Zweites Kapitel

280-275

Tarent und die Koalition der Italiker – Roms Siege – Tarent verhandelt mit Pyrrhos – Pyrrhos' Ankunft in Italien – Erstes Kriegsjahr – Sieg bei Herakleia – Pyrrhos vor Rom – Rückzug – Unterhandlungen – Zweites Kriegsjahr – Schlacht bei Ausculum – Sizilien und die Punier – Pyrrhos in Sizilien – Belagerung von Lilybaion – Empörungen – Pyrrhos' Rückkehr – Schlacht von Beneventum – Pyrrhos' Heimkehr – Römer und Punier vor Tarent – Ganz Italien römisch

[77] Die Koalition, welche die Volksmänner Tarents gegen Rom gebildet hatten, umfaßte die streitbarsten Völker Italiens, die erbittertsten Feinde der Republik, abgefallene Bundesgenossen, die die Härte der römischen Herrschaft schon gekostet hatten, die das schmählichste Schicksal fürchten mußten, wenn sie vergebens kämpften: Anlaß genug zu höchster Anstrengung, zu gemessenster Vorsicht, zur Übereinstimmung in allen Maßregeln. In der Tat, wenn sich alle Kräfte zu einem gleichzeitigen Schlage vereinigten, dann mochte Rom auf das Äußerste gefaßt sein.

Mit der Gefangennahme des römischen Gesandten hatten die Lukaner, wie es scheint, die Feindseligkeiten eingeleitet. Die Römer eilten, die Beleidigung ihrer Gesandten zu rächen, den Thuriern Hilfe zu bringen. Da erhoben sich die südlichen Städte Etruriens, Volsinii an ihrer Spitze; die Umbrer traten zu ihnen; von den senonischen Galliern kam, obschon sie mit Rom im Bündnis waren, Kriegsvolk in großer Menge, mitzuhelfen als Söldner. Sie zogen gegen Arretium, belagerten die Stadt, die treu zu den Römern hielt. Die Römer eilten, den Prätor L. Caecilius Metellus zum Entsatz zu schicken – also die konsularischen Legionen waren schon anderer Orten beschäftigt–; auch die Bruttier, auch die Samniten werden sich mit den Lukanern zugleich erhoben haben. Ganz Italien war in Waffen. Der erste große Schlag erfolgte vor Arretium: der Prätor wurde vollkommen geschlagen, er selbst, sieben Tribunen und über 13000 Mann fanden den Tod69. An Metellus' Stelle ward als Prätor M'. Curius gesandt. Er[77] schickte eine Gesandtschaft an die Gallier, um Auslösung der Gefangenen zu bitten, vielleicht sich zugleich zu beschweren, daß die Senonen, obschon mit Rom in Bündnis, den Feinden Roms Beistand leisteten. Aber auf Britomaris' Antrieb, dessen Vater in Etrurien gefallen war, ermordeten sie die Gesandten, zerstückten ihre Leichname. Schon war der Konsul P. Cornelius Dolabella (283) auf dem Wege nach Etrurien. Auf die Kunde von diesem furchtbaren Mord ließ er von den Etruskern ab, eilte in angestrengten Märschen durch das Gebiet der Sabiner und Picentiner, warf sich auf die senonische Landschaft, deren Verteidiger zum größten Teil in Etrurien waren. Die Daheimgebliebenen wurden leicht bewältigt, nur den Weibern und Kindern schenkte er das Leben, um sie in die Knechtschaft zu führen; die Ortschaften wurden verheert und niedergebrannt, aller Anbau ausgerottet, das Land sollte für ewige Zeiten unbewohnbar gemacht werden. Zur Bewachung der Einöde ward die Kolonie Sena an der Küste gegründet.

So war das Volk der Senonen, das hundert Jahre früher Rom erobert hatte, vernichtet, aber noch standen Tausende der Wehrhaften dieses Volks, nun ohne Heimat, ohne Habe, ohne Weib und Kind, mit den Etruskern vereint. Eine neue furchtbare Streitmacht verband sich mit ihnen: die Boier, die nördlichen Nachbarn der senonischen Landschaft, sahen in dem Schicksal der Senonen sich selbst bedroht; ihr gesamter Heerbann eilte über die Apenninen, sich mit den Etruskern und Senonen zu vereinen. Diese Heere zogen geradewegs auf Rom. Schon waren sie bis zum Vadimonischen See gekommen, da rückte ihnen ein konsularisches Heer entgegen und besiegte sie vollkommen. Es war eine Vertilgungsschlacht: die meisten Etrusker wurden erschlagen, von den Boiern entkamen wenige; die Senonen, die nicht in der Schlacht gefallen waren, entleibten sich selbst70.

Was während dieses Jahres entscheidender Siege über die Etrusker und Gallier (283) gegen die Feinde im Süden geschah, wissen wir nicht. Bedeutendes wohl kaum, da man alle Anstrengungen zu machen hatte, sich der furchtbaren Gallier zu erwehren. Mit dem folgenden Jahre finden wir die Lukaner und Bruttier vereint Thurioi belagern. Auch die Etrusker[78] und Boier hatten sich nach der vadimonischen Niederlage nur mit desto größerer Anstrengung gerüstet; die Boier alle, selbst die eben erst erwachsenen, zogen aus, gegen die Römer zu kämpfen. Gegen sie wandte sich der Konsul Q. Aemilius Papus, während sein Kollege C. Fabricius Luscinus Thurioi zu entsetzen ausrückte.

Bis Populonia zog Aemilius den Feinden entgegen. Als er eben von der Höhe hinab in die Ebene vorrücken wollte, erkannte er aus den Vogelschwärmen, die aus dem Walde aufflogen, daß in demselben irgend etwas vorgehen müsse. Die Kundschafter, die ausgeschickt wurden, berichteten, daß die Boier dort im Hinterhalt lägen. So umging er ihn, die Feinde wurden eingeschlossen, bewältigt. Nach dieser Niederlage baten die Boier um Frieden. Sie jenseits des Apennin in ihrer Heimat zu bekämpfen lag für jetzt den Römern zu fern; sie waren zufrieden, den Etruskern ihre Hilfe entzogen zu haben: der Friede ward ihnen gewährt. Die Etrusker blieben im Norden allein noch unter den Waffen71.

Indes hatte auch Fabricius im Süden glücklich gekämpft. Freilich seine Legionen verzagten, heißt es, da sie die überlegene Macht der Lukaner und Bruttier, die vor ihrem verschanzten Lager in Schlachtordnung standen, angreifen sollten. Da habe ein Riesenjüngling unter ihnen gestanden, eine Sturmleiter ergriffen, sei mitten durch die Feinde zu den Verschanzungen geeilt, habe sie erstiegen, den Römern mit mächtiger Stimme zugerufen; mit wilder Kampfwut hätten sich die Römer nun auf den verzagenden Feind gestürzt, 20000 Feinde seien erschlagen, 5000 mit dem Feldherrn Statilius gefangen genommen worden; und als sich andern Tages, da die Belohnungen verteilt wurden, jener Tapfere nicht meldete, um die Mauerkrone zu empfangen, habe man erkannt, daß es Vater Mars gewesen sei, der das Heer zum Siege geführt habe, und der Feldherr gebot, ihm eine Supplikation zu feiern. Jedenfalls war Thurioi entsetzt. Noch spät gab eine Statue des Fabricius, welche die dankbaren Thurier geweiht hatten, von diesem Siege Zeugnis. Andere Siege über die Lukaner, Bruttier, Samniten folgten diesem Hauptschlag; viele Städte wurden erobert und zerstört, viele Landschaften geplündert, so reiche Beute gemacht, daß den[79] Bürgern der Schoß für das Jahr erstattet und vierhundert Talente in das Ärarium gelegt werden konnten.

Wie mächtig hatte sich jene Koalition der italischen Völker ringsher gegen Rom erhoben, – nun war sie zersprengt. Wohl standen noch die Etrusker in Waffen, aber ohne die Hilfe der Gallier; bis zum Adriatischen Meer hatten die Römer ihr Gebiet ausgedehnt, Sena gegründet, der Norden und Süden Italiens war getrennt. Fabricius' glücklicher Feldzug hatte ebenso die Völkerreihe, welche das römische Gebiet vom Tarentiner Meer trennte, durchbrochen, wie die Samniten, Lukaner und Bruttier, wenn nicht vollkommen bewältigt, so doch durch wiederholte Schlachten und Verwüstungen geschwächt, in Thurioi endlich am Tarentiner Meer eine Besatzung zurückgelassen: Thurioi mußte im Süden dasselbe werden, was Sena im Norden.

So weit hatte Tarent es kommen lassen; für die Republik selbst begannen Roms Erfolge drohend zu werden. Und schon war eine Flotte von zehn römischen Schiffen, von dem Duumvir C. Cornelius geführt, im Tarentiner Meer; sie war trotz der Verträge über das Lakinische Vorgebirge hinaus gesegelt, ja sie erschien vor Tarent und ankerte angesichts der Stadt72. Das geschah in der Zeit der Dionysien, als das Volk im Theater versammelt war, von dem aus man den Hafen übersehen konnte. War es denkbar, daß die Flotte aufs Geratewohl gekommen war, oder hatte Rom geheime Verständnisse in der Stadt? Gab es in ihr eine Partei, die, der Demokratie feind, die Stadt den Römern in die Hände spielen wollte, wie schon in so vielen griechischen Städten, jüngst noch in Thurioi geschehen war? Die römische Überlieferung sagt, der Demagoge Philocharis habe den Anlaß benutzt, das Volk zur wildesten Wut zu reizen; von Zorn und Trunkenheit getrieben, sei die Menge nach dem Hafen auf die Schiffe geeilt;

auf solchen Angriff nicht vorbereitet, suchte die Römerflotte die offene See zu erreichen; fünf Schiffe entkamen, die übrigen wurden umzingelt, vier in den Grund gebohrt, eines erobert; der Duumvir nebst vielen anderen fand den Tod im Meere, die gefangenen Schiffshauptleute und Soldaten wurden ermordet, die Ruderer zu Sklaven gemacht. Tumultuarisch genug mag dies Verfahren gewesen sein, aber war, was die römische Flotte getan, nicht die gröblichste Verletzung der Verträge, die frechste Herausforderung, die stärkste Äußerung gebieterischer Anmaßung gegen den freien Staat von Tarent? Durfte man abwarten, was diese Römer, die sich schon in Thurioi festgesetzt hatten, nun bei Tarent vorzunehmen beabsichtigten?[80] Wahrlich man hatte recht, sofort als gegen feindlichen Überfall zu verfahren, den Frieden mit Rom für gebrochen anzusehen. In diesem Sinne ging man weiter: eine Heeresmacht ward nach Thurioi gesandt, die römische Besatzung kapitulierte gegen freien Abzug. Gegen die Bürger wurde harte Strafe verhängt: es sei Verrat, daß sie, griechische Männer, zu Rom ihre Zuflucht genommen und dadurch die Römer veranlaßt hätten, in den diesseitigen Gewässern zu erscheinen73; die angesehenen Bürger wurden verjagt, die Stadt geplündert.

Rom wird diese energische Wendung nicht erwartet haben. Mit einem Schlage waren alle Vorteile des vorjährigen Feldzugs dahin, der wichtige Anhaltepunkt in Süditalien verloren, die Lukaner, Samniten und Bruttier in ihrem Rücken frei, Tarents Beitritt zum Kriege vorauszusehen; die großen Hilfsmittel dieser reichsten Griechenstadt mußten der Erbitterung jener hart heimgesuchten Völker neue Hoffnung gewähren, und im Norden widerstanden noch immer die Etrusker. Es kam alles darauf an, Tarent für jetzt noch von der Teilnahme am Krieg fernzuhalten. So erbittert man in Rom war, man erklärte nicht sofort den Krieg, man begnügte sich zu fordern, daß die Gefangenen zurückgegeben, den verwiesenen Thuriern die Rückkehr gestattet, der Schaden der Stadt ersetzt, die Urheber jenes Angriffs auf die römischen Schiffe ausgeliefert würden; mit dieser Erklärung ward eine Gesandtschaft abgeschickt, an deren Spitze L. Postumius stand.

Aber in Tarent war man weit entfernt, das Geschehene zu bereuen oder einen Krieg zu fürchten. Es währte lange, ehe die Gesandten Gelegenheit erhielten, vor dem Volk ihre Anträge zu wiederholen; begreiflich, denn die Friedensfreunde in der Stadt werden die äußersten Anstrengungen gemacht haben, jetzt noch den Demos zum Einlenken zu bestimmen: gelang es ihnen, so war die Rolle der Volksführer zu Ende und das Heft in ihren Händen. Wieder, so sagt die römische Überlieferung, waren Festtage, die Menge im Theater versammelt. Als jene ernsten römischen Männer mit ihren rotverbrämten Togen erschienen, empfing sie rohes Gelächter, das sich erneuerte, so oft Postumius, der das Wort führte, sich nicht gut griechisch ausdrückte. Man nannte sie Barbaren, man schrie ihnen zu, die Versammlung zu verlassen; und als sie in den Gang traten, der von der Orchestra hinausführte, drängte sich ein Possenreißer namens Philonides,[81] noch trunken vom gestrigen Gelage, an Postumius und besudelte sein Gewand auf das schändlichste. Da lachte das Volk und klatschte in die Hände, während Postumius mit echt römischer Feierlichkeit zu Philonides sprach: »Wir nehmen das Zeichen an, ihr gebt uns, was wir nicht gefordert haben.« Als er dann das besudelte Gewand emporhob und dem Volke zeigte, und das Gelächter und Beifallsschreien noch lauter wurde, sprach er: »Lacht, ihr Tarentiner, so lang ihr noch könnt, ihr werdet darnach lange genug weinen«, und als nun auch Drohungen gegen ihn ausgestoßen wurden, fügte er hinzu: »Damit ihr euch noch mehr erbost, sagen wir euch auch dies, daß ihr dieses Kleid mit vielem Blute rein waschen werdet.« Weniger dramatisch, aber dem Sachverhalt vielleicht entsprechender ist ein anderer Bericht von diesem Vorgange: Als die Gesandten in das Theater geführt wurden, erlitten sie außer anderem auch jene Verhöhnung; aber um nicht im geringsten von ihrer Instruktion abzuweichen, welche äußerste Mäßigung geboten haben muß, erwähnten sie mit keiner Silbe der erlittenen Schmach, sondern sprachen nur den erteilten Auftrag aus. Jedenfalls war die Stimmung in Tarent auf das entschiedenste gegen die Römer. Auf ihre Anträge gab man den Gesandten nur den Bescheid, sofort die Stadt zu verlassen; so schifften sie sich ein.

Sie kamen nach Rom kurze Zeit, nachdem L. Aemilius Barbula und Q. Marcius Philippus ihr Konsulat angetreten (April 281); sie berichteten den Schimpf, den sie erduldet, Postumius zeigte seine besudelte Toga. Nahe genug lag das Verlangen nach Rache, aber man hatte ja in so schwieriger Lage, wie man war, einem Krieg mit Tarent vorzubeugen gesucht; ihn jetzt zu beginnen, mußte auf das äußerste gefährlich erscheinen. Mehrere Tage war der Senat versammelt, um zu beraten; die einen erklärten, man müsse den Krieg gegen Tarent verschieben, bis die übrigen Völker oder wenigstens die Tarent zunächst wohnenden Samniten und Lukaner zu Paaren getrieben seien, die anderen forderten, daß Tarent sofort und mit allem Nachdruck angegriffen werde; man faßte endlich den Beschluß, daß, während der Konsul Marcius gegen Etrurien zöge, Aemilius sich statt gegen Samnium nach dem Tarentiner Gebiet wenden, die Friedensanträge der Gesandten wiederholen und, wenn sie wieder zurückgewiesen würden, den Krieg sofort nachdrücklichst beginnen sollte74.

