22. Die Vorstadt Bezetha.

[772] Die Lage des Stadtteils oder Quartiers Bezetha in Jerusalem ist der bestbezeichnete topographische Punkt Jerusalems. Nichtsdestoweniger gehen die Ansichten über sie so weit auseinander, daß kaum mehrere namhafte Topographen, die Forschungen darüber angestellt haben, in allen Punkten übereinstimmen. Ein recht anschauliches Bild von der Differenz über die Bezetha und andere topographische Punkte Jerusalems gibt die ausgezeichnete Karte von C. Zimmermann, als Beilage zu der Übersicht gewährenden Begleitschrift: »Karten und Pläne zur Topographie des alten Jerusalem«, Basel 1876. Es sind drei Terrainkarten; und die vierte, betitelt: »Restaurierte Stadtpläne des alten Jerusalem«, gibt 14 verschiedene topographische Zeichnungen Jerusalems von 14 Schriftstellern, von denen die meisten die heilige Stadt aus Autopsie kennen gelernt haben, von Robinson an, der zuerst 1841 wissenschaftliche Akkuratesse in diese archäologische Studie gebracht hat, bis auf Conrad Schick, der als Baurat in Jerusalem lebt und 1876 einen Plan entworfen hat, mit welchem Zimmermann seine Übereinstimmung erklärt. Unter diesen Topographen, die auch über die Lage von Bezetha Forschungen angestellt haben, figurieren die Franzosen Graf de Vogüé und General de Saulcy, die Engländer Williams, Fergusson und Warren, einer der drei Ingenieure, welche die Gesellschaft Palestine exploration fund nach Palästina beordert und mit reichen Mitteln zur Erforschung des heiligen Landes versehen hat; ferner die Deutschen Schultz, Sepp, Menke, dessen biblischer Atlas von Palästina nächst der Karte von Kiepert allgemein bekannt ist, ferner Titus Tobler, der so viel für diese Studie geleistet hat, Furrer, der Schweizer Prediger, der zu Fuß das heilige Land in der Länge und Breite durchmessen hat, und endlich noch andere, welche im Verlaufe dieser Untersuchung werden genannt werden. Alle diese differieren bezüglich dieses topographischen Punktes. Die Verschiedenheit der Resultate der Untersuchung über die Lage der Bezetha ist allerdings durch ein dogmatisches Interesse veranlaßt. Jesus ist auf Golgatha gekreuzigt und (nach Johannes 19, 41) in dem Grabgewölbe des Joseph von Arimathia in der Nähe von Golgatha beerdigt worden. Dieses Grabgewölbe muß jedenfalls außerhalb der Stadt ausgehauen gewesen sein. Denn innerhalb Jerusalems durfte kein Grab angelegt werden, weil ein solches levitische Unreinheit verursacht haben würde. Nichtsdestoweniger hat die kirchliche Tradition Jesu Grabmal einen Platz innerhalb des jetzigen Jerusalem zugewiesen und dort nicht weit vom Jaffatore und der Höhe, welche allgemein als Oberstadt [772] angenommen wird, die Grabeskirche erbauen lassen. Nun war zur Zeit Jesu das Quartier Bezetha bereits bewohnt, folglich müßte der Gräberplatz auch außerhalb dieser Vorstadt gelegen haben. Die katholischen Topographen hatten und haben aber das höchste Interesse daran, der Bezetha eine solche Lage dicht am alten Jerusalem zu geben, daß der Platz der Grabeskirche innerhalb der jetzigen Stadt zu liegen käme. Dieser Auffassung traten protestantische Topographen entgegen, zuerst Robinson, und der Streit ist noch nicht geschlichtet. Auf den von Zimmermann zusammengestellten Plänen kann man an der Zeichnung für die Bezetha sofort erkennen, ob der Verf. dem katholischen oder katholisierenden Bekenntnisse angehört oder ob er ein Protestant ist. Alle diejenigen topographischen Pläne, welche die Bezetha nächst der Ringmauer um diesen Stadtteil so zeichnen, daß sie der Stadt im Nordwesten näher liegt als im Nordosten, stammen von Katholiken und sind derart angelegt, daß im Westen Raum für Golgatha außerhalb Jerusalems bleiben kann; diejenigen aber, welche einen weiten Bogen von West nach Ost und innerhalb dieses weiten Raumes die Bezetha zeigen, sind Karten protestantischen Ursprungs.

Auffallende Differenzen betreffen noch andere Punkte. Die meisten Topographen identifizieren Bezetha vollständig mit der Neustadt. Nur Sepp legt sie weit auseinander und schiebt die Akra oder Unterstadt dazwischen. Menke, Caspari, Furrer und Tobler geben einen kleinen Raum für die Vorstadt und einen viel größeren Raum für die Neustadt oder Bezetha. Tobler unterscheidet genauer die kleinere alte Vorstadt im Süden und nördlich davon die größere neuere Vorstadt oder Bezetha. Die meisten Topographen nehmen ferner keine Rücksicht auf die Terrainverschiedenheit der Bezetha. Nur Lewin (auf Zimmermanns Plänen, Karte Nr. VI.) unterscheidet Oberbezetha von Unterbezetha. Die erstere legt er westlich und die letztere östlich. Schultz (das. Nr. III) unterscheidet Bezetha oder Neustadt vom Hügel Bezetha; den letzteren zeichnete er südlich von der Neustadt. Endlich bildet noch einen Differenzpunkt die Lage der Nordmauer um die Bezetha. Die allermeisten ziehen sie in der Art, daß ein großer Zwischenraum zwischen der Mauer und den Königsgräbern oder dem Grabe (Grabmal, Denkmal) der Helena bleibt, deren Identität durch Robinsons gründliche Untersuchung feststeht. Aber selbst dieser läßt noch einen ziemlichen Zwischenraum zwischen der Mauer und dem Grabdenkmal der Helena. Nur Williams (Nr. II), Fergusson (Nr. V) und Thrupp (Nr. VI) ziehen die nördliche Bezethamauer bis dicht an das Grabdenkmal. Dagegen verlegt Schultz (Nr. III) die Königsgräber innerhalb dieser Mauer. Das Merkwürdige ist, daß alle diese Topographen ihre Pläne von Jerusalem nach Josephus' Angaben angelegt haben. Jeder hat also etwas anderes in dieser Quelle gefunden; denn eine andere gab es für sie nicht. Eine Quelle, die allen diesen Differenzen ein Ende macht, kannten sie nicht. Wir wollen nun diese andere Quelle zu Rate ziehen und sie mit Josephus' Angaben vergleichen. Es wird dann hoffentlich kein Zweifel mehr über die Lage der Bezetha, der Neustadt oder Vorstadt, und über den Gang der Nordmauer oder dritten Mauer aufkommen können.

