11. Kapitel. Allgemeine Verwilderung in der Judenheit. (Fortsetzung.) Luzzatto, Eibeschütz, Frank.

[339] Luzzattos Lebensgang und dichterische Begabung. Seine Jugenderzeugnisse. Seine Gestaltungskraft führt ihn auf die Abwege der Phantasterei, er dichtet einen neuen Sohar und träumt sich als Messias. Chagis gegen Luzzatto. Gebannt wandert er nach Amsterdam. Sein kunstvolles Drama. Seine Auswanderung nach Palästina und sein Tod. Jonathan Eibeschütz, sein Charakter und Lebensgang. Ist als Vorsteher eines Lehrhauses in Prag der sabbatianischen Ketzerei verdächtig. Seine Verbindung mit den Jesuiten. Seine Berufung nach Metz. Seine Verbindung mit den Franzosen gibt Anlaß zum Verdacht des Landesverrates im schlesischen Kriege. Baron de Aguilar und Berusch Eskeles. Ausweisung der Juden aus Böhmen und Mähren durch Maria Theresia. Rücknahme des Ediktes. Eibeschütz in Altona. Jakob Emden und sein Charakter. Beginn und Verlauf der Streitigkeiten wegen der sabbatianischen Amulette. Parteinahme für und wider Eibeschütz. Wirren und Zerwürfnisse in der Judenheit. Jakob Frank Lejbowicz und die Frankisten oder Kontratalmudisten. Entlarvende Überraschung in Laskorun. Bannflüche und Verfolgung gegen sie. Sie erklären sich als Trinitarier und erlangen den Schutz des Bischofs Dem bowski von Kamieniec. Anschuldigungen gegen den Talmud und die talmudischen Juden als Christenkindermörder. Neuer Scheiterhaufen für den Talmud. Die Frankisten unterliegen durch Dembowskis Tod. Neue Wirren durch die Frankisten. Sie lassen sich zum Scheine taufen. Frank als Schwindler entlarvt und nach Czenstochau abgeführt.


(1727-1760).

Alle diese Enttäuschungen und Beschämungen durch Träumer und Betrüger fast ein ganzes Jahrhundert hindurch, alle diese jämmerlichen Vorgänge durch Sabbataï Zewi und seine Prophetenschar, durch Cardoso, Mardochaï von Eisenstadt, Querido, Juda Chaßid, Chajim Malach, Chajon und mehrere andere waren nicht imstande, die kabbalistisch-messianischen Schwärmereien ein für allemal zu unterdrücken. Es erstanden vielmehr immer von neuem Nachfolger dieser Schwärmer, welche dann wieder einen leichtgläubigen Kreis fanden, der ihnen vertraute. So wurden neue Wirren erzeugt. Die ungesunden Säfte, welche dem Organismus des Judentumes im Laufe der Zeiten zugeführt [339] worden waren, traten jetzt als häßlicher Ausschlag an die Oberfläche, was freilich auch als Vorzeichen beginnender Genesung angesehen werden konnte. Die Verderbnis hatte auch schon edle Teile ergriffen. Ein begabter Jüngling, dem die Natur herrliche Gaben verliehen hatte, der bei normalen Verhältnissen eine Zierde des Judentums geworden wäre, hat, von der allgemeinen Verwilderung ergriffen, seine schönen Anlagen durch Phantasterei mißbraucht und so seinerseits der Verkehrtheit Vorschub geleistet. Man kann sich eines wehmütigen Gefühles nicht erwehren, diesen liebenswürdigen Jüngling mit einem idealen Zuge in Verirrungen geraten zu sehen, die ihn fast auf eine Linie mit den unsauberen Geistern Chajon, Löbele Proßnitz und anderen dieses Gelichters stellten. Ein farbenreicher Sonnenstrahl, der in einem Sumpfe erlischt! Wenn man die Kabbala, die so unsägliches Unheil im Judentume angerichtet hat, verwünscht und ihren Erzeugern wie Pflegern, auch den ehrlichen (Abraham ben David aus Posquières, Nachmani und Isaak Lurja) mit Recht grollt, so fühlt man sich am meisten dazu gestimmt, wenn man zwei edle Jünglinge von hoher Begabung und Sittenlauterkeit, wie Salomon Molcho und M. Ch. Luzzatto, deren Schattenbildern nachjagen und sich dadurch in den Abgrund stürzen sieht. Beide haben ihr Leben im buchstäblichen Sinne für Träume geopfert, deren wirre Bilder das betäubende Gemisch der Kabbala in ihnen erregt hatte. Obwohl Luzzatto nicht wie sein portugiesisch-marranischer Gesinnungsgenosse auf dem Scheiterhaufen tragisch endete, so verblutete er doch auch, und zwar an Wunden, die er sich selbst in aufgeregtem Zustande beigebracht hat.

Mose Chajim Luzzatto (geb. 1707, st. 1747)1 stammte von sehr wohlhabenden Eltern in Padua. Sein Vater, welcher ein ausgedehntes Seidengeschäft führte, scheute keine Kosten, obwohl selbst wenig gebildet, seinen Sohn mit Kenntnissen erfüllen zu lassen. [340] Die zwei alten Sprachen, hebräisch und lateinisch, welche in Italien gewissermaßen ein literarisches Bedürfnis waren, die eine unter den Juden, die andere unter den Christen, erlernte auch Luzzatto in zarter Jugend; aber sie hatten auf seinen Geist eine ganz andere Wirkung als auf seine Altersgenossen. Beide befruchteten seine natürlichen Anlagen und förderten sie zu schöner Entfaltung. Die lateinische Sprache öffnete ihm das Reich des Schönen und die hebräische die Pforten des Erhabenen. Luzzatto besaß eine zartbesaitete Dichterseele, eine Äolsharfe, die jeder Lufthauch in harmonisch wohltönende Schwingungen versetzte. Seine poetische Begabung zeigte zugleich Kraft und Lieblichkeit, Fülle der Phantasie und Bilderreichtum, gepaart mit Ebenmaß. Wer an Seelenwanderung glaubte, könnte ungescheut sagen, die Seele Jehuda Halevis, des kastilianisch-hebräischen Sängers, sei in Luzzatto wiedergeboren worden, nur noch vollendeter, reifer und zarter, mit noch feinerem Sinn für Wohlklang, weil er von der gewissermaßen musikalischen Atmosphäre seines Vaterlandes Italien umflossen war. Schon in zartem Knabenalter2 gestaltete sich ihm jeder Vorfall freudiger oder trauriger Art zu einem abgerundeten Bilde, einem kleinen Kunstwerke, worin sich zugleich Schmelz und Wohllaut offenbarten. Den geheimen Zauber der Sprache, die Gesetze der Harmonie, welche in der höheren Beredsamkeit ebenso gut wie in der Poesie liegen, die Anmut des Rhythmus und Tonfalls erkannte der siebzehnjährige Jüngling in so durchsichtiger Klarheit, daß er eine Schrift darüber ausarbeitete und schöne Beispiele aus der heiligen Poesie zur Beleuchtung dafür auswählte. Er dachte daran, in die neuhebräische Poesie ein neues Versmaß einzuführen, um einen reicheren Wechsel von Längen und Kürzen und damit einen musikalischen Tonfall zu erzielen. Man legt gewöhnlich die hebräische Sprache zu den Toten. In Luzzatto war sie lebensvoll, frisch, jugendlich rein und wohlklingend. Er behandelte sie wie ein gefügiges Instrument und entlockte ihr süße Töne und einschmeichelnde Weisen; er verjüngte sie, verlieh ihr eine seltene Lieblichkeit, kurz er webte in ihr, als hätte sein Ohr die vollen Töne der jesaianischen Beredsamkeit mit vollen Zügen eingesogen. Unvergleichlich begabter als Joseph Penso de la Vega (o. S. 182) dichtete Luzzatto ebenfalls im siebzehnten [341] Lebensjahre ein Drama aus der biblischen Welt »Simson und die Philister«. Diese Jugendarbeit läßt bereits den vollendeten Meister ahnen; der Versbau ist tadellos, die Gedanken sind neu und die Sprache frei von Schwulst und Überladung3. Auch seine hebräische Prosa stach wohltuend ab von dem geschmacklosen, verschnörkelten, witzelnden Stil seiner jüdischen Zeitgenossen; sie hat vieles von der Einfachheit, Glätte und Lebendigkeit der biblischen Darstellung. Ehe Luzzatto noch das zwanzigste Jahr erreicht hatte, dichtete er hundert und fünfzig Psalmen, die allerdings nur Nachbildung des alten Psalters sind, aber Reinheit und Innigkeit der Sprache atmen. In derselben Zeit hat er vielleicht sein zweites hebräisches Drama geschaffen (der hohe Turm oder die Harmlosigkeit der Tugendhaften) in vier Aufzügen, in schönem Versbau, wohllautender Sprache und anmutigen Bildern, aber arm an Gedanken. Der jugendliche Dichter hatte noch nicht den Blick ins volle Leben getan, hatte noch keine scharfe Beobachtung für die Gegensätze und Kämpfe. Er kannte weiter nichts als das idyllische Familienleben und das friedliche Lehrhaus. Selbst Tugend und Laster, Liebe und Selbstsucht, die er in diesem Drama darstellen wollte, waren ihm nur vom Hörensagen bekannt. Seine Muse zeigte sich nur beredt, wenn sie von Gottes Erhabenheit singt. Einzelne Verse sind untadelhaft, aber das Ganze nimmt sich noch schülerhaft aus. Er war damals noch zu sehr von italienischen Mustern abhängig, er schritt noch auf Stelzen.

Diese Leichtigkeit und Gewandtheit, ureigene und überkommene Gedanken in eigene und fremde Formen zu kleiden, sein Gestaltungstrieb, das Überströmen seiner halbreifen Gedanken, die, wenn er diesen Drang hätte zur Vollendung bringen können, ihm und dem Judentum hätte zum Segen gereichen können, verwandelten sich in einen Fluch. Eines Tages (Siwan 1727) überkam ihn die Lust, auch die dunkele Sprache des Sohar nachzubilden, und es gelang ihm dabei eben so gut, wie bei den Psalmen, Sätze und Wendungen dem Soharstile täuschend ähnlich zu machen, eben so volltönend, scheinbar tief und dennoch hohl. Dieses Gelingen erfüllte ihn mit Schwindel und führte ihn auf Abwege. Anstatt sich zu sagen, wenn die soharistisch-kabbalistische Darstellungsweise nachgeahmt werden kann, so hat sie einen gewandten menschlichen Urheber gehabt, folgerte Luzzatto umgekehrt, auch sein eigenes Gestaltungsvermögen stamme nicht aus seiner Begabung, sondern sei, dem Sohar gleich, das Erzeugnis einer [342] höheren Eingebung. Er teilte nämlich die Verkennung seiner Zeit über Ursprung und Wert der Kabbala. Sein Jugendlehrer, Jesaia Bassan in Padua, war ein hohlköpfiger Kabbalist, Jünger und Schwiegersohn des halbsabbatianischen Rabbiners Benjamin Kohen in Reggio (o. S. 309). Bassan hat ihm mystisches Gift in sein gesundes Blut eingeimpft. Indessen hätte ihn wohl auch jeder andere Lehrer in die Irrgänge der Kabbala, aus denen kein Ausweg war, eingeführt. Die Luft, welche in den Ghettos wehte, war mit kabbalistischen Stoffen geschwängert. Täglich hörte Luzzatto von Jugend auf, daß große Adepten der Mystik einen eigenen Schutzgeist (Maggid) gehabt hätten, der ihnen täglich Offenbarungen von oben gebracht hätte, in jüngster Zeit Mose Zacut eben so gut, wie früher Joseph Karo und Isaak Lurja. Warum sollte nicht auch er dieser göttlichen Gnadengabe gewürdigt sein? Lurjanisch-mystische Schriften, damals noch eine Seltenheit, waren ihm in die Hände geraten; er lernte sie auswendig, vertiefte sich in sie, und diese vollendeten seine Verirrung. Dabei begegnete Luzzatto eine eigene Täuschung. Sein von Natur klarer, auf geordnetes Denken eingerichteter Verstand, sein feiner Sinn für die Einfachheit und Schönheit der biblischen Poesie und sein ästhetisches Verständnis für die italienische und lateinische Literatur drängten ihn dazu, auch in dem Chaos der Kabbala, deren Göttlichkeit ihm feststand, nach Klarheit und Gemeinverständlichkeit zu ringen. Er glich in keinem Punkte den wirren Schwärmern Mose Zacut oder Mardochaï von Eisenstadt, er begnügte sich nicht mit hohlen Formeln und Floskeln, sondern suchte nach Inhalt und Gehalt. Diesen fand er aber mehr in seinem eigenen Geiste, als im Sohar oder in den lurjanischen Schriften. Er aber lebte in der Täuschung, daß ein göttlicher Geist ihm den tiefen Einblick in die Kabbala erschlossen, die Rätsel gelöst, den Knäuel entwirrt hätte. Selbstbetrug verschuldete Luzzattos Verirrung. Seine religiöse Innigkeit, statt ihn zu schützen, brachte ihn nur noch tiefer hinein. Sie war von der Überzeugung bevormundet, daß das bestehende Judentum mit seinen Auswüchsen ohne die Kabbala unverständlich bleibe, daß nur durch ihre Theorie die Erscheinungen, Kämpfe und Gegensätze in der Welt, sowie die tragische Geschichte des jüdischen Volkes erklärt werden könne. Israel, das Volk Gottes, der edelste Teil der Schöpfung, stehe geschwächt und gedemütigt auf der untersten Stufe der Völkerleiter, seine Lehre werde verkannt, sein Streben geächtet. Woher diese Erscheinung? Um sie zu erklären, baute Luzzatto ein System aus Spinngewebfäden auf, das sich in folgender Gedankenreihe zusammenfassen läßt.

