I.

[535] Die vortreffliche Monographie des frühverstorbenen Autors Philoxenos Luzzatto, Notice sur Abou-Jousouf Hasdaï-ibn-Chaprout (Paris 1852) hat die Biographie dieses jüdischen Staatsmannes nach den Quellen und mit glücklichen Kombinationen so erschöpfend behandelt, daß nur wenig Nachlese bleibt. Nur in betreff zweier Punkte hat meine Forschung ein anderes Resultat ergeben. Der eine Punkt betrifft den Beginn von Chasdaïs Karriere und der andere dessen Lebensende.

[535] 1. Der Beginn. Ph. Luzzatto geht dabei von Ibn-Djoldjols Relation aus, daß Chasdaï erst durch seinen Eifer, die dunkeln Partien des griechischen Dioskorides ins Arabische zu übersetzen, sich die Gunst des Kalifen Abdul-Rahmanns III. Annasir erworben habe. Der Dioskorides wurde diesem Kalifen vom byzantinischen Kaiser Constantinus VIII. Porphyrogenetes, dem Sohne des Basilius Macedo, mit anderen Geschenken durch eine Gesandtschaft im Jahre 949 zugeschickt. Da aber Dioskorides' Schrift über die einfachen Medikamente den Arabern ein versiegeltes Buch war, so bat sich der Kalife einen Mann aus, der des Lateinischen kundig sei. Der byzantinische Kaiser sandte hierauf den Mönch Nicolas, der das Griechische für Chasdaï ins Lateinische, woraus dieser wiederum die lateinische Version ins Arabische übersetzte. Der Zeitpunkt, in welchem die Übersetzung angefertigt wurde, ist zwar nicht bekannt, fällt aber jedenfalls, wenn man die Rückreise der byzantinischen Gesandtschaft, die Absendung des Mönches Nicolas und das Geschäft der Übersetzung berücksichtigt, mehrere Jahre nach 949. Folglich begann Chasdaïs Karriere bei dem Kalifen erst im Anfang der fünfziger Jahre des zehnten Jahrhunderts. So ungefähr stellt es Luzzatto dar. Er ging aber dabei von de Sacys Übersetzung der Stelle bei Ibn-Djoldjol aus, deren Pointe im Original lautet: ןמחרלא דבע ךלמלא ילא ברקתלא ההג ןמ רצאנלא, welche de Sacy (in dessen Description de l'Egypte par Abdallatif p. 496) so wiedergibt: dans la vue de s'attirer la faveur du prince Abderrahmen (Hasdaï ben Bachrout l'Israélite y mettait beaucoup d'ardeur). Die Stelle läßt aber auch einen anderen Sinn zu. »In Rücksicht des Nahestehens bei dem Kalifen«, d.h. weil Chasdaï dem Kalifen früher nahestand, war er eifrig, die Übersetzung zustande zu bringen. So faßt sie Gayangos auf (in dessen history of the mahometan dynasties in Spain, Appendix p. XXV.): Among those who owing to the esteem, in which they were held by the Khalif, could at any time go to the palace and enter the library, was Hasday ibn Bachrut the Israelite. Es scheint, daß Gayangos einen anderen Text des Ibn-Djoldjol benutzt hat. Nach der de Sacyschen Auffassung hätte Chasdaïs Stellung bei Hofe erst infolge der Übersetzung begonnen und wäre demnach später eingetreten. Nach Gayangos' Auffassung dagegen hätte er schon vor der Übersetzung eine Stellung eingenommen.

Hätten wir bloß diese einzige Notiz zur Bestimmung des Datums von Chasdaïs Ehrenstellung, so wäre es allerdings zweifelhaft. Allein es gibt vollgültige Beweise, daß Chasdaï bereits zur Zeit der byzantinischen Gesandtschaft bei Hofe angesehen war. Mose Ibn Esra setzt in seiner Poetik den Anfang der Blüte der hebräischen Poesie in das Jahr 4700 der Weltära = 940 und zwar mit dem Mäzenat Chasdaïs (Munk, Notice sur Aboulwalid p. 77, Note 2). Von Mose Ibn Esra hat Jehuda Alcharisi seine Angaben uber die Anfänge der jüdischen Poesie geschöpft (in Tachkemoni Makame XVIII). Folglich muß Chasdaï schon im Jahre 940 ein Hofamt innegehabt haben, um Mäzen sein zu können. Das wird auch von einer anderen Seite bestätigt. Von den zwei Repräsentanten der Chasdaïschen Kulturepoche hat der eine, Dunasch ben Labrat, mit Saadia in Verbindung gestanden und ihm metrische Verse gezeigt. Saadia war aber mit der Einführung des arabischen Metrums in die hebräische Poesie unzufrieden [536] und bezeichnete es als etwas Außergewöhnliches und Verwerfliches. Dieses alles folgt aus einer Stelle in Dunaschs Kritik gegen Saadias (הידעס לע שנוד תבושת Ms. Schröter)246 שאר רמואמו הארנ אל רמאו ויניעב ואלפנ זא ירבד .לקשמל יחבשב הבישיה חרזמ ינב לכמ ותלוזו הידעס 'ר רמ זא יכ ונעדי .לארשיב והומכ טויפה לוקשו הזורחה רובחב העידי םהל התיה אל247. Nun starb Saadia 942. Folglich hat Dunasch schon um 940 gedichtet und sein Mäzen war Chasdaï. Aus der Polemik der Menahemisten gegen Dunasch scheint hervorzugehen, daß der letzte gar Saadias Jünger war: ברעה לקשמב ולקשנ אלו ... םיריש המכ ול שי הידעס 'ר אלה לכש לכב וידימלת ריעצ איהה תעב התייהו. Und, als Dunasch gegen Menahem ben Saruk polemisiert hatte, war er etwa 30 Jahr alt; demnach fällt die Polemik zwischen beiden in die vierziger Jahre, und beide widmeten ihre Schriften Chasdaï, als er bereits Staatsmann war, und nicht ein Jahrzehnt später.