Aemilius' Ankunft auf dem Tarentiner Gebiet mochte den hohen Übermut der üppigen Stadt ein wenig abkühlen; die Wiederholung der römischen[82] Anträge gab zu ruhigeren Beratungen Anlaß. Allerdings hätte man vor drei, vier Jahren, als sich die Koalition der italischen gallischen Völker in voller Kraft gegen Rom erhob, den Krieg beginnen sollen, den man jetzt, da die Senonen vertilgt, die Boier zum Frieden gezwungen, die nächstwohnenden Völker durch wiederholte Niederlagen geschwächt, die unmittelbare Verbindung mit den allein noch mächtig widerstehenden Etruskern unmöglich war, mit ganz anderen Opfern und mit geringerer Hoffnung führen mußte. Auch erhoben sich Stimmen dafür, den Römern ihre Forderungen zu gewähren, die in der Tat mäßig genug erscheinen konnten; es ist begreiflich, daß die Bejahrteren und Begüterten den Frieden zu erhalten wünschten. Aber vollkommen richtig war der Einwurf, daß die Auslieferung von Bürgern, damit die Römer sie bestraften, schon ein Zeugnis anerkannter Herrschaft sei; die Tarentiner mußten einsehen, daß die Annahme der römischen Forderungen ihnen nur für den Augenblick Frieden gewähren konnte, daß die Römer nur Zeit zu gewinnen suchten, die benachbarten Völker völlig zu unterwerfen, um dann Tarent ganz vereinzelt desto sicherer zu unterdrücken, daß eben jetzt noch der letzte günstige Moment sei, sich der um sich greifenden Herrschaft Roms zu widersetzen. Aber dann mußte man den Krieg auch mit aller Anstrengung führen; nicht daß man das Volk bewaffnete und zum Kampf führte, man mußte einen anerkannten Feldherrn mit seinen Heeren in Sold nehmen und ihm die Führung des Krieges für die Stadt übertragen. Man konnte keinen geeigneteren wählen, als Pyrrhos: er war unter allen Hellenen bekannt als der tapferste und glücklichste Feldherr; eben jetzt hatte er freie Hand. Aber freilich ebenso bekannt mußte es sein, daß Pyrrhos nicht bloß um den Besitz von Makedonien schon mehrfach gekämpft, sondern schon einmal Vorbereitungen getroffen hatte, sich erobernd nach dem Westen zu wenden; rief man diesen mächtigen, eroberungssüchtigen Fürsten, so war zu fürchten, daß er den Anlaß benutzen werde, sich ein italisches Reich zu gründen, mit dem die Unabhängigkeit Tarents ein Ende hatte. In den Beratungen wurden diese Bedenken von den »Verständigen« geäußert; aber die Partei, welche Krieg wollte, übertobte sie; sie verließen die Versammlung. Noch am Tage der entscheidenden Abstimmung machte einer von ihnen, Meton, einen Versuch, der, wenn der Bericht richtig ist, einen Blick in den demoralisierten Zustand des Tarentiner Volks tun läßt. Er kam wie ein Trunkener, von Zechgenossen umgeben, eine Flötenspielerin voran, selbst bekränzt und die Fackel in der Hand, wie vom nächtlichen Gelage, in das Theater, wo die Versammlung gehalten wurde; allgemeiner Jubel empfing ihn: er solle in die Mitte treten und zum Flötenspiel singen; als es dann stille geworden war, sprach er: »Ihr Männer von Tarent, wohl möget ihr den, der zu zechen und zu schwärmen liebt, nicht daran[83] hindern, solang es noch angeht; wenn ihr klug seid, tut es alle so. Denn es wird gar anders mit euch stehen, wenn ihr einen König und eine Besatzung in eure Stadt genommen habt; dann werdet ihr alle Sklaven sein.« Seine Worte machten tiefen Eindruck; es lief ein Gemurmel durch die Versammlung: Meton habe recht gesprochen; man forderte ihn auf weiterzusprechen; und wie ein Trunkener sich stellend, fuhr er fort, aufzuzählen, welche Übel ihnen der Krieg bringen werde. Schon konnte man um die Entscheidung des Volkes besorgt werden: wenn man Pyrrhos nicht rief, war der Friede mit Rom unvermeidlich, Philocharis und seine Genossen wurden dann ausgeliefert. Sie mußten eilen, der Sinnesänderung der Menge zuvorzukommen; sie schalten das Volk, daß es sich so frechen Hohn von einem Trunkenen gefallen lasse; sie ergriffen Meton und seine Gesellen und schleppten sie hinaus. Dann stimmte das Volk ab und beschloß die Berufung des Königs75. Sofort schickten die Tarentiner Gesandte nach Epeiros, außer ihren eigenen auch die der übrigen Griechenstädte; nur Rhegion hatte sich den Römern zugewandt. Bestand also der Bund der Italioten noch? Fand man in solcher Verbindung vielleicht die Rechtfertigung für jene Okkupation von Thurioi? Offenbar mußte jetzt der Gedanke nahe liegen, daß das italische Griechentum gegen die römischen Barbaren zu kämpfen gehe; schon war die Vorstellung vom troischen Ursprung Roms den Griechen geläufig, und Pyrrhos, der Nachkomme Achills, konnte vor allen berufen scheinen zu diesem neuen troischen Kriege76; wenigstens als gutes Vorzeichen und zu preislichen Reden konnte das benutzt werden. Außer den vereinten Griechen und den noch im Kampf begriffenen Bruttiern, Lukanern, Samniten traten dem Bündnis auch die Messapier, auch die Salentiner bei, die man in jener Zeit wenigstens für Halbgriechen ansah. Bei so ausgedehnter Verbindung scheint die Erklärung der Gesandten an Pyrrhos, daß man in Italien 20000 Mann Reiter und 350000 Mann Fußvolk aufbringen könne, kaum übertrieben; was man bedürfe, sagten sie, sei nur ein berühmter und geschickter Feldherr.[84]

Sehen wir nach Epeiros. Wenige Jahre war es her, daß Pyrrhos im Bündnis mit den Königen von Thrakien, Asien, Ägypten den König Demetrios bewältigt, Makedonien und Thessalien okkupiert hatte; bald entriß ihm Lysimachos diese Eroberungen. Und schon begann jenes Zerwürfnis zwischen Lysimachos und Seleukos von Syrien, das nach Ptolemaios' I. Tod (283) sich zu offenbaren Feindseligkeiten steigerte. Pyrrhos mußte der Verbündete des Seleukos sein; ob er beim Vorrücken desselben nach Kleinasien eine entsprechende Bewegung, etwa gegen Thessalien, machte, ist nicht überliefert. Im Sommer 281 zog Lysimachos zur Schlacht von Kurupedion. Vor der Schlacht bereits muß die Gesandtschaft der Italioten zu Pyrrhos gekommen sein. Eine vereinzelte Notiz läßt erkennen, daß er die ersten Anträge zurückwies; solange der Krieg in Asien noch nicht entschieden war, konnte er sich unmöglich aus Epeiros entfernen wollen.

Indes hatte der Konsul L. Aemilius die Feindseligkeiten mit Heftigkeit eröffnet, er verwüstete das offene Land. Die Tarentiner wagten es, ihm zu einer Schlacht zu begegnen; sie wurden geschlagen. Ungehindert verheerte und plünderte der Konsul das Land, mehrere feste Plätze nahm er. Zugleich, so scheint es, bedrängten andere römische Heere die Samniten und Lukaner, überall waren die römischen Waffen im Vorteil. Tarent entschloß sich, noch einen Versuch in Epeiros zu machen; eine zweite Gesandtschaft ging ab, auch namens der Samniten und Lukaner zu unterhandeln; man mochte nicht große Hoffnung auf besseren Erfolg haben. Indes setzte der Konsul seine Verwüstungen fort, schleppte allerorten Beute und Gefangene mit sich. Aber die Gefangenen behandelte er mit auffallender Milde, die angesehenen unter ihnen entließ er ohne Lösegeld. Noch immer schien es Zeit, durch Schrecken und Milde die Stadt zum Frieden zu bewegen. Seine Maßregeln hatten Wirkung: schon erwählten die Tarentiner den Agis, der als Römerfreund bekannt war, zum Strategen mit unumschränkter Gewalt. Da kam günstige Botschaft und Hilfe aus Epeiros77.[85]

Seleukos hatte bei Kurupedion gesiegt, überall erhoben sich die Seleukizonten in den Städten. Als er die asiatischen Länder an seinen Sohn Antiochos abgetreten, selbst das Diadem seines Heimatlandes Makedonien übernehmen zu wollen erklärt hatte, mochte Makedonien mit freudiger Zuversicht sich dem alten Helden zuwenden, und für Pyrrhos war keine Hoffnung mehr, Makedonien wieder zu erobern und damit zu den östlichen Verhältnissen eine Stellung zu gewinnen, die seinem Tatendurst und seinem Ruhme entsprach. Er mußte ein neues Feld für seine Waffen suchen. Was konnte ihm gelegener sein als jener Krieg in Italien? Dorthin rief das Gedächtnis des Molossers Alexandros, dort trat er auf als der Verteidiger des Griechentums gegen die Barbaren, er, der Nachkomme Achills, gegen die Abkömmlinge Ilions. Seine Waffen mußte der Beifall[86] aller Hellenen begleiten. Dort fand er jene Römer, deren Tapferkeit und Kriegsruhm es der Mühe wert machte, über sie zu siegen; und wenn er Italien bewältigt hatte, fiel ihm das gesegnete Sizilien zu und mit Sizilien jener punische Plan des Agathokles, der leichte Sieg über Karthago, die Herrschaft im weiten Libyen. So große Aussichten, solche Herrschaft im Westen mochte ihm reichliche Entschädigung dünken für den Verlust der Hoffnungen im Osten. So nahm er die Einladung der Tarentiner an; aber nicht (wie ihre erste Gesandtschaft gefordert hatte) nur als Feldherr ohne seine Truppen wollte er kommen. Die Tarentiner werden sich in ihrer Not gern dazu verstanden haben, Bedingungen zu gewähren, wie sie der König fordern mußte, um sich den Erfolg zu sichern, namentlich die, daß er seiner Truppen so viele, als ihm nötig scheinen werde, mit sich führen dürfe, daß Tarent die Schiffe zur Überfahrt sende, ihn zum Strategen mit unumschränkter Gewalt erwähle, die Stadt eine Besatzung epeirotischer Truppen aufnehme78. Die Bestimmung endlich, daß der König nicht länger, als die Notwendigkeit erforderte, in Italien zurückgehalten werde, ward hinzugefügt, um die etwaigen Besorgnisse über die Autonomie der Republik zu beseitigen. Mit dieser Botschaft sandte Pyrrhos den Thessaler Kineas79 und von den zu ihm geschickten Gesandten einige nach Tarent, während er die übrigen zurückbehielt, dem Vorgeben nach, um sich ihrer Beihilfe zu den weiteren Vorbereitungen zu bedienen, in der Tat aber, um sich durch sie wie durch Geiseln der von den Tarentinern gewährten Bedingungen zu vergewissern.

Mit Kineas' Ankunft in Tarent schwand alle Besorgnis, alle Neigung zum Frieden. Agis wurde seiner Strategie entsetzt, einer der Gesandten an seiner Stelle erwählt. Schon kam auch Milon mit 3000 Epeiroten; ihnen wurde die Burg der Stadt anvertraut, sie übernahmen die Besetzung der[87] Mauern. Die Tarentiner waren froh, des beschwerlichen Wachdienstes überhoben zu sein, und trugen gern die Verpflegung der fremden Truppen. Der Winter war herangekommen. Der römische Feldherr, der bisher im Lager gestanden hatte, beschloß, sich aus Lukanien zurückzuziehen, um in Apulien Winterquartiere zu nehmen; der Weg führte durch einen Strandpaß nicht weit westlich der Stadt. Die Feinde hatten dessen Höhen zuvor besetzt und zugleich ihre Flotte an der Küste hin ankern lassen, um den langen, beutebeschwerten Zug des römischen Heeres mit ihren Wurfmaschinen zu beschießen; Aemilius schien entweder sein Heer der furchtbarsten Zerstörung aussetzen oder die reiche Beute preisgeben zu müssen, um sich seitwärts über die Berge durchzuschlagen. Er rückte vor, aber er hatte die zahlreichen Gefangenen so verteilt, daß sie zunächst den feindlichen Geschossen ausgesetzt waren. Da wagten die feindlichen Führer nicht, ihr Geschütz spielen zu lassen, und Aemilius zog ungehindert seinen Winterquartieren zu.

Im Laufe dieses Winters, während Pyrrhos bereits mit den Vorbereitungen zum Feldzug des nächsten Jahres beschäftigt war, trat unerwartet eine schwere Verwicklung der östlichen Verhältnisse ein, die sich in ihren Wirkungen nach allen Seiten hin fühlbar machen mußte. Der alte Seleukos war, da er eben nach Europa übergesetzt war, um die Reiche des Lysimachos in Besitz zu nehmen, ermordet worden. Der Mörder war Ptolemaios Keraunos. In der Erbschaft Ägyptens hatte er seinem jüngeren Bruder weichen müssen, durch jene Schandtat hoffte er sich mit dem Diadem Thrakiens und Makedoniens zu entschädigen. Thrakien fiel ihm sogleich und gern zu; aber auf Makedonien erhob Antigonos Ansprüche, und Antiochos zog heran, den Vater zu rächen, während Ptolemaios Philadelphos mit Freuden seines Bruders neue Erwerbungen förderte, um selbst in Ägypten desto sicherer zu sein.

Die Verhältnisse waren im höchsten Grade gespannt; alles hing davon ab, wie sich Pyrrhos entscheiden werde. Allerdings war die Gelegenheit, sich Makedoniens zu bemächtigen, für ihn günstiger als je. Durch die gegen Tarent eingegangenen Verpflichtungen mochte er sich eben nicht gebunden glauben, und eine völlig vereinzelte Notiz zeigt, daß Pyrrhos daran ging, gegen Ptolemaios zu kämpfen. Aber was hatte Antigonos davon, wenn Ptolemaios von Pyrrhos besiegt wurde? Und Antiochos mußte ebenso wünschen, den kühnen, kriegsgewaltigen König von den östlichen Verhältnissen so weit als möglich entfernt zu sehen. Ptolemaios endlich durfte ihn, den gefährlichsten Gegner, zu entfernen kein Opfer scheuen. Die verschiedensten Interessen vereinten sich, Pyrrhos' Heerfahrt nach Italien zu begünstigen; der König selbst endlich mußte erkennen, daß seine Aussicht auf Erfolg im Nachbarlande nicht groß sei. Die stolze Abneigung der[88] Makedonen hatte er wenige Jahre zuvor erfahren, und was war die Erwerbung des durch so viele Kriege und innere Umwälzungen erschöpften Makedoniens gegen jene Aussichten im Westen, gegen die reichen Griechenstädte Italiens, gegen Sizilien, Sardinien, Karthago, gegen den Ruhm des Sieges über Rom? So schloß Pyrrhos mit den beteiligten Mächten Verträge unter den vorteilhaftesten Bedingungen; Antiochos zahlte Subsidien zum Kriege, Antigonos gab zur Überfahrt nach Italien Schiffe, Ptolemaios Keraunos verpflichtete sich, dem König 50 Elefanten, 4000 Reiter und 5000 Fußknechte auf zwei Jahre zu überlassen80, gab ihm seine Tochter zur Gemahlin, übernahm die Garantie des epeirotischen Reiches während Pyrrhos' Abwesenheit.

