16. Schauplätze des Bar-Kochba-Krieges.

[424] Die Nachrichten über die Lokalität und den Gang des Bar-Kochbaschen Krieges sind äußerst dürftig, und nur diejenigen, welche in Jerus. Taanit IV. p. 68 d f. zu Midrasch Threni zu Vers 2, I. p. 71. S. f. und Bruchstückweise in Babli Gittin 56. ff. enthalten sind, (die hier der Kürze wegen mit A. B. C. bezeichnet werden sollen) kritisch geprüft und verglichen, können zu einigen nicht unerheblichen Ergebnissen führen. Als Gewährsmann dieser Nachrichten wird Rabbi oder R. Juda I. genannt, der sie aus dem Munde von Zeitgenossen, von Simon ben Jochaï, R. José und R. Juda ben Ilaï vernommen hat. Er hat den Begebenheiten so nahe gelebt, daß er noch Greise kannte, welche in lebhafter Rückerinnerung des Erlebten, bei seinen Vorträgen über dieses Thema in Tränen ausbrachen! הוה יברד ירי לע 'ה עלבב ןידבוע העבדאו ןירשע שרד הוה יבר ןימייקו ןיקתתשמו ןיכב ןניאו שירד הוהו ןיריהנ ןיבס ןמת הוהו ול (statt תיב אשדקמ in A. und B. Rapoports Emendation) רתיב ןברחל ךימס. Ergänzt wurden diese Nachrichten von R. Jochanan. Dieser Punkt ist aus dem Grunde ganz besonders wichtig, weil die zitierte Einleitung bezeugt, daß das ganze Kapitel daselbst von dem Bar-Kochbaschen Kriege handelt. Als charakteristischer Zug dieses Aufstandes wird besonders das Selbstvertrauen hervorgehoben, das Bar-Kochba und die übrigen Leiter des Krieges beseelte. Sie äußerten sich in dieser Wendung: »Wenn Gott nur den Feinden nicht hilft, so braucht er uns nicht zu helfen, דועסת אל ףוכסת אלו (Lesart des Aruch st. ףוסכת) mit Anwendung des Verses ונתחנז םיהלא התא אלה. Dieser Zug kehrt wieder bei den zwei Brüdern in Kephar-Charub (Jalkut zu Pentateuch N. 946. היננח רפכ), welche den Krieg nach dem Fall Betars fortgesetzt haben müssen, da man sie zu krönen beabsichtigte: אלילכ יתינ ולא לש ושאר לע סונירדאה. Er findet sich aber auch bei Bar-Droma, dem jüdischen Feldherrn in Tur-Malka, dem ebenfalls der Vers אצת אלה in den Mund gelegt wird (C), und wenn dieser Umstand auch ohne Zweifel von Bar-Kochba auf die andern Führer übertragen ist, so werden diese Vorgänge eben dadurch als dieser Zeit angehörig bezeichnet. Wir gewinnen dadurch das Faktum, daß Kephar-Charub und Tur-Malka Szenen dieses Krieges waren. Tur-Malka (אכלמ רוט) aber, welches auch ךלמה רה genannt wird, ist entschieden identisch mit Tur-Simon, und dieses hat ohne Zweifel seinen Namen von dem Hasmonäer Simon, wie das Königsgebirge von König Jannaï (Alexander). Daher schließt sich in allen drei Quellen der übertriebene Bericht von dem Städtereichtum dieses Gebirges [424] an Tur-Simon an. Drei Städte werden namhaft gemacht: שיב רפכ, אירכיד רפכ (nach Reland identisch