8. Kapitel. Hyrkan II. und Aristobul II. 69-40.

[150] Bruderkampf um die Krone. Vertrag zwischen den feindlichen Brüdern. Aristobuls Verhalten gegen die Parteien. Der Idumäer Antipater. Hyrkans Schwäche. Der Nabatäerkönig Aretas belagert Jerusalem. Der Essäer Onias. Einmischung der Römer. Pompejus erobert Jerusalem. Der Gebietsumfang Judäas wird beschränkt. Judäer in Rom; ihr Einfluß. Der Proprätor Flaccus zieht die Tempelspenden der kleinasiatischen Gemeinden ein und wird angeklagt. Ciceros judenfeindliche Rede. Schwächung der Synhedrialgewalt. Die Vorsitzenden Schemaja und Abtalion. Gewaltsamer Tod Aristobuls und seines Sohnes Alexander. Antipaters wachsender Einfluß. Julius Cäsar gewährt den Judäern Freiheiten. Antipaters Söhne Phasael und Herodes. Herodes vor Gericht. Cassius Gewaltthaten in Judäa. Verschwörung gegen das idumäische Haus. Der judäische Feldherr Malich. Antipater wird vergiftet. Rache des Herodes. Die Parther in Judäa. Antigonos wird König.


Wenn ein Staat von der Vorsehung zum Untergange bestimmt ist, so beschleunigt nichts so sehr den Verfall, als Thronstreitigkeiten, weil sie die edelsten Kräfte der Nation dazu aufstacheln, sich selbst aufzureiben, und gewöhnlich damit enden, das Joch der Fremdherrschaft herbeizuführen, das um so drückender wird, als die Fremdherrschaft in solchen Fällen dem Scheine nach als Wohltäterin und Friedensbringerin auftritt. Die Volksverminderung durch eine hinraffende Seuche kann durch die Zeugungskraft wieder ersetzt werden; die Verheerungen eines äußeren Krieges gleicht der aus dem energischen Widerstande hervorgegangene Friede wieder aus; aber der durch Thronprätendenten entflammte Bürgerkrieg erzeugt unheilbare Verderbnis, Fäulnis und Auflösung. Als die Späteren nach dem letzten Grunde des Unterganges des jüdäischen Staates forschten, konnten sie ihn in nichts anderem finden, als in dem glühenden Hasse, von dem die zwei Söhne Alexanders entbrannt waren1, der in immer zunehmenden Verhältnissen verderblich fortwirkte.

Der selbstmörderische Haß wird überhaupt in dem Schlusse dieses Zeitraumes die Triebfeder der Ereignisse. Das Band der Eintracht, [150] welches das Gesetz und die großen Erinnerungen um die Nation geschlungen, machte der blutigsten Zwietracht Platz; Verschwörung, Mißachtung des Heiligsten und die niedrigsten Leidenschaften, die in einem solchen Zustande ihre beste Nahrung finden, waren jetzt an der Tagesordnung. Der Nationalkörper erscheint wie ein gewaltiger Riese, der sein mächtiges Schwert gegen seinen eigenen Leib schwingt, um sich bis zur Verblutung zu schwächen und die gierigen Raubvögel herbeizulocken, denen er zum Fraße dienen soll. Die schönen Tage des zweiten Tempels sind jetzt vorüber, und die wenigen glücklichen Jahre, welche die Nation noch ferner genießt, erscheinen wie eine glänzende Abendröte, die das Hereinbrechen der Dunkelheit und des nächtlichen Grauens verkündet. Mit Recht giebt ein Tiefblickender aus der späteren Zeit der Hasmonäerherrschaft nur die Dauer von zehn Jahreswochen2 in runder Zahl, von Simons Selbstregierung an gerechnet bis zum Tode der Königin Salome (142-69). Wie Simons Regierungsantritt einen Wendepunkt zur Unabhängigkeit, so bezeichnet der Tod der Königin Salome den Wendepunkt zur Knechtschaft. Doch mitten in dieser Verwirrung und Selbstzerfleischung erkannten die Edelsten der Nation, daß das Judentum nicht in dem wechselvollen Verlaufe eines politischen Gemeinwesens, nicht in der Behauptung äußerer Macht und in leerem Glanze bestehe, sondern in der Ausprägung und Entfaltung der Lehre, welche von Jakobs Hause auf das ganze Menschengeschlecht übergehen und das Heil der Welt begründen helfen soll. Mehr denn früher läuft jetzt neben der abschreckenden äußeren Geschichte die erhebende innere des Geistes einher, der sich immer mehr aus den engen Banden des Staates zu befreien sucht, und dem die Trümmer selbst zur Neuverjüngung dienen.

Der Tod der Königin Salome gab also, wie gesagt, das Zeichen zu dem blutigen Bruderkampfe, welcher die Nation in zwei feindliche Lager spaltete. Hyrkan II., dem älteren Sohne, der auch den Namen Jochanan geführt zu haben scheint3, übergab die sterbende Mutter [151] nach dem Erstgeburtsrechte die Krone. Aber er, den die schönsten Tugenden eines bescheidenen Privatmannes zierten, wäre wohl vermöge seiner Charakterschwäche, seiner Ratlosigkeit und der tiefgefühlten Bedürftigkeit einer Stütze auch in ruhigen Zeiten nur ein mittelmäßiger Regent gewesen. Stürmischen Zeiten war er nicht gewachsen und richtete durch seine Gutmütigkeit mehr Verderben an als ein anderer durch tyrannische Übergriffe. Sein jüngerer Bruder Aristobul war der gerade Gegensatz von ihm, und die Vorsehung schien die beiden Brüder mit entgegengesetzten Eigenschaften ausgestattet zu haben, damit sie das Werk der Auflösung um so rascher befördern sollten. Mit der Feigheit Hyrkans kontrastierte grell der ungestüme Mut Aristobuls, der ihn auch in der verzweifeltesten Lage aufrecht erhielt, aber ihn auch bis zur Tollkühnheit hinriß, eine Eigenschaft, worin er seinem Vater Alexander nur zu ähnlich war. Damit verband er einen ungemessenen Ehrgeiz, der ihn bis zum letzten Atemzuge nicht verließ und ihn bis zur Verblendung gegen die Wirklichkeit anrennen ließ. War Hyrkan ein inniger Anhänger des Pharisäertums, so setzte sich Aristobul über diese Schulstreitigkeiten hinweg und ließ sich weder von der einen noch von der anderen Partei zu gewaltsamer Aufrechterhaltung ihres Prinzips bewegen. Sein Ziel war, mächtiger Herrscher von Judäa zu werden und mit den gegebenen Mitteln die Nachbarländer in Abhängigkeit zu bringen. Aber sein Ungestüm ließ ihn des Zieles verfehlen, und anstatt der Lorbeeren häufte er Schmach auf sein eigenes Haupt wie auf das der Nation. Kaum hatte die Königin Salome-Alexandra die Augen geschlossen und Hyrkan den Thron bestiegen, als Aristobul mit den angeworbenen Hilfstruppen und den sadduzäischen Anhängern auf die Hauptstadt losging, um seinen Bruder zu entthronen. Auf Hyrkans Seite standen die Pharisäer, das Volk und die Soldtruppen, welche die verstorbene Königin unterhalten hatte. Zu größerer Sicherheit hatten die Hyrkanisten Aristobuls Frau und Kinder als Geiseln in die Burg Baris, nordwestlich vom Tempel, in Haft gebracht4. In Jericho trafen die feindlichen Brüder mit ihren Heeren zusammen. Hyrkan verlor die Schlacht und entfloh nach Jerusalem in die Burg Baris, weil der größte Teil der Mietstruppen zu Aristobul übergegangen war. Dieser belagerte auch den Tempel, wohin sich viele seiner Gegner geflüchtet hatten, und eroberte ihn. Als er nun Herr des Heiligtums und der Hauptstadt geworden war, mußte der Besiegte sich ergeben. Es fand indes eine Vermittelung und Aussöhnung statt, und im Tempel beschworen die Brüder das[152] Bündnis, daß Aristobul, der zum Herrschen Befähigtere, die königliche Krone, Hyrkan das hohepriesterliche Diadem tragen sollte. So war Hyrkan nach dreimonatlicher Regierung entthront (695). Zur Befestigung des Bündnisses heiratete Aristobuls Sohn Alexander Hyrkans Tochter Alexandra, deren Kinder und Enkel später ein so tragisches Ende erfahren sollten.

Der durch einen glücklichen Handstreich König gewordene Aristobul II. scheint keinerlei Veränderungen im Innern vorgenommen zu haben, welche die Pharisäer gegen ihn hätten einnehmen können, wie man denn überhaupt in seinem Leben keinen einzigen Zug findet, der ihn zum ausgesprochenen Sadduzäer stempeln könnte. Man darf demnach die bald darauf erfolgte tiefgehende Zerrissenheit nicht als Fortsetzung der Parteizwiste zwischen Sadduzäertum und Pharisäertum ansehen. Die Sadduzäer, die ohnehin in theoretischen Diskussionen nie stark waren, mögen endlich eingesehen haben, daß für sie auf dem Boden der Theorie keine Lorbeeren blühen werden, und daher die religiöse Wirksamkeit den Pharisäern überlassen haben. Die Furcht vor dem Volke, das dem Pharisäertum mit Hingebung zugetan war, mag sie auch bestimmt haben, die Streitigkeiten fallen zu lassen und sich äußerlich unterzuordnen.

Die Parteistellung in Judäa nahm daher von jetzt an einen veränderten Charakter an, ja, sie wäre vielleicht ganz erloschen, wenn sich nicht ein Mann mit seinem maßlosen Ehrgeize und seinem persönlichen [153] Interesse in den Vordergrund der Begebenheiten gedrängt hätte und mit seiner Familie der Vampyr der judäischen Nation geworden wäre, der ihr edelstes Blut ausgesogen hat. Dieser Mann war Antipater, einem angesehenen idumäischen Geschlechte entsprossen, welches gleich allen Idumäern von Johann Hyrkan gezwungen worden war, das Judentum anzunehmen. Noch nie ist eine verkehrte Handlung so schnell und so nachdrücklich bestraft worden. Hyrkans I. Fanatismus sollte jetzt Verderben über sein Haus und seine Nation bringen. Antipater hatte durch Reichtum und diplomatische Befähigung unter Alexander und seiner Witwe den Posten als Statthalter von Idumäa bekleidet und sich nicht bloß bei seinen Stammesgenossen sondern auch bei den Nachbarn, den Nabatäern und den Bewohnern von Gaza und Askalon, durch Geschenke und Gefälligkeiten beliebt gemacht6. Hyrkan II., der in seiner Beschränktheit einen Führer brauchte, hatte Antipater sein Vertrauen geschenkt, und dieser mißbrauchte es mit der Gewissenlosigkeit eines Günstlings, der seinen Einfluß zu seinem Vorteil auszubeuten gedenkt. Er unterließ keine Gelegenheit, Hyrkan das Erniedrigende seiner Lage vorzuhalten, daß er, zum Throne berufen, denselben seinem jüngern Bruder hatte abtreten müssen. Er wirkte auf die schwache Seite dieses Schwächlings, indem er ihn zu überzeugen suchte, daß Aristobul damit umginge, ihn aus dem Wege zu räumen, weil er nicht eher seine Königswürde für gesichert halte, bis derjenige nicht mehr sein werde, dem sie von Rechtswegen gebühre. Durch solche Mittel brachte Antipater den geängstigten Hyrkan dahin, daß er eidbrüchig auf den teuflischen Plan einging, eine fremde Macht als Schiedsrichterin über Judäas Geschick anzurufen7. Antipater hatte alles im voraus mit Aretas Philhellen, dem Könige der Nabatäer, mit der Umsicht eines alle Umstände erwägenden feinen Kopfes geordnet; Hyrkan brauchte sich nur leidend zu verhalten. In einer Nacht entfloh Hyrkan mit Antipater aus Jerusalem und erreichte auf mühsamen Wegen die wie ein Vogelnest auf einem hohen Bergplateau schwebende Hauptstadt Petra. Aretas war bereit, Hyrkans Sache zu unterstützen, denn er war schon von Antipater durch reiche Geschenke gewonnen worden und hatte die Aussicht, nach dem Siege zwölf Städte im Osten und Südwesten des toten Meeres, deren Eroberung den Hasmonäern so viele Kämpfe gekostet hatte, wieder zu erlangen, darunter die bekannten Medaba, Sibma, Bet-Haran [154] (später Livias), Zoar, Horonaim und Marissa8. Aretas zog also nach Judäa mit einem bedeuten den Heere von 50 000 Mann zum Schutze Hyrkans, und dessen Anhänger schlossen sich dem fremden Heere an. Es kam zu einer Schlacht, in welcher Aristobul den Kürzeren zog und sich nach Jerusalem retten mußte (669). Die Ruhe, welche Judäa nahe an drei Jahre genossen hatte, war durch Antipaters ränkevollen Ehrgeiz und Hyrkans maßlose Unklugheit auf längere Zeit dahin.

Aretas schritt zur Belagerung Jerusalems im Beginne des Frühjahres. Um dem traurigen Anblicke zu entgehen, flohen viele angesehene Jerusalemer, vermutlich auch Häupter der Pharisäer, aus der Stadt. Die meisten von ihnen begaben sich nach Ägypten10, um, wie es scheint, in dem Oniastempel das Passahfest zu feiern. Die Belagerung zog sich mehrere Monate hin, die festen Mauern Jerusalems ersetzten die geringe Zahl der Aristobulischen Kämpfer. Aber es trat Mangel an Lebensmitteln ein und, was für die Frommen noch schrecklicher war, an Opfertieren für den Altar, namentlich für das bevorstehende Passahfest.

Aristobul wendete sich daher an die frommen Gefühle der judäischen Belagerer, um sie zu bestimmen, für Bezahlung Opfertiere zu liefern. Hyrkan oder vielmehr Antipater, der die Seele des hyrkanischen Lagers war, scheint anfangs nichts gegen die Opferlieferung gehabt zu haben, namentlich da die Belagerten anboten, das Stück sogar – wohl übertrieben – mit 1000 Drachmen zu bezahlen. An jedem Tage wurden daher Körbe an einem Seile von der Mauer mit dem Gelde heruntergelassen und Lämmer dafür heraufgezogen. Da aber die Belagerung sich in die Länge zog und das Ende derselben nicht abzusehen war, so gab ein schlauer Ratgeber – man kann Antipater dahinter vermuten – den Rat, sich des Opfermangels in der Stadt zu bedienen, um die Übergabe derselben zu erzwingen. Infolgedessen sollen die Hyrkanisten eines Tages anstatt der verlangten Lämmer ein Schwein zum Hinaufziehen in den Korb gelegt haben11. Dieser Hohn gegen das Heiligtum erfüllte die Gemüter mit Entrüstung und machte einen so tiefergreifenden Eindruck, daß der hohe Rat später die Schweinezucht ganz verboten hat. Noch einer anderen Rohheit machten sich einige Hyrkanisten zur selben Zeit schuldig. Unter denen, welche die belagerte Stadt verlassen hatten, war auch ein frommer Mann Onias, der vorher zur Zeit einer Dürre durch sein Gebet Regen erfleht hatte, und während der Belagerung nahe bei Jerusalem in einer einsamen [155] Gegend lebte. Aus diesem Verstecke zogen ihn die Soldaten von Hyrkans Lager und drängten ihn, in dem Wahne, daß der Himmel seinen Wunsch diesmal, ebenso wie früher sein Gebet um Regen, erhören werde, einen Fluch gegen Aristobul und seinen Anhang auszusprechen. Aber anstatt zu fluchen, sprach der Fromme mit der Kraft sittlicher Hoheit: »Herr der Welt, da die Belagerer sowohl wie die Belagerten zu deinem Volke gehören, so flehe ich dich an, daß du die Verwünschungen, die sie gegeneinander aussprechen, nicht erhören mögest.« Die rohen Soldaten, unempfindlich für eine solche Größe, erschlugen ihn wie einen Verbrecher12. Auf diese Weise glaubten sie das Gewissen des Judentums, das laut gegen diesen wahnwitzigen Bruderzwist sprach, zum Schweigen zu bringen. Allein so sehr auch die Großen sich gegen die Stimme des Gewissens abstumpften, das Volk fühlte sich von diesem Treiben tief verletzt und hielt das Erdbeben, das in dieser Zeit Palästina wie einen Teil von Asien erschütterte, und den Orkan13, welcher die Halme auf dem Felde knickte, für Zeichen des göttlichen Zornes wegen der Verhöhnung des Heiligen und der Niedermetzelung der Gerechten.