Gehen wir zunächst von Josephus' bestimmten Angaben aus. An einer Stelle (jüd. Kr. V, 5, 8), wo er von den drei festen Plätzen Jerusalems spricht, dem Tempel, der Antonia und dem Herodespalast in der Oberstadt, fügt er hinzu: »Der Hügel Bezetha war von der Antonia getrennt, wie ich gesagt, und obwohl er, als der höchste von allen (Festen), an einem Teil der Neustadt lag, verdunkelte er nur von Norden her den Tempel« (oder verhinderte von [773] Norden her die Aussicht auf den Tempel173. Hier haben wir zwei sichere Angaben, daß der Hügel Bezetha sehr hoch war, höher noch als der Tempel und die Antonia, und daß er an einem Teil der Neustadt gelegen war. An einer anderen Stelle (das. V, 12, 2) beschreibt Josephus den Umfang der Belagerungsmauer und sagt, daß sie Titus von dem assyrischen Lagerplatz beginnen ließ, wo er sein Hauptquartier hatte, sie auf die untere Neustadt zuführte und von da durch das Kidrontal auf den Ölberg verlängern, dann eine Biegung nach dem Süden machen und den Berg umfassen ließ usw174. Hier ist also von einer unteren Neustadt die Rede, welche zum Ölberg führte, und zwar durch das Kidrontal. Offenbar ist dabei von der Nordseite Jerusalems die Rede; denn Josephus beschreibt den Lauf der Belagerungsmauer weiter, wie sie von Süden nach Westen, von da nach Norden eine Wendung gemacht und sich bis zum Dorfe Ἐρεβίνϑων οἶκος hingezogen und nach diesem, das Herodesdenkmal umfassend, sich nach Osten hin an den Punkt wieder angeschlossen hat, wo sie begonnen hatte. Folglich war der Anfang nordöstlich. In dieser Richtung muß also die untere Neustadt gelegen haben. Aber auch das Kidrontal und der Ölberg sollen nordöstlich gelegen haben? Das erscheint auffallend, wird aber weiterhin zur Orientierung führen. Auch das Dorf, »Kichererbsenhaus« genannt, wollen wir uns merken.

Die dritte wichtige Stelle bei Josephus (das. V, 4, 2) will genau verstanden sein. Sie lautet: »Diese (nämlich die dritte Mauer), welche vom Hippikusturm begann, gegenüber dem Helenadenkmal vorbeiging und sich an die alte Mauer im Kidrontale anschloß – diese hatte Agrippa um die neuangebaute Stadt umwallt, welche früher schutzlos gewesen. Da sie (die Stadt) an Menge angewachsen war, überschritt sie allmählich die (alte) Umwallung. Nachdem sie (die Einwohner) den vom Tempel nördlich gelegenen Strich an dem Hügel zur Stadt gezogen, gingen sie bald weiter, auch den vierten Hügel ringsum anzubauen, welcher Bezetha genannt wird und der Antonia gegenüberliegt, aber von dieser durch eine tiefe Schlucht getrennt. .... In der Landessprache wird der neuerbaute Teil Bezetha genannt, was man in der griechischen Sprache Neustadt nennen könnte. Da sie (die Bewohner) hier des Schutzes entbehrten, so begann der Vater des jetzigen Königs die vorhin genannte Mauer.«175 Darauf fährt Josephus fort, daß Agrippa in [774] der Vollendung der Mauer durch Claudius gestört wurde, und die Stadt wäre uneinnehmbar gewesen, wenn die Mauer so vollendet worden wäre, wie sie begonnen wurde. Mehreres folgt aus dieser Beschreibung für die Bezetha: 1) ein hoher Hügel wurde Bezetha genannt; 2) er lag gegenüber der Antonia (welche im Nordwesten des Tempels lag); 3) zuerst wurde nur der nördlich vom Tempel gelegene Strich an dem Hügel angebaut und zur Stadt gezogen, dann wurde auch der Hügel selbst von allen Seiten bewohnt (περιοικƞϑῆναι). Es sind demnach zwei Stadtteile zu verschiedenen Zeiten angebaut worden. Zuerst der Teil an dem Hügel Bezetha im Norden vom Tempel, dann der Hügel selbst gegenüber der Antonia, also im Nordwesten vom Tempel. 4) Die dritte Mauer umfaßte die ganze neuangebaute Stadt im Norden. Zum Teil ergänzt wird diese Beschreibung durch die Stelle (Altert. XIX, 7, 2): »Agrippa befestigte auf öffentliche Kosten die Mauern Jerusalems, die sich gegen die Neustadt erstreckten, teils sie erweiternd, teils erhöhend176. Hier erzählt Josephus, daß Agrippa an der Vollendung durch den Statthalter Marsus verhindert worden ist. Das will doch eigentlich sagen, daß vor Agrippas Unternehmen die Neustadt eine Art Ringmauer gehabt haben muß, die aber weder hoch noch breit gewesen ist. Josephus berichtigt dieses Faktum in den Altertümern, in welchen er seine früheren Angaben zu berichtigen pflegte, weil ihm später bessere Quellen oder bessere Nachrichten zu Gebote standen. Er berichtigt also damit die Angabe im jüd. Kr., als wenn die neuangebaute Stadt vor Agrippa ganz schutzlos gewesen wäre (πᾶσα γυμνἠ). Wir haben also einen Beleg dafür, daß der neue Stadtteil bereits vorher von einer, allerdings schmalen, niedrigen und zur Verteidigung unzulänglichen Ringmauer umgeben gewesen ist.

