Erstes Kapitel

Geographische Grundlage – Die Entwicklung aus dem Lokalen – Die griechische Bildung – Alexanders Stellung – Städtegründungen – Das Reich der Lagiden – Das Reich der Seleukiden – Indien – Atropatene – Kleinasien – Die Galater – Makedonien – Die Griechen – Epeiros – Rückblick – Die Griechen in Sizilien und Italien

Überblickt man das geschichtliche Leben der alten Welt, so zeigt es sich räumlich in zwei große Kreise gesondert, deren Mitten von ebenso entgegengesetzter Charakteristik sind wie ihre Peripherien.

Von der Westseite des Indus bis Armenien hin erstreckt sich ein mächtiges Hochland, in seinen inneren Gesenken Wüste, rings umrandet von meist wasserreichen Gebirgswällen, der Heimat kriegerischer Bergvölker. In der Nordostecke verketten sich die Randgebirge dieses Hochlandes mit den Riesengebirgen des hohen Asiens, während sie sich im Westen, gleichsam zu einem Knoten verschürzt in den Landschaften Armeniens, nach Norden, Westen und Süden hin in die Gebirgszüge des Kaukasus, Kleinasiens und Syriens abzweigen. An den Abhängen jenes iranischen Hochlandes wiederholt sich in merkwürdiger Gleichförmigkeit die Bildung von Doppelströmen mit ihren reichen Tieflandschaften: im Westen die Fruchtländer des Euphrat und Tigris, durch eine Wüste getrennt von der arabischen Halbinsel; – im Osten der Indus und Sadlatsch, die Hauptadern des reichen Fünfstromlandes, durch eine Wüste getrennt von dem Herzland des brahmanischen Indiens; beide, das indische wie das aramäische Tiefland, dem Meere des Südens zugewandt; – im Norden der Oxos und Jaxartes, die im Altertum ihre Wasser in das einst umfangreichere Kaspische Meer ergossen, die Ströme des baktrischen Tieflands, gen Mitternacht durch die Wüste skythischer Horden geschlossen; – endlich das kleinere Tiefland des Kur und Araxes, eingeklemmt zwischen Armenien und dem Kaukasus, vom Schwarzen Meere durch Gebirge getrennt, zum tieferen Kaspischen Meere hinabgesenkt. So lagern sich diese vier reichen Stromlandschaften um jene medisch-persische Mitte, die wie eine Burg, wie eine Akropolis geschaffen scheint, die um sie her liegenden Tiefen zu beherrschen. Eigentümlich ist hier überall die geringe Ausbildung der maritimen Verhältnisse: verschlammte Strommündungen, untiefe Meere, Sandküsten[3] hindern den überseeischen Verkehr an den wenigen Seeküsten, die es hier gibt; wo wirtbare und hafenreiche Gestade, bleiben sie unbenutzt; der kontinentale Charakter ist typisch für das medisch-persische Asien.

Anders der westliche Bereich der geschichtlichen Alten Welt. Wie um jene Gebirgsmitte Asiens ringsher hinabgesenkte Stromländer, so hier um ein offenes, wirtliches Meer ringsum hineinragende Gebirgsbildungen, bald im eintönigen Charakter afrikanischer Hochstrecken, bald in der bunten Mannigfaltigkeit hellenischer Buchten und Inseln gestaltet; wie dort die Kulturländer geschieden sind durch eine schwer zu erklimmende, von räuberischen Stämmen umhauste, innerlich öde Mitte, so drängt hier alles zu dem konzentrierenden und verbindenden Element des Meeres, zum Verkehr herüber und hinüber, zum gegenseitigen Ausgleich. Aber die Nordküsten dieses Mittelmeeres sind ungleich reicher geformt und gegliedert als die südlichen, die afrikanischen. Hier im Süden folgt dem vorragenden Gebirge bald weite glühende Wüste, oder sie zieht sich hinab bis an die Küste selbst, oder ein einsamer Strom flutet in enggeschlossener, von der Wüste umdrohter Felsrinne zu seichten Mündungen hinab; dort im Norden des Meeres erhebt sich hinter den weit vorragenden Inseln und Halbinseln, hinter den tief eindringenden Meeresbuchten eine breite Alpenzone, da und dort von Strömen durchbrochen, in hohen Paßwegen zu übersteigen, jenseits neue Gesenke, unzählige Ströme, die zu anderen nicht fernen Meeren hinabführen; es sind die vorgebildeten Räume einer späteren Geschichte, und wie sich jene Mitte des Ostens anlehnt an ein größeres, noch kontinentaleres, man möchte sagen geschichtsloses Ostland, so öffnet sich das Mittelmeer zu dem weiten westlichen Ozean, dessen Buchten eben jene Ströme empfangen, jene Länder späterer Geschichte umspülen.

So gehen die beiden Kreise des Ostens und Westens nach ihren Gegensätzen auseinander. Aber wo sie sich berühren, wie merkwürdig sind sie da ineinander verschlungen! Ägypten und Kleinasien, die syrische Küste und Griechenland, das sind die Länder dieser bedeutsamen Zwischenstellung.

Am Saume der afrikanischen Wüste, in den Tempelstaaten der ägyptischen Götterfetische dämmert das früheste Licht geschichtlicher Erinnerung: siegend zogen die Pharaonen gen Osten, gen Kolchis, zum Hellespont, uralte Denkmale geben noch davon Kunde; aber Ägyptens Größe ist schon dahin, als erst das geschichtliche Leben der anderen Völker erwacht; Afrika hat aus sich keine neue geschichtliche Kraft zu entwickeln vermocht.

Wie Ägypten nach Afrika, so leitet Kleinasien nach Europa hinüber; wie Ägypten eintönig und in sich geschlossen, so ist Kleinasien in reicherer Küstenbildung offen und zugänglich, im Inneren voller Gebirgszüge und Hochebenen, ein Tummelplatz des Völkerdrängens zwischen Asien und[4] Europa, unter mannigfachen Stämmen zerrissen, in steter Oszillation zwischen dem Osten und Westen, nie in sich zu einer Einheit erstarkt.

Ganz zu Asien gehört die syrische Küste, ganz zu Europa Hellas, aber beide greifen hinüber in die entgegengesetzten Kreise. Jahrhunderte hindurch beherrschen die Punier das Mittelmeer; Beduinen des Meeres, schweifen und verkehren sie nach allen Küsten nah und fern; blühend setzt sich Phoinikien in seinen Kolonien Karthago, Spanien, den Inseln fort, während es selbst in seiner Heimat dahinstirbt. Und Griechenland wieder, nachdem es in unbeschreiblicher Regsamkeit gen Ost und West an allen Küsten umher unzählige Schößlinge gepflanzt, dringt es kämpfend und erobernd nach dem zentralen Hochland Iran vor, siedelt sich an in jener hohen Feste so gut wie in den Tiefländern umher, erfüllt auch Kleinasien, auch Syrien und Ägypten, beherrscht von Asien und Afrika her das Ostbassin des Mittelmeers, wie Karthago das westliche. Es ist die seltsamste Kreuzung; jener alte Gegensatz Asiens und Europas scheint seine Rollen vertauscht zu haben; das Ursprüngliche, natürlich Gegebene ist von dem Resultat der Geschichte überwunden und außer Bedeutung gesetzt.

Dann erhebt sich Rom zur Herrschaft über Italien; wie ein Keil drängt es sich zwischen den punischen Westen und den hellenistischen Osten. Wenn es endlich über beide den Sieg errungen, ist auch die zentrale Feste Westasiens von einem neuen Volke überwältigt; wie Rom über das Bassin des Mittelmeers, so herrschen die Parther vom Indus bis Armenien. Wieder sind es die beiden großen Kreise, in welche die Geschichte sich teilt, aber ihre Füllung wie ihr Bereich ist verändert; und nach langem unruhigen Schwanken drängen von Norden her die Germanen, von Süden her die Araber vor, um die Schwerpunkte des geschichtlichen Lebens völlig zu verrücken.

So im allgemeinsten Überblick die geographischen Verhältnisse, wie sie dem Gesamtverlauf der Alten Geschichte zugrunde liegen. Aber noch auf eine andere Weise greifen die geographischen, die lokalen Bestimmungen wesentlich ein. Auf ihnen ruht der heidnische Charakter des Altertums.

In den bezeichneten Bereichen finden wir ursprünglich, so weit die geschichtliche Erinnerung zurückreicht, die Völker, die einzelnen Stämme in entschiedener Sonderung, voneinander unabhängig, in bestimmt umgrenzten Gebieten; sie sind wie ein Produkt dieses Landes, dieses Bodens, gleichsam naturgeschichtlich mit ihm verwachsen; das menschliche Dasein, noch in das Leben der Natur verschlungen, empfängt von ihr seine Richtung, seinen Typus. Wer will das erste Erwachen des Geistes beschreiben? Mit dem ersten Wort schon ist er da; in geheimnisvoller Ähnlichkeit ist ihm des Wortes Klang für das, was es bedeutet; er bildet sich um sich her seine eigene Daseinssphäre. So beginnt er diese Natur, wie sie[5] um ihn und an ihm ist, für sich zu erwerben. Aber sie allein noch ist es, woher er erwirbt, wohin er wirkt. Den Gefahren, die sie bietet, den Bedürfnissen, die sie weckt, ähneln die Mittel, mit denen ihnen begegnet wird; die Nahrung, die Lebensweise, die Sitte ist von ihr bestimmt; sie ist der Boden, auf dem der Geist emporwächst, der mütterliche Schoß, von dem er sich loszuringen trachtet. Woher auch immer die Ahnung höherer, göttlicher Mächte stammt, sie will für sie einen Ort, eine Gestalt, ein Dasein. Dort in dem Wirken und Schaffen der Natur sind sie, werden sie angeschaut, dorther ist ihr Name, ihr Bild; sie selbst sind wieder nur eine Fassung, ein Wort für diese Natur, für diese umgebende Heimatlichkeit. Und diese Mächte sind es, von denen die Ordnung des Lebens, die Gesittung gegründet heißt; sie haben die Gesetze gegeben, den Staat gegründet; er steht wie jeder einzelne in ihrer Obhut; der Dienst, in dem sich ihre Gläubigen vereinen, durchdringt das Leben des einzelnen wie das Staatsgesetz und die bürgerliche Ordnung vollkommen. So vereint sich mit der lokalen Geschlossenheit die innigste Verschmelzung von Staat und Religion; und damit vollendet sich die spröde konzentrische Sonderung jedes einzelnen Volkes. Auf sich gewandt, innerhalb seines Bereiches, mit eigener, auf dem eigenen Boden erwachsener Kraft gestaltet es die unmittelbaren, noch gebundenen Bestimmungen des eigenen, naturbestimmten Wesens heraus; seine Geschichte ist das Erlernen, Durchdringen, Aussprechen dieser Natur, die sein Prinzip ist.

Wie weit entfernt sind diese Anfänge von der Vorstellung der einen Menschheit, die alle Völker umfaßt, des einen Reiches, das nicht von dieser Welt ist, – jener Vorstellung, die ihren vollendenden Ausdruck in der Erscheinung des Heilandes gewinnt! Das ist der Punkt, zu dem hin die Entwicklung der alten, der heidnischen Welt strebt, von dem aus ihre Geschichte begriffen werden muß.

Es gilt, jene Sonderungen zu überwinden, über jene lokalen, natürlichen Bestimmungen sich hinauszuarbeiten, an die Stelle der nationalen Entwicklung die persönliche und damit die allgemein menschliche zu gewinnen. Das Höchste, was das Altertum aus eigener Kraft zu erreichen vermocht hat, ist der Untergang des Heidentums.

Es drängt alles zu diesem Ziel unablässig, mit steigender Gewalt hin. Im Osten sehen wir ein Volk nach dem anderen in die Geschichte treten, sich auf die Nachbarvölker werfen und sie überwinden, eine Zeit lang herrschen, dann selbst einem neuen, mächtigeren Feinde erliegen, bis zuletzt die Perser den ganzen Umfang des geschichtlich durcharbeiteten Ostens unterwerfen. Nicht in einem Volk ist da die Entwicklung zu immer höheren Prinzipien; jedes vollendet seinen naturbestimmten Verlauf; dann in sich fertig, umgeben von einer reichen Errungenschaft nationaler Kultur, Kunst,[6] Wissenschaft, Erkenntnis, erliegt es einem andern Volk, dessen naturbestimmtes Prinzip das höhere und darum zum Siege berufen ist. Aber dies höhere selbst, in dem Maße, als es nur national ist, vermag es die Überwundenen nicht innerlich zu durchdringen und zu erhöhen, sondern nur zu verknechten und verstummen zu machen. Das persische Asien ist ein Reich, aber die Einheit nur im Herrscher und in den Werkzeugen seiner Herrschaft; den Völkern bleiben ihre Götter, ihre Sprache, ihre Sitten und Gesetze, aber verachtet, nur geduldet; die nationale Unabhängigkeit, der Siegesmut, der sichere Stolz des Heimischen ist dahin; und doch ist es den Verknechteten ihr Letztes, Eigenstes; sie halten es um so fester.

Aber wie verwandelt ist es schon! Das innerste Leben der Völker sehen wir in sich zerspalten. Begannen sie nicht von jener Verschlungenheit der Religion und des Staates, Gottes und der Welt? Nun scheiden sich beide; der alte Staat ist ihnen zertrümmert; nicht an der Gottheit verzagen sie, aber die Welt ist nicht mehr in ihr, ist ohne sie, ist das Nichtige vor ihr. Mit dem Untergang des alten heiligen Staates, in den Trümmern der Hierarchie erwächst jener Akosmismus, jene Entweltlichung des Gottesbewußtseins, welche so und zunächst nur ein Ausdruck der Ohnmacht und des Verzagens ist.

Aber doch nicht bloß aus solchem Untergang. Die Überlegenheit des Persertums, darf man sagen, liegt darin, daß da diese Scheidung der Anfang und das Prinzip ist, daß da der Staat nicht mehr priesterlich, sondern königlich ist und sein will, daß da die Welt erkannt wird als das für das Reich des Lichtes zu Erwerbende und der Mensch als ein Mitarbeiter der Gottheit. Rauh, nüchtern, tapfer, unermüdlich das Reich des Lichtes zu mehren, ziehen die Perser hinaus, die Welt zu überwinden; es ist die erste ethische Kraft Asiens, und kein Volk des Ostens vermag sich ihrer zu erwehren.

Im Griechentum findet sie ihre Schranke. Ein zweiter Kreis des Lebens hat sich dort zu entwickeln begonnen, reich, eigentümlich, fast nach allen Richtungen hin der vollste Gegensatz des Ostens.

Nicht eben groß ist der Raum, in dem es sich bewegt; aber wie mannigfaltig geformt, in wie buntem Wechsel Küste und Binnenland, Tal und Gebirge, Festland, Meeresbucht, Inseln; in größter Nähe die größten landschaftlichen Verschiedenheiten, die stärkste Sonderung bestimmender Naturverhältnisse. Dementsprechend die Bevölkerung dort; unzählige kleine Stämme, unabhängig und scharf gesondert voneinander, in rascher Beweglichkeit, voller Hader und Kampf, ganz von den individuellsten Anlässen ihres Lokals in Lebensweise, Tätigkeit, Anschauung geleitet, ganz auf sie gewandt; nicht als das Nichtige erscheint diese heimische Natur, sondern die Gottheit lebt und webt in ihr, ist ihr Leben, ihre Epiphanie, ihre Persönlichkeit,[7] eine unzählige Schar göttlicher Gestalten, unzählig wie diese kleinen Stämme und Genossenschaften, die sie anbeten. Aber doch ist in allen diesen Stämmen, ihren lokalen Kulten und Sitten, ihren vielerlei Dialekten etwas Verwandtes; die Nähe und der unentbehrliche Verkehr mit den nachbarlichen Stämmen drängt zu Übereinkunft und Ausgleichung; die Gottheiten verschiedener Stämme und Lokale beginnen sich zu Götterkreisen zusammenzubilden, die heiligen Sagen, miteinander verbunden, verschmolzen, in neuen Zusammenhängen dargestellt zu werden. Und je mehr der trübe symbolische Charakter alter lokaler Naturdienste vor der menschlich-ethischen Weise zurückweicht, desto entschiedener erhebt sich über die lokale Sonderung der einzelnen kleinen Stämme und Dialekte die Vorstellung einer allgemeinen hellenischen Nationalität. Um die Zeit, da das Reich der Perser beginnt, ist sie ausgebildet da, wenn auch noch nicht abgeschlossen.

So sehen wir vom ersten Beginn her die griechischen Stämme über die natürlichen Bestimmungen, in denen das alte Morgenland gebunden war, hinausgehen. Sie sind nicht kastenhaft geschlossen, noch gehört der Dienst der Götter einem eigenen priesterlichen Stande an; sie haben keine heilige Urkunde, die ihrer weiteren Entwicklung eine Basis oder auch eine Schranke gäbe, keine Hierarchie, die als Abbild göttlicher Ordnung bewahrt werden müßte, kein gemeinsames Königtum, das sie in konzentrischen Entwicklungen weiter führen könnte. Mit dem Weiter- und Freierwerden ihres Weltbewußtseins umgestalten sich ihre religiösen Vorstellungen, und über die heimische Gewohnheit, die väterliche Sitte führt das stark und stärker hervortretende persönliche Wesen in immer rascherer Umbildung hinaus. So stetig und in den bestimmten Kreis gebunden sich die Völker des Ostens verhalten, so beweglich, so mannigfaltig, so assimilierend und nach inneren Bestimmungen fortschreitend ist das griechische Leben. Wie unermüdlich ist dies Arbeiten, dies kecke Wagen und Ringen aller Orten, nach allen Richtungen hin; und nicht da oder dort, nicht in dieser oder jener Form ist das eigentlich Hellenische; Sizilien, Jonien, die Dorier, die Inseln, sie alle haben ihren Teil an dem gemeinsamen Werk, sie alle vereint erst sind das Griechentum, wie es bei den Festspielen des olympischen Gottes zu schauen zusammenströmt und sich selber schaut.

Und was ist dies gemeinsame Werk? Es ist das, was in Griechenland zum ersten Male geschichtlich erscheint und da zu einer bewunderungswürdigen Macht gesteigert wird, der Ausdruck eben jenes Fortschreitens, das stets über das Gegebene, über das Jetzt und Hier hinaus dessen idealen Inhalt anzuschauen, auszusprechen, praktisch zu erreichen sucht, um dann von den veränderten Wirklichkeiten aus dasselbe Weiterstreben aufs neue zu beginnen. Nennen wir es Bildung.[8]

Um die Zeit der beginnenden Persermacht tritt diese Bildung in eine neue bedeutende Wendung ein. Die natürliche Grundlage der hellenischen Religionen, wie war sie durch den epischen Gesang dichterisch und mythisch überwachsen und unkenntlich geworden! Aus den natürlichen Kräften und ihrem Wirken waren Helden mit ihren Taten und Leiden geworden; der Mythologie und zum Teil der Religion verlor sich der Zusammenhang der göttlichen Mächte mit den Wirklichkeiten; die erwachende Reflexion begann zugleich jene Mythen als äußerliche Geschichte zu sammeln und zu kritisieren, zugleich nach jenem verlorenen Zusammenhang von neuem zu fragen und ihn außer dem Bereich der Religion zu suchen. Da hatte die Prosa ihren Anfang; es begann die Beschreibung der Völker und ihrer Vergangenheiten, es begann die Naturphilosphie der Jonier, es fand Pythagoras in dem Mysterium der Zahlen, des quantitativen Verhältnisses das Prinzip der Dinge, es fanden die Eleaten das Nichtsein des Seienden. Und zugleich hat die poetische Kunst eine neue, die dramatische, Form gewonnen; sie führt alle jene Gestalten, die einst religiöser Art, dann in den epischen Gesängen zu Bildern der verschönernden Phantasie geworden sind, in unmittelbarer Leibhaftigkeit, als Personen handelnd und leidend dem Schauenden vor Augen, sie durchläuft den ganzen Kreis heiliger Sagen, aber sie verknüpft und gestaltet sie nach neuen Gesichtspunkten, nach ethischen Zusammenhängen; als deren Resultat weist sie die alten heiligen Stiftungen, die Tempel und Feste der Götter, die unvordenklichen Gründungen der Städte, der Stämme und Völker nach; dem, was da ist und was man glaubt, gibt sie den Ansprüchen des höher entwickelten Bewußtseins gemäß eine neue Rechtfertigung.

Denn so weit schon ist man. Was da ist, gilt nicht, weil es ist; es soll sein Recht zu sein und zu gelten gewußt werden; und die Sophistik geht daran, nach allen Seiten der Wirklichkeit hin diesen Anspruch durchzusetzen, nach den letzten Gründen und Zwecken zu forschen. Staatlich versucht sich dasselbe Prinzip in der Demokratie Athens durchzubilden, im vollsten Gegensatz gegen Sparta und dessen auf starre Herkömmlichkeit gegründete Weise; es teilt sich Hellas für und wider die Bewegung; es beginnt ein Kampf, der zum ersten Male in der Geschichte nicht bloß Volk gegen Volk, Masse gegen Masse, sondern Prinzipien widereinander führt. Wohl erliegt äußerlich Athen, aber die Gedanken der neuen Zeit breiten sich unwiderstehlich überall hin aus; die Demokratie, die Aufklärung, die kritisierende Doktrin beginnt das hellenische Leben zu beherrschen.

Es bestehen noch die hellenischen Staaten in mannigfachen Formen, voller Herkömmlichkeit, mit dem Dienst städtischer Gottheiten verwachsen, alte, nur faktische Bildungen, überall der Staat nur in der Form der[9] »Stadt«, das kommunale und staatliche Wesen ungeschieden. Aber über sie erhebt sich die politische Theorie, nicht ohne den Anspruch, die Wirklichkeit umzugestalten, von der sie schon sich soweit entfernt hat, da und dort eindringend, in Kritias, Epameinondas, Dion von momentanen Erfolgen; so wie an die Stelle der alten winkeligen Städte, wie die Zeit und das Bedürfnis sie hat entstehen lassen, sich deren neue erheben mit geraden, breiten Straßen und regelmäßig geteilten Quartieren, ebenso beginnen sich in den Verfassungen die neuen rationellen Bestrebungen geltend zu machen. Es ist die bedeutsamste Wendung in der Entwicklung des Griechentums. Mißverstehen wir jene Zeit nicht; was uns als Grundlage des staatlichen Wesens erscheint, die Freiheit und das Recht des Individuums, das ist in der Griechenwelt als Verderben der guten alten Zeit eingetreten. In dieser hat es sich von selbst verstanden, daß die einzelnen nur um des Staates willen und durch den Staat sind, sie gehen ganz in demselben auf, sie haben keine Möglichkeit selbständiger Existenz außer in ihm; von privaten, von rein menschlichen Beziehungen ist noch nicht die Rede, man ist Bürger und nur Bürger. Dann beginnt die tiefe Umwandlung, die Sophistik und die spätere Demokratie erhebt das Recht des Menschen gegen das des Bürgers, das Interesse der einzelnen gegen das des Staates; der Staat hat nicht mehr die Macht, die voll und ganz sein zu nennen, welche allein seine Ehren und Pflichten haben. Und doch vermag er ebensowenig sich zu einer rein territorialen Bedeutung umzubilden; unter den Einwohnern des Landes der Geburtsadel, als Bürger dieses Landes geboren zu sein, gibt nach wie vor allein die Befugnis, an seiner Souveränität, seinen Herrschaftsrechten, dem Genuß seiner oft einträglichen Ehren teilzunehmen. Schon hat man sich entwöhnt, mit dem Bürgertum die Pflicht der Waffen zu identifizieren; man läßt das Vaterland durch Söldner verteidigen, und das Privatinteresse der beteiligten Bürger, die Furcht vor außerordentlichen Leistungen, vor besonderen Anstrengungen, vor möglicher Auflehnung der Beherrschten, die man rücksichtslos und eigennützig zu bedrücken fortfährt, bestimmt die Politik dieser republikanischen Staaten. Überall empfindet man den Widerspruch zwischen den hergebrachten Verhältnissen und der besseren Einsicht, zwischen den alten politischen Gewohnheiten und Maximen und den neuen Theorien und ihren Forderungen; im Inneren wie nach außen hin sind die Staaten von ihren alten Grundlagen gelöst, ohne deren neue gewonnen zu haben; ein Zustand voller Unruhe und Schwäche, die Geburtsstätte einer neuen Zeit.

Eine Theorie ist es, die diese zu erfassen versucht; sie kehrt mit Bewußtsein zu den alten Grundlagen des Staatslebens zurück. Der Staat ist das Frühere, ist das, um des willen und durch den die einzelnen sind. Aber[10] indem dies Allgemeine fordert, als solches zu gelten und zu sein, erhebt sich der Begriff des Staates zu einer Macht über die schon geltenden Ansprüche der einzelnen, zu einer Abstraktion über der bürgerlichen Gemeinschaft; er ist nicht mehr in der freien und tätigen Mitwirkung aller, er drängt dazu, sich in wenigen oder in einem darzustellen, den anderen das Bestimmtwerden zuweisend; die ein niedriges Gewerbe treiben, sollen ausgeschlossen sein von Amt und Gericht, sollen als unvollkommene Bürger angesehen werden; die Arbeit soll verteilt werden, nicht bloß für die notwendigen Bedürfnisse des Lebens, sondern auch für die Verwaltung des Staates und für das Kriegswesen. In diesen und ähnlichen Sätzen der aristotelischen Politik fühlt man die verwandelte Anschauungsweise jener Zeit; es gilt, Gliederungen innerhalb der Verfassungen zu gewinnen, in denen die natürlichen Unterschiede schon nicht mehr von selbst gelten; die Zeit, da »die Stadt« die letzte politische Einheit, gleichsam die Monade des staatlichen Lebens war, ist dahin, und die demokratische Weise der Zeit, verbunden mit der Ausschließung der Sklaven, der Fremden, macht es unmöglich, neue organische Bildungen im Bürgertum selbst zu gewinnen; jeder Versuch bringt statt Ständen Faktionen hervor. Die Theorie, wie sie aus den alten historischen Bildungen abgeleitet ist, genügt nirgends; die erwachten Bedürfnisse drängen zu anderen Abhilfen. Die neuen Tendenzen wenden ihre Kraft nach der entgegengesetzten Seite hin; jene politischen Einheiten selbst müssen überholt werden von größeren, umfassenderen Allgemeinheiten; von der Stadtverfassung muß emporgestiegen werden zu Staatsverfassungen, innerhalb deren jene selbst zu einer nur kommunalen Selbständigkeit wird, aber so, daß sie im allgemeinen Verband ihr Recht und ihre Garantie hat.

