1. Kapitel. Jonathan. 160-143 v. Ch.

[1] Zustand des Volkes nach dem Tode des Helden Juda Makkabi. Parteistellung; Aßidäer, Hellenisten, Hasmonäer; Jonathan, Führer der Hasmonäer. Sein Guerillaskrieg gegen Bakchides. Tod des Hohenpriesters Alkimos. Waffenstillstand zwischen Jonathan und Bakchides. Jonathan stillschweigend Oberhaupt des Volkes. Der Streit um den syrischen Thron bringt Jonathan die Hohepriesterwürde ein. Seine vorsichtige Politik, seine Gefangenschaft und sein Tod.


Juda der Makkabäer hatte seine Heldenseele auf dem Schlachtfelde von Eleasa ausgehaucht. Die ganze Nation legte Trauer um ihn an1, sie war in der Tat eine Waise geworden. Die hochanschwellende Begeisterung, welche waffenscheue Dulder zu Helden umgeschaffen, jene kühnen Taten zuwege gebracht, die man unter dem Namen »die makkabäischen« bezeichnet, und feurige Sänger geweckt, welche »dem Herrn neue Lieder sangen«, konnte, eben weil sie eine aufgeregte Seelenstimmung war, nicht allzulange andauern; es mußte naturgemäß allmählich eine Abspannung eintreten. Ein ganzes Volk, das zumeist auf Ackerbau und Viehzucht angewiesen ist, kann nicht jahraus, jahrein unter den Waffen bleiben, um sich den stets erneuernden feindlichen Heereszügen entgegen zu werfen. Die Erhebung des judäischen Volkes zur Abwehr der tyrannischen Zumutung, die teuersten geistigen Güter, Religion, Sittlichkeit und Sitte, mit einem fremden, verhaßten Wesen umzutauschen, hatte den Landmann vom Pfluge, den Gesetzeslehrer von seinem heiligen Buche, den Priester von heiliger Stätte, den Frommen von seinem beschaulichen Leben hinweggerissen und alle Lebensgewohnheiten verschoben. Ein solcher Zustand konnte nicht von langer Dauer sein. Außerdem war ja die [1] Hauptbeschwerde, welche das Volk zu mannhafter Gegenwehr aufgestachelt hatte, erledigt und der Sieg gewissermaßen errungen und befestigt. Der Zwang, den Gott Israels zu verleugnen und dafür dem Zeus zu opfern, die judäische Sittenstrenge aufzugeben und den griechischen Leichtsinn anzunehmen, hatte aufgehört. Der Vertrag, welchen Juda Makkabi mit dem unmündigen König Antiochos Eupator und seinem Feldherrn und Vormunde Lysias in Jerusalem geschlossen hatte (163), sicherte dem Volke die Religionsfreiheit zu2, und der darauffolgende König Demetrios I., wenn auch von feindlicher Gesinnung gegen die Judäer, hatte diesen Vertrag nicht gebrochen. Im Tempel zu Jerusalem durften die Opfer vorschriftsmäßig gebracht werden, und wenn auch der von Demetrios eingesetzte Hohepriester Jakim oder Alkimos gerade nicht der Liebling des Volkes war, so war er doch, seinem Vorgänger Menelaos unähnlich, von rein priesterlichem Geschlecht3. Zwar hatte die hellenistische, dem Judentume feindliche Partei noch immer die Burg Akra in Jerusalem inne, von wo aus sie den Treugebliebenen Untergang und dem Tempel Schändung drohte, und reizte durch ihre sich wiederholenden Anklagen gegen die Patrioten den syrischen König, Heeresmassen gegen Judäa zu senden. Der Sieger Bakchides hatte sie gar zu Herren des Landes eingesetzt, und diese Gewalt mißbrauchte sie nach Herzenslust zum Verderben der Frommen4. Aber solche Vorgänge, welche wohl edle Naturen zur Abhilfe oder Aufopferung aufrütteln, erscheinen dem vor allem Ruhe liebenden Volke nicht bedeutend genug, um sich, die Seinigen und das Seinige auf das Spiel zu setzen wenn es nicht von einer mit Autorität bekleideten Gewalt dazu gezwungen wird. Und an einer solchen allgemein anerkannten Autorität fehlte es gerade nach dem Tode Juda Makkabis; die Führer des Volkes gingen in Parteiungen auseinander, und die Hasmonäerbrüder, wiewohl die Lieblinge des Volkes, hatten noch nicht so viel Ansehen erlangt, um die Gesamtheit der Nation um ihre Fahnen sammeln zu können; sie galten eben auch nur als eine Partei.

Man kann nämlich schon in der Zeit noch vor Judas Tod drei ausgeprägte Parteien unterscheiden, wie denn überhaupt das Parteiwesen, welches das Symptom einer lebenskräftigen Geschichte ist, seinen Ursprung in der Makkabäerzeit hat. Die eine ältere im Judentume wurzelnde Partei waren die Chaßidäer (Aßidäer), die Strengfrommen.

[2] Sie beobachteten auf das gewissenhafteste nicht nur die pentateuchischen Gesetze, sondern auch die seit Esra aufgenommenen Erweiterungen und die von den sopherischen Lehrern eingeführten Erschwerungen, welche als Verhütungen und Umzäunungen galten. Ja, die Frommen legten sich selbst Erschwerungen und Kasteiungen auf, entsagten als Nasiräer zeitweise oder fürs ganze Leben dem Weine. Diese chaßidäische Partei betrachtete jeden nicht vom Gesetz gezügelten Genuß als eine Sünde; überhaupt das Judentum galt ihr als eine Religion der Askese, welche stete Entsagung und Kasteiung fordere und alle Lebenstätigkeit unter das Gesetzstelle. Mit dieser asketischen Lebensrichtung verband ein Teil der Aßidäer das theoretische Streben, sich in das schriftliche Gesetz zu vertiefen, überhaupt die bereits als heilig anerkannten Schriften zu erforschen und namentlich die mündlich überkommenen Gesetzesbestimmungen und Auslegungen treu zu erhalten und weiter zu überliefern. Die Schriftkundige (Sopherim, γραμματεὶς) und Chaßidäer gehörten zusammen, bildeten eine eigene Klasse, wenn auch die einen, die Jünger des José, Sohn Joësers, mehr Gewicht auf das Lehren und Lernen und die andern, die Anhänger des José, Sohn Jochanans aus Jerusalem, mehr Wert auf die praktische Erfüllung des Gesetzes legten5. Als Schriftkundige hatten jene die Gerichts- und Lehrämter inne und dadurch auch den damit verbundenen Einfluß auf das Volk und die lernbegierige Jugend. Vermöge ihrer Lebensrichtung mußte diese Partei vor allem Ruhe und friedliche Zustände lieben, welche ihr Muße ließen, das Gesetz zu erfüllen und zu erforschen, und mußte jeder Beteiligung an politischen Vorgängen abhold sein. Aus dieser Ruhe konnten sie nur die gewaltsamen Eingriffe der syrischen Tyrannen in die heiligsten Angelegenheiten des Judentums für einen Augenblick herausreißen, weil sie schmerzlicher noch als der übrige Teil des Volkes sich von diesem Zwange verletzt fühlten. Den Aßidäern war nichts mehr verhaßt als das griechische Wesen, da es gerade auf Schaugepränge, Genußbefriedigung und Äußerlichkeit hinauslief, während ihnen der Leib mit seinen Anforderungen und Trieben als Sitz des Satans galt, der niedergehalten werden müsse. Und nun hatte das Machtgebot des syrischen Herrschers von ihnen verlangt, daß sie der eigenen Lebensweise entsagen, der fremden huldigen und noch obendrein den heidnischen Gott verehren sollten. Diese unerträgliche Zumutung hatte sie aus ihrer Beschaulichkeit aufgerüttelt und ihnen die Waffen in die Hand gedrückt. Nach den ersten Siegen und der Einweihung des [3] Tempels zogen sie sich aber, wie es scheint, unzufrieden mit dem von den Hasmonäern eingeschlagenen Weg, in ihre Lehrhäuser und ihre Beschaulichkeit zurück und schlossen sich sogar dem Hohenpriester Alkimos an; »da er doch vom Samen Ahrons war, so werde er« – so dachten sie – »ihnen nichts Böses zufügen.« Obwohl sie in ihren Erwartungen getäuscht und Opfer ihrer Leichtgläubigkeit geworden waren, so findet sich doch nicht, daß sie unter Juda oder Jonathan zu den Waffen gegriffen hätten. Die Aßidäer griffen nicht mehr tätig in die Begebenheiten ein, sondern überließen den Gang derselben der göttlichen Vorsehung, die doch alles zum Guten leiten werde, oder die harten Schläge zu Prüfungen und Läuterung sende, wie das aus ihrem Kreise hervorgegangene Buch Daniel betont hat.