Schon vor Beginn des Frühlings 280 waren diese Verhandlungen, waren die Rüstungen beendet. Nicht die dodonäische Verheißung81, wohl aber das eigene Kraftgefühl und das auserlesene Heer gaben dem König die Gewißheit des Gelingens. Die Schiffe der Tarentiner waren zur Stelle; er eilte, nach Italien zu kommen. Seinem jungen Sohn Ptolemaios übergab er die Verwaltung des Reichs. Ohne die Zeit der Frühjahrsstürme abzuwarten, schiffte er sein Heer ein: 20000 Mann Fußvolk, 2000 Bogenschützen, 500 Schleuderer, 3000 Reiter, 20 Elefanten. Ein Nordsturm ergriff die Flotte inmitten des Jonischen Meeres, zerstreute sie. Viele Schiffe scheiterten an Klippen und Untiefen, nur das des Königs arbeitete sich mit größter Anstrengung glücklich bis in die Nähe der italischen Küste. Aber das Land zu gewinnen war unmöglich. Der Wind hatte umgesetzt, er drohte, das Schiff gänzlich abzutreiben; dazu war es Nacht; es schien das größte Übel, sich wieder hinausreißen zu lassen in die wilde See und den Orkan. So stürzte sich Pyrrhos in die Wellen, das Land schwimmend zu gewinnen. Es war die tollste Tollkühnheit; immer wieder schleuderte ihn die[89] furchtbare Gewalt der Brandung zurück, bis er endlich, da der Morgen graute und Wind und Meer ruhiger wurde, ermattet an die Küste der Messapier gespült wurde. Dort fand er frohe Aufnahme; allmählich sammelten sich einige der geretteten Schiffe, brachten gegen 2000 Mann Fußvolk, wenige Reiter, zwei Elefanten. Mit diesen eilte Pyrrhos nach Tarent. Kineas kam ihm mit den 3000 vorausgesandten Epeiroten entgegen; unter allgemeinem Jubel zog der König in Tarent ein. Nur die Ankunft der verschlagenen Schiffe sollte noch abgewartet, dann ernstlich Hand an das Werk gelegt werden.

Die Ankunft des Pyrrhos muß in Italien einen unbeschreiblichen Eindruck hervorgebracht, den Verbündeten die Zuversicht des Gelingens gegeben haben. Daß sie die sechs Jahre hindurch, seit sie sich erhoben, ohne Zusammenhang, durch die römischen Legionen, Kolonien und Besatzungen getrennt, gekämpft hatten, war der Grund ihrer geringen Erfolge gewesen. Jetzt trat der größte Feldherr der Zeit, der Erbe jener makedonischen Kriegskunst, welche die Welt erobert hatte, mit einem kleinen, aber vorzüglichen Heere, mit den Riesentieren Indiens zum Kampf auf; um seinen Namen konnte sich aller Haß gegen Rom, alle Wut der verknechteten und mißhandelten Städte und Völker Italiens sammeln. Umsonst hatte Rom versucht, Tarent zuvor zum Frieden zu zwingen, Etrurien zu beruhigen, Samnium zu unterwerfen. Wohl hatte der Konsul Philippus über die Etrusker triumphiert82, aber Vulci und Volsinii widerstanden noch, und nun, da Pyrrhos gekommen war, mit neuen Hoffnungen. Die Samniten waren noch unter den Waffen, der Apulier hielt man sich schon nicht mehr gewiß: bis in die Nähe Roms verbreitete sich die drohende Aufregung. Wie vielen Orten war das mindere Bürgerrecht, die kränkende Schutzgenossenschaft aufgedrungen! Die Erbitterung mehrte sich durch die Mittel zur Sicherung, die man wählen mußte, militärische Besetzung der verdächtigen Orte, Geldstrafen der angesehensten Einwohner, Aushebung von Geiseln. Unter den Städten, deren Geiseln nach Rom geführt wurden, war Praeneste. Im zweiten Samnitenkriege hatte es schon den Abfall versucht; ein altes Orakel verkündete, Praenestiner würden einst das Aerarium Roms inne haben. Nun wurden die Senatoren von Praeneste in das Aerarium geführt, dort später getötet. Das waren nur Sicherungen für den Fall des Sieges. Man machte alle Anstrengungen, ihn zu gewinnen. Es ist zum Erstaunen, wie Rom nach so langen und blutigen Kriegen – fünfzig Jahre hatten sie mit wenigen Unterbrechungen gewährt – neue Rüstungen in so großer Ausdehnung, wie es geschah, zu machen imstande war. Die Besatzungen in den verdächtigen Städten ungerechnet,[90] zogen zwei Legionen unter dem Konsul Ti. Coruncanius gen Etrurien, zwei andere standen unter L. Aemilius, dem Konsul des vorigen Jahres, gegen die Samniten, um deren Verbindung mit Pyrrhos zu hindern und dem Konsul P. Laevinus mit seinen zwei Legionen und den Bundesgenossen den Weg nach Lukanien offen zu halten; andere zwei Legionen blieben bei Rom als Reserve zurück.

Vor allem mußte es darauf ankommen, dem gefährlichsten Feinde, Pyrrhos, zu begegnen, ehe er sich mit den Truppen der italischen Bundesgenossen verstärkt hatte, ihm mit einem raschen und entscheidenden Angriff zuvorzukommen, den Krieg so weit als möglich von Rom entfernt zu halten. Zunächst hatte man Sorge, nach aller Förmlichkeit des römischen Rituals den Krieg an Pyrrhos zu erklären. Man trieb einen epeirotischen Überläufer auf, der ein Stück Acker kaufen mußte. Dies galt nun für epeirotisches Gebiet, in dies »Feindesland« schleuderte der Fetialis den blutigen Speer. Nun war der Krieg erklärt; nun eilte Laevinus nach Lukanien. Noch war der König nicht ins Feld gerückt; Laevinus konnte verheerend Lukanien durchziehen, die dortige Bevölkerung zu lähmen und zugleich anderen zu zeigen, was sie zu erwarten hatten. Nicht minder wichtig war, daß Rhegion, zugleich vor Pyrrhos und den Karthagern besorgt, um eine römische Besatzung gebeten hatte; der Konsul sandte 4000 Mann, die kampanische Legion unter Decius Iubellius, dorthin; damit war die Verbindung mit Sizilien in der Hand der Römer. Durch Rhegion und Lokroi, das ebenfalls mit römischen Truppen besetzt wurde, waren nun auch die Bruttier im Rücken bedroht. Der Konsul rückte auf der Straße nach Tarent vor.

In Tarent hatte indes der König Pyrrhos, sobald die in jener Sturmfahrt verschlagenen Schiffe mit den geretteten Resten seines Heeres angekommen waren, sein militärisches Regiment begonnen. Schon daß die königlichen Truppen bei den Bürgern einquartiert wurden, erregte großes Mißvergnügen, es gab Klagen genug über Grausamkeiten, die Weiber und Knaben erleiden müßten. Dann folgte Aushebung tarentinischer Bürger, um die durch den Schiffbruch entstandene Lücke zu ergänzen und zugleich in ihnen Pfänder für die Treue der übrigen zu haben83, und als die unkriegerische Jugend aus der Stadt zu flüchten begann, wurden die Tore gesperrt. Als dann auch die lustigen Syssitien verboten, die Gymnasien und Promenaden geschlossen, die ganze Bürgerschaft zu den Waffen gerufen und geübt, die Aushebungen mit aller Strenge fortgesetzt, ja mit der Schließung des Theaters die Volksversammlungen eingestellt wurden, da[91] schien alles Schreckliche, was früher vorausgesagt worden, wahr, das freie Volk der Sklave dessen zu werden, den es für sein Geld zum Kriege gedungen hatte; da bereute man bitterlichst, ihn gerufen, nicht den billigen Frieden des Aemilius angenommen zu haben. Pyrrhos aber schaffte die einflußreichsten Männer, die sich etwa an die Spitze der Unzufriedenen stellen konnten, teils beiseite, teils sandte er sie unter allerlei Vorwänden nach Epeiros; nur Aristarch, der damals den meisten Einfluß in der Stadt hatte, ward vom König auf jede Art ausgezeichnet, und als ihm dennoch das Vertrauen seiner Mitbürger blieb, schickte er auch ihn nach Epeiros; Aristarch entkam und eilte nach Rom.

So Pyrrhos in Tarent. Wie verächtlich mußten ihm diese Bürger, diese Republikaner sein, wie mußte ihr Mißtrauen, ihre feige Angst, der tückischmißtrauische Geldstolz dieser Fabrikanten und Händler ihn allerorten hemmen! Schon rückte das Römerheer raschen Zuges gegen den Siris heran, und noch war von den italischen Bundesgenossen, deren so große Aufgebote verheißen waren, keiner zur Stelle. Es schien schimpflich, ein Flecken für seinen Ruhm, wenn er länger in Tarent blieb. Den Adler hieß man ihn daheim, so kühnen Fluges stieß er sonst auf den Feind, – nun mußte der allgefürchtete Feind kommen, ihn aufzusuchen. Es war, als ob dies Tarent ihn seinem eigenen Charakter ungetreu gemacht, ihn von Anfang her in falsche Stellung gebracht habe. Er führte seine Truppen nach Herakleia, aber er suchte Verzögerung, um erst die Bundesgenossen herankommen zu lassen; er sandte an Laevinus: als Schiedsrichter wolle er die Beschwerden der Römer gegen Tarent prüfen und dem Rechte nach entscheiden. Der Konsul antwortete: er selbst müsse es erst sühnen, daß er nach Italien gekommen sei; es bedürfe weiterer Verhandlungen nicht, da der Vater Mars zwischen ihnen entscheiden werde84. Zugleich rückten die Römer an den Siris, lagerten dort. Feindliche Kundschafter, die gefangen wurden, ließ der Konsul im Lager durch die Reihen seiner Krieger führen: wer sonst von den Epeiroten Lust habe, sein Heer zu sehen, möge nur kommen, damit entließ er sie.

Pyrrhos lagerte auf der linken Seite des Flusses. Er ritt am Ufer hinauf; mit Staunen sah er jenseits das römische Lager: das sah nicht nach Barbaren aus. Solchem Feind gegenüber bedurfte es der Vorsicht! Noch immer erwartete er den Zuzug der Bundesgenossen, und in feindlichem Lande schien der Feind bald Mangel leiden zu müssen; er beschloß die Schlacht zu vermeiden. Eben darum suchte sie der Konsul zu erzwingen. Anzugreifen schien die kräftigste Ermutigung gegen das Grauen, das Pyrrhos'[92] Name, die Phalangen, die Elefanten verbreiteten. Der Fluß trennte beide Heere; während der Übergang des Fußvolks durch die Nähe eines feindlichen Korps behindert war, ließ der Konsul seine Reiterei weiter stromauf übergehen, jenem Korps in den Rücken fallen; bestürzt zog es sich zurück, öffnete dem römischen Fußvolk die Furt, das sofort hinüberzugehen begann. Schleunigst ließ der König sein Heer in Schlachtordnung rücken, die Elefanten vorauf; er stürmte an der Spitze seiner 3000 Reiter gegen die Furt – sie war diesseits schon vom Feind in Besitz genommen –, gegen die römische Reiterei, die in geschlossenen Reihen anrückte. Er selbst sprengte voran, eröffnete den bald furchtbaren Kampf, stets mitten im wildesten Handgemenge, stets mit größter Umsicht die Bewegungen seiner Scharen ordnend, – bis einer der Feinde auf schwarzem Pferde, der immer schon zu ihm vorzudringen gesucht, ihn erreichte, des Königs Pferd durchbohrte und, da der König mit zu Boden sank, selbst niedergerissen und durchbohrt wurde. Aber ein Teil der Reiter hatte bei ihres Königs Sturz kehrt gemacht. Pyrrhos eilte, seine glänzende Rüstung nach dem Rat der Freunde mit der unscheinbaren des Megakles zu tauschen, und während dieser, als sei er der König, hinsprengend da neuen Schrecken, dort neuen Mut erweckte, stellte er sich selbst an die Spitze der Phalangen. Ihre Riesenwucht stürzte sich auf den Feind, aber die Kohorten ertrugen sie; nun stürmten sie heran, aber an den geschlossenen Phalangen prallten diese zurück. Während so siebenmal abwechselnd vorgedrungen und wieder gewichen wurde, war Megakles, das Ziel immer neuer Geschosse, endlich zu Tode getroffen, seiner Königsrüstung beraubt; jubelnd ward sie in den römischen Reihen umhergetragen: Pyrrhos sei gefallen. Den lähmenden Schrecken bei den Seinen hatte der König, sein Antlitz entblößend, da und dort umhersprengend, einzelne ansprechend, kaum gelöst, als die römische Reiterei sich in Bewegung setzte, einem neuen Angriff der Legionen Nachdruck zu geben. Jetzt endlich ließ Pyrrhos die Elefanten vortreiben: vor dem Anblick, der Wut, dem Getön der nie gesehenen Ungeheuer floh Roß und Mann mit wildem Entsetzen; die thessalischen Reiter stürzten nach, die Schmach des ersten Gefechtes zu rächen; die Flucht der römischen Reiter riß auch die Legionen mit fort; ein ungeheures Gemetzel begann. Vielleicht wäre niemand entkommen, wenn nicht eines der Tiere verwundet85, sich rückwärts gewandt, mit seinem Geheul die übrigen verstört, so die weitere Verfolgung unrätlich gemacht hätte. Laevinus hatte die entschiedenste Niederlage erlitten; er mußte sein Lager preisgeben, die Reste seines zersprengten Heeres flüchteten nach Apulien.[93] Dort konnte die große römische Kolonie Venusia dem geschlagenen Heer Sicherung geben, die Vereinigung mit dem Heere des Aemilius in Samnium möglich machen. Für jetzt mußte er zufrieden sein, eine Position zu erreichen, die im Notfall verteidigt werden konnte.

Pyrrhos hatte einen Sieg gewonnen, aber mit welcher Anstrengung, mit welchen Opfern! Die besten seiner Kriegsleute, bei 3000 Mann, seine tüchtigsten Befehlshaber waren gefallen; er konnte von diesem Siege zu den Glückwünschenden sagen: »Noch einen und ich kehre allein nach Epeiros zurück«86. Wie furchtbar der Name der Römer unter den Italikern sein mochte, in dieser Schlacht hatte der König die ganze eiserne Kraft ihrer Heeresordnung und ihrer Disziplin erkannt. Als er tags darauf den Walplatz besuchte und die Reihen der Gefallenen übersah, fand er keinen Römer, der abgewandt gefallen wäre. »Mit solchen Soldaten«, rief er, »wäre die Welt mein; und sie gehörte den Römern, wenn ich ihr Feldherr wäre«. Wahrlich, es war ein anderes Volk als irgend eins im Osten, ein anderer Mut als der der griechischen Mietlinge, der hochfahrenden Makedonen. Als er den Gefangenen nach dem Brauch der makedonischen Kriegsmächte antrug, in seinen Sold zu treten, nahm es keiner an; er ehrte sie, ließ sie ohne Fesseln. Er befahl, die gefallenen Römer mit allen Ehren zu bestatten; auf 7000 wird ihre Zahl angegeben87.