Auf zwei Wegen scheint dies möglich zu sein, durch föderative oder monarchische Bildungen; dies sind die beiden Prinzipien der hellenistischen Zeit. Allerdings ist vom Anfang des Griechentums her die föderative Tendenz unter den mannigfaltigsten Formen hervorgetreten; aber der zersetzende und vereinzelnde Charakter der griechischen Entwicklungen löste die Amphiktyonien, die Festverbindungen, die Stammgenossenschaften auf, oder man fand die Möglichkeit nicht, die Freiheit der einzelnen Politien mit den Anforderungen eines Bundes zu vereinbaren, oder das Bundesverhältnis gab einer einzelnen Stadt den Vorwand zur Hegemonie, die bald an die Stelle gleicher Berechtigung Herrschaft und Untertänigkeit zu bringen verstand; so Athen unter Perikles, so Sparta, seit es Athen bewältigt, so Theben, nachdem es sich erhoben hatte; selbst die zweite Bundesgenossenschaft Athens war nur ein Versuch, die verlorene Herrschaft auf Kosten der neuen Bündner wiederzugewinnen. Die immer neue Herrschsucht trieb immer neue Empörungen hervor; es gab zwischen den[11] Staaten kein Recht außer Vertrag und Gewalt, und der Mangel eines Völkerrechts atomisierte Griechenland.

Und schon hatten die monarchischen Tendenzen festere Gestalt gewonnen. Auch sie haben ihr Vorspiel in den ältesten Zeiten des Griechentums; nach dem Untergang des heroischen Königtums erhoben sie sich da und dort in den Anfängen der demokratischen Bewegung, am geschlossensten und dauerndsten in Sizilien; aber es waren nur Übergangsbildungen; der Tyrann war nicht mehr als der erste, reichste, mächtigste Bürger. Um das zu begründen, was Aristoteles das Allkönigtum nennt, mußte der Staat als Macht in eines einzelnen Hand sein; Alkibiades ahnte, der ältere Dionysios versuchte diese Gestaltung, Thessalien folgte den neuen Bestrebungen. Aber erst in dem altangestammten Königtum Makedoniens, wo keine städtischen Politien die altertümliche Volksweise verwandelt hatten, konnten sie sich vollenden.

Da tritt nun ein merkwürdiger Moment ein. Beide Wege, der monarchische und der föderative, scheinen sich vereinen zu wollen. Philipp überwältigt die zersplitterten Kräfte Griechenlands, dann erweckt er die alte abgestorbene Amphiktyonie von neuem, er vereint die Politien Griechenlands im Synhedrion von Korinth, er läßt sich zum gemeinsamen Feldherrn der verbündeten Griechen ernennen; nach innen selbständig, sollen sie eine Einheit bilden zum Kampf gegen die Barbaren; es scheint endlich, als wenn sich der große Gegensatz der Einheit und Freiheit versöhnen will. Aber Philipps, Alexanders Macht ist zu überlegen, als daß die innere Selbständigkeit der Stadtverfassungen ungefährdet bleiben könnte, der partikularische Trieb in ihnen zu mächtig, als daß sie nicht den nächsten Anlaß benutzen sollten, die Bundesverfassung zu zersprengen. Wie wüst sind die Kämpfe Griechenlands in der Diadochenzeit! Immer wieder ertönt der Ruf zur Freiheit, aber sie hat nirgend mehr eine Stätte, da sie ihre letzte Sicherung und Möglichkeit, die in der Einheit, verschmäht hat. Den alten sporadischen Politien bleibt nichts als Ohnmacht und schmerzliche Erinnerung; das Leben des Griechentums scheint vollkommen erstorben. Aber aus dem verdorrten Stamm, wie ein alter Autor sagt, schlägt an der Wurzel noch ein neuer Trieb aus: im Achaiischen Bund verwirklichen sich endlich jene föderativen Tendenzen; gleiche Berechtigung der verbündeten Städte, Souveränität der Gemeinsamkeit aller und kommunale Selbständigkeit der einzelnen, das sind die Hauptmomente in diesem Bundesstaate, der, der Polypolitie früherer Zeiten gerade entgegengesetzt, die staatsrechtliche Entwicklung der neuen Zeit nach einer Seite hin wohl nicht allein, aber am vollständigsten darstellt.

Gegenüber stehen die monarchischen Tendenzen. Alexanders Eroberungen in Asien haben ihnen Raum gegeben, sich zu entwickeln, das schnelle Zersplittern[12] seines Reiches läßt sie sich in verschiedenen Formen gestalten. Die Literatur gleich nach seinem Tode ist reich an Schriften über das Königtum gewesen; in mannigfaltigster Weise hat sich die Theorie mit den neuen Bildungen beschäftigt, sie beherrscht die derzeitigen Erzeugnisse historischer Phantasie. Ein Königtum an der Spitze eines Volksheeres, die Strategie des hochgebildeten Griechentums hat jene Eroberungen gemacht, makedonische Waffen und griechische Bildung sind die nächsten Stützen der neuen Reiche. Eine unendliche Mannigfaltigkeit von Rechten, Verfassungen, Bildungen, Kulten wird subsumiert unter dem neuen Interesse des Staates, der, ohne aus ihnen hervorgegangen, mit ihnen in natürlicher Weise verwachsen zu sein, in abgesonderter und in sich geschlossener Weise über ihnen ist, der, umgeben von anderen in ähnlicher Weise begründeten Staaten, sich zu ihnen in der Weise der Kabinettspolitik und des Territorialinteresses verhält, in gegenseitiger Anerkennung und Garantie sein Recht hat; – Königreiche, auf stehende Heere gestützt, nach außen und innen als einige staatliche Macht dargestellt, in der alles Recht und alle Anerkenntnis der Zugehörigen zusammengefaßt ist, durch zentrale Administration regiert, deren Ausgangspunkt der Hof und das Kabinett des Königs ist; – und dieser König selbst als die persönliche Darstellung des Staates ein Gegenstand der Verehrung und des Kultus, wie weiland die Stadtgottheiten, in denen die alten Politien die Idee des Staates dargestellt sahen und als präsente Macht verehrten; ein völliger Gegensatz des Staatlichen und Religiösen, die einst ebenso völlig verschmolzen waren.

Wie weit von seinen Anfängen hinweg ist nun der hellenische »Staat«! Er ist sich selbst nicht mehr gleich, aber aus seiner eigenen Entwicklung her hat er sich zu diesen hellenistischen Formen umgestaltet. Die Zeit, da man nur Athener, Spartaner, Tarentiner, nur Bürger sein konnte, ist vorüber, die Sphäre des Privatlebens ist möglich geworden, und die verwandelte Stimmung findet in Epikurs Lehre ihren Ausdruck und Zusammenhalt. Ja in noch umfassenderer Weise sinkt die alte Beschränktheit. Im Anfang war die sprödeste Absonderung der kleinen und kleinsten Stadtgebiete; schon der Bürger der Nachbarstadt war ein Fremder, war ein Feind, soweit nicht besondere Verträge oder heilige Vereinigungen den Frieden schützten. Dann erwachte die Vorstellung des gemeinsamen Griechentums: desto schärfer empfand man den Gegensatz gegen die Barbaren. Noch Aristoteles sagt: sie sind geboren, Sklaven zu sein3; er riet Alexander, die Griechen als Feldherr, die Barbaren als Herr zu behandeln, für jene als für Freunde und Verwandte zu sorgen, mit diesen wie[13] mit Pflanzen und Tieren zu verfahren. Auch dieser, der letzte naturbestimmte Gegensatz mußte sinken. Alexander begann das große Werk; »Allen befahl er«, sagt ein alter Schriftsteller4, »als ihre Vaterstadt die Welt, als deren Akropolis das Lager, als Verwandte die Wackeren, als Fremdlinge die Schlechten anzusehen«. »Und die vielbewunderte Politik Zenons, des Begründers der stoischen Schule«, sagt derselbe Autor, »läßt sich füglich in diese Hauptlehre zusammenziehen: daß wir nicht mehr nach Städten und Gauen getrennt, jeder durch eigene Gerechtsame gesondert wohnen, sondern alle Menschen für unsere Gaugenossen und Mitbürger halten sollen und ein Leben und eine Ordnung sei wie in einer vereint weidenden, auf allgemeinsamer Trift sich nährenden Herde.« Zum ersten Male dehnt sich über die Völker, Griechen wie Barbaren, der Begriff einer Gemeinsamkeit aus, zum ersten Male treten die verschiedenen staatlichen Bildungen auf gemeinsamer Basis, in gegenseitiger Anerkennung zueinander; es zeigen sich die Anfänge eines Staatensystens, dessen Einfluß sich über den Kreis der hellenisierten Welt hinaus geltend zu machen sucht, bis er dann an der universalen Tendenz der römischen Republik seine Schranke und endlich seinen Untergang findet.

Eine parallele Entwicklung, eine ähnliche Befähigung des Griechentums, die allgemeine Potenz zu sein, unter der sich die Völker der Welt vereinigen sollten, finden wir nach allen Richtungen hin.

Die Religionen, sahen wir, waren der umfassendste Ausdruck der Verschiedenheit unter den Völkern und Stämmen. Nirgend erschienen sie von früh her in bunterer Mannigfaltigkeit als bei den Hellenen. Die Ahnung von dem Sein und Wirken der Gottheit, das Bedürfnis teilnehmender göttlicher Providenz, in der Natur zunächst angeschaut, sprach sich in der Gestalt von heiligen Geschichten, von Vorgängen nach der Analogie menschlichen Tuns und Leidens aus. Dann begann jene Verbindung der Stämme, jene Ausbreitung hellenischer Gründungen, das Heimischwerden in neuen Umgebungen; überall wieder fand das fromme Gemüt neue religiöse Anlässe, nahm sie gläubig auf in die lebendige Fülle des schon Geglaubten, und in üppig wucherndem Wachstum rankte und verzweigte es sich weit und weiter.

Aber eben in dieser Überfülle erwachte das Bedürfnis, sie zu sichten und zu ordnen. Stimmen denn auch alle diese Geschichten, diese Genealogien und Theogonien zueinander? Nach der Analogie menschlicher Vorgänge ausgesprochen, werden sie nach demselben Maße betrachtet, geprüft, berichtigt; der Pragmatismus beginnt die historische Seite der Religion aufzulösen, die einst heiligen Geschichten erscheinen als Spiele der Phantasie,[14] als anziehende poetische Bilder, zu neuen poetischen Zwecken verwendbar und bedeutsamer Abänderung fähig. Einst waren sie der menschliche Ausdruck für das, was man sah und wie man es sah, für die Welt, wie man sie begriff; aber reichen sie hin, auf die Frage nach den Gründen des Seins zu antworten? Schon greift die Naturphilosophie über die alten Kosmogonien hinaus, sie sucht die Prinzipien der Welt und damit der Götter, sie findet eine geistige Macht, die einen seienden Stoff gestaltet; aber schnell wird sie überholt; das Seiende wird erkannt als nicht seiend; nur dieses Erkennens ist man gewiß. Man ist auf dem Punkt, die Götter zu leugnen, mit ihnen zu verwerfen, was nur als ihre Satzung oder Gründung gilt; der Mensch ist das Maß von allem. Es ist der gefährlichste Durchgangspunkt der kühnen Entwicklung; sie schreitet unaufhaltsam vorwärts: nicht der Mensch ist das Höchste, sondern das, woran teilzuhaben seine Würde und seine Kraft ist, das Gute, die über alles Werden ewige Vernunft, das Eine, ewig Lebendige, in sich Vollendete, alles Bestimmende, Zweck seiner selbst und Zweck von allem, das nach ihm sich bewegend erst zum Seienden wird5. Das Resultat der griechischen Philosophie war der lauterste, edelste Deismus.

Wie aber dem gegenüber die Volksreligion mit ihren Göttern, ihren Mythen und Sagen, ihren Opfern und Zeremonien? Unmöglich blieb sie ganz unberührt davon; schon die im allgemeinen veränderte Atmosphäre des geistigen und staatlichen Lebens mußte mannigfach auf sie einwirken. Aber unterscheiden wir sorgfältig die verschiedenen Momente im religiösen Leben. Freilich ist da ein positiver Inhalt, der gewußt, an den geglaubt wird, doch nicht bloß um dieses Wissens willen ist die Verehrung höherer Mächte; sie ist ein Bedürfnis des menschlichen Gemütes, es hat seine Ruhe und Befriedigung erst in dieser Hingebung an ein Höheres, wes Namens und Zeichens es auch sei6; ja dies innerste, dies angeerbte und angewöhnte Empfinden bleibt noch in seinem Gleise, wenn auch jenes Wissen auf neue Wege einzugehen, sich von jenem ersten weit und weiter zu entfernen beginnt. Wohl lachen die Athener über die gottlosen Späße der Komödie und bewundern die kecken Reden des Diagoras, aber sie feiern ihre Panathenäen in alter Weise, und die Mysterienfrevler entgehen der heftigsten Strafe nicht. Und selbst die Wissenschaft sucht die Resultate ihrer Forschung immer wieder mit dem Volksglauben zu versöhnen, immer wieder an ihn anzuknüpfen. Sonne, Mond und Gestirne sind göttliche Wesen, aber sichtbare und erzeugte, Kinder des ewigen Vaters, sagt Platon; außer ihnen noch andere Götter, deren Geburt aber zu wissen und zu verkünden[15] über unsere Kräfte geht; man muß sie glauben, weil ihre Söhne und Enkel sie den Menschen gelehrt und von ihnen Zeugnis gegeben haben; nur den Dichtern und ihrer entwürdigenden Darstellung muß man nicht glauben7. Und Aristoteles findet in den Sphären der Gestirne, den zunächst von der ewigen Gottheit bewegten und selbst damit ewigen, jene mehreren Götter, welche von den Urvätern erkannt seien; aber vieles sei mythisch dann angeheftet, zur Überredung der Menge, der Gesetze und des gemeinen Nutzens wegen; den Menschen oder anderen Geschöpfen ähnlich habe man sie gestaltet, und demgemäß anderes und Entsprechendes hinzugefügt8.

Also gerade das, worin das Griechentum seinen eigensten Charakter ausgeprägt hatte, den mythologischen Reichtum der Religion, die persönliche Gestaltung der Götter, verwarf die Wissenschaft. Wohl versuchte die Stoa, durch pantheistische Allegorien dem positiven Inhalt des allgemeinen Glaubens einen Sinn unterzulegen und deutend, begreifend die Empirie heiliger Geschichten in dem wissenschaftlichen Zusammenhang des Systems neu zu rechtfertigen; aber weder vermochte sie sich der scharf und schärfer vordringenden historischen Kritik zu erwehren, noch sich mit den Resultaten der fortschreitenden Naturerkenntnis zu verständigen, und in Verdächtigungen suchte sie die Abwehr des Unabweisbaren9. Wohl versuchte es Epikur, sich ganz zurückziehend in den Quietismus des nur subjektiven Empfindens, den positiven Inhalt des Glaubens zu lassen, wie er einmal war, und, ohne Notiz zu nehmen von den weitertreibenden Resultaten der wissenschaftlichen Entwicklung, ihn gelten zu lassen, eben weil er der allgemeine sei; aber in dem losen indifferenten Verhalten seiner Lehre zu demselben zeigte sich, wie weit bereits das formale Prinzip der griechischen Religion von dem materialen, dem der geistigen Entwicklung, auch in dem allgemeinen Glauben aufgelockert und zersetzt war10. Es war unvermeidlich, daß endlich eine kühne Hand den schon morschen und bodenlosen Bau der ganzen Überlieferung über den Haufen stürzte und damit, wie erschütternd auch der Sturz der alten ehrwürdigen Trümmer[16] sein mochte, der Ansichtsweise, wie sie nun einmal entwickelt war, freies Feld schaffte. Das ist die große Bedeutung des Euhemeros und seiner »Heiligen Geschichte«: die Götter, so weise es vollkommen sichere und dokumentierte Überlieferung nach, seien Menschen gewesen; ihre Verehrung sei teils die Folge wohltätiger Erfindungen, die sie mitgeteilt, teils durch Herrschergewalt erzwungen worden; Zeus sei der mächtige König jener Insel gewesen, Eroberer der Welt, die er fünfmal durchzogen, mit Denkmalen seiner Siege erfüllt habe; dem Äther und nur dem habe er Opfer gebracht, ihn nach seinem Großvater Uranos umgenannt usw.11.

Betrachten wir das Resultat. In der Religion verhält sich der Mensch im Gefühl, im Wissen und Wollen zur Gottheit; auch der Heide hat diese Frömmigkeit, in seinem Gott bei sich selbst zu sein, nach dieser Bestimmung seiner selbst seinen Willen zu betätigen, diese Bestimmung seines Empfindens und Wollens zu wissen und sie nach allen Richtungen und Beziehungen hin zu erkennen. Nur in der Totalität dieser Momente ist die Religion. Wie nun, wenn dem griechischen Heidentum diese Seite des Wissens in vollsten Widerspruch tritt mit jenem Empfinden? Das Empfinden selbst verliert die Bestimmtheit seines Inhalts; es bleibt nur das religiöse Bedürfnis, das jene abstrakten Resultate des Verstandes doch nicht zu erfüllen vermögen. Die väterlichen Götter sind nicht die rechten Ausdrücke für das Göttliche; oder so gut wie diese sprechen auch die Götter der anderen Völker des Göttlichen einen Teil aus; oder die einen wie die anderen sind nur Fassungen derselben höchsten Macht oder Mächte; oder es ist nicht zu wissen, ob nicht da oder dort die Gottheit in wahrhaftiger[17] Gestalt gefunden wird. Da kann Alexander die Götter Ägyptens und Babyloniens mit gleichem Recht anbeten wie die heimatlichen und in dem Gott der Juden dieselbe höchste Macht verehren, die Aristoteles als die ewige, schaffende Vernunft erkannt hat; da kann der Hades von Sinope nach Alexandrien geführt werden und dort als Sarapis Tempel und Dienst erhalten; da ist der Theokrasie freier Raum gegeben, und die Religionen der ganzen Welt, jede einst ihrem Stamm, ihrem Lande der unmittelbare und lokalste Ausdruck, erscheinen nun als Lichtbrechungen einer höheren Einheit, sie werden unter dieser begriffen; sie scheiden nicht mehr die Völker, sondern unter der höheren Einsicht, die das Griechentum erarbeitet, vereinen sie sie. Aber erfüllt denn nun auch dies höhere Wissen den Willen und die Empfindung? Schon lange hat das Wollen und Tun sich aus dem Boden des religiösen Lebens gelöst; Selbstsucht und Eigennutz sind seit der Sophistenzeit die allgemein verständlichen Grundlehren des Handelns geworden, und nur die sich vertiefende Philosophie, nicht die Religion, hat eine edlere Ethik zu erzeugen vermocht; das Wissen, das Wollen scheidet sich aus dem Bereich der hergebrachten Religion. Und das Gefühl? In dem Maße, als man des Heimischen gewiß zu sein aufhört, wendet sich das unbefriedigte Gefühl mit steigendem Eifer dem Fremden, Dunklen, Unverstandenen zu; es mehren sich die orgiastischen Dienste, die Mysterien der Isis, des Mithras gewinnen Eingang, Astrologie, Zauberei, Sibyllenwesen greift um sich. Es beginnt die trübste Zeit im religiösen Leben der Menschheit, man sieht es sich in seine Elemente auflösen. Den einen ist eine bequeme Sittenlehre, Genießen und Unrechtmeiden, anstatt der Religion; andere fühlen im Stolz ihrer Gnosis nicht, daß sie sie entbehren; andere übertäuben durch wüste Orgien, durch Fasten und Kasteiungen den lauten Ruf ihres Herzens. Die still wärmende Herdflamme im Inneren ist erloschen, und man sucht vergebens nach einem neuen Licht, das öde Dunkel drinnen und draußen zu erhellen.

Aber wenn es die höchste Aufgabe der alten Welt war, das Heidentum zu zerstören, so ist es das Griechentum, das zuerst unter den eigenen Füßen den Boden hinweggrub, auf dem es erwachsen war, um dann, zu den Barbaren übersiedelt, aufklärend, durchgärend, zersetzend dort dasselbe zu vollbringen. So durchdringt diese hellenistische Bildung den überwältigten Osten; sie findet bereits den Weg nach dem Westen; Rom, das schon auf dem Wege zu einer neuen Weltherrschaft ist, beginnt seine Literatur mit der Nachahmung der Griechen, der Alexandriner, mit der Übertragung des Euhemeros.

So die beiden Hauptmomente, die staatliche und religiöse Umbildung. Wir müßten alle einzelnen Lebensformen betrachten, um zu begreifen, wie[18] sich an die Eroberung Alexanders eine so unendliche Umgestaltung der Welt hat anknüpfen können. Nur andeuten will ich hier einzelnes.

Überall zeigt sich im Griechentum dasselbe Ablösen vom Heimatlichen und natürlich Bedingten, das Übergehen zu allgemeinen, sozusagen kosmopolitischen Formen. Schon seit dem Sturz der attischen Seeherrschaft und damit der ausschließlichen Handelspolitik, die am Verlauf des Peloponnesischen Krieges einen bedeutsamen Anteil gehabt hat, ist das Verkehrsleben der hellenischen Welt auf die merkwürdigste Weise vervielfacht; mit dem Siege dieser Reaktion gegen die attische Macht gewinnt Byzanz, Herakleia, Kyzikos, vor allen Rhodos12 eine völlig neue Bedeutung, und das westliche Griechentum hat zum erstenmal seine Kriegsschiffe in das Aigaiische Meer gesandt; durch den demokratisierenden Sinn der Zeit gesteigert, beginnt eine Rührigkeit und Weite des spekulierenden Sinnes, eine Konkurrenz neuer und freier Emporien, eine Ausbreitung ihrer Beziehungen zu fernen und fremden Gegenden, kraft deren sich der politische Charakter des hellenischen Lebens auf das merklichste modifiziert; immer mehr tritt der Ackerbau gegen Handel und Fabrikwesen, die Naturalwirtschaft gegen die Geldwirtschaft in den Hintergrund, und die Unabhängigkeit bedeutenden Vermögens gewinnt neben der politischen Berechtigung der Geburt Raum. Diese gewerbliche und kaufmännische Rührigkeit muß man im Auge behalten, um die zahlreichen Städtegründungen Alexanders und seiner Nachfolger richtig zu würdigen.

Überall fühlt man, daß dem gesteigerten und buntbewegten Leben des Griechentums das Heimatliche zu eng wird. Handeltreibend, abenteuernd, als Ärzte, vor allem als Söldner, sind Griechen in alle Welt verbreitet zu finden; schon mit Xenophon haben mehr als zehntausend den Zug gen Babylon gemacht in derselben Zeit, als Ktesias der Arzt am Hofe von Susa hochgeehrt war; seitdem sind griechische Söldner meist die Hauptstärke der persischen Heere; die rhodischen Brüder Mentor und Memnon führen das Perserheer in den schwierigsten Kriegen, dreißigtausend Griechen kämpfen bei Issos für den Großkönig; bis zu seiner Ermordung in den kaspischen Gebirgen begleiten ihn noch viertausend Griechen. Die wilde Zeit der Diadochenkämpfe mehrte nur noch diesen Hang der Griechen zum Soldknechtsleben; überall finden wir sie; in Karthago wie in Baktrien und Indien sind griechische Söldner der Kern der Heere, und die 80000 Mann, die bei der Feier der großen Dionysien in Alexandrien der zweite Ptolemaios in Parade aufziehen ließ, waren fast ausschließlich Makedonen und Hellenen.[19]

Auch die Wissenschaft hat das Ihrige getan, das Griechentum über die Schranken der Heimatlichkeit hinaus zu einer allgemeinen, die Welt umfassenden Kraft zu entwickeln. Schon längst ist die Fähigkeit gewonnen, die Wirklichkeiten nicht mehr phantastisch und hineindichtend anzuschauen; mit dem Interesse der rationellen Betrachtung und der Forschung hat sich das Bedürfnis, den Kreis des Wissens zu erweitern, in gleichem Maße gesteigert; der Unterschied der Bildung von der Unbildung, in seinen Anfängen zur Zeit der Sophisten beschränkt auf das Übergewicht formeller Verstandesentwicklung, hat einen stets sich weiter ausdehnenden Kreis von positiven Kenntnissen aufgenommen und damit ein neues und erfolgreiches Verhältnis zur Empirie gewonnen. Schon Aristoteles ist nicht minder wegen seiner Gelehrsamkeit als wegen seiner philosophischen Tiefe bewunderungswürdig; in ihm sieht man bereits sämtliche Richtungen gelehrter Forschung, welche als das Bezeichnende der sogenannten alexandrinischen Zeit betrachtet zu werden pflegen, Literaturgeschichte, Archäologie, Kritik, Grammatik usw., nicht minder die der induktiven Wissenschaften in vollem Gang. Zugleich ist ein Material gewonnen, an dem man lernend sich zu der Höhe der Bildung zu erheben vermag; denn was ist Unterricht anderes, als den Lernenden die Entwicklungsstufen, welche in langer und mühseliger Arbeit geschichtlich errungen und überwunden sind, in ihren wesentlichen Momenten geistig durchleben zu lassen? Und die griechische Literatur in ihrer wundervollen Reihenfolge, die nun den lernenden Völkern Asiens zugeführt wird, enthält die Typen dieser Entwicklung in vollendeter Ausprägung. So kann die griechische Bildung als Objekt des Unterrichts gebraucht und überliefert werden. Die Kunst des Unterrichtens selbst ist schon systematisch geübt. Das Griechentum ist befähigt, die Barbaren, die Makedonien überwältigt hat, zu lehren und zu bilden.


