7. Kapitel. Entstehung des Karäertums und deren Folgen. 761-840.

[181] Anan ben David, Stifter des Karäertums; seine Genossen und Jünger. Die Massoreten. R' Jehudaï Gaon. Neues Verhältnis zwischen Exilarchat und Gaonat. Die Chazaren und ihre Bekehrung zum Judentum; ihr König Bulan und sein jüdischer Lehrer Isaak Sanǵari. Karl der Große und die Juden. Die Familie Kalonymos aus Lucca in Mainz. Ursprung der deutschen Juden. Der jüdische Gesandte Isaak. R' Machir in Narbonne. Die judenfeindlichen Verhältnisse im Kalifat. Sahal Al-Tabari. Jehuda Judghan der Perser und die Sekte der Judghaniten. Benjamin Nahawendi und die Makarijiten. Die Mystik von der Verkörperung Gottes (Schiur Koma.) Die Mystiker an den Hochschulen. Streitigkeiten um das Exilarchat und Gaonat. Das Karäertum; Nissi ben Noach. Meswi und Ismael und die Akbariten; Mose der Perser, und die Tiflisiten. Mose aus Baalbek. Inkonsequenzen und Erschwerungen im Karäertume.


Geschichtliche Geburten treten ebensowenig wie natürliche ohne Wehen zutage. Wenn eine neue geschichtliche Erscheinung sich ins Dasein ringen soll, muß die Behaglichkeit der bestehenden Zustände gestört, das träge Ausruhen auf liebgewordener Herkömmlichkeit aufgerüttelt, die Macht der Gewohnheit gebrochen werden. Der Fortschritt in der Geschichte ist ohne Kampf und Gegensatz undenkbar. Das unerbittliche Rütteln am Bestehenden, wie sehr es auch anfangs mit Schmerz empfunden wird, kommt sogar dem Bestehenden, wenn es gesund und lebensfähig ist, zustatten; es zerstreut die Nebel, vernichtet den Schein und läßt das verhüllte und verkannte Wesen in größerer Klarheit ans Licht treten. Der Gegensatz, dieses Salz der Geschichte, das die Fäulnis abwehrt, hatte seit mehreren Jahrhunderten in der jüdischen Geschichte gefehlt. Darum war das religiöse Leben in eine Art Verdumpfung und Versteinerung geraten. Das paulinische und nachapostolische Christentum war ein solcher Gegensatz gewesen, und weil dasselbe das normierende Gesetz aufgehoben, das Erkennen geächtet und dafür den Glauben hingestellt [181] hatte, erzeugte es in der Entwicklung des Judentums das Festklammern am Gesetz und das Ausspinnen des Religiös-Gesetzlichen bis in die feinsten Fäden. Der Talmud war das Produkt dieser gegensätzlichen Bewegung; er war die allein herrschende Autorität innerhalb des Judentums geworden und hatte die Bibel aus dem Volksbewußtsein verdrängt. Die Erleuchtung des Geistes, die Erwärmung des Gemütes, der zugleich innig-religiöse und poetische Hauch, welche den heiligen Urkunden entströmen, waren den Gemeinden und den Hauptvertretern abhanden gekommen. Das Talmudstudium selbst, das in der Zeit der Amoräer erfrischend und erhellend gewirkt hatte, war in der Epoche der Saburäer und im ersten gaonäischen Jahrhundert zur trockenen Gedächtnissache herabgesunken und ermangelte der geistigen Befruchtungsfähigkeit. Es fehlte der scharfe Luftzug, welcher die verschlossenen dumpfen Räume durchwehen sollte. Der Widerspruch gegen den Talmud, welcher von den zwei messianischen Verkündern, Serene und Abu-‛Isa, als Stichwort ausgegeben wurde, hinterließ keine tiefe Spuren, teils weil die Bewegung mit messianisch-schwärmerischem Beisatze behaftet war und nur Enttäuschung zurückließ, teils weil sie von unbekannten Persönlichkeiten ohne Gewicht und Autorität ausgegangen war. Sollte die Einseitigkeit überwunden, die Bibel wieder in ihre Rechte eingesetzt und das religiöse Leben wieder vergeistigt werden, so mußte die gegensätzliche Richtung, die bis dahin nur in winzigen Kreisen herrschte, von einer nüchternen, mit einem offiziellen Charakter bekleideten Persönlichkeit getragen, in größere Kreise eingeführt werden.1 Nur wenn die Bewegung nicht in einem entlegenen Winkel, sondern in dem Mittelpunkte des damaligen jüdischen Lebens vorginge, konnte sie in die Massen dringen und wiedergebärend wirken. Eine solche Bewegung ging von einem Sohne des Exilsfürsten aus dem Bostanaïschen Hause aus und hatte darum eine nachhaltige Wirkung.

Der Exilarch Salomo war, wie es scheint, kinderlos gestorben (761-62), und die Würde sollte auf dessen Neffen Anan ben David übergehen. Die Biographie dieses so tief in die jüdische [182] Geschichte eingreifenden Mannes, dessen Anhänger sich bis auf den heutigen Tag erhalten haben, ist vollständig unbekannt und durch die später eingetretene Parteiung völlig entstellt. Während ihn seine Jünger als einen frommen und heiligen Mann verehren, der, »wenn er zur Zeit des Tempelbestandes gelebt hätte, der Gabe des Propheten gewürdigt worden wäre«2, können ihn seine Gegner nicht genug herabsetzen. Anan soll, nach einer unverbürgten Nachricht, nicht in Babylonien, sondern im fernen Osten gelebt und erst zur Zeit der Wahl nach Bagdad gekommen sein.3 Doch geben auch die Gegner zu, daß Anan sehr gelehrt im Talmud war, wie er auch sich des talmudischen Stiles mit Gewandtheit bediente. Ebenso gewiß ist es, daß der Exilarchensohn manchen Bestimmungen des Talmud keine religiöse Autorität eingeräumt hat, und daß seine talmudfeindliche Gesinnung jedenfalls den Vertretern der beiden Hochschulen, welche die Exilarchenwahl leiteten, bekannt gewesen sein muß.4 Zwei Brüder fungierten damals zu gleicher Zeit als Gaonen, Söhne Nachmans: R' Jehudaï, der Blinde, in Sura (fungierte (759-62) und R' Dodaï in Pumbadita (751-64). Diese beiden Brüder mit ihren Kollegien vereinigten sich nun, Anan von der Nachfolge in der Exilarchenwürde auszuschließen, und an seiner Stelle seinen jüngeren Bruder Chananja (oder Achunaï?) zu wählen (766-767). Aber Anan stand nicht allein. Er hatte Freunde, wie jeder Hochgestellte. Vermöge seiner Anwartschaft auf ein Fürstentum, dem mindestens sämtliche jüdische Gemeinden des Morgenlandes unterworfen waren, mochte er manchen Ehrgeizigen, Gewinnsüchtigen und Schmarotzer angezogen haben. Er hatte aber auch Anhänger an denen, welche mehr oder minder offen im talmudischen Judentum nicht das wahre erblickten und in Anan einen mächtigen Vorkämpfer begrüßten. Drei seiner Gesinnungsgenossen hat die Tradition [183] namhaft gemacht, welche vielleicht gar Mitglieder des gaonäischen Kollegiums waren: R' Ephraim, R' Elisa und R' Chanuka.5 Die ananitische Partei ließ es nicht an Anstrengungen fehlen, seine Wahl bei dem damaligen Kalifen Abuǵafar Almansur durchzusetzen, der ihm sehr gewogen gewesen sein soll. Allein die Gegenpartei siegte. Sie soll ihm nach dem Leben getrachtet und ihn beschuldigt haben, daß er auf Empörung gegen den Kalifen sinne. Möglich, daß Almansur, der im Anfange seiner Regierung die bewaffnete Schar des Abu-‛Isa zu bekämpfen hatte, der Besorgnis Raum gegeben hat, Anan werde dieselbe Rolle unter denselben Stichwörtern fortsetzen. Der Kalife soll ihn hierauf in einen Kerker geworfen haben. In demselben befand sich, wie die Sage erzählt, ein Mohammedaner, und beide sollten gehängt werden. Sein mohammedanischer Leidensgenosse habe6 ihm aber geraten, dem Kalifen zu erklären, er gehöre einer andern Sekte an als sein Bruder Chananja. Darauf habe ihn Almansur wieder in Freiheit gesetzt – die Anhänger sagen: weil er Gunst vor demselben gefunden, die Gegner: infolge reicher Geldgeschenke – und er habe ihm gestattet, mit seinen Anhängern nach Palästina auszuwandern.7

Unter allen diesen zweifelhaften Angaben ist nur das eine gewiß, daß Anan genötigt war, sein Vaterland zu verlassen, und daß er sich in Palästina ansiedelte.8 In Jerusalem baute er eine eigene Synagoge, die sich bis zu den Zeiten des ersten Kreuzzuges erhalten hat. Es ist ebenfalls sicher, daß Anan infolge der kränkenden0Zurücksetzung, die er von den Gaonen erfahren hat, über das Gaonat erbittert war und diese Erbitterung auf den Talmud, [184] kraft dessen jenes seine Bedeutung hatte, übertragen hat. Anan zeigte nämlich eine ingrimmige Feindseligkeit gegen den Talmud und dessen Träger. Er soll geäußert haben, er wünschte, daß sämtliche Talmudanhänger sich in seinem Leibe befänden, so würde er sich entleiben, damit sie mit ihm stürben.9 Er fand am Talmud alles verwerflich und wollte das religiöse Leben wieder an die Bibel anknüpfen. Er warf den Talmudisten vor, sie hätten das Judentum gefälscht und nicht nur vieles zur Thora hinzugefügt, sondern noch mehr davon aufgegeben, indem sie manches für nicht mehr verbindlich erklärten, was nach dem Wortlaut der Schrift für alle Zeiten Geltung haben soll. Anans Grundsatz war: »Suchet fleißig in der Schrift.«10 Möglich, daß Anan auf diese Feindseligkeit gegen die Tradition infolge der Parteiungen in der mohammedanischen Welt gekommen ist. Hier kämpfte die Partei, welche neben dem Koran auch die Überlieferung für notwendig hielt (Suniten) gegen eine andere, welche die letztere verwarf und das Wort des Koran allein als Norm anerkannte (Schiiten). Nach dem Beispiel der letzteren verwarf auch Anan die im Talmud gegebene Tradition. Von diesem Zurückgehen auf die Schrift (Mikra) erhielt das Religionssystem, das er aufrichtete, den Namen Schriftbekenntnis oder Karäertum.11 Seine Ansichten über die religiösen Gebote und Verbote legte Anan in drei Schriften nieder. Er verfaßte nämlich einen Kommentar zum Pentateuch – gewiß das allererste Erzeugnis dieser Art – ferner ein Kompendium über die religiösen Pflichten und eine Schrift unter dem Titel Fadhlakah, die ersten zwei im talmudischen Idiome, das dritte wohl arabisch.12

Diese Schriften Anans sind ein Raub der Zeit geworden13; [185] daher ist der ursprüngliche Charakter des Karäertums durchaus dunkel. Nur soviel ist klar, daß der Stifter der karäischen Sekte in feindseliger Haltung gegen den Talmud das religiöse Leben eher erschwerte als erleichterte, vieles wieder zur Geltung brachte, was die Zeit und die Sitte längst aufgegeben hatten, und in seinem blinden Eifer, der talmudischen Gesetzesauslegung etwas zu versetzen, in lächerliche Übertreibungen verfiel. Er bediente sich aber der talmudischen oder richtiger mischnaitischen Deutungsregeln, vermöge welcher er ebenso wie die alten Lehrer der Mischna berechtigt zu sein glaubte, neue Religionsgesetze zu folgern. Die bedeutendste Umgestaltung erfuhren die Bestimmungen über die Festzeiten, über Sabbat nnd über Ehe- und Speisegesetze. – Den Festkalender, der seit der Mitte des vierten Jahrhunderts eingeführt war (B. IV4, S. 317), schaffte Anan ab; da er aber für diesen Widerspruch keine biblische Grundlage hatte, so war er genötigt, auf die Zeit des zweiten Tempels und der Tannaiten zurückzugehen. Die Monatsanfänge sollten nicht bestimmt aufeinander folgen, sondern wie in der früheren Zeit durch das Beobachten des jungen Mondes jedesmal festgestellt werden. Die Schaltjahre sollten nicht eine regelmäßige Reihenfolge nach dem neunzehnjährigen Zyklus haben, sondern von der jedesmaligen Prüfung des Standes der Saatfelder, namentlich der Gerstenreife, bedingt sein. Cs war dies weniger eine selbständige Neuerung als das Wiederauffrischen einer Festordnung, deren Unhaltbarkeit bei der Zerstreuung des jüdischen Stammes augenscheinlich war.14 Für Anan und seinen Anhang in Palästina bot allerdings dieses veränderliche Kalenderwesen wenig Schwierigkeit, aber es beweist, daß er keinen Fernblick für zukünftige Zustände hatte. – Das Wochenfest setzte er ebenso wie ehemals die Sadduzäer fünfzig Tage vom Sabbat nach dem Passahfeste an.

In der strengen Sabbatfeier ließ Anan den Talmud weit, weit hinter sich zurück. Am Sabbat dürfe man kein Heilmittel anwenden, nicht einmal für gefährlich Erkrankte, nicht die Beschneidung vornehmen, nicht sein Haus verlassen in einer Stadt, wo die jüdische Bevölkerung mit der nichtjüdischen vermischt wohnt, nichts Warmes genießen, ja nicht einmal am Vorabend Licht oder Feuer für den Abend anzünden und auch nicht von andern anzünden lassen. Anan führte den Brauch ein, den Sabbatbeginn vollständig im Dunkeln [186] zuzubringen. Dieses alles und noch andere Erschwerungen wollte er aus den Buchstaben der Schrift herauslesen. Die Speisegesetze verschärfte Anan ins Maßlose, und die Verwandtschaftsgrade für verbotene Ehen dehnte er viel weiter als der Talmud aus, so daß die Ehe des Oheims mit der Nichte und der Stiefgeschwister, die einander ganz fremd sind, als Blutschande gelten sollte. Was bedeutete gegen diese übertriebene Strenge die Abschaffung der Gebetkapseln (Phylakterien, Tephillin), des Feststraußes am Hüttenfeste, des Lichtfestes, eingesetzt zur Erinnerung an die Hasmonäerepoche, und andere Kleinigkeiten? Er hat, wie die Gegner mit Recht behaupteten, einen neuen und zwar einen noch mehr erschwerenden Talmud aufgestellt.15 Das religiöse Leben erhielt durch Anan einerseits einen düstern, anderseits einen nüchternen, poesielosen Charakter. Er klebte so sehr an dem Buchstaben, daß er die Passahbrote aus Gerstenmehl bereitet wissen wollte, damit sie sich auch durch den Stoff als »Brot der Armut« auszeichnen; auch dürften diese erst gegen Abend des Rüsttages gebacken werden. Die seit einer langen Reihe von Jahrhunderten eingeführten Gebetformeln, die zum Teil noch im Tempel üblich waren und einen geheiligten Charakter hatten, wies der Stifter des Karäertums aus dem Bethause und mit ihnen auch die Gebetstücke der poetanischen Schöpfungen, welche der neuhebräischen Poesie eine neue Quelle eröffnet hatten. Statt dessen sollten in den karäischen Synagogen nur biblische Stücke litaneiartig in geschmackloser Auswahl rezitiert werden. Da die Juden im islamitischen Reiche die eigene Gerichtsbarkeit hatten, so erstreckte sich Anans Neuerung auch auf das Zivilrecht. So stellte er – im Widerspruch mit dem Bibelworte – die Töchter den Söhnen in bezug auf die Erbschaft gleich, sprach dagegen dem Gatten die Erbfähigkeit an der Hinterlassenschaft der Ehefrau ab.

Obwohl Anan einen mächtigen Anstoß zur Bibelforschung gegeben hat16, so war weder seine Zeit reif genug, noch reichte sein Geist dazu aus, eine gesunde, selbständige Schrifterklärung zu schaffen. Er selbst mußte zu Deuteleien greifen, wie sie kaum die von ihm geschmähten Talmudisten aufstellten, um seine Neuerung zu begründen. Indem er den Talmud verwarf, brach er die Brücke ab, [187] welche die biblische Vergangenheit mit der Gegenwart verband, und sprach der Geschichte Hohn. Das karäische Bekenntnis entbehrt daher des geschichtlichen Bodens, es hat keine Naturwüchsigkeit, und alles ist daran gekünstelt und geschraubt. Auf die Volkssitte und das Volksbewußtsein nahm Anan keinerlei Rücksicht. Da er erst das religiöse Leben durch die Deutung der Schrift begründen und aufbauen mußte, erhielt das Karäertum einen schwankenden Charakter. Eine bessere oder schlechtere Schrifterklärung konnte das religiöse Tun in Frage stellen, das Gesetzliche ungesetzlich und umgekehrt machen. Wie er für die Geschichte kein Verständnis hatte, so hatte er auch keinen Sinn für die Poesie. Die heilige prophetische und dichterische Literatur diente ihm nur dazu, dieses und jenes Gesetz, diese und jene religiöse Bestimmung zu beweisen. Er verschloß dem frisch sich regenden poetischen Drange die Pforten zum Heiligtume.

