Vormittagssitzung.

[310] VORSITZENDER: General Rudenko, Sie wollen den Zeugen wieder aufrufen, der gestern vernommen wurde, nämlich Feldmarschall Paulus, damit die Verteidiger die Möglichkeit haben, an ihn Fragen zu stellen, nicht wahr? Wollen Sie das jetzt tun?

GENERAL RUDENKO: Jawohl, der Zeuge befindet sich, dem Wunsche des Gerichtshofs entsprechend, im Gerichtsgebäude.


[Der Zeuge Paulus betritt den Zeugenstand.]


VORSITZENDER: Herr Feldmarschall Paulus, ich möchte Sie daran erinnern, daß Sie nach jeder Frage eine Pause machen, bevor Sie antworten, damit die Übersetzung durchkommen kann. Haben Sie mich verstanden?

PAULUS: Ich habe verstanden.


DR. NELTE: Herr Zeuge, ich möchte einige Fragen an Sie richten.

Sie sind am 3. September 1940 als Oberquartiermeister I zum Oberkommando des Heeres gekommen, ist das richtig?


PAULUS: Das ist richtig.


DR. NELTE: Wer war damals Oberbefehlshaber des Heeres?


PAULUS: Es wird Ihnen ausgezeichnet bekannt sein, daß der damalige Oberbefehlshaber des Heeres der Feldmarschall von Brauchitsch war.


DR. NELTE: Ich glaube, daß die Diktion, die Sie genommen haben, nicht richtig ist, denn ich habe diese Frage nicht überflüssigerweise gestellt, sondern aus der Absicht, dem Kreis der hier Versammelten die Situation klarzumachen. Sie ist uns bekannt, aber vielleicht dem Gerichtshof nicht. Wer war damals der Generalstabschef des Heeres?


PAULUS: Das war der Generaloberst Halder.


DR. NELTE: Waren Sie als Oberquartiermeister I der ständige Vertreter des Generalstabschefs?


PAULUS: Ich war der Vertreter des Generalstabschefs für die Fälle, wo er mir diese Vertretung befahl, und hatte im übrigen die mir von ihm übertragenen Aufgaben zu erledigen.


DR. NELTE: Waren Sie in diesem Falle der Spezialfachbearbeiter des Planes, den wir später unter »Barbarossa« kennengelernt haben?


[310] PAULUS: Ich war es in dem Umfange, in dem ich ihn gestern skizziert habe.


DR. NELTE: Der Feldmarschall Brauchitsch, also Ihr damaliger Oberbefehlshaber und Vorgesetzter, hat in einem von der Anklagebehörde vorgelegten Affidavit über die Behandlung militärischer Pläne eine Aussage gemacht. Mit der Erlaubnis des Gerichtshofs möchte ich Sie bitten, mir zu sagen, ob diese Angabe des Feldmarschalls von Brauchitsch auch Ihre Ansicht ist. Ich zitiere:

»Wenn Hitler sich entschlossen hatte, die Erreichung seiner politischen Ziele durch einen militärischen Druck oder durch Einsatz der militärischen Machtmittel zu unterstützen, erhielt der Oberbefehlshaber des Heeres, wenn er daran beteiligt war, zunächst in der Regel mündlich eine entsprechende Orientierung oder einen entsprechenden Befehl.«

Ist das auch Ihre Ansicht?

PAULUS: Das entzieht sich meiner Kenntnis.

DR. NELTE: Der Herr Generaloberst Halder, also Ihr unmittelbarer Chef, hat über die Behandlung derartiger militärischer Operationen und fachlichen Angelegenheiten in einem von der Anklagebehörde auch vorgelegten Affidavit folgendes gesagt:

»Militärische fachliche Angelegenheiten oblagen der Verantwortung der dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, gleichzeitig Staatsoberhaupt, also Hitler, unterstehenden Wehrmachtsteile, d.h. Heer, Kriegsmarine und Luftwaffe.«

Ist das auch Ihre Ansicht?

PAULUS: Ich möchte bitten, dieses noch einmal zu wiederholen, da ich nicht genau erfaßt habe, was Sie meinten.

DR. NELTE: Es handelt sich hier um die Frage, wer die eigentlichen militärischen Sachbearbeiter des Obersten Befehlshabers der Wehrmacht, Hitler, in großen Planungen waren. Dazu hatte Herr von Brauchitsch das gesagt, was Sie ja gehört haben, und Herr Halder hat folgendes gesagt:

»Militärische fachliche Angelegenheiten oblagen der Verantwortung der dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht unterstehenden Wehrmachtsteile, d.h. dem Heer, Kriegsmarine und Luftwaffe.«

Ist das so?

PAULUS: Ich habe es erlebt, daß wir die Befehle über militärische Maßnahmen von dem Oberkommando der Wehrmacht bekamen, wie zum Beispiel auch die Weisung Nummer 21. Ich habe die ersten militärischen Ratgeber Hitlers im Oberkommando der Wehrmacht als die verantwortlichen Bearbeiter angesehen.

[311] DR. NELTE: Wenn Sie die Weisung 21 gesehen haben, dann wissen Sie auch, wer sie unterschrieben hat. Wer war das?


PAULUS: Soweit mir erinnerlich, war sie von Hitler unterschrieben und von Keitel und Jodl abgezeichnet.


DR. NELTE: Aber jedenfalls von Hitler unterschrieben, wie alle Weisungen. Ist das richtig?


PAULUS: Jedenfalls die meisten Weisungen, wenn sie nicht in seinem Namen durch andere Persönlichkeiten unterschrieben wurden.


DR. NELTE: Also darf ich den Schluß ziehen, daß der Befehlgebende der Oberbefehlshaber der Wehrmacht, also Hitler, war.


PAULUS: Das ist richtig.


DR. NELTE: Aus dem, was die Herren von Brauchitsch und Halder sagten, ergibt sich, so nehme ich an, daß der Generalstab des Heeres mit seinem großen Apparat die Ideen, die Hitler hatte, in seinen Einzelheiten bearbeiten mußte. Glauben Sie das nicht auch?


PAULUS: Das ist richtig. Er hatte die Befehle, die ihm von der Obersten Führung erteilt waren, auf seinen Spezialgebieten durchzuführen.

DR. NELTE: Ist das richtig, ist es klar, daß sie der Obersten Führung, das heißt also, den Oberkommandierenden der Wehrmacht, gegeben wurden? Danach bestand also in allen Planungen, wie sich übrigens auch aus Ihrer Erklärung ergibt, bei der Ausarbeitung solcher Angriffskriegsplanung eine enge Zusammenarbeit zwischen Hitler als Oberstem Befehlshaber der Wehrmacht und dem Generalstab des Heeres. Ist das richtig?


PAULUS: Diese Zusammenarbeit besteht zwischen der Obersten Führung und allen Teilen, die mit der Durchführung von Befehlen der Obersten Führung beauftragt sind.


DR. NELTE: Ja, aus Ihrer Erklärung glaube ich entnehmen zu können, daß Sie die unfertige Studie, die Sie am 3. September 1940 vorfanden, ausgearbeitet haben und sie dann, nachdem sie eine gewisse Stufe der Vollendung erreicht hatte, dem Obersten Befehlshaber, Hitler, selbst oder durch Generaloberst Halder, vorgetragen haben.


PAULUS: Die stufenweise Ausarbeitung wurde durch den Generalstabschef des Heeres oder durch den Oberbefehlshaber des Heeres vorgetragen, dann entsprechend genehmigt oder verworfen.


DR. NELTE: Also von Hitler genehmigt oder verworfen?


PAULUS: Jawohl.


[312] DR. NELTE: Habe ich Sie gestern richtig verstanden, daß Sie sagten, Sie hätten schon im Herbst 1940 erkannt, daß Hitler die Sowjetunion angreifen wollte?


PAULUS: Ich habe gestern gesagt, daß diese operative Ausarbeitung die theoretische Vorbereitung war für einen Überfall.


DR. NELTE: Aber Sie nahmen doch damals schon an, daß es Hitlers Absicht war.


PAULUS: Es war aus der Art des Auftrages zu entnehmen, daß diese theoretische Vorarbeit auch ihre praktische Durchführung erfahren würde.


DR. NELTE: Ferner haben Sie gestern gesagt, daß keinerlei Nachrichten des Abwehrdienstes vorlagen, die auf Angriffsabsichten der Sowjetunion schließen ließen.


PAULUS: Jawohl.


DR. NELTE: Hat man eigentlich im Kreise des Generalstabs des Heeres über diese Dinge nicht gesprochen?


PAULUS: Ja, man hat auch darüber gesprochen. Man hat seine großen Bedenken dahin auch geäußert; aber irgendwelche Nachrichten darüber, daß Kriegsvorbereitungen der Sowjetunion erkennbar waren, sind mir nicht bekannt geworden.


DR. NELTE: Also waren Sie fest davon überzeugt, daß es sich um einen glatten Überfall auf die Sowjetunion handeln mußte?


PAULUS: Die Anzeichen dafür schlossen dies jedenfalls nicht aus.


VORSITZENDER: Der Zeuge muß langsamer sprechen.


DR. NELTE: Der Zeuge hat gesagt, daß, wenn ich recht verstanden habe, die Anzeichen die Schlußfolgerungen nicht ausschlossen.


PAULUS: Der Auftrag zu der Ausführung dieser zunächst theoretischen Prüfung der Angriffsverhältnisse wurde betrachtet, nicht nur von mir, sondern auch von den anderen eingeweihten Bearbeitern als die Vorstufe der Vorbereitung für einen Angriff, das heißt Überfall auf die Sowjetunion.


DR. NELTE: Sind in der Erkenntnis dieser Tatsache Ihrerseits oder seitens des Generalstabs des Heeres oder des Oberbefehlshabers des Heeres Vorstellungen bei Hitler erhoben worden?


PAULUS: Es ist mir persönlich nicht bekannt, in welcher Form und ob der Oberbefehlshaber des Heeres Vorstellungen erhoben hat.


DR. NELTE: Haben Sie selbst gegenüber Generaloberst Halder oder dem Oberbefehlshaber von Brauchitsch Ihre schweren Bedenken geltend gemacht?


[313] PAULUS: Wenn ich richtig urteile, dann glaube ich, soll ich hier als Zeuge auftreten für die Vorgänge, die den Angeklagten vorgeworfen werden. Ich bitte deshalb den Gerichtshof, mich von der Beantwortung dieser auf mich zielenden Fragen zu entbinden.


DR. NELTE: Herr Feldmarschall, Sie wissen offenbar nicht, daß Sie auch zu dem Kreise der Angeklagten gehören, denn Sie gehören zu der als verbrecherisch angeklagten Organisation der Oberbefehlshaber.


PAULUS: Und daher habe ich eben, da ich glaube, daß ich hier als Zeuge für die Vorgänge, die zu der Anklage gegen die jetzigen Angeklagten geführt haben, gebeten, von der Beantwortung dieser mich betreffenden Frage entbunden zu werden.