Was im obigen mit einzelnen raschen Zügen skizziert ist, das muß man sich in seiner ganzen Fülle, Lebendigkeit und Gegenwärtigkeit vorstellen, um die Bedeutung Alexanders und seiner Eroberung richtig zu würdigen und deren Folgen begreiflich zu finden. Die Geschichte hat nichts Ähnliches aufzuweisen.

Die Barbaren, die Alexander bewältigte, wie wenig Barbaren waren ihrer die meisten! Bis jenseits des Tigris Völker von unvordenklicher Erinnerung, von altberühmten Literaturen und Kunstentwicklungen, von überreicher, selbst durch das Joch der Perserherrschaft nicht völlig ertöteter Kultur. Hatten nicht mit Mühe und spät erst die Hellenen gegen die gewandten Handelsleute von Sidon und Tyros zur See Bedeutung gewonnen? Stammte ihnen nicht Maß und Gewicht aus Babylon, von dessen[20] Pracht und Reichtum noch Herodot mit Staunen berichtete? Waren nicht noch Platon und Eudoxos gen Ägypten gewandert, um von den Priestern dort tiefere Weisheit zu lernen? Gar manche lehrten, dorther sei den Griechen gekommen, was sie von göttlichen und menschlichen Dingen wüßten. Dann weiter jenseits des Tigris hinter dem Saum trotziger, unbewältigter Bergvölker die weiten Landschaften der Meder und Perser, die ihre alten heiligen Bücher zu Ansiedlung und Fleiß und zum Kampf für das Reich des Lichtes, dem die Welt erworben werden soll, verpflichteten. Dann die alten Kulturländer am Oxos und Jaxartes, dann die erstaunliche Herrlichkeit der indischen Welt mit ihrer Kunst und Poesie und der schon begonnenen Mannigfaltigkeit religiöser Philosopheme. Wohl hat Alexander auch zahlreiche Stämme gefunden, die er erst an Ansiedlung und geordnetes Leben zu gewöhnen versuchte, aber das Vorherrschende ist, daß die Bildung des Griechentums nicht zu rohen Barbaren, sondern zu Völkern von alter, eigentümlicher Kultur kommt, diese nicht vernichtet, sondern staunend sie auffaßt und mit sich in Einklang zu bringen sucht.

Und eben dies Verhältnis ist es, zu dem die spätere Geschichte nirgend eine Analogie aufzuweisen hat. Denn wo Rom nicht gegen Barbaren kämpft, nimmt es selbst begierig die anerkannt höhere Bildung der Besiegten auf. Als Barbaren dringen die Germanen in das römische Reich, mit dem Christentum und in ihm empfangen sie den geretteten Rest der Bildung der antiken Welt. Auch die Araber entwickeln sich erst in Berührung mit der Bildung, die sie im Sassanidenreich, in den Provinzen des griechischen Kaisertums, in Indien vorfinden. Viel mehr noch die Mongolen, die Türken, die Normannen. Selbst das ritterliche Abendland entzündet sich erst an der überreichen Kultur der sarazenischen Welt, und doch durchdringen sich beide weniger, als sie sich abstoßen. Vor den Kolonisationen des neuen Europa ist die Bevölkerung Amerikas hingeschwunden, und die noch ähnlichsten Verhältnisse des heutigen Indiens entbehren doch der Hauptsache, daß sich die erobernde Macht ganz und rückhaltlos dem neuen Lande hingäbe, in ihm aufginge.

Es ist eben nur einmal so geschehen. Es treten im Hellenismus, eben in diesem merkwürdigen Verhältnis der Sieger und der Besiegten, die eigentümlichsten Erscheinungen hervor. Ihnen näher zu treten, ist um so schwieriger, da dem Mangel an Überlieferungen nicht einmal das belehrende Beispiel analoger Verhältnisse zu Hilfe kommt. Wir werden mehrfach hypothetische Kreise ziehen müssen, zufrieden, wenn da oder dort eine vereinzelte Nachricht in diese Linie fällt und sie bestätigt.

Die Perserherrschaft, die zwei Jahrhunderte auf dem Morgenlande gelastet, hatte vor allem das Eigentümliche, daß die Einheit des Reiches[21] eine rein mechanische war; nur Unterwerfung wurde gefordert, sonst blieb das Nationale. Die Perserherrschaft war eben oberflächlich genug, den Verlust der Unabhängigkeit nie verschmerzen zu lassen; daher stete Empörungen da und dort, gestraft wohl mit Hinwegführung, mit Vertilgung der Völker. Nie ist eine Herrschaft zu herrschen unfähiger gewesen als diese militärisch-patriarchalische der Perser. Nur das Gewaltrecht in seiner völligen Rohheit hat sie gegründet; nur die nüchterne Kraft der siegreichen Horde und die rücksichtslose Hingebung an den Häuptling Großkönig erhält sie. Bald entartete dies Königtum, dies Perservolk im Genuß übermächtiger Herrschaft; die Satrapen wurden wie Könige in ihrem Gebiete, sie herrschten mit vollster Willkür, ohne Verantwortung, nur ihrer Lust und Laune fröhnend. Neue, heftigere Empörungen der Nationen wurden mit größerer Mühe und desto blutiger unterdrückt. Es war ein hoffnungsloser Zustand, solange nicht Hilfe von außen kam.

Da erschien Alexander. Er hätte mit seinem kleinen Heere selbst siegend nichts erreicht, wenn in den Völkern auch nur die geringste Hingebung an die persische Herrschaft gewesen wäre. Aber eben darum war es unmöglich, daß mit dem Siege nur etwa der Name der Herrschenden verändert wurde; Alexander mußte in ein anderes, positives Verhältnis zu den alten Nationalitäten Asiens treten. Nicht die alte nationale Unabhängigkeit konnte in dem neuen Reiche wieder hergestellt werden; sie war in sich gebrochen und damit unmöglich; aber es mußte eine Form gefunden werden, die das noch Lebendige in ihr auffaßte und weiter führte. Wir sehen den König den Göttern in Babylon und Memphis opfern nach der Weisung der heiligen Kasten, sehen ihn sich verschwägern mit den Fürsten Baktrianas, mit dem Königshause Persiens; in Susa feierten mit ihm seine Feldherren und unzählige vom Heer Hochzeit mit asiatischen Weibern. Unzählige Griechen und Makedonen wurden durch Asien hin angesiedelt, asiatische Jugend in makedonischen Waffen geübt und zum Heer genommen. Der Westen und Osten sollte zu einem Volk verschmelzen und in dieser Vereinigung jede Nation, je nach ihrer Eigenart hellenistisch weitergeführt, durch den neu belebten und gesicherten Verkehr nach allen Richtungen hin bereichert, durch geordnete und gesetzliche Verwaltung ihres Eigentums, ihres Erwerbes und Rechtes gewiß, Ersatz für jene alte starr sondernde Unabhängigkeit finden, die für die verwandelte Welt nicht mehr geeignet war.

Aber Alexanders Tod unterbrach das begonnene Werk. Das Reich zerfiel in ungeheuren Kämpfen; das königliche Haus ward mörderisch ausgetilgt; die Satrapen und Feldherrn versuchten sich unabhängige Herrschaften zu gründen; in endlos wechselvollen Kriegen erlag einer dem andern; Griechenland schwankte von einer Partei zur andern, Makedonien[22] wechselte in rascher Folge die Herrscher; die Invasion der Gallier drang zerstörend über Makedonien und Thrakien, warf sich nach Kleinasien hinüber; die Heimat der welterobernden Macht, der weltumgestaltenden Bildung, Makedonien und Griechenland, war in staatlicher Beziehung zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken.

Aber unter allen diesen Wirren, ja eben durch sie gefördert, gewann der Hellenismus an Umfang, Begründung und Mannigfaltigkeit. Um das Ende der Diadochenzeit finden wir die Ineinsbildung des Griechisch-Makedonischen und des Morgenländischen bereits in allen wesentlichen Momenten sich darstellen, in neuen Mittelpunkten des geistigen und staatlichen Lebens sich fixieren; Makedonien erhebt sich von neuem, wenn auch in beschränkterem Kreise und nach der Weise der neuen Zeit, auch Griechenland versucht sich in neuen politischen Gestaltungen. Nur das Griechentum in Italien und Sizilien, fast unberührt von den Bewegungen des Ostens, versinkt nach den vergeblichen, aber in der Tat großartigen Plänen des Agathokles tief und tiefer, um bald gänzlich zu erliegen.

Treten wir endlich dem einzelnen näher. Auf welche Weise ist das Eindringen des Hellenischen und Makedonischen in den Orient vermittelt worden?

Es wird unbedenklich sein, als das wichtigste Moment die Städtegründungen Alexanders und seiner Nachfolger hervorzuheben; in staunenswürdiger Zahl finden wir sie bis in den fernsten Osten hin; Alexander allein gründete nach einer nachweislich nicht zu großen Angabe über siebzig Städte. Nur bei wenigen wird kurz bezeichnet, wie er sie bevölkert; noch sparsamer sind die Angaben bei den Gründungen der Nachfolger. Was sich als allgemeines Resultat herausstellt, ist etwa folgendes:

Das Charakteristische der Barbaren ist es, ohne städtisches Gemeinwesen zu leben; sie haben keine Städte, sondern Ortschaften; wie ungeheure Ausdehnung diese auch haben, wie mächtig ummauert sie auch sein, durch Gewerbe und Handel blühen mögen, sie haben kein politisches Systema; sie sind entweder stehend gewordene Hoflager, oder um heilige Tempel zusammengehäufte Massen, oder ungeheure Marktflecken, oder was sonst immer, nur Städte nicht, wie sie der Grieche meint. Die Eigentümlichkeit des Griechentums ist dagegen die Stadt, die Politie13; in dieser Form hatte sich die unbeschreiblich reiche Ausbreitung des griechischen Lebens während vier und mehr Jahrhunderten entwickelt; jede Kolonie[23] war eine neue städtische Organisation, ein Ausgangspunkt neuer gleich lebendiger Gemeinwesen. Diese Form war es, die Alexander zur Durchführung seiner Pläne vor allem aufgriff, und es ist bezeichnend, daß Aristoteles eine Schrift: »Alexander oder über Kolonien« schrieb.

Alexanders Absicht bei diesen Gründungen war weder ausschließlich noch vorherrschend militärischer Art; ebenso bestimmt tritt die Absicht hervor, durch neue Emporien dem erweckten Handelsverkehr stetige Richtung zu geben, unter politisch unentwickelten Stämmen Mittelpunkte fester Ansiedlung zu schaffen; die Diadochen und Epigonen haben mehr oder weniger in seinem Geiste das Werk fortgeführt; in den städtischen Gründungen ist die rechte Basis des Hellenisierens.

In der Regel schließen sich die neuen Gründungen an schon bestehende Ortschaften an; häufig werden beieinander liegende Orte in die neue Stadt zusammengezogen. Über die Assignation des städtischen Gebietes fehlen nähere Angaben; nach der Analogie von Magnesia scheint angenommen werden zu dürfen, daß den neuen Bürgern Ackerlose ohne Zehnten angewiesen wurden. Angesiedelt werden von Alexander zunächst Veteranen des Heeres, sowohl Makedonen wie Griechen, aber es beschränkt sich die neue Einwohnerschaft keineswegs darauf; namentlich werden Landeseingeborene mit hineingezogen, und sicher ist auch fremden Nicht-Hellenen die Aufnahme gestattet, wie denn von Alexander und später namentlich den Juden überall Zutritt gewährt wird. Allerdings finden sich einzelne Gründungen, die sich auszeichnend Makedonen, Achaier usw. nennen; aber das Vorherrschende ist, daß sich eine buntgemischte hellenisch-makedonische Bevölkerung mit einer einheimischen zusammenfindet.

Zahlreiche Beispiele lehren, daß in solchen Städten dann eine Politie nach Art der hellenischen eingerichtet ist. »Rat und Volk« werden genannt, sie verhandeln und dekretieren in ähnlichen Formen, wie es in den demokratischen Griechenstädten üblich ist. Als Beispiel mag Antiocheia am Orontes genannt werden; der Demos der Stadt ist in achtzehn Phylen geteilt; auf der Agora versammelt man sich zu Beratung und Wahl; der König Antiochos IV. erscheint da wohl als Kandidat, um sich zum Agoranomen, zum Demarchen wählen zu lassen; der Rat der Zweihundert wird wenigstens in späterer Zeit mehrfach genannt.

Schwierig ist die Frage, in welchem Verhältnis die Landeingeborenen in diesen Städten zu der Politie standen. Sind sie gleichberechtigte Bürger?[24] Sind sie Metoiken? Oder bilden sie wie im Agrigent der Römerzeit als incolae den cives gegenüber ein besonderes genus? Das Verhältnis scheint nicht überall dasselbe gewesen zu sein. Nach Alexanders Plänen darf man vielleicht annehmen, daß er sie zu gleichem Recht aufgenommen wissen wollte, natürlich mit der Bedingung, daß sie sich der Sprache und Sitte der Zivität anschlossen; erst dadurch konnte die Verschmelzung vollständig werden. Im pisidischen Apollonia nennen sich noch spät die Bürger: Lykier und Thraker. Für die seleukidischen Gründungen gibt Seleukeia am Tigris ein entscheidendes Beispiel; dort wohnen viele Makedonen, sehr viele Griechen, aber auch nicht wenige Syrer waren eingebürgert; die Häupter der Stadt sind die dreihundert Deiganen, ein Name nicht syrischen, sondern persischen Ursprungs. Das Entgegengesetzte findet sich im ägyptischen Alexandrien; dort bestand die Bevölkerung mit Ausschluß der sehr zahlreichen kasernierten Truppen aus den eigentlichen Alexandrinern, einer Mischung aus den verschiedensten hellenischen Gegenden, in Phylen und Demen geteilt, und aus dem einheimisch ägyptischen Volk; es mochte, da die Kastenverfassung als bürgerliches Institut in Geltung blieb, eine Zuziehung der Ägypter zu dem hellenischen Bürgertum unzulässig erscheinen. Daß nicht etwa schon von Anfang her in Ägypten gegen die Nichtgriechen eine stärkere Absonderung als anderswo stattfand, erkennt man aus der Übertragung des hellenischen Bürgerrechts an die Juden. Auch sonst noch hat Alexandrien lehrreiche Eigentümlichkeiten; da ist kein Rat neben dem Demos; nicht der Demos berät über das der Stadt Nützliche, der Exeget steht an der Spitze, der offenbar so wie der Oberrichter ein königlicher Beamteter ist. Doch ist es sehr zu bezweifeln, daß dies die von Anfang her bestehende Verfassung der Stadt war.

Es lag in der Natur der Sache, daß in diesen Städten das Hellenistische die offizielle und Verkehrs-Sprache wurde; kamen geeignete Regierungsmaßregeln hinzu, wie wir deren für Ägypten kennen14, so mußte allmählich die heimatliche Sprache in den Städten überwunden und wenigstens in den zahlreich kolonisierten Landschaften auf das flache Land zurückgedrängt werden15; in den Ländern bis zum Tigris hin ist dies Sprachverhältnis[25] in verschiedenen Abstufungen nachweisbar. Weiter im Osten sind vorherrschend nur gewisse Striche reich mit derartigen Gründungen versehen; so Medien und die Straße durch die Kaspischen Pforten gen Osten, gewisse Gebiete von Sogdiana, der Süden Baktriens und das Land von Kabul und überhaupt ringsum die Abhänge des Paropamisos, endlich das Land am Indus. Leider entziehen sich diese Gebiete früh einer genaueren Beobachtung. Alle diese neuen Städte, wie entschieden auch bei denen des Seleukidenreiches namentlich die Bewaffnung der Bürger hervortritt, mußten in ihrer griechischen Bevölkerung einen überwiegend gewerblichen und merkantilen Charakter gewinnen; wenn in Ländern wie Mesopotamien oder Syrien statt der bisherigen unsteten und zum Teil beduinenartigen Weise nun ein reiches städtisches Leben erstand, wenn in dem dichten Beieinanderwohnen sich die Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse und die Möglichkeit, sie zu befriedigen, in gleichem Maße steigerte, wenn in diesem schnelleren Umsatz und zugleich in der seit Alexander unglaublich vermehrten Masse des kurrenten, in dem unermeßlichen Reich dem Münzsystem nach einheitlichen Geldes sich überhaupt der Wohlstand und damit die Annehmlichkeit, der Wert, die ganze Richtung des Lebens erhöhte, so sieht man wohl, wie tief eingreifend die Veränderung ist, welche die hellenistischen Gründungen hervorbrachten, und wie sich mit ihnen förmlich die Atmosphäre des morgenländischen Lebens umgestaltete. In den Städten bildete sich dann von selbst jene Ausgleichung hellenischer und einheimischer Gottheiten, Feste, Zeremonien, welche allmählich die spezifische Bestimmtheit der einen wie der anderen aufheben mußte. Und überall begegnen wir einer eigentümlichen Gattung von Mythen, bestimmt, die Gegenwart an den alten Zusammenhang hellenischer Mythen anzuknüpfen; bald ist es Io, die auf ihren Irrwanderungen gen Antiochien oder Gaza gekommen ist, bald ist es Orestes, von dessen aufhörender Raserei das Amanosgebirge den Namen führt und der nach Laodikeia am Meere den Stein der Artemis gebracht hat; dann wieder sollen die Euergeten in Ariana den Namen davon führen, daß die Argonauten bei ihnen friedlich Winterrast gefunden, oder Triptolemos nach seinem Sohne Gordys die Gordyäer am Tigris genannt haben, oder Arbelos der Athmoneer, aus der attischen Phyle Kekropis, der Gründer von Arbela sein, dann wieder das arabische Volk der Deben (in der Nähe von Medina) darum unter allen Fremden den Boiotern und Peloponnesiern allein freundlich sein, weil in alten Stammsagen ihre Verbindung mit Herakles beglaubigt ist usw. Überall sucht man über die naheliegenden geschichtlichen Anfänge hinaus unvordenkliche[26] Zusammenhänge zu gewinnen; man will in der Gegenwart nicht das Resultat der wirklichen Geschichte sehen, man sucht eine andere Sanktion für das Bestehende. Der Hellenismus selbst lokalisiert sich; in Sprache, Religion, Sitte beginnt er sich je nach den bedingenden Mischungsverhältnissen zu unterscheiden. Auch der Staat vermag sich nicht lange diesen Einflüssen zu entziehen; je länger je mehr erhebt sich das ethnische Moment im Bereich des Hellenismus. Gerade das Freiwerden von den lokalen und nationalen Einflüssen, diese geistige Freiheit und Allgemeinheit, die die höchste Errungenschaft des Griechentums war, scheint sich aufzugeben, nur in erhöhter Potenz das altnationale, heidnische Wesen wieder aufzutreten. Wir werden sehen, wie diese merkwürdige Reaktion, in den mannigfachsten Gestaltungen auftretend, die Entwicklung der nächsten Jahrhunderte bestimmt, ja die innere Geschichte des Hellenismus selbst ist.

Verkennen wir es nicht, die Art, wie Alexander seine Eroberungen, die Einheit seines Reiches zu begründen versuchte, machte diesen Fortgang unvermeidlich; schon das Zerfallen der Monarchie, das mit seinem Tode begann, war im innersten Grunde eben durch die Unmöglichkeit, bei so mannigfachen Elementen der Mischung eine in sich gleichmäßige Gestaltung des Neuen zu erzielen, bedingt; der Hader seiner Feldherrn und ihr Kämpfen um den Besitz des ganzen Reiches gab nur den äußeren Anlaß zu jener divergierenden Entwicklung, die sich dann in dem Gegensatz des Seleukiden- und Lagidenreiches als in ihrer nächsten Form aussprach. Nicht als ob das eine oder andere einen nationalen Charakter angenommen hätte, vielmehr werden beide in ihrer Ausdehnung und inneren Stärke in demselben Maße gemindert, als das Nationale Raum gewinnt; aber in der inneren Gestaltung und im Verhalten des Königtums zu den Völkern bilden sie einen Gegensatz, der maßgebend wird für die Politik der gesamten hellenistischen Welt.

Betrachten wir zunächst die Herrschaft der Lagiden. Sie hatte den großen Vorzug, daß die Grundlage ihrer Macht ein entschieden abgeschlossenes und für den Weltverkehr wie in politischer und militärischer Beziehung höchst günstig gelegenes Land war; Ägypten war allein in den wüsten Kämpfen der Diadochen so gut wie nie vom Kriege berührt worden; vom Tode Alexanders an hatte Ptolemaios das Land ununterbrochen innegehabt und mit der großen und umfassenden Klugheit, die ihn auszeichnet, geleitet; er übergab seinem Sohne das Reich vollkommen befestigt, wohlgeordnet, im höchsten Grade blühend.

Die alten Verhältnisse Ägyptens waren von Alexander und Ptolemaios im ganzen belassen, wie sie noch bestanden; es blieben die hierarchischen Ordnungen und das Kastenwesen, es blieben die alten Götter und ihr Dienst ungestört; es blieb die alte Nomeneinteilung des Landes, die einst[27] Sesostris gegründet haben sollte und welche mit der agrarischen Teilung des dichtbevölkerten Landes wesentlich zusammenhing. Aber wie war denn dies Alte selbst? Schon seit der Zeit der Saïtendynastie, noch mehr unter der Perserherrschaft und bei den wiederholten und immer wieder niedergebrochenen Empörungen Ägyptens mußte die alte Hierarchie vielfach anbrüchig geworden sein; die stete und lebhafte Berührung mit den Fremden, die teils in eigenen Städten, teils durch das ganze Land hin zerstreut unter den Ägyptern wohnten16, brachte notwendig eine weitere Auflockerung der alten Verhältnisse hervor; von den Kriegerkasten ist bei der makedonischen Eroberung keine Spur mehr vorhanden. Es ist keine Frage, daß das Land einer vollkommen neuen und durchgreifenden Organisation bedurfte.

Schon Alexander hatte die Notwendigkeit erkannt, in Ägypten mit besonderer Vorsicht zu Werke zu gehen; je zäher die alten hierarchischen Ordnungen sich erhalten hatten und für alle religiösen und sozialen Verhältnisse der einheimischen Bevölkerung immer noch durchaus maßgebend waren, desto mehr mußte der königlichen Verwaltung ein geschlossener und durchgreifender Charakter gegeben werden. Die zahlreichen Urkunden aus der Lagidenzeit gewähren einen ziemlich vollständigen Überblick über die neue Ordnung, die eingeführt wurde.

Der Typus derselben ist die militärische Monarchie und innerhalb derselben die durchgeführte Teilung amtlicher Befugnisse, die bis in die niedrigsten Sphären ausgebildete Stufenfolge derselben. Im Prinzip ist Administration, Gerichtswesen, Finanz vollständig gesondert, und erst an der höchsten Stelle laufen alle diese Zweige zur konzentriertesten Königsgewalt zusammen, die natürlich alle legislative Befugnis allein besitzt.

In der Natur der Sache liegt es, daß die militärischen Stellen eine überwiegende Bedeutung haben. Die durch das ganze Land hin verteilten Garnisonen und Militärkolonien dienen vorzüglich zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung, und ihre Befehlshaber erscheinen daher als polizeiliche Behörde. An der Spitze dieser militärisch-exekutiven Gewalt steht der Epistrategos, der Obergeneral, wahrscheinlich je einer für die Thebais, die Heptanomis, Unterägypten usw.17, er hat die gesamte Militärmacht der[28] in seiner Epistrategie begriffenen Nomen unter seinem Befehl; der Chef seiner Kanzlei ist der Epistolograph. Unter ihm zunächst sind die Strategen der einzelnen Nomen mit dem analogen Amtsbereich in denselben, von denen ein jeder an der Spitze seiner Kanzlei den Grammateus der Truppen, unter seinem Befehl die Hipparchen, Hegemonen, Phrurarchen seines Nomos hat. Wenigstens in späterer Zeit werden diesen Offizieren bis zum Epistrategen hinauf nicht selten auch andere Ämter namentlich der Zivilverwaltung übertragen.

Die Zivilverwaltung ist, wie es scheint, für die gesamte Epistrategie in einer Person vereinigt, in derselben, welche das oberste Militärkommando hat; tiefer hinab teilen sich die Funktionen. In jedem Nomos finden wir den Strategen für die polizeilichen Verhältnisse, den Nomarchen für die Administration, den Epistates an der Spitze des Gerichtswesens, den königlichen Grammateus an der Spitze des weitläufigen Kanzlei- und Katasterwesens, den Agoranomos endlich für alle diejenigen Verhältnisse, die sich auf den öffentlichen Verkehr besonders der zahlreichen Fremden (Griechen) im Lande, welche weder zum Heerwesen noch zu einer hellenischen Politie noch zu den ägyptischen Kasten gehören, bezogen; nur die Juden haben in dem Ethnarchen eine eigene Obrigkeit. Innerhalb der Nomen wiederholt sich die Teilung der Ämter für die einzelnen Ortschaften (Komen) und Reviere (Topen). Wir finden den Epistates der Kome (vielleicht den Ortsrichter), den Ältesten der Korne, den Komogrammateus. Und aus den Revieren kennen wir wenigstens den Epimeleten und den Topogrammateus.

Die Jurisdiktion ist dem Wesentlichen nach auf die alten Landesgesetze, gegründet; diese können um so mehr in Geltung bleiben, da die Fremden teils im Heerdienst und damit unter der Militärjustiz des Strategen und Epistrategen sind, teils in abgesonderten Politien leben, teils eben als Fremde angesehen werden. Ganz nach ägyptischem Recht, soweit dasselbe nicht durch königliche Prostagmen modifiziert ist, wird bei den Laokriten verfahren; natürlich nur privatrechtliche Prozesse gehören vor ihr Forum; doch steht es den Ägyptern auch frei, ihre Sachen bei den griechischen Gerichten zu verfolgen. Der Epistates des Nomos, der Korne ist schon erwähnt worden; in den noch vorhandenen Akten eines Prozesses urteilt der Epistates des Nomos mit seinen Beisitzern, lauter Nicht-Ägyptern;[29] jede der beiden Parteien hat einen Sachwalter, nach deren Auseinandersetzung das Urteil mit Anführung der Entscheidungsgründe gesprochen wird.