[343] Die niedere Welt sei von Gott so geschaffen und eingerichtet, daß sie das Abbild der höheren Welt (Olam ha-Azilut) abspiegele, und sei auch mit ihr so verbunden, wie die Tasten mit einem Saiteninstrument. Ein Druck auf die Tasten setze einen Teil oder das Ganze in Schwingungen und erzeuge eine harmonische oder disharmonische Klangweise. Eine Tat oder auch nur ein Gedanke des Menschen setze die höhere Welt in Bewegung, errege Gottes Vorsehung und erzeuge Segenspende von oben oder hemme sie. Die Gebote und Verbote des jüdischen Gesetzes seien die wirksamsten Mittel, die Gottheit zum Ausströmen ihres Lichtes zu bewegen und die Israeliten empfänglich dafür zu machen. Die Einsicht in Bau, Gliederung und Zusammenhang der höheren und niederen Welt gewähre lediglich die Kabbala; die heilige Schrift in ihrem einfachen Wortsinn, die trockenen Vorschriften der schriftlichen und mündlichen Lehre gäben nicht den rechten Begriff von Gott, seinem Schöpfungsakte, seiner Vorsehung und seinem Willen. Die höchste Erkenntnis für diese dem Menschen so notwendige Wahrheit gewähre nur die Kabbala; der Sohar sei der wichtigste Teil der heiligen Schriften. Nur wer diese Erkenntnis habe, vermöge das ganze Weltall in Bewegung zu setzen, Vergangenes und Zukünftiges zu begreifen und auch einzusehen, warum die Welt scheinbar so voll Verkehrtheit sei, und warum das israelitische Volk in der Gegenwart eine so niedrige Stellung einnehme4. Es schmeichelte dem kaum zwanzigjährigen Jüngling, diese Einsicht in den Zusammenklang der höheren und niederen Welt erlangt zu haben, sie in der mystischen Soharsprache auseinandersetzen zu können und solchergestalt ein wichtiges Glied in der Reihe der Geschöpfe zu sein. Von diesem Hauptgedanken der Kabbala fest überzeugt, nahm er alle ihre Auswüchse, die Seelenwanderung, die Buchstabenversetzung und Geisterbeschwörung mit in den Kauf. Ganze Papierstöße schrieb er mit kabbalistischen Träumereien voll, arbeitete einen zweiten Sohar (Sohar Tinjana) aus, mit den dazu gehörigen Einleitungen (Tikkunim) und Anhängseln. Je leichter ihm dieses von statten ging, desto mehr geriet er in den Wahn, daß auch er von einem höheren Geiste getrieben, daß er ein zweiter, wo nicht gar vollendeterer R. Simon ben Jochaï sei. Auch um ihn scharten sich höhere Wesen, Patriarchen und Heilige, um seinen Worten zu lauschen. Auch er kam sich als der treue Hirte (Raaja Mehemna) vor. Allmählich beschlich ihn in seiner [344] Einsamkeit die eitle Regung, daß er der vorausbestimmte Messias sei, berufen, vermittelst des zweiten Sohar Israel, die Seelen und die ganze Welt zu erlösen5.

Luzzatto hielt es auch nicht lange aus, sein Licht so ganz und gar unter den Scheffel zu stellen, und eröffnete anfangs schüchtern zwei gleichgesinnten Jünglingen Isaak Marini6 und Israel Treves, daß er von seinem Schutzgeiste den Wink erhalten habe, ihnen einen Einblick in seinen neuen Sohar zu gewähren. Geblendet und entzückt von dieser Meisterschaft wurden diese seine Jünger in der Kabbala. Sie konnten auch ihrerseits das Geheimnis nicht bewahren. Während seiner Abwesenheit zeigten sie einem durch Padua reisenden palästinensischen Almosensammler ein Stück des Luzzattoschen Sohar, und dieser erzählte in Venedig von dem kabbalistischen Wunderjüngling (Frühjahr 1729). Die Folge davon war, daß einige venetianische Kabbalisten den jungen Wundermann in Padua, der noch dazu reich war, aufsuchten. Das bestärkte ihn noch mehr in seiner Schwärmerei. Zu diesen Luzzattisten gesellte sich ein lebhafter, rühriger, ungestümer Pole Jekutiel (Kussiel) Gordon aus Wilna7, welcher nach Padua gekommen war, um Medizin zu studieren. Von Luzzatto hören, sich ihm anschließen, seine bisherigen Studien fahren lassen und sich der Mystik hingeben, war für diesen Polen ein leichter Entschluß. Schwerer war es für ihn, das Geheimnis zu bewahren. Kaum war er von Luzzatto eingeweiht worden, als er diese neue Wundererscheinung ausposaunte und Sendschreiben (Ab und Elul 1729) nach Wien an den dortigen angesehenen, reichen Kabbalisten Mardochaï Jafa Schlesinger (st. 1754)8 und an den Wilnaer Rabbiner Josua Heschel (st. 1759)9 abschickte. Jekutiel nahm den Mund voll, erzählte, wie [345] der kaum dreiundzwanzigjährige Luzzatto täglich geheime Offenbarungen von einem Engel und öfter Besuche von hohen Abgeschiedenen erhalte, von Adam, Abraham, Mose; wie er alle Seelenwanderungen kenne und jedem seinen Ursprung und Seelenzusammenhang anzugeben wisse, und endlich, wie er auf wunderbare Weise einen neuen Sohar verfaßt habe, wovon er Heschel geheimnisvoll eine Probe einschickte. Jekutiel war indes vorsichtig zu bemerken, daß Luzzatto nicht mit den Schwindlern Chajon, Löbele Proßnitz, Mose Meïr und andern auf eine Stufe gestellt werden dürfe; er habe sich entschieden gegen Sabbataï Zewi und dessen Anhänger ausgesprochen. Diese Sendschreiben wurden verbreitet und kamen Mose Chagis in Altona zu Händen. Er, welcher so eifrig gegen Chajon und die übrigen sabbatianischen Schwärmer gekämpft und das letzte Wort gegen sie behalten hatte, galt gewissermaßen als der offizielle Eiferer, dessen Stimme in Glaubenssachen Entscheidung hatte. Der Rabbiner der Drei-Gemeinden (Altona, Hamburg, Wandsbeck), derselbe, welcher auch Mose Meïr Kamenker und seine Genossen in den Bann getan hatte (o. S. 336), Ezechiel Katzenellenbogen, war ihm, der stillschweigend noch immer als Jerusalemer Sendbote galt, sehr gefügig. Chagis richtete daher (November 1729) an die Venetianer Gemeinde die Aufforderung, die neuerstandene Ketzerbrut, ehe ihr Gift sich weiter verbreite, tatkräftig zu unterdrücken.

Das Venetianer Rabbinat war aber nicht sobald bereit, Luzzatto zu verketzern, verfuhr vielmehr sehr schonend mit ihm, gewiß aus Rücksicht auf seine Jugend und Begabtheit und die Wohlhabenheit seiner Familie; es forderte ihn nur einfach auf, sich zu rechtfertigen (1. Dez.). Der noch ungebeugte Phantast bäumte sich förmlich auf bei dieser Zumutung und gab Chagis zu verstehen, daß er dessen Autorität nicht anerkenne, wies den Verdacht sabbatianischer Irrlehre von sich und blieb im übrigen dabei stehen, daß er vom Himmel tiefer Offenbarungen gewürdigt werde. Er berief sich auf seinen Lehrer Bassan, der ihm das Zeugnis unverdächtiger Rechtgläubigkeit nimmer versagen werde. Darin hatte Luzzatto vollkommen Recht. Bassan war in seinen Jünger so sehr vernarrt, daß er auch dessen anstößigste Vergehen beschönigt haben würde, und daher dessen Schwärmerei eher begünstigte, als hemmte. Auch der greise Hohlkopf Benjamin Kohen von Reggio, derselbe, welcher Nathan Ghazatis und Mardochaïs von Eisenstadt Schwindeleien Gehör gegeben hatte, förderte Luzzattos Wahn. Was soll man von einem ergrauten Rabbinen denken, der den Jüngling Luzzatto ernstlich anging, seinen Schutzgeist zu befragen, [346] an welcher Krankheit er litte? Von dieser Seite wurde Luzzatto nur noch mehr in seiner Phantasterei bestärkt. Vergebens bedrohten Chagis und Katzenellenbogen ihn und die Paduaner Gemeinde mit dem schwersten Banne, wenn er seine Geisterseherei und sein mystisches Treiben nicht einstellen würde. Luzzatto blieb dabei, Gott habe ihn, so wie viele vor ihm, auserkoren, ihm seine Geheimnisse zu verkünden. Aber nicht bloß das Paduaner und Venetianer Rabbinat, sondern auch andere italienische Rabbinen benahmen sich aus Rücksichten sehr lau in dieser Sache. Mose Chagis hatte drei Rabbinen aufgefordert, sich als Tribunal zu konstituieren, Joseph Ergas aus Livorno, welcher Chajon bekämpft hatte, Simson Morpurgo von Ancona und Abraham Segre von Casale. Sie sollten sich nach Padua begeben, Luzzatto vorladen und ihn vor die Wahl stellen, entweder seinem mystischen Unwesen zu entsagen oder nach Palästina auszuwandern, wo allein göttliche Offenbarungen möglich, glaublich und gesetzlich gestattet wären. Aber alle drei lehnten jede Einmischung ab. Chagis entwickelte aber eine so eifrige Tätigkeit, daß er mehrere deutsche Rabbinen dafür gewann (Juni 1730), wenigstens den Bann in der Fassung auszusprechen, es sollten ihm alle diejenigen unterliegen, welche Schriften in der Soharsprache im Namen von Engeln oder Heiligen verfaßten. Diese Drohung wirkte. Jesaia Bassan mußte sich nach Padua begeben und seinem Lieblingsjünger das Versprechen abnehmen, seine mystische Schriftstellerei und Lehrmeisterei für junge Kabbalisten einzustellen, es sei denn, daß er sich entschlösse, nach dem heiligen Lande auszuwandern. Auch das Venetianer Rabbinat wurde endlich zum Einschreiten angeregt. Es schickte drei Vertreter nach Padua, Jakob Belillos, Mose Menahem Merari und Nehemia Vital Kohen, und in ihrer Gegenwart mußte Luzzatto seine bündige Erklärung wiederholen und bekräftigen (3. Ab = 17. Juli 1730). Seine kabbalistischen Hefte mußte er seinem Lehrer Bassan ausliefern, und sie wurden unter Siegel gelegt. Damit war für den Augenblick der gegen ihn aufgewirbelte Sturm beschworen.

