Drittes Kapitel

275-262

Die gallische Invasion – Antigonos und Nikomedes gegen Antiochos – Antigonos in Makedonien – Pyrrhos' Sieg über Antigonos – Pyrrhos gegen Sparta – Sein Tod vor Argos – Beruhigung Griechenlands – Der Chremonideische Krieg – Makedonien eine Großmacht – Antiochos' Sieg über die Galater – Ptolemaios Philadelphos – Der kyrenaiische Krieg – Der erste Syrische Krieg – Antiochos' Tod – Übersicht

[121] In hohem Grade bedeutsam erscheint die Gleichzeitigkeit des pyrrhischen Krieges in Italien und der keltischen Invasion in die Länder des Haimos und nach Kleinasien. Während dort das Griechentum endlich die Offensive gegen Rom ergreift und die größten Hoffnungen sich zu verwirklichen beginnen, scheint es hier in fast völliger Wehrlosigkeit dem ersten jähen Ansturz jener nordischen Barbaren erliegen zu sollen, die wie eine wüste Naturgewalt in die Kreise der hochgebildeten Griechenwelt einbrechen, die künstlich verschlungenen Fäden der bewegtesten Politik durchreißen, alle Verhältnisse mit rohester Zerstörung zu überfluten drohen.

Aber wie anders der Verlauf, die Wirkungen jener Kämpfe und dieser! Dort vermag der größte Feldherr, das erprobteste Heer keinen dauernden Vorteil über diese dämonische Kraft des Römertums zu gewinnen; wie gelähmt sinkt der Arm, der den Schlag wider sie zu führen gewagt, es ist, als ob der Berührung mit ihr Ermatten und Todesschauer folgt; vor ihrem medusenhaften Blick wankt und taumelt das Griechentum und wie verstört stirbt es in ohnmächtigen Zuckungen dahin.

Plötzlicher, gräßlicher, unentrinnbar scheint das Verderben, das die Gallierhorden bringen. Sie brechen in die hellenistische Welt in einem Moment ein, da alles in höchster Spannung und Verworrenheit ist. Den alten Seleukos, den Besieger des Lysimachos, hat Ptolemaios Keraunos ermordet, für das Reich Ägypten, das väterliche Gunst und Vorsicht dem jüngeren Bruder zugewiesen, gedenkt er sich mit dem Doppeldiadem Thrakiens und Makedoniens zu entschädigen. Wohl sendet Antiochos seine Heere, des Vaters Mord zu rächen und dessen Eroberung zu retten; es kommt Antigonos Gonatas, ältere Rechte auf Makedonien mit den Waffen zu behaupten. Aber der junge König Ägyptens hat das höchste Interesse, den Bruder durch die Sicherung jener neuen Erwerbungen fernzuhalten, und mit Ägypten im Einverständnis erhebt sich Sparta, fordert die Hellenen mit dem hergebrachten Aufruf zur Freiheit auf, die Besatzungen und Tyrannen zu vertreiben, mit denen Antigonos die Städte behauptet, greift die Aitoler, Antigonos' Bundesgenossen, an, während Ptolemaios,[121] von der Flotte der sich zur Freiheit erhebenden Herakleoten unterstützt, Antigonos zur See besiegt und ihm verbündet der bithynische König das Heer des Antiochos in heimlichem Überfall vernichtet112. Dies war im Sommer 280. Es ist, als ob hier, in Hellas, in Makedonien, im ganzen Bereich der hellenistischen Welt wieder einmal alles in Frage gestellt ist: während Pyrrhos in Italien hinaufdringt, beginnen die vier Achaierstädte die ersten Schritte zur Freiheit; im Seleukidenreich sieht Antiochos von Ägypten her das südliche Syrien angegriffen und seine Herrschaft in Kleinasien wanken; nicht bloß, daß im bithynischen Bruderkrieg die Herakleoten eilen, ihren Vorteil zu verfolgen; hatten die hellenischen Städte Kleinasiens, die König Lysimachos untertänig gemacht, mit dessen Sturz ihre Freiheit wieder zu gewinnen gehofft, so ist der Seleukide weit entfernt, von der Macht, die Lysimachos über sie gehabt, das Geringste opfern zu wollen, und nur um so eifriger suchen sie die Wege, die Freiheit, die ihnen der große Alexander feierlichst verbürgt hat, herzustellen – die nächste Hilfe konnte Makedonien sein, aber die aufstrebende Macht des makedonischen Ptolemaios wirft sich auf die Dardaner und den Sohn des Lysimachos, den Prätendenten seines Diadems –; überall ist wilde Bewegung her und hin.

Und eben da beginnt die Invasion der Kelten; nur so weit es zum Verständnis des folgenden notwendig ist, mag hier deren Verlauf wiederholt werden. Noch vor dem Ausgang des Jahres 280 war Ptolemaios von ihnen besiegt und erschlagen, Makedonien überflutet, das flache Land auf das grauenhafteste verheert, bald alle Ordnung dahin. Ptolemaios' Bruder, Meleagros, wird nach zwei Monaten als unfähig abgesetzt, des Königs Kassandros Neffe Antipatros, zum König ernannt, vermag ebenso wenig zu helfen. Kaum daß endlich, ihn entfernend113, Sosthenes Scharen um sich sammelt und das Land da und dort säubert, so erscheint schon im Sommer 279 ein zweiter furchtbarer Schwarm unter Brennos. Ein Haufe hat sich im Dardanerlande von der Masse getrennt, um unter Lutarios und Leonnorios sich auf Thrakien, auf Byzanz zu werfen, der Hauptschwarm stürzt sich auf Makedonien. Sosthenes wehrt sich so gut er kann; das schon geplünderte Land zum zweiten Male verheerend, geht der wilde Zug über Thessalien nach Griechenland. Wohl sammelt sich in den Thermopylen[122] ein Griechenheer, aber Sparta sendet keine Hilfsmacht, es weigert den Messeniern den Waffenstillstand zum Auszug. Auch die Arkader wagen nicht teilzunehmen aus Furcht vor Sparta. Die Barbaren, erklären die Peloponnesier, hätten keine Schiffe, zu ihnen überzusetzen, und den Isthmos werde man schon mit Verschanzungen sperren. So erscheinen aus der ganzen Peloponnes durchaus keine Truppen, auch aus den Städten nicht, in denen noch Antigonos' Besatzungen stehen oder ihm ergebene Tyrannen herrschen. Nur von den zunächst gefährdeten Staaten, von Boiotien, Phokis, Opus, von Megara, Athen und den Aitolern kommen Truppen, auch König Antiochos sendet 500 Mann, eine gleiche Schar Antigonos, – offenbar in kluger Voraussicht spart er seine Kräfte.

Denn allerdings finden die Kelten an den Thermopylen Widerstand, ein Schwarm, der nach Aitolien vordringt, wird von den Aitolern und den zu Hilfe eilenden Achaiern aus Patrai vernichtet. Als Verrat endlich jene Engpässe öffnet, erwartet die weiter stürmenden die delphische Niederlage, Brennos selbst fällt. Aber nicht, daß sie vernichtet wären, nur ihrem Weiterströmen ist ein Ziel gesetzt. Beutebeladen ziehen sie zurück, und während die einen nach der gallischen Heimat gehen, andere, die Skordisker unter Bathanatos, an der Donau, woher sie gekommen, sich ansiedeln, machen andere Rast in dem unglücklichen Makedonien. Sosthenes ist gestorben, drei Prätendenten zugleich nehmen die Herrschaft in Anspruch, in Kassandreia macht sich der furchtbare Apollodoros zum Tyrann. Die gefährlichste Keltenmasse unter Komontorios dringt, die Triballer, das Getenreich des Dromichaites vernichtend, nach Thrakien ein. Dort haben bereits die 20000 unter Leonnorios und Lutarios gräßlich gehaust, die reichen Küstenstädte gebrandschatzt, selbst das feste Byzanz hat Tribut gezahlt, Lysimacheia ist genommen. Nun sehen sie jenseits des Hellesponts die reiche asiatische Küste, sie verlangen hinüber, sie fordern die Überfahrt von Antiochos' Statthalter Antipatros. Die Unterhandlungen ziehen sich hin, und während Leonnorios, des Wartens müde, sich mit einem Teil der Scharen von neuem auf Byzanz wirft, bemächtigt sich Lutarios der fünf Schiffe, die Antipatros unter dem Schein einer Gesandtschaft zur Beobachtung der Barbaren gesandt hat. Er setzt auf diesen seine Haufen hinüber, wirft sich zuerst auf Ilion, das ihm als Raubburg dienen soll. Bald verläßt er den unfesten Platz, beginnt nun die Städte Asiens heimzusuchen. Komontorios befestigt seine Herrschaft zu beiden Seiten des Haimos, das Reich von Tylis, wie es nach seiner Burg im Gebirge genannt wird.

Die gleichzeitigen Verhältnisse zwischen Antigonos und Antiochos sind in wesentlichen Punkten unklar. Jedenfalls hat der eine so wenig wie der andere den Gedanken, das an Prätendenten reiche und doch herrenlose Land Makedonien und Thrakien zu gewinnen, aufgegeben. Aber den Syrer[123] hindert zunächst Bithynien. Nach dem Überfall 280, der ihm ein Heer gekostet, rüstet er eine neue Streitmacht gegen Nikomedes, der sich beeilt, den Beistand der Herakleoten mit der Abtretung von Tios, Kiëros und dem thynischen Lande zu erkaufen. Im thynischen Lande hat dessen Bruder Zipoites sich der Gewalt bemächtigt. Als die Herakleoten kommen, Besitz zu ergreifen, bewältigt er sie114, auch andere Teile Bithyniens fallen ihm zu. Nikomedes muß auf neue Mittel sinnen, wenn er nicht alles verlieren will.

Indessen ist Ptolemaios Keraunos, sein und der Herakleoten Bundesgenosse, gefallen, Makedonien zum zweitenmal überflutet, schon Thrakien in der Gewalt des Leonnorios und Lutarios. Darf man annehmen, daß Antiochos die Küsten Thrakiens zu okkupieren versucht hat? Im folgenden Frühling (278) ist es ja der Stratege der asiatischen Küste, der mit Lutarios unterhandelt, es zeigt sich keine Spur syrischer Besatzung auf dem europäischen Ufer. Aber Memnon erzählt: »Um dieselbe Zeit (da um die thynische Landschaft gekämpft wurde) erhob sich zwischen Antigonos und Antiochos, indem von beiden Seiten große Heere gerüstet wurden, der Krieg und währte geraume Zeit. Bundesgenosse für Antigonos war König Nikomedes, für Antiochos viele andere. Antiochos griff, ehe er noch mit Antigonos zusammengetroffen war, Nikomedes an, Nikomedes aber brachte teils von anderen Seiten Streitkräfte zusammen, teils schickte er an die Herakleoten und erhielt von ihnen 13 Trieren. Diese und seine übrige Flotte stellte er gegen Antiochos; beide Flotten aber, nachdem sie eine Zeitlang sich gegenüber gelegen, gingen, ohne eine Schlacht zu versuchen, auseinander. Nicht lange darauf nahm Nikomedes die Kelten in seinen Sold«. Daß die syrische Macht den Bithynier nicht hatte zur Schlacht zwingen können, bedeutete für sie so viel wie eine Niederlage.

Da tritt Livius' Bericht ein115: »Von Byzanz herüberholte Nikomedes den Leonnorios mit seinen Scharen und vereinte sie mit denen des Lutarios in seinem Solde, und nun ward Zipoites im thynischen Lande bewältigt.« Der chronologische Zusammenhang dieser Kämpfe ist unklar, jedenfalls kamen die Kelten aus der Umgegend von Byzanz nach Asien herüber nach dem Sommer 278, vielleicht erst im Frühling 277. Vor dieser Zeit also lagen sich die Flotten Syriens und Bithyniens untätig gegenüber.[124] Der Krieg des Antigonos und Antiochos, der geraume Zeit währte, hatte noch nicht zum entscheidenden Zusammentreffen geführt, als Nikomedes rüstete (280). Wir begreifen, warum Antigonos in die Thermopylen, um den November 279, nicht mehr als 500 Mann sandte, und Antiochos' Macht war nah genug, ebenso viel dorthin zu schicken; aber noch kämpften dort diese kleinen Scharen nebeneinander.

So gewinnen wir allmählich einiges Licht. Erst nach dem Zurückfluten der Kelten aus Hellas, mit dem Frühjahr 278, mag der Krieg zwischen Antiochos und Antigonos in rechten Gang gekommen sein. Es mußte ein Seekrieg sein, Antiochos mußte versuchen, der feindlichen Flotte den Weg nach Makedonien zu verlegen, hier mußte er alle Kräfte, welche die Unruhen im syrischen Lande ihm frei ließen, vereinigen. Es begreift sich, daß der Teil der Flotte, der gegen Nikomedes gesandt werden konnte, zu schwach war, um eine Schlacht zu wagen. Der weitere Verlauf des Krieges um Makedonien wird nicht berichtet; aber eine Seeschlacht, so scheint es, entschied für Antigonos116. In Asien, sagt eine vereinzelte, aber glaubwürdige Notiz, wurde der Krieg geführt. Jedenfalls erscheint gleich darauf Antigonos mit glänzender Seemacht in der Nähe von Lysimacheia. Gesandte der Kelten (des Komontorios) kommen dort zu ihm, einen Kauffrieden anzubieten. Er bewirtet sie auf das glänzendste, er zeigt ihnen seine Flotte, sein Heer, seine Elefanten. Dennoch kommt das wilde Volk, nach Beute begierig, sie finden das Lager leer, sie plündern es, sie gehen ans Ufer, sich auch der Schiffe zu bemächtigen. Da werfen sich die Ruderknechte von den Schiffen und der Teil der Truppen, die mit ihren Weibern und Kindern sich auf die Schiffe geflüchtet, auf die schon plündernden, die niedergemacht werden. Dann wird Antigonos mit dem Heere herangeeilt sein, die Niederlage zu vollenden117. Es war die glänzendste Waffentat,[125] Antigonos' Name ward gepriesen, auch die Barbaren fürchteten ihn.

Er konnte sich jetzt nach Makedonien wenden. Von den Prätendenten Ptolemaios, Arrhidaios ist nicht weiter die Rede, aber Antipatros, des Kassandros Neffe, suchte sich dort noch zu halten. Antigonos nahm die Kelten unter Bidorios in Sold – es mag der Haufe gewesen sein, der nach der Rückkehr von Delphoi in Makedonien geblieben war und nun vorzog, in dessen Sold zu treten, wider den zu kämpfen das Schicksal der Brüder am Meeresstrand abschrecken mochte –; sie bedangen sich, 9000 streitbare Männer, für den Kopf ein Goldstück und ließen sich Geiseln stellen. Bald war Antipatros bewältigt, aber nun forderten die Barbaren den gleichen Sold für jedes Weib, für jedes Kind. Es war nicht die Zeit, das kaum Gewonnene von neuem zu wagen, noch den Barbaren nachgiebige Schwäche zu zeigen; schon drohend zog der wilde Haufe davon. Antigonos sandte nach, sie sollten ihre Führer schicken, das Geld in Empfang zu nehmen, und da sie kamen, erklärte er, nicht anders werde er sie herausgeben, als wenn ihm die Geiseln zurückgestellt und der Sold, für den Mann ein Goldstück, angenommen würde. So entzog er sich der Gefahr. Noch vor Sommers Mitte 277 war das Königtum Makedoniens in Antigonos' Händen.

Es war nach dem glücklichen Beispiel des Antigonos, daß Nikomedes die Kelten des Leonnorios von Byzanz herüberrief und sie wie die unter Lutarios umherschweifenden in seinen Sold nahm. Der Vertrag mit den siebzehn Fürsten lautete, sie sollten zu aller Zeit ihm und seinen Nachfolgern diensttreu sein, ohne Nikomedes' Beistimmung in niemandes Dienst treten, mit ihm dieselben Freunde und Feinde haben, besonders aber den Byzantinern, Herakleoten, Chalkedoniern, Tianern und Kiëranern und einigen anderen zur Hilfe bereit sein. Es waren nicht mehr als 20000 Kriegsleute. Ihr erster Kampf war gegen Zipoites, der vor kurzem die Herakleoten im thynischen Lande bewältigt, für den sich auch sonst ein großer Teil Bithyniens erhoben hatte. Er ward überwältigt, das bithynische Land in Nikomedes' Hand vereint, die versprochene Küste an die Herakleoten übergeben, die fahrende Habe der Besiegten den Barbaren zur Beute überlassen.

Weder Livius noch Memnon erwähnt, daß Nikomedes mit diesen Galatern, wie neuerdings angenommen worden, gegen Antiochos gekämpft habe, beide vielmehr berichten gleich nach dem bithynischen Kriege, wie[126] die Galater nun ihre verwüstenden Züge durch Asien begannen, alles Land innerhalb des Tauros in Schrecken setzten, sich in Kleinasien für ihre Räubereien förmlich teilten, so daß die Trokmer die Küsten des Hellespontes, die Tolistobojer Aiolis und Ionien, die Tektosagen das innere Land übernahmen; daß sie bis Ephesos118 und Milet, bis Themisonion an der karischen Grenze streiften119, zeigen zufällige Notizen.

Wie der Krieg zwischen Antiochos und Nikomedes endete, wird nicht berichtet, jedenfalls ist nach dem Gesagten schon nicht wahrscheinlich, daß nach dem Kampf gegen Zipoites die Kelten auch noch gegen den Syrerkönig für Nikomedes kämpften. Es wird eine Schlacht erwähnt, in der Antiochos die Kelten bewältigt hat120; hätten sie da in bithynischem Dienst gekämpft, so hätte dies kleine Reich mit dieser Niederlage unzweifelhaft ein Ende gehabt. Wohl aber wird erwähnt, daß in Asien Antigonos und der bithynische König gegen Kelten kämpften. Es wird kein Bedenken haben, daß sie sich wider den erhoben, mit welchem sie vor kurzem erst ein Bündnis geschlossen; sie mochten eben jetzt die Abtretung einer eigenen Landschaft für sich fordern. Und Antigonos war Nikomedes' Verbündeter, wahrscheinlich hatte er seit dem Siege über die syrische Flotte auch Besitz in Asien, wie er denn über Pitane verfügen konnte. Bis Karien hin scheint sich sein rettender Einfluß erstreckt zu haben. Die Knidier stifteten »dem freundlichen Heros Antigonos« zu Ehren ein Heiligtum mit Laufbahn und Ringhalle und einer Thymele für musische Wettkämpfe und in dem heiligen Haine ein Bild des Pan, der die Syrinx bläst.

Das Ende des Kampfes war dann, daß die Galater einen Teil des bithynischen und einige nördliche Striche des phrygischen Landes nach dem Halys zu in Besitz nahmen. Von allen Seiten wird man sich vereinigt haben, durch bereitwillige Opfer endlich eine Ruhe zu erkaufen, für die man doch keine Sicherheit gewann. Antiochos wird entweder damals oder schon früher, um zu diesem Resultat zu gelangen, den König von Bithynien[127] anerkannt, er wird seine Ansprüche auf Herakleia, auf Makedonien aufgegeben haben. Gewiß ist, daß er bei diesem Frieden seine Schwester Phila an Antigonos verlobte121, glaublich, daß Antigonos, was er jenseits des Hellesponts gewonnen, zurückgab, Karien vielleicht gegen ausdrückliche Anerkennung und Garantie der Freiheiten und Rechte der hellenischen Städte dort. Dahingestellt muß bleiben, ob auch etwas über das Recht auf die thrakischen Küsten festgestellt wurde, deren sich bereits Komontorios, der Gründer des keltischen Reiches von Tylis, zu bemächtigen versuchen mochte.