Die den Aßidäern schroff entgegengesetzte Partei bildeten die Hellenisten. Weil das Judentum mit seiner Sittlichkeit und seinem Ernste ihrem Gelüste hinderlich war, hatten sie einen leidenschaftlichen Haß gegen dasselbe gefaßt, und weil das Judentum mit der Nationalität innig und unauflöslich verwachsen war, so wurden sie die erbittertsten Feinde ihrer Nation. Ohne Anhang im Volke mußten sich die Griechlinge an die syrischen Machthaber halten, um mit deren Hilfe ihre Verkehrtheiten durchzusetzen, und wurden so Verräter an ihrer Nation nicht minder als an der väterlichen Lehre und Sitte. Von der Verachtung und dem Abscheu, dem sie verfallen waren, zeugen die brandmarkenden Benennungen, die ihnen die Zeitgenossen beilegten: »Abtrünnige vom heiligen Bunde, Verräter am Bunde, Gesetzübertreter, Gesetzlose und Gottlose.« Doch zählten sie in ihren Reihen Tempelbeamte, Priester und die aus altem Adel abstammenden Familien. Durch die siegreichen Kämpfe der Hasmonäer ihrer Macht beraubt und seit dem Tode des Hauptverräters Onias-Menelaos (163) ohne Führer, waren die Hellenisten gezwungen, vor dem gerechten Volkszorne Zuflucht in der Akra zu suchen, von wo aus sie, glühende Rache gegen alle, die ihre Verräterei nicht teilten, brütend, die syrischen Machthaber fortwährend gegen ihre Stammesgenossen aufstachelten. Aber Judas Tod hatte wieder die Herrschaft in ihre Hände gespielt. Die Namen ihrer Häupter sind nicht bekannt worden; möglich, daß Odura, seine Brüder und die Söhne Phasiron die hellenistischen Führer waren6.

[4] Zur dritten Hauptpartei hatten sich die Hasmonäer in kurzer Zeit emporgeschwungen, deren Führer die drei noch übrigen Söhne Matthatias waren: Jonathan, Simon und Jochanan, zu denen Verwandte ihres Hauses, andere Freunde und Gesinnungsgenossen hielten. Mit den Aßidäern in ihrer Liebe zum Judentume und seinen Heiligtümern geeint, unterschieden sich die Hasmonäer von ihnen durch den weiten Blick, die richtige Beurteilung der Verhältnisse und eine mannhafte Tatkraft, welche sich durch Hindernisse vom vorgesteckten Ziele nicht abbringen ließ. Diese Partei, durch religiösen Eifer, Mut und glückliche Benutzung der Umstände an die Spitze der Bewegung gestellt, begnügte sich nicht, die Schändung der Heiligtümer abgewendet und die Rücknahme des Religionszwanges durchgesetzt zu haben; sie wollte die Ursachen entfernen, welche die trübe Zeit herbeigeführt hatten. Treffend charakterisiert ein Psalmist die Haltung dieser Partei: »Gottes Ruhm ist in ihrem Munde und ein zweischneidiges Schwert in ihrer Hand.« Sie mochte es nicht dulden, daß Judäa das Joch der verhaßten Griechen noch ferner tragen, und der Bestand des Judentums von der Laune eines syrischen Despoten oder den Ränken einer verräterischen Partei abhängig sein sollte; sie wollte nicht bloß Religionsfreiheit, sondern auch politische Unabhängigkeit in Judäa begründen7. Auf dieses Ziel hatte Juda Makkabi zugesteuert, als er nach der Einweihung des Tempels die Idumäer gezüchtigt, den Bedrängten in Galiläa und jenseits des Jordans geholfen, Festungen angelegt und das Schwert nicht aus den Händen gelegt hatte, bis es ihm der Tod entriß. Aber zu einem so schwierigen Unternehmen, ein unabhängig judäisches Gemeinwesen herzustellen, schienen den Hasmonäern die Mittel, über welche sie zu verfügen hatten, durchaus unzulänglich. Die Zahl ihrer treuen, todesmutigen Anhänger belief sich nicht über 3000 und war noch dazu ungeübt, nur durch Begeisterung in die Schlachtreihe geführt, ohne vollständige Waffenrüstung, ohne Reiterei. [5] Wie sollten sie den wiederholten Angriffen des syrischen, in der mazedonischen Kriegskunst ergrauten Heeres auf die Dauer stand halten! Darum gingen die Hasmonäer staatsmännisch zu Werke und waren darauf bedacht, die Schwäche des syrischen Reiches zu benutzen und sich mit dessen Feinden in Verbindung zu setzen. Die Hauptfeinde der syrischen Dynastie waren die Römer, welche damals schon in den Scheitelpunkt ihrer Macht getreten waren. Mit diesen Herren der Welt scheint schon Juda in Unterhandlungen getreten zu sein, wenn auch die Nachricht von einer förmlichen Gesandtschaft, die er nach Rom um Eintritt in das Verhältnis der römischen Bundesgenossenschaft geschickt8, nicht recht wahrscheinlich ist. Auch mit dem parthischen Könige, Mithridates I., der um dieselbe Zeit glückliche Angriffe auf die syrischen Besitzungen jenseits des Euphrats machte, scheinen die Hasmonäer eine diplomatische Verbindung angeknüpft und von ihnen Hilfe erwartet zu haben. So dürfte jene Tradition zu verstehen sein, welche berichtet, daß Israel, d.h. die Hasmonäer, nach den Bergen des Ostens blickten und Hilfe von den Persern erwarteten9. Mit einem Worte, diese hasmonäische Partei ließ sich von der politischen Klugheit leiten, die eigene Unzulänglichkeit durch Hilfe von außen zu unterstützen. Aber gerade diese weltliche Politik der Hasmonäer mißfiel ihren Verbündeten, den Aßidäern. Diese, welche ihr ganzes Vertrauen auf Gott setzten, konnten sich Schlachten und Siege nur in biblischer Weise denken, daß Gott die Feinde auf wunderbare Weise vernichten werde, wie Sißeras Heer am Fluß Kison vor Barak, die Ammoniter und Moabiter im Tale Beracha vor dem frommen König Josaphat und wie die Assyrer unter Sancherib vor Jerusalem. Auswärtige Hilfe suchen, war ihnen gleichbedeutend mit Unglauben an Gottes Allmacht. »Besser ist's auf den Herrn vertrauen als auf Menschen; besser ist's auf den Herrn vertrauen als auf Fürsten«10. Darum machte ein Führer der Aßidäer-Partei den Hasmonäern den Vorwurf, daß sie von den Persern Hilfe erwarteten. »Heißt es nicht in der Schrift«, so äußerte er sich, »verflucht sei der Mann, der Fleisch zu seiner Hilfe macht und von Gott sein Herz abwendet,« und ferner: »gesegnet sei der Mann, der auf Gott vertraut, dann wird auch Gott seine Zuversicht«11? Man kann wohl vermuten, daß diese Unzufriedenheit Mitursache war, daß sich die Aßidäer von den Hasmonäern getrennt und dadurch die Zahl der[6] Kämpfer vermindert haben, ein Umstand, der wohl Judas Tod verschuldete. Denn in der großen Bedrängnis, als er von den syrischen Heeren umringt war, blieben ihm nur 800 Mann treu, die tapfer, aber unglücklich gekämpft haben.