Luzzatto schien durch diese Vorgänge ernüchtert zu sein. Er ging seinen Geschäften nach, dichtete wieder und entschloß sich sogar zu heiraten (die Tochter des Rabbiners David Finzi aus Mantua). Er wurde glücklicher Vater, lebte in Eintracht mit Eltern und Geschwistern und genoß hohe Achtung. Aber der böse Geist, dem er sich verschrieben hatte, ließ ihn nicht los und führte ihn abermals zu seiner Jugendverirrung zurück. Ein Zerwürfnis in der Familie und schlechte Geschäfte im Hause seines Vaters, an dem er teilnahm, scheinen die [347] Veranlassung dazu gewesen zu sein. Verstimmt und gedrückt in der Gegenwart wollte er durch kabbalistische Mittel die Zukunft erfahren10. Er begann wieder seine mystischen Träumereien niederzuschreiben, allerdings nicht mehr in der pomphaften Soharsprache, wagte sie gar Bassan vorzulegen und erhielt dessen Erlaubnis, sie zu veröffentlichen. Man flüsterte, daß Luzzatto magische Beschwörungen treibe, und daß sein Lehrer ihm aus dem versiegelten Verschluß Schriften für den Druck ausgeliefert habe. Durch ein Gerücht wurde das Venetianer Rabbinat besonders aufgeregt und gegen ihn eingenommen. Luzzatto hatte eine scharfe Entgegnung gegen Leon Modenas niederschmetternde Schrift gegen die Kabbala (o. S. 142) verfaßt, und es hieß, er ginge damit um, seine Schutzschrift für die Mystik mit Bassans Erlaubnis der Öffentlichkeit zu übergeben Da Leon Modena Rabbiner von Venedig, wenn auch ein zweideutiger gewesen war, so betrachteten die damaligen Inhaber des Venetianischen Rabbinats, Samuel Aboab und seine fünf Kollegen (oder eigentlich der zweite Rabbiner, Isaak Pacifico, ein nicht sehr gewissenhafter Mann) einen Angriff auf denselben als eine Beleidigung ihrer Ehre. Dieser Zunftgeist stachelte sie mehr zur Tätigkeit auf, als der Eifer für den scheinbar gefährdeten Glauben. Als echte Venetianer unterhielten sie einen Spion in ihrem Dienste, einen Polen Salman aus Lemberg, welcher Luzzatto auf Schritt und Tritt beobachtete und ihnen darüber Bericht erstattete. So lange er noch in Wohlstand lebte und von Freunden umgeben war, hatten die venetianischen Rabbiner seinem Treiben gegenüber eine außerordentliche Nachsicht gezeigt, es beschönigt und ihm einen Ehrentitel verliehen. Nachdem aber seine Familie, ins Unglück geraten, der Verarmung nahe war und er nicht mehr Freunde und Schmeichler hatte, ließen sie die Rücksichten fallen und konnten nicht genug Steine auf ihn werfen11. Sie schenkten einem der Ihrigen, dem falschen Belillos12, vollen Glauben, daß er bei Luzzatto Zauberinstrumente gefunden habe, obwohl seine Aussage schon dadurch [348] verdächtig war, daß er erst vier Jahre später davon Anzeige machte, und sein Mitvertreter Merari ihm zum Teil widersprach13. Lächerlich genug machten die Venetianer Luzzatto schließlich auch zum Vorwurf, daß er die lateinische Sprache erlernt habe; einem solchen, der sich mit dieser Satanssprache befaßt habe, könne kein Engel erscheinen. Die Mitglieder des Venetianer Rabbinats glaubten, oder stellten sich so, als wenn Luzzatto sich gerühmt hätte, seine Psalmen würden in der eintretenden messianischen Zeit den Davidischen Psalter verdrängen. So saumselig sie früher waren, so rührig zeigten sie sich jetzt in der Verfolgung des Unglücklichen. Sie sandten drei Inquisitoren nach Padua, ihn zu vernehmen, gewissermaßen Haussuchung bei ihm nach seinen Schriften zu halten und ihm den Eid abzunehmen, daß er nichts veröffentlichen werde, was er nicht vorher dem Venetianer Rabbinat zur Zensur vorgelegt hätte. Stolz wies der tiefgekränkte Dichter diese Zumutung mit der Bemerkung zurück, daß diesem Rabbinate keine Machtbefugnis über ihn, ein Mitglied der Paduaner Gemeinde, zustünde. Darauf sprachen die sechs Venetianer Rabbinen den Bann über ihn aus und verurteilten seine Schriften zum Feuer (Mitte Novbr. 1734). Sie sorgten auch dafür, namentlich tat es Isaak Pacifico, sämtlichen Gemeinden Deutschlands und besonders der großen Trommel Chagis Kunde davon zu geben. Auch die Paduaner Gemeinde ließ den unglücklichen Luzzatto fallen. Um so mehr machte es seinem Lehrer Jesaia Bassan Ehre, daß er ihm im Unglück eben so kräftig zur Seite stand, wie früher im Glücke. Der Rabbiner Katzenellenbogen, oder vielmehr sein Einbläser Chagis, hatte bei dieser Gelegenheit einen vernünftigen Vorschlag, die Beschäftigung mit der Kabbala der Jugend ganz und gar zu verbieten, damit sie nicht, wie bisher, in solche traurige Verirrungen gerate. Doch fand dieser Vorschlag bei andern Rabbinen keinen Beifall14. Zwei Jahrzehnte später wurden die Verirrungen der Kabbala so handgreiflich, daß die jüdischpolnische Synode, ohne Widerspruch zu finden, einen solchen Beschluß durchsetzte.

Der unglückliche, gebannte Phantast mußte zum Wanderstab greifen, Eltern, Frau und Kinder verlassen. Mehr noch als dieses schmerzte ihn die Trennung von seinen kabbalistischen Genossen und seinem mystischen Konventikel. Auf seiner Reise ermahnte er jene [349] noch einmal brieflich, das Studium der Kabbala nicht aufzugeben. Er hatte Sorge um die Existenz; denn er war so heruntergekommen, daß er eine Stellung als Korrespondent in Amsterdam zu suchen gedachte. Und doch beschäftigte ihn die Mystik noch immer; er trug sich mit der Hoffnung, in Amsterdam seine kabbalistischen Schriften drucken zu können. Der Unerfahrene! Wer sollte ihm jetzt beistehen, nachdem ihm das Glück den Rücken gekehrt hatte? Schon in Frankfurt a.M. wurde er aus seinem süßen Traum gerissen. Sobald der Rabbiner Jakob Kohen Popers von seiner Anwesenheit Kunde erhielt, setzte er ihm so sehr zu, daß er eidlich versprechen mußte, seine kabbalistischen Wahngebilde nicht mehr zu hegen, nichts zu schreiben und niemanden im Sohar zu unterrichten (11. Januar 1735). Eine Freiheit behielt sich indes Luzzatto vor, daß er im heiligen Lande im Alter von 40 Jahren seinen Lieblingsstudien nachhängen dürfe. Viele Rabbinen Deutschlands, Polens, Hollands und Dänemarks, denen das Geständnis Luzzattos bekannt gemacht wurde, traten im voraus dem Banne bei, sobald er sein Wort brechen sollte. Chagis' Name fehlte dabei nicht. Auch befand sich unter ihnen Jakob Aschkenasi oder Jakob Emden, Sohn des Chacham Zewi, ein Eiferer wie sein Vater oder noch mehr als dieser. Er war von Luzzattos Schuld nicht überzeugt; denn er war selbst ein Kabbalist und schwärmte ebenfalls für den Sohar. Aber es schmeichelte ihm, daß auf seine Unterschrift, obwohl er noch jung war, Gewicht gelegt wurde; so schloß er sich ohne weiteres an15.

Tief gedemütigt und um seine Hoffnung betrogen, begab sich Luzzatto nach Amsterdam. Hier lächelte ihm wieder ein Sonnenblick. Die portugiesische Gemeinde nahm ihn freundlich auf, als wollte sie ihn für die Unbilden von seiten der Deutschen und Polen entschädigen. Sie setzte ihm einen Gehalt aus. Im Hause eines portugiesischen Reichen Mose de Chaves fand er gastfreundliche Aufnahme und unterrichtete dessen Sohn. Um aber unabhängig zu sein, verlegte er sich auf das Schleifen von optischen Gläsern, gleich Spinoza, um seine Existenz zu sichern. Das führte ihn dahin, auch Physik und Mathematik zu treiben. Er fühlte sich so behaglich, daß er nicht nur seine Frau, sondern auch seine Eltern bewog, nach Amsterdam zu kommen; auch sie wurden von der portugiesischen Gemeinde mit Zuvorkommenheit behandelt. Aber diese günstige Wendung seines Geschickes ermutigte ihn wieder, seine Phantasterei fortzusetzen. Seine [350] Jünger in Padua ermahnte er wiederholentlich, ihren kabbalistischen Studien treu zu bleiben und das Zimmer im Hause seines Vaters wie bisher dazu zu benutzen. Sein greiser Lehrer wußte von Luzzattos Wortbruche, billigte ihn stillschweigend und blieb in lebhaftem Briefwechsel mit ihm. Darauf ließ das Rabbinat von Venedig, welches Kunde von diesem Treiben hatte, einen Bannspruch in den Synagogen und im Ghetto bekannt machen gegen alle diejenigen, welche im Be sitze von Luzzattos Schriften kabbalistischen Inhalts oder Psalmen waren und sie nicht dem Rabbinate auslieferten16. Es hatte nämlich Bassan im Verdacht, daß er die unter seiner Obhut versiegelten Schriften Luzzattos wortbrüchig in Umlauf setzte. Bassan verwahrte sich zwar dagegen, nichtsdestoweniger wurde die ganze Sammlung durch einen von Luzzattos Jüngern ihm zugeschickt (1736)17. Mit dem kleinen Konventikel blieb Luzzatto in fortwährender Verbindung und ermutigte sie, sonder Menschenfurcht, den Weg des Lichtes (oder der Finsternis?) zu wandeln.