Doch ein furchtbareres Unglück als Erdbeben und Orkan zog wie eine unheilverkündende Wolke über Judäa heran. »Das Tier mit eisernen Zähnen, ehernen Klauen und steinernem Herzen, das vieles verzehren und den Rest mit Füßen treten« sollte, fiel in Judäas Marken ein, um sein Blut zu trinken, sein Fleisch abzunagen und sein Mark auszusaugen. Die Stunde hatte geschlagen, wo der römische Adler mit schnellem Fluge sich auf Israels Erbe stürzen, die aus vielen Wunden blutende judäische Nation umkreisen und ihr neue Wunden beibringen sollte, bis er sie zur kalten Leiche gemacht. Wie das unerbittliche Fatum waltete Rom damals über die Schicksale der vorderasiatischen Völker, plündernd, zerteilend, vernichtend; Judäa war dasselbe Los zugedacht. Mit erstaunlicher Spürkraft witterte der Raubvogel von der Ferne seinen Fraß und eilte herbei, den Lebensfunken auszublasen. Er erschien zum ersten Male in der Gestalt des Scaurus, eines Legaten des Pompejus, der nach Asien ausgezogen war, um sich für seine Unbedeutendheit in der Heimat in der Fremde ein hohes und weites Piedestal zu schaffen. Scaurus suchte für sich und seinen Herrn in Syrien die Gelegenheit zu Reichtümern und Ehren. Da er aber dieses Land von anderen Blutsaugern besetzt fand, wendete er sich nach Judäa, und ihn begrüßten die streitenden Brüder als einen Heilsboten, der sie aus der Verlegenheit befreien sollte. [156] Beide schickten Gesandte an ihn ab, und da sie wußten, daß die Römer für den Glanz des Goldes nicht unempfindlich waren, so sahen sie sich beide vor, nicht mit leeren Händen vor Scaurus zu erscheinen. Aristobuls Geschenke überwogen; er hatte vierhundert Talente (an 2 000 000 M) gebracht, während Hyrkan, oder vielmehr Antipater, nur Versprechungen gemacht hatte. Das römische Interesse war auch diesmal nicht im Widerspruch mit Scaurus Habgier. Es verlangte, daß der Nabatäerkönig, welcher über eine bedeutende Macht und Länderstrecke verfügte, durch die Einmischung in den judäischen Bürgerkrieg nicht noch mächtiger werde. So ließ denn Scaurus ein Machtgebot an Aretas ergehen, die Belagerung Jerusalems sofort aufzuheben, und bedrohte ihn im Weigerungsfalle mit Roms Zorne. Unterwürfig gehorchte Aretas, führte sein Heer in sein Land zurück, das von Aristobuls aus der Belagerung befreiter Schar verfolgt und bei einem Orte Kapyron (?) aufs Haupt geschlagen wurde. Aretas verlor dabei sechs Tausend Mann und Antipater seinen Bruder Phallion (65)14. Aristobul konnte sich für den Augenblick der Täuschung überlassen, er sei wirklich der siegreiche König von Judäa. Der Gang der römischen Politik und die langsam bedächtigen Taten des Feldherrn Pompejus gegen Mithridates nährten in ihm den Wahn, daß sein Königtum über Judäa für die Dauer gesichert sei. Kriegslustig wie sein Vater, machte er Einfälle in benachbarte Gebiete und unterhielt Kaperschiffe, um auch zu Wasser Beute zu machen15. Zwei Jahre blieb Aristobul in dieser Selbsttäuschung (65-63) und mag auch in dieser Zeit, um seine Selbständigkeit zu beurkunden, Münzen geschlagen haben.

Allein Antipaters erfinderischer Geist wußte ihn bald aus dieser eingebildeten Sicherheit aufzuschrecken. Wenn es auf Bestechung und diplomatische Künste ankam, war er Aristobul bei weitem überlegen. Er hatte bereits Scaurus dafür gewonnen, sich für Hyrkan zu erklären und ihm bei Pompejus, der jetzt in Syrien Lorbeeren sammelte, das Wort zu reden. Diesem war der Bruderstreit ein willkommener Anlaß, ein unterjochtes Volk mehr in die Liste seiner Eroberungen einzutragen und damit in Rom zu triumphieren. Wiewohl Aristobul ihm ein ebenso reiches, als wegen seiner Kunst wertvolles und berühmtes Geschenk gemacht hatte, das auch angenommen wurde, war die Streitsache damit noch lange nicht beigelegt. Dieses Geschenk bestand in einem goldenen Weinstocke mit goldenen Reben und Blättern, von [157] 500 Talenten (etwa 2 062 500 M) an Wert, den der König Alexander wahrscheinlich als Zierde für den Tempel hatte verfertigen lassen, und der mit der Inschrift »von Alexander, dem judäischen Könige« versehen war. Dieses Kunstwerk erregte die Bewunderung aller derer, die es zu Gesichte bekamen, und Pompejus beeilte sich daher, es als Vorboten seiner Triumphe nach Rom zu senden, wo es auf dem Kapitol den Jupitertempel zierte16. Die Frömmigkeit hatte aber den goldenen Weinstock nicht vermissen wollen und weihte aus eigenem Antriebe dazu, der eine eine goldene Traube, der andere ein goldenes Blatt, so daß er später wieder an dem Eingange der Tempelvorhalle prangte17.

So sehr auch das Prachtgeschenk Pompejus' Eitelkeit befriedigte, so war er doch weit entfernt, sich für den Geber desselben zu entscheiden. Mit unverschämter Anmaßung gab er vielmehr Antipater und Nikodem, den Gesandten der feindlichen Brüder, den Bescheid, daß ihre Herren in Person vor ihm in Damaskus erscheinen möchten, wo er die Streitsache prüfen und Recht sprechen würde. Obwohl tief beschämt über die erfahrene Demütigung, erschienen beide, der Aufforderung gehorchend, und machten ihr Recht mit beredtem Munde geltend; der eine berief sich auf sein Erstgeburtsrecht, der andere auf seine größere Würdigkeit. Aber auch eine dritte Partei war vor Pompejus erschienen, die das Recht der Nation gegenüber den wutentbrannten Fürsten vertreten wollte. Es hatte sich in diesem Streite eine republikanische Partei gebildet, welche, der Zänkereien der Hasmonäer überdrüssig, das judäische Gemeinwesen ohne erbliches Oberhaupt nur nach dem Organe des Gesetzes regiert wissen wollte. Man weiß nicht mehr, aus welchen Elementen diese einsichtsvolle Partei hervorgegangen ist, aber ohne Zweifel waren Mitglieder des hohen Rates dabei beteiligt. Die Republikaner beklagten sich besonders über die letzten Hasmonäer, daß sie die judäische Staatsverfassung geändert und das Hohepriestertum in eine Monarchie verwandelt hätten, um das Volk zu knechten18. [158] Bei dieser Gelegenheit zeigte sich der erste unscheinbare Keim jener später mächtig gewordenen Partei, welche, als Ausdruck des Nationalunwillens, der römischen Allgewalt getrotzt und den Untergang des judäischen Staates mit der Strahlenkrone des Heldentums verklärt hat.

Pompejus hörte aber weder auf die Beschwerden der Republikaner, noch auf die Rechtsgründe der streitenden Brüder; er hatte auch gar nicht die Absicht, den Streit beizulegen, sondern wollte nur unter dem Scheine eines Schiedsrichters Judäa unter die römische Lehnsherrschaft bringen. Mit geringem Scharfsinn konnte er wissen, daß sich Hyrkans Schwäche, bevormundet von seines Ratgebers Intriguengeist, besser zu der Rolle eines römischen Schützlings eignen würde, als Aristobuls tollkühner Mut, und war daher innerlich dem Schwächeren geneigt, Aber da er fürchtete, durch eine verfrühte Entscheidung in einen langwierigen Kampf, und noch dazu in einem für die Kriegsführung so schwierigen Lande mit Aristobul verwickelt zu werden und eben dadurch sein triumphierendes Erscheinen in Rom verzögern zu müssen, hielt er denselben mit Versprechungen hin. Aristobul durchschaute aber die ihm gelegte Schlinge und wollte sie bei Zeiten zerreißen; er befestigte sich darum in der Burg Alexandrion auf dem Berg Sartaba und hoffte von hier aus den Einzug der Römer verhindern zu können. Bald zeigte sich die Anmaßlichkeit der römischen Ländergier in ihrer ganzen Nacktheit. Das gute Recht der Selbstverteidigung eines Fürsten, der in gar keinem Verhältnisse zu den Römern stand, betrachtete der römische Feldherr als Empörung und Auflehnung und behandelte Aristobul als einen widerspenstigen Aufwiegler. Pompejus zog gegen ihn zu Felde, setzte bei Betsan über den Jordan, forderte ihn von Koreai aus auf, unweit der Festung Alexandrion in einer Gegend, wo damals der beste Wein gezogen wurde, sich ihm auf Gnade und Ungnade zu unterwerfen, und versetzte ihn mit falschen Hoffnungen und ernsten Drohungen in jenen Zustand der Furcht und Schwankung, [159] die auch einen überlegeneren Geist als Aristobul zu falschen Schritten hätte verleiten können. Der Unglückliche übergab zuletzt die starken Festungen. Aber die Torheit bald wieder bereuend, zog er sich nach Jerusalem zurück, um sich hier hinter den festen Mauern so lange zu verteidigen, bis er günstigere Bedingungen erlangen würde. Pompejus rückte ihm nach und, in Jericho angelangt, erreichte ihn die ihn entzückende Botschaft von dem Selbstmord des der römischen Macht so gefährlichen Mithridates. Dieser so leicht gewonnene Sieg über einen der gefährlichsten Feinde Roms schwellte Pompejus' Brust mit noch größerer Selbstbefriedigung; er wollte nur noch das geringe Hindernis, den Widerstand von seiten Aristobuls, überwinden, um in Rom die Früchte seiner ohne große Mühe errungenen erstaunlichen Erfolge zu genießen. Für den Augenblick schien ihm der Sieg leicht werden zu sollen, indem Aristobul, der Furcht nachgebend, sich reuig zu Pompejus begeben, ihn mit Geschenken überhäuft und ihm versprochen hatte, auch Jerusalem seiner Gewalt zu überliefern. Pompejus' Legat Gabinius war bereits mit Aristobul aufgebrochen, um Besitz von der Hauptstadt zu ergreifen und noch mehr Geld in Empfang zu nehmen. Aber die judäischen Patrioten widersetzten sich diesem Ansinnen und verschlossen Gabinius die Tore. Aristobul wurde hierauf in Gewahrsam gehalten19.

So hatte denn Jerusalem nach kaum drei Jahren wiederum eine Belagerung zu erdulden. Pompejus rückte mit seinem Heere heran, und die Stadt wurde ihm von den Hyrkanisten und den friedlich Gesinnten übergeben. Die Patrioten aber zogen sich auf den Tempelberg zurück, brachen die Brücke ab und verteidigten sich von da aus mit erstaunlicher Standhaftigkeit. Pompejus mußte sich wider Willen auf eine förmliche Belagerung einlassen; denn der Tempelberg war von der Nordseite her durch Felsen, Schluchten, künstliche Gräben und Türme gut verteidigt. Pompejus mußte von Tyrus Belagerungsmaschinen herbeiholen lassen, um die Mauern zu erschüttern, und aus entfernten Wäldern Holz fällen lassen, um die Vertiefungen der Gräben auszufüllen. So zog sich die Belagerung in die Länge und würde vielleicht noch länger gedauert haben, wenn die Belagerten nicht wegen ängstlicher Beobachtung des Sabbats dem Feinde die Erstürmung erleichtert hätten. In Folge einer, man weiß nicht, ob pharisäischen oder sadduzäischen Auslegung des Gesetzes hielten es die Belagerten wohl für erlaubt, am Sabbat Waffengewalt mit Waffengewalt abzuwehren, aber nicht Angriffe auf die Mauer zurückzuschlagen. Sobald die Römer diese Bedenklichkeit erkannten, benutzten sie dieselbe zu ihrem Vorteile, [160] ließen stets am Sabbat die Waffen ruhen, um nur an der Erschütterung der Mauer zu arbeiten. An einem Sabbat (im Monat Siwan, Juni 6320) wurde ein Turm des Tempels zu Falle gebracht und eine Bresche eröffnet, von wo aus die kühnsten Römer sich einen Weg zum Tempel bahnten. Mordend drangen die Legionen und Bundestruppen in den Vorhof und streckten die Priester neben den Opfertieren nieder. Die Ahroniden ließen sich nämlich nicht einen Augenblick in ihren heiligen Übungen stören, sondern sahen ruhig dem Tode entgegen. Viele stürzten sich von den Zinnen in die Abgründe, andere zündeten sich selbst Scheiterhaufen an. Im ganzen kamen an diesem Tage 12 000 Judäer um. Pompejus drang bei dieser Gelegenheit in das Innere des Tempels ein, um seine Neugierde über die Beschaffenheit des judäischen Kultus zu befriedigen, über welchen unter den Heiden die widersprechendsten Gerüchte in Umlauf waren. Der römische Sieger war nicht wenig erstaunt, keinen Eselskopf in dem judäischen Heiligtume, ja gar kein Bild von der Gottheit darin zu erblicken21. Dieser [161] traurige Vorfall hatte demnach auch eine günstige Seite für das Judentum, indem er die heidnischen Vorurteile und Fabeln, die durch böswillige alexandrinische Schriftsteller und Antiochos Epiphanes über das Judentum verbreitet waren, zerstreut hat. War es Scheu vor dem gewaltigen Eindruck, den die bildlose Erhabenheit des Tempels erweckt hat, oder war es Vorsicht, um nicht von seinen Feinden als Tempelräuber verschrieen zu werden; jedenfalls bleibt es merkwürdig, daß Pompejus, seine Geldgier bezwingend, den Tempelschatz, in welchem sich nicht weniger als zweitausend Talente befanden22, unberührt ließ. Dem Zufalle, daß der römische Eroberer Jerusalems nicht zu den Entartetsten gehörte, hatte es Judäa zu verdanken, daß es bloß das Vorspiel der Tempelzerstörung genossen, und daß es damals noch dem Scheine nach als ein selbständiger Staat fortdauern konnte. Aber die Unabhängigkeit war von dieser Stunde an für immer untergegangen. Gerade ein Jahrhundert, nachdem die Makkabäer über die Tyrannei der Syrer obgesiegt hatten, brachten ihre Nachkommen die Tyrannei der Römer über Judäa.

