11. Kapitel. Die Juden in der Türkei, Don Joseph Naßi.

[358] Stand der Politik in der Türkei unter Suleiman, Joseph Naßis steigende Gunst unter diesem Sultan, wird Vertrauter des Prinzen Selim. Feindseligkeit Venedigs und Frankreichs gegen ihn. Er wird Herzog von Naxos und der zykladischen Inseln. Ränke der französischen Diplomatie gegen ihn. Verräterei gegen ihn fällt zu Josephs Vorteil aus. Parteinahme der Rabbinatskollegien für ihn. Der cyprische Krieg durch ihn durchgesetzt. Einfluß der Juden in der Türkei. Salomo Aschkenasi, jüdischer Diplomat. Er entscheidet über eine polnische Königswahl. Er schließt Frieden zwischen der Türkei und Venedig. Günstige Rückwirkung für die Juden Venedigs. Gehobene Stellung und Stimmung der Juden in der Türkei. Mose Almosnino, Samuel Schulam, Gedalja Ibn-Jachja und seine Poetenschule, Jehuda Zarko, Saadia Longo und Israel Naǵara. Sinn der türkischen Juden für Unabhängigkeit. Joseph von Naxos will einen jüdischen Staat gründen; erbaut Tiberias als kleines jüdsches Gemeinwesen. Er zeigt wenig Sinn für jüdische Wissenschaft. Sein despotisches Benehmen gegen die Rabbinen. Joseph Karos Kodex Schulchan Aruch. Asaria deï Rossi. Gedalja Ibn-Jachja und seine Kette der Überlieferung. Die schwärmerische Kabbala Isaak Lurjas und Chajim Vitals; ihre schädlichen Wirkungen. Tod des Joseph von Naxos und der Herzogin Reyna. Salomo Aschkenasi unter Murad; die jüdische Haremsvertraute Esther Kiera. Abnahme des Einflusses der Juden in der Türkei.


(1560 bis 1600.)

Wiederum wie so oft lagen die Fäden des weltgeschichtlichen Gewebes so verschlungen, daß die systematische Verfolgung der Juden in der Christenheit sie nicht vertilgen konnte. Die Sonne, die sich ihnen im Westen in düsterm Gewölke verdunkelte, ging ihnen wieder strahlend im Osten auf. Es trat für sie in der Türkei durch eine günstige Wendung der Umstände eine Zeit ein, die dem oberflächlichen Blicke wie eine Glanzepoche erscheint. Ein Jude, der in den Ländern des Kreuzes ohne Umstände auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden wäre, nahm eine sehr einflußreiche Stellung im Reiche des Halbmondes ein, brachte es zum Herzogsrange und herrschte über viele Christen. Mit ihm und durch ihn erhoben sich sämtliche nach Millionen zählenden [358] Juden in der Türkei zu einer freien und geachteten Stellung, um die sie ihre minderzähligen, geächteten Brüder im christlichen Europa beneiden durften. Zähneknirschend sahen die judenfeindlichen christlichen Machthaber ihre Pläne hier und da von jüdischer Hand durchkreuzt und ihre inneren Verwicklungen nur noch mehr verknotet und verschlungen. Der getretene Wurm konnte seinen Peinigern denn doch unangenehm werden. Joseph Naßi oder João Miques, der geächtete Marrane aus Portugal, machte manchem christlichen Herrscher und Diplomaten unruhige Stunden, und sie mußten in knechtischer Gesinnung dem schmeicheln, den sie, wenn seiner habhaft geworden, wie einen räudigen Hund totgeschlagen hätten. Die erlauchte Republik Venedig, das allmächtige Spanien, das aufgeblasene Frankreich und selbst das hochmütige Papsttum sah sich von ihm bedroht.

João Miques oder Don Joseph Naßi,1 bei seinem Eintreffen in Konstantinopel mit Empfehlungsschreiben von französischen Staatsmännern dem türkischen Hof empfohlen, hatte sich noch mehr durch sein einnehmendes Äußere, seinen erfinderischen Geist, seine Erfahrung und Kenntnis der christlich-europäischen Länder und ihrer politischen Lagen empfohlen. Bei Sultan Suleiman, der sich auf Menschen verstand, stand er bald in Gunst. Er hatte weitreichende Pläne, auch mit Spanien einen Kriegstanz zu beginnen, und den Mohammedanern an der afrikanischen Küste Hilfe gegen die Scheiterhaufenschürer zu senden. Durch seine Reichtümer und die Anhänglichkeit seiner Glaubensgenossen in den christlichen Ländern erfuhr Joseph Naßi vieles, was sich an den christlichen Höfen zutrug, und konnte die Wahrheit über den Stand der politischen und kriegerischen Angelegenheiten dem Sultan berichten, ohne daß dieser es nötig hatte, Spione zu unterhalten, oder sich von den christlichen Gesandten an seinem Hofe täuschen zu lassen. Don Joseph konnte ihm mit klugem Rate beistehen. So wurde er als fränkischer Bey in kurzer Zeit eine hervorragende Persönlichkeit in Konstantinopel und konnte seinen Glaubensgenossen wesentliche Dienste leisten. Sein [359] Ansehen stieg aber noch mehr durch einen günstigen Zufall. Nachdem Suleiman seinen ältesten Sohn Mustafa wegen Verschwörung gegen sein Leben und seine Krone hatte hinrichten lassen, waren zwei Prinzen als mutmaßliche Thronfolger geblieben: Selim, sein friedlicher, sanfter, die Genüsse liebender, aber doch edelempfindender Sohn von der Russin Roxolane, und Bajazid (Bajazet), sein kriegerischer, ungestümer, jüngerer Sohn, der Liebling der Krieger und der Ehrgeizigen. Suleimans Plan, den jüngern dem ältern vorzuziehen, wurde durch Ränke vom Harem und andern Kreisen aus durchkreuzt. Bajazid ließ sich durch seine Natur zu unbesonnenen Handlungen, zum Ungehorsam gegen seinen Vater und zum Kriege gegen seinen Bruder hinreißen (1556-59). Er wurde geschlagen und mußte nach Persien entfliehen. Selims Nachfolge schien gesichert, wenn Suleiman seinen rebellischen Sohn Bajazid überlebte. Aber wenn er früher stürbe, und der kriegerische Prinz von dem Heere als Nachfolger ausgerufen würde? Dieses Bedenken fühlten die berechnenden Höflinge und mochten sich nicht durch Parteinahme für Selim in den Augen seines Bruders ihre Laufbahn verderben. Sie hielten sich daher von Selim fern und redeten ihm auch nicht bei seinem Vater das Wort. Nur Joseph Naßi vertrat warm Selims Interesse bei dessen Vater, und als dieser jenem seine Gunst durch ein reiches Geschenk von 50000 Dukaten baren Geldes und 30000 in Wertsachen bezeugen wollte, wählte er seinen jüdischen Günstling zum Überbringer derselben nach Selims Residenz in Kleinasien (1558-59). Der Prinz, hocherfreut über Geschenk und Gunstbezeugung, wurde von der Stunde an dem Botschafter und Überbringer hold und sicherte ihm lebenslang seine Dankbarkeit zu.2 Wie es scheint, wurde Joseph Naßi dem Prinzen Selim als vertrauter Ratgeber beigegeben, um ihn vor den Schlingen zu sichern, welche die höfischen Ränkeschmiede während des Bruderkrieges ihm zu legen nicht unterließen. Seit dieser Zeit machte Selim den jüdischen Bey zu seinem Liebling und Vertrauten und ernannte ihn zum Edelmann der Leibwache (Mutafarrica), eine Würde, wonach selbst christliche Fürstensöhne gierig haschten, und womit ein hoher Gehalt verbunden war. Auch dem Bruder seines Günstlings, Samuel Naßi, der durch Suleimans Machtgebot von dem Herzog von Ferrara freigelassen werden mußte (o. S. 341), bestimmte Selim ein Jahrgehalt, Die Gesandten der christlichen Höfe sahen mit Ingrimm den wachsenden Einfluß eines jüdischen Günstlings, der alle ihre Schliche kannte, auf den künftigen Sultan und verbreiteten daher die lügenhaftesten [360] Gerüchte über ihn. Sie berichteten an ihre Höfe, daß Joseph Naßi den Prinzen zu Schwelgereien und Orgien verführe und ihn verdürbe. Am meisten feindlich gestimmt gegen ihn waren die Gesandten von Venedig und Frankreich, weil er ihre ränkevollen Pläne gegen den türkischen Hof durchschaute und zu vereiteln vermochte, und besonders weil er Privathändel mit ihnen hatte. Die venezianische Signoria hatte seine Schwiegermutter eingekerkert, sie um Geldsummen gebracht und ihn selbst wegwerfend behandelt; der französische Hof schuldete dem Hause Mendes-Naßi eine bedeutende Summe (150000 Dukaten) und dachte nicht daran, ihm gerecht zu werden. Der französische Gesandte, Herr de la Vigne, war daher eifrig bemüht, Don Joseph zu verderben: er schrieb an Heinrich II., er möge an den Sultan Suleiman berichten, daß Joseph Naßi ein Gewerbe daraus mache, die Feinde Frankreichs von allem in Kenntnis zu setzen, was am türkischen Hofe verhandelt werde, und daß er dieses im spanischen Interesse täte, da er ein Spanier sei. An den Pascha möge der König schreiben, daß Joseph die französischen Untertanen in der Türkei mit Übermut behandele. Bei beiden solle er darauf dringen, daß sie ihn wegen seines Hochmutes gebührend züchtigten. Als Mittel gab der französische Gesandte an die Hand, der König möge die Briefe vorlegen, die sich Joseph an ihn zu richten herausgenommen hätte (wegen der Schuldforderung); das würde genügen, dessen Stolz zu beugen und ihn streng bestrafen zu lassen, da er als Untertan es gewagt, an die französische Majestät zu schreiben.3 Aber weit entfernt, ihn zu züchtigen, nahmen Prinz Selim und auch der regierende Sultan Josephs Angelegenheit in ihre Hände und forderten dringend, daß der französische Hof die Schuld an ihren jüdischen Günstling tilge. Heinrich II. und sein Nachfolger hatten nämlich einen Einwand gegen Josephs so begründeten Anspruch geltend gemacht, welcher für die damalige – soll man sagen christliche? – Sittlichkeit charakteristisch ist. Gesetz und Religion verböten dem König, seinem jüdischen Gläubiger die Schuld zurückzuzahlen, weil es Juden überhaupt nicht gestattet sei, in Frankreich Geschäfte zu machen, daß vielmehr alle ihre Güter vom König konfisziert werden dürften. Natürlich erkannten der Sultan und sein Sohn eine solche Moral nicht an und drangen mit halber Drohung auf Befriedigung des Joseph Naßi. Der König Karl IX., zweiter Nachfolger dieses Königs, der die Anleihe bei Gracia Naßi gemacht, war daher genötigt, einen besondern Botschafter nach der Türkei zu senden, um womöglich Joseph Naßi in Ungnade zu bringen und so der Zahlung überhoben zu sein. Aber dieser, [361] der den französischen Diplomaten an Schlauheit nicht nachstand, wußte alle ihre Ränke zuschanden zu machen. Selim bestand hartnäckig darauf, daß sein jüdischer Liebling befriedigt werde. Der jüdische Dichter und Kaufmann Duarte Gomez (Salomo Usque), der Schützling der Doña Gracia, erhielt Vollmacht und Geleitsbrief, nach Frankreich zu reisen, um die Schuld einzufordern.4 Joseph Naßi stieg so sehr in Gunst beim Sultan Suleiman, daß dieser ihm einen Strich Landes am Tiberiassee in Palästina schenkte, um die Stadt Tiberias unter eigener Herrschaft aufzubauen, mit der ausdrücklichen Bewilligung, daß nur Juden darin wohnen sollten. Die Schenkungsurkunde wurde vom regierenden Sultan, vom Thronfolger Selim und von dessen Sohn Murad unterzeichnet, damit sie auch in fernerer Zeit Gültigkeit behalten und nicht angefochten werden sollte.5 Selim schlug seinem Vater vor, Josephs Dienste noch mehr zu belohnen und ihn zum souveränen Fürsten der Insel Naxos und einiger anderer Inseln zu machen.6 Aber dagegen scheint der Vezier Mohammed Sokolli, ein christlicher Renegat, welcher die wachsende Macht des jüdischen Günstlings mit scheelen Augen ansah, dagegen gearbeitet und den Plan hintertrieben zu haben. Der liebenswürdige Prediger Mose Almosnino aus Salonichi, der in Naßis Haus verkehrte, hatte bereits einen lebhaften Traum von der außerordentlichen Rangerhöhung desselben und teilte ihn ihm mit einer Ausarbeitung über die Träume mit. – In diplomatischen Kreisen flüsterte man einander zu, Joseph Naßi werde König der Juden werden, und der französische Gesandte in Konstantinopel beeilte sich, diese überraschende Neuigkeit seinem Hofe mitzuteilen.

Nun, König ist er zwar nicht geworden, aber doch ein Fürst. Nach Suleimans Tode, als Selim II. in seine Hauptstadt einzog und die Huldigungen entgegennahm (1566), und auch Joseph bei ihm zum Handkusse zugelassen wurde, ernannte er ihn auf der Stelle zum Herzog von Naxos und der zykladischen Inseln Andros, Paros, Antiparos, Melo, im ganzen zwölf, die er ihm nach und nachschenkte, wovon er nur einen geringen Tribut zu leisten hatte. Außerdem überließ er ihm die Pacht der einträglichen Steuer, welche von der Einfuhr von Weinen auf dem schwarzen Meere erhoben wurde. So durfte ein Jude ebenfalls seine Befehle im pompösen Stile erlassen: »Wir, Herzog des ägäischen Meeres, Herr von Andros.«7 Joseph [362] residierte indes nicht in der Hauptstadt seines Herzogtums, wo er den Weltbegebenheiten fern gerückt wäre. Er blieb vielmehr in seinem schönen Palaste in Belveder bei Konstantinopel und ließ die Inseln von einem christlichen, spanischen Edelmann, Coronello, verwalten, dessen Vater Gouverneur von Segovia gewesen war, und von dem getauften jüdischen Finanzminister Abraham Senior abstammte.8 Ein spanischer Hidalgo war demnach der erste Diener eines Juden, dessen Eltern aus Spanien verjagt worden waren. So scheel auch die christlichen Fürsten auf diesen ihnen gleichgestellten jüdischen Herzog blickten, so lagen doch die europäischen Verhältnisse derart, daß sie ihn fürchteten und ihm noch dazu schmeicheln mußten. Er kannte recht gut die blutige Zwietracht in der Christenheit, die erbitterte Feindseligkeit der Katholiken und Protestanten gegeneinander und ermutigte die letztern zur standhaften Auflehnung gegen die tyrannische katholische Kirche, deren Häupter, der Papst und Philipp II. von Spanien, die Marranen blutig verfolgten. Er hatte erfahren, daß der niederländische Adel und einige Städte sich verbunden hatten, mit aller Macht sich der Einführung der Inquisition zu widersetzen. Darum schrieb der jüdische Herzog an den reformatorischen Kirchenrat von Antwerpen (Herbst 1566), die Bundesmitglieder sollten nur mutig im Widerstande gegen den König von Spanien ausharren, denn Sultan Selim habe große Pläne gegen Spanien vor, und seine Waffen würden den König bald so sehr in die Enge treiben, daß er nicht mehr an die Niederlande werde denken können.9 Wollten die christlichen Machthaber etwas an dem türkischen Hofe durchsetzen, so mußten sie ihn und seine Glaubensgenossen schonen, da sie wußten, wie hoch er in Selims Gunst stand, und wie sehr sein Rat maßgebend im Divan war. Als eine österreichische Gesandtschaft vom Kaiser Ferdinand I. nach neuen Eroberungen der Türken in Ungarn und nach dem Fall von Szigeth in Konstantinopel eintraf, um einen Friedensschluß zu erbetteln,[363] und die türkischen Großwürdenträger durch Geschenke und Jahrgehälter dafür zu gewinnen, hatte sie den Auftrag, sich auch bei Joseph von Naxos abzufinden. Die Botschafter sagten ihm ein Jahrgehalt von 2000 Thalern zu (1567). Seine erbitterten Feinde mußten ihren Haß gegen ihn verleugnen. Diejenigen, welche ihn nicht fahren ließen, Frankreich und Venedig, empfanden die Macht des jüdischen Herzogs schwer. Der König von Frankreich wollte noch immer nicht die beim marranischen Hause Mendes kontrahierte Schuld, welche auf Joseph übergegangen war, zahlen. Leicht verschaffte dieser sich einen Ferman vom Sultan, vermöge dessen er auf alle Schiffe unter französischer Flagge, die in einen türkischen Hafen einliefen, Beschlag legen durfte. Bis nach Algier sandte Joseph von Naxos Kaperschiffe aus, um Jagd auf französische Kauffahrer zu machen. Endlich gelang es ihm, auf mehrere Fahrzeuge im Hafen von Alexandrien Beschlag zu legen, sich die Ware anzueignen und sie für seine Schuldforderung zu veräußern (1569). Der französische Hof schlug Lärm darüber, protestierte, tobte, alles umsonst. Selim schützte seinen Günstling. Es trat dadurch eine Erkältung in den diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Reichen ein, die für Frankreich unangenehmer wurde als für die Türkei.

Dem französischen Gesandten an der Pforte, dem Herrn de Grandchamp lag daher viel daran, den Sturz des Joseph von Naxos herbeizuführen. Nicht seine Ehre allein war dabei beteiligt, sondern die Ehre der französischen Krone. Sie hatte so oft den europäischen Kabinetten großsprecherisch vorgeschwindelt, daß ihr Wort am türkischen Hofe von entscheidendem Gewichte und Einflusse sei, und daß sie imstande wäre, den Divan für Krieg oder Frieden je nach ihrem Belieben zu stimmen. Und nun hatte es sich gezeigt, daß ihrer Flagge ein empfindlicher Schimpf von eben diesem Hofe angetan wurde, und daß sie nicht einmal imstande war, Genugtuung dafür an einem Juden, dem Urheber desselben zu erhalten. Der französische Gesandte sann daher darauf, diese Niederlage in einen Triumph zu verwandeln, wenn es ihm gelänge den Sturz des einflußreichen, mächtigen Juden herbeizuführen. Eine Gelegenheit bot ihm dazu die Unzufriedenheit eines von Josephs Agenten. Ein jüdischer Arzt, namens David oder Daud, einer der Leibärzte des türkischen Hofes10 und auch im Dienste des Herzogs beschäftigt, der die Beschlagnahme der französischen Schiffe in Alexandrien ausgeführt hatte, glaubte sich von seinem Brotherrn gekränkt und benachteiligt. Es entstand eine Reibung zwischen beiden. Sobald der [364] französische Gesandte Wind davon erhalten, suchte er das Feuer der Zwietracht zu schüren, ließ Daud eine Summe und eine Anstellung als Dolmetsch bei der französischen Gesandtschaft mit einem Jahrgehalte versprechen und setzte sich dann mit ihm selbst in Verbindung, um ihm Geheimnisse über Joseph von Naxos zu entlocken. In seiner Gereiztheit ließ sich Daud zu unbesonnenen Äußerungen hinreißen. Er versprach dem französischen Gesandten de Grandchamp vollgültige Beweise zu liefern, daß Joseph von Naxos seine Schuldforderungen von der französischen Krone gefälscht, daß er die Sultane über seine frühere Stellung belogen, und – noch schlimmer – daß er eine verräterische Korrespondenz gegen die Pforte geführt habe. Er machte sich anheischig, zu beweisen, daß Joseph täglich an den Papst, an den König von Spanien, an den Herzog von Florenz, an die genuesische Republik, kurz an alle Feinde des Sultans Bericht erstatte und die Vorgänge an der Pforte denselben verriete. Voller Freude über die Gelegenheit, den jüdischen Herzog zu stürzen, berichtete de Grandchamp an den König von Frankreich und an die schlaue Königin-Mutter Katharina von Medici (in Chiffreschrift), daß er bald imstande sein werde, den mächtigen Feind des französischen Einflusses am türkischen Hofe an den Strang zu bringen, und erbat sich dazu einen Gehilfen aus Frankreich, einen Menschen mit großsprecherischem Wesen und langem Barte, der als außerordentlicher Gesandter ausstaffiert werden und vom Sultan energische Schritte gegen Joseph von Naxos verlangen sollte (3. und 16. Oktober 1569).