Sind diese Abtretungen gemacht worden, so erkennt man sehr deutlich darin jene klare Verständigkeit, die Antigonos' Politik überall auszeichnet. Was sollte ihm der ferne und unsichere Besitz, der ihn in immer neue Kriege mit höchst zweifelhaftem Ausgang verwickeln mußte? Trat er jene Gegenden an Antiochos ab, so gewann er nicht bloß die Basis eines freundschaftlichen Verhältnisses mit ihm, sondern überließ ihm zugleich die Sicherung der dortigen Städte gegen die Kelten, deren Abwehr die syrischen Streitkräfte diesseits des Tauros hinreichend beschäftigen mußte und damit mittelbarerweise Makedonien selbst gegen neue Ansprüche der Seleukiden sicherstellte. Die Freiheit dieser hellenischen Städte schuf eine Art neutrale Zone zwischen den beiden Reichen und dem etwaigen Andrängen der Lagiden obendrein, und die Garantie dieser Freiheit, falls sie in dem Friedensinstrument festgestellt war, gab der makedonischen Macht die wichtige und in hohem Maß populäre Befugnis, auf die politische Lage dieser Küsten ein wachsames Auge zu haben.

Vorerst waren die Verhältnisse Makedoniens und Griechenlands von der Art, daß sie des Königs ganze Tätigkeit in Anspruch nahmen und nur durch die konzentrierteste Anstrengung wiederhergestellt werden konnten. Vor allem mußte in Makedonien nach der Invasion der Kelten, nach der Anarchie die Verwüstung, Verwirrung, Auflösung allgemein sein. Es galt, die Grenzen zu festigen, die Ordnung im Inneren herzustellen, die verödeten Landschaften wieder zu bevölkern, Verkehr, Tätigkeit, Vertrauen wieder zu erwecken. Das Reich mußte gleichsam von neuem geschaffen werden. Sollte nicht das gesamte Griechenland, wie Jahrzehnte lang noch[128] Kleinasien, von den wilden Barbarenhorden durchplündert werden, so mußte ein mächtiges Makedonien die hellenischen Lande wie ein Wall schirmen, und Antigonos, der Sieger von Lysimacheia, war der Mann, die Barbaren fernzuhalten. Freilich in den alten Überlieferungen ist nichts über diese bedeutende Tätigkeit des Antigonos aufbewahrt, nur davon berichten sie, wie er der Gewaltherrschaft des Apollodoros in Kassandreia ein Ende gemacht122. Der Tyrann hatte sich mit gallischen Söldnern umgeben; da sich Antigonos wider ihn wandte, eilte Sparta, dem Gefährdeten Hilfe zu senden. Zehn Monate schon hatte die Belagerung ohne Erfolg gewährt, da zog sich Antigonos mit seinem Heer zurück. Nur der Piratenhäuptling Ameinias aus Phokis mit einigen aitolischen Piraten und zweitausend Mann Fußvolk blieb vor der Stadt, erbot sich dem Tyrannen, Freundschaft mit ihm zu schließen, seine Aussöhnung mit dem König zu bewerkstelligen, dem Mangel in der belagerten Stadt durch reiche Zufuhren abzuhelfen. So wurde Apollodor sicher gemacht, während Ameinias alles zur Überrumpelung der Stadt vorbereitete. Der Streich gelang, die schwach besetzten Mauern wurden erstiegen, die Stadt ohne weiteren Widerstand genommen und dem Königtum zurückgegeben.

In nicht geringem Grade auffallend ist jene Hilfesendung der Spartaner. Man kann daraus entnehmen, wie weitaussehend die Politik des Staates wieder geworden war, seit er in der ägyptischen Verbindung einen Rückhalt gefunden hatte, oder richtiger, wie die Politik des Lagiden Sparta zu benutzen verstand. In diesem Zusammenhang war ja schon jener heilige Krieg des Jahres 280 unternommen worden, unter dessen Schutz die vier Achaierstädte die makedonischen Besatzungen vertrieben hatten. Im Herbst 279 konnte Sparta den Messeniern, den Arkadern nach den Thermopylen[129] zu ziehen unmöglich machen. Auch in Argos war kein makedonischer Epimelet, keine Besatzung mehr. Gleichzeitig mit der Sendung nach Kassandreia mag es gewesen sein, daß die Spartaner unter Kleonymos sich gen Troizen wandten, wo eine makedonische Besatzung unter Eudamidas lag. Kleonymos umzingelte die Stadt. Den Pfeilen, die er hineinschießen ließ, waren Zettel angeheftet, welche den Troizeniern verkündeten, er sei gekommen, sie zu befreien. Gefangene, die er ohne Lösegeld freigab, bestätigten des Spartaners Wort. So entstand in der Stadt ein Aufruhr, währenddessen es den Belagerern leicht war, einzudringen und sich der Stadt zu bemächtigen, die sofort spartanische Besatzung und einen Harmosten erhielt.

Antigonos' Einfluß in der Peloponnes war offenbar im Sinken. Er hatte seinem Halbbruder Krateros in Griechenland und Euboia die Strategie übertragen, der jedoch der steigenden Bewegung nicht gewachsen gewesen zu sein scheint. Jene vier Städte im westlichen Achaia, die sich befreit hatten, wurden nicht wieder zur Abhängigkeit gebracht. Nun erhob sich auch Aigion (275), vertrieb die makedonische Besatzung, schloß sich jenen schon verbündeten an. Freilich war das Achaierländchen, abseiten liegend von den großen Kämpfen, die die Welt so lange erschüttert hatten, am wenigsten unter allen Landschaften Griechenlands heimgesucht, und die Pest, die Griechenland durchzogen, hatte diese Küsten fast verschont. Da nun auch Aigion, die bedeutendste Stadt in der Achaierlandschaft, in deren Gebiet das Bundesheiligtum des Zeus Homagyrios, der Tempel der Demeter Panachaia lag, sich erhoben hatte, erwachte die Erinnerung besserer Zeiten und das Verlangen, ihre Wiederkehr und die wiedererrungene Freiheit zu sichern. So stifteten jene fünf Städte, Patrai, Aigion, Dyme, Tritaia und Pharai, eine Eidgenossenschaft und errichteten eine Bundesurkunde, deren wesentliche Bestimmungen zunächst aus der augenblicklichen Lage der Verhältnisse hervorgingen. Gegenseitige Sicherung gegen Angriffe von außen oder Versuche tyrannischer Herrschaft mußte der nächste Zweck sein. Die fünf Politien sollten einen Bundesstaat, ein unzertrennliches Ganzes bilden, von dem die einzelnen Glieder in gleicher Weise abhängig, nur hinsichtlich der inneren Verwaltung selbständig sein sollten. Hinzugefügt wurde, daß jede Stadt, die zum Bunde treten würde, zu gleichem Recht mit den übrigen aufgenommen werden sollte123. Das war der Anfang zu einer Verfassung, die für Griechenland hochbedeutsam werden sollte, es war der Kern zu einer frei föderativen Bildung, nach der Griechenland so lange vergebens gestrebt hatte. Zum ersten Male geschah es, daß hellenische Politien, aus freiem Entschluß ihre spröde Selbständigkeit[130] und Ausschließlichkeit aufgebend, sich zur Gliederung einer staatlichen Gemeinschaft, innerhalb deren dem Einzelstaat nur die kommunale Selbständigkeit blieb, zusammenfanden. Allerdings gewann der Bund später erst eine reichere Organisation im Inneren und damit eine umfassendere politische Bedeutung, aber schon jetzt in seinen Anfängen wirkte die in ihm sich gestaltende Idee belebend auf die stammverwandten Städte. Die Eidgenossen waren voll Eifers, auch sie zu befreien. Mit ihrem Beistand unter Führung des Margos von Keryneia erschlugen die Burier den Tyrannen der Stadt und traten zum Bunde, und als der Tyrann Iseas von Keryneia so ringsum Abfall und Tyrannenmord sah, entsagte er seiner Herrschaft und ließ die Stadt gegen das Versprechen persönlicher Sicherheit zum Bunde treten. Bald waren auch die übrigen Städte der Landschaft, Leontion, Pellene, Aigeira, befreit: der Bund umfaßte das gesamte kleine Achaierland.

Aber sah Makedonien diese Veränderungen ruhig an? Das kaum wieder geschaffene Reich war von neuem zerrüttet. Mit dem Anfang des Jahres 274 war Pyrrhos aus Italien zurückgekehrt. Er hatte nach den Verlusten des letzten Jahres wie bei den übrigen Königen, so bei Antigonos vergebens um Hilfesendungen gebeten, er hatte Italien bis auf Tarent aufgeben müssen, die ehemaligen Taulantinerlandschaften waren von den Dardanern genommen, Korkyra verloren, Akarnanien hatte sich frei gemacht124. Nun dürstete er, Rache zu nehmen, er brauchte Krieg, um sein Heer zu erhalten und mehren zu können, er mußte das Verlorene wiedergewinnen. So kündigte er, nachdem eine Schar Gallier angeworben war, Antigonos den Frieden auf, während sein kühner Sohn Ptolemaios mit einer kleinen Schar Korkyra wieder nahm. Gleich zu Anfang öffneten ihm die nächsten Städte die Tore, 2000 Soldaten traten zu ihm über. Dann wandte er sich gegen die Paßgegend, welche von Westen her den Eingang nach Makedonien öffnet. Dort stand ihm Antigonos mit seinem Heer gegenüber, dessen Hauptstärke die keltischen Söldner waren. Gleich im ersten Zusammentreffen wurden Antigonos' leichte Scharen geworfen. Vergebens leisteten die Kelten den hartnäckigsten Widerstand, sie wurden niedergemetzelt. Die Elefanten, denen der Rückweg versperrt war, mußten übergeben werden, sie wurden sofort gegen die makedonische Phalanx gewandt, die noch nicht zum Gefecht gekommen war. Voll Bestürzung und Verwirrung sah sie den Feind anrücken, als aber Pyrrhos, so wird erzählt, mit der Hand winkte, einzelne der makedonischen Strategen und Taxiarchen mit ihren Namen rief, da gaben alle ihres Königs Sache auf und ergaben sich dem Sieger. Wie auch im einzelnen der Verlauf der Schlacht[131] gewesen sein mag, das Heer des Antigonos war aufgelöst, vor allem seine keltischen Scharen vernichtet. Bis zur Küste hinflüchtete er, dort in Thessalonike und den umliegenden Seestädten sich von neuem zu rüsten.

Welche Bedeutung dieser vollkommene Sieg über Antigonos hatte, sprechen die Inschriften aus, mit denen Pyrrhos die gallische Siegesbeute im Tempel der itonischen Pallas in Thessalien, die makedonische in dem des Zeus von Dodona weihte125. Thessalien und die sogenannten oberen Landschaften Makedoniens waren in seiner Gewalt; auch Aigai am Eingang nach Emathia, die Heimat des makedonischen Königtums, ward genommen und hart behandelt. Die 2000 Gallier, die Pyrrhos dort als Besatzung ließ, erbrachen, nach Beute gierig, die Gräber der alten Könige, plünderten sie, warfen in wüstem Frevel die Gebeine umher. Und Pyrrhos strafte sie nicht, wie laut sich der Unwille der Makedonen auch äußerte. Ob Antigonos auf diese Stimmung des Volkes rechnete? Er hatte neue Gallierscharen angeworben, er zog mit diesen gegen die Epeiroten aus, aber Pyrrhos' Sohn Ptolemaios, seinem Vater an Kühnheit und Stärke ähnlich, traf ihn zur Schlacht, und wieder ward Antigonos geschlagen, sein Heer vernichtet. Mit sieben Begleitern nur soll er entkommen sein, sich zu verbergen gesucht haben; wieder mußten ihm die Küstenstädte Zuflucht gewähren, – er wußte wohl, daß Pyrrhos dem Würfelspieler glich, den der geglückte Wurf nur zu neuem kühneren Wagen treibt.

Denn so ist Pyrrhos, ein rechter Epigone jener wild abenteuerlichen Zeit der Diadochen; mehr als alle gleicht er dem großen Alexander, nur daß ihn nicht wie jenen eine große Idee trägt und erfüllt. Was ihn getrieben hat von Jugend an, ist der unerschöpfliche Drang zum Wagen und Kämpfen. Wo sich die Gelegenheit bietet, ergreift er sie, bewährt sein Glück und seine Meisterschaft, aber mit der Gefahr und dem Wagnis endet sein Ehrgeiz und sein Eifer, als wäre es unköniglich, Gewonnenes zu behaupten oder für anderes als für die Waffen Sinn zu haben. Er will nur Kriegsmann[132] sein, was kümmert ihn andere Kunst, andere Wissenschaft? Der Krieg ist ihm nicht ein politisches Mittel; seine Politik ist die einfache des Dreinfahrens, des raschen Entschlusses, der blutigen Entscheidung. So hat er zwei, dreimal Makedonien gewonnen und verloren, so zieht er nach Italien, denkt Sizilien, Libyen, die ganze Welt zu bekämpfen. Freilich da tritt ihm ein Volk entgegen, fest, stark, soldatisch; besiegt, ist es nicht überwältigt, in wachsender Gefahr stählt sich ihm Kraft und Mut, mit dem Untergang bedroht, erhebt es sich in vollster Kraft; es weiß, wofür es kämpft. Da fühlt er sich selbst zur Stetigkeit, zur Vorsicht, zur hartnäckigsten Anstrengung gebannt, da erwacht ihm das Bild einer Gefahr, die Ahnung einer Zukunft, die die wirre Unruhe seiner Kampflust auf einen großen Zweck zu leiten beginnt. Aber was er beginnt, mißlingt, seinen Hilferuf versteht man nicht. Er eilt aus Italien heim, noch erfüllt von dem großen Gedanken des gefährdeten Griechentums, entschlossen, dessen Vorkämpfer zu sein, zu neuem Kampf gegen Rom zurückzukehren; aber in den alten Umgebungen schwinden die italischen Eindrücke, die alten wirren, verwitterten Verhältnisse der hellenischen Welt fassen ihn, reizen wieder die alte Wagelust, erwecken das Trugspiel ausschweifendster Hoffnungen von neuem. Mit einem Schlage ist Makedonien zu Boden geworfen, die furchtbaren Gallier sind bewältigt; nun muß auch in Griechenland Antigonos' Macht, jede Macht zerschmettert werden, – dann geht es nach Asien, dann gehört die Welt ihm.

Und daß er von Makedonien hinweg nach Griechenland zöge, darauf wartet nur Antigonos. Er ist der vollste Gegensatz zu jenem ritterlichen König; es scheint, als ob nichts von seinem Vater Demetrios, alles von den Vätern seiner Eltern, von Antigonos und Antipatros, auf ihn vererbt ist: von jenem die unermüdliche Emsigkeit, das einmal gewollte Ziel mit allen Mitteln zu erreichen, von diesem die verständige Sicherheit in der Wahl der Mittel, die sich auch durch Mißlingen nicht irre machen läßt. Aber vor beiden voraus hat er die höhere Bildung und die Achtung vor derselben; sichtlich erfaßt er seine Stellung in diesem theoretischen Geist, der der Zeit als das Bestimmende erscheint. Den Männern der Stoa besonders widmet er seine Teilnahme; gilt es eine poetische Arbeit, so wünscht er etwa das astronomische Werk des Eudoxos zu einer angenehm-lehrreichen Darstellung benutzt zu sehen; dem Feldbau weiht er sein besonderes Interesse. Er ist ein Charakter ohne Enthusiasmus, durchaus verständig, durchaus aufgeklärt, ohne religiöses Vorurteil, ohne Illusionen, ein Mann von Grundsätzen, voller Pflichtgefühl. Wie streng und ehrerbietig erfüllt er seine Sohnespflicht gegen den Vater! Er fügt sich durchaus seinen Befehlen, er bietet, um ihn zu befreien, sich als Geisel, ja auf alles noch Gerettete, auf alle Ansprüche ist er bereit zu verzichten,[133] um ihn zu retten. Ebenso pflichtgetreu ist er als Vater, streng gegen seine Kinder, für ihre Ausbildung sorgsam. Aber ebenso bestimmt sondert er seine Stellung als Staatsmann von den moralischen Pflichten der engeren Verhältnisse: dort ist ihm der Zweck über die Mittel, und die Ansprüche, die ihm der Vater vererbt hat, den königlichen Namen, den er vor des Vaters Tod gemieden, – nicht mit dem Eifer des Ehrgeizes übernimmt er sie, sondern als eine Pflicht, der er sich hinzugeben hat; ein glänzendes Sklaventum nennt er das Herrschen. Wie ihn das Schicksal auch umherwirft, er hat sein Ziel fest im Auge, er läßt sich nicht beirren noch blenden, und selbst der Erfolg verlockt ihn nicht zu größeren Hoffnungen. Wo er weiter hinauszugreifen scheint, nimmt er das sich Bietende nur, um es aufgebend Zugeständnisse für seine Zwecke einzutauschen. Er ist eine von jenen politischen Naturen, denen gegenüber sich die Schwäche wie der Enthusiasmus gleich unbehaglich fühlt. Pyrrhos meinte von ihm, er sei ein Unverschämter, daß er statt des Philosophenmantels den Purpur tragen wolle, aber die Zeit der Ritterlichkeit und der Abenteurer war vorüber, und nicht Pyrrhos, sondern Antigonos trug die königlichen Eigenschaften der neuen Zeit. Ihr Kampf ist der zweier Zeitalter, und dem Staatsmann bleibt endlich der Sieg über den Helden.

Beim Heer des Pyrrhos in Makedonien befand sich der Spartaner Kleonymos; die Eroberung von Edessa (Aigai) war sein Werk. Es war derselbe Kleonymos, dem vor 36 Jahren die Geronten beim Tode seines Vaters das Königtum geweigert hatten, um es Areus, dem Sohne seines älteren Bruders, zu übergeben. Seitdem hatte Kleonymos ein wüstes Leben voller Wagnis und Gewalttätigkeit geführt, eine Zeitlang mit seinem Söldnerheer im Dienst der Tarentiner gestanden und in Italien gehaust, dann sich in Korkyra festzusetzen versucht, dann wieder in Boiotien gegen Demetrios gekämpft. Endlich ist er wieder in Sparta. Deutlich erkennt man, wie innerlich in Unfrieden die Oligarchie der Stadt ist. Hat Areus mit dem mißglücktem Feldzug von 280 seinen Einfluß verloren? Sein Luxus und die hofmäßige Weise seines Lebens126, seine Verbindungen mit Ägypten gaben Anlaß zu Anfeindungen genug. Schon 279 ist es Kleonymos, der den Messeniern den Vertrag zur freien Fahrt nach den Thermopylen weigert, er führt bald darauf das Heer gen Troizen und setzt dort den Harmosten[134] ein. Seine Vermählung mit der jungen schönen Chelidonis aus dem anderen Königshause wird in den Zusammenhang jener politischen Beziehungen gehören. Er gewann Anhang in den Landstädten; eine Empörung der Menge gegen die Oligarchie, Umsturz der Verfassung, Gründung eines wirklichen Königtums, das mußte sein Absehen sein. Aber seine junge Gemahlin buhlte mit Areus' jungem Sohn Akrotatos, und der prahlte öffentlich mit Chelidonis' Gunst; Kleonymos' Ehe ward zum öffentlichen Skandal. Darüber voll Zorn, heißt es, verließ er Sparta127. Es ist unzweifelhaft, daß ihn die oligarchische Reaktion vertrieb.

Er ging zu Pyrrhos, riet ihm den Feldzug nach der Peloponnes: leicht werde er die Städte dort einnehmen, schon sei ihm vorgearbeitet, Aufruhr da und dort. Lockte es Pyrrhos, als Befreier unter die Griechen zu treten – denn wie in Achaia die letzten Tyrannen verjagt wurden, so mußte sich ja überall der alte republikanische Sinn erheben gegen die Tyrannen, Epimeleten, Besatzungen des Antigonos –, oder wollte er dazwischen treten, ehe die Freiheit noch weiter Raum gewann, eintreten, um die Rolle Makedoniens in Griechenland fortan selbst zu spielen? Oder reizte ihn die Lust, einem tapferen Mann ein Reich zu gründen? Oder glaubte er, erst[135] Antigonos' Anhang in Griechenland vernichten zu müssen, um ihn dann in Makedonien völlig zu erdrücken? Mit raschem Entschluß wandte er sich von Thessalien gen Süden, mit ihm sein tapferer Ptolemaios sowie Helenos, den er von Tarent zurückberufen hatte. 25000 Mann Fußvolk, 2000 Reiter, 25 Elefanten führte er über den korinthischen Meerbusen nach der Küste der Peloponnes. Dort erwarteten ihn Gesandte der Achaier, der Athener, der Messenier; ganz Griechenland sah mit höchster Spannung, was geschehen werde. Er zog nach Megalopolis; den spartanischen Gesandten, die er dort empfing, erklärte er, er sei gekommen, die Städte, die dem Antigonos dienstbar seien, zu befreien.