Eigentümlich ist es aber, daß sich Anan und sein Anhang für ihre Opposition gegen den Talmud auf den Stifter des Christentums beriefen. Jesus sei, nach ihrer Ansicht, ein gottesfürchtiger, heiliger Mann gewesen, habe gar nicht als Prophet anerkannt sein, noch dem Judentum eine neue Religion entgegensetzen, sondern lediglich die Thora bestätigen, und die Menschensatzung aufheben wollen. Die Evangelien seien nicht als Urkunden einer neuen Offenbarung oder eines neuen Bundes zu betrachten, sondern nur als Lebensgeschichte Jesu und als Ermahnungsvorschriften zu einem Leben nach der Thora anzusehen. Infolgedessen erklärte Anan, die Juden hätten an Jesus Unrecht begangen, ihn zu verurteilen.17 Wie Anan den Stifter des Christentums anerkannte, so zollte er auch Mohammed Anerkennung als Propheten für die Araber.18 Aber weder durch Jesus noch durch Mohammed sei die Thora aufgehoben worden, da ihre Verbindlichkeit für alle Zeiten gelte.19

Wie groß Anans Anhang war, der ihm in die Verbannung folgte, läßt sich nicht mehr ermitteln. Seine Jünger nannten sich nach ihm Ananiten und Karäer (Karaïm, Karaïmen, Bene Mikra), und ihren Gegnern gaben sie den Schimpfnamen Rabbaniten, was soviel als Anhänger von Autoritäten bedeuten sollte (Rabbanin, [188] Ribbonin, Bene-Rab). Die Spannung und Gereiztheit war anfangs zwischen beiden Religionsparteien außerordentlich heftig. Daß die Vertreter der Hochschulen den Stifter und seine Anhänger in den Bann gelegt und aus dem Kreise des Judentums ausgeschlossen haben, versteht sich von selbst.20 Aber auch die Karäer sagten sich ihrerseits von den Rabbaniten los, gingen keine Ehe mit ihnen ein, nahmen an ihren Tafeln keinen Teil, ja mieden sogar am Sabbat das Haus eines Rabbaniten, weil, nach ihrer Ansicht, dort der heilige Tag entweiht wurde.21 Die Rabbaniten nannten die Karäer Ketzer (Minim, Apikorsim), predigten gegen sie von den Kanzeln herab, namentlich gegen das Sitzen im Dunkeln am Sabbatabend22 und ließen die Anhänger Anans nicht zum Gebete zu. Die Karäer ihrerseits hatten nicht Schmähungen genug gegen die beiden Hochschulen und ihre Vertreter. Sie wendeten auf sie das Gleichnis des Propheten Zachariä an, von den zwei Weibern, welche die Sünde in einem Scheffel nach Babylon tragen und ihr dort eine Stätte gründen.23 »Die beiden Weiber, das sind die beiden Gaonsitze in Sura und Anbar (Pumbadita).« Dieser Spott, der von Anan ausgegangen sein mag, blieb stehend bei den Karäern, und die beiden Hochschulen wurden von ihnen nicht anders genannt, als »die zwei Weiber«.24

So war denn der jüdische Stamm zum dritten Male in zwei feindliche Lager gespalten. Wie im ersten Zeitraume Israel und Juda, und wie während des zweiten Tempels Pharisäer und Sadduzäer, so standen sich jetzt Rabbaniten und Karäer feindlich gegenüber. Jerusalem, die heilige Mutter, die schon so viele Kämpfe ihrer Söhne untereinander erlebt hat, wurde wiederum der Schauplatz eines bruderfeindlichen Kampfes. Die karäische Gemeinde, die sich von dem Gesamtverbande losgesagt hatte, erkannte Anan als den berechtigten Exilsfürsten an und legte ihm und seinen Nachkommen diesen Ehrentitel bei. Beide Parteien bemühten sich, die Kluft soviel als möglich zu erweitern.

[189] Wie lange Anan seiner Gemeindevorstand, ist nicht bekannt geworden. Nach seinem Tode zeigten seine Anhänger so viel Verehrung für ihn, daß sie eine Totenfeier in den Sabbatgottesdienst für ihn einführten. Sie beteten für ihn: »Gott möge sich des Fürsten Anan, des Gottesmannes erbarmen, der den Weg zur Thora gebahnt, die Augen der Karäer erleuchtet, viele von der Sünde zurückgebracht und uns den rechten Weg gezeigt hat. Gott möge ihm eine gute Stätte anweisen neben den sieben Klassen, welche ins Paradies eingehen.« Diese Gedenkformel für ihn ist bis auf den heutigen Tag bei den Karäern stehend geblieben.25 Das unparteiische Urteil kann aber diese Lobeserhebung nicht unterschreiben, wenn es auch die Spaltung des Judentums, die er hervorgerufen, ihm nicht zur Last legen will, da die Entfaltung der jüdischen Lehre erst dadurch ermöglicht wurde. Die Geschichte vermag seine Geistesgröße nicht anzuerkennen. Anan war kein tiefdenkender Kopf. Der philosophischen Erkenntnis war er vollständig bar. Er hatte noch einen so niedrigen Begriff von der Seele, daß er im peinlichsten Festhalten an dem Buchstaben der Bibel ihr das Blut als Sitz angewiesen hat.26 Aber auch in seiner Opposition gegen das talmudische Judentum war er inkonsequent. Er ließ nicht wenige Ritualien als verbindlich bestehen, die ebensowenig wie die von ihm verworfenen Satzungen auf biblischen Ursprung zurückgeführt werden können, wie das vorschriftsmäßige Schlachten. Hatte er demnach dem, was im Volksbewußtsein als heilig galt, Rechnung getragen, so war seine ganze Neuerung unberechtigt.

Nach Anans Tode übertrug die karäische Gemeinde seinem Sohn Saul die Führerschaft. Das27 gegentalmudische Religionsgebäude, das Anan aufgeführt hatte, wurde indes nach seinem Tode erschüttert. Er hatte die freie Forschung aus dem Schriftwort an die Spitze gestellt, daß nur das Schriftgemäße religiöse Gültigkeit haben sollte. Aber das Schriftwort ist deutbar. Seine Jünger, welche von der Auslegungsfreiheit Gebrauch gemacht haben, fanden schon, daß ihr Meister nicht unfehlbar war und verwarfen manche von ihm abgeleiteten religionsgesetzlichen Bestimmungen. So löblich es auch ist, [190] dem Geist nicht durch den Autoritätsglauben Fesseln anzulegen und sich beim Hergebrachten zu beruhigen, so kann es doch für eine Religionsgemeinschaft von schädlicher Wirkung sein, wenn es jedem einzelnen gestattet sein soll, vermittelst einer abweichenden Wortdeutung – gleichviel ob richtig oder erträumt – an dem Bestehenden zu rütteln. Die Karäer achteten aber nicht auf die auflösende Wirkung ihres Prinzips, lockerten das einheitliche Band ihres Zusammenhangs und gerieten in Zersplitterung. Je mehr sich das Karäertum von Palästina aus über die Länder des Kalifats ausbreitete, desto mehr zerfiel sein Zusammenhang in lauter winzige Sekten und gab ihren Gegnern, den Rabbaniten, Recht, zu behaupten, daß ohne Überlieferung von Geschlecht zu Geschlecht und ohne Autorität eine Religion keine Sicherheit habe.

Indessen hatte diese Sektiererei eine Lichtseite28, sie setzte die heilige Schrift wieder in ihr Recht ein und löste sie von dem Banne, in dem die Talmudisten sie jahrhundertelang gehalten. Jeder Stimmführer einer Sekte mußte den Inhalt und Wortlaut der Bibel stets bei der Hand haben, um sie als Waffe und Schild gegen die Gegner zu gebrauchen. Die Einführung der Vokal- und Akzentzeichen zur Belebung des Textes hatte die Vertiefung in die Bibel erleichtert. Um in den Sinn der heiligen Schrift tiefer einzudringen, mußte die Aufmerksamkeit auf die grammatischen Regeln, auf Form, Bildung und Gefüge der heiligen Schrift gerichtet werden. Die Karäer waren es, welche die hebräische Grammatik zuerst angebaut haben. Es wurde ihren Bekenntnisgenossen zur religiösen Pflicht gemacht, sich mit ihren Regeln vertraut zu machen. Die eifrige Beschäftigung mit der Bibelkunde lenkte auch im karäischen Kreise die Aufmerksamkeit auf die Beschaffenheit des überlieferten heiligen Textes, die Richtigkeit desselben zu prüfen und ihn vor Entstellungen zu sichern.

Dieser Zweig der Bibelkunde, der mit der Grammatik teilweise zusammenhängt, wurde Masora genannt, Überlieferung über jeden Vers und fast über jedes Wort, über Schreib- und Leseweise desselben, über Regeln und Ausnahmen.29 Diese masoretische Sorgfalt [191] kam aber viel zu spät. Unglückliche Zeiten und Gewissenlosigkeit hatten bereits im Text arge Verwüstungen angerichtet, und die Masora konnte nur den Befund des Textes, wie er zurzeit vorlag, bezeugen. In den blutigen Verfolgungen zur Zeit des Königs Antiochus und des Kaisers Hadrian hatten die Schergen neben den Leibern auch die Seele der Judenheit getroffen, sie hatten die heiligen Bücher zerrissen oder verbrannt. Nach eingetretener Ruhe mußten neue Exemplare abgeschrieben werden; aber es fand sich kein sorgfältig überwachtes Musterexemplar, nach welchem die Abschriften gemacht werden konnten. Die sorgfältig abgeschriebene, im Tempel aufbewahrte Musterschrift des Fünfbuches der Thora, erbeutet und in strengem Gewahrsam in Rom unter der von Titus entführten Beute gehalten, wurde in den Kämpfen der Völkerwanderung gegen Rom wiederum erbeutet, verschleppt und ist verschwunden. So wurden neue Abschriften aus schadhaften Vorlagen angefertigt. Den teilweise verderbten Text schädigten gewissenlose Abschreiber noch mehr durch Unachtsamkeit. Man verwünschte zwar diese Schänder der Heiligtümer in die Hölle, weil sie gedankenlos Fehler in den Text brachten, bald Verse oder Versteile, Worte oder Buchstaben übersprangen, bald sie doppelt schrieben; aber diese nachträgliche Verdammnis hat die Schäden nicht ausgebessert. Und durch wie viele Hände sind die biblischen Bücher in dem Zeitraum von tausend Jahren abgeschrieben worden? Zu den alten Fehlern kamen neue hinzu. Für sorgfältige, zuverlässige Abschriften wurde wenig gesorgt. Die Schulhäupter in Palästina und Babylonien sorgten mehr für den Ausbau des Talmud, als für die korrekte Erhaltung des heiligen Textes. Sie waren auch außerstande, die Abschriften der Exemplare für die über die Länder zerstreuten Gemeinden zu überwachen. Ganz besonders waren dichterisch gehaltene Verse, welche die Abschreiber nicht verstanden oder mißverstanden haben, arg verdorben und entstellt.

Nun erwachte mit dem Eifer für das Verständnis der heiligen Schrift auch die Gewissenhaftigkeit für die Herstellung des richtigen Textes. Man forschte nach gut erhaltenen und zuverlässigen Exemplaren. Aber was fand man? Man fand, daß auch die besseren Exemplare in den Urwohnsitzen jüdischer Gemeinden nicht übereinstimmen. Morgenländische und abendländische, d h. babylonische und palästinensische Exemplare wichen voneinander in Versabteilungen, in Wortformen und auch in anderen Punkten ab, [192] selbst in dem für allerheiligst gehaltenen Text des Fünfbuches der Thora. Die Verse aller Bücher wurden zwar aufs sorgfältigste gezählt, damit keiner verloren gehen sollte, und doch zeigte sich eine klaffende Verschiedenheit in der Zählung. Während die Babylonier das Fünfbuch in 5848 Verse zerlegten, hatten die Palästinenser die Zahl 15 852. Auch in anderen Punkten fand man bei der Vergleichung mannigfache Verschiedenheit in der Schreibweise, fehlende Wörter und Buchstaben. Nun ließen es sich die Karäer sehr angelegen sein, einen korrekten Text anzufertigen und die Masora, d.h. die Überlieferung, zu berücksichtigen. Aber wie gesagt, es kam zu spät. Sie konnten nur Entstellungen für die Zukunft verhüten, aber die Schäden von Jahrhunderten nicht mehr verbessern, sie hatten auch keine Ahnung von der eingerissenen Verderbnis. Die Rabbaniten, die Schulhäupter in Babylonien, kümmerten sich noch weniger um Sicherung des Textes; ihr Eifer war noch immer der Auslegung des Talmud und der Entscheidung von praktischen Fragen zugewendet. Als Masoreten werden namhaft gemacht: R'Jonathan, R'Chabib und R'Pinchas der Schulvorsteher (Rosch-Jeschibah)30, ohne daß man wüßte, ob sie ebenfalls Karäer waren, und zu welcher Zeit sie gelebt haben31.

Während die Karäer in der Schriftstellerei außerordentlich tätig waren, die Schriftauslegung (Bibel-Exegese), hebräische Sprachkunde und Masora anbauten32, war der rabbanitische Kreis sehr unfruchtbar an literarischen Erzeugnissen. Nur eine einzige Erscheinung ist aus dieser Zeit bekannt geworden. Der bereits genannte R'Jehudaï, Gaon von Sura, verfaßte ein talmudisches Kompendium unter dem Titel feste und kurze Praxis (Halachot Ketuot oder Kezubot). Es ist aber ungewiß, ob er es vor oder nach der Entstehung des Karäertums verfaßt hat. R'Jehudaï hat darin das Zerstreute aus dem Talmud ordnungsmäßig zusammengetragen und mit Weglassung der Diskussionen das praktisch Gültige kurz angegeben. Aus einigen Bruchstücken zu schließen, waren R'Jehudaïs [193] Halachot in hebräischer Sprache abgefaßt33, und er hat damit den Talmud volkstümlich und für jedermann verständlich gemacht. Das Werk drang daher auch bis in die entferntesten jüdischen Gemeinden, wurde das Muster für spätere Ausarbeitungen ähnlicher Art, ist aber durch spätere Erzeugnisse verdrängt worden und abhanden gekommen.

Die karäischen Wirren haben auch dazu beigetragen, das Ansehen der Exilarchen zu schmälern34. Bis Anan waren, wie bereits gezeigt, die Hochschulen mit ihren Kollegien den Exilsfürsten untergeordnet, die Schulhäupter wurden von ihnen gewählt oder bestätigt und hatten bei der Besetzung der erledigten Würde keinen unmittelbaren Einfluß. Als es aber den Gaonen gelungen war, Anan vom Exilarchate zu verdrängen, ließen sie sich diese Macht nicht mehr entwinden, sondern machten sie bei der Nachfolge geltend, schon aus dem Grunde, um nicht karäisch gesinnte Fürsten an der Spitze des jüdischen Gemeinwesens zu lassen. Das Exilarchat, das von Bostanaï an erblich war, wurde von Anan an wählbar, und die akademischen Präsidenten leiteten die Wahl. Nach Chananja oder Achunaï (o. S. 183) brach, kaum zehn Jahre nach Anans Abfall vom Rabbanismus, wieder eine Streitigkeit um das Exilarchat zwischen zwei Prätendenten, Sakkaï ben Achunaï und Natronaï ben Chabibaï, aus. Der letzte war unter R'Jehudaï Mitglied des Kollegiums gewesen. Der Grund der Streitigkeiten, die einige Jahre dauerten, ist nicht bekannt. Die beiden Schulhäupter dieser Zeit Malka ben Acha von Pumbadita [194] (fungierte 771 bis 773) und Chaninaï Kahana ben Huna von Sura35 (765-75) vereinigten sich, um Natronaï zu stürzen und brachten es dahin, daß er wahrscheinlich durch den Hof des Kalifen aus Babylonien verbannt wurde. Er wanderte nach Maghreb (Kairuan) aus, wo seit Gründung dieser Stadt eine zahlreiche jüdische Gemeinde war. Sakkaï wurde in der Exilarchenwürde bestätigt, obwohl der verbannte Exilarch talmudisch sehr gelehrt war36. Als die spanischen Gemeinden das Ansuchen an ihn stellten, ihnen ein Talmudexemplar zuzusenden, kopierte er ein solches aus dem Gedächtnis. Immer mehr geriet das Exilarchat in Abhängigkeit vom Gaonate, welches mißliebige Fürsten in die Acht erklärte und nicht selten in die Verbannung schickte. Da sich aber die Exilarchen, wenn sie zur Macht gelangten, der Abhängigkeit entschlagen wollten, so entstanden daraus Reibungen, die einen schlimmen Einfluß auf das babylonische Gemeinwesen übten. Es scheint, daß die Gaonen seit der Entstehung des Karäertums sich auch auf einen Zweig der Literatur legten, den sie bisher vernachlässigt hatten. Die Agada oder die homiletische Ausschmückung der Bibel war bisher nur in Judäa gepflegt worden. Der schon erwähnte Gaon Chaninaï Kahana, ein Jünger R' Jehudaïs, trug, soviel bekannt ist, zuerst neben dem halachischen Stoff auch agadische Auslegungen für die Jünger vor. Aus diesem Vortrage sammelte ein Jünger R' Samuel einen Midrasch auf einige Bücher des Pentateuchs unter dem Titel Espha37 (nach dem Anfangsverse). Auch andere Agadasammlungen, wie das Jelamdenu (Tanchuma), mögen in derselben Zeit entstanden sein38.

Nach R' Chaninaï Kahana fungierte in Sura Mari-ha-Levi ben Mescharschaja (775-78) und auf ihn folgte R. Bebaï-ha-Levi ben Abba (775-88). Ihre pumbaditanischen Zeitgenossen waren nach Malka, jenem Gaon, welcher zur Amtsentsetzung des Exilarchen [195] Natronaï am meisten beigetragen hatte: Rabba ben Dudaï (773-82), der in einem Punkte zur karäischen Strenge hinneigte und von R' Jehudaï abging39, und nach Rabbas Tod, nachdem sein Nachfolger Schinuj nur kurze Zeit fungiert hatte, R' Chaninaï ben Abraham Kahana (782). Zwischen ihm und dem damaligen Exilarchen entstand ein Zerwürfnis unbekannter Art, das dahin führte, daß der Gaon seines Amtes entsetzt und an seiner Stelle Huna Mar ha-Levi ben Isaak erwählt wurde (786).