Von diesen drei Parteien hatten nur die Hasmonäer Aussicht, ans Ruder zu kommen. Denn die Griechlinge hatten allzusehr mit der Nation im ganzen gebrochen, sich zu sehr verhaßt gemacht, als daß ihnen je eine Zukunft beschieden sein konnte. Und die Aßidäer hatten wiederum einen zu beengten Gesichtskreis, waren durchaus ohne Verständnis für die politischen Verwickelungen, von deren Benutzung das Zustandekommen friedlicher, ungestörter Verhältnisse abhängig war, waren auch zu wenig ehrgeizig und liebten zu sehr die Ruhe, als daß sie den anarchischen Zustand zur Ordnung hätten hinüberführen können. Und die Anarchie, welche zu dieser Zeit in Judäa herrschte, war schrecklich genug. Die zwei bewaffneten Parteien, die Hasmonäer und Hellenisten, befehdeten und zerfleischten einander, wo sie zusammentrafen; Mißhandlungen und Metzeleien waren an der Tagesordnung, und es gab keine Autorität, welche ihnen hätte Einhalt tun können. Es scheint nicht einmal eine regelmäßige Behörde bestanden zu haben. Die Anarchie wurde durch die Hungersnot12 noch mehr gesteigert, wahrscheinlich herbeigeführt durch die syrischen Heere, welche wiederholentlich Einfälle ins Land machten und die Saaten zerstörten. Die Hauptquelle schilderte diese anarchische Zeit mit den Worten: »Es war eine große Betrübnis in Israel, wie sie nicht war seit dem Tage, als die Propheten aufgehört haben«13. In diesen Drangsalen blickten die Verzweifelten auf Jonathan Apphus (Chaphus) und erwarteten von ihm, daß er die Hellenisten demütigen, die Syrer aus dem Lande jagen und Frieden und Wohlstand wiederherstellen werde14. Aber Jonathan hatte weder die kriegerische Tüchtigkeit seines Bruders Juda, noch wurde er von dem ganzen Volke unterstützt. Er war mehr Politiker als Feldherr, verstand besser die Schwäche des Feindes auf diplomatischem als auf kriegerischem Wege zu benutzen. Zu schwach zum Angriffskriege gegen Bakchides und sein Heer, das Demetrios in Judäa hatte einrücken lassen, mußte er sich auf die Verteidigung beschränken, so oft er von dem syrischen Heere angegriffen wurde. Denn der syrische Hof sah mit Recht in den Hasmonäern eine Rebellenschar, welche ihnen die Untertanenpflicht aufzukündigen strebte, und verfolgte sie als solche. Vor diesen Verfolgungen verschanzten sich die Hasmonäer in der [7] Nähe einer Cisterne Asphar15, in dem Wald-Gestrüppe des Jordan-Ghor, hielten sich aber auch da für so unsicher, daß sie Weiber und Kinder zu dem Stamme der Nabatäer jenseits des Jordan schickten, zu dem sie in einem freundlichen Verhältnisse standen16. Unterwegs wurden diese aber nebst ihrem Führer, dem Hasmonäer Jochanan, von einem feindlichen Stamme, den Bne-Amri aus der Stadt Medaba, angefallen und sämtlich niedergehauen, eine Untat, welche Jonathan später rächte. Er überfiel nämlich unversehens den Stamm Amri, welcher eine Braut aus einem angesehenen Hause mit hochzeitlichem Gepränge führte, schlug viele derselben und trieb die übrigen in die Flucht17. Aber selbst in den Schlupfwinkeln des Jordantales hatte die hasmonäische Schar keine Ruhe. Bakchides suchte sie auch da auf, griff sie gerade am Sabbat an, an welchem Tage der Kampf, wenn auch nicht verboten, doch wegen der gesetzlichen Umständlichkeit nicht mit ganzer Kraft aufgenommen werden konnte, und zwang sie, sich durch Schwimmen jenseits des Jordan zu retten18. Das ganze diesseitige Land lag dadurch dem Feinde offen, und Bakchides ließ diese günstige Gelegenheit nicht vorübergehen, den Hasmonäern jede Möglichkeit zu neuen Unternehmungen abzuschneiden. Zu diesem Zwecke stellte er die zerstörten Festungen wieder her: Jericho, Bethel im Osten; Emmaus, Bethoron, Thamnatha im Westen, Pharaton oder Pirathon auf dem Gebirge Ephraim und Netopha19 im Südwesten von Jerusalem. Die festen Punkte Akra, Betzur und Gazara verstärkte er und legte Waffen-und Mundvorrat hinein. Außerdem versicherte er sich der Treue des Volkes durch die Kinder der angesehensten Familien, welche er als Geißel in der Akra ließ20. So war es Bakchides binnen Jahresfrist (160-159) gelungen, was mehrere Feldherren vorher in sechs Jahren nicht durchzusetzen vermochten: den bewaffneten Widerstand gegen die Syrer vollständig zu brechen. Schmerzlich wurde des Makkabäers Heldenarm vermißt. Wäre es dem Könige Demetrios darum zu tun gewesen, [8] gewaltsame Eingriffe in die religiösen Verhältnisse des judäischen Volkes zu machen und das Griechentum als Staatsreligion aufzuzwingen, so hätte er keinen günstigeren Augenblick finden können, als den, wo die Vollkraft des Volkes gebrochen und seine Helden außer dem Bereiche der Tätigkeit waren. Aber der zweite Nachfolger des Antiochos Epiphanes, dem schwelgerischen Leben ergeben, hatte dessen Politik fallen lassen und begnügte sich, die Herrschaft über Judäa behauptet zu haben, um den jährlichen Tribut einziehen zu können und die Einnahme-Quellen des Volkes an sich zu ziehen. – Die Steuerforderungen waren aber drückend. Demetrios behandelte Judäa wie ein erobertes Land, das keine Schonung verdiente. Den Boden und die Personen sah er wie sein Eigentum an. Zur Kopfsteuer und den Kronengeldern, die bereits früher eingeführt waren, mußten die Landbesitzer den dritten Teil der Feldfrüchte und die Hälfte der Baumfrüchte, namentlich von der Olivenernte, leisten. Die Bewohner der Hauptstadt, die keinen Ackerbau trieben, mußten eine Art Verzehrungssteuer, den Zehnten von den Lebensmitteln, zahlen. Das Salz vom toten Meere und von den Gruben, welche die dortigen Bewohner zur Aufnahme der Salzablagerungen ringsumher machten, maßte sich der König von Syrien an, und die Sammler mußten ein Drittel der Einnahmen an den Schatz abliefern. Aus den eingehenden Spenden für die Bedürfnisse des Heiligtums ließ sich Demetrios jährlich 5000 Sekel zahlen21.

[9] Der syrische Hof zeigte indes auch nach dem Absterben des Alkimos, daß er nicht mehr an den Religionszwang dachte. Dieser Hohepriester, obwohl mißliebig, hatte keineswegs zu den wütenden Hellenisten gehört. Wenigstens weiß die Quelle nicht einen einzigen Zug von ihm zu erzählen, daß er die Auflösung des Judentums angestrebt hätte. Es wird ihm nur vorgeworfen, daß er sich durch Bakchides in die Hohepriesterwürde habe einsetzen lassen, sich durch die syrische Macht behauptet habe und ein Gegner der Hasmonäer gewesen sei, gegen welche er den Zorn des Demetrios zu erregen nicht ermüdete; aber es wird nicht erzählt, daß er heidnische Institutionen eingeführt oder wesentliche Neuerungen im Tempel vorgenommen hätte. Er war bloß ein Ehrgeiziger, der sich an die Tagesmacht anklammerte, um sich in seiner Würde zu behaupten. Das Vergehen, das ihm zum Vorwurfe gemacht wurde, wodurch er den Zorn des Himmels auf sich geladen haben soll, erscheint bei näherer Betrachtung noch keineswegs als Religionsverletzung. Es bestand nämlich im Tempel zwischen dem inneren und äußeren Vorhofe des Tempels eine Art Staket, welches wegen seiner durchbrochenen Arbeit den Namen Sorêg (chald. Soriga, δρύφακτος) führte. Diese Scheidemauer, das Werk der Propheten, wie man sie nannte, diente als Schranke für die Heiden, wie für die an Leichen Verunreinigten, die nur bis dahin vordringen durften. Am 23. Marcheschwan[10] (November 159) begann Alkimos diese innere Mauer niederreißen zu lassen, ohne Zweifel in der Absicht, den Heiden weiteren Zutritt zum Tempel zu gestatten. Dieser Akt verletzte die frommen Gemüter so sehr, daß, als Alkimos gleich darauf an Gliedmaßen und Sprache gelähmt wurde und infolgedessen gestorben war, sie nichts anderes glaubten, als daß er für die Tempelschändung vom Himmel bestraft worden sei. Man setzte sogar den Tag, an welchem die Breschen dieses Werkes verhängt worden waren, unter die Gedenktage22, wie die Tage der Tempelweihe, den Todestag des Antiochos Epiphanes und den Siegestag über Nikanor. Hätte sich Alkimos sträflicher am Judentume vergangen, so würden Geschichte und Sage dieses Vergehen nicht verschwiegen haben. Darum darf Alkimos keineswegs mit Menelaos in eine Reihe gestellt werden. Dieser war ein Abtrünniger, der aus Leidenschaftlichkeit das Judentum umzukehren bestrebt war; Alkimos hingegen wollte lediglich aus Ehrgeiz die Ehren des Hohenpriestertums tragen. Nach dem Tode dieses Hohenpriesters ließ nun der syrische Hof die Hohepriesterwürde, welche die Spitze des judäischen Staates bildete, ganz unbesetzt23, weil ihm viel daran lag, auch diesen Schein von Selbständigkeit schwinden zu lassen; sieben Jahre blieb der Tempel ohne Hohenpriester und das Land ohne politischen Vertreter. Wahrscheinlich übte in dieser Zeit ein Stellvertreter des Hohenpriesters, unter dem Titel Sagan24, die hohenpriesterlichen Funktionen aus. – Von anderen Eingriffen der Syrer in die inneren Verhältnisse wird nichts erwähnt, im Gegenteil wird erzählt, daß Bakchides gleich darauf abzog, und das judäische Land zwei Jahre der Ruhe genoß (159-157)25.

