt oder motiviert, er könne der Putschzuverlässigkeit der Generale nicht unbedingt trauen. Welche Generale meinte er da, und was meinte er überhaupt damit?


GISEVIUS: Schacht meinte damals jene erste Putschsituation, die sich in Deutschland ergab in den Monaten Mai bis September 1938, als wir in die Krise um den Krieg gegen die Tschechoslowakei hineingingen. Beck hatte uns bei seinem Rücktritt versichert – mit uns meine ich Goerdeler, Schacht und andere Politiker –, daß er uns einen Nachfolger hinterließe, der noch energischer sei als er, und der hart entschlossen sei, einen Putsch auszulösen, wenn Hitler sich zum Kriege entschließen sollte. Dieser Mann, auf den Beck vertraute, und mit dem er uns zusammenbrachte, war der General Halder. In der Tat unternahm der General Halder unverzüglich nach Amtsübernahme Schritte, um mit Schacht, mit Goerdeler, Oster und unserer ganzen Gruppe diesbezügliche Gespräche aufzunehmen. Er ließ sich wenige Tage nach seiner Amtsübernahme Oster kommen, teilte ihm mit, daß die Dinge nach seinem Dafürhalten zum Kriege trieben, und daß er dann einen Staatsstreich unternehmen werde. Er fragte Oster, was von seiner Seite unternommen sei, um nun die Zivilisten in das Komplott einzubeziehen.


DR. DIX: Welche Zivilisten kamen da in Frage, außer Goerdeler und Schacht?


GISEVIUS: Das fragte Halder Oster und Ostergab in der damaligen Situation, wo wir noch ein sehr kleiner Kreis waren, nach bestem Wissen die Auskunft. Er kenne nur zwei Zivilisten, mit denen Halder politische Vorbesprechungen führen könne. Der eine sei Goerdeler, der andere sei Schacht.

Halder lehnte ab, mit einem so suspekten Manne wie Goerdeler persönlich zu sprechen. Er begründete es, es sei für ihn zu gefährlich, einen Mann, den er noch nicht kenne, jetzt zu empfangen, während er zu einer Besprechung mit Schacht irgendwelche dienstlichen Motivierungen finden könne. Halder bat Oster um Vermittlung einer solchen Unterredung mit Schacht.

Oster wandte sich durch meine Vermittlungen an Schacht. Schacht war bereit. Es sollte ein Treffpunkt an einem dritten Orte stattfinden. Ich warnte Schacht und sagte ihm: »Lassen Sie Halder in Ihre Wohnung kommen, damit Sie auch der Sache ganz sicher sind.«

[233] Halder suchte Schacht persönlich Ende Juli 1938 in seiner Wohnung auf, teilte ihm mit, die Dinge stünden unmittelbar vor einem Kriege; er, Halder, wolle dann putschen, und fragte Schacht, ob er bereit sei, ihm dann politisch in führendem Posten zu helfen.

Das hat mir damals Schacht erzählt, und Halder hat es Oster erzählt.


DR. DIX: Und Oster hatte es Ihnen erzählt?


GISEVIUS: Ja, ich war ja der ständige Vermittler dieser Gespräche. Schacht antwortete, wie er mir unmittelbar anschließend an diesen Besuch Halders versicherte, er sei zu allem bereit, wenn die Generale sich entschließen würden, Hitler zu beseitigen.

Halder ließ sich am nächsten Morgen Oster kommen, erzählte ihm von dieser Unterredung und fragte Oster, ob nun auch alles polizeilich vorbereitet sei für diesen Putsch. Oster schlug ihm vor, Halder möge mit mir persönlich über diese Dinge sprechen. Ich hatte ein langes Gespräch in dunkler Nacht mit Halder über diesen Putsch. Ich glaube, es ist wichtig, daß ich hier sage, was Halder mir damals als seine Absichten auseinandergesetzt hat. Zunächst versicherte mir Halder, daß für ihn kein Zweifel sei im Gegensatz zu vielen anderen Generalen, daß Hitler den Krieg wolle. Halder beschrieb mir Hitler als einen Blutsäufer, und Halder verwies auf das Blutbad vom 30. Juni. Aber Halder sagte mir, es sei leider so unendlich schwer, den Generalen und vor allem dem jungen Offizierskorps klarzumachen, was Hitlers eigentliche Absichten seien; denn nach außen hin sei die Parole, mit der das Offizierskorps beeinflußt werde, es handle sich nur um eine große Bluffaktion; die Armee könne völlig sicher sein, daß Hitler nicht zum Kriege schreiten wolle, sondern nur ein diplomatisches Erpressungsmanöver großen Stiles vorbereite.

Deswegen glaubte Halder, es sei unbedingt nötig, auch dem letzten Hauptmann den Beweis zu führen, daß Hitler nicht bluffe, sondern tatsächlich den Befehl zum Kriege gegeben habe. Halder war also damals entschlossen, um der Unterrichtung des deutschen Volkes und der Offiziere willen sogar den Ausbruch des Krieges in Kauf zu nehmen. Auch dann fürchtete Halder den Hitler-Mythos. Deswegen schlug er mir vor, man solle am Tage nach Kriegsausbruch Hitler durch ein Bombenattentat beseitigen und dem deutschen Volke möglichst erzählen, Hitler sei durch einen feindlichen Bombenangriff in seinem Führerzuge umgekommen. Ich habe damals Halder geantwortet, daß ich vielleicht noch zu jung sei; aber ich könne nicht verstehen, daß er wenigstens nicht hinterher dem deutschen Volke sagen wolle, was die Generale getan hätten.