Ein besonderes Institut ist das der Chrematisten, das Ptolemaios II. eingerichtet haben soll, um die weitläufige Berufung der Parteien nach der Metropolis (des Nomos, wie es scheint) zu vermeiden; es ist ein wandernder Gerichtshof, der in den ihm zugewiesenen Nomen umherzieht und richtet; zu seiner Kompetenz werden besonders die Kriminalsachen gehört haben.

Ganz abgezweigt von der übrigen Verwaltung ist die Finanz; an ihrer Spitze steht in den einzelnen Nomen ein Beamteter von hohem Rang. An ihn gehen die verschiedenen Einkünfte, sowohl die aus den Domänen, als die Konfiskationen, die Nilzölle, die Abgaben, die Pachtzahlungen der Steuerpächter; die ganze Leitung des Königlichen »Tisches«, wie die Hauptkasse genannt wird, steht unter ihm. Er ressortiert unter das Kollegium der Schatzmeister in Alexandrien; dem Dioiketes in Alexandrien, sowie in den Nomen den Hypodioiketen stehen die Auszahlungen zu.

Natürlich ist Alexandrien das Zentrum der gesamten Regierung; ein Synhedrion oder Staatsrat versammelt sich auf Befehl des Königs und meist unter seinem Vorsitz; von dort aus erhalten die Epistrategen, Strategen usw. ihre Befehle durch den königlichen Epistolographen. Der Wille des Königs ist in keiner Weise verfassungsmäßig gebunden; er ist die Spitze des militärisch-monarchischen Staates. Nur in den stehenden Truppen, den »Makedonen«, hat er eine Art von Schranke; sie sind in ihrer Gesamtheit in diesem Reiche, das noch immer als ein Heerkönigtum angesehen wird, was in dem alten Makedonien die Heeresversammlung den Königen gegenüber war; sie haben das Recht und die Pflicht des Heerdienstes; der Erbe des Reiches wird durch ihre Thronerhebung erst anerkannt; sie haben ihre Versammlungen und Beratungen, sie behaupten das Recht der Isegorie, welches ihnen Alexander selbst einräumte. Sie heißen und sind meist Makedonen; wenn sich in diesem Heere auch Griechen, Thraker, Galater, Kreter usw. finden, so stehen sie in besonderen Abteilungen und wahrscheinlich mit minderem Recht neben ihnen. Bei dem großen Festaufzug im Anfang der Regierung des Ptolemaios II. zogen 57600 Mann zu Fuß, 23200 Mann zu Pferde in Alexandrien auf; in dem Heere, das im Jahr 200 gegen Syrien ins Feld rücken sollte, waren unter 70000 Mann Fußvolk und 5000 Rittern 30000 Mann Fußvolk und 700 Reiter »Makedonen«.

Eine Verbindung makedonischer und persischer Hofsitte ist die merkwürdige Rangordnung aller im königlichen Dienst Stehenden; nicht leicht wird nur eine irgend bedeutendere Stelle im Zivil oder Militär offiziell bezeichnet[30] ohne die Beifügung dieses Ranges. Die höchste Klasse ist die der Verwandten – die Epistrategen, die Epistolographen gehören zu dieser –, dann folgen die Archisomatophylakes, die Ersten Freunde, die Freunde, die Diadochen des Hofes usw. Ob auch Ägypter unter den ersten Königen mit diesen Auszeichnungen beehrt worden, ist zweifelhaft. Um sich das Bild des ägyptischen Hofes zu vervollständigen, muß man sich eine bedeutende Reihe von Hofämtern, Oberschenk, Oberjägermeister, Oberküchenmeister, Oberbootsmann usw., ferner ein eigentümliches Hofzeremoniell, eine auszeichnende Hoftracht usw. hinzudenken.

So steht allerdings zunächst das makedonisch-griechische Wesen, das der Hof und das Heer vertritt, schroff dem heimatlichen gegenüber. Aber schon in der dargestellten Verfassung sind einige Momente, welche eine allmähliche Vermittlung zu bewirken beabsichtigen; überall sonst erkennt man das entschiedene Bemühen, die Scheidung mehr und mehr aufzuheben und die Ägypter in die Interessen des Griechentums hereinzuziehen. Die Zahl neuer griechischer Städte in Ägypten ist gering18; man zieht es offenbar vor, die Griechen frei und ohne abgeschlossene Politien zwischen den Ägyptern leben zu lassen. Natürlich wird das Griechische die Sprache aller Verhandlungen vor den nicht-ägyptischen Behörden, aber man begnügt sich mit ägyptisch geschriebenen Kontrakten usw., sofern sie nur behufs der nötigen Abgaben der Behörde präsentiert und griechisch kontrasigniert sind19. Bald finden wir Griechen, die Ägyptisch lernen, Ägypter, die zu ihrem einheimischen Namen einen griechischen hinzufügen, die in das stehende Heer aufgenommen werden, die bis zu den höchsten Stellen der Verwaltung emporrücken.

Besonders wichtig mußte in dieser Beziehung das Verhalten zu der Hierarchie und der Landesreligion sein. Die Priester des Landes hatten schon unter den Saïten viel von ihrem Einfluß auf die Regierung des Landes eingebüßt, und wenn unter der Perserherrschaft Ägypten 700 Talente, noch einmal so viel als ganz Syrien mit Einschluß von Phoinikien und Palaistina, Tribut zahlen mußte, so sind unzweifelhaft die Priesterherrschaften, in deren Besitz der dritte Teil des Grundeigentums war, vor allem besteuert gewesen; sie sind bei den wiederholten Empörungen wohl auch mit Verkürzung ihrer Tempelgüter gestraft worden, – und um so lebhafter[31] war der Haß gegen die überwältigten Perser20. So bot sich den Ptolemaiern ein sicherer Weg, sich mit den Priesterschaften Ägyptens die Stimmung des Volkes zu gewinnen und die militärische Beherrschung des Landes mit der hierarchischen zu ergänzen. Nicht so, daß sie den Priestern die Fülle ihrer ehemaligen politischen Bedeutung zurückgaben, sie hoben jene Lieferungen und Tribute nicht auf; die Priester haben sowohl Geld als Getreide, Wein, Leinwand an den Schatz zu liefern; die heiligen Geschlechter müssen alljährlich selbst nach Alexandrien kommen, ihre Naturallieferungen zu überbringen. Aber auf der andern Seite widmen die Könige den Tempeln und Priesterschaften mannigfache Sorge, geben ihnen gelegentlich von den säkularisierten Tempelgütern zurück, erlassen ihnen rückständige Abgaben, weisen neue Einkünfte an; nur durch ihre Zuschüsse kann der zum Teil kostspielige Dienst der Götter erhalten werden. Gleich nach seiner Übernahme der Satrapie streckt Ptolemaios zum Begräbnis des Apis fünfzig Talente Silber vor; im Namen des Königs Philipp, des Königs Alexander ließ er die von den Persern zum Teil verwüsteten Tempel in Karnak, Luksor und anderen Orten wiederherstellen, wie es die hieroglyphischen Inschriften bezeugen; seine Nachfolger folgen seinem Beispiel, namentlich Ptolemaios III. baute jenen herrlichen Tempel von Esne mit der hieroglyphischen Darstellung seiner großen Siege. Wie die Kunst der Ägypter, so wurde auch ihre Wissenschaft geehrt und gefördert. Im Auftrag Ptolemaios' II. schrieb Manethon der Archiereus aus den alten Monumenten die Geschichte Ägyptens. Demselben König dedizierte der Hierogrammateus Melampus mehrere Schriften, die aus den heiligen Tempelarchiven bearbeitet waren21. Schon unter Ptolemaios I. waren viele Griechen nach Theben gereist und hatten über die ägyptische Geschichte und Altertümer dort Forschungen gemacht.

Die Spitze dieser Verbindung war die Übersiedlung des Zeus Hades aus Sinope nach Alexandrien. Ptolemaios Soter, so wird erzählt, sah im Traum den Gott, der ihm gebot, sein Bild aus dem Pontos zu holen; die ägyptischen Priester verstanden den Traum nicht zu deuten, aber der Eumolpide Timotheos von Eleusis, der als Exeget zur Stiftung eleusinischer Mysterien nach Alexandrien berufen war, erkundete, daß dieser Gott in Sinope verehrt werde, ihm zur Seite das Bild der Persephone. Dann wurden[32] Boten nach Delphoi gesandt, und der Gott befahl, sie sollten seines Vaters Bild nach Alexandrien bringen, das seiner Schwester zurücklassen. Nach wunderbarer Fahrt kam der Gott nach Ägypten; Timotheos der Exeget und Manethon der Archiereus erkannten, daß der Gott Sarapis sei, der Osiris des Totenreiches; an jener Stelle, wo seit alten Zeiten Sarapis und Isis verehrt wurden, ward der neue Tempel mit großer Pracht errichtet. Der griechische Gott und die ägyptische Göttin wurden fortan gemeinsam verehrt. Aber war der Gott von Sinope eine griechische Gottheit? Erinnern wir uns der letzten Tage Alexanders; in Sorge um seine Krankheit hatte sich mehr als einer seiner Strategen und Freunde in den Tempel des Sarapis begeben, dort die Weisungen des Gottes zu empfangen, wie dem Kranken zu helfen sei. War der Sarapis von Babylon vielleicht jener Gott Irkalla, zu dem die Göttin Istar hinabsteigt, »dem Herrn im Hause der Abgeschiedenen, dem Hause, welches keinen Ausgang hat, von dem keine Straße zurückführt«, oder war er gleich dem »Herrn« an der syrischen Küste, dem Adonis? Stammt daher vielleicht die andere Überlieferung, daß der Sarapis aus Seleukeia in Syrien nach Alexandrien gekommen sei? Die Milesier, die sich einst in Sinope angesiedelt, mögen diesen »Baal« dort schon gefunden, sie mögen in ihm die Züge eines hellenischen Asklepios oder Pluton erkannt, sie mögen auch bei diesem »Heilgott« in der Sterbestunde Trost und Rettung zu suchen sich gewöhnt haben. Und wenn die Ephemeriden aus den letzten Tagen Alexanders berichten, daß der Gott auf die Frage, ob man den Leidenden zu ihm in das Heiligtum bringen solle, damit er genese, geantwortet habe, »man solle ihn nicht bringen, dort, wo er sei, werde ihm besser werden«, so sieht man, wie der dunkle Gott mit mildem Wort dem Tode seine Schrecken nehmen will, jene Schrecken, die allen Völkern und allen Menschen, den Bettlern und den Königen die gleichen sind. Wenn einer, so ist dieser Gott ein allgemein menschlicher. Wie merkwürdig griff dieser neue Dienst, seit er in Alexandrien gegründet worden, um sich, wie griff er in das alte ägyptische Wesen umgestaltend ein. Im uralten Sarapieion von Memphis versehen fortan zwei Priesterinnen den Dienst des Sarapis und der Isis, während sonst Ägypten nie Priesterinnen gehabt hat; fortan gehört zu den Attributen beider Gottheiten der Kalathos, der aus dem Demeterdienst der Hellenen herübergenommen ist. Bald wird der Gott gedeutet als Asklepios, als Helios, als Dionysos; er antwortet dem König Nikokreon von Kypros: der Himmel sei sein Haupt, das Meer sein Leib, die Erde seine Füße, sein fernschauend Auge das Sonnenlicht. Nicht minder vieldeutig erscheint die klagende Isis; schon tritt ihre Festfeier mit dem Adoniskult im phoinikischen Byblos in Verbindung; bald breiten sich diese Dienste über die Inseln, über die Städte Kleinasiens[33] und Griechenlands aus; sie erreichen Italien, selbst nach Rom dringen sie ein.

Das Weitere dieser religiösen Umbildungen bleibt einer späteren Darstellung vorbehalten; hier war nur auf ihre politische Bedeutsamkeit aufmerksam zu machen. Wie entschieden sich auch die Lagiden als Makedonen bezeigen, ihr Bemühen ist mit aller Bestimmtheit dahin gerichtet, die Verschmelzung, welche in dem ursprünglichen Plan Alexanders lag, weiterzuführen und Ägypten, Alexandrien zum Mittelpunkt der schon werdenden Neugestalt des geistigen Lebens zu machen, für die natürlich die griechische Bildung das Gefäß oder, will man lieber, der Exponent war.

Es war nicht bloß Liebe zu den Wissenschaften, welche die beiden ersten Lagiden zu der Gründung des Museion und der Bibliothek, zur Konzentrierung des gesamten literarischen Lebens in Alexandrien veranlaßte; das sichere Verständnis der Zeit und der Politik ihres Reiches hat sie nicht minder bestimmt, und man darf behaupten, daß ihre Absichten durch den Erfolg übertroffen worden sind. Alexandrien beherrscht fortan die Bildung des Hellenismus, der dort in der unendlich reichen und mannigfachen Tätigkeit von Dichtern, Kritikern, Sammlern, Forschern, Entdeckern usw. seine völlige und vielseitigste Darstellung gewinnt; das literarische Leben Alexandriens stellt den Geist der neuen Zeit fast nach allen Richtungen hin dar. Die ganze Vergangenheit der hellenischen Literatur ist dort in den Schätzen der Bibliotheken beieinander und Gegenstand großartiger wissenschaftlicher Tätigkeit; die Dichtkunst gewinnt sich neue Formen, wie sie dem veränderten Geist der Bildung entsprechen; was die fremden Völker von Literaturen aufzuweisen haben, wird übersetzt und in den Kreis der wissenschaftlichen Tätigkeit hineingezogen; die heiligen Bücher der Ägypter, der Juden, der Perser sind in den Bibliotheken zu finden. Die Wissenschaft beginnt die Welt zu umfassen; von allen Seiten her in sich aufnehmend, nach allen Seiten hin sich ausbreitend, gewinnt sie eine vollkommen neue Gestalt; Alexandrien wird der Herd einer Weltliteratur, einer Weltbildung, in der ideellerweise die Resultate aller früheren, bisher zerstreuten, nationalen Entwicklungen vereinigt sind.

Noch bleibt uns eine merkwürdige Erscheinung zu betrachten. Wir werden sehen, in wie ungeheurer Ausdehnung sich das Reich der Seleukiden erstreckt, wie wenig es doch dem ungleich kleineren der Lagiden gewachsen ist. Als der erste Ptolemaios seinem Sohn das Reich übergab, gehörte zu demselben außer Ägypten nur Kypros und Kyrene. Wir müssen von den materiellen Kräften dieses Reiches eine Vorstellung zu gewinnen suchen, um die Möglichkeit jenes Verhältnisses zu begreifen.

Von den Nebenländern wird später zu sprechen sein; Ägypten ist die Basis der Lagidenmacht. Über die Bevölkerung des Landes haben wir keine[34] sichere Angabe22; zur Zeit des Königs Amasis, »da das Reich am meisten blühte«, sagt Herodot, zählte man 20000 Städte; und unter Ptolemaios I. wurden, so heißt es, mehr als 30000 Städte und Dörfer gezählt. Also Ägypten blühte im Anfang der Lagidenherrschaft mehr als in den blühendsten Zeiten der Pharaonen. Es ist anerkannt, daß das Land ungeheure Ertragskräfte besitzt; je dichter die Bevölkerung, je geordneter und geschützter Recht, Besitz und Verkehr23, desto reicher das Einkommen des Staates.

Der zweite Ptolemaios hatte am Ende seiner Regierung – freilich war damals das Reich schon über den Süden Syriens und die Südküste Kleinasiens ausgedehnt – ein Heer von 200000 Mann zu Fuß und 40000 Reitern, 300 Elefanten, 2000 Streitwagen, Waffenvorräte für 300000 Mann, 2000 kleinere Kriegsfahrzeuge und 1500 Kriegsschiffe bis zu Fünfruderern und das Material zu einer doppelten Zahl, 800 Jachten mit vergoldetem Schnabel und Spiegel; in seinem Schatz die ungeheure Summe von 740000 ägyptischen Talenten24; sein jährliches Einkommen wird auf 14800 Talente und 1500000 Artaben Getreide angegeben. Eine Bestätigung für diese erstaunlichen Angaben gewährt der Auszug einer Beschreibung des großen Festes, welches derselbe Ptolemaios noch bei Lebzeiten seines Vaters feierte25; wenigstens die bedeutendsten Punkte mögen hier eine Stelle finden. Die Ausgaben für dies Fest betrugen 2239 Talente 50 Minen, ungefähr 3 Millionen Taler nach heutigem Gelde; in der Prozession war ein riesiger Wagen mit silbernen Geschirren; darunter ein Mischgefäß, 600 Maß fassend, von der kunstvollsten Arbeit, mit Edelsteinen bedeckt, zwei Schenktische, zehn große Becken, sechzehn Mischgefäße, ein Tisch von zwölf,[35] dreißig von sechs Ellen, achtzig delphische Dreifüße, unzähliges andere, alles von gediegenem Silber. Darnach der Wagen mit den goldenen Geräten; darunter 22 Kühlfässer, vier große goldene Dreifüße, ein Altar von drei Ellen Höhe, vor allem ein goldener, mit Edelsteinen besetzter Schrein, zehn Ellen hoch, in sechs Absätzen, mit vielen schön gearbeiteten Figuren von vier Palm Höhe besetzt. Neben beiden Wagen gingen 1600 Knaben, von denen 250 goldene, 400 silberne Kannen, die übrigen goldene und silberne Kühlgefäße usw. trugen. Auf einem anderen Wagen war ein goldener Thyrsos von 90 Ellen, ein silberner Speer von 60 Ellen; auf einem andern ein goldener Phallus von 120 Ellen Länge; außer unzähligen anderen goldenen Geräten, Gefäßen, Waffenstücken (unter diesen 64 vollständige Rüstungen), Kränzen; endlich noch 20 Wagen mit Gold, 400 Wagen mit Silber, 800 Wagen mit Spezereien. Im Zelte des Königs, wo die Tafeln gedeckt waren, war goldenes und silbernes Gerät im Betrag von 10000 Talenten.

In der Tat, wenn der zweite Lagide bereits im Anfang seiner Herrschaft so über alle Beschreibung große Pracht zur Schau stellen konnte, so mochte am Ende seiner Regierung jener Schatz von mehreren hundert Millionen Talern wohl beieinander sein. Wandten sich doch selbst die Karthager an ihn, um eine Anleihe von 2000 Talenten zu erhalten. Und wo sind die Quellen so ungeheuren Reichtums? Es versteht sich von selbst, daß der Steuerdruck in Ägypten groß gewesen sein muß; aber das Land blühte trotzdem mehr als je, und wir werden später Beweise finden, daß erst ein Jahrhundert später, als unter Bruderzwist und Mißregierung die Verarmung begann, die Abgaben in der Tat unerschwinglich geworden waren. Die Gründe für das Aufblühen Ägyptens nach der Perserzeit liegen nahe; man denke nur an die Mehrung des Konsums, welche durch die zahlreichen Söldner, Offiziere, Beamteten hervorgebracht werden mußte, an die Wohlfeilheit aller Bedürfnisse, an die, wenn auch durch das Tresorieren in Alexandrien künstlich gehinderte, doch gegen die Perserzeit gesteigerte Zirkulation des Geldes26, an die Mehrung des gewerblichen Verkehrs, welche das hellenische Wesen notwendigerweise hervorrufen mußte. Das Wichtigste aber war, daß Ägypten, bis dahin fast auf den Getreideexport beschränkt, nun die Straße des Welthandels wurde; mit der größten Sorge[36] achteten die ersten Lagiden darauf, den indischen Handel, den Handel von Arabien, von Aithiopien über Ägypten zu ziehen; mehrere Städte an der Küste des Roten Meeres wurden begründet, die arabischen Seeräuber zu Paaren getrieben, der alte Kanal des Necho wieder fahrbar gemacht, die Straßen von Berenike und Myoshormos nach Koptos eingerichtet. Es versteht sich von selbst, daß der größte Teil der dorther kommenden Einfuhren weiter ausgeführt wurde. Bis in das Schwarze Meer fuhren ägyptische Schiffe; die Rückfracht von dort wurde meist sogleich den Nil hinauf gebracht, um nach dem Roten Meer hin verladen und nach den Südländern weiter verfahren zu werden. Unzweifelhaft war unter dem zweiten Ptolemaios Alexandrien bereits der größte Handelsplatz der Welt; Phoinikien hatte seit der Invasion Alexanders und unter den fortwährenden Kämpfen seiner Nachfolger, die besonders in Syrien geführt wurden, seinen alten Speditionshandel eingebüßt; über Alexandrien war die nächste und bequemste Straße aus den Südländern zum Mittelmeer. Daher schloß sich Rhodos so eng an Ptolemaios Soter an; Syrakus unterhielt freundschaftliche Verbindung mit ihm wie mit Philadelphos, der seinerseits nach dem Siege Roms über die Tarentiner auch mit dem römischen Senat in Unterhandlung trat27; mit Karthago war ein ähnliches Bündnis vorhanden. Wie bedeutend erscheint die Handelspolitik dieser Zeit, und wie armselig sind die Überlieferungen! Man kann wohl ahnen, welche tief eingreifende Bedeutung für Karthagos Handel dies Emporblühen Alexandriens haben mußte; in den auswärtigen Beziehungen der Lagiden erkennt man noch da und dort den bedeutenden Einfluß eines Merkantilsystems von großartigstem Umfang.

In dieser Hinsicht war für die Lagiden der Besitz von Kypros unendlich wichtig; es kam dazu, daß die reiche Insel alle Materialien zum Schiffsbau, die in Ägypten so gut wie ganz fehlten, liefern konnte. Mit vollstem Recht ruhte Ptolemaios Soter nicht eher, als bis er den sicheren Besitz der Insel gewonnen hatte. Dort waren alte hellenische oder hellenisierte Städte, die, wenn auch bis in die Diadochenzeit hinab unter der Herrschaft von Königen, ihre städtische Verfassung bewahrt hatten. Inschriften aus der Lagidenzeit zeigen, daß auch ferner diese städtische Verfassung blieb. Diese kleinen Republiken verhielten sich zu den Königen wie einst die Bundesgenossen der attischen Symmachie zu Athen; von der Weise Ägyptens waren sie völlig gesondert. Die Insel war wie ein kleines Reich für sich; daß Ptolemaios I. sie anfangs so ansah, beweist die Gewalt, die er erst dem Fürsten Nikokreon von Salamis, dann dem Lagiden[37] Menelaos als Strategen von Kypros übertrug. Dann folgte 306 der Angriff des Demetrios; zehn Jahre behauptete er sich im Besitz der Insel; endlich bei der Wiedereinnahme 295 wurde die Strategie, wenn auch in minderer Unabhängigkeit, wieder hergestellt. Zahlreiche Besatzungen in den Städten, Phrurarchen in denselben, für Kition besondere Vorgesetzte finden sich in Inschriften erwähnt. Das Wesentliche aber ist, daß der Stratege der Insel zugleich die Tribute zu empfangen und nach Alexandrien zu senden hat; wie wenig gleicht dies der streng sondernden Verwaltung Ägyptens; die Lage der Insel und die Notwendigkeit, ihre Verteidigungsmittel möglichst zu konzentrieren, mag diese satrapenmäßige Stellung des Strategen notwendig gemacht haben.

In ähnlichem Verhältnis zu Ägypten stand Kyrene. Nach wiederholten Kämpfen gewann Ptolemaios I. um 308 den dauernden Besitz des reichen Landes. Wie Kypros seinem Bruder Menelaos, so übergab er die Kyrenaika seinem Stiefsohn Magas; wie jener prägte dieser Münzen mit dem Namen und Bild des ägyptischen Königs und seinem eigenen daneben; wie jener stand er den alten hellenischen Politien des Landes gegenüber; sie behielten ihre städtische Verfassung.

Früher ist die günstige Lage Ägyptens hervorgehoben worden. Es ist von großer Wichtigkeit, daß sich weder nach der Seite der Sahara noch nach der des Roten Meeres eine staatlich geordnete Bevölkerung vorfindet, wenn auch ein Gemeinwesen der »Libyer« durch Münzen bezeugt ist; es können wohl räuberische Anfälle auf die Oasen, auf die Handelsstädte, auf die Karawanenzüge, die vom Meer oder der Sahara her kommen, gemacht werden, aber sie haben nichts weiter zu bedeuten; wie die Piraten im Roten Meer werden sie ohne große Mühe zurückgewiesen. Im Süden Ägyptens, in dem alten Priesterstaat von Meroë vollzieht sich während der Zeit des zweiten Ptolemaios eine merkwürdige Veränderung; der König Ergamenes, von griechischer Bildung, drang mit seinen Soldaten in den goldenen Tempel ein, erschlug die Priester und löste so die uralte Abhängigkeit des Königtums von der Hierarchie. Der Name dieses Königs wird auch in den Hieroglyphen von Dakkeh gefunden, an der Südgrenze der Landschaft Dodekaschoinos, die später unter ägyptischer Herrschaft steht; und von dem zweiten Ptolemaios wissen wir, daß er tief nach Aithiopien hineindrang. Wohl ist auch später noch von einer aithiopischen Expedition die Rede; aber weder diese spätere noch die des Philadelphos hat etwa Ägypten vor der Gefahr, die dorther drohte, schützen sollen; das seltsame gräzisierende Reich von Meroë28 hat um so weniger die Lagiden bekümmern[38] können, da es selbst nur auf den Sturz der Hierarchie begründet worden war. Auch im Süden ist das Lagidenreich ohne ernstlich gefährdende Nachbarschaft29.

