II.

[539] Durch die Ermittelung von Chasdaïs Blütezeit läßt sich auch die Zeit der vier Gefangenen, welche in der jüdischen Geschichte epochemachend sind, chronologisch genau fixieren249. Denn trotz der gediegenen Untersuchungen Rapoports und Lebrechts ist dieser Punkt noch immer nicht genug erhellt. Abraham ben Daûd setzt das Faktum zur Zeit Scheriras um ן"שת = 990 (so die alten Ausgaben). Die Lesart Zacutos, ed. Filipowski, dagegen ג"שת = 943, ist wahrscheinlich eine Korruptel; denn 943 hat Scherira noch nicht fungiert. Gewiß ist nur so viel, daß die Gefangennahme dieser vier Männer zur Zeit Chasdaïs stattgefunden hat; denn einer von ihnen, R' Mose ben Chanoch, war noch zu Chasdaïs Zeit in Cordova, da dessen Sohn auch von diesem Staatsmann gestützt wurde, also um 940-70. Wir können diese Zeit noch mehr einschränken. Das Faktum muß nämlich noch während Annasirs Regierung vorgefallen sein; denn der Admiral, der sie zu Gefangenen gemacht und R' Mose nach Cordova gebracht hat, war (wie Lebrecht richtig herausgefunden hat) Ibn-Rumahis, und dieser war von demselben Kalifen ausgesandt (nach Abraham ben Daud). [539] ןב ומש םייצ לע הנוממ שילש אבטרוק תנידממ אצי דבע ומשו דרפסב לאעמשי ךלמ וחלש (ץיחאמר 1.) 'יחאמר ... םילודג םימכח העברא הבו הינא אצמו ... רצאנלא ןמחרלא םימכחה תא רסאו הינאה ץיחאמר ןב שבכו. Auch Saadia Ibn-Danan hat die Lesart ץאחאמר ןבא (Chemdah Genusah, p. 28). Diese Angabe ist durch Ibn-Khaldûn bestätigt von Gayangos l.c. Appendix X, p. XXXV): The commander in chief of the naval forces of Andalus (under Abdarrahman Annasir) was a certain Ibn-Romahis. Da nun dieser Kalife 961 starb, so fällt das Faktum um 940-961. Man kann aber dieses Datum noch näher fixieren. R' Moses Sohn, Chanoch, war während der Gefangenschaft noch ein Knabe: ונב ךונחו רענ ונדוע. Nun starb dieser als Greis Oktober 1014. Nehmen wir an, er sei 70 Jahr alt geworden, so ist er um 944 geboren. Um 961 war er also 17 Jahre alt und konnte nicht רענ genannt werden. Man muß also das Datum auf 948-955 beschränken. Die Angabe, daß Chanoch zur Zeit der Gefangenschaft noch jung war, ist um so gewichtiger, als sie sicherlich von Samuel Nagid stammt, der dessen Jünger war und die Vorfälle bei der Gefangenschaft aus dessen Munde vernommen hat. So dürfte die Angabe des Rodriguez de Castro, daß das erste Lehrhaus in Cordova von R' Mose im Jahre 948 gegründet wurde, nicht so sehr aus der Luft gegriffen sein: La primera academia se fundé en la ciudad de Cordova en el año del mundo 4708 de Cristo 948 por R' Moseh (Bibliotheca española, T. I, p. 2 b).

Eine andere Betrachtung dürfte das gefundene Datum bestätigen. Es ist kein Zweifel, daß die bedeutenden Talmudisten – םילודג םימכח העברא – von denen drei bedeutende Lehrhäuser in Cordova, in Kairuan und in Kahira gegründet haben, durchaus Babylonier waren. Es spricht einmal dafür, daß der Zweck ihrer Reise הלכ תסנכהל war, d.h. (wie es Lebrecht ganz richtig erklärt hat) zur Einnahme und Unterstützung für das Lehrhaus250. Unter הלכ oder Lehrhaus κατ᾽ ἐξοχὴν ist aber nur das pumbaditanische oder suranische zu verstehen. Die vier Männer waren noch jung; denn nur R' Mose war verheiratet, hatte aber seine junge Frau und seinen jungen Sohn mitgenommen. Dann konnten nur Babylonier so tiefe talmudische Gelehrsamkeit besitzen, daß sie die Rabbinen in Cordova beschämen und die Lehrer für die europäischen und afrikanischen Gemeinden werden konnten. Außerhalb Babyloniens war damals das Talmudstudium ein sehr oberflächliches, Palästina mit eingeschlossen. Das fühlte auch Rapoport (Biographie des Chananel Note 2). Nur meinte er, in Italien, das mit Palästina in Zusammenhang gestanden, sei ein gründlicheres Talmudstudium vorhanden gewesen251. Aber die Beweise, die er dafür herangebracht, sprechen nur für das zwölfte, aber keineswegs für das zehnte Jahrhundert. R' Haï Gaon macht sich noch im elften Jahrhundert über die jüdischen Gelehrten Italiens lustig (Temim Deïm Nr. 119): ימורמ םיאבה םימכחש םישובשה לכו םבתא ןישבשמ (dessen Responsum in [540] םינקז םעט p. 55, 56). Gegen Ende des elften Jahrhunderts konnte Nathan Romi, der Verfasser des Aruch, nicht von italienischen Talmudisten lernen, sondern mußte nach der Provence wandern und R' Chananel kopieren. Die ersten talmudischen Autoritäten in Europa waren der genannte Joseph ben Abitur, Jünger R' Moses, R' Leontin und dessen Jünger R' Gerschom. Wenn Sabbataï Donnolo einige Talmudkundige seiner Vaterstadt Oria nennt, so waren sie sicherlich keine Autoritäten. Im zehnten und elften Jahrhundert berufen sich sämtliche Kundige auf »die Weisen Babels«, und kein einziger auf die אילטיא ימכח. Auch sagt Abraham ben Daûd in seinem Bericht über die Geschichte der vier Gefangenen weder daß sie aus Bari, noch daß sie aus ןיתספס oder ןיתסכס waren, sondern »sie wollten gerade zur Zeit der Gefangennehmung von Bari nach ןיתספס reisen: תארקנ הנידמל יראב תנידממ םיכלוה ויה םימכח העברא ןיתספס. Wir müssen also dabei bleiben, daß die vier Talmudisten Babylonier waren, Glieder der Hochschule Pumbaditas oder Suras.

Ist dem so, so dürfte sich der vierte252 dieser Talmudisten, von dem die Hauptquelle sagt יניא יעיברהו ומש עדוי, finden lassen. Es ist vielleicht Nathan der Babylonier ילבבה ןהכה קחצי רב ןתנ. Aus der Filipow skischen Edition des Juchasin erfahren wir, daß Nathan Babli in Narbonne lebte und ein talmudisches Lexikon verfaßte unter dem Titel: Aruch (p. 174 b): שגש ךרעב אנוברנמ ילבבה ןתנ ‘ר ךורעבו Allerdings kommt dieser Passus auch im Aruch des Nathan Romi vor; aber dieser konnte doch nicht der Babylonier aus Narbonne genannt werden253. Die Identität dieses Nathan Babli mit jenem, von dem S. Schulam mehrere historische Stücke über die babylonischen Lehrhäuser, über den Exilarchen Ukba, seinen Streit und seine Verbannung, über Saadia und seinen Streit mit David ben Sakkaï, über die Ernennung des Exilarchen, über die Einnahmen desselben und der Lehrhäuser, kurz über das jüdisch-babylonische Leben mitgeteilt hat, drängt sich von selbst auf. Aus der Fassung dieser Mitteilung geht sogar hervor, daß Nathan, obwohl aus Babylonien, nicht daselbst geschrieben hat: לבבב הארש הממ ילבבה קחצי רב ןהכה ןתנ 'ר רמא רשאו אבקוע תולג שאר לע und weiter: לש ונב הארש ןתנ 'ר רמאו יאכז ןב דוד. Nathan stammte also aus Babylonien, wohnte aber und lehrte nicht daselbst. Aus seiner Schrift hat sicherlich S. Schulam, der erste Herausgeber des Zacutoschen Juchasin, die historischen Stücke entnommen. Sonst wüßte man nicht, woher er sie genommen, da Nathan schwerlich eine fortlaufende Geschichte des Exilarchats und Gaonats geschrieben hat, sondern nur bei dem einen und dem anderen talmudischen Artikel gelegentlich manches Historische tradiert haben mag254.

[541] Aus den erhaltenen historischen Stücken kann man auch entnehmen, zu welcher Zeit Nathan ha-Babli seine Heimat verlassen hat. Er erzählt von dem Tode Saadias, und daß nach ihm sein Gegengaon R' Joseph ben Jakob fungiert hat: 'ר גהנ הידעס 'ר לש ותריטפ רחאו הרוסב ותבישי בקעי ןב ףסוי; also 942. Nathan weiß noch, daß nach Kohen Zedeks Tod in Pumbadita zuerst Zemach ben Kafnaï, und dann Kaleb (Aaron) Ibn Sarǵadu fungiert haben: חמצ וירחא גהנ ... קדצ ןהכ תריטפ רחאלו ףסוי ןב בלכ (?) וירחא ךלמו רטפנו (?) םישדח ג"י יאנפכ רב ודגארש ןב בלכ ארקנה. Der letzte trat (nach Scherira) sein Amt an 1251 Sel. = 940. Von der Verkümmerung der suranischen Hochschule, welche so weit ging, daß Joseph ben Jakob Sura verlassen und sich in Baßra niederlassen mußte, weiß Nathan noch nicht, was Scherira erzählt: איסחמב (בקעי רב) ףסוי 'ר דחיתאו ‘ר ידהב וליפא הפ ןוחתפ היל הוה אלו ירמגל היתלמ תלדלדיאו תנידמב ביתי ליזאו הלוכ לבבלו איסחמל הקבשו ןואג ןורהא םתה ביכשו הרצב. Kurz Nathan weiß noch nicht, daß die suranische Hochschule sich vollständig aufgelöst hat: אתביתמ איסחמב אכיל אתשה דעו (Scherira): in seinem Berichte existiert sie noch. Er muß also Babylonien verlassen haben, als noch R' Joseph, der letzte Gaon von Sura, fungierte, d.h. nach 942255. Daß Nathan ein Suraner war, geht ebenso gewiß aus seinen historischen Stücken hervor, wie aus Scheriras, daß der Verfasser selbst ein Pumbaditaner war. Wie Scherira für Pumbadita, so nimmt Nathan Babli Partei für Sura. Fragen wir uns, zu welchem Zwecke hat Nathan der Babylonier Babel, d.h. Sura, verlassen? So ist die Antwort הלכ תסנכהל, d.h. er und seine Gefährten: R' Mose, der Begründer des Talmudstudiums in Spanien256, R' Chuschiel in Kairuan und R' Schemarjah, der nach Misr verkauft wurde257, wollten Gelder sammeln für die verarmte Hochschule von Sura, weil Pumbadita alle Einnahmen absorbierte. Gerade der letzte Gaon von Sura, »der nicht einmal R' Aaron, dem Gaon von Pumbadita, stand halten konnte« (wie Scherira ironisch bemerkt), hat diese vier Glieder seiner verarmten Hochschule als Sendboten nach Europa und Afrika ausgeschickt, um den Gemeinden die elende Lage Suras zu schildern und sie zu bewegen, ihre Beiträge nicht Pumbadita, sondern Sura zufließen zu lassen. Weil aber die vier Sendboten, wozu auch Nathan gehörte, in Gefangenschaft gerieten, kam Sura in die Lage, sich selbst auflösen zu müssen. Das ist ein bündiger Pragmatismus. In Spanien, wo man Geschichte sammelte, erfuhr man nach und nach, daß R' Chuschiel sich in Kairuan und R' Schemarjah in Misr befinden; von dem vierten, der wahrscheinlich nach Narbonne, nach einem christlichen Lande verschlagen worden war, erfuhr man nichts. R' Nathan war für die Spanier verschollen, während er in Narbonne lehrte und dort ein Lehrhaus gründete, von dem die Späteren sagten: ריע איה הנוברנ תוצראה לכל הרות אצת הנממו המודק (Benjamin Tudela, p. 2). Kommen wir auf das Hauptthema zurück: Wenn R' Nathan zu den vier Gefangenen gehörte, so ist er ausgewandert nach 942, d.h. um 945. Und wenn wir das Moment berücksichtigen. [542] daß Chanoch bei der Gefangenschaft noch jung war, so kann man deren Zeit 948-50 ansetzen. – Die zersprengten Glieder Suras gründeten also Lehrhäuser in Cordova, Kairuan, Misr und Narbonne und bildeten neue Brennpunkte für das Talmudstudium. Die Talmudexemplare von Sura ließ Chasdaï für Spanien aufkaufen, wie Dunasch sang: ארוס לא ונוהו הרוא םגו העושי הרותה ינבלו םירפסב חלשי, was durch eine Notiz von Ibn Abi Osaibia bestätigt wird (nach Munks Übersetzung Archives israélites 1848, p. 326, Note). Mais Hasdaï ... parvint à se procurer tout ce qu'il désirait en fait de livres des juifs de l'Orient. – War Nathan der Babylonier in Narbonne, so war R' Jehuda oder Leontin sein Jünger, und dieser wieder Lehrer R' Gerschoms. Daher die tiefe Talmudkenntnis Gerschoms aus Tradition von einem Babylonier258.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1909, Band 5, S. 539-543.
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