Was hatte nun Hyrkan von der Berufung auf den römischen Schiedsrichter? Pompejus nahm ihm den Königstitel, ließ ihm nur die Hohepriesterwürde und den zweideutigen Titel Volksfürst (Ethnarch23) und setzte ihn unter die Vormundschaft des Antipater, der zum Landesverweser ernannt wurde. Eine gewisse Macht mit einem Titel mußte ihm Pompejus lassen, um ihn in den Stand zu setzen, die Erbitterung der Patrioten gegen die Unterjochung zu dämpfen. Denn bei der Nachricht von Jerusalems Eroberung strömte vom Lande eine große Menge herbei, um ihren Unwillen über die Vergewaltigung mit den Waffen zu betätigen. Diese Erbitterung sollte Hyrkan beschwichtigen24. Die Mauern Jerusalems wurden niedergerissen und Judäa als besiegtes Land betrachtet, wenn auch nicht förmlich als Provinz dem römischen Reiche einverleibt. Jerusalem und ganz Judäa mußten wieder an eine fremde, feindliche Macht Tribut zahlen, von dem es kaum ein Jahrhundert befreit war.

Worin bestand dieser Tribut? Hatte der Sieger nach römischem Brauche Felder, Weinberge und Weideplätze als Staatseigentum erklärt und den Eigentümern nur als Pächtern die Nutznießung gelassen, wofür sie einen Teil der Ernte als Pachtzins den Römern abliefern mußten? Oder sind die Ländereien der Besiegten, oder derer, welche gegen die Römer gekämpft, ihr Leben zur Verteidigung des Vaterlandes[162] gelassen hatten, und derer, welche in die Gefangenschaft geraten waren, fremden Pächtern überlassen worden? Genaues weiß man darüber nicht25; der römischen Hab- und Ländergier ist das Härteste zuzutrauen. Außerdem wurde das judäische Land in engere Grenzen eingeschlossen und auf den geringen Umfang gebracht, den es in der vorhasmonäischen Zeit hatte. Sämtliche Seestädte und andere im Küstenstrich belegene Ortschaften, die von Griechen bewohnt waren: Gaza, Azotus, Arethusa, Jamnia, Joppe, Stratonsturm, Dora, erklärte Pompejus für Freistädte und überließ sie ihren Bewohnern. Ebenso die Binnenstädte und die jenseits des Jordans gelegenen, welche Hyrkan I. und Alexander nach schweren Kämpfen Judäa einverleibt hatten. Samaria, Skythopolis (Betsan) und andere Städte in der Ebene Jesreel, ferner Gadara, Hippos, Pella, Dion (Diospolis), Philadelphia und andere wurden von Judäa wieder losgerissen und zum Teil in Freistädte verwandelt und der Botmäßigkeit des römischen Statthalters von Syrien untergeordnet. Die meisten dieser Städte datierten ihre Freiheit von Pompejus, dem Eroberer Jerusalems. Zehn Städte, besonders die jenseitigen, verbanden sich untereinander zu Schutz und Trutz (Dekapolis26). Von den Kriegsgefangenen ließ Pompejus die Schuldigen, d.h. die glühenden Patrioten, hinrichten, die übrigen nach Rom führen. Die gefangenen judäischen Fürsten Aristobul, sein Sohn Antigonos, seine zwei Töchter und sein Oheim und Schwiegervater Absalon mußten in Rom unter den andern besiegten Königen und Königssöhnen Asiens vor Pompejus' Triumphwagen einhergehen (6127). Während Zion ihr Haupt in Trauerverhüllte, schwelgte Rom in unendlichem Siegesjubel; aber die nach Rom geschleppten judäischen Gefangenen waren der erste Keim zu einer Gemeinde, welche unter einer andern Form einen Kampf gegen die römischen Institutionen aufnahm und sie zum Teil besiegte.

[163] Ohne Zweifel lebten schon vor Pompejus' Einmischung Judäer in Rom und andern italienischen Städten; sie mögen wohl von Ägypten und Kleinasien aus, infolge der Handelsbeziehungen, dahin eingewandert sein und sich angesiedelt haben. Die ersten römischen Judäer waren wohl nicht Gefangene, sondern Geschäftsleute, die mit den römischen Großen durch Getreidelieferung von Ägypten und Steuerpacht mit Kleinasien in Verbindung standen. Aber diese Einwanderer hatten schwerlich eine regelmäßige Gemeindeverfassung, da ihnen wohl vor allem Gesetzeslehrer fehlten. Unter den Gefangenen aber, die durch Pompejus nach Rom geschleppt wurden, befanden sich sicherlich gesetzeskundige Männer, die von den reicheren Stammesgenossen losgekauft und bewogen wurden, sich da bleibend niederzulassen. Die von den Gefangenen abstammenden Geschlechter behielten auch in der Folge, nach römischem Gesetze, den Namen Freigelassene (Libertini28). Das Quartier der Judäer in Rom lag auf dem rechten Tiberufer, am Abhange des Berges Vatikan, entweder weil dieses Quartier den Ausländern zugewiesen war, oder weil sich die ersten judäischen Einwanderer in Rom einen günstigen Platz für Schiffsladungen ausgesucht hatten. Eine Brücke über den Tiber zum Vatikan führte noch lange Zeit später den Namen »Judäerbrücke« (pons Judaeorum29). Einer der in Rom angesiedelten Judäer, Theodos, führte in der römischen Gemeinde den Brauch ein, anstatt des Passah-Lammes, das außerhalb Jerusalems nicht genossen werden durfte, und das die Verbannten als liebgewonnene Gewohnheit nicht missen mochten, einen Ersatz desselben zu genießen. Darüber war man in Jerusalem unzufrieden, weil es den Schein hatte, als wenn sie im Auslande Opferähnliches genössen. Es erging ein rügendes Schreiben von Jerusalem an Theodos des Inhalts: »Wärst du nicht Theodos, so würden wir dich in den Bann legen«30.

Die römischen Judäer blieben nicht ganz ohne Einfluß auf den Gang der politischen Verhältnisse Roms. Da sie, sowohl die früher Ansässigen als auch die losgekauften Gefangenen, Stimmrecht in den Volksversammlungen hatten, so gaben sie durch ihre Eintracht untereinander, nach einem verabredeten Plan zu handeln, durch ihre Rührigkeit, ihre nüchterne, leidenschaftslose Auffassung der Verhältnisse, vielleicht auch durch ihren hellen Geist wohl manchmal den Ausschlag bei Volksbeschlüssen. So bedeutend war ihr stiller Einfluß, daß der ebenso engherzige wie beredte Cicero, der von seinem Lehrer Apollonius [164] Molo Judenhaß gelernt hatte, als er einst gegen die Judäer sprechen wollte, sich scheute, seine judenfeindlichen Gesinnungen laut werden zu lassen, um sich die Judäer nicht auf den Hals zu hetzen. Er hatte nämlich die ungerechte Sache eines Prätors Flaccus zu verteidigen, der vielfacher Erpressungen angeklagt war, die er während der Verwaltung seiner kleinasiatischen Provinz sich hatte zuschulden kommen lassen. Unter anderem hatte Flaccus die Tempelspenden (aurum Judaeorum) der kleinasiatisch-judäischen Gemeinden – an 200 Pfund Gold (ungefähr 155 000 M) – einziehen lassen, welche in den Städten Apamea, Laodicea, Adramyttium und Pergamum eingesammelt waren (62). Er hatte sich dabei auf einen Senatsbeschluß berufen, welcher die Ausfuhr des Geldes aus den römischen Provinzen verbot, und Judäa genoß, obwohl unterjocht, noch nicht die Ehre unter die Provinzen aufgenommen zu sein. Die römischen Judäer waren bei der Verhandlung des Prozesses gegen Flaccus (59) aufs innigste beteiligt und hatten sich unter das Publikum gemischt. Der feige Cicero fürchtete sich daher so sehr vor ihnen, daß er gern mit gedämpfter Stimme gesprochen hätte, um bloß von den Richtern und nicht von den Judäern gehört zu werden. In seiner Schutzrede bediente er sich einer kleinlichen Sophistik, welche vielleicht auf Stockrömer, aber gewiß nicht auf einsichtsvolle Männer Eindruck gemacht hat. Unter anderm äußerte er sich: »Es gehört ein hoher Ernst dazu, dem barbarischen Aberglauben der Judäer entgegenzutreten, und es zeugt von hohem Charakter, im Interesse des römischen Staats den in Volksversammlungen rührigen Judäern Verachtung zu zeigen. Wenn Pompejus keinen Gebrauch von seinem Siegesrecht gemacht hat und den judäischen Tempelschatz unberührt ließ, so tat er es gewiß nicht sowohl aus Verehrung der judäischen Heiligtümer, als vielmehr aus Klugheit, um der argwöhnischen und verleumderischen judäischen Nation keine Gelegenheit zu Anklagen zu geben; sonst würde er wohl schwerlich fremde und noch dazu judäische Heiligtümer verschont haben. Als noch Jerusalem unbesiegt war, und die Judäer in Frieden lebten, zeigten sie eine tiefe Abneigung gegen den Glanz des römischen Reiches, gegen die Würde des römischen Namens, gegen die Gesetze unserer Vorfahren, und in dem letzten Kriege hat die judäische Nation erst recht bewiesen, von welcher feindlichen Gesinnung sie in bezug auf uns beseelt ist. Wie wenig beliebt diese Nation bei den unsterblichen Göttern ist, hat sich dadurch gezeigt, daß ihr Land erobert und verpachtet worden ist«31. Welchen [165] Eindruck diese Rede gemacht, und wie das Urteil gegen Flaccus ausgefallen ist, ist nicht bekannt. Ein Jahr später wurde Cicero mit der Verbannung bestraft und durfte sich im Umkreise von achtzig Meilen von Rom nicht blicken lassen; sein Haus und seine Villen wurden dem Erdboden gleich gemacht.

Für das zerstückelte Judäa war die Knechtung nach Pompejus' Entfernung noch drückender, weil es in dem Mittelzustande zwischen einer eroberten Provinz und einem selbständigen Lande gelassen war. Wäre es in eine römische Provinz verwandelt worden, so hätte es wenigstens die Vorteile einer solchen genießen können. Aber die Halbheit und Unbestimmtheit seines Verhältnisses zu Rom machten es von der Laune und Willkür der römischen Beamten abhängig, weil man sich im Senate wenig um Judäa kümmerte. Das willkürliche Verfahren der syrischen Prokonsuln, die sich fortwährend Eingriffe erlaubten, fand in Rom keinen Ankläger. Der mächtige Minister Hyrkans trug dazu bei, diesen Umstand dauernd und drückend zu machen. Er unterhielt mit den größten Opfern die Verbindung mit Rom, um an ihm eine Stütze gegen seine Unbeliebtheit im Volke zu haben, das ihn als Freiheitsmörder haßte. Mit dem Schweiße Judäas unterstützte Antipater den römischen Feldherrn Scaurus, der von Judäa aus gegen den Nabatäerkönig Aretas einen Feldzug eröffnet hatte. Aristobuls ältester Sohn Alexander II., welcher der Gefangenschaft entronnen und in Judäa angekommen war, zog die Patrioten an sich, bewaffnete 10 000 Fußgänger und 1500 Reiter und führte sie gegen Jerusalem. Hyrkan, oder richtiger sein Herr Antipater, konnte sich nicht gegen ihn halten und verließ die Hauptstadt, welche Alexander befestigen ließ. Um sich zu sichern, befestigte er auch die Hauptkastelle Alexandrion, Hyrkania diesseits und Machärus jenseits des Jordans (um 59-5832). Der damalige prokonsularische Statthalter von Syrien Lentulus Marcellinus hatte gegen den ebenso listigen wie kriegerischen Aretas Philhellen Kämpfe zu bestehen und mußte die Dinge in Judäa gehen lassen, war vielleicht auch von Alexander durch Geld bewogen, ihn gewähren zu lassen. Für Geld begünstigten die römischen Machthaber damals bald die eine, bald die andere Partei. Alexander fühlte sich so [166] sicher, daß er Münzen prägen ließ mit griechischer und hebräischer Inschrift: »König Alexander und Hoherpriester Jonathan«33.

Indessen kam Aulus Gabinius, ein Parteigänger Pompejus' und der Gewissenloseste unter den damaligen römischen Erpressern, als Statthalter nach Syrien. Antipater, der bereits früher ihn durch Bestechung gewonnen hatte, eilte zu ihm und klagte ihm sein Leid, und Gabinius war sofort bereit, Alexander zu bekämpfen. Mit den römischen Legionen und den judäischen Truppen, befehligt von zwei judäischen Führern Pitholaus und Malich, welche später Grund genug hatten, ihre Hilfeleistung für die Römer zu bereuen, schlug er ihn vor Jerusalem und zwang ihn, sich nach Alexandrion zu flüchten. Diese Bergfestung belagerte er so lange, bis Alexander um Frieden bitten mußte. Den Todesstreich, der Alexander bereits zugedacht war, wendete seine Mutter nur mit Mühe ab, indem sie, die Kniee des Römers umfassend, für ihn um Gnade flehte. Die drei Festungen, die Alexander als Zuflucht gedient hatten, wurden geschleift34.

Zwei Akte des Gabinius nach seinem Sieg über Alexander, der eine von vorübergehender, der andere von nachhaltiger Wirkung, zeigen, wie die arglistige Politik der Römer, durch Teilung zu herrschen, so sehr leitender Instinkt geworden war, daß sie ihn auch da anwendeten, wo sie nur noch geringen Widerstand fanden. Um Judäa auch die Möglichkeit zu benehmen, seine Grenzen und seine Macht zu erweitern, ermunterte Gabinius die freigewordenen Grenzstädte, ihre verfallenen Festungswerke wieder aufzurichten. Infolge dieser, einem Befehle gleichklingenden Erlaubnis wurden mehrere, ehemals zu Judäa gehörige Städte wieder befestigt; unter andern an der Meeresküste Raphia, Anthedon, Gaza, Azotus, Dora und im Binnenlande Samaria und Betsan; das letzte nannte sich zu Ehren seines Wohltäters [167] Gabiniopolis35. Diese Städte zeigten in der Folge einen unversöhnlichen Geist gegen Judäa. Der gegängelte Schwächling Hyrkan büßte seine, wenn auch beschränkte Machtbefugnis als Ethnarch ein; er wurde bloß als Hoherpriester geduldet. Aber auch die Einheit, welche dieser und die Synhedrial-Körperschaft vertrat, sollte gebrochen werden. Judäa sollte nicht mehr ein einheitliches Gemeinwesen für Verwaltung und Gesetzgebung bilden; es wurde von Gabinius in fünf Gebiete geteilt (57), von denen jedes einen eigenen Verwaltungsrat für innere Angelegenheiten haben sollte. Dieser Rat erhielt den Titel Synhedrion. Die Ratsversammlung hatte ihren Sitz in je einem Vororte. Der Süden des Landes oder das engere Judäa wurde in vier Distrikte geteilt mit vier Vororten: Jerusalem, Gazara, Emmaus und Jericho; Galiläa dagegen, das nicht so dicht von Judäern bevölkert war, hatte nur einen einzigen Vorort, Sepphoris. An die Spitze der fünf Synhedrien wurden römischgesinnte Judäer aus der Aristokratie der Priester gesetzt36, in deren Interesse es lag, es mit Rom zu halten.

