7. Die messianische Apokalypse von den Mongolen.

[413] Die Apokalypsenliteratur, welche einen Einblick in die von Hoffnungen und Befürchtungen erzeugte innere Stimmung gewährt, hat sich in jüdischen Kreisen eine geraume Zeit hindurch fortgesetzt. Ich habe auf die nicht wenigen apokalyptischen Schriften aus verschiedenen Zeiten aufmerksam gemacht (Frankel Monatsschrift, Jahrg. 1860/61, Geschichte Bd. V, Note 17; Bd. VI, S. 65). Eine junge Erscheinung dieser Literatur scheint mir das von Jellinek aus einer Handschrift edierte »Gebet des Simon ben Jochaï« 'ר תליפת יאחוי ןב ןועמש zu sein (Bet-ha-Midrasch IV, 117 ff.). Um die Abfassungszeit dieser Piece zu fixieren, muß man das bereits früher bekannte und von Jellinek neu edierte יאחוי ןב ןועמש 'רד תורתסנ vergleichend hinzuziehen, indem dieses mit jenem gegen Ende vollständig übereinstimmt. Nach dem Ausmalen des Glanzes in der messianischen Zeit beginnt in diesem offenbar ein neuer Abschnitt (Bet-ha-Midrasch III, p. 81): ןועמש 'ר םירצמ ץרא הצקב רשא הרובדל קורשל ה"בקה דיתע רמוא und von hier ab lautet der Inhalt ganz so, wie in der Hauptpartie der י"בשר תליפת, so daß beide Texte einander berichtigen können, wo sie fehlerhaft sind. Aus einigen Momenten scheint mir hervorzugehen, daß gerade diese Partie zur Zeit der Mongoleneroberung in Asien und Europa geschrieben wurde.

Ich will zuerst die Punkte ins Licht setzen, welche überhaupt von den Mongolen zu sprechen scheinen.


יאחוי ןב ןועמש 'ר תליפת (p. 120):

םישועו רושא ץראב רשא םירובדל בובזל 'ה קורשי אוהה םויב דרמש אצומו םתוא גיהנמ ןושאר ךלמו (?)םיזנכשאה םע המחלמ וילא םיצבקתמ םהו וינודא לע דרומ אוהו ... םהינודא לע םע המחלמ םישועו םהינודא לע ודרמש םישנא םהמע םיצבקתמו םשוכרו םנוממ תא םישרויו םהירובג תא םיגרוהו לאעמשי ינב םהו חרזממ םיאצויו םירוחש םישבולו רתויב םירועכ םישנא םהו לע םילועו ... הקוחר ץראמ םיאבו םירוחש םלכו םירהמנו םירמ םיערוקו תורנה םיבכמו לכיהה םיצרופו לארשי םירה םורמ .תותלדה


יאחוי ןב ןועמש 'רד תורתסנ

(?)םירצמ ירואי הצקב רשא הרובדל ... דיתע רמוא ןועמש 'ר םתוא גיהנמש ןושארה ךלמהו (?) םירצמ ךותב המחלמ םישועו ונודא לע דרומ אוהו ... וינודא לע דרמש דבע אוה םאיצומו טעמב םיאצויו םהינודא לע ודרמש םישנא וילא םיצבקתמו םישרויו םהירובג םיגרוהו לאעמשי ינב םע המחלמ םישועו םירוחש םישבולו םירעוכמ םישנא םהו .םשוכר תאו םנוממ ולטי לארשי םורמ לעו ... םירהמנו םירהמ םהו חרזממ םיאצויו .וכבי תורמו ורקעי םיתלדו לכיהב ץורפל (?)רבסיו