Der jüdische Herzog schwebte in der größten Gefahr und mit ihm wahrscheinlich die Gesamtjudenheit im türkischen Reiche. Wenn Daud seine Gehässigkeit gegen ihn hätte bis zur offenen Anklage treiben, wenn französisches Geld der Intrige vollen Nachdruck hätte geben und wenn der Großvezier Mohammed Sokolli, der Todfeind Josephs, die Sache in die Hände hätte nehmen können, so wäre dieser verloren gewesen. Der französische Gesandte hielt es aber für angemessen, die Sache noch eine Zeitlang als Geheimnis zu behandeln, wahrscheinlich um Daud Gelegenheit zu geben, sich gewisse Schriftstücke zum Beleg zu verschaffen. Er schärfte daher dem Könige von Frankreich ein, die Sache nicht verlauten zu lassen, namentlich dem türkischen Sendboten, der damals an den französischen Hof abging, nichts davon zu verraten. »Denn sobald dieser es erführe, würde er sofort Joseph von Naxos einen Wink darüber geben, und dieser würde den Sultan und seine Minister zuvorkommend bearbeiten können, daß die Pläne gegen ihn vereitelt würden.«

Trotz dieses Geheimhaltens wurden doch Joseph von Naxos die von Daud und dem französischen Gesandten angezettelten Ränke verraten, und er kam ihnen in der Tat zuvor. Es konnte ihm nicht [365] schwer werden, den Sultan Selim zu überzeugen, daß er ihm stets treu gedient und daß er unter allen Hofdienern am aufrichtigsten zu ihm gehalten habe. Er erlangte auch vom Sultan ein Dekret, vermöge dessen der Verräter Daud lebenslänglich nach Rhodus, der Verbrecherinsel des türkischen Reiches, verbannt wurde. Entweder auf Antrag Don Josephs oder aus eigenem Antriebe sprachen sämtliche Rabbinen und Gemeinden Konstantinopels den schwersten Bann über Daud und zwei Helfershelfer desselben aus. Ihnen schlossen sich die Rabbinatskollegien der größten türkischen Gemeinden an – Joseph Karo an der Spitze – freilich in zu gefälliger Liebedienerei, ohne sich vorher von der Schuld oder Unschuld Dauds Gewißheit verschafft zu haben.11 Die außerordentliche Bemühung des französischen Gesandten und Hofes, den jüdischen Günstling Selims zu stürzen, mißlang vollständig und hinterließ in dessen Gemüt eine nur allzugerechte Erbitterung, vermöge welcher er die diplomatischen Pläne Frankreichs zu durchkreuzen und zu vereiteln nur noch mehr bemüht war.

Noch mehr spielte Joseph von Naxos dem Staate Venedig mit. Es herrschte nämlich eine stille Feindschaft zwischen dem jüdischen Herzoge und der erlauchten Republik, welche beide vergebens durch[366] Komplimente zu verdecken suchten. Abgesehen von der Mißhandlung, welche seine Schwiegermutter von der venezianischen Regierung erfahren, hatte sie ihm das Gesuch um freies Geleite durch ihr Gebiet für sich und seinen Bruder geradezu abgeschlagen.12 Selim, welcher den Venezianern ebenfalls nicht wohlwollte, wurde von seinem jüdischen Günstlinge öfter aufgestachelt, Venedig den lange bestandenen Frieden zu kündigen und die Eroberung der venezianischen Insel Cypern zu unternehmen. Trotz der Abneigung, welche der erste Vezier, Mohammed Sokolli, der eine Vorliebe für die Venezianer hegte, gegen den cyprischen Krieg hatte, wurde er doch unternommen. Der Sultan soll Joseph das Versprechen gegeben haben, wenn die Eroberung gelingen sollte, werde er ihn zum König von Cypern machen. Der Herzog von Naxos soll bereits eine Fahne in seinem Hause gehalten haben mit der Inschrift: »Joseph, König von Cypern.«13 Seine Verbindungen mit Europa erleichterten diese Unternehmung. Während noch Mohammed Sokolli Schwierigkeiten machte, einen solchen Seekrieg zuzugeben, kam Joseph die Nachricht zu, daß das Kriegsarsenal von Venedig durch eine Pulverexplosion in die Luft geflogen war. Diesen Augenblick der Verlegenheit für die Republik benutzte Joseph und die Partei im Divan, welche er für den Krieg gewonnen hatte, den Sultan zu bewegen, die Flotte sofort auslaufen zu lassen. Im ersten Sturme fiel ein Hauptort von Cypern, Nikosia, und der andere Famagusta, wurde hart belagert (1570).

Wie so oft, wurden auch diesmal für das Tun eines einzelnen alle Juden verantwortlich gemacht. Daß die venezianische Regierung sämtliche levantinische, größtenteils jüdische Kaufleute, die sich beim Ausbruche des Krieges in Venedig befanden, arme wie reiche, eingekerkert und deren Waren eingezogen hat, lag in der damaligen barbarischen Behandlung des Verkehrs zwischen Staat und Staat. Aber daß der Senat auf Antrag des judenfeindlichen Dogen Luis Mocenigo den Beschluß gefaßt hat (18. Dezember 1571)14, sämtliche Juden Venedigs, gewissermaßen als Mitverschworene des Joseph Naßi und des türkischen Reiches, auszuweisen, war ein Ausfluß des vom damaligen Christentum genährten Rassenhasses. Glücklicherweise [367] kam es nicht dazu. Trotz der Anstrengung des fanatischen Papstes Pius' V., eine Liga der christlichen Staaten gegen die Türkei, eine Art Kreuzzug gegen die sogenannten Ungläubigen, zustande zu bringen und die türkische Flotte aus den Gewässern von Cypern zu vertreiben, mußte sich die Stadt Famagusta dem türkischen Feldherrn ergeben, und damit fiel die ganze Insel der Türkei zu. Die Venezianer mußten um Frieden betteln und setzten ihre ganze Hoffnung, ihn zu erlangen, auf einen einflußreichen Juden, der ihn vermitteln sollte. Trotz des feierlichen Beschlusses des venezianischen Senats, daß niemand sich unterfangen sollte, ein Wort zugunsten der Juden zu sprechen, mußten sie doch geduldet werden, weil man es mit den Juden in der Türkei nicht ganz und gar verderben durfte.

Die Macht derselben war in der Tat so groß, daß sie, die sonst Hülfeflehenden, von Christen um Hilfe angefleht wurden. Die Niederlande hatten einen ernsten Aufstand gegen Spanien und den finstern König Philipp II. gemacht, weil er das Bluttribunal der Inquisition in ihre Mitte gegen die dem Katholizismus Entfremdeten einführen wollte. Der Blutmensch Alba suchte den Abfall niederzuhalten und den Katholizismus durch Hekatomben von Menschenopfern in die Gemüter zurückzuführen. Der Galgen sollte das wankend gewordene Kreuz stützen. In dieser Bedrängnis wandten sich die niederländischen Aufständischen, die Geusen, an Joseph von Naxos, der mit einigen Adligen in Flandern von seinem frühern Aufenthalte daselbst Verbindungen hatte. Der Herzog Wilhelm von Oranien, die kräftige Seele des Aufstandes, schickte einen eigenen Boten an Joseph von Naxos, daß er den Sultan bewegen möge, Spanien Krieg zu erklären, wodurch die spanischen Truppen von Flandern hätten abberufen werden müssen.15 Dieser machte allerdings alle Anstrengung, Sultan Selim für einen Krieg mit dem verhaßten Philipp geneigt zu machen. Aber der erste Vezier Mohammed Sokolli, der für Spanien, wie für Venedig und die christlichen Völker überhaupt viel Sympathien hatte, war dagegen und mit ihm mehrere Würdenträger. – Der österreichische Kaiser Ferdinand ließ sich ebenfalls herab, um die Gunst der Pforte zu erhalten, an den jüdischen Herzog ein eigenhändiges Schreiben durch seinen Botschafter zu richten, worüber der Neid des Großveziers nur noch vermehrt wurde.16 Sigismund August, König von Polen, welcher von der Pforte einen wichtigen Dienst erwartete, wandte sich auch an ihn, gab ihm den Titel »durchlauchtigster Fürst«, und, was noch mehr bedeutet, versprach günstige Privilegien für die Juden seines Landes, um ihn für seine Pläne geneigt zu machen (157017).

[368] Man kann fast sagen, daß der Divan oder türkische Staatsrat unter dem Sultan Selim aus zwei Parteien bestand, aus einer geheimen christlichen durch den ersten Vezier, und aus einer jüdischen, durch Joseph von Naxos vertreten, die einander Schach boten. Mit und neben ihm gab es noch andere Juden, welche, allerdings in untergeordneter Stellung, Einfluß übten, Männer auf die Würdenträger, Frauen auf die Sultaninnen.18 Sultan Selims Gunst für die Juden war so offenkundig, daß sich ein Märchen bildete, er sei gar ein geborener Jude, der als Kind im Harem statt eines Prinzen untergeschoben worden.19 Selbst der Großvezier Mohammed Sokolli, so sehr er auch ein Feind des Joseph von Naxos und des jüdischen Einflusses war, war darauf angewiesen, sich eines jüdischen Unterhändlers zu bedienen und ihm wichtige diplomatische Aufträge anzuvertrauen. Der venezianische Botschafter, der eigentlich die verschwiegene Aufgabe hatte, den Juden am türkischen Hof entgegen zu arbeiten, trug selbst dazu bei, einem solchen Einfluß zu verschaffen.

Salomo ben Nathan Aschkenasi20, welcher fast drei Jahrzehnte die diplomatischen Angelegenheiten der Türkei mit den christlichen Höfen leitete und Joseph von Naxos später verdrängte, war zur Zeit, als dieser eine gewichtige Stimme im Divan hatte, eine unbekannte Persönlichkeit in Konstantinopel. Aus Udine von einer deutschen Familie stammend, hat er frühzeitig Reisen gemacht, war nach Polen gekommen und hatte es bis zum ersten Arzte des Königs von Polen gebracht. Als Untertan der venezianischen Republik stellte er sich bei seiner Übersiedlung nach der türkischen Hauptstadt unter den Schutz der diplomatischen Agenten von Venedig. Salomo Aschkenasi verstand Talmud und wurde Rabbi genannt, hatte aber am meisten Sinn und Fähigkeit für feine diplomatische Fädenspinnerei, für Entwirrung verschlungener Knoten, für Vermittlung, Ausgleichung und Glättung. Als solcher war er bei mehreren venezianischen Agenten in Konstantinopel nacheinander, bei Bragadin, Soranzo und Marc-Antonio Barbaro sehr beliebt. Dem letztern diente er beim Ausbruch des cyprischen Krieges als geheimer Agent, leistete ihm bedeutende Dienste und geriet dadurch in manche Gefahr. Noch während des Krieges hatte Barbaro um Frieden unterhandelt, und da er selbst in Haft war, führte er Salomo von Udine bei dem ersten Dragoman Janus-Bey ein, und dieser empfahl ihn wieder dem Großvezier Mohammed Sokolli.21

[369] Der erste Minister des türkischen Hofes erkannte dessen diplomatische Gewandtheit, fesselte ihn an sich und betraute ihn bis an sein Lebensende mit solchen Aufträgen, bei denen es galt, durch Klugheit und Feinheit zum Ziele zu gelangen. Während die türkischen Waffen gegen die Venezianer geführt wurden, mußte Salomo Aschkenasi schon die ersten Fäden zum künftigen Friedensschlusse spinnen. Freilich wurde er dadurch von den Gegnern des Großveziers, wahrscheinlich auch von Joseph von Naxos umlauert, beargwöhnt und verdächtigt. Als der Sultan in der zweiten Residenz, Adrianopel, weilte, wurde Salomo von Mohammed Sokolli auch dahin beordert, unter dem Vorwande, dessen Gattin ärztlich zu behandeln; eigentlich sollte er alle Vorgänge und Bewegungen beobachten und darüber berichten. Infolgedessen wurde er von der Kriegspartei des Spionierens angeklagt, in ein scharfes Verhör im Nebenzimmer des Sultans gezogen und geriet in augenscheinliche Gefahr. Seine Klugheit zog ihn aber aus der ihm gestellten Schlinge.

Die christlichen Kabinette ahnten gar nicht, daß der Gang der Begebenheiten, der sie zwang, Stellung nach der einen oder andern Seite zu nehmen, von jüdischer Hand in Bewegung gesetzt wurde. Das war besonders bei der polnischen Königswahl in dieser Zeit der Fall. Der Tod des letzten jagellonischen Polenkönigs Sigismund August (Juli 1572), der keinen Thronerben hinterließ und eine förmliche Wahl ins Ungewisse nötig machte, setzte ganz Europa, wenigstens die Kabinette und diplomatischen Kreise in aufregende Spannung. Zunächst waren der deutsche Kaiser Maximilian II. und der russische Herrscher Iwan, der Grausame, als Nachbarn Polens, dabei beteiligt. Jener setzte alles in Bewegung, um seinen Sohn durchzubringen, und dieser pochte darauf, daß er oder sein Sohn zum Könige gewählt werde. Der Papst arbeitete daran, daß ein katholischer Fürst den polnischen Thron einnähme, weil sonst zu fürchten war, daß die Wahl eines der Reformation günstigen Königs die im Zunehmen begriffene reformatorische Bewegung unter dem Adel und in den Städten Polens und Litauens kräftigen, und diese Länder sich vom Papsttum losreißen würden. Er hatte seinem Nuntius und außerordentlichen Legaten Commendoni die Weisung gegeben, in diesem Sinne tätig zu sein. Dagegen hatten wieder die protestantischen Länder, Deutschland und England, und vor allem die Anhänger der neuen Kirche verschiedener Sekten in Polen selbst das höchste Interesse, einen König ihres Bekenntnisses oder wenigstens einen, der nicht entschieden kirchlich-katholisch wäre, durchzusetzen. Dazu kam noch der persönliche Ehrgeiz einer mächtigen französischen Königin, die in dieses wirre Getriebe mit geübter Hand eingriff. [370] Die ebenso kluge, wie falsche Königin-Witwe Catharina von Medici, die viel auf Astrologie gab, und der verkündet worden war, alle ihre Söhne werden Kronen tragen, wollte ihrem Sohne Heinrich, Herzog von Anjou, eine fremde Krone verschaffen, damit die astrologische Verkündigung sich nicht durch den Tod ihres regierenden Sohnes Karl IX. erfülle. Sie und ihr Sohn, der König von Frankreich, setzten daher alle Hebel in Bewegung, um Anjou auf den polnischen Thron zu bringen. Aber auch die Türkei hatte wichtige Interessen und eine gewichtige Stimme bei der polnischen Königswahl.

Vor allem sah die Pforte ungern in Polen einen König, welcher mit den mächtigen christlichen Reichen in Zusammenhang stehen und also ihre Feinde verstärken würde; sie war daher gegen die Wahl eines Fürsten aus dem österreichischen oder russischen Hause. Sie wünschte aber noch besonders, daß die Wahl auf einen einheimischen Adligen fiele, damit dieser sich an sie anzulehnen gezwungen sei. Der Großvezier Mohammed Sokolli, die Seele des türkischen Divans, hätte gern einen Potocki wählen lassen, weil er mit diesem Hause verwandt war. Ein wahrer Knäuel von Kabalen und Ränken verwirrte sich daher infolge der polnischen Königswahl; jeder Kandidat suchte eine starke Partei unter dem polnischen Groß-und Kleinadel zu werben, aber sich auch die Pforte geneigt zu machen. Heinrich von Anjou hatte anfangs Aussichten, aber diese schwanden durch die blutige Bartholomäusnacht in Frankreich. Auf des Königs und der Königin-Mutter Wink waren nämlich Hunderttausende von Hugenotten überfallen und gemordet worden, klein und groß, Männer, Weiber und Kinder (24. August 1572). Eine solche Unmenschlichkeit, mit kaltem Blute angeordnet und ausgeführt, war unerhört in der europäischen Geschichte seit den Mordtaten an den Albigensern im dreizehnten Jahrhundert auf päpstlichen Befehl. Die Lutheraner und Anhänger der Reformation aller Länder waren von diesem Schlage betäubt. Die Kandidaten des polnischen Thrones suchten daher die Untaten der Bartholomäusnacht gegen Anjou auszuspielen, selbst der katholische Kaiser Maximilian stellte sich entrüstet darüber, um die reformatorisch Gesinnten in Polen gegen ihn einzunehmen. Destomehr mußten der französische Kandidat, seine Mutter und sein Bruder die Pforte bearbeiten, seiner Wahl günstig zu sein. Ein außerordentlicher Gesandter, der Bischof von Acqs, wurde zu diesem Zwecke nach Konstantinopel gesandt. So lag die polnische Königswahl letztentscheidend in der Hand eines im Hintergrund stehenden Juden. Denn Salomo Aschkenasi beherrschte den Großvezier vollständig und lenkte seinen Willen, und dieser leitete im Namen des Sultans die auswärtigen Angelegenheiten. Salomo [371] entschied sich für Heinrich von Anjou und gewann den Großvezier dafür, als es sich zeigte, daß Potocki keine Aussicht hatte. Auch nach einer andern Seite konnte der jüdische Diplomat für den französischen Prinzen tätig sein, durch seine Bekannten unter dem polnischen Adel von seinem frühern Aufenthalte in Krakau als Leibarzt des verstorbenen Königs Sigismund August. Als Heinrich von Anjou endlich durch Vereinigung günstiger Umstände fast einstimmig gewählt war (Mai 1573), rühmte sich der französische Gesandte, Bischof von Acqs, daß er nicht einer der letzten gewesen, welche diese Wahl gewünscht und herbeigeführt hätten. Salomo Aschkenasi durfte aber darüber an den König von Polen, später König von Frankreich, unter dem Namen Heinrich III., schreiben: »Am meisten habe ich Euer Majestät dabei Dienste geleistet, daß Sie zum König gewählt wurden; ich habe alles bewirkt, was hier (an der Pforte) getan wurde, obwohl ich glaube, daß Herr von Acqs alles auf sich bezogen haben wird.«22

Großes Aufsehen machte es aber im christlichen Europa, als dieser jüdische Arzt und Diplomat von der Pforte abgeordnet wurde, den Frieden mit Venedig, an dessen Zustandekommen er mehrere Jahre gearbeitet hatte, endlich abzuschließen, und also als geachtete offizielle Persönlichkeit aufzutreten. So ganz ohne Widerstand wurde indessen der jüdische Botschafter von der erlauchten Republik nicht angenommen. Im Gegenteil, es war vorher im Schoße des Senats darüber eifrig verhandelt worden, und die Männer der Regierung waren dagegen. Allein einerseits bestand der Großvezier Mohammed Sokolli darauf, weil Salomo dessen unbedingtes Vertrauen besaß, und er durch ihn diplomatische Fäden für andere Zwecke anknüpfen lassen wollte. Anderseits sprach ihm aufs wärmste das Wort der heimgekehrte Konsul Marc-Antonio Barbaro, welcher wiederholentlich versicherte, der jüdische Diplomat habe die wärmsten Sympathien für Venedig. Unter diesen Umständen kam »Rabbi Salomo Aschkenasi«, wie er genannt wurde, als außerordentlicher Botschafter der Türkei nach Venedig. Einmal angenommen, mußten die Würdenträger der Republik, der Doge und die Senatoren, ihm die größten Ehren und Aufmerksamkeiten erweisen, weil der türkische Hof in diesem Punkte sehr empfindlich war und den Mangel an gebührender Auszeichnung seines Vertreters als Beleidigung angesehen haben würde. Salomo wurde daher in feierlicher Audienz im Dogenpalaste aufgenommen, und dort wurde die Urkunde des Friedens zwischen der Türkei und Venedig von ihm im Namen der erstern unterzeichnet. Auch sonst erwies ihm die Signoria die zuvorkommendsten [372] Aufmerksamkeiten während seines Aufenthaltes in Venedig (Mai–Juli 1574), und sämtliche europäische Gesandte in Venedig drängten sich an ihn. Der jüdische Botschafter hatte auch den Auftrag, die venezianischen Machthaber dafür zu gewinnen, ein Schutz- und Trutzbündnis mit der Türkei gegen Spanien zu schließen, mit dem der Sultan stets auf dem Kriegsfuße stand. Salomo machte im Namen der Regierung die glänzendsten Versprechungen für ein solches Bündnis; indes drang er damit nicht durch.