Diese Ruhe benutzten die Führer der Hasmonäer-Partei, Jonathan und Simon, sich zu verstärken und wehrfähig zu machen. Sie hatten in der Wüste Jericho eine Oase bei Bethagla, unweit des Jordans, befestigt26, wo zugleich ein schattiger Wald und eine Quelle von [11] süßem, klarem Wasser waren. Der Jordan in der Nähe diente ihnen als Schutzwehr im Rücken gegen eine Überrumpelung und als Zufluchtsort bei einer etwaigen Niederlage. Jonathan hatte zwar in diesem Kriege kein anderes Ansehen, als etwa das eines Beduinenhäuptlings, welcher der Landesmacht einen Waffenstillstand abtrotzt; allein da er die Sympathie des Volkes hatte und für eine heilige Sache das Schwert führte, genoß er eine höhere Autorität. Ohne Zweifel war der Schaden, den er mit seinem Anhange von der günstigen Lage aus den Hellenisten zufügte, bedeutend genug; denn diese beklagten sich von neuem beim syrischen Hof über den Übermut der Hasmonäer27. Weil aber Demetrios in seiner Trägheit und Bakchides durch die gemachten Erfahrungen überdrüssig waren, mit regelmäßigen Truppen auf einem ungünstigen Terrain einen Guerillakrieg zu führen, erboten sich die Hellenisten, Jonathan und Simon heimlich zu überfallen und gefangen zu überliefern. Schon war den zwei Führern, auf welchen die Zukunft beruhte, ein Hinterhalt gelegt, als ihnen die List verraten wurde, wodurch sie in den Stand gesetzt waren, Gegenvorkehrungen zu treffen. Bei dieser Gelegenheit wurden fünfzig von den Hellenisten ergriffen und hingerichtet28. Bakchides, der auf einen schnellen Ausgang gerechnet hatte, sah sich in einen neuen Krieg verwickelt. Er belagerte die Hasmonäerpartei in ihrer Festung Bethagla längere Zeit. Aber diese hatte bereits über so viel Mannschaften zu gebieten, daß sie ihre Schar teilen konnte. Jonathan überließ seinem Bruder Simon die Verteidigung der Festung, und er selbst, auf unbewachtem Wege ins Freie gelangt, schlug die Bakchides unterstützenden Griechlinge Odura, seine Brüder und die Söhne Phasiron und schnitt wohl dem Belagerungsheer die Zufuhr von Lebensmitteln ab. Simon und die ihm zurückgelassene Abteilung verbrannten die aufgerichteten Belagerungsmaschinen29. So von zwei Seiten bedrängt, mußte Bakchides mit Verlust eines Teiles seines Heeres die Belagerung aufgeben und kühlte seinen Zorn über den mißlungenen Kriegszug an den Hellenisten, von denen er viele hinrichten ließ30.

[12] Die Verstimmung des syrischen Feldherrn hielt Jonathan für Unterhandlungen günstig und erlangte in der Tat von ihm einen Friedensschluß. Die Bedingungen desselben waren, daß Jonathan unbelästigt und unbehindert im Lande, nur nicht in Jerusalem, bleiben durfte und zum Unterpfande seiner Versprechungen, die nicht mehr bekannt sind, Geiseln stellen sollte. Die Gefangenen wurden gegenseitig ausgewechselt. Bakchides zog ab und ließ die Hellenisten, die Verbündeten Syriens, welche um der Syrer willen Vater land, Sitte und Religion verraten, ihren eigenen und des Landes Wohlstand gefährdet hatten, gänzlich im Stich. Jonathan wohnte in dem befestigten Michmas, wo auch einst Saul seinen Aufenthalt hatte, er galt stillschweigend als das Haupt des judäischen Volkes und verfuhr gegen die Feinde desselben mit schonungsloser Strenge31. Dieser Zustand, »wo das Schwert in Israel aufgehört hatte«32, dauerte nahe an fünf Jahre (156-152). Wohin dieser unentschiedene Zustand geführt hätte, läßt sich aus den Umständen kaum schließen; gewiß ist es aber, daß ohne Hinzutreten einer außergewöhnlichen Gunst des Zufalls der Traum der Hasmonäer sich schwerlich verwirklicht hätte. Eine Wendung im syrischen Reiche führte eine günstige Rückwirkung für Judäa herbei und förderte die Machtvergrößerung Jonathans und der Nation.

Ein unbekannter Jüngling aus Smyrna, mit Namen Alexander Balas, veranlaßte diesen Umschwung in den Verhältnissen der Judäer. Da dieser Alexander eine auffallende Ähnlichkeit mit dem syrischen König Antiochos Eupator hatte, benutzte ihn Attalus II., König von Pergamus, ihn als Gegenkönig des ihm verhaßten Demetrios aufzustellen33. Demetrios hatte sich in seiner elfjährigen Regierung bei Volk und Heer durch Ausschweifung und Stolz so sehr verhaßt gemacht und seinen Nachbarkönigen so viel Grund zur Unzufriedenheit gegeben, daß er weder im eigenen Lande noch im Auslande Freunde hatte. So wie Alexander, von Attalus mit Geld und Truppen aufs kräftigste unterstützt, bei Ptolemaïs landete, ergab sich ihm die Besatzung. Der römische Senat, gierig jede Gelegenheit wahrnehmend, welche Verwirrung im syrischen, wie in andern, wenn auch verbündeten Reichen hervorzubringen geeignet war, gab Alexander die Anerkennung als Thronerben und begünstigte dessen Unternehmen. Diese Vorgänge rüttelten Demetrios aus seiner Trägheit auf und bewogen ihn, sich nach Verbündeten umzusehen. Vor allem trachtete er Jonathan für [13] sich zu gewinnen, der, wenn er der von ihm erlittenen Feindseligkeit eingedenk sein sollte, ihm durch Anschluß an seinen Gegenkönig sehr gefährlich hätte werden können. In einem einnehmenden Schreiben an den Hasmonäerführer machte er ihn zum Bundesgenossen, erlaubte ihm Truppen anzuwerben und Waffen anzuschaffen und befahl, daß ihm die judäischen Geiseln ausgeliefert würden. Jonathan säumte nicht, diese günstige Gelegenheit wahrzunehmen, eilte nach Jerusalem, nahm Besitz von demselben, ließ die Mauern ausbessern und setzte es in wehrhaften Zustand34. Die Hellenisten mußten aus Furcht vor der Macht in den Händen ihres Hauptfeindes die judäische Hauptstadt verlassen und Schutz in der Festung Betzur suchen. Aber Alexander Balas, der auch seinerseits Unterstützung brauchte, bewarb sich nicht minder um Jonathans Bundesgenossenschaft und wußte ihn geneigter für sich zu machen. Er ernannte ihn zum Hohenpriester, schickte ihm einen Purpurmantel und eine goldene Krone und erklärte ihn hierdurch zum Vasallenfürsten des syrischen Reiches und zum Freunde des Königs. Am Hüttenfeste (152)35 legte Jonathan zum ersten Male den hohenpriesterlichen Schmuck an und fungierte im Tempel als Hoherpriester36, der erste, welcher diese Würde dem hasmonäischen Hause für die Dauer erworben hat. Denn Matthatia, der Stammgründer, war nicht mit dieser Würde bekleidet, und Juda Makkabi hatte sie nur vorübergehend inne37. Die Priesterabteilung Jojada, aus welcher bis dahin die Hohenpriester stammten, war dadurch gegen die Abteilung Jojarib welcher die Hasmonäer angehörten, zurückgesetzt38. So war denn das tief erniedrigte, an den Rand des Untergangs gebrachte Judäa durch den Heldenmut und die Opferfreudigkeit einer kleinen Schar gehoben aus dem beinahe zwanzigjährigen Kampfe hervorgegangen. Die leidende Rolle, welche es vor dem Aufstande sich hatte gefallen lassen müssen, und die es zum Zankapfel zweier ehrgeiziger Höfe gemacht hatte, war jetzt in eine tätige verwandelt. Es nahm eine imponierende Stellung ein und konnte in den politischen Verwickelungen Vorderasiens ein Wort mitsprechen.

Zu dieser immer zunehmenden Machtstellung trug Jonathan während seiner neunjährigen Regierung (152-144) viel bei. Mit richtigem Blicke erkannte er in dem Streite um die syrische Krone, auf welche Seite er sich stellen sollte. Er schlug sich zu Alexander, obwohl Demetrios, wie einer, der nichts zu verlieren hat, dem Volke die glänzendsten Versprechungen gemacht hatte, um es gegen Jonathan aufsässig [14] zu machen und es auf seine Seite zu ziehen. Er scheint nämlich »an das Volk der Judäer«, mit Übergehung des von Alexander eingesetzten Hohenpriesters, geschrieben zu haben: er wolle die meisten Steuern und Abgaben erlassen, drei Bezirke, welche zu Samaria geschlagen worden waren, wieder mit Judäa vereinigen, Jerusalem als ein Asyl anerkennen und sogar die wichtige Akra den Judäern überlassen. Er versprach ferner, den Kultus des Tempels aus dem königlichen Schatze zu bestreiten und sogar die Einkünfte der Stadt Ptolemaïs, welche in den Händen seines Gegners war, dazu anzuweisen. Truppen sollten auf königliche Kosten ausgehoben werden und Beförderungen und Belohnungen gleich den syrischen erhalten. Die ausgehobenen Truppen, 30000 Mann, sollten natürlich ihm als Hilfsyeer dienen, um ihn von der Übermacht seines Gegenkönigs zu befreien. Auch den auswärtigen im syrischen Reiche wohnenden Judäern verhieß Demetrios alle möglichen Freiheiten und Privilegien, daß sie von den Nachbarn nicht bedrückt und an ihren Sabbaten und Festen selbst drei Tage vorher und nachher nicht durch etwaige Anklagen oder Ladung vor Gericht belästigt werden sollten39. Allein das Volk mochte sich von Jonathan nicht trennen, gab nichts auf solche Vorspiegelungen und Jonathan kannte Demetrios' Charakter zu gut, um solchen in der Not gegebenen Versprechungen zu trauen. Er hielt sich an Alexander, unterstützte ihn, bis er seinen Rivalen besiegt hatte und fand später keinen Grund, diesen Schritt zu bereuen40. Obwohl von bürgerlicher Abkunft, zeigte Alexander eine hochherzige, echt königliche Gesinnung und hielt seinem Verbündeten treu das gegebene Wort; den boshaften Einflüsterungen der Hellenisten, welche ihn wie seinen Vorgänger gegen Jonathan und die Nationalpartei einzunehmen sich bemühten, gab er kein Gehör, wies sie vielmehr mit Entrüstung zurück. Er überhäufte Jonathan mit Ehrenbezeigungen und zeigte recht auffallend, wie viel er ihm für dessen Hülfeleistung in der kritischen Zeit zu danken hatte. Als er mit seinem Schwiegervater, dem König Ptolemäus VI. Philometor von Ägypten, in Ptolemaïs zusammen kam, wo ihm dieser seine Tochter als Frau zuführte, lud er Jonathan zu sich ein und behandelte ihn wie seinesgleichen41. Welch ein befriedigendes Gefühl muß es für den hasmonäischen Hohenpriester gewesen sein, ebenbürtig neben den zwei Königen zu sitzen, deren Vorgänger Judäa oft genug verachtet hatten, und die es jetzt als eine achtunggebietende Macht zu behandeln gezwungen waren! Während der mehrjährigen Regierung des Alexander Balas (152-146) konnte sich Judäa von den Wunden erholen, welche ihm Verrat [15] und Tyrannei geschlagen hatten. Es konnte 10,000 Bewaffnete ins Feld stellen.

Jonathan vergalt aber Alexander's Wohlwollen mit unerschütterter Treue. Als Demetrios II. mit dem Beinamen Nikator, Sohn Demetrios I., gegen den Emporkömmling Alexander als echter Erbe des syrischen Thrones auftrat, fuhr Jonathan fort, Alexander zu unterstützen, obwohl Ägypten und Rom denselben im Stich gelassen hatten. Er widersetzte sich zuerst dem Feldherrn des Demetrios, Apollonios Daos, an der Küste des Mittelmeers, belagerte dann dessen Besatzung in der Hafenstadt Joppe so lange, bis deren Einwohner ihm die Tore öffneten, zerstörte die ehemalige Philisterstadt Azotus (Asdod), welche für Apollonios Partei ergriffen hatte und verbrannte den Tempel des Götzen Dagon. Askalon unterwarf sich ihm aus Furcht ohne Schwertstreich. Als Belohnung erhielt er von Alexander die Stadt Akkaron (Ekron) mit der Umgegend, welche von jetzt an zu Judäa gehörte (147)42. Die griechischen Bewohner der Stadt Azotus verklagten Jonathan dafür bei dem ägyptischen Könige Ptolemäus Philometor, welcher während des Streites zwischen den zwei syrischen Gegenkönigen eine Protektorrolle über Syrien angenommen hatte. Sie zeigten ihm bei seinem Durchzuge die Zerstörungen, die der Hohepriester in ihrer Stadt zurückgelassen, ermangelten nicht hervorzuheben, daß er sogar den Dagontempel niedergerissen habe, und erwarteten von dem heidnischen Könige, daß er sich der beleidigten Stammesgenossen gegen die Eingriffe der Judäer annehmen werde. Allein dieser Lagide war entweder aus Rücksicht auf die Judäer seines Landes, die ihm Dienste geleistet, oder aus Gleichgültigkeit nicht gewillt, die Zerstörung eines heidnischen Tempels zum Gegenstande einer persönlichen Beleidigung zu machen oder als Tempelschändung zu behandeln. Als ihm Jonathan auf dessen Zuge entgegengekommen war, behandelte er ihn mit ausnehmender Freundlichkeit43.

Die Verwirrung, welche darauf im syrischen Reiche entstand indem ein Teil des Volkes und Heeres zu Demetrios II. hielt, ein anderer Teil aber Alexander Balas' Hause treu blieb, auch nachdem dieser auf eine verräterische Weise in Nabatäa, wo er Schutz gesucht hatte, ermordet worden war, wollte Jonathan benutzen, sich der Griechlinge zu entledigen, und belagerte die Akra, ihre Schutzwehr, wo sie noch immer Ränke gegen die Nationalpartei zu schmieden nicht ermüdeten. In ihrer Bedrängnis wendeten sie sich an den neuen syrischen König [16] und baten um Hilfe. Demetrios II. Nikator (146-138) war schon im Begriff, ihnen Gehör zu geben, zog sogar gegen Jonathan zu Felde und forderte ihn gebieterisch auf, zur Rechtfertigung vor ihm in Ptolemaïs zu erscheinen. Als aber Jonathan mit reichen Geschenken zu ihm kam und seine Unterstützung dem von Feinden bedrängten Gegenkönig von Nutzen schien, rügte er nicht nur nicht das Unternehmen gegen die Akra, sondern bestätigte Jonathan im Hohenpriesteramte und in der Würde, welche er von Alexander erhalten hatte44. Die Geldnot, in welcher sich Demetrios wie seine Vorgänger befand, benutzte Jonathan, um die Steuerfreiheit für Judäa zu erwerben und es um einige Bezirke zu vergrößern; dies alles erlangte er für 300 Talente. Die Bezirke Lydda, Ramathaim (Arimathia) und Ephraim, welche bis dahin wieder zu Samarien gehört hatten, wurden zu Judäa geschlagen. Die Abgaben, welche die Judäer bisher an den syrischen König zu leisten hatten, wurden ihnen erlassen. Die bewilligten Privilegien wurden durch ein königliches Schreiben, welches im Tempel niedergelegt wurde, verbrieft45. Allein trotz der feierlich gegebenen Zusicherung bereute Demetrios bald, die Ansprüche auf diese Abgaben aufgegeben zu haben. Die syrischen Fürsten schlugen bis zu ihren letzten Abkömmlingen nicht aus der Art, Wortbrüchigkeit zu üben und die im Augenblick der Not gemachten Zugeständnisse gelegentlich zu widerrufen. Bald feierte indessen das judäische Heer den unerwarteten Triumph, der syrischen Hauptstadt die Schmach vergelten zu können, welche die Syrer zu wiederholten Malen Jerusalem angetan hatten. Demetrios, welcher die Unzufriedenheit der Antiochenser erregt hatte, wurde von ihnen in seinem Palaste förmlich belagert, und da seine Soldaten ihm wegen ausgebliebenen Soldes keine Hilfe leisten mochten, so sah er sich in der unangenehmen Lage, Jonathan angehen zu müssen, judäische Truppen zu seiner Rettung zu senden. Die 3000 judäischen Hilfstruppen, welche Jonathan darauf nach Antiochien geschickt hatte, verwüsteten einen Teil der syrischen Hauptstadt durch Feuer und zwangen die Einwohner und die aufwieglerischen Soldaten, von der Belagerung des Königs abzustehen und ihn um Verzeihung anzuflehen46. Aber kaum war Demetrios von der Gefahr befreit, so zeigte er schnöden Undank gegen seinen Retter und behandelte ihn feindselig47. Dadurch fand sich Jonathan [17] nicht bewogen, ihm zum zweiten Male in der Not beizustehen, als ein Feldherr des Alexander Balas, namens Diodotos Tryphon, eine Verschwörung gegen ihn anzettelte, den noch sehr jungen Sohn seines Herrn Antiochos VI. als König aufstellte und Demetrios in die Flucht trieb. Jonathan unterstützte, aus Dankbarkeit gegen Alexander und aus Erbitterung gegen den Treubruch des Demetrios, den jungen König und seinen Regenten Tryphon und wurde dafür von ihm in seiner Hohenpriesterwürde bestätigt; die Herrschaft über die zu Judäa geschlagenen Distrikte wurde ihm zugesichert; er durfte eine goldene Spange, Abzeichen eines freien Fürsten, anlegen. Simon, sein Bruder, wurde zum syrischen Feldherrn über den Küstenstrich des mittelländischen Meeres von der tyrischen Leiter, einem Berge etwa zwei Stunden nördlich von Ptolemaïs, bis zur Grenze Ägyptens eingesetzt48. Tapfer kämpften die beiden Hasmonäerbrüder für den Antiochos, an dessen Bestand die Unabhängigkeit Judäas geknüpft war. Denn der flüchtige Demetrios II., welcher wieder Truppen sammelte, hatte Jonathan seiner Würde entkleidet, und seine Feldherren standen schon an der Nordgrenze Judäas in Kades, um einen Einfall zu machen. Durch einen Hinterhalt, den Demetrios' Truppen auf einer Höhe des galiläischen Gebirges gelegt hatten, erlitt das judäische Heer bei Asor (Chazor) eine so vollständige Niederlage, daß nur zwei Befehlshaber, Matthatia b. Absalom und Juda b. Chalphaï, an Jonathans Seite standhielten; die übrigen Krieger hatten schmählich die Flucht ergriffen. Bald aber sammelte sie der Feldherr wieder, führte sie gegen den Feind und verfolgte denselben bis Kedes Naphtali49. An mehreren Orten waren die Waffen der Hasmonäer-Brüder mit Sieg gekrönt. Bis in die Gegend von Hamat (Amathitis) im Norden des Libanon drang Jonathan vor, um den Feldherren, welche für Demetrios II. wieder Truppen sammelten, entgegenzutreten, und diese konnten nicht stand vor ihm halten. Dann führte er einen glücklichen Zug gegen einen Nabatäerstamm, die Zabedäer, aus, die ohne Zweifel das Heer der feindlichen Syrer gegen ihn unterstützt hatten, zog als Sieger in Damaskus ein und durchstreifte unbehindert das ganze Land50. Schon früher war die südlichste philistäische Stadt Gaza, welche die judäischen Feldherren nicht anerkennen mochte und für Demetrios Partei ergriff, so hart bedrängt, daß sie um Frieden bat und zur Gewähr ihrer Unterwürfigkeit Geiseln [18] stellte. Die Festung Bethzur, wo die Griechlinge Zuflucht genommen hatten, hatte Simon eingenommen, diese daraus vertrieben und eine Besatzung treuer Judäer hineingelegt. Er hielt auch die Seestädte in Zaum und legte nach Joppe eine judäische Besatzung, damit diese wichtige Stadt nicht in Feindes Hände falle. Die Stadt Adida, östlich von Lydda, in der Ebene Schephela, befestigte Simon51. Aber vor allem lag es den Hasmonäern am Herzen, Jerusalem uneinnehmbar zu machen. Daher erhöhten sie die Mauern nach allen Seiten, dehnten sie im Osten bis hart an das Tal Kidron aus, wodurch auch der Tempelberg geschützt war, und richteten mitten in der Stadt, gegenüber der Akra, einen festen Wall auf, um den Hellenisten in derselben den Verkehr abzuschneiden52. Die Schlucht, welche den Tempelberg von der Stadt trennte und nur zum Teil überbrückt war, füllten sie aus, um die Stadtteile in Verbindung zu bringen. Diese Schlucht führte den Namen Chaphenatha (Käsemacherschlucht?53). Eine Belagerung der Akra vorzunehmen mochte ihnen nicht gelegen scheinen, teils weil dies den Syrern Anstoß gegeben hätte, teils weil die Truppen nicht auf diesen Punkt konzentriert werden durften, da die Feldherren des gestürzten Demetrios noch immer eine drohende Haltung zeigten. Judäa stellte bereits in dieser Zeit (144-143) 40,000 auserlesene Krieger.

