15. Kapitel. Vertreibung der Juden aus Navarra und Portugal. (1492-1498.)

[355] Auswanderung nach Navarra und dann Vertreibung. Auswanderer nach Neapel; Der König Ferdinand I. von Neapel und Abrabanel. Leon Abrabanel und sein Schmerz. Die Unglückskette der spanischen Juden in der Berberei, in Fez, Genua, Rom und den griechischen Inseln. Menschliches Benehmen des Sultans Bajasid gegen sie; Mose Kapsali's Eifer für sie. Die spanischen Einwanderer in Portugal. Große Zahl derselben. Die jüdischen Astronomen in Portugal: Abraham Zacuto und José Vesino. Die jüdischen Reisenden Rabbi Abraham de Beja und Joseph Zapeteiro. Die Seuche unter den spanischen Juden in Portugal. Elend der Auswanderer aus Portugal. Juda Chajjat und seine Leidensgenossen. Härte des Königs João II. gegen die Juden. Anfänglich freundliche Behandlung unter Manoel. Abraham Zacuto. Die Heirath des Königs Manoel mit der spanischen Infantin zum Unheil für die Juden. Ihr Haß gegen die Juden berückt den portugiesischen König. Gewaltsame Taufe der jüdischen Kinder, später der Erwachsenen. Levi b. Chabib, Isaak Caro und Abraham Zacuto. Die Gesandtschaft der getauften Juden an Papst Alexander VI. Der Proceß des Bischofs de Aranda. Versprechen Manoel's zu Gunsten der portugiesischen Marranen. Das Ende der frommen Dulder Simon Maimi und Abraham Saba. Edle Rache der Juden.


Glücklich für den Augenblick waren noch die nordspanischen Juden von Catalonien und Aragonien, welche ihre Blicke und Schritte auf das nahegelegene Navarra richteten, um dort ein Unterkommen zu suchen. Wie vermindert und verkommen auch die navarrensischen Gemeinden in der letzten Zeit geworden waren, so war doch wenigstens Aussicht, dort das Leben zu fristen und sich nach anderweitigen Zufluchtsstätten umsehen zu können. In Navarra hatte die Inquisition einmüthigen Widerstand von Seiten des Herrschers und des Volkes gefunden. Als einige Marranen, welche an dem Morde des Inquisitors Arbues betheiligt waren (o. S. 307), nach diesem Königreiche entflohen waren, und die blutdürstigen Ketzerrichter deren Auslieferung verlangt und Schergen dahin geschickt hatten, erklärte die Stadt Tudela, daß sie solche unberechtigte Angriffe auf Personen, die bei ihr Asyl gesucht, nicht dulden werde, und versperrte ihnen die Thore. Vergebens drohte der König Fernando, welcher ein Auge [355] auf Navarra hatte, mit seiner Ungnade und seinem Zorne. Die Bürger von Tudela blieben standhaft. Einem navarrensischen Prinzen, Jakob von Navarra, bekam indeß der Schutz schlecht, den er einem flüchtigen Marranen gewährt hatte. Die Inquisition ließ ihn plötzlich verhaften und einkerkern und verurtheilte ihn als Feind des heiligen Officiums zu einer schändenden Ausstellung in einer Kirche, wo ihm sein Sündenregister öffentlich vorgelesen und ihm nur die Absolution verheißen wurde, wenn er sich Geißelhieben von Priesterhand unterwerfen würde1.

Nach Tudela hatten sich Juden aus Saragossa und andern nordspanischen Städten mit der Bitte gewendet, ihnen die Einwanderung zu gestatten, und hatten auf einen freundlichen Bescheid gerechnet. Das Königspaar Juan d'Albert und Catharina schien ihrer Aufnahme geneigt zu sein. Aber die Städter waren bereits von Judenhaß so sehr erfüllt, daß sie sich der Einwanderung widersetzen wollten. Die Bürger von Tudela fragten die von Tofalla an, welchen Entschluß sie darüber fassen werden. Der Rath von Tofalla hatte aber bereits mit der That geantwortet. Er hatte bereits einige castilianische Juden ausgewiesen, welche sich dort heimlich eingeschlichen hatten. Die Tofallenser erwiderten in diesem Sinne an die Tudelenser (Juni 1492): Man sollte dem Herrscherpaare erklären, es sei gegen den Dienst Gottes und würde dem Lande zum Verderben gereichen, wenn die Juden zugelassen würden. Das Unglück, welches die jüdischen Castilianer betroffen, sei eine wohlverdiente Strafe Gottes, die man nicht abwenden dürfe. Sie würden keinem einzigen Juden Aufnahme gewähren, und es wäre recht, mit vereinten Kräften selbst dem Herrscherpaar gegenüber Widerstand zu leisten2. Indessen sind doch etwa 12,000 castilianische Auswanderer in Navarra zugelassen worden. Die Meisten nahm wohl der Graf von Lerin auf. Aber sie genossen nur wenige Jahre Ruhe in Navarra. Denn auf das ungestüme Drängen des Königs Fernando, welcher die Ausgewiesenen mit bitterem Ingrimm verfolgte, stellte ihnen auch der König von Navarra die unglückliche Wahl zwischen Auswandern und Taufen. Die Meisten gingen zum Christenthum über, weil ihnen nur eine kurze Zeit zur Vorbereitung und keine Zeit zum besonnenen Ueberlegen gelassen war. In der [356] sonst wegen ihrer Frömmigkeit so berühmten Gemeinde von Tudela ließen sich 180 Familien taufen3.

Auch diejenigen castilianischen Juden waren noch glücklich, welche, ohne sich in trügerische Hoffnungen einzulullen, daß das Dekret der Ausweisung widerrufen werden würde, den Endtermin nicht abgewartet, sondern sich noch vor Ablauf desselben nach Italien, Afrika oder der Türkei begeben hatten. Denn an Gelegenheit zum Auswandern fehlte es ihnen nicht. Die spanischen Juden hatten damals einen so weittragenden Klang, und ihre Vertreibung hatte so viel Aufsehen in Europa gemacht, daß sich eine Menge Schiffe in den spanischen Häfen einfanden, um die Auswanderer aufzunehmen und weiter zu befördern, nicht blos einheimische, sondern auch italienische Fahrzeuge aus Genua und Venedig4. Die Schiffseigner hatten Aussicht auf ein einträgliches Geschäft. Viele Juden von Aragonien, Catalonien und Valencia hatten ein Auge auf Neapel geworfen und schickten Abgeordnete an den damaligen König Ferdinand I, um Aufnahme zu bitten. Dieser Fürst war nicht blos frei von Vorurtheil gegen die Juden, sondern auch von einem gewissen Mitleid wegen ihres Unglücks gegen sie beseelt. Ferdinand war auch ein Gönner der Wissenschaft und ihrer Träger, beförderte Gelehrte zu Staatsgeschäften und hinterließ selbst elegant geschriebene Reden und Briefe, welche ihm einen Ehrenplatz in der italienischen Literatur verschafften. Er mochte sich großen industriellen und geistigen Nutzen von der Einwanderung der spanischen Juden versprochen haben. Mag es nun aus Berechnung oder Edelmuth geschehen sein, genug, er hieß sie willkommen und öffnete ihnen sein Land. Viele Tausende landeten nun im Hafen von Neapel (24. August 14925) und wurden gut aufgenommen. Auch die dortigen jüdischen Gemeinden handelten brüderlich an den Neuangekommenen, zahlten für die Armen, welche den Ueberfahrtslohn nicht leisten konnten und versorgten sie mit den augenblicklichen Bedürfnissen.

Auch Abrabanel und sein ganzes Haus waren nach Neapel ausgewandert. Hier lebte er Anfangs als Privatmann und setzte seine in Folge des Staatsdienstes in Spanien unterbrochenen Arbeiten fort, die biblischen Bücher der Könige zu erläutern. Als der König von Neapel von seiner Anwesenheit erfuhr, lud er ihn zu sich ein und betraute [357] ihn mit einem Hofamte6, wahrscheinlich im Finanzfache. Er mochte sich von Abrabanel's Erfahrung viel versprochen haben, besonders für die Bedürfnisse des Krieges, mit dem ihn der König von Frankreich bedrohte. Sei es aus eigenem edlen Antriebe oder auf Verwenden Abrabanel's, der König von Neapel erwies den eingewanderten Juden eine rührende Menschlichkeit, welche grell gegen die Grausamkeit der spanischen Könige abstach. Die Unglücklichen hatten nämlich mit vielen Uebeln zu kämpfen, und wenn sie von einem befreit zu sein glaubten, überfiel sie ein anderes, noch schonungsloseres. Eine hinraffende Seuche heftete sich nämlich an die Ferse der spanischen Auswanderer entweder wegen ihrer trüben Gemüthsstimmung oder wegen Ueberfüllung auf den Schiffen. So schleppten sie den Tod mit sich herum. Kaum waren sie sechs Monate im Neapolitanischen angesiedelt, so raffte die Pest viele von ihnen hin. Und der König Ferdinand, welcher davon eine Aufregung der Bevölkerung gegen die Juden befürchtete, gab ihnen einen Wink, die Leichname bei Nacht und im Stillen zu beerdigen. Als sich aber die Pestkrankheit nicht mehr vertuschen ließ und jeden Tag mehr zunahm, drangen Volk und Adel in den König, sie zu verjagen. Aber Ferdinand mochte nicht auf diesen unmenschlichen Vorschlag eingehen; er soll sogar gedroht haben, seine Krone niederzulegen, wenn den Juden Unbill zugefügt werden sollten7. Er ließ daher Krankenhäuser vor der Stadt errichten, sandte ihnen Aerzte und lieferte ihnen Unterhalt. Ein ganzes Jahr sorgte er auf eine beispiellos edle Weise für die Unglücklichen, welche Verbannung und Pest in lebendige Leichen verwandelt hatten. Auch der Herzog Herkules I. von Ferrara nahm mehrere Familien auf, gewährte ihnen günstige Bedingungen für ihren Aufenthalt und räumte ihnen dieselbe Verkehrsfreiheit in seinem Lande ein, welche die daselbst angesiedelten Judengenossen. Nur den unter ihnen eingewanderten Aerzten konnte er nicht ohne Weiteres die Ausübung ihrer Kunst an Christen gestatten, weil es gegen ein kanonisches Gesetz verstieße und dazu die Erlaubniß des Papstes erforderlich wäre8. Auch diejenigen, welche so glücklich waren, den Hafen von Pisa zu erreichen, fanden eine brüderliche Aufnahme. Die Söhne Jechiel's von Pisa, des alten Freundes Abrabanel's, Isaak und Samuel, hatten gewissermaßen[358] am Hafen Standquartier genommen, um die Auswanderer aufzunehmen, zu verpflegen, unterzubringen oder weiter zu befördern9. Ihr Vater war zwei Jahr vorher verschieden, vermuthlich vor Gram; denn seine Tochter hatte sich taufen lassen10.

Nach dem Tode des Königs von Neapel behielt sein, wenn ihm auch unähnlicher Sohn Alfonso II. den jüdischen Staatsmann Abrabanel in seinem Dienste und nahm ihn auch nach seiner Abdankung zu Gunsten seines Sohnes nach Sicilien mit. Abrabanel blieb diesem Fürsten auch in seinem Unglücke bis zuletzt treu (Januar 1494 bis Juni 149511). In Folge der Eroberung Neapels durch den schwachköpfig-ritterlichen König von Frankreich, Karl VIII., wurden die Glieder der Familie Abrabanel auseinander gerissen und umhergeschleudert. Doch keinen derselben traf schwereres Herzeleid, als den ältesten Sohn Juda Leon Medigo (geboren um 1470, gest. um 1530). Er war am spanischen Hofe so beliebt gewesen, daß man ihn nicht missen mochte und ihn gern zurückhalten wollte – freilich als Christen. Zu diesem Zwecke wurde ein Befehl ertheilt, ihn nicht von Toledo abreisen zu lassen oder sich seines einjährigen Sohnes zu bemächtigen, das Kind schnell zu taufen und solchergestalt den Vater an Spanien zu fesseln. Juda Abrabanel erhielt aber Wind von dem Anschlage gegen seine Freiheit, sandte daher sein Kind mit der Amme, »wie ein gestohlenes Gut« heimlich nach der portugiesischen Grenze; er mochte aber nicht in dem Lande, wo seinem Vater der Tod gedroht hatte, eine Zuflucht suchen, sondern begab sich mit ihm nach Neapel. Sein Argwohn gegen den König von Portugal rechtfertigte sich nur gar zu bald. Sobald João II. erfahren hatte, daß Abrabanel's Enkel in seinem Lande weilte, ertheilte er den Befehl, das Kind als Geißel zurückzuhalten und es nicht mit den andern spanischen Juden abziehen zu lassen. Der kleine Isaak sah wohl seine Eltern und Großeltern nie wieder. Er wurde getauft und als Christ erzogen. Der Schmerz des Vaters über den lebendigen Tod seines Sohnes war grenzenlos; er ließ ihn bis zu seiner letzten Stunde keine Ruhe, noch Trost finden und erpreßte ihm ein Klagelied, das den Leser wehmüthig zu stimmen geeignet ist12. Doch was bedeutet der Schmerz über ein einzelnes Kind gegen das Weh, welches die Tausende aus Spanien ausgewiesener Juden traf?

[359] Zahlreiche aus den Gemeinden in Südspanien, die den Küsten nahe waren, hatten ihre Hoffnung auf die berberischen Küstenländer gesetzt, wo ein Jahrhundert vorher die dem Gemetzel von 1391 Entronnenen Zuflucht gefunden hatten. Glücklich waren auch Diejenigen, welche ohne Fährnisse auf dem Meere Oran, Algier oder Bugia erreichen konnten. Die berberischen Einwohner, welche eine Ueberfüllung ihrer Städte von der großen Menge Juden fürchteten, schossen zwar bei der Landung auf die Juden und tödteten Viele von ihnen. Ein an einem berberischen Hofe angesehener Jude verwendete sich aber für seine unglücklichen Stammgenossen beim Sultan und erwirkte ihnen die Erlaubniß, ans Land zu steigen. Doch wurden sie nicht in die Städte gelassen – wahrscheinlich weil auch unter ihnen die Pest herrschte – sondern durften sich nur Holzhütten vor den Mauern erbauen; die Kinder sammelten Holz und die Väter fugten Bretter zu zeitweiligen Wohnungen zusammen.