DR. NELTE: Ich bitte den Hohen Gerichtshof, darüber zu entscheiden.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof ist der Ansicht, daß Sie die Fragen beantworten müssen, die Ihnen bis jetzt vorgelegt wurden.

PAULUS: Dann darf ich nochmal um Wiederholung bitten.


DR. NELTE: Ich habe Sie zuletzt gefragt, ob Sie die von Ihnen erkannten schweren Bedenken Ihrem Chef Halder oder dem Oberbefehlshaber von Brauchitsch vorgetragen haben?


PAULUS: Ich kann mich nicht erinnern, mit dem Oberbefehlshaber des Heeres darüber gesprochen zu haben, dagegen mit dem mir vorgesetzten Generalstabschef.


DR. NELTE: Teilte er auch Ihre Ansichten?


PAULUS: Er teilte auch meine Ansichten, das heißt die Ansichten der großen Sorge vor einem derartigen Vorhaben.


DR. NELTE: Aus militärischen oder moralischen Gründen?


PAULUS: Aus den vielseitigsten Gründen, sowohl militärischen als auch moralischen.


DR. NELTE: Es steht also fest, daß Sie und der Generalstabschef von Halder diese Tatsachen kannten, die den Krieg gegen Rußland als einen verbrecherischen Überfall dartun und daß Sie trotzdem nichts unternommen haben. Sie haben in Ihrer Erklärung gesagt, Sie sind dann später Oberbefehlshaber der 6. Armee geworden?


PAULUS: Jawohl.


DR. NELTE: Sie haben also in Kenntnis auch der eben festgestellten Tatsachen die Führung der Armee übernommen, die auf Stalingrad vorgestoßen ist. Hatten Sie keine Bedenken, sich zum Werkzeug des von Ihnen als verbrecherisch angesehenen Angriffs zu machen?


[314] PAULUS: So, wie die Lage damals sich für den Soldaten darstellte, in Verbindung auch mit der außerordentlichen Propaganda, die betrieben wurde, habe ich damals wie so viele geglaubt, meinem Vaterlande gegenüber meine Pflicht tun zu müssen.


DR. NELTE: Aber Sie kannten doch die Tatsachen, die dem entgegenstanden?


PAULUS: Die Tatsachen, wie sie nachher klar geworden sind, gerade durch meine Erlebnisse als Oberbefehlshaber der 6. Armee, die ihren Höhepunkt bei Stalingrad erreichten, kannte ich nicht. Auch diese Erkenntnis dieses verbrecherischen Überfalls ist mir erst später bei der Überlegung der ganzen Zusammenhänge gekommen, denn vorher hatte ich nur einen Einblick in Ausschnitte.


DR. NELTE: Dann muß ich also Ihre. Bezeichnung »verbrecherischen Überfall« oder auch die sonstigen Bezeichnungen für die Kriegshetzer als eine nachträgliche Erkenntnis auffassen?


PAULUS: Jawohl.


DR. NELTE: Und ich darf sagen, daß Sie trotz Ihrer schweren Bedenken und Kenntnis der Tatsachen, die den Krieg gegen Rußland als Angriffskrieg und verbrecherischen Überfall erscheinen ließen, es für Ihre Gehorsamspflicht gehalten haben, den Befehl der 6. Armee zu führen und Stalingrad bis zum letzten zu halten.


PAULUS: Ich habe gerade erläutert, daß ich damals, als ich den Befehl übernahm, den Umfang des Verbrechens, der in der Eröffnung und Durchführung dieses Eroberungskrieges lag, nicht in dem Umfang und in der Schärfe erkannt hatte und erkennen konnte, wie es meine Erfahrungen, die ich als Oberbefehlshaber der 6. Armee bei Stalingrad sammeln mußte, dann ergaben.


DR. NELTE: Sie sprechen von dem Umfang, aber von der Tatsache, daß Sie die Gründe kannten, vielleicht als einer der wenigen kannten, haben Sie nicht gesprochen.


PAULUS: Ich kannte sie nicht. Ich kannte die Einleitung dieses Krieges als einen Angriffskrieg, damals aus der Gesamthaltung, aus der Masse des Offizierskorps entspringend, sah ich in der Begründung des Schicksals des Volkes und des Landes auf einer Machtpolitik damals nichts Ungewöhnliches.


DR. NELTE: Also Sie billigten diese Gedankengänge?


PAULUS: Nicht die Tendenz, die sich nachher herausstellte, aber ich schloß nicht aus, daß auch das Schicksal des Landes auf der Machtpolitik mit aufgebaut werden könnte. Es war eine – mit einer Verkennung der Tatsache, daß zu dieser Zeit und im 20. Jahrhundert nur die Demokratie und die Anerkennung des Nationalitätenprinzips die bestimmenden Faktoren sind.


[315] DR. NELTE: Erkennen Sie auch anderen, die nicht so nahe an der Quelle saßen, den guten Glauben zu, daß sie für ihr Vaterland das beste wollten?


PAULUS: Natürlich.


DR. SAUTER, VERTEIDIGER FÜR DIE ANGEKLAGTEN VON SCHIRACH UND FUNK: Herr Zeuge, Sie haben bei Ihrer gestrigen Aussage einmal erwähnt, daß Sie als die Schuldigen an diesem Krieg auch die Hitler-Regierung betrachten. Stimmt das?


PAULUS: Ja, das hab' ich...

DR. SAUTER: In Ihrer schriftlichen Aussage, die Sie unter dem 9. Januar 1946, und zwar, wie es heißt, in einem Kriegsgefangenenlager abgegeben haben, steht davon nichts, wenigstens habe ich bisher nichts davon gefunden.


PAULUS: Dieses Schreiben hat damit auch nichts zu tun. Das ist ein Schreiben an die Sowjetregierung, in dem ich mich auseinandergesetzt habe mit den Fragen, wie sie in der Hauptsache die Erscheinungen, die bei der 6. Armee in Rußland vorgekommen sind, betrafen, und das sich mit meinen persönlichen Erfahrungen befaßt.


DR. SAUTER: In diesem Schreiben steht aber unter dem 8. Januar 1946 ausdrücklich, und ich zitiere hier:

»Heute, wo über die Verbrechen Hitlers und seiner Helfer Gericht der Völker gehalten wird, sehe ich mich verpflichtet, alles, alles, was mir auf Grund meiner Tätigkeit bekannt ist und als Beweismaterial für die Schuld der Kriegsverbrecher im Nürnberger Prozeß dienen kann, der Sowjetregierung zu unterbreiten.«

Trotzdem steht in der schriftlichen Erklärung, die ja sehr ausführlich ist, davon nichts.

VORSITZENDER: Dr. Sauter, wenn Sie den. Zeugen über diesen Brief ins Kreuzverhör nehmen, müssen Sie den Brief erst als Beweismaterial vorlegen, und zwar den ganzen Brief.

DR. SAUTER: Das ist die Erklärung, die der Zeuge am...

VORSITZENDER: Ich habe keinen Zweifel darüber, ich meine nur, wenn Sie ein Kreuzverhör des Zeugen wegen dieses Briefes vornehmen und ihm diesen Brief vorhalten, dann müssen Sie ihn als Beweisstück vorlegen. Haben Sie eine Abschrift dieses Briefes?


DR. SAUTER: Jawohl, es ist das die Erklärung, die der russische Ankläger gestern dem Zeugen bereits vorgehalten hat und bezüglich derer der Zeuge angab, daß er sie wiederhole und als richtig anerkenne.


[316] VORSITZENDER: Ja, ich verstehe, ich war nicht ganz sicher, ob es tatsächlich vorgelegt wurde, oder ob es in Anbetracht der Vorladung des Zeugen selbst zurückgezogen wurde. Ist der Brief nun vorgelegt worden?


DR. SAUTER: Aber der Zeuge hatte ausdrücklich auf eine Frage des russischen Anklägers diese Aussage wiederholt.


VORSITZENDER: Herr Willey, wurde der Brief vorgelegt oder nicht?


MR. WILLEY: Er wurde nicht vorgelegt.


VORSITZENDER: Gut, Sie können fortsetzen, ihn in dieser Sache zu verhören, jedoch muß das Dokument vorgelegt werden. Das ist alles.


DR. SAUTER:


[Zum Zeugen gewandt]


Nun würde mich interessieren, Herr Zeuge, was verstehen Sie unter Hitler-Regierung? Verstehen Sie da die Parteileitung oder verstehen Sie darunter das Reichskabinett, oder was verstehen Sie darunter?


PAULUS: Ich verstehe darunter alle die Verantwortlichen.


DR. SAUTER: Ich bitte, die Frage etwas präziser zu beantworten.


PAULUS: Ich habe in meinen Ausführungen gestern lediglich das aus meinem Bereich, was ich persönlich erlebt habe, auseinandergesetzt.

Ich habe über die einzelnen Persönlichkeiten der Regierung als solche nicht die Absicht gehabt, irgendwelche Aussagen zu machen, weil das sich meiner Kenntnis entzieht.


DR. SAUTER: Ja, Sie sprechen aber doch von Hitler-Regierung.


PAULUS: Damit meine ich den Begriff der Hitlerschen Staatsführung.

DR. SAUTER: Der Hitlerschen Staatsführung, also in erster Linie wohl das Reichskabinett?


PAULUS: Ja, was verantwortlich ist für die von der Regierung gegebenen Anordnungen.


DR. SAUTER: Aus diesem Grunde interessiert mich nun folgendes: Der Angeklagte Funk, der da drüben sitzt, war auch Mitglied des Reichskabinetts und der Angeklagte von Schirach wird von der Anklagebehörde auch zum Reichskabinett gezählt. Wissen Sie etwas darüber, ob der Angeklagte Funk und der Angeklagte Schirach, so wie zum Beispiel Sie, in diese Pläne Hitlers eingeweiht waren?


PAULUS: Das ist mir nicht bekannt.


DR. SAUTER: Ist Ihnen bekannt, ob während des Krieges, nachdem Sie doch beim OKW waren, überhaupt Kabinettssitzungen stattgefunden haben?


[317] PAULUS: Das ist mir auch nicht bekannt.


DR. SAUTER: Ist Ihnen bekannt, daß Hitler, im Interesse der Geheimhaltung seiner kriegerischen Pläne, sogar angeordnet hat, daß zu Beratungen zwischen ihm und seinen militärischen Beratern die Mitglieder des Reichskabinetts, wie zum Beispiel Funk, überhaupt nicht zugezogen werden durften?


PAULUS: Das ist mir nicht bekannt.

DR. SAUTER: Ist Ihnen nicht bekannt geworden, vielleicht aus dem Munde des Herrn Jodl oder des Herrn Keitel, daß Hitler sogar verboten hat, daß Mitglieder des Reichskabinetts, zivile Mitglieder des Reichskabinetts, an solchen militärischen Sitzungen teilnehmen?


PAULUS: Da ist mir nichts darüber bekannt geworden.