Halder ließ dann einige Wochen nichts von sich hören. Die Pressehetze gegen die Tschechoslowakei nahm immer bedrohlichere Formen an. Wir ahnten, jetzt werde es nur noch wenige Tage oder Wochen[234] dauern, und es würde zum Kriegsausbruch kommen. In diesem Augenblick entschloß sich Schacht, Halder noch einmal in seiner Wohnung aufzusuchen, und ihn bei seinem Worte zu nehmen. Ich hielt es für gut, daß bei dieser Unterredung ein Zeuge zugegen sei, und deswegen schloß ich mich Schacht einfach an. Ich hatte nicht den Eindruck, daß Halder über diese Zeugengegenwart sehr erfreut war. Halder bestätigte abermals, er sei hart entschlossen, einen Putsch auszulösen. Wiederum aber wollte er warten, bis das deutsche Volk den Beweis von Hitlers Kriegsabsichten durch einen endgültigen Kriegsbefehl erhalten hätte. Schacht wies Halder auf die unerhörten Gefahren eines solchen Experiments hin. Er machte Halder klar daß es doch nicht anginge, einen Krieg auszulösen, nur um dem deutschen Volke die Hitler-Legende zu zerstören.

In einem eingehenden und sehr erregten Gespräch erklärte sich nunmehr Halder bereit, den Putsch auszulösen, nicht nach offiziellem Kriegsausbruch, sondern in dem Augenblick, wo Hitler den endgültigen Befehl an die Armee zum Marsch gegeben hätte.

Wir fragten Halder, ob er dann der Dinge noch mächtig sei, oder ob dann Hitler ihn nicht durch einen Blitz überraschen würde Halder erwiderte uns wörtlich: »Nein, mich kann er nicht betrügen. Ich habe meine Generalstabspläne so angelegt, daß ich es 48 Stunden vorher wissen muß.«

Ich glaube, dieses ist wichtig, weil im späteren Ablauf der Dinge die Frist zwischen Marschbefehl und endgültigem Marsch erheblich verkürzt wurde.

Halder versicherte uns, daß er außer der Berliner Aktion auch noch eine Panzerdivision in Thüringen bereitgestellt habe, unter dem Kommando des Generals von Höppner, die eventuell die Leibstandarte, die in München war, auf dem Marsch nach Berlin aufzuhalten habe.

Trotzdem Halder uns dies alles gesagt hatte, blieb bei Schacht und mir von dieser Unterredung ein gewisser bitterer Beigeschmack. Halder hatte nämlich Schacht gesagt, er, Schacht, schiene Halder zu pressen, den Putsch vorzeitig auszulösen, und Schacht und ich waren der Meinung, daß Halder vielleicht im letzten Augenblick ausbrechen könnte. Wir unterrichteten sofort Oster von unserem schlechten Eindruck und sagten Oster, es müsse unbedingt etwas getan werden, noch einen weiteren General zu gewinnen, falls Halder im letzten Augenblick nicht handeln sollte. Oster sah dies ein, und dies ist die Vorgeschichte, wie nunmehr der spätere Generalfeldmarschall von Witzleben zum ersten Male in unseren Verschwörerkreis eintrat.


DR. DIX: Wer gewann von Witzleben?


GISEVIUS: Schacht gewann Witzleben.


DR. DIX: Wie bitte?


[235] GISEVIUS: Schacht gewann Witzleben.

Oster ging zu Witzleben, erzählte ihm alles, was sich abgespielt hatte. Daraufhin bestellte Witzleben mich zu sich. Ich erzählte ihm, daß meines Erachtens die polizeilichen Dinge so lagen, daß er als kommandierender General des Berliner Armeekorps einen Putsch getrost wagen könne, und Witzleben stellte mir nun daraufhin die Frage, die jeder General damals uns stellte, ob es denn wahr sei, daß es wirklich wegen eines diplomatischen Zwischenfalls im Osten zum Krieg kommen werde, oder ob nicht wahr sei, was Hitler und Ribbentrop vertraulich den Generalen immer wieder sagten, es bestehe ein stillschweigendes Agreement mit den Westmächten, daß Deutschland freie Hand im Osten habe. Witzleben sagte in diesem Falle, wenn wirklich ein solches Agreement bestünde, dann könne er selbstverständlich nicht putschen. Ich erklärte Witzleben, hierüber könne zweifellos Schacht mit seiner guten Kenntnis der angelsächsischen Mentalität umfassend Auskunft geben.

Es wurde eine Zusammenkunft zwischen Schacht und Witzleben vereinbart, Witzleben nahm seinen Divisions-General von Brockdorf, der den Putsch im einzelnen durchführen sollte, zu diesem Gespräch mit. Witzleben, Brockdorf und ich fuhren gemeinsam auf das Landhaus von Schacht zu einer stundenlangen Besprechung; die endete damit, daß Witzleben sich von Schacht überzeugt fühlte, daß die Westmächte auf keinen Fall Deutschland den Weg nach Osten freigeben würden, sondern daß es nunmehr mit der Hit lerschen Politik der Überraschungen zu Ende sei. Witzleben entschloß sich darauf, seinerseits und unabhängig von Halder, alle Vorbereitungen zu treffen, die notwendig waren, wenn er handeln sollte.

Er gab mir falsche Papiere und baute mich in seinem Wehrkreiskommando ein, damit ich dort unter seinem persönlichen Schutze alle polizeilichen und politischen Vorbereitungen ausarbeiten konnte, die notwendig werden konnten. Er delegierte den General von Brockdorf, und ich fuhr mit diesem in Berlin alle Örtlichkeiten ab, die Brockdorf mit seiner Potsdamer Division zu besetzen hatte Frau Strünck saß am Steuer, und als Touristen machten wir genaue Feststellungen, was im einzelnen nötig sei.


DR. DIX: Das ist die Zeugin Strünck.

