1. Aufstand der babylonischen Juden unter Kavâdh; der Exilarch Mar Sutra II.

[394] Zum Schluß des Seder Olam Sutta findet sich eine ausnahmsweise ausführliche Erzählung von einem jugendlichen Exilarchen Mar Sutra und einer kriegerischen Bewegung der Juden unter seiner Leitung1. Diese Erzählung ist in chaldäischem Idiome gehalten und klingt ihrem ganzen Tone nach – bis auf einige unbedeutende Züge – durchaus historisch. Nur, weil der Text gerade an einer wichtigen Stelle sehr korrumpiert ist, ist die Erzählung mißverstanden und sind ihr unsinnige Deutungen untergeschoben worden. Durch die einfache Wiederherstellung der richtigen Lesart tritt daraus ein interessantes historisches Faktum hervor, daß sich mit einer durchgreifenden Bewegung im persischen Reiche in pragmatischen Zusammenhang bringen läßt. Der Verfasser des Seder Olam S. teilt zuerst mit, wie das Exilarchenhaus durch Sterblichkeit dem Untergange nahe gewesen, und wie ein junger Sproß desselben, Mar-Sutra, durch die Pflege des Resch Metibta Mar-Chanina erhalten worden. Interims-Exilarch während Mar Sutras Minorennität sei ein Mar Pachda gewesen, der durch Mar-Chaninas Vermittelung verdrängt wurde, indem der König die Würde dem fünfzehnjährigen Mar-Sutra übertragen habe. Dann fährt er fort: רמ גרהנ (ארטוז רמ ימיב) וימיבו רכז לודג דימ אבר קפנ אמוי אוההבו אתביתמ שיר קחצי 'ר הידהב וקפנו ארונד אדומע היל יזחתא אבה םלועה ייחל ונאישנ אבגו אתוכלמ תירואו יאסרפ םע אברק ודבעו ןירבוג ןיאמ עברא ןינש עבש אתאיזג. Statt אבר קפנ haben einige Lesarten gar die Korruptel: לודג אבר דימ קפנ2. Es ist überflüssig zu wiederholen, wie der lateinische Übersetzer des Seder Olam, Genebrard, und die Historiker Schikard, Basnage und Neuere die Stelle verkannt haben, da sie nicht ahnten, daß hier eine Korruptel des Textes [394] vorliegt. Die Historiker der Neuzeit trifft noch der Vorwurf, daß sie die Emendation, die Jakob Emden in seiner Ausgabe des S. O. (Hamburg 1757) vorgeschlagen hat, nicht benutzt haben. I. Emden emendiert nämlich ganz richtig: רמ אבר קפנ :תויהל ךירצש הארנו אתולג שיר וא ארטוז. Diese Emendation wird durch die Ausgabe des kompletten Juchasin (ed. Filipowski) bestätigt. Zacuto hatte diese Lesart vor sich, und er übersetzt die Stelle (S. 93): ארטוז רמ אצי אוהה םויבו שא דומע ול הארנו. Wäre der Exilarch Mar Sutra nicht selbst der Anführer gewesen, so wäre es auffallend, warum er denn später an der Brücke von Machuza samt Mar Chanina gehängt worden ist: יאסרפ הוטקנו אזוחמד ארשג לע אתביתמ שירלו אתולג שירל הובלצו הולטקו. Es bleibt also kein Zweifel darüber, daß der junge Exilarch die Waffen gegen den Perserkönig ergriffen hat, daß er ein bewaffnetes Gefolge von 400 Mann um sich hatte, daß er ein selbständiges (jüdisches) Gemeinwesen gründete (אתיכלמ תירואו), und daß er Tribut auflegte (der nichtjüdischen Bevölkerung in dem jüdischen Gebiete): אתאיזג אבגו. Das Wort אתאיזג entspricht dem arabischen היזג (dschizja), das Tribut bedeutet, den Juden und Christen im Kalifate zu zahlen hatten. Die Dauer der Unabhängigkeit Mar Sutras wird wiederholentlich auf sieben Jahre angesetzt. So lange dauert aber auch Mar Sutras Exilarchat. Denn mit 15 Jahren wurde er Exilarch: רב ארטוז רמ הוה דכו וכו אכלמ יבגל אתביתמ שירו אוה לזא םינש הרשע שמח, und zweiundzwanzig Jahre wurde er alt. Man muß also lesen םינש םיתשו םירשע ארטוז רמ היחו, statt םינש םירשע.