DR. SAUTER: Eine andere Frage: Nachdem Stalingrad eingeschlossen war und die Lage aussichtslos geworden war, sind mehrere Ergebenheitstelegramme an Hitler gesandt worden aus der Festung heraus. Wissen Sie davon?


PAULUS: Ich weiß von sogenannten Ergebenheitstelegrammen nur vom Schluß, wo es versucht wurde, über dieses Furchtbare, was dort geschehen war, noch einen Sinn herauszufinden, um diesem ganzen Leiden und Sterben der Soldaten noch einen Sinn zu geben. Infolgedessen wurden diese Dinge in dem Telegramm als Heldentat, die für immer in der Erinnerung bleiben sollte, hingestellt. Ich bedauere, daß ich damals, aus der ganzen Situation geboren, das habe durchgehen lassen und das nicht unterbunden habe.


DR. SAUTER: Die Telegramme stammen von Ihnen?


PAULUS: Ich weiß nicht, welche Telegramme gemeint sind, mit Ausnahme des letzten.


DR. SAUTER: Mehrere Ergebenheitstelegramme, in denen »Aushalten bis zum letzten Mann« versprochen worden war, also diejenigen Telegramme, über die das deutsche Volk entsetzt war, die sollen Ihre Unterschrift haben?


PAULUS: Dann bitte ich, mir die vorzulegen, sie sind mir nicht bekannt.


DR. SAUTER: Wissen Sie ungefähr, was in dem letzten Telegramm stand?


PAULUS: In dem letzten war kurz skizziert die Leistung, die die Armee vollbracht hat und herausgestrichen, daß dieses Nichtkapitulieren als Beispiel für die Zukunft gelten möge.


DR. SAUTER: Die Antwort darauf war, glaube ich, Ihre Beförderung zum Generalfeldmarschall?


PAULUS: Das ist mir nicht bekannt, daß das eine Antwort darauf war.


[318] DR. SAUTER: Aber Sie sind doch zum Generalfeldmarschall befördert worden und tragen auch diesen Titel; denn die Erklärung, die ich eben dem Gerichtshof vorgelegt habe, ist unterzeichnet: Paulus, Generalfeldmarschall.


PAULUS: Dazu muß ich erklären, daß... Diese Erklärungen hier?


DR. SAUTER: Ja.


PAULUS: Ich mußte ja den Titel nehmen, der mir verliehen worden ist.


DR. SAUTER: In dieser Erklärung, die ich dem Gerichtshof als Beweismittel vorgelegt habe, befindet sich der Schlußsatz:

»Ich trage die Verantwortung dafür, daß ich der Durchführung meines Befehls vom 14. Januar 1943 über Abgabe aller Kriegsgefangenen...«

das heißt aller russischen Kriegsgefangenen....


PAULUS: Jawohl.

DR. SAUTER:

»... an die russische Seite nicht überwacht habe, ferner, daß ich mich...«

PAULUS: Jawohl.

DR. SAUTER:

»... der Gefangenenfürsorge«,

also auch für die russischen Gefangenen,

»nicht mehr gewidmet habe.«

Mir fällt auf, Herr Zeuge, und ich bitte, mir darüber eine Erklärung abzugeben, warum haben Sie denn in diesem ausführlichen Schreiben die Hunderttausende von deutschen Soldaten ganz vergessen, die unter Ihrem Oberbefehl standen und unter Ihrem Oberbefehl Freiheit, Gesundheit und Leben verloren haben? Kein Wort davon.

PAULUS: Nein.

DR. SAUTER: Nein?


PAULUS: Darum handelt es sich in diesem Schreiben nicht. Dieses Schreiben an die Sowjetregierung setzte sich auseinander mit dem, was in dem Kessel von Stalingrad der russischen Zivilbevölkerung und den russischen Kriegsgefangenen angetan worden ist. An diesem Platze konnte ich für meine Soldaten nicht sprechen.


DR. SAUTER: Nein, kein Wort finden?


PAULUS: Nein, konnte ich hier nicht sprechen, sondern das hätte an anderem Ort geschehen müssen. Es ist allerdings so, daß alle die operativen Befehle, die zu diesen entsetzlichen Erscheinungen bei Stalingrad geführt haben, trotz meiner Einwendungen... ich [319] habe um den 20. Januar herum in Zusammenfassung noch der vorhergegangenen Schilderungen ausgeführt, daß die Zustände des Elends und des Leidens durch Kälte, Hunger und Seuchen ein Maß angenommen hatten, daß die Zustände unerträglich geworden und daß ein Weiterkämpfen über die menschliche Kraft ging.

Die mir darauf von der Obersten Führung erteilte Antwort lautete:

»Kapitulation ausgeschlossen. Die 6. Armee erfüllt ihre historische Aufgabe damit, durch Aushalten bis zum äußersten den Wiederaufbau der Ostfront zu ermöglichen.«

DR. SAUTER: Und deshalb haben Sie dann an der Fortführung des von Ihnen geschilderten Verbrechens bis zum letzten Ende mitgewirkt?

PAULUS: Das ist richtig.


DR. SAUTER: Denn nach Ihrer eigenen Darstellung war ja alles von Anfang an ein Ihnen klares und Ihnen längst zum Bewußtsein gekommenes Verbrechen?


PAULUS: Das habe ich nicht gesagt, daß das ein von Anfang an mir zum Bewußtsein gekommenes Verbrechen ist, sondern, daß sich das bei der rückschauenden Betrachtung so darstellt. Denn meine Erkenntnisse resultieren ja gerade aus meinen Erlebnissen von Stalingrad.


DR. SAUTER: Dann würde mich doch noch interessieren zum Schluß: War Ihnen nicht von Anfang an klar – wie Sie mit der Ausarbeitung der Pläne für den Überfall auf Rußland beauftragt wurden, und zwar als Spezialist für derartige Aufgaben –, war Ihnen da nicht von Anfang an klar, daß dieser Überfall auf Rußland nur unter Verletzung völkerrechtlicher Verträge ausgeführt werden konnte, durch die Deutschland gebunden war?


PAULUS: Ja, unter Verletzung des Völkerrechts, aber nicht unter den Erscheinungen, wie sie sich nachher abspielten.


DR. SAUTER: Nein, ich frage, ob Ihnen das klar war, daß dieser Plan nur unter Verletzung völkerrechtlicher Verträge ausgeführt werden konnte?


PAULUS: Es war mir klar, daß ein Überfall nur erfolgen konnte unter Verletzung des Vertrages, der seit dem Herbst 1939 mit Rußland bestanden hat.


DR. SAUTER: Ich habe sonst keine Frage, danke sehr.


[Professor Dr. Exner nähert sich dem Rednerpult.]


VORSITZENDER: Dr. Exner, ich habe bereits dem Zeugen und den Verteidigern immer wieder mitgeteilt, daß es von größter [320] Wichtigkeit ist, daß sie ihre Frage langsam stellen sollen, daß sie nur eine Frage auf einmal stellen sollen, und daß sie Pausen zwischen Frage und Antwort und zwischen Antwort und nächster Frage machen sollen. Wollen Sie bitte versuchen, diese Regel einzuhalten!

PROFESSOR DR. EXNER, VERTEIDIGER FÜR DEN ANGEKLAGTEN JODL:

[zum Zeugen gewandt]


Herr Zeuge, Sie haben im September 1940 im OKW die Ausarbeitung eines Operationsentwurfs gegen Rußland übernommen, beziehungsweise die Aufgabe erhalten, an dem schon begonnenen Entwurf weiterzuarbeiten. Wissen Sie, wie stark damals ungefähr die deutschen Kräfte im Osten waren?


PAULUS: Ich darf nur noch klarstellen, im OKH habe ich...


PROF. DR. EXNER: Ja, um das OKH handelt es sich.


PAULUS: Ich weiß es nicht mehr, wie stark die Kräfte damals im Osten waren. Es war zu der Zeit kurz nach Beendigung des Frankreichfeldzuges.


PROF. DR. EXNER: Sie wissen nicht, wieviel Divisionen ungefähr damals als Schutz der deutschen Grenzen im Osten standen?


PAULUS: Nein, ist mir nicht mehr erinnerlich.


PROF. DR. EXNER: Im Februar 1941 begannen unsere Transporte nach dem Osten. Können Sie sagen, wie stark damals die russischen Kräfte entlang der deutsch-russischen Demarkationslinie und der rumänischen Grenze gewesen sind?


PAULUS: Nein, das kann ich nicht sagen; die Nachrichten, die über Rußland und die russischen Kräfte eingelaufen waren, waren so außerordentlich lückenhaft und gering, daß wir sehr lange überhaupt kein Bild hatten.


PROF. DR. EXNER: Aber hat nicht Halder damals dem Führer mehrmals über die Stärke und Verteilung der russischen Kräfte vorgetragen?


PAULUS: Das ist möglich, ich kann mich daran nicht mehr erinnern, da ich auch ressortmäßig von diesem Zeitpunkt ab nicht mehr betraut war mit diesen Fragen, mit der theoretischen Entwicklung der Gedankengänge; im Dezember übernahm die Bearbeitung die Operationsabteilung des Heeres.


PROF. DR. EXNER: Sie haben damals Kriegsspiele veranstaltet?


PAULUS: Das war Anfang Dezember.


PROF. DR. EXNER: Ja, da werden Sie doch wohl zugrunde gelegt haben die Nachrichten, die Sie tatsächlich hatten über die Stärke des Gegners?


PAULUS: Das waren damals Annahmen.

[321] PROF. DR. EXNER: Nun, Sie haben intensiv mitgearbeitet an diesem Operationsplan, haben durch Kriegsspiele ihn erprobt; sagen Sie mir, wodurch unterscheidet sich diese Art Ihrer Tätigkeit von der Tätigkeit Jodls?


PAULUS: Das unterliegt, glaube ich, nicht meinem Urteil.


PROF. DR. EXNER: Ich verstehe nicht. Diese Arbeit war eine generalstäblerische Arbeit, nicht?


PAULUS: Jawohl, es war eine Generalstabsarbeit, die mir von dem Generalstabschef zugewiesen wurde.


PROF. DR. EXNER: Ja, und die Tätigkeit Jodls als Chef des Wehrmachtführungsstabes...


PAULUS:... unterscheidet sich, glaube ich, dadurch, daß er an seiner Stelle den Gesamtüberblick hatte, während mir nur ein Ausschnitt, und zwar nur das, was zu meiner Bearbeitung notwendig war, vermittelt wurde.


PROF. DR. EXNER: Aber die Tätigkeit war in beiden Fällen eine generalstäblerische Vorbereitung des Kriegs, nicht wahr?


PAULUS: Ja.


PROF. DR. EXNER: Es würde mich noch etwas bezüglich Stalingrad interessieren. In Ihrer schriftlichen Aussage oder schriftlichen Erklärung haben Sie behauptet, Keitel und Jodl seien schuld an dem Kapitulationsverbot, das sich so tragisch ausgewirkt hat. Woher wissen Sie das?