Die beiden zeitgenössischen Gaonen, R' Bebaï und Chinaï, führten mit Zustimmung des Exilarchen eine wichtige zivilrechtliche Verordnung ein. Bis dahin konnte eine Schuld, sei es von seiten der Gläubiger, sei es von seiten einer Witwe für ihre Ehepakten, von den Erben nicht eingefordert werden. Nur falls der Erblasser Liegenschaften hinterlassen hatte, konnten sich die Gläubiger oder die Witwe daran halten. Die beiden Präsidenten der Hochschulen verordneten aber, daß die Erben auch mit der beweglichen Erbschaft die hinterlassenen Schulden des Erblassers tilgen müssen. Diese Verordnung (vom Jahre 787) wurde mit dem Insiegel des Exilarchen und der Gaonen versehen, sämtlichen jüdischen Gemeinden des Morgenlandes zugestellt, mit dem Bedeuten, daß der Richter, der ihr zuwiderhandeln sollte, seine Amtsentsetzung zu gewärtigen habe40. Es scheint, daß diese Verordnung aus einem Zeitbedürfnisse infolge der Besitzveränderungen der Juden im Kalifat hervorgegangen ist. Bis dahin Bodenbesitzer, Ackerbauer und Viehzüchter, haben sie sich seitdem mehr auf den Handel gelegt, den die bedeutende Ausdehnung des islamitischen Reiches von Indien bis zu den Säulen des Herkules begünstigt hat. Während früher ein Familienvater durchschnittlich den Seinigen Grundbesitz hinterließ, so vererbte er ihnen von Handel und Gewerbe nur Kapitalien. Die Maßregel der beiden Gaonen wollte demnach auch bei verändertem Besitzstande den Schuldforderungen Sicherheit gewähren.

Ungefähr gleichzeitig mit der Entstehung des Karäertums fiel ein Ereignis vor41, das zwar wenig in die Entwickelung der jüdischen [196] Geschichte eingegriffen hat, aber das Selbstbewußtsein der Zerstreuten gehoben und ihren Mut aufgerichtet hat. Der heidnische König eines im Norden hausenden barbarischen Volkes nahm zugleich mit seinem Hofe das Judentum an. Die Chazaren oder Kozaren42, ein finnischer Volksstamm, verwandt mit den Bulgaren, Avaren, Uguren oder Ungarn, hatten sich nach der Auflösung des Hunnenreiches an der Grenzscheide von Asien und Europa niedergelassen. Sie hatten ein Reich an der Mündung der Wolga (von ihnen Itil oder Atel genannt) an dem Kaspisee gegründet, wo jetzt Kalmücken hausen, in der Nähe von Astrachan. Der Kaspisee führte von ihnen den Namen das Chazarenmeer. Ihre Könige mit dem Titel Chakane oder Chagane, führten die kriegerischen Söhne der Steppe von Sieg zu Sieg. Den Persern hatten die Chazaren so großen Schrecken eingeflößt, daß einer ihrer Könige, Chosrau, sein Reich vor deren ungestümen Einfällen nur durch eine feste Mauer, welche die Pässe zwischen dem Kaukasus und dem Meere verrammelte, schützen konnte. Aber die »Pforte der Pforten« (Bab al abwab unweit Derbend) war nicht lange eine Schranke für den Kriegsmut der Chazaren. Nach dem Untergang des persischen Reiches überstiegen sie den Kaukasus, machten Einfälle in [197] Armenien und eroberten die Krim-Halbinsel, welche davon eine Zeitlang Chazarien hieß. Die byzantinischen Kaiser zitterten vor den Chazaren, schmeichelten ihnen und zahlten ihnen Tribut, um ihre Gelüste nach der Beute von Konstantinopel zu beschwichtigen. Die Bulgaren und andere Völkerschaften waren Vasallen der Chazaren, die Kiewer (Russen) am Dniepr mußten den Chaganen jährlich ein Schwert und ein feines Pelzwerk von jedem Rauchfang liefern. Mit den Arabern, deren Grenznachbarn sie allmählich wurden, führten sie blutige Kriege.

Neben den Kriegern gab es unter den Chazaren auch Ackerbauer und Hirten. Ihre Lebensweise war einfach; sie nährten sich von Reis und Fischen und wohnten in Zelten. Nur der Chagan hatte einen Palast an der Wolga. Seine Macht über sein Volk war unbeschränkt, weil er wie der Dalai-Lama abgöttisch verehrt wurde. Verhängte er Todesstrafe über einen seiner Untertanen, so nahm dieser sich in tiefem Gehorsam selbst das Leben. Damit die geheiligte Person des Chagans nicht fortwährend in Berührung mit den Staatsangelegenheiten kommen sollte, hatte er einen Stellvertreter oder Unterkönig, der den Titel Peg oder Peh führte. Nach und nach kam es dahin, daß der Peg der eigentliche Regent des Chazarenreiches war, während die Chagane stets im Harem schwelgten. Die Chazaren wie ihre Nachbarn, die Bulgaren und Russen, huldigten einem groben Götzendienste, der mit Sinnlichkeit und Unkeuschheit gepaart war. Durch die Araber und Griechen, die in Handelsangelegenheiten nach der Hauptstadt Balanǵar kamen43, um die Produkte ihrer Länder gegen feines Pelzwerk einzutauschen, lernten die Chazaren den Islam und das Christentum kennen. Auch Juden fehlten im Chazarenlande nicht. Ein Teil jener Flüchtlinge, welche dem Bekehrungseifer des byzantinischen Kaisers Leo (725) entgangen waren (o. S. 172), hatte sich da angesiedelt. Durch diese griechischen Juden lernten die Chazaren auch das Judentum kennen44. Als Dolmetscher oder Kaufleute, als Ärzte oder Ratgeber [198] wurden die Juden am chazarischen Hofe bekannt und beliebt und flößten dem kriegerischen Herrscher Bulan Liebe für das Judentum ein.

Die Chazaren hatten aber in späterer Zeit nur eine dunkele Kunde von der Veranlassung, die ihre Vorfahren zur Annahme des Judentums bewogen hat. Ein späterer chazarischer Chagan erzählte die Geschichte ihrer Bekehrung folgendermaßen: Der König Bulan habe einen Abscheu vor dem wüsten Götzentume seiner Vorfahren empfunden und es in seinem Reiche verboten, ohne sich einer anderen Religionsform anzuschließen. Durch einen Traum sei er in seinem Streben nach einer würdigen Gottesverehrung bestärkt worden. Ein Engel sei ihm erschienen und habe ihm Waffenglück gegen die Araber und Reichtum verheißen, wenn er sich zum wahren Gotte bekennen würde. Denselben Traum habe auch der Unterkönig gehabt. Als er dann einen großen Sieg über die Araber errungen und die armenische Festung Ardebil45 erobert hatte (731), hätten sich Bulan und der Peg entschlossen, das Judentum öffentlich zu bekennen. Der Kalife, sowie der byzantinische Kaiser hätten aber gewünscht, den Chagan der Chazaren für die Annahme ihres Bekenntnisses zu bewegen, und zu diesem Zwecke hätten sie Abgeordnete mit Schreiben und reichen Geschenken, begleitet von Religionskundigen, an Bulan geschickt. Dieser habe hierauf einen Religionsdisput unter seinen Augen veranstaltet zwischen dem byzantinischen Geistlichen, dem mohammedanischen Religionsweisen und einem jüdischen Gelehrten. Die Vertreter der drei Religionen hätten dann lange hin und her disputiert, ohne einander oder den Chagan von der Vortrefflichkeit der einen Religion gegen die andere zu überzeugen. Da aber Bulan gemerkt, daß der Vertreter der Christusreligion und des Islam beide [199] sich auf das Judentum als auf den Ausgangspunkt und Grund ihres Glaubens beriefen, so habe er den christlichen Gesandten unter vier Augen gefragt, ob er dem Islam den Vorzug gebe. Und als dieser das Judentum auf Kosten der Religion Mohammeds sehr hoch gestellt, habe Bulan dasselbe Mittel auch bei dem mohammedanischen Weisen angewendet, und ihm das Geständnis abgelockt, daß das Judentum unendlich höher stehe als das Christentum. Darauf habe Bulan den Gesandten des Kalifen und des Kaisers erklärt: da er aus dem Munde der Gegner des Judentums das unparteiische Geständnis von dessen Vorzüglichkeit vernommen, so bleibe er bei dem Vorsatze, das Judentum als seine Religion zu bekennen. Er habe darauf sich der Beschneidung unterworfen46. Der jüdische Weise, der bei der Bekehrung Bulans tätig war, soll Isaak Sanǵari oder Sinǵari47 gewesen sein.

Die Umstände, unter welchen der Chagan das Judentum angenommen hat, mögen sagenhaft ausgeschmückt sein, aber die Tatsache ist von vielen Seiten zu bestimmt bezeugt, als daß sie bezweifelt werden könnte. Mit Bulan bekannten sich auch die Großen des Reiches, ungefähr viertausend an der Zahl, zum Judentume. Nach und nach drang es auch ins Volk ein, so daß die meisten Städtebewohner des Chazarenreiches Juden waren, während das Militär aus mohammedanischen Söldlingen bestand48. Es gab aber auch Vasallenkönige in dem großen Gebiete, das dem Chagan unterworfen war, und auch von diesen nahmen wohl einige die Religion ihres Gebieters an. Wenigstens wird das von dem Könige des Landstriches Semender49 an der Westküste des Kaspisees (jetzt[200] Tarki) erzählt. In der ersten Zeit mag das Judentum der Chazaren oberflächlich genug ausgesehen und wenig auf Änderung des Sinnes und der Sitte eingewirkt haben. Erst ein späterer Nachfolger Bulans, der den hebräischen Namen Obadjah führte, machte mit dem jüdischen Bekenntnisse Ernst50. Er lud jüdische Gelehrte in sein Reich ein, belohnte sie königlich, gründete Bethäuser und Lehrstätten, ließ sich und sein Volk in Bibel und Talmud unterrichten und führte den Gottesdienst nach dem Muster der alten Gemeinden ein51. So viel Einfluß gewann das Judentum auf die Gemüter dieses unkultivierten Volksstammes, daß während die heidnisch gebliebenen Chazaren ihre Kinder ohne Gewissensbisse als Sklaven verkauften, die jüdischen diese Unsitte eingestellt haben52. Nach Obadjah regierte noch eine lange Reihe von jüdischen Chaganen; denn nach einem Staatsgrundgesetz durften nur jüdische Herrscher den Thron besteigen53. Weder Oradjah, noch seine Nachfolger waren unduldsam gegen die nichtjüdische Bevölkerung des Landes, die im Gegenteil mit vollständiger Gleichheit behandelt wurde. Es gab einen obersten Gerichtshof, bestehend aus sieben Richtern, zwei Juden für die jüdische Bevölkerung, ebensoviel mohammedanischen und christlichen für ihre Religionsgenossen und einem heidnischen für die Russen und Bulgaren54. Jeder Religionsbekenner wurde nach seinem Gesetzbuche gerichtet. Das Chazarenreich, von jüdischem Geiste durchweht, hätte ein Muster von Duldsamkeit für Christen und Mohammedaner zu seiner Zeit und noch ein Jahrtausend später abgeben können. Die auswärtigen Juden hatten anfangs keine Ahnung von der Bekehrung eines mächtigen Königreiches zum Judentume, und als ihnen ein dunkeles Gerücht darüber zukam, glaubten sie, Chazarien sei von den Überbleibseln der ehemaligen Zehnstämme bevölkert. Die Sage erzählte: Weit, weit hinter den finsteren Bergen, der kimmerischen Finsternis des Kaukasus, wohnen wahre Gottesverehrer. [201] heilige Männer, Nachkommen Abrahams von den Stämmen Simeon und Halbmanasse, die so mächtig seien, daß ihnen fünfundzwanzig Völkerschaften Tribut zahlen55.

Um dieselbe Zeit, in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts, treten auch die Juden Europas ein wenig aus dem Dunkel heraus, das sie seit Jahrhunderten bedeckte. Von den Machthabern begünstigt, wenigstens nicht gemißhandelt und verfolgt, erhoben sie sich zu einer gewissen Höhe der Kultur. Karl der Große, der Gründer des fränkischen Kaisertums, dem Europa die Neugeburt und die teilweise Befreiung von der Barbarei verdankt, hat auch die geistige und gesellschaftliche Erhebung der Juden in Frankreich und Deutschland gefördert. Nach langen Jahrhunderten von Niedrigkeit und Mittelmäßigkeit sah die Menschheit wieder einen echten Helden erstehen mit dem Gepräge des Genies, der nicht bloß mit Waffen zu siegen, sondern auch Saaten der Kultur und Gesittung auszustreuen verstand. Durch die Schöpfung des deutsch- fränkischen Reiches, das sich vom Ozean bis jenseits der Elbe und vom Mittelmeere bis zur Nordsee erstreckte, verlegte Karl den Mittelpunkt der Geschichte nach West-Europa, während er bis dahin in Konstantinopel an der Grenze von Ost-Europa und Asien gewesen war. Obwohl Karl Schutzherr der Kirche war und die Suprematie des Papsttums begründen half, und obwohl der zeitgenössische Papst Hadrian nichts weniger als judenfreundlich war und die spanischen Bischöfe wiederholentlich ermahnte, die Christen von der Gemeinschaft mit Juden und Heiden (Arabern) fern zu halten56, so war Karls Blick doch zu weit, als daß er in bezug auf die Juden die Befangenheit der Geistlichen hätte teilen sollen. Er war im Gegenteil ziemlich frei von Vorurteilen gegen sie. Allen Kirchensatzungen und Konzilienbeschlüssen entgegen, begünstigte der erste fränkische Kaiser die Juden seines Reiches und zog Nutzen von einem kenntnisreichen Manne dieses Stammes, der für ihn Reisen nach Syrien machte und die Erzeugnisse des Morgenlandes[202] nach dem Frankenreiche brachte57. Wenn sonst die Fürsten die Juden in Strafe nahmen, falls sie von Geistlichen oder Kirchendienern Kirchengefäße kauften oder in Pfand nahmen, so verfuhr Karl darin entgegengesetzt; er belegte die kirchenschänderischen Geistlichen mit schwerer Strafe und sprach die Juden frei davon58.

Die Begünstigung der Juden von seiten Karls des Großen hatte zwar in dem Interesse ihren Grund, das dieser weitblickende Kaiser an der Hebung des Handels und Vermehrung des Nationalreichtums nahm. Die Juden waren damals die Hauptvertreter des Welthandels59. Während der Adel dem Kriegsgeschäfte, der Kleinbürger den Handwerken, und der Bauer, der Leibeigene, dem Ackerbau oblagen, waren die Juden, weil nicht zum Heerbanne zugezogen und nicht im Besitz von Feudalgütern, auf das Export- und Importgeschäft mit Waren oder Sklaven angewiesen, und die Gunst, die ihnen Karl zuwendete, war gewissermaßen ein Privilegium, erteilt an eine Handelskompagnie60. Beschränkt waren sie nur gleich den anderen Kaufleuten im Handel mit Getreide und Wein, weil der Kaiser den Gewinn von Lebensmitteln für ein schändliches Gewerbe hielt. War auch schon diese materielle Schätzung der Juden ein Fortschritt gegen die Beschränkheit der merovingischen Herrscher, der Gunthram und Dagobert, welche in den Juden nur Gottesmörder sahen, so zeigte Karl auch noch Interesse an der geistigen Hebung der jüdischen Bewohner seines Reiches. Wie er für die Heranbildung der Deutschen und Franzosen durch Herbeirufen von kundigen Männern aus Italien Sorge trug, so lag es ihm auch am Herzen, die Juden Deutschlands und Frankreichs einer höheren Kultur teilhaftig werden zu lassen. Er verpflanzte daher eine gelehrte Familie aus Lucca, Kalonymos, seinen Sohn Mose und seinen Neffen nach Mainz (787)61, sicherlich in der Absicht, der Unwissenheit der deutschen [203] Juden zu steuern. Die Söhne Jakobs in Germanien haben sich, wie die Söhne Teuts, allerdings am spätesten von der Barbarei losgemacht. Deutschland, dem jetzt die gebildete Welt neidlos die Palme der Wissenschaft reicht, war zu Karls Zeit noch der Sitz dumpfer Unwissenheit, nicht bloß im Norden, wo die reckenhaften Sachsen unter Wittekind hausten, sondern auch in der Mittelrheingegend, die mit dem Frankenreiche in Verbindung stand.