Für seine Glaubensgenossen in Venedig war Salomo ein Retter. Ihre Freude über die Ehre, welche einem der ihrigen von den Machthabern erwiesen wurde, war nämlich mit Trauer und Besorgnis gemischt wegen der ihnen drohenden Ausweisung. Der Doge Mocenigo hatte nämlich darauf bestanden, den früher gefaßten Beschluß zur Verbannung der Juden (o. S. 367) vollstrecken zu lassen. Schon waren manche jüdische Familien, ohne den letzten Termin abzuwarten, ausgewandert. Salomo hatte aber noch in Konstantinopel mit dem venezianischen Agenten, Jakopo Soranzo, verhandelt, sich der unglücklichen Juden anzunehmen. Bei dessen Rückkehr nach Venedig brachte Soranzo sogleich die Judenfrage in der Sitzung des Dogen und der mächtigen Zehnmänner in Beratung. Er machte ihnen begreiflich, welcher Schaden der Republik durch die Ausweisung der Juden erwachsen würde. Die aus Spanien und Portugal vertriebenen Juden seien es, welche den Türken Kanonen und Kriegswaffen aller Art fabrizierten. Es sei sehr bedenklich, sich die Juden zu Feinden zu machen, welche eine Macht in der Türkei bildeten, und Freundschaft mit diesem Staate zu erhalten, sei für Venedig vielmehr die sicherste Gewähr friedlicher Zustände, da es sich weder auf den Papst, noch auf Spanien verlassen könne, die sich in der Zeit der Not als ein geknicktes Rohr erwiesen hätten. Diese eifrige Verwendung Soranzos zugunsten der Juden bewirkte eine Umstimmung in den Gemütern des Dogen und der Dieci. Das Ausweisungsdekret wurde widerrufen (19. Juli 1573), und Salomos Anwesenheit in Venedig erhöhte noch die Freude seiner Glaubensgenossen, da er auch das Versprechen erlangte, daß sie nie mehr mit Ausweisung bedroht werden sollten.23 Mit Ehren überhäuft und mit einem Geldgeschenk von zehn Pfund Goldes, kehrte Salomo nach Konstantinopel zurück, wo seine Stellung sich noch mehr befestigte und sein Ansehen noch mehr stieg. Sein in Venedig zur Erziehung weilender Sohn Nathan wurde vom Dogen mit Aufmerksamkeit behandelt.24

[373] Infolge des Einflusses des Joseph von Naxos auf den Sultan Selim und des Salomon Aschkenasi auf den ersten Minister Mohammed Sokolli bewarben sich auswärtige christliche Höfe um die Gunst der türkischen Juden in Stambul. Wollte einer derselben etwas bei der Pforte durchsetzen, so suchte er vor allem einen jüdischen Vermittler dafür zu gewinnen, weil ohne einen solchen keine Aussicht vorhanden war, mit etwas durchzudringen.25 Selbst der finstere Philipp II. von Spanien, der eingefleischte Juden- und Ketzerhasser, mußte sich, um Waffenruhe von den Türken zu erlangen, nach jüdischen Unterhändlern umsehen. Die Stellung der Juden in der Türkei und namentlich in der Hauptstadt, unter den Augen ihrer mächtigen Beschützer, war daher außerordentlich günstig. Sie durften alle ihre Kräfte frei entfalten und erwarben Reichtümer, welche auch damals Macht verliehen. Der Großhandel und der Zoll waren größtenteils in ihren Händen. Auch Schiffahrt im großen trieben sie und wetteiferten mit den Venezianern. In Konstantinopel besaßen sie die schönsten und größten Häuser mit Gärten und Kiosks, die denen des Großveziers gleichkamen.26

Wurden die Juden in den Provinzen irgendwo bedrängt, was namentlich von den boshaften Griechen geschah, oder wollten sie überhaupt etwas durchsetzen, so brauchte sich nur eine Deputation nach Konstantinopel zu begeben, um vermittelst der jüdischen Großen die Plackereien abzuwenden. Die Juden von Salonichi, welche die Hauptbevölkerung der Stadt bildeten, aber nichtsdestoweniger von der Minderzahl der Griechen öfter geplagt wurden, hatten unter dem Sultan Suleiman vergebens um Bestätigung von Privilegien zu ihrem Schutze nachgesucht. Ihr Prediger, Mose Almosnino, welcher mit mehrern Abgeordneten in Konstantinopel dafür tätig gewesen, verzweifelte schon, damit durchdringen zu können. Sobald aber Selim den Thron bestiegen hatte und Joseph von Naxos zu hohem Ansehen gelangt war, erhielt er unerwartet einen Ferman zur Bestätigung der gewünschten Privilegien.27

Es konnte nicht fehlen, daß der Wohlstand, die Freiheit, die Behaglichkeit und Sicherheit des Daseins unter den türkischen Juden [374] ihnen auch eine erhobene Stimmung verliehen, einen freien Blick über die Spanne Gegenwart hinaus geöffnet und ihren Geist wieder zum Schaffen angeregt haben. Die geistige Fruchtbarkeit der jüdischspanischen Rasse, welche Schönes und Tiefes zutage gefördert, war auch in der Türkei nicht ausgetrocknet und erloschen. Der Sinn für Geschichte und Vorgänge jenseits der jüdischen Welt war ihr noch nicht verschlossen. Mose Almosnino photographierte während seiner Anwesenheit in Konstantinopel, um Privilegien für die Salonicher Gemeinde zu erlangen, sehr anschaulich das Leben in der türkischen Hauptstadt mit seinen Gegensätzen von glühender Wärme und erstarrender Kälte, erstaunlichem Reichtum und abschreckender Armut, verweichlichendem Luxus und strenger Enthaltsamkeit, verschwenderischer Mildtätigkeit und herzlosem Geize, übertriebener Frömmigkeit und gottvergessener Lauheit, die sprungweise, ohne sanfte Übergänge einander folgten. In seiner Schrift über die »Gegensätze und Größe Konstantinopels«28 in spanischer Sprache hat Almosnino die Macht und Entwicklung des türkischen Staates mit Kennerblick geschildert. Er hatte überhaupt Vorliebe für Wissenschaften und Philosophie und gab seinen Predigten wie seiner Schriftauslegung eine wissenschaftliche Form. Für Geschichte war auch eingenommen der Arzt Samuel Schulam, ebenfalls ein Spanier von Geburt, der lange ein Abenteurerleben geführt, bis er in Konstantinopel von einer bei der Sultanin in Ansehen stehenden jüdischen Frau Esther Kiera29 unterstützt wurde. Auf ihre Kosten gab er Zacutos zwar schlechte, aber brauchbare Chronik (o. S. 14) heraus (1566-67), aber vielfach gekürzt und gedrängt. Er fügte zur Ergänzung ein Geschichtswerk hinzu, das bis dahin von Juden gar nicht beachtet worden war, die arabische Chronik der Dynastien des syrischen Chronisten Abulfaraǵ Barhebräus, zu der Schulam die türkische Geschichte selbständig nachgetragen hat. Auch übersetzte dieser Günstling der jüdischen Hofagentin aus dem Lateinischen die interessante Schutzschrift des alten jüdischen Geschichtsschreibers Josephus gegen die Angriffe des alexandrinischen Judenfeindes Apion – der erste jüdische Schriftsteller, der davon Gebrauch gemacht hat. Von weit größerem Werte waren zwei Urkunden, die er der Zacutoschen Chronik hinzugefügt hat, Scheriras geschichtliches Sendschreiben und die wichtigen Nachrichten des Nathan Babli über die gaonäische Zeit30, ohne die ein ganzer Zeitraum der jüdischen Geschichte einem leeren Blatte gliche. Auch [375] eine Verfolgungsgeschichte wollte Samuel Schulam zusammentragen31, man weiß nicht, ob er sein Vorhaben ausgeführt hat. Indessen diese Nachtseite der jüdischen Geschichte, das tausendjährige Martyrium des jüdischen Stammes hat in derselben Zeit ein fähigerer Geschichtsschreiber dargestellt, der bereits greise Joseph Kohen von spanischer Abkunft. Sein »Jammertal«32 bietet eine lange Reihe düsterer Anblicke, Zerfleischung, Tod, Jammer in allen Gestalten; aber er konnte doch seine Geschichte mit einer freudigen Erzählung schließen, wie die Venezianer eifrig dahinterher waren, den jüdischen Gesandten der Türkei, Salomo Aschkenasi, zu ehren und auszuzeichnen, sei es auch nur aus Politik.

Die glänzende Stellung der Juden in der Türkei in der Gegenwart führte sie von selbst darauf, sich nach Parallelen in der Vergangenheit umzusehen und sie den damals Lebenden vorzuführen. Niemand war dazu geeigneter als der hinkende Wandersmann Isaak Akrisch, welcher viele Länder gesehen und sich auf Sammlung seltener Schriften verlegt hatte. Nach vielen Irrfahrten und großem Elend war er in den sichern Hafen eingelaufen; er wurde von der jüdischen Gönnerin der Wissenschaft, Esther Kiera, unterstützt; später war er Hausgelehrter des jüdischen Herzogs von Naxos geworden und hatte Muße, seiner Liebhaberei nachzuhängen. Aus seiner Sammlung suchte er zwei Schriften heraus, deren Inhalt Ähnlichkeit mit der damaligen Gegenwart hatte, und gab sie unter dem Titel: »Stimmen eines frohen Botschafters«33 heraus: die Geschichten des Exilarchen Bostanaï, angeblich aus dem davidischen Hause, der von dem ersten Kalifen Omar begünstigt worden und eine persische Königstochter geheiratet34, und den Briefwechsel des jüdischen Staatsmannes Chasdaï Ibn-Schaprut in Spanien mit dem jüdischen Chazarenkönig Joseph.35

[376] Selbst die hebräische Poesie trieb in dieser Zeit in der Türkei einige Blüten, allerdings Herbstblumen, welche die Spuren einer kalten Sonne und feuchter Nebel an sich trugen, die aber doch wohltuend abstechen gegen die freudlose winterliche Öde anderer Gegenden und späterer Zeit. Mehr noch als die Erzeugnisse selbst flößt ihr Anreger und Beförderer Interesse ein. Es war ein Ibn-Jachja aus der türkischen Linie dieser weitverzweigten Familie. Diese Familie hat in einer Reihe von Geschlechtern den Geistes- und Herzensadel ihres Stammes bewahrt. Der Urahn Jacob Tam, der Großvater Gedalja Ibn-Jachja, der Enkel Mose und der Urenkel Gedalja Ibn-Jachja II. mit allen Seitenverzweigungen waren sämtlich bei talmudischer Gelehrsamkeit Freunde der Wissenschaft und teilten ihr Vermögen mit den Armen. Mose Ibn-Jachja hatte in der Pestzeit nicht nur Tausende von Dukaten für die Leidenden gespendet, sondern sich auch bei der Behandlung der Kranken dem Tode ausgesetzt. Seine Gastfreundschaft für Fremde kannte keinen Unterschied unter verschiedenen Religionsgenossen. Sein Sohn Gedalja, ein Weiser und angenehmer Redner, eiferte seinem Vater in allen Tugenden nach36 und hatte vor ihm noch [377] die Liebe zur Poesie voraus. Er bildete eine Art poetischer Schule oder poetischen Kreises. Er ließ nämlich von Zeit zu Zeit diejenigen, welche in der neuhebräischen Poesie etwas leisten konnten, auf seine Kosten zusammenkommen, um ihre Gedichte vorzulesen oder von Entfernten die Früchte ihrer Muße einsenden, um ihren Eifer für die so sehr verwaiste schöne Kunst rege zu machen. Unter den zahlreichen Dichtern des Ibn-Jachjanischen Kreises zeichneten sich zwei aus, Jehuda Zarko und Saadia Longo. Allenfalls läßt sich noch der in Damaskus lebende, im Versemachen fruchtbare, letzte Poetan Israel Naǵara dazu zählen. Freilich im Inhalte ihrer Verse ist nicht viel von Poesie zu finden. Sie zeigen weder Erhabenheit, noch Schwung, noch irgend welche Empfindung. Die religiösen Oden und moralischen Betrachtungen dieser drei bessern Dichter bewegen sich in Gemeinplätzen und haspeln nur das Längstgedachte und Empfundene in anders versetzten, oft auch in denselben Klängen ab. Allenfalls in Epigrammen haben sie noch einiges Leidliche geleistet, namentlich Zarko. Nur wegen ihrer Formenglätte und wohlklingenden Verse verdienen sie den Namen Dichter. Es versteht sich von selbst, daß dieser Dichterkreis seinen Gönner und Beschützer Gedalja Ibn-Jachja durch Verse verherrlicht hat. Israel Naǵara hat in seiner Jugend viele weltliche Verse gemacht, und auch seine religiösen Verse sind – auffallend genug – dem Versmaß und Reime weltlicher Gedichte und sogar türkischer, spanischer und neugriechischer Liebeslieder nachgebildet. Israel Naǵara warf man vor, der Weinrausch habe seine poetischen Ergüsse gefördert, und in der heitern Stimmung soll er sich gar nicht ehrbar geberdet haben.

Auch lateinische Verse zu machen, waren die Juden der Türkei infolge der Sicherheit und Behaglichkeit ihres Daseins aufgelegt. Selbstverständlich waren es eingewanderte Marranen, welche in dem großen Kerker Spanien oder Portugal auch die Sprache ihrer Zwingherren gelernt hatten. Als der gewissenhafte Arzt Amatus Lusitanus, der von Königen und Bettlern gesuchte Helfer, welcher wegen der Unduldsamkeit des reaktionären Regiments von Italien (o. S. 327 f.) nach Salonichi ausgewandert war und dort sich neue Freunde und Bewunderer erworben hatte, ein Opfer seiner Tätigkeit geworden und an der Pest gestorben war, setzte ihm einer seiner Freunde, der Marrane Flavio Jacobo de Evora, ein Denkmal in schönen lateinischen Versen. »Er, der das entfliehende Leben so oft im siechen Körper zurückgerufen, bei Königen und Völkern darum beliebt war, liegt fern von seinem Geburtslande im mazedonischen Staube«.37

[378] Das Hochgefühl und die Befriedigung der türkischen Juden an der Gegenwart flößten ihnen den Gedanken an Unabhängigkeit ein. Während die Juden in der Christenheit gar keinen Sinn dafür hatten und sich selbst von jeher nur in Untertänigkeit und in gebeugter Gestalt vor ihren Herrn denken konnten, machten sich jene mit dem Bewußtsein vertraut, jüdische Selbstherrscher und unabhängige Juden zu sehen. Die Berichte des Abenteurers David Rëubeni von kriegerischen jüdischen Stämmen und gekrönten jüdischen Häuptlingen in Arabien oder Nubien beschäftigten türkische Juden ernstlich. Sie lauschten auf Nachricht von dorther, um das unter der Hand von vielen Seiten Erfahrene als Gewißheit bestätigt zu hören. Messianische Träumereien liefen dabei mit unter. Wenn es noch selbständige jüdische Stämme gäbe, so sind die Worte der Propheten von dem künftigen Glanze des jüdischen Volkes nicht zur Erde gefallen und dürften sich einst verwirklichen. Samuel Usque, der dichterische Geschichtsschreiber, der aus Ferrara nach Konstantinopel infolge der Wut in Italien gegen die Marranen ausgewandert zu sein scheint, zog mit noch andern geflissentlich Nachrichten solcher Art ein und gab ihnen die weiteste Verbreitung.38 Selbst Isaak Akrisch, der sich sehr ungläubig gegen solche Nachrichten stellte und Samuel Usque und Genossen als Phantasten und Lügenschmiede verdächtigte, ließ sich mit Wohlgefallen ähnliche Berichte von einem unabhängigen jüdischen Staate in Afrika erzählen und druckte sie als glaubwürdig ab.39 Die Lage in der Gegenwart machte solche Mären glaublich.

Joseph von Naxos trug sich nämlich lange mit dem Gedanken, ein kleines jüdisches Gemeinwesen zu gründen. Der Jude und der Staatsmann in ihm, beide hingen diesem Plane nach, und die großartigen Reichtümer seiner Schwiegermutter, über die er verfügen konnte, sollten ihm als Mittel dazu dienen. Schon als flüchtiger Marrane hatte er an die Republik Venedig ernstlich das Gesuch gestellt, ihm eine der zu diesem Staate gehörenden Inseln zu überlassen, um sie mit jüdischen Bewohnern zu bevölkern. Er wurde aber damit abgewiesen40, entweder aus christlicher Engherzigkeit oder aus kaufmännischer Furcht vor Konkurrenz. Als er später in Gunst [379] beim Prinzen Selim und auch beim Sultan Suleiman stand, ließ er sich von ihnen die Trümmer der Stadt Tiberias und sieben Dörfer dazu schenken, um sie in einen kleinen jüdischen Staat zu verwandeln. Nur Juden sollten darin wohnen. Joseph von Naxos sandte einen seiner Agenten dahin, den Neubau von Tiberias zu leiten, Joseph ben Ardut, der von Selim 60 Aspern (1 1/5 Dukaten) täglich erhielt. Die Reichtümer der Doña Gracia wurden besonders dazu verwendet. Der türkische Prinz gab dem Pascha von Syrien den gemessenen Befehl, den Bau mit allen Mitteln zu fördern. Die arabischen Dorfbewohner der Umgegend wurden gezwungen, Frondienste dabei zu leisten. Sie taten es aber nur mit Widerstreben, weil die Mohammedaner eine Überlieferung hatten, wenn Tiberias erbaut werden würde, so würde das Judentum über die übrigen Religionen obsiegen, und der Islam würde untergehen. Bei diesem Unternehmen rief ein alter Mohammedaner diesen Wahnglauben wieder wach und machte die mohammedanischen Arbeiter gegen den Bau aufsässig. Der Pascha von Damaskus mußte einschreiten und an zwei widerspenstigen Arbeitern türkische Justiz üben, bis sich die übrigen zur Arbeit verstanden. In einem Jahre war die Stadt Tiberias mit schönen neuen Häusern und Straßen vollendet. Joseph von Naxos wollte daraus eine Fabrikstadt machen, welche mit den Venezianern konkurrieren sollte. Er ließ dort Maulbeerbäume für die Zucht von Seidenraupen pflanzen und Gespinste von Seidenstoffen anlegen; er ließ auch feine Wolle aus Spanien kommen, um dort feine Tuche weben zu lassen.41

Joseph von Naxos hatte einen Aufruf an die Judenheit erlassen42, daß die von der christlichen Liebe Gequälten und Bedrückten Ruhe in dem von ihm geschaffenen Asyl Tiberias suchen sollen. Praktisch, wie er war, wünschte er aber als Ansiedler Erwerbsfähige und Handwerker, welche durch Fleiß die jüdische Kolonie zur Blüte zu bringen imstande wären, aber nicht Mystiker und Phantasten, welche den Wahn hegten, mit der Wiederherstellung von Tiberias werde der Anbruch des messianischen Himmelreichs im heiligen Lande eintreten. Der Aufruf fand selbstverständlich freudigen Anklang. Ganz besonders machten die Juden des Kirchenstaates, welche die judenfeindliche Bulle des Papstes Pius V. zur Verzweiflung gebracht[380] hatte, davon Gebrauch. Der jüdische Fürst hatte auch dafür gesorgt, daß die Auswanderer Gelegenheit zur Überfahrt finden sollten. Seine Schiffe erwarteten sie in den italienischen Häfen Venedig, Ancona und andern, um sie sicher vor den gottgeweihten Piraten des Malteserordens an Ort und Stelle zu bringen; denn diese heiligen Ritter bekundeten ihre Ritterlichkeit an Juden, welche nach dem Orient segelten, um sie auszuplündern oder zur Taufe zu zwingen. Wie viele neue Ansiedler in Tiberias eingetroffen sind, ist unbekannt, und zweifelhaft, ob sie Josephs Plan gefördert haben.

Er selbst scheint dem kleinen jüdischen Gemeinwesen nicht seine ganze Tatkraft zugewendet zu haben; seine Pläne gingen überhaupt ins Weite, und darum hat Neu-Tiberias keine Rolle gespielt. Er arbeitete zunächst daran, die Insel Naxos mit den nahen Inseln im ägäischen Meere als Herzogtum zu erhalten. Und als er so glücklich war, vom Sultan Selim zum Herzog ernannt zu werden, dachte er gar nicht daran, seinen kleinen Inselstaat mit Juden zu bevölkern; vielleicht war es auch nicht ausführbar. Dann war sein Sinn darauf gerichtet, König von Cypern zu werden. Möglich, daß er die Insel der Göttin der Schönheit in einen jüdischen Staat umgewandelt hätte, wenn er sie in Besitz bekommen hätte. Aber sein Feind, der Großvezier Mohammed Sokolli, ließ es nicht dazu kommen. So zerrannen seine Träume, einen selbständigen jüdischen Staat zu gründen.