Fassen wir das hier Gefundene zusammen, so läßt sich folgendes Bild von der Lage und Entstehung des neuen Stadtteils entwerfen. Es gab einen Hügel, genannt Bezetha, welcher sämtliche hohe Punkte Jerusalems überragte (ὑψƞλότατος ὤν). Er lag gegenüber der Antonia (der früheren Baris), d.h. nordwestlich vom Tempel. Als die Bevölkerung Jerusalems zunahm und der Raum innerhalb der alten Mauer nicht mehr ausreichte, bedeckte sich der Strich nördlich vom Tempel allmählich mit Wohnungen, und dieser Teil wurde dann zur Stadt gezogen (τὰ προσάρκτια συμπολίζοντες). Zur Stadt ziehen heißt doch wohl [?] mit einer Umwallung umgeben; dieser Ausdruck deutet also dasselbe an, was Josephus an einer anderen Stelle ausdrücklich angibt, daß der neue Stadtteil noch vor Agrippa eine Art Ringmauer gehabt hat. Dieser Stadtteil lag an dem Hügel Bezetha (πρὸς τῷ λόφῳ). Dieser neuangebaute Teil hat für die Dauer auch nicht ausgereicht, und so wurde nach nicht langer Zeit (ἐπ᾽ οὐκ ὀλίγον) auch der Hügel Bezetha selbst rings herum mit Wohnungen bedeckt (περιοικƞϑῆναι λόφον). Das will doch wohl sagen, daß zuerst die niedrig gelegenen Teile nördlich vom Tempel angebaut wurden, weil der hüglige Teil der Bezetha zu unbequem für Wohnungen war. Die Not drängte aber, auch diesen Teil ringsherum zu bebauen. Nachdem auch dieser angebaut war, gab es also zwei Quartiere, die ältere niedrig gelegene Neustadt (ἡ κατωτέρω καινόπολις) und die höher gelegene, nämlich den angebauten Hügel Bezetha. [775] Es scheint, daß dieser ganze Stadtteil ohne Unterschied die »Neustadt« genannt wurde, und nur, wenn die Örtlichkeit genauer bezeichnet werden sollte, wurde der niedrig gelegene die »Neustadt«, der höher gelegene »Bezetha« genannt. So erzählt Josephus selbst, Cestius habe Bezetha und die Neustadt verbrannt177. An einer anderen Stelle nennt Josephus beide Teile schlechtweg »die nördlichen Quartiere« der Stadt, die Titus nach der Erstürmung der (dritten) Mauer ebenso wie Cestius zerstören ließ178. Nebenher sei bemerkt: Josephus' Deutung des Namens Βεζεϑά als Neustadt, wobei er an אתדח-תיב gedacht hat, ist eine unglückliche Etymologie. Ehe wir die andere Quelle zur Vergleichung heranziehen, sei hier noch auf die Angabe bei Josephus aufmerksam gemacht, daß die untere Neustadt in einer Ebene mit dem Ölberge gelegen hat (ἐπὶ τὴν κατωτέρω Καινόπολιν ... ἐπὶ τὸ Ἐλαιῶν ὄρος). Wir werden nämlich in der anderen Quelle dasselbe finden, daß die neuerbaute und befestigte Stadt sich auf dem Ölberg befand, daß sie in die obere und untere zerfiel, und daß sie zu verschiedenen Zeiten zur Stadt gezogen wurde.

Zum Berständnis dieser Quelle muß vorausgeschickt werden: 1) daß ein neuer Stadtteil Jerusalems oder eine Vergrößerung der Stadt erst dann einen geheiligten Charakter erhalten hat, wenn eine förmliche Konsekration mit Prozession stattgefunden hat, wie bei der Einweihung der Mauer zur Zeit Nehemias', 2) daß ein solcher Stadtteil durch eine Ringmauer abgeschlossen sein und von dem Raume außerhalb der Stadt getrennt erscheinen mußte. Dieser Umstand ist in der Mischna durch ein Gesetz festgestellt179. Die Umwallung und Konsekration eines neuen Stadtteils war für den Genuß von Opferteilen für Laien (םישדק םילק) und für den zweiten Zehnten (ינש רשעמ) erforderlich, weil solche nur innerhalb der Mauern Jerusalems (המוחה ןמ םינפל) verzehrt werden durften. Sollte also ein neuer Stadtteil zu Jerusalem gezogen werden (συμπολίζεσϑαι), dann mußte er durch eine Ringmauer kenntlich gemacht und konsekriert sein.

Nun gibt eine alte Tradition an, daß zwei Stadtteile zu Jerusalem gezogen wurden, die aber einen verschiedenen Charakter erhielten. Diese Tradition wird an 4 Stellen mitgeteilt, und jede derselben hat abweichende L.-A. Diese müssen zuerst festgestellt werden, um die Tradition als historisches Material verwerten zu können. In der Hauptsache ist sie noch am verständlichsten im Scholion zu Megillat Ta'anit erhalten (zu Kap. 6):

I. הלעמל תחא החשמה רהב ויה ןיעצב יתש רמוא לואש אבא השדקתנ אל הנוילעהו ולא לכב השדקתנ הנותחתה .הטמל תחאו הנותחתה .םימותו םירואב אלשו ךלמב אלש הלוגה ינבב אלא ץראה ימעו םירבח הרומג התשודק (התיהש 1.) התיה אלש .ינש רשעמ ןכש לכ אל םילק םישדק םש ןילכואו םשל ןיסנכנ אל םש ןילכוא ןיאו םשל ןיסנכנ םירבח (הנוילעה 1.) הנותחת איהש ינפמ ?השדק אל המל אלא .ינש רשעמ אלו םילק םישדק .םלשורי לש הפרות

[776] Diese Stelle gibt also deutlich an, daß auf dem Ölberge zwei (neue) Stadtteile waren, ein unterer und ein oberer, von denen der untere vollständige Heiligkeit (gleich dem alten Jerusalem) hatte, so daß nicht bloß das minder gewissenhafte Volk, sondern auch die »Genossen« (die Frommen) kein Bedenken trugen, dort Opferfleisch und den zweiten Zehnten zu verzehren. Der obere Stadtteil dagegen hatte nicht einen vollständig heiligen Charakter, daher haben die »Genossen« es gescheut, Opfer und Zehnten dort zu genießen. In dieser Stelle muß man also statt התיה אלש lesen התיהש, da sie sonst keinen Sinn gibt, und statt הנותחת muß man lesen הנוילעה. Das Wort ןיסנכנ hier und an den übrigen Stellen hat die Bedeutung, daß diejenigen, welche außerhalb Jerusalems Wohnung genommen hatten, sich zum Genuß der Opfer und des zweiten Zehnten in den inneren Stadtteil begaben, um der Pflicht zu genügen. Dann pflegten sie in ihre Quartiere außerhalb der Stadt oder außerhalb der Mauern zurückzukehren. Er setzt nämlich voraus, daß zu den Festzeiten bei dem Andrange der Tempelbesucher die Auswärtigen genötigt waren, außerhalb der Mauern Wohnung zu nehmen und zum Genusse der Opferstücke, was für sie unbequem genug war, sich in das Innere der Stadt zu begeben. Das Beispiel Jesu ist dafür instruktiv. Er hatte (nach den synoptischen Evangelien) in Bethanien außerhalb der Stadt im Hause des Leprosen Simon Quartier genommen, mußte sich aber zum Genuß des Passahlammes nach Jerusalem begeben (vgl. weiter unten).