Die erste Einwanderung der Juden in Deutschland ist in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Wollte man der Sage Glauben schenken, so hätten sich bereits Juden in Worms niedergelassen, als Deutschland noch mit Urwald und Sümpfen bedeckt war, und wilde Bären die einzigen Herren im Lande waren. Nicht lange nach Josuas Eroberung, so erzählt die Sage, als der Stamm Benjamin wegen der Untat an der Frau zu Gibea von den übrigen Stämmen beinahe aufgerieben worden war, seien tausend Benjaminiten, um dem Blutbade zu entgehen, geradewegs nach Deutschland ausgewandert und hätten eine Gemeinde zu Worms gegründet62. – Dergleichen Erfindungen, um das Alter der Gemeinden hoch hinaufzurücken, waren übrigens nicht von der Eitelkeit, sondern vom Selbsterhaltungstrieb eingegeben. Als man die Juden Deutschlands für die Verurteilung Jesu verantwortlich machte und sie als Gottesmörder zu Tausenden hinschlachtete, mußten sie auf Mittel sinnen, sich von dieser unsinnigen [204] Anklage loszumachen, und sie machten geltend, sie seien lange, lange vor Jesu Geburt in den deutschen Gauen ansässig gewesen. Die Wormser Gemeinde wollte bereits zur Zeit Esras von Jerusalem ein Sendschreiben erhalten haben, sich an den Hauptfesten in dem Tempel einzustellen, sie habe aber darauf erwidert, daß sie sich am Rhein ein Neu-Jerusalem gegründet und von dem alten, als ohnehin aller Gnadenmittel entbehrend, nichts wissen wolle63. Um sich recht augenfällig von der Mitschuld an Jesu Kreuzestod zu reinigen, schmiedete man einen Brief aus jener Zeit, welcher an die Wormser oder Ulmer oder Regensburger Gemeinde gerichtet worden sei, um sie von den Vorgängen bei Jesu Auftreten in Kenntnis zu setzen64. War eine Notlüge je gestattet, so war es diese, weil sie eine lügenhafte, verkehrte, hohnsprechende Anschuldigung entkräften und den Tod von tausend Unschuldigen abwenden wollte. Nicht viel glaubwürdiger klingt das Zeugnis, welches das Vorhandensein einer jüdischen Gemeinde in Worms im ersten christlichen Jahrhundert aus untergegangenen Leichensteinen verbürgen will65. Sichere Zeugnisse über das Vorhandensein von Juden in der von Römern gegründeten agrippinischen Kolonie (Cöln am Rhein) datieren erst aus dem vierten Jahrhundert66. Ob sich aber die Juden daselbst in den wilden Stürmen der Völkerwanderung behauptet haben, ist sehr fraglich. Sicherlich sind die deutschen Gemeinden nur als Kolonien der französischen zu betrachten, mit denen sie in dem den merovingischen Königen unterworfenen Austrasien gleiches Geschick geteilt haben. Auch die Juden Englands sind französischen Ursprungs und wanderten wohl erst im siebenten Jahrhundert dahin67. Eine regelmäßige Gemeindeverfassung haben die deutschen Juden sicherlich erst durch die aus Lucca verpflanzte Kolonie der Familie Kalonymos erhalten.

[205] Weltgeschichtlich bekannt ist die Gesandtschaft Karls an den mächtigen Kalifen Harun Ar-Raschid, der ein Jude mit Namen Isaak beigegeben war (797). Obwohl Isaak anfangs neben den Edelleuten Landfried und Sigismund wohl nur die Rolle eines Dolmetschers hatte, so war er doch in die diplomatischen Geheimnisse Karls eingeweiht68. Als daher die beiden Hauptgesandten auf der Reise gestorben waren, war er allein im Besitz des Antwortschreibens und der reichen Geschenke von seiten des Kalifen, und der Kaiser empfing ihn in Aachen in feierlicher Audienz69. Der Kaiser soll auch durch die Gesandtschaft den Kalifen gebeten haben, ihm einen gelehrten Juden aus Babylonien für seine Lande zuzuschicken, und Harun soll ihm einen R' Machir zugesandt haben70, den Karl der jüdischen Gemeinde zu Narbonne vorgesetzt habe. Machir, der der Stammvater gelehrter Nachkommen wurde, wie Kalonymos aus Lucca, gründete in Narbonne eine talmudische Hochschule71.

Infolge ihrer günstigen Stellung in dem deutsch-fränkischen Reiche, wo sie Äcker besitzen, Gewerbe und Schiffahrt betreiben durften und weder vom Pöbel, noch von den wahrhaft frommen deutschen Geistlichen geplagt wurden, konnten sich die Juden ihrem Wandertrieb überlassen und sich in vielen Gauen Deutschlands ausbreiten. Zahlreich wohnten sie im neunten Jahrhundert in den Städten Magdeburg, Merseburg und Regensburg72. Von da aus drangen sie immer weiter bis in die von Slaven bewohnten Länderstriche jenseits der Oder bis nach Böhmen und Polen. Indessen bei aller Gunst, die ihnen Karl zuwandte, fiel es ihm, wie auch den besten Männern des Mittelalters, schwer, sie als vollständig ebenbürtig mit den Christen zu behandeln. Die Kluft, welche sich durch die Bestimmungen der Kirchenväter zwischen dem Christentum und Judentum aufgetan hatte, und die von einzelnen Geistlichen und Synoden erweitert worden, war zu tief, als daß sie ein der Kirche [206] treu ergebener Kaiser hätte überspringen können. Auch Karl hielt in einem Punkte den Unterschied zwischen Juden und Christen aufrecht und machte ihn dauernd durch eine Eidesformalität, welche den Juden auferlegt werden sollte, wenn sie gegen einen Christen zu zeugen oder zu klagen hatten. Bei einem Eide gegen einen Christen mußte der Jude sich mit Sauerampfer oder Dornen umgeben, in der Rechten die Thora halten und Naamans Aussatz und die Strafe der Rotte Koras auf sich zum Zeugnisse der Wahrheit herabrufen. Falls kein hebräisches Thoraexemplar vorhanden ist, sollte eine lateinische Bibel genügen73. Man darf aber nicht verkennen, daß es eine Milde und ein Abweichen von der Kirchensatzung war, wenn die Juden überhaupt zum Eide gegen Christen zugelassen wurden.

Im Morgenlande wurden die Juden im Anfange des neunten Jahrhunderts ebenfalls auf unangenehme Weise erinnert, daß sie auch von den besten Herrschern Zurücksetzung und Leiden zu gewärtigen haben. Die Regierungszeit der abbassidischen Kalifen Harun Ar-Raschid und seiner Söhne wird als die Blütezeit des morgenländischen Kalifats betrachtet. Und gerade aus dieser Zeit wurden von jüdischer Seite Klagen über Bedrückung laut. Möglich, daß Harun, als er gegen die Christen das Omarsche Gesetz (o. S. 122) erneuerte (807), es auch auf die Juden angewendet hat, daß sie einen auszeichnenden Fleck von gelber Farbe an ihrem Anzuge, wie die Christen eine blaue Farbe, tragen, und daß sie sich statt des Gürtels einer Schnur bedienen sollten74. Nach seinem Tode (809), als seine zwei Söhne Mohammed Alemin und Abdallah Almamun, für die der Vater das Kalifat in zwei Teile geteilt hatte, einen verheerenden Bürgerkrieg im ganzen Gebiet des großen Reiches gegeneinander entzündeten, wurden die Juden namentlich in Palästina schwer heimgesucht. Sie hatten aber die Christen zu Leidensgenossen. Raub und Metzeleien waren in den vier Jahren des Bruderzwistes (809 bis 813) an der Tagesordnung. Die Leiden müssen so bedeutend gewesen sein, daß sie ein Agadist jener Zeit[207] aus der Volksstimmung heraus als Vorzeichen für die baldige Ankunft des Messias ausgegeben hat. »Israel kann nur durch Bußfertigkeit erlöst werden, und die wahre Buße kann nur durch Leiden, Drangsal, Wanderung und Nahrungslosigkeit gefördert werden«, so tröstete dieser Redner die betrübte Gemeinde. In dem Bruderkriege zwischen den beiden Kalifen75 sah er den Untergang der ismaelitischen Herrschaft und die Nähe des messianischen Reiches. »Zwei Brüder werden über die Ismaeliten (Mohammedaner) am Ende herrschen; in dieser Zeit wird der Sproß Davids aufblühen, und in den Tagen dieser Könige wird der Herr des Himmels ein Reich erstehen lassen, das nimmermehr untergehen wird.« »Gott wird vertilgen die Söhne Esaus (Byzanz), Israels Feinde, und auch die Söhne Ismaels, seine Widersacher.« Indessen war diese Erwartung, wie viele andere, trügerisch. Der Bruderkrieg hatte wohl das Kalifat erschüttert, aber nicht aufgelöst. Alemin wurde getötet, und Almamun wurde Alleinherrscher des ausgedehnten Reiches.

In Almamuns Regierungszeit (813-833) fällt die Kulturblüte des morgenländischen Kalifats. Da er einer freien religiösen Richtung huldigte und die mohammedanische Stockorthodoxie verfolgte, so konnten sich die Wissenschaften und eine Art Philosophie entwickeln. Bagdad, Kairuan in Nordafrika und Merw in Chorasan wurden Mittelpunkte für die Wissenschaft, in allerlei Fächern, wie sie Europa erst viele Jahrhunderte später besaß. Der griechische Geist feierte seine Auferstehung in arabischer Hülle. Staatsmänner rangen um die Palme der Gelehrsamkeit mit den Männern der Muße und [208] Zurückgezogenheit. Die Juden blieben nicht unberührt von dieser Schwärmerei für die Wissenschaft, da doch Forschen und Grübeln ihre innerste Natur ist. Sie nahmen redlichen Anteil an dem geistigen Streben, und manche ihrer Leistungen fand bei den Arabern Anerkennung. Die Geschichte der arabischen Kultur hat manchen jüdischen Namen in ihren Annalen aufgezeichnet. Wenn es auch zweifelhaft ist, ob Maschallah ben Atari, der die Astronomie und Astrologie angebaut, und Jakob Ibn-Scheara76, der zuerst mathematische Schriften aus Indien nach dem Kalifat gebracht und übersetzt hat, dem Judentume angehört haben, so ist ihnen jedenfalls Sahal Al-Tabari77, der unter den Arabern einen klangvollen Namen hat, zuzurechnen. Sahal mit dem Beinamen Rabban (der Rabbanite, Talmudkundige) aus Tabaristan (am Kaspisee, um 800) wird als Arzt und Mathematiker gerühmt, übersetzte den Almagest des griechischen Astronomen Ptolemäus, das Grundbuch für Sternkunde im Mittelalter, ins Arabische und erkannte zuerst die Strahlenbrechung des Lichts78. Sein Sohn Abu-Alî (835-853) wird zu denen gezählt, welche die Arzneikunde gefördert haben, und war der Lehrer zweier medizinischen Autoritäten unter den Arabern, des Razi und Anzarbi. Abu-Sahal Alî verließ aber das Judentum, ging zum Islam über und wurde Leibarzt und Würdenträger eines Kalifen79.

Eifriger als Arzneikunde, Mathematik und Sternkunde wurde von den Muselmännern die Religionswissenschaft, als eine Art Religionsphilosophie (Kalâm), betrieben. Sie wurde mit derselben Wichtigkeit wie die Staatsangelegenheiten behandelt, und übte auf die Politik Einfluß. Die islamitische Religionsphilosophie verdankt [209] ihren Ursprung der Dunkelheit, Zweideutigkeit und Ungereimtheit, welche ihrem Grundbuche, Koran, anhaften. Neben dem großen Gedanken: »Gott ist einzig und hat keinen Genossen«, finden sich darin ganz unwürdige und plumpe Vorstellungen von Gott, wie sie nur in dem Kopfe eines Sohnes der Wüste Platz greifen konnten, der keine Ahnung hatte, wie seine angeblichen Offenbarungen von Gott den Begriff der göttlichen Erhabenheit aufheben. Indem die Ausleger des Koran diese Widersprüche ausgleichen wollten, kamen sie auf Gedanken, die weit über den beschränkten Gesichtskreis des Islam hinausgingen. Manche Ausleger (Mutakallimun) gerieten durch vernunftgemäße Deutung in Widerstreit mit den Buchstabengläubigen und wurden von diesen verketzert. Waßil Ibn-Ata (750) und seine Schule (die Mutazila, d.h. die abgesonderte, verketzerte) begründeten eine vernunftgemäße Theologie. Die Mutaziliten betonten scharf die Gotteseinheit und wollten jede bestimmte Eigenschaft von Gott entfernt wissen, weil das göttliche Wesen dadurch geteilt und vielfältig erschiene, und man mit der Annahme derselben mehrere Wesen (Personen) in Gott setzte. Sie behaupteten ferner die menschliche Willensfreiheit (Kad'r), weil die unbedingte Vorherbestimmung Gottes, die der orientalische Geist voraussetzt und der Koran bestätigt, mit der göttlichen Gerechtigkeit, welche die Guten belohnt und die Bösen bestraft, unverträglich sei. Solche und andere Lehrmeinungen stellten die mutazilitischen Religionsphilosophen auf. Sie glaubten aber, obwohl sie weit über den Koran hinausgingen, noch immer auf dessen Boden zu stehen, und, um ihre Lehre mit den plumpen Aussprüchen ihres Religionsbuches in Einklang zu bringen, wendeten sie dieselbe Methode an, welche die jüdisch-alexandrinischen Religionsphilosophen (B. III.5 337) gebrauchten, um die Bibel mit der griechischen Philosophie zu versöhnen. Sie deuteten die Verse in allegorischem Sinne (Tawil) um. Je mehr sie mit der Gedankenwelt der griechischen Philosophie, die durch Übersetzungen zugänglich gemacht war, vertraut wurden, und je klaffender ihnen die Widersprüche zwischen Vernunft und Glauben erschienen, desto mehr nahmen sie zu Umdeutungen Zuflucht. Die Allegorie sollte die tiefe Kluft zwischen dem vernünftigen Gottesbewußtsein und dem unvernünftigen, wie es der Koran lehrt, ausfüllen. Die denkgläubige mutazilitische Theologie der Mohammedaner, obwohl auch anfangs verketzert, errang sich nach und nach die Herrschaft; die Schulen von Bagdad und Baßra erklangen von [210] ihren Lehren. Der Kalife Almamun erhob sie zur Hoftheologie und verdammte die alte, naive Religionsanschauung80.

Die Anhänger der Orthodoxie waren aber ob dieser Freiheit der Deutung entsetzt, weil der Buchstabe des Koran unter der Hand in den entgegengesetzten Sinn umgewandelt wurde, und der naive Glaube allen Halt verlor. Sie hielten daher streng an dem Buchstaben und an dem natürlichen Schriftsinne fest und verwarfen die Allegorie als Ketzerei. Einige von ihnen gingen aber noch weiter. Sie nahmen sämtliche im Koran oder in der Überlieferung gebrauchten Ausdrücke von Gott, so grob sinnlich sie auch klangen, im buchstäblichen Sinne und stellten eine ganz unwürdige Gotteslehre auf. Wenn Mohammed eine Offenbarung mitgeteilt hat: »Mein Herr kam mir entgegen, reichte mir die Hand zum Gruße, sah mir ins Gesicht, legte seine Hand zwischen meine Schultern, so daß ich die Kälte seiner Fingerspitzen empfand,« so nahm die orthodoxe Schule (Muschabbiha, muǵassimah) dieses alles in empörender Buchstäblichkeit hin. Diese Schule (Anthropomorphisten) nahm keinen Anstand es auszusprechen: Gott sei ein Körper mit Teilen und habe eine Gestalt; er sei sieben Spannen lang, nach seiner eigenen Spanne gemessen. Er befinde sich an einem besonderen Orte, auf seinem Throne. Man dürfe von ihm aussagen, daß er sich bewege, hinauf und hinabsteige, ruhe und verweile. Dergleichen und noch mehr lästerliche Beschreibungen grobsinnlicher Art81 gaben die rechtgläubigen moslemitischen Religionslehrer von dem höchsten Wesen, um ihr Festhalten an dem Buchstaben des Koran gegenüber den Denkgläubigen zu bekunden.

Die Juden des Morgenlandes lebten in zu innigem Verkehr mit den Muselmännern, als daß sie von diesen Richtungen hätten unberührt bleiben sollen. Die selben Erscheinungen wiederholten sich daher im jüdischen Kreise, und die Spannung zwischen Karäern und Rabbaniten trug dazu bei, die islamitischen Schulstreitigkeiten auf das Judentum zu übertragen. Die offiziellen Träger des Judentums, die Kollegien von Sura und Pumbadita, hielten sich zwar [211] davon fern. Ganz in den Talmud und dessen Auslegung vertieft, beachteten sie anfangs die leidenschaftliche Bewegung der Geister gar nicht, oder gaben ihr nicht nach. Aber außerhalb derselben tummelten sich die Geister in derselben Rennbahn und rissen das Judentum in einen neuen Läuterungsprozeß hinein. Wie zur Zeit der Gnostiker gärte und wogte es; die seltsamsten, abenteuerlichsten Verbindungen und Gestaltungen wurden zutage gefördert und jüdische Anschauungen bald mit griechischen, bald mit islamitischen, bald mit persischen Vorstellungen geschwängert. Der matte Strahl der Philosophie, der in diese naive, bewußtlose, dumpf-religiöse Welt hineinfiel, brachte eine grelle Beleuchtung hervor. Im allgemeinen folgten die Karäer der mutazilitischen (rationalistischen) Richtung, die Rabbaniten dagegen, welche auch die seltsamen agadischen Aussprüche über Gott zu vertreten hatten, der wissensfeindlichen (muǵassimitischen) Richtung82. Da aber im karäischen Kreise das religiöse Gebäude noch nicht abgeschlossen war, so bildeten sich innerhalb desselben neue Sekten mit eigentümlichen Theorien und abweichender religiöser Praxis.