Überhaupt hat Joseph von Naxos nichts Wesentliches und Dauerndes für das Judentum getan. Er hat immer Anläufe dazu genommen, ist dann aber wieder erschlafft oder vergriff sich in den Mitteln. Der Grund lag in seiner geringen Kenntnis des jüdischen Schrifttums und in seinem Mangel an wissenschaftlichem Sinn. Joseph von Naxos hielt nach dieser Seite keinen Vergleich aus mit dem Staatsmanne Chasdaï Schaprut oder gar mit Samuel Nagid, welche die Förderung der jüdischen Wissenschaft als eine Lebensaufgabe betrachtet hatten. Er hat wohl ein Lehrhaus in seiner Residenz Belveder in Konstantinopel angelegt und auch sonst die Ausleger des Talmuds unterstützt. Aber das war mehr Sache äußerlicher Religiosität als innerer Überzeugung, das Studium des Talmuds zu fördern. Er würde, wenn Christ geblieben, mit derselben Äußerlichkeit Klöster erbaut haben. Wohl hat Joseph von Naxos seltene hebräische Handschriften angekauft und auf seine Kosten seltene Schriftwerke kopieren lassen.43 Aber der arme Isaak Akrisch hatte auf eigene Hand noch früher eine größere Sammlung seltener Schriften angelegt.44 Joseph hatte auch eine Druckerei in Konstantinopel [381] errichtet, aber weiter nichts als einen Teil der hebräischen Bibel veröffentlicht und dann sie wieder eingehen lassen, weil sie wenig Gewinn brachte.45 Aber vor- und nachher haben weit weniger bemittelte Unternehmer Druckereien in Konstantinopel und Salonichi unterhalten. Mußte doch Joseph Karo, die hochverdiente Autorität Palästinas, der sich so sehr des Joseph von Naxos angenommen hatte, als ihm Gefahr gedroht, für den Druck eines seiner umfangreichen Schriften in Italien betteln lassen, ohne bei dem reichen jüdischen Herzog Unterstützung zu finden. Denken und Forschen über Religion und Bestimmung des Menschen war nicht Sache des Joseph von Naxos. So viel Geist er auch hatte, er richtete ihn nicht nach dieser Seite hin, sondern auf weltliche Dinge; er nahm die Religion des Judentums als etwas Gegebenes hin, worüber weiter nicht viel zu grübeln sei. Im Alter hat er zwar ein Schriftchen drucken lassen, das ein Religionsgespräch sein soll, welches er mit einem zugleich ungläubigen und im astrologischen Wahne befangenen Christen geführt haben will.46 Aber man weiß nicht, wieviel daran ihm und wie viel der geschäftigen Feder des Herausgebers Isaak Onqueneira angehört, und selbst wenn der ganze Inhalt Joseph von Naxos angehört, würde es nur beweisen, daß er sich bei der Anschauung des Talmuds beruhigt hat, um andringender religiöser und philosophischer Fragen überhoben zu sein.

Joseph von Naxos war überhaupt nicht geeignet, die geistige Blüte der Juden zu fördern; er hatte sich durch den Verkehr mit dem türkischen Hofe Stolz und herrisches Wesen angeeignet, und konnte keinen Widerspruch vertragen. Er behandelte daher die Rabbinen, die von ihm lebten, als seine Kapläne, die selbst seine ungerechten Launen durch ihre Gelehrsamkeit rechtfertigen und durch ihre Autorität ausführen mußten, wenn sie nicht seiner Ungunst gewärtig sein wollten. Als ihn daher eine Laune oder ein Interesse anwandelte, sich mit seinem verräterischen Agenten Daud, den er hatte bannen und verbannen lassen (o. S. 366), wieder auszusöhnen und ihn aus der Verbannung in Rhodus zurückzurufen, sollten die Rabbinen auf sein Geheiß den über jenen verhängten Bann ebenso schnell lösen, wie sie ihn aus Zuvorkommenheit ausgesprochen hatten. Nun war die Sache nicht so leicht. Denn ein so feierlicher Bann von so vielen Rabbinaten und Gemeinden verhängt, konnte [382] nach rabbinischen Gesetzen gar nicht mehr aufgehoben werden, zumal mehrere Rabbinen, die sich an dem Bannspruche beteiligt hatten, bereits dahingeschieden waren. Nichtsdestoweniger verlangte Joseph von Naxos namentlich von den konstantinopolitanischen Rabbinen, daß sie Daud vom Banne lösen sollten; er hatte ihnen bei etwaigem Widerspruche nicht nur mit Entziehung seiner Unterstützung, sondern auch mit seiner Ungnade gedroht. Indessen gab den Rabbinen ihre Sittlichkeit und Religiosität Selbständigkeit genug, sich von dem kleinen Tyrannen nicht einschüchtern zu lassen. Gerade der von Joseph unterstützte greise Rabbiner Joseph Ibn-Lab versagte seine Zustimmung zur Aufhebung des Bannes, und mit ihm stimmten sein ganzes Kollegium, ferner die Rabbinate von Ägypten, Alexandrien und Salonichi, welche um Gutachten angegangen waren. Nur zwei Rabbinen Konstantinopels sprachen sich im Sinne von Joseph von Naxos aus, Elia ben Chajim und Jehuda Algasi.47

Die so überaus günstige Lage der Juden in der Türkei während eines ziemlich langen Zeitraums hatte also keine nachhaltig günstige Erhebung zur Folge. Sie erzeugte keinen einzigen Kraftgeist, welcher befruchtende Gedanken für die Zukunft aus sich heraus geholt und den Mittelmäßigen eine neue Richtung vorgezeichnet hätte, allenfalls mit Ausnahme des Asarja deï Rossi. Nicht ein einziger der damals lebenden Führer der Gemeinden ragte über das Maß eines Alltagsmenschen hinaus. Die Rabbinen und Prediger waren grundgelehrt in ihrem Fache, wandelten aber durchweg in ausgefahrenen Gleisen, ohne auch nur auf ihrem eigenen Gebiet eine neue Seite hervorzukehren oder eine Leistung besonderer Art zu hinterlassen. Nur ein einziger Rabbiner hat ein epochemachendes Werk der Zukunft überliefert, das noch heute seine, wie wohl bestrittene, Geltung hat; aber dieser hat damit nicht etwas Neues oder Ursprüngliches geleistet. Joseph Karo, erster Rabbiner der palästinensischen Stadt Safet, der Lehrling Molchos in der Mystik (o. S. 226), der Jünger Berabs und der Geisterseher (o. S. 285 f.) hat nach langjährigem Fleiße ein neues religiöses Gesetzbuch (Schulchan Aruch) vollendet.48 Religiöser Drang, kabbalistische Schwärmerei und Ehrgeiz hatten gleichen Anteil an diesem Werke. Joseph Karo hätte nämlich noch [383] immer Verzückungen und Erscheinungen im Traume, er werde durch Vollendung seines Religionskodex als Norm für die ganze Judenheit überall als die erste Autorität anerkannt werden, er werde dadurch die dem Jakob Berab mißglückte Erneuerung der Weihen (Ordination)49 für Richterrabbiner durchsetzen, die Einheit des Judentums wieder herstellen und dadurch die messianische Zeit fördern. Und er hat ein ganzes Menschenleben damit zugebracht50, um den weitschichtigen Stoff zusammenzutragen, das Für und Wider abzuwägen, das Schlußergebnis zu machen und es an die betreffende Stelle einzureihen. Er ist allerdings damit einem Bedürfnisse entgegen gekommen. Es mangelte in der Tat an einer das ganze Gebiet der religiösen Praxis umfassenden Norm, nicht aus Unkunde, wie ehemals in Maimunis Zeit, sondern gerade wegen Überladung des Wissens. Die Wanderung der Juden von West nach Ost, von Nord nach Süd und die Buchdruckerkunst hätten nämlich einen bedeutenden Umschwung erzeugt. Die jüdischen Druckereien in Italien hatten die Beschaffung von sonst teuren und seltenen Schriften ungemein erleichtert. Je mehr der Talmud, die Kommentarien dazu, die Religionskodizes verschiedener Art und die Gutachtensammlungen vervielfältigt worden waren, desto mehr nahm die Zahl der Talmudbeflissenen in fortschreitendem Verhältnisse zu. Die begabten Armen erhielten diese Bücher durch den frommen Sinn Reicher oder konnten sie in Bibliotheken benutzen, welche fast jede größere jüdische Gemeinde in einem unterhaltenen Lehrhause besaß. Die zahlreichen Gemeindegruppen, welche sich namentlich im türkischen Reiche Europas und Asiens bildeten, machten zudem das Bedürfnis nach Rabbinen fühlbar; jede Gemeindegruppe stellte einen Rabbinen und meistens gar ein Kollegium an. Jeder nur irgendwie beanlagte Kopf verlegte sich daher auf das Studium der talmudischen und rabbinischen Literatur, weil jeder sicher war, irgendwo ein Unterkommen zu finden. Die Zahl der Talmudkundigen war daher im sechzehnten Jahrhundert viel, viel größer, als bis dahin. Dadurch trat aber eine große Zerfahrenheit ein. Da der Talmud und noch mehr die spätern Religionskodizes eine Meinungsverschiedenheit über fast jeden einzelnen Punkt des religiösen, rituellen, rechtlichen und eherechtlichen Lebens begünstigen, so trat eine Zerklüftung ein, welche zu Zänkereien und Zerwürfnissen in den Gemeinden führte, weil selten zwei Rabbinen über eine aufgeworfene Frage eines Sinnes waren. Jeder war imstande, aus dem weitschichtigen Schrifttum Gründe für Ja oder Nein beizubringen. Der eine hielt sich an Maimuni, der [384] andere an Alfaßi, ein dritter an Ascheri oder an den Kodex von Jakob Ascheri, oder an Nachmani, an Bet-Adret oder an eine andere Autorität, die deutschen Juden meistens an deutsche Autoritäten.

Dieser Zerfahrenheit und Zerklüftung wollte nun Joseph Karo mit seinem neuen Religionskodex steuern. Er umspannte das ganze, fast unübersehbare talmudische und rabbinische Gebiet in seinem Gedächtnisse – wenn er es auch nicht im Geist zu beherrschen vermochte. Bei der Ausarbeitung folgte er der Ordnung im Kodex des Jakob Ascheri, berichtigte ihn aber aus anderweitigen Entscheidungen anderer Autoritäten und ergänzte ihn vielfach aus spätern Elementen. Karo gab seinem Werke überhaupt mehr den Charakter eines Gesetzbuches, indem er den Stoff selbständig verarbeitete, formulierte und abrundete, während Jakob Ascheri die aufgenommenen Elemente oft in ihrem ursprünglichen Gefüge gelassen, wie er sie vorgefunden hatte, und daher die Träger derselben bei Namen bezeichnete. Karo dagegen hat sich nach dieser Seite mehr an die maimunische Form gehalten. Meistens zählte er die Stimmen. Wenn Alfaßi, Maimuni und Ascheri nicht über einen Punkt zusammenstimmten, so folgte er zweien derselben als der Mehrzahl gegen den einzelnen. Da er von Geburt Spanier war, so bevorzugte er unwillkürlich die Ansichten spanischer Lehrer vor deutschen und französischen – und beging dadurch eine Einseitigkeit. Dem Gebrauche und dem Herkommen der spanischen Juden huldigte er über Gebühr und nahm sie als feste Norm in seinen Religionskodex auf. Nur in betreff der abergläubischen Praktiken, die aber teils vom Talmud stammen, wenn auch von Maimuni und auch von Jakob Ascheri mit Stillschweigen übergangen, und teils von spätern herrühren, hielt er sich an die deutsche Schule und räumte ihnen einen Platz ein. Karo stellte z.B. als Vorschrift auf das Waschen des Morgens nach dem Schlafe oder nach gewissen Verrichtungen, um die bösen Geister zu bannen51; – das Fasten auch am Sonnabend, um böse Träume unschädlich zu machen52; endlich daß man Feinde nicht nebeneinander begraben soll.53 An Überfrömmigkeit übertraf er noch Jakob Ascheri. Man dürfe keine Verse und Fabeln am Sabbat lesen, eigentlich auch nicht an Wochentagen, um so weniger solche, welche Liebeleien oder Ausgelassenheit zum Inhalt haben, wie die Novellen des Immanuel Romi54; Verfasser, Abschreiber und Drucker solcher Schriften seien zu den Verführern zur Sünde zu zählen. Kabbalistische Elemente hat Karo selbstverständlich auch aufgenommen55, wenn auch nur wenige, als hätte er es gescheut, für das praktisch-religiöse Leben [385] den Sohar mit dem Talmud auf eine Linie zu stellen. Es sind allerdings auch in seinen Kodex aus Talmud und rabbinischen Schriften vortreffliche Lehren über Heiligkeit, Keuschheit, Bruderliebe, Sittlichkeit und Redlichkeit im Wandel übergegangen; aber sie verschwinden in diesem Meere von kasuistischen Einzelheiten und Äußerlichkeiten, in diesem Fachwerk von Ober- und Untereinteilungen, von Wenn und Aber. Alle Fragen, mögliche und unmögliche, die irgendwo aufgeworfen wurden, sind in Karos Kodex berücksichtigt, auseinandergesetzt und ausgesponnen. Kurz, es erscheint darin ein ganz anderes Judentum als das, welches am Sinaï offenbart, von den Propheten verkündet und selbst von Maimuni gelehrt wurde. Aber dieses Judentum entsprach vollständig den Vorstellungen der Juden jener Zeit, und darum wurde Karos Kodex allsogleich mit Freuden aufgenommen, verbreitet und als unverbrüchliche Norm festgehalten, in der Türkei, im ganzen Orient, in Italien und auch in Polen.56 Karo war ein abgesagter Feind des Nachdenkens über religiöse Fragen und betrachtete das geringste Bezweifeln einer im Talmud vorkommenden Äußerung als schwere Ketzerei; er stand damit nicht allein, sondern dachte und fühlte gleich der Mehrzahl seiner Glaubensgenossen, gelehrter und ungelehrter.

So hat das religiöse Leben wohl einen Abschluß und eine Einheit erlangt, aber auf Kosten der Innerlichkeit und des freien Denkens. Durch Karo erhielt das Judentum diejenige feste Gestalt, die es bis auf den heutigen Tag bewahrt hat. Karos Traum hatte sich zum Teil erfüllt. Seine rabbinischen Schriften sind Gemeingut der Judenheit geworden und haben ihr die religiöse Einheit gegeben. Aber Oberhaupt derselben, wie ihm der »Geist der Mischna« wiederholentlich versichert hat, ist er nicht geworden, er wurde nur als Autorität neben vielen andern verehrt. Noch weniger hat er dadurch die Weihen von Richterrabbinen als Synhedristen wiederhergestellt, oder gar die Ankunft des Messias gefördert.

Es gab damals einen Mann in Italien, der mit seinem Forschungssinn und Wahrheitstrieb nicht nur alle seine jüdischen Zeitgenossen überragte, sondern auch imstande gewesen wäre, das Judentum von den Schlacken ungünstiger Jahrhunderte zu reinigen, wenn die Zeitrichtung nicht diesem Streben entgegen gewesen wäre, oder wenn er mehr Mut gehabt hätte, ihr offen entgegen zu treten. Asarja ben Mose deï Rossi (min ha-Adomim, geb. in Mantua um 1514, gest. 1578)57 aus einer alten italienischen Familie, hatte sich [386] so sehr in Bücher vergraben, daß sein Körper davon Spuren tiefen Leidens an sich trug. Schwach, gelb, ausgetrocknet, mit Fieber behaftet, schlich er wie ein Sterbender einher. Aber in dieser lebendigen Leiche arbeitete rührig ein kräftiger, gesunder Geist. Er hatte sich das ganze jüdische Schrifttum zu eigen gemacht, sich noch außerdem in die lateinische Geschichtsliteratur eingelesen und auch Medizin getrieben. Dabei führte er ein Wanderleben, wohnte eine Zeitlang in Ferrara, dann in Bologna, mußte diese Stadt infolge der Folterung und Ausweisung der Juden unter Pius V. (o. S. 354) meiden und ließ sich endlich dauernd zum zweiten Male in Ferrara nieder. Mit den Besten seiner Zeit, Juden, Marranen und Christen, pflegte er Umgang und wurde von allen als ein Wunder der Gelehrsamkeit angestaunt. Dieser Schatz seines Wissens lag keineswegs tot in seinem Innern, sondern wucherte reichlich. Die ältere Geschichte hatte für ihn besondere Anziehungskraft. Deï Rossi war einer der wenigen, welcher die jüdisch-griechischen Glanzschriftsteller Philo und Josephus – wenn auch nur in lateinischem Gewande – und die kirchenväterliche Literatur gründlich kannte. Aber mehr noch als seine erstaunliche Belesenheit ist die Verwendung derselben an ihm zu bewundern. Er war der erste, welcher diese zwei Literaturgebiete, die weitab voneinander lagen, den Talmud mit seinen Nebenzweigen einerseits und die Elemente in Philo, Josephus und der kirchenväterlichen Literatur anderseits in Berührung und Beziehung brachte, um aus dem Munde so verschiedener Zeugen die Wahrheit der geschichtlichen Nachrichten zu prüfen. Deï-Rossi war auch der einzige, welcher sich nicht bei dem Gegebenen beruhigte, es nicht eher für wahr hinnahm, bis er es einer eingehenden Prüfung und Läuterung unterworfen hatte. Das war eben das Verkehrte in christlichen nicht minder als in jüdischen Kreisen, daß alles, was in dem alten und für religiös angesehenen Schrifttum mitgeteilt ward, ohne weiteres als unumstößliche Wahrheit gehalten wurde. Diese Verkehrtheit war die Quelle trauriger Irrtümer, beschämenden Wahnglaubens und einer feindseligen Stimmung und Abschließung voneinander. Der Jude glaubte alles, was im Talmud als Geschichte und Geschehenes erzählt wird, und ebenso der Christ, was die Evangelien und die Kirchenväter überliefert haben. Weil die Träger dieses entgegengesetzten Schrifttums als religiöse Autoritäten galten, so nahmen die Bekenner der zwei verschiedenen Religionen alles darin Mitgeteilte gläubig hin, ohne zu untersuchen, ob es der Wahrheit entspricht. Es ist daher nicht hoch genug anzuschlagen, daß deï Rossi sich von dieser Befangenheit frei gemacht hat, daß er zuallererst Geschichte von Sage, Wahrheit von Märchen, Kernhaftes von Hohlem zu unterscheiden anfing. Der Glanz, womit die allzu gläubige Nachwelt die alten Autoritäten [387] der Überlieferung ausgestattet hatte, blendete ihn nicht; er entkleidete sie desselben, um sie als Menschen anzusehen, welche wohl Wahres überliefert und gedacht, aber auch Falsches mitgeteilt und geäußert haben können.

Ein zufälliges Ereignis brachte die in deï Rossi liegenden geistigen Schätze zutage. Ferrara, wohin er kurz vorher aus Bologna übersiedelt war, war von einem grausigen Erdbeben heimgesucht worden (18. November 1570); die zertrümmerten und baufällig gewordenen Häuser zwangen die Einwohner, Zufluchtsstätten außerhalb der Stadt aufzusuchen. In einem Dorfe war deï Rossi mit einem gelehrten Christen zusammengetroffen, welcher seine schwermütigen Gedanken infolge des Erdbebens durch das Lesen eines griechischen Buches aus dem jüdischen Altertume erheitern wollte. Im Gespräche darüber wurde deï Rossi inne, daß selbst seine gebildeten Glaubensgenossen aus einseitiger Beschäftigung mit dem Talmud oder mit abgelebten philosophischen Schriften ihre eigene glänzende Literatur aus der Epoche des zweiten Tempels so wenig kannten, während Christen daran ihr verdüstertes Gemüt aufrichteten. Er faßte daher den Entschluß, von dem christlichen Freunde ermuntert, den Aristeasbrief, die angeblichen Gespräche eines griechischen Königs mit jüdischen Weisen über die jüdische Weisheit, ins Hebräische zu übertragen, um sie seinen Glaubensgenossen zugänglich zu machen. In zwanzig Tagen hatte er diese Arbeit vollendet. Das waren die Erstlinge seiner Gelehrsamkeit, und sie führten ihn zu andern Arbeiten. Sein Hauptwerk »Augenleuchte« oder »Augenspiegel«58 hat zum Hauptinhalte, Parallelen talmudischer und profaner Angaben über dieselben Themata zusammen- oder gegenüber zu stellen. Vorangehend mußte sich aber deï Rossi entschuldigen, daß er auch auf außerjüdische Zeugnisse Gewicht lege. Im Verlaufe kommt er gar zum Ergebnis, daß manche Angaben talmudischer Lehrer in betreff geschichtlicher und wissenschaftlicher Punkte falsch seien, daß sie also gegen die Zeugnisse profaner Schriftsteller zurücktreten müßten. Er scheute sich nicht, den kühnen Satz auszusprechen, daß die Zählungsweise nach Jahren der Weltschöpfung innerhalb der Judenheit nicht richtig sei, weil sie auf falscher Chronologie im Talmud beruhe. Vermöge seines Wahrheitsgefühls sprach er agadischen Erzählungen im Talmud jeden geschichtlichen Wert ab und ließ sie allenfalls als poetische oder moralische Ausschmückungen gelten. Deï Rossis Bedeutung besteht eben einzig und allein darin, daß er überhaupt nicht beim Gegebenen stehen blieb, daß er Forschung und Prüfung auf [388] Gegenstände angewendet hat, welche bei der großen Menge als unantastbare Wahrheit galten, daß er Profanquellen zur Beleuchtung herangezogen und daß er die Agada auf ihren eigentlichen Wert zurückgeführt hat. Denn die positiven Ergebnisse jener geschichtlichen Forschung sind meistens nicht stichhaltig ausgefallen. So stark er im Wegräumen störenden Schuttes war, so gering war seine Leistung im Aufbauen.