Bitte, entschuldigen Sie.


GISEVIUS: Ich bin, glaube ich, noch eine kurze Erklärung schuldig, weshalb die Mitarbeit Witzlebens so unbedingt nötig war. Es war nicht so einfach, einen General zu finden, der die faktische Gewalt hat, seine Truppen marschieren zu lassen. Beispielsweise konnten manche Generale in der Provinz nicht die Truppen marschieren lassen.


[236] VORSITZENDER: Dr. Dix! Ist es notwendig, in solchen Einzelheiten darzulegen, warum General von Witzlebens Mitwirkung gewünscht wurde?

DR. DIX: All die Gründe für die Notwendigkeit des Generals Witzleben auszuführen, ist vielleicht für unseren Fall nicht notwendig.

Wir können dann dieses Thema fallen lassen.


[Zum Zeugen gewandt:]


Wollen Sie mir bitte nun sagen, Dr. Gisevius, war über die polizeilichen und militärischen Vorbereitungsmaßnahmen, die Sie geschildert haben, Schacht immer laufend orientiert?

GISEVIUS: Schacht war über all diese Dinge laufend orientiert. Wir trafen uns des Abends in Witzlebens Wohnung, und ich zeigte dort alles, was ich am Tage schriftlich ausgearbeitet hatte. Es wurde dann in allen Einzelheiten durchgesprochen.

DR. DIX: Spielten auch neben diesen militärischen und polizeilichen Maßnahmen, die Sie erwähnt haben, politische Maßnahmen eine Rolle?


GISEVIUS: Ja, selbstverständlich. Wir mußten ja sehr eingehend vorbereiten, was in diesem Falle dem deutschen Volk innenpolitisch zu sagen war, und ebenso gab es natürlich auch gewisse Vorbereitungen, die wir nach außen hintreffen mußten.


DR. DIX: Was heißt das nach außen hin? Außenpoli tisch?


GISEVIUS: Außenpolitisch, natürlich.


DR. DIX: Warum natürlich? War das Auswärtige Amt eingebaut, oder was heißt hier außenpolitisch?


GISEVIUS: Es ist sehr schwer, über diese Dinge zu antworten, weil über die Zusammenarbeit mit dem Ausland in Zeiten des Krieges, oder unmittelbar vor einem Kriege, es sehr schwer ist, zu sprechen, denn wir befinden uns hier auf sehr umstrittenen Grenzgebieten. Wenn ich darüber sprechen soll, so ist es mindestens ebenso wichtig, wie Termine und Daten, daß ich aussage, was diejenigen geleitet hat, solche Besprechungen mit dem Ausland zu führen.


DR. DIX: Ich glaube sicher, daß das Tribunal Ihnen dies erlauben wird, daß die Motive...


VORSITZENDER: Ich glaube, der Gerichtshof ist der Meinung, daß Sie viel zu sehr auf Einzelheiten darüber eingehen. Wenn der Gerichtshof die Aussagen dieses Zeugen als wahr annimmt, zeigen sie, daß Schacht mit ihm und General Witzleben damals Verhandlungen geführt hat, um den Krieg zu verhindern. Ich sage, wenn der Gerichtshof es annimmt; und das können Sie sicher nicht dadurch beweisen, daß Sie diese, wie mir scheint unwichtigen Einzelheiten über die Verhandlungen vortragen lassen.

[237] DR. DIX: Ja, ich muß aber meiner Meinung nach die Ernstlichkeit und die Intensität dieser Verschwörertätigkeit im einzelnen substantiieren. Es genügt meines Erachtens nicht, daß jemand solche Pläne...


VORSITZENDER: Aber Sie sprechen davon seit heute 10.00 Uhr früh.


DR. DIX: Euer Lordschaft! Ich gehe jetzt vom Schachtschen Standpunkt aus, ob ich den Zeugen eine Geschichte, eine politische Geschichte Schachts und damit...


VORSITZENDER: Man sagt mir, Sie haben gestern abend zugesagt, daß Sie nur noch eine halbe Stunde benötigen. Erinnern Sie sich, das gesagt zu haben? Vielleicht war es ein Fehler in der Übersetzung.


DR. DIX: Nein, oh, das ist ein schweres Mißverständnis. Ich habe gesagt, wenn ich die Fritschsche Krise noch anschneiden und vollenden soll, dann würde das noch eine halbe Stunde dauern; also die Fritschsche Krise. Meine Herren Richter! Es ist doch so: Es wird doch jetzt dargestellt die Geschichte der politischen Opposition, in der Schacht eine führende Rolle hatte, und wenn der Angeklagte Göring oder jemand anderer Zeit hatte, eine Darstellung des gesamten Geschehens von ihrem Standpunkt aus zu geben, tagelang, so glaube ich, ist es ein Gebot der Gerechtigkeit, daß auch die Männer, repräsentiert hier im Saale durch den Angeklagten Schacht, die gegen dieses System unter schwersten Terrorverhältnissen gekämpft haben, die Geschichte ihrer Oppositionsbewegung im einzelnen dartun können.

Ich würde also das Gericht sehr bitten, ich bin kein Freund von Überflüssigkeiten, ich würde das Gericht sehr bitten, mir zu erlauben, daß der Zeuge noch über die jetzt angeschnittenen Maßnahmen der Verschwörergruppe Beck, Schacht, Canaris und so fort, Bekundungen macht. Ich bitte, davon überzeugt zu sein, ich halte es für außerordentlich wichtig, und ich nehme an, Euer Lordschaft, daß, wenn es nicht jetzt geschieht, daß sich die Prosecution in der Cross-Examination dafür interessieren wird, und ich glaube, da es jetzt im Zusammenhang geschieht, wird es weniger Zeit in Anspruch nehmen, als wenn wir abwarten, bis die Cross-Examination kommt.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof hat nicht die Absicht, Ihnen zu sagen, wie Sie Ihren Beweis führen sollen; aber er hofft, daß Sie sich so kurz als möglich fassen und keine unnötige Einzelheit bringen.