II. Die zweite Stelle (Babli Schebuoth p. 16 a) lautet im Anfang eben so und hat nur in der Mitte und zum Schlusse Varianten: ויה ןיעציב ינש :רמוא לואש אבא .ולא לכב השדקתנ הנותחת .הנוילעו הנותחת החשמה רהב אלשו ךלמב אלש הלוג ילועב אלא ולא לכב השדקתנ אל הנוילע ץראה ימע הרומג התשודק התיהש הנותחת .םימותו םירואב .ינש רשעמ אל לבא םילק םישדק םש ןילכואו םשל ןיסנכנ התיה אלש הנוילע .ינש 'שעמו םילק םישדק םש ןילכוא םירבחו לבא ק"ק םש ןילכואו םש ןיסנכנ ויה ץראה ימע הרומג התשודק .ינש רשעמ אלו ק"ק אל םש ןילכוא ןיא םירבחו .ינש 'עמ אל

III. Die dritte Stelle (Tossefta Sanhedrin III, 4) hat im Anfang und in der Mitte Varianten::רמוא לואש אבא. השדקתנ הנותחתה .הנוילעהו הנותחתה םילשוריב ויה ןיעצב ינש אלש הלוגה ינב ולעשכ אלא הושדק אל הנוילעהו .ולא לכב הב ןילכוא ץדאה ימע ... הנותחתה .םימותו םירואב אלשו ךלמב השודק התיה אלש הנוילעה .'ב 'עמ אל לבא ק"ק םירבחו ק"ק ק"ק אל םירבחו ,'ב 'עמ אל לבא ק"ק הב ןילכוא ה"ע .הרומג םילשורי לש הפרותש ינפמ הושדק אל המ ינפמו ינש רשעמ אלו .םשמ שבכיל החינו םשמ

IV. Die vierte Stelle (jerusch. Sanhedrin I, p. 19 b) ist am meisten defekt: םש ויה םיצב יתש :רמוא לזאש אבא השדקתנ הנותחתה .הרומג התשודק ןיא הנוילעהו הנותחתה םירואב אלו ךלמב אל הלוגה ןמ ןתולעב הנוילעהו ,ןולוכב םירבחו .'ב 'עמו ק"ק םש ןילכוא ה"ע הנותחתה ךכיפל .םירותו התיהש ונפמ הושדק אל המ ינפמ .ינש רשעמו ק"ק םש ןילכוא .םשמ שבכיל הלוכי התיהו םש םלשורי תפרוה

Die Varianten sind leicht auszugleichen, sie stammen von nachlässigen Copisten. Drei Stellen I. II. III. haben ןיעצב; I. und II. החשמה רהב (statt םלשוריב oder םש in III. IV.) Da die untere als vollständig konsekriert galt, so ist die L.-A. I richtig, daß nicht bloß das Volk, sondern auch die »Genossen« Opfer und zweiten Zehnten dort verzehrt haben. Da aber die obere als nicht vollständig konsekriert galt, so haben die Frommen beides dort nicht genießen mögen; die L.-A. I. II. III. sind also richtig gegen IV. Ebenso ist die L.-A. in denselben festgehalten, daß das Volk in der oberen trotz ihrer [777] unvollständigen Konsekration doch Opfer verzehrt hat und um so mehr den zweiten Zehnten.

Was die Konsekration betrifft, so dachte sich die Tradition die der untern schon zur Zeit der Rückkehr aus Babylonien, und zwar soll sie mit allem Zeremoniell eingeweiht worden sein. Die obere dagegen ist nicht zu dieser Zeit konsekriert worden, sondern – hier sind wohl sämtliche Stellen schadhaft. Statt אלש ךלמב oder ךלמב אל muß gelesen werden ךלמב אלא. Nur der König habe dabei fungiert, die übrigen Requisiten dagegen haben gefehlt. Und eben darum galt ihre Konsekration als unvollständig.

Noch ist eine kritische Bemerkung erforderlich. I. III. IV. haben eine verneinende Frage, auf die Unvollkommenheit der Heiligkeit des obern Teils bezugnehmend: »Warum ist er nicht konsekriert worden?« המל הושדק אל (המ ינפמ) II. hat aber [das. 16 b] neben einer verneinenden auch eine bejahenden Frage als Variante: ינפמ ?הושדק המלו .... ןיפיסומ ןיאש ?הושדק אל המ ינפמ םשמ שבכיל איה החונו התיה םילשורי לש הפרותש. Die Motivierung wie an den übrigen Stellen. Die Ausgleichung der Varianten und Eliminierung der Korruptelen geben folgenden richtigen Text: רהב ויה ןיעצב יתש180 .ולא לכב השדקתנ הנותחתה .הנוילעהו הנותחתה החשמה אלשו ךלמב אלא הלוגה ןמ ולעשכ השדקתנ אל הנוילעהו ימעו םירבח הרומג התשודק התיהש הנותחתה .םימותו םירואב .ינש רשעמ ןכש לכו ק"ק םש ןילכואו םשל ןיסנכנ ץראה םשל ןיסנכנ ץראה ימע הרומג התשודק התיה אלש הנוילעה ק"ק אל םש ןילכוא ןיא םירבחו 'ב 'עמ אל לבא ק"ק םש ןילכואו םש םילשורי לש הפרות התיהש ינפמ ?הושדק המלו :'ב 'עמ אלו םשמ שבכיל איה החונו.

Es ist leicht zu erkennen, daß wir an dieser Quelle eine Parallele zu Josephus' Angabe haben. Es ist offenbar darin von der Neustadt und dem Hügel Bezetha die Rede; der erstern entspricht die הנותחתה und dem letztern הנוילעה. Die unvollständige Einweihung lediglich durch einen König erinnert an Agrippa I., welcher die Mauer erweitern und erhöhen wollte, aber nicht vollenden konnte; darum konnte dieser Stadtteil nicht vollständig eingeweiht werden. Dieses wird auf den obern oder die Bezetha bezogen. Der untere Stadtteil oder die Neustadt wird hier als früher umwallt und konsekriert vorausgesetzt, so daß er denselben geweihten Charakter hatte, wie das alte Jerusalem innerhalb der zwei alten Mauern. Naiv wird die Frage aufgeworfen: Warum bat man den obern Teil nicht konsekriert? Die Antwort ist gescheiter als die Frage, oder vielmehr diese wird bloß um der Antwort willen aufgeworfen. Unvollständig geweiht wurde der höhere Teil, weil die Schwäche Jerusalems dort war und es von da leicht hätte eingenommen werden können. Man muß aber den Gedankengang ergänzen: Dieser Stadtteil wurde nur wegen seiner Schwäche mit einer Mauer umgeben – aber nicht vollendet und daher nicht rituell konsekriert.

Diese talmudische Quelle oder die Tradition des Abba Saul liefert nicht bloß eine Parallele zu Josephus' Angaben, sondern ergänzt und erläutert sie auch. Zunächst ist die Tatsache ins Licht gesetzt, daß der niedere Stadtteil zuerst angebaut worden war. Damit er aber denselben Charakter wie das alte Jerusalem erhalte, wurde er mit einem Wall umgeben. Dieser bestand wohl bloß aus einer niederen Steinmauer. Dieser neue Stadtteil, von dem [778] auch Josephus aussagt, er sei zur Stadt gezogen worden, wurde gewiß durch irgend einen Akt konsekriert, und da durch war es ermöglicht, in demselben auch Opferfleisch und zweiten Zehnten zu genießen. Zu welcher Zeit diese Konsekration stattgefunden hat, wußte der Tradent Abba Saul selbst nicht mehr; man dachte sie sich zur Zeit der Rückkehr aus Babylonien vollzogen. Wahrscheinlich ist die Konsekration zur Zeit der Hasmonäer erfolgt. Unter Herodes bestand bereits die Bezetha. Aber dieser neue niedere Stadtteil genügte mit der Zeit dem Bedürfnisse nicht. Die immer mehr anwachsende Bevölkerung begann auch den höheren Teil, den Hügel Bezetha, mit Häusern und Straßen zu bedecken. Die hier angesiedelte Bevölkerung war nun in Verlegenheit, solange dieser Teil nicht umwallt war, da sie Opferteile und Zehnten nicht an ihrem Herde verzehren durfte, sondern sich damit nach den Stadtteilen innerhalb der Mauern begeben mußte. Diesem Bedürfnisse sollte durch Agrippas Unternehmung, eine dritte starke Mauer um die ganze Bezetha, d.h. den Hügel, zu ziehen, abgeholfen werden. Da er aber das Werk nicht vollenden und auch nicht rituell korrekt konsekrieren konnte, so behielt der höhere Teil einen nur unvollständig geheiligten Charakter (הרומג התשודק ןיא הנוילעה). Die Frommen betrachteten ihn daher als außerhalb Jerusalems gelegen; nur das weniger skrupulöse Volk, die Handwerker, Ackerbauer und die Auswärtigen, nahmen es nicht so genau damit und verzehrten auch in der höher gelegenen Be zetha die geweihten Speisen, das Passahlamm und den Zehnten.

Einen noch größeren Gewinn bietet diese Tradition für die Bestimmung der Lage des Bezetha-Stadtteils. Was bei Josephus nur angedeutet wird (o. S. 774), daß die Neustadt zum Ölberge gehört hat, das ist in der talmudischen Quelle unzweideutig gegeben. Beide Teile lagen auf dem Ölberge (רהב ויה םיעצב יתש החשמה). Da man aber nicht daran denken kann, sie auf den Ölberg im Osten zu verlegen, so ist man genötigt anzunehmen, daß zwischen der Haupthöhe des Ölberges (Et-Tur) in der Mitte und der nördlichen Höhe, welche von den Christen viri Galilaei genannt wird, ich sage, daß zwischen diesen beiden Punkten die Abdachung nach Westen zu ebenfalls Ölberg genannt wurde. Die verfallenen Gräber unweit der sogen. Richtergräber, welche eine Höhe von 768 Meter messen und südlich von den sogen. Königsgräbern oder dem Grabmal der Helena liegen, können recht gut Reste vom Bezetha-Hügel sein. Denn die beiden neuen Stadtteile haben jedenfalls einen weiten Flächenraumeingenommen. Josephus beschreibt den Lauf der dritten Mauer um Bezetha, und sagt, daß sie gegenüber dem Grabmal der Helena vorbeiging (jüd. Kr. V. 4, 2: ἔπειτα καϑῆκον ἀντικρὺ τῶν Ελένƞς μνƞμείων). Dieses Denkmal lag nur drei Stadien von Jerusalem entfernt (Altert. XX, 4, 3: τρία οτάδια τῆς τῶν Ιεροοολυμιτῶν πόλεως). Damit ist nicht gesagt, daß das Grabmal drei Stadien von der Einfassungsmauer im Norden entfernt war, sondern es könnte eben so gut bedeuten: so weit von der angebauten Stadt. Die Mauer kann dicht beim Grabmal vorbeigezogen sein. Nun beträgt der Raum von der jetzigen Stadtmauer im Norden bis zu den Königsgräbern oder dem Grabmal der Helena mehr als 1 Kilometer, und von dem Nordende der Moschee, dem mutmaßlichen Platze des ehemaligen Tempels, beträgt die Entfernung beinahe 1250 M. Dieser Raum gehörte also größtenteils zu den Stadtteilen der Bezetha. Der höher gelegene Teil konnte also noch zum Ölberge gerechnet werden. Ob der Hügel Bezetha von seinem Zusammenhange mit dem Ölberg seinen Namen hat, mag dahin gestellt sein. Denn der Name bedeute [779] jedenfalls »Ölhaus« אתיז-תיב wie zuerst Blau, wenn ich nicht irre, aufgestellt hat. Nach Josephus' Angabe (o. S. 774) lag der Hügel Bezetha der Antonia gegenüber. Das würde also bedeuten: vom Tempel aus betrachtet, nordwestlich. Diesen Punkt müßte man aber in einiger Entfernung von der Antonia denken. Denn selbstverständlich – und von der talmudischen Tradition wird dies bestätigt – muß der niedrig gelegene Stadtteil näher der Altstadt gelegen haben, da er zuerst bebaut und mit einer Mauer versehen war, während der höher gelegene, welcher erst später zur Stadt geschlagen wurde, entfernter vom alten Jerusalem gelegen haben muß. Oder lag die niedrigere Neustadt mehr östlich, wie Levin aufgestellt hat? Dieser Punkt kann nicht genau ermittelt werden. Jedenfalls müssen, wie gesagt, die beiden neuen Stadtteile einen ziemlich großen Raum eingenommen haben. Die ganze Ebene, die sich in dem gegenwärtigen Jerusalem vom Ende der Nordmauer beim Austreten aus dem Damaskustore und dem Stephanustore bis in die Nähe der Königsgräber oder des Denkmals der Helena erstreckt, gehörte wohl zu Bezetha, also die sogenannten Aschenhügel, der mohammedanische Begräbnisplatz im Norden, die sogenannte Jeremiä-Grotte, die Baumpflanzungen. Robinson hat den Raum zu gering angeschlagen, wenn er ihn auf ungefähr 15 Minuten nördlich vom Damaskustor bis zum Grabmal der Helena berechnet hat; er beträgt viel mehr. Der Umfang läßt sich vielleicht noch durch Zahlen feststellen.