Seine Leistung erscheint erst in ihrem rechten Lichte, wenn man sie mit der seiner zeitgenössischen Umgebung oder gar mit der seiner Fachgenossen vergleicht, namentlich mit der des Geschichtsschreibers Gedalja Ibn-Jachja. Sie bildeten förmlich Gegenpole. – Ein Abkömmling der edlen Familie der Jachjiden italienischer Linie, hatte Gedalja (geb. 1515, st. um 158759) den Sinn derselben für Wissen geerbt, und sein Reichtum ermöglichte ihm, diesen in einer reichen Bücherwelt zu befriedigen. Er hatte auf seinen freiwilligen und gezwungenen Wanderungen in Norditalien – er war Prediger und mußte durch die Unduldsamkeit der Päpste ein unstätes Leben führen – viel gesehen und viel gelesen, auch Profanliteratur, aber alles ohne selbständiges Urteil, ohne Unterscheidungsvermögen und ohne Sinn für den Kern der Wahrheit. Ibn-Jachjas kurzgefaßte »Geschichte der Juden«, verbunden mit einer weltgeschichtlichen Chronik, »die Kette der Überlieferung«60, woran er beinahe vierzig Jahre gearbeitet, liefert ein buntes Muster von zuverlässigen geschichtlichen Nachrichten und Fabeleien, von Urkunden und blödsinnigen Erzählungen. An Verzauberungen und böse Geister glaubte Gedalja Ibn-Jachja ebenso fest, wie an die sinaitische Gesetzgebung und an den Talmud. Und doch oder gerade wegen seiner Märchenhaftigkeit hat sein Buch mehr Anklang unter den Juden gefunden als deï Rossis Untersuchungen. Als des letztern »Augenleuchte« im ersten Abdrucke nach Safet gelangte, fanden die dortigen Überfrommen den Inhalt äußerst ketzerisch. Joseph Karo trug einem Mitgliede seines Rabbinatskollegiums, Elisa Galico, auf, eine Verdammungsschrift zu formulieren, die an die ganze Judenheit gerichtet werden sollte, deï Rossis Schrift zu verbrennen. Die Safetaner übten ebenfalls eine Ketzerinquisition aus. Joseph Karo starb aber, ehe er das Verdammungsurteil unterzeichnet hatte (Nisan=April 1575). Indessen waren die italienischen Juden doch nicht so fanatisch, deï Rossi zu verdammen, da sie ihn als einen rechtgläubigen und sittlich lautern Juden kannten. Das Mantuaner Rabbinat wendete darauf nur das Verfahren ben Adrets gegen die Beschäftigung mit Profanliteratur [389] an, es verbot das Lesen des deï Rossischen Werkes für Jünglinge unter fünfundzwanzig Jahren.61 Durch diese, wenn auch nicht ganz offizielle Verketzerung hat es wenig Einfluß auf die jüdische Mit- und unmittelbare Nachwelt ausgeübt, ist daher erst in der neuesten Zeit gewürdigt worden und hat eine neue lichtvolle Geschichtsbetrachtung in jüdischen Kreisen angeregt. Im christlichen Kreise ist deï Rossis Werk viel früher beachtet, beleuchtet und daher ins Lateinische übersetzt worden.

Wie konnte auch die nüchterne, prüfende Betrachtungsweise Anklang finden in einer Zeitströmung, in welcher die Schwindel erregende Kabbala das große Wort führen durfte, die Blindgläubigkeit als höchste Tugend und die Schwärmerei bis zum fanatischen Taumel anzupreisen und zu steigern. Die Verzückungen Salomo Molchos und Joseph Karos und ihre messianische Schwärmerei können als nüchtern gegen das Tun und Treiben gelten, welches nach ihnen auftauchte und einen wahren Hexensabbat feierte. In den letzten drei Jahrzehnten des sechzehnten Jahrhunderts errang die Kabbala in Palästina eine unbedingte Alleinherrschaft, veranstaltete Geistererscheinungen, Beschwörungen, trieb wahrhaft mystische Orgien, verbreitete sich von da aus über die ganze Türkei, Polen, Deutschland und Italien, verdunkelte und verwirrte die Köpfe, verschlechterte sogar die Herzen, ließ keinen gesunden Gedanken aufkommen oder brandmarkte ihn als Ketzerei und Sünde. Abermals wie zur Zeit des jungen Christentums wurde Galiläa und namentlich die Gegend von Safet der Schauplatz für eine Menge böser Geister und Besessener, welche mystische Beschwörungen herausforderten und tiefe Geheimnisse offenbarten, und man weiß nicht, ob die Beschwörer um der Besessenen oder diese um jener Willen aufgetaucht sind. Es entstand eine Zeit wahrer kabbalistischer Raserei, welche mit Zuchtlosigkeit und Herzensverderbnis Hand in Hand ging und nicht bloß die Wissenschaften, sondern auch den zur Nüchternheit anleitenden Talmud heruntersetzte. Für die Judenheit begann damals erst ein eigentümliches, dummgläubiges Mittelalter, als sich in der europäischen Welt nur noch die letzte Spur des nächtlichen Grauens zeigte. Diese Richtung wurde von zwei Männern angeregt, die mit ihrer Schwärmerei und ihren Verzückungen einen immer größern Kreis ansteckten, von Isaak Lurja und seinem Jünger Chajim Vital Calabrese.

Isaak Lurja Levi, geb. in Jerusalem (1534, st. 157262), stammte aus einer deutschen Familie. Früh des Vaters beraubt, kam der [390] junge Isaak nach Ägypten in das Haus eines reichen Oheims, Mardochaï Francis63, eines Steuerpächters, und wurde zum Talmudstudium angehalten. Er zeigte frühreifes Verständnis unter den Jüngern des David Ibn-Abi-Simra, und im vierundzwanzigsten Lebensjahre galt er bereits als ebenbürtige rabbinische Autorität neben dem angestaunten Kenner der talmudischen Literatur, neben Bezalel Aschkenasi.64 Vermutlich wurde er auch von Ibn-Abi-Simra in die Kabbala eingeführt, die ihn fortan so sehr beherrscht hat, daß sein Geist davon benebelt wurde. Das trockene Talmudstudium, welches mit massenhafter Gelehrsamkeit, unfruchtbarem Haarspalten und Formelwesen die Köpfe erfüllte, aber das Herz leer ließ, scheint Lurja widerwärtig geworden und ihn zur phantastischen Mystik getrieben zu haben. Er zog dem lärmenden Lehrhause die schauerliche Einsamkeit der Nilgegend und dem Operieren mit Verstandesformeln die Vertiefung in mystische Welten und schwärmerisches Beten vor.65 Der Sohar, welcher damals durch den ersten Druck überall hin verbreitet und jedermann zugänglich geworden war, zog ihn mächtig an. Je mehr ihm durch die Vertiefung in das tönende Nichts des Sohar die Kabbala vertrauter wurde, desto mehr suchte er die Einsamkeit auf, stellte den Verkehr mit Menschen ein, vernachlässigte selbst seine junge Frau, besuchte sein Haus nur von einem Sabbat zum andern – sein reicher Schwiegervater sorgte nämlich für ihn und die Seinigen – sprach wenig und das wenige nur in hebräischer Sprache. Mehrere Jahre soll Lurja auf diese Weise in stiller Einsamkeit zugebracht haben, und sie machte ihn, wie alle diejenigen, deren Verstandeskraft nicht stärker ist als ihre Phantasie, zu einem verzückten Schwärmer; sein steter Begleiter in dieser Abgeschiedenheit, das mystische Buch Sohar, trug dazu bei, seine Einbildungskraft zu erhitzen. Fest überzeugt von der Echtheit desselben, als Werk von Simon ben Jochaï, und von der Göttlichkeit der darin geoffenbarten Phantasterei und Albernheiten, suchte Lurja darin durchaus höhere Bezüge und tiefere Weisheit. Er betete und vergoß Tränen, daß ihm die Rätsel und Dunkelheiten, die er darin fand, durch höhere Eingebung gelöst werden möchten, und wenn er den Schlüssel dazu gefunden zu haben glaubte, so war es kein anderer, als der Prophet Elia, der ihn ihm gebracht; in seiner erhitzten Phantasie sah er wohl auch Elia, den Lehrer von Geheimnissen, von Angesicht zu Angesicht.

[391] Was offenbarte ihm der Prophet Elia, oder der Sohar, oder vielmehr seine eigene Einbildungskraft? Zunächst gab er sich Mühe, in die Verworrenheit und Zerfahrenheit des Sohar System, Einheit und Folgerichtigkeit zu bringen, wie wenn jemand in der Geschwätzigkeit eines halb Blödsinnigen Gedankenstrenge nachweisen wollte. Der Einsiedler von Kairo suchte herauszubringen, wie Gott die Welt vermöge der Zahlwesen (Sefirot) geschaffen und geordnet, oder wie sich die Gottheit in den Formen der Wesenheiten geoffenbart, oder wie sie sich in sich selbst zusammengezogen hat66, um aus ihrer Unendlichkeit die Endlichkeit der Wesen zu entfalten. So kam ihm ein außerordentlich verschlungenes Netz und Gewebe von Kräften, Gegenkräften, Wirkungen und Gegenwirkungen, Formen und Stufen (Parsophin) in den vier Sphären der Sonderung, Schöpfung, Bildung und Wandlung heraus. Diese leeren Begriffe belegte er mit so wunderlichen Namen, daß er später sich mit Recht beklagen konnte, daß niemand sein mystisches System verstehen könnte. Lurja wollte nämlich jedem Ausdrucke und jedem Worte im Sohar, die aus Spielerei und Sucht nach Klängen und überhaupt als Effektberechnung hingeworfen sind, eine tiefe, unendlich tiefe Bedeutung beilegen, und so erhielt das, was in jenem Lügenbuche Mose de Leons nur Nebenpartie bildet, in Lurjas Gehirn einen wesentlichen Charakter: Der Urmensch (Adam Kadmon), der Alte der Tage (Atik Jomin), das lange Gesicht (Arich Anpin), das kurze Gesicht (Seïr Anpin), Männliches und Weibliches, Vater und Mutter, Gehirn, Lichter, Funken und Gefäße (Organe, Kelim), Schwängerung, Säugen und Wachstum, Verbindung und Trennung (Siwug, Nesira) und vieles andere hatte für ihn in dem Wahne, daß mit solchen leeren Nußschalen ein Weltgebäude aufgeführt werden könne, eine tiefe Bedeutung. Einen neuen Zug bildet in diesem wirren Knäuel die Theorie, daß die Leitungsorgane, durch welche die göttliche Fülle sich der Welt mitteile, vor Überströmung geborsten wäre (Sod Schebirat Kelim), wodurch ein neues Chaos durch sieben Stufen (Schewa Melachim) entstanden, und aus diesem chaotischen Gewirre sei eine neue Schöpfung hervorgegangen. Doch galt Lurja diese vielfach verschlungene Weltschöpfungstheorie nur als eine Art Voraussetzung zu einem viel wichtiger scheinenden [392] praktischen Teile der Kabbala, wodurch die Welt der Gottesordnung (Olam ha-Tikkun) herbeigeführt werden könnte. Diese Lurjanische praktische Kabbala beruht auf einer nicht minder wunderlichen Seelenlehre, immer auf Grund soharistischer Träumerei.

Die Seelen spiegeln die enge Verbindung des Unendlichen und Endlichen ab und haben dadurch eine Mannigfaltigkeit. Die ganze Seelenfülle, welche in die Zeitlichkeit eingehen sollte, sei mit Adam geschaffen worden, aber jede Seele je nach ihrer höhern oder niedern Stufe, an oder aus oder mit dem ersten Menschen von höhern oder niedern Organen und Formen gebildet. Es gebe demnach Gehirnseelen, Augen-, Ohren-, Hand- und Fußseelen.67 Jede derselben ist als Ausfluß oder Funke (Nizuz) von Adam anzusehen. Durch die erste Sünde des ersten Menschen – auch die Kabbala braucht für ihre Wahngebilde die Erbsünde – sei das Hohe und Niedere, die Ober- und Unterseelen, Gutes und Schlechtes in Verwirrung und Vermischung geraten. Auch die lautersten Wesen haben dadurch eine Beimischung von dem Bösen oder dem Dämonischen »der Schale« (Kelipha) erhalten. Die sittliche Weltordnung oder die Läuterung des ersten Menschen könne aber nicht eher eintreten, bis die Folgen der Erbsünde, das Durcheinander von Gut und Böse, getilgt und abgetan seien. Von dem schlechtesten Teil der Seelenfülle stamme die Heidenwelt, vom guten dagegen das israelitische Volk; aber jene sei ebensowenig ohne ein Gemengteil des Urguten, wie dieses nicht ohne Beimischung des Verderbten und Dämonischen, und dieses gebe eben die ewige Anregung zur Sünde und hindere den auserwählten Bruchteil des Menschengeschlechtes, die Vorschriften Gottes, die Thora, zu befolgen. Die messianische Zeit werde eben diese Umkehrung der Ordnung durch die Erbsünde oder die eingetretene Unordnung wieder aufheben und die Vergöttlichung der Welt, d.h. das Durchdrungensein des All von den freiwaltenden Ausströmungen der göttlichen Gnadenfülle, herbeiführen oder herbeigeführt sehen. Es müsse daher vorher eine durchgängige Scheidung des Guten vom Bösen erfolgen, was eben nur durch Israel geschehen könne, wenn es, oder die Gesamtheit seiner Glieder, die Beimischung des Schlechten loswerde oder von sich weise. Zu diesem Zwecke müßten die Seelen (zunächst der Israeliten) Wanderungen durchmachen, Wanderungen durch Menschen- und Tierleiber, ja sogar durch Flüsse, Holz und Steine.68 Die Lehre von der Seelenwanderung [393] bildet den Mittel- und Schwerpunkt der Lurjanischen Kabbala; er hat sie aber eigentümlich weiter ausgesponnen. Nach seiner Theorie müssen auch die Seelen der Frommen Wanderungen durchmachen, da auch sie von dämonischer Beimischung nicht frei seien; es gebe keinen Gerechten auf Erden, der nur Gutes täte und nicht sündigte. Damit hatte Lurja die Schwierigkeit gelöst, welche ältere Kabbalisten nicht zu überwinden vermochten, wie denn z.B. Seths Seele in Mose übergegangen sei.

Diese Scheidung der guten und bösen Elemente in der Seelenfülle oder diese Sühne und Tilgung der Erbsünde, oder die Wiederherstellung der Ordnung in Adam würde aber, bei der steten Anreizung zu sündigen, eine sehr lange Zeitreihe erfordern. Es gäbe aber Mittel, diesen Prozeß zu beschleunigen, und das war die ureigene Erfindung Lurjas. Neben der Wanderung der sündhaften oder mit dämonischen Kräften behafteten Seelen bestehe nämlich noch eine andere Art, eine Seelenaufschwingung oder Seelenschwängerung (Ibbur, superfoetatio). Hat eine selbst geläuterte Seele hinieden manches Religiöse verabsäumt oder keine Gelegenheit gehabt, eine Pflicht zu erfüllen, so müsse sie ins Erdenleben zurückwallen, sich der Seele eines lebenden Menschen anzuschmiegen, sich mit ihr vereinigen und eng zusammenschließen, um das Verabsäumte nachzuholen. Auch abgeschiedene Geister frommer, sündenfrei gewordener Menschen treten hin und wieder auf Erden wieder auf, um schwache, schwankende Seelen, die aus eigener Kraft das Gute nicht zusammenbrächten, darin zu unterstützen, zu kräftigen und zum Ziele zu führen. Diese lautern Geister wüchsen mit den im Kampfe ringenden Seelen zusammen und bilden eins mit ihnen. Selbst drei Seelen können sich zu einer einzigen vereinigen, vorausgesetzt, daß sie einige Verwandtschaft miteinander haben, d.h. von demselben adamitischen Funken oder Organe stammen, wie denn überhaupt nur gleichartige (homogene) Seelen eine Anziehung aufeinander ausüben, ungleichartige (heterogene) dagegen einander abstoßen. Nach dieser Theorie habe die Verbannung und Zerstreuung Israels einen welt- oder seelenerlösenden Zweck. Die geläuterten Geister frommer Israeliten sollen sich mit den Menschenseelen aus andern Völkerkreisen verbinden, um sie von den ihnen innewohnenden dämonischen Schlacken zu befreien.69

[394] Isaak Lurja träumte ein ganzes System von Seelenwanderung und Seelenverdopplung. Er glaubte das Geheimnis des Ursprungs, der Verwandtschaft und der Verzweigung der Seelen zu wissen. Wichtig schien ihm auch, das Geschlecht der Seelen zu kennen; denn es gebe auch weibliche Seelen in männlichen Leibern und umgekehrt, je nach der Anziehung und Wanderung. Das sei besonders für das Eingehen einer Ehe wichtig, ob die Seelen des Paares ihrer Abstammung und Stufe nach zueinander stimmten oder nicht; in dem einen Falle gäben sie eine gute, gediegene Nachkommenschaft, in dem andern Falle flöhen sie einander. Mit diesem Geheimnis vermeinte der Schwärmer von Kairo auch das andere zu besitzen, wie die guten Geister herabbeschworen, gewissermaßen zum Eingehen in den Leib lebender Menschen genötigt und so Offenbarungen aus der jenseitigen Welt zu machen gezwungen werden könnten. Damit glaubte er, den Schlüssel zum Messiasreiche und zur Herstellung der Weltordnung in Händen zu haben. War er imstande, an der Stirn lebender Menschen zu erkennen und ihnen begreiflich zu machen, welchen Zusammenhang mit der höhern Welt die ihnen innewohnende Seele habe, wodurch sie sich vergangen, und von ihr losgelöst sei, welche Wanderung sie bereits durchlaufen habe, wodurch sie die Schädigung und Störung an dem höhern Weltenbau wieder gut machen könne, wie sie sich von den Banden der sie umstrickenden bösen Geister befreien, welchen Geist sie sich zur Gesellschaft und Paarung aussuchen sollte, und wußte er auch die Mittel, die Beschwörungsformeln und die Anwendungen des Gottesnamens anzugeben, um reine Geister zur Betätigung eines höhern, sittlich-religiösen und asketischen Lebens auf sich herabzulocken, so könnte es ihm nicht schwer werden, die messianische Erlösung, die eigentlich nichts anderes sei, als Erlösung der Seelen in den Adamssöhnen, zu fördern. Lurja glaubte die Seele des Messias von Josephs Linie zu besitzen und eine messianische Sendung zu haben. Er sah überall Geister und hörte deren Geflüster in dem Rauschen der Gewässer, in der Bewegung der Bäume und Gräser, im Gesange oder Gekrächze munterer Vögel, im Flimmern der Flamme. Er sah, wie sich die Seelen beim Verscheiden von dem Leibe loslösten, wie sie sich in die Höhe schwangen oder aus den Gräbern aufstiegen. Ganz besonders verkehrte er mit den Geistern biblischer, talmudischer und rabbinischer Frommen und namentlich mit Simon ben Jochaï; er erkannte, welchem seiner Zeitgenossen sich dieser oder jener Geist angeschlossen habe, und redete sie als solche an. [395] Kurz, Lurja war ein entschiedener Geisterseher und Totenbeschwörer, ein zweiter Abraham Abulafia, oder auch ein Salomo Molcho, mit kabbalistischem Krimskrams messianische Hoffnungen zu erwecken, dabei aber doch nüchtern und sophistisch; er trug die talmudische Kasuistik in die Kabbala hinein.