Der erste, von dem es bekannt ist, daß er die mutazilitische Richtung der islamitischen Theologie auf das Judentum übertrug, war Jehuda Judghan83 der Perser aus der Stadt Hamadan (um 800). Seine Gegner berichten von ihm, er sei ursprünglich ein Kamelhirt gewesen. Er selbst gab sich für den Vorläufer des Messias aus, und als er Anhänger fand, entwickelte er ihnen eine eigentümliche Lehre, die ihm auf prophetischem Wege [212] zugekommen sei. Im Gegensatz zu der althergebrachten Anschauungsweise, welche die biblischen Erzählungen von Gottes Tun und Empfinden buchstäblich verstanden wissen wollte, behauptete Jehuda Judghan: man dürfe sich das göttliche Wesen nicht sinnlich und menschenähnlich vorstellen; denn es sei erhaben über alles Wesen der Kreatur. Die Ausdrücke der Thora darüber seien in einem höheren allegorischen Sinne zu fassen. Auch dürfe man nicht annehmen, Gott bestimme vermöge seiner Allwissenheit und Allmacht auch die menschlichen Handlungen voraus; denn dann würde man die Gottheit zur Urheberin der Sünde machen, und eine Strafe dafür wäre eine Ungerechtigkeit. Man müsse vielmehr von Gottes Gerechtigkeit ausgehen und annehmen, der Mensch sei Herr seiner Handlungen, er habe Willensfreiheit, und Lohn und Strafe kommen auf eigene Rechnung. Während Jehuda aus Hamadan nach dieser Seite hin einer freien Ansicht huldigte, empfahl er nach der praktischen Seite die strengste Askese. Seine Anhänger enthielten sich des Fleisches und Weines, fasteten und beteten viel, waren aber in betreff der Festzeiten schwankend84. Denn Jehuda behauptete, die Bibel habe die Feste nach dem Sonnenjahr angeordnet; es sei also ebenso falsch mit Anan bloß das Mondjahr zu berücksichtigen, als mit den Rabbaniten beide Jahresformen zu kombinieren. Näheres über diesen mutazilitisch-asketischen Vorläufer des Messias ist nicht bekannt. Seine Anhänger, die sich noch lange als eine eigene Sekte unter dem Namen Judghaniten erhielten, glaubten so fest an ihn, daß sie behaupteten, er sei nicht gestorben und werde wieder erscheinen, um eine neue Lehre zu bringen, wie es die mohammedanischen Schiiten von Ali glaubten. Einer seiner Jünger, Muschka, wollte die Lehre des Stifters den Juden mit Waffengewalt aufzwingen. Er zog mit einer Schar Gesinnungsgenossen von Hamadan aus, wurde aber, wahrscheinlich von den Muselmännern, mit neunzehn Mann in der Gegend vom Kum (östlich von Hamadan, südlich von Teheran) getötet.

Jehuda Judghan hatte mehr Gewicht auf asketische Lebensweise als auf philosophische Begründung des Judentums gelegt und war daher mehr Sektenstifter als Religionsphilosoph. Ein anderer zeitgenössischer Karäer, Benjamin ben Mose aus Nahawend (800 bis 820)85, hat die mutazilitische Religionsphilosophie unter den [213] Karäern heimisch gemacht. Benjamin Nahawendi gilt unter seinen Bekenntnisgenossen als eine Autorität und wird von ihnen gleich dem Stifter Anan verehrt, obwohl er vielfach von ihm abwich. Er soll ein Jünger von Anans Enkel, dem karäischen Oberhaupte Josiah, gewesen sein. Benjamin war von der Voraussetzung der Mutaziliten ganz durchdrungen. Er nahm nicht bloß Anstoß an den sinnlichen und menschlichen Bezeichnungen von Gott in der heiligen Schrift, sondern auch an der Offenbarung und Weltenschöpfung. Er konnte sich nicht dabei beruhigen, daß das geistige Wesen die irdische Welt hervorgebracht habe, mit ihr in Berührung gekommen sei, sich zum Zwecke der Offenbarung auf Sinaï räumlich beschränkt und artikulierte Laute gesprochen haben sollte. Um dem hohen Begriffe von Gott nichts zu vergeben und doch die Offenbarung der Thora zu retten, kam er auf einen ähnlichen Gedanken wie Philo der Alexandriner (B. III.5, 396 f.), Gott habe unmittelbar nur die Geisterwelt und die Engel geschaffen, die irdische Welt dagegen sei von einem der Engel geschaffen worden. Gott sei also nur mittelbar als Weltenschöpfer zu betrachten. Ebenso seien die Offenbarung, die Gesetzgebung auf Sinaï und die Begeisterung der Propheten nur von einem Engel ausgegangen. Allerdings widerspreche der schlichte Wortsinn der heiligen Schrift dieser Annahme auf das Entschiedenste. Allein man dürfe nicht bei dem Buchstaben stehen bleiben, sondern müsse ihn in einem höheren Sinne auffassen. Wie ein Kalif einen Botschafter aus seinem Kreise entsendet, ihm Befehle erteilt, ihm seinen Namen leiht und sich solchergestalt mit ihm identifiziert, ebenso ist das Verhältnis zwischen Gott und dem gesetzesoffenbarenden Engel zu fassen. Wenn es heißt »Gott schuf, Gott fuhr herab, Gott erschien«, so sei das alles nicht unmittelbar von ihm selbst, sondern von seinem stellvertretenden Engel zu verstehen. Nach acht Jahrhunderten feierte Philo's Logos in Nahawendi's Engel seine Auferstehung86. Übrigens war Benjamin kein tiefdenkender Kopf. Von der Seele hatte er noch einen so niedrigen Begriff, daß er ihren Sitz in einem begrenzten Körperteile annahm, und nach biblischer Anschauung glaubte er, die Höllenstrafe werde nicht an der unsterblichen Seele, sondern an dem sterblichen Leibe vollzogen werden87. Einige Jünger eigneten sich Benjamins Ideenkreis [214] an und wurden, man weiß nicht aus welchem Grunde, als eine besondere Sekte, Makarijiten oder Magharijiten88, genannt.

Während Benjamin Nahawendi religionsphilosophisch weit von dem Lehrbegriffe des Judentums, wie er allgemein anerkannt war, abging, näherte er sich nach der Seite der Pflichtenlehre sogar den Rabbaniten. In einem Werke über die Gesetze (Sefer ha-Dinim, auch Maszas Binjamin) und in anderen Schriften, die er verfaßte, verwarf er manche Erklärung Anans und anderer Karäer, nahm dagegen manche talmudische Bestimmungen auf und stellte es den Karäern anheim, diese als Norm anzunehmen oder zu verwerfen89. Benjamin Nahawendi führte sogar einen Bann ein, der nur wenig von dem Banne der Rabbaniten verschieden war, um den Gesetzen Nachdruck zu geben. Wenn eine verklagte Partei sich auf die ergangene Einladung nicht dem Gerichte stellt und sich ihm dann entziehen will, so dürfe man sie sieben Tage hintereinander verfluchen und den Bann über sie verhängen. Er solle darin bestehen, daß kein Gemeindemitglied mit dem Gebannten verkehren, ihn nicht grüßen, nichts von ihm annehmen dürfe; man solle ihn überhaupt wie einen Verstorbenen behandeln, bis er sich füge. Setze er sich hartnäckig über den Bann hinweg, so dürfe man ihn dem weltlichen Gerichte überliefern. Auch an dem talmudischen Grundsatz hielt Benjamin fest, daß jeder Sohn des Judentums verpflichtet sei, seine Streitsache von einer jüdischen Gerichtsbehörde entscheiden zu lassen, und es verpönt sei, sich an das weltliche Gericht zu wenden. – Obwohl Benjamin Nahawendi im einzelnen sich dem Rabbanitentum zuneigte, so hielt er nichtsdestoweniger an dem karäischen Prinzip der freien Bibelforschung fest. Man dürfe sich nicht an Autoritäten binden, sondern müsse seiner eigenen Überzeugung folgen; der Sohn dürfe vom Vater, der Jünger vom Meister abweichen, sobald sie Gründe für ihre abweichende Ansicht haben. »Das Forschen ist Pflicht, und Irrtum im Forschen ist keine Sünde.«

[215] Wie die altgläubigen mohammedanischen Religionslehrer der ausschweifenden Vernünftelei der Mutaziliten entgegenarbeiteten und in das entgegengesetzte Extrem verfielen, sich die Gottheit körperlich vorzustellen, ihr Glieder mit einer ungeheuerlichen Ausdehnung und körperartigen Bewegung beizulegen, so verfuhren auch jüdische Anhänger der alten Lehre, welche die der Vernunft Rechnung tragende Neuerung für einen Abfall vom Judentume hielten, und gerieten so auf die unsinnigste Vorstellung von der Körperlichkeit Gottes90. Auch sie wollten die biblischen Bezeichnungen »die Hand, der Fuß, das Sitzen und Gehen Gottes« buchstäblich genommen wissen. Die agadische Auslegung der Schrift, die sich zuweilen in sinnlichen, handgreiflichen, für das Verständnis der Menge berechneten Wendungen gehen läßt, leistete ihrer gegenjüdischen Theorie Vorschub. Diese Theorie, die von einem Schwachkopf ausging, aber durch die geheimnisreiche Art ihrer Bekundung Anhänger fand, entwirft eine förmliche Schilderung von Gottes Wesen, Glied für Glied, mißt seine Höhe von Kopf bis zu Fuß nach Parasangenzahlen, spricht in heidnischer Weise von Gottes rechtem und linkem Auge, Unter- und Oberlippe, von Gottes Bart und ähnlicher Zergliederung, was auch nur zu wiederholen gotteslästerlich ist. Um aber der Erhabenheit und Gottes Größe nichts zu vergeben, dehnt sie jedes Glied ins Ungeheuerliche aus und meint damit Genüge getan zu haben, wenn sie erklärt, das Meilenmaß, nach dem die Teile gemessen werden, überrage bei weitem die ganze Welt (Schiur-Komah). Diesem so lästerlich zergliederten und gemessenen Gotte gibt diese Theorie einen eigenen Haushalt im Himmel mit sieben Hallen (Hechalot). In der höchsten Halle sitze Gott auf einem erhabenen Throne, dessen Umfang ebenfalls ungeheuerlich ausgemessen wird. Der Thron werfe sich täglich dreimal vor Gott nieder, bete ihn an und spreche: »Lasse dich auf mich nieder, denn deine Last ist mir süß!!!« Die Hallen bevölkert diese verkörpernde Theorie mit Myriaden von Engeln, von denen einige mit Namen genannt werden, in willkürlicher Zusammensetzung hebräischer Wörter mit fremdsprachlichen, barbarischen Klängen. Als höchsten Engel stellt sie aber einen mit Namen Metatoron91 auf und fabelt von ihm, nach dem Vorgange christlicher und mohammedanischer Schriftsteller (Buch [216] Enoch und Buch der Jubiläen), es sei Enoch oder Henoch, ursprünglich Mensch, von Gott in den Himmel versetzt und in flammendes Feuer verwandelt worden. Mit sichtlichem Wohlgefallen verweilt diese Theorie bei der Schilderung dieser Ausgeburt einer krankhaften Phantasie. Sie entblödet sich nicht, ihn neben die Gottheit zu setzen und ihn den kleinen Gott zu nennen. Anderseits macht sie auch Metatoron zum Kinderlehrer, der die sündenlos verstorbenen oder kaum zur Geburt gelangten Kleinen täglich mehrere Stunden unterrichte. Er allein sei im Besitze aller Geheimnisse der Weisheit.

Diese aus mißverstandenen Agadas, jüdischen, christlichen und mohammedanischen Phantastereien zusammengesetzte Theorie hüllte sich in geheimnisvolles Dunkel und behauptete eine Offenbarung zu sein92. Um der Frage zu begegnen, woher sie denn diese, dem Judentum, d.h. der heiligen Schrift und dem Talmud, hohnsprechende Weisheit habe, beruft sie sich auf eine himmlische Mitteilung. R'Ismael, der Hohepriestersohn, sei durch Beschwörungsformeln in den Himmel gekommen, sei gewürdigt worden, den göttlichen Haushalt zu schauen, habe mit den »Engeln des Angesichtes« Unterredungen gepflogen, und der höchste Engel, Metatoron, habe, auf Gottes Geheiß, ihm die Gestalt Gottes mit den Maßbestimmungen und noch vieles Andere offenbart. Freilich seien die Engel neidisch darauf gewesen, daß ein Staubgebore ner solcher tiefen göttlichen Geheimnisse gewürdigt werden sollte; aber Gott habe die Engel angefahren und ihnen bedeutet, daß er R' Ismael und mit ihm seinem Volke diese Geheimnisse offenbaren wolle als Lohn für treues Ausharren [217] in Leidenszeiten. Bald heißt es wieder, Mose habe schon bei seiner Himmelfahrt, um die Thora zu empfangen, dieselbe Lehre vernommen – ebenfalls zum Neide der Engel – er habe sie jedoch nur einzelnen, nicht dem Volke, mitgeteilt, und so sei sie in Vergessenheit geraten. Als R' Ismael diese Geheimlehre seinem Freunde R' Akiba mitgeteilt, habe dieser große Freude darüber empfunden und geäußert, wer0sich täglich damit beschäftige, sei der jenseitigen Seligkeit gewiß.

Wie es keinen, noch so handgreiflichen Unsinn gibt, der nicht, mit Ernst oder Nachdruck geltend gemacht, Liebhaber fände, so fand auch diese Geheimlehre, deren Mittelpunkt die grobsinnliche Auffassung Gottes bildet, einen Anhang. Die Adepten nannten sich »Männer des Glaubens« (Ba'ale Emunot auch Galutija?). Sie rühmten sich, Mittel zu besitzen, um einen Einblick in den göttlichen Haushalt zu haben. Vermöge gewisser Beschwörungsformeln, Anrufungen von Gottes- und Engelnamen, Rezitierens gewisser litaneiartigen Gesänge, verbunden mit Fasten und asketischer Lebensweise, seien sie imstande, Übermenschliches zu leisten. Die Besitzer der Geheimlehre wollten von den Heimlichkeiten anderer genaue Kunde haben, die Schleichwege von Verbrechern, Mördern, Dieben, Ehebrechern, Verleumdern, alles, was sich in Dunkel hüllt, kennen, als wenn sie Zeugen dessen gewesen wären. Sie rühmten sich, gleich den Essäern und andern Dunkelmännern aus der Jugendzeit des Christentums, Krankheiten durch Beschwörungen heilen, wilde Tiere bannen, das aufgeregte Meer beschwichtigen zu können. Sie bedienten sich dazu der Amulette und Kameen (Kameot) und schrieben darauf Gottes- oder Engelnamen mit gewissen Figuren; Wundertätigkeit war diesen Mystikern eine Kleinigkeit. Sie behaupteten, jeder Fromme vermöchte Wunder zu tun, wenn er nur die rechten Mittel anwendete. Zu diesem Zwecke verfaßten sie eine Menge Schriften über theoretische und praktische Geheimlehre, welche meistens platten Unsinn enthalten, zuweilen aber einen poetischen Schwung annehmen. Indessen gab diese mystische Literatur nur Andeutungen. Den eigentlichen Schlüssel zum Einblick in die göttlichen Geheimnisse und zur Wundertätigkeit überlieferten die Adepten nur gewissen Personen, an deren Stirn- und Handlinien sie erkennen wollten, daß sie dazu würdig seien.

Der mystische Spuk trieb sein Wesen vorzüglich in Palästina, wo das eigentliche Talmudstudium darnieder lag. Nach und nach [218] drang er auch in Babylonien ein93. Das zeigte sich bei der Wahl eines Oberhauptes für die pumbaditanische Hochschule (814)94. Als Abumaï ben Abraham gestorben war, hatte die nächste Anwartschaft auf die Nachfolge ein Mar Ahron (ben Samuel?) sowohl wegen seiner Gelehrsamkeit als auch deswegen, weil er bis dahin als Oberrichter fungiert hatte. Nichtsdestoweniger wurde ihm ein anderer vorgezogen, der ihm an Gelehrsamkeit nachstand und schon in der Jugend Mühe hatte, sich im Talmudstudium zurecht zu finden, der Greis Joseph ben Abba95, und zwar aus dem Grunde, weil er der Mystik ergeben war und man von ihm glaubte, der Prophet Elia würdige ihn seines vertrauten Umganges. Eines Tages präsidierte dieser Joseph ben Abba einer öffentlichen Versammlung und rief in Verzückung aus: »Machet dem Alten Platz, der jetzt eintritt!« Die Augen aller Anwesenden waren auf den Eingang gerichtet und ehrfurchtsvoll wichen die zur Rechten des Schulhauptes Sitzenden aus. Sie sahen aber niemanden eintreten und waren dadurch um so fester überzeugt, daß der Prophet Elia unsichtbar eingetreten sei, sich zur Rechten seines Freundes R' Joseph niedergelassen und dem Lehrvortrage beigewohnt habe. Niemand wagte seit der Zeit den Platz neben dem Schulhaupte von Pumbadita einzunehmen, der durch Elia geehrt und geheiligt worden sei, und es wurde Brauch ihn leer zu lassen96. Mar Ahron aber wanderte, wahrscheinlich wegen der erfahrenen Zurücksetzung, nach Europa aus, vielleicht mit der [219] Gesandschaft, welche der Kalife Almamun an den Kaiser Ludwig den Frommen schickte97, und ließ sich bei R' Kalonymos nieder98, der damals wohl schon in Mainz wohnte. Als R' Joseph nach zweijähriger Funktion (814-16) starb, und damals gerade ein Erdbeben verspürt wurde, glaubten die Frommen nicht anders, als daß die Erde selbst sich ob seines Todes entsetzte. Sein Nachfolger Mar-Abraham ben Scherira (816-828) war ebenfalls ein Mystiker. Man erzählte sich von ihm, daß er aus dem Flüstern der Dattelpalmen an windstillen Tagen die Zukunft zu deuten vermocht habe99. Während dieser Zeit fungierten mehrere Schulhäupter in Sura: Zadok (auch Isaak) ben Aschi (820-21), Hilaï ben Chaninaï (821-24) und Kimuj ben Aschi (824-27), von denen jedoch nichts weiter als ihre Namen und die Dauer ihrer Funktion bekannt sind. Nur von R' Zadok Gaon rühren mehrere rechtsgutachtliche Bescheide her, die er auf ergangene Anfragen erlassen hat100.