Neben seiner vielseitigen Beschäftigung mit der Kabbala für seinen Geist und mit Gläserschleifen für seine leibliche Existenz, lieferte Luzzatto (1743) der neuhebräischen Poesie ein Kunstwerk, wie sie kein zweites aufzuweisen hat, ein in Form, Sprache und Gedanken vollendetes Drama, ein Denkmal seiner reichen Begabung, ihn und die Zunge, in der es gedichtet ist, zu verewigen geeignet. Unter der bescheidenen Form eines Gelegenheitsgedichtes zur Hochzeitsfeier seines Jüngers Jakob de Chaves mit der edlen Jungfrau Rahel de Vega Enriques veröffentlichte er seine dramatische Schöpfung »Ruhm den Tugendhaften« (La-Jescharim Tehilla). Sie unterscheidet sich wesentlich von seinen früheren Arbeiten. Der Dichter hatte inzwischen Gelegenheit genug gehabt, angenehme und unangenehme Erfahrungen zu sammeln und seine Geistesfähigkeiten zu bereichern. Seine Muse, reifer geworden, hatte einen Blick in das vielfach verschlungene Leben in der Wirklichkeit getan. Luzzatto hatte die große Menge sattsam kennen gelernt, wie sie gleich einem Rohr im [351] Wasser schwankend und in den Banden des Betruges gefangen ist, gegen deren Unbelehrbarkeit und Schwächen die Weisheit selbst nichts vermag. Er hatte erfahren, wie die Torheit, mit Unwissenheit gepaart, sich über die Söhne des Geistes lustig macht und über deren Beschäftigung lacht; daß sie die Sternenbahnen messen, das Pflanzenleben beobachten, Gottes Wunderwerke anstaunen und den Mammon hintansetzen – eine bejammernswerte Tätigkeit! Die Oberflächlichkeit sieht in allen Ereignissen des Lebens und der Natur, wie erschütternd sie auch auftreten, nur das Spiel des Zufalls oder starrer Gesetze einer herzlosen Notwendigkeit. Luzzatto hatte es selbst erkannt, daß List und Hochmut in engster Verbindung dem Verdienste seine Krone rauben und sie sich selbst aufsetzen. Nichtsdestoweniger lebte er der Überzeugung, daß das verkannte und geschmähte Verdienst zuletzt den Sieg davon tragen, und die Anerkennung (der Ruhm) ihm als Braut zuteil werden wird, wenn es sich nur von der Vernunft und ihrer Dienerin, der Geduld, leiten läßt, seinen Blick von dem eitlen Treiben abwendet und sich in die Wunder der Schöpfung vertieft. »Könnten wir nur ein einziges Mal die Welt, vom Schein entkleidet, ungetrübten Blickes sehen, wie sie ist, so würden wir den Hochmut und die Torheit, die so verächtlich von der Tugend und dem Wissen sprechen, tief gedemütigt erblicken«18. Durch ein außerordentliches Ereignis, eine Art Wunder, kommt die Wahrheit ans Licht, der Trug wird entlarvt, der Hochmut wird zum Gespötte, und die wankelmütige Menge wird dahin gebracht, dem wahren Verdienste seine Anerkennung zu zollen.

Diese Gedankenreihe kleidete Luzzatto in seine dramatische Parabel und verlebendigte sie, ließ sie durch den Mund der handelnden oder richtiger redenden Personen in Ein- und Zwiegesprächen verkünden. Freilich ein Drama im strengen Sinn ist Luzzattos Kunstwerk nicht. Die auftretenden Personen haben nicht Fleisch und Blut, sondern sind kalte Begriffe; die Vernunft und die Torheit, das Verdienst und der Betrug sind in Szene gesetzt. Die dramatische Handlung ist gering; es ist eigentlich nur ein schöner Kranz duftender poetischer Blüten, eine Reihe lieblicher Monologe und Dialoge. In sie hat er tiefe Gedanken gelegt, welche sich sonst schwer dichterisch färben und verlebendigen lassen; aber ihm ist es gelungen. Die wunderbare Entwickelung der Pflanzenwelt, die überraschenden Erscheinungen der Optik veranschaulichte Luzzatto in dramatischen Versen mit derselben Leichtigkeit, [352] wie die gefügigsten Stoffe der Poesie – und dieses alles in der für neue Gedankenformen steifen hebräischen Sprache, in der selbstaufgelegten Fessel eines streng innegehaltenen Versmaßes. Seine Darstellung ist maßvoll; er benutzte auch nicht einen einzigen Bibelvers, so nahe er ihm auch lag, um neue Gedanken in eine alte Hülle zu kleiden. Luzzatto schuf sich vielmehr eine eigene dichterische Sprache mit bezaubernder Jugendfrische, Schönheit und Wohllaut. Er hat damit die Anregung für die Folgezeit gegeben. Als die Nebel der Verirrungen wichen, die Verwilderung sich sänftigte und eine bessere Zeit anbrach, erglühten dichterische Jünglinge19 an den milden und wärmenden Strahlen, die Luzzatto ausströmen ließ. Ein neuhebräischer Dichter, welcher den Übergang der alten Zeit in die neue mit vermitteln half (David Franco Mendes), ist von ihm angeregt worden. – Was hätte Luzzatto leisten können, wenn er sich von der Phantasterei der Kabbala hätte loswinden können! Aber sie hielt seinen Geist in engen Banden gefangen und zog ihn, nicht lange nach Vollendung seines Dramas (um 1744), nach Palästina. Hier gedachte er ungehindert den Eingebungen seiner aufgeregten Phantasie lauschen oder seine messianische Rolle spielen zu können. Auch von dort aus (von Safet) unterhielt er die Verbindung mit seinem Jüngerkreise. Aber ehe er sich Bahn brechen konnte, raffte ihn die Pest im vierzigsten Lebensjahre dahin (26. Ijar = 6. Mai 1747). Seine Leiche wurde in Tiberias beigesetzt. Die beiden größten neuhebräischen Dichter Jehuda Halevi und Luzzatto sollten in hebräischer Erde ruhen. Selbst die verleumderischen Zungen der palästinensischen Juden, denen Luzzatto mit seiner Eigentümlichkeit als ein Rätsel erscheinen mußte, haben ihm nur Gutes nachgerühmt. Aber er hat doch eine böse Saat ausgestreut. Seine italienischen Jünger haben der Kabbala in Italien von neuem eine Stätte gegründet. Sein polnischer Jünger Jekutiel aus Wilna, der durch seine Marktschreierei ihm die Händel zugezogen hatte, soll abenteuernd in Polen und Holland unter dem Deckmantel der Mystik schamlose Streiche ausgeführt haben20. Auch ein anderer Pole, Elia Olianow, der zu Luzzattos Kreis gehörte, ihn als Messias und sich als seinen Elias verkündet hat, genoß nicht des besten Rufes21. Dieser war auch bei den häßlichen Wirren beteiligt, welche drei Jahre nach Luzzattos Tod in Altona ausbrachen und die europäische [353] Judenheit in zwei Lager spalteten, eine neue Kreiselung der sabbatianischen Schlammflut.

Der Pfuhl, welcher sich in der Judenheit seit Jahrhunderten, seit der Ächtung der Forschung und dem Siege ihrer Feindin, der Kabbala, angesammelt hatte, wurde immer mehr mit einer Art Stumpfheit aufgewühlt und besudelte Reine und Unreine. Jener Taumelgeist des eitel lügnerischen Messias von Smyrna war mit der Ächtung Chajons und der polnischen Sabbatianer noch immer nicht gebannt, richtete sich vielmehr in noch häßlicherer Gestalt auf und drang auch in Kreise ein, die bis dahin ihm unzugänglich schienen. Das Rabbinertum, auf die praktische und dialektische Auslegung des Talmuds angewiesen, hatte bisher der Kabbala keinen ebenbürtigen Zutritt eingeräumt, nur hier und da wie verstohlen etwas von ihr angenommen. Der sabbatianischen Ketzerei hatten sich die Rabbinen zuletzt entgegengestemmt und sie verwünscht. Aber ein tonangebender Rabbiner ließ sich mit ihr ein, legte ihre Wichtigkeit bei und beschwor solchergestalt einen Kampf herauf, wodurch Zucht und Ordnung aufgelöst, der Sinn für Anstand und Selbstachtung, für Wahrheit und Recht noch mehr abgestumpft wurden, und die Besonnenen selbst allen Halt verloren haben. Scheinbar war die Veranlassung zu diesem Kampfe die Eifersüchtelei zweier Rabbinen aufeinander. Aber der Grund lag tiefer in der verkehrten Richtung der Köpfe und in dem dunkeln Unbehagen einerseits an dem Übermaß der rituellen Gebundenheit und anderseits an den Ausschweifungen der Kabbala. Die Urheber dieser tiefgehenden Zwietracht, zwei polnische Rabbiner in Altona, hatten, ein jeder nach einer andern Richtung, ohne es selbst zu ahnen, einen Fuß über die Schwelle gesetzt, welche aus dem Kreise des Hergebrachten hinausführte. Diese beiden, grundverschieden an Fähigkeiten und Charakteranlagen, waren geschaffen, einander abzustoßen. Beide, Jonathan Eibeschütz und Jakob Emden, waren bereits an den vorangegangenen Kämpfen einigermaßen beteiligt und haben ihnen. zuletzt eine ausgedehntere Tragweite gegeben.

Jonathan Eibeschütz oder Eibeschützer (geb. in Krakau 1690 st. 1764)22 stammte aus einer polnischen Kabbalistenfamilie. Sein Vater Nathan Nata war kurze Zeit Rabbiner in einem mährischen Städtchen Eibenschitz, von dem der Sohn seinen Beinamen erhielt. Mit einem außergewöhnlich scharfsinnigen,[354] haarscharfen Verstand und einem glänzenden Gedächtnisse begabt, fiel der junge Jonathan, früh verwaist, der regellosen Erziehung oder vielmehr der Verwilderung der Zeit anheim, die ihm nur zwei Stoffe für seine Gehirnarbeit zuführte, das weitausgedehnte Gebiet des Talmuds mit seinen labyrinthischen Irrgängen und die berückende Kabbala mit ihren klippenreichen Untiefen. Das eine bot seinem nüchternen Verstande und das andere seiner ungeregelten Phantasiereiche Nahrung. Mit seiner haarspaltenden Urteilskraft hätte er einen gewandten rabulistischen Sachwalter abgeben können, der imstande gewesen wäre, die Rechtfertigung der schlechtesten Sache glänzend und überwältigend durchzuführen; oder er hätte auch, wenn ihm die höhere Mathematik Leibniz' und Newtons zugänglich gewesen wäre, auf diesem Felde erfinderisch manches leisten können. Eibeschütz hatte einige Neigung für Wissensfächer außerhalb des Talmuds und auch eine gewisse Eitelkeit davon zu kosten. Aber er konnte sie nicht befriedigen; die verkehrte Richtung der polnischen und deutschen Juden verschloß damals noch jedem strebsamen Jüngling die Pforten zum Tempel der auf Wahrheit und scharfer Beobachtung beruhenden Wissenschaften und drängte ihn in die verschlungenen Wege der rabbinisch-talmudischen Literatur. Aus Mangel an gesunder Nahrung für seinen geschäftigen Geist nahm der junge Eibeschütz schädliche Elemente in seinen Kopf auf, und aus Mangel an regelnder Methode geriet er in Klügelei. Er glaubte zwar, oder wollte glauben machen, daß er im Besitze aller Weisheit wäre23, aber seine außertalmudischen Schriften, soweit sie [355] sich übersehen lassen, seine Predigten, kabbalistischen Auseinandersetzungen und seine der Aufwallung entströmten Gelegenheitsschriften verraten nichts von dem, was man Weisheit oder gediegenes Wissen nennt. Nicht einmal mit den jüdischen Philosophen in hebräischer Sprache war Eibeschütz vertraut, heimisch war er nur im Talmud. Diesen verstand er auch wie einen weichen Teig zu behandeln, jedes Beliebige daraus zu gestalten, jede Dunkelheit und jeden Widerspruch herauszufinden, das Entfernteste zu verknüpfen und zusammenzureimen, einen vielfach verschlungenen Knäuel zu entwirren. Er überflügelte alle seine Zeitgenossen und Vorgänger nicht nur an Kenntnis der talmudischen Literatur, sondern auch an Schlagfertigkeit.