Von der Höhe seiner welterlösenden Mystik sah er mit einer gewissen Verachtung auf die meisten Kabbalisten der Vergangenheit und seiner Zeit herab, gestand nur wenigen diesen Titel zu, verwarf daher die meisten kabbalistischen Schriften, mit Ausnahme derer von Isaak dem Blinden und Nachmani, als unecht, als selbstgemachte Klügeleien, und erkannte sie nicht als wahrheitsgetreue Überlieferung an.70 Den Geist, welcher Joseph Karo Offenbarungen mitgeteilt haben soll, bezeichnete Lurja geradezu als Lügengeist. Ohne hochmütig zu sein71, glaubte er sich im Alleinbesitze der kabbalistischen Geheimlehre. – In Ägypten fand Isaak Lurja mit seinem Labyrinth höherer Welten, seiner Schöpfungs- und Erlösungstheorie wenig oder gar keinen Anklang. Es kümmerte sich niemand um den einsamen Schwärmer, wie er sich auch nicht um die wirkliche Welt kümmerte. Wohl um sein Erlösungswerk durchzuführen, siedelte er mit Weib und Kind nach Safet, dem kabbalistischen Jerusalem, über, wo die Geheimlehre in höchster Blüte stand, und der Sohar, die Trugschrift des Mose de Leon, ebenso sehr vergöttert wurde, wie das Gesetzbuch des Mose Sohn Amrams. Fast das ganze Rabbinatskollegium und sämtliche Tonangeber von Safet waren Kabbalisten. An der Spitze Joseph Karo, sein Doppelgänger Salomo Alkabez, ferner Mose Corduero (geb. 1522, st. 1570), der eine eigene Schule hatte, Mose Alschaich, der geschwätzige und flachköpfige Prediger, Eliade Vidas, Elisa Galico, Joseph Sagis, Mose Basula, aus Ancona nach Safet ausgewandert, und viele andere, namentlich eine ganze Schar junger Mystiker. Diese Stadt war damals eine nur mit Juden bevölkerte und wohlhabende Stadt.72 Von Druck und Nahrungssorgen empfanden die Gemeindeglieder wenig; die Kabbalisten konnten daher nach Herzenslust ihr Wesen treiben. Sie fühlten sich geschützt von der Gunst des jüdischen Herzogs von Naxos beim[396] Sultan, wie in einem eigenen Staate, dessen Gesetzgeber und Herrscher sie allein waren. Ein kabbalistischer Kreis bildete auf Joseph Sagis' Vorschlag ein Konventikel mit eigenen Formen; die Mitglieder desselben kamen am Freitag zusammen und beichteten einander ihre Sünden ganz offen.73 Die Kabbalisten hatten es bereits in Nachahmung des Katholizismus zur Ohrenbeichte und zur Verehrung der Märtyrer gebracht. – So war der Schauplatz beschaffen, auf dem Isaak Lurja, der Schöpfer der neuen Kabbala, neue Verirrungen anstiften sollte.

In der ersten Zeit seiner Ankunft (um 1569)74 scheint er wenig Beachtung in der Kabbalistenstadt gefunden zu haben. Was konnte er den ergrauten Mystikern lehren, das sie nicht schon wüßten? Ohnehin war seine Art verschieden von der aller übrigen. Er hockte nicht über Büchern, nicht einmal den Sohar führte er bei sich, sondern liebte es, auf freiem Felde oder auf Gräbern zu weilen. Erst durch seine Bekanntschaft und Verbindung mit einem noch größern, vielleicht nicht so ehrlichen Schwärmer wurde er eine gesuchte Persönlichkeit und steckte alle Welt mit seinen wachen Träumen an. Dieser Mann war der Italiener Chajim Vital Calabrese (geb. 1543, gest. Tammus 1620)75, dessen Vater, ein Gesetzesrollenschreiber, aus Italien nach Palästina gewandert war. Vital hatte in seiner Jugend nichts Rechtes gelernt, sondern etwas von Talmud oder Geheimlehre bei Mose Alschaich und Mose Corduero gekostet. Dafür besaß er eine ausschweifende Phantasie und eine entschiedene Neigung für das Abenteuerliche und für Lärmschlagen. Zwei und ein halb Jahr hatte sich Vital mit Alchemie und Goldmacherkunst beschäftigt76, wobei er sich ohne Zweifel kabbalistischer Formeln bediente. [397] Von dieser mystischen Kunst wandte er sich Lurjas Kabbala zu. Man weiß nicht, wer von diesen beiden den andern aufgesucht hat, und ob es wahr ist, was die Verehrer derselben erzählen, Lurja habe auf Vitals Stirn gelesen, daß dieser eine ganz besonders auserwählte Seele aus dem reinsten Seelenäther besäße, die nicht einmal von der adamitischen Erbsünde befleckt worden sei, und daß er nur seinetwegen von Ägypten nach Safet ausgewandert sei, oder ob Vital zuerst sich zu Lurja begeben habe, um ihn über dessen neue Kabbala auszuforschen. Gewiß ist es, daß beide, ohne es zu wollen, einander betrogen haben. Lurja, von Vitals Zügen und abenteuerlichem Wesen getäuscht, hegte von ihm die Hoffnung, er werde sein messianisches Erlösungswerk vollenden helfen, und dieser wiederum wurde von jenem in die Täuschung gewiegt, er sei zu einer großen Sendschaft berufen. Auf den hellen Spiegel des Tiberiassees warfen wieder zwei Gestalten einen Schatten, der bestimmt schien, manch hellen Geistesspiegel Jahrhunderte hindurch zu trüben. Als der Nachen, der sie schaukelte, gegenüber dem Fenster einer Synagoge war, eröffnete Lurja seinem neu gewonnenen Jünger zuerst seine kabbalistischen Geheimnisse, er fand ihn erst da würdig dazu, weil er von der Mirjamquelle getrunken.77 Seit dieser Zeit waren der in den dreißiger Jahren stehende Geheimlehrer aus Kairo und der um einige Jahre jüngere Novize aus Italien so unzertrennlich, daß sie in den Überlieferungen nur eine einzige Erscheinung bilden. Sie suchten zusammen Einöden und Gräber, namentlich das Grab des Simon ben Jochaï, des erdichteten Urhebers des Sohar, in Meïron auf. Es war der Lieblingsplatz Lurjas, weil er da den Geist dieses vermeintlichen Urmystikers auf sich herabziehen zu können vermeinte. Hin und wieder sandte Lurja seinen Jünger aus, Geisterbeschwörungen vorzunehmen und überlieferte ihm dazu gewisse Formeln aus versetzten Buchstaben der Gottesnamen.78 Natürlich flohen böse Geister vor Vitals Anblick, gute Geister schlossen sich ihm an und teilten ihm Geheimnisse mit.

Vital war es nun, der von der außerordentlichen, fast göttlichen Begabung seines Meisters, von dessen Macht über die abgeschiedenen und lebenden Seelen, von dessen Eingedrungenheit in die soharistische Geheimlehre und von dessen Erlösungsplan, die Menschen durch genaue Bezeichnung ihrer Fehltritte und Sünden zur Besserung zu führen, großsprecherischen Lärm schlug79 und, wie es scheint, mit künstlicher Berechnung auf Effekt und Marktschreierei. Der zuerst vereinsamte Lurja sah sich mit einem Male von Besuchern [398] umschwärmt; jüngere und ältere Kabbalisten kamen, um auf die neue Offenbarung zu lauschen. Mehrere Jünger schlossen sich ihm an, und er teilte ihnen die Ausgeburten seines wirren Kopfes mit, gab jedem an, welche adamitische Urseele ihm innewohne, welche Wanderungen sie vor ihrem gegenwärtigen Leibesleben durchgemacht, welche Aufgabe jeder hinieden habe, um die durch Adams Fall verletzte höhere Welt der Sefirot wieder herzustellen und so die Gnadenzeit fördern zu helfen. An der Wahrheit der Mitteilungen zu zweifeln, fiel den ohnehin in kabbalistischem Dusel Befangenen gar nicht ein. Es schmeichelte den sich ihm Anschließenden außerordentlich, zu hören und verbreitet zu wissen, daß die Seele dieser oder jener biblischen Persönlichkeit, dieses oder jenes talmudischen Weisen in ihnen wiedergeboren sei. Von den Jüngern, die sich um Lurja gesammelt hatten, bildete er zwei Klassen, Eingeweihte und Novizen.80

Kabbalistische Unterredungen und Aufzeichnungen, Geisterseherei und Beschwörungen bildeten die Tätigkeit Lurjas und seines Kreises. Öfter begab er sich mit ihnen nach dem nahe gelegenen Meïron, der angeblichen Grabstätte Simon ben Jochaïs, und wies einem jeden von ihnen einen Platz an und zwar dieselben Plätze, welche die im Sohar aufgezählten Jünger Ben-Jochaïs eingenommen haben sollen (die nie existiert haben). Lurja fand in der wundersüchtigen Zeit und in der wundersüchtigen Gegend einen erstaunlichen Anklang. Es war ihm bereits gelungen, eine eigene kabbalistische Gemeinde aus seinen Jüngern und deren Familien zu bilden, welche einen eigenen geschlossenen Hof einnahm und sich von der Hauptgemeinde fernhielt.81 Kurz, Lurja stand auf dem Sprunge, eine neue jüdische Sekte zu bilden. Am Sabbat kleidete er sich weiß, der Farbe der Gnade, und trug ein vierfaches Gewand, um den vierbuchstabigen Gottesnamen darzustellen, lauter Spielereien.82

Der Hintergrund aller seiner Offenbarungen und Tätigkeiten war, daß er der Messias vom Stamme Joseph, der Vorläufer des Davidischen Messias, sei. Dieses deutete er indes seinen Jüngern nur verstohlen an. Sein Wahn war, die messianische Zeit habe mit dem Beginne der zweiten Hälfte des zweiten Tausendtages seit der Tempelzerstörung begonnen.83 Aus diesem Grunde hielt er sich für berechtigt, die soharistischen Geheimnisse zu veröffentlichen – weil die Gnadenzeit nahe sei. Eines Tages, an einem Freitag,[399] kurz vor Eintritt des Sabbats, versammelte Lurja seinen Jüngerkreis, führte ihn, Sabbatlieder singend, ins Freie und richtete an ihn die Frage: »Wollt ihr, daß wir nach Jerusalem ziehen und den Sabbat dort feiern?« (Die Entfernung von Safet bis dahin beträgt etwa 25 Meilen.) Die Jünger waren bereits Lurja so sehr ergeben, daß sie auf sein Geheiß sich auch über die Sabbatheiligkeit hinweggesetzt hätten. Er aber hatte es in Verzückung gesprochen, im Wahne, daß in diesem Augenblicke der Messias in Jerusalem auftreten werde. Einige Jünger hatten bedächtig geantwortet: »Wir wollen zuerst unsere Frauen von unserer plötzlichen Reise in Kenntnis setzen.« Lurja bemerkte darauf, daß sie durch diese Bedächtigkeit das Erscheinen des Messias wieder hinausgeschoben hätten.84 Noch bei seiner Lebenszeit war die Gläubigkeit geschäftig, die erstaunlichsten Wunder von ihm zu erfinden, daß er sogar Tote erweckt habe. Es war auch ihm zu Ohren gekommen, und er war ehrlich genug, zu erklären, daß an diesem Märchen kein wahres Wort sei.85

Indessen machten sich auch Bedenken gegen die nicht harmlose Schwärmerei Lurjas und der Lurjanisten geltend. Es gab doch noch immer einige, wenn auch sehr wenige, welche die Berechtigung der Kabbala überhaupt nicht anerkannten.86 Der hundertjährige Greis, David Ibn-Abi-Simra, Lurjas Lehrer, in Safet zurückgezogen lebend, soll ihn gewarnt haben, solche tiefe und gefährliche Geheimnisse wie alltägliche Dinge zu behandeln.87 Joseph Karo, der erste Rabbiner von Safet, der sich mit einer gewissen Eifersüchtelei von diesem Kabbalisten überflügelt sah, stellte ihn nicht sehr hoch.88 Ein Mann in Safet hatte sogar den Mut, Lurja ins Gesicht zu sagen, er halte nichts von allen diesen kabbalistischen Extravaganzen.89 Die Jünger Cordueros machten kein besonderes Wesen aus Lurja.90 Selbst unter seinen Jüngern hegte mancher in nüchternen Augenblicken Unglauben an diese glühende Schwärmerei.91 Lurja war genötigt, einen seiner Jünger, Elia Falco, auszustoßen. Überhaupt gaben seine Jünger kein Beispiel messianischer Einträchtigkeit. Trotzdem sie ihr Meister wiederholentlich zum friedlichen Zusammenleben und Zusammenwirken ermahnte – wodurch ihre Seelen in eins zusammenwachsen würden – hatten sie öfter Reibungen miteinander; jeder wollte der erste im Himmelreiche sein. Namentlich [400] geberdete sich Chajim Vital Calabrese sehr anmaßend, drängte sich überall vor und, wie es scheint, beherrschte er sogar seinen Meister.92 Lurja ging zuletzt damit um, die meisten seiner Jünger von sich zu weisen und nur drei oder vier von ihnen zu behalten, als ihn der Tod durch eine ausgebrochene Pest (5 Ab = August 1572) ereilte.93 Während seiner fünftägigen Krankheit jammerten seine treuen Jünger über den ihnen und der Weltordnung drohenden Verlust und fragten ihn, was denn aus seinen Verheißungen werden würde? Er habe ihnen darauf die Trostworte zugesprochen, so erzählten sie, er werde wieder zu ihnen kommen im Traum und im wachen Zustande, vielleicht gar sichtbarlich und handgreiflich.94 Glaublicher klingt, daß Lurja geäußert habe, er verzeihe seinen Geschäftsfreunden, wenn sie ihn betrogen hätten, und wenn er sie übervorteilt haben sollte, wollte er ihnen vor seinem Tode alles ersetzen.95

Der unerwartet eingetretene Tod des achtunddreißigjährigen Mystikers hat noch mehr zu seiner Verherrlichung beigetragen. Solche Naturen pflegt erst der Tod zu verklären, und ihre Verehrung steigt im Verhältnis der zunehmenden Jahre vielfältig. Mit morgenländischer Übertreibung betrachteten ihn seine Jünger noch mehr denn als einen Wundermann; sie nannten ihn den »Heiligen und Göttlichen« und suchten zu ihrem eigenen Ruhme für ihn und seine schwärmerische Träumerei Anhänger zu werben. Sie versicherten, daß, wenn Lurja nur noch fünf Jahre hätte leben können, er die Welt so gründlich gebessert haben würde, daß die messianische Zeit unfehlbar eingetreten wäre. Abraham Abulafia, der aus sich heraus kabbalistischen Wirrwarr gesponnen hatte, wurde verketzert und verfolgt. Isaak Lurja, der dasselbe auf Grund des Sohar getan hatte, wurde fast vergöttert.

Nach Isaak Lurjas Tode trat Vital Calabrese in den Vordergrund; er maßte sich sofort eine Art Meisterschaft über seine Mitjünger an, gab vor, Lurja habe ihn in den letzten Stunden zu seinem Nachfolger ernannt, und entzog ihnen, einer angeblich letztwilligen Anordnung zur Folge, die schriftlichen Aufzeichnungen, die sie von Lurja in Händen hatten. Er allein wollte im Besitz der neuen Geheimlehre bleiben96, vorgebend, daß, wenn die Jünger die neuen Offenbarungen veröffentlichen würden, dadurch nur Ketzerei und Gefährdung des Seelenheils entstehen könnte. Vital Calabrese gab noch zu verstehen, daß er der Messias vom Stamme Joseph sei. Indessen kehrten sich einige Jünger nicht daran und lehrten [401] frischweg, was sie von Lurja vernommen hatten, in verschiedenen Ländern; so namentlich Israel Saruk in Italien97, wohin er gewandert war. So groß war die Verehrung für Lurja, daß Liebhaber für die von ihm gebrauchten Gegenstände und nun gar für seine Schriften hohe Preise zahlten.98

Unsäglich war der Schaden, den die Lurjanische Kabbala im jüdischen Kreise angerichtet hat. Sie hat das Judentum mit einem so dichten Schimmelüberzug bedeckt, daß es bis heute noch nicht gelungen ist, ihn ganz zu entfernen. Durch Lurja bildete sich neben dem talmudisch-rabbinischen Judentum ein soharistisch-kabbalistisches. Denn erst durch ihn ist das Lügenwerk des Sohar zur völligen Ebenbürtigkeit mit der heiligen Schrift und dem Talmud erhoben, ja noch höher als diese gestellt worden. Lurjas Schule hat jedes Wort im Sohar gewissermaßen zu kanonischer Heiligkeit gestempelt. Der geistesverwirrende Wust von sinnlosen Formeln und Wörtern, Buchstabenversetzung, Verrenkung des Gottesnamens, Verdrehung der heiligen Schrift galt seit der Zeit erst recht als tiefe Weisheit, die albernste Spielerei als Religiosität. Die Lurjanische Kabbala erblickte auf Grund des Sohar in jeder Kleinigkeit und Winzigkeit etwas Erhabenes und Welttragendes, und sie drückte dadurch dem Judentume noch mehr, als es bisher die rabbinische Skrupulosität getan hatte, den Stempel des Kleinigkeitskrames auf. Lurjas Bräuche (Minhagim) stimmen zum Lachen, erfüllen aber auch mit Trauer, daß das Erhabene so sehr in den Wust der Niedrigkeit herabgezogen werden kann. Man soll nach diesen kabbalistischen Afterlehren am Sabbat weiße Kleider tragen, oder wenigstens schwarze oder rote Farben vermeiden, man soll nur auf einem Tische von vier Füßen speisen, Fische am Sabbat genießen, weil sie keine Augenlider haben und dadurch die göttliche Vorsehung veranschaulichen.99 Man soll stets auf die Fingernägel blicken, aber man dürfe nicht die Finger beider Hände ineinanderschlagen.100 Lurja machte eine Art Brahmanentum aus der Lehre Israels. Man dürfe keine Tiere töten, auch nicht einmal die kleinsten und häßlichsten.101 Einen neuen Wust von Aberglauben setzte die Lurjanische Kabbala an den schon aus aller Herren Ländern und aus allen Zeiten zusammengetragenen Grundstock [402] an. Man dürfe keine Tauben im Hause aufziehen; das bringe den Kindern den Tod; man dürfe ein Haus, das man einmal bewohnt habe, erst nach Ablauf von sieben Jahren wieder beziehen.102 Man dürfe nicht zwei Kleidungsstücke mit einem male ausziehen. Überhaupt gab die Lurjanische Kabbala eine ins Lächerliche gehende, skrupulöse Vorschrift für An- und Ausziehen der Kleider an.103

Wohl hat die Lurjanische Mystik Wert auf einen Umstand gelegt, der im jüdischen Kreise sonderbarerweise vermißt wurde, auf Andacht beim Gebete, aber auch diese Andacht artete in eine kabbalistische Spielerei aus. Jedes Wort und jede Silbe in den Gebetstücken sollte andächtig erwogen werden, um dabei an die Sefirotwelten, an die Zahl der Gottesnamen, die darin versteckt seien, und an vieles andere zu denken.104 Wohl schärfte die Lurjanische Kabbala eine heitere Stimmung ein und verpönte jeden Trübsinn und jedes Aufwallen des Zornes und des Unmuts. Aber diese Heiterkeit hat durch den mystischen Beisatz etwas Beklemmendes und Unheimliches erhalten, wie das Lachen eines Wahnwitzigen. Den Mittelpunkt der Lurjanischen Kabbala bildet der Sabbat, die Gebete und Mahlzeiten an demselben. Er galt als Versichtbarung der Sefirotwelten, als die Verkörperung der Gottheit (Schechina) in der Zeitlichkeit; sie nannte ihn den Äpfelgarten (Chakal Tappuchin). Jedes Tun und Lassen an demselben wirke auf die höhere Welt ein. Mit einem Singsang eröffnete der Lurjanische Kreis den Sabbat, »die mystische Braut«. Lurja hatte zu diesem Zwecke chaldäische Lieder gedichtet voll dunkler sinnloser Formeln. Den Knotenpunkt des Sabbats bildeten die Nachmittagsandacht und Nachmittagsmahlzeit (Mincha) bis zum Ausgang des Sabbats, »die Abschiedsstunde der Braut«. Das Zählen der Tage vom Passahfeste bis zum Wochenfeste, nach dem Talmud lediglich eine skrupulöse Formalität, umgab die Lurjanische Kabbala mit einem eigenen mystischen Qualm.105 Joseph Karo, so sehr er auch Kabbalist war, hatte in seinem Kodex angemerkt, man solle das opferähnliche Umschlagen von Geflügel am Rüsttag des Versöhnungstages vermeiden. Isaak Lurja dagegen und seine Schule steigerten diesen abergläubischen Brauch zu einem hohen religiösen Akt und gaben mannigfaltige Vorschriften darüber. Die Lurjanische Kabbala führte gar eine Art zweiten Versöhnungstags ein. Der Hosiannatag, der siebente Tag des Hüttenfestes, galt in der ältern Zeit als ein Freudentag, an dem man Bachweidenzweige, Symbol des Wassers und der Fruchtbarkeit, im Tempel um [403] den Altar aufstellte.106 Später war unter den babylonischen jüdischen Gemeinden der Brauch aufgekommen, solche Zweige in die Hand zu nehmen, damit zu schütteln und sie zu entblättern. Joseph Karo wagte noch nicht in seinem Kodex, diesem Tage eine höhere, mystischreligiöse Weihe zu geben. Erst die Lurjanische Richtung erhob ihn auf Grund des Sohar zu einem Versöhnungstage im kleinen, machte eine Vorschrift, die Nacht vorher mystische Wache zu halten, erblickte in jedem Blättchen des Weidenzweiges und in dem siebenmaligen Umkreisen der Gesetzrolle eine höhere mystische Beziehung. Die Lurjanische Kabbala legte ferner den Frommen einen förmlichen Gewissenszwang auf, sich mit ihr zu beschäftigen und zu befreunden. Wer solches unterließe, dekretierte sie, dessen Seele müsse so lange durch verschiedene Körper wandern, bis sie es sich angeeignet hätte.107 Auch in sittlicher Beziehung wirkte die Lurjanische Mystik verderblich. Sie stellte eine Art Seelenharmonie für die Ehe auf; eine solche, natürlich nicht gerade eine poetische, sondern eine mystisch geartete, fände sich selten vor. Wo sich daher Mißhelligkeit in der Ehe zeige, sei sie eben keine von der Sefirotharmonie vorherbestimmte Vereinigung. Die Kabbalisten – und wer war es nicht? – pflegten sich daher bei dem geringsten Zerwürfnis in ihrer Ehe von ihren Frauen zu scheiden, um die harmonische, ihnen durch Vorherbestimmung zugedachte Hälfte zu suchen. Ehescheidungen kamen daher im Kabbalistenkreise häufiger vor. Nicht selten verließen Kabbalisten ihre Weiber und Kinder im Abendlande, zogen nach dem Morgenlande und gingen dort eine oder mehrere neue Ehen ein, ohne daß die Kinder aus den verschiedenen Ehen etwas voneinander wußten.