PAULUS: Ich habe damit zum Ausdruck gebracht, daß es das Oberkommando der Wehrmacht ist, welches die Verantwortung dafür trägt, wobei es gleichgültig ist, ob das von einer Persönlichkeit unmittelbar ausgeht; jedenfalls liegt die Verantwortung bei der Dienststelle als solcher.


PROF. DR. EXNER: Also, Sie wissen jedenfalls nichts über eine persönliche Beteiligung dieser beiden genannten Herren, sondern Sie meinten nur...


PAULUS:... das Oberkommando der Wehrmacht, das durch diese Persönlichkeiten vertreten wird.


VORSITZENDER: Einen Augenblick. Der Übersetzer soll nicht jedesmal Frage und Antwort sagen, sondern nur den Text der Frage und der Antwort. Wenn immer Frage und Antwort gesagt wird, nimmt das zu viel Zeit des Übersetzers in Anspruch und macht das Übersetzen schwieriger. Das ist zumindest meine Meinung.


PROF. DR. EXNER: Sagen Sie, warum haben Sie nicht – als in Stalingrad die Lage so hoffnungslos und furchtbar wurde, wie Sie heute schon angedeutet haben – trotz des Gegenbefehls des Führers den Ausbruch versucht?


[322] PAULUS: Weil mir es damals so hingestellt wurde, als ob durch das weitere Aushalten der von mir geführten Armee das Schicksal des deutschen Volkes abhinge.


PROF. DR. EXNER: Wissen Sie, daß Sie das Vertrauen Hitlers in besonderem Maße genossen haben?


PAULUS: Dies ist mir nicht bekannt.


PROF. DR. EXNER: Wissen Sie, daß er bereits bestimmt hatte, daß Sie der Nachfolger Jodls werden sollten, wenn Stalingrad erledigt wäre, weil er mit Jodl nicht mehr zusammenarbeiten wollte?


PAULUS: Das ist mir in dieser Form nicht bekannt geworden, sondern lediglich ein Gerücht, das in den Spätsommer fällt oder in den Frühherbst 1942, daß eine Umorganisation geplant sei in der Führung. Das ist ein Gerücht, das mir der Generalstabschef der Luftwaffe damals erzählt hatte; aber eine offizielle Orientierung ist mir darüber nicht geworden; dagegen eine andere Orientierung, daß ich die Armee abgeben, in der Führung einer neu zu errichtenden Heeresgruppe andere Verwendung finden sollte.


PROF. DR. EXNER: Können Sie sich an das Telegramm erinnern, welches Sie an den Führer sandten, als Sie in Stalingrad zum Feldmarschall ernannt worden sind?


PAULUS: Ich habe daraufhin kein Telegramm gesandt. Ich habe nach meiner Ernennung kein Telegramm gesandt.


PROF. DR. EXNER: Haben Sie in keiner Weise Ihren Dank zum Ausdruck gebracht?


PAULUS: Nein.


PROF. DR. EXNER: Das widerspricht Feststellungen, die andere gemacht haben. Herr Zeuge, Sie sollen Lehrer an der Kriegsakademie in Moskau sein oder gewesen sein? Ist das richtig?


PAULUS: Das ist auch nicht richtig.


PROF. DR. EXNER: Haben Sie eine andere Stellung in Moskau gehabt?


PAULUS: Ich bin vor dem Kriege niemals in Rußland gewesen.


PROF. DR. EXNER: Aber jetzt, seit der Gefangenschaft?


PAULUS: Ich bin, wie meine anderen Kameraden, in Kriegsgefangenenlagern gewesen.

PROF. DR. EXNER: Waren Sie Mitglied des deutschen Freiheitskomitees?


PAULUS: Ich bin Mitglied gewesen einer Bewegung deutscher Männer, Soldaten aller Dienstgrade und Männer aller Schichten, die es sich zur Aufgabe gestellt hatten, das deutsche Volk in dem letzten [323] Augenblick noch vor dem Abgrund zurückzurufen und zum Sturz dieser Hitler-Regierung, die alles dieses Elend über die Völker und über unser deutsches Volk vor allem gebracht hat, aufzurufen.

Ich habe das getan in einem Aufruf vom 8. August 1944.


PROF. DR. EXNER: Waren Sie vorher in diesem Zusammenhang tätig?


PAULUS: Vorher bin ich nicht tätig gewesen.


PROF. DR. EXNER: Danke schön.


DR. LATERNSER, VERTEIDIGER FÜR GENERALSTAB UND OBERKOMMANDO: Ich habe nur noch wenige Fragen an den Zeugen zu richten.

Herr Zeuge, mußten Sie bei der Übernahme Ihres Amtes als Oberquartiermeister I nicht der Auffassung sein, daß diese Vorarbeiten, die bereits der Generalmajor Marx begonnen, und die Sie dann fortgesetzt haben, gedacht waren nur für den Eventualfall?


PAULUS: Man konnte auf diesen Gedanken natürlich kommen. Aber es stellten sich sehr bald im Laute der Arbeit ja Erscheinungen heraus, die es doch wahrscheinlich erscheinen ließen, daß diese theoretischen Vorbereitungen ihre praktische Anwendung finden sollen. Denn in Verbindung mit dieser operativen Ausarbeitung eines Offensivplanes, in dem ja auch schon von Anfang an mit der Ausnutzung des rumänischen Gebietes gerechnet wurde, in diese Zeit hinein fiel die erste Entsendung einer großen Militärmission mit Lehrgruppen einer ganzen Panzerdivision gerade in dieses Gebiet, wofür die ersten theoretischen Vorarbeiten für einen Offensivplan gerade angelaufen waren. Und so allmählich verdichteten sich die Eindrücke, daß es sich um einen tatsächlich später auszuführenden Plan handelte.


DR. LATERNSER: Herr Zeuge, ich bezwecke mit meiner Frage folgendes: Ich glaube, daß der Zeitpunkt, den Sie angegeben haben, daß also der Angriffsplan bereits seit Herbst 1940 bestanden hat, als etwas zu früh angegeben ist?


PAULUS: Die Unterlagen, die mir für diesen Offensivplan gegeben waren, habe ich gestern eingehend auseinandergesetzt. Sie lagen am 3. September vor. Denn genau auf der Basis dieser Unterlagen ist alles entwickelt worden und hat sich tatsächlich auch nach her in der Praxis abgespielt.


DR. LATERNSER: Ich meine folgendes: Daß zunächst dieser Plan gedacht war für den Eventualfall, der dann zu einem späteren Zeitpunkt zu einem Entschluß umgeändert worden ist?


PAULUS: So, wie die rückschauende Betrachtung ergibt, ist es ein vollkommenes Ineinanderfließen dieser theoretischen Vorarbeit und nachher der praktischen Vorbereitung und Durchführung.


[324] DR. LATERNSER: Kennen Sie die Weisung Nummer 13 des früheren Obersten Befehlshabers der Wehrmacht vom 12. November 1940?


PAULUS: Ist mir nicht erinnerlich.


DR. LATERNSER: Herr Präsident, ich beziehe mich nunmehr auf das bereits von der Amerikanischen Anklagebehörde überreichte Dokument 444-PS.


[Zum Zeugen gewandt]:


Ich lege es Ihnen vor. Es kommt Seite 8 in Betracht.


[Dem Zeugen wird das Dokument vorgelegt.]


PAULUS: Ich kann mich nicht erinnern, davon früher Kenntnis gehabt zu haben.

DR. LATERNSER: Zur Orientierung des Gerichtshofs verlese ich den Abschnitt; er ist ganz kurz, den ich soeben dem Zeugen vorgehalten habe. Es handelt sich um Seite 8 des Dokuments 444-PS. Dieser Absatz lautet:

»5. Rußland. Politische Besprechungen mit dem Ziel, die Haltung Rußlands für die nächste Zeit zu klären, sind eingeleitet.«

[Zum Zeugen gewandt]:


Herr Zeuge, nachdem Sie von diesem Absatz Kenntnis genommen haben, werden Sie doch meiner Meinung Recht geben müssen, daß der Zeitpunkt, von dem an der Entschluß gefaßt worden ist, die Sowjetunion anzugreifen, zeitlich später gelegen haben muß, als wie Sie gestern angegeben haben?


PAULUS: Ich kann nur das aus meinem persönlichen Erleben und meiner persönlichen Auffassung sich Ergebende bei der rückschauenden Betrachtung erklären, daß, wenn ich diesen ganzen Werdegang verfolge, es ein klarer und fortlaufender Plan war, von der Aufstellung dieses Planes, am 3. September beginnend, bis nachher über die Weisung vom 21. Dezember bis zu seiner praktischen Realisierung. An welchem genau, präzis meßbaren Zeitpunkt der endgültige Entschluß gefaßt worden ist, entzieht sich natürlich meiner Kenntnis.


DR. LATERNSER: War Ihnen bekannt, daß im Jahre 1939 die Sowjetunion mit unverhältnismäßig starken Kräften damals in Polen einmarschiert ist, die nach Meinung der deutschen militärischen Sachverständigen in keinem Verhältnis zu der zu lösenden militärischen Aufgabe gestanden haben?


PAULUS: Über die Stärke des Einmarsches war ich nicht im Bilde, lediglich über die Tatsache. Ich habe aber nie etwas gehört über das Erstaunen über die Stärke der Kräfte, die dort zum Einmarsch gekommen sind; es ist mir nie zu Ohren gekommen.


[325] DR. LATERNSER: Wissen Sie, daß bereits vor dem deutschen Aufmarsch an der Ostgrenze weitüberlegene sowjetrussische Kräfte an der Ostgrenze standen, insbesondere sehr starke Panzerkräfte im Raume Bialystok?


PAULUS: Nein, in dieser Form ist mir das nicht bekannt geworden.


DR. LATERNSER: Wurden die ersten Divisionen vom Westen nach Osten nicht erst dann verlegt, nachdem bereits sehr starke sowjetrussische Kräfte an der Ostgrenze standen?


PAULUS: Über die Zusammenhänge der Truppenbewegungen und Verschiebungen vom Westen nach dem Osten mit der praktischen Durchführung bin ich nicht im Bilde, da ich an der praktischen Bearbeitung nicht teilgenommen habe und vor allen Dingen in den Monaten April und Mai nur sehr kurz im Oberkommando des Heeres infolge anderer Verwendung anwesend gewesen bin.


DR. LATERNSER: Herr Zeuge, Sie sagten gestern aus, daß Ihnen in einer Ende März 1941 stattgefundenen Besprechung, und zwar in der Reichskanzlei, von Generaloberst Halder als Gründe für den Angriff, für den beabsichtigten Angriff auf Jugoslawien, verschiedene Punkte angegeben worden sind. Sie nannten dabei erstens die Ausschaltung der Flankenbedrohung, zweitens die Inbesitznahme der Bahnlinie Nisch. Und drittens insbesondere den Umstand, daß man, im Falle eines Angriffs gegen Rußland, die rechte Schulter frei habe.