Obwohl der Zerstückelungsakt des Gabinius von richtigem Blicke zeugt, indem der Römer erkannte, daß der Schwerpunkt der judäischen Nation im hohen Rate lag, so täuschte er sich doch über die Wirksamkeit seiner Maßregel. Da diese Einrichtung aus dem innersten Leben der Nation hervorgegangen und nicht etwas von außen Aufgezwungenes war, so war ihr zentralisierender Einfluß nicht so leicht zu brechen. Die Fünfteilung Judäas war kaum eingeführt, als sie mit Gabinius' Entfernung aus dem Lande sogleich wieder verschwand, ohne auch nur eine Spur zurückzulassen. Der hohe Rat in Jerusalem blieb nach wie vor das Herz des Volkes, nur war seine Macht durch die ungünstige Zeitlage gelähmt. Er scheint seit dieser Zeit die Benennung »Synhedrion« (Synhedrin) und zum Unterschiede von den kleinen Gerichtshöfen das »große Synhedrion« angenommen zu haben37. Politische Macht [168] besaß es zwar nicht mehr, denn die Römer hatten diese vollständig an sich gezogen. Aber seine geistige Autorität bedeutete viel. Die beiden Präsidenten desselben waren nach dem Tode Simons ben Schetach dessen vorzüglichste Jünger: Schemaja (Sameas) und Abtalion (Pollion). In den Kernsprüchen, welche von ihnen aufbewahrt sind, spiegelt sich die ganze Trostlosigkeit der Zeit ab. Schemaja schärfte den Jüngern ein: »Liebe das Handwerk, fliehe das Herrschen und befreunde dich nicht mit der weltlichen Macht«38. Abtalion prägte den Gesetzeslehrern ein: »Seid vorsichtig in euren Äußerungen, daß ihr euch nicht die Strafe des Exils zuzieht, eure Jünger würden euch dann in ein Land von verführerischem Einflusse (verderblichem Wasser) folgen und ihn in sich aufnehmen müssen, und so würde der heilige Gottesname durch sie entweiht werden«39. Man hat aus einer mißverstandenen Stelle die beiden Synhedristen Schemaja und Abtalion fälschlicherweise zu Proselyten gemacht, und die Sage läßt sie von einem Assyrerkönig abstammen; allein schwerlich war die Gesetzeskunde damals so sehr gesunken, daß Proselyten die Einheimischen darin hätten übertreffen können; ohnehin wurden Proselyten niemals zu den höchsten Ämtern zugelassen (o. S. 101). Sie scheinen aber, richtig verstanden, Alexandriner gewesen zu sein, oder wenigstens sich eine längere Zeit im Exil in Alexandrien, vielleicht mit ihrem Lehrer Juda ben Tabbaï, aufgehalten zu haben40 Während ihrer beinahe fünfundzwanzigjährigen Wirksamkeit (um 60-35), in der die politische Macht des Synhedrion immer mehr schwand, scheinen sie ihre Tätigkeit nach innen gerichtet zu haben. Sie sammelten einen Kreis von lernbegierigen Jüngern um sich, denen sie das Gesetz, seine Begründung und Anwendung tradierten. Sie genossen wegen ihrer tieferen Beschäftigung mit den überlieferten Gesetzesbestimmungen in der Folgezeit eine so anerkannte Autorität, daß schon das Zurückführen einer Auslegung auf Schemaja und Abtalion als Beweiskraft galt41. Überhaupt sind sie fast die einzigen, auf deren Entscheidung und Aussprüche sich die spätere Zeit berief, weil sie wohl mehr als ihre Vorgänger mit dem theoretischen Ausbau des überlieferten Gesetzesstoffes sich beschäftigt haben. Einer ihrer größten und dankbarsten Jünger nannte sie »die beiden Größen der Zeit« (Gedolê ha-Dor42). Mit Schemaja und Abtalion beginnt also jene dem staatlichen Interesse abgewendete, sich [169] mehr in die Tiefe der Gesetzesforschung versenkende Richtung der Pharisäer, welche seitdem immer weitere Kreise an sich zog und zuletzt das einzig Beharrende und Trostbringende ward. Sie wurden daher nicht bloß als bedeutende Weise, sondern auch als kundige Schriftausleger (Darschanim) gepriesen43. Möglich, daß sie die genauere Schriftdeutung aus Alexandrien, wo die grammatische Fertigkeit heimisch war, nach Judäa verpflanzt haben. Von welcher hohen Gesinnung die Synhedristen beseelt waren, wird ein später erfolgter Vorfall beweisen, der zugleich von der Entwürdigung zeugt, welche die Fremdherrschaft und Hyrkans Schwäche über die Nation gebracht haben.

Die äußere Geschichte Judäas hat eine Zeit lang nichts anderes als Auflehnung gegen die römische Gewaltherrschaft und die unglückseligen Folgen derselben, Bedrückungen, Räubereien und Tempelschändungen einzutragen, welche die römischen Machthaber und ihre Helfershelfer fast zu täglichen Erlebnissen machten. In dieser Drangsalszeit scheint der Brauch eingeführt worden zu sein, das Buch Esther in den Bethäusern an dem Feste Purim öffentlich zu lesen, und dieses Fest religiös-vorschriftlich zu begehen. Die Verlesung sollte die Nation daran erinnern, daß ihr Gott in früherer Zeit ihr in Nöten beizustehen pflegte, auch ohne wunderbares Eingreifen, und daß er sie auch in dieser Zeit nicht verlassen werde44. Mit der Selbsthilfe den Römern gegenüber war es vorüber. Aristobul war es gelungen, mit seinem Sohne Antigonos aus Rom zu entkommen – wobei ihm wohl nicht nur seine römischen Stammesgenossen, sondern auch Senatoren in Rom, Pompejus' Gegner, behilflich gewesen waren – und in Judäa einzutreffen. So drückend ward das römische Joch empfunden, daß der früher bei der Nation nicht allzusehr beliebte Aristobul jetzt mit Begeisterung empfangen und als Retter in der Not begrüßt wurde. Jedermann stellte sich ihm zur Verfügung, so daß nicht genug Waffen vorhanden waren, sämtliche Freiwillige in Krieger umzuwandeln. Ein judäischer Unterfeldherr, Pitholaos, der bisher auf Hyrkans Seite gestanden und Aristobul hatte bekämpfen helfen, weihte ihm jetzt sein Schwert. So konnte Aristobul über ein Heer von achttausend Mann verfügen, mit dem er vor allem versuchte, die Festung Alexandrion wiederherzustellen und von da aus durch einen Guerillakrieg die Römer [170] zu ermüden. Aber sein heißblütiges Temperament riß ihn hin, sich in eine offene Schlacht gegen sie einzulassen, wodurch der größte Teil seines Heeres getötet wurde und der Rest sich zerstreute. Noch immer ungebeugt, warf sich Aristobul mit dem Rest der Krieger in die Festung Machärus und suchte sie in Eile widerstandsfähig zu machen. Aber als die Römer mit ihren Belagerungswerkzeugen heranrückten, mußte er sich nach zweitägiger Belagerung ergeben und wurde zum zweiten Male mit seinem Sohne in Fesseln nach Rom geschickt (56). Ein ebenso klägliches Ende nahm ein zweiter Aufstand, den sein Sohn Alexander gewagt, welcher auf Gabinius' Verwendung vom Senate die Freiheit erlangt hatte. Dieser wegen seiner Räubereien berüchtigte Parteigänger Pompejus' und Statthalter von Syrien hatte das Land so schwer bedrückt, daß die Bewohner aus Verzweiflung zu den Waffen griffen, um Alexander zur Bekämpfung der Römer beizustehen. So konnte er mehr als 30 000 Kämpfende um sich versammeln. Er begann damit, sämtliche Römer, auf die er stieß, niederzumachen, und diejenigen, welche sich auf den Berg Garizim geflüchtet hatten, belagerte er. Gabinius hatte nicht Truppen genug, um gegen ihn zu Felde zu ziehen, und mußte sich des schlauen Ministers Antipater bedienen, um einen Teil von Alexanders Parteigängern von diesem abzuziehen. Mit dem Reste zog Alexander dem inzwischen angesammelten römischen Heere unter Gabinius entgegen, ließ sich unbesonnen dazu hinreißen, eine Schlacht am Berge Tabor (Ithabyrion) aufzunehmen und erlitt gegen Gabinius eine fürchterliche Niederlage (5545). Dieser traf jetzt nach Antipaters Weisung und Eingebung neue Einrichtungen in Jerusalem.

Inzwischen hatten sich die drei bedeutendsten Männer Roms, Julius Cäsar durch Geistesüberlegenheit, Pompejus durch Kriegsruhm und Crassus durch erstaunlichen Reichtum hervorragend, geeinigt und ein festes Bündnis besiegelt, um die Macht des Senats und der Optimaten zu brechen und die Staatsangelegenheiten nach ihrem Willen zu regeln (56). Die Triumviren teilten einander die schönsten Länder als Provinzen und Wirkungskreise zu. Der trotz seines sprichwörtlich gewordenen Reichtums geldgierige Crassus erhielt Syrien, wozu Judäa fortan ohne weiteres gerechnet wurde. Auf seinem Kriegszuge gegen die Parther machte er einen Umweg, um Jerusalem zu berühren, von dessen gefülltem Tempelschatze angelockt. Dieser Schatz vermehrte sich aus den Opfergaben und Spenden, welche die Judäer in den Ländern der Zerstreuung unter Römern und Parthern alljährlich nach Jerusalem zu senden pflegten, und aus den Weihgeschenken, welche [171] Heiden, die aus Liebe zum Judentum Verehrer des Gottes Israels (Halbproselyten) geworden waren, dem Tempel zugewendet hatten46. Crassus machte keinen Hehl daraus, daß er die zweitausend Talente heben wollte, die Pompejus unberührt gelassen hatte. Um seine Geldgier zu beschwichtigen, händigte ihm der fromme Schatzmeister Eleasar einen goldenen Balken ein (dreihundert Minen schwer), der wegen seines hölzernen, kunstvoll gearbeiteten Überzuges den übrigen Priestern unbekannt geblieben war. Crassus beschwor feierlich, den Tempelschatz nunmehr zu schonen. Aber was war für einen Römer ein Judäern gegebenes heiliges Versprechen? Er nahm den goldenen Balken, die zweitausend Talente und außerdem noch die goldenen Tempelgefäße, welche an achttausend Talente wert waren (5447). Mit diesem und anderem Tempelraube beladen, brach er gegen Parthien auf; aber an diesem Volke zerschellte die römische Macht, so oft sie auch einen gewaltigen Anlauf gegen dasselbe nahm. Der unersättliche Crassus wurde erschlagen und sein Heer so sehr zusammengehauen, daß sein Legat Cassius Longinus von hunterttausend Mann kaum den zehnten Teil nach Syrien zurückführte (53). Die Parther verfolgten das geschwächte römische Heer, und die Syrer, des römischen Joches überdrüssig, hielten es heimlich mit ihnen. Auch der judäischen Nation schien der Augenblick zur Abschüttelung des schimpflichen Joches günstig; da aber keiner der judäischen Fürsten zugegen und Hyrkan bis zur Ohnmacht von den Banden des Römlings Antipater umstrickt war, so sammelte Pitholaos, welcher aus der Festung Machärus entkommen war, ein großes Heer, um es gegen Cassius zu führen. Aber das Glück verließ die judäischen Waffen, so oft sie mit den Römern zusammenstießen. Das Heer, das in Tarichäa (Magdala) am Tiberiassee eingeschlossen war, mußte sich ergeben. Pitholaos wurde von Cassius auf Antipaters Drängen zum Tode verurteilt, und dreißigtausend judäische Krieger wurden als Sklaven verkauft (5248).

Noch einmal erglänzte dem gefangenen Aristobul die Hoffnung, den Thron seiner Väter einzunehmen und den Verräter Antipater, der so viele Leiden auf das Haupt der Nation und der Hasmonäerfamilie gehäuft hatte, in sein Nichts zurückzuwerfen. Julius Cäsar, der größte Mann, den Rom erzeugt, hatte dem Senat den Fehdehandschuh hingeworfen und mit seinem Verbündeten Pompejus gebrochen. Der [172] heftige Kampf zwischen den beiden Nebenbuhlern warf die Kriegsfackel bis in die entferntesten Teile des römischen Reiches. Um Pompejus' Einfluß zu schwächen, hatte Cäsar den in Rom weilenden Aristobul in Freiheit gesetzt und ihm zwei Legionen übergeben, damit er in Judäa und Syrien für ihn tätig wirke. Aber die Pompejaner kamen diesem Schritte zuvor, sie räumten den judäischen Fürsten durch Gift aus dem Wege. Seine Freunde legten seine Leiche in Honig, bis sie nach Jerusalem geführt und im Erbbegräbnis der Has monäer beigesetzt werden konnte. Ein eigenes Verhängnis waltete über dieser Familie. Nur sehr wenige aus ihrer Mitte sind eines natürlichen Todes gestorben. Aristobuls ältester Sohn Alexander wurde zur selben Zeit von dem Pompejaner Scipio auf Pompejus' Geheiß in Antiochien mit dem Beile enthauptet (4949). Die noch übrigen Glieder von Aristobuls unglücklicher Familie, seine Frau und sein Sohn Antigonos, fanden Schutz bei dem Fürsten von Chalcis im Libanon-Gebirge, mit Namen Ptolemäus, dessen Sohn Philippion sich in Aristobuls Tochter Alexandra verliebt und sie heimgeführt hatte. Aber sein Vater Ptolemäus ließ aus Liebe zu seiner Schwiegertochter seinen eigenen Sohn aus dem Wege räumen und heiratete dessen Witwe50. So sehr hatte das harte Geschick die Hasmonäer verschlimmert, daß sie sich nicht scheuten, Eheverbindungen mit Heiden einzugehen und sich blutschänderischen Umarmungen hinzugeben.

Von diesem Riesenkampf der zwei mächtigen Rivalen um die Alleinherrschaft blieben die Judäer nicht verschont, weder die im Heimatlande noch die im Römerreich zerstreut Wohnenden. Er hat sich indes günstiger für sie gestaltet als zu erwarten war. In Kleinasien wohnte eine zahlreiche judäische Bevölkerung, besonders in Ephesus, der Hauptstadt Asiens in der römischen Zeit, in Sardes, der ehemaligen Hauptstadt des lydischen Reiches, in Pergamum und andern Orten. Zur Zeit, als Julius Cäsar sich Roms bemächtigt hatte, wurde der Konsul Lucius Cornelius Lentulus (April 49) in diese Provinz beordert, um für Pompejus Truppen auszuheben. Die Juden dieser Provinz sollten ebenfalls zum Kriegsdienste herangezogen werden. Ihnen aber war dieser Kriegszwang entsetzlich. Sie sollten sich für Pompejus schlagen oder geschlagen werden für ihn, der ein Feind ihrer Nation war, der Knechtschaft über Judäa gebracht und zwei hasmonäische Fürsten hatte umbringen lassen. Ferner sollten sie im Kriege gezwungen werden, ihre Religionsgesetze zu übertreten, am Sabbat die Waffen zu tragen und unerlaubte Speisen zu genießen. Die in Ephesus wohnenden angesehenen [173] Judäer wußten jedoch diesen Zwang von ihren Religionsgenossen abzuwenden.