Diese verderblichen kabbalistischen Lehren blieben nicht etwa toter Buchstabe, sondern wurden von den Anhängern sofort in die Praxis umgesetzt. Die Anhänger derselben trugen gar eine Art kabbalistischen Kodex zusammen108, nach welchem sie ihr religiöses Leben regelten. Die Gräberverehrung in Palästina stieg durch Lurja noch viel höher, bis zum wahnsinnigen Rausche. Es war seit langer Zeit Sitte, am achtzehnten Ijar (im Mai) das angebliche Grab des Simon ben Jochaï in Meïron zu besuchen und dort kostbare Gegenstände, selbst wertvolle Kaschmirschals zu verbrennen. Es beteiligten sich dabei Frauen, Kinder und auch Mohammedaner, wobei es lustig hergegangen und mancher unsittliche Unfug getrieben worden sein soll. Die Kabbalisten aus der Lurjanischen Schule wollten aber etwas vor [404] der Menge voraushaben. Sie brachten an diesem Grabe zweimal des Jahres 10 Tage und 10 Nächte vor dem Wochen- und dem Neujahrsfeste zu. Ein Zelt wurde von dem angeblichen Grabe ben Jochaïs bis zu dem angeblichen seines Sohnes Eleasar ausgespannt. Unter diesem Zelte trug je einer der Kabbalisten laut den Sohar vor und legte ihn nach Lurjas Anleitung aus. Ein Diener besorgte für die auf den Gräbern Brütenden Speise und Trank und vier mohammedanische Trabanten hielten Wache bei ihnen.109

So glich denn der Glanz, der von dem jüdischen Herzog von Naxos und andern einflußreichen Juden am türkischen Hofe auf ihre morgenländischen Glaubensgenossen fiel, genau betrachtet, einem Irrlichte, das einen Sumpf mit hellem Schimmer flimmern macht. Denn in der Tat war die religiöse Versumpfung grell genug in dieser Zeit, es war ein entschiedener Rückfall ins Heidentum, und was noch schlimmer war, es gab nicht einen einzigen Warner, der die Schäden erkannte, und mit wie schwacher Stimme auch immer die Verkehrtheit als solche gebrandmarkt hätte. Ob vielleicht das Vollgefühl der Sicherheit, in das sich die Juden der Türkei unter mächtigen Beschützern ihres Stammes gewiegt, dieses Unwesen gefördert hat? Jedenfalls nahm es nicht ab, als dieser Schutz allmählich schwand. Denn der Einfluß des Joseph von Naxos auf den Sultan Selim hörte mit dem Tode dieses letztern auf (1574). Sein Nachfolger, Sultan Murad III. (1574-1595), ließ zwar gemäß letztwilliger Verfügung seines Vaters den jüdischen Herzog in seiner Würde und seinen Ämtern. Aber direkten Einfluß auf den Divan hatte er nicht mehr; er wurde von seinem Gegner, dem Großvezier, Mohammed Sokolli, und seinem Nebenbuhler, Salomo Aschkenasi, daraus verdrängt und konnte nur noch durch Intrigen vermittelst des Harems etwas durchsetzen.110 Joseph Naßi überlebte seine teilweise Ungnade nicht lange; er starb an einem Steinleiden (2. August 1579), von seinen Stammgenossen aufrichtig betrauert. Der Dichter und Prediger Saadia Longo in Salonichi hielt ihm eine Gedächtnisrede. Seine angehäuften Schätze zerrannen ebenso wie seine weitfliegenden Pläne. Der geldgierige Sultan Murad, welcher auf Goldhaufen schlief, damit sie ihm nicht entwendet würden, zog auf den Rat des Mohammed Sokolli dessen ganzes Vermögen ein, angeblich um dessen Schulden zu decken. Die verwitwete Herzogin Reyna Naßi erhielt kaum aus der Hinterlassenschaft ihre eingebrachte Mitgift von 90000 Dukaten heraus. Diese edle Frau, auf welche zwar weder der Geist ihrer Mutter, der Doña Gracia, noch [405] der ihres Gatten übergegangen war, gedachte gleich diesen ihr Vermögen im Interesse der jüdischen Wissenschaft zu verwenden. Sie legte eine hebräische Druckerei in ihrem Palaste Belveder und später in einem Dorfe Kuru-G'ismu auf der europäischen Seite von Konstantinopel an. Allein sie wurde von einem geschmacklosen Geschäftsführer, Joseph Askaloni, dem sie die Presse anvertraut hatte, irre geführt, so daß nur bedeutungslose Schriften, die besser im Dunkeln hätten bleiben können, in ihrer Offizin (1579 bis 1598) erschienen sind.111 Das größte Bedürfnis war, den Talmud neu aufzulegen, da das Papsttum und die Dominikaner ihn noch immer in den christlichen Ländern ächteten. Doña Reynas Druckerei nahm auch einen Ansatz dazu, es blieb aber beim Versuch. So hat sich diese edle Familie, zwei Männer und zwei Frauen, die so viel von sich zu ihrer Zeit reden gemacht, kein würdiges Denkmal von Dauer gesetzt; ihr Wirken mit der edelsten Absicht ging im Strome der Zeiten unter.

Mit dem Abtreten des Herzogs Joseph vom Schauplatze stieg das Ansehen des jüdischen Staatsmannes Salomo Aschkenasi (o. S. 369 f.), des Friedensstifters zwischen der Türkei und Venedig. Aber so viel er auch durch seine feinen diplomatischen Künste durchzusetzen vermochte, er stand nicht wie Joseph von Naxos im Vordergrunde der Begebenheiten als türkischer Würdenträger, sondern im Hintergrunde als kluger, verschwiegener Vermittler. Salomo Aschkenasi hatte keinen Zutritt zum Sultan selbst, sondern verkehrte nur mit den Großvezieren hintereinander, deren rechte Hand er war. Die Unterhandlungen zwischen der Türkei und Spanien wegen eines Friedens oder wenigstens eines leidlichen Verhältnisses, von beiden Seiten gewünscht, aber wegen gleichen Stolzes immer hinausgeschoben, abgebrochen und wieder angeknüpft, leitete Rabbi Salomo, der wie kein anderer dazu geschickt war, und führte sie auch teilweise durch. Dabei zeigte er im Interesse des türkischen Staates eine damals seltene Uneigennützigkeit. Der spanische Gesandte hatte ihm Tausende von Dukaten versprechen lassen, wenn er es durchsetzen wollte, daß der Waffenstillstand auf acht Jahre ausgedehnt würde. Darauf erwiderte Salomo aus Udine mit Verachtung: »Gott behüte mich, daß ich einen solchen Verrat an meinem Herrn begehen sollte, ich weiß, daß der König Philipp von Spanien den Waffenstillstand nur dazu benutzen würde, um sich zum Schaden der Türkei zu stärken.«112 Er brachte den Frieden doch zustande [406] und unterzeichnete Präliminarien im Namen des Sultans mit dem ersten Dragoman Churrem.113 Für das gute Einvernehmen der Pforte mit Venedig sorgte er mit vielem Eifer. Dafür wurde er von dem Dogen dadurch belohnt, daß seine Söhne auf Kosten des Staates in Venedig lebten.114

Für seine Stammgenossen wirkte Salomo Aschkenasi nur abwehrend. Sultan Murad hatte einmal in Anwandlung einer Laune den Befehl erlassen, sämtliche Juden im türkischen Reiche einfach totzuschlagen. Die Veranlassung dazu war, daß die Juden und namentlich ihre Frauen übertriebenen Aufwand machten; eine jüdische Frau hatte sich die Freiheit herausgenommen, einen Halsschmuck von Edelsteinen und Perlen im Werte von 40000 Dukaten zu tragen. Das war dem Sultan hinterbracht worden und hatte seinen Zorn oder seine Geldgier gereizt. Indessen mochten sich Salomo und die andern einflußreichen Juden bei den Vezieren für ihre Stammgenossen verwendet haben; eine bedeutende Summe Geldes wurde der Sultanin-Mutter und dem Anführer der Janitscharen von seiten der Juden überreicht, und infolgedessen wurde das Vertilgungsdekret in eine Luxusbeschränkung verwandelt. Die Juden durften fortan gleich den Christen in der Türkei nicht in seidenen Gewändern einhergehen und keine Turbane tragen, sondern nur eine Art Mütze (um 1579115). Nichtsdestoweniger behielten die Juden unter Murads Regierung die Steuerpacht, wie auch der Großhandel in ihren Händen war.116 Salomo blieb Ratgeber und diplomatischer Agent bei sämtlichen Großvezieren, die Murad oder vielmehr der Harem in kurzen Zwischenräumen ein-und abgesetzt hatte. Auch unter Mohammed IV. (1595-1603) hatte er noch Einfluß und leistete dem Vezier Ferhad Pascha in seiner Bedrängnis treue Dienste. Als dieser Großvezier beim Sultan verleumdet wurde, die Truppen, die er ins Feld führen sollte, aufständisch gemacht zu haben, und gezwungen war, nach Konstantinopel zu fliehen, erwirkte ihm Salomo vom Sultan vermittelst eines überreichten kostbaren Dolches ein Handschreiben, das Ferhads Leben sicherte (Juli 1595)117. Sein Sohn Nathan, wahrscheinlich ebenfalls Arzt, stand in Ansehen bei dem Sultan Achmed I., und seine Frau Bula Ischtaki bei einer Sultanin.118 – Jeder Vezier hatte seinen jüdischen Geschäftsführer; ein Bruder Salomos stand bei Ibrahim Pascha in Gunst, und [407] ein Arzt Benveniste bei Siavus Pascha, welcher dreimal Großvezier war.119

Auch jüdische Frauen mit klugem Sinne und ein wenig in Arzneikunde eingeweiht, erlangten unter den Sultanen Murad III., Mohammed IV. und Achmed I. vermittelst des Harems großen Einfluß. Unter diesen zeichnete sich Esther Kiera120, Witwe eines sonst unbekannten Elia Chendali, besonders aus. Sie stand in besonderer Gunst bei der Sultanin Baffa, Lieblingsgemahlin Murads, welche die Politik unter ihrem Gatten und später unter ihrem Sohne Mohammed leitete. Wenn ein christlicher Staat irgend etwas bei der Pforte durchsetzen wollte, mußte er die jüdische Unterhändlerin Kiera gewinnen. Das wußten namentlich die Venezianer auszubeuten. Dafür, daß ihr der Staat ein Lottospiel in Venedig bewilligte, erhielt er bedeutende Handelsvorteile vom Sultan Murad, die ihm sonst versagt worden wären. Sie vergab zuletzt wichtige Ämter im Staate und ernannte Kriegsobersten. Alle Ehrgeizigen, die zu einem hohen Amte gelangen wollten, bezeigten daher der Kiera hohe Verehrung und Schmeichelei. Sie bereicherte sich natürlich durch ihre stille Macht, wie jedermann in der Türkei, der, wie schwach oder stark auch immer, in die Speichen des Staatsräderwerkes eingriff. Für ihre Stammgenossen zeigte sie großes Interesse; sie unterstützte Arme und Leidende, speiste Hungrige und tröstete Traurige. Auch die jüdische Wissenschaft empfand ihre spendende Hand. Auf ihre Kosten wurde Zacutos Geschichtswerk veröffentlicht (S. 375). Natürlich erregte ihre Stellung Neid. Esther Kiera hatte sich unklugerweise in die Ernennung der Reiterobersten eingemischt, zuerst einen hohen Posten dem einen zugesagt und ihn dann einem andern zugewendet. Die türkischen Sipahis, die stolzeste Soldatenklasse, nahmen solches sehr übel, rotteten sich zusammen und forderten ihren Kopf. Der stellvertretende Großvezier Chalil wollte sie zwar mit ihren Söhnen retten und sie in seinen Palast kommen lassen. Aber auf der Treppe wurde Esther Kiera samt dreien ihrer Söhne von den Sipahis ergriffen, zerfleischt und ihre Gliedmaßen an die Türen der Großen gehängt, welche durch ihre Hilfe ihre Stellen erlangt hatten. Nur einer ihrer Söhne blieb am Leben, weil er sich zum Islam bekannte (März 1600)121. – Unter dem Sultan Achmed I. gelangte eine andere jüdische Frau zu hohem Ansehen, die Witwe des Staatsmannes Salomo Aschkenasi, namens Bula Ischtaki (o. S. 407). Sie war so glücklich, den jungen Sultan von den Blattern zu heilen, die kurz nach seiner Thronbesteigung sein Leben bedrohten, und für welche die türkischen Ärzte [408] kein Heilmittel kannten. Dafür, daß sie ihn bis zur Genesung pflegte, wurde sie reichlich belohnt. Aus Dankbarkeit wurde ihr Sohn an den Dogen Grimani in Venedig, wohin er eine Reise antrat, warm empfohlen und dort wie sein Vater mit Ehren empfangen (1603)122. Allein solche Gunstbezeugungen gegen Juden wurden auch in der Türkei immer seltener und hörten endlich ganz auf, je mehr das Reich erschlaffte, die Sultane Sardanapale wurden, und einerseits der Harem und anderseits die Prätorianer der Sipahis und der Janitscharen das Regiment führten. Der Glanz der türkischen Juden erlosch wie ein Meteor und verwandelte sich auch da in dunkle Nacht, die nur noch von Zeit zu Zeit verzerrte Traumbilder zum Vorschein brachte. Erpressungen, Plünderungen, offenkundige Gewalttätigkeiten der Paschas gegen die Juden der Provinzen fingen an, alltäglich zu werden, seitdem sie eines kräftigen Schutzes in der Nähe des Sultans entbehrten.123 Der Mittelpunkt für die Judenheit wurde seitdem nach einem andern Schauplatze verschoben.


Fußnoten

1 Vergl. über ihn oben S. 333 f. Nachrichten über diesen Staatsmann kommen in fast allen zeitgenössischen diplomatischen Berichten und historischen Darstellungen vor, namentlich in italienischen und französischen, selbstverständlich auch in jüdischen Relationen. Es gibt jetzt mehrere Monographien über ihn. Abgesehen von der unvollständigen und zum Teil verfehlten Behandlung von Ernst Curtius (Naxos, ein Vortrag für den Berliner wissenschaftl. Verein, 1846 S. 40 fg.) und in Ersch. und Gruber, Enzyklop. (II 27. S. 202 fg.) haben successive mehr Material zusammengetragen: Carmoly, Don Joseph, duc de Naxos (1855), Graetz, in Wertheimers Wiener Jahrbuch 1856, und zuletzt M. A. Levi, Don Joseph Nassi (1859). Ich verweise im allgemeinen auf diese Monographien, und nur bei prägnanten oder bisher nicht genug betonten Tatsachen führe ich die Grundquelle an.


2 Dieser Umstand war die erste Stufe zu Josephs Gunst bei Selim; das Faktum kommt nur bei dem Zeitgenossen Serono, Commentarii della Guerre di Cipro p. 7 vor.


3 Charrière, Négociation de la France dans le Levant II p. 416.


4 Charrière, das. p. 773 Note. S. Note 7 I.


5 Das. p. 736; Joseph Kohen, Emek ha-Bacha p. 128.


6 Almosnino, Extremos y grandezas de Constantinopla p. 77.


7 Bei Curtius a.a.O., Ende; aus den Papieren der Erben des Coronello, welcher Josephs Statthalter auf Naxos war, eine Schenkungsurkunde auf Pergament, halb Lateinisch und halb Italienisch: Josephus Naci, Dei Gratia Dux Aegei Pelaghi, Dominus Andri etc. Universis et singulis ministris et officialibus nostris has partes inspecturis notum sit. .... Qualmente havendo risguarda alla buona, diligente e fidel servitù di Fr. Coronello I. U. D. e luogotenente nostro nell' administratione di tutte le isole nostre sia nelle cose di Giusticia come nelle altre di servitio nostro, volendo in parte gratificarlo.. e havendo il predetto nostro luogotenente humilmente supplicato a gli conceder li infrascritti terreni e pascoli della Signoria esistente alle isole di Naxia. ... pagando il tutto annuatim al mese di Settembre p. p alla Signoria. Datum in Palatio Ducali Belveder prope Peram Constantinopulis 1577 XV. Julii. Joseph Naci. De mandate Ducis Joseph Cohen secretarius et ammanuensis.


8 Bei Curtius das. S. 40. Vergl. Bd. VIII 3 S. 332, 348, 421.


9 Strada de bello Belgico I, 284 f.


10 Daß dieser Daud oder Daout, wie der französische Gesandte schreibt, ein Hamon gewesen sei, wie M. A. Levy a.a.O. behauptet, ist durch nichts erwiesen und auch sehr unwahrscheinlich.


11 Quellen über diese Intrigen Charrière, Négociation III p. 80 vom 3. Okt. 1569 und p. 83 vom 16. d.M. und Respp. Elia b. Chajim םיקומע םימ Nr. 55, 56. Der Streit zwischen Joseph und seinem Agenten Daud muß schon vor 3. Okt. d.J. ausgebrochen sein, da der französische Gesandte sich im ersten Bericht auf eine bereits früher darüber gegebene Mitteilung beruft. Wann aber Exil und rabbinischer Bann über Daud verhängt wurden, läßt sich nicht genau ermitteln. In den genannten Responsen finden sich zwar zwei Bannsprüche mit Daten gegen ihn, das des Salonicher Rabbinats mit Samuel de Medina an der Spitze und des Safetenser Kollegiums, Joseph Karo vorangestellt. Das zweite trägt das Datum 24. Tischri 5331 = 23. September 1570 und das erste לולא ח"ר יששה םוי ג"לש'ה 'ש = 1573. Das Monatsdatum ist hier jedenfalls korrumpiert. Der Neumond Elul fiel in diesem Jahre nicht auf den Freitag. Aber auch das Jahr kann nicht richtig sein; denn abgesehen von dem Widerspruche gegen das Datum im Banntexte der Salonicher Gemeinde, läßt es sich nicht denken, daß die Zwistigkeit sich von 1569 bis 1573 hingezogen haben sollte. Vielleicht muß man dafür lesen ל"שה = 1570, und zwar Elul = August. Dann hätte sich die Intrige etwa ein Jahr hingezogen. Aus dem Responsum geht hervor, daß Dauds Machinationen verraten worden sind: y לאל חבש que lo sacó á los (Judios): (ונל היהש 'ה ילול (רסומה דוד ןוע) ונוע םימש ולגו. Es ist möglich, daß der französische Agent Claude de Bourg sie Don Joseph verraten hat; denn er lebte im Streit mit dem Gesandten de Grandchamp, suchte dessen Pläne zu durchkreuzen und wurde daher von diesem beim französischen Hofe verleumdet und mißhandelt. Der Gesandte hielt es darum für nötig, gerade zur Zeit der Rückkehr de Bourgs nach Frankreich dem König Verschwiegenheit darüber zu empfehlen.