DR. DIX: Ich bitte davon überzeugt zu sein.

Also, Herr Zeuge, Sie ließen das Stichwort »Außenpolitische Maßnahmen« fallen und wollten gerade die Motive darlegen, die einzelne [238] von Ihnen dazu veranlaßt haben, mit dem Auslande zur Unterstützung ihrer Opposition Fäden zu knüpfen. Wollen Sie bitte damit fortfahren?


GISEVIUS: Ich möchte mich einfach nur auf die Erklärung beschränken, daß von diesem Augenblick an sehr ausführliche und substantiierte Gespräche mit dem Auslande stattgefunden haben, um alles zu versuchen, den Kriegsausbruch oder die Kriegsverlängerung oder die Kriegsausbreitung zu verhindern. Solange ich aber nicht in der Lage bin, auch über die Motive in einer so heiklen Sache mich zu äußern, wo mindestens in Deutschland unsereinem der Vorwurf des Landesverrats gemacht wird, solange werde ich nicht mehr sagen, als nur die Tatsache, daß diese Gespräche stattgefunden haben.


DR. DIX: Ich habe das Gericht nicht dahin verstanden, daß es Ihnen verwehren will, die Motive darzulegen, die Sie angeführt haben. Sie können also die Motive darlegen.


GISEVIUS: Ich bin es meinem Gewissen und vor allem auch den hieran beteiligten Toten schuldig, hier zu sagen, daß in den Dingen, die ich geschildert habe, sie unter einem unerhörten Gewissensdruck standen. Wir wußten, daß man uns vorwerfen würde, mit dem Auslande zu konspirieren.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof weiß natürlich, daß diese Dinge nicht ohne Gefahr durchgeführt wurden; aber wir sind wirklich nicht hier, um uns ein Urteil zu bilden über Leute, die unglücklicherweise ihr Leben eingebüßt haben. Wir verhandeln derzeit die Sache gegen den Angeklagten Schacht.


DR. DIX: Die Absicht des Zeugen ist mißverstanden worden. Er will nicht über die Leute sprechen, die ihr Leben dabei verloren haben, und er will auch nicht sprechen über die Gefahren, sondern er will darüber sprechen, welche Gewissenskonflikte diejenigen, die diese Schritte inaugurierten und unternahmen, durchmachen mußten, und ich glaube, dieses Recht muß man dem Zeugen gewähren, wenn er zu dieser sehr delikaten Angelegenheit hier in aller Öffentlichkeit aussagen soll. Ich würde sehr darum bitten; sonst begnügt sich der Zeuge mit allgemeinen Andeutungen, die meiner Verteidigerarbeit nicht genügen, und ich nehme an, es wird die Prosecution in der Cross-Examination diese Dinge fragen.


VORSITZENDER: Wollen Sie bitte versuchen, den Zeugen zur eigentlichen Sache zu bringen? Wir können natürlich nicht sagen, worüber er zu sprechen wünscht, sondern wir können nur sagen, worüber er spricht.


DR. DIX: Also, Sie wollen kurz die Erwägungen schildern, die diejenigen gehabt haben, die diese Verbindungen aufgenommen haben, und dann die Verbindungen selbst schildern.


GISEVIUS: Herr Präsident! Es ging nicht nur um die Frage des Gewissens, es ging darum, daß heute noch Angehörige leben, die [239] eventuell falschen Anschuldigungen ausgesetzt werden können, und deswegen mußte ich sagen, in Bezug auf die Gespräche im Ausland, die ich schildern werde, daß auch unser enger Freundeskreis sich über das Ausmaß des Zulässigen nicht in allem schlüssig war. Der eine ging hierin weiter und der andere zog engere Grenzen. Zum Beispiel bin ich dem Andenken des toten Admirals Canaris schuldig, hier angesichts vieler falscher Pressemeldungen richtigzustellen, daß er Konspirationen mit dem Auslande ablehnte, und ich muß mich dagegen verwahren, daß etwas, was ich aussage, jetzt auf Männer bezogen wird, deren Namen ich vorher genannt habe. Das war der Grund, weswegen ich die Erklärung abgeben wollte, und ich wollte gleichzeitig sagen, daß unsere Freunde, die so etwas machten, für sich den Vorwurf des Landesverrates ablehnten, weil wir uns menschlich zu diesem Schritt verpflichtet fühlten.


DR. DIX: Also, was geschah nun?


GISEVIUS: Es geschah folgendes: Sofort als Hitler seine Absicht bekundete, die Tschechoslowakei mit Krieg zu überziehen, haben Freunde fortlaufend die Englische Regierung zu unterrichten versucht von der ersten Absicht bis zum letzten Entschluß. Die Kette dieser Schritte begann mit einer Reise Goerdelers im Frühjahr 1938 nach London, wo er von dem Vorhandensein einer solchen oppositionellen Gruppe Mitteilung machte, die zum Letzten entschlossen sei. Es wurde dann im Namen dieser Gruppe die Englische Regierung fortlaufend unterrichtet, was sich anbahnte, und daß es unbedingt nötig sei, Klarheit zu schaffen vor dem deutschen Volke und vor den Generalen, daß jeder Schritt über die tschechische Grenze für die Westmächte ein Kriegsgrund sei. Als die Krise sich dem Höhepunkt näherte, und als wir unsere Putschvorbereitungen bis ins Letzte vorbereitet hatten, unternahmen wir einen nach Form und Inhalt ungewöhnlichen Schritt und ließen die Englische Regierung wissen, daß es in den kommenden diplomatischen Verhandlungen nicht, wie Hitler behauptete, um die Sudetenlande ginge, sondern daß Hitler die gesamte Tschechoslowakei mit Krieg zu überziehen gedenke, und daß, wenn die Englische Regierung ihrerseits fest bleibe, wir die Zusicherung geben könnten, es würde nicht zum Kriege kommen.