Josephus berechnet den Umfang der ganzen Stadt Jerusalem auf 33 Stadien181. Dagegen bestimmt ein Vermesser Syriens, der vor Alexander Polyhistor geschrieben hat, also vor 80-60 vorchr. Z., den C. Müller mit dem Geodäsen Xenophon aus Lampsakus identifiziert, den Umkreis Jerusalems nur auf 27 Stadien (Zitat bei Polyhistor in Eusebius' praeparatio evangel. IX, 36, p. 452: καὶ ἔχειν τὴν περίμετρον τὴν πόλιν (Ιεροσόλυμα) σταδίων εἴκοσι ἑπτά). De Saulcy hat einen Widerspruch zwischen den beiden Zahlenangaben gefunden und Josephus der Übertreibung und Ungenauigkeit beschuldigt. Aber beide Zahlen können richtig sein. Zum Beweis mag dienen, daß die Belagerungsumfassung, die Titus rings um Jerusalem ziehen ließ, 39 Stadien betrug (Jos. j. Kr. V, 12, 2), da sie in einiger Entfernung von Jerusalem (nach drei Seiten) aufgerichtet war. Der griechische Vermesser oder Xenophon hat gewiß von dem Umfang Jerusalems zu seiner Zeit, spätestens zu Ende des zweiten oder Anfang des letzten vorchr. Jahrhunderts, also etwa zur Zeit Hyrkans I. oder Alexanders I. gesprochen. Damals kann Jerusalem nicht mehr, als 27 Stadien (etwa 5 Kilometer) groß gewesen sein. Josephus berechnete aber den Umfang desselben aus seiner Zeit, als bereits zwei neue Stadtteile hinzugekommen waren. Damals kann Jerusalem 33 Stadien, 6 Stadien mehr, betragen haben. Die Differenz gegen früher wäre also 6 Stadien; diesen Umfang, etwas über 1 Kilometer, muß mindestens die Bezetha gehabt haben.

Die meisten Pläne Jerusalems, welche Zimmermann zusammengestellt hat, erweisen sich nach dieser Untersuchung als falsch, weil sie einmal der Bezetha nur einen schmalen Flächenraum geben und dann Oberbezetha und Unterbezetha oder die niedere Neustadt von der höheren Hügelstadt Bezetha nicht unterscheiden. Ziemlich richtig ist nur der Plan von Schultz, der den Hügel Bezetha zeigt – freilich nicht in richtiger Lage –, ferner der von Williams, [780] Fergusson, Thrupp (der aber anderweitige topographische Punkte Jerusalems ganz verkehrt enthält) und endlich der von Tobler.

Mit Bezetha stehen noch andere topographische Punkte Jerusalems in Verbindung, zunächst die Lage von Beth-Phage. Aus mehreren talmudischen Notizen darüber geht hervor, daß diese Lokalität zwar sehr nahe bei Jerusalem, aber doch außerhalb desselben gelegen hat. Auswärtige Festgäste, welche in Jerusalem keinen Platz fanden, pflegten in Beth-Phage Quartier zu nehmen, begaben sich zum Kultus in den Tempel oder ins Innere der Stadt und kehrten abends wieder nach Beth-Phage zurück, wie aus der sofort zu besprechenden neutestamentlichen Stelle und auch aus talmudischen Angaben182 hervorgeht. Eine der Mauern Jerusalems lief dicht an Beth-Phage vorüber: daher wird in der talmudischen Literatur, wenn ausgedrückt werden soll: an der Grenze Jerusalems, von wo aus der Übergang vom Innern der Stadt nach außen nur ein Schritt ist, Beth-Phage als Beispiel angeführt, יגאפ תיב תמוחל ץוח oder יגאפ תיב תמוחמ םינפל. Der Mauerteil, welcher an Beth-Phage vorüberging, hatte also die Benennung: »Mauer von Beth-Phage«. Die Etymologie des Wortes ist zweifelhaft. Von םיגפ, »unreife Trauben« kann es nicht abstammen, da es eben so oft יגאפ wie יגפ geschrieben wird183.

Gestützt wird diese Vermutung durch folgende Betrachtung. Von Jesus erzählen die synoptischen Evangelien, er sei, von Jericho ziehend und sich Jerusalem nähernd, nach Beth-Phage und Bethanien an dem Ölberge eingetroffen184. In dem Dorfe Bethanien lassen sie ihn im Hause eines Leprosen Quartier nehmen, sich von da am Tage nach Jerusalem begeben und abends wieder dahin »außer der Stadt« zurückkehren (Markus 11, 11. 12. 19. 14, 3). Auch der Verfasser des Johannesevangeliums hatte noch eine Erinnerung von Jesu Aufenthalt in Bethanien, und er bestimmte die Entfernung von diesem Dorfe bis zur Stadt auf ungefähr 15 Stadien185. Jesus hat wohl hier Quartier genommen, weil die Stadt zur Passahzeit voll von Festwallern zu sein pflegte, und er hier keinen Gastfreund hatte, der ihn hätte aufnehmen sollen. Man sieht eigentlich nicht recht ein, wozu auch Beth-Phage genannt wird, da es weiter nicht erwähnt wird. Schließen darf man jedenfalls daraus, daß es nahe bei Bethanien gelegen haben muß. Nun ist Bethanien aus der talmudischen Literatur bekannt; es wird darin יניה-תיב oder[781] ונאי-תיב ינייתיב (= ינוותיב) genannt186 und bedeutet »Feigen-Dorf« gleich ןינאה-תיב (יניהא abbrev. יניה, Feigen). Nun ist angegeben, daß die »Kaufhallen von Bet-Hine« oder Bethanien drei Jahre vor Jerusalem zerstört worden seien, als Strafe dafür, daß »sie« eine Erleichterung für das Zehntengesetz aus der Schrift gedeutet hätten187. »Sie« kann hier im Zusammenhange nur bedeuten »eine Behörde«, welche das Zehntengesetz derart ausgelegt hat, daß Getreidekäufer und Verkäufer vom Zehnten dispensiert sein sollen. Ein weiterer Vergleich ergibt zur Gewißheit, daß diese Behörde keine geringere war als das »Synhedrion«, welches mehrere Jahre (angeblich 40 Jahre, o. S. 745) vor der Tempelzerstörung die Quaderhalle im Tempel, den bisherigen Sitzungssaal des Synhedrion, aufgegeben und in den »Kaufhallen« seinen Sitz genommen hat. R. Jose, der auf historische Traditionen Wert gelegt hat, überliefert: 40 Jahre vor der Tempelzerstörung sei das Synhedrion ausgewandert und habe sich in den »Kaufhallen« niedergelassen188. Es ist freiwillig ausgewandert, um gewissen Funktionen enthoben zu sein, welche nur in der Quaderhalle Legalität hatten. Das Synhedrion hat demnach seinen Sitz in den Kaufhallen von Bet-Hine oder Bethanien aufgeschlagen. Diese Ortschaft muß also außerhalb Jerusalems gelegen haben. Von diesem seinen Sitze aus hat es wohl manche Gesetze erlassen; in der Erinnerung ist aber nur das eine geblieben, daß es das Zehntengesetz erleichternd interpretiert hat. Diese Erleichterung hat bei den später lebenden, rigorosen Gesetzeslehrern Tadel gefunden, und man hat die Tatsache, daß die »Kaufhallen von Bet-Hine« vor Jerusalem oder vor dem Tempel Zerstörung erfahren haben, als Strafe dafür angesehen.