Die Zeit dieses Aufstandes läßt sich ziemlich genau ermitteln. Nach Mar Sutras Hinrichtung gebar seine Witwe einen Sohn, und das Haus Davids, d.h. die Witwe mit ihrem Sohne, entflohen. אמוי אוההבו לע ארטוז רמ הוירקו ארב היל דיליתא ארטוז רמ ליטקא(ד) דוד תיבד וקרעו היבאד הימש. – Wohin sie geflohen sind, wird im nachfolgenden Passus angegeben: nach Palästina: לארשי ץראל היל קילס ג"ר ארטוז רמ רב ארטוז רמו אקרפ שירב הוליעו. Man muß das aber so verstehen, daß er noch als Kind während der Verfolgung, die nur drei Jahre dauerte (יפנא ייולגל יאנוהא רמ ליכי אל ןינש אתלתו)3, mit seiner Mutter dahin kam. Die Erhebung zum Ar chipherekiten4 geschah erst später, als Mar Sutra II. herangewachsen war. Die Zeit seiner Ankunft als Kind in Palästina wird aber genau bestimmt: im Jahre 452 seit der Tempelzerstörung und im Jahre 4280 mundi d.h. 520 der chr. Zeit. Denn Juden wie Syrer setzen die Tempelzerstörung zwei Jahre früher an, im christl. Jahr 68 und im Jahre der Welt 3828. Also im Jahre 520 kam das Haus Davids »nach Mar Sutras Tod« in Palästina an. Das Jahr 520 ist also der terminus ad quem. Der terminus a quo des siebenjährigen Exilarchats von Mar Sutra muß anderweitig ermittelt werden. Mar Sutras Vater R. Huna starb nach der beglaubigten Quelle in Scheriras Sendschreiben im Jahre 819 Seleucidarum = 508: 'ר ביכש טי"תת תנשב אתולג שיר אנוה. Mar Sutras Aufstand ist also zwischen 508 und 520 anzusetzen. Da gegen die Nachricht in Seder Olam Sutta, daß der Schwiegersohn des Exilarchen, Pachda, sich während Mar Sutras Minorennität das Exilarchat durch Bestechung angemaßt hat, nichts einzuwenden ist, so müssen [395] wir ihm auch einige Funktionsjahre einräumen. Die Unabhängigkeit des jüdischen Babyloniens würde demnach um 510-511 anzusetzen sein. Scherira, lediglich die Diadoche der Schulhäupter berücksichtigend, erzählt uns nichts von dieser Bewegung, wenn nicht der unbedenkliche Passus אפעז הוה רופכ םויב ב"כתת תנש 822 = 511 darauf anspielt.

Jedenfalls fällt die Bewegung innerhalb Kavâdhs Regierungszeit, und man wird dabei sofort an den wilden Frauenkommunismus erinnert, welchen Mazdak gepredigt, und den König Kavâdh begünstigt hat. Diese Begünstigung dauerte auch nach Kavâdhs Rückkehr von seiner Flucht fort, nach 502. Das hat Caussin de Perceval aus vielen Momenten wahrscheinlich gemacht. Il paraît aussi, qui'l (Cobad) cessa d'exiger impérieusement que l'on se conformât aux dogmes de Mazdac; mais quant à lui-même, il demeura constamment attaché à cette secte immorale; il soutint Mazdac contre les principaux mages, les seigneurs de la Perse, les membres mêmes de la famille royale5, et pendant longtemps Mazdac et ses disciples, que les Arabes qualifient de Zenadica, continuèrent à jouir auprès de lui d'un credit sans bornes (Essai sur l'histoire des Arabes, T. II, p. 80). Ein Passus in der Erzählung des Seder Olam scheint auf diese kommunistische Bewegung anzuspielen. Er motiviert die Niederlage der Schaar des Mar Sutra damit daß die Lüsternen in derselben gesündigt, heidnischen Wein getrunken und an den Höfen der Fürsten gebuhlt hatten: ווהד (יקתנר) יתקנד ינה אוטח ןינש עבש ףוסבו םיוג יכלמ תיבב ןאנזמ אקו ךסנ ןיי ייותש ווהד ןויחכשאו היידהב. (Das Wort יקתנד oder יקתנר ist ganz unverständlich, vielleicht ist dafür zu lesen ינתגר, das im Syrischen concupicientes, Lüsterne, bedeutet)6.