Anders ist das Verhältnis an den Küsten des Mittelmeeres; Kyrene und Koilesyrien sind die Vorländer Ägyptens gegen gewaltige Nachbarn. Es war noch nicht lange, daß Karthago mit Kyrene jenen blutigen Grenzkrieg geführt hatte, der mit der heroischen Tat der Philainer endete und dem mächtigen Handelsstaat das zwar wüste, aber für den Karawanenhandel ungemein wichtige Gebiet an der Syrte schaffte. In der Zeit, als Agathokles von Syrakus an der Küste Afrikas landete, hatte Ophellas von Kyrene, mit ihm verbündet, ein bedeutendes Heer gen Karthago geführt; er hatte gehofft, die punische Küste mit seiner kyrenäischen Herrschaft zu vereinen; aber der Syrakusier hatte ihn ermordet. Damals war Kyrene wieder an Ägypten gekommen. Ägypten war nun die Macht, welche den großen indisch-arabischen Handel, den bis auf Alexander das punische Mutterland gehabt hatte, beherrschte; es lag in der Natur der Sache, daß sich vom afrikanischen Verkehr ein bedeutender Zweig ebenfalls nach dem Nillande zog; es konnte für Karthago nicht gleichgültig sein, daß Kyrene, so nah an den wichtigen und mit Mühe gewonnenen Handelsstationen Augilas und der Syrte, nun ein Teil jenes schnell emporblühenden Handelsstaates geworden war. Aber für den Augenblick war es den Puniern wichtiger, den Einfluß in Sizilien wieder zu gewinnen; freilich ehe sie ihn gesichert hatten und Raum gewannen, sich den östlichen Verhältnissen zuzuwenden, begann ihnen schon der Konflikt mit Rom, der hinfort die ganze Kraft der Handelsrepublik in Anspruch nahm.

In ähnlichem Verhältnis wie Kyrene gen Westen lagen die syrischen Küstenländer gen Osten vor Ägypten. Zu allen Zeiten haben sie die Brücke zwischen Asien und Afrika gebildet; Kyros hatte die Juden in ihre Heimat zurückgeführt, um in ihnen einen sicheren Vorposten zum Angriff auf Ägypten zu haben; als Perdikkas, als Antigonos im Besitz dieser Länder gewesen war, hatten sie Ägypten selbst anzugreifen vermocht; und war auch Ägypten durch seine eigentümliche Lage zur Defensive stark, so vermochte es doch einen entscheidenden Einfluß auf die Welthändel erst durch den Besitz jenes wichtigen Brücken landes zu gewinnen. Schon nach der Ermordung des Perdikkas suchte sich der erste Ptolemaios in Syrien festzusetzen; er hatte Kypros noch nicht, Syrien sollte seine Seemacht begründen.[39] Aber schon wenige Jahre darauf entriß ihm Antigonos diese Länder, behauptete sie, bis er in der Schlacht von Ipsos (301) den Tod fand. Ptolemaios hatte sich dem Bündnis gegen Antigonos unter der Bedingung angeschlossen, daß ihm Koilesyrien überlassen würde; aber schon hatte Seleukos sich das Land von den Königen Thrakiens und Makedoniens zuweisen lassen, hatte doch der Lagide an dem schweren Kampf nicht weiter teilgenommen; und dann, um einem Konflikt mit Ägypten aus dem Wege zu gehen, überließ er die phoinikische Küste und Koilesyrien dem Erben des Antigonos. Nach dessen Fahrt gen Europa (295) eilte Seleukos, die ihm unschätzbaren Landschaften zu okkupieren. So erhielt der zweite Ptolemaios das Lagidenreich ohne Syrien; auch die Hoffnung darauf schien aufgegeben werden zu müssen, seit die Seleukiden ihren Sitz in Antiochien genommen hatten; sie schienen dahin ihre Macht zu konzentrieren, um besonders jeder Gefahr, die von Ägypten her drohen konnte, nahe zu sein. Aber ebensowenig gab der Hof von Alexandrien den Plan auf, wenigstens den Süden Syriens zu gewinnen; man wartete nur die günstige Gelegenheit ab. Vorläufig suchte man sich den nächstliegenden Stamm, den der Juden, zu befreunden. Man begnügte sich nicht, ihnen, wie auch von Seleukos in Antiochien und anderen neuen Städten geschehen war, gleiches Recht mit den Makedonen und Griechen zu geben; schon Alexander hatte ihrer viele nach Alexandrien, nach Oberägypten hin verpflanzt. Unter dem ersten Ptolemaios hatte sich deren Zahl außerordentlich gemehrt, unzählige kamen aus freien Stücken; ihnen wurden wichtige Plätze anvertraut, Kyrene und die libyschen Städte schienen besonders durch bedeutende Ansiedlungen von Juden gesichert werden zu können; in Alexandrien hatten sie zwei von den fünf Quartieren der Stadt fast ausschließlich inne; durch ganz Ägypten wohnten sie zerstreut; sie hatten ihre eigenen Ethnarchen30. Vor allem wichtig war die Toleranz, ja die Förderung, die die Lagiden dem Jehovakult gewährten, die Auszeichnung, die sie ihren heiligen Büchern zuteil werden ließen, das Interesse, das ihrer Geschichte gewidmet wurde31. Palästina neigte, wennschon unter seleukidischer Herrschaft, entschieden zur Verbindung mit Alexandrien.[40]

Das mag genügen, um den Charakter des Lagidenreiches zu bezeichnen32. Es ist wesentlich ein ägyptisches Reich; in der streng geordneten und kunstvoll gegliederten Regierung des Hauptlandes, in dieser starken Konzentrierung einer monarchisch-militärischen Herrschaft beruht die Energie derselben. Sie sucht allerdings eine Annäherung und Verschmelzung mit dem Einheimischen, sie sucht auch die Hierarchie in ihr Interesse zu ziehen, aber sie geht keineswegs darauf aus, national zu werden. Hier wird vollständig jene abstrakte Ansicht vom Staat durchgeführt, welche denselben mit der Person des Monarchen identifiziert; der einzige Staatszweck ist die vollständige und energische Darstellung dieser Macht im Innern und nach außen; der gefüllte Schatz, die stets schlagfertige Kriegsmacht, das Heer von Beamten, der Gehorsam der Untertanen, das Negieren jeder politisch befugten kommunalen oder korporativen Selbständigkeit innerhalb des Staates, kurz diese souveräne Gewalt des Monarchen, die von der Spitze bis in die untersten Sphären widerstandslos herrscht und der gegenüber den Untertanen nichts als das Privatrecht bleibt, das ist der Charakter der Monarchie, wie sie der erste Lagide gegründet. Durchaus anders Kyrene und Kypros; dort sind hellenische Politien, und sie behalten ihre kommunale Selbständigkeit und Selbstverwaltung, ihr Münzrecht; der königliche Statthalter in dem einen wie andern Lande steht in unabhängiger, satrapenartiger Weise gegen die Monarchie; beide sind in allen ihren Formen von derselben geschieden, sind Nebenländer im Verhältnis zum eigentlichen Reich, sie sind die Vorposten für dessen auswärtige Politik, die durchzusetzen Ägypten die stets bereitesten Mittel zu schaffen hat.

Anders das Reich der Seleukiden. Schon in der Art, wie es sich gebildet hatte, war es von Ägypten wesentlich unterschieden. Erst seit 312 hatte Seleukos den dauernden Besitz Babyloniens gewonnen, das war der Anfang seiner Macht; dann fielen ihm die oberen Satrapien zu, bis zum Indus und Jaxartes erstreckte sich sein Reich. Aber an seiner Ostgrenze erhob sich bereits die neue Herrschaft des Sandrakottos; ihm trat er das Land bis zu den Paropamisaden ab. Alle jene kleinen Herrschaften und Republiken, in deren Zersplitterung Alexander die Möglichkeit Indien zu erobern gefunden hatte, waren nun zu einem mächtigen indischen Reich[41] vereint, das etwa so weit wie die indische Sprache westwärts reichte. Dann nach der Schlacht von Ipsos gewann Seleukos das Land vom Euphrat bis zum Meere, bis Phrygien hinein; er verlegte seine Residenz von Susa und Babylon nach Antiocheia am Orontes, gleichsam auf die Vorhut und zur Offensive gegen Ägypten; aber an seinen anderen Grenzen lagen nun die unabhängigen Reiche von Indien, von Atropatene und Armenien, die von Kappadokien und Pontos, deren Fürsten ihr Geschlecht auf die sieben Perserfürsten zurückführten. Dann folgte der Kampf mit Lysimachos; dessen Tod gab auch den Westen Kleinasiens in Seleukos' Gewalt; da er nach Europa ging, auch Thrakien und Makedonien zu besetzen, fand er den Tod. In der Tat ein ungeheures Reich war es, das er seinem Sohn Antiochos Soter vererbte; aber wie wenig war es in seinem Innern zu einer Einheit gebildet, wie war es gefährlich umgrenzt! Es war das Reich Alexanders fast ganz, nur eben Europa und Indien und Ägypten fehlten, – aber alle jene Schwierigkeiten und Unmöglichkeiten, die im Siegesglanz Alexanders schon als trübende Schatten erschienen waren und denen sein früher Tod Raum gab, völlig hervorzutreten, waren im reichsten Maße die Erbschaft der Seleukiden. Die Art ihres Reiches zwang sie, der Politik Alexanders zu folgen, – aber zur Erhaltung und Verteidigung zeigten sich bald die Mittel der Eroberung und Begründung unzulänglich. Von dem Moment an, da das Seleukidenreich beieinander ist, wird der Widerspruch zwischen seiner Ausdehnung und seinen Mitteln offenbar, und eben dasselbe Fortschreiten des Hellenismus, das die Lagidenmacht zur steigenden Kräftigung, zur größeren inneren Sicherheit zu führen scheint, macht jene Fugen und Schäden der Seleukidenmacht groß und größer. Ein Land nach dem anderen löst sich vom Reiche.

Die wesentliche Schwierigkeit, die der energische Seleukos zu bekämpfen fand, war die Mannigfaltigkeit der ihm zugehörigen Länder, die große Verschiedenheit ihrer Kulturen, Lebensweisen, Erinnerungen. Während die Lagiden auf eine Verschmelzung mit dem einen ägyptischen Wesen hinarbeiten konnten, hatte Seleukos Perser, Syrer, Baktrianer, Babylonier unter sich, und weder die einen noch die anderen durften allein das Verhältnis des seleukidischen Hellenismus bestimmen. Er durfte nicht, wie die Ptolemaier im Sarapisdienst, einen Ausdruck der religiösen Verschmelzung suchen; er konnte in dem ungeheuren Umfang seines Reiches nicht jene tief hinab eingreifende Verwaltung durchführen, die im alten priesterlich-polizeilichen Ägypten möglich war; die satrapenartige Verwaltung, die Ptolemaios für seine Nebenländer bestimmte, mußte die vorherrschende Form des Seleukidenreiches werden; und während sich in Ägypten das Makedonisch-Griechische im Heer und am Hofe zusammenfaßte oder sich unter die heimische Bevölkerung zerstreut ansiedelte, mußten[42] die Seleukiden es in Politien zu sammeln suchen und ihre Heere selbst, wenn auch den Kern Makedonen33 und Griechen bildeten, mit streitbaren Asiaten ergänzen34. Ihr Reich hatte von Anfang an keine Einheit, keine zentrale Kraft wie das der Lagiden, es war ein Konglomerat verschiedenartigster Bestandteile, es hatte keinen geographischen Mittelpunkt; es stand den Lagiden in ähnlichem Verhältnis gegenüber wie vor zwei- und dreihundert Jahren die Macht des habsburgischen Hauses den Bourbonen.

An genaueren Nachrichten über die inneren Verhältnisse des Seleukidenreiches sind wir so arm, daß uns nur aus einzelnen Notizen allgemeine Folgerungen zu machen übrig bleibt.

Zweiundsiebzig Satrapen, sagt Appian, standen unter Seleukos. In dem Gebiet, das er beherrschte, waren zu Alexanders Zeit deren vielleicht nicht über zwölf, unter den Satrapen, wie gelegentlich zu erkennen ist, Hyparchen und Nomarchen. Offenbar hat Seleukos das Gebiet und damit die Macht der einzelnen Satrapen zu verringern nötig befunden35; in kleineren Gebieten vermochten sie selbsttätiger einzugreifen, sie waren leichter in den Schranken der Abhängigkeit zu erhalten; es mußte dem Interesse des Reiches entsprechen, die einzelnen Nationalitäten unter mehrere Statthalter zu teilen und damit ihren Zusammenhang aufzulockern. Seine nächsten Nachfolger sind wohl im ganzen bei dieser Politik geblieben; vielleicht[43] haben sie bereits von ihm ein zweites Institut überkommen, das wir wenigstens in einigen Beispielen noch zu erkennen glauben. Schon in der guten Zeit der Perserherrschaft war in den Satrapien der Heerbefehl von der Gewalt des Satrapen getrennt gewesen; die später überhand nehmende Verbindung beider Funktionen hatte namentlich zum Verderben der Reichsordnung gewirkt. In den Notständen zu Anfang der Regierung des dritten Antiochos finden wir diese Verbindung der Zivil- und Militärgewalt in einer Hand; Achaios erhält »die Dynastie«, d.h. die Gesamtgewalt für die Länder diesseits des Tauros, die Satrapen von Medien und Persien die über diese oberen Provinzen36. Als diese beiden sich empören, beruft der gegen sie mit unumschränkter Vollmacht gesandte Stratege die Eparchen von Susiana und von der Landschaft am Erythräischen Meer; nach der Erdrückung des Aufstandes wird sodann der Eparch von Susiana als Stratege nach Medien gesandt, und an seine Stelle kommt Apollodor als Stratege der Susiana; obschon Polybios beide Ausdrücke, Eparch und Stratege, als völlig gleichbedeutend braucht37, scheinen sie doch sich zu unterscheiden. Aus einer später anzuführenden Kombination wird sich schließen lassen, daß in den Bereich der Militärverwaltung auch die Städte mit eigener Politie gehören; wir finden in solchen Städten Epistaten erwähnt; gewiß war wie in Apameia so auch in anderen Städten ein besonderer Akrophylax. Man wird aus der politischen Stellung dieser Städte entnehmen dürfen, daß sie mit Ausschluß der militärischen Verhältnisse und der Abgaben an den Schatz ihre Angelegenheiten selbst handhabten, während die ethnische Bevölkerung ganz unter den Satrapen und in weiterer Teilung, wie es scheint, unter den Meridarchen und den Vorstehern der Nomen stand. Doch hier ist alles unklar.

Schon bevor Seleukos Kleinasien gewonnen, hatte er seinem Sohn Antiochos die oberen Satrapien übergeben. Es stellt sich darin die Anerkenntnis einer Sonderung heraus, die sich fünfzig Jahre später bereits zu den[44] folgenreichsten Konsequenzen entwickeln sollte. Die Länder diesseits des Tigris, von Völkerschaften bewohnt, deren Sprache von gleichem Stamm, deren Religionen in wesentlichen Anschauungen einander ähnlich, deren alte Kultur zur Aufnahme hellenischen Wesens geeigneter war als der Osten, fügten sich offenbar schnell und bequem der Weise einer neuen Zeit. Eine ungemein große Zahl neuer Städte wurde in Syrien, in Mesopotamien, bis zum Erythräischen Meer hinab begründet; das städtische Leben gewinnt das Übergewicht über die bisherige Art jener Völkerschaften; die griechische Sprache, gefördert durch die neu erwachte und vervielfachte Betriebsamkeit der Städte, dringt von diesen Mittelpunkten, diesen Kristallisationspunkten aus weit und weiter auch auf das flache Land hinaus; zum Teil schwindet die heimische Sprache ganz, oder sie erhält sich doch nur als die der Unbildung neben dem Hellenistischen; auch die Phoiniker, auch die Chaldäer fügen sich dem Neuen, selbst die Juden vermögen sich dessen nicht zu erwehren. Überall in Syrien und Mesopotamien begegnet man makedonischen Namen; die Landschaften, die Berge und Flüsse werden nach denen der Heimat genannt; das Land ist wie ein asiatisches Makedonien, es ist das Hauptland der Seleukidenmacht. Anders der Osten; auch dort sind zahlreiche neue Städte, aber wie bald werden im Lärm der Diadochenkämpfe die Anfänge zur Ansiedlung der räuberischen Bergvölker im Zagros, der armseligen Ichthyophagen an der Küste des indischen Ozeans verschwunden sein; wie wenig wird sich der Ahnenstolz des medischen und persischen Adels, die patriarchalische Rohheit wandernder Ilats mit dem bürgerlichen Wesen der griechischen Politien verschmolzen haben. Erst in den Tiefländern Indiens und Baktriens vermag das hellenistische Wesen fester zu wurzeln; aber Indien ist ja schon aufgegeben, und Baktrien wird von dem übrigen Reiche durch jenes hohe Iran gesondert, in dem die neuen Städte mehr Haltpunkte der makedonischen Herrschaft als Zentralpunkte einer sich um sie her gestaltenden Umbildung sind. Hier war noch kein Raum zu einer anderen als jener althergebrachten Stammesverfassung des Persertums, die erst, als sie über fremde, entwickeltere Völker die Herrschaft gewann, in der Art des Druckes, den sie übte, der Ohnmacht, in welche sie versank, ihre innere Armut geoffenbart hatte. So aber war die Weise der Völker von Iran; im innersten Wesen entsprach ihr die ursprüngliche Form ihrer einfachen, in der Tat erhabenen Religion, die ebensoweit entfernt war von dem Polytheismus oder der Frivolität der Hellenen wie von dem hartnäckigen, selbstsüchtigen, phantasielosen Götzendienst der Völker im syrischen Tiefland, – jene aus dem vollen ethischen Bedürfnis einfach edler und kräftiger Stämme hervorgegangene Religion des Lichtes, die fernab bei den Stämmen der Berge und Steppen in ihren alten strengen Formen blieb, unberührt[45] vom Glanz der Herrschaft und ihrem Sturz, unberührt auch von den Siegen der Fremdlinge und ihrer Kultur.

Freilich stehen wir hier vor einer großen, vollkommen dunklen Lücke in der Geschichte; sie gewährt uns keine Kunde über das Zusammentreffen der Zoroasterlehre mit den hellenischen Gläubigen oder Philosophen; aber nach Jahrhunderten steht der Glaube der Parsen voll und fest in erneuter Frische da. In ihrem innersten Wesen bleiben diese Völker vom Hellenismus unberührt; die Seleukidenherrschaft über sie kann nicht dieselbe gewesen sein wie über die Völker im Tiefland; sie mag sich begnügen, wie einst die Großkönige Satrapen vom Stamm der Meder und Perser, so von dem jetzt herrschenden Stamm der Makedonen und Griechen zu senden, ihre Tribute zu fordern, mit Hilfe der neuen Städte die Herrschaft, so lang es geht, zu behaupten.

Erst mit dem Tode des Seleukos wurde Kleinasien gewonnen; es war ein dritter, nicht minder eigentümlicher Bestandteil des Reiches. Die Nordküste und im Osten das Land bis Kataonien hinauf stand unter eigenen Dynasten oder war im Besitz hellenischer Tyrannen und Republiken; an der Propontis, und am Aigaiischen Meer lagen die unzähligen griechischen Städte, in denen die neue Zeit die Erinnerung an die einstige Unabhängigkeit wieder erweckt hatte; Städte wie Smyrna, Ephesos, Milet nahmen mit mehr oder minder glücklichem Erfolg dieselbe staatliche Selbständigkeit in Anspruch, die Kyzikos, Rhodos, Byzanz zu behaupten verstanden hatten; auch der Süden war voller Städte hellenischen Ursprungs; alte Kolonien und neue Ansiedlungen erfüllten schon die Flußtäler des inneren Landes. Soweit die Seleukidenherrschaft reichte, war Kleinasien in kürzester Zeit griechisch, nur die Bergvölker von Isaurien, Pisidien und Lykien hielten sich dem hellenischen Einfluß ebenso fern, wie sie unabhängig blieben. Wie viele Elemente des Widerstrebens gegen die königliche Gewalt vereinten sich da in der Halbinsel, wie bunt kreuzte sich die Politik der hellenischen Republiken, der altnationalen Fürsten und, wir werden bald sehen, neuer Dynasten, die aufwärts strebten, nordischer Barbaren, die sich einzudrängen verstanden; wie gern unterstützten Rhodos, Byzanz, die Lagiden, Herakleia jede Auflehnung gegen die Übermacht der Seleukiden. Von Syrien aus sollten sie Ägypten beobachten, den Osten behaupten, Kleinasien im Zügel halten, gegen die alten Herrschaften von Bithynien bis Atropatene die Obmacht behaupten, – von Syrien, vom Euphrat und Tigris aus, wo doch nicht eine Herrschaft, wie die Lagiden sie in Ägypten besaßen, begründet war, wo Palästina unter seinem Hohepriester und die Phoiniker unter ihren städtischen Obrigkeiten in alter Weise bestanden, wo die neuen Städte selbst mit ihren nach hellenischer Art geordneten Politien nicht ohne weiteres dem königlichen Willen folgten, sondern,[46] solange sie in kräftiger Frische blieben, über das, was am Hofe geschah, ihr eigenes Urteil hatten und demgemäß handelten, bis sie sich dann mehr und mehr dem loseren Leben des Morgenlandes zuwandten, sich mit dem Lärm öffentlicher Gelage erfüllten, widereinander ins Feld rückten, begleitet von großen Scharen Packeseln, die Wein und Leckerbissen und Querpfeifen und Flöten trugen, als ginge es nicht zum Krieg, sondern zum Bakchanal. Diese Entartung der hellenistischen Städte trat freilich erst später hervor; aber ihre innere Verfassung, ihre, wenn man will, Reichsunmittelbarkeit ist ohne Frage von Anfang her begründet und charakterisiert das Seleukidenreich. Freier und sozusagen hellenistischer muß hier natürlich die Entwicklung werden als in Ägypten; aber die Herrschaft der Seleukiden, ohne die Konzentration, ohne die einheitliche Grundlage der Lagidenmacht, kann natürlich nicht wie diese das Leben bis in die untersten Kreise hinab bestimmen und in ihrer Gewalt haben; sie stößt da in den Städten schon – und in Syrien allein kennen wir noch deren an die siebzig – auf eine verfassungsmäßige innere Selbständigkeit; wieviel grösser muß diese in den althellenischen Städten Kleinasiens sein, wieviel grösser auch in den Kolonien des fernen Ostens, denen in ihrer verlorenen Stellung gegen die kräftigen Völker in ihrer Nähe jede Art von Rücksicht zu gewähren war.

An dieser Stelle ist eines besonderen Umstandes zu erwähnen. Als Antiochos der Große gen Babylonien ziehen will, empören sich seine Truppen wegen mangelnden Unterhaltes; sie beruhigen sich, als Zufuhr kommt, nur die Kyrrhesten, etwa 6000 Mann, nicht; sie müssen in förmlicher Schlacht bezwungen werden, sie finden meist den Tod. Auf ihre Empörung besonders hatte Achaios, der das Diadem angenommen, seine Hoffnung gesetzt, aber seine Truppen weigern sich, gegen ihren angestammten König zu ziehen. Kyrrhestike ist die Landschaft zwischen Antiochien und dem Euphrat; mehrere neue Städte mit makedonischen Namen kennen wir in derselben. Also ein Teil des Heeres hat den Namen nach der makedonisch genannten Landschaft, und auch im Heere Alexanders waren die Phalangen nach den Landschaften bezeichnet, aus denen sie geworben waren. Man darf wohl nicht zweifeln, daß eben diese Kyrrhesten ein Teil der eigentlichen Makedonen im Heere sind, welche die Phalanx bildeten; und in den neuen Städten, fanden wir, wurden Makedonen und Griechen angesiedelt. Also aus den Städten mit Politie ergänzte sich die makedonische Streitmacht der Könige; also die Bürger haben das Recht oder die Pflicht zu den Waffen. Während in Ägypten die Truppen einen abgesonderten, durch das ganze Land zerstreuten Stand bilden, ist der Kern des Seleukidenheeres aus dem ansässigen Bürgertum der neuen Städte genommen. Vielleicht erklärt sich hier der Name der Strategen im Gegensatz zu[47] den Eparchen der Satrapien. Jedenfalls bestätigt die öfter genannte Inschrift über das Bündnis von Smyrna und Magnesia jene Auffassung, indem es dort heißt: »Die Kolonisten von Magnesia, sowohl die Reiter und das Fußvolk in der Stadt als auch die im Felddienst und die übrigen Einwohner«; und eben dort wird namentlich »das von der Phalanx zur Bewachung der Stadt bestellte Korps« bezeichnet38.