Als die römischen Kriegstribunen die judäischen Jünglinge und Männer in Ephesus, wo der Konsul Lentulus sein Standquartier hatte, ausheben wollten, trat ein Redner Dositheos, Sohn des Kleopatridas aus Alexandrien, wahrscheinlich ein Judäer, auf und legte dar, daß die Judäer, welche römische Bürger wären, und denen die Beobachtung ihrer Religionsgesetze von alters her zugesichert wäre, nicht zum Kriegsdienst angehalten werden dürften. Für die Befreiung der Judäer vom Kriegsdienst bemühte sich auch mit erstaunlichem Eifer ganz besonders Titus Ampius Balbus, welcher zum Legaten befördert und mit dem Geschäft der Aushebung betraut worden war. Er bewog den Konsul, die Befreiung der kleinasiatischen Judäer auszusprechen und zu verkünden (19. Sept. 49). Der Freund der Judäer beeilte sich tags darauf, das Edikt überall bekannt zu machen. So wurden auch die Judäer in Sardes und die auf der Insel Delos vom Kriegsdienste befreit (Mai 48). Die judäische Gemeinde in Sardes erlangte auch ein günstiges Edikt des Quästors und Prokonsuls Lucius Antonius, durch welches ihre alten Gerechtsame, religiöse Versammlungen zu halten und eigene Gerichtsbarkeit zu genießen, erneuert wurden51.

Antipater dagegen, der durch Pompejus zur Macht gelangt war, sandte ohne Skrupel dienstbeflissen judäische Truppen zu dessen Hilfe auf den Kriegsschauplatz bei Pharsalus52, wo (August 48) die Entscheidung darüber erfolgte, ob Pompejus oder Cäsar Herr der römischen Welt bleiben sollte. Sobald aber das Glück dem Pompejus den Rücken gekehrt und er in Ägypten einen schmählichen Tod gefunden hatte, nahm der idumäische Ränkeschmied keinen Anstand, seinen Gegner Cäsar gegen die pompejanische Partei zu unterstützen. In der gefährdeten Lage, in der Cäsar sich in Ägypten ohne hinlängliche Truppenzahl, ohne Nachricht von Rom, inmitten einer feindlichen Bevölkerung befand (Oktober 48 – März 47), entwickelte Antipater eine rührige Tätigkeit zu seinen Gunsten, die nicht ohne Belohnung blieb. Er versah das Hilfsheer, das Mithridates, der pergamenische König, Cäsar zuführte, mit allen Bedürfnissen, ließ dreitausend judäische Truppen zu dessen Heere stoßen, half ihm Pelusium erobern, machte die Treue der ägyptischen Judäer, die Besatzungstruppen von Onion, gegen ihren König, den letzten der Ptolemäer, wankend, indem er ihnen Briefe von Hyrkan vorzeigte, daß sie Cäsars Partei unterstützen sollten, und trug[174] überhaupt sehr viel zu Cäsars Siege bei (4853). Dafür wurde er auch von dem allmächtigen Cäsar mit dem römischen Bürgerrecht, der Steuerfreiheit für seine Familie und dem Amte eines Landesverwesers (ἐπίτροπος, ὲπιμελƞτἠς) belohnt; er konnte jetzt Hyrkans Gunst entbehren und alles Ernstes als dessen Gönner angesehen werden. Vergebens suchte Aristobuls noch übrig gebliebener Sohn Antigonos eine Unterredung mit Cäsar nach, worin er an die Treue seines Vaters und Bruders für die cäsarianische Sache erinnerte, in deren Dienst beide ihr Leben verloren haben, während Hyrkan und Antipater seinem Feinde Pompejus anhingen. Antipater zeigte dagegen Cäsar die Wunden, die er im gegenwärtigen Kampfe für ihn empfangen, und trug den Sieg davon54. Der tiefe Menschenkenner Cäsar wußte nur zu gut Antipaters Dienstbeflissenheit und Energie zu schätzen, als daß er, der selbst die Legitimität gebrochen, die Rechtsansprüche Antigonos' hätte unterstützen sollen. Aus Gefälligkeit für Antipater bestätigte Cäsar (47) Hyrkan als Hohenpriester und Ethnarchen; auch Judäa erhielt einige Erleichterung. Die Mauern Jerusalems durften wiederhergestellt werden, die Gebiete, die früher zu Judäa gehört hatten, namentlich einige Städte in der Ebene Jesreel und Lydda wurden wieder dazu geschlagen. Von Kriegslasten und namentlich von den beschwerlichen Winterquartieren für die römischen Legionen befreite Cäsar die Judäer; doch mußten die Grundbesitzer jedes zweite Jahr den vierten Teil der Ernte für die Truppen nach Sidon abliefern. Nur im Erlaßjahr (ἔτος σαββατικόν) waren sie von dieser Naturaliensteuer befreit, weil an demselben die Äcker nicht bestellt wurden. Indessen war das nicht die einzige Abgabe vom Grundbesitze; der Zehnte der jährlichen Ernte mußte an Hyrkan geleistet werden, ein Einkommen, das ihm Cäsar bestätigte, und dem noch die Einkünfte von der Stadt Joppe zur Bestreitung der Hofhaltung hinzugefügt wurden.

Der kluge Antipater mochte aber seine erlangte Machtstellung nicht von Cäsars Glück allein abhängig machen. Wie leicht konnte der gewaltige Diktator, zu dessen Sturz die Republikaner und Pompejaner mit dem Aufgebot aller Kräfte sich vereinigten, unterliegen oder umkommen. Der römische Senat und ein Volksbeschluß sollten die scheinbar dem Ethnarchen Hyrkan bewilligte, im Grunde aber ihm zufallende Macht für ewige Zeiten bestätigen. Der Diktator kann verschwinden. Aber ein Senatsbeschluß, noch dazu bestätigt durch einen Volksbeschluß, ist bleibend. Auf Cäsars günstige Stimmung und Leichtigkeit, einen solchen Beschluß zu veranlassen, konnte er rechnen. Wie aber konnte [175] der Alleinherrscher im Drange der Geschäfte, das zerrüttete römische Reich wieder einzurenken, seine Feinde allüberall niederzuwerfen und die republikanische Verfassung sanft in die Monarchie überzuleiten, dazu bewogen werden, sich auch noch mit den Judäern zu befassen? Dafür mußten Cäsars Freunde gewonnen werden. Antipater drängte daher seinen Schützling Hyrkan, Geld, recht viel Geld für Rom flüssig zu machen. Die Geldgeschenke an Cäsars Freunde, welche Hyrkans Gesandte überbrachten, wurden jedoch in Antipaters Namen überreicht55. Diese sorgten nun für eine öffentliche Kundgebung zu gunsten der Judäer. Der römische Senat bestätigte selbstverständlich alles, was ihm vorgelegt und was Cäsar bereits bewilligt hatte: daß die Judäer Freunde und Bundesgenossen der Römer seien, daß Hyrkan ihm früher und besonders während seiner Verlegenheit wesentliche Dienste geleistet habe, daß ihm und seinen Nachkommen die Hohe priesterwürde verbleibe, und er zugleich als Ethnarch der Judäer auch außerhalb Judäas anerkannt werde, daß, wenn in irgend einer römischen Provinz den Judäern Unrecht getan würde, Hyrkan sie zu verteidigen berechtigt sei und über die Frage, was zu der ihnen bewilligten Religionsfreiheit gehöre, zu entscheiden habe, daß ferner er und seine Nachkommen und Gesandten ehrenvoll in Rom aufgenommen werden und einen Ehrenplatz bei den Gladiatoren- und Tierkämpfen einnehmen sollten, daß die Judäa einverleibten Gebietsteile unangefochten bleiben sollten, daß das Land von Kriegsaushebung, Gelderpressung und Winterquartieren für die römischen Feldherren verschont werde, daß alle diese Gerechtsame und Vergünstigungen, in eine Tafel eingegraben, in griechischer und lateinischer Schrift auf dem Kapitol und in den Tempel in Sidon, Tyrus und Askalon aufgestellt werden, und daß endlich den judäischen Gesandten in Rom Gastgeschenke gereicht werden sollten.

Der Senatsbeschluß zu gunsten der Juden wurde mit derselben Leichtigkeit, da er auf Cäsars Wunsch erfolgte, vom Volke bestätigt. Aber alle diese Judäa und Hyrkan gewährten Gunstbezeigungen und Gerechtsame gereichten lediglich Antipater zum Vorteil, und nur die Judäer in den römischen Provinzen genossen von Cäsars Gunstbezeugungen den Vorteil.

Der Schöpfer des Cäsarentums war außerordentlich wohlwollend gegen die Judäer oder suchte sie für sich zu gewinnen, weil sie zuverlässiger waren als die stets falschen und windbeuteligen Griechen in den griechisch redenden Provinzen. Den alexandrinischen Judäern bestätigte er für die ihm geleisteten Dienste die längst genossene Gleichstellung [176] mit den Griechen sowie sämtliche Privilegien, und dazu gehörten die Gerechtsame, von ihrem stammesgenössischen Volksfürsten (Ethnarchen, Arabarchen) regiert zu werden und unter seiner Gerichtsbarkeit zu stehen. Diese Privilegien wurden zum Andenken in eine Säule eingegraben56. Die Ausfuhr der Tempelspenden, welche mehrere Jahre vorher Anfechtung gefunden hatte (o. S. 165), gestattete er durch besondere Verfügungen. Die kleinasiatischen Judäer, denen ihre griechischen Mitbewohner die Religionsfreiheit streitig machten, schützte Cäsar in ihren alten Rechten, daß sie am Sabbat nicht vor Gericht geladen werden dürften, daß es ihnen freistände Versammlungen zu halten, daß – was besonders wegen zu befürchtender Aufstände untersagt war – sie Synagogen bauen und überhaupt die gottesdienstlichen Gebräuche ungehindert beobachten dürften (47-44)57.

Wurden sie von den boshaften Griechen in Kleinasien gehindert, ihre religiösen Satzungen zu beobachten und konnten sie einmal von den römischen Prokonsuln oder Prätoren nicht die Abstellung ihrer Beschwerden erlangen, so wendeten sie sich mit ihren Klagen an den zu ihrem Beschützer eingesetzten Ethnarchen Hyrkan, und dieser richtete durch seine Gesandten Ermahnungsschreiben an die römischen Statthalter, die, mit Berufung auf Cäsar oder den Senatsbeschluß, die judenfeindliche Stadt zwangen, den Judäern Religionsfreiheit zu gewähren. Infolge einer solchen Gesandtschaft befahl ein Prokonsul den Bewohnern von Laodicea in Großphrygien und Tralles in Carien, ihre judäischen Mitbewohner nicht zu stören, ihre Sabbate und andere Religionsgesetze zu beobachten58. Die Griechen von Milet und von Parium, einer Stadt in Mysien, hatten den Judäern geradezu Religionszwang in bezug auf Sabbatheiligung und Versammlung zu religiöser Andacht aufgelegt. Ein scharfes Wort des römischen Statthalters, welcher wußte, daß Cäsar die Judäer ernstlich begünstigt wissen wollte, genügte, um ihre Unduldsamkeit zu brechen. In manchen Städten bedurfte es nicht einmal der Ermahnung oder der Zwangsmittel. Die Vorstellung von seiten der Juden und ihre Berufung auf Cäsar und den Senatsbeschluß genügte, um die Bürger willfährig zu machen. So räumte ihnen die Stadt Sardes einen Platz zum Bau einer Proseuche ein, und die Marktmeister wurden verpflichtet dafür zu sorgen, daß die Judäer Nahrungsmittel nach ihrem Ritus fänden59. Hyrkan, in der Heimat ein Schatten, war den Religionsgenossen in der Fremde ein schirmender Schild.

[177] Auch der römisch-judäischen Gemeinde muß Cäsar Wohltaten erwiesen haben, da sie seinem Andenken eine so tiefe Anhänglichkeit bezeigte. Während er in Rom jede Versammlung der Bürgerschaft untersagte, weil er Auflehnung und Aufstände gegen die von ihm erstrebte monarchische Gewalt befürchtete, gestattete er den Judäern religiöse Vereinigung60. Aber alle diese Freiheiten ließen die judäische Nation als solche kalt, eben weil sie Gunstbezeugungen waren. Die außerpalästinensischen Judäer mochten Cäsar als ihren Wohltäter segnen. Die palästinensischen sahen in ihm nur den Römer, den Gönner des verhaßten Idumäers. Kein Laut der Begeisterung begrüßte die Verkündigung der von ihm gewährten Freiheiten, kein Akt, keine Feier bezeugte die Freude der Nation an dem Geschenkten. So mürrisch und finster blickte das Volk auf alle diese Vorgänge, daß Antipater sich herausgefordert sah, den Unzufriedenen mit dem dreifachen Zorne, seinem eigenen, dem Hyrkans und dem Cäsars zu drohen, den Unterwürfigen aber große Belohnungen zu verheißen61. Eine versprengte Schar des aristobulischen Heeres, darunter Jerusalemer, hatte sich unter einem Häuptling Ezekia auf dem galiläischen Gebirge zu behaupten gewußt, fügte Römern und Syrern vielen Schaden zu und lauerte nur auf eine Gelegenheit, um die Fahne des Aufstandes gegen Rom zu erheben. Die Römer nannten freilich diese Schar eine Räuberbande und Ezekia einen Räuberhauptmann; aber die Judäer betrachteten sie als die Rächer ihrer Ehre und Freiheit. Sie wurden noch empfindlicher verletzt, als Antipater seinen Söhnen die Verwaltung des Landes übertrug und auf nichts anderes sann, als auf die Machtvergrößerung seines Hauses. Von den vier Söhnen, die ihm die Nabatäerin Kypros geboren hatte, setzte er den ältesten, Phasael, zum Statthalter von Jerusalem und Judäa und den zweiten, den fünfundzwanzigjährigen62 Herodes, zum Statthalter von Galiläa ein.

Dieser junge Mann wurde der böse Dämon für die judäische Nation und schien dazu berufen, sie an allen Gliedern gebunden der [178] Römerherrschaft zu überantworten und ihr den Fuß auf den Nacken zu setzen. Gleich einer unheilschwangeren Wolke warf er bei seinem ersten Auftreten einen düsteren Schatten auf das Leben der Nation, und die Dunkelheit nahm immer zu, bis alles mit dichter Finsternis bedeckt und jeder Glanz erloschen war und alles in wirrem Traume strauchelte und fiel. Treu der ränkevollen Politik seines Vaters, begann Herodes damit, den Römern kriechend zu schmeicheln und die judäischen Gemüter zu verletzen. Um sich die Gunst der Fremdherrschaft zu erwerben und zugleich für die Sicherheit seiner Familie zu sorgen, unternahm er einen Kriegszug gegen die Freischar des Ezekia, machte diesen zum Gefangenen und ließ ihn mit seinen Genossen ohne Verhör und ohne Untersuchung ihrer Vergehen enthaupten. Die Syrer und Römer hatten nicht Worte des Dankes genug für den Räuberbändiger, wie sie ihn nannten. Sextus Cäsar, ein Verwandter des römischen Diktators und von diesem als Statthalter von Syrien eingesetzt (Juli 47 bis etwa Frühjahr 46), überhäufte Herodes wegen dieser Taten mit Gunstbezeugungen. Aber die Vaterlandsfreunde trauerten; sie sahen mit Schrecken, daß sich aus dem Basiliskenei eine giftige Schlange entwickelt hatte, daß Antipaters Söhne ihren Vater an Frechheit noch übertrafen; sie ahnten, daß, wenn den Antipatriden Spielraum gelassen würde, der Nationalkörper sich werde zu Tode verbluten müssen. Schaltete doch die idumäische Familie über die Nationalgüter wie über ihr eigenes Vermögen und verwendete sie dazu, die Zuneigung der Römer zu fesseln. Der Schmerz über die tiefe Demütigung, welche Hyrkan und die Nation durch die Idumäerfamilie erfuhr, gab angesehenen Männern den Mut, den schwachsinnigen König auf seine traurige Lage aufmerksam zu machen. Sie stellten ihm vor, wie seine Würde ein leerer Klang geworden, die Fülle der Macht hingegen sich bei Antipater und seinen Söhnen befände, und wie sie bald ihm selbst Gesetze vorschreiben würden. Sie wiesen auf die Hinrichtung des Ezekia und seiner Genossen als auf eine dem Gesetze zugefügte Verhöhnung hin. Herodes hatte ohne königliche Vollmacht bloß nach eigenem Belieben in die Gerechtsame des Tribunals oder des Königs eingegriffen und ein Todesurteil vollstreckt. Diese Worte hätten wohl kaum einen Eindruck auf den Schwächling Hyrkan gemacht, wenn nicht die Mütter der Erschlagenen sein Herz durch Jammergeschrei zerrissen hätten63. So oft er sich im Tempel blicken ließ, warfen sie sich vor ihm nieder und beschworen ihn unter Wehklagen, den Tod ihrer Söhne nicht ungeahndet zu lassen.

[179] Solchen Bestürmungen konnte Hyrkans schwaches Herz nicht widerstehen, und er erteilte dem Tribunal die Erlaubnis, Herodes vor den Richterstuhl zu laden. Der Gerichtshof, dessen Mitglieder zum größten Teil Herodes' Ankläger bei Hyrkan gewesen waren, säumte nicht, Hyrkan zu veranlassen, den übermütigen Idumäer aufzufordern, sich in einer bestimmten Frist zu stellen und sich wegen der Hinrichtung des Ezekia und seiner Mannen zu rechtfertigen. Antipater aber verfehlte nicht, seinen Sohn von dem drohenden Gewitter, das sich über seinem Haupte zusammenzog, in Kenntnis zu setzen, und ihn zu warnen, nicht ohne sichere Bedeckung in Jerusalem einzutreffen, aber auch nicht zu viel Truppen mitzubringen, um nicht Hyrkan argwöhnisch zu machen. Herodes stellte sich zur bestimmten Frist, aber unter bewaffneter Begleitung, und brachte ein Schreiben von Sextus Cäsar an Hyrkan mit, worin dieser den Ethnarchen für das Leben seines Schützlinges verantwortlich machte. So nahte die Gerichtsverhandlung heran, welche Jerusalem in fieberhafte Spannung versetzte. Von dem Ausgange dieses Prozesses hing sehr viel ab. Als die Mitglieder des Gerichtshofes, in dessen Mitte sich auch Hyrkan befand, ihre Sitze eingenommen hatten, erschien der Angeklagte im Purpurgewand, selbst bewaffnet und von bewaffneten Trabanten umgeben, mit herausfordernder Miene. Bei diesem Anblick entsank den meisten der Mut. Sie fühlten schon das kalte Schwert an ihrem Halse, und selbst diejenigen schlugen die Augen zu Boden, die am meisten Erbitterung gegen ihn gezeigt hatten. Selbst Hyrkan war betroffen. Ein peinliches Stillschweigen trat ein, jeder hielt den Atem an sich. Nur ein einziger fand das Wort, die niedergetretene Würde des Gerichtshofes zu retten, der Synhedrist Schemaja. In ruhiger Haltung sprach er die Worte: »Stehet der auf den Tod Angeklagte nicht da, um uns sofort dem Tode zu weihen, wenn wir das Schuldig über ihn aussprechen? Und doch kann ich ihn weniger tadeln, als euch und den König, daß ihr eine solche Schmähung der Gerechtigkeit duldet. So wisset denn, daß derselbe, vor dem ihr jetzt zittert, euch alle einst dem Henkerbeil überliefern wird«64. Diese Worte rüttelten den Mut und das Gewissen der Richter wieder auf, und sie zeigten sich im nächsten Augenblick ebenso erbittert, als sie früher feige waren. Hyrkan aber fürchtete diesen auflodernden Zorn des Tribunals und befahl, die Sitzung zu vertagen. Inzwischen entzog sich Herodes auf Hyrkans Rat der gegen ihn gerichteten Feindseligkeit und kehrte nach Damaskus zurück, wo ihn Sextus Cäsar mit offenen Armen aufnahm und ihn zum Statthalter von Cölesyrien ernannte (46). [180] Mit Ehren überhäuft, war Herodes im Begriffe, die ihm angetane Schmach, ihn wegen seiner Handlungsweise zur Verantwortung gezogen zu haben, an seinem Herrn und den Richtern blutig zu rächen. Nur mit Mühe konnten ihn sein Vater und sein milder gesinnter Bruder Phasael von diesem Vorhaben abbringen. Aber er grub die Rache tief in sein Herz, um sie später auszuführen.

Die tiefgreifende Erschütterung, welche die Ermordung Cäsars (März 44) nach sich zog, brachte Judäa nur neue Drangsale, und mit Recht waren die Judäer Roms über Cäsars Tod so untröstlich, daß sie mehrere Nächte hindurch bei seinem Aschenhügel trauerten65. Für Rom waren die krampfhaften Zuckungen, die blutigen Kriege, die Proskriptionen nichts weiter, als die schweren Geburtswehen einer neuen Ordnung der Dinge; für Judäa hingegen, das die Wirkungen derselben nicht minder verspürte, waren sie gewissermaßen die Anzeichen eines auflösenden Siechtums. Wie an vielen Punkten des römischen Reiches, so verdrängten auch in Judäa die republikanischen Gewalthaber die cäsarianische Partei, um ihr bald darauf wieder das Feld zu räumen. Der Republikaner Cassius Longinus war (Herbst 44) nach Syrien gekommen, um Legionen und Geld aufzutreiben. Auch in Judäa drang er ein, weil es hieß, daß von den Cäsar anhänglichen Legionen in Ägypten Scharen in dieses Land gezogen wären, um an den Mördern den Tod ihres bewunderten Helden zu rächen66. Hauptsächlich war es aber Cassius um Brandschatzung zu tun. Denn nach seiner Meinung gab es keine reichere Goldmine als Judäa. War er ja Zeuge gewesen wie Crassus erstaunliche Summen aus dem Tempel zu Jerusalem fortgeschleppt hatte.

Freilich hatte Cassius vergessen in Rechnung zu bringen, daß die idumäischen Vormünder von den Römern gelernt hatten, Schätze zu heben und flüssig zu machen. Es war daher unter den damaligen Umständen nicht mehr so leicht, die siebenhundert Talente zu erschwingen die Cassius in der kürzesten Zeit herbeizuschaffen befohlen hatte. Antipater mußte vielmehr, um sich mit den Machthabern des Tages in gutem Einvernehmen zu erhalten, das Eintreiben der auferlegten Summe unter seine Söhne und Freunde und einen der treuen Freunde Hyrkans, Malich, verteilen. Die ersteren, besonders Herodes, entwickelten einen erstaunlichen Eifer, ihren Anteil von den Bewohnern der ihnen untergebenen Landesteile zu erpressen und schnell an Cassius abzuliefern. Herodes bewarb sich um die Gunst der Republikaner ebenso eifrig, wie er vorher und nachher um die Huld ihrer Gegner gebuhlt hat. Malich [181] aber, der zu spät zur Einsicht gekommen war, wieviel Unheil die knechtische Nachgibigkeit gegen Rom über Judäa gebracht hatte, zögerte damit, teils um die ausgesogenen Bewohner zu schonen, teils um einen Wechsel der Dinge abzuwarten; allein Cassius hatte Eile, jeder Augenblick konnte ihm die Machtvollkommenheit entreißen, mit welcher er jetzt in Syrien über Menschen und Verhältnisse verfügte. Er ließ daher die Einwohner von vier Städten des judäischen Südens, Gophna, Emmaus, Lydda und Thamna fesseln und als Sklaven verkaufen und ihre Besitztümer konfiszieren. So wiederholten sich die traurigen Szenen aus der Zeit der schwachen israelitischen Könige. Freie Söhne Judas mußten Sklavendienste verrichten in Antiochien und in den phönizischen Städten Tyrus, Sidon und Aradus67. Auch den saumseligen Malich hätte er seinen Zorn empfinden lassen, wenn sich nicht Hyrkan ins Mittel gelegt und ein Lösegeld für ihn aus seinem Privatvermögen hergegeben hätte, weil Malich der einzige war, der es mit Hyrkan treu meinte.

Milde und gut war dieser letzte der Hasmonäerfür sten, und wo er konnte, war er bestrebt, in den drangsalsvollen Zeiten seinen Glaubensgenossen Hilfe zu leisten und ihr Los zu mildern. In dem Bürgerkriege, der nach Cäsars Tode zwischen seinen Mördern und Anhängern ausbrach, in den besonders die Provinzen Kleinasiens und Syrien hineingezogen wurden, betrieb Publius Dolabella die Sammlung einer Truppenmacht in den kleinasiatischen Städten. Die Judäer in denselben sollten ebenfalls ausgehoben werden. Da schickte Hyrkan einen Gesandten an ihn, Alexander, Sohn des Theodoros, – gewiß nicht ohne bedeutende Geldsummen – mit dem Gesuche, die Judäer von dem Kriegsdienste zu befreien, da sie diesem nicht ohne Verletzung ihrer Religion obliegen könnten. Und Dolabella bewilligte die Bitte und richtete an die kleinasiatischen Städte, wo Judäer angesiedelt waren, ein Rundschreiben, sie von dem blutigen Handwerk zu befreien (März 43)68. Ja, milde und edel war Hyrkan, leider aber nur zu schwach gegen diejenigen, die ihn umgarnten und auch die geringe Macht, die er noch besaß, seinen Händen entwinden wollten.

Aber endlich war auch den blöden Augen dieses unglücklichen Schattenkönigs offenkundig geworden, daß die Idumäer, unter dem Deckmantel warmer Dienstbeflissenheit für ihn, in Wahrheit nur ihrer eigenen Selbstsucht dienten. Er fing daher an mißtrauisch gegen sie zu werden, und suchte sich, da er immer eine Stütze brauchte, an [182] Malich anzulehnen. Und doch wußte Hyrkan noch nichts von dem teuflischen Anschlage, den die idumäischen Emporkömmlinge gerade in jenem Augenblicke gegen ihn im Schilde führten. Aber Malich wußte es und gedachte dem zuvorzukommen. Es war nämlich zwischen Cassius und Herodes heimlich der Plan verabredet worden, daß Hyrkan entthront und Herodes von den Römern als König von Judäa anerkannt69 und von den Legionen gegen etwaigen Widerstand unterstützt werden sollte. So geheim aber auch der Anschlag gehalten worden war, so hatte doch Malich Wind davon bekommen; allein er besaß kein Mittel ihm offen entgegenzutreten, und mußte ebenfalls zu heimlicher Verschwörung seine Zuflucht nehmen. Er ließ bei einem Mahle, das Hyrkan seinen Getreuen gab, Gift in die für Antipater bestimmte Schüssel werfen, woran dieser starb (März 43). Er lebte nämlich in dem Wahne, daß mit dem Tode des alten Ränkeschmiedes die Wurzel des Übels abgeschnitten sein werde. Darin aber hatte er sich getäuscht. Herodes war seinem Vater nicht nur an Entschlossenheit und Frechheit, sondern auch an Verstellungskunst überlegen. So sehr Malich sich auch vor Antipaters Söhnen, um sie sorglos zu machen, von dem Verdachte der Vergiftung zu reinigen Mühe gab, so viele Tränen des tiefsten Leides er auch über den Tod des »Wohltäters« der judäischen Nation heuchelte, und so sehr auch sie sich den Schein gaben, als glaubten sie seinen Worten, so lauerten sie doch auf das Leben dessen, an dem sie den Tod ihres Vaters zu rächen und ein Hindernis für ihre ehrgeizigen Pläne zu beseitigen hatten.

Der heißblütige Herodes gedachte mit einem Schlage Malich und auch den Scheinkönig zu beseitigen. Gegen die Warnung seines älteren, besonneneren Bruders wollte er mit einer bewaffneten Schar in Jerusalem eindringen und sich der Hauptstadt bemächtigen. Cassius hatte ihm nämlich eine bedeutende Macht anvertraut, angeworbenes Fußvolk und Reiterei überlassen und selbst Kriegsschiffe zur Verfügung gestellt und ihn zum Hauptmann über Cölesyrien ernannt. Einen Teil dieser Krieger führte er gegen Jerusalem. Auf Malichs Rat untersagte ihm aber Hyrkan den Einzug. Er tat dies jedoch nicht mit Herrenstrenge, sondern unter dem Vorwande, daß es wegen des bevorstehenden Passahfestes unstatthaft sei, heidnische Truppen in die heilige Stadt zu bringen, weil dadurch eine Verunreinigung des Opfers erfolgen und die Opferhandlung gestört werden könnte. Herodes kümmerte sich indessen wenig um diese Skrupel, drang in der Nacht in Jerusalem ein und gedachte seinen Plan auszuführen. Allein sei es, daß er Widerstand von seiten[183] des zum Feste versammelten Volkes oder von der Leibwache, mit der sich Malich umgeben hatte, befürchtete: er unternahm für den Augenblick nichts Feindseliges70.

Alle Teile des römischen Reiches waren damals bei dem neuen Bürgerkriege in großer Aufregung. Jedes Land und jeder Fürst oder Teilfürst gedachte von einer der gegeneinander erbitterten Parteien Gewinn zu ziehen.

Gegen Cassius, den Beschützer der Söhne Antipaters, war der mit den Cäsarianern verbündete Dolabella in Syrien eingetroffen, von dem Hyrkan die Befreiung der kleinasiatischen Judäer vom Kriegsdienste erlangt hatte (o. S. 182). Auf ihn hatte, wenn auch nicht der kurzsichtige Fürst, so doch Malich gerechnet. Siegte er, so war Herodes als Cassius Parteigänger verloren. Nun hatte damals die berüchtigte Buhlerin Kleopatra von Ägypten für Dolabella Hilfstruppen nach Syrien gesandt, die wahrscheinlich ihren Zug durch Judäa nehmen sollten. Wie, wenn sich die Waffenfähigen in Judäa mit diesen verbänden? Allerdings von Hyrkan war nicht zu fürchten, daß er einen solchen Plan hätte fassen oder ausführen sollen. Aber Malich war wohl imstande, Judäa für die Cäsarianer aufzustacheln. Darum fürchtete ihn nicht bloß Herodes, sondern auch der bis dahin siegreiche Führer der Republikaner, Cassius, der Dolabella in Laodicea belagerte. Beide verabredeten, diesen Patrioten und treuen Freund Hyrkans durch Gewalt oder List ums Leben zu bringen.