Unsägliches Elend traf aber Diejenigen, welche ihr Augenmerk auf die Stadt Fez gerichtet hatten. Sie waren froh, als sie auf zwanzig Schiffen unter einem Capitain Pedro Cabran vom Hafen Santa-Maria aus ostwärts steuerten. Aber als bereits der Hafen in Sicht war, bemerkten sie zu ihrem Schrecken, daß der gefürchtete Piratenhäuptling Fragoso mit seinem Kaperschiffe in der Nähe war und sie ihm zur Beute fallen und als Sklaven in die weite Welt verkauft werden würden. Indessen gelang es ihrem Anführer Levi Kohen, der sich auf einem Nachen zu ihm begeben hatte, mit ihm einen Vertrag abzuschließen, daß er sie vermöge einer großen Geldsumme unbehelligt werde landen lassen. Aber der Capitain lichtete plötzlich die Anker und suchte das offene Meer auf, und als hätten sich alle Elemente gegen die Auswanderer verschworen, erhob sich ein Sturm, welcher drei Schiffen den Untergang brachte und die übrigen siebzehn wieder an die spanische Küste warf. Mehr als 500 Juden, in Folge solcher Unfälle dem Wahnsinn nahe, nahmen die Taufe, um das nackte Leben zu erhalten. Die Standhaften wollten ihrer Ueberzeugung nicht untreu werden, begaben sich wieder zu Schiffe, um über Arzilla an der Westküste von Afrika, das nicht lange vorher in den Besitz von Portugal gekommen war, nach Fez zu gelangen. Der Bey von Fez, Muley Scheich, von menschlichem, freundlichem Sinne geleitet, war bereit, alle Unglücklichen aufzunehmen. Er gab dem Unterhändler Führer mit, um sämmtliche Auswanderer in sein Gebiet zu geleiten. Aber unterwegs wurde die erste Truppe von wilden Berbern – mit oder ohne Wissen der Führer – angefallen, mißhandelt, beraubt und die Frauen geschändet. Bei der Nachricht von diesem Unfalle [360] entfiel einem Theile der Zurückgebliebenen der Muth, sich nach Fez zu begeben; sie blieben in Arzilla und erbaten von dem dort residirenden Grafen Joan de Borba die Taufe, da dieser, hartherzig und glaubenswüthig, es nicht an Versprechungen und Drohungen fehlen ließ, um die Bekehrung recht Vieler durchzusetzen13.

Vom Glück begünstigt schienen Diejenigen, welche nach vielen Mühsalen und Gefahren endlich in Fez und Umgegend anlangten und sich ansiedeln konnten. Muley Scheich nahm sie gastlich auf und ließ ihnen eine freundliche Behandlung zu Theil werden. Hier sammelten sich nach und nach die Versprengten in großen Haufen. Zwar nahmen die berberischen Einwohner Anfangs eine feindliche [361] Haltung gegen sie an aus Befürchtung, daß die anwachsende Menge die Lebensmittel vertheuern würde. Allein der gütige Herrscher wußte die Aufregung zu beschwichtigen. Aber auch hier, wo sie Ruhe zu finden glaubten, verfolgte Unglück über Unglück die spanischen Auswanderer. Eine Feuersbrunst zerstörte an einem Tage die leichten Holzbaracken, welche sich die neuen Ansiedler gebaut hatten. Dann stellte sich Hungersnoth ein, sie mußten auf dem freien Felde zubringen und sich wie die Thiere von Kräutern nähren.

Am Sabbat nagten sie die Pflanzen mit den Zähnen ab, um sich nicht eine Entweihung des heiligen Tages zu Schulden kommen zu lassen. Hungersnoth, Pest und die Hartherzigkeit der mohammedanischen Einwohner rasten um die Wette gegen sie. Etwa zwanzigtausend dieser Unglücklichen sollen in Fez und in der Umgegend umgekommen sein. Väter waren aus Verzweiflung dahin gebracht, ihre Kinder um Brod für sich und die Ihrigen als Sklaven zu verkaufen; Mütter tödteten ihre Kinder, um nicht deren Todeskampf durch den nagenden Hunger mit anzusehen. Ein Sohn, der seinen greisen Vater vor Hunger verschmachten sah, eilte sein Kind zu verkaufen, um Brod für den Greis zu bringen.

Gewinnsüchtige Schiffseigenthümer an den Küsten benutzten die Verzweiflung der Auswanderer, um die ausgehungerten bettelnden Kinder am Strande mit Brod an Bord zu locken, und entführten sie, taub gegen die Wehklagen der Eltern, in ferne Gegenden, um sie für gute Preise zu verkaufen. Ein Berber schändete ein schönes jüdisches Mädchen in Gegenwart ihrer Eltern, kehrte nach einiger Zeit zurück und stach ihr ein Schwert in den Leib. Später ließ der Herrscher von Fez im ganzen Lande verkünden, daß diejenigen jüdischen Kinder, welche um Nahrungsmittel angeworben worden waren, wieder in Freiheit zu setzen seien14.

Haarsträubend sind die Schilderungen der Zeitgenossen von den gehäuften Leiden, welche die jüdisch-spanischen Verbannten überall verfolgten. Diejenigen, welche Hunger und Pest verschont hatten, kamen durch die Hände der entmenschten Menschen um. Es hatte sich nämlich das Gerücht verbreitet, die Juden hätten Gold und Silber, das sie aus Spanien nicht mitnehmen durften, verschluckt, um damit später ihr Leben zu fristen. Kannibalen schlitzten darum ihnen den Leib auf, um in deren Eingeweiden Goldstücke zu suchen. Die genuesischen Schiffer [362] benahmen sich am unmenschlichsten gegen die Auswanderer, welche sich ihnen anvertraut hatten. Aus Habsucht oder aus reiner Lust, sich an dem Todesröcheln der Juden zu weiden, schleuderten sie manche von ihnen ins Meer. Ein Schiffscapitain wollte der schönen Tochter eines jüdischen Auswanderers, Namens Paloma (Taube), Gewalt anthun, und die Mutter warf sie, um sie der Schändung zu entziehen, sammt ihren andern Töchtern und dann sich selbst in den Meeresschlund. Der unglückliche Vater verfaßte ein herzzerreißendes Trauerlied um seine untergegangenen Lieben15.

Diejenigen, welche den Hafen von Genua erreichten, hatten mit neuem Elende zu kämpfen16. In dieser blühenden Handelsstadt bestand [363] ein Gesetz, daß Juden nicht länger als drei Tage dort weilen dürften. Da die Schiffe, auf welchen die Juden weiter ostwärts geführt werden sollten, der Ausbesserung bedurften, so gestattete die Behörde, daß die Juden einige Tage nicht in der Stadt, sondern nahe beim Molo so lange weilen durften, bis die Schiffe wieder hergestellt sein würden. Gespenstern gleich stiegen sie aus den Schiffen, abgezehrt, bleich, hohläugig, und wenn sie sich nicht ein wenig bewegt hätten, um ihrem Schiffskerker instinktmäßig zu entkommen, so hätte man sie für eben so viele Leichname halten können. Die ausgehungerten Kinder gingen in die Kirchen und ließen sich um einen Bissen Brod taufen, und Christen waren unbarmherzig genug, nicht nur solche Opfer anzunehmen, sondern sich mit dem Kreuze in der einen und mit Brod in der andern Hand unter die Juden zu mischen und sie solchergestalt zur Bekehrung zu verlocken. Es war denen, welche beim Molo von Genua landeten, nur kurze Frist zum Aufenthalte zugemessen worden; doch zog sich ein Theil des Winters hin, ohne daß die Schiffe ausgebessert worden wären. Je länger sie nun daselbst verweilten, desto mehr verminderte sich ihre Zahl durch den Uebertritt namentlich der Jünglinge und durch Plagen aller Art. Andere Städte Italiens mochten sie nicht einmal auf kurze Zeit ans Land steigen lassen, theils weil gerade damals ein Nothjahr war, und theils weil die Juden die Seuche mit sich schleppten.

Die Ueberbleibsel von Genua, welche nach Rom gelangten, machten eine noch bitterere Erfahrung. Ihre eigenen Religions- und Stammgenossen verschworen sich gegen sie, sie nicht zuzulassen aus Furcht, daß der Zuwachs neuer Ansiedler ihrem Gewerbe Schaden bringen möchte. Sie schossen 1000 Ducaten zusammen, um sie dem damaligen Papste Alexander VI., jenem berüchtigten Scheusal, anzubieten, daß er den spanischen Juden keine Aufnahme gestatten möge. Dieser sonst lieblose Kirchenfürst war doch über diesen hohen Grad von Herzlosigkeit gegen die eigenen Genossen so sehr empört, daß er die Juden Roms sammt und sonders auszuweisen befahl. Es kostete daher der römischen [364] Gemeinde noch 2000 Ducaten, den Befehl rückgängig zu machen, und sie mußten sich gefallen lassen, die Einwanderer aufzunehmen17.

Die griechischen Inseln Corfu, Candia und andere füllten sich mit den unglücklichen spanischen Juden, welche sich theils dahin geschleppt hatten, theils als Sklaven dahin verkauft worden waren. Die meisten Gemeinden hatten Mitleid mit ihnen und waren bedacht, sie zu verpflegen oder gar loszukaufen. Sie machten die größten Anstrengungen, um die Gelder herbeizuschaffen, und verkauften den Synagogenzierrath, um ihre Brüder nicht in Noth oder Sklaverei zu lassen. Perser, welche gerade auf der Insel Corfu anwesend waren, kauften spanische Vertriebene, um von den Juden ihres Landes ein hohes Lösegeld zu erzielen18. Elkana Kapsali, Vorsteher (Condestable) der Candianer Gemeinde, war unermüdlich, Gelder zum Bedarf der spanischen Juden aufzutreiben. Am glücklichsten waren Diejenigen, welche die Grenze der Türkei erreichen konnten. Denn der türkische Sultan Bajasid II. erwies sich nicht nur als der am menschlichsten fühlende Monarch gegen die Juden, sondern auch als der einsichtsvollste und klügste. Er verstand es besser als die christlichen Fürsten, welche verborgenen Reichthümer die verarmten Juden Spaniens mitbrachten, nicht in den Verschlingungen ihrer Eingeweide, sondern in den Falten ihres Gehirns, und er wollte sie für den Wohlstand seines Landes ausnutzen. Bajasid erließ einen Befehl durch die europäischen Provinzen seines Reiches, die gehetzten Juden nicht von der türkischen Grenze zurückzuweisen, sondern sie aufs freundlichste und mildeste aufzunehmen. Er verhängte Todesstrafe über Diejenigen, welche sie hart anfahren oder bedrücken sollten. Der Großrabbiner Mose Kapsali, der ihn vielleicht so günstig gestimmt hatte, war unermüdlich thätig, die jüdisch-spanischen Unglücklichen, welche als Bettler oder Sklaven nach der Türkei gekommen waren, aufs kräftigste zu unterstützen. Er reiste in den Gemeinden umher und legte den begüterten Mitgliedern eine Almosensteuer auf »zur Auslösung der spanischen Gefangenen«. Er brauchte auch nicht viel Zwang anzuwenden; denn die türkischen Juden steuerten gern bei, den Opfern des christlichen Fanatismus aufzuhelfen. So ließen sich Tausende von spanischen Juden in der Türkei nieder19, und ehe ein Menschenalter verging, hatten sie die Führerschaft unter den türkischen Juden erreicht und die Türkei gewissermaßen in ein morgenländisches Spanien umgewandelt.

Anfangs schien auch den nach Portugal eingewanderten spanischen Juden ein glückliches Loos zu winken. Dem greisen Rabbiner, Isaak [365] Aboab, welcher nach Portugal mit einem Comité von dreißig Personen gereist war, um von dem König João II. die Erlaubniß zur Ansiedelung oder zum Durchzuge zu erwirken, war es gelungen, ziemlich günstige Bedingungen für sie zu erlangen. Denn viele Auswanderer zogen es vor, einstweilen einen Ruhepunkt im Nachbarlande zu finden, weil sie sich mit der Hoffnung schmeichelten, daß ihre Unentbehrlichkeit für Spanien nach ihrem Abzuge erst recht ans Licht treten, dem verblendeten Königspaare die Augen öffnen und es veranlassen würde, das Verbannungsdekret zu widerrufen und die Verbannten wieder aufzunehmen. Im schlimmsten Falle, so dachten die Ausgewiesenen, würden sie von Portugal aus sich eher umsehen können, wohin sie sich wenden sollten, und würden Schiffe finden, die sie ohne Ungemach nach Afrika oder Italien setzen würden. Als die spanischen Deputirten den Antrag an den König João II. stellten, sie für immer oder zeitweise für Geld in Portugal aufzunehmen, ging der König mit den Granden des Reiches darüber zu Rathe, ließ aber gleich den Wunsch durchblicken, den Verbannten für Geld die Aufnahme zu gestatten. Einige Räthe sprachen sich aus Mitleid mit den unglücklichen Juden oder aus Liebedienerei gegen den König günstig dafür aus; Andere oder die Meisten derselben waren aus Judenhaß oder aus Ehrgefühl entschieden dagegen. Der König überwand aber alle Bedenklichkeiten, weil er durch das Einzugsgeld von den Einwanderern große Summen zu erlangen hoffte, um damit den beabsichtigten afrikanischen Krieg nachdrücklich führen zu können20. Es war Anfangs davon die Rede, daß die spanischen Verbannten die Erlaubniß zum dauernden Aufenthalte in Portugal erhalten sollten21. Aber diese Begünstigung schien den portugiesischen Juden selbst äußerst bedenklich, weil dadurch die Zahl der Juden im Mißverhältniß zu dem kleinen Lande einen bedeutenden Zuwachs erhalten, die meist verarmten Einwanderer den portugiesischen Gemeinden zur Last fallen und den König, der ohnehin nicht sehr menschenfreundlich und noch dazu judenfeindlich war, feindselig gegen die portugiesische Gesammtjudenheit stimmen würden. Die jüdisch-portugiesischen Notabeln hielten daher Berathung darüber, und manche lieblose Stimme ließ sich vernehmen, daß sie selbst Schritte thun müßten, die Aufnahme der spanischen Verbannten zu hintertreiben. Ein edler Greis Joseph aus der Familie Ibn-Jachja sprach zwar mit dem wärmsten Gefühle für [366] die unglücklichen Brüder; aber seine Stimme wurde übertönt. Von ihrer Ansiedelung war indeß keine Rede mehr, sondern lediglich von der Erlaubniß zum kurzen Aufenthalte, um von Portugal aus die Weiterreise anzutreten. Den dreißig Delegirten unter Aboab, welche gewiß die hervorragendsten der spanischen Gemeinden waren, wies der König Wohnungen in Oporto an. Diese, welche mit dem Hofe unterhandelt hatten, hatten unter diesen Umständen sehr günstige Bedingungen erlangt. Wie immer wurden die Reichen besonders berücksichtigt. Sechshundert derselben ersten Ranges erhielten die Erlaubniß zu dauernder Ansiedelung; dafür mußte jeder von ihnen hundert Gold-Krusados Einzugsgeld zahlen, was die erkleckliche Summe von 60000 Krusados (etwa 200000 Mark) ergab, viel für die damalige Zeit, als das Gold – vor Ausbeutung der amerikanischen Goldquellen – noch einen hohen Werth hatte. Auch Handwerker, besonders Metallarbeiter und Waffenschmiede, welche Portugal ebenso nöthig hatte, wie Gold, sollten dauernd im Lande bleiben, aber doch vier Krusados Einzugsgeld leisten. Die große Menge aber sollte nur acht Monate im Lande bleiben und dafür acht Krusados erlegen22. Jedoch machte sich der König anheischig, für Schiffe zu billigen Fahrpreisen zu sorgen, welche sie nach einem anderen Lande hinübersetzen sollten. Diejenigen, welche über diese Frist hinaus in Portugal betroffen würden oder keinen Zahlungsschein vorzuzeigen vermöchten, sollten der Knechtschaft verfallen.