Das waren damals unsere Versuche, auch von außen her eine gewisse Hilfe in unserem Kampfe zur psychologischen Vorbereitung eines Putsches zu erhalten.


DR. DIX: Wir eilen nun in den September 1938 und zur Krise, die dann zu München führte. Wie war in dieser Zeit die Tätigkeit Ihrer Verschwörergruppe?


GISEVIUS: Je mehr die Krise nach München führte, versuchten wir, Halder zu überzeugen, er solle unverzüglich den Putsch auslösen. Als Halder nicht ganz klar war, bereitete Witzleben alles im einzelnen vor. Ich schildere jetzt nur die letzten beiden dramatischen[240] Tage. Am 27. September war es klar, daß Hitler auf das Ganze gehen wolle. Um das deutsche Volk kriegslustig zu machen, ordnete er einen Umzug der Berliner Armee durch Berlin an. Witzleben hatte ihn durchzuführen. Der Umzug hatte eine völlig gegenteilige Wirkung. Die Bevölkerung, die annahm, die Truppen sollten in den Krieg ziehen, zeigte ihr offenes Mißfallen. Die Truppe sah keinen Jubel, sondern geballte Fäuste, und Hitler, der sich vom Fenster der Reichskanzlei diesen Umzug ansah, erhielt einen Wutanfall, trat zurück von seinem Fenster, erklärte, mit so einem Volke kann ich keinen Krieg führen, und Witzleben kam entrüstet nach Hause und sagte, am liebsten hätte er sofort vor der Reichskanzlei abprotzen lassen. Am nächsten Morgen...


DR. DIX: Einen Moment, das hat Witzleben Ihnen gesagt, »am liebsten hätte er vor der Reichskanzlei abprotzen lassen«?


GISEVIUS: Jawohl.


DR. DIX: Und woher leiten Sie Ihre Kenntnis der Bemerkung Hitlers her, als er vom Balkon zurücktrat?


GISEVIUS: Das wurde uns von verschiedenen Seiten aus der Reichskanzlei gesagt.


DR. DIX: Also nun weiter.


GISEVIUS: Am nächsten Morgen glaubten wir – das war der 28. –, es sei nunmehr die Gelegenheit zur Ausführung des Putsches da. An diesem Morgen wurde uns auch bekannt, daß Hitler das letzte Angebot des englischen Premierministers Chamberlain abgelehnt und den Vermittler Wilson mit einem negativen Bescheid zurückgeschickt hatte. Witzleben bekam diesen Brief und fuhr mit diesem Brief zu Halder. Er glaubte, daß nunmehr der Beweis für Hitlers Kriegswillen erbracht sei. Halder stimmte diesem zu. Halder ging zu Brauchitsch, während Witzleben in Halders Zimmer wartete. Nach einigen Momenten kam Halder zurück und erklärte, auch Brauchitsch sehe nunmehr ein, es müsse nun gehandelt werden. Er wolle nur noch zur Reichskanzlei hinüberfahren und sich vergewissern, ob Witzlebens und Halders Schilderung richtig sei. Brauchitsch fuhr in die Reichskanzlei, nachdem Witzleben ihm noch telephonisch gesagt hatte, alles sei bereit – und dies ist jene Mittagsstunde des 28. September, in der plötzlich und wider Erwarten in der Reichskanzlei die Intervention Mussolinis erfolgte, und wo Hitler dann unter dem Eindruck von Mussolinis Schritt einwilligte, nach München zu gehen, so daß wirklich im letzten Augenblick die Aktion eliminiert wurde.


DR. DIX: Letzten Endes durch München, meinen Sie?


GISEVIUS: Selbstverständlich.


DR. DIX: Nun war München vorbei; wie sah es nun in Ihrer Verschwörergruppe aus?


[241] GISEVIUS: Wir waren außerordentlich deprimiert, und wir waren überzeugt, daß nunmehr Hitler in kurzer Frist aufs Ganze gehen würde. Wir haben nicht gezweifelt, daß München das Signal zum Weltkrieg war. Ein Teil unserer Freunde überlegte, ob wir emigrieren sollten. Mit Goerdeler und Schacht wurde dies besprochen. Goerdeler schrieb damals in dieser Überlegung einen Brief an einen politischen Freund nach Amerika, in dem ausdrücklich diese Frage gerichtet wurde, ob denn nun die Oppositionellen emigrieren sollten, Goerdeler sagte: »Es gibt sonst nur eine andere Möglichkeit, nämlich, daß wir Talleyrandsche Methoden annehmen, um uns überhaupt in Deutschland in Zukunft in unserer politischen Arbeit halten zu können.« Wir entschlossen uns auszuharren, und dann eilten die Dinge über die Judenpogrome der Eroberung Prags zu.


DR. DIX: Bevor wir zu Prag kommen: Sie erwähnten die Judenpogrome und meinen offenbar den November 1938. Wissen Sie oder erinnern Sie sich, wie sich Schacht aus Anlaß dieser Vorfälle verhalten hat?


GISEVIUS: Schacht war entrüstet über die Judenpogrome. Er hat dies auch in einer öffentlichen Rede vor dem Reichsbankpersonal bekanntgegeben.