PAULUS: Ja.


DR. LATERNSER: Waren die Gründe für diesen Angriff nicht andere, also Gründe, die mehr vorgewogen haben, als die von Ihnen angegebenen?


PAULUS: Mir sind keine anderen bekannt.

DR. LATERNSER: Sollte mit diesem Angriff auf Jugoslawien nicht den Italienern Entlastung gebracht werden?


PAULUS: Ja, natürlich, auch das ist ja der Ausgangspunkt gewesen, weshalb eine Operation gegen Griechenland in Frage kam und weshalb dann diese Flankenbedrohung für einen Stoß aus Bulgarien nach Griechenland ausgeschaltet werden sollte.


DR. LATERNSER: Bestand damals nicht auch die Befürchtung der Verbindung zwischen Jugoslawien und Griechenland, wodurch dann England wiederum in die Lage versetzt worden wäre, an der griechischen Küste zu landen und damit eine Absprungbasis gegen die Ölgebiete von Rumänien erhalten hätte?


PAULUS: Jawohl, aber auch den Angriff, den Fall »Barbarossa«, unmöglich gemacht hätte, der dann in seiner rechten Flanke bedroht und offen gewesen wäre.


[326] DR. LATERNSER: Ich bin nämlich anders orientiert worden. Der Fall »Barbarossa« hätte bei dem Entschluß, Jugoslawien anzugreifen oder nicht, nicht die wesentliche Rolle gespielt, die Sie gestern diesem Angriff beigemessen haben.


PAULUS: Es war gar nicht durchführbar, wenn das Gebiet von Griechenland und Serbien, womöglich noch nach englischer Landung, Verstärkung und Besatzung, in Feindeshand kam.


VORSITZENDER: Vielleicht könnte man jetzt vertagen?


[Pause von 10 Minuten.]


VORSITZENDER: Ich habe gehört, daß die Dolmetscher die Worte »Frage« und »Antwort« zur Unterstützung des Gerichtsstenographen und der Presse gebrauchen. Aus diesem Grunde gebe ich die Erlaubnis, daß die Dolmetscher die Worte »Frage« und »Antwort« weiterhin benutzen. Diese Tatsache läßt noch deutlicher erkennen, daß das wirkliche Mittel, die Schwierigkeiten zu beheben, in der Pause, die Anwalt und Zeuge nach jeder Frage, beziehungsweise nach jeder Antwort eintreten lassen müssen, besteht. Der Gerichtshof glaubt, daß Anwalt und Zeuge imstande sein sollten, zu hören, wann die Übersetzung der Frage erfolgt ist, dann kann der Zeuge seine Antwort erteilen; wenn die Übersetzung der Antwort stattgefunden hat, was der Anwalt hören kann, dann kann er die folgende Frage stellen. Ist es klar, was ich meine?

DR. LATERNSER: Herr Zeuge, wir sprachen gerade von dem Angriff auf Jugoslawien, und wenn ich Sie recht verstanden habe, sagten Sie, daß dieser Angriff unbedingt durchgeführt werden mußte, bevor das Unternehmen »Barbarossa« begann, weil andernfalls eine starke Flankenbedrohung vorgelegen haben würde. Habe ich Sie so recht verstanden?


PAULUS: Jawohl.


DR. LATERNSER: Nun sagten Sie gestern, daß der Umsturz in Jugoslawien Hitler zum Angriff auf Jugoslawien veranlaßt habe. Wissen Sie, ob solche Angriffspläne auch bestanden haben vor diesem Umsturz?


PAULUS: Das ist mir nicht bekannt.


DR. LATERNSER: Wissen Sie vielleicht, daß gerade das Angriffsunternehmen gegen Jugoslawien sehr ungelegen kam und daß dadurch sogar eine Verzögerung im Angriffsbeginn gegen die Sowjetunion erfolgte?


PAULUS: Das habe ich selber gestern ausgeführt. Eine Verschiebung des Angriffsbeginns, den man sich ungefähr für Mitte Mai gedacht hatte, wenn die Witterungsverhältnisse es zuließen.


[327] DR. LATERNSER: Aber da besteht doch dann ein gewisser Widerspruch, wenn Sie sagen, daß der Angriff gegen Jugoslawien zu jener Zeit vorgenommen worden ist, obwohl er unbequem war, wenn der Angriff gegen Rußland gestartet werden sollte.

PAULUS: Ich sehe keinen Widerspruch darin. Soweit die Lage sich mir darstellte, war es doch so, daß mit der ursprünglichen Jugoslawischen Regierung ein Abkommen getroffen wurde, oder eine Vereinbarung, die die Bahnlinie Belgrad nach Nisch zur Verfügung stellen sollte, und daß, nachdem diese Vereinbarungen gerade getroffen waren, nun in Jugoslawien ein Umsturz kam, der eine Politik in andere Richtung erwarten ließ; daß man daher glaubte, zu diesem Mittel des Angriffs und der Ausschaltung einer Gefahr greifen zu müssen. Ich sehe also in dem Entschluß, Jugoslawien anzugreifen und die Verzögerung »Barbarossa« damit in Kauf zu nehmen, nicht einen Widerspruch, sondern nur in dem einen eine Vorbedingung für die Durchführung des anderen.


DR. LATERNSER: Herr Zeuge, waren Sie bei der Besprechung des Generalstabs am 3. Februar 1941 auf dem Obersalzberg zugegen?


PAULUS: Jawohl.


DR. LATERNSER: Wissen Sie, daß damals die Stärke des sowjetrussischen Aufmarsches mit 100 Schützendivisionen, 25 Kavalleriedivisionen und 30 mechanisierten Divisionen vorgetragen wurde, und zwar, wie ich glaube, von Generaloberst Halder?


PAULUS: Ich kann mich nicht mehr daran erinnern; ich bin mir auch nicht sicher, ob der Generaloberst Halder selbst bei diesem Vortrag zugegen war.


DR. LATERNSER: Aber Herr Zeuge, eine derartige Besprechung ist doch sicher eine ungewöhnliche Besprechung gewesen...


PAULUS: Ja.


DR. LATERNSER:... und ich glaube, daß man von dieser Besprechung mindestens doch den Eindruck mitgenommen haben müßte, daß es sich um einen sehr starken Aufmarsch an der Ostgrenze handelt.


PAULUS: Ich habe jedenfalls diesen Eindruck nicht mehr in meiner Erinnerung.


DR. LATERNSER: Bei Beginn des Angriffs gegen die Sowjetunion waren Sie noch Oberquartiermeister I?


PAULUS: Jawohl.


DR. LATERNSER: Soweit ich nun in der Zwischenzeit orientiert worden bin, gehörte es zum Aufgabengebiet Ihrer Dienststellung, positive Vorschläge hinsichtlich Landoperationen zu machen; ist das richtig?


[328] PAULUS: Das war einmal bei einer anderen Diensteinteilung. Zu der Zeit, als ich Oberquartiermeister war, war diese Funktion mir nicht zugewiesen. Die Operationsabteilung unterstand nicht mir, sondern unmittelbar dem Generalstabschef persönlich. Von den Generalstabsabteilungen ist mir zuerst die Ausbildungsabteilung, dann die Organisationsabteilung erst im Herbst 1941 unterstellt worden. Es lag also nicht in meinem Aufgabenbereich, für die im Gange befindlichen oder anderen Operationen für den Chef des Generalstabs Operationsvorschläge zu machen, sondern ich hatte lediglich die mir zugewiesenen Sonderaufgaben auszuführen.


DR. LATERNSER: Herr Zeuge, können Sie darüber Auskunft geben, wie die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion behandelt werden?


PAULUS: Diese Frage, über die so eine unglaubliche Propaganda getrieben worden ist in den Kreisen, die auch in dem Kessel von Stalingrad zu dem Selbstmord so vieler deutscher Offiziere und Mannschaften geführt hat, habe ich mich verpflichtet gesehen, im Interesse der Wahrheit...


VORSITZENDER: Einen Augenblick! Das Kreuzverhör hat sich nur mit den Fragen zu befassen, die sich auf die vom Gerichtshof behandelten Angelegenheiten beziehen, oder auf solche, die sich mit der Glaubwürdigkeit des Zeugen beschäftigen. Fragen, die sich auf die Behandlung von Gefangenen in der Sowjetunion beziehen, haben nichts damit zu tun, was der Gerichtshof hier behandelt, und sie sind für die Glaubwürdigkeit des Zeugen nicht erheblich. Aus diesem Grund läßt sie der Gerichtshof nicht zu.


DR. LATERNSER: Herr Präsident, darf ich zur Begründung meiner Frage eine kurze Ausführung machen?


VORSITZENDER: Jawohl.


DR. LATERNSER: Ich möchte die Frage nur deswegen gestellt haben, um festzustellen, wie tatsächlich die Behandlung der Kriegsgefangenen gehandhabt wird, damit viele deutsche Familien, die darüber sich Sorgen machen, auf diese Weise Aufschluß darüber bekommen, damit ihnen die Sorge genommen würde.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof ist der Ansicht, daß das eine Angelegenheit ist, mit der sich der Gerichtshof nicht zu befassen hat.


DR. LATERNSER: Ich habe keine weiteren Fragen mehr.


DR. FRITZ, VERTEIDIGER DES ANGEKLAGTEN FRITZSCHE: Herr Zeuge, kennen Sie den Angeklagten Fritzsche?


PAULUS: Jawohl, ich kenne ihn.


DR. FRITZ: Wissen Sie, daß er im Sommer und Herbst 1942 bei Ihrer Armee war?


[329] PAULUS: Jawohl.


DR. FRITZ: Herr Zeuge, im Laufe dieses Prozesses ist über den, wie ich höre, auch von Ihnen scharf verurteilten Befehl des OKW verhandelt worden, nach welchem alle gefangenen Kommissare der russischen Armee zu erschießen waren. Ist Ihnen dieser Befehl bekannt?


PAULUS: Ist mir bekannt geworden.


DR. FRITZ: Erinnern Sie sich, daß der Angeklagte Fritzsche, nachdem er durch seinen Einsatz im Osten von dem Befehl Kenntnis erlangt hatte, Ihnen und Ihren Ic Offizieren vorschlug, diesen Befehl für den Bereich Ihrer Armee aufzuheben?


PAULUS: Ich kann mich an diesen Vorgang nicht erinnern; ich halte es für durchaus möglich, daß Herr Fritzsche über diese Frage mit dem Armee-Oberkommando gesprochen hat; aber zu dem Zeitpunkt, als ich die Armee übernahm, am 20. Januar 1942, ist dieser Befehl in meinem Bereich nicht ausgeführt worden. Soviel ich weiß, ist dieser Befehl, der in der Praxis nicht zur Durchführung gelangte, dann auch aufgehoben worden.


DR. FRITZ: Vielleicht zur Unterstützung Ihres Gedächtnisses eine weitere Frage: Erinnern Sie sich vielleicht, daß Fritzsche Ihnen oder Ihren Ic Offizieren vorschlug, Flugblätter entsprechenden Inhalts über der russischen Front abzuwerfen?