Aber ebenso wie die Geheimlehre fand auch die freiere Richtung, ja selbst das Karäertum, Eingang in die Hallen der Lehrhäuser. Durch diese gegensätzliche Geistesrichtung entstanden natürlich Reibung und Spannung, und diese traten bei der Erledigung des Exilarchats an den Tag. Im Jahre 825 sollte ein neuer Exilsfürst erwählt werden. Zwei Prätendenten traten auf, um einander diese Würde streitig zu machen, David ben Jehuda und Daniel. Der letztere neigte sich dem Karäertum zu. Dennoch und vielleicht gerade deswegen fand er Anhänger in Südbabylonien, die ihm ihre Stimmen gaben. Die Nordbabylonier dagegen, welche zu Pumbadita (Anbar) gehörten, waren entschieden für David, der sicherlich zu den Frommgläubigen gehörte. Der Streit wurde mit Erbitterung geführt. Der Mystiker Abraham ben Scherira wurde infolgedessen abgesetzt und an seine Stelle R' Joseph ben Chijja ernannt, man weiß nicht, von welcher Partei. Aber Abraham hatte in Pumbadita Anhänger, die fest zu ihm hielten und dem Gegengaon die Anerkennung versagten. Der [220] Streit konnte in der eigenen Mitte nicht ausgetragen werden, und beide Parteien wandten sich an den Kalifen Almamun mit der Bitte, den Exilarchen ihrer Wahl zu bestätigen. Almamun waraber damals auch von einer Streitigkeit in der morgenländischen Kirche zwischen zwei Prätendenten um das chaldäisch-christliche Patriarchat in Anspruch genommen und wollte sich solche Prozesse vom Halse schaffen. Er lehnte daher die Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Juden und Christen entschieden ab und erließ ein Dekret, daß es fortan jeder Partei gestattet sei, für sich ein religiöses Oberhaupt zu ernennen. Wenn zehn Juden sich einen Exilarchen, zehn Christen einen Katholikos, oder zehn Feueranbeter sich einen Obermagier wählen wollen, so bleibe ihnen das unbenommen101. Dieses eben so weise, wie den Bestand des Exilarchats gefährdende Dekret war wohl beiden Parteien nicht recht, da es den Streit unentschieden ließ. Wir sind im Dunkeln darüber, wie er geschlichtet wurde; nur so viel ist bekannt, daß sich David ben Jehuda behauptet und noch über ein Jahrzehnt fungiert hat (bis um 840). Auch an der suranischen Hochschule waren infolgedessen Streitigkeiten ausgebrochen (827), deren Natur und Tragweite jedoch nicht bekannt geworden sind. In der pumbaditanischen Hochschule dauerte aber die Spannung zwischen den beiden Schulhäuptern länger fort. Zuletzt einigten sich beide Parteien dahin, daß beide Gaonen in Funktion bleiben und Titel und Einnahmen teilen sollten. Nur sollte Abraham den Vorzug genießen, bei allgemeinen Versammlungen den Vortrag halten zu dürfen.

Eines Tages trafen beide Schulhäupter von Pumbadita in Bagdad zu einer Huldigungsversammlung ein, wobei ein Vortrag gehalten zu werden pflegte. Die Hauptstadt des Kalifats hatte damals eine zahlreiche jüdische Gemeinde102 und mehrere Synagogen, von denen die größte nach ihrem Eigentümer Bar Naschala hieß. Bagdad, das näher zu Pumbadita als zu Sura lag, gehörte zum Sprengel der pumbaditanischen Hochschule, und deren Präsident genoß daselbst den Vortritt vor dem suranischen103. Als der Vortrag beginnen sollte, und die Stimme des Ausrufers laut verkündete: »Hört, was die Schulhäupter euch vortragen werden!« brachen die Anwesenden aus der Nähe und Ferne in Klagen aus über die eingetretene Zerrissenheit und Spaltung, die durch die Funktion von [221] zwei Schulhäuptern für ein und dasselbe Lehrhaus fich grell verkörpert zeigte. Das Weinen der Menge wirkte so erschütternd auf R' Joseph ben Chijja, daß er aufstand und öffentlich erklärte, er lege die Würde nieder und überlasse sie ausschließlich seinem Gegner. Für diesen hochherzigen Entschluß erteilte ihm Mar Abraham einen beleidigenden Segen: »Der Himmel möge dir Anteil am jenseitigen Leben verleihen!«104 Erst nach dessen Tode (828) wurde der edle R' Joseph wieder zum Gaon von Pumbadita ernannt (828-33). Nach seinem Tode kam wieder eine Unregelmäßigkeit in der Besetzung der erledigten Stelle vor. Der Exilarch David ben Jehuda überging einen Würdigern, R' Joseph ben Rabbi (R' Abba), der als Oberrichter die Anwartschaft hatte, um einen minder fähigen Greis, R' Isaak ben Chijja, zu ernennen. Beinahe wäre es wieder zu Reibungen gekommen, wenn nicht der ernannte Gaon Zuvorkommenheit gegen den gekränkten Joseph gezeigt hätte: »Gräme dich nicht,« sprach er zu ihm, »wir stehen zu einander in demselben Verhältnis wie Rabba zu R' Joseph (in der Amora-Zeit), und ich bin gewiß, daß du mein Nachfolger wirst.« In der Tat wurde R' Joseph ben Rabbi nach dessen Tod Schulhaupt vom Pumbadita (833-42), ohne Anfechtungen zu erleiden. In der suranischen Hochschule wurden die Reibungen anfangs beigelegt und R' Mose ben Jakob zum Gaon ernannt (827-37), der ebenfalls der Geheimlehre zugetan gewesen sein und wundertätige Kuren vollbracht haben soll105. Aber nach seinem Tode entstanden wieder Mißhelligkeiten, die eine solche Zerrüttung hervorbrachten, daß das suranische Gaonat zwei Jahr ohne Oberhaupt war (837-39)106. Der eigentliche Hintergrund aller dieser Zerwürfnisse ist für uns noch in Dunkel gehüllt, aber sicherlich hatte das Karäertum Anteil daran. So sehr auch die Rabbaniten das karäische Bekenntnis haßten, verketzerten und sich dagegen abschlossen, so nahmen sie doch manches von ihm auf oder taten es ihm nach107.

Wenn Anans Sekte den Samen der Zwietracht bis in die altehrwürdigen Hallen der Lehrhäuser getragen hat, so war sie selbst [222] noch weniger frei davon. Der Grundsatz den das Karäertum an die Spitze seiner Lehre stellte, die unbeschränkte Freiheit der Schriftforschung und das Regeln der religiösen Praxis nach den gefundenen Resultaten der Forschung, brachte die Erscheinung hervor, daß fast jeder selbständige Karäer ein eigenes Judentum aufstellte, je nach den Ergebnissen seiner Schrifterklärung. Die religiöse Praxis war bedingt von guten oder schlechten Einfällen der Schrifterklärer. Außerdem war die Schriftauslegung noch in ihrer Kindheit; die Kenntnis der hebräischen Spracherscheinungen, die Grundlage einer gesunden, sinngemäßen Exegese, war dürftig; der Willkür war Tür und Tor geöffnet. Jeder glaubte im Besitze der Wahrheit zu sein und den andern, der seine Ansichten nicht teilte, bemitleiden, wo nicht gar verdammen zu dürfen. Ein klägliches Bild von dem Zustande des Karäertums108 kaum ein Jahrhundert nach Anan, liefern eine der karäischen Autoritäten, Nissi ben Noach, und die neuen Sekten, die sich aus dem Schoße des Karäertums herausgebildet haben. Nissi ben Noach, der auch R' Acha hieß (blühte um 850)109, erzählt in seiner Selbstbiographie, wie er ein herbes Geschick erfahren, seine Eltern früh verloren habe und auch um die Hinterlassenschaft derselben gekommen sei. Eine alte Großmutter nahm sich seiner an und speiste ihn mit Tränen in den Augen. Herangewachsen, habe er viele Länder gesehen, Sprachen erlernt, zu den Füßen vieler Lehrer gesessen, bis er endlich nach Jerusalem, dem Hauptsitze des Karäertums, gekommen sei. In der heiligen Stadt fand er unter den Karäern »Spaltungen ohne Heilung,« die Erklärungen zur Thora meistens fremdsprachlich aramäisch oder arabisch geschrieben und voneinander abweichend. Ihm selbst war durch viele Mühe ein neues Licht aufgegangen, und er fand, daß er bisher nicht nach der »Vorschrift der Thora« gelebt habe. Seine neue Theorie erweckte ihm aber viele Gegner und Feinde. Seine Freunde und Verwandten selbst verfolgten ihn, »sogar sein eigener Jünger trat gegen ihn, als einen Irrlehrer, auf, und vergalt ihm Böses für Gutes.«

Um seinen Standpunkt zu rechtfertigen, verfaßte Nissi ben Noach eine Schrift, die sich an die zehn Gebote anlehnte, um daraus sämtliche Religionspflichten zu entwickeln. Im Gegensatz zu seinen [223] Vorgängern und Zeitgenossen bediente sich Nissi der hebräischen Sprache; denn es sei eine Schmach, für die Auseinandersetzung der Lehren des Judentums das Arabische oder Aramäische zu gebrauchen. Diese Schrift (unter dem Doppeltitel Bitan ha-Maskilim und Peles) hat aber einen eben so platten, geistlosen, verschwommenen, weitschweifigen Charakter, wie fast sämtliche Geisteserzeugnisse der Karäer. In den engen Gesichtskreis des Buchstabens gebannt, vermochte er sich ebenso wenig wie der Stifter und seine Nachfolger zur lichten Höhe eines großen Gedankens zu erheben. In abgeschmackter Weise gibt Nissi den Lesern seiner Schrift den Rat, sich zuerst in die heilige Schrift zu vertiefen, dann sich den grammatischen und massoretischen Apparat mit dem »Vokalsysteme der Babylonier« anzueignen, ferner Mischnah und Talmud mit der dazu gehörigen Literatur zu studieren, dann philosophische Schriften zu lesen und endlich sein Buch zur Hand zu nehmen. Nissi stellte auch die Prinzipien des Judentums auf, von der Gotteseinheit und Unkörperlichkeit ausgehend und bis zur Offenbarung am Sinaï fortschreitend, aber es ist eine pedantische Philosophie und klingt wie ein schlechter Midrasch110.

Ein neues Element scheint Nissi ben Noach in das Karäertum eingeführt zu haben, wodurch es noch mehr den Charakter einer Reform einbüßte. Er behauptete nämlich gegen das talmudische Judentum und sogar gegen Anan, die levitischen Reinheitsgesetze seien nicht mit dem Untergange des Tempels außer Kraft gesetzt, sondern behielten noch ihre fortdauernde Verbindlichkeit. Jeder Israelit müsse sich namentlich für die Sabbate, Festeszeiten und sogar für die Neumondstage von verunreinigenden Personen und Gegenständen fern halten, und, wenn eine Verunreinigung eingetreten sei, die vorgeschriebenen Waschungen und Bäder anwenden. Nissi ben Noach ging noch weiter. Er meinte, daß die Bethäuser und Synagogen, welche, wo immer auch in den Ländern der Zerstreuung erbaut worden, dieselbe Heiligkeit hätten, wie der Tempel zu Jerusalem. Folglich dürften levitisch verunreinigte Personen sie nicht betreten und müßten sich sogar vom Gebete fern halten. Nissis Lehre fand unter den Karäern Beifall; sie entfernten sich dadurch [224] noch mehr von den Rabbaniten und näherten sich den Samaritanern, welche ebenfalls die levitischen Reinheitsgesetze beobachteten. Die Karäer mieden dadurch den Umgang mit den Rabbaniten vollständig, weil sie ihnen, da sie jene Vorschriften gar nicht mehr beobachteten, für verunreinigend galten. Da die Zufälle der Verunreinigung oft und unwillkürlich eintreten, so sind die Karäer noch heutigen Tages nicht selten verhindert, ihre Bethäuser zu besuchen und halten sich daher in der Vorhalle der Synagoge auf. Daher die den Reisenden aufgefallene Erscheinung, daß die Synagogen der Karäer öfter leer, die Vorhallen dagegen von Betenden gefüllt sind. Noch erschwerender wirkte diese Erneuerung der levitischen Bestimmungen auf das Haus. Die Frauen, die in gewissen Zuständen für verunreinigend gehalten werden, müssen vom Umgang mit reinen Personen fern gehalten und in einen abgeschiedenen Winkel des Hauses verwiesen werden. Alles, was sie während dieser Zustände berührt haben, muß, je nach der Natur des Gegenstandes, gewaschen oder vernichtet werden. Die Beobachtung der Reinheitsgesetze hatte noch andere Erschwerungen im Gefolge, und das Karäertum geriet dadurch immer tiefer in ängstliche Skrupulosität und Verdumpfung des Geistes.

Andere Karäer hatten wieder andere wunderliche Einfälle in betreff einzelner Bestimmungen des Judentums. Musa (oder Mesvi) und Ismael111 aus der Stadt Akbara (7 Meilen östlich von Bagdad) haben eigene Ansichten vom Judentum auch in betreff der Sabbatfeier aufgestellt (um 834-42), die aber nicht näher bekannt sind. Auch sie näherten sich den Samaritanern. Die beiden Akbariten behaupteten ferner, das pentateuchische Verbot der Fettteile gelte nur für Opfertiere, anderweitig aber seien sie zum Genusse gestattet. Musa und Ismaul fanden Anhänger, welche nach deren Theorie lebten, und diese bildeten eine eigene Sekte innerhalb der Karäer unter dem Namen Akbariten. Gleichzeitig mit ihnen trat ein anderer Irrlehrer auf, Abu-Amran Mose, der Perser, aus dem Städtchen Safran (bei Kerman-Schah in Persien), der nach der Stadt Tiflis in Armenien auswanderte. Abu-Amran Altiflisi stellte wieder andere Ansichten auf, die er auch in der Schrift begründet glaubte. In bezug auf die Fettteile schloß er sich den Akbariten an; Bruder- und Schwesterkinder wollte er gleich den übrigen Karäern als Blutsverwandte betrachtet und die [225] Festtage weder mit den Rabbaniten, noch mit den Karäern angesetzt wissen. Es soll weder eine feste Kalenderberechnung stattfinden, noch soll der sichtbar gewordene Neumond als Anfangspunkt für den Monat gelten, sondern der Augenblick, wo der Mond sich verdunkelt. Mose, der Perser, leugnete ferner die leibliche Auferstehung und führte noch andere Abnormitäten ein, die nicht weiter bekannt sind. Seine Anhänger bildeten eine eigene Sekte unter dem Namen Abu-Amraniten oder Tiflisiten112 und behaupteten sich einige Jahrhunderte. – Ein anderer Mose (oder Meswi) aus Baalbek (in Syrien) setzte diese fort entfernte sich aber noch weiter vom Karäertum113. Der Baalbekite behauptete, das Passahfest müsse immer am Donnerstag und der Versöhnungstag am Sabbat gefeiert werden, weil dieser Tag in der Bibel als Doppelsabbat bezeichnet wird. Das Wochenfest soll allerdings nach dem Wortlaute stets am Sonntag gefeiert werden, doch sei es zweifelhaft, von welchem Sonntag nach dem Passah die fünfzig Tage gezählt werden sollen. In manchen Punkten wich Mose Baalbeki von Rabbaniten und Karäern zugleich ab; er stellte auf, beim Gebete solle man sich nicht nach der Richtung des Tempels wenden, sondern stets nach Westen. Auch er bildete eine eigene Gemeinde, die sich Baalbekiten114 oder Mesviten nannte und sich lange behauptete.

Da das Karäertum keinen religiösen Mittelpunkt und keine die Einheit repräsentierende geistliche Behörde hatte, so lag es in der Natur der Sache, daß die eine karäische Gemeinde nicht mit der anderen übereinstimmte. So feierte die Gemeinde in der Landschaft von Chorasan die Feste anders als die übrigen Karäer. Diese waren zwar bestrebt, das Mondjahr mit dem Sonnenjahr auszugleichen, und ein Schaltjahr einzuführen, so oft die Gerstenreife sich verspätete, nach dem Wortlaute der Bibel. Aber die Reife dieser Getreideart ist zu sehr von klimatischen Einflüssen bedingt, als daß sie eine feste Norm abgeben könnte. Da nahmen denn die Hauptgemeinden der Karäer, deren Sitz in Palästina war, das heilige Land zum Maßstabe. So oft im Monate Nissan die Gerstenreife sich verspätete, schalteten [226] sie einen Monat ein und feierten das Passah- und das Wochenfest einen Monat später. Die Karäer in Ägypten dagegen meinten, da der heilige Gesetzgeber die Bestimmung über das Passahfest in Ägypten geoffenbart hat, weshalb dieses Land zum Maßstabe genommen werden müsse. Es war dieselbe Schwankung wie unter den Christen in betreff der Osterfeier in den ersten Jahrhunderten bis zur Kirchenversammlung zu Nizäa.