Der anarchische Zustand des persischen Reiches unter Kavâdh war dem Aufstande der Juden günstig. Herr de Perceval beschreibt diesen Zustand nach den Quellen folgendermaßen: On conçoit, que les sentiments et la conduite de Cobad ne lui attiraient point le respect des peuples, Les Arabes surtout n'avaient pour lui que du mépris, depuis qu'ils ne le voyaient plus occupé d'opérations militaires. Bientôt Hârith, roi des tribus de l'Arabie centrale, oubliant le traité conclu avec Cobad, cessa de retenir les hordes, dont il était le chef, et les laissa faire de nouvelles incursions dans l'Irak et la Mésopotamie (a.a.O. 81)7. Später übergab Kavâdh das Königreich von Hira diesem Kenditenfürsten Harith, das er dem Lachmidenfürsten Mondhir III. entzogen hatte, weil dieser Opposition gegen den Zendikismus machte. Diese Tatsache setzt de Perceval ins Jahr 518. Je conjecture, que l'extension de la puissance de Hârith et l'éviction de Moundhir peuvent correspondre à l'an 518 environ (das. 83.) Möglich, daß Harith es war, der mit seinen arabischen Truppen gegen Mar-Sutra gezogen und seine Schar aufs Haupt geschlagen hat. Das Gebiet [396] Hira, zu dem auch die Stadt Anbar oder Firuz-Schabur gehörte, umfaßte auch den von Juden bewohnten Landstrich Nahardea mit Pumbadita. Vgl. de Perceval a.a.O. II. 9 Note 2 und Scherira Sendschreiben: אנליד ןנבר ותאו רובאש זורפד אתנידמל אעדרהנ תוביבסל אתידבמופמ ed. Goldberg (in Chofes Matmonim S. 31.)

Wie dem auch sei, jedenfalls ist es sicher, daß die Nachricht in Seder Olam über den Aufstand der Juden unter Mar Sutra historisch ist, und daß das Ereignis in der nachamoräischen Zeit, d.h. nach Rabbinas Tod, nach 500, stattfand. Wir können noch in der Erzählung das Historische vom Sagenhaften unterscheiden. Sagenhaft sind die Züge von dem Aussterben des ganzen Exilarchenhauses bis auf Mar Sutra im Mutterschoße, ferner von dem Traume Mar Chaninas und dem Umhauen des Lustgartens (Bostan), die der Geschichte oder Sage des Exilarchen Bostanaï entnommen sind, wo sie auch besser hineinpassen. Auch die Erklärung des Wappenzeichens des Exilarchenhauses eine Fliege »weil sie den Anmaßer der Exilarchenwürde Pachda zu Tode gestochen hat«, ist wahrscheinlich erdichtet. Sie scheinen sogar tendenziös erdichtet zu sein. Denn das Seder Olam Sutta, das wahrscheinlich im Jahre 806 geschrieben wurde, wie Zunz richtig kombiniert (G. Vorträge S. 138), will die Behauptung durchführen, der letzte Sproß des Exilarchenhauses, das vom König Jojachin stammt, sei in Mar Sutra II. nach Palästina ausgewandert. Folglich stammten die babylonischen Exilarchen nicht von Jojachin ab, die Nachkommen Bostanais seien also Usurpatoren. Zu diesem Zwecke läßt der Verfasser das ganze Exilarchenhaus vor der Geburt Mar Sutras II. aussterben und überträgt die Sage von der wunderbaren Geburt Bostanaïs auf Mar Sutra II8.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1909, Band 5, S. 394-397.
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