Aber Eibeschütz fand nicht vollständiges Genüge in dieser Gelehrsamkeit; sie diente ihm nur dazu, seinen Witz daran zu schärfen, ein unterhaltendes Geistesspiel damit zu treiben, gewissermaßen damit zu glänzen. Sein unruhiges Wesen und sein feuriges Temperament waren nicht davon befriedigt; er strebte über dieses Ziel hinaus. Aber dieses Ziel war ihm selbst unbekannt oder schwebte ihm nur dämmerhaft vor. Darum erscheint sein Leben und Treiben rätselhaft und mit Widersprüchen behaftet. Lebte Eibeschütz in der Zeit des Ringens nach Reform, nach Lösung der Autoritätsfesseln, so wäre er unter Umständen ein Stürmer geworden und hätte seine talmudische Gelehrsamkeit und seinen schlagfertigen Witz als Hebel gebraucht, um das Gebäude des rabbinischen Judentums zu erschüttern und mit den Waffen des Talmuds den Talmud zu bekämpfen. Denn er war leichtlebig, liebte nicht die düstere Überfrömmigkeit der deutschen und polnischen Juden, fühlte sich ein wenig davon beengt24, er hatte aber [356] nicht den nötigen Ernst, diesem Zuge nachzugeben. Zum Nachdenken über die Berechtigung dieser oder jener Satzung oder des ganzen Gebäudes, wie Leon Modena, kam Eibe schütz nicht; dazu war er zu wenig gebildet und zu unselbständig in seinem Denken. Darum fand er an der Mystik, wie sie Sabbataïs Nachfolger auslegten, viel Behagen; das Gesetz sei durch den Eintritt der messianischen Zeit aufgehoben oder könne unter Umständen aufgehoben werden, oder der in der Kabbala webende Geist brauche sich nicht Gewissensbisse zu machen, dieses und jenes gering zu achten. Nehemia Chajon scheint auf den jungen Eibeschütz bei seiner Anwesenheit in Prag oder Hamburg einen tiefen Eindruck gemacht zu haben. Mit dem Sabbatianer Löbele Proßnitz stand Eibeschütz in lebhaftem, wenn auch heimlichem Verkehr. In Abraham Michael Cardosos Schriften vertiefte er sich, obwohl sie öffentlich verketzert und gebrandmarkt worden waren. Den lästerlichen Hauptgedanken dieser und anderer Sabbatianer hat Eibeschütz in sich aufgenommen, daß der höchste Gott, die erste Ursache, mit dem Weltall in keinerlei Verbindung stehe, sondern eine zweite Person in der Gottheit, der Gott Israels genannt, das Abbild derselben, die Welt erschaffen, das Gesetz gegeben, Israel erwählt, kurz sich mit dem Endlichen befaßt habe25. Er scheint aber auch den Konsequenzen dieser ketzerischen Theorien gehuldigt zu haben, daß Sabbataï Zewi der wahre Messias gewesen sei, die zweite Person der Gottheit in sich verkörpert habe, und daß durch dessen Erscheinen die Bedeutung der Thora aufgehört habe.

Eibeschütz hatte aber keinen so festen Charakter und keine so entschiedene Gesinnung, um sein inneres Denken mit seinem Tun in Einklang zu setzen. Mit dem rabbinischen Judentum offen zu brechen, sich als ein Kontratalmudist, wie mehrere polnische Sabbatianer es getan haben, mit der Gesamtjudenheit zu überwerfen, das lag nicht in seinem Wesen. Er war zu praktisch klug und zu bequem, um sich den Unannehmlichkeiten eines solchen Bruches auszusetzen. Sollte er gleich Chajon wie ein Gehetzter von Asien nach Europa hin und zurück abenteuern? Auch liebte er den Talmud und die rabbinische Literatur als Nahrung für seinen Witz, er konnte sie nicht missen. Der Widerspruch in seinem Leben und die Wirren, die Eibeschütz veranlaßt hat, sind auf diesen Mißklang zwischen seinem Kopfe und seinem Temperamente [357] zurückzuführen. Das rabbinische Judentum war ihm nicht recht bequem; aber die Quellen, aus denen es floß, waren ihm unentbehrlich; er hätte sie geschaffen, wären sie nicht vorhanden gewesen. In diesen Widerspruch eingeengt, täuschte er nicht bloß die Welt, sondern mehr noch sich selbst; es kam nicht zur Klarheit in seinem Innern. Er war ein Heuchler, ohne es zu wollen.

Im einundzwanzigsten Lebensjahre (1711) stand Eibeschütz bereits in Prag einem Lehrhause vor, und eine Schar von Scharfsinn liebenden Talmudjüngern sammelte sich um ihn, hing an seinen Lippen, bewunderte seine anregende, gewissermaßen mit den Schwierigkeiten spielende Lehrweise. David Oppenheim, Oberrabbiner von Böhmen, hatte wegen seiner ausgebreiteten Geldgeschäfte und anderweitiger Tätigkeit keine Muße, sich mit der Ausbildung von Jüngern zu beschäftigen. So wurde Eibeschütz allmählich, wenn auch nicht offiziell, der erste und angesehenste Rabbiner Prags. Seine Zuhörer fesselte und begeisterte er durch sein freundliches, man möchte sagen, studentisches Wesen, durch seinen sprudelnden Witz, seine treffenden Ausfälle, die sich nicht immer in den Schranken des Schicklichen hielten. Er war für sie ganz anders geartet, als die Rabbiner gewöhnlichen Schlages; er schlich nicht finster, büßermäßig und gekrümmt einher und legte auch seinen Jüngern nicht einen solchen Zwang auf; sie durften sich freier bewegen. Geselligkeit, lebhaftes, zündendes Zwiegespräch war ihm ein Bedürfnis. Daher mehrte sich mit jedem Jahre die Zahl von Eibeschützens Zuhörern und belief sich auf Tausende, die ab-und zugingen. Er galt infolgedessen als Dreißigjähriger nicht bloß in Prag, sondern weit und breit als eine so unbestrittene Autorität, daß er über David Oppenheim gestellt wurde oder sich stellte. Eine bittere Gehässigkeit bestand daher zwischen dem fast greisen Landrabbinen von Böhmen und dem jungen Privatrabbinen; dieser soll jenem viel Kränkung zugefügt haben. Es ist bereits erzählt, daß sichere Beweise dem Rabbinate von Frankfurt a.M. von Eibeschützens Verbindung mit Löbele Proßnitz und den podolischen Sabbatianern vorlagen. Nur seine verbreitete Autorität und seine große Jüngerzahl schützten ihn davor, daß der Bannspruch gegen jene nicht auch gegen ihn gekehrt wurde (o. S. 336). Er hatte die Kühnheit, dem Verdachte dadurch zu begegnen, daß er selbst den Bann über die Sabbatianer verhängte (1725). Mose Chagis, der Mann ohne Rücksicht, der Zionswächter jener Zeit, prophezeite damals, daß die Schonung gegen ihn zum Unheil ausschlagen werde. In der Tat war Eibeschütz damals tief in die sabbatianische Irrlehre verstrickt, gestand es auch seinem Jugendlehrer[358] Meïr Eisenstadt, der viel davon wußte, scheinbar beschämt und reuig ein und versprach Besserung. Durch diese Schonung behauptete sich Eibeschütz in seinem Ansehen und erhöhte es noch durch seine Gelehrsamkeit, seine immer mehr zunehmende Jüngerschar und seine Tätigkeit. Der Verdacht der Ketzerei wurde allmählich vergessen, und die Gemeinde von Prag stellte ihn, um sein Verdienst zu belohnen, als Prediger an (1728).

Auch nach einer anderen Seite verließ Eibeschütz die ausgetretene Bahn und stellte sich in ein zweideutiges Licht. Er knüpfte einen stetigen Verkehr mit den Jesuiten in Prag an, sei es aus Eitelkeit oder Berechnung. Er disputierte mit ihnen und kehrte ihnen gegenüber einen gewissen Freisinn heraus, als ob er die Befangenheit der Juden nicht teile. Namentlich ging er mit dem jesuitischen Bischof Hasselbauer in Prag um, jenem Geisteshenker, der öfter Haussuchungen bei den Juden veranlaßte, um auf unzensierte hebräische Bücher zu fahnden und sie zu konfiszieren. Durch diese Bekanntschaft setzte es Eibeschütz durch, daß ihm vom Bischof das Privilegium erteilt wurde, den von der Kirche so oft geächteten Talmud drucken zu dürfen. Ob er es aus Eigennutz getan haben soll, um den böhmischen Juden den Zwang aufzulegen, nur die von ihm gedruckten Talmudexemplare benutzen zu dürfen, und solchergestalt ein gutes Geschäft zu machen, dessen Gewinn er mit den Jesuiten zu teilen versprach? In manchen jüdischen Kreisen behauptete man es mit aller Bestimmtheit. Die Druckerlaubnis erhielt Eibeschütz von der bischöflichen Zensurbehörde, jedoch nur unter der Bedingung, daß jede Redewendung und jedes Wort im Talmud, welche nur einen matten Schein zuließen, daß sie gegen das Christentum gerichtet wären, vollständig ausgemerzt werden sollten. Er selbst gab sich zu dieser Verstümmelungsoperation her (1728 bis 1739). Diese wedelnde Gefügigkeit gegen die Jesuiten erregte den Unwillen mancher Juden. Die Gemeinde von Frankfurt a.M. ließ es sich viel Geld kosten – Mose Chagis und vielleicht auch David Oppenheim steckten dahinter – um den Prager Druck des Talmuds durch den Kaiser verbieten zu lassen26. – Eibeschütz hat übrigens seine Bekanntschaft [359] mit christlichen Kreisen auch benutzt, um drohende Gefahren von der böhmischen Judenheit abzuwenden27.

So ganz und gar vergessen war indessen Eibeschützens frühere ketzerische Haltung doch nicht. Als die Rabbinatsstelle in Metz besetzt werden sollte, bewarb er sich um dieselbe und bat einen seiner Bewunderer, Nehemia Reischer, Enkel des damals (1733) verstorbenen Metzer Rabbiners Jakob Backofen28, ihn warm zu empfehlen. Als der Vorstand mit der Wahl beschäftigt war, erschien die greise verwitwete Rabbinerin in der Sitzung und warnte, ihrem entschlafenen Gatten und anderen frommen Rabbinen, seinen Vorgängern, nicht im Grabe diese Schande anzutun, ihnen einen Ketzer oder noch Schlimmeres (Mumar) zum Nachfolger zu bestimmen. Diese feierliche Warnung einer ehrwürdigen Matrone, die mit Eibeschützens [360] Frau verwandt war, machte einen solchen Eindruck auf den Vorstand, daß seine Wahl fallen gelassen wurde. Berufen wurde damals nach Metz der aus Polen stammende Jakob Joscha Falk (Pene Jehoschua, geb. um 1680, st. 1756)29, seit einigen Jahren Rabbiner der zwar noch immer nicht bedeutenden, aber bereits stolzen Judenheit der Mark Brandenburg, welche die damals aus Salzburg ausgewiesenen Protestanten mit den Christen um die Wette reichlich unterstützte und auf die allgemeine Verwunderung über eine solche Hochherzigkeit von seiten der Juden entgegnete: »Es sind Fremdlinge wie wir, und wir sind Bürger wie ihr«30. Falk blieb indes nur wenige Jahre in Metz und wurde nach Frankfurt a.M. berufen. An seiner Stelle wurde durch Reischers Tätigkeit Eibeschütz diesmal gewählt (1744)31. Ehe er indes die Stelle antrat, entbrannte der österreichische Erbfolgekrieg oder der Kampf zwischen dem jugendlich aufstrebenden Preußen unter Friedrich dem Großen und dem bereits gealterten Österreich unter Maria Theresia. Ein französisches Heer im Bunde mit Preußen und dem Gegenkaiser Karl VII. hielt Prag besetzt. Die systematisch verdummte Bevölkerung in Böhmen und Mähren hegte den Wahn, als ob die Juden es verräterisch mit dem Feinde hielten, vielleicht weil sie bei demselben Schutz gegen Pöbelaufläufe fanden, oder weil sie, auf Schonung wenig rechnend, die ihnen aufgelegten Brandschatzungsgelder rascher zusammenbrachten und ablieferten, oder endlich, weil die streng disziplinierten preußischen Soldaten sie wegen ihres leidlichen Verhaltens milder behandelten. Es hieß, Friedrich der Große, der protestantische Ketzer, sei ein besonderer Gönner der Juden. In Mähren entstanden daher in der Gegend, wohin die Preußen noch nicht gedrungen waren, leidenschaftliche Wutausbrüche gegen die Juden. Ein österreichischer Feldmarschall in Mähren, von demselben Wahn befangen oder ihn heuchelnd, erließ ein hartes Dekret (14. März 1742), daß die wenig zahlreichen Gemeinden innerhalb sechs Tagen 50000 Gulden Rheinisch bar nach Brünn abliefern sollten, »widrigenfalls sie sämtlich geplündert und niedergemacht werden würden«. Durch die aufopfernde Bemühung zweier Männer der Wiener Gemeinde, Baron de Aguilar und des reichen Rabbinen Issachar Berusch Eskeles, hob die [361] Kaiserin Maria Theresia dieses Dekret auf (21. März)32. – Mose Lopez Pereyra, mehr bekannt unter dem Namen Diego de Aguilar (geb. um 1700, st. in London 1765)33, ein Marrane oder von marranischer Abkunft, war über Amsterdam und London nach Wien gekommen, hatte durch Ausnutzung der Tabaksregie dem Staat unter Karl VI. wesentliche Dienste geleistet und war deswegen in den Adelsstand erhoben worden. Eine edle Natur, betrachtete Diego de Aguilar die Sache seiner Religions- und Stammesgenossen als seine eigene. Er hat zuerst den Grund zur portugiesischen oder türkischen Gemeinde in Wien gelegt, aus sefardischen Juden, die aus ungarischen Städten sich in Wien niedergelassen hatten. Er durfte sich heraus nehmen, vor der Kaiserin ein entschiedenes Wort zu sprechen. Der Rabbiner Berusch (st. 1759)34, Stammvater der freiherrlichen Familie Eskeles in Wien, Sohn und Enkel polnischer Rabbinen, hatte ebenfalls wegen seines großen Vermögens, von dem er letztwillig einen großen Teil für Ausbildung von Rabbinen hinterließ, Einfluß auf einige dem Hofe nahestehende Personen. Beide hatten abermals Gelegenheit, einen vernichtenden Schlag von ihren Stammesgenossen abzuwenden.