Einige karäische Lehrer gaben sich Mühe, der Zerfahrenheit Herr zu werden und Ordnung in das wirre Chaos zu bringen. Die unbeschränkte Freiheit der Schriftforschung, die Anan zur Bedingung gemacht, hatte jedem einzelnen die Beurteilung dessen, was verbindlich oder nicht verbindlich ist, in die Hand gelegt, den beschränkten Geist des Individuums zum Richter über die Religion eingesetzt und dadurch den Wirrwarr und die Sektiererei erzeugt. Diese Freiheit wollten einsichtsvolle Karäer, welche die Schäden tief empfanden, unter Regel und Gesetz bringen und sie teilweise beschränken, um einen sichern Boden zu gewinnen. Die Regel dazu entnahmen sie aber aus der mohammedanischen Theologie und wendeten sie auf das Judentum an. Wie die schiitischen (traditionsleugnenden) Lehrer des Islam, nahmen sie drei Quellen115 für das religiös Verbindliche an: den Wortlaut der Schrift (K'tab), die Analogie oder Folgerung (Heckesch) und die Übereinstimmung (Kibbuz). Den Begriff der Schrift faßten sie aber nicht wie die Rabbaniten, als gleichbedeutend mit der Thora oder dem Pentateuch, sondern dehnten ihn auch auf die Bücher der Propheten und der Hagiographen aus. Was in diesen Büchern der heiligen Gesamtliteratur als religiös verordnet oder vorausgesetzt werde, oder was auch nur beiläufig und nebenher in der Bibel vorkomme, das sei Norm für die religiöse Praxis. Die Fälle, welche nicht deutlich in der Schrift angegeben sind, können durch Analogie aus ähnlichen Fällen gefolgert werden. Aber auch manches, was weder ausdrücklich, noch angedeutet in der Schrift geboten ist, aber von jeher Brauch innerhalb des jüdischen Stammes war, gehöre in den Kreis des Religiösen. So ist zwar nirgends in der ganzen heiligen Schrift angegeben, daß der Monat mit dem Erscheinen des Neumondes anzufangen sei, auch nicht, daß das Schlachten des Viehes nach gewissen Vorschriften erfolgen solle; aber da diese und [227] andere Punkte von jeher im jüdischen Stamme üblich waren, und zwischen Rabbaniten und den meisten Karäern darin Übereinstimmung herrsche, so seien sie hiermit dem Zweifel enthoben und religiös verbindlich. Diese Regel war im Grunde ein Zugeständnis an den Rabbanismus und an den Talmud. Denn woher konnten die Karäer, welche erst von gestern waren, überhaupt wissen, daß dieses und jenes seit undenklichen Zeiten Brauch war in Israel? Doch nur durch den Talmud, das lebendige Gedächtnis der Überlieferung. Die Karäer haben demnach die Tradition im Prinzip anerkannt, nannten auch die Regel der Übereinstimmung nach und nach Überlieferung (Haatakah) oder Erblehre (Sebel ha-Jeruschah). In der Praxis verfuhren sie aber willkürlich, indem sie das eine als Tradition beibehielten und das andere verwarfen. Sie kamen daher nicht aus der Willkür heraus.

Wer die Männer waren, welche die drei Regeln, um den Umfang des Religiösen abzugrenzen und zu begründen, aufgestellt haben, ist nicht bekannt geworden. Die Regel der Analogie führte das Karäertum zu neuen Erschwerungen und Verlegenheiten, namentlich in betreff der Ehebeschränkung wegen Blutsverwandtschaft. Das Eheverbot mit der Tochter ist nämlich im Pentateuch nicht ausgesprochen, wohl aber mit der Enkelin, es muß demnach aus einer Folgerung geschlossen werden. Auf diese biblisch begründete Schlußfolgerung bauten einige Karäer und gingen weiter, die Verwandtschaftsgrade ins Maßlose auszudehnen. Sie behaupteten, Mann und Frau werden in der Schrift als vollständige Blutsverwandte bezeichnet. Folglich sind die auch nicht in gemeinsamer Ehe erzeugten Kinder ebenfalls als Blutsverwandte zu betrachten, und völlige Stiefgeschwister dürfen miteinander keine Ehe eingehen. Die Karäer gingen aber noch weiter. Das Verhältnis der Blutsverwandtschaft zwischen Mann und Frau bleibe fortbestehen, auch wenn die Ehe aufgelöst sei. Durch das Eingehen einer neuen Ehe des Mannes mit einer anderen Frau und der Frau mit einem anderen Gatten werde die Blutsverwandtschaft auf die einander ganz unbekannten Gatten übertragen, so daß die sämtlichen gegenseitigen Familienglieder der Eheleute erster und zweiter Ehe miteinander blutsverwandt und deren Verehelichung untereinander als Blutschande zu betrachten seien. Diese aus der Eheverbindung entsprungene Verwandtschaft müsse auch auf die dritte und vierte Ehe übertragen werden, so daß der Kreis der Blutsverwandtschaft bedeutend erweitert [228] werde. Dieses künstliche Verwandtschaftssystem nannten die Urheber Übertragung (Rikkub, Tarkib). Warum sie inkonsequent bei der vierten Ehe stehen geblieben sind, bleibt ein Rätsel, und es hat den Anschein, als ob sie von der äußersten Konsequenz zurückgeschreckt wären. In einen solchen Wirrsal verwickelte sich das Karäertum durch das Bestreben, mit der Vergangenheit zu brechen116.


Fußnoten

1 [Diese Ausführungen über die Bedeutung des Karäertum erledigen sich in Hinblick auf die von mehreren Gelehrten zutage geförderten gegenteiligen Ergebnisse der Forschung und die Unhaltbarkeit der diesbezüglichen Thesen des durch Firkowitz vielfach irregeführten Pinsker in seinem Likkute Kadmoniot.]


2 Makrizi bei S. de Sacy, Chrestomathie arabe I. 301 (2. édition.)


3 Das. Vgl. über Anan, die Entstehung des Karäismus und Anans Doktrin Note 12, 2, 3 und Note 17. [Besonders aber die von Harkavy bearbeitete Note 17, ferner dessen Aufsatz im Jahrb. für jüd. Geschichte und Literatur II (1899) Seite 107, 122, u. Poznaṅski: Anan et ses écrits in RÉJ. XLV. S. 161-187, XLVI 50-69, 176-203].


4 [Da Anan wohl längere Zeit in Persien und den von den früher genannten Sektierern stark beeinflußten Gegenden sich aufgehalten hat, so nahm er viele Häresieen in sich auf. Anan hat von den früheren Sektierern wie auch namentlich aus alten Schriften sadduzäischen Inhaltes, die sich im Geheimen erhalten haben, vielfach geschöpft; vgl. besonders hierüber in Harkavys Zusätzen zu Note 17.]

5 Gedächtnistafel im karäischen Gebetbuche und Katalog der karäischen Autoritäten. [Es beruht dies auf einer Fälschung vgl. RÉJ. a.a.O. S. 209.]


6 [Es war dies der Rechtsgelehrte Abû-Hanîfa, dessen Lehre noch jetzt in der Türkei herrscht].


7 Eliah ben Abraham Misrachi bei Pinsker Likkute Kadmoniot Beilage und bei Simcha Lucki Orach Zadikim ed. Wien 19 a. [Bei Pinsker a.a.O. ist hiervon nicht die Rede.]


8 Daß Jerusalem Stammsitz des Karäismus war, ergibt sich aus den Angaben von Nissi ben Noach und Salmon ben Jerucham, und auch die falsche Korrektur eines alten Kopisten des Megillat Taanit spricht dafür, da er die Akra (Burg Zion) erklärt mit: Ort der Karäer םיארקה םוקמ ... ארקת. [Nissis Berichte sind als Fälschungen anzusehen; vgl. Frankl in Smolenskis Haschachar Ihrg. VIII 29ff. Vgl. über das Zweifelhafte von Anans Aufenthalt in Jerusalem Harkavy bei Rabbinowitz S. 188 Anm. 36.]


9 Vgl. Note 12, 3, Anmerkung 1. [Vgl. jedoch RÉJ. a.a.O.]


10 [Über dies Vorkommen dieses Satzes in der karäischen Literatur vgl. Harkavy a.a.O. S. 189 Anm. 38.]


11 Über die Karäer vgl. Ersch, Enzyklopädie B. 33. S. 11 ff. (H.)


12 [Den Angaben über einen Pentateuchkommentar Anans ist keinerlei Glauben beizumessen; das Buch der Gebote ist identisch mit der sogen. Fadhlakah; vgl. Harkavy a.a.O. Anm. 39.]


13 [Einzelnes aus Anans Buch der Gebote zitieren spätere Karäer, meist Jephet ben Alî, teils in dem aramäischen Original, teils in arabischer Wiedergabe. Auch hat Harkavy mehrere Fragmente des Originals gefunden, die er, nebst Zitaten bei Späteren, herausgegeben hat unter dem Titel Likkute Kadmoniot Teil II, (Studien und Mitteilungen Teil VIII) Petersburg 1903. Vgl. auch Poznaṅskis bereits erwähne Studie.]


14 Vgl. Alberuni in RÉJ. XII. 259.


15 Natronaï Responsum in Amrams Gebetordnung םרמע 'ר רדס ed. Warschau p. 38 a. [Natronais Worte a.a.O. lauten jedoch: לוע לשו עשר לש דומלת ןקתו ומצעל.]


16 [Diese Annahme kann nicht als zutreffend bezeichnet werden.]


17 Schahrastani, übersetzt von Haarbrücker I. 253, daraus Abulfeda bei de Sacy, Chrestomathie arabe I. 326 und Makrizi das. 301. Vgl. ein Zitat aus einer karäischen Schrift bei Wolf, bibliotheca hobraea IV. 1086.


18 [Hierbei war viel politische Berechnung im Spiel; vgl. Harkavy a. a O. S. 192, Anm. 39.]


19 Makrizi bei de Sacy das. 301.


20 Abu-Jakob ben Bakhtewi bei Pinsker Beilagen 75 und Abulsari Sahal Sendschreiben das. 37.


21 Folgt auch aus dem Sendschreiben Abulfari Sahals, Menahem Gizni bei Pinsker das. S. 60, Jehuda Hadassi Eschkol Nr. 179, und Simcha Luzki Orach Zadikim 19 a.


22 Vgl. Tanchuma Noah anfangs.


23 Zacharia 5, 6-11.


24 Vgl. die Stellen in Note 12, Anmerkung 3.


25 Karäisches Gebetbuch.


26 Vgl. Saadia Emunot VI 1. [Seine sonstigen Anschauungen charakterisiert auch das Verbot, sich des Arztes und der Arzneimittel zu bedienen, da dies eine Verletzung der Schriftworte am Schluß von Exodus 15, 26 sei.]


27 Aus der volkst. Geschichte B. II.


28 [Über die Unhaltbarkeit der nachfolgenden Ausführungen vgl. Harkavy, Studien und Mitteilungen Bd. V, S. 8. Anm. 6.].


29 [Über die Masora vgl. Weiß a.a.O. 238-263, ferner J. Harris in JQR I S. 128-142 und 222-257, Bacher in Winter und Wünsches Anthologie II. S. 121-132, ebendenselben in: Die Anfänge der hebräischen Grammatik S. 7 ff., und Monatsschrift Jahrg. 1908.]


30 Note 17 II.


31 Vgl. Hazefirah 1874 Nr. 15: [Brüll, Jahrbücher II. 174. H.] [Vgl. über die tiberiensische Masoretenschule auch Merx in den Verhandlungen des V. Orientalisten-Kongresses Abtlg. II, Bd. I, S. 188-209. R' Chabib und R' Pinchas waren keine Karäer.]


32 [Zu diesen Ausführungen vgl. die früheren Bemerkungen.]


33 Vgl. über R' Jehudaï's Halachot die kritische Abhandlung Luzzattos in dessen Sammelschrift Bet ha-Ozar I, S. 53 ff. [Die R' Jehudaï zugeschriebenen Halachot Pessukot wurden ediert von Schloßberg, Versailles 1886, und die Halachot Kezubot von Ch. M. Horowitz in Halachische Schriften der Gaonim I, S. 14-37 (H).] [Die Halachot Jehudaïs waren ursprünglich im talmudisch-aramäischen Idiom abgefaßt, wie A. Epstein in seiner Abhandlung über die Halachoth Gedoloth in Horodecki's Hagoren III (Berdyczew 1902), S. 67 ausführt. Die hebräische Übersetzung ist wohl in Griechenland vorgenommen worden. Zu erwähnen ist noch J. Müller, Handschriftliche, dem Jehudaï Gaon zugewiesene Lehrsätze, Berlin, 1891. Zur Charakteristik Jehudais und Würdigung seiner Gelehrsamkeit vgl. das von Ginzberg in JQR XVIII, S. 111-112 veröffentliche Responsum eines seiner Schüler.]


34 [Die Minderung des Ansehens des Exilarchates ist eher auf das Kalifat zurückzuführen, das diese Würde für Geld verkaufte; vgl. den Scherira-Brief (ed. Neubauer S. 33 u. dort Anm. 9 u. 17) u. RÉJ. S. 212.]


35 Vor ihnen fungierten unmittelbar nach den beiden Nachmaniden: Chananja ben Mescharschaja von Pumbadita (764-71) und Achunaï Kahana ben Papa (762-67), nach Scheriras Sendschreiben, vgl. darüber Frankels Monatsschrift Jahrg. 1857 S. 383 f.


36 Vgl. Note 12, 4.


37 Jalkut zu Numeri Nr. 736, 220 d. Vgl. dazu [Zunz, Gottesdienstl. Vorträge S. 279 u.] Rapaport in Kerem Chemed VI. S. 241. [Vgl. auch Brüll, Jahrb. II, S. 82 u. Revue a.a.O.]


38 [Vgl. auch Lerner in Jahrbuch der jüd.-literarischen Gesellschaft, Frkf. a.M. 1903, S. 207 ff. u. 1904, II. S. 407 u. Monatsschrift Jahrg. 1908.]

39 Vgl. Note 23, II.


40 Scherira, Sendschreiben, S. 39 (ed. Neub., S. 36). Ittur, ed. Venet. S. 20 a. 77 d. Vgl. Frankels Monatsschrift Jahrg. 1857. S. 339. Das genaue Datum dafür gibt Isaak ben Rëuben Albarǵeloni an (Schaare Schebuot gegen Ende): im seleuzidischen Jahre 1098 = 787.


41 [Nach Harkavy in RÉJ a.a.O. S. 213 hat die Bekehrung der Chazaren wohl schon c. 620 stattgefunden.]


42 Die arabischen Schriftsteller nennen sie רזח (Chazar), der russische Annalist Nestor stets Cozari. Die jüdischen Schriftsteller dagegen, um nicht an ריזח zu erinnern, orthographieren bald רזוכ bald רזכ. – Das Faktum von der Bekehrung der Chazaren zum Judentum, das man früher als Fabel behandelt und noch vor drei Dezennien nur halbgläubig angenommen hat, wurde in jüngster Zeit durch arabische Quellen von vielen Seiten bestätigt gefunden. Ousley, der Herausgeber des Ibn-Haukal oder richtiger des Istakhri; Frähn, der Kommentator des Ibn-Foßlan de Chazrisa (mémoire de l'académie impériale des sciences de Petersbourg 1822 T. VIII.) d'Hosson, peuples du Caucase, Dufrémery (Journal asiat. 1849, p, 470 f.) und Meassef Niddachim p. 117 haben die Nachrichten der arabischen Schriftsteller Ibn-Foßlan, Istakhri, Maßu di, Ibn-Alathir und Dimeschki über das Chazarenreich und dessen jüdisches Bekenntnis in ein helles Licht gesetzt und die Nachrichten der jüdischen Quellen darüber bestätigt. Die beiden Briefe an den Chazarenkönig und von ihm sind als geschichtlich in allen Partieen anerkannt von Reinaud (Abulfeda, introduction p. 299) und von Vivien de St. Martin, les Khazars (mémoire lu à l'académie des inscriptions et des belles lettres. Paris 1851). Vgl. noch Neumann, die südrussischen Völker; Carmoly, Itinéraires de la terre sainte. Bruxelles 1847, des Khozars p. 1-104. [Zur Schreibung des Namens bei jüd. Schriftstellern vgl. RÉJ. a.a. O; zur Schreibung רזכ vgl. auch T'schuboth ha-Geonim ed. Harkavy, Nr. 557, S. 278.]


43 [Vgl. jedoch den Zweifel bei Harkavy a.a.O.]


44 Diese Nachricht tradiert Ibn-Alathir (bei Frähn das. S. 597). Nach desselben Übersetzung lautet die Stelle: Refert Ibn-El Athir imperatorem Constantinopolis regnante Harun Raschidio expulisse quiquid Judaeorum in ipsius regno. Hi cum Chazarorum terram se recepissent, populum experti essent socordem et simplicem, suam eis obtulere religionem, quam illi suis institutis sacris potiorem cum cognovissent, eam amplexi aliquamdiu servabant. Ebenso Maßudi. In diesem Referat Maßudis und Ibn-Alathirs ist nur das Datum falsch. Denn die Verfolgung der Juden im byzantinischen Reiche fand nicht zu Ar-Raschids Zeit, sondern früher unter Leo dem Isaurier statt, wie aus Theophanes und Cedrenus bekannt ist.


45 Von der Eroberung Ardebils spricht auch der Brief des Chazarenkönigs an Chasdaï Ibn-Schaprut, dort heißt es לידרא, und das gibt einen Anhaltspunkt für die Chronologie. Die Eroberung Ardebils fällt nach arabischen Schriftstellern bei d'Hosson (peuples du Caucase, S. 59) und bei Dorn (Nachrichten über die Chazaren in mémoire des sciences politiques et historiques de St. Petersbourg, série VII., Ihrg. 1844, S. 445 f.) in das Jahr 731. Das stimmt mit Jehuda Halevis Angabe, daß die Bekehrung der Chazaren zum Judentume ungefähr vier Jahrhunderte vor Abfassung seines Werkes 1140, also um 740 stattgefunden hat. [Vgl. jed. zur S. 196, Anm. 3.]


46 Briefe des Chazarenkönigs an Chasdaï Ibn-Schaprut. Ähnliches erzählt Al-Bekri, mitgeteilt von Dufrémery im Journal asiatique a.a.O.