So der entscheidende Sieg88, mit dem Pyrrhos seinen Feldzug eröffnete. Er hatte die großen Erwartungen, die sein Ruhm erweckt, gerechtfertigt; unter solches Feldherrn Führung zu kämpfen, erhoben sich die eingeschüchterten Feinde Roms mit Freuden. Und die Art, wie er ihnen vorwarf, nicht früher gekommen zu sein, um selbst die Beute gewinnen zu helfen, von der er ihnen einen Teil gab, gewann ihm die Herzen der Italiker. Die Städte Süditaliens öffneten ihm die Tore, die Bruttier zogen dem[94] König zu89, die Lokrer lieferten die römische Besatzung aus. Gleicher Absicht beschuldigte der Führer der kampanischen Legion die Rheginer: er wies Briefe vor, nach denen sich die Stadt erboten habe, den 5000 Mann, die Pyrrhos schicken würde, die Tore zu öffnen. Sie wurde den Soldaten zur Plünderung preisgegeben, die Männer niedergehauen, Weiber und Kinder in die Sklaverei verkauft, die Stadt wie eine eroberte in Besitz genommen; die Ruchlosen reizte das Beispiel ihrer kampanischen Landsleute, der Mamertiner in Messana. Auch der letzte feste Punkt im Süden war mit dieser Gewalttat den Römern verloren. Pyrrhos konnte ohne weiteres vorrücken, und wohin er kam, fiel ihm Land und Volk zu. Auf dem Wege der Küste nahe, so scheint es, zog er gen Norden. Seine Absicht mußte sein, sich so schnell als möglich Rom zu nähern, teils um durch sein Erscheinen neuen Abfall römischer Bundesgenossen und Untertanen zu bewirken und damit Roms Streitmittel in demselben Maße zu schwächen, wie die seinen sich mehrten, teils um in unmittelbare Verbindung mit Etrurien zu kommen, wo noch immer jene beiden Städte den Kampf hielten und sein Erscheinen wahrscheinlich einen allgemeinen Aufstand der übrigen, die vor einem Jahr erst Frieden geschlossen, zur Folge haben mußte; dann blieb ja den Römern kein Ausweg, als unter jeder Bedingung Frieden zu suchen.

Wie wenig verstand er noch diese Römer, die er bewunderte! Die Trauerkunde von Herakleia entmutigte sie nicht, sie erweckte in ihnen erst die ganze Fülle moralischer Kraft, die nie wieder ein Volk in höherem Maße besessen hat. Freilich mochten die Väter der Stadt in ernster Sorge ratschlagen, aber nicht um den Frieden; nicht die Römer, soll C. Fabricius, der Retter von Thurioi, gesagt haben, sondern Laevinus sei besiegt worden. Man entsetzte den Konsul nicht; man beschloß, ihm neue Truppen zu senden. Indem man ihm nicht das Vertrauen entzog, richtete man das allgemeine Vertrauen auf. Zwei neue Legionen waren beschlossen; nicht ausgehoben, aus Freiwilligen sollten sie geworben werden. Und als der Herold die Kriegsfähigen, die bereit wären, Leib und Leben dem Vaterland zu steuern, aufrief, drängte sich die Menge zur Aufzeichnung. Man sandte eiligst die neuen Truppen nach Capua, man rüstete die Stadt zur Verteidigung. Vor allem bemühte man sich, die Legionen in Etrurien freizumachen; unzweifelhaft bot man den Vulcentern und Volsiniern die günstigsten Bedingungen; es mußte ihnen so viel geboten werden, daß die Verbindung mit Pyrrhos und die möglichen Erfolge derselben sie nicht mehr reizten. So konnte der Konsul Coruncanius mit seinen Legionen zum Schutz der Stadt heimkehren. Man war gerüstet, den König am Tiber zu empfangen.[95]

Allerdings rückte er bereits gegen Capua heran. Laevinus war indes von der apulischen Grenze ihm vorüber nordwärts geeilt; er zog die zwei neuen Legionen an sich, er besetzte Capua. Der König griff die Stadt an der Spitze seiner Truppen und der nun mit ihm vereinten Bundesscharen an, ohne sie bewältigen zu können. Er warf sich auf Neapolis, mit nicht besserem Erfolg. Noch wußte Pyrrhos nicht von dem Frieden der Etrusker; er eilte, auch mit ihnen in unmittelbare Verbindung zu kommen. Heerend und plündernd durchzog er Kampanien; die Straße über Terracina meidend, die Laevinus von Capua aus deckte, zog er auf dem Latinischen Wege dem Lande der Herniker zu; die Felder am Liris wurden verwüstet und ausgeplündert, Fregellae erstürmt und verheert. Er war in jenen Gegenden, die vor fünfundzwanzig Jahren den furchtbaren Widerstand gegen Rom mit ebenso furchtbarer Strafe gebüßt hatten. Damals waren ihre alten Gemeinwesen zerrissen, ihre politische Existenz vernichtet worden; als Befreier aus schmachvollster Knechtschaft mußten sie den König begrüßen. Daß es so geschehen, dafür bedarf es keines Zeugnisses: er ist zu Anagnia eingezogen; die kleineren Städte, die zwischen da und Fregellae in kyklopischen Mauern liegen, durch Besatzungen und Geiseln ihm zu entziehen, wird den Römern nicht gelungen sein90. Er rückte weiter, nach Praeneste. Wenige Monate war es, daß die Senatoren der Stadt nach Rom geführt, im Aerarium umgebracht waren. Die Burg der Stadt galt für uneinnehmbar, – dem Könige öffnete sie sich91. Schon rückten seine Truppen über die Stadt hinaus, die Ebene lag vor ihnen, nicht vier Meilen entfernt die Hügel Roms. Hier war den griechischen Waffen ihr Ziel gesetzt.

Pyrrhos hatte Kunde erhalten, daß die Etrusker Frieden geschlossen, daß der Konsul Coruncanius mit seinen Legionen in Rom stehe. Sollte er eine Schlacht an den Toren Roms suchen? Selbst wenn sie gewonnen wurde, boten die Mauern der Stadt dem Feinde Schutz. Dann rückte Laevinus mit allen Verstärkungen, die er in den alten treuen Ortschaften der[96] Appischen Straße an sich ziehen konnte, zum Entsatz heran; dem Doppelangriff, dem Verzweiflungskampf solcher Feinde, wie er am Siris kennen gelernt, mochte Pyrrhos nicht glauben gewachsen zu sein; und wenn er nicht alles gewann, war er verloren. Aber vielleicht hatte er, sich Rom nahend, Unterhandlungen angeboten; unzweifelhaft verwarf sie der Senat. Sollte nun Pyrrhos sich in jenen Berggegenden festsetzen und durch Belagerung minder bedeutender Orte noch mehr Boden gewinnen? Es hätte wenig geholfen, wohl aber jedes längere Weilen hier ihn in steigendem Maße gefährdet. Die Landschaft war verödet, auf die Dauer konnte sie das Heer, das eine Menge von Gefangenen mit sich schleppte, nicht ernähren. Die Epeiroten waren der fruchtlosen Strapazen müde und unwillig, auch der Verbündeten Habe pflegten sie nicht zu schonen; bei längerem Aufenthalt waren Zerwürfnisse, ja Abfall vorauszusehen, bei einreißendem Mangel die Zucht unter dem buntgemischten Heere dahin. Dann stand der König zwischen den Legionen in Rom und in Kampanien, ja die in Samnium konnten im Notfall herangezogen, Pyrrhos in der Mitte Italiens vom Süden wie vom Meere abgeschnitten werden.

Pyrrhos mußte sich zum Rückzug entschließen. Dann freilich waren die Praenestiner, die von Anagnia, die Herniker, alle Freunde der Rache Roms preisgegeben, aber ihre Verzweiflung konnte den König nicht umstimmen92. Des Weges, den er gekommen war, führte er – schon waren die Elefanten vorausgesandt – sein mit Beute beladenes Heer nach Kampanien zurück. Daß ihm Coruncanius mit seinen Legionen auf der kürzeren Appischen Straße folgte, ihn von dort aus in seinem Zuge beunruhigte, ist auch ohne Überlieferung natürlich. Und als der König in die kampanische Ebene einrückte, sah er ihn und seine Legionen bereits mit Laevinus vereint. »Kämpfen wir mit der Hydra?« rief er93. Er stellte sein Heer in Schlachtordnung, ließ, so ist die Erzählung, das Schlachtgeschrei erheben und mit den Speeren die Schilde schlagen. Das Blasen der Trompeten und das Geheul der Elefanten tönte mit hinein in die Herausforderung[97] zum Kampf, aber von den Römern her antwortete ein noch lauteres, noch kühneres Schlachtgeschrei, und der König hielt es für geraten, mit seinen für ihre Beute besorgten Leuten die Schlacht zu meiden; die Opfer seien nicht günstig, hieß es. Schwerer zu begreifen ist es, wie Laevinus ihn ruhig vorüberziehen ließ, wenn nicht die furchtbare Erinnerung des Kampfes von Herakleia und die gerechte Besorgnis vor den seitdem erst mit Pyrrhos vereinten Italikern ihn zur gemessensten Vorsicht bewog; ungehindert zog Pyrrhos weiter und nahm seine Winterquartiere in Kampanien94. Während dort des Königs Kriegsleute nach heimischer Sitte den reichen Beuteertrag des Feldzugs verjubeln mochten, ward den am Siris geschlagenen Legionen – die zwei neugeworbenen blieben wohl in Capua – vom Senat der Strafbefehl, vor Ferentinum95 Standquartier zu nehmen und unter den Zelten zu überwintern, auch keiner Hilfe zu gewärtigen, bis die Stadt bezwungen und genommen sei.

Die Zeit der Winterrast war mit Unterhandlungen erfüllt, welche, so weltbekannt sie sind, in ihren Einzelheiten ebenso wie in ihrem gegenseitigen Verhältnis und der Zeitfolge unsicher bleiben. Es sind die Gesandtschaften des C. Fabricius und des Kineas. In der Anmerkung mögen die hauptsächlichsten Schwierigkeiten erörtert werden; der wahrscheinliche Kern der reich ausgeschmückten Überlieferungen scheint sich auf das Folgende zu beschränken96. /[98] Pyrrhos hatte im Laufe des Feldzugs römische Kriegsgefangene in großer Zahl gewonnen, teils die der Schlacht von Herakleia, teils die Besatzung von Orten, die wie Fregellae erstürmt, wie Lokroi von den Einwohnern freiwillig übergeben waren. Der Senat entschloß sich, über ihre Auswechslung oder Auslösung mit Pyrrhos zu unterhandeln; man wählte C. Fabricius, den Retter von Thurioi, P. Cornelius Dolabella, der die Senonen überwältigt, Q. Aemilius Papus, der die Boier zur Ruhe gezwungen hatte, alle drei konsularische Männer, würdig, die ernste Würde des römischen Namens vor dem Griechenkönig zu vertreten. Der König empfing sie in Tarent mit aller Auszeichnung; er mußte in dieser Sendung eine Annäherung römischerseits erkennen, er hoffte Anträge wegen des Friedens zu empfangen. Aber die Aufträge der Gesandten lauteten eben nur auf Vorschläge wegen der Gefangenen. Dann beriet sich Pyrrhos mit seinen Vertrauten. Offenbar lag es in seinem Wesen, einem Volk gegenüber, das er bewunderte, sich in königlicher Großmut zu zeigen; zugleich mußte ihn dies erste Kriegsjahr überzeugt haben, daß Rom nicht wie etwa griechische Republiken über den Haufen zu rennen, mit einem Handstreich zu vernichten sei, daß er weniger durch Fortsetzung des Krieges als durch möglichst baldigen Frieden gewinnen werde. Milon war anderer Ansicht; weder die Gefangenen wollte er zurückgegeben, noch um Frieden unterhandelt wissen: die Römer seien so gut wie besiegt, man müsse den glücklich begonnenen Kampf zu Ende führen. Er konnte geltend machen, daß die italischen Truppen, voll Haß und Wut gegen die Römer und in langen Kämpfen geübt, mit den Truppen, die bei Herakleia allein gesiegt hätten, und unter der Führung hellenischer Kriegskunst die Römer vernichten müßten. Anders Kineas, der Thessaler, der schon in Epeiros dem Zug nach Italien widerraten hatte, der, wie es scheint, mit dem klugen Blick tiefer Menschenkenntnis die geläuterte Humanität hellenischer Bildung verband: er riet, in der vollständigen Zurückgabe der Gefangenen die Großmut des Sieges zu zeigen und zugleich ein Mittel zu gewinnen, um auf die Stimmung des römischen Volkes einzuwirken; Frieden zu schließen müsse die nächste Absicht sein. In Beziehung auf die Entschließung des Königs weichen die Angaben sehr voneinander ab; die ganze Legation ist Gegenstand mannigfaltigster Ausschmückungen und Traditionen gewesen, als deren Mittelpunkt stets die bewunderungswürdige Seelengröße des Fabricius erscheint97. Bald um sie zu ehren, bald auf Kineas'[99] verständigen Rat, bald dem Drange des eigenen, von Bewunderung ergriffenen Herzens folgend, soll Pyrrhos die Gefangenen alle freigegeben oder wenigstens die Saturnalien zu feiern nach Rom entlassen haben.

Jedenfalls, daß er es tat und in der Absicht tat, damit die Friedensunterhandlungen einzuleiten, kann als feststehend gelten. Hier tritt uns eine Notiz entgegen, die, so vereinzelt sie ist, einen weiteren Blick in die Verhältnisse gewährt. Der karthagische Feldherr Mago, heißt es, erschien mit einer Flotte von 120 Segeln bei Ostia, erklärte dem Senat, daß Karthago es beklage, von einem fremden König Krieg gegen Rom erhoben zu sehen, daß er darum gesandt sei, gegen auswärtige Feinde auswärtige Hilfe anzubieten. Der Senat sandte mit bestem Dank die Hilfe zurück, worauf sich Mago zu Pyrrhos wandte, um beobachtend sich über dessen etwaige Pläne auf Sizilien zu unterrichten. Aber da, heißt es weiter, seien die römischen Gesandten gekommen und ein Friede mit Fabricius verabredet, zu dessen Abschluß Kineas nach Rom gesandt worden98. Man müßte sich wundern, wenn die punische Politik bei Pyrrhos' Erscheinen in Italien ruhig geblieben wäre; kam Pyrrhos mit einem Heere nach Sizilien, so erneuerten sich die Gefahren der agathokleischen Zeit mit doppelter Stärke. Daher gleich bei Pyrrhos' Erscheinen die Furcht der nun von der römischen Legion verknechteten Rheginer, Karthago werde sich ihrer Stadt bemächtigen, die den Übergang nach der Insel beherrscht; daher nun die glänzende Hilfe, die den Römern angeboten wurde: es kam ja alles darauf an, den König in Italien zurückzuhalten. Aber ebenso natürlich war es, daß Rom sich gegen eine punische Einmischung höchst vorsichtig verhielt. Noch bestanden Verträge, nach denen es den Puniern gestattet war, aus den Städten Italiens, so viele deren Rom nicht untertänig waren, wenn sie sie einnahmen, die Einwohner und die Habe mit sich zu schleppen; erschienen sie jetzt als Helfer Roms, so war vorauszusehen, daß sie sich auf der italischen Küste festzusetzen suchen würden. Vor allem mußte Rom bei seiner herrischen Stellung in Italien vermeiden, in ein Verhältnis zu treten, in dem es nur Unterstützung erhielt. In diesem Sinne antwortete der Senat: das Volk pflege nur Kriege zu unternehmen, die es mit eigener Macht durchführen könne. Daß nach dieser Zurückweisung der punische Feldherr Gelegenheit suchte, sich durch unmittelbare Verbindung mit Pyrrhos über dessen Pläne zu unterrichten, war natürlich.[100] Eben jetzt waren die Syrakusaner von den Puniern besiegt worden; in Pyrrhos mußten die Sikelioten ihre einzige Rettung sehen. Mit Recht eilte der König, einen Friedensschluß zu gewinnen.