Mit Genehmigung dieser Bedingungen ging eine große Menge [367] spanischer Juden – man schätzte sie auf 20000 Familien oder 120000 Seelen23 – über die portugiesische Grenze. Der König wies den Einwanderern bestimmte Städte zum vorläufigen Aufenthalte an, wofür sie noch an die Bürger eine Steuer zu zahlen hatten. Isaak Aboab, der gefeierte Meister so vieler Jünger, welche später in Afrika, Aegypten und Palästina Rabbinatssitze einnahmen, starb noch in Frieden in Oporto; sein Schüler, der als Geograph Astronom und Chronist berühmt gewordene Abraham Zacuto, hielt ihm die Leichenrede (Ende 149224). Nur wenigen seiner Leidensgenossen ist ein ruhiger Tod beschieden gewesen.

Der König João II., der sich überhaupt nie von Gefühlen, sondern immer nur von Nützlichkeitsgründen leiten ließ, hatte, wie angegeben, nur aus Interesse einige Duldung gewährt. Er war kein besonderer Gönner der Juden im Ganzen und auch nicht der Einzelnen, obwohl er einige derselben für sich benutzte. Als gleich nach seiner Thronbesteigung die Cortes von Evora sich über die reiche Kleidung und ritterlichen Manieren vieler Juden (und Mauren) beklagten und eine Kleiderordnung für sie eingeführt wünschten, verbot er den Juden, seidene Kleider zu tragen, schrieb ihnen wollene [368] und das Tragen eines Abzeichens vor (ein Stern auf der Brust25). Dagegen war er einsichtsvoll genug, eine unsinnige Klage der Cortes zurückzuweisen: daß in Folge eines Gesetzes jüdische Handwerker in den Häusern der Landleute Arbeit suchen dürften, demgemäß christliche Frauen und Mädchen in Abwesenheit der auf dem Felde beschäftigten Männer der Verführung ausgesetzt wären.

Die fieberhafte Unruhe, ungekannte Länder zu entdecken, und mit ihnen in Handelsverbindung zu treten, wovon das kleine Portugal damals befallen war, gab zweien Wissenschaften einen praktischen Werth, die bis dahin nur als eine Art Liebhaberei für Müßiggänger galten – der Astronomie und Mathematik. Diese waren aber gerade Lieblingsfächer gebildeter Juden auf der pyrenäischen Halbinsel. Wenn Indien – das Land des Goldes und der Gewürze, auf welches die Portugiesen mit krampfhafter Sehnsucht gespannt waren – aufgefunden werden sollte, mußte die bisherige Küstenschifffahrt, welche langsam und gefahrvoll war, aufgegeben und der Weg auf der hohen See eingehalten werden. Aber dann liefen die Schiffe Gefahr, die Richtung zu verlieren und sich in der grenzenlosen Wasserwüste zu verirren. Die Entdeckungsschiffer sahen sich daher nach astronomischen Tafeln um, welche ihnen feste Punkte zeigen sollten, nach Sonnen- und Sternenhöhen zu schiffen. In diesem Fache waren aber gerade spanische Juden Meister gewesen. Ein Vorbeter von Toledo, Isaak (Zag) Ibn-Said, hatte im dreizehnten Jahrhundert Sterntafeln, unter dem Namen alfonsinische Tafeln bekannt (VII2. 126), angelegt, die auch von den Fachmännern in Deutschland, Frankreich, England und Italien angenommen und nur geringfügig geändert worden waren26.

Als nun João II. von Portugal Schiffe zur Entdeckung Indiens auf dem atlantischen Meere längs der afrikanischen Seeküste aussenden wollte, ließ er eine Art astronomischen Congreß zusammentreten, welcher brauchbare und praktische Sterntafeln ausarbeiten sollte. In diesem Congreß saßen neben dem berühmten deutschen Astronomen Martin von Behaim, einem Schüler des frühreifen Regiomontanus, und neben dem christlichen Leibarzte des Königs Rodrigo, auch ein Jude, [369] der königliche Leibarzt Joseph (José Vecinho oder de Viseu27). Der Letztere legte den immerwährenden astronomischen Kalender oder die Tafeln der sieben Planeten zu Grunde, welche der genannte Abraham Zacuto für einen Bischof von Salamanca früher ausgearbeitet und demselben gewidmet hatte. Joseph Vecinho hat auch das Instrument zur Messung der Sternhöhe, das so unentbehrlich für die Schifffahrt war (nautisches Astrolabium), in Verbindung mit christlichen Fachmännern, verbessert. Dadurch war es erst Vasco de Gama möglich geworden, den Seeweg nach Indien um das Vorgebirge [370] der guten Hoffnung zu finden, und vielleicht auch Columbus, einen unbekannten Erdtheil zu entdecken. Wie es so oft ging: Juden haben ihren Geist angestrengt, und Christen haben den Ruhm davon geerntet. Als zur selben Zeit Christoph Columbus dem König João den Antrag machte, ihm Schiffe anzuvertrauen, um in der Richtung nach Westen nach Indien zu gelangen, legte der König dessen Plan dem Bischof von Ceuta und seinen Leibärzten, dem christlichen Rodrigo und dem jüdischen Joseph Vecinho, zur Prüfung vor28, und diese entschieden sich einstimmig, daß Columbus' Voraussetzung, westwärts nach Indien zu kommen, auf einer Einbildung von der Nähe der Insel Cipango (Japan) beruhe. Sie hatten allerdings zum Theil Recht. Denn die Entdeckung eines Theils von Amerika oder Westindien durch Columbus war ein Zufall, auf welchen der Unternehmer selbst nicht gerechnet hatte, oder vielmehr, welcher ihn lange im Wahne ließ, es sei ein Theil von Ostindien. Man kann fast sagen, daß Columbus über Amerika stolperte. Auch die Länderkunde und die Gewandtheit zweier Juden, des Rabbi Abraham de Beja und Joseph Zapateiro de Lamego, benutzte der König João II., schickte sie nach Asien, um an seine Auskundschafter, welche nach dem fabelhaften Lande des Priesters Johann gehen sollten, Mittheilungen zu bringen und von ihnen zu empfangen29. Einige Glieder der berühmten Familie Ibn-Jachja (Negro) verkehrten ebenfalls an dessen Hofe30.

Obwohl also der König João II. kenntnißreiche und gewandte Juden zu seinem Zwecke verwendete, hatte er doch kein Herz für den jüdischen Stamm; er war ihm vielmehr gleichgiltig oder gar widerwärtig, sobald er ihm oder seinem bigotten Sinne im Wege war. In demselben Jahre, in dem er Joseph Zapateiro und Abraham de Beja nach Asien wegen Erkundigungen aussandte, ernannte er auf Antrag des Papstes Innocenz VIII. eine Inquisitionskommission gegen [371] die aus Spanien nach Portugal geflüchteten Marranen und ließ diejenigen, welche dem Judenthume mehr oder weniger anhänglich waren, ebenso wie Fernando und Isabella in Spanien, zum Feuertode oder zum ewigen Kerker verurtheilen. Als einige Marranen nach Afrika hinübergeschifft waren und dort sich frei zum Judenthume bekannt hatten, erließ er ein Verbot bei Todesstrafe und Vermögenseinziehung gegen die Auswanderung von getauften Juden oder Neuchristen zur See31. In dieser Zeit starb wohl Juda Ibn-Verga als Märtyrer in Lissabon, weil er die judaisirenden Marranen nicht angeben mochte (o. S. 322). An dem Hauche dieses harten, herzlosen Monarchen hing das Leben oder der Tod von Hunderttausenden der jüdisch-spanischen Verbannten.

Auch gegen diese Unglücklichen in Portugal verschworen sich nicht blos die bösen Menschen, sondern auch die Natur. Gleich bei ihrer Ankunft in Portugal wüthete unter ihnen eine bösartige Seuche und raffte Tausende hin. Die portugiesische Bevölkerung, welche ebenfalls durch die Pest litt, glaubte, die Juden hätten sie eingeschleppt. Und in der That mögen die Verzweiflung, die drückende Hitze zur Zeit der Auswanderung, Mangel und Elend aller Art verheerende Krankheiten unter ihnen erzeugt haben. Ein großer Theil der spanischen Auswanderer erlag auch in Portugal der Seuche32. Die Bevölkerung murrte daher gegen den König, daß er die verwünschten Juden, an deren Fersen sich die Pest geheftet, in's Land gebracht hatte, und Don João hielt daher strenger auf die Erfüllung der Bedingung, als er sonst gethan haben würde, daß die Uebriggebliebenen Portugal binnen acht Monaten verlassen sollten. Anfangs stellte er ihnen laut Vertrags Schiffe zu billigem Fahrpreise zur Verfügung und befahl den Schiffskapitänen, sie mit Menschlichkeit zu behandeln und sie nach den Plätzen zu führen, welche die Juden angeben würden. Aber diese, meistens von Judenhaß und Gewinnsucht geleitet, kehrten sich, einmal auf der See, wenig an des Königs Befehl, da sie wegen ihrer begangenen Unmenschlichkeit keine Kläger zu fürchten hatten. Sie forderten mehr Geld als ursprünglich bedungen war und erpreßten es den Hilflosen, oder sie führten sie so lange auf der Wasserfläche [372] umher, bis den Unglücklichen der Mundvorrath ausgegangen war. Dann verlangten sie für die Lieferung von Lebensmitteln große Summen, so daß die Unglücklichen zuletzt ihre Kleider um Brod hingeben mußten, und fast nackt an irgend einem Hafenplatz ausgesetzt wurden. Frauen und Mädchen schändeten sie in Gegenwart der Männer und Eltern und machten den christlichen Namen zur Schmach33. Oft setzten die Unmenschen die Unglücklichen an einen öden Punkt Afrika's aus und überließen sie dem Hunger, der Verzweiflung oder der Wuth barbarischer Mauren, die den Rest zu Gefangenen machten34.

Die Leiden der auf Schiffen aus Portugal Ausgewanderten erzählt ein Augenzeuge, der Kabbalist Juda b. Jakob Chajjat35 (aus einer edlen und wohlhabenden Familie). Das Schiff, auf dem sich er, seine Frau und noch zweihundertfünfzig Leidensgenossen jedes Alters und Geschlechtes befanden, lief im Winter (Anfangs 1493) vom Hafen von Lissabon aus und irrte vier Monate auf den Wellen umher, weil kein Hafen sie wegen der Pest aufnehmen wollte. Natürlich wurden die Lebensmittel auf dem Schiffe knapp. Das Schiff wurde noch dazu von biskayischen Seefahrern gekapert, geplündert und in den spanischen Hafen von Malaga geschleppt. Hier wurde ihnen weder gestattet, an's Land zu steigen, noch abzusegeln, noch wurden ihnen Lebensmittel geliefert. Die Geistlichen und Behörden der Stadt wollten sie durch Hungerqual für die Christuslehre geneigt machen. Es gelang ihnen auch wirklich, hundert Personen mit ausgemergelter Gestalt und hohlen Augen zu werben. Die Uebrigen aber blieben standhaft im Glauben, und fünfzig von ihnen, Greise, Jünglinge, Jungfrauen, Kinder, erlagen dem nagenden Hunger; darunter auch Chajjat's Frau. Erst dann [373] regte sich einiges Mitleid im Herzen der Malagesen und sie lieferten ihnen Brod und Wasser. Als die Ueberbleibsel nach zwei Monaten die Erlaubniß erhielten, nach der afrikanischen Küste abzusegeln, traf sie bitteres Leid in anderer Gestalt. Wegen der Pest wurden sie in keine Stadt gelassen und waren auf das Gras des Feldes angewiesen. Chajjat selbst wurde von einem boshaften Mohammedaner – der, früher sein Stadtgenosse, ebenfalls aus Spanien ausgewiesen war – im Staate Fez bei den Mauren irgend eines Verbrechens beschuldigt, in einen grausigen Kerker von Schlangen und Molchen geworfen, zum Uebertritt zum Islam unter verlockenden Bedingungen aufgefordert und im Weigerungsfalle mit dem Tode durch Steinigung bedroht. Alle diese gehäuften, aufreibenden Leiden machten ihn aber auch nicht einen Augenblick in seiner religiösen Ueberzeugung wankend. Endlich wurde er von den Juden eines kleinen Städtchens ausgelöst und nach Fez gebracht. Dort aber herrschte eine so große Hungersnoth, daß Chajjat gezwungen war, für ein Stück Brod, das auch für Hunde zu schlecht gewesen wäre, täglich mit seinen Armen eine Mühle zu drehen. Nachts nahmen er und seine Leidensgenossen, die nach Fez verschlagen waren, das Lager im Aschenhaufen der Stadt.

So sehr auch die portugiesischen Schiffsleute die von ihnen an den Juden begangenen Unmenschlichkeiten zu verheimlichen suchten, so kamen sie doch an's Tageslicht und schreckten die noch Zurückgebliebenen zurück, sich und die Ihrigen auf Schiffe zu begeben und auszuwandern. Die Armen vermochten auch nicht das Geld für Schiffslohn und Zehrung zu erschwingen. Sie verschoben daher die Abreise von Tag zu Tag und wiegten sich in die Hoffnung, der König werde Gnade vor Recht ergehen lassen und sie in Portugal dulden. Allein Don João war nicht ein König, dessen Herz vom Strahl der Gnade und des Mitleids erwärmt war. Er behauptete, daß eine größere Zahl als bedungen war, in Portugal eingewandert wäre, und bestand darauf, daß der Vertrag pünktlich erfüllt werde. Diejenigen, welche nach Ablauf der acht Monate zurückgeblieben waren, wurden richtig zu Sklaven gemacht und an diejenigen Edelleute verschenkt oder verkauft, welche sich diesen oder jenen Juden ausgewählt hatten (149336).

Der König João II. ging aber noch weiter in der Grausamkeit gegen die unglücklichen spanischen Juden Den der Sklaverei verfallenen Eltern ließ er die Kinder von drei bis zehn Jahren entreißen und auf Schiffe schaffen, um sie nach den neuentdeckten San-Thomas- oder Schlangen- oder Verlorenen Inseln (Ilhas perdidas) [374] bringen, um sie dort im Christenthum erziehen zu lassen37. Das Wehegeschrei der trostlosen Mütter, das Gewinsel der Kinder, die Wuth der Väter, die sich vor Schmerz das Haar ausrauften, nichts vermochte den herzlosen Despoten zu bewegen, sein Edikt zu widerrufen. Die Mütter flehten, ihre Kinder begleiten zu dürfen. Eine Mutter, welcher die Schergen sieben Kinder geraubt hatten, warf sich dem Könige zu Füßen bei seinem Austritt aus der Kirche und flehte, ihr wenigstens das jüngste zu lassen. Don João ließ sie fortdrängen und wehklagen, »wie eine Hündin, der man die Jungen entzieht«. Was Wunder, wenn manche Mutter sich mit ihren Kindern in's Meer stürzte, um in den Wellen bei ihren Lieblingen zu bleiben. Die Inseln San-Thomas, wohin die Kleinen geschleppt wurden, waren von Eidechsen, giftigen Schlangen und Verbrechern bewohnt, welche letztere zur Strafe aus Portugal dahin transportirt worden waren. Die meisten jüdischen Kinder kamen auf der Reise dahin um oder wurden ein Fraß der wilden Bestien. Von den Ueberlebenden heiratheten später Brüder und Schwestern in Unwissenheit einander und bauten die fruchtbare Insel an38. Vielleicht war des Königs verdüstertes, erbittertes Gemüth seit dem Tode seines einzigen legitimen Sohnes Schuld an seiner Unmenschlichkeit gegen die Juden. Sein jüdischer Günstling, Joseph Ibn-Jachja, verließ in dieser Zeit 1494 Portugal mit mehreren Familiengliedern, weil er schlimme Zeiten befürchtete, oder weil ihn der König zum Christenthum zwingen wollte. Er wanderte nach Pisa aus39.

Nachdem João II. freudenlos in's Grab sank (Ende Oct. 1495), schien unter seinem Nachfolger, seinem Vetter Manoel, der ein Gegenstück zu ihm bildete, freundlich, milde und ein Liebhaber der Wissenschaften war, den Juden Portugals und dem Rest der spanischen Verbannten ein freundlicher Stern zu leuchten. Manoel, welcher die Verurtheilung der spanischen Juden zur Sklaverei nicht gebilligt haben mochte, und belehrt, daß sie nur gezwungener Weise und aus Angst vor tausendfachem Tode über die Frist zurückgeblieben waren, schenkte Allen, welche in Sklaverei waren, die Freiheit. Das Gold, welches die Freudetrunkenen ihm dafür anboten, wies er zurück40. [375] Freilich hatte er dabei den Hintergedanken, wie sein Biograph, der Bischof Osorius, berichtet, die Juden durch Milde für den Uebertritt zum Christenthum zu gewinnen. Den jüdischen Mathematiker und Astronomen Abraham Zacuto, welcher aus Nordspanien (wo er seine Lieblingswissenschaften selbst Christen gelehrt hatte) nach Lissabon ausgewandert und zurückgeblieben war, stellte Manoel als seinen Hofastrologen an41. Dieser König gab nämlich viel auf Sterndeuterei, befragte diese trügerische Kunst beim Absegeln der Schiffe zu Entdeckungsreisen über deren Erfolg und hatte auch zwei christliche Astrologen nach einander, Diego Mendez Vecinho und Thomas de Torres42. Indessen diente ihm Zacuto nicht blos mit der Deutung der Constellation. Er hatte, obwohl ein nüchterner, beschränkter, im Aberglauben seiner Zeit befangener Mann, gediegene Kenntnisse in der Astronomie, verfaßte ein Werk darüber (außer seinen astronomischen Tafeln) und gab für die Schifffahrt die Anfertigung eines genauen Instrumentes aus Metall zur Messung der Sternhöhe an statt des bis dahin aus unzuverlässigem Holze gebrauchten43. Manoel liebte auch die Rückschau in die Vergangenheit, beschäftigte sich gern mit Chroniken und stellte daher Zacuto als seinen Chronographen an44, da dieser in Geschichtswerken sehr eingelesen war; freilich die geistige Bewegung in der Geschichte ahnte Zacuto nicht.

Unter dem König Don Manoel, unter dem Portugal um Indien und einen Theil von Amerika erweitert wurde, konnten die Juden ein wenig aufathmen. Wie es scheint, erließ er gleich nach seiner Thronbesteigung einen Befehl, daß die Anschuldigungen gegen Juden wegen Kindermordes nicht von den Gerichten angenommen werden sollten, da sie auf böswilliger, lügenhafter Erfindung beruhen; er gestattete den fanatischen Prediger-Mönchen nicht, gegen sie zu züngeln. Als einst ein solcher eine Kapuzinade gegen sie angekündigt und die dem Hofe nahestehenden Juden den König um Schutz angefleht hatten, soll er ihnen geantwortet haben: »Euch erschreckt in der That ein rauschendes Blatt, wie euch der Prophet voraus verkündet hat. Was fürchtet [376] ihr, da ihr meines Schutzes gewiß seid?«45. Das Wort des Königs war aber keineswegs ein wirksamer Talisman gegen die Bosheit der Judenfeinde. Leicht wäre es in Portugal selbst zu einer Blutanklage gekommen, wenn sie nicht die Gewandtheit einer Jüdin vereitelt hätte. In ihr Haus hatte nämlich ein Christ, der das Kind einer Nachbarin in der Aufwallung erschlagen hatte, die Kindesleiche geworfen und noch dazu die Schergen hineingeführt, bei ihr Haussuchung zu halten. Die Jüdin band die Leiche an ihren Leib und stellte sich an, als wenn sie in Kindesnöthen wäre. Die Haussuchung ergab daher nichts. Später kam der Mord des Christen an dem Kinde an den Tag, der Mörder selbst machte Geständnisse, und die Jüdin, befragt, was aus der Kindesleiche geworden, leugnete Anfangs ihr Manöver, gestand aber zuletzt, als sie über die Folgen beruhigt wurde, ihre List ein. Der König Manoel bewunderte ihre Klugheit46.

Kurz, sehr kurz war indeß der Glücksschimmer der Juden unter Manoel; die finstere Bigotterie des spanischen Hofes verwandelte ihn in schauerliches Düster. Sobald der junge König von Portugal den Thron bestiegen hatte, war das spanische Königspaar darauf bedacht, eine Heirathsverbindung mit ihm einzuleiten, um an dem feindlichen Nachbar einen Freund und Bundesgenossen zu haben. Es ließ ihm die jüngere Tochter, Johanna, die wegen ihrer Eifersucht und ihres wahnsinnigen Benehmens berühmt gewordene Fürstin, antragen. Manoel ging gerne auf diese Verbindung ein, hatte aber ein Auge auf die ältere Schwester Isabella II., welche früher mit dem Infanten von Portugal verheirathet und bald darauf Wittwe geworden war. Isabella hatte zwar eine entschiedene Abneigung gegen eine zweite Ehe; aber ihr Beichtvater wußte sie zu überreden und gab ihr [377] zu verstehen, wie sie dadurch die Verherrlichung des christlichen Glaubens fördern könnte. Der spanische Hof hatte es nämlich mit Verdruß gesehen, daß der portugiesische König die jüdischen und mohammedanischen Flüchtlinge aufgenommen hatte. Die freundliche Behandlung derselben von Seiten des Königs Manoel war ihm nun gar ein Dorn im Auge. Fernando und Isabella dachten nun durch das Eingehen auf den Wunsch des portugiesischen Königs weit eher zum Ziele zu gelangen. Sie sagten ihm daher die Hand ihrer ältesten Tochter unter der Bedingung zu, daß er sich mit Spanien gegen den König von Frankreich, Karl VII., verbinden (der damals Eroberungszüge in Italien machte), und daß Manoel die Juden aus Portugal verjagen sollte, sowohl die eingeborenen, wie die aus Spanien eingewanderten47. Beide Bedingungen waren dem König Manoel sehr unangenehm. Denn mit Frankreich stand er in guten Beziehungen, und von den Juden zog er bedeutenden Nutzen durch ihr Geld, ihre Rührigkeit, ihre Gewandtheit und ihre Kenntnisse. Er ging daher mit seinen vertrauten Granden über diese für den Staat wichtige Judenfrage zu Rathe. Die Meinungen waren aber darüber getheilt. Die Einen machten geltend: es sei gegen das Interesse des Landes, die Juden auszuweisen und ganz besonders sei es gegen das königliche Wort, das er bei seiner Thronbesteigung ihnen gegeben. Dieselben judenfreundlichen Räthe führten auch zu Gunsten derselben an, daß nicht nur italienische, deutsche und ungarische Fürsten die Juden in ihren Staaten duldeten, sondern auch der Papst. Sind die Juden verderbt, so sei es nicht christlich, sie andern christlichen Staaten zuzuweisen und gewissermaßen ein Uebel Andern zuzuschleudern. Es sei vorauszusehen, daß die ausgewiesenen Juden sich in mohammedanischen Ländern, in Afrika und der Türkei, ansiedeln und dorthin ihr Vermögen und ihre Kenntnisse führen würden. Und endlich machten diese geltend, so lange sie in einem christlichen Staate weilten, sei Hoffnung vorhanden, sie zum christlichen Glauben hinüberzuziehen. Die Judenfeinde brachten ihrerseits Gründe [378] für die Verbannung der Juden vor, und der Haß ist stets logischer und beredter als die Milde. Die Juden seien früher aus Frankreich und gegenwärtig aus einigen Gegenden Deutschlands, sowie aus Castilien und Aragonien vertrieben worden, weil ihr Verkehr mit den Christen zum Schaden des Glaubens ausschlage, und weil sie den Einfältigen ihre Irrthümer beibrächten. Es sei zu befürchten, da sie Feinde des christlichen Namens seien, daß sie die Staatsgeheimnisse den Gegnern Portugals verrathen würden. Der Vortheil, den die Krone von dem Reichthum der Juden ziehe, werde bedeutend durch den Nachtheil überwogen, daß nach und nach alles Eigenthum durch List und Gewandtheit in ihre Hände gerathen würde48.

Indessen blieb Manoel noch einige Zeit schwankend, weil seine edle Natur sich gegen diese Härte und Wortbrüchigkeit sträubte. Den Ausschlag gab erst die Infantin Isabella. Sie hegte einen fanatischen, fast persönlichen Haß gegen die Juden49, war im Wahne – oder ließ es sich von den Geistlichen einreden – daß das Unglück, welches über den König João II. in seinen letzten Tagen hereingebrochen war, durch die Aufnahme der Juden herbeigeführt worden sei, und sie, an der Brust des Aberglaubens genährt, fürchtete auch für ihre Ehe mit Manoel ein Unglück, wenn die Juden ferner in Portugal geduldet blieben. Welch' eine bodenlose Lieblosigkeit in dem Herzen einer jungen Frau! Für den König Manoel trat dadurch ein unversöhnlicher Widerstreit der Gefühle und Gedanken ein. Die Ehre, das Staatsinteresse und die Menschlichkeit geboten, die Juden nicht zu ächten und hilflos zu verstoßen; aber die Hand der spanischen Infantin und die Hoffnung auf den Besitz der spanischen Krone waren nur durch das Elend der Juden zu gewinnen. Die Liebe neigte das Zünglein in der Wage zu Gunsten des Hasses. Als der König seine Braut an der Grenze erwartete, erhielt er ein Schreiben von ihr, daß sie nicht eher in Portugal eintreffen werde, bis das Land von den »fluchbeladenen« Juden gesäubert sein werde50.

Der Heirathsvertrag zwischen Don Manoel und der spanischen Infantin Isabella wurde also mit dem Elend der Juden besiegelt. Am 30. November 1496 war er unterzeichnet, und schon am 25. des folgenden Monats erließ der König einen Befehl, daß sämmtliche Juden seines Königreiches die Taufe empfangen oder das Land [379] innerhalb einer Zeitfrist bei Todesstrafe verlassen sollten51. Um sein Gewissen zu beschwichtigen, verfuhr der König Anfangs milde gegen diejenigen, welche sein Edikt in grenzenloses Elend treiben sollte. Er dehnte die Frist zur Auswanderung lange genug aus, bis zum Oktober des nächstfolgenden Jahres, so daß ihnen Zeit bliebe, Vorkehrungen zu treffen; er bestimmte ferner drei Hafenplätze für ihren freien Auszug (Lissabon, Oporto und Setubal). Daß er die Juden durch Verheißungen von Ehren und Vortheilen zum Christenthume zu locken suchte, lag so sehr in der verkehrten Ansicht der Zeit, daß er nicht dafür verantwortlich gemacht werden kann. Dennoch ließen sich Anfangs nur wenige für die Taufe gewinnen.

Aber gerade das milde Verfahren Manoel's schlug zum größern Verderben der Juden aus. Da sie Zeit hatten, sich zur Auswanderung vorzubereiten, und es ihnen nicht verwehrt war, Gold und Silber mitzunehmen, so glaubten Viele, sich nicht beeilen zu müssen und ihre Abreise aufschieben zu dürfen. Vielleicht änderte sich gar der Sinn des Königs. Sie hatten Freunde bei Hofe, welche zu ihren Gunsten wirkten. Ohnehin waren die Wintermonate nicht geeignet, sich dem Meere anzuvertrauen. Die Meisten von ihnen warteten also das Frühjahr ab. Inzwischen änderte sich allerdings der Sinn des Königs Manoel, aber nur zu ihrem grausigen Elende. Es verdroß ihn nämlich, daß so wenige Juden sich zur Annahme des Christenthums entschlossen hatten. Er sah sie nicht gerne mit ihren Reichthümern und ihrer Brauchbarkeit abziehen, und sann darauf, sie im Lande, freilich als Christen, behalten zu können. Nur der erste Schritt kostete ihm Ueberwindung, der zweite wurde ihm schon leicht.

Im Staatsrathe regte er die Frage wieder an, ob die Juden mit Gewalt zur Taufe gebracht werden dürften. Zur Ehre der portugiesischen Geistlichkeit muß es gesagt werden, daß dieselbe sich entschieden gegen die gewaltsame Taufe ausgesprochen hat. Der Bischof Fernando Coutinho von Algarvien führte kirchliche Autoritäten und päpstliche Bullen an, daß die Juden nicht zur Annahme des Christenthums gezwungen werden dürften, weil dieses ein freies und [380] nicht ein gezwungenes Bekenntnis erheische52. Manoel war aber so sehr darauf versessen, die fleißigen Juden zu behalten, daß er ausdrücklich erklärte: er kümmere sich nicht um die bestehenden Gesetze und Autoritäten und werde nach seiner Eingebung handeln. Auf den Rath eines gewissenlosen Apostaten, Levi Ben-Schem-Tob, verbot er zuerst den Juden gottesdienstliche Versammlungen, ließ sämmtliche Synagogen und Lehrhäuser sperren und bedrohte die Uebertreter mit harter Strafe53. Die Zeit des Kaisers Hadrian sollte sich für die Juden in Portugal wiederholen. Als auch dieses Mittel nicht zum Ziele führte, erließ er – ebenfalls auf Anrathen desselben Levi54 – (Anfangs April 1497) einen geheimen Befehl, daß sämmtliche jüdische Kinder, Knaben wie Mädchen, bis zum vierzehnten Jahre im ganzen Lande am Ostersonntag den Eltern mit Gewalt entrissen und zum Taufbecken geschleppt werden sollten. Trotz der Heimlichkeit, mit der die Vorbereitungen dazu betrieben wurden, erfuhren es doch einige Juden und trafen Anstalten, sich und ihre Kinder durch rasche Auswanderung von der »Befleckung durch die Taufe« zu retten. Als Manoel Wind davon erhielt, ertheilte er den Befehl, die gewaltsame Taufe der Kinder sofort auszuführen. Herzzerreißende Scenen kamen bei dieser Gelegenheit in den Städten, wo Juden wohnten, vor, als die Schergen die Kinder in die Kirche schleppen wollten. Die Eltern umklammerten ihre Lieben, und diese hielten krampfhaft an jenen fest; mit Peitschenhieben und Schlägen wurden sie von einander gerissen. In der Verzweiflung, von ihren Kindern auf ewig getrennt zu werden, erdrückten manche Eltern ihre Kinder in der Umarmung oder warfen sie in Brunnen und Flüsse und legten dann Hand an ihr eigenes Leben. »Ich habe es gesehen«, erzählt der Bischof Coutinho, »wie Viele [381] an den Haaren zum Taufbecken geschleift wurden, und wie die Väter in Trauer mit verhülltem Haupte und mit Schmerzensschrei ihre Kinder begleiteten und am Altar gegen diese unmenschliche Gewalttaufe protestirten. Ich habe noch anderes unaussprechlich Grausiges gesehen, das ihnen zugefügt wurde«55. Christen selbst wurden von dem Jammergeschrei und den Thränen der jüdischen Väter, Mütter und Kinder zu Mitleid und Erbarmen bewegt, und trotz des Verbotes von Seiten des Königs, den Juden Beistand zu leisten, verbargen sie manche Unglückliche in ihren Häusern, um sie wenigstens für den Augenblick zu retten56. Aber das Steinherz des Königs Manoel und seiner jungen Gattin, der Spanierin Isabella II., blieb ungerührt von diesen Jammerscenen. Die getauften Kinder, denen christliche Namen beigelegt wurden, ließ der König in verschiedene Städte vertheilen und christlich erziehen. Entweder in Folge eines heimlichen Befehles oder aus Uebereifer schleppten die Schergen nicht blos Kinder, sondern auch Jünglinge und Mädchen bis zum Alter von zwanzig Jahren zur Taufe.

Viele Juden Portugals mögen wohl bei dieser Gelegenheit zum Christenthum übergegangen sein, um mit ihren Kindern beisammen bleiben zu können. Aber das genügte dem Könige nicht, der sich nicht aus Glaubenseifer, sondern aus politischem Interesse bis zur Herzlosigkeit verhärtet hatte; sämmtliche Juden Portugals sollten mit oder ohne Ueberzeugung – darauf kam es ihm nicht an – Christen werden und im Lande bleiben. Zu diesem Zwecke brach er noch mehr als sein Vorgänger sein gegebenes Versprechen. Als die Frist zur Auswanderung immer näher rückte, befahl er, daß die Juden sich nur in einem einzigen Hafenplatze, in Lissabon einschiffen dürften, während er ihnen früher drei Plätze zugewiesen hatte. So mußten denn alle diejenigen, welche auswandern wollten, in Lissabon zusammenströmen57 – man sagt 20000 Seelen – mit brennendem Schmerz im Herzen, aber bereit, alle Qualen zu erdulden, um nur ihrer Ueberzeugung treu zu bleiben. Was that der Unmensch? Er wies ihnen allerdings in der Hauptstadt Wohnungen an, aber legte ihrer Einschiffung so viele Hindernisse in den Weg, daß die Zeit verstrich, und der Oktober herankam, an dem sie, wenn noch auf portugiesischem Boden betroffen, das Leben oder wenigstens die Freiheit verwirkt haben sollten. Als sie solcher Gestalt seinen Händen preisgegeben waren, ließ er diejenigen, [382] welche noch zurückgeblieben waren, in einen Platz (os Estãos genannt), wie das Vieh in Ställen, einsperren und eröffnete ihnen, daß sie nun seine Sklaven seien, und er nun nach Belieben mit ihnen verfahren dürfte58. Er forderte sie dann auf, sich freiwillig zum Christenthum zu bekennen, dann sollten sie Ehre und Reichthümer erhalten, wo nicht, so würden sie ohne Mitleid mit Gewalt zur Taufe gezwungen werden. Als viele von ihnen dennoch standhaft blieben, verbot er, ihnen drei Tage und drei Nächte Nahrung und Wasser zu reichen, um sie durch Hunger und Durst mürbe zu machen. Auch dieses Mittel verschlug bei den Meisten nicht; sie verschmachteten lieber, als daß sie sich zu einer Religion verstehen sollten, welche solche Vertreter hatte. Darauf ließ Manoel mit Gewalt gegen die Widerstrebenden vorgehen. An Stricken, an Haaren und Bärten wurden sie aus der Pferche zu den Kirchen geschleppt. Um dem zu entgehen, stürzten sich Einige aus den Fenstern und zerschmetterten ihre Glieder, Andere rissen sich los und stürzten sich in Brunnen. In der Kirche selbst tödteten sich einige. Ein Vater breitete seinen Gebetmantel über seine Söhne und brachte sie und zuletzt sich selbst um. Manoel's grausiges Verfahren tritt noch greller hervor, wenn man damit das gegen die Mauren vergleicht. Auch sie mußten Portugal verlassen; aber ihrer Auswanderung wurde kein Hinderniß in den Weg gelegt, aus der Rücksicht, damit es nicht die mohammedanischen Fürsten in Afrika und der Türkei an den unter ihnen wohnenden Christen vergelten sollten59. Weil die Juden keinen Annehmer auf Erden hatten, weil sie schwach und hilflos waren, darum erlaubte sich Manoel – welchen Geschichtsschreiber den Großen nennen – solche unmenschliche Gewaltthätigkeiten gegen sie.

Auf diese Weise sind viele eingeborene portugiesische und eingewanderte spanische Juden zum Christenthume geführt worden, das sie, wie die christlichen Zeitgenossen es selbst mit Beschämung erzählen, [383] offen verachtet haben60. Es befanden sich einige darunter, welche später angesehene rabbinische Autoritäten wurden, wie Levi b. Chabib, später Rabbiner in Jerusalem61. Diejenigen, welche mit ihrem Leben und ihrem Glauben glücklich entkommen waren, betrachteten es als eine besondere, gnadenreiche, wunderbare Fügung Gottes. Isaak b. Joseph Caro, der aus Toledo nach Portugal übergesiedelt war, hatte dort seine erwachsenen wie unmündigen Söhne (»die schön wie Königssöhne waren«) bis auf einen einzigen verloren und dankte seinem Schöpfer für die Gnade, daß er trotz der Gefahren auf dem Meere nach der Türkei gelangen konnte62. Auch Abraham Zacuto schwebte mit seinem Sohne Samuel in Todesgefahr, so sehr er auch, oder weil er Günstling, Astrolog oder Chronikschreiber des Königs Manoel war. Beide waren aber glücklich, die herbe Prüfung bestanden zu haben, entkamen aus Portugal, geriethen zwei Mal in Gefangenschaft und siedelten sich dann in Tunis an63.

Die Aufregung, welche die gewaltsame Bekehrung der Juden in Portugal hervorgerufen hatte, hörte nicht so bald auf. Diejenigen, welche aus Liebe zu ihren Kindern oder aus Todesfurcht, sich die Taufe hatten gefallen lassen, gaben die Hoffnung nicht auf, durch Schritte am päpstlichen Hofe ihre gewaltsame Bekehrung rückgängig machen zu können, zumal es jedermann in Europa bekannt war, daß der Papst Alexander VI. und sein dem Scheusale ähnliches Cardinalcollegium für Geld zu allem zu bewegen waren. Ein Witzwort machte damals durch alle christliche Länder die Runde:


Es verkauft Alexander Himmelsschlüssel, Altar, Christus.

Hat er's doch selbst gekauft, kann's darum auch verfeilschen64.


[384] Rom war ein Schandplatz, eine Astartenherberge, eine Giftbude geworden, wo aber auch Unschuldige ihr Recht für Geld erkaufen konnten. Die portugiesischen Neuchristen schickten daher eine Gesandtschaft von sieben Leidensgenossen, darunter zwei gewandte Männer, Pedro Essecutor und Alemann Eljurado65, an den Papst Alexander. Sie vergaßen natürlich den Beutel mit Geld nicht. Der Papst und das sogenannte heilige Collegium zeigten sich ihnen günstig, namentlich nahm sie der Cardinal von Sancta Anastasia in seinen Schutz. Der spanische Gesandte Garcilaso arbeitete aber im Auftrage des spanischen Königspaares ihnen entgegen. Damals spielte gerade in Rom der Proceß des marranischen Bischofs Pedro de Aranda von Calahorra, dessen Vater von der Inquisition angeklagt war, als Jude gestorben zu sein (o. S. 317). Dieser Bischof, früher in Gunst beim Papste und von ihm zum apostolischen Protonotarius ernannt, war inzwischen in Ungnade gefallen, weil der Papst nach dessen Schätzen lüstern war. Man beschuldigte ihn, vor der Messe Speise zu sich genommen und ein Crucifix, sowie andere Heiligenbilder abgekratzt zu haben. Als der spanische Gesandte den Papst und die Cardinäle geneigt sah, Pedro de Aranda in Gewahrsam zu bringen, bemerkte er, es würde im Publikum heißen, der Papst habe ihn mehr aus Habsucht als aus Glaubenseifer festgenommen, wenn nicht zugleich der Befehl ertheilt würde, die aus Portugal gekommenen Neuchristen zu verhaften, die doch offenbare Ketzer wären. Darauf wurde ebenso Pedro de Aranda wie fünf der portugiesisch-marranischen Gesandtschaft eingekerkert. Die beiden Häupter Pedro und Alemann entwischten aber (20. April 1497). Die Angelegenheit der portugiesischen Juden mußte indessen doch eine günstige Wendung genommen [385] haben; denn der König Manoel entschloß sich zu Zugeständnissen. Er erließ (30. Mai 1497) ein Dekret der Milde. In demselben ertheilte er allen gewaltsam getauften Juden Amnestie und bestimmte eine Frist von zwanzig Jahren, innerhalb welcher sie nicht vor das Inquisitionstribunal wegen Judaisirens gezogen werden sollten, weil sie sich erst ihrer alten Gewohnheiten entledigen und in den katholischen Glauben einleben müßten, wozu eine geraume Zeit erforderlich sei. Ferner bestimmte das Dekret, daß nach Ablauf dieser Frist gegen die des Judaisirens Angeklagten ein regelmäßiges Zeugenverhör angewendet werden, und wenn sie dessen überführt würden, ihre Güter nicht wie in Spanien confiscirt werden, sondern den Erben verbleiben sollten. Endlich verordnete das Dekret, daß diejenigen getauften Aerzte und Chirurgen, welche nicht lateinisch verstünden, sich hebräischer Lehrbücher bedienen dürften66. Es war damit den Zwangschristen bewilligt und gestattet, im Geheimen ohne Furcht vor Strafen als Juden leben zu dürfen und auch ihr Schriftthum zu behalten. [386] Denn wer konnte damals in Portugal ein hebräisches Buch der Medicin von einem andern unterscheiden? Die Talmudbeflissenen konnten daher unter der Maske des Katholicismus nach wie vor ihrem liebgewonnenen Studium obliegen und sie thaten es auch.

Indessen sollte diese Milde nur den portugiesischen Marranen zu Gute kommen, aber nicht denen, welche von auswärts eingewandert waren. Diese Clausel hat Manoel aus Rücksicht auf den spanischen Hof oder vielmehr auf die spanische Infantin Isabella aufgenommen. Denn diese bestand darauf, daß die aus Spanien nach Portugal geflüchteten Marranen dem Moloch der Inquisition ausgeliefert werden sollten. In dem Ehevertrag zwischen dem König von Portugal und dieser fanatischen Isabella wurde ausdrücklich bedungen (August 1497), daß sämmtliche Personen von hebräischem Geschlechte, die, von der Inquisition verurtheilt, Schutz in Portugal suchen sollten, innerhalb eines Monats ausgewiesen werden müßten67.

So waren denn so viele Tausende portugiesischer Juden zum Scheine Christen geworden, aber mit dem festen Entschlusse, jede Gelegenheit wahrzunehmen, um auszuwandern und in einem freien Lande ihre ihnen durch Qualen nur um so theurer gewordene Religion zu bekennen. Ihre Seele war, wie der Dichter Samuel Usque sie schildert, »von der empfangenen Taufe nicht befleckt worden«. Indessen waren auch noch einige Juden zurückgeblieben, welche die Zwangstaufe mit aller Macht von sich abgewehrt hatten. Unter ihnen Simon Maimi, ein Jünger Isaak Canpanton's, wahrscheinlich der letzte Oberrabbiner (Arrabi mor) von Portugal, ein skrupulös frommer Mann, ferner seine Frau, seine Schwiegersöhne und noch einige Andere. Sie waren in strenger Haft, weil sie das Judenthum nicht abschwören und auch äußerlich die Kirchenriten nicht mitmachen wollten. Um sie zu bekehren, wurden Simon Maimi und seine Leidensgenossen auf die unmenschlichste Weise gefoltert. Im Kerker wurden sie bis an den Hals eingemauert und drei Tage in dieser qualvollen Lage gelassen. Als sie dennoch standhaft blieben, wurden die Mauern niedergerissen. Drei waren den Qualen erlegen; auch Simon Maimi, auf dessen Bekehrung es am meisten abgesehen war, weil sein Beispiel die Uebrigen nachziehen sollte. Zwei Marranen wagten ihr Leben, um die Leiche des frommen Dulders auf dem jüdischen Begräbnißplatz zu bestatten, obwohl es streng verboten war, die jüdischen Schlachtopfer durch andere Personen als durch Henker zu beerdigen. Heimlich begleiteten noch einige Marranen den stillbeweinten Heiligen [387] zur letzten Ruhe und hielten ihm dort die Trauerfeierlichkeit68. Nicht lange nachher gestattete der König Manoel, wahrscheinlich nach dem Tode seiner Gattin, der Urheberin seiner Unmenschlichkeit gegen die Juden (sie starb an der Geburt des Thronerben von Portugal und Spanien am 24. August 1498 und der Infant zwei Jahre später), daß die wenigen noch zurückgebliebenen Juden auswandern durften. Unter diesen befanden sich Abraham Saba, ein Prediger und kabbalistischer Schriftsteller, dessen zwei Kinder gewaltsam getauft und zurückgehalten wurden; ferner Schemtob Lerma, welcher, weil er trotz des Verbotes sein Haus für die Gebetversammlung eingerichtet hatte, zweimal gefoltert und eingekerkert worden war, und ein sonst unbekannter Rabbiner, Jakob Lual, der ebenso wie die anderen trotz der Qualen die Gewalttaufe von sich abgewehrt hatte. Vielleicht betroffen von der fast übermenschlichen Standhaftigkeit dieser drei Männer, gestattete ihnen Don Manoel, Portugal zu verlassen. Sie fanden aber kein Schiff, das sie nach der afrikanischen Küste hätte hinüberführen können, sondern mußten sich einem halb trümmerhaften Nachen anvertrauen, ohne Steuermann und Matrose. Wie durch ein Wunder gelangten sie ungefährdet nach Arzilla (in Afrika) und von dort nach Fez. Aber Simon Maimi's Schwiegersöhne blieben noch lange im Kerker, wurden später nach Arzilla geschickt, dort gezwungen, am Sabbat Schanzenarbeiten zu verrichten und starben zuletzt den Märtyrertod69. So handelten die Bekenner der Religion der Liebe.

Achtzig Jahre später führte Manoel's Urenkel, der abenteuerliche König Sebastian, die Blüthe des portugiesischen Volkes nach Afrika zu neuen Eroberungen hinüber. In einer einzigen Schlacht wurde die Kraft Portugals gebrochen, die Adeligen getödtet oder zu Gefangenen gemacht. Die Gefangenen wurden nach Fez gebracht und dort den Enkeln der so unsäglich mißhandelten portugiesischen Juden auf dem Sklavenmarkt zum Kauf angeboten. Die gebeugten portugiesischen Adeligen und Ritter waren schon getröstet, wenn sie von Juden als Sklaven erworben wurden, weil sie deren mildes, menschliches Gefühl kannten70. So handelten die Bekenner des Gottes der Rache.

[388] Als sollte der letzte Schimmer von Juda erlöschen, traf zur selben Zeit das herbe Loos der Verbannung die Gemeinden der Provence, in deren Mitte, wie auf der pyrenäischen Halbinsel, das Erbe aus der Glanzzeit, wenn auch nicht vermehrt, so doch vor Verkümmerung und Geringschätzung gewahrt wurde. In den Städten dieses Landstriches, Marseille, Arles, Aix, Tarrascon, in dem Ursitz der Troubadouren-Poesie, wurden der von Maimuni vererbte Geist wissenschaftlicher Forschung und die neuhebräische Dichtung treu gepflegt. Die Arzneikunde hatte die treuesten Pfleger an Juden, welche trotz des kanonischen Gesetzes von den provencalischen Fürsten und Grafen vorgezogen wurden. Abraham Salomo aus St. Maximin war ein gesuchter Arzt und als Leibarzt des Grafen René bei ihm so beliebt, daß er ihn von allen Abgaben befreite. Er war auch philosophisch gebildet71. Bonet de Lates war ein ausgezeichneter Arzt und Mathematiker, er wurde später Leibarzt des Papstes Leo X72. Aus Marseille sind bekannt Comprat Mose, Schulham Davin Atar73. Der zur Zeit berühmte Pierre de Nostradamus, Urgroßvater des Mystikers und Astrologen Michael Nostradamus, war jüdischen Ursprungs74.

Da die Provence nicht zum eigentlichen Frankreich gehörte, sondern eigene, selbstständige Herrscher, die Grafen von der Provence, hatte, so theilten die Juden derselben nicht die Vertreibung ihrer Stammgenossen aus Frankreich ein Jahrhundert vorher, sondern blieben unangefochten und waren meistens bei den Machthabern wohlgelitten. Der vorletzte Graf René hatte besonders den provencalischen Juden Gunst zugewandt. Er hatte milde Gesetze für sie erlassen, daß sie unbeschränkt Handel und Künste betreiben, auch die Arzneikunst – trotz des kanonischen Verbots – daß sie als Steuerbeamte und Gutsverwalter für den Adel zugelassen werden und neue Zuzügler sich im Lande ansiedeln dürften. In ihrem religiösen Thun und Lassen sollten sie völlige Freiheit genießen und darin nicht von Christen gestört werden. Sie brauchten auch nicht nach dem Gebote des schismatischen Papstes Benedikt XIII. und der Kirchenversammlung zwangsweise aufgelegten Bekehrungspredigten beizuwohnen. Ein hoher Beamter unter dem Titel Conservateur sollte sie in ihren Privilegien schützen. Als [389] in Arles eine Hetze gegen die Gemeinde ausbrach, als wenn auch in ihrer Mitte Christenkindermörder wären, und sich noch dazu ein Geschrei wegen Wuchers gesellte, welche einen gefahrdrohenden Charakter annahm, schützte sie Graf René. Er ließ die Anschuldigung wegen Kindermordes untersuchen, und dieses ergab ein für die Juden günstiges Resultat75. Die Klage wegen Wuchers wird wohl ebenso erfunden oder mindestens übertrieben gewesen sein.

Diese Vergünstigung diente indeß nur dazu, sie den bald nach René's Tode eingetretenen Wechsel schmerzlicher empfinden zu lassen. Was sie gefürchtet und womöglich abzuwenden gesucht hatten, war eingetreten: sie waren unter französische Herrschaft gekommen. Der letzte Graf der Provence hatte das schöne Land an Ludwig XI. abgetreten. Alsbald begann sich ein fanatischer Haß gegen sie zu regen unter dem Vorwande, daß sie Wucher trieben, obwohl thatsächlich nicht wenige von ihnen Schuldner christlicher Gläubiger waren. Niedriges Gesindel und in Folge einer Mißernte unbeschäftigte Schnitter überfielen (1484), wahrscheinlich von Mönchen aufgehetzt, die Gemeinden von Arles, Marseille und Tarrascon, plünderten und zerstörten Häuser und Synagogen und jagten Allen einen solchen Todesschrecken ein, daß sich fünfzig durch die Taufe retteten. Zwei Frauen tödtete das Gesindel und warf sie in's Wasser76. Drei Jahre später (1487) stellten die Bürger von Marseille an den französischen König Karl VIII. durch einen Delegirten das Gesuch, die Juden aus der Stadt zu weisen. Er gab zwar dem Gesuche keine Folge, ließ aber die Schuldforderungen jüdischer Gläubiger, von denen die Zinsen zum Kapital geschlagen waren, cassiren. Da die jüdische Gemeinde freiwillig die Stadt verlassen wollte, und Einzelne begannen, ihre Güter zu verkaufen, verhinderte es der König gewaltsam und bedrohte die Auswanderer mit einer schweren Strafe.

Obwohl um ihr eigenes Geschick tief besorgt, bekundeten die Juden [390] von Marseille ihren unglücklichen Brüdern, welche aus Spanien verbannt waren, Theilnahme und Hilfe. Ein herzloser Schiffseigner aus Nizza, Bartholomée Gaufredi, hatte nämlich ein Schiff gekapert, auf dem sich einhundertundachtzehn jüdische Personen, Männer, Frauen und Kinder, befanden, die gleich nach Ablauf der Verbannungsfrist Aragonien verlassen hatten. Er hatte sie in Gefangenschaft nach Marseille geführt, um entweder von der jüdischen Gemeinde der Provence Lösegeld für sie zu erlangen oder sie in der Türkei als Sklaven zu verkaufen (24. August 1492). Die Marseiller Gemeinde nahm sich sofort der Unglücklichen an; sie brauchte zwar das von dem Piraten verlangte Lösegeld von 1500 Thalern nicht zu zahlen, da sich die Gefangenen anheischig gemacht hatten, es selbst herbeizuschaffen. Aber sie übernahm in Verbindung mit der Gemeinde von Aix die Bürgschaft gegenüber einem reichen Christen aus der angesehenen Familie Frobin in Marseille, welcher die Summe für den Menschenräuber vorgeschossen hatte, den Vorschuß nebst Zinsen zu ersetzen, falls die Gefangenen ihre Verpflichtung innerhalb vier Monaten nicht erfüllen sollten. Während dieser Frist versorgten die Juden von Marseille und Aix brüderlich die Heimathlosen mit allen Bedürfnissen77. – Nicht lange darauf kamen die Juden der Provence in dieselbe elende Lage, heimathlos zu werden. Karl VIII. verbannte sie (149878) aus dem Lande, in welchem ihre Vorfahren lange vor der Einwanderung der Franken und Gothen angesiedelt waren. Glücklich waren noch Diejenigen, welche in dem nahen französischen Kirchenstaat Comtat Venaissin in den Städten Avignon und Carpentras ein Unterkommen finden konnten. Hier trafen die Provencalen mit den Ausgewiesenen aus Spanien zusammen, die sich hier niedergelassen hatten, und konnten einander ihr Leid erzählen. Die christliche Bürgerschaft von Avignon [391] hatte zwar Beschwerde gegen die Aufnahme jüdischer Zuzügler erhoben, aber der Stellvertreter des Papstes Alexander VI. beschützte sie79. Die meisten provencalischen Ausgewiesenen wanderten indeß nach Italien, wo die Zerstückelung in Kleinstaaten und städtische Republiken kein gesetzgeberisches Gleichmaaß für Zulassung oder Ausschließung des jüdischen Stammes möglich machte. Hier wog meistens die Rücksichtnahme auf materielle Vortheile die Beachtung der kanonischen Engherzigkeit auf. War ja der verworfene Papst Alexander VI. mit dem Beispiele der Duldung selbst gegen die flüchtigen Marranen vorangegangen. Italien hat durch die Zuziehung der Juden nur gewonnen, die, meistens mit philosophischen, medicinischen und naturwissenschaftlichen Kenntnissen ausgerüstet, zur Hebung des freien und klaren Geistes in der Renaissance-Zeit beigetragen haben. Kardinäle und Päpste machten aus den nach Italien eingewanderten geschickten Heilkünstlern ihre Leibärzte. Unter ihnen zeichnete sich der Provencale Bonet de Lates als Mathematiker und Erfinder eines Sternenmessungsinstrumentes aus, welches er dem Papste Alexander VI. widmete, und der später Leibarzt und Vertrauter des Papstes Leo X. wurde. Ein Arzt Jakob Ben-David Provencal aus Marseille, der ein Lehrbuch über Medicin verfaßt hat, wanderte nach Mantua aus. Er und sein Sohn waren eine Zierde dieser Stadt80.


Fußnoten

1 Llorente, histoire de l'Inquisition en Espagne III. p. 2 f. Janguas y Miranda, Diccionario de las Antiguadades de Navarra II. p. 85 ff.


2 Janguas a.a.O. II. 120. Bei Kaiserling, Geschichte der Juden von Navarra p. 212, Beilage L.


3 Archivo del Reino de Navarra bei Amador III. 332 N. Die Auswanderung aus Navarra erfolgte im Jahre 1498.


4 Elia Kapsali's Chronik. Kap. 70.


5 Das. 72.


6 Abrabanel, Einl. und Schluß zum Comment. der Könige, vollendet Elul = 11. Sept. 1493. Chaskitu's Biographie des Isaak Abrabanel in Einl. zu des Letzteren Daniel-Commentar העושי יניעמ 3 b. Carmoly, Biographie Abrabanel's Ozar Nachmed II. p. 51.


7 Elia Kapsali das.


8 Aktenstück in Revue des Etudes. Jahrg. XV. p. 117 f.


9 Gedalja Ibn-Jachja Schalschelet.


10 Vergl. Maskhir V. p. 156, wo citirt wird: תרגא (אסיפמ) לאיחי 'ר ןואגה לא ... לאנברבא קחצי ןזד חלשש ותשא תתימ לעו התד הרימהש תבה תרצ לע ןימוחנת. Vergl. Revues des Etudes J. g. XII 245.


11 Chaskitu's Biographie des Abrabanel a.a.O. und Carmoly a.a.O.


12 Ueber Leon Medigo Abrabanel, Carmoly p. 57.


13 Quellen für das grauenhafte Geschick der aus Spanien Ausgewanderten giebt es mehrere von verschiedenem Werthe. – 1) Bernaldez (Cura de los Polacios) Cronica c. CXII). Er war Zeitgenosse und hatte die Nachricht von den Leiden aus dem Munde derer erfahren, welche aus Verzweiflung mehrere Jahre hintereinander aus Fez nach Spanien zurückgekehrt waren und sich taufen ließen. Er selbst will 100 derselben getauft haben, darunter algunos Rabbis. – 2) Abraham aus Torrutiel, Verf. des הלבקה 'ס (Anecdota Oxon p. 112 f.). Er war ebenfalls Zeitgenosse und Mitleidender, da er bei dem Eintreffen der Seinigen in Fez elf Jahr alt war. – 3) Elia Kapsali in der Chronik והילא יבד. Er hatte die Schicksale der Auswanderer von denen, die in seinen Kreis gekommen waren, erfahren. Von den Leiden der Spanier handelt nur Absch. LXX (in der Beilage zu Wieners Emeck ha-Bacha p. 16; Absch. LXXV–LXXX erzählt von den Leiden der aus Portugal Ausgewanderten. Damit ist der Widerspruch gelöst, den Lattes zwischen diesen Nachrichten und denen in anderen Quellen gefunden hat. םינוש םיטוקל p. 114 Note 89). – 4) Joseph Ibn-Verga in Schebet Jehuda No. 53-59. Seine Nachrichten sind verworren und ohne chronologischen Halt. Er war nicht Zeitgenosse, sondern hatte nur Mittheilungen aus zweiter oder dritter Hand. – 5) Joseph Kohen in Emeck ha-Bacha. Seine Eltern und Verwandten gehörten zwar zu den Auswanderern, waren aber in Avignon; folglich wußte er nur von Hörensagen. – Der Charakter zweier mächtiger Persönlichkeiten, welche in dieser Leidensgeschichte eine Rolle gespielt haben, läßt sich aus den zeitgenössischen Quellen richtig beurtheilen, nämlich aus dem Verfahren des Joan de Portugal, Conde de Borba, Gouverneurs von Arzilla, und dem des Bey von Fez Muley Scheich, gegen die Auswanderer. Den Ersteren hat Amador zu milde beurtheilt (p. 346-348) und den Letzteren zu ungerecht. Dagegen zeiht der Zeitgenosse Abraham von Torrutiel den Ersteren der Unmenschlichkeit aus Bekehrungssucht. ןמ) םהמו עשרה דורמנ ידי לע איליזרא תנידמל וסנכנש (םישרוגמה ?למ שילש ... אמטה אוה םירזכא םיונעו םישק םירוסיב הערה לע הברוב יד ודנוק ארקנה איליזרא לע הנוממ לאווטרופ .... םלאג רשאו םידוהיל השע רשא . Ebenso Kapsali: ףוח דחא הנוממ היה םשו לאגוטרופ תלשממ תחת רשא איליזרא םי תדע תומש םש יכ המש ףולא המחלמ אבצ רש הברוב יד ודנוק לארשי תד לעמ םבור ריבעהש דע המימתה לא (Absch. 76, auch Absch. 78). Dagegen wird der Bey von Fez von Abraham als äußerst human geschildert. םישורגה תומא ידיסחמ דיסח לודגה ךלמה ידי לע סאפ תנידמל וסנכנש ותוכלמ לכב םידיהיה תא לבקש ךיש יאלומ םלועה. Züge seiner Güte gegen die Auswanderer schildert auch Kapsali (Absch. 87) und schließt die Erzählung: לארשיו הבוטל הזה ךלמה תא ןיריכזמ.


14 Ibn-Verga, Schebet Jehuda No. 53-55. Joseph Kohen, Emek ha-Bacha, p. 85. Der Zeitgenosse Abraham B. Samuel aus Torrutiel tradirt, daß sie Anfangs von dem Herrscher von Fez gut aufgenommen wurden. Erst einige Monate später brachen Schicksalsschläge über sie aus (Neubauer Anecdota Oxon. p. 112 f.).


15 Joseph Kohen a.a.O. p. 84 f.


16 Der Zeitgenosse Senarega bei Muratori Scriptores rerum Italicarum T. XXIV. p. 531. Venerunt (Judaei ex Hispania pulsi) in urbem nostram (Genuam) plures, diutius tamen non moraturi; nam ex antiquis patriae consuetudinibus ultra dies tres moram facere non possunt. Concessum tamen est, ut naves, quibus vehebantur, reparari possent, et ipsi aliquantulum a fluctuatione refici paucorum dierum mora. Diceres illos larvas; erant enim macilenti, pallidi, oculis intrinsecus positis, et nisi quod vix se movebant, mortuos diceres. Dum naves reficiuntur, parantque ad longiorem navigationem necessaria, magna pars hiemis transiit. Interea multi apud molem moriebantur, quae regio juxta mare tantum recipiendis Judaeis fuerat deputata. Ueber die Leiden der spanischen Juden von Genua und andern Orten haben auch Nachricht erhalten Ibn-Verga a.a.O. No. 56, Joseph Kohen a.a.O. und Elia Kapsali. Als sollte sich alles gegen die Juden verschwören, brach gerade um die Zeit der Vertreibung der Juden aus Spanien die scheußliche Syphilis mit Heftigkeit der Verheerung aus. Die Geschichte der Medicin ist noch immer nicht über den Ursprung der sogenannten Franzosenkrankheit, welche im Anfang so viel Opfer hingerafft hat, noch über Zeit ihres ersten Auftretens im Klaren. Einige gelehrte Aerzte nehmen an, sie sei durch Columbus gleichzeitige Entdeckung von Amerika nach Europa eingeschleppt worden. In Afrika dagegen glaubten die Einwohner, da die aus Spanien vertriebenen Juden eine ansteckende Seuche mitbrachten, sie hätten mit der venerischen Krankheit die Urbewohner angesteckt. Der zeitgenössische granadische gelehrte Tourist, der als Christ unter dem Namen Johannes Leo Afrikanus bekannt ist, berichtet darüber in seiner descriptio Africae L. I. c. 30 Folgendes: Hujus mali (quod Gallicum vulgo dicitur) ne nomen quidem ipsis Africanis ante ea tempora notum fuit; quum Hispaniarum rex Ferdinandus Judaeos omnes ex Hispania profligasset, qui ubi jam in patriam redissent, coeperunt miseri quidam ac sceleratissimi Aethiopes cum illorum mulieribus habere commercium, ac sic tandem velut per manus pestis haec per totam se sparsit regionem, ita ut vix sit familia, quae ab hoc malo remansit libera. Id autem sibi verissime atque indubitate persuaserunt, ex Hispania ad illos transmigrasse; quam ob rem et illi morbo ab Hispania malum Hispanicum (ne nomine destitueretur) indiderunt. Tuneti vero, quem admodum et per totam Italiam, morbus Gallicus dicitur. Idem nomen illi in Aegypto atque Syria ascribitur. Daraufhin behauptete Gruner, die Marranen hätten die Syphilis in Italien eingeschleppt in einer Schrift morbi Gallici origines marranicae. Diese Behauptung ist schon deswegen lächerlich, da doch die Marranen nicht aus Spanien ausgewiesen wurden. Vergl. übrigens darüber die Schrift: zur Geschichte der Syphilis 1870 von R. Finkenstein S. 88. Der Verfasser weist gründlich nach, daß die ältesten spanischen medicinischen Schriftsteller Juan Almenar, Petro Pintor, Gaspar Tarella die Lustseuche, welche zuerst in Italien 1493 grassirte, weder auf jüdischen, noch auf amerikanischen Ursprung zurückführen.


17 Ibn-Verga a.a.O. No. 57.


18 Elia Kapsali, Chronik a.a.O. Kap. 73.


19 Das. vergl. Note 7.

20 Ruy de Pina Chronica de Don João II. in Serra's Collecaõ de libros ineditos de la historia portugeza T. l.c. 64, 65. Handschriftliche Quelle Bibliotheca da Ajuda bei Herculano, da origem da Inquisicão I. p. 106.


21 Vergl. Note 13.


22 Sämmtliche Biographen des Königs João und Manoel erzählen diese Thatsachen von der beschränkten Zulassung der großen Menge für 8 Monate und von dem Einzugsgelde. Nur Bernaldez berichtet, daß gewisse Familien je hundert Krusados zu zahlen gehabt hatten a.a.O. c. CXIII. Davon spricht auch ein handschriftl. Band: Memorias historicas bei Herculano a.a.O. p. 107. Seicentas familias mais ricas cotractaram particolarmente ficarem no reino a troco de sessente mil cruzados. Davon hatte auch Samuel Usque Nachricht, denn er berichtet: accorandese seis centas casas con elrey (Consoloçao III. No. 26) und von ihm Imanuel Aboab (a.a.O. 299). Diese Concession haben gewiß die 30 Delegirten mit Isaak Aboab vom König erlangt; denn sie haben nicht blos für sich, sondern für die Gesammtheit mit dem König verhandelt. Auch die dauernde Ansiedelung von jüdischen Handwerkern ist gewiß bei dieser Unterhandlung vereinbart worden. Von den spanischen Historikern fixiren einige das Einzugsgeld auf 8 Krusados, andere auf ein Krusado. Zacuto hat, scheinbar widersprechend, einmal שפנ לכ לע שודא קוד 'א und dann wieder ימ וליפאו שודאקוד 'ה שפנ רפכ ןתנ ללכ ןוממ ול היה אלש. Usque und Ibn-Jachja (Schalschelet) sprechen von zwei Dukaten. Die Differenz scheint in der verschiedenen Schätzung des Gold-Krusado zur Zeit der Ausweisung zu liegen.

Vergl. über die Summe Herculano das. und Amador III. p. 343 Note.


23 Ueber die Zahl der eingewanderten spanischen Juden in Portugal differiren schon die ersten Quellen. Zacuto, ein Leidensgenosse, zählt mehr als 120,000 Seelen. (Ed. F. p. 227) ... לאגוטרופל סנכנ איליטאק רקיע תושפנ ףלא כ"קמ רתוי. Damiaõ de Goes giebt über 20,000 Häuser und über 200,000 Seelen an: Entrarão mas de vinte mil cazaes, em que haviaõ alguns de dez e doze pessoas e outras de mais. Osorius giebt in seinen res gestae Emmanuelis (ed. Köln 1586 p. 6 b.) keine bestimmte Zahl an, sondern referirt: maxima eorum (Judaeorum e Hispania pulsorum) pars a Joanne rege ... impetravit, ut in Portugalia tempore aliquo definito consisteret. Wenn der König von dem Einzugsgeld eine erkleckliche Summe für den afrikanischen Krieg zusammenbringen wollte – (man fand das Geld nach seinem Tode unberührt im Staatsschatze, wie die portugiesischen Chroniker de Pina und de Goes berichten), so mußte die Zahl sehr groß gewesen sein; sonst hätte sich der Schacher nicht gelohnt. Einzelne Posten derer, welche von einzelnen Städten und Districten Spaniens nach Portugal eingewandert sind, geben die respectablen Quellen des Goes und Bernaldez an. Demnach wären eingewandert


von Benevent nach Braganza über 3,000 Seelen,

von Zamora nach Miranda 30,000 Seelen

von Ciudad Rodrigo nach Villar 35,000 Seelen

von Miranda de Alcantra nach Marban 15,000 Seelen

von Badajoz nach Yelves 10,000 Seelen

Summa 93,000


Also aus diesen Gegenden allein beinah 100,000.


24 Imanuel Aboab a.a.O. p. 300; Jochasin ed. Filipowski p. 226.


25 Quellen angegeben oben S. 325, Anmerk. 3. Herculano das. p. 96 fg.


26 Zacuto bemerkt von den alfonsinischen Tafeln des Zag Ibn-Sid: Sie seien in allen Ländern Europa's eingeführt (ed. Filip. p. 211): ואובמ דע שמש חרזממ יכ תוחולה לכ ורבש דרפסו אילטיא לכו אריטילגניאו תפרצ זנכשא קחצי 'ר לש םימשה אבצ תוחול) ולאה תוחולה ושפתו םינשארה םוי'ד דע (ושנופלא גיז ,דיס ןב. Theilweise berichtigt wurden diese Sidschen Tafeln in Italien von Andalone del Nero und Bianchini, in Deutschland von Nikolaus Cusanus (o. S. 189), von Purbach und Regiomontanus; Humboldt Kosmos II. S. 295 f.


27 Schäfer, Geschichte Portugals III. S. 75 theilt aus portugiesischen Quellen mit, das José Vecinho, ein Jude, die vereinfachten Sonnen-, Mond- und Sterntafeln des Abraham Zacuto in's Lateinische übersetzt habe. Dieses Werk Almanach perpetuum, sive Ephemerides et tabulae septem planetarum, sei so selten geworden, daß sich in Portugal nur ein einziges Exemplar, in Beira gedruckt, auf der Königl. Bibliothek befinde. Es ist aber in einer andern Gestalt in Salonichi 1568 vervielfältigt worden. Daniel b. Perachja Kohen hat es in spanischer Sprache mit hebräischen Lettern als Anhang zu dem Kalenderwerk ףסוי תיראש drucken lassen. Die Ueberschrift lautet: 'הכ תוחול רואב ףסוי 'רהל תירצונ הקתעהמ םיקתעומ זעל ןושלב תוכז םהרבא וניזיו. In der Einl. bemerkt der Herausgeber Daniel b. Perachja: הביתכמ הז תוכז םהרבא 'רה חול רואיב יתקתעה וניזיו ףסוי 'רהכ תקתעהמ ידרפס ןושלב זעלב תירבעל תירצונ הביתב הבית תואב תוא א"י. Daraus ergiebt sich, daß die Vecinho'sche Uebersetzung nicht lateinisch war, sondern spanisch oder portugiesisch. Die Ueberschrift des Werkes lautet: Los canones de las tablas de Zacut en romance. Im Texte sind oft die Stadt Salamanca und das Datum 1473 als Beispiele angegeben. Augustinus Ricius bemerkt in seinem Werke: de natura octavae Sphaerae, er sei ein Jünger des Zacuto gewesen, und dieser habe das genannte Werk für einen Bischof von Salamanca verfaßt: Abraham Zacuto, quem praeceptorem in Astronomia habuimus in civitate Salamanca ... 1473 jussu Episcopi (Salamancae) tabulas astronomicas composuit et ei dedicavit (Katalog der Bodlejana s.v. Ab. Z.). Das Werk ist lateinisch schon 1490 in Venedig und dann wieder 1496, 1499 gedruckt (Wolf Bibliotheca I. p. 106, III. p. 66 f.). – Mit Recht vermuthet Schäfer (das.), daß José Vecinho wohl identisch ist mit dem José, den der König João II. mit Anlegung der Schiffskarten beauftragt hat, und der mit seinen zwei christlichen Collegen das nautische Astrolabium erfand. Die Hauptquelle dafür ist João de Barros Asia, Decada I. Livro IV. c. 2: Peró como a necessidade he mestra de todalas artes, em tempo de João II. foi por elle encommendado este negocio a mestre Rodrigo ea mestre Josepe Judeo, ambos seus medicos, e a um Martim de Boemia etc. Daraus und auch aus einer andern Stelle (weiter unten) ist ersichtlich, daß Rodrigo keinesweges Jude war, wie viele Schriftsteller fälschlich angeben. – Mit Unrecht schreibt Humboldt (Kosmos II. S. 296) die Anlegung der astronomischen Tafeln und die Verbesserung des nautischen Astrolabium 1484 Martin von Behaim allein zu, während Juden – Zacuto und Joseph Vecinho – den größern Antheil daran hatten. Der Erstere bemerkt in seinem Jochasin (p. 222): ינא לכב םירזופמ םהו יתישעש תוחולהמ םירפסה לכ יתנקת בתוכה .לאעמשי ץראב םג םודא ץרא


28 Barros Asia, Decada I. Coro III, c. 11.. mandaou (El rey João) que estuviesse (Christovaõ Colom) com Diego Ortiz, Bispo de Cepta, e com mestre Rodrigo et mestre Josepe, a quem commetia estas cousas de cosmographia etc.


29 Barros a.a.O. I. III. 5 ... duos Judeos de Espanha em busea de Cavilhaõ (por El rey), a hum chamavao Rabbi Abram, nutural de Beja e a outro Josepe Çapateiro de Lamego. Çapateiro bedeutet wohl portugiesisch wie spanisch Zapatero, Schuhmacher; aber hier ist es sicher ein Familienname, wie der Name הפאכשא unter den spanischen Juden »Schuhmacher« bedeutet. Die edle Familie טייח war nicht »Schneider«, eben so wenig wie der marranische Dichter »Ropero« Kleidertrödler war. Es sind lauter Familiennamen. – Die Verwendung der beiden Juden von João II. geschah um 1487.


30 Gedalja Ibn-Jachja Schalschelet p. 49 a, b; Carmoly Jachjiden p. 14 ff.


31 Ruy de Pina Chronica de D. João II. c. 64, Garcia de Resende Chronica d.D. João II. c. 69.


32 Zacuto Jochasin p. 227: םהמ טעמ אלא וראשנ אלו הפגמב (תושפנ ףלא כ"קמ). Auch Abrabanel in Einl. zu Könige und die spanischen Chroniken sprechen von der bösartigen Seuche unter den Juden Spaniens, Juda Chajjat in Einl. zum Commentar zu תוהלא תכרעמ, die Chronik der Jachjiden bei Ibn-Jachja p. 92a und Usque No. 26.


33 Wenn es nicht ein christlicher Chroniker, der Bischof Hieronymus Osorius, selbst erzählte, würde man so grausame Unmenschlichkeit gar nicht glauben. Er erzählt (de rebus gestis Emmanuelis p. 7 a): Mercatores enim et navicularii, qui Judaeos in naves suas recipiebant, eos in mari multis injuriis admodum acerbe divexabant. Vecturae enim pretio ... minime contenti ... multo majorem pecuniam ab invitis exprimebant, et de industria diutius, quam opus erat, vagabantur ... ut consumpto omni commeatu, cogerentur ab eis victum emere. Pretium vero, quod rebus suis constituebant, erat ejusmodi, ut eo persoluto, Judaei nudi et inanes relinquerentur. Accedebat, quod nuptis mulieribus et virginibus vitium per vim inferebant ... Christiani nominis, quod usurpabant, obliti in omni genere immanitatis atque perfidiae versabantur. Auch Ruy de Pina und Resende in der Chronik João II. Die schauerliche Geschichte in Schebet Jehuda No. 58, von dem Schiffer, der den Juden Alles abgenommen und sie dann auf eine öde Insel ausgesetzt, gehört wohl auch in die Zeit João's II.


34 Usque a.a.O. No. 26.

35 Chajjat Einleit. zum Commentar הדוהי תחנמ zum kabbalistischen Buche תותלא תכרעמ, zum Theil bestätigt durch Llorente histoire de l'Inquisition I. p. 262.


36 Osorius a.a.O. p. 7 b, auch andere portugiesische und jüdische Schriftsteller.


37 Davon berichtet der zeitgenössische Chronist Pina, das Memoria de Ajuda bei Herculano I. p. 110 f., und die jüdischen Autoren Usque und Ibn-Verga.


38 Ms. de Ajuda bei Herculano das. 111.


39 Gedalja Ibn-Jachja Schalschelet p. 49 b., 95 a, nach einer Chronik, im Widerspruch mit dem Berichte des Joseph b. David J. J. in Einl. zu רוא הרות.


40 de Goes Chronica de Manoel, Osorius a.a.O. p. 7 b.


41 Imanuel Aboab a.a.O. p. 300, 306. Vergl. auch Schäfer a.a.O. IV. S. 75.


42 Quellen bei Schäfer a.a.O. IV. S. 5.


43 Bei Schäfer a.a.O. S. 75. Ueber das astronomische Werk vergl. die Bibliographen über Zacuto und o. S. 370 N.


44 Schäfer a.a.O. In dem letzten Theil des Jochasin, in den Auszügen aus Chroniken, zeigt Zacuto sehr viele Belesenheit auch in nichtjüdischen Schriftwerken. Barbosa Machado citirt eine Quelle, wonach Çacuto ein Werk do Clima e Sitio de Portugal verfaßt hat.


45 No. 12 und 13 in Ibn-Verga's Schebet Jehuda heißt es: שניפלא ךלמה ןב לאונמ ןוד ךלמה ןמזב. Nun gab es in Spanien keinen König Manoel, sondern nur in Portugal. Wahrscheinlich gehören die dort erzählten Begebenheiten in die letzte Zeit der Juden Portugals. Freilich war Manoel nicht der Sohn Affonso's V.; indessen mag diese Einzelheit dem Tradenten entfallen sein, oder es ist eine Corruptel für: ךלמה יחא ןב ושנופלא. Der Inhalt verstößt nicht gegen die Geschichte aus der Zeit des portugiesischen Manoel. Höchstens könnte auffallen, daß der König von seinem Erlasse zu Gunsten der Juden םינו?ארה םימיב »in früherer Zeit« spricht (das. p. 37), während er im Beginne des dritten Jahres seiner Regierung die Juden vertrieb. Indessen kann das eine Ungenauigkeit des Erzählers sein. Das angebliche Sendschreiben eines Juden an den römischen Senat aus einer alten Chronik über die Behandlung der Juden nach ihrer Besiegung durch die Römer – das dort dem König Manoel mitgetheilt wird – ist im Geschmack dieses Königs, welcher Chroniken liebte. – Die dort No. 12 erwähnte Stadt אינקוא kann eben so gut Ucanha im Gebiete von Lamego sein.


46 Ibn-Verga a.a.O.


47 de Goes, Chronica des Königs Manoel I. c. 18 spricht von dem Wunsche, auch die einheimischen Juden zu vertreiben, Osorius dagegen nur von den spanischen (a.a.O. p. 12 b): Suscepit deinde Emmanuel rei ... deliberationem. ... utrum judaei, qui fuerant a Castellae Regibus expulsi et in Portugalia morabantur, essent expellendi continuo. Castellae Reges Emmanuelem per litteras admonebant, ne gentem sceleratam, Deo et hominibus invisam, consistere in Portugalia sineret. Das Ausweisungsedikt vom 5. Dezember 1496, ausgestellt in Muga, spricht indeß von sämmtlichen in Portugal wohnenden Juden (mitgetheilt von Amador h. III. p. 614 f. aus dem Archiv von Lissabon) todos os Judeos e judias que en nosos regnos ouver.


48 Dieselben Schriftsteller.


49 de Goes a.a.O. bemerkt: Isabel (la Infanta) era inimiga declarada dos Judeos.


50 Nach Urkunden von G. Heine in Schmidt's Zeitschrift für Geschichte Jahrg. 1848 S. 147.


51 Damião de Goes giebt an, Manoel habe die über die Frist Zurückbleibenden mit Todesstrafe bedroht, eben so Usque III. No. 28 und Imanuel Aboab p. 295. Osorius scheint also die Härte gemildert zu haben, wenn er erzählt (l.c.p. 13 a): qui (Judaei atque Mauri) in illius regno fuissent inventi, libertatem amitterent. In dem Ausweisungsedikt heißt es ausdrücklich in dem Dekrete: »sob pena de morte natural«. Ueber das Tagesdatum des Ausweisungsdekrets, über welches scheinbar verwirrende Angaben existiren vergl. Loeb in Revue des études juives T. III, 285.


52 Urkunden mitgetheilt von G. Heine in Schmidt's Zeitschrift a.a.O. p. 178 f. Herculano a.a.O. I. p. 121 aus der Symmicta-Lusitana.


53 Abraham von Torrutiel a.a.O. p. 103. יול ימראה ןבל ץעי אוה .םעברימ רתוי לארשי תא איטחמו אטח (בוט)ער סש ןב ןמ אעבי 'ד שניא לכו תושרדמ יתכו תויסנכ יתב חקיש ךלמל יתב וחקיש ער םש ןב יול ץעיש רחאו ... דבעתי ןומדה ... הלא םינש (? ב"י)ג"י ןמ םינטקה לארשי ינבמ וחקיש ץעי תויסנכ יהתו םמאו םהיבא תאמ םידליה ושפתו ... תדל םריזחיש הטמלו ... רמ לוקב דואמ הלודג םידליה תקעצ. Abraham verfaßte diese Chronik zehn Jahre später. Er kann also fast als Augenzeuge angesehen werden. Er erzählt von einem Schem-Tob Lerma, der wegen Uebertretung des Gebetsverbots gemartert wurde und später nach Fez entkam, wo der Verfasser lebte.


54 Dieser Levi Ben-Schem-Tob kann identisch sein mit dem Oberchirurgen des Königs, welcher auf den Wunsch desselben die Taufe nahm und den Namen Antonio führte. Er wurde ein erbitterter Feind seiner ehemaligen Glaubensgenossen und verfaßte ein judenfeindliches Buch unter dem Titel: Ajudo da Fé contra os Judeos. Author o mestre Antonio, Doutor en Physica, Chirurgião mor d'Elrey de Portugal D. João. Bei Barbosa Machado IV. 21.


55 De Goes und Osorius a.a.O. Coutinho's Angabe bei Heine a.a.O. Anhang II. p. 178 f. Herculano das. p. 125.


56 De Goes a.a.O.


57 Herculano das. aus Mss. da Ajuda.


58 Die einzelnen Züge der Grausamkeit gegen die Juden in Portugal hat nur Usque (und nach ihm Joseph Kohen) a.a.O. III. No. 28. Seine Angaben können nicht angezweifelt werden, da er sie von Augenzeugen, von seinen Verwandten, erzählen hörte. Die christlichen Quellen gehen rasch darüber hinweg. Osorius (a.a.O. p. 13 b) berichtet nur kurz: Rex enim adeo flagrabat cupiditate gentis illius ad Christi religionem perducendae, ut partim praemiis alliciendam, partim male cogendam esse judicaret. Der Bischof Coutinho bemerkt (bei Heine a.a.O. Anhang II. 2. p. 180): Et licet ista non fuerit praecisa sic, cum pugionibus in pectora satis tam violenta fuit, quoniam rex voluit, dicendo, quod pro sua devotione hoc faciebat etc. Vergl. Herculano das. p. 126 Text und Note.

59 Osorius a.a.O. p. 14 b.


60 Ders. p. 14 a: Quid enim? ruft dieser ehrenwerthe Bischof aus. Tu rebellos animos, nullaque ad id suscepta religione constrictos, adigas ad credendum ea, quae summa contentione aspernantur et respuunt? etc. Isaak Caro (קחצי תודלות zu Absch. ki Tabo): ורמאיש אלש אלא ונתנומאב םינימאמש יפל םתד ולא ורימה אל םיוגה .םתד אלו ונלש תד אל םירמוש םירמוש םניאו םגרהנ


61 In dem heftigen Streite zwischen Jakob Be-Rab und Levi b. Chabib wegen Erneuerung der Ordination in Palästina 1538 (in Respp. L. b. Ch. gegen Ende) wirft der Erstere dem Letzteren seine Apostasie indirekt vor: לודג יקב היהיש ךירצש הנמתמה יאנתב בתכ הז רחרא הרומ יתייה םלועל דרפסבש דמשהו שורגה םוימ ... 'הל שודקו בערב יתויה םעו..םינש ח"י ןב זא יתייהו .. לארשיב הארוד אל םלועמש ל"תו .. 'ה יכרדב יתכלה םלועל לכ רסוחבו אמצבו םלועל ימש הזו ... ימש הנתשנ (p. 298 a). Darauf gesteht sein Gegner unter Zerknirschung ein (p. 305 b): אל םג יתרבדב ימצע ליצא אלו יתמשא תלדגהב וירבדמ ןבומה שהכא םגד .. יתינש אל ינא דמשה תעשב ימש ונש םא ףאש רמול ןישנוע רב יתייה אל ןידעש.


62 Einl. zu dessen קחצי תודלות.


63 Jochasin ed. Filip. p. 223.


64 Schwandtner bei Gieseler Kirchengeschichte II. 4. S. 172 Note:

Vendit Alexander Claves, Altaria, Christum;

Emerat ista prius, vendere jure potest.


65 G. Heine theilt a.a.O. S. 152 ein Actenstück, den Brief des Gesandten Garcilaso an die katholischen Könige Ferdinand und Isabella vom Jahre 1497 mit, worin von der Gesandtschaft der portugiesischen Judenheit die Rede ist. Den Namen eines der Gesandten El Jurado Aleman darf man wohl nicht mit Heine »den Geschwornen aus Deutschland« übersetzen, sondern muß ihn als Eigennamen Aleman fassen, deren es mehrere gegeben, und el jurado ist ein Funktionstitel, Rathsherr oder Schöffe Ein von Fidel Fita veröffentlichtes Breve des Papstes Alexander VI. an die Ordinarien der Inquisition vom Jahre 1493 und an das Königspaar vom Jahre 1494 betrifft die Marranen Petrus juratus et executor aus Sevilla, seine Frau und noch einige andere, welche nach der Verurtheilung von der Inquisition entflohen, von den Päpsten Sixtus IV. und Innocenz VIII. Absolution erhalten hatten und nichtsdestoweniger als judaisirende Relapsi verfolgt wurden. Alexander VI. gab der Inquisition Recht und hob die Indulgenz seiner Vorgänger auf (Boletin XV, Jahrg. 1889, p. 565). Ist dieser Petrus juratus et executor identisch mit dem bei Heine Pedro Essecutor?


66 Das Dekret ist zuerst von Ribeiro mitgetheilt, aus gezogen von Herculano das. p. 130 fg. Dieses Dekret bildete die Grundlage, auf welches die Neuchristen Portugals später sich beriefen, als sie sich der Einführung der Inquisition gegen sie so hartnäckig widersetzen. Immanuel Aboab theilt den Inhalt derselben mit (Nomologia p. 292): mas siendo grave à Emanuel Rey de Portugal el aver de desterrarlos de sus tierras, resolvió de obligarlos a que se hiciesen Christianos, prometindo de no molestarlos en ningun tiempo, ni por via criminal, ni en perdimiento de sus bienes. Es ist erst dadurch erklärlich, wie die Marranen Portugals mit einer gewissen Offenheit das Judenthum bekannten. Aus dem italienischen Gesandtschaftsbericht (Berliner Codex, C. Note, S. IV. B. IX. Note 5), geht hervor, daß die Marranen eine Synagoge in Lissabon hatten. Es erklärt sich, wie Juda Leon Abrabanel in seiner Elegie um 1503 seinen getauften Sohn Isaak in Portugal anreden konnte:


איבנכ םימכוחמ תא םימכח ןב יכה עד ךבל בש ירוכב

יביבח תודלי ימי דוע דבאת אנ לאו ךל השורי המכחהו

יבתכמ ןבהו ,ארקמ ארק ,דומלל דומח ,ינב התע האר

יביתמ םע הרשע שלש תודמב ,דומלת דומל ,הנשמ תונש

. . . . . . . . . . . . . . . .

.יברח ורעי ךותב חופתכ בל אמט םע ןיב ךל המ ידידי

יבשעו יחוח ןיב הנשושכ םיממע ןיב הרוהטה ךשפנו

יבצלו רפוע ילא המרו חרבו ידודנ ירע אבו ךלו גהנ

.יבגשמ יהלא ךבגשי ךדלי רוצ בא תיבל ךלהו

Der junge Abrabanel muß demnach in Portugal Gelegenheit gehabt haben, Hebräisch zu lernen: (Ozar Nechmad II. p. 73 f.) Es erklärt sich endlich daraus, wie der kabbalistische Schwärmer Diego Pidres oder Salomo Molcho, der 1525 Portugal verließ, obwohl nicht beschnitten, so viel Hebräisch wußte, daß er in kurzer Zeit die Kabbala erlernen konnte. Er hatte Gelegenheit genug dazu.


67 S. Note 14.


68 S. Note 14.


69 Das.


70 Immanuel Aboab, Nomologia p 308: Permitio el Señor, que à la quarta generacion viniesse casi la nobleza de Portugal y su rey don Sebastian á Africa, para seren destruidos y captivos en el mismo lugar ... Alli acabó la flor de Portugal y los que quedaron, fueran Ilevados a Fez donde fueron vendidos á voz de pregonero en las plaças, donde habitavan los Judios, successores de los innocentes perseguidos ... y me contava el Sabio David Fayon, vecino de Alcaçarquivir ... que no tenian mayor consolacion á quellos miserables que ser vendidos por esclavos á los Judios, conociendo su natural piedad.


71 Nostradamus, histoire de France p. 618.


72 Vgl. Bd. IX Note 2.


73 Aus dem Archiv von Versailles Revue des Études Juivs IX p. 67.


74 Vgl. Groß, Monatsschrift 1878 p. 697.


75 Aus einem Machsor-Codex in der Pariser Bibliothek, mitgetheilt von Neubauer, Revue des Études X. p. 92. םירבד תלילע ומש (ג"לרה תנש) איהה הנשבו הנכסב ודמעו תיברה םישוע םידליה יטחוש םהש ודלרא להק לע םגו ... (דניר l.) ריינר ךלמהו םהילע םחר רשא םשה אלול הלדג רקש רבדה היה יכ וריכה ךלמל הנשמ דיקפ לשומד ןודאה


76 Die Spezialquellen für diese Thatsache sind angegeben bei Deppingy, histoire des Juifs dans le moyen âge 206; Beugnot les Juifs d'Occident I. p. 134 f. und ohne Quellenangabe Carmoly, Revue orientale II. p. 221 f. In einem Codex der Münchener Bibliothek No. 271 ist in einem medicinischen Werke eine Notiz wahrscheinlich vom Besitzer des Ms. im Anfang angegeben: רוהט יתלב הרקמ הרק דמרת תנש ןסינב א"י םויב םינש וגרהו ללש לולשל םיזחופו םיקר םישנא ואבש ונילהאב ג"יו .ע"נ (?) ישנ (?) קחצי תשא הכנלבו אדארומ אנוד םישנ םינש יגרהו ידלרא ק"ק וללשו וזזב םירצוקה רכזנה תנש ןויס ןכ םג וב ו"טו .םישמח ביבס ורימהו ,רהנב (?) ןקרז םישנ ויקשרט ק"ק וזזב םירכזנד. Die Worte םישנ םינש sind als Dittographie anzusehen.


77 Aus dem Archiv in Versailles Revue des Études IX. p. 73.


78 Deppin, Beugnot, Carmoly und noch andere setzen die Verbannung sämmtlicher Juden aus der Provence im Jahre 1498, auch die von Arles, Groß dagegen (a.a.O.) datirt für die Ausweisung derer der genannten Stadt 1493, gestützt auf eine Notiz bei Menken (Scriptores rerum Germanicorum): Judaei.. Caroli VIII auctoritate urbe et Arelatensium agris 1493 expulsi sunt. Dieses Datum hat auch Bouis als Einleitung zu dem gefälschten Brieswechsel zwischen den Juden von Arles und Konstantinopel (Revue des Études I. p. 120 f.) le Roy Charles. ... desirant de capter toujours mieux le coeur des habitants d'Arles chassa par son edict ceste maudite race de la ville et de son territoire l'an 1493. Indessen ist auf Bouis' historische Angaben wenig zu geben. Er berichtet gleich darauf, daß schon Ludwig XI. die Juden aus seinem Königreiche vertrieben hätte, was doch geschichtswidrig ist. Es läßt sich nicht gut annehmen, daß Karl VIII. die Gemeinden dieser Provinz fünf Jahre später als die von Arles verbannt haben sollte.


79 Bradinet in Revue d. Ét. VI. p. 21.


80 Azaria dei Rossi Meor Enajim.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1890], Band 8, S. 393.
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