Jonathan Eibeschütz, zum Rabbiner von Metz erwählt, hatte sich unbesonnen an die in Prag eingezogenen Franzosen angeschmiegt, entweder aus Eitelkeit, oder um sich das lothringisch-französische Rabbinat zu sichern. Er erhielt von dem französischen Kommandanten einen Geleitsbrief, ungefährdet nach Frankreich zu reisen, erregte aber bei der böhmischen Bevölkerung den Verdacht verräterischen Einverständnisses mit dem Feinde. Er war allein abgereist (Frühjahr 1742) und hatte seine Familie zurückgelassen. Nach Abzug der Franzosen (Ende 1742) wurde von der österreichischen Behörde eine Untersuchung[362] über Eibeschützens Verhalten eingeleitet und sein Vermögen, soweit es nicht von den Panduren geplündert war, mit Beschlag belegt. In den Verdacht der Verräterei gegen den Staat wurden später sämtliche böhmische und mährische Juden hineingezogen. Die erzkatholische Kaiserin, welche zugleich gemütreich und hartherzig war, erließ plötzlich ein Dekret (18. Dezember 1744 für Böhmen, 2. Januar 1745 für Mähren), daß sämtliche Juden dieser beiden Kronländer binnen kurzem »aus mehrerlei triftigen Ursachen« ausgewiesen, und wer nach dieser Frist betroffen würde, mit »militärischer Hand ausgeschafft« werden sollte. Mit diesem Dekret wurde auch grausiger Ernst gemacht. Die Prager Juden, mehr als 20630 Seelen, mußten in kurzer Zeit im rauhen Winter die Stadt verlassen und sich in den Dörfern herumplagen; die königlichen Städte hatten aber die Weisung, keinen von ihnen auch nur vorübergehend aufzunehmen. Die Lage der böhmischen und mährischen Juden war traurig. Wohin sollten sie sich wenden? Im achtzehnten Jahrhundert wurden die Juden nicht mehr wie früher ihrer Kapitalien wegen gesucht und aufgenommen. Und solche hatten sie auch nicht; ihre Habseligkeiten waren durch den Krieg größtenteils vernichtet. Eibeschütz gab sich, im Gefühle, daß er einige Schuld an ihrem Unglücke hatte, Mühe, ihnen Erleichterung zu verschaffen Er predigte für sie in Metz, richtete Schreiben an die wenigen kleinen Gemeinden in Südfrankreich, Bayonne und Bordeaux, ihnen Unterstützung zukommen zu lassen, und an die römische Gemeinde, sich für ihre unglücklichen Brüder beim Papste zu verwenden35. Das alles war aber nicht von großer Bedeutung. Wirksamer scheint die Verwendung de Aguilars, Berusch Eskeles' und anderer Wiener Hofjuden beim Hofkreise gewesen zu sein. Auch Geistliche redeten ihnen das Wort, und die Gesandten von Holland36 und England verwendeten sich sehr warm und eindringlich für sie. Die Anschuldigung verräterischen Einverständnisses mit dem Feinde während des Krieges konnte bei einigem guten Willen leicht widerlegt werden. Genug, die Kaiserin nahm ihr strenges Edikt zurück und gestattete den Juden der beiden Kronländer auf unbestimmte Zeit zu bleiben (15. Mai 1745)37. Nur [363] für die Prager Gemeinde, welche am meisten angeschuldigt war, blieb die Strenge fortbestehen. Erst einige Jahre später wurde allen Juden auf Antrag der Stände, »daß durch Abzug derselben dem Lande ein Verlust von vielen Millionen drohte«, der Aufenthalt auf vorläufig zehn Jahre verlängert, aber unter entsittlichenden Bedingungen. Sie sollten eher vermindert als vermehrt werden; ihre Zahl wurde festgesetzt. Nur der älteste Sohn durfte eine Familie bilden, in Böhmen wurden etwa 20000 und in Mähren 5100 Familianten (wie sie genannt wurden) geduldet. Jene mußten jährlich etwa 200000 Gulden an die kaiserliche Kasse liefern. Diese Beschränkungen haben sich fast bis zur Umwälzung von 1848 erhalten. – Jonathan Eibeschütz wurde, ob mit Recht oder Unrecht, als Landesverräter erklärt, und es war ihm untersagt, je den österreichischen Boden zu betreten38.

Wenn er in den ersten Jahren so beliebt in Metz war, daß die Gemeinde nicht zugab, das ihm angetragene Rabbinat von Fürth (1746) anzunehmen, so muß er sich später so mißliebig gemacht haben, daß er während seiner Verlegenheit dort keinen Annehmer, keinen Zeugen seiner Unschuld fand. Wenn er dort auch nur einen kleinen Teil der Gemeinheiten begangen haben sollte, die ihm vorgeworfen wurden39, so muß sein Leben mit seinen Predigten, die er mit der Zeit niederschrieb40, in einem schreienden Widerspruch gestanden haben. Außerordentlich feindselig trat gegen ihn sein Kollege im Rabbinat auf, Nehemia Reischer, Rabbiner von Lothringen, der früher am eifrigsten seine Wahl für Metz betrieben hatte. Man sprach laut davon, daß sich Eibeschütz ihm und einer Waise gegenüber, die Reischer zum Vormunde hatte, eigennützig und betrügerisch benommen habe. Eibeschütz fühlte sich daher in Metz nicht sehr behaglich; ihm fehlte dort überhaupt die lärmende und disputierende Schar junger Bewunderer, ein großer Schauplatz, um seinen Talmudwitz leuchten zu lassen. In Frankreich wurden nicht so viel Talmudjünger aus Polen und Deutschland zugelassen. Seine Mißliebigkeit41 in der Gemeinde zwang ihn ohnehin Metz zu verlassen. Es war daher [364] verzeihlich, daß er sich um das Rabbinat der Drei-Gemeinden (Altona, Hamburg und Wandsbeck) eifrig bewarb. Durch die Bemühungen seiner Verwandten und durch seinen Ruf als der bedeutendste Talmudist und Wundertäter fiel die streitige Wahl auf ihn. Da die Juden dieser Städte noch die eigene Zivilgerichtsbarkeit hatten, welche auf dem rabbinischen Gesetze basierte, so suchten sie einen scharfsinnig juristischen Rabbiner und konnten nach dieser Seite hin keine bessere Wahl treffen.

Aber mit seinem Einzuge in Altona (18. Elul = Anfang September 1750) zog ein böser Geist ein, der nicht bloß diese Drei-Gemeinden, sondern die deutsche und polnische Judenheit zerrüttete. Indessen ist Eibeschütz, wenn auch der Hauptschuldige, doch nicht allein dafür verantwortlich zu machen; die ganze Zeitrichtung war seine Mitschuldige, ganz besonders aber der Privatrabbiner Jakob Emden, der Hauptanreger des Streites. Er wollte die Heuchelei entlarven und hat damit die Blöße seiner jüdischen Zeitgenossen aufgedeckt.

Jakob Emden Aschkenasi (abgekürzt Jabez, geb. 1698, gest. 1776)42 war seinem Vater Chacham Zewi so ähnlich, wie nur ein Schößling seinem Mutterstamme ähneln kann, oder vielmehr, er nahm sich seinen, von ihm übermäßig bewunderten Vater in allem zum Muster. Mit ihm bei der teilweisen Verbannung aus Amsterdam nach Polen geworfen, später in Mähren (Ungarisch-Brod) lebend, hat sich Jakob Emden doch von dem Unwesen der Juden dieser Gegend so ziemlich freigehalten. Er war nicht ganz abgestumpft für das Wahre und Einfache, haßte die in Klügelei ausgeartete rabbinische Gelehrsamkeit, war nicht unempfänglich für allgemeines Wissen; aber die verkehrte religiöse Richtung der Zeit hinderte auch ihn, sich dem ihm angeborenen Trieb nach Forschung hinzugeben. Als echter [365] Sohn des Talmuds glaubte er ganz ernstlich, ein Jude dürfe sich mit anderweitigem Wissen nur in der Dämmerstunde beschäftigen. Zeitunglesen am Sabbat hielt er nicht für erlaubt43. Auch er wurde im Talmud heimisch; da er aber nicht genug Scharfsinn besaß, so behandelte er eigentlich nur die Abfälle desselben mehr nach altjüdisch-deutscher, als nach polnischer Art. Auch die Kabbala und den Sohar schätzte Emden hoch und kannte anfangs ihre gefährlichen Auswüchse gar nicht. Die Philosophie war ihm ein Greuel, obwohl er sie nicht kannte. In seiner Querköpfigkeit behauptete er, das philosophische Buch »Der Führer« könne nicht Maimuni, den rechtgläubigen Rabbinen, zum Verfasser haben44. Von Charakter war er bieder, wahrheitsliebend, gesinnungstüchtig und bildete nach dieser Seite einen scharfen Gegensatz zu Jonathan Eibeschütz. Was Emden für wahr oder falsch erkannt hatte, scheute er sich nicht geradezu auszusprechen, mit Eifer und beißender Schärfe zu verteidigen oder zu verwerfen. Klug etwas verheimlichen, hinter dem Berge halten, heucheln war seine Art nicht. Auch nach einer anderen Seite war er von Eibeschütz verschieden. Dieser war freundlich, schmiegsam, sorglos, leichtlebig, gesellig; Emden dagegen unverträglich, rücksichtslos, ernst, trüb gestimmt, die Einsamkeit liebend. Wohlhabend und von Geschäften lebend, war Emden stets abgeneigt, ein Rabbinat anzunehmen. Er kannte sich, seinen Unabhängigkeitstrieb, seine Eckigkeit und seinen Ungestüm zu gut. Nur einmal hatte er sich bewegen lassen, eine Rabbinerstelle in Emden anzunehmen (davon hatte er seinen Beinamen); aber er gab sie aus Unbehagen und Kränklichkeit nach wenigen Jahren wieder auf, siedelte sich (um 1730) als Privatmann in Altona an, ließ sich vom König von Dänemark das Privilegium zu einer Druckerei erteilen, baute ein Haus mit einer eigenen Synagoge (was ihm ebenfalls willig eingeräumt worden war), bildete mit seiner Familie und wenigen Freunden gewissermaßen eine Gemeinde innerhalb der Gemeinde, besuchte zwar die Börse, lebte aber eingesponnen in seine eigene Traumwelt. Ganz ohne Ehrgeiz war Emden nicht gerade. Er wies mehrere ihm angebotene Rabbinate ab; aber es schmeichelte ihn, gewählt worden zu sein. Er strebte gewissermaßen danach, durch die Ablehnung jeder ehrenvollen Wahl seine Bescheidenheit und Uneigennützigkeit offenkundig zu machen.