Kineas ward nach Rom gesandt. Er, von dem Pyrrhos wohl sagte, er habe mehr Städte mit seinen Worten, als er selbst mit dem Schwerte erobert, sollte nun in Rom die oft bewährte Kunst der Überredung erproben; reiche Geschenke nahm er mit sich, besonders Schmucksachen für Frauen. Schon durch die Rücksendung der Gefangenen mußte die Stimmung einigermaßen gewonnen sein. Der Krieg lastete schwer auf Rom. Wieviel Gemeindeland und angewiesenes Land war in des Feindes Hand gefallen, wie vieles furchtbar verwüstet! Die Steuern mußten höchst drückend sein. Dazu kam, daß bis in die nächste Nähe der Stadt in langen Kämpfen bewältigte Landschaften abgefallen waren, und noch hatte man sich nicht mit der vereinten Macht der Griechen und Italiker gemessen. Die Fortsetzung des Krieges mußte noch furchtbarer werden, als er das erste Jahr schon gewesen war. So mochte Kineas die Stimmung in Rom finden. Am Tage nach seiner Ankunft, heißt es, begrüßte er alle Senatoren und Ritter mit ihren Namen; in ihren Wohnungen besuchte er sie, gewann viele mit seinen Reden, manchen vielleicht mit seinen Geschenken. Endlich ward er in den Senat geführt; die feierliche Rede, die er hielt, wird vor allem die Bewunderung seines Königs für Rom und dessen Verlangen, mit dem würdigen Volk in freundschaftliche Verhältnisse zu treten, ausgesprochen haben. Über die Bedingungen, die vorgeschlagen wurden, gewähren die Überlieferungen keine hinreichende Bestimmtheit99. Mehrere Tage der Beratung folgten dem Antrag. Unleugbar neigte sich die Stimmung zur Bewilligung, da endlich kam Appius Claudius, die Entscheidung[101] zu bringen. Mit wie trotziger Strenge hatte der alte Patrizier ehedem seines Standes und des Staates Größe vertreten! Nun war er ein Greis, blind, gelähmt, seit Jahren vom öffentlichen Leben entfernt, aber die Kunde von Kineas' Antrag, vom Schwanken der Väter trieb ihn noch einmal, seine mächtige Stimme zu erheben. Auf einer Sänfte trugen ihn seine Diener über das Forum, am Eingang der Kurie empfingen ihn seine Söhne und Eidame, von ihnen geleitet und aufgerichtet, ein römischer Chatham, trat er in die ehrerbietig schweigende Versammlung. Mit mächtigen strafenden Worten100 riß er die Schwankenden zu der Höhe ihrer Aufgabe, zu dem Stolz ihrer Pflicht empor. Der Senat beschloß: Pyrrhos möge, wenn er Freund und Bundesgenosse der Römer zu werden verlange, erst Italien verlassen und dann Gesandte schicken; solange er auf italischem Boden stehe, werde man nicht aufhören, wider ihn zu kämpfen bis auf den letzten Mann. Kineas mußte sofort die Stadt verlassen, und er verließ sie mit Bewunderung: wie ein Tempel sei sie, der Senat eine Versammlung von Königen. Die zurückgeschenkten Gefangenen, befahl der Senat, sollten ehrlos sein, als solche, die sich mit den Waffen in der Hand ergeben hätten; es sollten die Reiter zu Legionaren, die Legionare zu Schleuderern degradiert sein, außer dem Lager ohne Zelte Beiwacht halten, und erst wenn sie zweier Feinde Spolien gewonnen, von der Strafe frei sein. Neue Legionen wurden ausgehoben, und jeder übernahm mit Freuden den Dienst für das Vaterland; das neue Konsulat brachte neben P. Sulpicius Saverrio jenen P. Decius Mus, dessen Vater bei Sentinum, dessen Großvater am Vesuv den Weihetod gefunden.

Auch Pyrrhos rüstete, da seine Anträge verworfen waren, zu einem neuen Feldzug. Ob ihm neue Werbungen aus der Heimat nachgekommen? Mit dem Ende des vorigen Jahres hatten die Galater ihre erste Invasion nach Makedonien gemacht, den König Ptolemaios erschlagen. Sie heerten Monate lang in dem herrenlosen Gebiet. Unfähig, das Land zu retten, war des Keraunos Bruder, dann ein Neffe des Kassandros abgesetzt, bis endlich der energische Sosthenes den Befehl übernahm und die Barbaren zurücktrieb. Aber mit dem neuen Frühling sah man neuen furchtbareren Angriffen entgegen. Auch in Epeiros wird man ihre Invasion zu fürchten gehabt und das Land womöglich nicht von Verteidigern entblößt haben, um so weniger, wenn die Andeutung, daß unter den Molossern selbst Unruhen ausgebrochen seien, zuverlässig ist. Desto größer werden[102] die Werbungen unter den tapferen Italikern gewesen sein. Pyrrhos selbst verwandelte seine bisherige Taktik demgemäß: er gab seiner Schlachtlinie zu der Phalanx im Zentrum Kohortenformation auf den Flügeln; die Massenwirkung jener mit der Beweglichkeit dieser vereinigend, schien diese Kriegsweise die größten Erfolge erzielen zu müssen.

Pyrrhos' Absicht mußte sein, die Römer zu dem Frieden zu zwingen, den sie weigerten; der Fehler in seinen Operationen vom vorigen Jahre war, daß er von einer nicht hinlänglich breiten und zu unsicheren Basis aus gegen Rom vorgegangen war, daß ihn die Legionen von Capua in der Flanke, die von Samnium im Rücken bedrohten. Er mußte darauf aus sein, eine Linie zu gewinnen, die sich von Kampanien aus zum Adriatischen Meere erstreckte, die die Verbindung Roms mit der wichtigsten südlichen Position Venusia zerschnitt und von der aus er dann durch das überall ihm zufallende Samnitenland im Rücken frei vorrücken könnte. In diesem Sinne ließ er die Truppen mit dem Herannahen des Frühlings aus den Winterquartieren aufbrechen gen Apulien; auf den Abfall der Daunier wie der Peucetier konnte er rechnen. Schon war er bis Ausculum vorgedrungen, das, am Rande der Gebirge gelegen, die apulische Ebene beherrscht, da traten ihm die beiden Konsuln mit ihren Legionen in den Weg. Mehrere Tage standen beide Heere gegeneinander, ohne eine Schlacht zu versuchen. In Pyrrhos' Lager verbreitete sich das Gerücht, Decius, der Konsul, werde, wie sein Vater und Großvater getan, sich den Göttern der Unterwelt weihen, dann sei der Untergang seiner Feinde unvermeidlich; die Schlachten am Vesuv und bei Sentinum waren den Italikern noch in grausem Andenken. Pyrrhos ließ das Heer über das Gaukelspiel aufklären und bekannt machen, in welcher Kleidung der Geweihte erscheine, um den Tod zu suchen, und befehlen, daß man ihn nicht töten, sondern lebendig fangen solle; zugleich entbot er dem Konsul, er werde den Tod umsonst suchen und, wenn er gefangen werde, die Strafe eines »Gauklers, der mit bösen Künsten umgehe«, erleiden. Die Konsuln erwiderten, daß sie solcher Mittel nicht bedürften, um mit Pyrrhos fertig zu werden. Endlich erfolgte von seiten des Königs der Angriff, obschon der Fluß mit seinen Ufersümpfen den Gebrauch der Reiterei und der Elefanten schwierig machte; bis zum Abend setzte er den Kampf mit bedeutendem Verlust fort. Am andern Tage gewann er durch geschickte Bewegungen eine Stellung, die die Römer zwang, ins offene Feld zu rücken. Es begann ein furchtbares Kämpfen; die Römer versuchten, die Phalanx zu brechen, mit dem Schwert stürzten sie sich in die vorstarrenden Sarissen, immer wieder den vergeblichen Kampf erneuend, bis endlich da, wo Pyrrhos selbst wider sie vordrang, ihre Flucht begann, während zugleich die auf sie stürzenden Elefanten den Sieg vollendeten. Die Römer hatten nicht weit zu ihrem Lager,[103] so daß ihrer nur 6000 fielen, während Pyrrhos 3505 als Tote auf seiner Seite in den königlichen Denkschriften verzeichnen ließ. So auszugsweise Plutarchs Bericht, der aus Hieronymos von Kardia geschöpft ist.

Von hier an wird die weitere Geschichte des italischen Feldzugs bis zu Pyrrhos' Aufbruch nach Sizilien im Juni 278 vollkommen unklar. Unmöglich kann die Angabe, Pyrrhos sei sofort nach Tarent zurückgegangen, eine strategische Bewegung bezeichnen sollen. Mochte er nach der Schlacht von Ausculum auch seinen Plan zu einem zweiten Marsch gegen Rom aufgeben, so konnte er doch seine vorgeschobenen Positionen unmöglich so ohne weiteres preisgeben; sie mußten ihm für den dauernden Besitz Süditaliens zunächst bis zu einem günstigen Friedensschluß überaus wichtig sein. Allerdings machten in demselben Herbst 279 jene Gallier eine Raubfahrt nach Griechenland hinein bis in die delphische Landschaft, und von den zurückströmenden Massen durchheerte ein Teil das molossische Gebiet; aber hätte sich Pyrrhos von den heimatlichen Verhältnissen bestimmen lassen, so wäre er nicht nach Tarent, sondern nach Epeiros zurückgegangen; er ließ vielmehr Geld und Truppen von dorther nachkommen, um den Feldzug des nächsten Jahres nachdrücklichst führen zu können.

Aber welchen Kriegsplan konnte Pyrrhos für das nächste Jahr haben? Die Römer hatten die Position vor Ausculum behauptet, ihre Winterquartiere in Apulien genommen. Als Konsuln des nächsten Jahres waren Q. Aemilius Papus, der den schweren Krieg in Samnium zwei Jahre hindurch glücklich geführt, und C. Fabricius Luscinus, den Pyrrhos zu bewundern gelernt hatte, erwählt worden; als diese im Lager erschienen waren, heißt es, gedachte Pyrrhos nicht weiter zu kämpfen. Und daran schließt sich denn die allbekannte Erzählung von dem Plan gegen das Leben des Königs: die Lager hätten einander nahe gestanden; da sei denn einer aus des Königs Umgebung (bald heißt er Nikias, bald Timochares von Ambrakia, Arzt, Tafelmeister, Freund des Königs), zu den Konsuln gekommen und habe sich erboten, gegen eine namhafte Summe den König zu vergiften, sei aber von den Konsuln oder auch auf Befehl des Senates dem Könige ausgeliefert worden; einzelne weitere Abweichungen können um so mehr übergangen werden, da von der ganzen Anekdote höchstens das Faktum, daß römischerseits der angebotene Mord zurückgewiesen wurde, feststeht. Ebenso sicher ist es, daß infolgedessen von Pyrrhos aufs neue Unterhandlungen in Rom angeknüpft wurden; Pyrrhos sandte alle Kriegsgefangenen beschenkt heim. Kineas ging mit, um zu unterhandeln, wieder, so heißt es, Geschenke mancher Art mit sich bringend, die von niemandem angenommen wurden: erst müsse Pyrrhos aus Italien sein, eher könne über Frieden nicht unterhandelt werden. Mit dieser Antwort und mit einer gleichen Zahl tarentinischer und anderer Gefangenen sei Kineas[104] zurückgekehrt. Da aber die Römer ihre Angriffe gegen die mit Pyrrhos verbündeten Städte fortsetzten, sei ihm eine Einladung der Sikelioten eben erwünscht gekommen, und er habe Italien zwei Jahre und vier Monate nach seiner Ankunft verlassen.

Unmöglich ist es, aus diesem wüsten Knäuel von Überlieferungen den Faden des Zusammenhangs herauszufinden. Auf ganz andere Spuren leitet ein aus jener Zeit erhaltenes Aktenstück. Karthago schloß mit Rom einen neuen Vertrag, in den außer dem früheren Übereinkommen folgendes aufgenommen war: »Wenn der eine von beiden Staaten mit Pyrrhos ein Freundschaftsbündnis schließt, soll dies nur geschehen mit Zuziehung des andern, damit man befugt sei, einander im Fall des Krieges Hilfe zu senden; wenn einer der beiden Staaten Hilfe nötig hat, soll Karthago zum Transport und zum Angriff101 die Schiffe stellen, für den Unterhalt aber der Hilfe sendende Staat sorgen; Karthago soll den Römern auch zur See Hilfe leisten, wenn es Not tut, die Bemannung aber nicht gehalten sein, ohne ihren Willen an das Land zu gehen«. Jetzt zuerst wurde gegen die Bestimmung der früheren Verträge, daß die Römer sich von Sizilien, die Karthager sich von Italien fernhalten sollten, zugestanden, daß man sich gegenseitig da, wo der Krieg geführt werde, zu Hilfe kommen wolle. Dieser Vertrag wurde abgeschlossen zwischen der Schlacht von Ausculum und dem Mordversuch gegen Pyrrhos. Als Pyrrhos Rom von Kampanien aus zu bedrohen schien, waren die Anerbietungen der Karthager zurückgewiesen worden; was bestimmte jetzt die Entschließung des Senates?

Sehen wir nach Sizilien hinüber. Dem Tode des Agathokles war dort die furchtbarste Auflösung aller Verhältnisse gefolgt, und sogleich waren die Punier, denen die letzten großen Rüstungen des greisen Tyrannen gegolten hatten, zur Stelle, die Verwirrung zu benutzen; seinem Mörder Mainon, der sich an die Spitze des Söldnerheeres gestellt hatte und gegen Syrakus auszog, leisteten sie Beistand. Syrakus mußte um Frieden bitten, vierhundert Geiseln stellen, die Verbannten wieder aufnehmen. In Agrigent, in Tauromenion, in der Leontinerstadt erhoben sich Tyrannen, in Messana gründeten die kampanischen Söldner den Räuberstaat der Mamertiner, in Syrakus selbst gewann Hiketas die Herrschaft102. Sein Sieg über Phintias von Agrigent gab ihm Mut, auch gegen die Karthager sich zu versuchen, aber er wurde geschlagen; es gelang ihm nicht, sich des dominierenden Einflusses der Punier zu erwehren. Die Hellenen der Insel, vereinzelt und durch den unsinnigen Hader einzelner Machthaber, den die[105] Punier nährten, erschöpft, vermochten nicht mehr aus eigener Kraft sich zu retten; Pyrrhos war ihre letzte Hoffnung. Schon Hiketas hatte ihn um Hilfe angefleht; dann ward er durch Thoinon der Herrschaft beraubt, und wider diesen erhob sich Sosistratos, der Agrigent und dreißig andere Städte an sich gerissen hatte, dann aber, wie es scheint, von Phintias mit karthagischer Hilfe wieder aus Agrigent vertrieben war. Thoinon und Sosistratos lagen in Syrakus selbst mit ihren Kriegsscharen widereinander in stetem Kampf, und nun erschienen die Karthager mit 100 Schiffen vor dem Hafen, zogen mit 50000 Mann gegen die Mauern der schon erschöpften Stadt, schlossen sie eng ein, verwüsteten die Landschaft weit und breit; schon hatten sie Herakleia inne, in Agrigent lag eine punische Besatzung. Es war der äußerste Moment, wo noch Hilfe helfen konnte; fiel Syrakus in die Gewalt der Punier, so konnten sich die kleineren Städte der Insel nicht halten, so war ganz Sizilien die Beute der Barbaren. Da sandten denn Tag für Tag die Sikelioten an Pyrrhos, und er folgte im Sommer 278 ihrem Ruf.