Bei einem Mahle in Tyrus, wohin Malich zur Befreiung seines Sohnes gekommen war, fielen einige römische Legionare auf Herodes Befehl über Malich her und schlugen ihn nieder. Hyrkan, der bei der Nachricht von Malichs Tod in Ohnmacht fiel, ließ sich von Herodes glauben machen, dieser Tod sei auf Cassius Befehl erfolgt. Und so feigherzig war dieser unglückliche Fürst, daß er den Mann, den er im Herzen als einen treuen Freund beweinte, öffentlich als einen Vaterlandsverräter brandmarkte, der den Tod verdient habe71.

Der Riesenkampf im römischen Reiche um den Fortbestand der Republik oder die Einführung der Monarchie brachte, wie gesagt, den Judäern Leid und Plage. In den Provinzen wechselten die Befehlshaber bald von der einen, bald von der anderen Partei, und sie alle erpreßten mit gleicher Härte Brandschatzung und Aushebung für den Krieg.

Der Republikaner Brutus machte es in Kleinasien nicht glimpflicher, als es der Cäsarianer Dolabella und als es Cassius in Judäa [184] gemacht hatte. Die Judäer in den kleinasiatischen Städten waren um so übler daran, als die verworfenen Griechen die Störung der staatlichen Ordnung benutzten, um sie zu drücken und selbst ihre religiösen Übungen zu stören. Vergessen hatten sie die für die Religionsfreiheit der Judäer erlassenen Dekrete von Lentulus, Cäsar und Dolabella, als der letztere kaum abgezogen war. Die Judäer in der Hauptstadt Ephesus, denen der Rat wiederum verboten hatte, den Sabbat zu heiligen und sogar Strafgelder wegen der Beobachtung ihrer Religion aufgelegt hatte, wandten sich in ihrer Not an den damals in Kleinasien weilenden Brutus und erlangten von ihm die Erlaubnis, nach ihren Gesetzen zu leben (4272). Brutus war für Geldgeschenke, wenn sie reichlich waren, nicht eben unempfindlich. Aber dieses neue Dekret für die Religionsfreiheit wurde nur so lange beobachtet, bis sich Brutus mit Cassius vereinigte, um den entscheidenden Krieg gegen die Cäsarianer zu führen.

Nach Cassius Abzuge aus Syrien zu eben diesem Kriege waren die Patrioten in Judäa eifrig daran, den idumäischen Brüdern ihre Macht zu entwinden, da ihr Beschützer ihnen nicht mehr beistehen konnte. Malichs Bruder nahm die Feindseligkeit gegen sie auf und bemächtigte sich, nicht ohne Hyrkans Wissen, einiger Festungen. Ein gewisser Felix, der eine Schar fremder Krieger befehligte, befehdete mit Hilfe judäischer Bewaffneter Phasaël in Jerusalem. Von einer anderen Seite mischte sich ein Verwandter des hasmonäischen Hauses Ptolemäus, Fürst von Calchis, ein, der die Tochter des unglücklichen Aristobul geheiratet hatte (o. S. 173). Dieser faßte den Plan ins Auge, seinen Schwager Antigonos, Aristobuls übriggebliebenen Sohn, zum König von Judäa ernennen zu lassen. Dafür gewann er den römischen Statthalter in Syrien Fabius und einen der Stattherren, den Cassius eingesetzt hatte, um die Provinzialverbände in Syrien und Phönicien zu sprengen. Dieser sogenannte Tyrann von Tyrus, Namens Marion, ließ sich um so eher von Ptolemäus gewinnen, als er nicht minder Herodes haßte. Diese Verbindung gegen die Judäer schien für den Augenblick einen günstigen Erfolg zu versprechen, um so mehr, als Herodes gerade zurzeit erkrankte. Marion bemächtigte sich dreier Festungen in Galiläa, um von diesen aus den Kampf zu beginnen. Allein kaum war Herodes genesen, so zerstob der Plan wie eine Seifenblase. Die Idumäer siegten über ihre Feinde, und Herodes mußte von Hyrkan bei seinem Einzuge in Jerusalem mit der Siegespalme bekränzt werden73. Um sich der Furcht vor diesem Mächtigen zu entschlagen, wollte ihn [185] Hyrkan an sein Haus fesseln und verlobte ihm seine Enkelin, die wegen ihrer Schönheit so berühmte und später so unglückliche Mariamne (Mariamme74). Das Schlachtopfer sollte mit dem Henker durch eheliche Bande vereint werden. Alexandra, ihre Mutter, betrieb dieses so tränenreiche Bündnis, uneingedenk dessen, daß der Vater der Braut, Alexander, durch die Ränke des Vaters des Bräutigams sein Leben unter dem Beile ausgehaucht hatte – ein unsäglich schreckliches Verhängnis für die Hasmonäerfamilie. So sehr überhäufte das Glück die Idumäer mit seinen Gunstbezeugungen, daß alle Wechselfälle in der damaligen politischen Welt, so sehr sie auch dem Anscheine nach ihnen nachteilig zu werden drohten, ihnen nur noch größere Macht verliehen. Das republikanische Heer war bei Philippi völlig geschlagen (im Spätherbst 42), die Führer Brutus und Cassius hatten sich entleibt, die römische Welt lag dem zweiten Triumvirat Octavian, Cäsars Neffen, Antonius und Lepidus zu Füßen. Wie zitterten Herodes und Phasaël vor den Folgen dieses Umschwunges für sich! Hatten sie ja für die Gegner des Triumvirats und besonders für Cassius den größten Eifer an den Tag gelegt. Außerdem waren die judäischen Großen zu dem Sieger Antonius nach Bithynien geeilt, um bei ihm wegen der Anmaßung der idumäischen Brüder Klage zu führen. Aber Herodes wußte bald die Wolken zu zerstreuen. Auch er erschien vor Antonius mit glatter Zunge und blankem Gelde, und infolgedessen erinnerte sich Antonius, daß er früher Antipaters Gastfreundschaft genossen hatte. Mehr noch als dies mochten ihn die Geschmeidigkeit und die Brauchbarkeit des vielgewandten Herodes zu der für diesen so günstigen Entscheidung bestimmt haben. Er wies die Ankläger ab und entließ Herodes mit Ehrenbezeigungen. Hyrkan aber wagte keine Klage gegen Herodes zu führen und erwirkte nur so viel durch das Huldigungsgeschenk einer goldenen Krone vermittels dreier Gesandten, Lysimachos, Sohnes des Pausanias, Joseph, Sohnes des Mennaios, und Alexander, Sohnes des Theodoros, daß die durch Cassius Gewalt zu Sklaven verkauften Judäer wieder in Freiheit gesetzt und ihnen ihre Ländereien zurückerstattet wurden (41). Die Stimme der Nation, die sich wiederholentlich durch Gesandtschaften vernehmlich machte, wurde nicht gehört. Eine Gesandtschaft von hundert Personen, die vor Antonius in Daphne bei Antiochien erschien, hörte er kaum an und ließ fünfzehn davon in den Kerker werfen, zumal der ebenfalls anwesende Hyrkan selbst auf Antonius Frage erklärte, daß die idumäischen Brüder allein regierungsfähig seien. Eine noch zahlreichere von tausend angesehenen [186] Männern, welche sich nicht beruhigen konnten, daß die Nation den idumäischen Machthabern preisgegeben sein sollte, suchte abermals Antonius in Tyrus auf. Aber sie fand ihn nicht, sondern seinen Vertreter und Herodes mit Hyrkan. Sie wurde von den Römern teils getötet, teils in Fesseln geschlagen. Die Gefesselten ließ Antonius später ebenfalls hinrichten. Die beiden Brüder aber ernannte er zu Verwaltern von Judäa unter dem Titel Tetrarchen (Vierfürsten) 4175.

Einmal schien es, als wenn das Glück den idumäischen Brüdern den Rücken kehren und das gesunkene hasmonäische Haus wieder emporheben wollte. Die Parther, von dem flüchtig gewordenen römischen Republikaner Labienus aufgestachelt, hatten unter dem Königssohne Pacorus und dem Feldherrn Barzapharnes einen glücklichen Einfall in Syrien und Kleinasien gemacht, während Mark Antonius in den Armen der verführerischen Königin Kleopatra schwelgte. Waren die Parther schon an sich gegen die Idumäer, Herodes und Phasaël, als Bundesgenossen der Römer, eingenommen, so wurden sie es noch mehr durch Lysanias, den Sohn des mit dem aristobulischen Hause verschwägerten Ptolemäus, welcher den parthischen Feldherren große Summen versprochen hatte, wenn sie die verhaßten Brüder aus dem Wege räumen, Hyrkan entthronen und dem letzten Sprößling der hasmonäischen Familie, Antigonos, die Krone aufsetzen würden. Die Parther willigten ein und zogen in zwei Abteilungen am Meeresstrande und durch das Binnenland auf Jerusalem zu. Am Berge Karmel stießen viele Judäer zum parthischen Heere und erboten sich als Mitkämpfer für die Befreiung vom Joche der Eindringlinge. Die Schar der judäischen Kämpfer wuchs mit jedem Schritte; da ihnen aber der Marsch der parthischen Vorhut zu langsam schien, eilten sie ihr nach Jerusalem zuvor und, mit vielen Jerusalemern vereinigt, belagerten diese Patrioten den Palast der Hasmo näer. Herodes, der damals in der Hauptstadt anwesend war, vertrieb sie zwar in Gemeinschaft mit Phasaël; aber sie warfen sich auf den Tempelberg, und das niedrige Volk Jerusalems, obwohl unbewaffnet, unterstützte die Kämpfer für Antigonos. Indessen nahte das Wochenfest (40) heran, und eine Menge Volkes aus allen Teilen Judäas strömte nach der Hauptstadt, und diese alle nahmen Partei für Antigonos. Die Antigonianer hatten die Stadtteile inne, die idumäische Partei war auf den Palast und die Zitadelle der Festung beschränkt76. Indessen rückte Pacorus, Mundschenk des Königs, in Jerusalem ein, hielt aber noch mit dem letzten Worte zurück und verfuhr noch friedlich gegen die idumäischen Brüder. Er überredete Hyrkan [187] und Phasaël sich als Gesandte zu Barzaphernes zu begeben, um mit demselben die streitigen Angelegenheiten zu schlichten; Herodes aber ließ er nicht aus den Augen. Als die Gesandten vor dem parthischen Feldherrn in Ekdippa (Kesib) erschienen waren, wurden sie sofort in Fesseln geworfen; Phasaël entleibte sich selbst, und Hyrkan wurde als Gefangener zurückgehalten, nachdem ihm die Ohren verstümmelt worden, um ihn künftighin zum Hohenpriester untauglich zu machen. Auch Herodes sollte durch List gefangen genommen werden; aber von den Getreuen, die sein Bruder ihm zugeschickt, gewarnt, entzog er sich der Gefangenschaft durch die Flucht in dunkler Nacht. Er hatte die weiblichen Glieder seiner Familie und seine Braut Mariamne mitgeführt, und eilte auf die Feste Masada zu, wo er die Frauen unter Aufsicht seines Bruders Joseph zurückließ, um sich von da weiter zu begeben. Die Verwünschungen des Volkes folgten ihm nach. Antigonos wurde sofort zum König von Judäa eingesetzt. Den Schattenkönig Hyrkan führten die Parther nach Babylonien77. Antigonos, mit dem hebräischen Namen Mattathia, fühlte sich als König: er ließ Münzen schlagen mit seinem hebräischen und griechischen Namen: »Mattathia, der Hohepriester und die Gemeinde der Judäer«, auch »König Antigonos«, im Kranze einen blühenden Stengel oder ein Füllhorn als Emblem78. Die parthischen Hilfstruppen waren abgezogen, die römische Besatzung, welche noch in einigen Festungen zurückgeblieben war, vernichtete Antigonos79. So war Judäa wieder von fremden Truppen gesäubert und konnte sich einen Augenblick dem süßen Traume wiedererlangter Unabhängigkeit nach fast dreißig schweren Jahren innerer Reibungen und blutiger Kämpfe hingeben.


Fußnoten

1 Joma 9 b.


2 R. Nathan, Synhedrin 97 b, s. Raschi das.


3 Wenn die von de Saulcy beschriebene Münze ΑΣΙΛΕΩΣ mit einem Anker auf der einen Seite und ןנ מה mit einem Stern auf der andern richtig gelesen ist: ךלמה ןנחוהי (Num. chron. 1871, p. 242, No. 47), so würde daraus folgen, daß Hyrkan II. auch Jochanan genannt war. Denn Johan Hyrkan I. führte in den von ihm vorhandenen Münzen nicht den Titel ךלמה. Dann müßte aber diese Münze in den ersten 3 Monaten seiner Regierung geschlagen sein. Denn nach dieser Zeit wurde er von seinem Bruder abgesetzt (vergl. weiter), und nach Aristobuls Beseitigung ließen ihm die Römer nicht den Königstitel. [Vergl. hierzu Merzbachers Abhandlung in der Zeitschr. für Numismatik III (1876), 197 ff. und Schürers I3, 285, Anm. 30, Bemerkung dazu.]


4 Josephus jüd. Krieg I, 5, 4.


5 Josephus gibt bei diesen Tatsachen, Altert. XIV, 1, 2, genaue Daten an; es ist die Frage, ob sie ganz zuverlässig sind. Hyrkan habe nach dem Tode der Mutter die Hohepriesterwürde im dritten Jahre der 177. Olymp. erlangt; das wäre 70-69 ante. Er fügt aber hinzu: während des Konsulats des Hortensius und Metellus, d.h. von Januar 69 an. Allerdings kann dieses noch immer in 177, 3. Olymp. fallen. An einer anderen Stelle, XV, 6, 4, gibt er an, Hyrkan habe die Herrschaft nach dem Tode der Mutter nur 3 Monate inne gehabt: κατασχὼν τρεῖς μῆνας. Diese 3 Monate müßten also im Verlaufe des Jahres 69 angesetzt werden. In XX, 10 berichtet er: als Aristobul 3 Jahre und 3 Monate die Hohepriesterwürde inne gehabt, habe Pompejus nach Eroberung Jerusalems dieselbe dem Hyrkan wieder überlassen. Pompejus Eroberung Jerusalems fällt Sommer oder Herbst 63. 3 Jahre 3 Monate zurückgerechnet, fiele Aristobuls Funktion als Hoherpriester etwa Frühjahr 66. Wer war von 69 bis 66 Hoherpriester? Doch wohl Hyrkan. Damit wäre die Angabe des arabischen Makkabäerbuches c. 34 bestätigt, daß der Ausgleich zwischen den Brüdern der Art war, daß Hyrkan die Hohepriesterwürde behalten sollte. Er hätte sie demnach 69-66 inne gehabt, und sie könnte ihm entrissen worden sein, als er zu Aretas entflohen war. Die Angabe bei Joseph., daß Hyrkan nach dem Vertrag ἰδιώτƞς, Privatmann geblieben oder ζῆν ἀπραγμόνως spricht nicht gerade dagegen; es bedeutet: ohne Herrscherrecht und Macht. [S. jedoch Schürer I3, 291].