DR. DIX: Ich werde diese Rede später im Urkundenbeweis verlesen. Nun, wie ging es nun weiter? Wir sind jetzt am Ende des Jahres 1938. Waren neue politische Ereignisse am Horizont, die auf Ihre Verschwörergruppe stimulierend wirkten?


GISEVIUS: Es kam zunächst zu der schroffen Entlassung von Schacht aus dem Reichsbankdirektorium. Der Wunsch Schachts, das Kabinett werde in dieser Geschichte beraten, erfüllte sich nicht, und unsere Hoffnung, eine Kabinettskrise auslösen zu können, war eitel. So hatte unsere Oppositionsgruppe keinen Ansatzpunkt. Wir mußten warten, wie die Dinge sich anläßlich der Eroberung Prags abspielen würden.

DR. DIX: Einen Moment, Sie erwähnen hier die Entlassung Schachts als Reichsbankpräsident. Wissen Sie etwas über dieses Geschehen, seine Begleitumstände, die Wirkung auf Schacht und so weiter?


GISEVIUS: Ich habe es miterlebt, wie die verschiedenen Briefe oder Memoranden des Reichsbankdirektoriums entworfen wurden, wie sie immer mehr abgemildert wurden und wie dann die Entlassung kam. Wenige Minuten nach dem Empfang des Entlassungsschreibens von Hitler las Schacht es mir vor und war entrüstet über den Inhalt. Er wiederholte mir jenen Passus, in dem Hitler ihn lobend erwähnte, wegen seiner Mitwirkung bei der deutschen Wiederaufrüstung, und Schacht sagte: »Jetzt will er mich auch noch auf diese Mitwirkung öffentlich festlegen, jetzt will er mich auch noch auf seine Kriegspolitik festlegen.«


[242] DR. DIX: Nun blieb aber doch Schacht Minister ohne Portefeuille. Ist dieses Problem, ob er das tun sollte oder anders handeln konnte, zwischen Schacht und Ihnen damals besprochen worden?


GISEVIUS: Ja, aber soviel ich weiß, war es dasselbe Gespräch wie immer, wenn er zurücktreten sollte. Er hat mit Lammers gesprochen, und ich nehme an, daß Lammers ihm die übliche Antwort gegeben hat.


DR. DIX: Also, er glaubte, bleiben zu müssen, gezwungen zusein, zu bleiben?


GISEVIUS: Ja.


DR. DIX: Nun wollten Sie schon ein paarmal ansetzen – ich unterbrach Sie – mit Prag. Wollen Sie dies bitte in seiner Auswirkung auf Ihre Verschwörergruppe, soweit Schacht beteiligt war, schildern?


GISEVIUS: Seit Dezember hatte unsere Gruppe feste Beweismittel, daß Hitler im März Prag überfallen wollte. Zynisch wurde diese neue Aktion der »Märzwirbel« genannt. Da sehr offen in Berliner Kreisen darüber gesprochen wurde, hofften wir, es würden Nachrichten davon auch in die Englische und Französische Botschaft dringen. Wir waren fest davon überzeugt, daß es diesmal keinen Überraschungserfolg geben würde; aber Halder war bereits anderer Meinung. Er meinte, es sei Hitler auch der Weg nach Prag von den Westmächten freigegeben. Er lehnte vorherige Besprechungen ab und wollte warten, ob diese Prager Aktion kampflos über die Bühne geht. Und dieses geschah.


DR. DIX: Nun, in welcher Richtung? Sie haben das schon bekundet, diese Schritte bei der Englischen und Französischen Botschaft.


GISEVIUS: Nein, es waren keine Schritte bei der Englischen und Französischen Botschaft.

DR. DIX: Wollen Sie darüber noch etwas sagen? Hatten Sie noch etwas dazu zu sagen?


GISEVIUS: Nein, ich habe gesagt, daß wir keine Schritte unternommen haben.


DR. DIX: Also jetzt ist Prag vorbei und nun, glaube ich, sind Sie gemeinschaftlich mit Schacht im Dienst Ihrer Gruppe nach der Schweiz gefahren. Ist das richtig?


GISEVIUS: Nicht nur mit Schacht, sondern auch mit Goerdeler. Wir waren der Meinung, daß Schacht in Deutschland – entschuldigen Sie – daß Prag in Deutschland von einer unerhörten psychologischen Auswirkung gewesen sei. Für das Ausland war Prag das Signal, daß mit Hitler kein Friede und kein Vertrag zu halten sei. In Deutschland mußten wir leider feststellen, daß nunmehr die Generale und das Volk davon überzeugt waren: dieser Hitler kann [243] machen, was er will, niemand wird ihm in den Arm fallen, er ist von der Vorsehung geschützt. Dies alarmierte uns. Wir sahen auf der einen Seite, daß die Westmächte nunmehr die Dinge sich nicht mehr weiter bieten lassen würden. Wir sahen auf der anderen Seite, daß in Deutschland die Illusion wuchs, die Westmächte würden nicht zum Kriege schreiten. Wir sahen, ein Krieg ist nur zu verhindern, wenn die Westmächte unzweideutig nicht nur dem Außenminister, nicht nur Hitler, sondern mit allen Mitteln der Propaganda dem deutschen Volke klarmachen, daß nunmehr jeder weitere Schritt nach dem Osten den Krieg bedeute. Dies schien uns die einzige Möglichkeit, die Generale zu warnen und sie zu einem Putsche zu bewegen, und dieser Möglichkeit dienten die Gespräche, die Schacht, Goerdeler und ich unmittelbar nach Prag in der Schweiz führten.


DR. DIX: Mit wem?