PAULUS: Ich persönlich kann mich nicht daran erinnern, halte es aber für durchaus möglich, daß diese Besprechung mit dem Ic, der dafür das zuständige Ressort war, erfolgt ist.


DR. FRITZ: Dann nur noch eine letzte Frage. Soweit Sie die Persönlichkeit des Angeklagten Fritzsche kennen, halten Sie es für durchaus möglich und wahrscheinlich, daß er diesen Vorschlag gemacht hat?


PAULUS: Das halte ich für durchaus möglich.


DR. SERVATIUS, VERTEIDIGER DES ANGEKLAGTEN SAUCKEL, VERTEIDIGER FÜR DAS KORPS DER POLITISCHEN LEITER: Herr Zeuge, Sie haben in Ihrer Stellung Hitler bis zuletzt in jeder Weise unterstützt, trotzdem Sie Kenntnis der Wahrheit hatten, daß ein Angriffskrieg geführt wurde. Wie weit konnten hiervon die Politischen Leiter wissen?


PAULUS: Auf diese Frage kann ich keine Auskunft geben, da sich das meiner Kenntnis entzieht.


DR. SERVATIUS: Was verstehen Sie unter Politischen Leitern?

PAULUS: Darf ich die Frage zurückstellen, was der Herr Verteidiger unter Politischen Leitern, über die er diese Frage stellt, verstanden wissen will?


[330] DR. SERVATIUS: Herr Zeuge, der Aufbau der Partei scheint Ihnen nicht geläufig zu sein. Es gibt eine Organisation der Politischen Leiter, die hier unter Anklage gestellt ist, das heißt, sie soll für verbrecherisch erklärt werden, und zwar in dem Umfang, daß die Reichsleiter bis herunter zum Blockleiter bestraft werden können wegen Teilnahme an einem Komplott zu all diesen Handlungen, die hier unter Anklage gestellt sind. Diese Organisation der Politischen Leiter setzt sich zahlenmäßig etwa so zusammen, daß 93 Prozent davon Ortsgruppenleiter mit ihrem Stabe und allen ihren Nachgeordneten sind.


VORSITZENDER: Ich glaube nicht, daß Sie den Zeugen darüber befragen können, er weiß nichts darüber. Die Anklage gegen die Politischen Leiter haben mit diesem Zeugen nichts zu tun. Ich glaube nicht, daß dies überhaupt ein geeignetes Kreuzverhör ist.


DR. SERVATIUS: Herr Präsident, ich wollte ihn fragen, wie weit diese Politischen Leiter die Kenntnis hatten, und die nächste Frage stellen, ob er sich bewußt ist, daß er als Zeuge in seiner Stellung wesentlich dazu beigetragen hat, daß diese Leute, die Politischen Leiter, Hitler unterstützten, im Glauben an die Fassade, die der Zeuge selbst mit aufstellte.


VORSITZENDER: Ich habe Ihnen bereits geantwortet, daß er nichts darüber wußte, wie weit die Politischen Leiter informiert waren.


DR. SERVATIUS: Ich vertrete auch den Angeklagten Sauckel, der für den Arbeitseinsatz verantwortlich ist.


[Zum Zeugen gewandt]:


Ist Ihnen bekannt, ob deutsche Kriegsgefangene in der russischen Rüstungsindustrie beschäftigt worden sind?


PAULUS: Ich habe darüber keine authentischen oder irgendwelche persönlichen Kenntnisse erhalten. Die Kriegsgefangenen, mit denen ich persönlich Kontakt hatte, in den Lagern, wo ich gewesen bin, arbeiteten für die unmittelbaren Lagerbedürfnisse oder in der unmittelbaren Nähe der Lager, in der Landwirtschaft oder im Wald. Es ist mir auch aus Zeitungen bekanntgeworden, daß deutsche Arbeitsverbände, die sich zu freiwilligen Verbänden zusammengeschlossen hatten, in der Industrie arbeiteten und dort mit Stolz die Ergebnisse ihrer Leistungen bekanntgaben. Aber speziell in welchem Fache dieser Industrien, darüber habe ich keinen Überblick.


DR. SERVATIUS: Ich habe keine Fragen mehr.


DR. KUBUSCHOK, VERTEIDIGER DES ANGEKLAGTEN VON PAPEN, VERTEIDIGER FÜR DIE REICHSREGIERUNG: Auf eine [331] gestern von Ihnen getane Äußerung sind Sie heute bereits gefragt worden, wie weit die Kenntnis einzelner Mitglieder der Reichsregierung über entscheidende Entschlüsse gegangen ist. Aus Ihrer Antwort war zu entnehmen, daß Sie die Reichsregierung in ihren Persönlichkeiten nicht als eine homogene Menge ansehen.

In diesem Prozeß tritt immer wieder die Schwierigkeit auf, daß man von normalen Verhältnissen ausgeht. Insbesondere unterliegt man immer der Vorstellung, daß wichtigste politische und militärische Entschlüsse, wie sonst üblich, im Schoße des Gremiums der Regierung und im Schoße der militärischen höchsten Stellen, also jeweils in einem Gremium einer größeren Personeneinheit beraten und beschlossen werden.

Ist dies, Herr Zeuge, nach Kenntnis aus Ihrer hohen militärischen Stellung auch für die Regierung Adolf Hitlers anzunehmen? Hat Adolf Hitler in seiner Persönlichkeit und seinen Methoden – ja, höflich gesprochen, als ein Mann besonderer Art – hier ein ganz anderes Verfahren angewandt? Hat er die Entschlüsse meistenteils lediglich aus sich heraus gefaßt, oder alle höchstens in engster Beratung mit den wenigsten Mitarbeitern? Tritt infolgedessen hier die Erscheinung auf, daß führende Persönlichkeiten politischer und militärischer Art von den kommenden Geschehnissen kein Wissen hatten?


PAULUS: Ich muß dazu sagen, daß meine militärische Verwendung im Generalstab des Heeres mir einen Einblick in die Gepflogenheiten der Staatsführung und der Reichsregierung nicht gegeben hat. Jedoch stelle ich mir unter dem Gremium einer Reichsregierung eine Gemeinschaft vor, die, ganz gleich geartet welche Methoden das Staatsoberhaupt auch anzuwenden versucht, für das, was von seiten der Regierung geschieht, dem Volke gegenüber sich so verantwortlich fühlt, daß sie, auch wenn es das Staatsoberhaupt – wie in diesem Falle Hitler in seiner gewohnten, brutalen und eigenmächtigen Art versuchte – ihn nicht einfach gewähren läßt und alles hinnimmt, sondern selbst, auch wenn dies nicht gefordert war, sich in die Dinge einschaltete und zum Wohl des Volkes rechtzeitig die notwendigen Maßnahmen ergreift, allerspätestens in dem Zeitpunkt, wo es für die ganze Welt offenbar war, daß es sich bei dieser Staatsführung um einen wahnsinnigen Verbrecher handelte.


DR. KUBUSCHOK: Herr Zeuge, Sie gehören zu dem erwähnten zweiten Kreise, und es steht ja fest, daß Sie auch nicht eingegriffen haben; und zwar werden dabei sicherlich wichtige Gründe vorgelegen haben. Ich glaube, daß es besser ist, wenn Sie sich über die weitergehenden Persönlichkeiten nicht ein Werturteil erlauben, sondern daß Sie dasjenige, was ich Sie in tatsächlicher Hinsicht gefragt habe, beantworten. Meine Frage ging dahin, ob nach Ihrer Kenntnis nicht bloß in Ihrer militärischen Position, sondern [332] nach Ihrer Kenntnis an exponierter führender Stellung bekannt ist, daß – mit Recht oder mit Unrecht kann für die tatsächliche Feststellung dahingestellt bleiben – die Methoden in militärischen und politischen Dingen so gewesen sind, oder ob sie es nicht gewesen sind, ob also nach Ihrer Kenntnis die Entschlüsse so gefaßt worden sind, daß ein großes Gremium auf politischer und militärischer Seite zusammentrat, beriet und beschloß, oder ob die Entschlüsse im wesentlichen von einem engeren Kreise, vielleicht manchmal lediglich in der Person Hitlers, wahrscheinlich getroffen worden sind?


PAULUS: Wie die Entschlüsse der Reichsregierung zustande kamen, ist mir nicht bekannt. Ich habe in meiner vorherigen Antwort infolgedessen auch nur meine grundsätzliche Auffassung zu dieser Frage gegeben, und ich glaube, sie damit beantwortet zu haben. Ich kann es mir nicht vorstellen, daß ein Mann allein das alles gemacht hat oder machen konnte. Er brauchte ja schließlich, um sich auch nur in kleinem Kreise durchzusetzen, die Mitarbeit der allernächsten Mitarbeiter; sonst war es gar nicht möglich, sich auszuwirken.


DR. KUBUSCHOK: Die Mitarbeit der nächsten zuständigen Mitarbeiter – glauben Sie zum Beispiel, daß irgendein Fachminister, Arbeitsminister oder sonst irgendein Minister besonders fachlicher Art, von Hitler bezüglich seiner Aggressionspläne befragt worden ist?


VORSITZENDER: Herr Verteidiger, der Zeuge hat schon erklärt, daß er nicht weiß, wie die entscheidenden Maßnahmen der Reichsregierung zustande gekommen sind. Was er darüber denkt, ist tatsächlich nicht erheblich. Er weiß es eben nicht.


DR. KUBUSCHOK: Haben Sie, Herr Zeuge, den Eindruck, daß die Angriffspläne von Hitler viele Jahre vorher gefaßt worden sind, oder glauben Sie, daß sie jeweils aus den gegebenen Umständen in der von Ihnen immer behaupteten intuitiven Art gefaßt worden sind?


PAULUS: Das entzieht sich vollkommen meiner Kenntnis. Meine Beobachtung der Dinge beginnt mit dem 3. September 1940; was ich von dieser Zeit an bis Januar 1942 beobachtet habe, habe ich gestern ausgeführt. Über die Zeit vorher kann ich nichts angeben.

DR. HORN, VERTEIDIGER DES ANGEKLAGTEN VON RIBBENTROP: Herr Zeuge, Sie sagten vorhin, daß Sie Mitglied einer Vereinigung gewesen seien, die sich zum Ziele gesetzt habe, Deutschland von dem Verderben zurückzureißen. Ich frage Sie, welche Möglichkeiten zur Durchführung dieser Absichten standen Ihnen und den übrigen Mitgliedern dabei zur Verfügung?


PAULUS: Es stand uns die Möglichkeit zur Verfügung, uns dem deutschen Volke hörbar und verständlich zu machen und nach den [333] Ereignissen nicht nur militärischer Art, sondern auch nach den Ereignissen des 20. Juli hielten wir es für unsere Pflicht, dem deutschen Volke unsere Auffassung zu sagen über die Erkenntnisse und unsere Überzeugung, die wir mittlerweile gewonnen hatten, wobei die Initiative besonders ausging aus den Reihen der von mir bei Stalingrad geführten Armee, wo wir es miterlebt haben, daß durch die Befehle dieser Staats- und Kriegsführung, gegen die wir nunmehr auftraten, über 100000 deutsche Soldaten an Hunger, Kälte und Schnee umgekommen sind, wo wir in Konzentration die Entsetzen und Schrecken des Eroberungskrieges kennengelernt haben.


DR. HORN: Hatten Sie noch andere Möglichkeiten außer denen der Propaganda?

PAULUS: Wir hatten nichts außer der Möglichkeit, durch den Rundfunk und durch die von uns aufgestellten Zeitungen aufs deutsche Volk zu wirken.


VORSITZENDER: Was geht den Gerichtshof all dies an?


DR. HORN: Ich wollte feststellen, Schlüsse ziehen über die Glaubwürdigkeit des Zeugen.


VORSITZENDER: Ich kann nicht sehen, inwiefern dies für seine Glaubwürdigkeit von Bedeutung ist.


DR. HORN: Es ist durchaus möglich, daß wir Kenntnisse haben, daß noch andere Möglichkeiten zur Verfügung gestanden hätten, die der Zeuge nicht erwähnt hat.


VORSITZENDER: Der Gerichtshof ist der Ansicht, daß das, was der Zeuge dachte oder tat, während er sich in russischer Kriegsgefangenschaft befand, nichts mit seiner Glaubwürdigkeit zu tun hat; das gilt zumindest für die von Ihnen gestellten Fragen, die deshalb nicht zugelassen werden.


DR. HORN: Ich bitte, noch eine Frage stellen zu dürfen.


VORSITZENDER: Selbstverständlich.


DR. HORN: Hatten Sie während Ihrer Gefangenschaft Gelegenheit, Ihre militärischen Kenntnisse und Erfahrungen in irgendeiner Stellung zur Verfügung zu stellen oder zu verwenden?


PAULUS: In keinerlei Stellung und in keinem Falle.


DR. HORN: Danke.


VORSITZENDER: Meiner Meinung nach endet damit das Kreuzverhör. Wünscht der Russische Anklagevertreter weitere Fragen zu stellen?


GENERAL RUDENKO: Nein, Herr Präsident, wir betrachten die Fragen als erschöpft.


[334] MR. BIDDLE: General, Sie sagten, daß Sie, als Sie am 3. September 1940 Generalquartiermeister der Armee wurden, einen unvollendeten Plan für den Angriff gegen die Sowjetunion vorfanden. Wissen Sie, wie lange sich der Plan schon in Bearbeitung befand, bevor Sie ihn sahen?


PAULUS: Ich kann nicht genau sagen, wie lange die Bearbeitungszeit gedauert hat; nach meiner Schätzung muß sie aber etwa zwei bis drei Wochen gedauert haben.


MR. BIDDLE: Wissen Sie, wer den Befehl für die Vorbereitung dieses Planes erteilt hatte?


PAULUS: Ich nehme an, daß dies dieselbe Ausgangsstelle war, nämlich das OKW, über das Oberkommando des Heeres; der Generalstabschef des Heeres hatte dem Generalmajor Marx die gleichen Unterlagen gegeben, die er mir gegeben hat.


MR. BIDDLE: Wieviele Mitglieder des Generalstabs und des Oberkommandos der Deutschen Wehrmacht waren gewöhnlich bei den Sitzungen über den Barbarossaplan anwesend?


PAULUS: Die zuständigen Ressorts, die Operationsabteilung, die Abteilung »Fremde Heere«, der Generalquartiermeister für die Versorgung und der Transportchef. Das sind im allgemeinen die Hauptabteilungen, die dabei beteiligt waren.


MR. BIDDLE: Wieviele Mitglieder des Generalstabs und des Oberkommandos der Deutschen Wehrmacht waren mit den Befehlen und Anweisungen vertraut, nachdem diese unterschrieben waren?


PAULUS: Im Laufe der Zeit, also zu dem Zeitpunkt etwa Dezember, als die Aufmarschanweisungen bearbeitet wurden, waren mehr oder weniger sämtliche Generalstabsoffiziere Mitwisser und in Kenntnis gesetzt; wieviele vorher zu den einzelnen Zeitabschnitten, kann ich jetzt mit Genauigkeit nicht mehr angeben.


GENERAL NIKITCHENKO: Was stellte der Generalstab des deutschen Heeres genau dar. War er nur mit der Ausarbeitung technischer Fragen beschäftigt und somit lediglich ein ausführendes Organ, das die technischen Probleme auf Grund der Anweisungen des Oberkommandos ausarbeitete, oder war der Generalstab eine Organisation, die von sich aus Pläne vorbereitete, ausarbeitete und dem Oberkommando ihre eigenen Erwägungen vorlegte?


PAULUS: Technisch ausführendes Organ, die gegebenen Weisungen technisch auszuführendes Organ.


GENERAL NIKITCHENKO: Demnach war also der Generalstab ein technischer Apparat?


PAULUS: So war es in der Praxis. Der Generalstab als solcher war ein beratendes Organ für den Oberbefehlshaber des Heeres, und er war kein ausführendes Organ.


[335] GENERAL NIKITCHENKO: Wie weit ging die Gewissenhaftigkeit des Generalstabs bei der Ausführung der Anweisungen, die er vom Oberkommando erhielt?


PAULUS: Er hat diese Anweisungen vollkommen ausgeführt.


GENERAL NIKITCHENKO: Gab es irgendwelche Widersprüche zwischen dem Generalstab und dem Oberkommando?

PAULUS: Es ist bekannt, daß gewisse Verschiedenheiten der Auffassungen vorlagen, ohne daß ich diese jetzt im einzelnen umreißen kann. Jedenfalls weiß ich durch den mir vorgesetzten Generalstabschef selbst, daß er sehr häufig in Meinungsverschiedenheiten mit dem Oberkommando der Wehrmacht sich befand.


GENERAL NIKITCHENKO: Konnten diejenigen Offiziere, die mit der Politik, die vom Oberkommando durchgeführt wurde, nicht einverstanden waren, ihre Stellungen beim Generalstab beibehalten, und behielten sie diese oder nicht?


PAULUS: Es kamen politische Fragen hierbei nicht zum Austrag. Es wurden politische Fragen im allgemeinen im Kreise des Oberkommandos des Heeres nicht besprochen.


GENERAL NIKITCHENKO: Ich spreche nicht im eigentlichen Sinne über die politischen Fragen. Ich spreche über die Politik der Kriegsplanung, die Politik der Vorbereitungen und Angriffe. Das meine ich. Wissen Sie, ob vorgesehen war, den Teil der Sowjetunion, der von den deutschen Truppen besetzt war, umzuwandeln in ein...


PAULUS: Mir ist nicht bekannt geworden, was im einzelnen geplant war. Meine Kenntnis erschöpft sich in der Kenntnis der Planungen, die in der sogenannten »Grünen Mappe« für die Ausnutzung des Landes enthalten waren.


GENERAL NIKITCHENKO: Was bedeutet Ausnutzung?


PAULUS: Von der wirtschaftlichen Ausnutzung des Landes, um mit ihren Hilfsquellen den Krieg im Westen zu Ende zu führen und auch für die Zukunft die Herrschaft in Europa sicherzustellen.


GENERAL NIKITCHENKO: Unterschied sich der Charakter dieser Ausbeutung von der wirtschaftlichen Ausbeutung innerhalb Deutschlands?


PAULUS: Ich habe darüber keine persönlichen Eindrücke oder Überblicke bekommen, da ich in Rußland selbst nur dreiviertel Jahre die Armee geführt habe und früh schon, im Januar 1943 in Gefangenschaft gekommen bin.


GENERAL NIKITCHENKO: Ist Ihnen über die Anweisungen, welche von den Regierungsorganen in Deutschland und vom [336] Oberkommando über die Behandlung der Sowjetbevölkerung durch die Armee gegeben wurden, etwas bekannt?


PAULUS: Ich erinnere mich, daß eine Weisung ergangen ist – ich kann aber jetzt nicht mehr das Datum sagen- in der über die ganze Art der Kriegsführung im Osten bestimmte Richtlinien aufgestellt wurden. Ich glaube, daß diese grundlegende Verfügung bereits in der sogenannten »Grünen Mappe« mitenthalten ist; es kann sich aber auch um Sonderbefehle handeln, die zum Ausdruck brachten, daß auch der Bevölkerung gegenüber keine falsche Rücksicht zu nehmen sei.


GENERAL NIKITCHENKO: Was meinen Sie mit »keine falsche Rücksicht nehmen?« Vielleicht ist die Übersetzung nicht richtig?


PAULUS: Das bedeutete, daß nur die militärischen Notwendigkeiten für alle Maßnahmen Gültigkeit haben sollten.


VORSITZENDER: Gab es Divisionen, die ausschließlich aus SS-Truppen bestanden und die unter Ihrem Kommando waren?


PAULUS: Ich habe unter meinem Kommando keine SS-Truppen gehabt während der Zeit meiner Armeeführung, wie ich mich erinnere. Auch im Kessel von Stalingrad hatte ich zwanzig deutsche Infanterie- und Panzer-Divisionen und motorisierte Divisionen und zwei rumänische Divisionen, keine SS-Verbände.


VORSITZENDER: Ich verstehe, daß die SA keine Einheiten aufstellte. Nicht wahr?


PAULUS: SA-Einheiten habe ich nicht erlebt, aber die SS-Verbände, das ist bekannt.


VORSITZENDER: Hatten Sie irgendwelche Zweigstellen der Gestapo bei Ihrer Armee?


PAULUS: Nein, hatte ich auch nicht.


VORSITZENDER: General Rudenko, ich habe Sie schon gefragt, ob Sie weitere Fragen zu stellen haben; ich glaube, Sie haben Nein gesagt.


GENERAL RUDENKO: Ja.


VORSITZENDER: Der Zeuge kann abtreten.


[Der Zeuge verläßt den Zeugenstand.]

[Generalmajor Zorya nähert sich dem Rednerpult.]


VORSITZENDER: Bitte, Herr General, fahren Sie fort!

GENERALMAJOR ZORYA: Gestern bin ich bei der Frage über die Beziehungen zwischen den faschistischen Machthabern und den rumänischen Angreifern stehengeblieben. Ich glaube, daß es der günstigste Augenblick ist, die Aussagen Ion Antonescus, die sich in [337] Händen der Sowjet-Anklagebehörde befinden, in das Sitzungsprotokoll zu verlesen. Das Verhör Antonescus ist gemäß den Gesetzen der Sowjetunion er folgt, und ich lege dem Gerichtshof das Protokoll seiner Aussagen, die zur Aufklärung der Beziehungen Deutschlands mit seinen Vasallenstaaten von größter Bedeutung sind, als USSR-153 vor. Ich halte es für nötig, den größten Teil dieser Aussagen zu verlesen. Ich beginne mit dem zweiten Absatz auf Seite 1 des Protokolls. Dies ist Seite 63 bis 66 des Dokumentenbuches. Ich zitiere; Ion Antonescu sagt aus:

»In der ganzen Zeit, in der ich mein Amt in Rumänien ausübte, führte ich die Politik der Verstärkung der Beziehungen mit Deutschland durch und nützte dessen Hilfe zur Umbildung und Umrüstung der rumänischen Armee aus. Zu diesem Zweck hatte ich mehrmals Besprechungen mit Hitler.