47 Wird zuerst von Nachmani (colloquium, ed. Jellinek, S. 14) genannt. Der angebliche Grabstein des Isaak Sanǵari, der in Tschufut-Kale in der Krim mit einem dunkeln Datum gefunden worden sein soll, wodurch behauptet wird, die Chazaren hätten sich zum Karäismus bekannt, ist gründlich als unecht und gefälscht nachgewiesen worden von Rapaport: Kerem Chemed V, S. 197 f. [Zur ferneren Literatur über Isaak Sanǵari vgl. Harkavy in EÉJ. a.a.O.]


48 Ibn-Foszlan bei Frähn de Chazaris p. 484. Nach Dimeschki waren sämtliche Chazaren Juden, daselbst 597: Chazari et rex eorum omnes Judaei. Eine andere Nachricht daselbst lautet: Chazari duabus nationibus constituuntur, militibus scilicet, qui Mohammetani, et civibus, qui Judaei sunt.


49 Das. S. 615 und 617 nach Ibn-Haukal. Wenn bei mohammedanischen Schriftstellern vom Übertritt der Chazaren zum Islam erzählt wird, wie z.B. Ibn-Alathir vom Jahre 254 d. Heǵira = 868, so gilt das nicht vom Hauptreiche, sondern von Vasallenländern und ihren Königen.


50 Über den Rabbinismus der Chazaren vgl. Harkavy, Monatsschrift 1882, S. 171.


51 Brief des Chazarenkönigs.


52 Ibn-Haukal (oder Istakhri) bei Ousley.


53 Das.


54 Maßudi, Istakhri und Ibn-Foßlan sprechen von neun Mitgliedern des Gerichtshofes. [Die beiden ersteren sprechen von 7 Richtern; die Zahl 9 bei letzterem beruht wohl auf Verwechslung der Zahlworte עסת und עבס in der arabischen Schreibung.]

55 Eldad der Danite vgl. Note 19, Targum zu Chronik I. 5, 26, wo von den »finstern Bergen« לבק ירוט die Rede ist, dem Aufenthalt von dritthalb Stämmen, Josippon (Pseudojosephus) c. 10. Die zwei Ansichten, die richtige, daß die Chazaren Proselyten, und die fabelhafte, daß sie Abkömmlinge der Zehnstämme waren, finden sich zusammengestellt in dem Büchlein Scheerit Israel c. 9.


56 Muratori rerum italicarum scriptores T. III. 2, p. 240, 277 Mansi concilia T. XII, 784, 814.


57 Monachus Sangallensis de gestis Caroli magni I. 18.


58 Capitularia Caroli bei Bouquet recueil T. V, p. 679. Vgl. indessen die Capitularia bei Pertz leges T. I. p. 194.


59 [Vgl. hierüber besonders Höniger in der Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland I S. 80-83.]


60 In den Kapitularien Karls und seiner Nachfolger werden die Juden öfter zu den negotiatores gezählt. Vgl. Capitularia bei Pertz a.a.O. p. 114, Nr. 4.


61 Die Verpflanzung der Luccenser Familie nach Mainz setzt Josef Kohen (Emek ha-Bacha 13) ausdrücklich unter Karl den Großen. Nach Carmoly (Annalen Jahrg. 1839, S. 222) soll ein handschriftlicher Machsor-Kommentar dieses Faktum ins Jahr 719 nach der Zerstörung = 787 chr. Z. setzen. Jedenfalls ist das Datum bei Sal. Luria (Responsa Nr. 29) 849 der Zerstörung eine Korruptel. Die meisten Schriftsteller nennen übrigens Kalonymos von Lucca und nicht R' Mose als das Haupt der Auswanderer. Vgl. S. D. Luzzatto, il Giudaismo illustrato, S. 30 ff. Die Genealogie der Kalonymiden aufstellen, womit sich die Herrn Rapaport und Zunz geplagt haben, heißt den Sisyphusstein wälzen. Es hat so viele jüdische Gelehrte mit Namen Kalonymos in Deutschland, Italien und Südfrankreich gegeben, daß deren Registrierung und die ihrer Nachkommen eine Unmöglichkeit und zugleich eine ganz nutzlose Arbeit ist; vgl. Saige, Groß, Monatsschrift, Jahrg. 1878, S. 249; RÉJ. VII. S. 154 – הב – הנוברנ ריעב – ירהציה התתמ 'ר תובא שוריפ תוכלמל בורק דוד תיב ערזמ אישנ בר – בשיתנ. [Was hier als historische Tatsache angenommen wird, ist in dieser Form in das Reich der Legende zu verweisen; es spielen Vorgänge aus dem Ende des 10. Jahrhunderts hinein. Vgl. das Material hierüber in Aronius Regesten Nr. 70 Ende. S. 26 und Nr. 136 S. 58 und ferner Monatsschrift Jahrg. 1908.]


62 D. Kimchi zu Richter 20, 15 im Namen eines »Midrasch«. In unsern Ausgaben heißt es zwar, die Benjaminiten seien nach Romania ausgewandert. Jechiel Heilperin (Seder ha-Dorot) las indes »nach Deutschland und der Stadt Worms«.


63 Maaße Nissim-Buch.


64 Über die Quelle, wo dergleichen Briefe mitgeteilt werden, vgl. Fabricius, Codex Apocryphus novi testamenti, T. III, p. 493 f.


65 Lewysohn, Epitaphien des Wormser Friedhofes S. 3. Das älteste der vorhandenen Grabdenkmäler von Worms stammt aus dem Jahre 1070, das. S. 87. Das Datum 900 auf einem Leichenstein beruht auf einer falschen Lesart, wie Rapaport im Vorworte zu den Epitaphien der Prager Gemeinde, Gal Ed, nachgewiesen. Ebenso unerwiesen ist es, daß ein Leichenstein des Prager Friedhofes das Datum 780 trägt, Rapaport a.a.O.


66 Codex Theodosianus L. XVI, T. 8, § 21. S. 6. IV. S. 333 Anmerk.


67 Eduard Gans in Zunz' Zeitschrift S. 108.


68 [Vgl. jedoch Regesten Nr. 68, S. 25.]


69 Eginhardi annales in Pertz' monumenta Germaniae I. p. 190, 353. [Unter den Geschenken befanden sich auch die Schlüssel zum heiligen Grabe; vgl. Rabbinowitz S. 209, Anm. 4.]


70 Zacuto, Juchasin, ed. Filipowski, S. 84. [Vgl. jedoch hierüber Aronius in der Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland II, S. 82 ff.]


71 [Vgl. hierzu auch Régné in RÉJ. IV, S. 20-21.]


72 Der Kürze wegen vgl. über die Quellen Ersch und Gruber, Sekt. 2, B. XXVII, S. 64 f. und Stobbe, die Juden in Deutschland während des Mittelalters.


73 Bei Pertz monumenta, leges I. 194. Stobbe S. 262, Note 144. Über die Formalitäten bei Eiden in der gaonäischen Zeit vgl. Respons. Gaonim Schaare Zedek 76, No. 22. [Bei einem Rechtsstreit mit einem Christen mußte der Jude mehr Zeugen als jener, je nach dem Wert des Gegenstandes, beibringen; vgl. Regesten Nr. 73.]


74 Weil: Kalifengeschichte II. 162, Note 1 nach Ibn-Khaldun und Ibn-Alathir.


75 Ich habe in Frankels Monatsschrift, Jahrg. 1859, S. 112, darauf aufmerksam gemacht, daß das agadisch-mystische Werk Pirke di R' Elieser auf die Herrschaft der zwei Brüder im Kalifat anspielt (c. 30) und in dieser Zeit verfaßt wurde, was nicht ausschließt, daß ältere Agadas darin aufgenommen wurden. In demselben Kapitel wird auch die arabische Sage von Abrahams Besuch bei Ismael mitgeteilt, und Ismaels Frauen, welche die arabischen Quellen bei Tabari und anderen Wala und Sajjida heißen, werden im Pirke di R' Elieser die eine Chadiǵa (השידע), wie Mohammeds erste Frau, die andere Fatima (אמיטפ), wie dessen Lieblingstochter, genannt. Aus P. d. R' Elieser ist die Sage in Targum Pseudojonathan übergegangen. In demselben Kapitel wird auch auf die Land- und Seekriege Raschids gegen Byzanz angespielt. Vgl. damit Weil a.a.O. S. 156, und Theophanes Chronographie I. 714 ff. Israels Leiden in dieser Zeit werden erwähnt P. d. R' Elieser c. 32, 43, 48. [Vgl. [schon Zunz in s. gottesdienstlichen Vorträgen S. 276, ferner] Zeitschrift der Deutsch-Morgenländ. Gesellschaft B. XXVIII. S. 645 und hebräische Bibliographie B. XVII. S. 10. (H.)]


76 Mohammed ben Ishak in der Zeitschrift der deutsch.-morgenl. Gesellschaft 1857. S. 630. Ibn-Esra bei de Rossi manuscripti codices hebraici codex 212. [Masch'allah, genannt der Einzige seiner Zeit in der Wissenschaft der Urteile, war sicher Jude; vgl. besonders Steinschneider a.a.O. S. 15-23, hingegen war Jakob Ibn-Scheara nicht Jude; vgl. RÉJ. a.a. O S. 214.]


77 Vgl. Berliners Magazin 1880 S. 102; RÉJ. V. p. 214. [Vgl. über ihn Steinschneider a.a.O. S. 23 ff.]


78 Wüstenfeld, Geschichte der arabischen Ärzte und Naturforscher S. 20; vgl. Wenrich, de auctorum grae corum versionibus, p. 228.


79 [Vgl. Steinschneider a.a.O. S. 32 ff., ferner ebendort über andere arabisch schreibende Astronomen und Mathematiker.]


80 [Fast die meisten Elemente hat der mutazilitische Kalâm dem Judentum entlehnt, besonders die Verwerfung der Anthropomorphismen und das Problem der Willensfreiheit; vgl. Schreiner, der Kalâm in der jüdischen Literatur, Beilage zum Jahresbericht der Lehranstalt u.s.w. Berlin 1895, S. 3-4.]


81 Vgl. Schahrastani nach Haarbrückers Übersetzung I, 115 f., 213, 214 und Frankels Monatsschrift, Jahrg. 1859, S. 115 f.


82 [Dieses Urteil ist dahin zu ändern, daß gerade die Rabbaniten der mutazilitischen Lehre huldigten, was besonders an dem im 9. Jahrhundert, noch vor Saadja, wirkenden David al-Mokammez zu sehen ist, während der erste philosophische Schriftsteller der Karäer, Kirkissani, ein jüngerer Zeitgenosse Saadjas ist. Vgl. auch Harkavy in RÉJ. a.a.O. S. 215-216 und Rabbinowitz a.a.O. S. 217 über den Anteil der Karäer an dem sogenannten Schiur Komah. Im übrigen berichten arabische und jüdische Schriftsteller übereinstimmend von einer großen Anzahl jüdischer Muttakalimûn vor Saadja; vgl. Schreiner a.a.O. S. 5.]

83 Vgl. Note 18 Nr. I. [Judghan ist als Schüler von Abu Isa Isfahâni wohl etwas früher anzusetzen. Er war nicht Kamelhirt, sondern wurde von seinen Anhängern יעארלא, der Hirt, im Sinne von »Führer« genannt, woraus sich die spöttische Deutung seiner karäischen Gegner herleitet; vgl. Harkavy nach Kirkissani bei Rabbinowitz S. 503. Vgl. auch ebendort über die unrichtige Identifizierung mit Jehuda, dem Perser.]


84 [Die Feste ließen sie nur als Erinnerungszeichen gelten.]


85 Vgl. über ihn Note 17 III. und Note 18 II.


86 [Über den Unterschied in der Lehre des Logos zwischen Philo und Benjamin vgl. Weiß a.a.O. S. 71 und Poznaṅski in RÉJ. Bd. 50, S. 8 ff.]


87 Saadia Emunot VI, 4.


88 Note 18 II. [Über diese wahrscheinlich auf ältere, teilweise im Geheimen gepflegte Ideen sich stützende Sekte vgl. die Bemerkungen zu der betreffenden Note.]


89 [Zitate aus Benjamins Gesetzbuch hat Harkavy in Likkute Kadmonijot Teil II, S. 175-184 zusammengestellt. Besonders interessant sind die Mitteilungen S. 176-178 über die zwei verschiedenen Arten von Monaten, den Mond- und Sonnenmonat.]


90 [Diese Ausführungen erledigen sich durch die Bemerkungen zu S. 212; vgl. auch RÉJ. V. S. 216.]


91 [Vgl. hierüber »Hebräische Bibliographie« XX, S. 119.]


92 Vgl. über diese Geheimlehre Frankel Monatsschrift, Jahrgang 1859. S. 67 ff., 103 ff., 141 ff. [Zunächst muß mit Rabbinowitz a.a.O. S. 222 bis 223 festgestellt werden, daß die Anhänger der Geheimlehre sich gerade in einen bewußten Gegensatz zu der als »geringe Weisheit« betrachteten Gesetzeskunde stellten. Über den Schiur Komah selbst ist nun nach den Ausführungen Gasters in Monatsschrift 1893, S. 179-185 u. 213-230 anzunehmen, daß sein Ursprung schon in gnostischen Schriften und in mystischen Apokalypsen, wie in Pseudepigraphen der letzten Zeiten vor und der ersten Zeiten nach Entstehung des Christentums zu suchen ist, da seine Ideenkreise auch bei den vor dem Islam schreibenden Byzantinern nachweisbar sind. Aus den jüdischen Quellen drangen diese Anschauungen in mohammedanische Kreise. Über die Mystiker der Geonimzeit und ihren Einfluß auf das Gebetritual vgl. auch Ph. Bloch in Monatsschrift ebendort S. 18 bis 25, 69-74, 257-266 und 305-311.]


93 [In der Tat aber dürfte es umgekehrt sein, indem z.B. gerade das Gebetritual in Babylonien vielfache mystische Einschläge zeigt.]


94 Schulhäupter waren nach Huna– Mar ha-Levi und Bebaï ha-Levi

In Pumbadita:

Manasse ben Joseph (788-796),

Jeschaja ben Abba (796-798),

Joseph ben Schila (798-804),

Mar-Kahana ben Chaninaï (804-810),

Abumaï ben Abraham (810-814).

In Sura:

Hilaï ben Mari (788-797),

Jakob ben Mardochaï [ha-Kohen] (797-811),*)

Abumaï ben Mardochaï (811-819).

*) [Über seine literarische Tätigkeit und seine mitunter zu Erleichterungen neigenden Ansichten, vgl. Weiß, a.a.O. S. 44-45, Müller, Maphteach S. 73-74 und JQR. XVII. S. 274 ff.]


95 [Was der Verf. hier von Joseph ben Abba berichtet, beruht auf einem Mißverständnis von Scheriras Worten (ed. Neub. S. 37): היסריג לע הישפנ רעצמ הוהד היתוקניב, die vielmehr den Sinn haben, daß er viel Mühe auf sein Studium verwandt hat, weswegen ihm auch sein Lehrer die künftige Leitung des Volkes verheißen hat.]

96 Scheriras Sendschreiben; vgl. Note 12, 5.


97 Vgl. Weil, Kalifen II.


98 Vgl. Note 12, 5. [Zur Berichtigung vgl. die Bemerkungen daselbst und Monatsschrift Jahrgang 1908]


99 Responsa Gaonim Schaare Teschuba, ed. Fischl, Nr. 74; Aruch, Artikel חיס; En Jacob zu Sukkah I. Der Beiname Kabasi (aus Kabas in Afrika) muß an diesen Stellen gestrichen werden; er stammt aus einer Verwechselung [Vgl. auch RÉJ. V. S. 209.].


100 [Es sind von ihm auch mehrere das Rechtsleben betreffende, aus den Zeitverhältnissen hervorgegangene Verordnungen ergangen; vgl. Weiß a.a.O. S. 43-44.]


101 Vgl. Note 12, 6.


102 Ibn-Giat Halachot.


103 [Vgl. jedoch Taam Sekenim S. 56, woraus ersichtlich, daß Bagdad gerade zu Sura gehörte. Hierauf machte mich Herr Dr. Elbogen-Berlin aufmerksam).]


104 Scherira daselbst. [ed. Neub. S. 28.]


105 Haï Gaon in dessen Responsum, mitgeteilt von Eliëser Tunensis in der Sammlung Taam Sekenim S. 56. [Vgl. RÉJ. a.a.O. S. 216.]


106 Scherira das.


107 Vgl. Note 23, II. [Diese Ausführungen erledigen sich durch die Bemerkung zu S. 182.]


108 [Vgl. Ersch und Gruber, Enzyklopädie, B. 33, S. 11 ff. (H.)]


109 Vgl. über denselben Note 17, V. [Nach P. F. Frankl im Haschachar VIII, S. 29 ff. hat Nissi nicht vor 1200 gelebt, frühestens jedoch, wie Harkavy in Likkute Kadmonijot Teil II, S. VII ausführt, drei Jahrhunderte nach Anan.]


110 Jetzt gedruckt in Pinskers Likkute Kadmoniot. S. 1-13 [Diese Schrift ist ein Machwerk des XII. Jahrhunderts; vgl. P. F. Frankl in Haschachar VIII, S. 121 ff. und Harkavy bei Rabbinowitz S. 230].


111 Vgl. dazu Note 18, III. [und die Bemerkungen daselbst.]


112 Note 18, IV.


113 [Nach Pinsker, Likkute S. 43 identisch mit Mose Akbari; vgl. ebendort S. 88, Anm. 3, Ende betreff seines späteren Übertritts zum Christentum.]


114 Note 18, V.


115 Vgl. Note 17, IV.


116 [Eine ausführlichere Darstellung mit Beispielen erfährt dieser Gegenstand bei Weiß a.a.O. Abschnitt 7, S. 72 ff.]



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1909, Band 5, S. 230.
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