Orientieren wir uns in der Zeit. Übereinstimmend geben drei Stellen an, daß diese »Kaufhallen« oder der Sitz des Synhedrions drei Jahre vor dem Untergang Jerusalems verwüstet worden seien. Von wem? Doch gewiß von den Römern. Ziehen wir ein Faktum zur Orientierung herbei, so wird sich die Zeit annähernd genau erweisen und die Lage der »Kaufhallen von Bethanien« sich ermitteln lassen.

Der Statthalter von Syrien, Cestius Gallus, hatte eine Truppenmacht zusammengezogen, um Jerusalem wegen der ausgebrochenen Revolution und der Niedermetzelung der römischen Kohorte zu züchtigen. In Emmaus traf er zur Zeit des Hüttenfestes (66) ein (Jos. jüd. Kr. II, 19, 1). Am 30. Hyperberetaios (Tischri) griff er Jerusalem an und verbrannte die Bezetha und die [782] Neustadt (das. 19, 4). Andere Stadtteile haben nicht durch ihn gelitten; denn er gab die Belagerung Jerusalems auf und trat einen fluchtähnlichen Rückzug an (das. 19, 7 ff.). Also nur die nördlichen Teile Jerusalems, die neuen Stadtteile Bezetha und Neustadt sind von Cestius' Legionen zerstört worden. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß die römische Soldateska damals auch die nördliche Umgegend von Jerusalem verwüstet hat, wie später unter Titus. Die »Kaufhallen von Bethanien« sind gewiß damals zerstört worden – drei Jahre vor Jerusalem, genau genommen allerdings 3 Jahre und 9 Monate und 10 Tage vor der Zerstörung des Tempels – von Marcheschwan 66 bis 10t. Ab 70. Die Tradition von der Zerstörung der Kaufhallen von Bet-Hine oder Bethanien ist also historisch, sie bezieht sich auf die Verheerung zur Zeit der Expedition des Cestius Gallus. Da dieser aber nur im Norden Jerusalems barbarisch gehaust hat, so müssen notwendigerweise die Kaufhallen von Bet-Hine im Norden der Hauptstadt gelegen haben. Kurz, das Dorf Bethanien und das daran grenzende Beth-Phage – an dem die dritte Mauer dicht vorbeiging (o. S. 781) – lagen im Norden Jerusalems.

Die Evangelien geben auch ganz richtig die Lage der beiden Lokalitäten Beth-Phage und Bethanien an: nämlich am Ölberge (πρὸς τὸ ὄρος τῶν ἐλαιῶν). Freilich solange man unter dem Ölberg nur den gestreckten Rücken im Osten Jerusalems jenseits des Kidrontales versteht, muß man irgend einen Punkt für diese Dörfer in dieser Richtung suchen und das Unglaubliche annehmen, daß Jesus und andere Festwaller täglich denselben beschwerlichen Weg von Bethanien und Beth-Phage auf der Höhe des Ölberges oder von noch weiter östlich her gemacht hätten und zuerst talabwärts, dann zur Stadt, und dann wieder zur Nachtzeit den beschwerlichen Gang zurückgewandert wären. Wer die Gegend einmal besucht hat, wird so fort überzeugt sein, daß das Hinansteigen auf den Ölberg in täglicher Wiederholung kein angenehmer Spaziergang ist. Wir haben aber gefunden, daß die Abdachung im Nordwesten Jerusalems, auf der der Hügel Bezetha lag, ebenfalls »Ölberg« genannt wurde (o. S. 779). Wenn die beiden Dörfer in dieser Richtung gelegen haben, so war der Weg von da zu den nördlichen Vorstädten und umgekehrt nicht gar so weit und nicht gar so beschwerlich. Man muß also die Konjektur aufgeben, Bethanien und Beth-Phage im Osten von Jerusalem und zwar sehr weit ab davon suchen.

Noch ein anderes Zeugnis führt zu demselben Resultate. Wir haben gefunden, daß in Bethanien »Kaufhallen« waren. Kaufhallen dienen doch wohl dazu, damit sich Käufer daselbst einfinden und es nicht allzu unbequem haben, sie aufzusuchen. Nun gibt eine talmudische Notiz an, daß auf dem Ölberge sich zwei Zedern befanden, unter welchen Kaufhallen standen. Unter einer dieser Zedern waren vier Hallen für Opfertiere, und eine der Hallen lieferte Tauben für alle Bedürfnisse an Taubenopfern für den Tempel189. Also Kaufhallen oder Verkaufsstellen auf dem Ölberge! Konnte man wirklich den [783] Kaufbedürftigen zumuten, den beschwerlichen Weg zu dem Ölberg im Osten zu machen? Folglich können diese Zedern und die Verkaufshallen nur [Der Schluß ist keineswegs zwingend] im Nordosten von Jerusalem, bei oder in Bethanien gewesen sein. Auch in Bezetha oder in der Neustadt war ein Markt mit Verkaufsläden für Wolle, Erzgefäße und Kleider190. Wenn in der Mischna von einem Markte der Wollhändler oder der Taubenzüchter in Jerusalem die Rede ist191, so muß man sich darunter die Vorstädte von Jerusalem denken. Die inneren Stadtteile, die Ober- und Unterstadt, waren Quartiere für die vornehmen Geschlechter und Reichen. Hier standen Paläste, das Rathaus, das Archiv, der Xystos. In den engen Gäßchen der Neustadt (πλάγιοι στενωποί) dagegen wohnten die Handwerker und Geschäftsleute. Weiter hinaus nach Norden waren Märkte für Vieh und Vögel, die für das Opferbedürfnis sorgten. Die Kaufhallen des Dorfes Bethanien müssen also im Norden und zwar außerhalb der Bezetha gelegen haben, wo freie Plätze für ganze Viehherden waren, welche besonders zu den Festzeiten zum Kauf feilgeboten wurden.