Die erste Besprechung mit Hitler fand im November 1940 statt, bald nachdem ich die Führung des rumänischen Staates übernommen hatte. Dieses Zusammentreffen erfolgte auf meine Initiative in Berlin, in der offiziellen Residenz Hitlers, in Anwesenheit des deutschen Außenministers Ribbentrop und des Dolmetschers von Hitler, Schmidt. Die Besprechung mit Hitler dauerte mehr als vier Stunden.

Ich versicherte Hitler darin, daß Rumänien den bereits abgeschlossenen Abkommen über den Anschluß Rumäniens zum ›Dreimächtepakt‹ treu bleiben werde.

Als Antwort auf meine Versicherungen über die Bündnistreue zu Deutschland erklärte Hitler, daß die deutschen Soldaten die rumänischen Grenzen sichern würden.

Hitler eröffnete mir damals, daß mit dem Wiener Schiedsspruch noch nicht das letzte Wort gesprochen wäre und ließ dadurch erkennen, daß Rumänien mit der Revision der seinerzeit in Wien über Siebenbürgen getroffenen Entscheidung rechnen könne.

Hitler und ich stimmten überein, daß die in Rumänien anwesende deutsche Heeresmission ihre Arbeiten zum Umbau der rumänischen Armee nach deutschem Muster fortsetzen solle.

Ich schloß auch ein Wirtschaftsabkommen ab, nach welchem die Deutschen später nach Rumänien Flugzeuge ›Me-109‹, Panzer, Traktoren, Flak- und Pak-Waffen, Maschinenpistolen und andere Waffen lieferten und dafür als Gegenleistung aus Rumänien Getreide und Brennstoff für die Deutsche Wehrmacht bezogen.

Auf die mir gestellte Frage, ob meine erste Besprechung mit Hitler als Beginn meines Einverständnisses, mit den [338] Deutschen zusammen den Krieg gegen die Sowjetunion vorzubereiten, anzusehen wäre, antwortete ich bejahend.

Bei der Ausarbeitung der Angriffspläne auf die Sowjetunion berücksichtigte Hitler zweifellos diesen Umstand.

Im Januar 1941 wurde ich durch den Deutschen Gesandten in Rumänien, Fabrizius, nach Deutschland eingeladen und hatte in Berchtesgaden ein zweites Treffen mit Hitler, bei welchem Ribbentrop, Fabrizius und der neue Deutsche Gesandte in Bukarest, Killinger, anwesend waren. Außerdem wohnten diesem Treffen als Vertreter der Deutschen Wehrmacht Feldmarschall Keitel und Generaloberst Jodl bei.

Zu Beginn der Unterhaltung stellte mir Hitler Killinger vor und bezeichnete ihn mit als einen seiner engsten Freunde.

Danach beschrieb Hitler die militärische Lage auf dem Balkan und erklärte, daß Mussolini im Hinblick auf die Mißerfolge der Italiener im Kriege gegen Griechenland von ihm Hilfe erbeten habe und daß er ihm diese versprochen habe.

In diesem Zusammenhang bat mich Hitler, die in Ungarn zusammengezogenen deutschen Truppen durch Rumänien durchmarschieren zu lassen, damit sie den Italienern rasch zu Hilfe kommen könnten.

Da ich wußte, daß der Durchmarsch der deutschen Truppen durch Rumänien zum Balkan einen unfreundlichen Akt gegen die Sowjetunion darstellen würde, fragte ich Hitler, wie sich die Sowjetunion seiner Meinung nach zu dieser Tatsache verhalten werde.

Hitler erinnerte mich daran, daß er bereits beim ersten Treffen mit mir im November 1940 entsprechende Garantien an Rumänien gegeben hätte und sich verpflichtet hätte, Rumänien mit Waffengewalt zu verteidigen.

Ich sprach die Befürchtung aus, daß der Durchmarsch der deutschen Truppen durch Rumänien der Sowjetunion als Vorwand zu militärischen Operationen dienen könnte und daß Rumänien dadurch, daß die rumänische Armee nicht mobilisiert sei, in eine schwere Lage gerate. Hitler kündigte mir darauf an, daß er den Befehl erteilen würde, einen Teil der deutschen Truppen, die zum Einsatz gegen Griechenland bestimmt waren, in Rumänien zurückzulassen.

Hitler betonte dabei, daß nach ihm zur Verfügung stehenden Informationen die Sowjetunion nicht beabsichtige, Deutschland oder Rumänien anzugreifen.

Diese Erklärung Hitlers befriedigte mich, und ich willigte ein, die deutschen Truppen durch Rumänien durchmarschieren zu lassen.

[339] Der dieser Besprechung beiwohnende Generaloberst Jodl schilderte mir die strategische Lage der Deutschen Wehrmacht und unterstrich die Notwendigkeit, Griechenland von Bulgarien aus anzugreifen.

Mein drittes Zusammentreffen mit Hitler fand in München im Mai 1941 statt.

Bei diesem Zusammentreffen, bei dem außer uns noch Ribbentrop und der persönliche Dolmetscher Hitlers, Schmidt, anwesend waren, verabredeten wir uns endgültig zu einem gemeinsamen Überfall auf die Sowjetunion.

Hitler eröffnete mir, daß er den Entschluß zu einem militärischen Angriff gegen die Sowjetunion gefaßt hätte. Wenn die Vorbereitungen zum Angriff beendet sind, setzte Hitler fort, werden wir die Sowjetunion unerwartet an der gesamten Front vom Schwarzen bis zum Baltischen Meer angreifen.

Dieser unerwartete Angriff, führte Hitler weiter aus, gibt Deutschland und Rumänien die Möglichkeit, in kurzer Zeit einen unserer gefährlichsten Gegner zu beseitigen.

Als Ergebnis seiner militärischen Pläne schlug mir Hitler vor, den rumänischen Raum für die Zusammenziehung der deutschen Truppen zur Verfügung zu stellen und gleichzeitig an der Verwirklichung des militärischen Überfalls auf die Sowjetunion unmittelbar teilzunehmen.

Hitler wies darauf hin, daß Rumänien keinesfalls aus diesem Krieg herausbleiben dürfe, da es für die Rückgewinnung Bessarabiens und der Nordbukowina keinen anderen Weg geben könne, als an der Seite Deutschlands zu kämpfen.

Dabei erwähnte er, daß Rumänien für die Hilfeleistung im Kriege andere sowjetische Gebiete bis zum Dnjepr besetzen und verwalten könne.

Da der Vorschlag Hitlers über den gemeinsamen Kampf gegen die Sowjetunion meinen aggressiven Absichten entsprach, erklärte ich meine Bereitschaft, an dem Angriff gegen die Sowjetunion teilzunehmen und verpflichtete mich, die erforderliche Zahl rumänischer Truppen bereitzustellen, sowie gleichzeitig die Öl- und landwirtschaftlichen Lieferungen für die Deutsche Wehrmacht zu steigern.

Ehe durch mich und Hitler der Entschluß zu dem Angriff auf Rußland gefaßt wurde, fragte ich Hitler, ob irgendwelche Verabredungen mit Ungarn über seine Beteiligung am Kriege bestünden.

[340] Hitler antwortete, daß die Ungarn bereits ihre Teilnahme an dem Krieg gegen die USSR im Bunde mit Deutschland zugesagt hätten. Wann genau die Deutschen sich darüber mit den Ungarn geeinigt hatten, hat mir Hitler nicht gesagt.

Nach meiner Rückkehr aus München nach Bukarest ging ich zur aktiven Vorbereitung des bevorstehenden Krieges über.«

Antonescu beendete seine Aussage wie folgt; ich bitte das Dokumentenbuch auf Seite 67, letzter Absatz, aufzuschlagen:

»Nach dem Einmarsch der unter meiner obersten Führung stehenden rumänischen Truppen in das sowjetische Gebiet hat mir Hitler einen Brief gesandt, in dem er mir und der rumänischen Armee für die Hilfe dankte. Marschall Antonescu.«

Der Zeitpunkt, an dem Rumänien begann, sich auf den Krieg gegen die Sowjetunion vorzubereiten, wird auch durch den früheren stellvertretenden Ministerpräsidenten der Rumänischen Regierung, Mihai Antonescu, bezeugt, welcher ebenfalls durch die Sowjetische Anklagebehörde verhört wurde. Ich lege seine Aussage dem Gericht als USSR-152 vor. Ich will nicht das ganze Verhör verlesen, da es mehr oder weniger Tatsachen, die im Verhör von Ion Antonescu enthalten sind, wiederholt. Ich möchte mich nur auf einige Abschnitte beziehen, und zwar auf die Seite 1 der in das Russische übersetzten Vernehmung, Absätze 1, 2 und 5, die auf Seite 68 des Dokumentenbuches zu finden sind:

»Im November 1940 fuhr Marschall Antonescu in Begleitung des damaligen Ministers des Auswärtigen, Prinzen Sturza, nach Deutschland, wo er ein Zusammentreffen mit Hitler hatte.

Während der Besprechung mit Hitler unterzeichnete Marschall Antonescu das Abkommen über den Anschluß Rumäniens zum Dreimächtepakt und erhielt von Hitler die Versprechung, die Beschlüsse des Wiener Schiedsspruches zugunsten Rumäniens später zu revidieren.

Diese erste Reise des Marschalls Antonescu nach Deutschland stellte den Anfang der Politik dar, die später zum gemeinsamen Überfall Deutschlands und Rumäniens auf die Sowjetunion führte.«

Meine Herren Richter, die Aussagen des Zeugen Paulus, und die soeben dem Gerichtshof vorgelegten Aussagen von Ion Antonescu und Mihai Antonescu veranlassen die Sowjetische Anklagebehörde zu folgenden Feststellungen:

  • [341] 1. Der Entschluß, eine Militärmission des deutschen Generalstabs nach Rumänien zu entsenden, um die rumänische Armee zu reorganisieren und dadurch auf den Angriff gegen die Sowjetunion vorzubereiten, wurde spätestens im September 1940, das heißt mindestens neun Monate vor dem Angriff auf die USSR gefaßt.

  • 2. Im November des gleichen Jahres waren die rumänischen Kriegsvorbereitungen im vollen Gange.

Es ist vielleicht ein günstiger Zeitpunkt abzubrechen.


[Das Gericht vertagt sich bis 14.00 Uhr.]


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 7, S. 310-343.
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