Diese Beschreibung von außerordentlich häßlichen Menschen, die auf Rossen reiten, aus einem entfernten Lande kommen, mit den Ismaeliten (Mohammedanern) Kriege führen und sie besiegen, paßt Zug für Zug auf die Mongolen oder Tartaren, wie sie die Zeitgenossen ihrer gewaltigen Eroberungen schildern. Unter dem ersten Könige, welcher von seinem Herrn abgefallen ist, und um den sich Rebellen sammelten, kann wohl Temudschin G'ingis-Khan verstanden sein. Die Aufeinanderfolge der vier Könige, welche in der Apokalypse aufgeführt werden, läßt sich um so weniger bestimmen, als der [413] Text defekt scheint und nicht genau angibt, ob von wirklichen Khans oder lediglich von Feldherren die Rede ist. In dem einen Texte heißt es: םינשו םיאישנ םינש םהילע ודמעי םיכלמ 'דו הכולמה ערזמ וייחב ךלמ ךילממו קדנוק שיא ןושארה םינגס, in dem anderen dagegen: םינש םירחא םיכלמ 'ד ודמעי דועז םהילא ודמעי םירחא םינשו םילגנ םהמ. Statt vier werden gar nur drei geschildert. Ein Zug in der Beschreibung des vierten Königs weist auf einen bekannten mongolischen Khan hin. Ich stelle wieder beide Texte darüber nebeneinander.


י"בשרד תליפת

אמוש ול שיו המוק הבגו ןקז אוהו בהזו ףסכ בהוא יעיברה ךלמהו ןמוטו תשוחנ לש תועבטמ השועו תינמיה ולגר לש ולדוג לע .חישמה ךלמל םיזונג םנהו בהזו ףסכ םע תרפ תחת םתוא


י"בשרד תורתסנ

רוחש שיא אוהו בהזו ףסכ בהוא םהילע דומעיש יעיברה ךלמהו השעיו והוכילמיו והואיצוהש ןתוא גרוהו רגרגו ןקז המוק הבגו ימ תחת םתוא ןמוטו בהזו ףסכ םתוא אלמיו תשוחנ לש תוניפס .לארשיל םידיתע םהו וינבל םעינצהל תרפ


Die eingehende Beschreibung dieses Königs bis auf seine Zehe führt zwar nicht zur Ermittelung desselben, weil wir keine eingehende biographische Beschreibung von der mongolischen Dynastie besitzen; aber der Zug von den Schätzen, welche von diesem Könige verborgen wurden, führt auf Hulagu, G'ingis Khans Enkel, Khan von Persien und Bruder der beiden Großkhans Mangu und Kululei. Er war es, welcher die Schätze, die er bei der Eroberung Bagdads, Georgiens, Armeniens und anderer Länder gesammelt hatte, 1268 in einer Festung auf einer Insel des Sees Ormia (Urmia oder Maragha in Adher Baiǵan) niederlegte und aufbewahren ließ. Vgl. d'Ohsson, histoire des Mongols III, p. 257. Houlagou était maître de sommes immenses prises dans Bagdad et dans les forts des Ismailijenc, ou enlevées par les généraux mongols dans le Roum, la Georgie, l'ArméNie, le Courdistan et le Lour (Louristan). Il fit bâtir un château fort sur une île escarpée, nommée Tala, qui est située au milieu du lac d'Ormia dans l'Azerbaidjan, où furent déposées ces espèces d'or et d'argent, fondues en balitochs (lingots). – Note das. Selon le Géo graphe Aboulféda on y mit une garnison de mille hommes, dont le chef était changé tous les ans. – Das. p. 146. Houlagou mourut dans son quartier d'hiver la nuit de dimanche 8 février 1269. Il fut enseveli sur le sommet de l'île de Tala, située au milieu du lac d'Ormia, où il avait fait bâtir une forteresse, qui recélait ses trésors. Eine solche Tatsache von dem Anhäufen unermeßlicher Schätze auf einer Insel ist so selten, daß man wohl nicht fehl geht, wenn man sie auf den Mongolenkhan Hulagu bezieht. Man müßte aber annehmen, daß der Apokalyptiker den Ormia-See mit dem Euphrat verwechselt hat. Die Apokalypse würde demnach zwischen 1258 und 1265 geschrieben sein.

Das תורתסנ hat noch einen Zug, der in der andern Quelle fehlt, von den blutigen Eroberungen im Osten und Westen, in Asien und Europa, der wiederum nur auf die Mongolen paßt: עשפת (יעיברה ךלמ ימיב) וימיב םיאבו תובר תוסייג חלשמו רזוחו (?תיחרזמ) תיברעמ ןרק תא םיגרוהו םיאבו תובר תוסייג חלשמו רזוחו חרזמ ינב םיגרוהו םצראב םיבשויו ברעמ ינב (in der Paral|ele defekt). Der Verfasser hatte wohl geringe Kunde von den [414] Eroberungen der Mongolen in Europa, in Rußland, Polen, Schlesien, Mähren und Ungarn. Darum sind die Züge nur angedeutet. Er war wahrscheinlich ein Orientale. Hulagus Kriegstaten hallten in Asien überall wieder. Er eroberte Bagdad (Februar 1258) und machte dem Kalifat ein Ende. Er eroberte Syrien, nahm Aleppo, die Hauptstadt (Januar 1260). Im März desselben Jahres ergab sich Damaskus Hulagus Unterfeldherrn Kitu-Boga (oder Ketbogha), der von da aus ganz Palästina durchstreifte bis Gaza, und überall Spuren von Barbarei zurückließ. Vgl. d'Ohsson a.a.O. p. 330. Les Mongols s'avancèrent jusqu'à Gaza et ravagèrent la partie méridionale de la Syrie pillant, tuant et faisant des captifs (auch Weil, Kalifengeschichte IV, S. 14). Nähere Nachrichten über die Verwüstung Palästinas und namentlich Jerusalems enthalten die externen Quellen nicht, weil die Eroberung nicht von langer Dauer war und keine Veränderung nach sich zog. Nur Nachmani, der sieben Jahre später einganderte, schildert die gräßliche Verwüstung, zum Teil in dem Schreiben am Schlusse seines Pentateuchkommentars und mehr noch in dem Briefe an seinen Sohn Nachman (zum Schluß des לומגה רעש in einigen Ausgaben).ןוממשה לודגו הבוזעה הבר יכ ?ץרפה ןינעב םכל דיגא המו םילשורי .וריבחמ רתוי ברח וריבחמ שדוקמה לכ רבד לש וללכו הנברח לכ םעו ילילגה ןמ רתוי הדוהי ץראו ,לכה ןמ הברח רתוי תואמ 'גכ הכותב םירצונו םיפלאל בורק היבשויו דואמ הבוט איה םירתרתה ואב תעמ יכ םכותב לארשי ןיאו ןטלושה ברחמ םיטלפ םינוק םיעבצ םיחא ינש קר .םברחב וגרהנש םהמו םשמ וחרב םתיבב םיללפתמ ןינמ דע ופסאי םהילאו לשומה ןמ העיבצ שיש יקומעב יונב ברח תיב ינאצמו םתוא ונזרז הנהו .תותבשב הצורה לכו רקפה ריעה יכ .תסנכה תיבל ותוא ונחקלו הפי הפיכו איבהל םכש ריעמ וחלשו וליחתה רבכו... הכוז תוברחב תונבל אבב םש םוחירבהו םילשורימ ויה רשא הרות ירפס םשמ .םירתרתה

Auf diese Verwüstung Palästinas durch die Mongolen oder Tartaren scheint die Apokalypse mit den Worten anzuspielen: לכיהה םיצרופו לארשי ירה לע םילועו, nur kann hier unter לכיה nicht der Tempel verstanden sein. Noch mehr in הלכו יבצה ץראב ורבעיו :י"בשר תליפת חישמ אביש דע רוזחי אל הבשנ אוהש ימ לכו םדיב. (Das. p. 121.) Auch das Folgende handelt davon, nur wimmelt der Text von Korruptelen. In dieser Zeit grausiger Zerstörung in Palästina scheint der Verfasser der Apokalypse geschrieben zu haben (1260), und prophezeite aus dem Kampfe der »häßlichen Männer« mit den Mohammedanern und Christen das Morgenrot der messianischen Zeit. Haben doch die Christen die Mongolen als die Scharen des Antichrist betrachtet, welcher dem Wiedererscheinen Christi unmittelbar vorangehen müsse; warum sollten die Juden nicht auch in dieser Drangsalszeit in Palästina »die Wehen der Messiaszeit« חישמ ילבח erblickt haben?


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1897], Band 7, S. 413-415.
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