GISEVIUS: Wir trafen uns mit einem Mann, der sehr gute Beziehungen zur Englischen und Französischen Regierung hatte. Dieser Mann hat auch sehr genau berichtet, zumindest der Französischen Regierung. Ich kann dies deswegen bezeugen, weil wir die Abschrift seiner Berichte später nach der Eroberung von Paris in den Geheimpapieren Daladiers finden konnten. Dieser Mann wurde von uns genauestens darüber unterrichtet, daß spätestens im Herbst der Streit um Danzig beginnen würde. Wir sagten, daß wir als gute Deutsche zweifellos der Ansicht seien, Danzig sei eine deutsche Stadt, und eines Tages müsse über diesen Punkt friedlich gesprochen werden. Wir warnten aber davor, daß jetzt diese Gespräche um Danzig isoliert geführt würden, weil Hitler nicht Danzig wollte, sondern ganz Polen, weil er nicht Polen wollte, sondern die Ukraine, daß es deswegen darauf ankam, auch in der Propaganda des Auslandes nach Deutschland hin unbedingt klarzustellen, daß jetzt das Limit erreicht sei, und daß die Westmächte einschreiten würden. Wir sagten, daß wir nur dann die Möglichkeit zu einem Putsch hätten.


DR. DIX: Und in diesem Sinne hatte der genannte Vertrauensmann berichtet, wie Sie festgestellt haben?


GISEVIUS: Er hat berichtet, und ich muß auch sagen, daß sehr bald von englischer Seite durch öffentliche Erklärungen – sei es im Radio, sei es in der Presse, sei es im Unterhaus – damit begonnen wurde, diese Zweifel bei der deutschen Generalität und beim deutschen Volke zu beheben. Es ist von nun an zunehmend von englischer Seite alles geschehen, was geschehen konnte, um die deutschen Generale zu alarmieren.


DR. DIX: Traf damals in der Schweiz Schacht nicht auch seinen Freund Montague-Norman und hat im gleichen Sinne mit ihm gesprochen? Das wissen Sie, da waren Sie dabei?


[244] GISEVIUS: Jawohl. Wir dachten, wir sollten diese Gelegenheit, daß Schacht mit einem engen Vertrauten des englischen Prime-Ministers Chamberlain sprechen konnte, nicht entgehen lassen, und Schacht hat sehr eingehende Gespräche mit Montague-Norman gehabt, um auch diesem die psychologische Situation in Deutschland nach Prag zu schildern und ihn zu beschwören, die Englische Regierung solle nunmehr die notwendigen Klarstellungen unternehmen.


DR. DIX: Stand Ihre Sprachregelung damals nicht unter dem Schlagwort dem Ausland gegenüber: »Ihr müßt Nazis gegen Deutsche ausspielen«?


GISEVIUS: Jawohl, das war der Tenor aller unserer Gespräche. Wir wollten, daß dem deutschen Volke klargemacht würde, daß die Westmächte nicht gegen Deutschland seien, sondern nur gegen diese Nazi-Überraschungspolitik und gegen die Nazi-Terrormethode im Innern, wie nach außen.


DR. DIX: Nun kamen Sie von der Schweiz zurück und was geschah nun mit Schacht insbesondere?


GISEVIUS: Wir sahen, daß in Deutschland die Dinge immer schneller der Augustkrise zutrieben; daß die Generale nicht davon abzubringen wären, Hitler bluffe nur, und es werde ein neues München oder Prag geben. Und nun begannen alle jene verzweifelten Bemühungen, die wir unternahmen, um auf die führenden Generale, insbesondere auf Keitel, einzuwirken, daß der entscheidende Marschbefehl gegen Polen nicht gegeben würde.


DR. DIX: Kehren wir zu Schacht zurück. Rückkehr von der Schweizer Reise, also im Frühjahr 1939. Sie wissen, daß Schacht dann aus Deutschland weggegangen ist und eine Reise nach Indien gemacht hat?


GISEVIUS: Er ging nach Indien und hoffte möglichst lange dort bleiben zu können, um nach China zu kommen. Aber unterwegs erreichte ihn der Befehl Hitlers, er dürfe chinesischen Boden nicht betreten, und er mußte zurückkehren und kam dann wenige Tage vor dem Kriegsausbruch, soweit ich mich erinnere, wieder zurück.


DR. DIX: Sie sagten China; sympathisierte denn Schacht auch mit Chiang-Kai-Chek trotz des Bündnisses mit Japan?


GISEVIUS: Jawohl. Er sympathisierte außerordentlich mit der Chinesischen Regierung, wie auch unser ganzer Kreis. Wir alle hatten sehr gute, liebe chinesische Freunde, mit denen wir uns bemühten, die Fühlung aufrechtzuhalten trotz des japanischen Bündnisses.


DR. DIX: Wann kam Schacht ungefähr von Indien zurück?


GISEVIUS: Ich denke anfangs August, ich kann mich aber...


[245] DR. DIX: Nun eilen ja die Dinge zum Krieg. Hat nun Schacht vor Ausbruch des Krieges noch irgendwelche Schritte unternommen, um den Ausbruch des Krieges zu verhindern?


GISEVIUS: Er hat eine große Anzahl von Schritten unternommen, aber diese Schritte sind überhaupt nicht isoliert zu schildern, weil ja sonst der Eindruck entstehen würde, nur Schacht habe diese Schritte unternommen. In Wirklichkeit war die Sache so, daß eine große Gruppe nunmehr kämpfte, und daß jeder die Schritte tat, die für ihn am nächsten lagen, und daß jeder den anderen unterrichtete, was er getan hatte, und was für den anderen zweckmäßig sei. Aus diesem Grunde fürchte ich, es würde ein völlig falsches Bild entstehen, wenn ich isoliert und lediglich auf die Person Schachts zugespitzt alle diese verzweifelten Versuche vom August 1939 bis zum Einfall in Holland und Belgien schildern würde.