Noch entschiedener sprechen Chasdaïs Äußerungen selbst dagegen, daß er erst infolge der Übersetzung des Dioskorides, also nach 950, sich die Gunst des Kalifen erworben. Wir haben jetzt zwei historische Urkunden in dem Briefe Chasdaïs an den jüdischen Chaǵan der Chazaren und in dessen Antwort an jenen, deren Echtheit jetzt niemand bestreitet. Chasdaï sagt nun in seinem Sendschreiben, daß die Gesandtschaften des deutschen Kaisers, des Königs der Sklavonier und des byzantinischen Kaisers an den Kalifen von ihm eingeführt wurden, durch ihn die Geschenke überreichten und von seiner Hand Gegengeschenke empfingen: ךלמו באלקצלא םהש םילבגה ךלמו יזנכשא ךלמ הנאצת ידי לעו םתחנמ הנאבת ידי לע םירחא םיכלמו היניטנטשק םתלומג. Folglich war er zur Zeit, als die byzantinische Gesandtschaft ankam (949), bereits Staatsmann, und er ist es nicht erst infolge derselben durch seine Leistung bei der Übertragung des Dioskorides geworden. Ja, nach Ibn Adhari traf die byzantinische Gesandtschaft bereits im Jahre 334 d. Heǵira = 944-45 ein (ed. Dozy T. II, p. 229): ילא לצו (433 הנס יפ) אהיפו בחאצ – ןיטנטסק רבכאלא םורלא ךלמ לסר הבטרק רצאנלא ילא םהכלמ ןמ באתכב – הניטנטסקלא. Von den byzantinischen Gesandten erfuhr Chasdaï das faktische Vorhandensein des Chazarenreiches, das er selbst bis dahin halb als Fabel betrachtet hatte: יחולש ואב רשא דע לע םלאשאו ונכלמ לא םכלמ תאמ בתכו הרושתב היניטנטסק רבדה. Nach Ibn Adhari (das. II, p. 234) kam die Gesandtschaft des sklavonischen Königs Hunu im Jahre 342 der Heǵira = 952-53 in Cordova an: הנס יפ 342 רצאנלא ילא הבלאקצלא ךלמ אינוה לסר תמדק, und auch dabei fungierte Chasdaï. Einige Jahre später begleitete Chasdaï des Kalifen Gesandten Mohammed Ibn-Hussain an den Hof des gallicischen Königs Orduño ben Radmir (Ibn Adhari das. p. 237): הנס יפ) אהיפו היעאטלא ילא רצאנלא ןמ ןאכ אלוסר ןיסח ןב דמחמ םדק (543 ילא הבאתכב ידוהילא טורבש העמו היקילג ךלמ רימדר ןב ןודרא רצאנלא. Aus allen diesen Zeugnissen geht mit Bestimmtheit hervor, daß Chasdaï bereits in den zwei Jahren 940 und 48 seine Stellung bei Hofe hatte. Wenn Ph. Luzzatto weitläufig nachweist, daß das Eintreffen des Ramirez [537] und seiner Großmutter Toda – von dem Dunaschs Verse singen, daß Chasdaï es veranlaßt habe – erst in den Jahren 958-59 stattgefunden habe, so spricht eine Quelle bei Almakkari dagegen. Diese gibt an, daß Abderrahman schon in den Jahren 933-936 mit Tuta (Toda) und ihrem Sohne oder Enkel Garcia (oder Sancho) zu tun hatte. Die Angabe lautet nach Gayangos' Übersetzung (a.a.O. II, 135): In the year 322 (933) Annasir made an incursion into the mountainous districts (Navarre), whence he marched on Pampluna. Queen Tutah dreading his vengeance, came out to meet him and put herself under his power, upon which Annasir invested her son Garcia with the sovereignty of the land. – In the year 325 (936) hearing that Tutah queen of Banbelunah had infringed the treaty subsisted between the two, Annasir invaded her kingdom, subdued the greater part of it and compelled her to ask peace. In der Tat, wenn man Dunaschs Verse genau betrachtet, so sagen sie aus, daß Chasdaï Ramiros Sohn mit Großen und Geistlichen halb als Gefangene nach Cordova gebracht und infolgedessen auch die Königin Toda oder Tuta dahin durch diplomatische Künste gezogen hat:


םירצבמ הרשע שבכ םירזלו ...