Bei der Besetzung des Rabbinats der Drei-Gemeinden stand [366] Emden ebenfalls auf der Wahlliste. Seine wenigen Freunde (viele konnte er vermöge seines eckigen, herben Wesens nicht haben) arbeiteten für ihn und drängten ihn, sich ein wenig darum zu bewerben. Er schlug aber jede Bewerbung aus, erklärte vielmehr entschieden, er werde die auf ihn fallende Wahl nicht annehmen, war aber nichtsdestoweniger empfindlich, als er nur wenig Stimmen hatte, und wurde Eibeschütz gram, weil dieser den Vorzug erhalten hatte. Es hätte ihm wohlgetan, gewählt zu werden, um bescheiden Nein sagen zu können. – Noch eine Eigenheit gehörte zu Emdens Charakterzügen: Ketzerriecherei. – Sein Vater Chacham Zewi hatte so unerschrocken den Schwindler Nehemia Chajon und andere Sabbatianer verfolgt und sich dadurch in peinliche Lagen gebracht. Jakob Emden wünschte nichts sehnlicher, als seinem Vater auch darin gleich zu kommen; er würde das Märtyrertum dafür nicht gescheut haben. Seit Mose Chagis' Rückkehr nach Palästina betrachtete er sich daher als Wächter für die Rechtgläubigkeit unter seinen Glaubensgenossen und als jüdischen Großinquisitor; er hielt den Bannstrahl stets bereit, ihn dahin zu schleudern, wo sich Ketzerei, namentlich sabbatianische, regen sollte. Diese Gelegenheit, sein unbesoldetes Ketzerrichteramt auszuüben, seinen Eifer für die Rechtgläubigkeit zu betätigen und sogar dafür zu leiden, bot ihm Jonathan Eibeschütz.

Man muß es Eibeschütz einräumen, daß er, obwohl seine hochfliegenden Wünsche durch das größte Rabbinat in Deutschland über die Altonaer, Hamburger und Wandsbecker Gemeinde (wozu noch die Mecklenburgische Judenschaft gehörte) vollständig verwirklicht waren, sich fern von Überhebung hielt. Auch gegen Jakob Emden zeigte er eine sehr weitgehende Freundlichkeit und jene Süßigkeit, die man damals die mährische nannte. In seinen ersten Vorträgen auf der Kanzel sprach er von Emden mit großer Lobeserhebung, gab sich Mühe, ihn für sich zu gewinnen und bot ihm seine Hilfe an, den Absatz des von Emden gedruckten, originell sein sollenden, aber komischen Gebetbuches innerhalb der Elbgemeinden gewissermaßen zu erzwingen. Er hatte keine makellose Vergangenheit hinter sich und kannte Emdens zelotischen Charakter und Unverträglichkeit; darum legte er es förmlich darauf an, ihn zu bezaubern, ihn an sich zu fesseln und dadurch unschädlich zu machen. Emden machte aber eine sauersüße Miene zu dieser Zuvorkommenheit und hielt sich von dem neuen Oberrabbiner fern, als ahnte er, daß es über kurz oder lang zu einem Zusammenstoß zwischen ihnen kommen müßte. Er stellte sich nur zu bald ein. Zur Zeit, als Eibeschütz das Rabbinat übernahm, herrschte unter den [367] Juden dieser Gemeinde eine peinliche Aufregung. Es waren innerhalb eines Jahres mehrere (18) junge Frauen in Kindesnöten gestorben. Jede Frau im Zustande der Mutterschaft sah mit zunehmender Angst der herannahenden Stunde entgegen. Mit Sehnsucht wurde daher der neue Rabbiner erwartet, den Würgengel, der sich junge Frauen zu seinem Opfer ausersehen hatte, zu bannen. Galt damals jeder Rabbiner als ein Beschützer gegen allerhand Übel (Megîn), als eine Art Magier, so erwarteten die Hamburger und Altonaer Frauen noch viel mehr von Jonathan Eibeschütz, den seine Bewunderer als den vollkommensten Rabbinen und als Wundertäter ausposaunt hatten. Wie sollte er diesen gespannten Erwartungen entsprechen? Selbst wenn er gesinnungstüchtig gewesen wäre, hätte Eibeschütz zu einer Mystifikation greifen müssen, um sein Ansehen in seinem neuen Amte zu behaupten. Er schrieb daher gleich bei seiner Ankunft Talismane, Geisterbannungszettel (Kameen, Kamioth) für die zitternden Frauen und ließ noch anderen Hokuspokus veranstalten. Solche Amulette hatte er schon früher in Metz, Frankfurt a.M. und anderswohin verteilt. Von der Mainstadt war aber bereits ein Gerücht nach Altona gedrungen, daß seine Talismane ganz anderer Art wären, als sie sonst zu sein pflegten, daß sie einen ketzerischen Anstrich hätten. Aus Neugierde wurde ein vom Oberrabbiner Jonathan Eibeschütz erteiltes Amulett in Altona geöffnet, und was fand man darin? »O Gott Israels, der du in der Zierde deiner Macht wohnst (kabbalistische Anspielung), sende durch das Verdienst deines Knechtes Sabbataï Zewi Heilung für diese Frau, damit dein Name und der Name des Messias Sabbataï Zewi in der Welt geheiligt werde«45. Man weiß nicht, was größer war, Eibeschützens Dummgläubigkeit und Anhänglichkeit an den vom Judentum abgefallenen Schwindler von Smyrna oder seine Frechheit oder sein sorgloser Leichtsinn, sich so bloß zu stellen. Allerdings hatte er die Wörter ein wenig entstellt, gewisse Buchstaben mit anderen vertauscht; aber er mußte doch wissen, daß der Schlüssel zu diesem Rätsel leicht zu finden war. Diese Mystifikation blieb natürlich nicht verschwiegen; die Amulette gelangten in Emdens Hände, dem kein Zweifel blieb, daß Eibeschütz noch immer der sabbataïschen Ketzerei anhing. Aber so sehr er sich auch freuen mochte, Gelegenheit gefunden zu haben, sein Ketzerrichteramt auszuüben, so stutzte er doch anfangs [368] vor den Folgen. Wie sollte er den Kampf mit einem Manne aufnehmen, der einen ausgebreiteten Ruf als der gelehrteste Talmudist, als orthodoxer Rabbiner hatte, dessen zahlreiche Jünger – man sagte mehr als 20000 – bereits Rabbinate, Gemeindeämter und einflußreiche Stellungen einnahmen, an ihm mit Bewunderung hingen, bereit, eine Phalanx um ihn zu bilden? Aber die Sache konnte auch nicht unterdrückt werden, es wurde in der Judengasse und auf der Börse davon gesprochen. Die Vorsteher mußten Eibeschütz darüber befragen, und er machte elende Ausflüchte, gab sich aber Mühe, das Gerede verstummen zu machen. Der Vorstand mußte, ob er Eibeschützens Worten Glauben schenkte oder nicht, die Hand dazu bieten, die Sache tot zu machen. Welche Schande für die geachteten Drei-Gemeinden, welche ein Vierteljahrhundert vorher die Sabbatianer verketzert und verdammt hatten, wenn sie selbst einen sabbatianischen Oberrabbinen gewählt haben sollten?! Jakob Emden, dessen Eifer am meisten zu fürchten war, wurde daher bald durch Schmeicheleien umgarnt, bald durch Drohungen eingeschüchtert, die Sache nicht an die große Glocke zu hängen. Aber gerade die Drohungen gegen ihn haben die Veröffentlichung herbeigeführt. Emden erklärte in seiner Synagoge in feierlicher Weise den Sachverhalt, daß er den Schreiber der Amulette für einen sabbatianischen Ketzer halte, der den Bannfluch verdiene, daß er zwar nicht damit den Oberrabbiner als Verfasser beschuldigen wolle, daß dieser aber verpflichtet sei, sich von dem Verdachte zu reinigen (Donnerstag 9. Schewat = 4. Febr. 1751)46. Diese Erklärung machte in den Drei-Gemeinden Aufsehen, erzeugte eine rasende Erbitterung; sie wurde dahin ausgelegt, als wäre Eibeschütz, der Oberrabbiner, von einem Privatmanne in den Bann getan worden. Der Vorstand und die meisten Gemeindeglieder betrachteten es als eine große Anmaßung, als einen Eingriff in ihre Befugnis. Eibeschützens Freunde und besonders seine Jüngerschaft schürten das Feuer. Der Autoritätsglaube überwucherte bereits so sehr, daß einige Jünger geradezu erklärten, wenn ihr Rabbiner an Sabbataï Zewi glaubte, so würden auch sie [369] diesen Glauben teilen47. Ohne Emden zu einem Verhör zu berufen, dekretierte der Vorstand eigenmächtig tags darauf – wie früher der Amsterdamer Vorstand gegen Chacham Zewi und Chagis – daß niemand bei Strafe des Bannes die Emdensche Privatsynagoge besuchen dürfe, daß diese geschlossen werden, und daß er in seiner Druckerei nichts veröffentlichen solle. Damit war der Kampf ausgebrochen, der zuerst unheilvoll, aber zuletzt doch reinigend gewirkt hat. Jonathan Eibeschütz machte den Vorfall überall bei seinen zahlreichen Freunden und Jüngern, namentlich in Böhmen, Mähren und Polen bekannt, schilderte sich als einen unschuldig Angeklagten und Jakob Emden als einen frechen Menschen, der es gewagt habe, ihn zum Ketzer zu stempeln. Er wurde von einer Lüge zur andern, von Gewalttat zu Gewalttat hingerissen. Nichtsdestoweniger hatte er viele Helfer, die ihm zur Seite standen. Jakob Emden dagegen stand so ziemlich allein. Denn die wenigen, die zu ihm hielten, wagten nicht offen hervorzutreten. Doch gab er noch an demselben Tage seinem Schwager, Rabbiner von Amsterdam, Arje Leb Heschels, ferner Samuel Heilmann, Rabbiner von Metz, und Joscha Falk, Rabbiner von Frankfurt a.M., von denen er voraussetzte, daß sie sämtlich Eibeschütz nicht sehr freundlich gesinnt waren, Kunde von den Vorgängen. Der Amulettenblödsinn erhielt dadurch eine große Tragweite und eine Öffentlichkeit, die nicht mehr zu unterdrücken war. Jeder nur einigermaßen willensfähige Jude nahm für oder wider Partei; die meisten hielten zu Eibeschütz. Viele konnten sich nämlich nicht denken, daß ein so ausgezeichneter Talmudist, der größte seiner Zeit, zu den Sabbatianern gehören sollte. Die Anschuldigung gegen ihn galt daher als eine niedrige Verleumdung des gallsüchtigen, giftigen Emden. Über den Charakter und die Geschichte der Sabbatianer (oder Schäbs, wie man sie nannte) herrschte eine große Unwissenheit; ein Vierteljahrhundert war vorübergegangen, seitdem sie überall in den Bann getan worden waren. Darum war die öffentliche Meinung anfangs Eibeschütz günstig.