6 Josephus Altert. XIV, 1, 3; jüd. Kr. I, 6, 2. Der Ausdruck ὃν ... στρατƞγὸν ἀποδειξάντων bezieht sich auf Antipater und nicht auf seinen Vater.


7 Das. Altert. 1, 3-5.


8 Das. [Die Namen sind sehr unsicher. Vergl. den Textbefund bei Niese, a.a.O.].


9 Josephus Altert. XIV, 2, 1.


10 Das.


11 S. Note 15.


12 Josephus Altert. XIV, 2, 1.


13 S. Note 15.


14 Das. Altert. XIV, 2, 3. Statt Παπυρῶνα oder Παπυροῠν hat Epiphanius die L.-A. Καπυρών, das doch eher semitisch klingt.


15 Folgt aus Joseph. das. 3, 2 τάς τε καταδρομὰς ... καὶ τὰ πειρατἠρια τὰ ἐν τῇ ϑαλάττῃ τοῠτον (Ἀριστόβ.) εἶναι τὸν συστἠσαντα.


16 Strabo bei Joseph. das 3, 1. Die Inschrift lautet nach den meisten Handschr. Ἀλεξάνδρου und nicht τοῠ Ἀριστοβούλου τοῠ Ἀλεξάνδρου.


17 Middot 3, 8.


18 Joseph. Altert. XIV, 3, 2. Allerdings waren die letzten Hasmonäer infolge von Alexanders Untaten und infolge des Bruderkrieges bei den geistigen Führern des Bolkes mißliebig geworden (vgl. o. S. 125). Wenn aber Geiger (Urschrift 205) dieses aus einer Stelle im Jerusch. (Taanit IV, p. 58 d) beweisen zu können vermeinte, daß man der Priesterabteilung Jojarib, aus welcher die Hasmonäer hervorgingen, einen schmähenden Beinamen beigelegt habe, und Derenburg ihm folgt und eine selbständige Deutung für die Stelle versucht, so haben Beide sie mißverstanden. Sie haben sie überhaupt unvollständig zitiert Sie lautet nämlich: יוברסמ ,התרק ןורימ, דרבג ביריוהי :יול 'ר רמא לע וינב םע בירה הי ,ביריוהי הוכרב ר"א :אייאנשל אתיוב רסמ הקומע הציע הי עדי .םירופיצ קומע היעדי .וב וברסו ורמש ןירופיצל םלגדו םבילבש. Verständlich wird diese Stelle durch eine Kalirische Kinah (הבשי הכיא). In derselben werden die Schicksale der 24 Priesterklassen bei der Tempelzerstörung mitgeteilt, die ihren Wohnsitz in je einer Stadt hatten. Die Kinah ist ohne Zweifel einem Midrasch entnommen, in welchem die Ephemeriden und die Städte aufgezählt waren. Die ersten zwei Städte lauten: ןורמ יברסמ und םירופצ, dabei ינהכ, und die letzten ןימלצ und הירא. Die erste Priesterabteilung Jojarib hatte ihren Sitz in Meron, das noch den Beinamen hatte אייברסמ, die zweite Jedaja in Sepphoris. Die erstere hieß vollständig אייברסמ ןורימ ביריוהי und die zweite םירופצ קומע היעדי. Diese Namen werden in Jerus. z. St. agadisch gedeutet, die Deutung bezieht sich aber nicht auf die Hasmonäer, sondern auf den Untergang der 24 Ephemeriden.


19 Josephus Altert. XIV, 3, 3-4; 4, 1.


20 Josephus Altert. XIV, 4, 2-3. Das περὶ τρίτον μῆνα ist offenbar echt und aus judäischer Quelle geschöpft, demnach kann das νƞστείας ἡμέρα nicht auf den Versöhnungstag, sondern [muß] auf einen einfachen Sabbat bezogen werden. Josephus (XVI, 2, 40) hat das letztere Wort von Strabo oder Nicolaos, seinen Quellen, beibehalten, die den Sabbat für ein jejunium hielten, weil an demselben keine warmen Speisen vorkamen. Richtig setzt daher Dio. Cassius die Einnahme Jerusalems an einem Sabbate an (ἐν τῇ τοῠ Κρόνου ἡμέρᾳ, 37, 16). Allerdings berichtet Joseph. selbst (jüd. Krieg I, 7, 4; V, 9, 4), daß Jerusalem im 3. Monate der Belagerung eingenommen wurde: »τρίτῳ μƞνὶ τῆς πολιορκίας«. Aber da er in den Altert. diese Beifügung πολιορκίας nicht hat, so wollte er offenbar »den dritten Monat« des Jahres bezeichnen und auch hier, wie öfter, seine früheren Angaben selbst berichtigen. Die Belagerung braucht nicht drei Monate gedauert zu haben, denn auch in einer kürzeren Zeit konnten die vervollkommneten römischen Belagerungsmaschinen einen Turm der nördlichen Tempelseite erschüttern und eine Bresche machen. Es ist auch nicht denkbar, daß vom Zuge Pompejus im Beginne des Frühlings bis zur Einnahme, etwa im September, sich 7 Monate hingezogen haben sollten. Damit sind die Einwürfe erledigt, welche Schürer (S. 137, N.) gegen »den dritten Monat« vorgebracht hat. Schürer selbst setzt die Einnahme Jerusalems unter Herodes in den dritten Monat des jüd. Jahres, im Juli (S. 187, N), nach Herzfeld an. Nun gibt Josephus selbst an, daß beide Eroberungen an einem und demselben Tage stattgefunden haben (Altertum XIV, 16, 4): ὤοπερ.. ἐπὶ Πομπƞὶου.. τῇ αἰτῇ ἡμέρᾳ. Die Eroberung unter Herodes kann aber nicht am Feste des Fasttages, des Versöhnungstages, stattgefunden haben, also auch nicht die erste unter Pompejus. Bei beiden kann also τῷ τρὶτῳ μƞνὶ nur bedeuten, im dritten Monate des Jahres, von Nissan an gezählt. [Nichtsdestoweniger scheinen Schürers (I3, S. 298, Anm. 23) Argumente für die Eroberung des Tempels im Spätherbst durchschlagend zu sein.]


21 Tacitus historiae V, 9.


22 Josephus Altert. XIV, 4, 4.


23 Das. XX, 10.


24 Das. XIV, 4, 4. Jüd. Kr. I, 7, 6.


25 Das Tributverhältnis Judäas in der Zeit zwischen Pompejus Eroberung und Cäsars milder Gesetzgebung bezüglich desselben ist dunkel. Josephus Angabe ist unbestimmt. Jüd. Krieg I, 7, 6 ist nur angegeben, daß Pompejus dem Lande und Jerusalem Tribut aufgelegt habe: τῇ τε χώρᾳ καὶ τοῖς Ιεροσολύμοις ἐπιτάσσει φόρον. Noch kürzer und unbestimmter Altert. XIV, 4, 4 καὶ τὰ μὲν `Γεροσόλυμα ὑποτελῆ φόρου Ῥωμαίοις ἐποίƞσεν. Aus Ciceros Rede pro Flacco 28 geht hervor, daß ein Pachtverhältnis der Ländereien eingeführt war; er sagt von dem Lande nach Pompejus Eroberung aus: quod victa, quod elocata, d.h. verpachtet war. Dasselbe scheint auch aus einem Erlasse Cäsars hervorzugehen (Altert. XIV, 10, 5): ὅπως τε Ἰουδαίοις ἐν τῷ δευτέρῳ τῆς μισϑώσεως [ἔτει] τῆς προσόδου κόρον ὑπεξέλωνται καὶ μἠτε ἐργολαβῶσί τινες. Vergl. Note 9.


26 Jos. das. Vergl. Schürer, a.a.O., S. 138 [jetzt I3, 299].


27 Jos. das. 4, 5.


28 Philo, Gesandtschaft an Cajus 23, M II, 568. Tacitus Annalen 2, 85. Apostelgeschichte 6, 9.


29 Philo, das. Basnage, Histoire des juifs T. IV, p. 1047 ff. [W. Freund in] Frankels Monatsschrift, Jahrg. III, S. 438.


30 Pesachim 53 a.


31 Cicero pro Flacco 28. Der unverständliche Schlußsatz in dieser Rede: quod servata soll eine Interpolation eines jüdischen oder christlichen Apologeten sein (Bernays, im rheinischen Museum, Jahrg. XII, S. 464).


32 Jos. Altert. XIV, 5, 2; j. Kr. I, 8, 2. Die Vorgänge, welche in diesem Kapitel erzählt werden, die Flucht Hyrkans aus Jerusalem, Alexanders Unternehmen, Jerusalem zu befestigen, die Befestigung der Kastelle und Alexanders Niederlage können unmöglich im 1. Jahr von Gabinius syrischem Prokonsulat 57 vorgegangen sein, sondern müssen zum Teil unter das seines Vorgängers Lentulus Marcellinus fallen, der nach Appian de rebb. Syr. 51, gegen die Nabatäer kämpfte.


33 Bei Merzbacher, Untersuchung über althebr. Münzen S. 207, ist eine Reihe von Münzen aus de Saulcys Werk und andern Sammlungen zusammengestellt, welche Alexanders Namen tragen, aber nach Typus und andern Eigenheiten nicht Alexander I. angehören können. Sie werden daher mit Recht Alexander II. beigelegt Deutlich hat eine derselben die Legende ΒΑ ... ΩΣ ΑΑΕΞΑΝΔ.. U (βασιλέως Ἀλεξάνδρου) auf der einen Seite und auf der andern שערצכלע. Eine andere hat.. ΑΛΕΞΑΝ ... und hebr. נשערדצל. Der Name mit hebr. Buchstaben lautet also, wenn ergänzt: שערדצכלע Alexandros (y = o). Ein drittes Exemplar hat noch die hebr. Buchstaben כ .ןתנוי ... . Daraus folgt, daß Alexander II., hebr. ןתנוי, ebenfalls Münzen geprägt hat, und zwar kann dieses nur während der Jahre 59-57 geschehen sein, ehe er von Gabinius besiegt wurde. Damals, als er Jerusalem inne hatte, konnte er sich als König und Hohepriester gerieren.


34 Jos. Altert. XIV, 5, 4. [Von einem fußfälligen Bitten ist weder hier noch jüd. Kr. I, 8, 5 die Rede.]


35 Josephus Altert. XIV, 5, 1-3. Ekhel, Doctrina nummorum III, 345 ff. [Die Sachlage war doch anders, vergl. Schürer II3, 133. 151.]


36 Jos. das. 5, 4 und Parall. j. Kr. Statt Gadara im Texte gibt Menkes Bibelatlas richtig Gazara (רזג) an, da das erstere von Pompejus dem Gadarenser Demetrios zugeteilt worden war, also nicht mehr zu Judäa gehörte. Aber auch die L.-A. Amathus kann nicht richtig sein, da diese Stadt erst von Alexander Jannaï erobert worden war, also keine oder nur eine geringe judäische Bevölkerung hatte, und sich nicht zum Sitze eines judäischen Synhedrion eignen konnte. Ich lese daher Ἀμμαῠς statt Ἀμαϑοῠς. [Amathus war jedoch (Altert. XIII, 13, 3) »μέγιστον ἔρυμα τῶν ὑπὲρ τὸν Ἰορδάνƞν κατῳκƞμένων«, wie Schürer I3, 279 mit Recht geltend macht.]


37 So wohl richtig Wieseler, Beiträge zur richtigen Würdigung der Evangelien, S. 224.


38 Abot 1, 10. תושרל עדזתת לאו bedeutet, wie das griechische ἐξουσία die weltliche Macht.


39 Das. 11.


40 Note 16.


41 Pesachim 66 a: Jom-Tob 25 a; Jebamot 67 a; Edijot I, 3.


42 Pesachim 66 a. Vergl. 70 b.


43 Pesachim 66 a. Vergl. 70 b.


44 Wie angegeben (Note 3, Nr. 15) war das Purimfest zur Zeit der Abfassung des ersten Makkab. nicht bekannt, wohl aber zur Zeit der Abf. des II. Makkabb. Zur Zeit Hillels wurde das Buch Esther bereits in den Kanon aufgenommen (Note 17). Im Talmud Megilla 7 a ist noch eine Erinnerung geblieben, daß das Einführen des Purim-Festes Bedenken erregt hat.


45 Josephus Altert. XIV, 6, 1. I. Kr. I, 8, 7.


46 Josephus Altert. das. 7, 2. Ob die 800 Talente, welche die kleinasiatischen Judäer bei der Nachricht von Mithridates' Vertilgungskrieg gegen die Römer zur Sicherheit nach der Insel Kos gebracht hatten, von heiligen Spenden herrührten, ist zweifelhaft.


47 Josephus Altert. XIV, 7, 1.


48 Das. 7, 3.


49 Josephus Altert. XIV. 7, 4.


50 Das. 7, 4.


51 Vergl. Note 9 II.


52 Appian, bellum civile II, 71.


53 Jos. Altert. 8, 1-2.


54 Das. 8, 3-4.


55 Note 9.


56 Vergl. Note 9.


57 Note 9 II.


58 Dieselbe Note, vergl. Monatsschrift, Jahrg. 1886, S. 344 f.


59 Vergl. Note 9 II.


60 Note 9 II.


61 Josephus Altert. XIV, 9, 1.


62 Das Alter von fünfzehn Jahren, das Herodes nach der Lesart in Josephus Altert. XIV, 9, 2, bei der Übernahme der Verwaltung gehabt haben soll, beruht ohne Zweifel auf einem Kopistenfehler, da er nach demselben jüd. Krieg I, 33, 1 [und Altert. XVII, 6, 1] im Alter von nahe an siebzig Jahren starb, mithin im Jahre 73 geboren wurde, folglich bei Übernahme der Verwaltung um 47-46 bereits in den Zwanzigern stand. Daß ihn Josephus noch als sehr jung bezeichnet, νέος παντάπασιν, verschlägt nichts, da er auch Simon von Scythopolis einen »Jüngling«, νεανίας, nennt, obwohl dieser bereits eine Frau und mehrere Kinder hatte, jüd. Krieg II, 18, 4; ebenso nennt er den Eleasar ben Ananias, das. 17, 2, einen »Jüngling«, obwohl er bereits im Mannesalter stand.


63 Josephus Altert. XIV, 9, 3-4.


64 Josephus Altert. XIV, 9, 4. Note 15.


65 Sueton, Julius Cäsar 84.


66 Dio Cassius 47, 28.


67 Josephus Altert. XIV, 11, 2. Aus Antonius Dekreten das. 12, 3 bis 5 ergibt sich, daß sie nach Antiochien und Phönizien verkauft wurden.


68 Note 9.


69 Josephus Altert. XIV, 11, 4.


70 Josephus Altert. XIV, 11, 5.


71 Das. 11, 6.


72 Note 9.


73 Josephus Altert. XIV, 11, 7. 12, 1.


74 Josephus Altert. XIV, 12, 2-6.


75 Josephus Altert. XIV, 13, 1-5.


76 Das. 13, 3-8.


77 Das. 13, 9-10; jüd. Krieg I, 13, 6.


78 Anhang zu Bayers Vindiciae IV. Eckhel, doctrina nummorum III, 480 ff. De Saulcy, recherches sur la numismatique judaïque 110-113; Madden in den beiden oft genannten Werken.


79 Dio Cassius 49, 22.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1905, Band 3.1, S. 189.
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