mit Βƞϑζαχαρία) und םיילחש רפכ (vielleicht identisch mit םלש רפכ Καφαρσάλαμα), die vielleicht deswegen hervorgehoben werden, weil sie ebenfalls Schauplätze des Krieges waren. (Der Satz in A. und B., welcher mit den Worten םירפכ 'ג beginnt, muß aber als Ergänzung hinaufgerückt werden zu dem Satz ףלא ןדגנכו םיב, wie es sich in C. findet). An den Bericht über diese drei Kephars, von denen sagenhafte Etymologien gegeben werden, schließt sich eine skizzenhafte Nachricht von drei Städten an: ןיחיש, לובכ und לדגמ אייעבצ, deren Einwohnerzahl hyperbolisch so groß angegeben wird, daß die von ihnen erhobene Kopfsteuer auf Wagen nach Jerusalem habe geführt werden müssen: תולגעב םלשוריל הלוע םהלש ימיט היהש. Die Lage dieser drei Städte ist im Texte nachgewiesen worden. Daß sie sämtlich zerstört worden sind, gibt A. ןתשלשו וברח (diese Worte fehlen in B.), daß es aber infolge dieses Krieges geschehen ist, bezeugt eben der Umstand, daß die Relation infolge dieses Kapitels von der Zerstörung Betars aufgenommen wurde. Die Veranlassung zum Untergang derselben geben A. und B. an: ינפמ איעבצ לדגמ ,םיפשכ ינפמ ןיחיש תקולחמה ינפמ לובכ תונזה. Hierauf folgt sachgemäß die Beschäftigung der Einwohner von Magdala Zebaja: (סוגלפ?) A.) תואמ 'ג אייעבצ לדגמב ויה תכורפ יגרוא לש תויינח (so die Stellung richtig in A.; in B. verschoben, wie denn hier überhaupt viele Verwechslungen und Versetzungen vor kommen), dann die Beschäftigung derer von Sichin: ןיחשב ויה תוכתמ לש תודיש םינומש (fehlt in B.). Der Gleichartigkeit der Zahl wegen wird auch eine Nachricht von Kephar-Nimra (תורהט ירכומ תואמ 'ה) und Gophna (םינהכ םיחא 'פ auch Berachot 44 a) beigefügt, ohne Bezug auf diesen Krieg zu haben. Auf diese Weise kann dieses interessante Kapitel als Quelle für den Betarschen Krieg ausgebeutet werden. Ein näheres Eingehen auf die Textkritik gehört nicht hierher. – Der von mir bei Betar angesetzte Küstenfluß Joredet ha-Zalmon wird erwähnt (Tosifta Parah c. 8.): הדוהי 'ר הימימ הבזכש ינפמ (תאטח ימל) הלוספ ןומלצה תדרוי רמוא סומלופ תעשב ובזכ תישארב ימימ לכ ול ורמא סומלופ תעשב. Daß der סומלופ κατ᾽ ἐξοχἠν von dem Betarschen Krieg gilt, bedarf keines Nachweises. Das Versiegen der Flüsse und namentlich des Joredet ha-Zalmon muß also zur Beschleunigung der Katastrophe beigetragen haben. Da nun Zalmon, von dem dieser Fluß offenbar den Namen hat, (nach Richter 9, 48) eine Bergspitze unweit Sichem, zum Gebirge Ephraim gehörig war, und auf diesem Gebirge in der Tat ein kleiner Fluß entspringt, der Betar berührt, von Robinson und Smith Nahar-Arsuf genannt, so nehme ich keinen Anstand den Joredet ha-Zalmon mit Arsuf zu identifizieren, und ihn mit Betar in Verbindung zu bringen.

Auch Bet-Rimmon war ein Schauplatz dieses Krieges, wie schon früher in dem Aufstand unter Trajan. Auf diesen Punkt muß ich näher eingehen, weil er verkannt worden ist. Bet Rimmon wird nämlich in einer andern Quelle (Elia Rabba c. 30) םידי תעקב genannt. Zwei Kritiker von Gewicht, Rapoport (in Erech Millin, Artikel Tiberius Alexander) und Krochmal (Moreh Neboche ha-Seman) hielten es für die Straße Delta in Alexandrien, welche meistens von Juden bewohnt war, und das dabei erwähnte Gemetzel für dasjenige, welches der zum Heidentum übergetretene Tiberius Alexander unter seinen Stammverwandten angerichtet hatte. Die Stelle lautet: ספתו רסיק סונירדא אב םתוא ההפמ היהו אובר 'קו 'כ הב היהש םירצמ לש אירדנסכלא אהת אלש םידי תעקבב ודמעז וארו ואצ םהל רמאו םירבדב דימעה םידי תעקבב ודמעו ואצישכו םכב תטלוש וז המוא 'וכו םוגרהו – םהילע. Die Angabe dieses allerjüngsten Agadawerkes hält Rapoport für so entscheidend, daß er Joseph. darnach berichtigen zu müssen glaubt. Allein auch abgesehen [425] von dem sagenhaften Charakter dieses Midrasch überhaupt, ist die angeführte Stelle so entschieden unhistorisch, daß es erstaunlich ist, wie jene geistvollen Kritiker es übersehen konnten. Diese Stelle ist nämlich augenscheinlich aus drei verschiedenen Agadaberichten zusammengeflossen, welche der Sammler, dem kombinatorischen Charakter der jüngern Agada treu, zu verschmelzen und zu verquicken strebte. Die palästinensischen Agadas berichten, Trajanus habe ein Blutbad unter den alexandrinischen Juden angestellt und ihre Basilika-Synagoge zerstört לארשי ןרק העדגנ – עשרה םוניגרט ימיב23. Von diesem trajanischen Blutbade handelt auch die Stelle Gittin 57 b., muß aber emendiert werden, weil daselbst, wie öfter, Trajan und Hadrian miteinander und mit Vespasian verwechselt werden (vergl. Pesikta c. 30: תא יל ואיבה םהל רמא סוניספסא הבזוכ ןב תא וגרהשכו ובל לע ךורכ שחנ ואצמ: ופוג), in der Hauptstelle steht richtig סונירדא. In Gittin heißt es סונירדא וז לוקה לוק .'וכו םירצמ לש אירדנסכלאב 'וכו גרהש (סוניירט githcir) רסיק רתיב ךרכב גרהש רסיק סוניספסא הז בקעי, soll heißen סונירדא wie in Parallelstellen. – Dann wird (in M. Thr. 1, 11.) erzählt, Hadrian habe die in die Höhlen geflüchteten Juden überredet, sich im Rimmontale (ןומר תיב תעקב) einzufinden, und ihnen zugesichert, ihnen kein Leid zuzufügen, wenn sie sich auf Gnade und Ungnade ergäben, zuletzt habe er sie in dem Tale niedergehauen, deren Blut bis ins Meer strömte: ויהו – התופ הנויכ םירפא יהיו ביתכד אוהה – ןוהתי ןיעמשמ ןיזורכ םוגרהו ויתונויגל םפיקה דימ – ןומר תיב תעקבל ןוהלכ וסנכנ רהנ סורפיקל עיגהש דע ךלוהו עקוב םדה היהו. Aus diesen zwei Nachrichten und aus einer dritten: שי םילחנ ינש 'ב םימבח ורעשו ךליא ךשומ דחאו ךליא ךשומ דחא םידי תעקבב םד דחאו םימ םיקלח (Gittin das.) hat der Sammler des Tana de be Eliahu ein mixtum compositum zusammengegossen, so daß er das Gemetzel in Alexandrien und in Betar in konfuser Unklarheit miteinander verwechselte. Den Umstand: ספתו רסיק סונירדא אב םירצמ לש אירדנסכלא hat er aus b. Gittin nach der Korruption Hadrian für Trajan; den Zug: תעקבב ודמע ואצ םכב תטלוש וז המוא אהת אלש םידי hat er aus M. Thr. und will damit die verräterische Vorspiegelung andeuten, daß Hadrian den Flüchtlingen zugesichert, die Römer (וז המוא) würden