Die Folgen bewiesen nur zu deutlich, daß die Vorsicht, von welcher die Hasmonäer durch die Befestigung des Landes und die Unterhaltung einer Achtung gebietenden Truppenzahl sich leiten ließen, nicht überflüssig und ihr Mißtrauen gegen die vielfache Freundschaftsversicherung der Syrer vollkommen gerechtfertigt war. Denn kaum sah sich der rebellische Feldherr Diodotos Tryphon in dem Besitz der syrischen Macht, als er den Plan verfolgte, den er gleich anfangs gehegt haben mochte, sich des unmündigen Königs Antiochos, der nur durch ihn getragen wurde, zu entledigen und die syrische Krone auf sein eigenes Haupt zu setzen. Das größte Hindernis zur Erreichung dieses Zieles schien ihm aber Jonathan zu sein, weil er in der Tat dem jungen Könige, aus Dankbarkeit gegen die ihm von dessen Vater erwiesene Anhänglichkeit, aufrichtig zugetan und dann im Besitz der Herrschaft über einen Teil der Meeresküste war. Jonathan, das konnte Tryphon voraussehen, würde dem Mörder des gekrönten Kindes den hartnäckigsten Widerstand mit allem Aufgebot seiner Macht entgegensetzen und im Verein mit den andern Unzufriedenen ihn um das Ziel [19] seiner Wünsche bringen. Tryphon trachtete daher vor allem, den mächtig gewordenen judäischen Hohenpriester aus dem Wege zu räumen und durch seinen Tod Judäa und die Anhänger des jungen Königs zu schwächen. Aber offene Gewalt gegen Jonathan zu gebrauchen, schien ihm doppelt gefährlich; darum verlegte er sich auf eine Überlistung desselben, und es gelang ihm in der Tat, den schlausten der Hasmonäer zu täuschen und in seine Gewalt zu bringen. Auf die Nachricht, daß Tryphon mit einem Heer in Betsan (Skythopolis) eingezogen sei, eilte ihm Jonathan mit 40,000 Kriegstüchtigen entgegen, wurde aber von Tryphon durch Geschenke, Ehrenbezeigungen und Schmeicheleien so sehr umstrickt, daß er in die Falle ging. Auf Tryphons Zureden entließ er den größten Teil seiner Truppen, da die Niederlage des Anhangs des Demetrios eine so bedeutende Heeresmasse überflüssig mache, und folgte ihm nach der wichtigen Meeresfestung Akko (Ptolemaïs), die ihm der Schlaue versprochen hatte. Von den 3000 Kriegern, die er behalten hatte, entsandte Jonathan 2000 nach Galiläa, und nur 1000 begleiteten ihn nach Akko. Tryphon hatte alle Veranstaltungen getroffen, daß Jonathan bei seinem Eintritte in die Festung gefangen genommen und seine Schar niedergehauen wurde. Den judäischen Truppen, welche in der Ebene Jesreel und in Galiläa verbleiben sollten, ließ Tryphon nachsetzen; sie hatten aber vorher von dem an ihrem Führer begangenen Verrat Wind bekommen, setzten sich zur Wehr und zwangen ihre Verfolger zum Rückzug54.

Die Nachricht, welche diese zwei Tausend von Tryphons List und Gewaltstreichen nach Jerusalem brachten, verbreitete Trauer und Schrecken. Man glaubte nicht anders, als daß Jonathan gleich den Tausend seiner Begleitung in Akko durch die Hand des Treulosen umgekommen sei. Wie nach dem Tode Juda Makkabis, so fühlte sich das Volk ohne Jonathan Apphus verwaist und ohnmächtig55. Eine neue Unterjochung von seiten der Syrer mit all den traurigen Folgen schien nahe und unabwendbar; man glaubte die Hand der Hellenisten hinter diesen Vorgängen tätig. Es bestand in der Tat eine geheime Verbindung zwischen Tryphon und dem Rest der Griechlinge, und er schien ihnen Entsatz von außen vorgespiegelt zu haben, wie sie ihm Angriffe auf die judäische Hauptstadt von innen56. Diese von zwei Seiten drohende Gefahr wendete Simon Tharsi, der letzte der Hasmonäer-Brüder, glücklich ab. Obwohl dem Greisenalter nahe, zeigte er so viel jugendlichen Mut und eine so hinreißende Begeisterung, [20] daß er das Volk in einer großen Versammlung im Tempelvorhofe aus der Verzweiflung, in die es versunken war, zur Siegeshoffnung erweckte. Als er die Worte sprach: »Ich bin nicht besser als meine Brüder, welche für die Heiligtümer und die Freiheit starben,« hallte ihm der einstimmige Ruf der Versammlung entgegen: »Sei unser Heerführer wie Juda und Jonathan, deine Brüder!57« Durch das Vertrauen des Volkes an die Spitze gestellt, war Simon vor allem darauf bedacht, Jerusalem gegen einen Handstreich von außen und Angriffe von innen sicher zu stellen und Tryphon die Zugänge ins Land zu versperren. Joppe, die Jerusalem zunächst liegende Hafenstadt, ließ er durch eine judäische Besatzung unter dem Feldherrn Mattathias ben Absalom bewachen, um die Landung eines syrischen Heeres von dieser Seite zu verhindern; die Anhänger der Syrer wurden aus Joppe ausgewiesen. Simon selbst zog ein Heer bei Adida zusammen, um gegen den Einfall der Syrer an der Niederung der Meeresküste gerüstet zu sein. In der Tat war Tryphon bereits von Akko ausgezogen und hatte die Absicht, das durch die Kühnheit seiner Untat erschreckte Judäa zu überfallen, ehe es an Widerstand denken könnte. Er führte Jonathan als Gefangenen mit sich, weil er durch die über dem Haupte des Lieblings der Nation schwebende Todesgefahr mehr Vorteile zu erzielen hoffte, als durch dessen Tod, indem er dadurch die Unternehmung der judäischen Krieger zu lähmen hoffte. Als er aber hörte, daß Judäa gegen ihn gerüstet sei und in Simon einen aufopferungsmutigen Feldherrn gewählt habe, knüpfte er schlau wieder Unterhandlungen an. Er gab vor, Jonathan nur deswegen zum Gefangenen gemacht zu haben, um sich die hundert Talente zahlen zu lassen, die das judäische Volk an den königlichen Schatz früher gezahlt und später eingestellt habe, und versprach, wenn diese Schuld getilgt und Jonathans zwei Söhne ihm als Geiseln zugeschickt sein würden, den Gefangenen freizulassen. Obwohl Simon die List, die hinter diesen Forderungen steckte, durchschaute, ging er dennoch darauf ein, um sich nicht den Vorwürfen auszusetzen, als habe er den Tod seines Bruders veranlaßt. Tryphon empfing die verlangte Geldsumme und die Geiseln, setzte aber nichts desto weniger, wie Simon vorausgesehen hatte, den Krieg fort; aber durch das judäische Heer gehindert, den geraden Weg einzuschlagen, mußte er einen Umweg machen, um von Süden her, von der zum idumäischen Gebiete gehörenden Stadt Adora, Jerusalem zu bedrohen. Aber das Glück, das dieser gewissenlose Ehrgeizling herausforderte, ließ ihn stets im Stich. Ein starker Schneefall, wie er in [21] dieser heißen Gegend selten ist, machte die Wege durch das Gebirge Juda unwegsam und zwang ihn, sich nach jenseits des Jordans zu wenden. Aus Rache über das Mißlingen seiner Pläne ließ er Jonathan in einem sonst unbekannten Orte Baskama hinrichten (143). Seine Gebeine ließ Simon später unter der Trauer des ganzen Volkes in dem Erbbegräbnis der Hasmonäerfamilie zu Modin beisetzen58. Das war das Ende des vierten Hasmonäers, der mehr als seine Vorgänger und sein Nachfolger geleistet hat; denn er hob die judäische Republik aus einem tiefen Abgrunde zu einer Höhe, von der aus sie auch bei nur mäßigem Glücke steigen konnte.

Juda Makkabi hatte mehr Heldentaten ausgeführt und einen glänzenderen Kriegsruhm hinterlassen; Jonathan aber hat sein Volk zu Macht und Einfluß erhoben und sein Geschlecht durch die Hohepriesterwürde, die er gewonnen, zum angesehensten gemacht. Nach Judas Tod war die Auflösung des judäischen Volksverbandes fast eben so groß, wie zur Zeit der Blutregierung des Antiochos Epiphanes, weil er nicht vermocht hatte, etwas Dauerndes und Festes herzustellen. Nach Jonathans Tod hingegen, der zwar weniger kriegerisch, aber desto mehr umsichtig war, waren bereits die Grundlagen zu einem förmlichen Staate vorhanden, auf denen weiter gebaut werden konnte. Wenn Juda Makkabi noch den Richterhelden des ersten Zeitraums der israelitischen Geschichte glich, jenen Helfern in der Not, welche die Gefahren für den ersten Augenblick abzuwehren, aber ihre Wiederkehr nicht zu verhindern vermochten, so war Jonathan gewissermaßen wie der erste König Saul, welcher der Zerfahrenheit zu steuern und einen festen Mittelpunkt zu begründen verstand. Wie Saul durch die Königskrone die geteilten Stämme zu einem kräftigen Volke verband, so vereinigte Jonathan durch das Hohepriesterdiadem die zerfahrenen Parteien zu einer selbstbewußten starken Nation. Beider Tod, wiewohl schmerzlich empfunden, hat nicht den Untergang der errungenen Einheit und Machtstellung nach sich gezogen, weil sie nicht von einer einzigen Persönlichkeit, sondern von dem Volksbewußtsein getragen waren. Wie Saul an seinem Schwiegersohne David, so hatte Jonathan an seinem Bruder Simon einen Nachfolger, der die Errungenschaften fortführen und fester begründen konnte. Mit Simon beginnt daher im zweiten Zeitraum, wie mit seinem Gegenbilde in dem ersten, ein neuer Abschnitt. Von Jonathans Nachkommen ist nur eine Tochter geblieben, welche, an Matthatia b. Simon Psellos verheiratet, die Stammmutter des judäischen Geschichtsschreibers Flavius Josephus [22] geworden ist59. Zu gleicher Zeit aber, als der judäische Staat mitten in dem Drange politischer Kämpfe sich entwickelt hatte, entfaltete sich auf einem anderen Schauplatze die judäische Lehre zu einer Selbständigkeit, welche ihr einen Einfluß auf den Gang der Völkerentwickelung einräumte. Das politische Wachstum des Judentums ging in Judäa, das theoretische in Ägypten vor sich.


Fußnoten

1 I. Makkabäerbuch 9, 18-21. |Über den Ort, wo Juda starb, vgl. Schürer, Gesch. d. jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi, I, 3. u. 4. Aufl., S. 222, Anm. 36. Buhl, Geogr. d. alten Palästina 169.|


2 I. Makkabäerbuch 6, 59-61. Bd. II b S. 364.


3 Vergl. B. II b S. 367 N.


4 I. Makkab. 9, 25 f. 13, 47 f.


5 I. Makkab. 7, 12-13. Vgl. B. II b S. 274.


6 Makkab. 9, 66. Unmöglich können diese Häuptlinge eines Nomadenstammes gewesen sein. Denn der Schauplatz der Fehden war die Gegend des diesseitigen Jordans bei Bethagla (w. unten), und hier gab es in der makkabäischen Zeit wenigstens keine Nomaden. Warum hätte auch Jonathan mit friedlichen Nomaden anbinden sollen? Hatte er nicht Feinde genug?. Und daß ein Stamm »der Söhne Phasiron«, etwa wie die »Söhne Baian« feindselig gegen die Hasmonäer verfahren wäre, hätte doch in der Erzählung angegeben sein müssen. Der Ausdruck: ἐν τῷ σκƞνώματι αὐτῶν im Singul. spricht doch auch dagegen, daß man dabei an Nomadenzelte zu denken habe: sonst hätte der Plural gebraucht sein müssen. Der hebräi sche Text hat gelautet: ינב תאו ויהא תאו ארודע תא ךיז םנכשמב ןורישפ Aber ןכשמ bedeutet doch nicht so ohne weiteres »Zelte«; die Fortsetzung des V.: καὶ ἐξἠρξατο τύπτειν kann sich ja doch nur auf Hellenisten beziehen. Gegen wen sonst hätte sich Jonathans Feindseligkeit richten sollen? – Die L.-A. ארודע ist nach der syr. Version, in der griech. Version Ὀδοαῤῥἠς.


7 I. Makkab. 8, 18. καὶ τοῠ ἆραι τὸν ζυγὸν αἰτῶν (Ἰουδαίων), ὅτι ἴδον τὴν βασιλείαν τῶν Ἑλλἠνων καταδουλουμένους τὸν Ἰσραὴλ δουλίαν.


8 Vergl. B. II b S. 374.


9 Midrasch l'Chanukah in Bet-ha-midrasch I, edit. Jellinek, S. 140.


10 Ps. 118, 8 fg.


11 Midrasch l'Chanukah in a.a.O. S. 140.


12 I. Makkab. 9, 24.


13 Das. 27.


14 Das. 28-31.


15 Das. 33. Die L.-A. εἰς τὴν ἔρƞμον Θεκῶε kann nicht richtig sein, da gleich darauf erzählt wird, Bakchides habe Jonathan πέραν τοῠ Ἰορδάνƞ aufgesucht. Auch V. 43 und 5 ist angegeben, daß Jonathan zu rückkehrte εἰς τὸ ἕλος τ. Ἰορδ. Dort war also sein und der Seinen Aufenthalt eine geraume Zeit.


16 I. Makkab. 9, 33-35.


17 Das. 36-41.


18 Das. 43-48.


19 I. Makkab. 9, 50 wird zuletzt genannt ein Ort Τεφὼν; die syr. Version hat םופט, die Vulg. Thopo; Joseph. korrumpiert Tochoa. Es ist wahrscheinlich הפוטנ (Esra 2, 22 Parall. Nehemia 12, 28), im Talmud הפוטנ תיב, jetzt Beit-Netif, einige Stunden südwestlich von Jerusalem, in Verbindung mit Bethlehem genannt. [Vgl. jedoch Schürer, a.a.O. S. 225.]