Es haben sich uns als sicher folgende Resultate ergeben: Die Vorstadt Bezetha bestand aus zwei Quartieren: der Neustadt an dem hohen Hügel Bezetha, dem niedrigen Teile, welcher früher angebaut war, und der eigentlichen Bezetha auf dem Hügel selbst. Beide lagen in dem Terrain, das sich nördlich vom Tempel befand, die Neustadt mehr östlich und die Bezetha mehr westlich. Die letztere Vorstadt wurde erst von Agrippa I. umwallt; die Mauern aber konnten wegen Mißtrauens des römischen Hofes nicht vollendet werden. Indessen muß die Umwallung doch geschlossen gewesen sein. Beide Vorstädte nahmen einen ziemlichen Raum ein, etwa 6 Stadien. Beide galten in der letzten Zeit als Bestandteile Jerusalems und hatten einen, wenn auch verschiedenen geheiligten Charakter; die Neustadt galt als vollkommen mit der Altstadt gleich, die Bezetha dagegen wurde von den »Genossen« nicht als konsekrierter Stadtteil angesehen. In keiner von beiden kann es einen Begräbnisplatz oder Grabeshöhlen gegeben haben, sonst hätten dort die Opferteile nicht von Laien verzehrt werden dürfen. Daraus folgt, daß Golgatha oder das Grab, worin Jesus beigesetzt wurde, weit ab auch von diesen Vorstädten gelegen haben muß. Die gegenwärtige Lage der Grabeskirche inmitten des heutigen Jerusalem beruht demnach mit Notwendigkeit auf einer mönchischen Fiktion. Das Terrain, auf dem beide Vorstädte lagen, wurde auch als »Ölberg« bezeichnet, selbst noch dasjenige, welches außerhalb desselben lag. Auf diesem lagen die Dörfer oder Vorstädte Beth-Phage und Bethanien (Bet-Hine), und zwar nördlich von Bezetha. Die nördliche Mauer um diesen neuen Stadtteil streifte an Beth-Phage vorüber. In Bethanien waren Verkaufsplätze, wo auch Opfertiere eingekauft zu werden pflegten. Hier hatte das Synhedrion in seiner Eigenschaft als gesetzgebende Behörde eine Zeitlang, angeblich 40 Jahre vor der Tempelzerstörung, seinen Sitz aufgeschlagen, in einer der Hallen von Beth-Hine.

Wenn auch die Zahl 40 unhistorisch ist (o. S. 745), so ist doch an der Tatsache der Auswanderung des Synhedrion nicht zu zweifeln. Diese Tradition fällt wohl zusammen mit der anderweitigen Nachricht im Talm. Jeruschalmi (Sanhedrin I. Anfang und VII, p. 24b), daß noch vor dem vierzigsten [784] Jahre, von der Tempelzerstörung zurückgerechnet, die peinliche Gerichtsbarkeit dem judäischen Volke genommen worden sei: יניד ולטב תיבה ברח אלש דע הנש םיעבראל םדוק ינת לארשימ תושפנ. Wenn dieses »vor« weit genug bis zur Entthronung des Archelaus' und bis zum Beginn der Prokuratorenverwaltung ausgedehnt werden könnte, so würde diese Nachricht ihre Richtigkeit haben. Denn die Landpfleger hatten allerdings zu ihrer Vollmacht auch die peinliche Gerichtsbarkeit – μέχρι τοῠ κτείνειν λαβὼν παρὰ Καίσαρος ἐξουσίαν (Josephus jüd. Krieg II, 8, 1). Die kirchlichen Traditionen von dem Appellieren des judäischen Gerichtshofes bei Jesu Prozeß an Pilatus und von Paulus' Überantwortung an den römischen Hauptmann, und Josephus' Nachricht, daß die Pharisäer sich über die angemaßte peinliche Gerichtsbarkeit des sadduzäischen Hohenpriesters Anan bei dem Landpfleger Albinus beklagt hätten ὡς οὐκ ἐξὸν ἦν Ἀνάνῳ χωρὶς τῆς ἐκείνου γνώμƞς καϑίσαι συνέδριον (Altert. XX, 9, 1), würden diesen Umstand bestätigen. Allein unter Agrippa I. ist dies Blutrecht gewiß wieder in integrum wiederhergestellt worden, und erst nach dessen Hinscheiden ist die Aufsicht über die Gerichtsbarkeit der zweiten Reihe der Landpfleger wieder zugefallen. Die peinliche Gerichtsbarkeit war zwar weder an das große Synhedrion, noch an die Quaderhalle gebunden. Jede größere Stadt hatte dafür einen eigenen Gerichtshof von 23 Mitgliedern (M. Sanhedrin I, 4. Tossafot werfen diese Frage auf und lassen sie unbeantwortet zu Sabbat a.a.O.). Allein in Jerusalem selbst scheint das große Synhedrion auch als Kriminaltribunal fungiert zu haben. Und es muß auch unter den Prokuratoren die peinliche Gerichtsbarkeit ausgeübt haben; nur mußte wohl das Todesurteil dem Landpfleger zur Bestätigung vorgelegt werden. Das geht auch daraus hervor, daß gegen den sadduzäischen Hohenpriester Anan nicht deswegen Anklage erhoben wurde, weil er überhaupt Todesurteile gefällt, sondern weil er sie ohne Zustimmung des Landpflegers vollstreckt hatte. Besaß das Synhedrion dieses beschränkte Recht, so war das Tribunal dafür in der Quaderhalle, dem Orte seiner gewöhnlichen Sitzungen. Die Motivierung des babyl. Talmud für die Auswanderung wegen der häufig vorkommenden Mordtaten, über die es nicht zu Gericht sitzen wollte192, könnte dabei doch festgehalten werden. Ausdrücklich ist angegeben, daß seit dem Auftreten des Sikarierführers Eleasar b. Dinai und seiner Genossen das Sühnopfer für Mordtaten, deren Urheber unbekannt geblieben, aufgehoben worden ist (Sota IX, 9). Nun trat dieser wenige Jahre nach Agrippas I. Tod auf. Von dieser Zeit an wurde die Demoralisation des Volkes in den höheren Schichten und infolgedessen das Aufhören der Gnadenzeichen gerechnet. Es würde also dazu stimmen, daß in derselben Zeit sich das Synhedrion selbst durch die Auswanderung aus der Quaderhalle destituiert hat, um nicht als Gerichtshof für die öfter vorkommenden Blutanklagen zu fungieren.

Dieser Zustand dauerte aber nur bis zur Revolutionszeit. Denn mit dieser Zeit, von welcher auf den Münzen die »Erlösung Israels« datiert wurde, ist alles wieder restauriert worden. Das Synhedrion hat wieder die peinliche Gerichtsbarkeit ausgeübt und hat die unzüchtige Tochter eines Ahroniden nach dem Gesetze mit dem Feuertode bestraft (Sanhedr. VII, 2) השעמ תורומז יליבח הופיקהו התנזש ןהכ תבב (vgl. dazu Jeruschalmi p. 24, woraus folgt, daß die Tatsache zur Revolutionszeit erfolgt ist). Damals verließ wohl das Synhedrion wieder die Kaufhallen von Bethanien und wanderte wieder nach der Quaderhalle im Tempel zurück. An der Spitze desselben stand Simon b. Gamaliel I., der eine Rolle während der Revolution und des Krieges spielte (Note 29).


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1906, Band 3.2, S. 772-786.
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