12 Alberi, Relazioni, serie III T. 2 p. 66; auch Maria Gratiani, de bello Cipri p. 35: Infestus (Michesius) praecipue Venetis, a quibus, dum Venetiis fuit, illiberaliter habitum se querebatur.


13 Bei v. Hammer, Geschichte der Osmanen III S. 564, Alberi, Relazione das. T. 3 p. 87, und Gratiani das. p. 38. Quin Michesium ipsum, ejus insulae (Cypri) regem facere destinasse (Selimum); sunt qui ferunt, auditamque vocem illius Michesium regem appellasse.

14 Fortsetzung des Emek ha-Bacha, Wolf, Aktenstücke in Maskir I, S. 18.


15 Charrière, Négociation III p. 61; Strada de bello Belgico p. 135.


16 Bei v. Hammer a.a.O. S. 610.


17 Note 6.


18 S. Note 8.


19 v. Hammer das. S. 563; Charrière das. p. 78.


20 S. über ihn Note 8.


21 Dieselbe Note.


22 S. Note 8.


23 Joseph Kohen, Emek ha-Bacha p. 134. Fortsetzung p. 147 fg., 151; Wolf, Aktenstücke in Maskir I, S. 18.


24 v. Hammer, a.a.O., IV, S. 38.


25 Charrière, Négociation III, p. 470 Note.


26 Alberi, Relazioni Serie III T. 1 p. 275 fg., T. 3 p. 389; Gerlach, Tagebuch S. 192. Gratiani de bello Cypro p. 24: Judaeorum nationem beneficiis ornaverat (Selimus) atque in gratiam Johaunes Michesii Judaei ex Hispania pro Fugi, quo familiariter utebatur, ab Solimano patre urbem in veteribus Hebraeorum sedibus habitandam ... agrumque colendum impetraverat.


27 Almosnino, Predigtsammlung חכ ץמאמ Nr. I. Einl. zu dessen Extremos y grandezas de Constantinople. S. Frankels Monatsschr. 1864 S. 42 fg.


28 Die genannte Schrift Extremos y grandezas de Constantinople, in spanischer Sprache mit hebräischen Buchstaben, verfaßt 1567, wurde in spanische Schrift übertragen und herausgegeben von dem jüdischen Dolmetscher der spanischen Krone, Jakob Cansino, Madrid 1638.


29 S. Note 8.


30 B. V, 2 S. 287, 288.


31 Samuel Schulam fügte, weil Zacutos Chronik der Gaonen gar zu dürftig ist, Scheriras historische Sendschreiben hinzu und auch den wertvollen Bericht des Nathan Kohen Babli über die letzten Gaonen aus einer bisher noch unentdeckt gebliebenen Quelle. Am Schlusse des Werkes bemerkt er, er habe geflissentlich Zacutos Nachrichten über Vertreibung der Juden aus Spanien weggelassen, weil er die Absicht habe, die Geschichte der Verfolgung vollständig zu geben. Statt Zacutos kurzer, welthistorischer Chronik lieferte Schulam eine chronikartige Diadoche der zehn Welt dynastien. Er folgte darin unverkennbar der historia Dynastiarum des Abulfaraǵ Barhebräus. Die türkische Geschichte in dieser Partie ist sein eigener Nachtrag. Endlich gab er zum Schlusse eine hebr. Übersetzung von Josephus' Buche contra Apionem.


32 Vergl. o. S. 353. Das אבבה קמע schließt mit dem 24. Tammus 1575.


33 רשבמ לוק, gedruckt um 1577, vergl. o. S. 9, Anm. 1, und Note 7, III.


34 Band V S. 113.


35 Das. S. 302.


36 Amatus Lusitanus, Centuria VII, Einl. Sie ist Guedelia Jahiae gewidmet, 1561. Vergl. über den Dichterkreis dieses Ibn-Jachja: Carmoly, die Jachjiden p. 39 fg., wo auch einige Epigramme mehrerer Dichter mitgeteilt sind. Über Zarko und Saadia Longo s. Edelmann, ץפח ירבד Einl. p. IV fg. und p. 12 fg. Der erstere hat eine Verssammlung moralischen Inhalts, הדוהי םחל, hinterlassen, gedruckt Konst. 1560; von Longo existiert eine Sammlung von Oden, Epigrammen und Elegien, םינמז רדס, gedruckt Salonichi 1594. Israel Naǵara stand mit dem Salonicher Dichterkreis in Verbindung. Seine Gedichte gesammelt unter dem Titel: לארשי תורימז, zum Schlusse weltliche Poesien und Reimprosa. Eine neue Sammlung םינומזפ, Wien 1858. Über Israel Naǵara s. Menahem Lonsano יתש תודי p. 142: ןיליחתמש םיריש תצק אוה סואמל יוארש המ ימוריאומ,, םענל ריש ובחש ותואכ זעלה ןושלל תומוד תולימב "ימוריאומ ייא אמלא ימ (muero-me, mi alma, ay muero-me). ריש יכ עדי אל אוהו ."המוה בר םע המ לע ימורמ,, :רמאו םלואו .. תפאנהו ףאנד ירבד רכוז ורמואה יכ .אוה לוגפ הצכ ינאו ... ללכ ששוח וניאש (דראגנ) לארשי תורימז לעבל יתיאר ... ויהחכוה קשמדב יתויהב. Noch Schlimmeres sagt der Kabbalist Vital Calabrese von Naǵara aus, oder läßt einen Geist in einem besessenen Mädchen über ihn urteilen (Selbstbiographie, לאטיו םייח יחבש, p. 6 oder 7 b): אוה לבא םיבוט םמצעב םה רבחש םינומזפהש אוה תמא יכ ,ול ער רבחש םינומזפה איצומש ימו .ומע רבדל רוכא ומצעב ןיב ינולפ םויב הנדו .רוכש וימי לכז הלבנ רבוד ויפ דימת רמזו עקרקב ועבוכ חינהו .. תינולפ העשב ותדועס עבק םירצמה זירכמ ךיאו רכתשנ םגו ןיי התשו רשב לכאו םר לוקב םיריש שרודו (קשמדל בורק רפכ ,ראבוגא .l) ךאנוגב (?) תורישמ .(היה ןכש יל הדוהו ןינעה הז ול יתרפס םייח ינאו) .הבושה םהל ... Ohne daß hier der Name genannt ist, erkennt man Israel Naǵara darin. In einem Auszuge, welchen der anonyme Verfasser des םלוע תוערואמ (p. 39) von dieser Partie gegeben, ist der Name sogar deutlich genannt, nur sind die Sätze das. verrenkt: .. רגאנ לארשי לכו הלבנ רבוד ויפ .. םמצע דצמ םיבוט םה רבחש םינומזפהשו .רוכש וימי


37 Barbosa Machado Bibliotheca Lusitana I, p. 129. Amatus starb 21. Januar 1568.

38 Vergl. Note 7.


39 Akrisch in רשבמ לוק, Ende.


40 Strada de bello Belgico p. 135: Venetias contendit (Michesius), ibi ausus est cum senatu agere de attribuenda Judaeis sede in aliqua insularum Venetiis adjacentium rejectusque est. Gratiani, de bello Cypro p. 35: Michesius (in numero Marranorum) cum Venetias missu aliorum venisset deque assignando loco sedeque in aliqua insularum urbi adjacentium cum senatu egisset, nulla re impetrata, errando jam fessus, Constantinopolin se contulit.


41 Charrière, Négociation II, p. 736, auch Gratiani, de bello Cypro, o. S. 374, Anm.; Joseph Kohen, Emek ha-Bacha p. 227 fg. Der Familienname des das. genannten טורדא 'ן ףםוי scheint verschrieben zu sein für טודרא, ein oft vorkommender Name portugiesischer Juden, unter denen es noch jetzt eine Familie gibt: Arduto. Ist vielleicht dieser Joseph identisch mit dem Sekretär Joseph Kohen in der Urkunde o. S. 363?


42 Note 6, Ende.


43 Zusammengestellt bei M. A. Levi, Note 91.


44 Akrisch, Einl. zum Tripelkommentar zu Canticum.


45 Bei Charrière a.a.O. II, p. 779, Note um 1564. Seit 1503 war in Konstantinopel eine Druckerei; seit 1530 druckte das. Soncin viel; s. de Rossi, Annales typographici saeculi XVI und jüdische Typographie in Ersch und Gruber, Enzyklop. II T. 28 S. 37.


46 Titel ףסוי תרופ, herausgegeben von Joseph Onqueneira 1577; vergl. darüber Wertheimers Wiener Jahrbuch 1856 zu Josephs Biographie.


47 Respp. Elia b. Chajim םיקומע םימ Nr. 55, 56. In der letzten Nummer wird angedeutet, daß Joseph von Naxos die Rabbinen gezwungen hat, ihm dienstwillig zu sein: (אישנה ףסוי ןוד) רשה ןוצר ןינעב שי םא ןכש לכו ןיאש ותלאש תא תושעל אדיפק אכיאו תוכלמל בורק אוה רשא ינפמ ותאנש תנכסב ונמצע סינכהלו יאדו ונתסנרפ חפקל ונל .יודנה קיזחהל ידכ רשה תאנשב ונמצע סינכהל ונל ןיאו .. יודנה


48 Zuerst erschienen in zwei Ausgaben mit verschiedener Schrift, Venedig 1567, dann bis 1598 – in 30 Jahren – 7 neue Auflagen; vergleiche die Bibliographen.


49 S. o. S. 284 f. und Note 5.


50 Von 1522 bis 1558.


51 Kodex Orach Chajim § 4.


52 Das. § 288.


53 Jore Deah § 362.

54 S. Band VII3 S. 268.


55 Orach Chajim § 61, 3.


56 Vergl. Salomo Lurja המלש לש םי zu Chulin Einl.: :ורמא .הכלה ךכש ורפסב בתכ ךכש וארש רחאמ הזב וגש הנהו .אידהל וראקה בתכ ךכ


57 Vergl. die vortreffliche Biographie von Zunz in Kerem Chemed V. p. 131 fg.


58 םיניע רואמ, ein Teil vollendet Nov. 1573, der andere Teil mit Berichtigungen und Nachträgen 1575.


59 Vergl. seine Biographie von Carmoly, die Jachjiden p. 33 fg.


60 איחי רפס oder הלבקה תלשלש, gedruckt zuerst Venedig 1587.


61 Quelle bei Zunz a.a.O.


62 S. über ihn Note 9.


63 Asulai s.v. Isaak Lurja.


64 Das. und Conforte, Kore ha-Dorot p. 40 b. Bezalel Aschkenasi Verf. der תצבוקמ הטש.


65 Elieser Askari, Charedim p. 66 a: קחצי "ר דמל ךכ דומלהמ םיתעבש שפנל ליעומ (תודרובתה) הזש רכזנה לבוקמה .דדובתי םדאה תלוכיו חכ יפלו


66 Die Lehre von der Selbstkontraktion der Gottheit, םוצמצ דוס, scheint von J. Lurja zuerst aufgestellt zu sein. Mein verstorbener Freund, Isaak Mises, hat die kabbalistischen Termini und die ihnen zugrunde liegenden Begriffe lichtvoll entwickelt in dem Werkchen Zofnat Paaneach (Krakau 1862-1863) Heft II, p. 34 fg. Allein diese scheinbar pantheistische Theorie der Kabbala ist nicht Lurjas System, sondern von Abraham de Herrera und andern bereits sublimiert und philosophisch zugestutzt; vergl. weiter unten.


67 Alle diese Bezeichnungen wollen nicht buchstäblich und materialistisch, sondern metaphorisch gebraucht sein, aber unter der Hand werden sie in der Lurjanischen Operation doch realiter angewendet.


68 Chajim Vital Calabrese םילוגלג, ed. Frankfurt 36 c: םיצעב וליפאש אירול קחצי 'ר ירומ רמא םילוגלגה דוסב לעב היהש דחא םדא לגלגתנ וננמזבו ... םדאה לגלגהי םינבאבו ימ ולצא עדונו לגלוגמ היהש ירומ וריכהו ףטוש לחנב ער ןושל היה. Auch an anderen Stellen. Der alberne Verf. des םידרח רפס, Elieser Askari, bemerkt in kindischer Naivität, daß Pythagoras mit der Lehre der Kabbalisten übereinstimme (p. 42 a): ... לוגלגב רזוח רומג קידצ וליפא םילבוקמה ירבדב שרופמ ןכו יחוי ןב ןועמש 'ר ירבדב ראובמכ .הזב םיכסה שרוגטיפז


69 Gilgulim c. 2. 5. Die Theorie von לוגלג, Metempsychose und תומשנה רובע, superfoetatio animarum, bildet einen Hauptteil der Vitalschen oder Lurjanschen Kabbala, von Vital zusammengestellt unter dem Titel םייח ץע ףונ. Das künstliche Herabziehen der Seelen nennen die Kabbalisten aus der Lurjanschen Schule ןיבקונ ןיימ, »Wasser von der weiblichen Seite«, ein noch dunkel gebliebener Terminus.


70 S. Einl. zu םייח ץע, wo Vital spricht: דע ל"ז ןבמרהמ התתמא לע תאז המכחב גישהל עדויש ימ היה אל (י"ראה) ירומ והומכ, auch Gilgulim Ende das. p. 43 b.: רמאש המ .ול הנע רקש ,לאלצב תמשנ ול היהש ונב לע וראק י'רהל דיגמה


71 S. Note 9.


72 Charrière, Négociations de la France III, p. 811. Brief des Mr. Juyé v. 4. Aug. 1579. Il est venu nouvelles que les Arabes habitant aux montagnes près Damasque, sachant que le passa du dit lieu avec ses forces estoit allé à la guerre de Perse, se sont eslevés et ont saccagé et bruslé Zefet près Hiérusalem, où y avait grand nombre des Juifs et de fort riches, et se doutoit encore de quelque plus grand progrès. Die Tatsache von der Verwüstung in Safet scheint mir zweifelhaft, denn wir besitzen aus dieser Zeit Detailnachricht über diese Stadt, und es wird auch nicht mit einem Worte darauf hingedeutet. Der französische Gesandte in Konstantinopel scheint Tiberias mit Safet verwechselt zu haben, denn aus jener Stadt sollen die Juden um diese Zeit, wohl nach dem Tode des Joseph von Naxos, von den Arabern ausgewiesen worden sein (Robinson, Palästina III 524).


73 Vitals Selbstbiographie p. 13 b: 'ש) איהה הנשב םידיסחו 'ה יארי תפצ ריעבש םימכח ידימלת תצק ומיכסה (ל"שה םהמ דחא לכ רפסלו ש"ע לכב תסנכה תיבב םלכ רחי ץבקתהל םדאה שייבתי הז ידי לע יכ אוהה עובשב השעש םישעמה לכ אטחלמ לדחיו. Im Verlaufe ist das. angegeben: 'ר יבא וז המכסהה ןינעב ליחתמה היה (ףםוי 'ר) סיגס המלש. Es ist wohl dasselbe, was Elieser Askari (םידרח Anf.) berichtet: םולש תכס המש ונארק השודק הרבח ונישע תפצב .בל לכב בושל םיצבקתמ םיברו


74 S. Note 9.


75 Dieselbe Note.


76 Selbstbiographie p. 22 a: הארש (ירומ) יל רמא םג "ףסכבו בהזב תושעל תובשחמ בושחל,, :קוספ יחצמב בותכ יתקסעו הרותה ןמ יתלטבש הצחמו םינש 'ב ןינע לע יומרל אימיכלאה תמכחב. Darauf spielt auch die Einl. an: םכח ךבלב םיער םירוהרה ואובי םינש ד"כ ךתויהב יכ יל רמא לודג .הצחמו םינש יתש הרותה ךמעמ לטבתהל


77 Gilgulim, Ende.


78 Viele Stellen in der Selbstbiographie und bei Schlomel, Sendschreiben


79 Vital, Selbstbiographie p. 2 b.


80 S. Note 9.


81 Schlomels Sendschreiben, a.a.O. p. 46 a.


82 Lurjas Minhagim, p. 4 b, 5 b.


83 S. Einl. zu Vitals םייח ץע. Die Berechnung war: 1 Tag = 1000 Jahre, 1/2 Tag = 500 Jahre seit der Tempelzerstörung, also 1500 + 68 = 1568.


84 Diese Anekdote bei Schlompel p. 38 b. halte ich für echt.


85 S. Note 9.


86 Corduero םלענ רוא, Abschn. I.


87 Asulai s.v. Isaak Lurja.


88 S. Note 9.


89 Vital, Gilgulim p. 36 c.


90 Elia da Vidas, der sein המכח תישאר nach Lurjas Tod geschrieben, zitiert ihn hin und wieder, aber keineswegs als außerordentliche Erscheinung.


91 S. Note 9.


92 Vital, Selbstbiographie p. 22 b, 18 a; Schlomels Sendschreiben a.a.O. p. 46 a.


93 Vital das. 23 b.


94 Das. 20 a.


95 S. Note 9.


96 Vital, das. p. 20 a, 22 b, Schlomel das. 46 a und öfter.


97 Durch die Vermittelung Saruks und seines Jüngers Abrahm de Herrera wurde die Lurjanische Kabbala in Europa bekannt.


98 Für Lurjas ןיליפת zahlte einer 25 Duk.; Schlomel a.a.O. p 41 b.


99 Lurjas Tikkunim cap. über Sabbat, תונוכה 'ס ed. Mose Trenko p. 5.


100 Das.


101 Vital, Gilgulim p. 35; Trenko, Kewanot 6 b: םג טרפבו םדאה תעיזמ םידלונד םינכה יכ (יראה) ירומ רמוא היה ושענ םהמו ויגםו םדאה ירתומ רצמ םהש םירשכ םישנאל ןוקת אוה יכ ולש םינכה ןמ םדאה ץוקי אל ןכלו ... תופילק .ומצעל[...we-sigaw...]


102 Gilgulim a.a.O.


103 In verschiedenen Lurjanschen und Vitalschen Schriften.


104 Der größte Teil des Abschnittes תונוכ ist diesem Thema gewidmet.

105 Alles in den תונוכ oder םייח ץע ףונ enthalten.


106 S. B. III, S. 89.


107 הלכ תא םייקל לוגלגב רזוח ... 'ס'ד'ר'פב קסע אלש ימ, in Lurjas Schulchan Aruch p. 37.


108 י"רא לש ךורע ןחלש, öfter gedruckt, zuerst Krakau, dann Frankfurt a.d.O. 1691.


109 Schlomel, Sendschreiben a.a.O. p. 46 b.


110 Charrière, Négociations de la France III p. 648, Note.


111 S. Carmolys Joseph, duc de Naxos p. 12 fg; Maskir, Jahrg. 1858 p. 67 fg.; Fürst, Bibliotheca III p. 150.


112 Charrière a.a.O. p. 832.


113 v. Hammer, Geschichte des osmanischen Reiches IV, S. 40.


114 Das. 38.


115 Bericht des venezianischen Gesandten Maffeo Venier bei Alberi, Relazioni, serie 3, T. II p. 299.


116 Bericht des venez. Ges. Zane das. 3, III p. 389 vom Jahre 1594.


117 v. Hammer, a.a.O. IV, S. 247 fg.

118 Note 8.


119 S. Note 8.


120 Dieselbe Note.


121 Das.


122 Fortsetzung von Joseph Kohen Emek ha-Bacha Ende; v. Hammer das. IV, S. 354. In der hebräischen Quelle ist aber das Datum 1602 in Ende 1603 und der Name Mohammed in Achmed zu berichtigen. Vergl. Note 8.


123 Vergl. Israel Naǵara über Bedrückungen in Safet und Damaskus רוצמ ימ in seiner Liedersammlung לארשי תורימז p. 159; über solche in Jerusalem s. תוברח םלשורי.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1907, Band 9, S. 410.
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