DR. DIX: Das Tribunal hat davon Kenntnis genommen, daß es nicht heißen soll, daß nur Schacht das getan hat; aber hier steht nun einmal der Fall Schacht zur Verhandlung. Also ich würde Sie schon bitten, nur die Schilderung der Bemühungen von Schacht zu geben.


GISEVIUS: Dann muß ich vorausschicken, daß Schacht von all den vielen anderen Dingen Mitwisser war und im gewissen Zusammenhang auch Mittäter. Von ihm selber kann ich in diesem Augenblick nur sagen, daß Schacht Mitverfasser war der Thomasschen Denkschrift an den General Keitel, oder der beiden Denkschriften, in denen Schacht mit unserer Gruppe Keitel die Gefahren des Krieges darlegte, und daß Schacht weiterhin dann über Thomas und Canaris Schritte unternahm, um an Brauchitsch und Halder mit seiner Intervention heranzukommen. Ich möchte aber ausdrücklich betonen, daß alle die Schritte, die Beck unternahm, die Goerdeler unternahm, mit Wissen von Schacht und auch mit seiner Mitarbeit erfolgt sind. Es handelte sich hierbei um eine ganz große Aktion.


DR. DIX: Ein Kollektiv? Spielt da nicht ein Versuch Schachts eine Rolle, noch im letzten Moment, Ende August, im Hauptquartier über Canaris bei Brauchitsch vorstellig zu werden?


GISEVIUS: Jawohl. Nachdem der General Thomas mit seinen beiden Denkschriften gescheitert war und nachdem auch die Anregung des Generals Thomas bei Keitel, Goerdeler oder Schacht zu empfangen, gescheitert war, versuchte Schacht an Brauchitsch oder Halder heranzukommen. Thomas suchte zu diesem Zwecke wiederholt den General Halder auf; aber es war typisch, daß er in diesen kritischen Tagen nicht über das Vorzimmer des Generals Halder, über den General von Stülpnagel, hinwegkam. Halder ließ sich verleugnen und ließ nur bestellen, er wolle Schacht nicht sehen. Daraufhin unternahmen wir an dem dramatischen 25. August einen weiteren Schritt. Es ist dies jener Tag, an dem Hitler bereits einmal den Marschbefehl gegeben hatte. Sobald uns die Nachricht erreicht [246] hatte, daß Hitler Halder zum Marsche angewiesen hatte, versuchten Schacht und ich, zunächst Thomas zu erreichen, und wir fuhren dann gemeinsam mit Thomas zum Admiral Canaris, damit beide, Thomas und Canaris, Schacht begleiteten, wenn er, ohne vorherige Anmeldung, ins Hauptquartier nach Zossen fuhr, um dort Brauchitsch und Halder vor das fait accompli seiner Anwesenheit zu stellen. Schacht beabsichtigte, Brauchitsch und Halder darauf aufmerksam zu machen, daß nach der geltenden Verfassung vor einem Kriegsausbruch das Reichskabinett gehört werden müsse. Brauchitsch und Halder würden sich des Eidbruches schuldig machen, wenn sie ohne Wissen der zuständigen politischen Instanzen einem Kriegsbefehl Folge leisten würden. Dies war in großen Zügen das, was Schacht sagen wollte, um seinen Schritt zu motivieren. Als Thomas und Schacht in der Bendlerstraße ankamen, ging Thomas zu Canaris. Es war gegen 6.00 Uhr oder...


DR. DIX: In der Bendlerstraße liegt das OKW. Das Gericht muß das wissen. Bendlerstraße heißt OKW.... OKH.


GISEVIUS: Als wir im OKW ankamen und unten auf der Straße an einer Ecke warteten, sandte Canaris uns Oster; und das war der Augenblick, wo Hitler plötzlich zwischen 6.00 und 7.00 Uhr den Widerruf seines Marschbefehles an Halder gegeben hatte. Das Hohe Gericht wird sich entsinnen, daß Hitler, beeindruckt durch die neue Intervention Mussolinis, plötzlich den bereits gegebenen Marschbefehl widerrief. Und leider standen nunmehr Canaris und Thomas und unser ganzer Freundeskreis unter dem Eindruck, daß dieser Widerruf eines Marschbefehls ein unerhörter Prestigeverlust von Hitler sei. Oster meinte noch, es sei in der Kriegsgeschichte nicht dagewesen, daß ein Oberbefehlshaber einen so einschneidenden Befehl im Zuge eines Nervenzusammenbruches zurücknahm. Canaris sagte mir: »Jetzt ist der Friede Europas für 50 Jahre gerettet, denn jetzt hat Hitler alles Ansehen bei den Generalen verloren.« Und leider kam im Zuge dieser psychologischen Wende über uns alle das Gefühl, wir könnten den nächsten Tagen mit Ruhe entgegensehen. So kommt es, daß, als Hitler dann doch, drei Tage später, den entscheidenden Marschbefehl gab, dieses auch für unsere. Gruppe völlig überraschend kam. Ich wurde von Oster ins OKW gerufen. Schacht begleitete mich. Wiederum fragten wir Canaris, ob er nicht eine neue Unterredung mit Brauchitsch und Halder vermitteln könnte. Aber Canaris sagte mir: »Jetzt ist es zu spät.« In seinen Augen standen Tränen und er sagte mir: »Dies ist das Ende Deutschlands.«


DR. DIX: Euer Lordschaft! Jetzt kommen wir zum Kriege und ich glaube, den Krieg werden wir besser nach Tisch erledigen.


[Das Gericht vertagt sich bis 14.00 Uhr.]


1 Gisevius sagte vor dem Gerichtshof tatsächlich »Aufrüstung«, während er eindeutig »Abrüstung« meinte.


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 12.
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