E. Plünderung öffentlichen und privaten Eigentums.

[59] Die Angeklagten nutzten die Einwohner und die materiellen Hilfsquellen der von ihnen besetzten Länder rücksichtslos aus, um die Nazi-Kriegsmaschine zu stärken, das übrige Europa zu entvölkern und auszusaugen, sich selbst und ihre Anhänger zu bereichern und die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands in Europa zu fördern.

Die Angeklagten machten sich unter anderem folgender Handlungen und Schandtaten schuldig:

1. Sie setzten den Lebensstandard der Bevölkerung in den besetzten Ländern herab und verursachten Hungersnot, indem sie die besetzten Länder ihrer Lebensmittel beraubten, um sie nach Deutschland zu verschleppen.

2. Sie beschlagnahmten in allen besetzten Ländern Rohstoffe und industrielle Maschinen, schafften sie nach Deutschland und benutzten sie im Interesse des deutschen Kriegseinsatzes und der deutschen Volkswirtschaft.

3. Sie beschlagnahmten in verschiedenem Ausmaß in den besetzten Ländern Geschäftsunternehmungen, industrielle Anlagen und anderen Besitz.

4. In dem Versuche, dem ungesetzlichen Erwerb von Besitztum einen Schein von Recht zu geben, zwangen sie die Eigentümer, die Formalitäten in »freiwilligen« und »gesetzlichen« Übertragungen zu erfüllen.

[59] 5. Sie führten eine ausgedehnte Kontrolle über die Volkswirtschaft der besetzten Länder ein, verwendeten deren Hilfsquellen, Produktionen und Arbeitskraft im Interesse der deutschen Kriegswirtschaft und entzogen auf diese Weise den Einwohnern die Erzeugnisse der lebenswichtigen Industrien.

6. Durch die verschiedensten Machenschaften beraubten sie die besetzten Länder ihrer lebenswichtigsten Güter und angesammelten Reichtums, setzten den Wert der Landeswährung herunter und brachten die Wirtschaft des Landes zum Zerfall. Sie finanzierten ausgedehnte Ankäufe in besetzten Ländern durch ein Abrechnungssystem, durch das sie Anleihen von besetzten Gebieten eintrieben. Sie gaben ein Besatzungsgeld heraus, legten Besatzungssteuern auf und forderten finanzielle Beiträge, die die Kosten der Besetzung weit überschritten. Sie benützten die überschüssigen Gelder, um den Ankauf von Geschäftsunternehmen und Waren in den besetzten Ländern zu finanzieren.

7. In den besetzten Teilen der USSR, in Polen und in anderen Ländern, schafften sie die Rechte der Landesbewohner, landwirtschaftlichen und industriellen Besitz zu entwickeln und zu verwalten, ab, und behielten das Gebiet für die ausschließliche Ansiedlung, den Ausbau und Besitz für Deutsche und ihre sogenannten Rassenbrüder vor.

8. In weiterer Entwicklung ihres Planes zur verbrecherischen Ausbeutung zerstörten sie in den besetzten Gebieten Industriestädte, Kulturstätten, wissenschaftliche Institute und Besitz aller Art, um so die Möglichkeit einer Konkurrenz mit Deutschland auszuschalten.

9. Aus ihrem Programm der Schreckensherrschaft, Sklaverei, Plünderung und organisierter Gewalttaten schufen die Nazi-Verschwörer ein Werkzeug für den persönlichen Gewinn und die Machterweiterung ihrer selbst und ihrer Anhänger. Sie verschafften sich und ihren Anhängern:

a) Führende Stellungen in der Geschäftsverwaltung, die Macht, Einfluß und lukrative Nebeneinkünfte mit sich brachten.

b) Die Verwendung billiger Zwangsarbeitskräfte.

c) Die Erwerbung von ausländischem Besitztum, Geschäftsinteressen und Rohstoffen zu günstigen Bedingungen.

d) Die Grundlage für die industrielle Oberherrschaft Deutschlands.

Diese Handlungen standen im Widerspruch zu den internationalen Konventionen, besonders Artikel 46 bis 56 der Haager Bestimmungen vom Jahre 1907, sowie zu den Gesetzen und Bräuchen des Krieges, den allgemeinen Grundsätzen des Strafgesetzes, abgeleitet aus den Strafgesetzen aller zivilisierten Länder, zu dem einheimischen Strafrecht aller jener Länder, in welchen solche Verbrechen verübt wurden, und zu Artikel 6 (b) des Statuts.

[60] Einzelheiten (beispielsweise angeführt und ohne die Vorlegung von Beweismaterial für andere Fälle beeinträchtigen zu wollen) sind folgende:


1. Westliche Länder:

Aus den westlichen Ländern wurden von 1940 bis 1944 Kunstwerke, kunstgeschichtliche Gegenstände, Bilder, Plastiken, Möbel, Textilien, Antiquitäten und 21903 ähnliche Artikel von ungeheurem Wert geplündert.

In Frankreich zeigt die Statistik folgende Zahlen:


Fortschaffung von Rohstoffen:

Kohle

63.000.000 Tonnen

Elektrische Energie

20.976 Mkwh

Benzin und andere Treibstoffe

1.943.750 Tonnen

Eisenerz

74.848.000 Tonnen

Eisenspatprodukte

3.822.000 Tonnen

Bauxit

1.211.800 Tonnen

Zement

5.984.000 Tonnen

Kalk

1.888.000 Tonnen

Produkte aus Steinbrüchen

25.872.000 Tonnen

und verschiedene andere Produkte im Gesamtwert von Frs. 79.961.423.000.


Fortschaffung von Industrie-Einrichtungen:

Gesamtsumme: Frs. 9.759.861.000, davon Werkzeugmaschinen im Werte von Frs. 2.626.479.000.


Fortschaffung von landwirtschaftlichen Produkten:

Gesamtsumme: Frs. 126.655.852.000, und zwar für die wichtigsten Produkte:

Weizen

2.947.337 Tonnen

Hafer

2.354.080 Tonnen

Milch

790.000 Hektoliter

Milch (in konzentrierter Form

und Pudermilch)

460.000 Hektoliter

Butter

76.000 Tonnen

Käse

49.000 Tonnen

Kartoffeln

725.975 Tonnen

Verschiedene Gemüse

575.000 Tonnen

Wein

7.647.000 Hektoliter

Champagner

87.000.000 Flaschen

Bier

3.821.520 Hektoliter

Verschiedene Spirituosen

1.830.000 Hektoliter


[61] Fortschaffung von fertigen Erzeugnissen:

im Gesamtwert von Frs. 184.640.000.000.


Plünderungen:

Frs. 257.020.024.000 von Privatunternehmen.

Frs. 55.000.100.000 vom französischen Staat.


Finanzielle Ausbeutung:

Zwischen Juni 1940 und September 1944 wurde das französische Schatzamt gezwungen, an Deutschland Frs. 631.860.00.000 zu zahlen.


Plünderung und Zerstörung von Kunstwerken:

Die Museen von Nantes, Nancy und Alt-Marseille wurden ausgeraubt.

Privatsammlungen von großem Wert wurden gestohlen. Auf diese Weise verschwanden Bilder von Raphael, Vermeer, Van Dyck und Werke von Rubens, Holbein, Rembrandt, Watteau und Boucher. Deutschland zwang Frankreich, das ihm von Belgien anvertraute Bild von Van Eyck »Das Osterlamm« auszuliefern.

In Norwegen und anderen besetzten Ländern wurden Erlasse herausgegeben, kraft derer das Eigentum von vielen Zivilpersonen, Gesellschaften usw. konfisziert wurde. Eine ungeheure Ausplünderung von Eigentum jeder Art fand in Frankreich, Belgien, Norwegen, Holland und Luxemburg statt.

Als Resultat der wirtschaftlichen Ausplünderung Belgiens zwischen 1940 und 1944 stieg der erlittene Schaden auf 175 Billionen Belgische Franken.


2. Östliche Länder:

Während der Besetzung der östlichen Länder führte die deutsche Regierung und das deutsche Oberkommando systematisch fortgesetzte Plünderungen und Zerstörungen aus, einschließlich der folgenden:

Auf dem Gebiet der Sowjetunion zerstörten oder beschädigten die Nazi-Verschwörer aufs schlimmste 1710 Städte und mehr als 70000 Ortschaften und Dörfer, mehr als 6000000 Gebäude und machten ungefähr 25000000 Personen obdachlos.

Unter den Städten, die die schlimmsten Zerstörungen erlitten, sind Stalingrad, Sebastopol, Kiew, Minsk, Odessa, Smolensk, Nowgorod, Psow, Orel, Charkow, Woronezsch, Rostow-am-Don, Stalino und Leningrad.

Aus einem offiziellen Memorandum des deutschen Kommandos geht klar hervor, daß die Nazi-Verschwörer die völlige Vernichtung ganzer Sowjetstädte geplant haben. In einem streng geheimen Befehl des Chefs des Stabes der Seekriegsleitung (Stab 1A No. 1601/41, datiert vom 29. IX. 1941), der nur an die Stabsoffiziere gerichtet war, hieß es:

[62] »... Der Führer ist entschlossen, die Stadt Petersburg vom Erdboden verschwinden zu lassen. Es besteht nach der Niederwerfung Sowjetrußlands keinerlei Interesse an dem Fortbestand dieser Großsiedlung. Auch Finnland hat gleicherweise kein Interesse an dem Weiterbestehen der Stadt unmittelbar an seiner neuen Grenze bekundet.

Die ursprünglichen Forderungen der Marine, auf Schonung der Werft-, Hafen- und sonstigen marinewichtigen Anlagen, sind dem OKW bekannt, ihre Erfüllung jedoch angesichts der Grundlinie des Vorgehens gegen Petersburg nicht möglich.

Es ist beabsichtigt, die Stadt eng einzuschließen und durch Beschuß mit Artillerie aller Kaliber und laufendem Lufteinsatz dem Erdböden gleichzumachen.«

»... Da das Problem des Verbleibens und der Ernährung der Bevölkerung von uns nicht gelöst werden kann und soll. Ein Interesse an der Erhaltung auch nur eines Teiles dieser großstädtischen Bevölkerung besteht in diesem Existenzkrieg unsererseits nicht.«3

Die Deutschen zerstörten 427 Museen, unter ihnen die reichhaltigen Museen von Leningrad, Smolensk, Stalingrad, Nowgorod, Poltava und andere.

In Pyatigorsk bemächtigten sie sich der Kunstschätze, die vom Rostow-Museum dorthin gebracht worden waren.

Die Verluste, die die Kohlenindustrie im Stalingebiet erlitt, belaufen sich auf 2.000.000.000 Rubel. Ganz riesenhafte Zerstörungen wurden in den industriellen Anlagen in Makerewka, Carlowka, Yenakiewo, Konstantinowka und Mariupol durchgeführt, von wo fast alle Maschinen und Fabrikanlagen weggeschleppt wurden.

Für den Diebstahl in größtem Ausmaß und die Zerstörung von industriellem, kulturellem und anderem Gut waren die Vorgänge in Kiew typisch. Mehr als 4000000 Bücher, Zeitschriften und Handschriften (von welchen viele sehr wertvoll und sogar einzigartig waren) und eine große Anzahl von Kunsterzeugnissen und verschiedenartigen Wertgegenständen wurden gestohlen und weggeschleppt.

Viele wertvolle Kunsterzeugnisse wurden von Riga weggetragen.

Das Ausmaß der Plünderung kultureller Wertgegenstände ist durch die Tatsache bewiesen, daß 100000 wertvolle Bände und 70 Kisten voll alter Zeitschriften und kostbarer Monographien allein von Rosenbergs Stab weggeschleppt wurden.

Weitere Beispiele dieser Verbrechen sind unter anderem:

Frevelhafte Verwüstung der Stadt Nowgorod samt vielen historischen und künstlerischen Denkmälern. Mutwillige Verwüstung und [63] Plünderung der Stadt und der Provinz Rowno. Zerstörung von industriellen, kulturellen und anderen Gütern in Odessa. Zerstörung von Städten und Dörfern in Sowjet-Karelien. Zerstörung kultureller, industrieller und anderer Gebäude in Estland.

Zerstörung medizinischer und prophylaktischer Institute, Zerstörung der Landwirtschaft und Industrie in Litauen, Zerstörung von Städten in Lettland.

Die Deutschen zeigten besonderen Haß gegen die Sowjetbevölkerung teure kulturelle Denkmäler. Sie zerteilten das Gut des Dichters Pusckin in Mikhailowskoye, entweihten sein Grab und zerstörten die benachbarten Dörfer und das Mönchskloster von Swyatogor.

Sie zerstörten das Gut und Museum von Leo Tolstoj, »Yasnaya Polyana«, und entweihten das Grab des großen Schriftstellers. In Klin zerstörten sie das Tschaikowsky-Museum und in Ponaty das Museum des Malers Repin und vieler anderer.

Die Nazi-Verschwörer zerstörten 1670 griechisch-orthodoxe Kirchen, 237 römisch-katholische Kirchen, 67 Kapellen, 532 Synagogen usw. Ferner zertrümmerten und entweihten sie in sinnloser Zerstörungswut die wertvollsten Denkmäler der christlichen Kirche, wie zum Beispiel Kiewo-Peherskaya, Lawra, Nowy Jerusalem im Istringebiet und die ältesten Mönchsklöster und Kirchen.

Zerstörungen kultureller, industrieller und anderer Bauten in Estland: Niederbrennung vieler Tausender von Wohnbauten; Verschleppung von 10000 Kunstwerken; Zerstörung medizinischer und prophylaktischer Anstalten; Plünderung und Verschleppung von ungeheuren Mengen von landwirtschaftlichem Viehbestand, einschließlich Pferden, Kühen, Schweinen, Geflügel, Bienenstöcken und landwirtschaftlichen Maschinen aller Art, nach Deutschland.

Verwüstung der Landwirtschaft, Versklavung der Bauern und Plünderung von Viehbestand und landwirtschaftlichen Erzeugnissen in Litauen.

In der lettischen Republik Zerstörung der Landwirtschaft durch Plünderungen von Viehbestand, landwirtschaftlichen Maschinen und Erzeugnissen.

Das Ergebnis dieser Plünderungs- und Zerstörungspolitik war die Verwüstung des Landes und äußerstes Elend.

Der Gesamtbetrag des der USSR zugefügten materiellen Schadens wurde, nach staatlichen Preisen von 1941, auf 679.000.000.000 Rubel geschätzt.

Nach der Besetzung der Tschechoslowakei am 15. März 1939 beschlagnahmten und stahlen die Angeklagten große Vorräte von Rohstoffen, Kupfer, Zinn, Eisen, Baumwolle und Nahrungsmitteln, veranlaßten die Verschleppung großer Mengen von Eisenbahnwagen [64] und vieler Maschinen, Wagen, Dampfschiffen und Oberleitungsomnibussen nach Deutschland; beraubten Bibliotheken, Laboratorien und Kunstmuseen ihrer Bücher, Gemälde, Kunstgegenstände, wissenschaftlichen Apparate und Einrichtungen, stahlen alle Goldreserven und ausländische Zahlungsmittel der Tschechoslowakei einschließlich 23000 kg Gold im Nominalwert von 5265000 Pfund Sterling; erwarben auf betrügerische Weise die Kontrolle über tschechische Banken und viele tschechische industrielle Unternehmungen und plünderten diese; sie stahlen, plünderten und unterschlugen auf verschiedene Arten tschechoslowakisches öffentliches und privates Eigentum. Die Gesamtsumme der wirtschaftlichen Plünderung der Tschechoslowakei durch die Angeklagten von 1938 bis 1945 wird auf 200.000.000.000 Tschechenkronen geschätzt.


Quelle:
Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Gerichtshof Nürnberg. Nürnberg 1947, Bd. 1, S. 59-65.
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