Allerdings ist auch die Seleukidenherrschaft eine vollständige Monarchie, aber mehr ihrem Ursprung als ihrer weiteren Ausbildung nach; allerdings ist auch sie darauf gerichtet, die ganze Bedeutung des Staates in der Person des Monarchen zu konzentrieren, aber sie vermag teils nicht die alten Kräfte der Nationalitäten ganz zu absorbieren, teils entstehen, wo es gelingt, mit den verwendeten Mitteln selbst neue nicht unkräftige Selbständigkeiten. Wie in Ägypten muß auch hier, wo die ganze Energie des Reiches nicht auf nationalen, sondern auf den materiellen Mitteln der Herrschermacht ruht, das vorherrschende Streben der Regierungsweisheit auf die Füllung des königlichen Schatzes, auf die möglichst große Steigerung der Mittel zum Unterhalt von Truppen und zur Anschaffung von Kriegsmaterialien gerichtet sein; aber man darf zweifeln, ob in dem weiten Seleukidenreich, bei der vorherrschenden Satrapenwirtschaft, so vielen in sich gestalteten Kreisen gegenüber eine so ausgebildete Finanzverwaltung möglich war wie in Ägypten39. Ob etwa die hellenischen Politien, die phoinikischen Städte, Tempelstaaten wie Jerusalem usw. in der Weise in sich selbständig waren, daß sie die Summe der von ihnen geforderten Abgaben nach eigener Bestimmung unter sich repartierten? Das scheint undenkbar; Inschriften von Iasos lehren, daß die Stadt »Freiheit von Steuern, über welche sie zu entscheiden hat«, gewähren kann, woraus dann folgt, daß die Bürger als einzelne für alle oder gewisse Abgaben an den König aufzukommen hatten.[48]

Überall fehlen uns für die inneren Verhältnisse der Seleukiden die Nachrichten. Wie lehrreich wäre es, von ihrer Verwaltung, ihrem Gerichtswesen, ihren Einnahmen, ihrer Handelspolitik zu erfahren; aber kaum einzelne Fakta können wir aufführen. Seleukos I. dachte daran, vom Kaspischen Meer eine Wasserverbindung zum Schwarzen Meer zu schaffen; sein Nachfolger ließ das Kaspische Meer des weiteren untersuchen. Also jedenfalls ist von ihnen der große Warenzug beachtet worden, der nun, da das Oxosland in ihren Händen war, mit größerer Sicherheit als bisher von Nordindien und vom Steinernen Turm her sich nach dem Schwarzen Meer wenden konnte. Und wenn auch dies kaspische Projekt weniger Erfolg hatte als der von Ptolemaios II. wieder hergestellte Nechokanal, so ist doch jener Handelsweg40 von hoher Bedeutung geworden, wie man vor allem aus den Verhältnissen des pontischen Reiches zur Zeit Mithridates' des Großen ersieht. Um nur eines anzuführen, am Steinernen Turm oberhalb der Jaxartes-Quellen war der Hauptmarkt des Seidenhandels; und kam auch zum großen Teil von dort die Seide auf die indischen Handelsplätze, so war doch fortan die Hauptstraße dieses Handels gen Westen, selbst nachdem die Parther sich am unteren Oxos festgesetzt hatten, die über das Kaspische Meer. Von einer zweiten derartigen Unternehmung läßt sich nur in zweifelhafter Weise sprechen; es betrifft die Kanalverbindung zwischen dem Euphrat und Tigris41. Jedenfalls gab das dort begründete Seleukeia einen überaus wichtigen Mittelpunkt für den Handel; dorthin bringen die Armenier den Euphrat und Tigris hinab ihre Waren, bis dorthin nur können gegen den pfeilschnellen Tigris die Schiffe stromaufwärts kommen, von dort bringen besonders Armenier sie nordwärts nach dem Markt von Komana oder über den Kaukasos, jenseits dessen die Aorsen am Tanais »mit den indischen und babylonischen Waren, die sie von den Armeniern und Mediern empfangen«, einen überaus reichen Handel treiben. Nicht minder treffen sich in Seleukeia die Karawanen aus dem oberen Persien und aus Arabien; und unzweifelhaft ist der bedeutende Bedarf indischer Waren in den zahlreichen und luxuriösen Städten der syrischen Küste, namentlich in Antiochien und im Süden Kleinasiens, eben daher und nicht über Alexandrien bezogen worden. Freilich in welcher Weise die Seleukiden[49] diesen Verkehr gefördert und geschützt, in welchem Maße sie bei ihrer auswärtigen Politik die Interessen des Handels berücksichtigt, in welcher Ausdehnung sie ihn durch Zölle und Steuern für den Schatz einträglich gemacht haben42, von allen derartigen Dingen, die erst den Verkehr in ihrem Reiche einigermaßen veranschaulichen würden, finden sich keine Nachrichten.

In ähnlicher Weise dürftig sind die Überlieferungen nach allen Seiten hin; wir können kaum mehr als Fragen aufwerfen. Wie verhielten sich die Seleukiden zu den einheimischen Religionen? Erst die späteren waren es, welche die reichen Tempel in Elymais, in Jerusalem plünderten; der erste Seleukos befragte die Chaldäer, da er seine Stadt am Tigris gründen wollte; aber freilich sie betrogen ihn. In seinen und seines Nachfolgers zahlreichen Städtegründungen war natürlich überwiegend Anlaß, hellenischen Gottheiten Tempel und Dienst zu gründen; wenigstens ihren Namen begegnen wir, aber nichts war leichter, als die Astarte Aphrodite, die Anahitis Artemis usw. zu nennen, und hätte man die Unterschiede des Dienstes auch festgehalten, der Inhalt der Vorstellungen konnte schon nicht mehr vor gegenseitiger Trübung bewahrt werden. Man tauschte aus, was man hatte; schon Berossos, einer der chaldäischen Priester von hohem Rang, der noch Alexander gesehen hatte, und der dem ersten Antiochos eine Geschichte Babyloniens aus den heiligen Büchern schrieb, wandte sich nach der Insel Kos und lehrte dort die astrologische Kunst; seine Tochter wird die babylonische Sibylle genannt; wir werden später sehen, wie tiefe Bedeutung das Sibyllinische dieser Zeit für die Entwicklung des religiösen Lebens gewann. Noch bedeutsamer ist die rasche Verbreitung der Juden; wie groß war ihre Betriebsamkeit, ihre Kunst, sich zu schicken, ihr Eifer zu bekehren; in den Proselyten des Tores und denen der Gerechtigkeit hatten sie die Formen zur Ausbreitung einer Lehre, die in ihrer theistischen Fassung dem hellenistischen Heidentum gegenüber bald eine eigentümliche Stellung gewinnen mußte. Schon haben wir sie in Kyrene und Ägypten gefunden; in Babylonien, Mesopotamien, bis Rhagai und weiter waren sie seit der Zerstreuung angesiedelt; in den neuen Städten, die Seleukos gründete, wurden ihnen gleiche Rechte mit den Makedonen gegeben, und Antiochos der Große ließ, um seine oft gefährdete Herrschaft in Lydien und Phrygien zu sichern, zweitausend Familien aus Mesopotamien und Babylonien dorthin führen.

Wie bedeutsam fanden wir die Tätigkeit der ersten Lagiden für die wissenschaftlichen[50] Anstalten und Bestrebungen in Alexandrien; haben die Seleukiden nichts Ähnliches aufzuweisen? Allerdings gab es in Antiochien ein Museion, aber erst der siebente Antiochos gründete es, wenn die Angabe richtig ist; eine Bibliothek wird unter dem dritten genannt; eine andere Bibliothek soll sich in Ninive befunden haben usw. Wir gewinnen wenig damit; auch nicht eine Spur weist darauf hin, daß die Seleukiden in die wissenschaftliche und literarische Entwicklung des Hellenismus wesentlich eingegriffen haben. Nicht als wäre diese in ihrem Reiche nicht vorhanden gewesen; im Gegenteil, bald blühen in Kilikien, in Syrien, in der Dekapolis, selbst jenseits des Euphrat Schulen und literarische Studien, aber ohne die Mitwirkung des Königtums, hervorgerufen von dem Bedürfnis des neuen städtischen Wesens, das auch in dieser Sphäre sich auf eigene Hand entwickelt.

Denn so finden wir überall das Verhältnis der Seleukiden; während die Lagiden, freilich auch zunächst Heerkönige an der Spitze ihrer makedonisch-hellenischen Streitmacht, daran gehen, mit allmählicher Gewöhnung das ägyptische Wesen zu bestimmen, bis sie selbst mehr und mehr von demselben bestimmt werden, bald auch die alte Pharaonenweihe von der ägyptischen Hierarchie sich gefallen lassen, bleiben jene einer solchen Nationalisierung fremd; ihr Reich besteht ja aus vielen verschiedenen Volkstümlichkeiten, und die in demselben zerstreuten hellenistischen Städte sind die Macht, auf der sie fußen. Ihre Herrschaft hat und behält einen überwiegend militärischen Charakter; und solange sie diesen zu bewahren wissen, sind sie imstande, den Gefahren, die ihr Reich umgeben, zu begegnen und sich auch nach schwerem Unglück wieder zu erheben. Aber die nationale Reaktion bleibt auch bei ihnen nicht aus; während sie in Ägypten von innen heraus wirkt und Königtum und Staat selbst umbildend überwältigt, arbeitet sie an der Macht der Seleukiden von außen her mit immer steigender Gewalt, löst ein Land nach dem andern von dem Reiche ab, das eben doch keine andere Stütze hat als jenes Hellenistische, das sich stark und stärker lokalisiert und damit zu neuen Unterschieden auseinanderlebt.

Bekennen wir, es hat die Herrschaft der Seleukiden eine kühnere, gefährdetere Stellung als die der Ptolemaier; sie hat großartigere Schicksale aufzuweisen, sie hat unablässig zu kämpfen gegen empörte Landschaften, gegen aufstrebende Nachbarn; aus dem Reich, das Seleukos gegründet, geht ein mannigfaltiger Hellenismus in bunter Zersplitterung hervor. Seine Nachfolger erwehren sich deren geraume Zeit mit nicht unrühmlicher Anstrengung. Den Lagiden mögen sie gern den Ruhm lassen, die Literatur zu fördern oder gar selbst Schriftsteller zu sein; sie haben nicht so bequeme Herrschaft wie jene; mehr wie jene suchen sie Makedonen zu[51] bleiben; sie, nicht die Lagiden, haben den Kampf gegen die Römer gewagt43.

Mannigfach vorgreifend mußten wir die Notizen zusammensuchen, um die beiden Reiche einigermaßen zu charakterisieren, welche in ihrem Gegensatz seit dem Jahre 280 die politischen Verhältnisse des Hellenismus vorherrschend bestimmen. Nicht bloß im südlichen Syrien, sondern in Griechenland, Makedonien, in den Reichen am Schwarzen Meer, überall bis Italien und Indien, werden wir sehen, tritt sich die Politik der Lagiden und Seleukiden entgegen. Nicht als ob die übrigen Reiche und Republiken in Asien und Europa nur von ihnen abhingen; vielmehr werden wir überall das entschiedenste Bemühen finden, sich abzusondern und in selbständigen Kreisen zu bewegen; aber eben das Interesse der eigenen Selbständigkeit und Mehrung auf Kosten des Nachbarn führt zu neuen und immer neuen politischen Kombinationen, in denen jener Gegensatz fast allein durchgehend bleibt.

Wir heben im fernsten Osten an. Sandrakottos' Herrschaft, so scheint es nach den buddhistischen Überlieferungen, war ausgegangen von dem Teil Indiens, den die Makedonen durchzogen hatten; aus Taxila war der Minister, dessen Bemühen besonders seine Macht gründete; mit einem Heere von 600000 Mann, heißt es, machte Sandrakottos ungeheure Eroberungen; zum ersten Male unter ihm war das ganze arische Gebiet Indiens in einer Hand vereint; die kleineren Dynastien unterwarfen sich oder wurden dazu gezwungen; er herrschte von Guzurate bis zu den Gangesmündungen, bis Kaschmir hinauf. Wohl zog Seleukos wider ihn, drang tief bis Indien hinein; aber dann schloß er einen Frieden, in dem die Eroberungen Alexanders auch diesseits des Indus bis zu den Paropamisaden hinauf abgetreten wurden. Das war das erste, was von dem großen Alexanderreich aufgegeben wurde, die erste nationale Reaktion.[52]

und in der Tat, eine große nationale Bewegung scheint ihr zugrunde zu liegen. Der Buddhismus begann seit dem Zuge Alexanders seinen bald siegreichen Kampf gegen das Brahmanentum. Die Befreiung Indiens und die Vereinigung allen Landes von den Gangesmündungen bis zu den Paravatibergen ging nicht aus von den Brahmanen, noch von einem Fürsten der alten Kschatrijakaste, sondern von einem »Niedriggeborenen, Kastenlosen«, wie Tschandragupta in einem Drama heißt; er mußte den Brahmanen ein Greuel sein, den Bewahrern der alten Gläubigkeit, den Vertretern des strengen Kastenwesens und der Sonderung von Rein und Unrein. Wohl ist schon neben ihnen das »Rad der Lehre« geschwungen, die da Buße und Heiligung predigt und die Berufung aller Menschen zum heiligen Werk und die Vertilgung des furchtbaren Kastenzwanges; aber seit diesem übermächtigen Fürsten beginnt sie erst recht ihre Verbreitung; aus allen Kasten sammeln sich Fromme, Männer wie Weiber, zu den Klöstern, und die Unreinen des Induslandes, die Fremdlinge, die Barbaren sind nicht mehr ausgeschlossen von der Hoffnung und dem Trost der heiligenden Lehre; die toten Werke und die stolze Gelehrsamkeit der Brahmanen schützen schon nicht mehr das herkömmliche Recht ihrer Hierarchie; allerorten erhebt sich wider sie der Eifer und die Popularität der buddhistischen Prediger. Wie wunderbar, die Buddhalehre hatte begonnen, als in Griechenland Thales und die sieben Weisen lehrten, in Ägypten die Saïtendynastie die Kriegerkaste vernichtete und griechische Söldner ins Land nahm; und nun durchbrach sie die Brahmanenlehre und die Kastenhierarchie, als der Hellenismus bis über den Indus vorgedrungen war, und aus dem wieder befreiten Induslande sich der kastenlose König erhob, Indien zu einem Reiche zu vereinen. An seinem Hofe war Megasthenes: er berichtet: »Den Brahmanen gegenüber sind die Pramner streitsüchtig und eifrige Prüfer, die die Brahmanen als Prahler und Unverständige verlachen«. Wie mag die Lehre bei den verachteten Panschanadas Freunde gewonnen haben; schon 292 erbauten Buddhisten einen Stupa im Westen des Indus44. Freilich Sandrakottos und sein Nachfolger Bindusara – Amitrochates nennen ihn die Griechen – mochten noch die Brahmanenlehre halten, da ihnen, den Emporkömmlingen, die Beistimmung der oberen Kasten für die Behauptung des Reiches noch wichtiger sein durfte als der Eifer der sich mehrenden Buddhisten. Erst Ashoka, Bindusaras Sohn, trat bald, nachdem er das Reich übernommen, förmlich zur buddhistischen Lehre über und wirkte, bei aller Schonung und Toleranz gegen die alte Lehre, eifrigst zur Ausbreitung der neuen; 60000 Fromme,[53] heißt es, speiste er täglich, in 84000 indischen Städten ließ er buddhistische Tempel errichten; und von den frommen Edikten, die er erlassen, sind noch jetzt einige vorhanden, in denen Antiochos, Ptolemaios, Antigonos genannt werden. Wir werden sie später kennen lernen. Die Verbindung des fernen Ostreiches mit den großen Reichen des Hellenismus ist unzweifelhaft; ein Paar Botschaften an die Seleukiden werden erwähnt; nicht bloß Megasthenes ist von den Seleukiden an Sandrakottos, Daimachos der Plataier an Amitrochates gesandt, sondern im Auftrag des Ptolemaios Philadelphos ist Dionysios an demselben Hofe gewesen, wohl nicht um Handelsverbindungen anzuknüpfen; denn im allgemeinen ging die ägyptische Kauffahrtei damals noch nicht bis Indien, sondern kaufte die indischen Waren auf den arabischen Märkten45.

Freilich müssen wir uns bei der Natur unserer Quellen mit so oberflächlichen Bezeichnungen beruhigen. Noch weniger Genaues wissen wir in Beziehung auf das zunächst zu besprechende Reich, das von Atropatene. Schon Alexander hatte dem Satrapen Atropates von Medien die westlichen Landschaften der alten Satrapie gelassen; sie wird noch in der ersten und zweiten Verteilung der Satrapien mitgenannt und somit als zum Reich gehörend betrachtet; seitdem beginnt hier ein eigenes und völlig selbständiges Königtum. Ich bin nicht imstande, zu bestimmen, ob der Name Aderbeidjan, das ist Land des Feuers, für diese Gegenden alt ist, wenigstens in der Satrapienaufzählung der Keilinschriften kommt er nicht vor; aber seit hier und hier allein eine rein persische Herrschaft blieb, mußte die Parsenlehre in diesem Lande recht eigentlich ihren Mittelpunkt finden, und die Anhänger derselben mochten sich gern dem Fürsten anschließen, in dessen Land sie rein bewahrt wurde; die persisch-nationale Reaktion gegen den Hellenismus mußte in Atropatene ihre Vertretung finden. Daß sie nicht ohnmächtig blieb, erkennen wir aus der Angabe, daß (um 260-250) die östlichen Völker, Parthien und Baktrien, sich empört haben, da die Könige von Syrien und Medien wider einander waren46; und zu der Zeit, als Antiochos der Große gegen dies Reich zu kämpfen auszog, reichte es bis zu den oberen Gegenden des Phasis und bis zum Hyrkanischen Meer und besaß bedeutende Streitkräfte.

Nicht so bald erreichte das nachbarliche Armenien politische Bedeutsamkeit. Allerdings hatte sich während der Kämpfe der Diadochen der[54] persische Satrap Orontes wieder in Besitz der Herrschaft zu setzen gewußt; er führte sein Geschlecht auf einen der sieben Perser zurück, seine Satrapie war das Erbe seines Hauses. Aber wir finden die Angabe, daß er der letzte Perser war, der über Armenien herrschte47. Okkupierten es nach Orontes' Tod die Seleukiden? Man darf zweifeln, daß das Land in vollkommene Abhängigkeit kam, oder daß das ganze Armenien sich einer solchen fügte; ein bithynischer Prinz flüchtete um 260 zum König der Armenier und Antiochos Hierax dreißig Jahre später über die armenischen Berge zu Arsames, den eine Münze als König bezeichnet48. Die beiden Männer, welche zur Zeit Antiochos' des Großen sich der Herrschaft Armeniens bemächtigen, werden zwar Strategen des Königs genannt, aber ihre Namen Artaxias und Zariadres zeigen, daß sie Armenier waren, und die Seleukiden hatten eben nicht die Gewohnheit, Landeseingeborenen die Satrapien anzuvertrauen. Um dieselbe Zeit war Xerxes in Arsamosata im südwestlichen Armenien Dynast und tributpflichtig an die Seleukiden. Es mag in Armenien ihre Macht nie viel bedeutet haben, und doch hing die Sicherheit der Herrschaft in Kleinasien von dem Besitz Armeniens ab; daß während der Diadochenzeit sich Armenien selbständig behauptet hatte, machte die feste Begründung zweier kleinasiatischer Herrschaften möglich, deren Bedeutung für die hellenistische Welt sich bald fühlbar machen mußte; es waren die von Kappadokien und von Pontos.

Bei der ersten Teilung des Reiches waren dem Eumenes eben diese Länder zugewiesen worden; er hatte Ariarathes überwältigt und hingerichtet; aber dessen gleichnamiger Sohn war nach Armenien geflüchtet und kehrte, da Eumenes gestürzt war und Antigonos' Kampf mit Seleukos begann, in seiner Väter Land zurück, vertrieb die makedonischen Besatzungen und nannte sich König von Kappadokien. Dies war gegen das Jahr 301; Seleukos selbst hatte die Erneuerung dieser nationalen Herrschaft veranlaßt. Bald griff sie weiter um sich; noch Seleukos hatte in seinen Verhandlungen mit dem verjagten König Demetrios über Kataonien verfügen können, aber eben jener erste König von Kappadokien gewann, vielleicht bei den Wirren, die dem Tode des Seleukos folgten, diese fruchtbare[55] Landschaft dicht nordwärts über Kilikien, und allmählich verschmolz die Sprache und Sitte der Kataonier mit der der Kappadoker. Fortan war das seleukidische Kleinasien nur durch die Küstenlandschaft Kilikien mit dem übrigen Reich in Verbindung, und man begreift wohl, daß gerade Kilikien bis weit in die Berge hinauf mit neuen Städten bedeckt wurde. Jene Nachbarschaft war um so gefährlicher, da Kappadokien in entschiedenster Weise den Gegensatz der Nationalität festhielt. Die Könige rühmten sich, aus dem Geschlecht eines der sieben Perser zu stammen, und Kappadokien war schon seit der medischen Zeit mit iranischem Wesen erfüllt, das Land war voller Magier und Feuertempel; da war der reiche Tempelstaat der Mondgöttin von Komana, dessen Priester, der nächste nach dem König und gewöhnlich aus dem königlichen Geschlecht erwählt, von den Kataoniern mit der äußersten Ehrfurcht verehrt wurde, um ihn her eine Schar von 6000 Tempeldienern, Männern wie Weibern; ferner die Tempelstaaten des Gottes von Venasa, von Tyana usw.

Nicht minder auf echt persischen Ursprung machte die Dynastie der Mithradate Anspruch; ihrem Ahnherrn Artabazos habe Dareios Hystaspes nach dem glücklich vollbrachten Sturz der Magier die Herrschaft über die Länder am Pontos gegeben49. Und so finden wir Fürsten dieses Geschlechtes in den früheren Verhältnissen des nördlichen Kleinasiens wiederholt genannt, in mehrfacher Berührung mit den Griechen, einen unter ihnen als Bewunderer Platons bezeichnet, einen andern von den Athenern mit dem Bürgerrecht geehrt. Dann folgten die Zeiten Alexanders und der Diadochen, für dies Fürstenhaus voll wunderbarer Glückswechsel. Daß Alexander die Gebiete, die es von altersher besaß, nicht berührt hatte, darauf berufen sich die Nachkommen noch in späterer Zeit. Mit dem Kampf der Könige gegen Antigonos erhob sich das Haus von neuem, Mithradates II. trat auf die Seite der Verbündeten, die nach der Schlacht von Ipsos – er selbst war ermordet – seinen Sohn Mithradates III. oder den Gründer, wie er genannt wird, in der Herrschaft am Pontos zu beiden Seiten des Halysstromes anerkannten. Genaueres über die Ausdehnung des Reiches zu bestimmen ist unmöglich; nicht einmal, ob Paphlagonien unter dessen Botmäßigkeit kam, wissen wir50. An der Küste jedenfalls erhielten sich hellenische Städte mit ihrem Gebiet unabhängig; so Sinope, Tios, Amisos, Herakleia. Auf das stärkste sehen wir bald diese Städte sowie Mithradates III. in die Händel verwickelt, die nach Seleukos' I. Tod die Länder zu beiden Seiten des Hellesponts erfüllten.[56]

Der Sturz des von Lysimachos beherrschten Reiches und die Invasion der Galater brachten diese Verwirrungen hervor; geraume Zeit schwankten hier alle Verhältnisse. Der Tod des Lysimachos hatte den Westen Kleinasiens sowie Thrakien und Makedonien in die Hände seines Siegers Seleukos gegeben; aber Ptolemaios Keraunos hatte ihn erschlagen, Thrakien und Makedonien an sich gerissen; er fiel im Kampf gegen die Galater; fast zehn Jahre währte es, ehe Antigonos Makedonien zu ruhigem Besitz gewann. Für Antiochos I. schien wenigstens Kleinasien zu bleiben; aber der Dynast51 von Bithynien verband sich mit Antigonos, rief einen Teil der Galater nach Asien, seine Herrschaft zu behaupten und zu erweitern; der Eunuch Philhetairos, der die Schätze von Pergamon bewahrte, begann den Grund zu der später so mächtig eingreifenden pergamenischen Herrschaft zu legen, und die alten Griechenstädte an den Küsten der Propontis und des Aigaiischen Meeres versuchten mit mehr oder minder Glück die alte Freiheit wieder zu errichten, die, durch Lysimachos an manchen Orten zerstört, überall gefährdet worden war. So ist in diesen Gegenden in dem Moment, da wir die Darstellung der Begebenheiten wieder aufnehmen werden, alles in der stärksten Bewegung; die furchtbaren Raubzüge der Galater beginnen sich nach Asien hinüber zu verbreiten; drei Stämme bleiben dort dauernd, nach allen Richtungen hin ihre furchtbare Überlegenheit geltend zu machen und ihrer unersättlichen Raubgier zu frönen; jeder Widerstand scheint wider sie unmöglich; alle Verhältnisse Kleinasiens scheinen für den Augenblick in Frage gestellt.

Noch furchtbarer ist in derselben Zeit die Verwirrung in den nächsten europäischen Ländern. Die thrakischen Gebiete des Lysimachos sind bereits eine Beute der Galater, die unter Komontorios das Reich von Tylis gründen. Die thrakischen Stämme zu beiden Seiten des Haimos haben sich unterworfen, das blühende Getenreich des Dromichaites, das sich über die Donau nordwärts erstreckte, ist verschwunden; wer irgend gekonnt, scheint geflüchtet zu sein. Eine Schar thrakischer Eupatriden unter Dromichaites und Tiris findet sich zwanzig Jahre später im Dienst der Seleukiden, nicht minder dienen im Heere der Lagiden Thraker. Die Griechenstädte an der Propontis, dem Pontos im Süden und Norden der Donaumündung vermögen den furchtbaren Feinden nicht Widerstand zu leisten; selbst Lysimacheia fällt in ihre Gewalt, das mächtige Byzanz kauft sich mit Tributen frei; eine merkwürdige Inschrift der Olbiopoliten lehrt, daß sich bis Olbia hinauf der Schrecken ihres Namens und ihrer Raubzüge verbreitete52.[57] Die ganze Linie der Donau war erfüllt von der furchtbaren Völkerwanderung dieser Barbaren; die Invasionen nach Thrakien, Makedonien, Griechenland, die mit dem Tode des Lysimachos begannen, schienen nur der Anfang der allvernichtenden Gefahr zu sein; die einzige Rettung war, daß sich ein starkes makedonisches Reich wieder erhob, um ein Bollwerk gegen die anbrandende Völkerwoge zu sein.