20 Das. 50-53.


21 Die Abgaben, welche Judäa an die syrische Krone zu leisten hatte, sind aufgezählt I. Makkab. 10, 29-42 und als Ergänzung dazu 11, 34-35. Die Ausll. haben sich nicht darin zurecht gefunden. Es waren: 1) φόρος wohl Geldsteuer; 2) στέφανος oder στέφανο$ = אלילכ, Kronengelder; 3) ἀπὸ τῶν γεινƞμάτων τῆς γῆς καί ἀπὸ τῶν ἀκροδρίων, näher bestimmt in 10, 30: ἀντὶ τοῠ τρίτου τῆς σπορᾶς, ἀντὶ τοῠ ἡμίσους τοῠ καρποῠ τ. ξυλίνου. Das gibt keinen Sinn. Es scheint im Original gelautet zu haben: קלחו ערזהמ ישילשה קלח ץעה ירפמ יצחה. Der Übersetzer las dafür ףלח und gab es durch ἀντὶ wieder. 4) τιμὴ τοῠ ἁλός Parall. αἱ τοῠ ἁλὸς λίμναι, d.h. חלמ הרכמ, Salzgruben in der Nähe des toten Meeres; das Salz, sowie die übrigen Produkte daraus waren regalia, und die Sammler leisteten dafür eine Schatzung τιμἠ = חלמה ךרע. 5) αἱ δεκάται κ. τὰ τέλƞ steht absolut weder als Objekt noch als Subjekt. Nur einige Codd. lesen objektiv τὰς δεκ. .... ἀφίƞμι vom folgenden V. Es ist aber eine notbehilfliche Korrektur. Das richtige ist, es auf das vorangehende Jerusalem zu beziehen. Ἱερους. ἤτω ἁγία καὶ ἀφειμένƞ. ... καί αἱ δεκάται κ. τέλƞ, d.h. יהת םלשורי םכממו רשעממ ... תישפחו השודק; das מ vor רשעמ ist ausgefallen. Josephus (Altert. XIII, 2, 3) gab den Sinn richtig wieder: τὴν πόλιν ... Ἱερουσ.. ἐλευϑέραν ... ἀπὸ τῆς δεκάτƞς καὶ τῶν τελῶν. Der Zehnte sollte nicht etwa von dem levitischen Zehnten gegeben werden, wie es die Ausll. irrtümlich aufgefaßt haben, sondern von den Lebensmitteln, wie auch zur Zeit Hyrkans II. später der Zehnte von den Lebensmitteln auferlegt war (Vgl. Note 9, II.). Dann paßt τέλƞ dazu, d.h. ein Zoll, der nur der Hauptstadt auferlegt war. 6) 5000 Sekel vom Tempel V. 42. οὓς ἐλάμβανον ist die erste P., »welche ich zu nehmen pflegte«. In V. 41 ist πᾶν τὸ πλεονάζον, ὃ οὐκ ἀπεδίδοσαν οἱ ἀπό τῶν χρειῶν ist πλεονάζον gleich ἐλλείπον, das Zurückgebliebene, nicht Bezahlte, Vulgata: quod reliquum fuerit: und statt οἱ zu lesen μοί = ὃ οὑκ ἀπεδιδ ... μοι, wie die syr. Vers. gelesen hat: . . . . ל בויחתמד םדמ לכו יל בהיתא אלד. Im Original: יל ונתנ אל רשא ראשנד לכו. οἱ ἀπο τῶν χρείῶν als Finanzbeamte ist Widersinn. Der V. will sagen, daß die Steuerreste, die nicht gezahlt wurden, für das Werk des Heiligtums geliefert werden sollen. Abgabe vom Vieh ist nicht angegeben, wahrscheinlich weil nur wenige damals Viehzucht trieben und diese wenigen in den Steppen (תורבדמ) lebten. – V. 33 bis 34 sind auch unverständlich. Sie wollten offenbar aussagen, daß nicht nur die Bewohner Judäas, sondern auch die Judäer anderer syrischer Länder befreit sein sollten, an Sabbat und Feiertagen ihre Esel und Lastvieh zum Postdienste zu stellen (ἀγγαρία), wie es Josephus (Ant. XIII. 2, 3) richtig aufgefaßt hat. Man muß daher die beiden Verse zusammenziehen: Καὶ πάντες ἀφιέτωσαν τοὺς φόρους (καὶ) τῶν κτƞνῶν αἰτῶν (καὶ) πᾶσαι αἱ ἑορταὶ ... κ. τρεῖς ἡμέραι μετὰ ἑορτἠν. Das erste καὶ ist zu streichen und das zweite ist mißverständlich entstanden, ו conj. statt ב. Im Original lauteten wohl d.V.: תבשו דעומה ימי לבב םנאצ םכממ וטמשי םלכו ...םישדחו Mit ἔστωσαν πᾶσαι αἱ ἡμέραι ἀτελείας καὶ ἀφέσεως πᾶσι τοῖς Ἰουδαίοις ... ἐν πάσῃ τῇ βασιλείᾳ μου beginnt ein neuer Vers. »Alle diese Tage sollen fortan Tage der Frohnfreiheit und Erlassung sein.« So sind die bis jetzt unrichtig ausgelegten Stellen von den Abgaben und ihrem Erlasse zu verstehen.

22 Siehe über alles Note 1 über Megillat Taanit. |Vgl. Schürer a.a.O.|


23 Josephus Altertümer XX, 10, 3.


24 Joma, Mischna 7, 1 und andere Stellen.


25 I. Makkab. 9, 57.


26 Josephus Altertümer XIII, 1, 5 nennt den Ort Βƞϑαλαγά, muß aber wohl in Βƞϑαγαλά emendiert werden. Über die Lage dieses Ortes an einer Quelle und Waldung vergl. Robinsons Palästina II 510 und Schwarz 50a. Hieronymus (Onomastic. s.v. Area Atad) identifiziert diesen Ort mit Bethagla und gibt die Distanz 2 röm. M. vom Jordan und 3 von Jericho an, jetzt Ain-Hagla. I. Makkab. 9, 62 hat dafür Βαιϑβασί, das sicherlich eine Corruptel ist, da der Name sonst nirgends vorkommt. [Vgl. Buhl, a.a.O. 180 und Note 525.]


27 I. Makkab. 9, 58.


28 Wer diese 50 hinrichten ließ, bleibt zweifelhaft. Josephus bezieht es auf Bakchides: Ὁ Βακχἱδƞς ὀργισϑεὶς τοῖς φυγάσιν πεντἠκοντα αὐτῶν ... ἀπέκτενεν. Dagegen scheint zwar der griechische Text des I. Makkabäerbuches und ebenso die Peschito, welche dabei den Plural braucht, καὶ συνέλαβον (Var. συνέβαλον) ... καὶ ὰπέκτειναν, anzudeuten, als wenn die Hasmonäer an ihnen Rache genommen hätten; allein die Vulgata hat dafür den Singular: at apprehendit ... et occidit. Ewald ist in diesem Punkte ungenau.


29 I. Makkab. 9, 62-66; vergl. o. S. 4 N.


30 I. Makkab. 9, 67-69.


31 I. Makkab., das. 9, 70-72.


32 Das. 73.


33 Diodor von Sizilien in C. Müller's fragmenta historicc. graecc. praef. II, p. XII, N. 14.


34 I. Makkab. 10, 1-11.


35 Das. 10, 12-14.


36 Das. 10, 15-21.


37 S. B. II b, S. 395 Note.


38 S. das. S. 392.


39 S. I. Makkab. 10, 22-45.


40 Das. 46-47.


41 Das. 59-65.


42 I. Makk. das. 69-89. Den Beinamen Δάος oder Τάος des Apollonios hat nur Josephus (Altert. XIII, 4, 3) erhalten.

43 Das. 11, 4-7.


44 Das. 20-27.


45 Das. 11, 28-37. Über die Bezirke vergl. B. II b, S. 79. [Vgl. Buhl, a.a.O., S. 177.]


46 Das. 42-52. Von einer ξενικὴ δύναμις ἀξιόλογος, welche Demetrios zu Hilfe kam, berichtet auch Diodor II, 592.


47 Das. 53.


48 I. Makkab. 11, 57-59. Über die Lage der κλὶμαξ Τύρου Joseph. jüd. Kr. II, 10, 2. Im Talmud [j. Baba Kamma 4 b] kommt diese Lokalität unter dem Namen רוצד אמלוס vor.


49 Das. 67-74.


50 Das. 12, 25-32.


51 I. Makkab. 11, 61-62. 65. 12, 33-34. 38.


52 Das. 12, 35-37.


53 Das. 12, 37, s. darüber Monatsschr. Jahrg. 1876, S. 152 fg. [Vgl. Buhl, a.a.O. S. 162, Note 429.]


54 I. Makkab. 12, 39-51.


55 Das. 52-53.


56 Folgt aus I. Makkab. 13, 21.

57 Das. 2-9.


58 I. Makkab. 13, 10-30.


59 Josephus Vita c. 1. [S. jedoch Schürer I3, 375.]



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1905, Band 3.1, S. 24.
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