Nichts hatten die Karthager mehr zu fürchten als die Ankunft des mächtigen Kriegsfürsten; selbst mit den Mamertinern schlossen sie ein Bündnis, seinen Übergang nach Sizilien zu hindern. Hatten sie den Römern ungerufen so mächtigen Beistand gesandt, so geschah es, um Pyrrhos in Italien zu fesseln. Kam er nach Sizilien, so war man selbst in Afrika bedroht, Agathokles' kühner Zug vom Jahr 310 hatte die Wege gezeigt; es war begreiflich, daß Karthago für alle Fälle jenes Bündnis mit Rom schloß. Rom selbst aber, so wenig es die Mehrung der punischen Macht in Sizilien gern sehen mochte, konnte doch keinen Augenblick zweifelhaft sein, daß Pyrrhos, in Sizilien Herr, der gefährlichste Feind sei. Dann hatte er eine feste Position zu immer neuem Kampf gegen Italien und die unerschöpflichen Hilfsmittel der Insel, dann konnte er den italischen Verbündeten einen ganz anderen Rückhalt gewähren, konnte mit der Seemacht Siziliens das Tyrrhenische Meer beherrschen, Etrurien von neuem aufwiegeln und, den ganzen Kreis empörter oder unterdrückter Völker zum Landangriff gegen Rom aufrufend, sich von der Seeseite her auf die römische Küste werfen. In der Tat, der Senat konnte nicht anders als jenes Bündnis schließen, um zunächst Pyrrhos' Übergang nach Sizilien zu hindern oder, wenn dies nicht gelang, sich der Beihilfe einer Seemacht zu versichern, welche allein jene drohenden Kombinationen unmöglich zu machen vermochte. Daß Rom nicht etwa, wie es freilich auch angegeben wird, einen Vertrag mit Pyrrhos geschlossen hat, etwa um ihn desto eher aus Italien zu fördern, versteht sich von selbst; vielmehr befand sich eine Schar von 500 Römern auf den karthagischen Schiffen, welche von Syrakus nach Rhegion hinüberfuhren, um die von der empörten kampanischen Legion[106] beherrschte Stadt zu erstürmen. Aber das Unternehmen mißlang, man mußte sich begnügen, das dort zum Bau von Schiffen aufgehäufte Holz zu verbrennen.

Aus diesen Zusammenhängen scheint auch einiges Licht auf die italischen Verhältnisse zu fallen. Von Anfang her war es Pyrrhos' Plan gewesen, die Herrschaft über Süditalien und Sizilien zu erwerben. Durch den raschen Zug gegen Rom hatte er nichts als Frieden mit Rom zu ertrotzen gesucht, der Feldzug von Ausculum hatte den zweiten Versuch scheitern gemacht: Pyrrhos konnte sich überzeugen, daß auf diesem Wege Rom nicht zu zwingen sei. Schon 279 hatte Hiketas um Hilfe gefleht – Kineas' Sendung an die Sikelioten mag dieser Einladung gefolgt sein –, eben da schlossen Rom und Karthago ihr Bündnis. Nun begannen die Punier Syrakus von der Land- und Seeseite her zu belagern. Pyrrhos durfte nicht länger säumen: fiel Syrakus, so war die Aussicht auf Sizilien, die Möglichkeit, den Süden Italiens gegen Rom zu behaupten, dahin. Wie richtig Pyrrhos die Bedeutung Siziliens erkannte, erhellt noch aus einem anderen Faktum: unter dem wiederholten Ansturz der Gallier war eben jetzt, nachdem schon Ptolemaios Keraunos den Tod gefunden, Meleagros, Antipatros in rascher Folge die makedonische Herrschaft verloren hatten, auch der edle Sosthenes erlegen (Ende 279); jener Raubzug nach Delphoi war mißglückt, die Gallier strömten rückwärts, Makedonien war so gut wie herrenlos; Pyrrhos hätte nur zu erscheinen brauchen, und der lang erstrebte Besitz Makedoniens und Thessaliens war sein, – aber da hätte er das schon Errungene in Italien für immer aufgeben müssen, und er entschied sich zum Heereszug nach Sizilien.

Auf Sizilien konnte Pyrrhos eine Art von Anrecht geltend machen: es war ja das nun zerfallene und gefährdete Reich des Agathokles, von dessen männlicher Nachkommenschaft niemand mehr übrig war, während dessen Tochter dem Pyrrhos jenen Alexandros geboren hatte, der sich mit ihm in Italien befand. Und so hatten die Sikelioten ihm auch die Herrschaft über die ganze Insel angeboten. Bei der unzweifelhaften Gesinnung der Sikelioten konnte ihm der Erfolg nicht zweifelhaft sein, sobald er nur den Übergang gewann.

Aber wie fand er Gelegenheit zum Abzug? Noch in diesem Frühjahr 278 stand ja sein Lager dem der beiden Konsuln gegenüber. Wahrscheinlich gab jener Mordversuch den Anlaß, neue Unterhandlungen anzuknüpfen; man wird die Feindseligkeiten eingestellt, Pyrrhos seine disponiblen Truppen zurückgezogen, alles zur Einschiffung vorbereitet haben103, während Kineas wegen des Friedens unterhandelte und wenigstens die Auswechslung[107] der Gefangenen erhielt. Freilich waren da die Samniten, die Lukaner, die Bruttier seiner Hilfe beraubt. Die Rückkehr ihrer Gefangenen konnte sie nicht entschädigen. Sie mußten sehen, wie sie sich der Römer erwehrten, und die Triumphalfasten der nächsten Jahre zeigen, daß sie nicht aufhörten zu kämpfen. Vielleicht überzeugten sie sich, wie des Königs glückliche Erfolge in Sizilien auch für ihre eigene Rettung die größere Hoffnung gewährten, ja vielleicht erwartete man, daß infolge des karthagischen Bündnisses ein bedeutender Teil der römischen Macht ab- und nach Sizilien ziehen werde. Jedenfalls versprach Pyrrhos ausdrücklich, aus Sizilien zum Schutz der Bundesgenossen zurückzukehren. In den wenig streitbaren Städten der Griechen blieben Besatzungen zurück104, namentlich in Tarent, wo Milon den Befehl erhielt. Freilich waren die Bürger damit wenig zufrieden: er solle entweder den Krieg gegen die Römer, um dessentwillen sie ihn gerufen, fortsetzen oder, wenn er ihr Land im Stich lassen wolle, auch die Stadt räumen. Sie wurden zur Ruhe gewiesen: sie sollten abwarten, wann es ihm die rechte Zeit scheinen werde. Nächst Tarent wurde Lokroi der wichtigste Punkt zur Verteidigung Italiens; den Befehl dort übertrug Pyrrhos seinem Sohn Alexandros.

Gegen den Sommer 278 segelte Pyrrhos mit seinen Elefanten und mit 8000 Mann Fußvolk von Tarent ab; in Lokroi legte er an; der Übergang bei Rhegion war durch einen Teil der karthagischen Flotte gesperrt, die Landung bei Messana durch die Mamertiner gehindert. So steuerte Pyrrhos an der Meerenge südlich vorüber auf den Hafen der Tauromenier zu, deren Beherrscher Tyndarion sich schon bereit erklärt hatte, ihm seine Stadt zu öffnen. Von ihm mit Truppen verstärkt, segelte er weiter nach Katane hinab; mit Jubel ward er dort begrüßt, mit einem goldenen Kranze geehrt. Hier schiffte er sein Heer aus, und während dies zu Land gen Syrakus weiter zog, fuhr die Flotte, zur Schlacht gerüstet, die Küste entlang – die Punier, die dreißig Schiffe von ihrer Flotte in den Faro geschickt hatten, wagten eine Schlacht nicht –, ungehindert segelte des Königs Flotte in den Hafen von Syrakus. Die dort gegeneinander Kämpfenden, Thoinon und Sosistratos, hatten beide den König zu Hilfe gerufen. Nun söhnte er sie aus, ihre beiderseitigen Truppen – Sosistratos allein hatte deren 10000 Mann –, die reichen Kriegsvorräte der Stadt, vor allem die Flotte von 120 bedeckten und 20 unbedeckten Schiffen wurde zu des Königs Befehl[108] gestellt; er hatte eine Seemacht von mehr denn 200 Schiffen. Auch der Gebieter der Leontinerstadt eilte, sich ihm anzuschließen, seine Stadt, seine Festen ihm zu übergeben, 4000 Mann Fußvolk, 500 Reiter zu seinem Heere stoßen zu lassen. Immer neue Städte folgten diesen Beispielen; es war eine allgemeine Erhebung des gefährdeten Griechentums. Vor allem mußte der Süden der Insel gerettet werden, und da Pyrrhos auszog, Agrigent zu befreien, kamen schon die Boten der Stadt: die punische Besatzung sei vertrieben. Sosistratos überließ sie und die dreißig anderen Städte, über die er gebot oder zu gebieten Anspruch machte, an Pyrrhos; ein Heer von 8000 Mann Fußvolk und 800 Reitern, in nichts den epeirotischen Truppen nachstehend, stieß zum König. Nun wurden Belagerungswerkzeuge und Geschosse aus Syrakus herbeigeschafft; es sollte gegen die festen Plätze der Punier gehen. Mit 30000 Mann Fußvolk, 2500 Reitern und den Elefanten zog Pyrrhos aus. Zuerst fiel Herakleia. Die Griechenstädte, vor allem Selinus, Egesta schlossen sich freudig dem Befreier an. Dann warf er sich auf die überaus feste, mit einer starken Besatzung versehene Eryx, dem Herakles Wettspiele und feierliches Opfer gelobend, wenn er ihn als einen seiner Abkunft und seines Glückes würdigen Streiter erscheinen lasse. Pyrrhos selbst war der erste, der die Mauern erstieg, nach heftigem Kampf fiel die Stadt. Dann raschen Zuges nach Panormos, dem schönsten Hafen der Nordküste. Nachdem die Iaitiner die Tore ihrer Stadt geöffnet, fiel auch Panormos, auch der Berg Heirkte mit seinem festen Schloß ward genommen. Nur das feste Lilybaion behaupteten die Punier noch. Auf dem anderen Ende der Insel wurden ebenso die Mamertiner, die einige Städte der Umgegend zinspflichtig gemacht hatten angegriffen, zurückgeschlagen, ihre Burgen geschleift, ihre Steuereinnehmer hingerichtet, nur Messana behaupteten sie noch. Es waren ungeheure Erfolge: das Griechentum Siziliens war gerettet und befreit, war unter dem Helden Pyrrhos wieder eine einige Macht. Die Syrakuser Münzen erschienen nun, zum teuren Zeichen endlicher Vereinigung, mit der Umschrift »Sikelioten«, Münzen des »König Pyrrhos« mit dem Kopf des dodonäischen Gottes, mit dem Bilde der sizilischen Kora.

Die Karthager hatten Lilybaion, das fast rings vom Meere umgeben und auf der schmalen Landseite mit Mauern, Türmen und Gräben gedeckt war, mit neuen Truppen aus Afrika gesichert, mit Lebensmitteln, Geschütz und Geschossen auf das reichlichste versehen; der Platz schien uneinnehmbar. Nun boten sie dem König Frieden an, sie forderten nur, im Besitz von Lilybaion zu bleiben, sie verpflichteten sich, Pyrrhos als Herrn der Insel anzuerkennen, eine bedeutende Geldsumme zu zahlen, dem König mit ihrer Flotte zu Diensten zu sein. Ihr Erbieten konnte nur gegen Rom gemeint sein, trotz des eben geschlossenen Verteidigungsbündnisses: man[109] traute sich gegenseitig nicht. Schon daß man römischerseits nicht Pyrrhos' Abzug aus Italien zu hindern gewußt habe, mochte die Punier bedenklich machen; vielleicht wollten sie so nur vermeiden, römische Truppen nach Sizilien zu holen. Rom eilte, Pyrrhos' Abwesenheit in Italien zu nützen: der Konsul Fabricius konnte am Ende des Jahres über die Lukaner, Bruttier, Samniten, Tarentiner triumphieren. Jenes Herakleia, in dessen Nähe vor zwei Jahren die Epeiroten gesiegt hatten, gewann er für die Bundesgenossenschaft mit Rom; es war eine wichtige Erwerbung, sie spaltete Pyrrhos' Okkupation in Süditalien, sie gab nächst Venusia den wichtigsten Stützpunkt zu weiteren Unternehmungen.

Es scheint angenommen werden zu dürfen, daß jene Friedensanträge von den Karthagern nach dem ersten Feldzug, zu Anfang des Jahres 277 etwa, gemacht wurden105. Sie waren allerdings lockend: auch wenn Pyrrhos sich der punischen Beihilfe nicht bedienen wollte, bot ihm die Seemacht der Insel die Gelegenheit, den Kampf gegen Rom mit neuen Aussichten fortzusetzen. Jedenfalls das griechische Italien war dann gerettet, Sizilien bis auf die westlichste Felsenspitze den Puniern verloren, und neu geordnet, unter einem energischen Fürsten, mit den Italioten vereint, mußte es sich zu einer Macht erheben, welche die ferneren Verhältnisse des Westens auf das durchgreifendste bestimmte. Aber war andererseits nicht vorauszusehen, daß die Punier ebensowenig den Vertrag mit Pyrrhos halten würden, wie sie den kaum geschlossenen mit Rom gehalten hatten? Mit Lilybaion behielten sie den Punkt, von dem aus sie sofort, wenn Pyrrhos sich nach Italien wandte, wieder in Sizilien vordringen konnten. Solange Karthago nicht gedemütigt, völlig nach Afrika zurückgeworfen war, konnte man mit dem Kampf gegen Rom nicht Ernst machen. Je schneller, je gründlicher man Karthago niederwarf, desto sicherer erlag Rom. Freilich war vorauszusehen, daß Rom, je schwerer die Punier gedrängt wurden, um so eifriger in Italien vordringen, des Pyrrhos Bundesgenossenschaft sprengen, die Italiker zu Paaren treiben, den Griechenstädten den Weg zum Abfall ebnen werde; und wo war die Gewißheit, daß der Offensivstoß gegen die Seemacht besser gelingen werde als der versuchte gegen die Landmacht?