רימשבו תישב רימזה הברהי

םירמכו םירשו רימדר ןב ליבוהו

ךלהכ איבה ךלמ רובג ריבג

םירצ ול םה םעל ךלפב קיזחמו

הטוט ותנקז הטושה ךשמו

.םירבגכ הכולמ הטוע התיה רשא


Der Aufenthalt des vertriebenen Königs von Leon, Sancho Ramirez, in Cordova im Jahre 956-59, um sich von seiner Korpulenz heilen zu lassen und den Kalifen um Hilfe anzuflehen, ihn wieder auf den Thron zu setzen (wovon die spanischen Chronisten erzählen), braucht nicht mit dem Faktum, wovon Dunasch sang, identisch zu sein.

2. Chasdaïs Lebensende. Ph. Luzzatto setzt dieses annäherungsweise ins Jahr 990 und schließt es daraus, weil der, unmittelbar nach Chasdaïs Tod von einer Partei zum Rabbinen von Cordova erhobene Joseph ben Abitur in Cordova unterliegend, sich zu R' Haï begab, und dieser erst im Jahre 998 Gaon wurde (Notice p. 57). Indessen abgesehen davon, daß ben Abitur, ehe er zu R' Haï kam, sich vorher in anderen Ländern und Städten aufgehalten hat, in Baǵana248, wahrscheinlich auch in Afrika und Ägypten, so sprechen einige Momente entschieden dafür, daß Chasdaï noch bei Lebzeiten des Kalifen Alhakim, d.h. vor 976, gestorben ist.

a) Als sich nach Chasdaïs Tode (wie Abraham Ibn Daûd ausdrücklich bemerkt), wegen des Rabbinats Parteien in Cordova bildeten, die eine an Moses' Sohn Chanoch festhielt, und die andere ben Abitur wünschte und ben Abitur in den Bann getan wurde, riet ihm der Kalife, an den er sich gewendet hatte, auszuwandern, und bemerkte ihm, daß, wenn seine Untertanen[538] eine solche Unzufriedenheit mit ihm zeigten, selbst er auswandern würde: םיטעוב םילאעמשיה וליא ול רמא ךלמהו םהינפמ חרוב יתייה םידוהיה ךל ושע רשאכ יב. Dieser Kalife war aber sicherlich Alhakim, von dem der Chronograph vorher berichtet hat, daß ben Abitur für ihn die Mischnah (nicht den ganzen Talmud) ins Arabische übersetzt hat: םירדס הששה לכ שריפ רותיבא 'ן ףסוי 'ר םיכחלא ומשש לאעמשי ךלמל יברע ןושלב. Unmöglich konnte es dessen Nachfolger Hischam gewesen sein; denn dieser war bei seinem Regierungsantritt unmündig und blieb unter Vormundschaft bis zum Tode des Wesirs Almansur Ibn-Abi-Amr. Folglich brach der Streit um das Rabbinat von Cordova noch unter Alhakim aus, und zwar erst nach Chasdaïs Tod: קלחנו לודגה אישנה יאדסח 'ר תריטפ רחא להקה. Mithin starb Chasdaï vor dem Kalifen Alhakim vor 976.

b) Die hohe Stellung Jakob Ibn-G'au's, des Hauptanhängers von ben Abitur, fällt innerhalb des Wesirats des Almansur, der ihn dazu erhoben. Almansur war Wesir von 976-1002. Ibn-G'au fungierte als Oberhaupt der spanisch-jüdischen Gemeinden mehrere Jahre (wie Abraham Ibn Daûd bemerkt) ein Jahr mit Glanz, ein Jahr im Kerker und noch einige Jahre, vom Kalifen Hischam befreit, ohne Glanz: ךלמה הוצ ומכ בש אל לבא ןכ ול השענו ותלודגל ובישוהלו ואיצוהל םאשה ןכ ינפמ היהש. Man geht wohl nicht fehl, wenn man für Ibn-G'au's Funktion zehn Jahre annimmt, 990-1000. Sobald er zur Macht gekommen war, setzte er Chanoch ab und rief ben Abitur aus dem Exil zurück, also um 990. Dieser war aber schon durch seine Reisen so mürbe gemacht und so versöhnlich gestimmt, daß er, anstatt zurückzukehren, einen derben Brief an die Cordovaner Gemeinde erließ und sie ermahnte, seinen Gegner Chanoch zu respektieren. Sein Streit mit Chanoch fällt also vor 990, und damals hatte er schon viele Jahre im Exil zugebracht. Folglich muß Chasdaï lange vor 990 gestorben sein.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1909, Band 5, S. 535-539.
Lizenz:
Faksimiles:
535 | 536 | 537 | 538 | 539
Kategorien:

Buchempfehlung

Anonym

Historia von D. Johann Fausten

Historia von D. Johann Fausten

1587 erscheint anonym im Verlag des Frankfurter Druckers Johann Spies die Geschichte von Johann Georg Faust, die die Hauptquelle der späteren Faustdichtung werden wird.

94 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon