2. Die mündliche Lehre und die Mischna.

[386] Um den Entwicklungsgang des jüdischen Lehrbegriffes klar zu machen, wovon das Verständnis der jüdischen Geschichte abhängt, ist es unerläßlich, ihn ab incunabulis zu verfolgen und namentlich eine genaue Begriffsdefinition der talmudischen termini technici zu geben. Die Verwechselung der Begriffe hat zu manchen Irrtümern geführt, von denen selbst Zunz (Gottesdienstliche Vorträge, S. 43 a) nicht ganz frei ist. Der Unterschied zwischen schriftlicher und mündlicher Lehre, wiewohl mindestens schon unter dem Restaurator [386] Esra vorhanden, trat wahrscheinlich erst in dem Kampfe zwischen Sadduzäismus und Pharisäismus als Gegensatz auf. Jene hieß בתכבש םירבד, häufiger aber הרות oder ארקמ, diese הפ לעבש םירבד, auch הלבק ירבד, oder םירפוס ירבד, oder םינקז תוצמ (b. Sukkah 46 a, j. III, p. 53 d. Pesikta, c. 3). Bei Philo und Josephus heißt die mündliche Lehre παράδοσις ἄγραφος, των πατέρων διαδοχἠ. Im neuen Testamente und bei Kirchenvätern παραδόσεις τῶν πρεσβυτέρων. In der jüdischen Literatur nach der Tempelzerstörung bekam sie den Namen הנשמ. Da die Kirchenväter, der Ebionite Hegesippus, der vom Judentum übergetretene Epiphanius und der von jüdischen Lehrern gebildete Hieronymus הנשמ durch δευτέρωοις wiedergeben, so scheint das Wort von ינש »das Zweite« (zur schriftlichen Lehre), und nicht von הנש »das Wiederholte« abgeleitet. Die Benennungen ארקמ und הנשמ scheinen aber sehr alt zu sein, da von ihnen die Verba ארק und אנש gebildet wurden, welche im abgeleiteten Sinne die Bedeutung haben, sich mit der schriftlichen oder mündlichen Lehre beschäftigen; הרותב תורקל und הנשמב תונשל sind stehende Redensarten. Die Mischna scheint aber auch den Namen אתפסות als Supplement zur הרות geführt zu haben; denn es wird von ןתנ 'ר לש תופסותו יבר תיב לש תופסות gesprochen (Midrasch Kohelet zu 5, 8), was offenbar mit יבר תיב לש הנשמ identisch erscheint.4 Dafür spricht das Mnemonikon האפסות אנת (Abodah Sarah 9 a), das weder Raschi noch Aruch genügend erklären. Die Halachasammlung אתפסות, die R. Nehemia beigelegt wird, bedeutet demnach ebensoviel wie Mischna, und darf nicht etwa als Ergänzung, Nachtrag oder Zusatz zur Hauptmischna betrachtet werden. Die alte Tosifta (אתקיתע אתפסות), über deren Fund sich R. Abbahu so sehr gefreut hat, war wohl weiter nichts anderes als eine alte Mischna (j. Sabbat VIII, p. 11 a und an mehreren Stellen). Daß der Ausdruck Mischna bereits vor R. Akiba gebräuchlich war, beweist die Benennung הנושאר הנשמ (vergl. weiter unten).

Die Mischna zerfiel vor ihrer Schlußredaktion in zweierlei Disziplinen, in הכלה und שרדמ. Hauptbeleg dafür ist die Stelle (Kidduschin 49 a): 'ר הנשמ איה וזיא שרדמ רמוא הדוה 'ר תוכלה רמוא ריאמ. Die Mischnasammlung hat diese Einteilung als etwas längst Fixiertes aufgenommen: תוכלה שרדמ ודמלמ וריבחמ האנה רדונה ארקמ ונדמלי אל לבא תודגאו (Nedarim 35 b.5) Die Lehrweise der Halacha bestand darin, daß die überlieferten Sätze ganz trocken ohne Erläuterung tradiert wurden, und zu ihrer Aneignung reichte ein treues Gedächtnis aus, der Midrasch hingegen gab die Anleitung, wie mündliche Bestimmungen aus dem Schrifttexte hergeholt wurden. Sehr klar definiert schon Scherira diesen Begriff in seinem historischen Sendschreiben: אזימר אכיהו ןוניא ארקד השרד ירפסו ארפס יאה םופל םינושארד ימויב ינש תיבב ארקיעמו .ארקב אתכלה ןוהל ינת יוה אחרוא. Das Verhältnis der Halacha zum Midrasch, gewissermaßen als Stoffes zur Form, stellt der Sammler der Abot di R. Nathan (c. 29) richtig auf: וניאו רובג הז תוכלה ודיב ןיאו שרדמ ודיב שיש ימ לכ שי .ודיב ןייזו שלח שרדמ ודיב ןיאו תוכלה ודיב שיש לכ ןייוזמ ןייוזמו רובג הזו הז ודיב. Der Midrasch, das Produkt der Hillelschen Schule, erzeugte bald einen neuen Lehrtropus. Neue Falle, welche weder durch das schriftliche Gesetz noch durch die Tradition bestimmt waren, wurden nach der Analogie des bereits vorhandenen Halachastoffes, nach den von Hillel eingeführten Deutungsregeln (תודמ 'ז) abgeleitet und gefolgert. [387] Bei dieser Operation war aber erforderlich, tiefer auf die Objekte der Gesetze und der zu vergleichenden Fälle einzugehen, ihre Teile und Seiten einer schärferen Analyse zu unterwerfen und Wesentliches von Zufälligem zu unterscheiden: אקוד (אדומלתב) היב ןישרפמ הוהד אתינתמד, wie sich Scherira darüber ausdrückt. Dieses Verfahren, den Midrasch auf Folgerungen neuer Bestimmungen anzuwenden, hieß später דומלת, in Babylonien ארמג, in Judäa auch הנפלוא, und wird von הנשמ oder אתינתמ unterschieden. (Vergl. j. Jebamot IV, 6 b): הנפלואד אבר וא אתינתמד הבר. Mit Recht beweist Scherira aus den Stellen דומלתב ריהז יוה רמוא הדוהי 'ר und וזמ הלודג הרמ ךל ןיא דומלתב קסועה, daß diese Disziplin bereits vor R. Akiba in Gebrauch war, וליפא דומלת ןוהל תיא הוה םינושאר ינושאר, wiewohl anderseits nicht zu leugnen ist, daß der Talmud erst durch R. Akibas Theorie seine Ausbildung erhalten, und später in den babylonischen Metibtas zur geistreichen Dialektik erhoben wurde. Diese drei Zweige, Halacha, Midrasch und Talmud wurden aber nicht in gleicher Weise gepflegt. Zu Zeiten wurde der eine mit Vernachlässigung der andern bevorzugt; die Träger der Lehre hatten teils für den einen, teils für den andern eine besondere Vorliebe, und es bildet einen durchgehenden Unterschied zwischen Judäa und Babylonien, daß in dem erstern der Talmud in seiner Schärfe kaum gewürdigt wurde, während er in dem letztern das Lieblingsstudium geworden war. Vergleiche die interessante Nachricht: רתב ולזאו אתינתמל אמלע ולוכ וקבש ןמ רתוי הנשמל ץר יוה םלועל 'ר והל שרד רדה אדומלת רומלתה.6 Interessant ist es, wie sich diese Höherschätzung des einen Lehrzweiges vor dem andern in der Kontroverse verrät. R. Simon ben Jochaï stellte die Beschäftigung mit der Mischna höher als die mit der Schrift (j. Berachot z.B.) ... היתעדכ יחוי ןב ןועמש 'ר הדמ הניאש הדמ ארקמב קסועה רמאד (vergl. b. Baba Mezia, p. 33 a). Es handelte sich einst um die Eulogie für die Beschäftigung mit der Thora (הרותה תכרב), wobei der eine unter הרות nur Mikra verstanden haben will, der andere zieht auch Midrasch hinzu, weil sich derselbe doch an das Schriftwort anlehnt, ein dritter will die Halacha nicht ausgeschlossen wissen, obwohl sie von der Schrift ganz losgelöst ist: אנוה 'ר רמא רמוא רזעלא 'רו ךרבל ךירצ ןיא שרדמל ךרבל ךירצ ארקמל :ימלשורי) ךרבל ךירצ ןיא הנשמל ךרבל ךירצ שרדמלו ארקמל (תוכלהל) הנשמל ףא רמא ןנחוי 'רו (ךרבל ךירצ ןיא תוכלהל ךרבל ךירצ. Daß aber auch der Talmud darunter zu subsumieren sei, davon hatte man in Judäa keine Ahnung, erst Raba, das non plus ultra talmudischer Dialektik, vindiziert demselben die Gleichberechtigung ךרבל ךירצ דומלתל ףא רמא אברו7 (Berachot, 11 b) – Diese drei Kategorien, Midrasch, Halachot und Talmud, als Unterabteilungen der Mischna im weiteren Sinne, wurden aber von den Spätern nicht mehr in ihrer Grundbedeutung erkannt und daher neben der Mischna aufgezahlt, so daß, wenn noch die Doppelbenennung von Tosifta für Mischna hinzukam, vier oder fünf Kategorien nebeneinander gestellt wurden. Diese Verwechselung kann als Kriterion für die Jugend eines Schriftwerkes gelten. So steht in j. Moed Katan III, p. 82 d: תורקלמ ןהב רוסא לבאש םירבד וליא 'וכו תוכלה שרדמ תונשלמו הרותב, [388] aber in Babli und Ebel Rabbati in der Parallelstelle: שרדמב הנשמב תונשלו (דומלתבו) ס"שהבו תוכלהב. Am auffallendsten ist die Verwechselung in Midrasch Cant 1, 3, wo sogar Thora neben Mikra als selbständig aufgezählt wird: הנשמ ארקמ הרות (םימכח ידימלתב) םהב שי םינפב לבא תודגאו תופסות דומלת תוכלה תושרדמ. Daß hier nicht von bestimmten Werken die Rede ist, wie Zunz (G. Vorträge, S 43, N. a) behauptet, sondern von Lehrformen, leuchtet bei Betrachtung der Stelle zu sehr ein, als daß es noch bewiesen zu werden brauchte. Von dergleichen ungenau gehäuften Aufzählungen der Synonyma, die dazu dienen sollen, einen imposanten Eindruck hervorzubringen, finden sich in den Midraschwerken eine Menge Beispiele, die man sogleich erkennt, so oft sich Gelegenheit bietet, Parallelstellen miteinander zu vergleichen. So z.B. Berachot 5 a: םלוכש דמלמ ארמג וז םתורוהל הנשמ וז הוצמהו ארקמ וז הרות -יניסמ השמל ונתנ. Anstatt dessen in Midrasch Kohelet (1, 9): המו תודגאו תופסות תוכלה הנשמו ארקמש ךדמלל יניסמ השמל הכלה ןתנ היה רבכ תורוהל דיתע קיתו דומלתש, und ebenso j. Chagiga I, Ende, nur daß hier אתפסות fehlt. Die Nachricht von R. Jochanan ben Sakkaï אלש תודגאו תוכלה ארמג הנשמ ארקמ חינה, daß er sogar die später erst ausgebildeten אברו ייבאד תויוה gepflegt (Sukkah 28 a) erweist sich eben durch diese Emphase als sagenhaft und würde gar keinen Beweis abgeben, wenn nicht anderweitig bekannt wäre, daß der halachische Midrasch durch Hillel eingeführt, und die Form des Talmuds in oben bezeichnetem Sinne bereits im zweiten Tannaitengeschlechte eine stehende Rubrik geworden war. Die Angabe im Texte, daß zu R. Jochanans Zeit diese Lehrformen bekannt waren, dürfte daher nach dieser Untersuchung als fest begründet anzunehmen sein. – Indessen wenn auch die Authentizität jener Notiz durch ihren sagenhaften Charakter erschüttert ist, so leidet der Hauptbericht über R. Jochanan keineswegs dadurch, indem derselbe durch eine viel nüchterner gehaltene Parallelstelle (j. Nedarim IV, 7) bestätigt wird: ויה םידימלת לש גוז 'פ הלח תחא םעפ יאכז ןב ןנחוי 'ר םהבש ןטקהו – ןקזה ללהל ול אוה ןכיד ל"א – רצחב ז"ביר ול דמע ורקבל ןלוכ וסנכנו (ללה) רמא סנכנש ןויכ – תורודל באו המכחל בא אוהש םכבש ןטק אלמא םהיתורצואו שי יבדא ליחנהל ןהל. Interessant ist diese Vergleichung noch dadurch, daß Talmud Babli den Schluß dieser Nachricht, die ihm vorgelegen haben muß, mißverstanden zu haben scheint; denn während hier Hillel den Vers ליחנהל als Segen auf seine sämtlichen Jünger anwendet, erscheint er dort auf R. Jochanans reiche Kenntnisse angewendet: םייקל 'וכו ליחנהל רמאנש המ. – Schließlich sei noch bemerkt, daß die nachapostolischen Kirchenschriften, namentlich die Briefe an Timotheus und Titus die Halacha und Agada kennen, jene nennen sie μάχαι νομικαί (Titus 5) oder λογομαχία (2. Timoth., 6, 4), diese ἰουδαϊκοὶ μῠϑοι auch γενεαλογίαι (1. Timoth., 1, 4). Diese Genealogien sind allem Anscheine nach nichts anderes als die ןיסחוי תדגא oder ןיסחוי רפס, welche sich an die Geschlechtstafeln der Chronik angelehnt haben. – Zum Schlusse sei hier noch die oft zitierte, aber noch nicht genügend erklärte Stelle in Epiphanius von den vielerlei Mischna erwähnt (Haereses I, 2, 9 oder p. 224): Αἱ γὰρ παραδόσεις τῶν Πρεσβυτέρων δευτερώσεις παρὰ τοῖς Ἰουδαίοις λέγονται $Εἰσὶ δὲ αὗται τέσσαρες, μία μεν ἡ εἰς ὄνομα Μωϋσέως φερομένƞ. Δευτέρα δὲ ἡ τοῠ καλουμένου Ραββιακίβα. τρίτƞ Ἀδδα ἤ του Ἰο$δα. τετάρτƞ τῶν ὑιῶν Ἀσαμωναίου. Die ersten drei Nummern sind verständlich, nämlich הרות הנשמ, ferner אביקע 'רד תנשמ (Note 8) und הדוהי 'ר תנשמ oder die Hauptmischna. Was soll aber die Mischna der Söhne Asamonäos' oder der Hasmonäer bedeuten? Es ist jedenfalls eine Korruptel. Ich möchte darunter die Mischna des R. Chija und R. Uschaja verstehen, oder die große Boraïtasammlung und dafür emendieren: δευτέρωσις τοῠ Υια (καὶ) Οὐσαἴα oder Ἀσαϊὰ, woraus τῶν υἱῶν Ασαμωναίου geworden ist.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1908, Band 4, S. 386-390.
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