Pyrrhos selbst scheint geschwankt zu haben, wie er sich entscheiden solle. Er ging mit den Freunden und den Sikelioten zu Rat. Die Sikelioten sahen nur auf das Interesse ihrer Insel, forderten, daß man den Puniern auch noch den letzten Stützpunkt auf der Insel entreiße; den Freunden[110] mochte die Aussicht, nach dem Fall des Lilybaions nach Libyen hinüberzugehen, die reichen Länder Karthagos auszubeuten, lockender und für den guten Willen der Truppen förderlicher erscheinen als der zwar rühmlichere, aber auch gefährlichere und weniger beutereiche Kampf gegen die Römer und ihre Verbündeten. Der Heereskern epeirotischer Truppen war stark zusammengeschmolzen, die Landmacht, die der König zur Verfügung hatte, gewiß nicht stärker als in der letzten Schlacht gegen die Römer; mit den Hilfsmitteln Siziliens ließ sich rascher eine überlegene Seemacht zusammenbringen, und einem energischen Angriff schien Lilybaion erliegen zu müssen. So ward das punische Anerbieten zurückgewiesen: nicht eher könne mit Karthago Frieden und Freundschaft sein, als bis ganz Sizilien geräumt sei.

Sofort ward Hand angelegt, die Punier aus ihrem letzten Posten zu treiben. Pyrrhos lagerte vor Lilybaion; Sturm auf Sturm folgte, aber in ungeheurer Masse wurden Steine, Pfeile, Geschosse aller Art auf die Angreifenden geschleudert, jeder Angriff mit großem Verlust zurückgeschlagen. Das Sturmzeug aus Syrakus reichte nicht aus, neue Maschinen wurden errichtet, aber ohne Erfolg. Man versuchte die Mauern zu untergraben, aber sie standen auf dem Felsen. Nach zwei Monaten vergeblicher Anstrengung hob Pyrrhos die Belagerung auf. Nur um so mehr mußte man eilen, die punische Macht in ihrer Wurzel anzugreifen: vor den Toren Karthagos galt es, die Übergabe von Lilybaion und mehr als das zu erzwingen.

Hier ist der entscheidende Wendepunkt in Pyrrhos' Leben. Wohl besaß er Kühnheit, hohes, kriegerisches Talent, ritterliche Gesinnung, Bewunderung für alles Große und Edle, aber seinem Tun fehlte das, was einst Timoleon in eben diesem Sizilien so Großes hatte erringen lassen, was Rom in allen Adern belebte und unbezwinglich machte, die Wucht und der Ernst eines großen ethischen Zweckes oder Berufes. Nicht um das Griechentum Italiens und Siziliens zu retten, war er gekommen. Der Hilferuf von dort war ihm willkommen gewesen als Vorwand und Anlaß zur Gründung einer mächtigen Herrschaft, die er daheim wieder und wieder vergebens versucht hatte. Und wieder diese Herrschaft erschien ihm nicht als Ziel und Zweck, sondern sollte nur ein Mittel mehr sein, seinen unsteten Drang nach immer neuen Taten zu sättigen. Wohl sind seine Pläne kühn, großartig, überraschend, aber sie auszuführen ist ihm nur ein Genuß seiner Kraft; der wilde Krieg ist ihm ein kühnes, kunstvolles Spiel, in dem er sich Meister fühlt, nicht das ernste Mittel für letzte, größeste Zwecke. Wohl erfaßt er mit sicherem Blick die großen Gedanken der Befreiung des Griechentums, der Einigung der Hellenen, aber sie sind ihm selbst nicht die letzten und höchsten Bestimmungen, er braucht sie eben nur als strategische Mittel. Mit Begeisterung haben ihn die Sikelioten empfangen, seine[111] Milde, seine Schonung, sein offenes Vertrauen, da er kam, hat sie fest und fester an ihn gekettet. Nicht als ob die alten Tugenden der Hingebung, des Vertrauens, der Selbstverleugnung nun plötzlich den Sikelioten zurückgekehrt wären; aber er hätte Neid und Mißtrauen und Parteiung mit Milde und Strenge zu überwinden, jenen erwachten Geist der Erhebung zu fesseln und zu großen Resultaten zu führen vermocht, wenn in ihm selbst diese feste und ruhige Kraft, diese ethische Geschlossenheit gewesen wäre, deren Mangel freilich der Untergang des Griechentums, deren Besitz Roms allsiegende Stärke war.

Er wollte nach Afrika. Die Hunderte von Schiffen zu bemannen, mußten Matrosen geschaffen werden. Wie unerträglich waren solche Werbungen den freien städtischen Demokratien! Ernstere Mittel, zu denen der König griff, steigerten nur den Unwillen, den Widerstand, man konnte klagen, daß er aus einem König ein Despot geworden sei; und wieder die böse Stimmung zwang ihn, sich gegen sie zu sichern, treuen Männern, Kriegsleuten von erprobter Anhänglichkeit die Bewahrung der Städte anzuvertrauen, ihnen die Handhabung der Ordnung zu übertragen, die gesetzlichen Freiheiten der Demokratien zu beschränken. Bald folgte, wenn auch unter dem Vorwand des Schutzes gegen die Punier, die militärische Besetzung der Städte, Vermögenssteuern, strenge Beaufsichtigung der Unzufriedenen. Komplotte, Verbindungen mit den Feinden wurden entdeckt, fast aus jeder Stadt fielen angesehene Männer als Verräter unter dem Beil des Henkers. Endlich, da auch Thoinon, der ihm vor allen sich angeschlossen, hingerichtet wurde, auch Sosistratos festgenommen werden sollte und sich kaum durch die Flucht rettete, – da war das Maß voll, da suchte jede Stadt sich zu retten, so gut sie konnte, die einen den Schutz der Mamertiner anrufend, die anderen sich den Puniern ergebend.

Nichts als dies Bild ist uns von des Königs Tun in Sizilien aufbewahrt. Jene nach Afrika bestimmte Flotte kam nicht zustande, die aus Syrakus Geflüchteten sammelten sich bei den Puniern, die schon wieder im Vordringen waren, die Mamertiner griffen von neuem um sich, und Pyrrhos sah rings nichts als Abfall, Meuterei, allgemeinen Haß. Da kamen Boten von den Samniten und Tarentinern, des Königs Rückkehr nach Italien zu erflehen. Er wußte, was er aufgab, wenn er Sizilien verließ: »Welchen Kampfplatz«, sprach er, »überlassen wir den Karthagern und Römern!« Aber sein Heer zu teilen, sah er die Feinde auf beiden Seiten zu mächtig. Noch einmal erhob er sich mit ganzer Macht gegen die vordringenden Karthager; er schlug sie zurück. Dann verließ er Sizilien, Italien zu retten.

Drei Jahre hatten die Völker Italiens, vor allem die Samniten, den Verzweiflungskampf gegen Rom ausgehalten, – nicht drei Jahre bloß, in kaum zwei Menschenaltern hatten die Samniten fast vierzig Jahre des zerstörenden[112] Kriegs gehabt, sie hatten dann, nachdem sie kaum drei Jahre lang ihre verheerten Felder wieder bestellt, sich auf den Ruf der Tarentiner zum vierten Male erhoben, selbst da kaum, als Pyrrhos in die Nähe Roms vordrang, einen Augenblick in sicherer Ruhe; sie hatten seit dessen Abzug wider die furchtbaren Gegner gekämpft, hoffnungslos, aber unerschütterlich in ihrem Mut und ihrem Haß. Die Siege, nach denen Fabricius 278 triumphierte, hatten Samnium nicht gedemütigt. Mit dem nächsten Jahre erschienen beide Konsuln, P. Cornelius Rufinus und C. Iunius Brutus, in Samnium die Felder verwüstend, wohin sie kamen, die Flecken zerstörend, die, von den Bewohnern verlassen, sie ersteigen mochten. Die Samniten hatten Weiber, Kinder und Habe in die Waldgebirge geflüchtet, und die Konsuln wagten einen Angriff, aber die furchtbarste Gegenwehr empfing sie: viele Römer wurden erschlagen oder gefangen. Über diese Niederlage entzweiten sich die Konsuln, und Rufinus zog, während Brutus in Samnium blieb und weiter heerte, südwärts, siegte über die Lukaner, die Bruttier, rückte gen Kroton. Das Beispiel, das Herakleias Bundesvertrag mit Rom gegeben, mußte allerorten römisch gesinnte Parteien hervorrufen. Auch in Kroton stand eine solche der epeirotischen gegenüber, und während diese sich Hilfe bittend nach Tarent wandte, forderte jene den Konsul auf, vor den Toren zu erscheinen, die man ihm öffnen werde. Aber vor ihm war Nikomachos aus Tarent angelangt. Ein Angriff des Konsuls wurde zurückgeschlagen, umsonst begann er die mächtig ummauerte Stadt zu belagern. Dann ließ er bekannt werden, daß er sich nach Lokroi wende. Dem scheinbar Abziehenden eilte Nikomachos auf kürzerem Wege voraus, und der Konsul kehrte zurück und nahm unter dem Schutz eines dichten Nebels die Stadt. Wohl eilte Nikomachos zurück, aber er fand die Stadt verloren, die Wege in Feindes Gewalt; unter großem Verlust schlug er sich nach Tarent durch. Hierauf ward auch Kaulonia genommen und von den Kampanern im konsularischen Heer verwüstet. Lokroi trat zu den Römern über. Mit dem folgenden Jahre 276 führte der Konsul Q. Fabius Maximus Gurges den Krieg gegen die Samniten, Lukaner, Bruttier fort; bis Leukas hin erstreckten sich seine Unternehmungen. Mehr als sein Triumph beweist für seine Erfolge der Notruf an Pyrrhos: kaum noch in den Städten könne man sich gegen die Feinde behaupten, das flache Land sei ganz in ihrer Gewalt, man müsse sich ergeben, wenn nicht Hilfe komme.

Als Italien so gut wie verloren war, verließ Pyrrhos Sizilien. Wie aus feindlichem Lande heimkehrend, führte er unermeßliche Beute mit sich. 110 Kriegsschiffe eskortierten eine weit zahlreichere Transportflotte106, aber[113] die Bemannung war in Sizilien erpreßt; sie wußte, daß, wenn sie Tarent erreichte, sie bestimmt sei, nie wieder heimzukehren. Solcher Marine mußte sich der König anvertrauen. Der Übergang war schwierig, da weder Lokroi noch Rhegion zur Landung offen stand, er mußte beschleunigt werden, da eine punische Flotte vor der Meerenge kreuzte. Pyrrhos entging ihr nicht, und die Karthager hatten leichten Sieg: 70 Schiffe, heißt es, wurden in den Grund gebohrt, nur zwölf entkamen unbeschädigt107. Und schon wartete seiner eine neue Gefahr: 10000 Mamertiner waren von Sizilien herübergekommen, hatten den Engpaß, durch den der Weg führte, besetzt. Ein furchtbares Kämpfen begann dort; während der Vortrab unter des Königs Führung mit Anstrengung vordrang, ward zugleich die Nachhut angegriffen. Der ganze Zug geriet in Verwirrung, zwei Elefanten wurden getötet, der König selbst am Kopf verwundet. Nur desto kühner griffen die alten Kriegsknechte von Messana an, bis endlich der König »das Gesicht voll Blut und mit grauenvollem Blick« sich von neuem auf den Feind stürzte und mit der furchtbaren Gewalt seines Armes den riesigen Führer der Feinde mitten hindurch spaltete. Da endlich wichen die Feinde.

Er wandte sich auf Lokroi, das ihm die Tore öffnete. Ein rascher Angriff auf Rhegion ward mit Verlust zurückgeschlagen, er kehrte nach Lokroi zurück. Nun erst folgten Geldbußen und Hinrichtungen der römisch Gesinnten. Die unselige Schlacht in der Meerenge mochte den besten Teil seiner Kriegskasse ins Meer versenkt haben, Geldmangel brachte ihn in die peinlichste Verlegenheit und die Bundesgenossen weigerten sich, Beisteuer zu zahlen. Da rieten ihm einige von den Freunden, die heiligen Schätze im Tempel der Persephone zu plündern. Aber die erzürnten Götter, heißt es, zerstreuten im gewaltigen Sturm die Flotte, die das Geraubte nach Tarent hinüberführte, und trieben die Schiffe mit den Weihegeschenken und dem heiligen Geld an den Strand, in den Hafen von Lokroi zurück; Pyrrhos selbst aber, von dem Wunder betroffen, habe das Geraubte zurückgegeben und die Göttin durch feierliche Opfer zu versöhnen gesucht, und da sie ungünstig waren, sei er noch mehr ergriffen gewesen und habe die bösen Ratgeber hinrichten lassen; aber der Zorn der dunklen Göttin habe fortan auf ihm gelegen, sein Glück sei von ihm gewichen. Pyrrhos selbst habe das empfunden, er bezeuge es in seinen Denkwürdigkeiten108.

Pyrrhos gelangte mit seinem Heere – wie es heißt 20000 Mann Fußvolk und 300 Reiter – ungehindert nach Tarent, zu Lande, wie es scheint. Noch einmal mochte die epeirotische Partei in den Städten Bruttiens und[114] Lukaniens sich erheben. Auf dem Wege konnte das Heer mit neuen Werbungen gemehrt werden, in Tarent selbst wurden die Tüchtigsten zum Dienst ausgehoben; Menschen genug konnte er mit dem nächsten Frühling gegen den Feind führen, aber an der Stelle der epeirotischen Veteranen hatte er meist frisch geworbene Truppen, »griechische Landstreicher und Barbaren«, die, wenn selbst tapfer, doch weder geübt noch zuverlässig waren.

Und doch ging seinem Namen der alte Schrecken vorauf; in Rom war man bestürzt über die neue Gefahr, die drohte. Eine Pest hatte im letzten Jahre (276) in Rom und dem römischen Gebiet furchtbar gewütet, üble Zeichen machten die Herzen beklommen. Ein Sturm hatte das Bild Jupiters vom Gipfel des Kapitols hinabgeschleudert; daß man das Haupt nirgends fand, schien den Untergang der Stadt zu bezeichnen, bis die Kunst der Haruspices die Stelle im Tiber bezeichnete, wo man es fand. Und doch lähmte Schrecken das Volk. Als der neue Konsul M'. Curius Dentatus, der 290 den Samnitenkrieg glorreich zu Ende geführt hatte, schleunig die neue Aushebung begann, erschienen die Gerufenen nicht. Sofort wurde des ersten Widerspenstigen Habe subhastiert; umsonst rief er die Hilfe der Tribunen an, ihn und seine Habe verkaufte der Konsul, – es war das erste Beispiel der Art. So gelang die Aushebung, Lentulus ging, Lukanien zu decken, während Curius sich in Samnium festsetzte.