ihnen nichts anhaben. Die Szene in םידי תעקב endlich hat er damit auf verworrene Weise in Zusammenhang gebracht. Diese ganz geistlose Kompilation verdient demnach keineswegs den Namen eines urkundlichen Berichtes, den ihm Rapoport beilegt, sie beweist nur so viel, daß jenes im Talmud erwähnte Händetal, und das im Midrasch genannte Rimmontal als identisch zu betrachten seien. Von dem alexandrinischen Delta und Tiberius Alexander ist hier gar nicht die Rede, die Stelle handelt lediglich vom hadrianischen Krieg. Nach dieser Auseinandersetzung kann man nicht in Zweifel sein, was unter םידי תעקב zu verstehen sei, wenn man sich noch dazu die Lage des ןומר תיב תעקב vergegenwärtigt. Diese in [426] der Geschichte dieser Periode so wichtige Talebene, wo die Juden den ersten Aufstand gegen Hadrian anzettelten, ןומר תיבד אתעקב הדהב (ןיתוצמ l.) ןיתצמ אילהק ןזוהו (G. Rabba c. 64.), wohin Hadrian verräterisch die Flüchtlinge locken ließ, und wo sich die Schüler R. Akibas nach dem Ende der hadrianischen Verfolgung zusammengefunden hatten (J. Chagiga III. p. 68 d.): הנשה תא רבעל םינקז 'ז וסנכנש השעמ ןומר תיב תעקבב, ist nichts anderes als das ןומרדדה ןודיגמ תעקבב (Zacharia 12, 16.). Diese Talebene hatte zu verschiedenen Zeiten verschiedene Namen: Jesreël, Esdrelom, Legio, Legun, vergl. Hieronymus zur Stelle: Addad Remmon urbs est juxta Jesraaelem et hodie vocatur Maxianopolis. In dieser Ebene fließen zwei kleine Flüsse gleich zwei Armen, der Kischon ins Mittelmeer, ein namenloser bei Betsan in den Jordan und von diesem Umstande hat das Tal auch seinen Namen »das Händetal« erhalten. Da nun hier jenes Gemetzel der Flüchtigen stattgefunden hat, so will jene R. Elieser beigelegte Stelle, daß die zwei Flüsse einen Teil Blut geführt haben, nur denselben Umstand erzählen. Es ist demnach durch verschiedene Nachrichten verbürgt, daß in der genannten Talebene der Schauplatz eines fürchterlichen Gemetzels gewesen.

Auch die unterirdischen Gänge, welche in den Kalkgebirgen des zisjordanischen Judäa so häufig waren, spielten im Betarschen Kriege eine Hauptrolle. Durch diese Kanäle versorgten sich die belagerten Juden mit Lebensmitteln, wie das samaritanische Buch Josua (c. 47) erzählt: ןמ אוגרח ידלא דוהילא ונאכו בידארשלא (nach Juynbols Emendation), und als die Belagerer diese Gänge auf den Rat der zwei Samaritaner Efraim und Manasse verrammelten, entstand Hungersnot in Betar. (Diese Stadt muß unter dem von der samaritanischen Chronik angegebenen Jerusalem verstanden werden, weil hier offenbar der Krieg gegen Hadrian mit dem gegen Titus verwechselt wird). Ganz übereinstimmend berichten die Fragmente (A. und B.), daß ein Samaritaner sich durch einen Kanal in Betar eingeschlichen habe: היל לאע אתנידמד אביב ןמ (B. korumpiert אתנידמד איבובב), welches die Kommentatoren mißverstanden haben, indem sie es mit אבב »Tor« erklärten. Aber wie wird man einen Fremden in eine belagerte Stadt durch das Tor einlassen! Durch die Lesart אביב, welches »Kanalkloake« bedeutet, tritt diese Nachricht aus dem Nebel der Sagenhaftigkeit heraus, und erhält den Stempel historischer Glaubwürdigkeit.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1908, Band 4, S. 424-427.
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