Allerdings ist Antigonos, des Demetrios Sohn, mit dem Jahre 277 nach Makedonien gegangen und hat das Land, das zehn Jahre früher sein Vater verloren, wieder erworben. Aber wie trostlos, wie vollkommen zerrüttet ist der Zustand dieses Landes! Nach den furchtbaren Kämpfen im Geschlecht Alexanders, nach den Bruderkriegen zwischen Kassandros' Söhnen, nach der Gewaltherrschaft des Demetrios und seinen ungeheuren, die letzte Kraft des Landes erschöpfenden Rüstungen zur Welteroberung hatte Pyrrhos mit Lysimachos um den Besitz gekämpft, dann nach Lysimachos' Tod nicht sein Sieger Seleukos, sondern dessen Mörder Ptolemaios Keraunos ihn gewonnen; dann folgte die gräßliche Zeit der gallischen Invasion, der Anarchie. Wir werden sehen, wie Antigonos noch einmal Makedonien verlor, um es erst dann dauernd seinem Hause zu erwerben. Unbeschreiblich muß das Elend und die Zerrüttung im Innern gewesen sein; das Volk, das einst die Welt erobert hatte, fünfzehn Jahre lang hat es alles Schreckliche erduldet; Tausende sind in den Kämpfen Alexanders, der Diadochen umgekommen, Tausende in den neuen Städten Asiens zerstreut, in den Heeren Ägyptens und der Seleukiden; das Land mußte entvölkert, verarmt53, in seiner Kraft, in dem Nerv seines nationalen Lebens zerrüttet sein. Die ehedem von Makedonien abhängigen Fürstentümer der Paionen, der Agrianer sind untergegangen, die ehedem zu Makedonien gehörigen thrakischen Gebiete jenseits des Strymon meist dem Keltenreich von Tylis einverleibt. Nur ein Rest des alten Königtums ist das des Antigonos; und wie gefährlich umgrenzt ist es von allen Seiten: im Osten das mächtige Galaterreich von Tylis; im Norden – um von[58] den ferneren Galatervölkern der Donau, die mit stets neuer Völkerwanderung drohten, nicht zu sprechen – in den Pässen der Axiosquellen die aufstrebende Macht der Dardaner, die sich bald bis an die adriatische Küste54 ausdehnt; im Westen das Reich der Epeiroten, das, von Ägypten aus wiederhergestellt und unter Pyrrhos schnell emporgeblüht, wiederholt die Eroberung Makedoniens versucht; auf den Inseln des Aigaiischen Meeres und bald auch an der thrakischen Küste die Vorposten der ägyptischen Macht, die nicht müde wird, den Antigoniden in Europa wie den Seleukiden in Asien entgegenzuarbeiten. Man wird die Politik der makedonischen Könige bewundern müssen, die sich von diesen Anfängen her zu solcher Macht, wie wir sie später finden werden, emporzuarbeiten vermocht hat. Aber freilich das alte volkstümliche Königtum Philipps und Alexanders ist es nicht mehr; die Antigoniden herrschen in nicht anderer Weise als die Lagiden in Ägypten, die Seleukiden in Asien, umgeben von einem glänzenden Hofstaat, von den Rangklassen der sogenannten Freunde und Verwandten, mit denen sie beraten, aus deren Mitte sie ihre Statthalter, Hauptleute, Gesandte usw. wählen; es ist ein höfischer Adel, zum Teil überreich, zum Teil verschuldet, in dem alt-makedonischen Institut der königlichen Pagen zum Dienst des Königtums herangebildet, der den Thron vom Volk scheidet. Von der alten makedonischen Freiheit scheint im Volke nicht mehr viel übrig zu sein, selbst Tribut muß es zahlen; wenn Antigonos den Philosophen Zenon einlädt, nach Makedonien zu kommen, äußert er: »Wer den Regierenden bildet und zu dem leitet, was die Tugend fordert, der führt offenbar auch dessen Untertanen zur Veredelung; denn wie der Leitende ist, so werden natürlich auch dessen Untertanen werden. «Man sieht, wie in der Vorstellung dieses großen Regenten das Volk ganz an das Vorbild, an den Willen, an die Person des Monarchen gewiesen ist; er ist der Staat, seine Leitung ist unumschränkt; Untertanen nennt er das Volk; nicht die alte herzliche Treue, sondern Gehorsam und Dienst ist nun das Verhältnis zum Monarchen. Nur eins, so scheint es, ist aus der alten Zeit geblieben oder wird von neuem eingeführt, die Verpflichtung aller zum Heerdienst, und den alten Ruhm der Tapferkeit bewahren die Makedonen, solange ihr Königtum bleibt; aber neben dem Volksaufgebot hält der König stehende Truppen, aus söldnernden Thrakern, Galatern, Kretern usw. bestehend, an den Grenzen und in den Städten als Besatzung, oder in der Nähe des Hofes, deren Treue von der Persönlichkeit des Regenten und der Anführer, von dem guten Solde, von den Zufälligkeiten des Krieges abhängt, eine Last für die Städte und für das flache Land, den Königen nicht selten trotzig und selbstwillig gegenüber.[59]

Wohl hat Makedonien Städte, teils jene alten griechischen Ansiedlungen an der Küste, teils die einheimischen, deren zuerst der König Archelaos im Lande mehrere anlegte, endlich eine Zahl neuer Gründungen, besonders zur Deckung gefährdeter Grenzen; daß sie eine gewisse kommunale Selbständigkeit hatten, geht noch aus den letzten Schicksalen des Reiches hervor; aber welchen Eingriffen sie seitens der königlichen Willkür ausgesetzt waren, dafür mag es genügen, ein Beispiel anzuführen: weil man den Städten der Küste nicht recht traute, wurden die angeseheneren Bürger mit Weib und Kind nach Emathien verpflanzt und Thrakern und andern Barbaren die Städte übergeben. Wie lehrreich wäre es, die Verhältnisse des flachen Landes zu kennen! Nur eine Andeutung finden wir: als die Römer das Königreich in vier Republiken auflösten, hoben sie die »Verpachtungen ländlicher Güter« auf; wohl die der königlichen Domänen. War auch im alten Makedonien der freie Bauernstand das Charakteristische gewesen55, so hatten natürlich doch die Könige Ländereien und Dörfer besessen; vieles davon war nach unsicherer Überlieferung von Alexander, als er nach Asien zog, an seine Großen verschenkt, seinen Kriegsleuten und ihren Angehörigen vielfach Steuern und Dienste erlassen. Freilich in den wüsten Kämpfen nach seinem Tode, bei der Masse von Makedonen im Dienst der Lagiden und Seleukiden, vor allem unter den verheerenden Angriffen der Gallier, vor denen nur die Mauern der Städte Schutz gewährten, mußte der freie Bauernstand gar sehr zusammengeschmolzen sein, jenes Pachtsystem die kleinen Leute ganz in die Gewalt des Grundherrn geben. Und wird nicht jener reiche Hofadel in ähnlicher Weise begütert gewesen sein? Aber die Überlieferungen gehen nicht weiter; das Angedeutete reicht hin, zu erkennen, wie das alte volkstümliche Wesen Makedoniens dahin ist, wie auch hier sich die neue Weise eines Königtums durchgesetzt, alles Recht und alle Beziehung des staatlichen Lebens in der Person des Monarchen, in dem Begriff einer souveränen und absoluten Fürstengewalt konzentriert hat, die den staatsrechtlichen Vorstellungen der Zeit entspricht.

Nicht eben heller und erfreulicher ist das Bild, das Griechenland nach dem Ende der Diadochenkämpfe bietet, Entvölkerung, Verarmung, politische Ohnmacht, Demoralisation, fremde Besatzungen oder Tyrannen in den Städten, bei einzelnen das schmerzliche Gefühl des allgemeinen Verderbens,[60] momentane Erhebung, aber nur zu neuem heftigeren Hader der einzelnen Staaten, das sind die Hauptzüge in diesem Bilde.

Unbeschreiblich verworren ist der Wechsel in den hellenischen Verhältnissen seit Alexanders Tod; mit Ausnahme von Sparta und Aitolien ist kein Punkt, wo nicht die Verfassung, die Herrschaft, die Politik sich wiederholt und auf die gewaltsamste Weise verändert hätte. Nach dem Sturz des Demetrios (287) behauptete sich sein Sohn Antigonos in einigen Landschaften und Plätzen Griechenlands; während er von dort aus gegen Ptolemaios Keraunos zog, trieb Ägypten Sparta zum Kampf gegen die ihm verbündeten Aitoler, aber Griechenland erhob sich nicht. Dann stürmten die Galater heran; Makedonien, Thessalien ward von ihnen überschwemmt; aber nicht alle Griechen vereinten sich zum Kampf; aus der Peloponnes kam niemand, nur die zunächst gefährdeten Landschaften sandten Truppen nach den Thermopylen; auch Antigonos schickte 500 Mann. Im Jahre darnach ging Antigonos, Makedonien in Besitz zu nehmen.

Wie waren nun die Verhältnisse in Hellas?

Thessalien, seit Philipp unter makedonischer Herrschaft, hatte umsonst wiederholte Versuche gemacht, Selbständigkeit zu gewinnen. Die Stadt Demetrias, die Antigonos' Vater gegründet, sicherte dem, der sie innehatte, die Herrschaft über die Landschaft. Es kann nicht zweifelhaft sein, daß hier der Form nach die alte tetrarchische Verfassung, wie sie Philipp wiederhergestellt hatte, sich erhielt; der städtische Adel blieb im ausschließlichen Besitz der politischen Rechte, die leibeigenen Penesten bauten für ihn das Feld. Aus der Zeit nach Antigonos wird angegeben: »Die Thessaler schienen eine gesetzliche Verfassung zu haben und sich viel von den Makedonen zu unterscheiden; doch sie unterschieden sich nicht und taten ebenso alles, was ihnen durch die Beamten des Königs geheißen wurde«56. Und als sie 194 der makedonischen Herrschaft entzogen wurden, wird von ihnen gesagt: »Nicht allein zu befreien waren ihre Städte, sondern aus der Verwirrung und Bevölkerungsmischung zu einem erträglichen Zustand umzubilden; denn nicht bloß waren sie durch Gewaltsamkeit und königliche Willkür verwirrt, sondern auch durch den unruhigen Sinn des Volks, das von früh an bis auf diese Zeit keine Versammlung oder Beratung anders als mit Tumult und Aufruhr hat zu Ende führen können«57. Was half ihnen bei solchen Verhältnissen im Inneren, daß sie dem Namen nach einen eigenen Staat bildeten mit einem eigenen König, der freilich immer der makedonische war, mit selbständigen Versammlungen,[61] die freilich wie Reichstage des polnischen Adels nur dazu dienten, jede Einigung unmöglich zu machen?

Eigentümlich ist die Lage Boiotiens. Die Städte des Landes waren seit alten Zeiten zu einem Bunde vereint, aber immer wieder hatte die Herrschsucht Thebens die heftigsten Kämpfe hervorgerufen; nach der glänzenden Zeit des Epaminondas steigerte das demokratisch gewaltsame Regiment Thebens diesen Haß, bis die Stadt von den Makedonen bewältigt, von Alexander mit Hilfe der boiotischen Städte zerstört wurde. Welcher Jubel war in Griechenland, da Kassandros sie herrlicher wieder erbaute! Sie sollte nur als Zwingburg dienen, die Landschaft in Gehorsam zu erhalten. Nach vielen Wechseln hatte sich endlich Demetrios Theben und Boiotien unterworfen; als er des makedonischen Thrones beraubt war, landflüchtig nach Griechenland kam, erklärte er Theben für frei. Die alte Bundesverfassung konnte wieder erstehen; aus Theben wurde der Archon des ganzen Bundes erwählt; sieben Boiotarchen standen an der Spitze der Bundesmacht, die, da die Galater in den Thermopylen erschienen, 10000 Mann Fußvolk und 500 Reiter betrug. Wohl hätte der Bund seinen materiellen Mitteln nach eine bedeutende Rolle in Griechenland spielen können, aber die rohe Gewaltsamkeit, die Verwilderung, die wüste Schlemmerei, die in den Städten herrschte, hinderte jedes kräftige Auftreten. Wir haben die merkwürdige Schilderung eines Mannes, der gegen den Ausgang der Diadochenzeit schrieb; er sagt: »Die Boioter zählen die bei ihnen vorhandenen Übel folgendermaßen auf: in Oropos wohne die Schandgewinnerei, in Tanagra der Neid, in Thespiai die Anmaßlichkeit, in Theben die Frevellust, in Anthedon die Habgier, in Koroneia die zudringliche Dienstfertigkeit, in Plataiai die Aufschneiderei, in Onchestos die Fieberhaftigkeit, in Haliartos die Borniertheit; alle diese Übel aus ganz Griechenland sind in den Städten Boiotiens zusammengeströmt«58. Vollkommen haltlos war ihre Politik. Eine Niederlage genügte (um 245), sie so ganz den Mut verlieren zu lassen, daß sie fortan an den Kämpfen Griechenlands keinen Anteil mehr nehmen mochten, sondern sich ganz dem Schlemmen und Zechen ergaben und Seele und Leib verderben ließen. »Um die Zeit des antiochischen Krieges«, sagt Polybios, »war seit 25 Jahren weder in öffentlichen noch in Privatprozessen ein Urteil gefällt, und die Strategen benutzten die öffentlichen Gelder zu Bestechungen des Pöbels, durch dessen Einfluß sie ihre Ämter nach Belieben verlängerten; so[62] weit war es gekommen, daß Kinderlose ihr Vermögen nicht nach der früheren Sitte den nächsten Verwandten hinterließen, sondern es den lustigen Kränzchen, die sich zu Essen und Trinken zusammengetan, vermachten, ja auch solche, die Kinder hatten, gaben diesen nur das gesetzlich bestimmte Pflichtteil und vermachten das meiste an jene liederlichen Gesellschaften; und es gab viele Boioter, die auf sich mehr Gelage im Monat, als der Monat Tage hat, rechneten.«

Doch unsere Schilderung greift zu weit vor, wir haben zunächst nur von der Zeit gleich nach der gallischen Invasion zu sprechen. Auch die Phoker, die Opuntischen Lokrer, die Megarer hatten Truppen nach den Thermopylen gesandt; also sie waren 279 nicht mehr unter makedonischer Herrschaft. Wohl aber Euboia; in Chalkis, in Karystos lagen makedonische Besatzungen, und wenn Eretria frei hieß, so zahlte es 200 Talente Tribut, die aus Rücksicht auf den ehrwürdigen Menedemos wohl auf 150 herabgesetzt wurden. Athen hatte freilich 287 die makedonische Besatzung vom Museion verjagt, aber Salamis, der Peiraieus, Munychia blieben in Antigonos' Gewalt. Auch Athen hatte Truppen in die Thermopylen gesandt, 1000 Mann Fußvolk und 500 Reiter, außerdem Schiffe, so viele man ausrüsten konnte. Wohl fühlte man sich groß in dem, was die Stadt in diesem Kampf gegen die Barbaren geleistet hatte59, und es fehlte nicht an solchen, die von Herstellung der alten Herrlichkeit träumten, aber die Mittel des Staates waren gering und die Menge nicht zu großen Opfern aufgelegt. Desto üppiger und ausgelassener war das Privatleben; ein Blick in die Bruchstücke der neuen Komödie zeigt, wie die Küche, Liebeshändel, Schmarotzerei und das Parfum der »Intelligenz« das allgemeine Interesse beherrschte; man sei nun so weit, sagte ein Philosoph, daß man bald auch die Misthaufen anmalen werde. Reiste man nun etwa von Athen nach Oropos, so fand man eine Menge eleganter Gasthäuser mit allen Bequemlichkeiten und trefflicher Bedienung.

Nur wenig mag hier von der Peloponnes gesagt werden, da dort erst die nächsten Zeiten bedeutendere Bewegungen bringen. Antigonos' Herrschaft war um 279 auf wenige Punkte zurückgedrängt. Sparta, noch immer mit der Verfassung Lykurgs, die längst eine Lüge geworden war, eine völlige Oligarchie der kaum noch hundert Familien, welche allen Besitz an sich gerissen hatten, war seit einiger Zeit mit Alexandrien in Verbindung und konnte, von dort aus unterstützt, daran denken, wieder eine[63] Rolle in Griechenland zu spielen. Als Antigonos gegen Ptolemaios Keraunos nach Makedonien gezogen war, hatte Sparta jenen Amphiktyonenkrieg unternommen, dem die übrigen Staaten beizutreten sich weigerten aus Furcht vor erneuter Hegemonie Spartas; gegen die Galater sandte 279 Messenien und Megalopolis keine Hilfe, weil Sparta ihnen während der Abwesenheit ihrer Mannschaft durch einen Vertrag Sicherheit zu geben ablehnte. Also unter Antigonos' Gewalt standen sie nicht mehr; er gebot noch in Troizen, in Korinth, in einigen Städten Arkadiens, vielleicht schon nicht mehr in Argos und Elis. Aber was waren denn solche Befreiungen? Man verjagte die makedonischen Besatzungen, aber in dem heftigen Parteizwist, der stets die Frucht der Befreiung war, bildete sich in der Regel eine Tyrannis, die dann natürlich wieder im Anschluß an Makedonien Sicherung fand. Nur die Achaier machten davon eine rühmliche Ausnahme; auch ihr alter Bund war in den Zeiten Philipps und Alexanders zerfallen, in ihren Städten bald Besatzungen, bald Tyrannen; aber die alte Einfachheit und Redlichkeit hatte sich in den Bergen des kleinen Landes erhalten, und in den wirren Zeiten des Galatereinfalls vertrieben vier dieser Städte die Tyrannen und Besatzungen und erneuerten die alte Verbindung. Es war noch der unversehrte Kern alter Tüchtigkeit, der hier von neuem zu treiben anfing, wenn auch zunächst noch ein kleiner unscheinbarer Anfang. Und so fand sich wohl noch ein und der andere Punkt, wo das Wesen der guten alten Zeit nicht völlig zersetzt und zertrümmert war, wie in Elis noch immer jene gutsherrliche Gemächlichkeit bestand und die Kynaithier rohe, wüste Gesellen waren und blieben, unmusisch durch und durch. Aber im großen und ganzen schwand doch dieser alte stark ausgeprägte Charakter jedes einzelnen Lokals mehr und mehr, ohne daß sich irgend etwas politisch Nationales gestaltete, um für die so nur desto ohnmächtigere Zersplitterung zu entschädigen.

Die einzige Macht in Griechenland, die um die Zeit des Galliereinfalls eine selbständige Bedeutung hat, ist die der Aitoler; schon halten die Lokrer am Parnaß zu ihnen, Herakleia am Oita hat sich ihnen anschließen müssen. Ihre Kraft ist es, ein rohes, frisches, gleichsam erst beginnendes Volk zu sein; während die anderen Staaten eine lange Reihe von historischen Entwicklungen hinter sich haben, mit politischen Theorien experimentieren, mit immer neuen Mißbräuchen und deren Abstellung sich abschwächen und nun endlich in ihrer kläglichen Gegenwart nichts als einen Wust von Trümmern aus nahen und fernen, guten und üblen Zeiten besitzen, ist dieses Aitolervolk in der rohen Freiheit jener Urzeit, da das Recht noch reichte, soweit das Schwert reicht, und der ehrliche Raub zu See und zu Lande des wackeren Mannes Gewerbe war. Bei den Aitolern war weder der Dorerzug eingedrungen, die alte Stammverfassung zu durchreißen[64] und einen streng gefugten Heerstaat zu gründen, noch hatte die spätere Zeit Kolonien an ihre Küste geführt. Sie blieben den übrigen Hellenen fern; die Jahrhunderte, in denen sich Griechenland hoch und höher entwickelte, waren spurlos an ihnen vorübergegangen. Als halbe Barbaren erschienen sie den Athenern des Peloponnesischen Krieges, aber den Angriff, den diese versuchten, schlug das schnell berufene Volksaufgebot blutig aus den Bergen zurück. Uralt mag die Verbindung dieser Kantone, dieser Gebirgsstämme gewesen sein; aber wie locker sie gewesen sein muß, ergibt sich daraus, daß an Alexander nach der Zerstörung Thebens die einzelnen Gaue ihre Gesandtschaften senden. Erst in den Wirren der nächstfolgenden Zeit beginnt der Bund als solcher hervorzutreten; die alte Fehdelust, die Raub- und Stegreifzüge einzelner Häuptlinge oder Gaue, das trotzige Gefühl roher Überlegenheit läßt bald diesen Bund als einen förmlichen und organisierten Raubstaat erscheinen, mit dem sich in der hergebrachten Weise völkerrechtlich zu verhalten unmöglich ist; und diese Art von Freiheit gilt ihnen als das Privilegium ihres Bundes. In Thermos hoch in den Bergen halten die Gaue ihr Bundesfest und ihre Versammlung; dort sind zugleich die Jahrmärkte und die Gastereien; dort im Tempel und in den Hallen sind Rüstungen bei tausenden, sind die Schätze und Prachtgefäße und Festgewänder und was jeder Auserlesenes hat aufbewahrt; bei den Zusammenkünften und Gelagen wird dann alle die Pracht zur Schau gestellt, getagt und geschmaust, und gilt es Krieg, so zieht sofort vom Zech- und Landtag aus dies Volksaufgebot hinaus unter Führung des neuen Strategen, dessen Lohn dann ein Drittel der Beute ist. Man sieht, wie altertümlich roh dieser Bund ist; von Politik, von Legislation, von Kriegskunst ist da keine Rede; je bunter es im übrigen Griechenland zugeht, desto bequemer läßt sich rauben, desto einträglicher ist der Sold bald da, bald dort, bei Freund und Feind. Es gibt keine wildere, ungestümere Tapferkeit als die der Aitoler; das Eisen kommt ihnen nicht von der Seite; und wie sie in keckem Wagemut stets bereit sind, ihr Leben daranzusetzen, so genießen sie es in jeder Art wildesten, ausschweifendsten Genusses. Wie seltsam tritt dieser Staat nun in die Politik jener Zeit, die, voll diplomatischer Förmlichkeiten und macchiavellistischer Routine, die Formen um so sorgfältiger beobachtet, je leichter sie es mit dem Recht nimmt, und die keine Art von Gewaltsamkeit scheut, wenn sie nur mit der gehörigen Verbrämung völkerrechtlicher Etikette aufzutreten weiß. Wie seltsam ferner steht dieser Bund jenem Achaiischen gegenüber, der, in allem das Gegenteil, redlich in seiner Klugheit, rücksichtsvoll in seinem umgestaltenden Streben, seine Macht und die Rettung Griechenlands auf die noch übrigen Reste von Vaterlandsliebe, Selbstverleugnung und Glauben an die gute Sache bauen zu können glaubt.[65]

Noch eine Macht bleibt uns zu betrachten, um den Kreis der hellenischen Politik zu schließen, das Königtum von Epeiros. Vierzehn epeirotische Völker zählte Theopomp; erschienen sie den Griechen auch als Barbaren, so waren sie doch nicht minder desselben, wenn man so sagen will, pelasgischen Stammes, nur daß sie zurückgeblieben waren gegen die hellenische Entwicklung. Jedes der Völker war selbständig gewesen, aber das eine oder andere erhob sich zu einer Hegemonie über benachbarte. So die Chaonen zur Zeit des Peloponnesischen Krieges; aus einem bestimmten Geschlecht wurde ihre Obrigkeit erwählt, jährlich wechselnd, je zwei Häupter; die Thesproten, gleich ihnen königslos, standen unter ihrer Führung. Bei anderen erhielt sich das altertümliche Fürstentum, bei den Oresten im Geschlecht des Perdikkas, bei den Aithikern in dem des Polyperchon, bei den Athamanen in dem des Amynandros, bei den Tymphaiern vielleicht in dem des Andromenes. Es war mit den epeirotischen Völkern wie mit denen Makedoniens, nur daß hier in dem Herakleidengeschlecht sich früher eine Macht gebildet hatte, welche die kleinen Stammfürsten in ihrer Nähe dependent zu machen verstand; auch von den Epeiroten traten einzelne Stämme, so die Oresten, die Aithiker, die Tymphaier, unter makedonische Herrschaft. Es wiederholen sich die Entwicklungen Makedoniens in Epeiros, nur später. Das molossische Königtum ist es, das dieselbe Vereinigung hervorzubringen suchte. Bei den Molossern bestand ein altertümliches Königtum; »weil es so beschränkt war«, sagt Aristoteles, »erhielt es sich, während es bei anderen unterging«. In Passaron beim Opfer des Zeus Areios schwur der König den Molossern, nach den Gesetzen zu regieren, und die Molosser, das Königtum nach den Gesetzen zu schützen60. In derselben Zeit, da Archelaos in Makedonien sein Volk einer höheren Entwicklung zuzuführen begann, ordnete der König Tharrybas – er war in Athen erzogen worden – die Gesetze und die Verwaltung der Molosser, richtete einen Senat und jährliche Beamtete ein. Fast noch ein Jahrhundert währte es, ehe sich Epeiros zu größerer Bedeutung erhob. Makedonien hatte die glorreiche Zeit Philipps und Alexanders voraus; selbst das Königshaus der Molosser kam in eine Art Abhängigkeit von Makedonien61; sie blieb auch nach dem Tode Alexanders; als König Aiakidas die Molosser zum Kampf gegen Kassandros führte, war es ihnen eine[66] zu große Last; sie verließen das Lager, in allgemeinem Volksbeschluß setzten sie ihren König ab, und Kassandros bestellte einen Reichsverweser über Epeiros. Aber als sich Demetrios in Griechenland erhob und um den Besitz Makedoniens kämpfte, kehrte Pyrrhos, vom König Ägyptens unterstützt, zurück, und begann jene denkwürdige Reihe von Kämpfen, die Epeiros eine Zeit lang in den Vordergrund der hellenischen Verhältnisse stellen sollten. Bis zu den Grenzen des befreundeten Taulantinergebietes und über Akarnanien dehnte er seine Herrschaft aus; in Ambrakia erbaute er seine glänzende Residenz; in wiederholten Kriegen wurde Makedonien, wenn auch nie dauernd gewonnen, doch zur Rückgabe der alt-epeirotischen Landschaften Tymphaia und Parauaia genötigt62. Pyrrhos war der kühnste und glücklichste Feldherr jener Zeit; seine Völker besaßen noch die Kraft und Frische, die in Makedonien von Philipp, von Alexander und seinen Nachfolgern aufgebraucht war; seine Länder waren noch blühend und dicht bevölkert, voller Ortschaften, ohne städtisches Leben. Wie rasch verwandelte sich unter Pyrrhos' Herrschaft die Art dieser Epeiroten! Sein Ruhm, sein Heldenmut, seine unermüdliche Kriegslust entzündete das Volk; gern verließ man Herde und Pflugschar, um unter ihm Sold und Beute und Ruhm zu gewinnen. Fortan folgt Krieg auf Krieg, nach allen Richtungen hin wird gekämpft. Wie ein Heerkönig zieht Pyrrhos auf Abenteuer hinaus; das freie, friedliche Bauernvolk verwandelt sich in kampflustige Kriegsscharen, und gegen das Königtum mit[67] seinem Hofe und seinem Heere tritt die Nation und ihre altväterliche Stammesverfassung völlig in den Schatten.

Und an den Namen dieses Königs knüpft sich zugleich die entscheidende Wendung in den Geschicken des westlichen Griechentums; mit seinem Zug nach Italien hebt eine Reihe von Kämpfen an, deren Strudel Afrika, Griechenland, Makedonien, bald auch Asien, Ägypten, die ganze geschichtliche Welt des Altertums ergreifen und erschüttern werden.