Pyrrhos mußte versuchen, den Krieg möglichst weit nach Italien hinaufzuspielen, um den alten Bundesgenossen, vor allem den Samniten, Erleichterung zu schaffen. Wohl hatten sich einige Scharen Samniten ihm angeschlossen, aber ihr Mut war gebrochen, ihr Vertrauen dahin, und doch mußte dem König alles daran liegen, sie zu retten. So teilte er seine Scharen: während das eine Heer in Lukanien vorrückte, den Konsul Lentulus zu beschäftigen, führte er selbst die Hauptmacht gegen Curius. Der Konsul hatte sich auf den Höhen in der Nähe von Beneventum verschanzt. Er suchte einer Schlacht mit der Übermacht der Feinde auszuweichen; die Auspizien waren nicht günstig, er erwartete die Ankunft seines Kollegen aus Lukanien. Eben darum eilte Pyrrhos, den entscheidenden Schlag zu führen. In der Nacht, so war beschlossen, sollte ein Korps auserlesener Truppen um das feindliche Lager herumgeführt werden, die Höhen über demselben zu gewinnen. Ein Traum, heißt es, schreckte den König, er wollte das schwierige Manöver aufgeben, die Schlacht verschieben, aber der Rat der Freunde und die erwartete Ankunft des Lentulus entschied für die Schlacht. Im Dunkel der Nacht rückten die besten Truppen und die tüchtigsten Elefanten aus, jene Höhen zu gewinnen, ein weiter Weg durch unwegsame Waldhöhen. Mit Fackeln mußte man den Pfad suchen, Zeit und Entfernung waren falsch berechnet, die Fackeln reichten nicht[115] aus, man verirrte; schon war es Tag, da jene Höhen erreicht wurden. Mit Bestürzung sah das römische Lager den feindlichen Schlachthaufen hinter und über sich, alles geriet in Aufruhr, aber die Wahrzeichen waren günstig, eine Schlacht unvermeidlich. So rückte Curius heran gegen den Feind, der durch Ermüdung und Unordnung, wie solch ein Nachtmarsch sie bringen mußte, gelähmt war; schnell wurden die ersten Reihen, bald die ganze Schar geworfen, viele wurden erschlagen, ein paar Elefanten erbeutet. Der Sieg hatte den Konsul in die arusinische Ebene hinabgeführt. Nun ließ Pyrrhos die Zurückgebliebenen vorrücken, es galt, das Schicksal des Tages zu entscheiden. Siegend drangen die Römer auf der einen Seite vor, auf der andern wurden sie besonders von den vorgetriebenen Elefanten zurückgedrängt bis an ihr Lager. Aber dort empfing diese die zur Verteidigung des Lagers zurückgebliebene Schar, schleuderte Brandpfeile gegen sie, trieb sie zurück, daß sie umgewandt, scheu und wütend durch das eigene Heer zurückstürmten, alles in Verwirrung mit sich reißend109. Die Niederlage war entschieden und vollkommen. Des Königs Lager ward erbeutet, zwei Elefanten waren erlegt, acht, in geschlossenem Terrain abgeschnitten, von ihren Indern ergeben; sie gaben den »stolzesten Schmuck« des Triumphes, mit dem Curius im Februar 274 nach Rom zurückkehrte.

Pyrrhos' Heer war so vollkommen aufgelöst, daß nur wenige Reiter seine Flucht nach Tarent begleiteten. Die nach Lukanien gesandten Truppen konnten unmöglich das Feld behaupten, man bedurfte einer Deckung Tarents für den möglichen Fall eines sofortigen Angriffs seitens der Römer.

Die erste Gefahr war vorüber, aber was nun? Sollte Pyrrhos den Krieg fortsetzen? Mit den Streitmitteln, die ihm noch übrig waren, schien es nicht möglich. Sollte er wie vor einem Jahre Sizilien so nun auch Italien preisgeben, ohne Ruhm, ohne Beute, als Flüchtling nach Epeiros heimkehren? Mit welchen Hoffnungen war er ausgezogen, wie nah war er daran gewesen, an der Spitze der vereinten Macht der Hellenen Siziliens und Italiens die alten Pläne des Agathokles, Dionysios, Alkibiades zu vollenden, mit denen dem Griechentum eine neue Blüte begonnen hätte! Jene Hoffnungen waren mit dem Verluste Siziliens dahin; verließ er nun auch Italien, so war, das mußte er erkennen, auch das griechische Italien nicht bloß für ihn verloren, es fiel unweigerlich als sichere Beute dem stolzen[116] Römerstaat zu, und Sizilien war dessen nächste Eroberung. Wie sollte dann ihm das Meer noch eine Schranke setzen? Und in der Heimat des Griechentums, im hellenisierten Osten war keine Macht, die den Bewältigern der Gallier und Samniten zu widerstehen vermocht hätte. Wahrlich, Pyrrhos erkannte die dunklen Wege der Zukunft, als er an Antigonos nach Makedonien, an Antiochos nach Asien, an die anderen Fürsten des Ostens sandte, Geld und Truppen zur Fortsetzung des Krieges zu fordern. Schon verbreitete sich das Gerücht, daß makedonische, asiatische Heere dem italischen Griechentum zum Beistand kämen, und die Konsuln wagten nicht, südwärts vorzudringen; Lentulus zog gegen die Samniten, um wider sie kämpfend den Triumph, aber keine Entscheidung zu gewinnen.

Aber die fernen Könige achteten des Hilferufs nicht; Antigonos hatte Makedonien zu ordnen und gegen die Galater zu sichern, ganz Kleinasien bebte vor diesen Räubern oder zerriß sich in den immer neuen Kämpfen der Dynasten; Syrien fühlte sich gelähmt durch die um sich greifende Kunst der Lagidenpolitik; Griechenland war ein wüstes Knäuel von Ohnmacht, Hader und Haß. Dieselbe wahnsinnige Zersplitterung, Selbstsucht und Verblendung, die den freien Staaten des Griechentums nacheinander den Untergang gebracht und die Wundersiege Alexanders in ihren Wurzeln gefährdet hatte, war nun auf die Epigonen seines Reiches, auf die hellenistischen Staaten, übergegangen. Während das Griechentum sich in unendlichen Wirren zerriß, sich seine besten Kräfte entlocken ließ, um Asien zu hellenisieren, und die hellenistische Kraft des Ostens um so lockerer wurde, je endloseren Raum sie umfassen sollte, in derselben Zeit schließt sich fest und fester diese Römermacht, in strengster Zentralität, mit langsam furchtbarer Unwiderstehlichkeit weiter schreitend. Sie hat der Epeirotenkönig kämpfen sehen; er erkennt es, daß die Griechenstädte Italiens das Bollwerk des Ostens sind, aber man hört ihn nicht.

Pyrrhos' Rückkehr aus Italien wird wohl als unrühmliche Flucht dargestellt. Da er die Botschaften der Könige erhalten, in denen die geforderte Hilfe geweigert wurde, habe er den angesehenen Epeiroten und Tarentinern aus den Briefen vorgelesen, als enthielten sie das Versprechen des Beistandes, – und in der Nacht darauf sei er abgesegelt. Er führte 8000 Mann Fußvolk und 500 Reiter mit sich zurück, er ließ in Tarent eine Besatzung unter Milon, ja seinen Sohn Helenos zurück. Das gleicht nicht einer Flucht. Aber ihm blieb nichts anderes übrig, als den letzten Punkt, der auf der italischen Küste noch zu halten war, möglichst zu sichern und heimzueilen, um in neuen Kämpfen Macht, Streitmittel, die Möglichkeit zu einer neuen Heerfahrt nach Italien zu gewinnen. Wir werden sehen, wie er sofort nach seiner Heimkehr Makedonien eroberte. Dann eilte er nach der Peloponnes; da ereilte ihn der Tod (272). Wohl wandte sein Erbe[117] Alexandros den Blick nach Italien, nach Sizilien, aber zu schnell verwandelten sich dort alle Verhältnisse.

Rom gönnte sich nach neunjährigem, mit höchster Anstrengung geführtem Kampf ein Jahr Ruhe. Mit dem Jahr 273 erhob es sich zu dem nun endlich entscheidenden Kampf gegen die unglücklichen Bundesgenossen des Epeirotenkönigs. Eine Kolonie in Poseidonia sicherte den Eingang ins Lukanerland. Über Lukaner, Samniten und Bruttier wurde gesiegt, nur einer Anstrengung noch schien es zu bedürfen, und sie waren Roms Untertanen. Auch in Tarent war es soweit gekommen; Milon schien zu hartes Regiment zu führen, eine Verschwörung entstand gegen den epeirotischen Befehlshaber, unter Führung Nikons griff man ihn an. Aber die Verschworenen wurden zurückgeschlagen, sie warfen sich in einen festen Ort auf Tarentiner Gebiet, sandten Boten nach Rom, schlossen Frieden für sich. Rom konnte sehen, daß Tarent zur Eroberung reif sei.

Es kam das große Jahr der Entscheidungen 272. In derselben Zeit, da Pyrrhos Makedonien erobert, seinen unglücklichen Zug nach der Peloponnes noch nicht begonnen hatte, wählte man in Rom zwei Konsularen, die vor zwanzig Jahren den glänzendsten Triumph über die Samniten gefeiert hatten, L. Papirius Cursor und Sp. Carvilius Maximus, zu Konsuln; man mochte Wiederkehr des Pyrrhos besorgen und nach schneller Entscheidung verlangen.

Als Papirius bereits auf dem Marsch nach Tarent war, traf dort die Nachricht von Pyrrhos' Tod ein. Man fürchtete die Römer, man haßte die Epeiroten; man wandte sich heimlich an die punischen Feldherren auf Sizilien. Für die karthagische Politik wäre es der größte Gewinn gewesen, mit Tarent einen festen Punkt an der italischen Küste zu gewinnen, wie sie ihn in Lilybaion für Sizilien hatte. Eine punische Flotte erschien im Hafen, während Papirius vor der Stadt lagerte, zwischen beiden Milon, von denen verraten, deren einziger Schutz er war. So verriet er sie; er überredete die Bürger, daß Papirius, um die Stadt nicht in die Gewalt der Barbaren kommen zu lassen, leidlichen Frieden zu gewähren geneigt sei; er unterhandelte, bedang sich mit seinen Kriegern und seinen Kassen freien Abzug, übergab dann die Burg dem Konsul, überließ die Stadt seiner Willkür. Die Mauern wurden zerstört, die Schiffe und Waffenvorräte ausgeliefert; den Triumph des Papirius schmückten Statuen, Gemälde, Kostbarkeiten hellenischen Geschmacks. Frieden und Freiheit ward der Stadt gewährt, aber eine Freiheit mit jährlichem Tribut, mit starker römischer Besatzung in der Burg.

Von allen süditalischen Feinden hielt sich nur noch die empörte Legion in Rhegion. Sie stand in Bündnis mit den Mamertinern von Messana, selbst Kroton hatte sie erstürmt und verheert. Nun endlich 270 begann der Konsul[118] Genucius die Belagerung der Stadt – ein Krieg in Sizilien entzog ihr die Hilfe der Mamertiner –, nach langer Belagerung unter furchtbarem Gemetzel wurde sie genommen, der Rest der einst römischen Legion in Ketten nach Rom geführt, von den Tribus einstimmig zum Tode verurteilt, je fünfzig an einem Tage gestäupt und enthauptet110. Rhegion selbst ward den alten hellenischen Einwohnern, so viele sich deren aus der Zerstreuung noch sammeln mochten, zurückgegeben.

Mit dem Jahr 270 hatte Rom die Bewältigung Italiens vollendet. Nicht so Karthago die Siziliens: der edle Hieron hatte die Herrschaft von Syrakus gewonnen, kämpfte wider die Mamertiner nicht ohne Erfolg, sandte den Römern, die Rhegion belagerten, Hilfstruppen und Unterhalt. Neue furchtbare Kämpfe bereiteten sich vor. Es war der größte politische Fehler, daß Karthago nicht den Fall Tarents gehindert hatte; durch die bestehenden Verträge war es von der Einmischung in die italischen Angelegenheiten so wenig ausgeschlossen wie Rom von der in die sizilischen. Aber der punische Feldherr war im Hafen Tarents auf eigene Verantwortung erschienen; da später Rom in Karthago ernstlich Beschwerde führte, rechtfertigte sich der punische Senat durch eidliche Beteuerung, es sei ohne sein Vorwissen geschehen. Kaum sechs Jahre vergingen, und Rom griff die Punier in Sizilien an.

So trat Rom mit dem pyrrhischen Kriege in den Kreis der großen politischen Beziehungen, welche, an die Namen der Punier und des Hellenismus geknüpft, sich von den Säulen des Herakles bis zum Ganges erstreckten. Ein Jahr nachdem Pyrrhos Italien verlassen, in demselben, da er Makedonien eroberte, schickte der zweite Ptolemaios von Ägypten Gesandte nach Rom, Freundschaft und Bündnis anzutragen, und Rom erwiderte dies bedeutsame Entgegenkommen mit der größten Auszeichnung, die es je einem fremden Fürsten gewährt hat: unter den drei Gesandten war der Erste des Senates, Q. Fabius Gurges. Die Gesandten wurden glänzend empfangen. Der König ließ ihnen nach griechischer Sitte goldene Kränze reichen, – sie, um das Omen zu bewahren und den König zu ehren, nahmen die Geschenke an, um sie seinen Statuen auf das Haupt zu legen. Andere Verehrungen, die nicht so abgelehnt werden konnten, überlieferten sie heimgekehrt dem Schatz, noch ehe sie über die Gesandtschaft berichteten, aber der Senat ließ sie ihnen zum Ehrengedächtnis in ihrem Hause. Es war eine[119] Verbindung gegründet, die in zweihundertjähriger Dauer bestätigen sollte, daß sie die sachgemäße sei.

Nicht minder bedeutungsvoll war eine zweite Verbindung. Schon hatten die Römer Brundisium besetzt, den Überfahrtsort nach Apollonia. Diese alt-hellenische Stadt, blühend durch ihren Handel, wegen ihrer wohlgeordneten Verfassung in frühen und späteren Zeiten gerühmt, schickte 270 eine Gesandtschaft nach Rom; mit welcher Absicht, wird nicht überliefert, aber man erkennt noch die Gefahren, die sie bedrohten111; der Dardanerfürst Monunios hatte seit einem Jahrzehnt, in den Wirren der Gallierzüge, seine Macht weit und weiter ausgedehnt. Schon war Dyrrhachion unter seiner Botmäßigkeit, eben jetzt mochte es sein, daß er mit Alexandros von Epeiros Krieg führte; siegte dieser, so war Apollonia vielleicht nicht minder bedroht. Die Gesandtschaft der Apolloniaten ist dadurch in Andenken geblieben, daß, da sich vornehme Römer gröblich an ihr vergangen hatten, der Senat die Schuldigen auslieferte; doch entließen die Apolloniaten sie ungestraft. Man darf aus jener Begegnung der Gesandtschaft schließen, daß Apollonia nicht gegen Alexandros kämpfte, sonst würde die Sendung populär gewesen sein, daß die Stadt vielmehr als durch gemeinsames Interesse mit Epeiros verbunden angesehen werden konnte. Aber der Einsicht des Senates konnte die Wichtigkeit der Befreundung mit Apollonia unmöglich entgehen, jene rücksichtsvolle Gerechtigkeit beweist, daß die Väter sie zu würdigen wußten; gewiß ward zwischen Rom und Apollonia ein Bündnis errichtet.[120]


Quelle:
Johann Gustav Droysen: Geschichte des Hellenismus. Tübingen 1952/1953, Band 3, S. 77-121.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Geschichte des Hellenismus
Geschichte des Hellenismus, 3 Bde. in Kassette
Geschichte Des Hellenismus: Th. Geschichete Der Diadochen (German Edition)
Geschichte Des Hellenismus, Volume 1 (German Edition)

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Flucht in die Finsternis

Flucht in die Finsternis

Robert ist krank und hält seinen gesunden Bruder für wahnsinnig. Die tragische Geschichte um Geisteskrankheit und Tod entstand 1917 unter dem Titel »Wahn« und trägt autobiografische Züge, die das schwierige Verhältnis Schnitzlers zu seinem Bruder Julius reflektieren. »Einer von uns beiden mußte ins Dunkel.«

74 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Spätromantik

Große Erzählungen der Spätromantik

Im nach dem Wiener Kongress neugeordneten Europa entsteht seit 1815 große Literatur der Sehnsucht und der Melancholie. Die Schattenseiten der menschlichen Seele, Leidenschaft und die Hinwendung zum Religiösen sind die Themen der Spätromantik. Michael Holzinger hat elf große Erzählungen dieser Zeit zu diesem Leseband zusammengefasst.

430 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon