1. Kapitel. Folgen der Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal. Rundblick.

[1] Nachwehen der Vertreibung. Wanderungen; Überlegenheit der sefardischen Juden. Die Schicksale der Ibn-Jachja, der Abrabanel und des Isaak Akrisch. Die nordafrikanischen Staaten; Samuel Alvalensi, Jakob Berab, Simon Duran II. Schicksale der Juden von Bugia, Algier, Tripolis und Tunis. Abraham Zacuto und Mose Alaschkar. Ägypten: Isaak Schalal, David Ibn-Abi Simra; Ende der Nagid-Würde, Aufhören der seleucidischen Zeitrechnung. Errettung der kairoanischen Gemeinde vor der Unmenschlichkeit des Pascha Achmed Schaitan.


(1496 bis 1525.)

Die ebenso unkluge, wie unmenschliche Ausweisung der Juden aus der pyrenäischen Halbinsel bildet nach manchen Seiten hin einen ausgeprägten Wendepunkt in der Gesamtgeschichte des jüdischen Stammes. Sie war nicht bloß für die Verbannten, sondern auch für die Gesamtjudenheit von weittragenden, allerdings meistens trüben Folgen begleitet. Ihr Glanz war damit erloschen, ihr Stolz gedemütigt, ihr Mittelpunkt verschoben, die starke Säule an die sie sich bisher gelehnt, war gebrochen. Der Schmerz über dieses traurige Erlebnis durchdrang daher die Juden aller Länder, soweit sie Kunde davon hatten. Es war allen zumute, als wenn der Tempel zum dritten Male zerstört, die Söhne Zions zum dritten Male in die Verbannung und das Elend geschickt worden wären. Mag es Einbildung oder Überhebung gewesen ein, daß die spanischen (richtiger die sefardischen)1 Juden dem [1] edelsten Stamme entsprossen seien, und daß sich unter ihnen Nachkommen des Königs David in gerader Linie befunden hätten; in den Augen sämtlicher Juden galten sie tatsächlich als die edelsten und vorzüglichsten, als eine Art jüdischen Adels. Und nun hatten gerade sie die härtesten Leiden getroffen. Die Verbannung, die Gewalttaufen, der Tod in jeder scheußlichen Gestalt durch Verzweiflung, Hunger, Pest, Feuer, Schiffbruch, alle diese Plagen vereint hatten ihre Zahl von Hunderttausenden auf kaum den zehnten Teil herunter gebracht,2 und die Übriggebliebenen wandelten größtenteils wie Gespenster umher, wurden von einem Lande zum andern gehetzt und mußten, sie, die Fürsten unter den Juden, als Bettler an die Türen ihrer Brüder pochen. Die mindestens 30 Millionen Dukaten, welche die spanischen Juden allein bei der Vertreibung in Besitz hatten,3 waren ihnen unter der Hand zerronnen, und so standen sie völlig entblößt da in einer feindlichen Welt, welche an den Juden nur noch das Geld schätzte. Auch viele deutsche Juden wurden zur selben Zeit aus einige Städten des Westens und Ostens ausgewiesen; aber ihr Elend glich keineswegs dem der spanischen Juden. Sie kannten weder die Süßigkeit eines Vaterlandes, noch die Bequemlichkeiten des Lebens, sie waren mehr abgehärtet, wenigstens an Schmach und freche Behandlung gewöhnt.

Ein halbes Jahrhundert nach der Verbannung der Juden aus Spanien und Portugal begegnete man überall Flüchtlingen, hier einer Gruppe, dort einer Familie oder auch vereinzelten Züglern. Es ist eine Art Völkerwanderung im kleinen, die ostwärts ging, meistens nach der Türkei, als sollten sich die Juden wieder ihrer Urheimat nähern. Aber auch ihre Wanderungen, bis sie wieder sichere Wohnungen erreichten und einigermaßen zur Ruhe gelangen konnten, sind herzbeklemmend durch die Unfälle aller Art, die Erniedrigungen, die Schmach die sie betroffen haben, schlimmer als der Tod. Einige herausgegriffene Beispiele von der Pilgerfahrt hochstehender Persönlichkeiten, die mehr oder weniger in den Lauf der jüdischen Geschichte eingegriffen haben, können wenigstens einen schwachen Begriff davon geben.

Ein alter Zweig der Jachjiden aus Portugal, Don David ben Salomo (geb. um 1440, gest. in Konstantinopel 1504)4, ein Mann [2] in einer geehrten Stellung, von mannigfachen Kenntnissen und mit reichen Mitteln versehen, ein Spender und Wohltäter der Armen, er mußte für seine Familie um Almosen betteln. Dieser Don David (der III. in der weitverzweigten Familie der Jachjiden) war Prediger in Lissabon gewesen, hatte sich bereits durch zwei Schriften, in Lissabon verfaßt, einen Namen erworben und einen Kreis von Jüngern um sich gesammelt, als ihn der Zorn des portugiesischen Königs João II. traf. Er war beschuldigt worden, den spanischen Marranen auf portugiesischem Boden hilfreiche Hand zur Rückkehr zum Judentum gereicht zu haben. Ein schmählicher Tod war David Ibn Jachja zugedacht. Indessen rechtzeitig gewarnt, war es ihm gelungen, sich mitseiner Familie durch schnelle Flucht zu retten. Aber den größten Teil seines großen Vermögens hatte er durch Konfiskation verloren. In Neapel, wohin er geflohen war, traf ihn, sowie viele seiner Leidensgenossen ein noch härteres Los.

Es war die Zeit, in welcher der aus Tollkühnheit und Schwäche zusammengesetzte König Karl VIII. von Frankreich den hochfliegenden, abenteuerlichen Plan faßte, Italien zu erobern, Griechenland zu unterwerfen, das türkische Reich zu stürzen, einen Kreuzzug anzutreten, um den Ruhm französischer Waffentaten auf dem ganzen Erdenrunde erschallen zu lassen. Es war ihm aber nur gelungen auf kurze Zeit, kaum zwei Jahre, (Febr. 1495 bis Ende 1496), das Königreich Neapel zu erobern, und zwar mehr durch die Verworfenheit und Doppelzüngigkeit der italienischen Fürsten, durch die Intrigen des verworfensten aller Päpste, Alexanders VI., und durch die Zerfahrenheit der italienischen Zustände, als durch einen glänzenden Waffengang. Aber diese kurze Zeit genügte, um die vielen jüdischen Verbannten, welche durch Abrabanels Vermittlung im Neapolitanischen einen Haltepunkt gewonnen hatten, elend zu machen. Die »französische Fliege« hat sie nicht weniger empfindlich gestochen als der »spanische Skorpion«. Benahmen sich doch die Franzosen gegen die christlichen Bewohner Neapels wie eine zuchtlose Räuberbande, wie durften da die Juden auf Schonung rechnen! Wie Tauben vor den Klauen eines Raubvogels, so flohen die jüdischen Verbannten vor den Griffen der Franzosen auseinander, wenn ihnen die Würger Zeit gelassen hatten, mit Zurücklassung ihrer Habe ihr nacktes Leben zu retten. Diejenigen, welche der Wanderungen müde waren, nahmen die Taufe an. David Ibn-Jachja büßte dabei den aus Portugal geretteten Rest seines Vermögens ein und konnte nur mit Not durch den Verkauf seiner wertvollen Büchersammlung nach der Insel Corfu und von da nach Arta (Larta) in Griechenland gelangen. Er wollte nach der Türkei übersiedeln, konnte aber weder das Schiffsgeld, noch Lebensunterhalt für seine Familie erschwingen, und war gezwungen, einen Bettelbrief [3] an einen gelehrten und vermögenden Glaubensgenossen, Jesaia Messeni, zu richten, ihm in der Not beizustehen.5 David Ibn-Jachja konnte doch wenigstens das Ziel seiner Wünsche, das Eldorado für die Unglücklichen, die Türkei und Konstantinopel, erreichen und dort ruhig seine Tage beschließen.6

Nicht so gut erging es seinem Verwandten Don Joseph Ibn Jachja,7 der als siebzigjähriger Greis aus Portugal hatte entfliehen müssen. Mit seinen drei Söhnen, Schwiegertöchtern, anderen Verwandten und einem Vermögen, das sich auf 100000 Crusados belaufen haben soll, wurde das Schiff, das ihn und die Seinigen trug, an die spanische Küste getrieben. Hier sollten er und die Seinigen dem Scheiterhaufen überliefert werden, weil sie es gewagt, als Juden den spanischen Boden zu berühren. Indessen hatte sich ihrer ein portugiesischer Grande angenommen, Don Alvaro de Braganza, welcher mit Joseph Ibn Jachja wie mit Abrabanel von früher her befreundet war und vor der Habsucht und dem Despotismus des portugiesischen Königs João II. in Spanien eine Zuflucht gefunden hatte. Don Alvaro hatte der Familie Joseph Ibn Jachja die Erlaubnis vom spanischen Hofe erwirkt, weiter segeln zu dürfen. Erst nach fünfmonatlicher stürmischer Fahrt konnte sie in Pisa landen. Aber hier hausten damals die Franzosen von Karls VIII. Raubscharen. Die blühende jüdische Gemeinde von Pisa, in deren Mitte die Söhne Jechiels von Pisa (VIII,3 S. 358) so viel für die jüdisch-spanischen Emigranten getan hatten, war ausgeplündert, verringert und verarmt. Auch Don Joseph und die Seinigen wurden, wahrscheinlich, um von ihnen Geld zu erpressen, von den Franzosen in Ketten geschmiedet und eingekerkert. Eine von dessen Schwiegertöchtern, jung und schön, welche in Mannskleidern aus Portugal geflohen war, stürzte sich in[4] schwangerem Zustande, um nicht zur Taufe gezwungen zu werden, von einem zwanzig Ellen hohen Turm herab, blieb aber mit ihrer Frucht wunderbarerweise unversehrt. Die gefangenen Jachjiden erhielten erst durch Übergabe des größten Teiles ihres Vermögens als Lösegeld ihre Freiheit. In Florenz, wohin sie von Pisa übergesiedelt waren, war auch keines Bleibens für sie. Denn diese Stadt war nach Abzug der Franzosen ein Tummelplatz wilder Leidenschaften geworden zwischen den Anhängern des politisch-kirchlichen Schwärmers Girolamo Savonarola und seinen Gegnern. Don Joseph begab sich daher nach Ferrara. Anfangs vom Herzog dieses Landstriches freundlich aufgenommen, wurde er später einer Anklage unterzogen, die entweder vom portugiesischen Hofe oder von jüdischen Denunzianten gegen ihn erhoben war, er habe mit seinem Vermögen und seiner Stellung die Marranen in ihrer Anhänglichkeit an das Judentum bestärkt und unterstützt. Zum zweiten Male wurde diese vielgeprüfte jachjidische Familie in den Kerker geworfen, woraus sie wiederum nur durch große Summen befreit wurde. Der Greis Don Joseph erlag aber diesen Qualen und starb gleich darauf (1498).

Die edle Familie Abrabanel blieb von herben Schlägen und unstäten Wanderungen nicht verschont. Der Vater Isaak Abrabanel, der in Neapel am Hofe des gebildeten Königs Ferdinand I. und seines Sohnes Alfonso eine angenehme hohe Stellung gefunden hatte (VIII3, 337), mußte bei Annäherung der Franzosen die Stadt verlassen und mit seinem königlichen Gönner eine Zuflucht in Sizilien suchen. Die einrückenden französischen Banden plünderten in seinem Hause alle Kostbarkeiten und zerstörten eine wertvolle Büchersammlung, die ihm das Kostbarste war. Nach dem Tode des Königs Alfonso begab sich Isaak Abrabanel nach der Insel Corfu zu seiner Sicherheit, blieb jedoch daselbst nur bis zum Abzug der Franzosen aus dem Neapolitanischen, dann ließ er sich in Monopoli (Apulien) nieder, wo er mehrere seiner Schriften aus- und umarbeitete. Die Reichtümer, die er im Dienste des portugiesischen und spanischen Hofes erworben hatte, waren zerronnen, Frau und Kinder von ihm getrennt und zerstreut,8 und er lebte in düsterer Stimmung, woraus ihn nur die Beschäftigung mit der heiligen Schrift und den Urkunden des Judentums zu reißen vermochte.– Sein ältester Sohn Jehuda Leon Medigo Abrabanel hielt sich in Genua auf, wo er sich trotz des unstäten Lebens und des nagenden Schmerzes um sein ihm entrissenes und im Christentum in Portugal erzogenes Söhnchen mit Idealen beschäftigte. Leon Abrabanel war nämlich viel gebildeter, gedankenreicher und überhaupt bedeutender als sein Vater und verdiente mehr Beachtung,[5] denn bloß als Anhängsel zu diesem behandelt zu werden. Leon Abrabanel trieb die Arzneikunde nur als Brotstudium (wovon er den Namen Medigo erhielt), Astronomie, Mathematik und Metaphysik dagegen als Lieblingsfächer. Mit dem zugleich begabten und verschrobenen Pico de Mirandola wurde Leon Medigo kurz vor dem Ableben des letzteren bekannt und befreundet.9

Leon Medigo kam merkwürdigerweise mit Bekannten aus der Zeit seiner Jugend, mit spanischen Granden und selbst mit dem König Fernando, der seine Familie und so viele Tausende in die Verbannung und den Tod getrieben hatte, in nahe Berührung. Er wurde nämlich Leibarzt des spanischen Großkapitäns, Gonsalvo de Cordova, des Eroberers und Vizekönigs von Neapel. Der heldenmütige, liebenswürdige und verschwenderische de Cordova teilte nämlich nicht den Haß seines Gebieters gegen die Juden. Er hat der jüdischen Literatur in einem seiner Nachkommen einen Pfleger geliefert. Als König Fernando nach Eroberung des Königreiches Neapel (1504) befohlen hatte, die Juden von hier ebenso wie aus Spanien zu verweisen, hintertrieb es der Großkapitän mit der Bemerkung, daß sich im ganzen nur wenig Juden im Neapolitanischen befänden, indem die meisten Eingewanderten entweder wieder ausgewandert oder zum Christentum übergetreten wären. Die Ausweisung dieser wenigen würde dem Lande nur zum Nachteil gereichen, weil sie nach Venedig übersiedeln und ihren Gewerbfleiß und ihre Reichtümer dorthin tragen würden. Infolgedessen durften die Juden noch einige Zeit im Neapolitanischen [6] bleiben. Aber gegen die eingewanderten Marranen aus Spanien und Portugal ließ Fernando die grausige Inquisition in Benevent einführen.10 Bei diesem freigebigen, klugen und heldenhaften Großkapitän Gonsalvo de Cordova war Leon Medigo über zwei Jahre Leibarzt (1505 bis 1507); dort sah ihn der König Fernando bei seinem Besuche in Neapel. Nach der Abreise des Königs und der ungnädigen Entlassung des Vizekönigs (Juni 1507) kehrte Leon Abrabanel, ohne eine anderweitige angemessene Tätigkeit zu finden, zu seinem Vater zurück,11 der inzwischen in Venedig lebte.

Der zweite von Isaak Abrabanels Söhnen, Isaak II., lebte nämlich als Arzt zuerst in Reggio (Kalabrien) und später in Venedig und ließ seinen Vater auch dorthin kommen. Der jüngste Sohn Samuel, später ein hochherziger Beschützer seiner Glaubensgenossen, hatte es noch am besten; er weilte unterdessen im Schatten des stillen Lehrhauses in Salonichi, wohin ihn der Vater zur Ausbildung im jüdischen Wissen gesandt hatte.12 Der ältere Abrabanel betrat noch einmal die politische Laufbahn. In Venedig hatte er Gelegenheit, einen Konkurrenzstreit zwischen dem portugiesischen Hofe und der venetianischen Republik zu schlichten, welcher infolge der von den Portugiesen angelegten ostindischen Kolonien und besonders des Gewürzhandels ausgebrochen war. Einige einflußreiche Senatoren erkannten bei dieser Gelegenheit Isaak Abrabanels richtigen politischen und finanziellen Blick und zogen ihn seitdem bei wichtigen Staatsfragen zu Rate.13 Aber seine Kraft war durch die vielen Leiden und Wanderungen gebrochen. Noch vor dem siebzigsten Lebensjahre hatte ihn die Hinfälligkeit des Greisenalters beschlichen. In einem Antwortschreiben (vom Jahre 1507) an einen wissensdurstigen Mann aus Candia, an Saul Kohen Aschkenasi, einen Jünger und Geisteserben des Elia Del Medigo (VIII,3 S. 244), welcher gewichtige philosophische Fragen an ihn richtete, klagte Abrabanel über zunehmende Schwäche und Greisenhaftigkeit.14 Und wenn er es auch verschwiegen hätte, so würden seine schriftstellerischen Arbeiten aus dieser Zeit seine Altersschwäche verraten haben. Die gehetzten Opfer des spanischen Fanatismus hätten einen Leib von Erz und Kraft von Stein haben müssen, um dem Andrang solcher Leiden nicht zu erliegen.

Ein anschauliches Bild von der unstäten Wanderung der jüdischspanischen Verbannten gibt das Leben eines Leidensgenossen, der [7] an sich ohne besondere Bedeutung durch seinen Eifer den gesunkenen Mut der Unglücklichen zu heben, sich einen Namen gemacht hat. Es war ein rühriger Sendbote, ein Bücherwurm, der Spanier Isaak ben Abraham Akrisch (geb. um 1489, starb nach 1578),15 dem die jüdische Literatur die Erhaltung manches Wertvollen zu verdanken hat. Akrisch sagte halb im Scherze und halb im Ernste von sich, er müsse wohl zu einer Stunde geboren sein, als der Planet Jupiter durch das Tierkreiszeichen der Fische hindurchging, ein Zusammentreffen. welches nach der astrologischen Nativitätsstellung ein Wanderleben vorausverkünde. Denn obwohl lahm an beiden Füßen, habe er sein ganzes Leben mit Wanderungen von Stadt zu Stadt, zu Wasser und zu Lande zugebracht. Noch als junger Knabe wurde Akrisch aus Spanien [8] ausgewiesen, und in Neapel trafen ihn die Leiden, welche sich gegen die Verbannten verschworen zu haben schienen. So hinkte er von Volk zu Volk, »deren Sprache er nicht verstand und die nicht Greise, nicht Kinder verschonten«, bis er in Ägypten, im Hause eines Verbannten, der indes daselbst eine angesehene Stellung eingenommen hatte, für einige Jahre einen Ruheplatz fand. Wer vermag den umherirrenden Verbannten mit wunden Füßen und mit noch mehr wundem Herzen zu folgen, bis sie irgendwo Rast oder die Ruhe des Grabes gefunden haben!

Aber gerade diese Riesenhaftigkeit des Elendes, das sie erduldet, hob das Bewußtsein der sefardischen Juden zu einer Höhe, welche an Hochmut streifte. Wen Gottes Hand so wuchtig schwer, so nachhaltig getroffen, wer so unsäglich viel gelitten, der müsse eine Sonderstellung haben, müsse ein besonders Auserwählter sein, dieser Gedanke oder dieses Gefühl lebte in der Brust aller Übriggebliebenen mehr oder minder klar. Sie betrachteten ihre Vertreibung aus der pyrenäischen Halbinsel als ein drittes Exil und sich selbst als besondere Lieblinge Gottes, die er gerade wegen seiner größeren Liebe zu ihnen nur um so härter gezüchtigt habe. Wider Erwarten stellte sich bei ihnen eine gehobene Stimmung ein, welche die erduldeten Leiden zwar nicht vergessen machte, aber sie verklärte. Sobald sie sich nur von der Wucht ihres tausendfachen Elends ein wenig frei fühlten und aufzuatmen vermochten, schnellten sie wieder empor und trugen wie Fürsten ihre Häupter hoch. Alles hatten sie verloren, nur ihre spanische Grandezza, ihr vornehmes Wesen nicht. So gedemütigt sie auch waren, verließ sie ihr Stolz nicht, und sie machten ihn überall geltend, wo ihr wandernder Fuß einen Ruhepunkt sand. Sie hatten auch einigermaßen die Berechtigung dazu. So sehr sie auch seit der Überhandnahme der wissensfeindlichen streng frommen Richtung im Judentum und seit der erfahrenen Ausschließung aus den Gesellschaftskreisen in den höheren [9] Wissenschaften zurückgekommen waren und ihre Jahrhunderte lang behauptete Meisterschaft eingebüßt hatten, so waren sie doch den Juden aller übrigen Länder an Bildung, Haltung und auch an innerem Gehalt bei weitem überlegen, die sich in ihrer äußeren Erscheinung und in ihrer Sprache zeigte. Ihre Liebe zu ihrer Heimat war so groß, daß sie keinen Raum in ihrem Herzen für den Haß ließ, den sie gegen die Rabenmutter, die sie ins Elend gestoßen, hätten empfinden müssen. Wo sie hinkamen, gründeten sie daher spanische oder portugiesische Kolonien. Sie brachten die spanische Sprache, die spanische Würde und Vornehmheit nach Afrika, der europäischen Türkei, nach Syrien und Palästina, nach Italien und Flandern und überall mit; wohin sie verschlagen wurden, hegten und pflegten sie dieses spanische Wesen mit so viel Liebe, daß es sich unter ihren Nachkömmlingen bis auf den heutigen Tag lebendig erhalten hat. Weit entfernt in den Ländern, die sie gastlich aufgenommen, in der Mehrzahl der übrigen jüdischen Bewohner aufzugehen, hielten sie sich als ein bevorzugter Menschenschlag, als die Blüte und der Adel der Judenheit, von ihren Stammgenossen gesondert, blickten verächtlich auf sie herab und schrieben ihnen nicht selten Gesetze vor. Das kam daher, daß die spanischen und portugiesischen Juden die Sprache ihrer Heimat (welche durch die Eroberungen und Entdeckung von Amerika Weltsprache geworden war) rein sprachen, an der Literatur teilnahmen, dadurch auch im Verkehr mit Christen ebenbürtig und männlich ohne Scheu und Kriecherei auftraten. Sie bildeten in diesem Punkte einen Gegensatz gegen die deutschen Juden, welche gerade das, was den Menschen zum Menschen macht, eine reine und schöne Sprache, mißachteten und dagegen verwahrlostes und kauderwelsches Sprechen, so wie das sich Fernhalten von der christlichen Welt als Religiosität betrachteten. Die sefardischen Juden legten überhaupt Gewicht auf die schöne Form, auf Geschmack in ihrer Tracht, auf Eleganz in den Synagogen und ebenso auf die Mittel zum Gedankenaustausch. Die Rabbinen spanischer und portugiesischer Zunge predigten in ihrer Landessprache und legten auf reine Aussprache und Wohllaut großen Wert. Daher artete ihre Sprache niemals, wenigstens nicht in den ersten Jahrhunderten nach ihrer Ausweisung, in einen lallenden Jargon aus. »In den Städten Salonichi, Konstantinopel, Alexandrien, Kairo, in Venedig und anderen Handelsplätzen machen die Juden nur in spanischer Sprache Geschäfte. Ich kannte Juden aus Salonichi, welche, obwohl sie noch jung waren, das Kastilianische eben so gut und noch besser als ich aussprachen«, so urteilte von ihnen ein christlicher Schriftsteller etwa ein halbes Jahrhundert nach ihrer Vertreibung.16

[10] Selbst der milde und bereits gebrochene Isaak Abrabanel sprach verächtlich von den deutschen Juden wegen ihrer barbarischen Mischsprache. Er war nämlich erstaunt darüber, in dem Sendschreiben des aus Deutschland stammenden Saul Kohen aus Kandia bei diesem eine so gewandte (hebräische) Sprache und eine so geschlossene Ordnung der Gedanken zu finden, und sprach seine Verwunderung freimütig aus: »Ich erstaune, eine so wohlgesetzte Sprache unter den Deutschen (Juden) zu finden, welche auch im Munde ihrer Großen und Rabbinen selten ist, wie bedeutend sie auch sonst sein mögen. Ihre Sprache ist voll Ungeschicklichkeit und Unbeholfenheit, ein Stottern ohne Einsicht«.17 Diese Überlegenheit der Juden spanischer und portugiesischer Abstammung an Bildung, Haltung, gesellschaftlichen Manieren und Welterfahrung wurden auch von den übrigen Juden, namentlich den deutschen, mit denen sie überall zusammentrafen, anerkannt und bewundert. Daher durften jene sich herausnehmen, überall die Herren zu spielen und oft trotz ihrer Minderheit die Mehrheit der Gemeinden anderer Zunge zu meistern. In dem Jahrhundert nach ihrer Verbannung sind sie fast ausschließlich die Träger der geschichtlichen Begebenheiten; die Namen ihrer Stimmführer erklingen überall, sie lieferten Rabbiner, Schriftsteller, Denker und Phantasten, während die deutschen und italienischen Juden in dieser Zeit ein bescheidenes Plätzchen einnahmen. In allen Ländern, mit Ausnahme Deutschlands und Polens, wohin sie niemals oder nur vereinzelt gedrungen waren, wurden die sefardischen Juden die Tonangeber.

Der nordafrikanische Küstenstrich und das bewohnbare Binnenland waren mit Juden spanischer Abkunft gefüllt, wo sie sich in dem Jahrhundert der großen Verfolgung von 1391 bis zur vollständigen Vertreibung zahlreich angesammelt hatten. Von Safi (Assafi), der südwestlichsten Stadt Marokkos, bis Tripolis im Nordosten befanden sich viele größere und kleinere Gemeinden spanischer Zunge. Obwohl von den kleinen barbarischen Tyrannen und der verkommenen maurischen Bevölkerung meistens gehaßt, mit Willkür behandelt und öfter zum Tragen einer schändenden Tracht gezwungen, blieb doch für die Gewandtheit hervorragender Juden daselbst Spielraum genug, sich auszuzeichnen, sich zu einer hohen Stufe emporzuschwingen und einen [11] umfangreichen Wirkungskreis einzunehmen. In Marokko stand ein reicher und geschichtskundiger Jude, welcher dem Fürsten dieses Staates bedeutende Dienste geleistet, bei diesem in hohem Ansehen.18 In Fez, welches Flüchtlinge aus Spanien massenhaft aufgesucht haben, bestand, trotzdem Hungersnot und Pest viele Tausende derselben aufgerieben hatten,19 doch eine Gemeinde von 5000 jüdischen Familien, in deren Händen die meisten Gewerke lagen.20 Hier lebte ein Jude spanischer Abkunft, Samuel Alvalensi, wohl ein Enkel des Rabbiners gleichen Namens,21 der wegen seiner Tüchtigkeit und seines Mutes bei dem König beliebt war und bei der Bevölkerung so viel Vertrauen genoß, daß sie ihn zum Führer annahm. In dem Streite zwischen den zwei regierenden Familien, den Merinos und Xerifs, stand er auf seiten der ersteren, führte 1400 Mann Juden und Mauren gegen die Anhänger der letzteren und schlug sie bei Centa aufs Haupt.22 – In der Residenzstadt Tlemsen (Tremcen) nahm die sehr zahlreiche jüdische Gemeinde spanischer Abkunft den größten Teil ein.23 Hier traf nach der Flucht aus Spanien der achtzehnjährige Jakob Berab ein (geb. 1474, gest. 1541)24, einer der rührigsten Männer unter den spanischen Auswanderern, der scharfsinnigste Rabbiner seiner Zeit nächst seinem deutschen Namensgenossen, Jakob Polak, aber zugleich ein querköpfiger, rechthaberischer und unverträglicher Mann, der viele Gegner, aber auch viele Verehrer hatte. In Maqueda bei Toledo geboren, war Jakob Berab unter vielen Gefahren, unter Mangel, Hunger und Durst nach Tlemsen gekommen, und von da begab er sich nach Fez, dessen Gemeinde ihn, den brotlosen Jüngling, wegen seiner Gelehrsamkeit und seines Scharfsinnes zu ihrem Rabbiner wählte. Dort leitete er ein Lehrhaus, bis die fanatischen Spanier Eroberungen in Nordafrika machten und das stille Asyl der dortigen Juden beunruhigten.

[12] In Algier führte die bereits verringerte Gemeinde ein Abkömmling spanischer Flüchtlinge von 1391, Simon Duran II. (geb. 1439, gest. nach 1510),25 ein Sohn des philosophisch gebildeten Rabbiners Salomon Duran (VIII3, 166), Nachfolger im Rabbinate nach dem Tode seines Bruders Zemach Duran II. Er galt zu seiner Zeit gleich seinem Bruder als hochangesehene rabbinische Autorität, und beide wurden von vielen Seiten mit Anfragen angegangen. Von edler Gesinnung wie sein Vater war Simon Duran eine Schutzwehr für seine Glaubensgenossen und ein Rettungsanker für die spanischen Verbannten, die bis in seine Nähe versprengt worden waren; denn er scheute weder Geldverlust, noch Lebensgefahr, wo es galt Religiosität, Sittlichkeit und Rettung seiner Stammesgenossen durchzusetzen.26 Fünfzig Juden, versprengte Flüchtlinge, die Schiffbruch erlitten hatten, waren an die Küste von Sevilla geworfen, von den fanatischen Spaniern – dem Worte des Ediktes gemäß – in Kerker gesperrt und zwei Jahre lang darin gehalten worden. Sie hatten täglich den Tod erwartet, wurden aber zuletzt doch begnadigt, d.h. als Sklaven verkauft. Als solche kamen sie in kläglichem Zustande nach Algier und wurden durch die Bemühung Simon Durans um 700 Dukaten, welche die kleine Gemeinde zusammengeschossen, ausgelöst.27 Die Eroberungssucht und der Fanatismus der Spanier vergällten sein Alter und brachten über die Juden einiger nordafrikanischer Städte neue Drangsale. Nachdem der Kardinal Ximenes, der dritte Großinquisitor, der Gründer der Universität Alkala und der Begründer des finsteren, grauenhaften Despotismus in Spanien, die Stadt Oran mit dem Kreuze und dem Schwerte erobert hatte – ein Jude soll ihm dabei als Spion behilflich gewesen sein – ließen dessen Lorbeeren den neidischen König Fernando den Katholischen nicht schlafen. Er sandte eine Flotte unter dem Feldherrn Pedro Navarra zur Eroberung der Königreiche Bugia und Tunis aus. Die Stadt Bugia wurde nach zweiwöchentlicher [13] Berennung erobert (31. Januar 1510) und ausgeplündert; die Einwohner hatten sich vor der drohenden Gefahr nach allen Seiten zerstreut. Den Juden dieser Stadt28 erging es dabei schlimm genug; diejenigen, welche nicht die Flucht ergriffen hatten, gerieten in Gefangenschaft und hatten kein beneidenswertes Los unter den Händen der von der Inquisition zu Blutmenschen abgehärteten spanischen Soldateska. Sobald die Nachricht von der Einnahme Bugias nach Algier gelangte, zitterten die jüdischen Bewohner, sowie die ganze Stadt wegen der ihnen unausbleiblich drohenden Gefahr, und viele von ihnen suchten ihr Heil in der Flucht. Der bereits zweiundsiebzigjährige Greis Simon Duran schleppte sich von Dorf zu Dorf und wollte nach dem fern liegenden Almadia auswandern. Indessen lief es doch nicht so schlimm ab, die Einwohner von Algier unterwarfen sich freiwillig, leisteten dem König von Spanien den Eid der Treue und versprachen jährlichen Tribut zu zahlen. Das Leben der Juden blieb verschont; sie mußten aber volles Lösegeld wie Kriegsgefangene an die mohammedanischen Bewohner zahlen.29 Die mehr denn achthundert Familien zählende Gemeinde von Tripolis (Tarablus) in Nordafrika geriet größtenteils zur selben Zeit in Gefangenschaft.30

Den Juden von Tunis ging es wohl nicht besser, da auch diese Stadt gezwungen war, mit Pedro Navarra zu kapitulieren. Hier hatten zwei bedeutende jüdisch-spanische Männer einige Jahre eine Zuflucht gefunden; der eine, der Geschichtsschreiber und Astronom Abraham Zacuto, der bereits am Abend seines Lebens stand, und ein jüngerer Mann, Mose Alaschkar. Zacuto, welcher auf der pyrenäischen Halbinsel bereits eine Schule von christlichen und mohammedanischen Jüngern in der Mathematik und Astronomie hatte, dessen Schriften, durch den Druck veröffentlicht, vielfach gelesen und benutzt worden waren, war indes gezwungen, wie ein Geächteter umherzuirren, und war nur mit Not dem Tod entronnen. In Tunis scheint er einige ruhige Jahre verlebt zu haben, und hier hatte er seine mehr berühmte als brauchbare Chronik vollendet. Geschichtswerkdarf man sie nicht nennen (Sefer Jochasin 1504),31 sondern einen Abriß der jüdischen Geschichte [14] und auch mehr Literaturgeschichte. Ein Anhang dazu war ein Jahrbuch der allgemeinen Geschichte. Zacutos Werk hat aber nur das Verdienst, die Geschichtsforschung unter den Juden angeregt zu haben; denn es ist weit entfernt von künstlerischer Anlage wie von Vollständigkeit. Er hat bloß aus Schriften, die ihm zugänglich waren, formlos zusammengetragen. Nicht einmal die Geschichte seiner Zeit, die Leiden der spanischen und portugiesischen Juden, hat Zacuto vollständig oder in übersichtlicher Ordnung dargestellt. Seine chronologischen Angaben sind auch nicht immer zuverlässig. Zucutos Chronik war aber ein Kind des Alters und der Drangsale; er hat sie mit zitternder Hand und mit bangem Gemüt wegen der nächsten Zukunft und ohne genügende literarische Hilfsmittel zustande gebracht, und insofern verdient sie Nachsicht.

Gleichzeitig mit Zacuto lebte in Tunis Mose ben Isaak Alaschkar (Aschakar, geb. um 1470, gest. zwischen 1532 bis 1538),32 der früher in Zamora geweilt und bei der Vertreibung aus Spanien in Gefangenschaft geraten und in den Meeresfluten dem Tode nahe war. Alaschkar war ein scharfsinniger Talmudist, wie sein jung verstorbener Lehrer Samuel Alvalensi, ein richtig denkender Kopf, ohne beschränkte Einseitigkeit. Er vertiefte sich einerseits in die dunkeln [15] Irrgänge der Kabbala und erhob anderseits seine Augen zu den lichten Höhen der Philosophie. Eine solche Mißverbindung zweier unverträglicher Denkweisen war damals noch möglich. Alaschkar ging so weit, Maimuni und dessen philosophisches System gegen die verketzernden Ausfälle der Finsterlinge in Schutz zu nehmen.

Vor dem Schrecken, den die spanischen Waffen über die nordafrikanischen Juden gebracht haben, scheinen Zacuto und Alaschkar mit vielen andern Tunis verlassen zu haben. Sie hatten die Unmenschlichkeit der überkatholischen Spanier gegen die Juden hinlänglich kennen gelernt. Der erstere wanderte nach der Türkei und scheint gleich darauf müde ins Grab gestiegen zu sein (vor 1515).33 Alaschkar floh nach Ägypten und nahm dort vermöge seiner vielseitigen Kenntnisse und seines Reichtums eine geachtete Stellung ein.

In Ägypten und namentlich in der Hauptstadt Kairo hatten sich ebenfalls viele jüdisch-spanische Flüchtlinge angesammelt und hier in kurzer Zeit ein bedeutendes Übergewicht über die jüdischen Ureinwohner erlangt. Als sie dort eintrafen, fungierte noch über sämtliche ägyptische Gemeinden wie in früherer Zeit ein jüdischer Oberrichter oder Fürst (Nagid, Reïs) in der Person des ebenso edlen, wie reichen Isaak Kohen Schalal (oder Scholal, blühte um 1490, gest. 1525;34) er war seinem Verwandten Nathan Schalal in dieser Würde nachgefolgt. Er war ein biederer Charakter, auch talmudisch gelehrt, der sein hohes Ansehen, welches von dem ägyptischen Mamelukensultan anerkannt war, und seinen Reichtum zum Wohl seiner Gemeinde und der dahin versprengten Flüchtlinge verwendete. Isaak Schalal stand daher bei seinen Zeitgenossen in hoher Achtung. Ohne Neid beförderte er verdienstvolle Männer unter den spanischen Auswanderern zu Ämtern, und dadurch gelangten diese nach und nach zu bedeutendem Einflusse. Unter ihnen fand in Kairo eine Zufluchtsstätte der spanische Gelehrte Samuel Sidillo (oder Sid, Ibn-Sid, geb. um 1455, gest. um 1530,35 ein Jünger des letzten toledanischen [16] Rabbiners Isaak de Leon, zu seiner Zeit wegen seiner Frömmigkeit und seines tiefen und klaren rabbinischen Wissens hochgeachtet. Samuel Sidillo wurde als Rabbiner im Kairoanischen Kollegium angestellt. Einen noch bedeutenderen Namen erlangte daselbst ein anderer gelehrter Flüchtling von spanischer Abkunft, David Ibn-Abi Simra (geb. um 1470, gest. um 1573),36 ein Jünger des Mystikers Joseph Saragossi, reich an Kenntnissen, Tugenden, Schätzen und Nachkommen, der bald die Einheimischen überstrahlte und die höchste rabbinische Autorität in Ägypten erlangte. Noch viele andere spanisch-rabbinische Gelehrte fanden einen Ruhepunkt in Ägypten, nächst den bereits genannten auch Jakob Berab und Mose Alaschkar, auch ein sonst wenig bekannter Abraham Ibn-Schoschan, die sämtlich nach und nach ins Rabbinatskollegium traten.

Eine politische Wandlung in Ägypten brachte die Spanier an die Spitze der dortigen Judenheit. Das Nilland mit dem dazu gehörigen Syrien und Palästina, dessen Eroberung den Sultanen von Konstantinopel so schwer wurde, weil auch die rechtgläubigen Türken dagegen waren, fiel endlich Selim I. als sichere Beute zu. In einer entscheidenden Schlacht unweit Aleppo erfocht er einen glänzenden Sieg über den letzten Mameluckensultan Kanßu Algawri, und sein Marsch von Syrien nach Ägypten glich einem Triumphzuge. Selim wurde (Anfang 1517) Herr aller der ausgedehnten Länderstrecken, welche in früheren Zeiten eine Reihe größerer und kleinerer Staaten bildeten. Der letzte ägyptische Sultan fand ein tragisches Ende und ebenso der in aller Eile erwählte Eintagssultan Tumanbeg. Eigen ist es, daß türkische Juden sich sehr warm für die Eroberung Ägyptens interessiert haben. Ein Kabbalist Salomo Del Medras verlegte sich darauf, durch bedeutungsvolle Träume zu erfahren, ob Selims Feldzug gegen Ägypten einen glücklichen Erfolg haben, und in welchem Jahre er die Eroberung vollführen werde. Beides soll ihm durch Schriftverse im Traum offenbart worden sein.37 Den Sommer desselben Jahres brachte Selim damit zu, eine neue Ordnung in Ägypten zu schaffen, es in vollste Abhängigkeit von der Türkei zu bringen und überhaupt es in eine Provinz zu verwandeln, die von einem ihm ergebenen Pascha als Vizekönig regiert werden sollte. Einen Juden [17] spanischer Abkunft, Abraham de Castro, setzte Selim zum Münzpächter für die neue türkische Prägung ein, und dieser erlangte durch seine Reichtümer und seinen Einfluß eine gewichtige Stimme im türkischen Beamtenkreise und in der ägyptischen Judenheit. De Castro war sehr wohltätig, spendete alljährlich 3000 Goldgulden für Almosen und nahm überhaupt ein lebendiges Interesse an den Angelegenheiten seiner Glaubensgenossen.38

Die alte Ordnung der ägyptischen Judenheit scheint nun Selim I. oder der Vizesultan Cheibeg verändert zu haben. Bis dahin bestand seit Jahrhunderten ein Oberrabbinat und Oberrichteramt über sämtliche Gemeinden, dessen Inhaber eine Art fürstliche Gewalt hatte, ähnlich derjenigen, welche die babylonischen oder bagdadensischen Exilsfürsten ehemals inne hatten. Der Oberrabbiner oder Fürst (Nagid) ernannte die Rabbiner für die Gemeinde, entschied die Streitigkeiten unter den Juden ganz allein in höchster Instanz, hatte das Recht, jede neue Einrichtung oder Maßregel zu bestätigen oder zu verwerfen, durfte selbst gewisse Leibesstrafen über Vergehen und Verbrechen von seiten der Glaubensgenossen unter seiner Gerichtsbarkeit verhängen und bezog für diese Funktionen bedeutende Einnahmen. Diese Ordnung wurde seit der Herrschaft der Türken über Ägypten aufgehoben.39 Jede Gemeinde erhielt fortan die Selbständigkeit, ihren Rabbiner selbst zu wählen und ihre Angelegenheiten ohne Bevormundung zu ordnen. Der letzte jüdisch-ägyptische Fürst oder Großrabbiner, Isaak Schalal (o. S. 16), wurde seiner Würde entsetzt und begab sich mit seinen Reichtümern nach Jerusalem, wo er ein Wohltäter der anwachsenden Gemeinde wurde. Das Rabbinat von Kairo erhielt darauf der spanische Einwanderer David Ibn-Abi-Simra40 wegen seines biederen Charakters, seiner Gelehrsamkeit, seines Wohltätigkeitssinnes und wohl auch oder noch mehr wegen seines Reichtums. Man erzählte sich, er habe in seinem Hause einen Schatz gehoben, den er dazu verwendete, die armen Talmudbeflissenen in Ägypten, Jerusalem, Hebron und Safet zu unterstützen.41 David Simras Ansehen stieg so bedeutend, daß er die jahrelang andauernden Streitigkeiten [18] zwischen zwei Gemeindegruppen den Moghrebin (Afrikanern) und Mostarabern, schlichtete,42 und daß er einen sehr alten Brauch aufheben durfte,43 der sich in allzu übertriebener Erhaltungssucht von Jahrhundert zu Jahrhundert wie ein abgestorbenes Glied hingeschleppt hatte. Die babylonischen Juden hatten vor mehr denn achtzehn Jahrhunderten die syrische oder seleucidische Zeitrechnung (Minjan Jawanim, Minjan Schetarot) zum Andenken an den Sieg des syrischen Königs Seleukos über die anderen Feldherrn Alexanders des Großen angenommen. Das syrische Reich und die Seleuciden waren längst untergegangen, Syrien war nacheinander eine Beute der Römer, der Byzantiner, der Mohammedaner, der Mongolen und der Türken geworden; nichtsdestoweniger hatten die babylonischen und von ihnen die ägyptischen Juden dieselbe Zeitrechnung beibehalten und sich derselben nicht bloß für geschichtliche Erinnerungen und weltliche Urkunden, sondern auch für religiöse Zwecke, Ausstellung von Scheidebriefen und ähnlichen Urkunden, bedient. Während die palästinensischen und europäischen Juden nacheinander eine andere Zeitrechnung eingeführt hatten: seit der Tempelzerstörung und seit Erschaffung der Welt (Aera mundi), hielten die babylonischen und ägyptischen Juden an der seleucidischen Ära so fest, daß jede Scheidungsurkunde, die nicht nach derselben datiert war, als ungültig angesehen wurde.44 Diese veraltete Zeitrechnung hob Ibn-Abi-Simra für Ägypten auf und führte dafür die bereits allgemein angenommene seit der Erschaffung der Welt ein;45 seine Neuerung fand keinen Widerspruch. – Das Übergewicht der eingewanderten sefardischen Juden über die Mehrzahl der Urgemeinde (die Mostarabi) war so groß und fest, daß jene es wagen und durchsetzen konnten – gegen deren Widerspruch – einen alten, schönen, von Maimuni selbst eingeführten Brauch aufzuheben. Die mostarabischen Juden waren nämlich seit mehr denn drei Jahrhunderten gewöhnt, das Hauptgebet in den Synagogen ohne Selbstbeteiligung, nur vom Vorbeter laut vorgetragen, anzuhören. Dieser Brauch schien aber den Frommen von der pyrenäischen Halbinsel, gegentalmudisch, wo nicht gar ketzerisch, und sie arbeiteten mit Eifer daran, ihn zu verdrängen, obwohl der von allen verehrte Maimuni dessen Urheber war.46 Die grausigen Leiden hatten die sefardischen Juden herbe gestimmt und sie nur allzu geneigt [19] gemacht, auf religiösem Gebiete die äußerste Strenge walten zu lassen und dem Buchstaben knechtisch zu folgen. Der Rabbiner David Ibn-Abi-Simra war ihr Wortführer.

Während seines Rabbinats schwebte eine schwere Gefahr über den Häuptern der Kairoaner Gemeinde. Der vierte vizekönigliche Pascha von Ägypten, Achmed Schaitan (Satan), der mit dieser hohen Würde für seine Heldentaten bei der Eroberung von Rhodus belohnt worden war, hegte einen Plan, Ägypten von der Türkei wieder loszureißen und sich zum selbständigen Herrscher desselben aufzuwerfen. Als ihm die ersten Schritte dazu gelungen waren, stellte er an den jüdischen Münzpächter Abraham de Castro das Ansinnen, die Prägung der Münzen mit seinem Namen zu versehen. Dieser ging zum Schein darauf ein und ließ sich den Befehl dazu schriftlich von Achmed ausstellen. Damit versehen, suchte er sich heimlich aus Ägypten zu entfernen und eilte nach Konstantinopel an den Hof Suleimans II., um Anzeige von dem verräterischen Abfall des Paschas zu machen. Dadurch fand sich Achmed in der Ausführung seines Planes gehemmt. Seinen Zorn über de Castros Flucht ließ er daher an den Juden aus, warf einige derselben, wahrscheinlich de Castros Verwandte und Freunde, in Kerker und gestaltete den Mamelucken, das Judenquartier in Kairo zu plündern. Auf die Bemerkung eines Ratgebers daß das Vermögen der Juden von Rechts wegen ihm, dem Herrscher, überhaupt gebührte, tat Achmed Schaitan dem Plündern Einhalt, um seine eigene Kasse nicht geschmälert zu sehen. Er entbot darauf zwölf angesehene Juden in seinen Palast und legte ihnen das Herbeischaffen einer unerschwinglichen Summe binnen kurzer Zeit auf mit der Drohung, wenn sie seiner Forderung nicht nachkämen, sie mit Weib und Kindern unbarmherzig umkommen zu lassen. Zur größern Sicherheit hielt er die berufenen Vorsteher, wahrscheinlich die Rabbiner David Ibn-Abi-Simra und andere als Geiseln zurück. Das Flehen der Gemeinde um Nachsicht und Aufschub beantwortete der Wüterich mit noch schrecklicheren Drohworten. In dieser hoffnungslosen Lage wendeten sich die Hauptstadtjuden im inbrünstigen Gebet zu Gott. Der Greis Samuel Sidillo sammelte die unmündigen Kinder unter zwölf Jahren, welche ebenfalls dem Tode geweiht waren, zum Gebet in seiner Synagoge, und dieses jammervolle Flehen der Unschuldigen machte einen so tiefen Eindruck auf die Gemüter, daß die Szene unvergeßlich blieb. Inzwischen hatten die Sammler eine bedeutende Summe zusammengebracht und boten sie vor der Hand als Abschlagszahlung an. Da sie aber kaum dem zehnten Teil der von Achmed Schaitan geforderten Summe entsprach, ließ sein Geheimschreiber auch die Sammler in Fesseln legen und bedrohte sie, sowie sämtliche Gemeindeglieder, klein und groß, noch an demselben Tage mit dem sichern Tode, [20] sobald sein Herr nur das Bad verlassen haben werde. In demselben Augenblick, als der Katib diese Drohung ausgesprochen, wurde der Pascha von einem seiner Wesire, Mohammed-Bey, der ihn zu täuschen gewußt, und von einigen Mitverschworenen im Bade überfallen und schwer verwundet. Es gelang ihm zwar, sich in seine befestigte Burg zu werfen, aber diese wurde von der aufgebotenen Bevölkerung Kairos gestürmt, weil Mohammed-Bey ihr die Plünderung derselben verheißen hatte. Achmed Schaitan entfloh zwar aus dem Schlosse, wurde aber verraten, eingeholt, gefesselt und dann enthauptet. Mohammed Bey befreite darauf die gefesselten jüdischen Vorsteher aus dem Kerker und sämtliche Juden Kairos von der Todesgefahr. Der Tag der Errettung (der 27. oder 28. Adar 1524)47 wurde eine Zeitlang von den ägyptischen Juden als Gedenktag (Kairoanische Purim, Furin al-Missrajin) gefeiert.


Fußnoten

1 Konventionell wurde in dieser Zeit das Bibelwort Sepharad auf die ganze pyrenäische Halbinsel angewendet, so daß der Name Sephardim oder Sefardim sämtliche Juden Spaniens, Kastilianer, Aragonesen, Leonesen, Navarresen und auch Portugiesen umfaßt.


2 Abrabanel Einl. zum Daniel-Komment. und im Texte p. 132; Isaak Akrisch Einl. zu dem von ihm edierten Tripel-Kommentar zu Canticum.


3 Abrabanel das.


4 Vergl. über ihn Carmoly: Die Jachjiden, p. 17 ff. und Band VIII.3, S. 482 ff Davids zwei Schriften sind םידומל ןושל, eine kurzgefaßte hebräische Grammatik nebst Poetik (Titel שדקה לקש) und ein kompilatorisches exegetisches Werk zu den Sprüchen (יקנו בק), beide noch in Lissabon verfaßt.


5 Vergl. Bd. VIII, das.


6 Carmoly, Biographie der Jachjiden. Das.


7 Seine Lebensschicksale in der Einl. zum philosophischen Werke רוא הרית seines Enkels Joseph b. David J. Jachja und als Ergänzung dazu im Schalschélet seines Urenkels Gedalja J. Jachja p. 49 b (vergl. Carmoly a.a.O., p. 14, 26). Der Widerspruch, den Carmoly zwischen dem Berichte des Enkels und dem seines Urenkels finden will, ist nicht so klaffend, um nicht applaniert werden zu können. Der erstere wollte nur die Leiden seines Großvaters erzählen, d.h. sie sich in Erinnerung bringen, überging daher die Züge, welche nicht direkt dazu gehören, namentlich die anfänglich günstige Behandlung desselben von seiten des Herzogs von Ferrara. Der letztere dagegen wollte Biographisches geben und hat daher Züge aus Familientraditionen ergänzt. Aus der genannten Einleitung zu רוא הרות geht hervor, daß dieser Joseph J. Jachja, der dritte dieses Namens, als Märtyrer starb. Er wird שודקה ףסוי genannt und dabei bemerkt: אל ... והשודקב תמו .. ויתפשנ ףסוי ןוד אטח. Er muß also der Folterqual in Ferrara erlegen sein.


8 Abrabanels Antwortschreiben an Saul Kohen, p. 8d und dessen Biographie von Chaskitu.


9 Den Biographen des Leon Medigo (Carmoly, histoire des Médecins juifs, auch Biographie des Abrabanel in Ozar Nechmad II., und Delitzsch, Orient. Literaturblatt No. 6 ff.) ist ein wichtiger Punkt aus seinem Leben entgangen, nämlich dessen Bekanntschaft mit Pico. Der marranische Arzt Amatus Lusitanus, der mit Leons Enkel Jehuda in Salonichi zwischen 1559-1562 bekannt war, erzählt von Leon Medigo folgendes (Centuria VII curatio 98): Jehuda Abrabanelius, magni illius Jehudae sive Leonis Abrabanelii Platonici philosophi, qui nobis divinos de amore dialogos scriptos reliquir, nepos ... supremum diem obiit ... apud se librum justae magnitudinis, quem avns suus composuerat, reservatum habebat, cui de Coeli armonia titulus erat, non nisi longobardis literis inscriptus, et quem bonus ille Leo divini Mirandulensis Pici precibus composuerat, et ex ejus prooemio elicitur; quem librum ego non semel percurri et legi, et ni mors immatura nepoti huic ita praevenerat, eum brevi in lucem mittere decreveramus. Est sane opus hoc doctissimum, in quo bonus ille Leon quantum in philosophia valebat, satis indicaverat; scolastico tamen stilo inscriptum. Die Bekanntschaft Leon Medigos mit Pico steht also fest; sie muß innerhalb der zwei oder drei Jahre 1492-94, zwischen der Einwanderung des erstern in Italien und dem Tode des letztern, gemacht worden sein. Über seinen angeblichen Übertritt zum Christentum vergleiche weiter unten.


10 Zurita, Anales de Aragon V, p. 327 b.


11 Abrabanel, Antwortschreiben an Saul Kohen Aschkenasi, ed. Venedig von 1574, p. 20 b.


12 Schem-Tob Athias, Einl. zum Psalmkommentar.


13 Chaskitu, Biographie des Abrabanel.


14 Abrabanels Antwortschreiben.


15 Die Data aus der Biographie des Isaak Akrisch verdienen eine eingehende Untersuchung, weil manche andere unbekannte Data dadurch ins Licht gesetzt werden können. Er war der Editor: I) des Briefwechsels zwischen Chasdai Ibn-Schaprut und dem Chazarenkönig (V S. 366) unter dem Titel: רשבמ לוק; II) der Geschichte Bostanaïs (das. S. 459) unter dem Titel: םרפ תוכלמ ומיב דוד תיב השעמ; III) des Efodischen polemischen Briefes (VIII3 S. 88): ךיתובאכ יהת לא תרגא; IV) eines Tripel-Kommentars zu Canticum und anderer Schriften. Um seine Lebensdauer zu fixieren, muß man vom Ende anfangen: 22. Tebet 5338 = 1. Januar 1578 kopierte für ihn Jacob Catalani Schemtob Ibn-Schapruts polemisches Werk: ןחב ןבא; Schlußangabe רבגל ןחב ןבא 'ס הזלה .. רפסה יתבתכ .. ינאלטאק בקעי .. ינא ך"ב .. ותדובע תכאלמ לכהו שירקאע קחצי ירהמ .. םכחו ןוכנ אישנה ףסוי ןוד םוכודה רשה תיבנ הפ ח"לשה תבט שדוחל. Er war damals im Hause des Herzogs von Naxos, lebte also noch anfangs 1578. Dann erzählt er von sich (in der Einl. zu Nr. IV): תולגמ שירקע םהרבא ןב קחצי רמא רתי םע שרגנו םונודזה םימה וילע לבק אל יכ שילופנמו דרפס ילע םג ... .הסנארפו האינפשיא תוכלממ לכמ תראשנה הטלפה יהיו .הכלממל הכלמממו ריע לא ריעמ תכלל לוטלטה חור רבע םע לא תכלל יתדלומ ץראמו יבא תיבמ םיהלא יתוא ועתה יכ עוסנו ךולה .. םילאעמשיו םודא ילהא ךותב .. יתעדי אל רשא םירצמל יאוב דע הבגנה. Daraus folgt, daß er zu den Vertriebenen aus Spanien von 1492 und den Unglücklichen von Neapel von 1495 gehört hat. Er muß also noch vor 1492 geboren und folglich sehr alt geworden sein. In derselben Einl. erzählt Akrisch, wie er nach langer, langer Wanderung von David Ibn-Abi-Simra in Kairo ins Haus genommen worden, dort Ruhe gefunden und ungefähr 10 Jahre dessen Enkel und Urenkel unterrichtet habe. Er habe erst Ägypten verlassen, als auch sein Gönner Ibn-Abi-Simra es verließ, d.h. von da nach Palästina übersiedelte: ןלצ רס יכ יתוארבו .. םוקאו ישוכר לכ תא יתחקל .. ילעמ (הימז יבא 'ן דוד 'ר לש לצ) הנידנאטשוקל אבאו. Hier ist keineswegs von J. A. Simras Tod, sondern von dessen Scheiden die Rede. Akrisch gibt das. an, derselbe sei 40 Jahre Rabbiner in Ägypten und 20 Jahre in Palästina gewesen. Da nun Ibn-Abi-Simra noch im Frühjahr 1569 eine Entscheidung mit dem Rabbinate in Safet mit unterzeichnet hat (Respp. Mose di Trani טיבמ I, Nr. 131): ח"כ 'ה םויב יבא 'ן דוד 'רה םינברה םע דעוה תיבב יתאצמנ ט"כ"שה רדא ו"צי וראק ףסוי 'רהו ,הרמז, so hat man daran wenigstens einen Terminus ad quem. Ibn-Abi-Simra soll noch Isaak Lurjas kabbalistischen Ruhm erlebt haben, etwa 1569 bis 1572. In der Schrift Nr. III gibt Akrisch an, daß seine Büchersammlung im Jahre der Verbrennung des Talmud von der venetianischen Behörde konfisziert worden sei: םש יחכלהש אידנק ריעב יל הרקש דומלתה ףורשל ורזגש הנשב. Das Edikt zum Verbrennen der Talmudexemplare erging im Herbst 1553: in Venedig wurden sie konfisziert im Oktober desselben Jahres, also in Candia etwas später. Ende 1553 war also Akrisch auf seiner Wanderung von Ägypten nach Konstantinopel in Candia. Er verließ also Ägypten in demselben Jahre und hat daselbst geweilt um 1543-53. Auch die biographischen Data für J. A. Simra lassen sich dadurch fixieren. Er hat zu gleicher Zeit mit Akrisch Ägypten verlassen und lebte in Palästina noch 20 Jahre, also 1553-73. In Ägypten war also Ibn-Abi-Simra bis dahin 40 Jahre im Rabbinatskollegium, d.h. 1513-53. Er ist über 100 Jahre alt geworden (nach Asulaï). Folglich war er vor 1473 geboren. – Wenn Akrisch nun in Einl. zu Nr. I angibt: Im Jahre 1545, ungefähr vor 32 Jahren habe ein gewisser Angelo Fabeln von dem Ansammeln althebräischer Stämme mit Fahnen und Fahnenzeichen geschmiedet, und er sei damals 15 Jahre alt gewesen, so muß diese Zahl korrumpiert sein, denn er kann unmöglich erst im Jahre 1530 geboren sein. Vgl. Note 6.


16 Gonsalvo de Illescas, historia pontifical y catolica (1606) bei de los Rios, Estudio sobre los Judeos, p. 469 Note.


17 Abrabanel's Antwortschreiben an Saul Kohen: יפב אלו ,תבצוח הנממ רשא רוצה זנכשא ץראב ןוכי לב ןושל געלנ ,ןואו למע םנושל תמת .המה םיבר ןבו םימלש םא הינבר הניב ןיא ןושל. Vergl. Reuchlins Urteil über die deutschen Juden seiner Zeit in seinem Werke de verbo mirifico ed. Lyon p. 33: Germania quamquam religiosos, tamen parum doctos Hebraeos nutrit, quoniam studiosis potius abhorrendum a philosophis, quam per incuriam aut potius curiositatem in errores cadendum esse persuadent, quorum eos potissimum credunt autores.


18 Leo Africanus, Africae descriptio L. II. No. 45, p. 105.


19 Abraham b. Salomo aus Terrutiel, Neubauer Anecdota Oxon., p. 113.


20 Leo Africanus III, No. 52, p. 243 ff., vergl. Respp. Levi vi Chabib, Abhandlung über die Ordination p. 298 b.


21 Bd. VIII3 S. 218.


22 Imanuel Aboab, Noemologia p. 305 ff.


23 Leo Africanus das. IV, No. 10, p. 334; Abraham Gavison, Omer ha-Schikcha p. 29 b und Ende.


24 Berabs Geburtsjahr ergibt sich aus seiner eigenen Angabe, daß er nach der Vertreibung aus Spanien 18 Jahr alt war, in der Abhandlung über die Ordination (Respp. Levi Ben-Chabib, Ende). Daß er auch in Tlemsen war, bezeugt Gavison a.a.O. p. 68 c: שוריגב םינש םללכמו ... םילודג םינבר ןאסמלתל ואב ם"י"רג תנש לש ןאסמלתב ושרד תחא תבשו ... וניק בקעי 'רו בריב בקעי 'ר ... םללכמו ... היסנכה התוא ימכח םוחבישו ... םיברב תסנכה תיבב יבא ינודא דוד ןושיבג םהרבא 'ר. Über Berabs Todesjahr vergl. weiter unten.


25 Simon Durans II. Geburtsjahr folgt aus seiner eigenen Angabe im zweiten Teil der Respp. זעובו ןיכי No. 48 (der erste Teil gehört seinem Bruder Zemach Duran an). Daselbst klagt er über Leiden und drohende Gefahren und resumiert sie mit den Worten: הלועה דע וחור התוש םתמח רשא םירצונד חולייח תחפ הנלכ לע ןקז ינאש ופ לע ףאו .. רפכל ריעמ ישפנ תא תתכל יתכרצוהש םיקשב םיתרשק ירפס לכ ... הנקז ילע הצפקו הנש ב"ע המש סונל יצפח רשא אידמלל םיתחלשו. Es ist offenbar hier von den Kriegszügen die Rede, welche Fernando der Katholische nach der Eroberung von Oran gegen Bugia, Algier und Tunis unternehmen ließ. Die Zeit dieser Kriege war Januar und Februar 1510 (bei spanischen Annalisten, Zurita IV C. 1-13; falsch bei Leo Africanus das Jahr 1508 und ebenso bei Joseph Kohen in der Chronik und Emek ha-Bacha 1509). Simon Duran war also 1510 zweiundsiebzig Jahr alt.


26 Vergl. die genannten Respp. II, No. 51.


27 Zacuto Jochasin ed. Filipowski, p. 227 b.

28 Joseph Kohen, Chronik p. 54, Emek ha-Bacha p. 39, Respp. Mose Alaschkar, No. 39.


29 Zurita, Anales de Aragon VI, p. 9.


30 Joseph Kohen a.a.O. Respp. Jakob Berab, Nr. 56. Respp. Levi Ben-Chabib p. 318. Respp. Mose Alaschkar Nr. 6.


31 Daß das Zacutosche Jochasin (ןיסחוי, nicht Juchasin) in Tunis verfaßt wurde, sagt der Verfasser selbst ed. Amsterdam 13 b; ed. Filipowski 22a. Das Jahr 1504 kommt in einem Passus in dem universalgeschichtlichen Teil vor, ed. Fil. p. 231 a: וננינמ יפל יכ ...הריציל ד"סרו םיפלא 'ה הנשה תאזב ונא. Ich weiß nicht, woher der letzte Herausgeber Filipowski die Notiz hat, daß dieses Werk 1506 verfaßt sei. Daß Zacuto nicht in Afrika geblieben, sondern nach der Türkei ausgewandert ist, teilt Imanuel Aboab (Nomologia p. 301) mit: Tambien passó à Turquia el excellente Astronomo Rabi Abraham, hijo de Semuel Zacuto. Von einem seiner mohammedanischen Schüler berichtet der abenteuernde mystische Arzt Cornelius Agrippa von Nettesheim (epistolae L. I, Nr. 10, gegen Ende): ... ad magnam illam Valentiam (Valencia in Spanien) proficiscimur, ubi apud Comparatum Saracenum, philosophum, astrologumque excercitatissimum, olim Zacuti discipulum, de te percuntanti. Über seinen christlichen Jünger Augustin Ricio vergl. Katalog der Druckwerke der Bodleiana s.v.


32 Nach einem Zitate bei Conforte p. 32 b stammte M. Alaschkar aus Zamora הרומס ריעב (so zu lesen statt הכימס ריעב, Katalog d. Bodleiana p. 1765) und war ein Jünger des Samuel Valensi. Da dieser nun bereits 1487 starb, nach Zacutos Angabe, so muß der Jünger mindestens 1470 geboren sein. Das Jahr 1530 kommt in seinen Respp. vor, Nr. 67. Er lebte aber noch nach der Eroberung von Patras durch Andrea Doria und nach der Gefangenschaft der dortigen Juden, also nach 1532 (Respp. Nr. 52 Ende). Dagegen war Alaschkar zur Zeit der Einführung der Ordination durch Jakob Berab 1538 bereits tot. Daß er in Tunis gelebt, gibt die Überschrift zu Respp. זעובו ןיכי II, Nr. 23 zu: ע"נ רקשאלא ןב קחצי רב ו"צי השמ 'ר קיתול םנוה. Daß er später in Ägypten und Jerusalem gelebt, ist aus mehreren zeitgenössischen Responsen bekannt. – Es ist nicht richtig, daß er seine Replik gegen Schem-Tobs Polemik contra Maimuni (תונומא 'ס לע תוגשד) 1495 verfaßt habe. Dieses Datum kommt darin nicht vor, wohl aber in einem seiner akrostichischen Gebete, die weder mit der genannten Replik, noch mit den Responsen im Zusammenhange stehen. In einem dieser Gebete: םדקא המב spricht er von seinen Schicksalen: ינהאצוה יבשה רובמו ,ינהילעה םיה חומוהתמו. Über seine Schriften geben die Bibliographen Auskunft.


33 Zacutos Todesjahr ergibt sich annähernd aus dem Umstande, daß er in der ersten Edition des kompilatorischen Werkes לכור תקבא, unter dem Titel םילודג תודוס (angeblich von Machir), das 1515 in Konstantinopel erschien, bereits als Verstorbener zitiert wird: טפשמ ל"ז וטוקז םהרבא 'ר םלשה םכחה איצוה רשא (vgl. Kerem Chemed des Sen. Sachs VIII, p. 210 und Katalog der Druckwerke der Bodleiana s.v. Abraham Sacut und Machir).


34 Vergl. Note 1.


35 Dieser Name erscheint bei den Bibliographen verstümmelt. Er selbst nennt sich im Eingange zu seinem talmudisch-methodologischen Werke לאומש יללכ, das er im Alter, 1522 verfaßt hat (als Anfang zum Sammelwerke םיעד םימת p. 29 b:) ויילדס 'ן לאומש רמא. Seine Zeitgenossen, Jakob Berab, Levi ben Chabib und andere, nennen ihn דיס 'ן לאומש. Die sein Andenken tragende Synagoge hieß וילידיס תסנכ (in Meoraot Olam p. 19a). Salomo Athia nennt in seinem Gelehrtenkatalog zum Ps.-Kommentar in Ägypten einen 'ר וילידיס ףסוי, vermutlich dessen Sohn. Nun gab es in dieser Zeit einen וולריס המלש, auch ויליראש und ויליריג geschrieben, von Immanuel Aboab Seralvo wiedergegeben, Verf. eines Kommentars zum jerus. Talmud. Die Bibliographen haben daher die Namen וילידיס und וולריס mit einander verwechselt und somit fälschlich den Dajan von Kairo Samuel Seralvo benannt.


36 Vergl. o. S. 9, Anmerk. 1.


37 Meoraot Olam p. 2 b.


38 Meoraot Olam p. 17 b: הנב (ןאמילוש ןאטלוש) אוהו היה רשא ורטשאק יד םהרבא 'ר דיגנה די לע הירבט תומוח תא עבטמה תיב לע לשומ םירצמב. Athia's Gelehrtenkatalog: יד םהרבא 'ר לודג שיאו םכחהו ... ברינ בקעי 'ר םירצמ ץראבו םיבוהז םיפלא תשלש הנש לכב ותיבמ םיאצוי ויהש ורטשאק הקדצל. Es war sein Sohn, den Amatus Lusitanus kuriert hat, und von dem er berichtet (Centuria V. No. 77): Maalem ex Castris Hebraeus, vir qui Solimani Turcarum imperatoris omnes reditus in curia habet. Is Pisaurum venit, ut a nobis curaretur.


39 Vergl. Note 2.


40 Vergl. dessen Respp. ed. Livorno No. 44: יפ לע ףאו ץרא ךרדו תוכלמ לועב רוהט ינאש


41 Conforte Kore ha-Dorot p. 36 b.


42 Joseph Sambari, Neubauer Anecdota Oxon. p. 158.


43 Vergl. seine Respp. I., Nr. 29.


44 Vergl. Traktat Aboda Sara p. 10 a, Jebamot p. 91b, Gittin 80 a; das Wort תורטשל umfaßt auch Scheidebriefe, gegen die Ansicht der Tosafisten da selbst.


45 Asulaï s.v. הרמז 'ן דוד.


46 Respp. David Ibn-Abi-Simra ed. Livorno Nr. 94; vgl. Bd. VI, S. 338.


47 Es existierte ehemals eine vollständige Geschichtsrolle (הלגמ) über diese Begebenheit und daraus haben den Inhalt mitgeteilt: Der anonyme Verfasser des Meoraot Olam (p. 19), Conforte (Kore p. 32 a) und Joseph Ibn-Verga in den Additamenta zu Schebet Jehuda p. 111. Diese Sekundärquellen stimmen daher in den Hauptpunkten überein, differieren jedoch in Nebenumständen, namentlich in Betreff des Monatsdatums. Die zwei ersten Quellen geben den 28. Adar als Tag der Errettung an, die erstgenannte sogar den Wochentag. Ibn-Verga dagegen hat dafür den 27. Adar. Joseph Sambari, welcher in Kairo lebte und also diese Feier mitmachte, bestimmt ebenfalls als Datum den 28. Adar (Neubauer, Anecdota Oxon. p. 145): ומויו ח"כ לילב התורקל הליגמ התוא ושע ... םירצמ ימכחו החמשו התשמ םוי והוא תושעלו. Worin die Differenz ihren Ursprung hat, ist schwer zu ermitteln. Dazu kommt noch eine andere chronologische Differenz. v. Hammer, der das tragische Ende des Achmed Schaitan ausführlich erzählt (Geschichte des Osmanischen Reiches III, S. 35), setzt dessen Hinrichtung unbestimmt nach einer türkischen Quelle in Februar 1524 (das. Noten p. 294): »Achmed der Verräter hingerichtet in Rebiul-Achir (Februar).« Aber der 27. Adar desselben Jahres fiel auf den 2. März, der 28. also a f den 3. März. Die eine oder die andere Datumangabe beruht demnach auf einem Irrtum. Vergl. hebr. Zeitschrift Maggid, Jahrg. 10, Beil p. 7-9.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1907, Band 9, S. 22.
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