Die Auszüge aus der Darstellung des Phylarch, die uns allein in einiger Vollständigkeit vorliegen, übergehen wesentliche Punkte: sie sagen nicht, daß Pyrrhos, was geschehen sein muß, die Aufnahme des Kleonymos, ja die Übertragung der Herrschaft an ihn forderte, daß die Spartaner sich weigerten128, daß ihnen aus Argos und Messenien, wo die bisher herrschende Partei das gleiche Schicksal fürchten mußte, wie es die in Arkadien bereits erfahren hatte, in aller Eile Hilfe zuzog. König Areus war in Kreta, für die Gortynier kämpfend, und die Landstädte Lakoniens sahen mit Schadenfreude die Not der herrischen Stadt und ihrer Oligarchie. Ohne weiteren Widerstand zu finden, plündernd und verwüstend, zog der König den Eurotas hinab. Unfern der Stadt kam es zum Kampf: Pyrrhos siegte, die Spartaner zogen sich in die Stadt zurück, alles schien entschieden zu sein; Kleonymos' Freunde und Heloten schmückten schon sein Haus und rüsteten ein Mahl, als wenn Pyrrhos noch diese Nacht da speisen werde, und Kleonymos drang in ihn, sogleich den Sturm zu befehlen. Er verschob es, denn noch vom Angriff des Demetrios her war die Stadt mit tiefen Gräben und starken Palisaden, an den zugänglichsten Orten auch mit Verschanzungen befestigt. In der Stadt selbst erhob sich die merkwürdigste Bewegung; dem ersten lähmenden Schrecken folgte bei dem Verzug der Gefahr Zuversicht, wachsende Begeisterung. In der Nacht beriet die Gerusia: die Frauen und Kinder sollten nach Kreta geflüchtet werden, während die Männer die Stadt auf das äußerste verteidigen sollten. Mit dem Schwert in der Hand, so heißt es, trat Archidameia in die Versammlung: es sei schimpflich, Spartas Frauen den Untergang der Stadt überleben lassen zu wollen129. So nahm man den Beistand der Frauen und[136] Jungfrauen an, voll freudigsten Mutes rüstete man sich zur äußersten Gegenwehr, man warf neue Verschanzungen auf, machte Wagenburgen, um den Elefanten den Weg zu sperren. Frauen und Mädchen kamen, die Männer beim Schanzen abzulösen, damit sie zum Kampf des anderen Tages sich ausruhten. Und als der Morgen kam und die feindlichen Scharen sich ordneten, überreichten Spartas Frauen und Mädchen den Männern die Waffen: süß sei es, unter den Augen des Vaterlandes zu siegen. Schon rückte Pyrrhos heran; es begann der gewaltigste Kampf. Die neuen Verschanzungen umgehend, drang Ptolemaios in der Nähe des Flusses vor; Akrotatos warf sich auf ihn, schlug seine Gallier und Chaonier zurück, und unter dem Jubel der Spartanerinnen zog der mit Blut Bedeckte durch die Stadt zurück zu den Genossen, die mit gleichem Erfolg Pyrrhos' Angriffen widerstanden. Bis in die Nacht währte der Kampf, mit dem folgenden Morgen begann er von neuem. Die Weiber waren hinzugeeilt, den Kämpfern Geschosse, den Erschöpften Speise und Trank zu reichen, die Verwundeten in Sicherheit zu bringen. Die Stürmenden versuchen den Graben mit Leichen und Reisig zu füllen, um eine Brücke zu gewinnen. Während des heftigsten Kampfes hier hat Pyrrhos bei der Wagenburg den Durchgang erkämpft, hoch zu Pferde stürmt er vor, mit furchtbarer Gewalt allen Widerstand durchbrechend; es scheint keine Rettung mehr, da trifft ein Pfeilschuß sein Roß, wild bäumend wirft es ihn zu Boden. Den Augenblick, da das Vordringen stockt, benutzen die Spartaner, sammeln sich, drängen den Feind zurück. Sparta ist für den Augenblick gerettet, aber der Kampf hat viele Tapfere gekostet. Pyrrhos läßt an allen Punkten das Gefecht einstellen: er meint, daß Sparta nicht einen neuen Sturm zu erwarten wagen, seinen Forderungen nachgiebiger sein wird130.[137]

Der König, so scheint es, hielt die Stadt, in der man fortfuhr, die Befestigungen zu verstärken, umlagert. Neue Versuche, sie zu nehmen, mißlangen. Frauen und Greise nahmen an der Verteidigung teil. So zog sich der Krieg hier in die Länge. In Makedonien hatte sich Antigonos indessen von neuem erhoben, die Städte Makedoniens wiedergewonnen; er sah voraus, daß Pyrrhos, wenn er Sparta und die Peloponnes bewältigt, sich von neuem gegen Makedonien wenden werde, er mußte in der Peloponnes Makedonien retten. Er hatte vorläufig bereits den Archipiraten Ameinias von Korinth aus mit Truppen nach Sparta gesandt, und diese Verstärkung kam den Spartanern um dieselbe Zeit, da auch König Areus von Kreta mit seinen Truppen zurückkehrte. Die Bewachung und Verteidigung der Stadt konnte nun eine regelmäßigere Gestalt gewinnen, während Pyrrhos sich schon anschickte, in Lakonien seine Winterquartiere zu nehmen. Indes war Antigonos in Korinth angelangt; sein Plan war, durch Argos nach Lakonien zu ziehen, denn Sparta, sonst nichts weniger als ihm befreundet, war in diesem Augenblick sein natürlicher Verbündeter. Pyrrhos seinerseits mußte die Vereinigung der feindlichen Streitkräfte um jeden Preis hindern, er durfte Antigonos' Näherrücken nicht abwarten, um nicht während des Angriffs gegen ihn vom Rücken her angegriffen zu werden131. Ein bequemer Anknüpfungspunkt ergab sich von selbst: auch in Argos standen die Parteien auf das erbittertste gegeneinander. In der Masse herrschte das Verlangen nach Unabhängigkeit, aber das Heranrücken des Antigonos schien den ihm Befreundeten das Übergewicht zu geben; gegen sie rief Aristeas den Pyrrhos zu Hilfe.

Sofort brach der König aus seinem Lager auf132, aber zuvorkommend hatte Areus bereits die Höhen eines Paßweges besetzt, durch den das feindliche Heer ziehen mußte. Er wartete, bis die Nachhut des Heeres, Gallier und Molosser, ihn durchzogen: da brach er hervor. Der König sandte seinen Sohn Ptolemaios mit den Hetairen zu Hilfe. Im heftigsten[138] Handgemenge fiel Ptolemaios, fliehend drängten die Geschlagenen aus dem Hohlweg hinaus, von den Spartanern bis in die freie Ebene verfolgt. Bei dem Anblick dieser Flucht, bei der Nachricht vom Tode des geliebtesten Sohnes ergriff Pyrrhos der wildeste Grimm; an der Spitze der molossischen Reiter stürzte er sich auf die Feinde, mit unwiderstehlicher Gewalt, furchtbarer denn je, der eigenen Gefahr nicht achtend, wütete er unter den Mördern seines Sohnes, kühlte seinen Schmerz in dem entsetzlichsten Blutbad133.

Der Feind war vernichtet, der weitere Marsch ungestört. Aber da Pyrrhos in die argeische Ebene kam, hatte Antigonos bereits auf den Höhen hinter der Stadt eine feste Stellung genommen. Das Molosserheer lagerte sich bei Nauplia; Pyrrhos mußte schnelle Entscheidung wünschen. Schon am nächsten Tage, so erzählt es Phylarch, schickte er einen Herold an Antigonos: er sei ein Schurke, er möge zur Schlacht in die Ebene kommen, mit ihm um das Königtum kämpfend. Jener ließ ihm antworten: er pflege nicht bloß seine Waffe, sondern auch seine Zeit zu wählen; sei Pyrrhos des Lebens müde, so seien ihm viele Wege zum Tode offen. Er verließ seine Stellung nicht. Gesandte der Stadt kamen zum einen und andern: es möge den Argeiern erlaubt sein, beiden die Stadt zu versagen, mit beiden frei in gleicher Freundschaft zu sein. Antigonos versprach es, bot seinen Sohn als Geisel; Pyrrhos begnügte sich mit allgemeinen Versprechungen. Man glaubte sich von ihm des Schlimmsten versehen zu müssen. Bedeutsame Zeichen verkündeten eine schwere Entscheidung; da Pyrrhos opferte, streckten die vom Rumpf getrennten Köpfe der Stiere die Zunge aus, das eigene Blut zu lecken, und drinnen in der Stadt stürzte die Priesterin des lykaiischen Apollo auf die Straße und schrie, sie sehe die Stadt voll Blut und voll Toter und den Adler zum Kampfe fliegen, dann verschwinden. Bei nächtlicher Weile sodann rückte Pyrrhos in aller Stille gegen das östliche Tor, das, wie mit Aristeas verabredet war, ihm geöffnet wurde; er sandte die Galater voraus, den Markt zu besetzen, er wollte nachrücken. Aber das Tor war zu niedrig, um die Elefanten hindurchzulassen, das Abnehmen, Wiederaufsetzen ihrer Türme raubte kostbare Zeit. Schon war man aufmerksam in der Stadt geworden, bald war allgemeiner Lärm, die Argeier rannten nach der noch freien höheren Seite der Stadt, nach den Burghöhen der Larissa, der Aspis hin, sandten Boten an Antigonos, baten um Beistand. Er eilte heran, schickte einige Scharen unter Führung seines Sohnes Halkyoneus in die Stadt, während er selbst sich nahe an der Stadt in den Hinterhalt legte. Auch Areus mit den raschesten[139] Spartanern und tausend Kretern kam. Sofort eilte man auf den Markt gegen die Galater; es begann ein heftiges Kämpfen. Indes war Pyrrhos am Gymnasion des Kylarabis vorüber in die Stadt eingezogen. Er mußte wohl den Lärm des nächtlichen Kampfes auf dem Markte hören, seinem Kriegsgeschrei ward von daher wie mutlos geantwortet. Er eilte vorwärtszukommen, vorauf die Reiter, aber zwischen den vielen Rinnen, mit denen die Stadt durchschnitten war, konnten sie in der Dunkelheit nur langsam weiter; man verirrte sich in den engen Straßen, an zusammenhängende Bewegungen war nicht mehr zu denken. Auch die Gegner wagten sich nicht vor, ungewiß über die Zahl und Stellung des Feindes. Von beiden Seiten wartete man den Anbruch des Tages ab. Endlich graute der Tag. Pyrrhos sah die Höhen der Aspis ganz mit Bewaffneten bedeckt. Er ging auf den Markt, das erste, was er erblickte, war das Erzbild des mit dem Stier kämpfenden Wolfes, und ein altes Orakel hatte ihm verkündet, er werde sterben, wenn er einen Stier und Wolf kämpfen sehe. Er beschloß, die Stadt zu räumen. Um nicht in dem engen Tor Aufenthalt zu haben, sandte er an seinen Sohn Helenos, der mit dem größten Teil des Heeres vor der Stadt stand, den Befehl, einen Teil der Mauer einzureißen und den Rückzug zu decken, wenn ihn etwa die Feinde beunruhigen sollten. Die Verwirrung des Boten machte Helenos den Befehl mißverstehen, er zog, so hatte er verstanden, mit den übrigen Elefanten und den besten Truppen gleichfalls hinein, seinem Vater Hilfe zu leisten. Der zog sich schon unter stetem Kampf, da und dort heftig gedrängt, vom Markt zurück, da kamen die neuen Scharen entgegen. Er schrie ihnen zu, umzukehren, aber während die ersten sich wandten, kamen die nächstweiteren Züge in Verwirrung, und vom Tor her drängten immer neue Scharen vorwärts; die sich aber dem Tore zudrängten, fanden es gesperrt durch einen Elefanten, der niedergestürzt heulend davor lag. Ein anderes Tier, das, den herabgestürzten Inder zu suchen, wild umher durch die Fliehenden rannte, mehrte die Verwirrung auf das schrecklichste. Aus diesem furchtbaren und rettungslosen Gedränge ringsumher warf sich Pyrrhos, nachdem er den Kranz, der seinen Helm auszeichnete, abgenommen und einem Freunde übergeben, seinem Schlachtroß vertrauend, auf den verfolgenden Feind; ein Lanzenstoß verwundete ihn; es war nahe beim Tempel der Demeter. Der König drang auf den Angreifenden los, den Sohn einer armen alten Frau. Sie selbst sah, wie unzählige Weiber, vom Dach herab dem Kampf zu, sah ihren Sohn im gefährlichsten Handgemenge; in heißer Angst ergriff sie einen Ziegelstein, schleuderte ihn auf Pyrrhos hinab. Besinnungslos stürzte der König vom Pferde. Der Lärm der Verfolgung tobte über ihn hin, bis Zopyros mit einigen Makedonen kam, ihn erkannte, ihn in eine nahe Säulenhalle schleppte, eben da er zu sich zu kommen begann. Zopyros zog[140] das Schwert, ihm den Kopf vom Rumpf zu trennen. Des Königs furchtbarer Blick verwirrte ihn, mit unsicherer Hand traf er ihn neben Mund und Kinn, schnitt dann mit Mühe und langsam den Hals durch. Die Kunde verbreitete sich schnell, Halkyoneus kam, ließ sich das Heldenhaupt geben, ritt hin zu seinem Vater, der von den Getreuen umgeben im Zelte harrte, und warf es ihm hin. Empört über diese Roheit des Sohnes schlug er ihn ins Angesicht, ihn einen Erbärmlichen, einen Barbaren scheltend. Er selbst verhüllte das Gesicht und vergoß Tränen, bei solchem Glückswechsel an den Tod seines Vaters in der Gefangenschaft, seines Großvaters auf dem Felde von Ipsos gedenkend. Und als dann Halkyoneus den auf der Flucht gefangenen Helenos freundlich und teilnehmend zum König brachte, empfing er ihn als eines Königs Sohn und sandte ihn nach Epeiros.

So Phylarchs Darstellung. Ihre inneren Unwahrscheinlichkeiten und Widersprüche liegen auf der Hand, vielleicht daß sie zum Teil Plutarch, dessen Auszug uns allein vorliegt, verschuldet hat. Daß man in Argos weder Pyrrhos noch Antigonos haben mochte, ist begreiflich, aber ebenso unzweifelhaft ist es, daß, wenn Antigonos und Pyrrhos zugleich mit Heeresmacht der Stadt nahe waren, sie nicht mehr daran denken konnte, neutral zu bleiben; und wenn Pyrrhos bei seinem ersten Anzug an Argos vorüber nach Nauplia ging, statt sofort um jeden Preis die feste Stadt in Besitz zu nehmen, so muß man schließen, daß Antigonos bereits ihrer gewiß war, ja schon eine Besatzung dorthin geworfen hatte. Ohne den guten Willen der ihm Ergebenen hätte er dies erzwingen müssen. Es kam für ihn darauf an, eine feste Stellung zu gewinnen, in der er die Ankunft des Areus erwarten konnte, er mußte das Zusammentreffen mit Pyrrhos meiden, bis er diese Verstärkung erhalten hatte. Und so finden wir aus älteren Quellen berichtet, daß Antigonos in der Stadt eingeschlossen und belagert wurde134. Endlich erfolgte vor der Stadt das entscheidende Gefecht. Vielleicht wurde, sobald die Spartaner herangekommen waren, ein Ausfall gemacht. In diesem Gefecht fiel Pyrrhos, nach der allgemein verbreiteten Sage durch den Wurf eines Steines von den Dächern herab getötet. In Argos glaubte man, es sei die Göttin Demeter gewesen, die in der Gestalt jenes alten Mütterchens den Stein geworfen135. /[141]

Der Tod des Pyrrhos fiel in den Ausgang des Jahres 272. Auf die Kunde davon wurde, wie oben erwähnt ist, in Italien der letzte Punkt, den seine Truppen noch gehalten hatten, aufgegeben, und mit der Okkupation von Tarent war das griechische Italien römisch. Welche Veränderungen sein Tod über Griechenland brachte, ist mehr zu ahnen als nachzuweisen.

Nach jener Niederlage von Argos fiel Pyrrhos' Lager in die Hand des Siegers, Helenos ward auf der Flucht gefangen. Einen Versuch zu widerstehen oder sich durchzuschlagen wird das Heer schwerlich gemacht haben. Diese Scharen, Gallier, Makedonen, Molosser, griechische Söldner, halten nur beieinander, solange ihr Feldherr und das Glück sie zusammenhält, nach der Niederlage löst sich alles auf. Die nicht in Antigonos' Dienst übertreten, mögen in den Bergen und Tälern der Peloponnes als Räuber zu hausen gehen, bis irgend eine Stadt, ein Tyrann sie wirbt, oder nach Athen, Korinth, Sikyon ziehen, um da, was sie von der Beute des Jahres gerettet haben, mit Hetären und Parasiten zu vertun und dann geprellt und ausgesogen auf neue Abenteuer auszuziehen, nach Alexandrien oder Syrien oder wohin sonst sie ihr gutes Glück führt136.

Antigonos sandte den gefangenen Helenos beschenkt heim, und auch gegen die »Freunde« des Königs benahm er sich milde. Es mußte vor allem Antigonos' Absicht sein137, den Sieg zur schnellen Wiederherstellung seines Reiches zu verwenden. Hatte er auch die Städte Makedoniens wiedergewonnen, so waren die oberen Landschaften, die jenseits des Gebirges, fast das ganze Thessalien in Alexandros' Händen, dem der Vater Pyrrhos bei seinem Zuge nach Griechenland das Reich übertragen haben wird. Und dieser wieder, seit des älteren Bruders Tod Erbe des Reiches, mußte jetzt nach der Vernichtung des Heeres, dem Verlust der Elefanten, der Pferde, der Kriegsrüstung, gewiß gern einen Frieden annehmen, der ihm wenigstens die alten Grenzen seines Landes sicherte. Zwei Jahre später finden wir Alexandros im Kriege mit dem dardanischen Könige Monunios;[142] auch dies ist ein Beweis von dem Friedenszustand zwischen Epeiros und Makedonien, da sonst nach der Lage der politischen Verhältnisse der dardanische Fürst der natürliche Verbündete Alexanders gegen Makedonien war. Zugleich ergibt sich hier die Wahrscheinlichkeit, daß Alexandros die so oft streitigen Landschaften am oberen Aoos in jenem Frieden behalten hatte. Eben hier mußte ihm die Nachbarschaft des mächtig um sich greifenden Dardaners gefährlich werden, und eben darum hatte Antigonos diese Gegenden, deren Behauptung ihn in Kämpfe mit den Dardanern verwickelt hätte, aufzugeben sich nicht sehr bedacht.

Welchen Verlauf jener dardanische Krieg nahm, wird nicht berichtet. Der Preis, um den man kämpfte, war außer dem Binnenlande vor allem das reiche Dyrrhachion. Man möchte glauben, daß die Dardaner siegend vordrangen. Es ist schon bemerkt worden, daß die weiter südwärts gelegene Stadt Apollonia (270) Gesandte nach Rom schickte, daß sie von Vornehmen insultiert wurden, wahrscheinlich weil sie als Verbündete des Epeirotenkönigs angesehen werden konnten, daß der Senat aber der Stadt glänzende Genugtuung gab, um diese erste überseeische Verbindung, die in Beziehung auf Epeiros wichtig werden konnte, nicht preiszugeben. Von Alexandros selbst finden wir erst einige Jahre später wieder Erwähnung, indem ihn der Zusammenhang der politischen Verhältnisse in Griechenland von neuem gegen Makedonien führte.