Wie überreich waren die hellenischen Kolonien Siziliens und Italiens aufgeblüht! Es gab eine Zeit, da ringsum die Küsten von Kampanien bis Apulien, die von Sizilien, die Liparischen Inseln mit Griechen bevölkert waren, da Massilia die Südküsten Galliens kolonisierte, Korsika von Phokaiern in Besitz genommen war und Bias von Priene mit den Ioniern Asiens in Sardinien eine neue Heimat zu finden gedachte. In derselben Zeit, da die Griechen Kleinasiens der Persermacht erlagen, erhoben sich die im Westen zu unbeschreiblicher Blüte. Umsonst versuchten die Punier gleichzeitig mit der Invasion des Xerxes den Kampf gegen Sizilien; am Himera wurden sie bewältigt; der kymäische Sieg vollendete die Sicherung der italischen Griechen gegen die gewaltige Landmacht der Etrusker, der Herren von Etrurien, Latium und Kampanien. Mit Staunen verweilt man bei dem Bild des Griechentums in Sizilien und Italien; welche Fülle der Macht, welcher Glanz der Fürstenhöfe, welcher Reichtum der Städte, welche hohe Bewegung in ihrem politischen, ihrem geistigen Leben! Dort bildete sich jener merkwürdige Bund der Pythagoriker, jene tiefsinnige Lehre der Eleaten; dort dichtete Empedokes, von dorther kam den Athenern die Kunst der Rede. Selbst Ionien tritt gegen die Glanzfülle dieser Landschaften in den Schatten, so überreich war die Pracht ihrer Riesentempel, die Bevölkerung ihrer Städte, der Ertrag ihres Handels, ihr Leben und Genießen, ihr Dichten und Denken.

Aber nach Griechenart waren sie voll steten Kampfes miteinander und in sich selbst; und gefährliche Feinde erlauerten von allen Seiten die Stunde ihrer Schwäche, um über sie herzufallen. Der Hader der sizilischen Städte, den Athen zu benutzen gehofft, gab den Puniern Anlaß, um die Herrschaft der Insel zu ringen. Was gegen sie verloren worden, versuchte Dionysios in Italien wieder zu gewinnen. Was half den Italioten ihr Bund, sie wurden besiegt; von Rhegion aufwärts starb ihre Blüte dahin. Und schon drängten andere Feinde: die Macht der Etrusker war dem Ansturz der Gallier, der Erhebung Roms erlegen; die tapferen Samniten herrschten schon zwischen den Griechen Kampaniens und des Südens; die Lukaner bedrängten im Bunde mit Dionysios die vereinten Städte im Rücken; bald erhob sich in den Bruttiern ein neues Volk, eine neue Gefahr.

Dann die furchtbare Auflösung, die dem Tode des ersten Dionysios[68] folgte. Noch einmal, in derselben Zeit, da gegen Philipp von Makedonien die Staaten Griechenlands vollkommen erlagen, erhob sich Sizilien unter Timoleons Führung, verjagte da und dort die Tyrannen, siegte über die Punier, erzwang die Anerkenntnis der Freiheit aller Griechenstädte der Insel. Neue Ansiedler strömten in Menge aus dem bewältigten Griechenland herüber; die verödeten Städte bevölkerten sich wieder, die trefflichen Gesetze alter Zeit erneuerten die alte Blüte, die verwilderten Felder wurden wieder bebaut und lohnten mit reichem Ertrag, der Handel, der ganz gesunken war, belebte sich von neuem. Von dem steigenden Wohlstand der Insel geben zahlreiche Kunstwerke Zeugnis, die eben in dieser längeren Friedenszeit entstanden.

Fast um dieselbe Zeit erhob sich auch das italische Griechentum wenigstens an einem Punkte zu großer Kraft. Nicht genug bewundern kann man den hehren Archytas, den Perikles von Tarent; unter seiner Leitung hatte die überreiche Stadt, die einzige, welche unter den Italioten noch unversehrt geblieben war, eine Kraft und innere Haltung bewährt, welche sie würdig machte, den Schutz der italischen Griechen und die Hegemonie des Bundes, der sich in der Tarentinerstadt Herakleia versammelte, zu übernehmen. Dieser Zeit scheint die höchste Blüte der Stadt zu gehören. Tarent war an der ganzen Südküste Italiens der einzige große Hafen. Aller Verkehr von Sizilien und Griechenland mit den Städten und Völkern an dieser Küste und der adriatischen bis Sipontum hinauf konzentrierte sich in Tarent; tarentische Schiffe gingen nach Istrien und Afrika, nach den reichen Handelsplätzen Illyriens, nach Achaia, Kyrene, Kleinasien. Es war nicht bloß der einträglichste Transithandel, der die Stadt bereicherte; ihre weizenreichen Fluren, ihre Anpflanzungen, ihre Fischereien boten eine ergiebige Ausfuhr, ihr Salz war von vorzüglichster Qualität und mochte besonders nach dem inneren Lande starken Absatz haben63. Wie bedeutend ihre Metallarbeiten waren, sieht man aus der einzigen Stelle, die davon spricht64. Vor allem wichtig aber war ihre Industrie in Wollenzeugen, welche mit der höchsten Sorgfalt und Virtuosität betrieben wurde. Unzählige Schafherden wurden im Gebiet der Stadt gehalten; durch große Sorgfalt in der Fütterung und Stallung, durch Veredelung der Rasse und vorzügliche Wäsche erzielten die Tarentiner ein[69] Material, das im Altertum unter dem Namen der griechischen Wolle65 berühmt war. Zugleich war das Tarentiner Gewebe von vorzüglicher Schönheit, und die dortige Färberei stand nur der syrischen nach. Noch heute bezeugen die schönen Münzen von Tarent mit mannigfachen Emblemen der Spinnerei und Färberei, welche Bedeutung diese Industrie für die Stadt hatte. Daß die Tätigkeit und der Wohlstand Tarents überwiegend auf Industrie und Handel gerichtet war, wird auch den politischen Charakter der Bevölkerung bestimmt haben. Wie in Athen nach Perikles' Tod schwand auch hier mit Archytas die Haltung der Demokratie, nur in noch üblerem Wechsel zwischen dem retardierenden Einfluß der Reichen und Reichsten und der immer lärmenden und selten nachhaltigen Eifersucht des Demos her und hinschwankend. Der Demos entwöhnte sich der Waffen, er wagte nicht mehr, einem Mitbürger die höchste militärische Gewalt anzuvertrauen. Wie in den italischen Republiken des ausgehenden Mittelalters wurden fremde Heerführer mit ihren Soldknechten in Lohn genommen, wenn es Krieg zu führen galt. In derselben Zeit, da Timoleon in Sizilien sein großes Werk begann, kam der Spartanerkönig Archidamos, von den Tarentinern zum Kampf gegen die Lukaner gerufen, an der Spitze jener wüsten phokischen Söldner, die sich ein Jahrzehnt lang vom Raub des delphischen Heiligtums bezahlt gemacht hatten; der König und das Heer gingen unter. Eben jetzt führten die Römer mit den Samniten ihren ersten großen Krieg. Es galt, wessen die Herrschaft in Italien werden sollte; sie maßen nur erst ihre Kräfte; sie schlossen einen Frieden, dessen Dauer der Natur der Sache nach unmöglich war.

Nicht das reiche Tarent hatte den Moment ergriffen, der noch einmal die Rettung des italischen Griechentums möglich zeigte. Nur der nächsten Gefahr achtete es, die von den Lukanern zu drohen schien. Gegen sie berief es Alexandros den Molosser, des großen Alexander Oheim. Bald zeigte sich, daß er mehr als nur im Dienst der Tarentiner kämpfen wollte; er hoffte, wie der Makedone im Osten, so ein Reich im Westen zu erobern. Vertriebene Lukaner sammeln sich um ihn. Er erobert viele Städte der Lukaner, der Bruttier, er landet bei Poseidonia und schlägt dort die vereinten Lukaner und Samniten; die Römer schließen mit ihm ein Bündnis. Da wenden sich die Tarentiner von ihm; Alexandros entreißt ihnen Herakleia, er verlegt die Bundesstätte in das thurische Gebiet. Aber wie[70] die Tarentiner seine und der Griechen Sache verlassen, hat sein Glück ein Ende: die lukanischen Verbannten verraten ihn, rings von Feinden umschlossen findet er den Tod.

Nach einigen Jahren begann ein zweiter, furchtbarerer Samnitenkrieg (326); er entbrannte um die griechische Stadt Neapel. Die Samniten versprachen sie zu schützen, die Lukaner, deren Macht in den Siegen des Epeiroten den tiefsten Stoß erlitten hatte, schlossen sich den Samniten an. Tarent hätte das Interesse und die Macht gehabt, zwischen die Kämpfenden tretend den Frieden zu gebieten66. Die Stadt soll den Versuch dazu gemacht haben; aber als die Römer statt Folge zu leisten den Kampf fortsetzten, unterließ sie es, der Rolle der bewaffneten Neutralität, die sie begonnen, weitere Folge zu geben. Sie mochte sich begnügen, daß beide italische Mächte, in gleichem Maße Feinde des Griechentums in Italien, sich in erbittertem Kampf gegenseitig zugrunde richteten.

Während so um die Herrschaft Italiens gestritten ward, erhob sich ein zweiter, nicht minder furchtbarer Kampf um Sizilien. Nach dem Frieden, den Timoleon geschaffen, waren bald die alten Parteiungen wieder erwacht. Am wildesten tobten sie in Syrakus. Die oligarchische Partei hatte dort endlich den Sieg errungen, hatte den Krotoniaten, die von den Bruttiern bedrängt waren, Beistand geleistet. Aber der kecke Kriegsmann Agathokles, von ihnen beleidigt, war nach Tarent gegangen, im Söldnerheere der Republik zu dienen. Seine Verwegenheit hatte die Besorgnis der Bürger erweckt; er ward entlassen. Eben belagerten die Oligarchen von Syrakus Rhegion. Agathokles erließ an die Verbannten einen Aufruf, sich mit ihm zum Schutz der Freiheit zu vereinen. Er entsetzte Rhegion, er rückte vor Syrakus; im heftigsten Parteienkampf stürzte die Oligarchie. Agathokles ward zurückberufen, ward zum unumschränkten Feldherrn ernannt, während die Oligarchen sich in Agrigent sammelten, mit Gela, Messana, mit den Karthagern in Verbindung traten, gegen den blutig schaltenden Agathokles zu kämpfen. Die Flüchtlinge von Syrakus sandten nach Sparta; Akrotatos, des Königs Kleomenes Sohn, warb Söldner; auf der Hinfahrt fand er in Tarent freundliche Aufnahme, die Tarentiner rüsteten zwanzig Trieren, Syrakus mit zu befreien. Es war eine große politische Kombination, die sie verfolgten, aber an der Verruchtheit des Spartaners scheiterte das Werk, ehe die Tarentiner ausgesegelt waren (314). Agathokles' Macht griff ungehindert um sich. Die Karthager mußten fürchten, die sorgfältig genährte Zwietracht auf der Insel in der einigenden Gewalt[71] des kühnen Feldherrn aufhören, ihren Einfluß damit enden zu sehen, selbst ihr Gebiet auf der Insel zu verlieren. Sie traten als Befreier der Griechen auf. Mit ungeheurer Rüstung warfen sie sich auf Sizilien. Bald war die Insel bis auf Syrakus in ihrer Gewalt, es schien keine Rettung mehr für Agathokles. Er fand sie in dem verwegensten Plan: mit seinen Söldnern warf er sich auf die Schiffe, schlüpfte glücklich durch die karthagischen Flotten hindurch, die das Meer bedeckten, landete in Afrika; der stolze Handelsstaat war am Abgrund des Verderbens.

So die beiden großen Kämpfe, die gleichzeitig den Westen erfüllten. Wie unterschieden sind sie in ihren Mitteln und ihren Erfolgen! Hier Söldner gegen Söldner, dort Volk gegen Volk; hier die kühnste Strategie gegen die verschlagenste Merkantilpolitik, die sich zum ersten Male ernstlich gefährdet fühlt, dort der ernste mörderische Kampf des Hasses auf Leben und Tod, wie zweier Athleten, die sich mit gleicher Kraft umklaftern und, im furchtbarsten Ringen wie festgebannt, wie zu einem Leibe verschlungen, endlich zugleich stürzen zu müssen scheinen.

Aber Rom siegt; die Samniten müssen die Hoheit Roms anerkennen, der Herrschaft über die Lukaner entsagen. Tarent hat töricht genug die Samniten sich verbluten lassen. Freilich in den letzten Phasen des Krieges hatte die Stadt – vielleicht weil sie sich vom wachsenden Übermut der Lukaner bedroht fühlte – sich wieder nach einem Kondottiere umgetan. Der Spartaner Kleonymos, des Akrotatos Bruder und noch wüster als dieser, noch verwegener, war mit 5000 Söldnern vom Tainaron gekommen, hatte auf italischem Boden sein Heer mit Söldnern, die ihm zuliefen, mit Milizen der Städte, die er preßte, bald auf 20000 Mann Fußvolk und 2000 Reiter gemehrt, die Lukaner zum Frieden mit Tarent gezwungen, Metapont unterworfen und geplündert, zu größeren Dingen sich weiter rüstend. Nicht bloß Tarent mochte vor diesem Tollkühnen und seinen Banden bange sein. Möglich, daß Rom mit Rücksicht auf ihn den Samniten den Frieden gewährt hat, um den sie baten; möglich auch, daß der Senat für angemessen hielt, auch mit den Tarentinern Verständigung zu suchen, um ihm den Boden unter den Füßen zu entziehen. Wenn ein Vertrag erwähnt wird, in dem Rom sich verpflichtete, seine Schiffe nicht über das Vorgebirge Lakinion bei Kroton hinausfahren zu lassen, so mag das der Preis dafür gewesen sein, daß die Tarentiner den Abenteurer und sein Heer entließen und wohl nicht ohne bedeutende Opfer seinen Abzug erkauften. Wenigstens in seinem eigenen Meere konnte Tarent fortan vor Übergriffen der römischen Flotte sicher zu sein hoffen.

Karthago hat vier Jahre hindurch den mächtigen Agathokles auf den afrikanischen Feldern gesehen. Dann zwingt ihn Aufruhr in Syrakus, heimzueilen; ein Friede gibt den Puniern auch ihren Teil Siziliens zurück; nach[72] hartem Kampf werden die Empörer zu Paaren getrieben, Agathokles' Macht in der andern Hälfte der Insel ist gesichert.

Bald folgt ein dritter, der furchtbarste Krieg zwischen Rom und den Samniten (298). Diese hatten die Lukaner angegriffen, die Lukaner unter Roms Hoheit Schutz gesucht, Rom den Angriff für Friedensbruch erklärt. Die Etrusker, die Gallier erhoben sich wider Rom, neue Gallierschwärme kamen über die Alpen; ganz Italien brannte im wildesten Kampf, acht Jahre währte er mit wechselndem Glück. Glänzender als je zeigte sich die Energie des römischen Volkes, vom Polande bis zur Südspitze Lukaniens erfocht es Erfolg auf Erfolg. Roms Herrschaft in Italien war entschieden.

Oder sollten die Griechen sie ihnen noch streitig machen? Von Sizilien aus war es schon nicht mehr möglich. Agathokles hatte nach einem erfolglosen Versuch gegen Korkyra sich Krotons bemächtigt. Er kämpfte wider die Bruttier, ohne sie zu bewältigen; sie fanden an den Puniern Bundesgenossen. Gegen diese rüstete der Tyrann einen neuen größeren Heereszug, mit 200 Kriegsschiffen gedachte er, ihrer auch zur See Meister zu werden, da ward er ermordet (288). Mit den Mördern verbanden sich die Punier; unter blutigen Kämpfen löste sich Agathokles' Reich auf; selbst in Syrakus standen die Bürger gegen die Söldner; mit Mühe gewann man deren Abzug; meist Kampanier, zogen sie heimzukehren nach Messana. Dort ermordeten sie die Bürger, nahmen die Stadt in Besitz, gründeten den Räuberstaat der Mamertiner. Sizilien war vollkommen ohnmächtig und in sich zerrissen; die Blüte, die Agathokles' strenges, aberweises Regiment hervorgerufen67, schwand schnell dahin; in jeder Stadt erhoben sich Tyrannen; die Politik Karthagos hatte freien Spielraum.

Noch trauriger die griechischen Städte Italiens. Die alte Herrlichkeit Kampaniens war dahin, die Städte verödet oder mit Barbaren, mit Untertanen der Römer gefüllt; die wenigen Nachkommen der Griechen in Poseidonia, die noch übrig waren, kamen alljährlich einen Tag in der Stille zusammen, sich mit Tränen der alten Zeit zu erinnern, da sie noch griechisch sprachen und frei waren. Auch die südlichen Städte, die wenigen, die noch ihre Unabhängigkeit behauptet hatten, waren tief gesunken, die Blüte ihrer Bürger in innerem Hader oder im Kampf gegen die sizilischen Tyrannen, gegen die Bruttier und Lukaner aufgerieben. Nach dem Verlust der weiten Landschaften, die sie einst beherrschten, waren sie auf ihre Mauern beschränkt, in deren weitem Umfang der bewohnte Teil sich eng und enger zusammenzog. Nun hatten die Bruttier in ihren Angriffen auf Rhegion nicht mehr den Tyrannen von Syrakus zu fürchten, und die Lukaner,[73] frei seit der Bewältigung der Samniten, wandten ihre Räuberangriffe wieder gegen Thurioi. Kaulonia, Kroton, Metapont, kurz was von hellenischen Städten noch bestand, war ohnmächtig, des Schutzes bedürftig. Aber Tarent blühte noch; die Stadt mußte mächtiger scheinen als je, ihr Handel jetzt, da von Konkurrenz großgriechischer und sizilischer Städte nicht mehr die Rede sein konnte, um den besten Teil dessen, was sie verloren hatten, wachsen. Und durch den Vertrag mit Rom hatte die Stadt sich ihr Meer vor dem Übergreifen der ersten Macht Italiens gesichert. Sie hatte den mächtigsten Fürsten jenseits des ionischen Meeres, den König von Epeiros, durch Förderung seines Unternehmens auf Korkyra sich zu Dank verpflichtet und in seiner Freundschaft einen Rückhalt für den schlimmsten Fall.

Sie brauchte Frieden und stetige Zustände, wenn Industrie und Handel gedeihen sollten, und es gab eine gewiß bedeutende Partei in der Stadt, die deren Politik nach diesen Rücksichten und nur nach ihnen bestimmt sehen wollte; natürlich gehörten besonders die Großhändler und die großen Industriellen zu ihr. Vielleicht dankte ihrem Bemühen die Stadt jenen Vertrag mit Rom. Ihre Gegner mochten sie Römerfreunde schelten, ihnen zum Vorwurf machen, daß die tapferen Samniten, mit denen die Stadt sonst so ergiebigen Handel getrieben habe, in ihren langen und schweren Kämpfen von Tarent keinerlei Unterstützung erhalten hatten, daß nun alles Hinterland Tarents, Apulien, Samnium, Lukanien, verloren, und Rom der politische und wirtschaftliche Mittelpunkt dieser Völker geworden sei. Bedenklicher noch mußte es scheinen, daß die Römermacht sich seit einem Menschenalter reißend schnell ausbreitete, daß sie dem Tarentiner Gebiet nah und näher rückte, schon sich in Venusia, zwei Märsche von Tarent, eine offensive Position, eine Militärkolonie, gegründet hatte. Ihre Herrschsucht und Ländergier schien keine Grenzen zu kennen, und wohin sie kam, war Wohlstand und Verkehr mit der Selbständigkeit dahin. Es lag in der Natur der Sache, daß Tarent sich in feindlichem Verhältnis zu den Römern fühlte, daß es die Furcht, den Haß, den Ingrimm der italischen Völker zu benutzen gedachte, um zwischen ihnen einen Bund zum Vernichtungskampf gegen die herrische Stadt zustande zu bringen, in der eben jetzt (287) heftige innere Zerwürfnisse sich bis zur Auswanderung der Plebs auf den Janiculus gesteigert hatten, ein Zeichen, so schien es, daß doch das aristokratische Regiment, dem die Stadt Rom ihre Überlegenheit dankte, keineswegs auf festem Grund stehe, daß man im Demos von Rom vielleicht einen Verbündeten finden könne.

Es begannen die ausgedehntesten Negoziationen: tarentinische Gesandte gingen zu den Etruskern, Galliern, Umbrern, sie zum Abfall von Rom zu reizen; mit Freuden folgten auch die Samniten der noch einmal lächelnden[74] Hoffnung. Den Lukanern mußte das ungleiche Bündnis mit Rom, dessen Siege nur durch ihre kurzsichtige Politik möglich geworden waren, unerträglich fallen. Tarent nahm keinen Anstand, ihre und der Bruttier Mitwirkung auf Kosten der tief gesunkenen griechischen Städte, nach deren Besitz diese Italiker seit alten Zeiten rangen, zu gewinnen; es ließ geschehen, daß hellenische Städte von den Barbaren gefährdet wurden. Schon zweimal hatte der Lukaner Feldherr Stenius Statilius Thurioi angegriffen, als der Volkstribun C. Aelius in Rom wider ihn ein Gesetz in Antrag brachte, wofür die Thurier ihn mit einem goldenen Kranz ehrten. Dies muß vor dem Ausbruch des großen Krieges geschehen sein; die Thurier, aller Hilfe entblößt, müssen bei Rom Schutz gesucht haben.

Wurde jenem Gesetz Folge geleistet oder nicht (und das letztere ist wahrscheinlicher), jedenfalls mußte es bei den Lukanern, bei allen Verbündeten die Erbitterung gegen Rom auf das äußerste steigern. Dem Senat entging die Bewegung unter den Völkern nicht. Er schickte C. Fabricius zu den verbündeten Staaten, um sie vor Neuerungen zu warnen; aber sie nahmen den Gesandten gefangen, sie schickten zu den Etruskern, Umbrern, Galliern, und auf ihre Veranlassung fielen die einen sogleich, die andern kurze Zeit danach ab. Mit dem Jahre 284 war der Krieg im Gange. Ausdrücklich bezeugt ist es, daß die Tarentiner, obschon sie den Krieg angefacht, sich noch immer stellten, als ob sie in friedlicher Gesinnung gegen Rom beharrten, und daß die Römer, obschon sie ihre Umtriebe kannten, sie für jetzt unangefochten ließen. Also nicht in offiziellen Formen, nicht von Staats wegen waren die Italiker von Tarent aus aufgehetzt, sich gegen Rom zu erheben, sondern durch diejenigen, welche trotz der Friedensliebe der Reichen und auf eigene Hand wagend, mit dem gegen Rom geschürten Brand Tarent in Italien und sich in Tarent desto einflußreicher zu machen hoffen mochten. Schon bedurfte es nur noch eines Anlasses, die so gesteigerte Stimmung auch in Tarent in hellen Flammen auflodern zu lassen – wir werden sehen, wie bald er sich fand –, dann stürzte sich auch Tarent in den furchtbaren Krieg; der größte Feldherr des Griechentums, der König Pyrrhos von Epeiros, wurde nach Italien gerufen, und Rom schloß ein Verteidigungsbündnis mit Karthago.

Von diesem Anfang an entwickeln sich die Verhältnisse des Westens in verhängnisvoller Folgerichtigkeit, nur zu bald mit denen des Ostens zusammenflutend. Überschauen wir im voraus ihren Verlauf. Bald erliegt die Griechenmacht in Italien; Sizilien vermag sich nicht mehr zu erheben; Karthago und Rom treten zum Kampf gegeneinander, mit der ganzen Gewalt vollkommen entgegengesetzter Prinzipien, mit der ganzen Wut bedrohter Machtansprüche, beide in dem vollen Gefühl, um ihre Existenz zu ringen. Gleichzeitig durchtobt den Osten der wechselreiche Kampf der[75] Lagiden und Seleukiden, unter dessen Schutz sich die neuen Reiche der Parther und der Griechen in Baktrien erheben, die nationalen Dynasten im Norden erstarken, die pergamenischen Dynasten ein Königreich erwerben. Zwischen dem Osten und Westen in der Mitte erheben sich die Städte- und Staatensysteme des alten Hellas zum Teil mit neuen Namen zu neuer Bedeutsamkeit. Schon hat Rom durch den Krieg mit dem Epeiroten Beziehungen zu diesen Gegenden, aber auf sie wirkt vorerst noch die östliche Politik stärker ein, durch Makedonien sind sie in allen Schwankungen derselben mitbeteiligt. In stets parallelen Strömungen fluten die Verhältnisse der hellenischen und hellenistischen Staaten; es bestimmt sie der jedesmalige Vorteil, das momentane Bedürfnis, die bald daher, bald dorther drohende Gefahr einer emporwachsenden Übermacht; nicht die innere Notwendigkeit nationaler Prinzipien, sondern die ganz äußerliche Mechanik einer eifersüchtigen, in steter Oszillation die eigenen Kräfte abnutzenden Gleichgewichtspolitik bestimmt sie.

So sind es drei Kreise, in denen sich sporadisch, wie Polybios68 sagt, die Geschichte der nächsten zwei Menschenalter bewegt. Dann hat sich das in Sizilien bewältigte Karthago auf Spanien gewandt, dort eine Landmacht begründet, die imstande ist, Rom auf seinen eigenen Feldern anzugreifen, hat mit dem Makedonenkönig ein Bündnis geknüpft, gegen welches die Römer den Beistand der Aitoler, der pergamenischen Könige gewinnen. Damit sind sie Gegner der Seleukiden, des Antiochos, dem seine Feldzüge gen Baktrien und Indien den Namen des Großen gewonnen haben, und der mit dem Makedonenkönig sich zur Teilung des Lagidenreiches verbündet. So umschließt ein großer Zusammenhang die politischen Verhältnisse von den Säulen des Herkules bis zum Indus; »für Rom oder wider Rom« ist das Feldgeschrei, das die Welt erfüllt.

Die sechzig Jahre vom Pyrrhischen bis zum Hannibalischen Kriege sind es, die ich im folgenden darzustellen habe.[76]


Quelle:
Johann Gustav Droysen: Geschichte des Hellenismus. Tübingen 1952/1953, Band 3, S. 1-77.
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