Für Griechenland mußte die Niederlage von Argos die bedeutsamsten Folgen haben. In dem Maße, als Pyrrhos' Ankunft Hoffnungen und Bewegungen in den Staaten veranlaßt hatte, mußte nun die Reaktion allgemein und gewaltsam sein. Daß in den Städten die Anhänger der Partei, gegen welche sich das Glück gewandt, vertrieben wurden, war das erste. Aber war denn nun ohne weiteres Antigonos Herr in der Peloponnes? Seine Verbindung mit Sparta konnte nur so lange währen, als beide gemeinsam gegen Pyrrhos zu kämpfen hatten, dann trennten sich ihre Interessen. Antigonos durfte nicht zugeben, daß Sparta über Messenien, über Arkadien den Einfluß wiedergewann, den Kleonymos zur Zeit des Galliereinfalls geübt hatte, während Sparta eine unmittelbare Besitzergreifung der Makedonen um jeden Preis hindern mußte und sie zu hindern Unterstützung von Ägypten her erwarten konnte. Auch die Eidgenossen in Achaia mußten, ihre junge Freiheit zu schützen, sich den Spartanern zuneigen. Es gab mannigfache Kämpfe zwischen den Staaten in der Peloponnes; damals war es, daß Sparta mit einer Partei in Elis in Verbindung trat, ihr den Sieg zu schaffen über die, welche sich seit Pyrrhos' Ankunft erhoben hatten. Aber den Spartanern kamen die Messenier zuvor, mit dem spartanischen Zeichen auf den Schilden gewannen sie von den Getäuschten Eingang, vertrieben dann die Anhänger Spartas, übergaben ihren[143] Freunden die Stadt138. Und ihre Freunde waren die des Antigonos, mit seinem Beistand gewann Aristotimos die Tyrannis. Und so war überall, wohin Antigonos' Einfluß reichte, der endliche Ausgang dieser Wirren Begründung der Tyrannis. Sie ging hervor aus den inneren Kämpfen der Städte, wenn der Sieg über den althergebrachten und geordneten Rechtszustand, den Sparta zu schützen schien, gewonnen war; sie behauptete sich gegen die Ansprüche des wohlhabenden und altberechtigten Bürgertums durch Söldner und gewaltsame Maßregeln; sie hatte nach außen hin ihren Schutz in der Verbindung mit Antigonos, während Antigonos wieder durch diese Tyrannen in Argos, Sikyon, Megalopolis, Elis usw. seines Einflusses in der Peloponnes gewiß war. In unmittelbaren Besitz mochte er außer Korinth vielleicht keinen Ort, vielleicht nur Troizen und Mantineia, haben139; namentlich die starke Besatzung in Akrokorinth konnte schnell überallhin den nötigen Schutz bringen.

So die Peloponnes: Makedoniens Einfluß überwiegend, Sparta vergeblich anringend, die Achaier Eidgenossen unbedeutend und ohne auswärtige Beziehungen. Doch war im Inneren dieser kleinen Städte Gesetzlichkeit und jene gemäßigte Demokratie, welche sie in früheren Zeiten ausgezeichnet hatte, während das oligarchische Sparta nur mit Anstrengung das steigende Verlangen der Untertanen nach verfassungsmäßiger Gleichstellung niederhielt und auch außerhalb seines Gebietes stets diejenige Partei begünstigte, welche alte Rechte und Satzungen aufrecht zu halten vorgab oder wieder geltend zu machen suchte. Makedoniens Einfluß dagegen hatte, soweit er reichte, eine nivellierende Wirkung. Die faktische Gewalt in den Händen der Tyrannen, auch wo sie wie in Megalopolis mit Vorsicht und zum Besten des Landes verwandt wurden, zerstörte, was von altem Recht noch gerettet war. Hierin wie in der gemeinsamen politischen Abhängigkeit von Makedonien lag die Möglichkeit einer weiteren Gestaltung, das Aufgehen der sonst so zersplitterten Politien entweder in die völlige staatliche Vereinigung mit dem makedonischen Königtum oder in eine neue, aus den peloponnesischen Verhältnissen selbst sich entwickelnde Gemeinsamkeit. Und die weitere Geschichte wird zeigen, wie das eine und andere versucht und zum Teil ausgeführt ist.[144]

Zunächst aber mischte sich in die Verhältnisse der Peloponnes eine neue Macht ein. Elis gab dazu die Veranlassung. Die Landschaft war reich bevölkert, überaus fruchtbar, in früheren Zeiten durch den Gottesfrieden von Olympia gegen Krieg und Raub gesichert. Die Sorge des Staats hatte sich stets auf die Förderung des ländlichen Lebens gewandt, selbst zu Gericht brauchten die Landleute nicht in die Stadt zu kommen, und was sonst nur das städtische Gewerbe dem Landmann bietet, war dort auch auf dem Lande zu haben. Trotz der Verwirrung der letzten sechzig Jahre erhielt sich noch in der Bevölkerung die alte Friedseligkeit und Frömmigkeit, die Wohlhabenden lebten auf den Landgütern, und die Liebe zum Landleben war so vorherrschend, daß die meisten selten, viele ihr Leben lang nicht zur Stadt kamen. Geringer als in irgendeiner anderen Landschaft Griechenlands mochte hier das politische Interesse und die Teilnahme an den Bewegungen sein, die Griechenland dahin und dorthin warfen. Die Landleute kümmerten sich wenig darum, was die Parteien in der Stadt haderten, bald diesem bald jenem auswärtigen Einfluß sich hingebend, wenn man sie nur in Frieden und ihr altes ländliches Herkommen ungestört ließ. Da kam jener Aristotimos durch makedonischen Einfluß zur Tyrannis, auf dessen Namen höchst arge Geschichten erzählt werden. Frech, gewaltsam, räuberisch war sein Regiment, seine Söldner verfuhren gegen die friedlichen Untertanen mit soldatischem Mutwillen und Trotz. Einer der Anführer begehrte in seiner Trunkenheit eines angesehenen Mannes, des Hellanikos, Tochter zu seinem Gelüst, die Eltern wagten nicht sie weigern, aber die Tochter barg ihr Angesicht in den Schoß des Vaters; dort mißhandelte, dort erstach sie der Schändliche. Der Tyrann strafte den Mörder nicht, aber Hinrichtungen, Verbannungen vieler folgten. Bei achthundert flohen zu den Aitolern, und auf ihre Bitten forderten diese, den Vertriebenen Weib und Kind nachzusenden. Scheinbar gewährend ließ Aristotimos die mit ihren wertvollsten Sachen Ausziehenden überfallen, plündern, in die Gefängnisse werfen. Umsonst kamen die Priesterinnen des Bakchos mit Ölzweigen und heiligen Binden in feierlichem Aufzug. Wohl ließen die Soldknechte sie ehrfurchtsvoll hindurch, aber da sie ihre Fürbitte sprachen, ließ der Tyrann sie mit Gewalt hinwegreißen und fortstoßen. Die Verbannten in Aitolien indes waren hinübergekommen, hatten einen festen Punkt an der Küste besetzt, viele aus dem Lande flüchteten zu ihnen. Der Tyrann sandte nach Akrokorinth, und schon rückte Krateros mit seinen Makedonen heran, schon war er in Olympia. Aber in der Stadt selbst hatte Hellanikos eine Verschwörung veranlaßt; einer von des Tyrannen Freunden, Kylon, war unter den Verschworenen. Als Aristotimos den Frauen jener Geflüchteten gebot, ihren Männern zu schreiben, daß sie das Land verlassen sollten, sonst sei ihr und ihrer Kinder Leben bedroht,[145] als sich die edle Megisto dessen weigerte, der Tyrann kam, ihr Kind, das mit den andern spielte, herbeizubringen befahl, sie selbst es rief, es ihm hingab, er schon das Schwert zückte, – da fiel ihm Kylon in den Arm, beschwor ihn, nichts seiner Unwürdiges zu tun, bewog ihn heimzugehen. In der Nacht berieten die Verschworenen; Krateros' Nähe zwang sie zu eilen. Da der Tyrann am anderen Morgen auf dem Markte ohne Leibwache, von Kylon begleitet, erschien, rief Hellanikos auf, das Werk zu beginnen. Kylon führte den ersten Schlag; in den Zeustempel flüchtend, ward der Tyrann ermordet, die Stadt zur Freiheit gerufen. Die jubelnde Menge zog zum Hause des Tyrannen. Schon hatte seine Gemahlin den Tod genommen, seine beiden Töchter schleppte die Menge her aus, sie unter Martern zu töten. Megisto trat dem entgegen; nach eigener Wahl sollten sie sterben, schrie das Volk, und in rührend edlem Wetteifer, sich zu ermutigen und den Tod einander zu erleichtern, erhenkten sich die schönen Schwestern140.

Nach dieser Wiederherstellung der Freiheit war es mit dem makedonischen Einfluß in Elis zu Ende. Die Elier schlossen sich fortan den Aitolern ganz an, und während sie selbst zu der alten friedlichen Weise zurückkehrten, ward ihr Land den Aitolern ein gelegener Ausgangspunkt zu den Raubzügen, mit denen sie hinfort die Peloponnes heimsuchten und denen sich später dauernde Verbindungen im Inneren der Halbinsel anschlossen.


So etwa standen die Verhältnisse in der Peloponnes, als sich gegen Antigonos ein neuer Krieg in Griechenland erhob. Er ist seinem Anfang und seinem politischen Zusammenhang nach völlig unklar. Es ist unmöglich, zu zeigen, wie er das Resultat größerer politischer Verwicklungen war, und das einzige, was versucht werden kann, ist, aus den einzelnen auf ihn bezüglichen Notizen weitere Wahrscheinlichkeiten herzuleiten141. /[146]

Früher ist erwähnt worden, wie der attische Staat beim Sturz des Demetrios sich zu erheben versuchte, wie das Museion der makedonischen Besatzung frei wurde, wie nach dem Vertrag zwischen Antigonos und Pyrrhos (287) die Häfen und Salamis in Antigonos' Gewalt blieben. Unter solchen Verhältnissen war es begreiflich, daß auch attische Gesandte den König Pyrrhos, da er eben Makedonien zu Boden geworfen, bei seiner vielverheißenden Ankunft in der Peloponnes begrüßten (272). Aber Athens Hoffnungen erfüllten sich nicht. Merkwürdig nun ist, daß in den Hafenstädten eben in dieser Zeit nicht makedonische Phrurarchen oder Strategen, sondern Tyrannen sind; außer Akrokorinth scheint überhaupt nur Chalkis und Demetrias besetzt gewesen zu sein: für die Charakteristik der Politik, die Antigonos für Griechenland entsprechend fand, ein lehrreicher Zug. Jene Stellung im Peiraieus hatte Hierokles gehabt, ein Mann, für den seine nahe Befreundung mit dem Philosophen Arkesilaos ein günstiges Vorurteil erweckt. Später findet sich in derselben Stellung Glaukon genannt; an seinen Namen knüpft sich die wichtige Notiz, durch die allein es möglich wird, den Zusammenhang des Krieges einigermaßen zu erraten. Ein damaliger Moralist Teles nämlich hat in einem etwa zwanzig Jahre später geschriebenen Aufsatz sich bemüht, den traurigen Trost durchzuführen, daß der Heimat beraubt zu sein bei weitem nicht das Härteste, nicht so hart sei, als man es sich wohl denke. Da führt er eine Reihe von Männern an, denen nach dem Verlust der Heimat erst recht ihr Glück erblüht sei; er sagt: »Manche so Verbannte befehlen die Besatzungen in den Städten namens der Könige, werden mit Landschaften betraut und erhalten große Geschenke und Tribute. Jener Lykinos, Flüchtling aus Italien, war er nicht bei uns Befehlshaber der Besatzung, von Antigonos damit betraut? Und wir, die wir daheimgeblieben waren, taten, was Lykinos befahl. Hippomedon, der Spartaner, der nun über Thrakien gesetzt ist von Ptolemaios, Chremonides und Glaukon, die Athener, sind sie nicht des Königs Ratgeber und an seiner Seite? Dies, um Beispiele aus unserer Zeit, nicht alte aufzuführen«142. Also Glaukon, einst der Tyrann im Peiraieus, und Chremonides, der Liebling desselben Philosophen Zenon, den Antigonos vor allen ehrte, sie hatten die Heimat verlassen müssen, sie hatten beim ägyptischen König Zuflucht und neue Ehre gefunden. Eben der hatte Athen in jenem Kampf gegen Antigonos unterstützt, welchen Athen fortan nach dem Namen des Chremonides nannte.

Es war der letzte, aber würdigste Versuch, den Athen machte, die alte Freiheit wiederzugewinnen; so dauernde Anstrengung, so qualvolle Bedrängnis in nächster Nähe hat Athen nur in den glänzendsten Tagen seiner Geschichte mit gleichem Mut ertragen. Man fühlt, es hat sich eine neue,[147] dem Früheren vollkommen fremde Stimmung, eine sittliche Kraft entwickelt, die, woher sie auch stammen mochte, das Volk zu einer letzten starkmütigen Erhebung kräftigte143. Chremonides wird in einer Anekdote geschildert, wie er zwischen Zenon und Kleanthes, jenen Gründern der stoischen Schule, sitzt, mit beiden in herzlichstem Verkehr. Wer will es bezweifeln, daß eben diese Lehre männlich hochherziger Entschlossenheit Chremonides erhob und die Genossen des kühnen Kampfes? Und diese Lehre hatte sich seit einem Menschenalter in Athen in steigender Kraft ausgebreitet; daneben die anderen Meister der Weltweisheit, vor allen der hochherzige Arkesilaos, kühner im Zweifeln, von gleichem Adel der Gesinnung, um sie die ungezählte Menge ihrer Schüler aus den griechischen Landen nah und fern und die attische Jugend selbst. Wohl fand auch Epikur Anhang genug mit seinem den Wirren der Welt abgekehrten, dem Quietismus des empfindungsvollen Seelenlebens zugewandten Dogma und Beispiel, und die modische Geckenhaftigkeit der Komödie wurde nicht müde, sich über den strengen Ernst jener anderen Philosophen lustig zu machen, welche das Letzte, was man noch hatte, den lustigen Lebensgenuß, auch noch verderben zu wollen schienen. Aber was noch rüstige und strebende Kraft in der Jugend der Stadt war, das muß sich jenen zugewandt haben, in ihrem Umgang erstarkt sein. Aus diesen Quellen stammte die Erhebung Athens. Es war nicht mehr der fromme Schlachtenmut der marathonischen, nicht mehr der gehobene und emporstrebende Patriotismus der perikleischen Zeit, noch jenes demosthenische Streben, die alte Herrschaft Athens von neuem zu errichten, noch der Ingrimm des Demochares, den man wohl den letzten Republikaner Athens hat nennen können; es war eine moralische Erhebung des tief gesunkenen Volkes, die großen Gedanken der Philosophie waren ihr Kern, und die Masse ward erwärmt durch die Begeisterung ihrer Führer. Und so spielte das Schicksal: gerade Antigonos, wider den man kämpfte, war Freund und Verehrer derselben Männer, er war oft und gern nach Athen gekommen, mit ihnen zu verkehren; gerade dieselben geistigen Mächte, auf die man den edelsten Teil seines buntbewegten und oft mißkannten Lebens wird zurückführen[148] müssen, traten ihm jetzt, da er das künstliche Werk einer griechischen Politik fast vollendet glaubte, traten ihm hier in Athen, wo sein Zenon, sein Kleanthes, sein Arkesilaos lehrten, feindlich entgegen.

Chremonides mußte, wenn irgend etwas geschehen sollte, sich der Beistimmung Glaukons im Peiraieus versichert haben. Mag Pythermos ihn rühmend oder spottend einen Wassertrinker144 genannt haben, einer jener wüsten Schlemmer, wie sie sich an manchen Königshöfen jener Zeit umhertrieben, war er nicht; und hat ein großer Forscher aus seinem Namen auf seine Verwandtschaft mit dem glorreichsten Geschlecht Athens, dem Solon und Platon entsprossen, schließen wollen145, so darf es als minder kühn erlaubt sein, in jener Bezeichnung den Genossen jenes Kleanthes zu ahnen, der arm, wie er war, vor das Gericht geführt, sich über seine Subsistenzmittel auszuweisen, den Gärtner zum Zeugen brachte, daß er nachts ihm Wasser trage, während er dem Lehren und Lernen den Tag widmete.

Es soll nicht sein, den gerechten Ruhm Athens zu schmälern, wenn wir aus den allgemeinen politischen Verhältnissen die Möglichkeit jenes Befreiungsversuches und den Vorschub, der ihm dorther kam, nachzuweisen versuchen. Später wird darzustellen sein, warum Ägypten sowohl wie Syrien bisher den hellenischen Verhältnissen geringere Aufmerksamkeit schenkten oder zu schenken schienen, als man erwarten muß. Das in der Natur der Sache gegebene Verhältnis der Befreundung zwischen Makedonien und Syrien hatte seit der Verschwägerung beider Höfe Festigkeit, seit der Wiederherstellung des makedonischen Königtums eine für Ägypten bedenkliche Bedeutung gewonnen. Unmöglich konnte der vorsichtige Philadelphos die schnelle Reorganisation des makedonischen Einflusses in Griechenland gleichgültig mit ansehen. Antigonos verpflichtete sich durch seine Stellung gegen das thrakische Reich der Galater das reiche Byzanz – die Dankbarkeit der Stadt sprach sich in erlesenen Ehrenbezeugungen aus –, und wenn er nicht schon auf den Inseln des Aigaiischen Meeres festen Fuß gefaßt hatte, so gab ihm seine Verbindung mit den Piraten und seine Gewalt über die meisten Hafenorte des griechischen Festlands mannigfache Gelegenheit, mit den Handelsinteressen Ägyptens zugleich die politischen zu beeinträchtigen; Antigonos' Flotte hatte sich bereits hinlänglich bewährt,[149] um das von Ägypten erstrebte Prinzipat auf den Meeren wenigstens zweifelhaft zu machen. Soviel muß an dieser Stelle genügen, die weiteren mit einwirkenden Verhältnisse Ägyptens gegen Kyrene, Syrien und die kleineren Mächte Kleinasiens können zum Teil erst nach der Betrachtung des Chremonideischen Krieges im Zusammenhang erkannt werden.

Aus den angegebenen Gründen mußte Ägypten darauf aus sein, der wachsenden Macht des Antigonos entgegenzutreten. Acht Jahre früher noch hatte Sparta in dieser Weise die Interessen der Lagiden vertreten, aber der erfolglose Angriff im Heiligen Krieg und die Verwicklungen im Inneren Spartas, da Kleonymos dem mit Ägypten befreundeten Areus den Rang abzugewinnen und gegen den makedonischen Einfluß in der Peloponnes mit Erfolg aufzutreten wußte, brachten in der Politik Spartas notwendig ein Schwanken hervor, das nur noch gesteigert wurde, als Pyrrhos, nicht zufrieden mit dem glücklichen Angriff auf Makedonien, sich nach der Peloponnes wandte und durch sein Auftreten für Kleonymos die seltsame Verbindung zwischen Areus und Antigonos hervorrief. Um so mehr mußte Ptolemaios einen anderen hellenischen Staat für sich zu gewinnen und zur Opposition gegen Makedonien zu treiben suchen. Die Aitoler waren dazu wenig geeignet, indem für sie weder ein Anlaß zu nachhaltigem Angriff gegen Makedonien vorhanden, noch seitens der übrigen Hellenen für ihre Schilderhebung die Teilnahme zu erwarten war, welche erst einen großen und wirksamen Erfolg verheißen konnte. In Athen war beides; zudem knüpften sich an den Namen Athens die bedeutendsten Erinnerungen großer Kämpfe gegen Makedonien, und Athens Freiheit zu schützen war unzweifelhaft das populärste Vorgeben in der Griechenwelt, das ein König finden konnte; er erweckte damit alle Sympathien für sich und trieb den Gegner in eine nicht wenig gehässige Stellung.

Wie sich diese ägyptischen mit den athenischen Motiven zusammenfanden, ist nicht erkennbar. Jedenfalls erschien, sobald Athens Abfall von Makedonien ausgesprochen, die volle Gewalt der Demokratie auch über die Häfen wieder geltend gemacht war, Antigonos mit einem Landheer auf attischem Gebiet, mit einer Flotte vor den Häfen und begann die Belagerung und die Blockade der letzteren. Während sich die Athener der ersten Angriffe erwehrten, war auch die ägyptische Flotte unter Führung des Patroklos in See gegangen. Zugleich hatte die Erhebung Athens in Sparta eine Bewegung der Gemüter erweckt, welche die vorsichtige Politik der herrschenden Oligarchie offenbar mit sich riß: in Masse forderten die Lakedaimonier, hinausgeführt zu werden zum Kampf gegen Antigonos, voll Verlangen, den Athenern ihr Wohlwollen zu bezeugen und etwas auszuführen, dessen die Nachkommen noch gedenken möchten.

Und nicht bloß Sparta erhob sich. Es hat sich die Urkunde eines Vertrages[150] zwischen Athen und Sparta erhalten, die den bedeutenden Umfang der hellenischen Bewegung und zugleich die Auffassung derer, die sich verbanden, ins Licht stellt. Der Vertrag geht davon aus, daß schon in früheren Zeiten Athen und Sparta und deren beiderseitige Bundesgenossen gegen die, welche die hellenische Freiheit zu unterdrücken den Versuch machen wollen, in treuer Bundesgenossenschaft kämpfend sich Ruhm gewonnen und den übrigen Hellenen die Freiheit erworben hätten, daß jetzt ähnliche Zeiten seien und »ganz Hellas« von denen gefährdet werde, welche die Gesetze und die väterliche Verfassung jedes Staats vernichten wollten, daß der König Ptolemaios dem Vorbild seiner Vorfahren und dem Einfluß seiner Schwester folgend offen für die gemeinsame Freiheit der Hellenen sich bemühe; daß der Demos von Athen, mit ihm und den übrigen Hellenen Bündnis schließend, beschlossen habe, sie zu demselben Bemühen aufzurufen, daß ebenso die Lakedaimonier, Freunde und Bundesgenossen des Königs Ptolemaios, mit den Eliern, Achaiern, Tegeaten, Mantineiern, Orchomeniern, Phialeern, Kaphyern, Kretern, so mit ihnen in Bundesgenossenschaft sind, in Bundesgenossenschaft mit Athen zu treten beschlossen und zu dem Ende Gesandte nach Athen geschickt haben146; und so wird denn das Bündnis geschlossen, nicht auf bestimmte Leistungen, sondern in der Formel, daß fortan zwischen den Athenern und den Lakedaimoniern nebst ihren genannten Bundesgenossen Freundschaft und Bundesgenossenschaft sein soll, »damit sie sowohl gegen die, welche jetzt den Staaten Unrecht tun und die Verträge verletzen, mit dem König Ptolemaios und miteinander sich als mutige Kämpfer zeigen, als auch inskünftig miteinander in Eintracht leben«.

Also die namhaftesten Staaten der Peloponnes traten an der Hand Spartas in diesen Bund. Ob Athen auch im mittleren Griechenland, etwa in den Aitolern, Bundesgenossen gewonnen hat, ist nicht mehr ersichtlich. Von dem, was in Athen selbst geschah, gibt eine andere Inschrift wenigstens ein kleines Beispiel: Rat und Volk beschließen, »die Bürger und die sonstigen Bewohner Attikas zu freiwilligen Beiträgen aufzufordern«, Beiträgen »zur Rettung der Stadt und Beschützung des Landes«, und zwar sollen nicht höhere Beiträge als 200 Drachmen, nicht kleinere als 50 Drachmen[151] angenommen werden. Noch ist ein Teil des Verzeichnisses der erfolgten Einzahlungen vorhanden: unter 77 Zahlungen nur zwei zu 50, neun zu 100 Drachmen, die anderen 66 zum höchsten erlaubten Satz147. Manwar in gehobener Stimmung, in freudiger Hoffnung. »Alles andere«, so durfte man sagen, »ist allen Hellenen gemein, aber den Weg, der die Menschen zum Himmel führt, kennen die Athener allein«148.

Vom Weiteren gibt eine kurze Nachricht über Areus' Leben einige Auskunft: »Da Antigonos sich um Athen gelagert hatte und den Bundesgenossen der Athener den Eingang in die Stadt wehrte, sandte Patroklos Boten an Areus und forderte ihn auf, den Kampf gegen Antigonos zu beginnen. Wenn er begonnen, werde er selbst den Makedonen in den Rücken fallen; es sei nicht billig, daß sie, Ägypter und Seesoldaten, zuerst die Makedonen zu Lande angriffen. Die Lakedaimonier waren voll Eifers zu kämpfen, aber Areus führte, da die Vorräte aufgebraucht waren, sein Heer zurück, denn er wollte den Mut der Verzweiflung sparen für das eigene Vaterland und ihn nicht für Fremde rücksichtslos preisgeben. Mit den Athenern aber schloß Antigonos, nachdem sie sehr lange Widerstand geleistet, Frieden und legte eine Besatzung auf das Museion«149.

Dieser dürftige Abriß kann durch einzelne andere Notizen und allgemeine Betrachtungen ergänzt werden. Patroklos hatte seine Flotte bei der kleinen Insel nahe der Südspitze Attikas, welche seitdem seinen Namen führt, stationiert und sich auf derselben verschanzt; jedenfalls also war es ihm unmöglich, den Eingang in die Häfen Athens zu gewinnen, und eine attische Marine muß nicht mehr vorhanden gewesen sein, wenn man nicht imstande war, durch irgend einen kühnen Handstreich diese Verbindung, von der alles abhing, zu erzwingen. Ob Areus bis auf das attische Gebiet vorgerückt war, ist zweifelhaft, da die starke Besatzung auf Akrokorinth doch wohl den Isthmos sperren konnte und überdies Megara, wie es scheint, von Antigonos besetzt war. Denn in Megara war es, wo sich des Königs gallische Söldner empörten; Antigonos eilte mit seiner Gesamtmacht, indem nur ein kleines Beobachtungskorps in der Nähe Athens blieb, gegen die Empörer, die nach verzweifelter Gegenwehr vollkommen vernichtet wurden. Die Gegner hatten nicht einmal diesen Moment zu benutzen verstanden: nach der aus Phylarch stammenden Erzählung[152] zogen sich beide, Patroklos und Areus, nach diesem raschen Sieg des Königs zurück, während dieser sich mit doppelter Lebhaftigkeit gegen Athen wandte.

Die Zusammenhangslosigkeit in dem Benehmen der Verbündeten, wie es hier erscheint, kann keine Vermutung ergänzen wollen, aber wohl darf man annehmen, daß der ägyptische König auf eine ganz andere Mitwirkung seitens der Hellenen gerechnet, daß er namentlich von Sparta entscheidende Schritte erwartet hatte; ferner daß Patroklos, auch wenn er sich zur See überlegen fühlte, keine Landung auf der attischen Küste wagen konnte, da die ganze Landschaft mit den Truppen des Antigonos erfüllt war, jeder Posten dem anderen nah genug, um eine versuchte Landung sofort durch die Übermacht schnell zusammengezogener Scharen zu erdrücken. Daß die ägyptische Seemacht sich überlegen fühlte, scheint die von Phylarch berichtete Anekdote zu beweisen, nach welcher Patroklos dem makedonischen König Feigen und Fische sandte, eine Symbolik, über welche sich die Umgebung des Königs den Kopf zerbrach, während er selbst sie lachend dahin deutete, daß gemeint sei, entweder möge er die Seeherrschaft gewinnen oder Feigen kauen. Offenbar vermied Antigonos mit seiner Seemacht vorsichtig jedes entscheidende Zusammentreffen mit der feindlichen Flotte, hielt seine Schiffe nur eben an den Landungsplätzen, wo sie durch die Landposten hinreichend gedeckt waren, und Patroklos, nachdem der schnell unterdrückte Abfall der Gallier und der Rückzug der Spartaner die letzte Hoffnung, vom Lande her gegen Antigonos etwas zu gewinnen, zerstört hatte, mußte sich auf die Behauptung seiner Insel beschränken, bis etwa neue Streitkräfte aus Alexandrien anlangten.

Daß Ägypten den einmal begonnenen Kampf gegen Antigonos nicht aufgeben konnte, versteht sich von selbst; und die zerbröckelten Überlieferungen lassen noch erkennen, daß es mit neuer Anstrengung, in umfassendster politischer Kombination geschah. Plötzlich erhebt sich ein neuer Feind im Norden, während zugleich Korinth zum Abfall gebracht wird, Sparta von neuem im Felde ist, eine neue ägyptische Flotte im Aigaiischen Meere erscheint.

Der Molosserkönig Alexandros hatte bereits mit den Aitolern das unglückliche Akarnanien geteilt, die feste Stadt Leukas durch Hunger zur Übergabe gezwungen. Jetzt warf er, der treffliche Feldherr150, sich plötzlich auf Makedonien. Der elende Bericht, der hierüber vorhanden ist, lautet: »Gegen ihn verlor Antigonos, da er aus Griechenland zurückgekehrt war, durch den Übertritt seiner Soldaten verlassen, Reich und Heer;[153] aber Demetrios151 gewann in Abwesenheit des Königs Antigonos, nachdem er ein Heer zusammengebracht, nicht bloß das verlorene Makedonien wieder, sondern beraubte auch Alexandros seines Reiches.« Antigonos selbst also war bei dem ersten Anfall Alexandros' nach Makedonien geeilt, gewiß nicht ohne hinreichende Streitmacht in Attika zurückzulassen. Ob der Verlust des Heeres und Reiches nicht eine Übertreibung ist, kann nicht mehr entschieden werden, doch lag der Ort, wo dann Demetrios den rettenden Sieg gewann, wahrscheinlich im makedonischen Oberland; diese oberen Landschaften und Thessalien werden in Alexandros' Gewalt gekommen sein152. Aber warum überließ der König seinem Bruder die Rettung des Reiches? Warum ging er aus Makedonien, ehe die Aussicht zur Rettung des Kernlandes seiner Macht gesichert war? Ihn mußte größere Gefahr hinwegrufen.

War sie in der Peloponnes? Berichtet wird: »Wie Antigonos den König Areus bei Korinth tötete, darauf mit seines Bruders Krateros Sohn, Alexandros, Krieg hatte«153; und eben dieser Alexandros erscheint nicht bloß als Fürst in Korinth, sondern eine Zeit lang auch als Herrscher von Euboia. Mag es auf ägyptischen, spartanischen oder eigenen Antrieb geschehen sein, der Stratege in Korinth hatte die Verwicklungen Makedoniens benutzt,[154] sich unabhängig zu machen. Für Antigonos ein ungeheurer Verlust: der Schlüssel zur Peloponnes war verloren, die Streitmacht, mit der er seinen Einfluß und die ihm ergebenen Tyrannen dort gesichert hatte, war nun auf Feindes Seite; die Tyrannen selbst von der makedonischen Hilfe abgeschnitten, den Raubzügen der Aitoler, die ja des Epeiroten Verbündete waren, den Machtplänen der Spartaner, die nun mit Recht neue Hoffnungen faßten, hilflos gegenüber, mußten entweder weichen oder mit Anstrengung aller eigenen Mittel sich zu behaupten suchen. Wer von ihnen nicht fiel, wurde hinfort ein selbständiger Fürst: so Aristodemos von Megalopolis, so der Tyrann in Argos. Aber schmerzlicher noch als dieser Verlust in der Peloponnes war es, daß derselbe Stratege in Korinth zugleich den Befehl von Chalkis gehabt und mit seinem Abfall auch die Insel Euboia dem Königtum entrissen hatte; sie war bisher der Ausgangspunkt jeder makedonischen Bewegung nach dem mittleren Griechenland gewesen. Jetzt war Antigonos dieser Weg über Euboia versperrt, Thessalien war wahrscheinlich vom Molosser Alexandros besetzt, und dessen Bundesgenossen, die Aitoler, hatten die Linie des Spercheios, vor allem die Stadt Herakleia, welche die Thermopylen beherrscht, inne. Antigonos war von Griechenland vollkommen abgeschnitten, die einzige Verbindung, die ihm noch blieb, war die zur See. Aber zur See fühlte sich Ägypten vollkommen überlegen. Wenn auch bisher noch seine Seemacht in Salamis den Patroklos gehindert haben mochte, sich mit den Häfen Athens in unmittelbare Verbindung zu setzen, so war doch zu erwarten, daß ein neues ägyptisches Geschwader herbeieilte, die so glücklich eingeschlagene politische Kombination zu vollenden und ihre Früchte zu ernten; vereinte sich diese Flotte mit Patroklos, so war Athen gerettet, so vermochte sich die makedonische Flotte bei Salamis nicht zu halten, so war Antigonos außerstande, von der See her sich auf den Isthmos zu werfen und Korinths Wiedereroberung zu versuchen, kurz, so war alles verloren, Ptolemaios Herr im Aigaiischen Meer und über die Kykladen, und Griechenland huldigte ihm als dem Befreier.

Antigonos mußte eine neue ägyptische Flotte erwarten; ihr zu begegnen und sie um jeden Preis zurückzuschlagen mußte seine erste Sorge sein. Er mußte vorläufig Euboia, Athen, Korinth, die Peloponnes preisgeben. Wandte er sich dahin vor einem Siege über die Ägypter, so nahmen ihn diese, den Bedrängten zu Hilfe eilend, in den Rücken, und er war verloren. Er mußte so bald als möglich, so fern von Griechenland als möglich die ägyptische Flotte auffangen, damit bei günstigem Ausgang auch nicht die Reste derselben sich mit seinen Gegnern in Griechenland und mit Patroklos verbinden könnten. Auf das Gelingen dieses Wagestückes kam alles an.[155]

Plutarch braucht ein paarmal in seinen langweiligen moralischen Betrachtungen eine Anekdote folgenden Inhalts: »Als Antigonos gegen die Feldherren des Ptolemaios zur See kämpfen wollte – es war die Seeschlacht von Kos – und einer der Freunde zu ihm sprach: ›Siehst du nicht, daß der feindlichen Schiffe viel mehr sind?‹ antwortete er, der sonst ohne Anmaßung und Stolz war: ›Für wie viele rechnest du es, daß ich selbst zugegen bin?‹« Dies wird die Schlacht sein, die zu liefern Antigonos ausziehen mußte; er wird, wie die Fassung der Anekdote vermuten läßt und die weiteren Ereignisse bestätigen, gesiegt haben. Fern genug, am Eingang in das Aigaiische Meer, war die überlegene Seemacht des Feindes bewältigt; mit seiner siegreichen Flotte konnte sich Antigonos nun nach dem Meere von Attika wenden. Es ist denkbar, daß Patroklos jetzt aus seiner Station geworfen wurde, oder auch daß er sie ohne Kampf aufgab154. Mochten sich die makedonischen Truppen in Attika bisher behauptet haben oder nicht, jetzt begann für Athen die Gefahr von neuem und ernstlicher. Nicht daß sich Antigonos sofort auf die Stadt geworfen hätte; wurden so wie die ägyptische Seemacht die anderen Verbündeten nacheinander bewältigt, so mußte auch Athen sich schon fügen.

Hier folgten nun die Begebenheiten, von denen früher der kurze Bericht, der noch vorliegt, mitgeteilt ist: »Antigonos besiegte und tötete den Areus bei Korinth, dann kämpfte er mit Alexandros, Krateros' Sohn«155.[156] Wie drängten sich die glücklichen Erfolge! Der Eingang in die Peloponnes war wieder geöffnet, wenn auch Korinth sich noch hielt, Euboia und damit die verlorene Stellung gegen Mittelgriechenland wurde wiedergewonnen, in den Kykladen war des Lagiden Einfluß mit seiner Seemacht dahin, und in Makedonien hatte der junge Demetrios mit der Schlacht von Derdia nicht bloß das Reich gerettet, sondern Alexandros war aus seinen eigenen Ländern hinausgetrieben, war nach Akarnanien und in den Schutz der nachbarlichen Aitoler geflüchtet. Auch in der Peloponnes mochten die Tyrannen aufatmen, und standen sie jetzt auch unabhängiger gegen Antigonos, so war doch seine Sache die ihrige und bald genug hatte Areus' Sohn gegen Aristodemos von Megalopolis zu kämpfen.

Antigonos wandte sich gegen Athen, die Stadt leistete sehr lange Widerstand156. Dann, so wird erzählt, machte er um die Herbstzeit Vertrag mit den Athenern. Die Athener bestellten zum Frühling ihre Äcker und bewahrten nur so viel Getreide auf, als sie bis zur neuen Ernte brauchten. Da aber die Saaten reiften, fiel Antigonos in ihr Gebiet und die Athener mußten sich, nachdem sie ihre geringen Vorräte aufgezehrt hatten, auf jede Bedingung ergeben157. Sie waren ja von aller Hilfe verlassen, sie wehrten sich lange, mit edelster Anstrengung; es war das letzte Aufflackern des athenischen Volkes, dann sank es für immer. In der rührenden Legende vom Tode Philemons hat das Altertum diesen Fall Athens gleichsam mythisiert: »Philemon wohnte im Peiraieus, während die Athenienser und Antigonos Krieg führten. Er war nun steinalt, im neunundneunzigsten Jahr, als ihm im Traum, oder wie Traum, vorkam, daß neun Mädchen aus seinem Hause hinausgingen, er sie fragte, warum sie ihn verließen, sie aber antworteten, sie müßten hinausgehen, um nicht zu hören, daß Athen gefallen sei. Dieses erzählte er dem dienenden Knaben, richtete sich auf, schrieb das Drama, an dem er bildete, zu Ende, hüllte sich ein zum Schlummer und erwachte nicht mehr. Nicht von einem Dichter, den die Musen selten begeisterten, schieden sie, um seinen Tod nicht zu[157] vernehmen; sondern durch einen guten Mann, der den Unsterblichen lieb war, den letzten Überlebenden der alten Zeit, welcher noch Athens schöne Tage und Demosthenes in der Fülle seiner Kraft gesehen hatte, den sie hinwegnahmen, damit er die böse Stunde der Feindesgewalt nicht erlebe, – verkündeten sie der geliebtesten Stadt, daß sie nun auf ewig von ihr entweichen müßten«158.

Nur zu leicht wird die gerechte Teilnahme für Athen das Urteil wider Antigonos einnehmen. Vergesse man nicht, daß eben die Schilderhebung Athens und des Peiraieus ihm jenen Krieg entzündet hatte, der das mühsam wieder auferbaute Makedonien dem Untergang nahe brachte, daß die Politik Makedoniens gegen Griechenland in der Natur der Sache, nicht in der persönlichen Neigung oder Abneigung des Königs begründet war, und daß er sich nur von seiner höchsten Pflicht, der als König seines Reiches zu handeln, bestimmen lassen durfte. Er geizte nicht nach Macht oder Gewinn, erbuhlte nicht um Gunst; er strebte, den Besten seiner Zeit genug zu tun; da Zenon starb, klagte er, den verloren zu haben, dessen Beifall sich zu verdienen sein Ehrgeiz gewesen sei159. In diesem Geiste handelte er. Er konnte in Athen nicht bloß die nun bewältigte und doch an allen edelsten Erinnerungen reiche Stadt sehen; er mußte in demselben Maße, als sie ihm in Verbindung mit Ägypten wieder gefährlich werden konnte, – und Glaukon und Chremonides waren schon gen Ägypten geflüchtet – sie unschädlich machen, sich ihrer ganz versichern. Er konnte nicht das alte milde Abhängigkeitsverhältnis noch ferner bestehen lassen: in die Hafenstädte, auf Sunion, innerhalb der Stadt selbst auf das Museion legte er makedonische Besatzungen; die Athener hatten den Befehlen des Phrurarchen, des Italioten Lykinos, zu gehorchen; bis zur unmittelbaren Ernennung von Archonten, wenn einer Anekdote zu trauen ist, machte der König seine Gewalt über Athen geltend160. Acht Jahre behielt[158] er sie dann, da die allgemeinen Verhältnisse es gestatteten, zog er aus dem Museion seine Besatzung zurück und gab der Stadt die Freiheit wieder, freilich ohne die Häfen, ohne Sunion, ohne Salamis; auch die langen Mauern, so scheint es, wurden niedergerissen. Mit dieser Herstellung der Freiheit war Athens Bedeutungslosigkeit vollendet.

Aber wie konnte das mächtige Ägypten die Stadt so sinken, Antigonos' heftig bekämpfte Herrschaft sich so wiederherstellen lassen?161 Wir werden sehen, wie verwickelt eben damals Ägyptens Politik war, und Antigonos hatte wohl vieles wiedergewonnen, aber bei weitem nicht alles. Griechenland, vor dem Chremonideischen Kriege in der Weise geordnet, wie es das makedonische Interesse forderte, war eben durch jenen Krieg von neuem in Verwirrung gestürzt, und in der wilden Aufregung der politischen Leidenschaften in den Städten schien für Makedonien eine lange Reihe neuer und kraftraubender Kämpfe gegeben zu sein. In demselben Maße mußte Antigonos strenger, als es früher geschehen war, eingreifen, seine Politik, wie das Beispiel Athens zeigte, wurde zu härteren Maßnahmen gezwungen: auch in Megara, Troizen, Epidauros, Mantineia erscheinen fortan makedonische Besatzungen. Aber die frühere unmittelbare Sicherheit seiner Macht in Griechenland war dahin. Hielten auch noch mehrere Tyrannen, besonders die von Argos und Megalopolis, zu ihm, so war ihre Stellung doch dynastischer geworden, und die Abhängigkeit derer von Phlius, Hermione und anderer kleinerer Orte konnte nicht dafür entschädigen, daß in Korinth, in Sikyon sich Herrschaften behaupteten, die sich offenbar feindselig gegen Makedonien verhielten. Endlich war Sparta[159] von neuem bemüht, sich Geltung zu verschaffen, wie des Königs Akrotatos Kampf gegen Megalopolis zeigt, und Elis stand in engster Verbindung mit den Aitolern, deren Raubzüge, rücksichtslos gegen alle sonstigen politischen Beziehungen, Freund und Feind in gleicher Weise trafen, um die Verworrenheit und Bodenlosigkeit der öffentlichen Verhältnisse in Hellas und der Peloponnes vollständig zu machen.

Festeren Bestand scheint Makedonien selbst in seinen nächsten nachbarlichen Beziehungen gewonnen zu haben. Mit des jungen Demetrios Sieg über Alexandros von Epeiros war allerdings für den Augenblick dessen ganzes Reich okkupiert worden, aber für die Dauer war solche Eroberung nicht, und man darf zweifeln, ob Antigonos überhaupt sie zu behaupten beabsichtigte. Das Verlangen der Epeiroten und die Hilfe der Bundesgenossen (der Aitoler), so heißt es, führte den König Alexandros in sein Reich zurück. Er wird die Wiederherstellung mit schweren Opfern erkauft haben. Wir finden eine Stadt Antigoneia, die im Süden der Pässe des Aoos den Eingang zu denselben von der epeirotischen Seite her sperrte162; also das Land jenseits der Keraunien am Nordabhang derselben trat Alexandros ab. Makedonien gewann hier die Ausdehnung wieder, die es in den Zeiten Philipps und Alexanders gehabt hatte, die es haben mußte, um das Molosserreich aus der Machtstellung zurückzudrängen, um die es mit Makedonien rivalisierte und welche es, nach dem mißglückten Versuch, sie auf eine italisch-sizilische Eroberung zu gründen, nur auf Kosten Makedoniens hier auf der gemeinsamen Grenze wie in Griechenland zu behaupten vermochte.

Und hiemit haben wir zugleich die wahre Bedeutung des Chremonideischen Krieges sowie den Kern der makedonischen Politik gewonnen. Antigonos' großes Werk ist es, daß endlich Makedonien als Großmacht gesichert und anerkannt da steht. Freilich sagen davon die Überlieferungen nichts, aber die Politik jener Zeit – und aus ihrem Verlauf erkennen wir jenes Resultat und dessen Geltung – war sich vollkommen bewußt, um was es sich handelte. Und das war? Als sich das Reich Alexanders auflöste, war[160] es stets der bewegende Gedanke in den Kämpfen der Diadochen, das Universalreich wiederherzustellen. Fast hatten es die Antigoniden schon in Händen gehabt, aber die Schlacht von Ipsos zerschmetterte ihre Hoffnungen, und die vier Könige teilten sich in das Reich. Wie zufällig waren diese neuen Bildungen, willkürliche Aggregate von Ländern und Völkern; sie trugen noch die Möglichkeit ungeheurer Veränderungen in sich. Mit kühner Gewalt stürzte sich dann Demetrios auf Griechenland, auf Makedonien, und mit dem Versuch, die Universalmacht herzustellen, verlor er das kaum errungene Diadem. Wunderbare Glücksfälle schienen dem greisen Seleukos die Gesamtmacht übergeben zu wollen, da traf ihn die Mörderhand. Und als Antiochos die Ansprüche des Vaters geltend zu machen suchte, zeigte der Widerstand in der Nähe und Ferne die Unmöglichkeit, sie zu verwirklichen. Sein Friede mit Antigonos war der erste positive Schritt zur Bildung eines hellenistischen Staatensystems, das erst da in Wahrheit möglich wurde, als die Ansprüche auf die Universalmacht vollständig aufgegeben waren. Aber traten sie nicht noch einmal hervor in den großen Siegen des dritten Lagiden? Es wird später davon die Rede sein; im Gesichtskreis des Hofes von Alexandrien lagen derartige Vorstellungen unzweifelhaft163. Vorläufig hatte Ägypten ein anderes Interesse: es konnte seiner Lage nach nicht daran denken, je eine so kompakte Ländermasse wie die Seleukiden an sich zu bringen, es mußte dahin arbeiten, seine Kräfte durch die Begünstigung und Förderung aller kleineren emporstrebenden Mächte zu verstärken, und in dem Maße, als es selbst sich nur auf Kosten des Seleukidenreiches mehren konnte, hatte es das Heranwachsen einer Macht zu hindern, die, groß genug, sich auch ohne Ägypten gegen die nächsten Rivalitäten zu behaupten, den Seleukiden entscheidenden Beistand gewähren konnte. Nur in Europa konnte sich eine derartige Macht bilden: darum war von Alexandrien aus Pyrrhos heimgesandt, als sich Demetrios in Makedonien erhob, darum bat Pyrrhos vergebens um Beistand, als er sein Reich in Italien und Sizilien zu behaupten versuchte; Alexandrien ließ lieber das Griechentum dort verkommen, schloß mit Rom Befreundung, nur um keine große griechische Gründung im Westen möglich werden zu lassen. Pyrrhos kehrte zurück, gegen seine Siege in Makedonien, in Griechenland erhob sich energisch genug Antigonos[161] und Sparta. Aber sobald Antigonos sein Reich wiedergewonnen und zu kräftigen begonnen, eilte Ägypten, den umfassendsten Krieg aufzuregen; mit dem Anfang des Jahres 265 konnte es hoffen, Makedonien nicht vernichtet, wohl aber zur Unbedeutendheit erniedrigt zu haben. Es war von unermeßlicher Wichtigkeit, daß sich Antigonos schnell und mit dem sichersten Erfolg wieder emporarbeitete und Makedoniens politische Bedeutung als dritte Großmacht des hellenistischen Staatensystems für die Dauer sicherte, wichtig nicht sowohl wegen des Schadens oder Nutzens, der daraus für die kleineren griechischen Staaten erwuchs, oder wegen der gesicherten Umgrenzung der Gallier, Dardaner, Illyrier im Norden und Osten; – die Bedeutung dieser erneuten Begründung Makedoniens lag vielmehr darin, daß damit erst die große Frage, ob das Universalreich Alexanders wiederkehren oder sich dauernd zu einem Staatensystem auf der gemeinsamen Grundlage hellenistischer Bildung entwickeln sollte, für immer entschieden war.

Wie seltsam, daß eben jetzt das italische Griechentum von Rom überwältigt war, und mit dem um Sizilien beginnenden Kampf gegen die Punier auch die letzte Möglichkeit, eine bedeutende Griechenmacht dort zu begründen, verschwand. Daß Agathokles' Reich zersplittert, Pyrrhos' Unternehmen gescheitert war, gab die Möglichkeit, daß dem hellenistischen Staatensystem gegenüber sich jene zwei westlichen Großmächte Stirn gegen Stirn erheben, zu einem Kampf aufeinander stürzen konnten, in dessen wilde Bewegung bald auch die hellenistische Welt auf das folgenreichste verwickelt werden sollte.

Diese allgemeinen Verhältnisse mußten angedeutet werden, um die in den bisher dargelegten makedonisch-griechischen Kämpfen gleichzeitigen Verwicklungen zwischen Ägypten, Syrien und dem übrigen Osten verständlich zu machen. Oder richtiger: nur auf diese Zusammenhänge bezogen und aus ihnen gedeutet erhalten die unsäglich armseligen Bruchstücke der östlichen Geschichte Bedeutung und Wert. Es ist hier vollkommen unmöglich, auch nur mit einiger Sicherheit einen pragmatischen Verlauf der Begebenheiten aufzuweisen; aber weit entfernt, daß die Dürftigkeit der Überlieferungen ein Beweis für den Mangel an bedeutenden Begebenheiten und großen Interessen ist, erkennt man vielmehr an dem einen und anderen Punkte noch, welche unbeschreibliche Mannigfaltigkeit von Beziehungen der äußeren und inneren Politik in die Erinnerung der nächstfolgenden Generationen übergegangen war; nur für uns ist da alles verschüttet. Nach den im obigen dargelegten Resultaten ist es schon keine Voraussetzung mehr, daß der hohen und rationellen Bildung, welche das Auszeichnende dieser Zeit in anderen Sphären war und sich namentlich auch in der merkwürdigen, wenn ich so sagen darf, publizistischen Literatur[162] derselben zeigte, auch die äußere Politik entsprach, daß man mit klarem Bewußtsein und sicherem Verständnis der Zwecke, die man verfolgte, der Mittel, über die man verfügte, der Bedingungen und Schwierigkeiten, durch welche man behindert war, wie bei den inneren Organisationen so nach außen hin zu verfahren verstand. In den Synhedrien der Könige, an den Höfen der kleineren Fürsten, in den Beratungen der Republiken gab es stets Männer genug, welche durch ihre Bildung und ihre Erfahrungen imstande waren, den Gesamtzusammenhang der hellenistischen Verhältnisse in den politischen Verhandlungen und Maßnahmen zu vertreten, – Flüchtlinge aus den überwältigten Griechenstädten Italiens und des Pontos, Verbannte aus fast jeder Stadt in Hellas und Kleinasien, Männer, die der Parteiwechsel daheim oder der vergebliche Kampf gegen benachbarte Fürsten oder die verscherzte Gunst eines Gebieters aus den Verhältnissen hinwegtrieb, welche sie bisher geleitet hatten; dann wieder Kriegsmänner, die in diesem, in jenem Kriege die militärischen Mittel der verschiedensten Staaten, die Stimmungen in Ländern und Städten kennen gelernt hatten, Dichter und Denker, Gelehrte und Künstler, die überall mit Vorliebe und Auszeichnung aufgenommen wurden und deren persönlicher Einfluß sich ebenso in den kleinsten Freistaaten wie an den glänzenden Höfen erkennbar machte, Gesandte, die in dem höchst ausgedehnten und lebhaften diplomatischen Verkehr der Zeit von Rom, Karthago und Indien, von Meroë und den Ländern des Tanaïs Bericht erstatteten, endlich die Kaufleute, die der Welthandel nach allen Richtungen hin in Verbindung brachte, die Söldner, die sich bald in Sizilien und Afrika, bald in Syrien oder Baktrien zurechtfinden mußten, die Touristen, Gutschmecker, Altertümler, die feinen Hetären und modischen Gecken, die ihr Interesse nach aller Welt hinführte. Aus solchen allgemeinen Vorstellungen muß man sich das Bild, die Atmosphäre damaliger Zustände zusammensuchen und den Mangel an lebender Anschaulichkeit bei den wenigen einzelnen Begebenheiten, von denen uns eine zufällige Kunde geblieben ist, zu ergänzen wissen.

Eben dieser Charakter der Überlieferungen nötigt uns, die einzelnen Notizen in der Reihenfolge zusammenzustellen, wie sie sich gegenseitig am besten erläutern, stützen, berichtigen. Wir müssen es uns versagen, unsere Darstellung nach höheren politischen Gesichtspunkten zu ordnen, aus dem Konflikt verschiedenartigster Machtansprüche und aus der plötzlichen Störung, welche die einbrechenden Gallierschwärme in alle Kreise wie der makedonischen, so auch der östlichen Politik hervorbringen, deren weiteren Verlauf zu entwickeln. Erst wenn die Reihe der Einzelheiten mit möglichster Evidenz und Sicherheit festgestellt ist, wird sich ein Rückblick gewinnen lassen, auch hier die deutlichen Momente des großen Zusammenhangs noch wiederzuerkennen.[163]

Gehen wir von der Äußerung eines alten Autors aus, dessen Berichten die Darstellung eines fast gleichzeitigen und in den öffentlichen Verhältnissen mannigfaltig beteiligten Staatsmannes zugrunde liegt; er sagt: Antiochos, des Seleukos Sohn, habe, in vielen Kriegen wenn auch mit Mühe und nicht einmal ganz die väterliche Herrschaft rettend, ein Heer gegen Herakleia und andere Städte gesandt164. Gleich das erste Jahr seines Königtums war so voller Kämpfe. Wir haben einen Teil derselben schon früher zu erwähnen gehabt; hier müssen wir sie womöglich in ihrem Zusammenhang zu fassen suchen, und wir dürfen keinen Anstand nehmen, schon Besprochenes noch einmal zu berühren, indem nur so für die spärlichen weiteren Notizen einiges Licht gewonnen werden kann.

Allerdings mit den großartigsten Ansprüchen begann Antiochos sein Königtum, sein greiser Vater hatte ihm nach dem Sieg über Lysimachos (Sommer 281) das Königtum über die Länder vom Hellespont bis zum Indus und zum Roten Meer überwiesen. Dann ward der Vater ermordet, und gegen Ptolemaios Keraunos trieb Antiochos die doppelte Pflicht, den Vater zu rächen und dessen Recht auf Makedonien und Thrakien in Anspruch zu nehmen. Aber Aufruhr und Gefahr überall hemmte ihn: in Kleinasien stand Herakleia in trotziger Unabhängigkeit auf; verbündet mit Byzanz, mit Chalkedon, mit dem pontischen Mithradat, sandte es Ptolemaios Keraunos Beistand, der König Bithyniens hatte gleiches Interesse mit beiden. Namentlich die Seemacht Herakleias war bedeutend, die Stadt hatte Penteren, Hexeren, selbst eine Oktere von außerordentlicher Größe, mit 1600 Ruderern. Auch die hellenischen Städte vom Hellespont bis zum rhodischen Sund regten sich. Wohl hatten sich in ihnen, da Seleukos heranzog, die Seleukizonten erhoben, um der drückenden Herrschaft des Lysimachos frei zu werden, aber ihre Hoffnung erfüllte sich nicht; von der Herstellung der alten Freiheit, wie sie der große Alexander und Antigonos ihnen gewährt, war keine Rede; sie mußten, seit der Einbruch der Kelten immer schwerere Gefahr brachte, zu anderen Lasten noch eine Keltensteuer aufbringen. Wir sahen, wie Nikomedes, um sich des Zipoites zu erwehren, die Kelten nach Asien gerufen, in Sold genommen hatte. Wie, wenn die Städte für das Geld, das sie gegen die Kelten an den Syrerkönig zahlten, gleich Nikomedes Kelten in Sold nahmen, um ihre Autonomie herzustellen? Spätere Verhältnisse zeigen, daß wenigstens die bedeutenderen, Ephesos, Smyrna, Milet, die Inseln der Küste, die Freiheit entweder behaupteten oder wiedergewannen. In der Burg von Pergamon[164] und im Besitz der 9000 Talente, deren Hut ihm einst Lysimachos anvertraut hatte, war der Tianer Philhetairos ein unabhängiger Dynast, wenn er sich auch dem König Antiochos gefällig erzeigte, und in Amastris verfügte Eumenes ebenso unabhängig165. Nur von diesen wissen wir zufällig, aber es mögen nicht viele Städte und Landschaften Kleinasiens gewesen sein, in denen Antiochos zu Ende des Jahres 279 noch in der Tat zu gebieten hatte. Er vermochte keine bedeutenden Streitkräfte dorthin zu senden; er war daheim vollauf beschäftigt. In der seleukischen Landschaft bedrängte ihn Aufruhr und Usurpation; ob auch weiter im Osten, etwa in Areia, wo schon früher schwierige Aufstände zu dämpfen gewesen waren, wissen wir nicht166. Den schlimmsten Schlag hatte der ägyptische König wider ihn geführt (280): jene Südlandschaften Syriens, um deren Besitz Seleukos sich so lange bemüht hatte, entriß ihm Ptolemaios II., selbst Damaskos kam in dessen Gewalt167. Sein Rechtstitel war der Vertrag des ersten Ptolemaios mit Seleukos, der dem Kriege von Ipsos vorhergegangen war und kraft dessen derselbe für seine Teilnahme am Kampf gegen den alten Antigonos eben dieses Gebiet des Antigonos-Reiches zugesichert erhalten hatte, während ein späterer Vertrag der damaligen Könige ohne Befragung Ägyptens dieselben Landschaften an Seleukos überwiesen hatte. Außer diesem Rechtsanspruch war es namentlich die Neigung der palaistinischen Syrer, auf welche Philadelphos seine Okkupation stützen konnte. Außer dem eigenen unberechenbaren Gewinn, den dem Lagiden der Besitz dieser Landschaft brachte, mußte sein Angriff auch den Vorteil haben, daß sein älterer Bruder, von dem nun selbst gefährdeten Antiochos unbehindert, sich in Makedonien festsetzen und so[165] eine hinreichende Entschädigung für Ägypten finden konnte, ohne welche er den jüngeren Philadelphos schwerlich ungestört im Besitz des Diadems gelassen hätte.

Der schnelle Sturz des Ptolemaios Keraunos mußte Antiochos' Hoffnung auf Makedonien und Thrakien von neuem beleben. Inmitten der furchtbaren Gallierzeit kämpfte er mit Antigonos um das heerenlose Land, aber vergebens; auch Herakleia, auch Bithynien stand wider ihn, nirgends hatte er Erfolg. Und nun erschienen gar jene wilden Horden auf asiatischem Boden, durchzogen, nachdem sie eine kleine Zeit für Nikomedes gekämpft, raubend, verwüstend, unwiderstehlich die reichen Länder Kleinasiens. Die unermeßliche Beute168 mochte neue Scharen herüberlocken, es war nicht zu berechnen, wohin sich die wüste Flut stürzen würde, wenn das Land diesseits des Tauros ausgebeutet war. Mochte Nikomedes, mochten einzelne hellenische Städte der Küste sich ihrer bedienen zu können gehofft haben, um ihre Abhängigkeit zu gewinnen, jetzt war die Not so groß und so sichtlich in der Macht des großen Seleukidenreiches die einzige Rettung, daß sie wohl alle bereit waren, ihren Frieden mit Antiochos zu machen. Und wieder Antiochos mußte erkennen, daß die Politik seines Vaters gegen die Griechenstädte Kleinasiens, gegen die Dynasten dort nicht länger festzuhalten, daß selbst der Besitz des südlichen Syriens, der Satrapien im Osten nicht so wichtig sei wie die Halbinsel, welche die Brücke von Asien nach Europa bildet, der Macht oder doch dem Einfluß Syriens zu retten.

Es galt, alles andere minder achtend, zur Rettung Kleinasiens diesen furchtbaren Feinden zu begegnen. Es wurde, wie oben vermutet worden, Frieden mit Nikomedes, mit Antigonos geschlossen, es wurde den hellenischen Städten die Freiheit und Autonomie, nach der sie sich sehnten, gewährt169; auch mit Ägypten scheint nach einem glücklichen Gefecht Frieden geschlossen worden zu sein. Der König eilte selbst nach Kleinasien, mit aller Macht wider die Barbaren zu kämpfen.

Eine glänzende Schlachtschilderung ist alles, was über diesen Galaterkrieg überliefert ist. »Mit Übermacht«, heißt es, »standen die Galater dem[166] König gegenüber, eine dichte Phalanx von vierundzwanzig Gliedern Tiefe, die vordersten Glieder mit ehernen Panzern, auf jedem Flügel zehntausend Reiter. Aus der Mitte der Schlachtlinie sollten achtzig vierspännige Sichelwagen und doppelt so viel zweispännige Streitwagen vorbrechen. Dem König sank fast der Mut beim Anblick dieser furchtbaren Feindesmacht. Er hatte nur kurze Zeit gehabt sich zu rüsten, der größte Teil seines kleinen Heeres bestand aus Peltasten und Leichtbewaffneten. Schon wollte er unterhandeln, aber Theodotos von Rhodos ermutigte ihn, entwarf ihm einen Schlachtplan, nach dem die 16 Elefanten, die der König mit sich hatte, die Entscheidung machen sollten. Der Anschlag gelang auf das vollkommenste; die feindlichen Pferde, die nie einen Elefanten gesehen hatten, wurden scheu, jagten in wilder Flucht zurück, brachten eine vollständige Verwirrung hervor. Die Niederlage der Barbaren war vollkommen. Was von den Galatern nicht getötet wurde, fiel in die Hände der Sieger, nur wenige retteten sich in die Gebirge. Die Makedonen aber, die um den König waren, stimmten den Siegesgesang an, kränzten ihn, jauchzten ihm zu als dem glorreichen Sieger. Er sprach mit Tränen in den Augen: ›Schämen wir uns, daß wir diesen sechzehn Tieren unsere Rettung verdanken‹. Und auf dem Siegesdenkmal ließ er nichts als das Bild eines Elefanten darstellen«170.

Man erkennt die Ausschmückungen in dieser Schilderung leicht genug, aber wenn auf zahlreichen Münzen des Königs das Bild eines Elefanten die Erinnerung an diesen Sieg bedeutet, so muß er wohl bedeutend gewesen sein171. Nicht daß die Gallier vernichtet oder aus Asien zurückgetrieben worden wären, aber man konnte nun daran denken, sich ihrer dauernd zu erwehren, sich vor ihnen zu sichern. An dieser Stelle ist es, daß eine topographische Erscheinung auffallender Art vielleicht ihre Erklärung[167] findet. Es läßt sich auf der West- und Südseite des Galatergebietes eine Reihe von Ortschaften nachweisen, in denen die Bewohner teils sich noch in der Römerzeit auszeichnend Makedonen nennen, teils durch anderweitige Notizen als Makedonen, die hier eingesiedelt worden, nachgewiesen werden können. Die einzelnen derartigen Ortschaften liegen, soweit sie noch erkennbar sind, in den militärisch bedeutendsten Positionen jenes Umkreises, beherrschen namentlich die Wege, die aus Phrygien nach den reichen Städten der Küstenlandschaften führen. Man erkennt in der gesamten Disposition dieser Gründungen eine entschiedene Absichtlichkeit; mochten auch einzelne Punkte wie Dokimeion, Apollonia in Pisidien usw. schon frühere Gründungen sein, so war doch zu einer so zusammenhängenden Reihe von Posten nicht eher ein Anlaß vorhanden, als bis die Raubzüge der Galater wiederholt jene reichen Küstenlandschaften gefährdeten, und nur durch einen Kranz von festen Städten konnte man hoffen, ihre wilden Angriffe dauernd abzuwehren. Das, so scheint es, war die Folge von Antiochos' großem Siege, daß die Galater, welche bisher die ganze Halbinsel als ihnen zur Plünderung preisgegeben ansehen mochten, auf die inneren Landschaften zurückgeschoben wurden. Man darf annehmen, daß sich Nikomedes von Bithynien mit Antiochos über die zu treffenden Maßregeln verständigte. Schon hatten sich die Barbaren in der Landschaft zwischen den Quellen des Sangarios und dem Halys festgesetzt, man mußte zufrieden sein, sie auf dies Gebiet möglichst zu beschränken. Nicht als ob sie nun ruhig und friedlich gesessen hätten – wiederholt werden wir ihnen noch auf Raub- und Soldzügen begegnen, selbst die syrischen Könige suchten sie mit Geschenken abzufinden –, aber die erste Not Kleinasiens war mit jenem Siege, mit jener Festungsumgrenzung vorüber, die schönen aufblühenden Länder jenseits des Tauros vor ihnen sicher172.

Es würde lehrreich sein, zu wissen, wo und wann jener Galatersieg erkämpft worden, aber unsere Quellen schweigen davon durchaus173. Vielleicht,[168] daß sich aus dem weiteren Verlauf der Begebenheiten wenigstens eine annähernde Bestimmung für die Zeit gewinnen läßt. Gehen wir zum Ende zu den ägyptischen Verhältnissen über, bei deren Betrachtung wir freilich wieder manchen schon besprochenen Punkt werden wiederholen müssen.


Wenn irgendwo, so hatte Ptolemaios Soter in der Wahl seines Nachfolgers die Vorsicht bewährt, die ihn überall auszeichnete. Mag auch die Zuneigung für Berenike nicht ohne Einfluß auf seine Entscheidung gewesen sein, überwiegend bestimmte ihn die Rücksicht auf das Reich, das nur unter der sorgfältigsten Einsicht die Machtentwicklung gewinnen konnte, zu der er den sicheren Grund gelegt hatte. Er konnte es in keine besseren Hände legen als in die seines Lieblings, und mit Jubel begrüßten seine Makedonen die Entscheidung. Noch jetzt tritt uns in den Resten der Überlieferung das Bild dieses merkwürdigen Fürsten deutlich entgegen. Er war blond, schwächlichen Körpers, von feinem erregbarem Sinn, von der gewähltesten Bildung; an seinem Hof sammelte sich alle Kunst, alle Wissenschaft, jene, den Luxus zu veredeln, den er liebte, diese, auch der leichten geistreichen Geselligkeit, die er um sich zu schaffen verstand, Gehalt und Wert zu verleihen. Hier hatte der Attizismus eine neue Heimat gefunden, hier bildete sich eine Courtoisie, welche die anmutigsten Formen hellenischer Bildung mit ihren edelsten und tiefsten Schöpfungen zum glänzend vielseitigsten Genuß verband. Nie hat man das Leben zierlicher zu schmücken, geistreicher zu genießen, nie feiner zu schmeicheln verstanden als an diesem Hofe; und selbst der Ernst der Wissenschaft nahm teil an dieser heiteren Eleganz, an dieser Reichtumsfülle eines sicher gegründeten, weit um sich schauenden Lebens. Wie gar verschieden vom makedonischen Antigonos, dem Freunde jener ernsten Stoiker, ist dieser Philadelphos! Er hat nicht wie jener ein mühsam Auferbautes wieder und wieder von neuem zu beginnen, mit Willenskraft und festem Lebensplan endlich durchzuführen; er hätte nie Großes gegründet, aber weiterzuführen weiß er es. Er ist behutsam, nicht ohne Mißtrauen, wenn es gilt auch gewaltsamster Entschließung fähig, aber das Lächeln der Gnade scheint sie zu verbergen; er will nicht gefürchtet sein, nur Frieden und Huld und Fülle des Glücks soll um ihn her sein. Er sucht nicht den Ruhm der Kriege, er meidet sie, bis sie ihm sicheren Gewinn versprechen; er zieht nicht selbst in die Schlacht hinaus, aber seine Gesandten gehen zum Königshof am Ganges und zum Senat am Tiberstrom, seine Flotten erscheinen in den aithiopischen Meeren und am Gestade des Pontos, und während er daheim Kanalbauten, Städtegründungen, Hafenanlagen anordnet, für nichts Sinn zu haben scheint als für die inneren Verhältnisse und das wundervolle[169] Aufblühen seines schönen Landes, umspinnt er die Welt mit den heimlichen Fäden seiner unermüdlichen Politik. Und wieder sucht er neue Zerstreuung da und dort; bald ist es ein neues Gemälde, eine kostbare Gemme, bald seltene Tiere für die Menagerie, eine neue Handschrift für die Bibliothek, stets neue Liebeshändel, ein endloses Genießen, und doch kein Genüge. Nie kommt er, auch körperlich nie, zum Gefühl der Kraft. In aller Zerstreuung und Tätigkeit kann er des kränkelnden Körpers nicht vergessen, auch der Kunst der Ärzte vertraut er nicht mehr. Die geheime Wissenschaft soll Rat schaffen, in den dunklen Tempeln Ägyptens ist sie seit alter Zeit bewahrt; so sinnt und braut er auf den Trank der Unsterblichkeit, er hofft ihn alsbald zu finden. Und als er einst viele Tage am Podagra krank das Schmerzenslager gehütet hatte und er dann, ein wenig erleichtert, zum Fenster des Palastes hinausschaute und armes ägyptisches Gesindel vergnügt das dürftige Frühstück verzehren und sich im sonnigen Sande strecken sah, rief er: »Ich Armer, daß ich nicht einer von ihnen bin«.

So Ptolemaios Philadelphos; vierundzwanzig Jahre war er alt, als ihm der Vater das Reich übergab, das er noch zwei Jahre lang unter dessen Augen und mit seinem Beirat führte. Ptolemaios Keraunos, des Königs ältester Sohn, hatte so zurückgesetzt Alexandrien verlassen und an Lysimachos' Hof nur zu viele Gelegenheit gefunden, des Vaters Entscheidung zu rechtfertigen; im königlichen Hause zu Alexandrien schien, seit er hinweg war, aller Anlaß zu Mißhelligkeiten vorüber174. Aber mit dem Tode des Vaters (283) erhob sich mannigfacher Hader. Des Königs Bruder Argaios trachtete ihm nach dem Leben und wurde getötet, ein anderer Bruder, derselben Mutter Sohn wie Keraunos, versuchte die Insel Kypros zum Abfall zu bewegen und ward gleichfalls dem Tode übergeben. Der König mochte des Keraunos Einfluß zu erkennen glauben, und der Phalereer Demetrios, bisher in höchsten Ehren und von einflußreichster Teilnahme an der obersten Leitung des Reiches, ward, da er für die Erbfolge der Erstgeburt und gegen Philadelphos' Erhebung geraten hatte, als verdächtig in Haft genommen und fand bald den Tod. Keraunos suchte am Hofe von Lysimacheia andere Wege, sich für Ägypten zu entschädigen; sein Werk[170] war die Ermordung des Agathokles, der Krieg gegen Seleukos, in dem Lysimachos fiel. Der Mord des Siegers, Keraunos' Besitznahme von Thrakien und Makedonien sicherte den Thron des Philadelphos in Ägypten, der darum allen Einfluß in Griechenland verwandte, Antigonos von Makedonien fernzuhalten, während er zugleich den syrischen König durch die Okkupation des südlichen Syriens unmittelbar gefährdete und so beschäftigte.

Nicht weiter ist es möglich, den Zusammenhang zu verfolgen, nur hier und da kommt uns eine Einzelheit zu. Aus einer ilischen Inschrift zu Ehren des Antiochos durften wir entnehmen, daß Philadelphos nicht glücklich gegen Antiochos kämpfte, aber doch einen Frieden schloß, der ihm einen Teil des Gebietes ließ, das er in Anspruch genommen hatte. Weiter führt eine andere Tatsache. Philadelphos' Gemahlin war Arsinoë, die Tochter des Lysimachos; auch sie, so entdeckte er, trachtete ihm nach dem Leben. Amyntas und der rhodische Arzt Chrysippos, ihre Mitverschworenen, wurden hingerichtet, sie selbst nach Koptos verwiesen. Es ist nicht mehr zu erkennen, ob diese mit den früheren Intrigen zusammenhing, ob vielleicht Amyntas der ungenannte Bruder des Königs war, der in Kypros Aufstand versuchte. Höchst merkwürdig ist nun, daß sich demnächst der König mit seiner Schwester Arsinoë vermählte. Die Halbschwester zu heiraten war nicht gegen die griechische Sitte, aber Arsinoë war desselben Vaters, derselben Mutter Kind wie der König. Was konnte ihn bestimmen, eine Ehe zu schließen, die freilich nach ägyptischem Brauch nicht unheilig war, Griechen und Makedonen dagegen in jeder Weise anstößig, ja blutschänderisch erscheinen mußte175? War es leidenschaftliche Liebe[171] zu der Schwester? Sie war bedeutend älter als er, nahe an vierzig Jahre, da sie nach Ägypten zurückkam, und was aus ihrem früheren Leben bekannt ist, läßt sie nicht eben liebenswürdig erscheinen. Welchen Unsegen hatten ihre Ränke in Lysimachos' Haus gebracht! Der edle Agathokles wurde ein Opfer ihrer Liebe und ihres Hasses, mit Ptolemaios Keraunos, ihrem Halbbruder, hatte sie seinen Tod angestiftet, um ihren Kindern das Reich zu schaffen. Dann flüchtete sie, da Lysimachos gefallen ist, nach Ephesos, dann nach ihrer Stadt Kassandreia; der älteste ihrer Söhne versucht mit Hilfe der Dardaner, den Thron Makedoniens zu erobern, während sie selbst den Anträgen ihres Halbbruders Keraunos nachgibt und jene Hochzeit feiert, die mit dem Morde ihrer zwei jüngeren Söhne endet. Wahrlich, so wenig als die Jugend kann der Charakter dieser Arsinoë den ägyptischen König gereizt haben, sich mit Nichtachtung aller Sitte und allen Vorurteils mit ihr zu vermählen. Wenn er es doch tat, wenn er sie die Kinder seiner verstoßenen Gemahlin förmlich adoptieren ließ, so darf man voraussetzen, daß ihn andere wichtige Gründe bestimmten. Und da finden wir, daß Lysimachos Ephesos neu begründet und nach ihrem Namen genannt, daß er ihr Kassandreia in Makedonien, ja am Pontos die blühenden Städte Herakleia, Amastris, Tios geschenkt hatte. Freilich hatte sich Ephesos, da sie dorthin flüchtete (281), wider sie erhoben, Kassandreia war ihr von Keraunos entrissen, nach dessen schnellem Tode in die Gewalt des scheußlichen Apollodoros gekommen; die Herakleoten hatten der Königin Statthalter vertrieben und ihre Freiheit hergestellt, ja seit 279 auch Tios und Kiëros erworben, aber die Ansprüche der Königin auf ihre Städte bestanden noch, und ihr ältester Sohn, jener mit den Dardanern Verbündete, war im Jahre der Anarchie unter den Prätendenten Makedoniens wieder erschienen176. Man sieht, welchen höchst bedeutenden Kreis von politischen Anknüpfungspunkten dem König diese Vermählung eröffnete, und wie wenig auch in den dürftigen Überlieferungen von derartigen Zusammenhängen, von deren Wirkung und Benutzung erkennbar wird, so zeugt doch das, was geschehen ist, deutlich dafür, daß sie vorhanden gewesen.

Indes hat sich für Ptolemaios ein Krieg von besonderer Gefahr entsponnen. Der ihn erhob, war Magas von Kyrene, den Berenike in früherer Ehe, ehe sie nach Ägypten kam, geboren; Ptolemaios I. hatte ihm, seinem Stiefsohn, die Landschaft übertragen. Sah Magas gleich bei dessen Tod seine[172] Abhängigkeit von Ägypten für aufgehoben an, oder reizten ihn die Verwicklungen, in denen er in den Jahren darauf seinen königlichen Bruder sah, jedenfalls versuchte er es bald, auch über das kyrenaiische Gebiet hinaus seine Macht auszudehnen. Er rückte über Katabathmos, den Grenzort der Kyrenaika, hinaus auf Paraitonion zu. Ptolemaios erwartete ihn hinter der verschanzten Grenze; nicht ohne sein Zutun mochte es sein, daß sich der Beduinenstamm der Marmariden im Rücken des Gegners erhob und ihn zu eiliger Umkehr nötigte. Ptolemaios vermochte nicht, ihn zu verfolgen, denn in seinem Heere hatte er unter anderen Fremden 4000 Galater, die nach der tollkühnen Raubgier dieses Volks nichts Geringeres im Sinn hatten, als sich Ägyptens zu bemächtigen. Sie wurden auf eine öde Nilinsel gebracht, und dort ließ man sie umkommen177.

Der erste Kampf hatte keine Entscheidung gebracht. Ptolemaios mochte nicht ihn fortzusetzen begierig sein, um nicht dem Seleukiden Anlaß zum Angriff auf das südliche Syrien zu geben; dort sich vollkommen zu sichern mußte ihm zunächst wichtiger sein als Kyrene wieder zur Abhängigkeit zu zwingen178. Aber dieselben Gründe mußten Magas und Antiochos bestimmen,[173] sich zu verbinden. Magas vermählte sich mit des syrischen Königs Tochter Apame und trieb den Schwiegervater zum Krieg gegen Ägypten. War irgend Aussicht auf Erfolg, so durfte Antiochos nicht säumen, den Krieg zu wagen, der ihm den Wiedergewinn des südlichen Syriens in Aussicht stellte. Er hatte traktatenmäßiges Recht auf diese Länder, die er ja nur in den schwierigen Anfängen seines Regiments geopfert hatte; von ihnen aus war nicht bloß das obere Syrien stets bedroht, sondern vor allem war mit dem Besitz dieser Küste die schon so überlegene Seemacht Ägyptens noch um den großen Beitrag der phoinikischen Flotte gemehrt, während zugleich vom nahen Kypros aus die Mündung des Orontes, der issische Meerbusen, die kilikischen Küsten, also gerade die Verbindung Syriens mit Kleinasien in jedem Augenblick gefährdet werden konnte.

Die einzige nähere Notiz, welche über diesen Krieg vorhanden ist, sagt, daß, während sich Antiochos mit aller Macht auf Ägypten zu werfen versuchte, Ptolemaios die dem Gegner gehörenden Landschaften heimsuchte und die schwächeren durch Raubüberfälle, die stärkeren durch förmlichen Angriff so beschäftigte, daß Antiochos außerstande war, Ägypten selbst zu gefährden179. Ptolemaios entwickelte die ganze Überlegenheit seiner Seemacht, die weitläufigen asiatischen Küsten standen ihr offen. Ein Zufall nennt uns eine Station bei Kaunos auf der karischen Küste; dort ergriff der Stratege Patroklos den Sotades, der wegen eines boshaften Witzes über des Königs Vermählung mit seiner Schwester aus Alexandrien geflüchtet war. War Kaunos, wie es scheint, in rhodischem Besitz, so achtete man die Neutralität von Rhodos nicht, da es galt, den wichtigsten Angriffspunkt gegen Karien zu gewinnen. Die ganze Küste Kleinasiens wird in ähnlicher Weise blockiert, gefährdet gewesen sein. Daß sich bereits die ägyptische Politik auch im Norden Kleinasiens geltend machte, zeigt ein merkwürdiges Beispiel. Die Stadt Tios am Pontos, zwischen Herakleia und Amastris gelegen, welche die Herakleoten bei Gelegenheit ihrer Verbindung mit Nikomedes 279 teuer genug erworben hatten, hat, so lautet eine vereinzelte Notiz, einmal den Namen Berenike geführt. Dazu eine andere Angabe: in Bund und Sold des Mithradates und Ariobarzanes kämpften die neuangekommenen Galater gegen die von Ptolemaios gesandten Ägypter, verfolgten sie bis an das Meer, nahmen die Anker ihrer Schiffe, gründeten auf dem ihnen zum Lohn ihres Sieges übergebenen Gebiet die Stadt, welche sie nach jenem Siege Ankyra nannten180. Dieser Krieg also[174] begann noch zur Zeit des Mithradates, der 266 starb, aber er setzte sich unter dessen Sohn und Nachfolger fort. Und die Galater waren damals etwa zwölf Jahre in Kleinasien; sie hatten noch nicht feste Sitze, mindestens Ankyra noch nicht, mag dies auf bithynischem oder pontischem Gebiet gelegen haben. Die ägyptische Macht war die angreifende. Sie war nicht gekommen, gegen die Galater zu kämpfen; trat sie etwa für Herakleia auf? Dann hätte Amastris, das zu besitzen sich die Stadt lange schon bemühte, gewonnen werden müssen und können. Aber in Amastris befahl der Tianer Eumenes, den Herakleoten feind. Man darf mutmaßen, daß Tios nicht etwa durch Geschenke oder sonst wie verpflichtet den Namen Berenike angenommen hat, sondern von den Ägyptern okkupiert und unter jenem Namen erneut war; dann war es den Herakleoten entrissen, den Verbündeten Bithyniens. Von dort aus suchte sich Ägypten weiter auszubreiten, nach Paphlagonien hinein, auf Kosten des pontischen Königs, ja jener Eumenes war von Ptolemaios entweder in Amastris eingesetzt oder mit ihm verbündet. Er und Philhetairos, der aufstrebende Dynast von Pergamon, konnten keine bessere Politik befolgen, als sich der Ägyptens anzuschließen. So tätig war die ägyptische Macht. Wie in Kaunos und Tios wird sie es auf der Westküste Kleinasiens gewesen sein. Philhetairos dehnte sein Gebiet bereits über die umliegende Landschaft aus. Fast voraussetzen darf man, daß die Okkupation von Ephesos, von Milet versucht wurde. Alle Küsten des syrischen Königs und seiner Verbündeten standen der ägyptischen Flotte offen.

Was taten die Gegner? Kannten sie nicht im voraus die Überlegenheit der feindlichen Seemacht? Versuchten sie den Kampf, ohne sich wider sie irgend zu decken? Suchten sie keinen Bundesgenossen, der die feindliche Flotte beschäftigen konnte?

Allerdings vermochte Antiochos nicht die Grenze Ägyptens zu gewinnen, aber Damaskos eroberte er, und Magas eroberte Paraitonion, behauptete[175] es, drang ungehindert vor181. Warum erschien nicht Ptolemaios' überlegene Flotte auf der Küste der Kyrenaika, die Städte zum Abfall zu rufen oder im schnellen Angriff zu besetzen? Warum ließ er Magas ungehindert vordringen? Ja endlich schloß er mit jenem einen Frieden, in welchem er ihn als König anerkannte und sich begnügte, in der Verlobung seines Sohnes mit Magas' kleiner Tochter Berenike eine weit voraussehende Hoffnung auf die Wiedervereinigung der Pentapolis mit Ägypten zu gewinnen182. Hatte er vielleicht desto größeren Erfolg gegen Antiochos? Nicht einmal Ephesos gewann oder behauptete er, Kaunos, das genommen war, wurde den Rhodiern gegen 200 Talente wieder überlassen183. Was war denn aus der überlegenen ägyptischen Seemacht geworden?

Die Gleichzeitigkeit des Chremonideischen und dieses ägyptisch-syrischen Krieges ist ebenso wahrscheinlich, wie sie alle jene Fragen löst, und erst in diesem Zusammenhang erkennt man die ganze Bedeutung des herrlichen Sieges, den Antigonos bei Kos gewann; diese Schlacht war wie die Wetterscheide für diese gleichzeitigen Kriege.[176]

Wenn beim Beginn desselben weder Syrien nach dem Verlust von Phoinikien noch Kyrene eine Flotte hatte, die sich mit der ägyptischen messen konnte, wenn Rhodos, durch alle Interessen des Handels auf den Frieden gewiesen, wie immer sich in neutraler Stellung hielt und selbst nach der Okkupation von Kaunos, wie es scheint, nicht zu den Waffen griff, so konnten die Verbündeten, wollten sie mit Erfolg Ägypten angreifen, nicht anders als die Bundesgenossenschaft Makedoniens suchen, während Ägypten wieder in dem kaum geordneten und beruhigten Griechenland Antigonos Verwicklungen bereiten mußte, welche ihm eine entscheidende Teilnahme im östlichen Kampf unmöglich machten. Wo der Krieg losbrach, ob zuerst Magas und Antiochos angriffen oder Athen sich mit dem Ruf der Freiheit erhob, ist nicht zu sagen, aber sofort war Antigonos' ganze Kraft gefesselt und in den Saronischen Meerbusen gebannt, während die ägyptische Flotte ungehindert sich an den feindlichen Küsten ausbreitete. In Aitolien wird eine Stadt Arsinoë erbaut und nach der Schwester und Gemahlin des Philadelphos genannt. Mit den Aitolern verbündet war Alexandros von Epeiros, der sich mit so furchtbarem Erfolg auf Makedonien warf, während der Spartanerkönig mit dem Fürsten von Korinth und Euboia gemeinsam in Griechenland die ägyptische Sache zum glänzendsten Siege zu führen sich anschickte.

Aber der herrliche Sieg von Kos verwandelte plötzlich die Lage der Dinge. Jetzt mochte Magas ungehindert bis in die nächste Nähe des Nillandes vorrücken. Gemeinsamkeit in den Bewegungen der Verbündeten hätte jetzt vielleicht merkwürdige Erfolge gehabt, und was hätte geschehen können, wenn sich Rhodos zu tätiger Mitwirkung gegen Ägypten erhoben hätte! Es lag wohl nicht minder in der Verwicklung der europäischen Verhältnisse als in Antigonos' politischem Charakter, daß er sich nicht weiter gen Osten wandte, jenen Sieg zu benutzen, sondern nach Griechenland eilte, dort die Verhältnisse so sicher als möglich herzustellen. Ägypten konnte nicht füglich mehr die Westküste Kleinasiens gefährden. Eben jetzt mag Ptolemaios, um Rhodos zu gewinnen, gegen eine Summe Geldes die wichtige Position von Kaunos zurückgegeben haben. Vielleicht gewährte er Magas schnell einen Frieden, um Antiochos zu vereinzeln, und wenn Amastris am Pontos von Eumenes dem pontischen Fürsten übergeben wurde, so war es vielleicht in demselben Interesse, im Inneren Kleinasiens den Seleukiden einen neuen Gegner zu erwecken. Auch die Rückgabe von Tios an Herakleia scheint in dieser Zeit und in derselben Absicht geschehen zu sein.

Doch es ist nicht möglich, auch nur einen Schritt weiter in das vollkommene Dunkel dieser Zeit einzudringen. Es muß genügen, wenigstens in einigen Spitzen den Zusammenhang der großen Verhältnisse erfaßt zu[177] haben, welche die letzten Jahre des Antiochos Soter bewegten184. Noch kurz vor seinem Tode hatte er einen Kampf gegen den pergamenischen Dynasten zu bestehen. Philhetairos war 263 gestorben185. Mit Versprechungen und Gefälligkeiten gegen den jedesmal nächsten Mächtigen hatte er sich behauptet. Seines Bruders Sohn Eumenes folgte ihm; schon war er Herr über die Landschaften im Kreise umher, der pergamenische Schatz gab ihm die Möglichkeit großer Werbungen: er siegte über Antiochos bei Sardes. War auch dieser Krieg noch im Zusammenhang mit dem ägyptischen, oder hatte Antiochos schon mit Ptolemaios Frieden geschlossen, als er den Tod des Pergameners zu benutzen suchte, um seine Ansprüche auf dies Gebiet, das ja ohne weiteres Recht aus der lysimachischen Eroberung ausgesondert war, durchzusetzen?

In einer späten Lobrede auf Antiochien heißt es vom König Antiochos: »Kein Krieg wurde von ihm geführt, denn alles Feindliche beugte sich in Furcht vor ihm; in vollem Glück zum Greisenalter gelangt, konnte er seinem Sohn das nicht geminderte Reich übergeben«186. Der Lobredner hat keineswegs bloß in der ersten Behauptung unrecht; nicht ohne große Kämpfe hielt der tapfere König sein weites Reich zusammen, und dennoch war es um bedeutende Landschaften minder geworden, in den politisch wichtigsten Grenzen gefährdet. War auch Damaskos wieder erobert, die phoinikische Küste und das Land des Jordan blieb in der Hand des Ägypters, und von der lysimachischen Eroberung des Vaters hatte Antiochos Makedonien völlig und vertragsmäßig abgetreten, Thrakien den Galatern so gut wie preisgegeben, Kleinasien nur teilweise gewonnen und behauptet. Wie verworren waren hier die Verhältnisse gewesen, da er die Herrschaft antrat! Die Invasion der Galater bewirkte, daß sie sich klärten und festigten, die Unabhängigkeit der Fürsten in Bithynien, Kappadokien, Pontos war fortan entschieden, und sobald Syrien sie anerkannte und jeden Anspruch auf Oberherrlichkeit aufgab, hatten sie nicht eben weiteren Anlaß, gegen diese Großmacht sich feindselig zu verhalten. Antiochos' Sieg über die Galater mußte dazu dienen, bei diesen Fürsten wie bei den freien Städten dem Verhältnis zu ihm einen neuen Wert zu verleihen. Nur die aufstrebenden Dynasten von Pergamon scheinen für jetzt der Politik[178] Ägyptens zugänglich gewesen zu sein; nur die ägyptische Politik hatte ein Interesse, den endlich begründeten Stand der Verhältnisse in der ganzen hellenistischen Welt in Frage zu stellen, und die pergamenischen Dynasten konnten eine politische Zukunft eben nur durch Anschließung an diese Bestrebungen Ägyptens gewinnen.

Überblicken wir die Lage der hellenistischen Welt, wie sie beim Tode des Königs Antiochos war, so finden wir als das Wesentlichste, daß sich das Prinzip eines Staatensystems festzustellen begonnen hat. Die letzten großen Erfolge, die Seleukos gewonnen, schienen die Möglichkeit einer Universalmacht der Ausführung nahe zu bringen; die Gewalt der Umstände zwang Antiochos, Makedonien aufzugeben, Bithyniens Selbständigkeit, Herakleias Unabhängigkeit, den ganzen Kreis kleinerer politischer Bildungen, der sich in Kleinasien feststellte, anzuerkennen. Syrien entwickelte mehr und mehr das System einer konservativen Politik, wie es für die Eigentümlichkeit dieses weiten und aus den verschiedenartigsten Bestandteilen zusammengesetzten Reiches das allein entsprechende war. Es mußte im Inneren vor allem danach streben, durch fortgesetzte Städtegründungen die fernen asiatischen Provinzen mit derjenigen Kraft zu durchdringen, in der das Reich allein seine Einheit hatte. Um die östlichen Provinzen durch fortgesetzte Hellenisierung immer fester an das Reich zu knüpfen und gegen die stets drohenden Invasionen turanischer Barbaren zu sichern, mußte es gegen die westlichen Nachbarn stark und in vollkommen sicherer Haltung zu stehen suchen. Es war in seinen wesentlichen Interessen gefährdet, wenn sich hier dauernde Verwicklungen entspannen, welche die Aufmerksamkeit und die Anstrengungen der Monarchie überwiegend nach dem Westen zogen. Überdies hatte es hier jenen reichen Kreis althellenischer Städte, die, in loser, gleichsam reichsstädtischer Weise mit dem Reich verknüpft und nicht ohne mannigfache eigene Interessen, für den Fall eines Krieges keineswegs hinreichende Beruhigung über ihre Anhänglichkeit boten; und die kleinen Nachbarmächte, Fürsten wie Republiken, hatten dann nur zu bequeme Gelegenheit, auf Kosten des Reiches ihre politische Selbständigkeit zu benutzen.

In dieser Weise gefährlich für Syrien war Ägypten; eine überlegene Seemacht, eine militärisch wie merkantilisch überaus günstige Lage, eine starke Konzentration ungemein reicher Hilfsmittel, endlich die Erinnerungen eines früher größeren Machtbereiches ließen die ausgreifende Politik dieser Macht höchst bedenklich erscheinen. Sie hatte gleich bei Antiochos' Regierungsantritt, auf halbgerechte Ansprüche gestützt, Koilesyrien und die phoinikischen Städte okkupiert: ein Verlust, in dem die Monarchie nicht bloß eine sehr empfindliche Verkürzung ihres Gebietes, ein Überschreiten natürlicher und sichernder Grenzen, sondern vor allem eine Störung ihrer[179] festen Sicherheit, eine dreiste Nichtachtung ihrer Stärke zu erblicken hatte. Und doch währte es über ein Jahrzehnt, ehe Antiochos darangehen konnte, ihre Wiedereroberung zu versuchen. Schon darin zeigte sich ein gefährliches Zugeständnis an die Überlegenheit des Feindes. Übler noch war es, daß trotz der großen und allseitigen Anstrengung, die sich gegen Ägypten erhob, Syrien wenigstens von dem Verlorenen nur wenig zurückgewann. Wenn Ägypten in jenem Komplex von Kriegen auch die weitere Unabhängigkeit der Kyrenaika anerkennen, den Fall Athens, die Wiederherstellung Makedoniens mit ansehen, ja schon gewonnene Punkte an der Küste Kleinasiens wieder aufgeben mußte, so hatte es doch gegen das große syrische Reich, auf dessen Kosten es in seiner vorwärtsstrebenden Politik sich vor allem auszudehnen hatte, eine Stellung behauptet, welche die Sicherheit des Nachbarstaates auf das empfindlichste beeinträchtigte. Ägyptens Stellung als Merkantilmonarchie, gestützt auf die unvergleichlichen Erwerbungen und Verbindungen im Roten und Aithiopischen Meer, forderte ebensosehr die entschiedene Behauptung der Überlegenheit in den östlichen Gewässern des Mittelmeers wie die Absperrung der Handelswege im Seleukidenreich, welches durch seine östlichen Grenzen die reichsten Verkehrsquellen besaß. Nicht die Rivalität von Rhodos und Byzanz war für Ägypten gefährlich, sondern der seleukidische Besitz Phoinikiens und jener Küsten des Schwarzen Meeres, die schon Seleukos mit dem Kaspischen Meer und dem Osthandel in Verbindung zu bringen gesucht hatte. Daher hatte Ptolemaios in jenem schweren Kriege vor allem Phoinikien zu behaupten gesucht, und daher gab er, wenn wir recht vermutet, im Laufe desselben Amastris an den pontischen Fürsten, unzweifelhaft auch, um ihn von den Seleukiden fernzuhalten.

Aber in eben diesen Kriegen hatte Antigonos seinem makedonischen Reich die Stellung, welche durch die gleichzeitigen Bemühungen Ägyptens und der kleineren Staaten Griechenlands auf das äußerste gefährdet worden war, für die Dauer errungen. Makedonien hatte nicht wie Syrien fern liegende Landschaften zu hellenisieren, aber ebenso bedrohte Grenzen gegen umwohnende Barbaren zu schirmen. Es war ein verhältnismäßig kleines, durch Handel nicht bedeutendes Reich, das nur durch eine stets achtsame Politik sich seine hervorragende Bedeutung zu sichern vermochte. Makedoniens Macht hing durchaus ab von der Stellung, von der politischen Überlegenheit, die es den kleinen griechischen Staaten gegenüber zu behaupten verstand; es fehlte viel daran, daß es derselben völlig sicher gewesen wäre. Aber gerade diese stete Anspannung aller Kraft, diese Mannigfaltigkeit stets gefährdeter Beziehungen, diese Beteiligung bei unzähligen kleineren und doch höchst beweglichen Verhältnissen hellenischer Politien bildete den eigentümlichen Charakter und die Kraft dieses Staates.[180]

Erst seit sich diese drei großen Mächte in ihren gegenseitigen Beziehungen festgestellt hatten, war es möglich, daß auch die kleineren Herrschaften und Republiken eine festere Haltung gewannen. In den verschiedensten Modifikationen von Abhängigkeit und Selbständigkeit verhielten sie sich zu jenen größeren. Sie folgten den nächsten Anlässen und dem bestimmenden Einfluß der Macht, von welcher sie Förderung zu erwarten hatten; noch war für sie die Zeit entscheidender politischer Wirksamkeit nicht gekommen. Auch hier war Ägypten in dem Maße im Vorteil, als es in seinem unmittelbaren politischen Bereich weniger derartige Abhängigkeiten zählte, denn Kyrene war fürs erste nicht zu fürchten, die jüdische Hierarchie hatte noch wenig politische Bedeutung und war durch unzweideutige Anhänglichkeit dem Reich ebenso fest verknüpft wie die phoinikischen Städte durch die Interessen des Handels.

Wie anders das syrische, das makedonische Reich; beide boten einer feindseligen Politik unzählige Anknüpfungspunkte. Hatte nicht Ägypten zugleich Athen, Sparta, Epeiros, die Aitoler, den Fürsten von Korinth zum Kampf gegen Makedonien als Verbündete gehabt? Und wenn auch Antigonos die einen und anderen zu strengerer Abhängigkeit sich unterwarf, so blieb doch des Feindseligen dort immer genug, um Makedonien stets in diesen nächsten Bereich seiner politischen Tätigkeit zu bannen. Schon war eine neue staatliche Gestaltung dort im Entstehen, um welche her sich ein Teil der hellenischen Staaten zu neuer politischer Bedeutsamkeit regenerieren und als Mächte zweiten und dritten Ranges ein eigentümliches und selbständiges Leben, eine positive hellenische Stellung im hellenistischen Staatensystem gewinnen sollten.

Nicht unähnlich die kleineren Staaten, welche im politischen Bereich der syrischen Monarchie lagen. Waren auch die alten Griechenstädte der Küste dem König Antiochos, seit er seines Vaters Politik gegen sie aufgegeben, wie es scheint, meist in Treue ergeben, so standen sie doch in dem Maße frei da, daß sie sich vorkommendenfalls auch gegen das Interesse des Reichs entscheiden konnten: eine Selbständigkeit, die da, wo wie im lykischen Bund eine bedeutende Zahl freier Städte in gemeinsamem Interesse handelte, um so gefährlicher werden konnte.

Auch Bithynien war, wie es scheint, seit es von Syrien förmlich anerkannt war, in gutem Vernehmen mit dem Reich; die stete Gefahr der Galater mußte zu gemeinsamen Maßregeln führen. Auch das Reich am Pontos hatte mit ihnen und mit den griechischen Städten seiner Küste noch zu schaffen. Überhaupt lagen diese Galaterhorden zunächst noch wie eine unorganische Masse in die Mitte Kleinasiens hineingewälzt da, erst allmählich nahm die Politik der Halbinsel sie in lebendigerer Weise in sich auf. Entschieden das bedeutendste war, daß in der Dynastie von Pergamon[181] ein neuer und höchst energischer Ansatz politischer Bildung hervortrat. Es war die erste kleinere Landmacht in diesem Bereich, welche mit Bewußtsein und Geschick ihre Stellung erfaßte und die Rivalität der großen Mächte in selbständiger Haltung ausbeutete.

Neben Pergamon traten besonders drei Seestaaten in derselben Weise auf: das altberühmte Rhodos, das schon in der Diadochenzeit die glänzendste Probe vorsichtig energischer Politik gegeben und in letzter Zeit, schon nahe daran, in den Kampf der großen Mächte entscheidend einzutreten, nur im wohlverstandenen Interesse seiner mehr merkantilen als politischen Energie sich nach Sicherung seiner festländischen Besitzungen von der Teilnahme an einem Kriege fern gehalten hatte, der ihm den ganzen ägyptischen Handel zerstört haben würde; sodann Byzanz, das, wenn schon durch die Galater und Thraker hart heimgesucht, durch Besitzungen auf beiden Seiten des Bosporos und durch tapfer behauptete Teilnahme am Donauhandel sich höchst blühend zu erhalten wußte; endlich das pontische Herakleia, für den Pontos in dieser Zeit was einst Lübeck für die Ostsee, bald den pontischen Fürsten gegen die Galater hilfreich, bald mithelfend, wenn die Städte an der Westküste des Pontos sich von Tyrannen zu befreien unternahmen, dann wieder den freien Handel gegen die Kallatianer vertretend, nach allen Richtungen hin selbständig und umsichtig. Diese drei Seestaaten und Pergamon waren es, von denen mehr und mehr eine selbständige Politik der kleineren Mächte jenen großen gegenüber ausgebildet wurde. Der erneute Kampf der Großmächte, welcher die nächsten Jahrzehnte erschütterte, gestattete auch den übrigen kleineren Staaten oder zwang sie, unmittelbaren Anteil an den politischen Bewegungen zu nehmen. Es war das zweite Stadium in der Bildung des hellenistischen Staatensystems, das erst durch diese Entwicklung der Mächte des zweiten Ranges sich zu einem vollständigen System des politischen Gleichgewichts zu erheben vermochte.

Und eben jetzt begann der erste Kampf zwischen Rom und Karthago, der auch im Westen die entschiedene Stellung zweier Großmächte fixieren sollte, und dessen Erfolg war, die kleineren, die Mittelmächte des Westens hinwegzutilgen in eben der Zeit, da die des Ostens sich zu politischer Bedeutung emporzuarbeiten begannen.[182]


Quelle:
Johann Gustav Droysen: Geschichte des Hellenismus. Tübingen 1952/1953, Band 3.
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