Er verstand es auch ganz vortrefflich, sie immer mehr für sich einzunehmen und in Täuschung zu wiegen. Er hielt in der Synagoge einen Vortrag (26. Schewat = 21. Febr.)48 und legte vor der ganzen Gemeinde einen feierlichen Eid ab, daß er keine Spur vom sabbatianischen Glauben hege, »sonst möge Feuer und Schwefel auf ihn [370] vom Himmel herniederfahren.« Er verwünschte noch obendrein diese Sekte mit allerhand Flüchen und belegte seine Gegner, die ihn verleumdeten und solche Wirrnisse veranlaßten, mit dem Banne. Klug deutete er zugleich in diesem Vortrag an, daß eine gegen ihn gerichtete Verfolgung die heimlichen Sabbatianer aufmuntern würde, sich wieder zu regen und sich an ihn anzuklammern. Diese feierliche Erklärung machte einen tiefen Eindruck. Wer sollte noch an der Unschuld eines so hochstehenden Rabbiners zweifeln, wenn er Gott zum Zeugen derselben angerufen hatte? Der Vorstand der Drei-Gemeinden glaubte in vollem Rechte zu sein, wenn er Emden, dem angeblich gemeinen Verleumder, den er für einen Ausbund aller Schlechtigkeit hielt, die Weisung zukommen ließ, Altona zu verlassen. Da dieser nicht darauf eingehen mochte und sich auf das königliche Privilegium berief, vereinsamte, schikanierte und verfolgte man ihn rücksichtslos. Dieses Verfahren reizte Emden nur zu noch größerem Eifer. Inzwischen liefen Schreiben von Metz mit anderen Amuletten ein (Adar 1751), die Eibeschütz dort ausgeteilt und deren Echtheit er selbst anerkannt hatte, welche sonnenklar bekundeten, daß er tatsächlich Sabbataï Zewi als Messias und Heiland verehrt habe. Die Rabbiner Samuel Heilmann (aus Krotoschin, nach Eibeschütz in Metz gewählt) und Nehemia Reischer waren schon früher auf Eibeschützens Amulette aufmerksam gemacht worden, und sie beeilten sich sofort in Altona Kenntnis davon zu geben. Die Metzer Amulette lauteten in der Hauptsache übereinstimmend: »Im Namen des Gottes Israels. ... des Gottes seines Gesalbten Sabbataï Zewi, durch dessen Wunde uns Heilung geworden, der mit dem Hauche seines Mundes den Bösen tötet, beschwöre ich alle Geister und Dämonen, den Träger dieses Amulettes nicht zu schädigen.« Über diese Metzer Talismane war vom Rabbinate und Vorstande ein Verhör aufgenommen worden – alle, welche im Besitze derselben waren, wurden bei Strafe des Bannes aufgefordert, sie auszuliefern. Ein königlicher Prokurator bestätigte ihre Echtheit, d.h. daß sie nach der eidlichen Aussage der Zeugen von Eibeschütz herrührten. Er fand in Metz nicht einen einzigen Ehrenretter von Belang. Heilmann und Reischer teilten noch dazu alle die leichtsinnigen und schlechten Streiche mit, welche sich Eibeschütz während seiner Rabbinatsverwaltung in Metz hätte zu Schulden kommen lassen. Sie drangen in Jakob Emden, nicht zu rasten, bis dieser Heuchler und Meineidige vollends entlarvt wäre. Es war eine kleine Genugtuung für Jakob Emden zu wissen, daß er in seinem Kampfe nicht allein stand. Aber viel nützte ihm dieser Beitritt nicht. Heilmanns und Reischers [371] Bundesgenossenschaft war von geringem Belange, weil ihre Stimmen nicht besonders zählten und sie als persönliche Feinde von Eibeschütz galten. Der Rabbiner der Deutsch-Amsterdamer Gemeinde, Arje Leb Heschels, Emdens Schwager, war ihm auch nicht von besonderem Nutzen. Anfangs warnte ihn dieser, da er seine zelotische Kampflust kannte, sich in Streitigkeiten einzulassen. Später gab er ihm zwar Recht und unterstützte seine Sache kräftig; aber seine Vetterschaft schadete mehr, als sie nützte. Alle Augen waren daher auf Falk, Rabbiner von Frankfurt a.M. gerichtet, der Jonathan an talmudischem Wissen so ziemlich ebenbürtig war. An ihn hatten sich beide Parteien gewendet, Emden mit seiner Anklage und Eibeschütz samt dem Vorstand der Drei-Gemeinden mit seiner Gegenklage. Dieser Rabbiner war aber darum nicht gut auf Eibeschütz zu sprechen, weil er sich von ihm in seiner talmudischen Gelehrsamkeit verletzt glaubte. Er nahm daher gegen ihn Partei; aber er war vorsichtig und wollte anfangs dem Streit nicht eine große Tragweite geben. Ohnehin war er durch Zwistigkeiten in Frankfurt gelähmt; es gab auch in dieser Gemeinde zwei Parteien, von denen die eine ihrem Rabbiner gründlich zusetzte. Von einem schlauen Parteigänger Eibeschützens in Frankfurt (Jochanan Pinczow) geschmeichelt, scheint Falk mehr gewünscht zu haben, seinen rabbinischen Nebenbuhler gedemütigt zu sehen, als ihn öffentlich zu brandmarken.

Eibeschütz triumphierte. Emdens so energisch eingeleitete Verfolgung gegen ihn, von der er das Schlimmste zu fürchten Grund hatte, lief ohne Schädigung für ihn ab. Die Mitglieder der Drei-Gemeinden hielten, bis auf einen kleinen Bruchteil, fest zu ihm und machten seine Sache zu der ihrigen. Es wurde jedermann verboten, ein ehrenrühriges Wort gegen den Oberrabbiner zu sprechen. Auswärts hatten seine Feinde wohl die Köpfe zusammengesteckt – er hatte von allem Kunde, was gegen ihn geplant wurde – aber sie hatten keinen festen Plan; Falk zog geflissentlich die Sache in die Länge, und noch dazu galt ihre Gegnerschaft als persönliche Feindschaft. Dagegen waren seine Jünger zu Tausenden außerordentlich eifrig für ihn tätig. Einer derselben, Chajim in Lublin – dem sein Vater Abraham Chajim das Rabbinat gekauft hatte – von einigen Gesinnungsgenossen unterstützt, hatte den Mut unter Vergötterung Eibeschützens und Verlästerung seiner Gegner, in der Synagoge drei derselben, Jakob Emden, Nehemia Reischer und einen Vorsteher von Metz Mose May in den Bann zu tun (29. Nißan = 24. April 1751), weil sie es gewagt, »den vollkommensten Menschen, [372] Jonathan, dessen Gott sich rühmt,« zu verleumden49. Diese Bannbulle wurde in ganz Polen zur Nachachtung und Nachahmung verbreitet. Die übrigen polnischen Rabbiner waren entweder als Eibeschützens Anhänger damit einverstanden oder durch Geld bestochen oder gleichgültig in der Sache. Über Königsberg und Breslau wurden nämlich große Summen nach Polen befördert, um Eibeschützens Sache unter den dortigen Rabbinern beliebt zu machen50. Es blieb aber nicht bei Bann und Flüchen. In Altona kam es (25. Ijar = 21. Mai) in der Synagoge zu einem Krawall. Einige freche Jünger Eibeschützens wollten einen ihrem Abgott mißliebigen Vorbeter vom Pulte gewaltsam fortreißen. Es entstand eine Schlägerei, die Polizei mußte herbeigeholt werden. Infolgedessen hielt Jakob Emden sein Leben unter der wütenden Rotte der Eibeschützer für gefährdet, entfloh tags darauf nach Amsterdam und wurde dort freundlich aufgenommen. So hatte der heftigste Gegner den Platz räumen müssen. Emdens Frau wurde vom Vorstand bedeutet, nichts vom Vermögen ihres Mannes zu veräußern, da eine Injurienklage gegen ihn anhängig gemacht werden würde51.

Indessen war Eibeschütz llug genug einzusehen, daß der Aufenthalt seines eifervollen Gegners in Amsterdam ihm gefährlich werden könnte, da er dort Spielraum hatte, mit seiner spitzigen Feder durch die Presse Eibeschützens Vergangenheit aufzudecken. Um ihm zu begegnen, erließ Eibeschütz an seine Jünger in Deutschland, Polen und Italien ein Rundschreiben (Brief des Eifers 3. Siwan 1751)52, worin er unter dem Scheine einer Ermahnung Zeugnis für seine Rechtgläubigkeit abzulegen, sie aufforderte, seine Sache zu der ihrigen zu machen. Er fanatisierte sie, seine Gegner mit aller Tatkraft und mit allen Mitteln zu verfolgen, das werde ihnen als besonderes Verdienst bei Gott angerechnet werden. Es war so ziemlich die Aufforderung eines bewunderten Feldherren an Tausende von Landsknechten. [373] über Wehrlose herzufallen und sie ohne Schonung zu mißhandeln. Am meisten verbreitet waren die Eibeschützer in Mähren, und seine Jünger in diesem Lande säumten nicht, auf den Wink ihres Meisters sich zusammenzutun, ihn als das lauterste, sündenfreieste Wesen zu verherrlichen, den Bann auszusprechen über alle diejenigen, welche etwas gegen ihn schreiben, das Geschriebene drucken, das Gedruckte lesen, verbreiten oder im Hause behalten sollten. Voran gingen die beiden großen Gemeinden Nikolsburg und Proßnitz, und jede noch so kleine mährische Gemeinde und jeder Winkelrabbiner folgte nach und stieß in das Horn des Fluches zu Eibeschützens Ehren. Auch einige ungarische und polnische Gemeinden (Preßburg, Krakau) mit eibeschützischen Rabbinen folgten diesem Beispiele. Um die Täuschung zu vollenden, ließ sich Eibeschütz von zwei, der Mystik im höchsten Grade, der Wahrhaftigkeit aber nur im geringsten Maße ergebenen Männern, Elia Olianow und Samuel Essingen, bezeugen, daß seine Amulette nichts Verfängliches und Ketzerisches, vielmehr tiefe orthodoxe Mystik enthielten, die aber nicht jedermann zugänglich sei. Es waren zwei käufliche Menschen, die für Geld alles Gewünschte bezeugten. Olianow war ein Abenteurer, der sich durch Europa und Asien durchgebettelt hat, ein Anhänger Mose Chajim Luzzattos (o. S. 353). Samuel Essingen hatte Samuel Heilmann gegenüber die angeschuldigten Amulette wunderlich und verdächtig gefunden, nichtsdestoweniger hatte er zu Eibeschützens Gunsten ausgesagt, daß sie harmloser Natur wären53.

Indessen hatte Eibeschütz noch keinen Grund endgültig zu triumphieren. Gerade das Übermaß der Frechheit des kaum flügge gewordenen Rabbinerleins von Lublin, ergraute Rabbiner in den Bann zu tun, rüttelte die Gemeindeführer auf. Ein Schrei der Entrüstung erklang von Lothringen bis Podolien über diese Anmaßung, hinter welcher man nicht mit Unrecht Eibeschützens Einfluß witterte. Drei Rabbiner taten sich endlich zusammen, Joschua Falk, Löb Heschels und Samuel Heilmann. Andere schlossen sich an. Der erstere forderte Eibeschütz auf, sich über die ihm zugeschriebenen Amulette, die unzweifelhaft ketzerisch lauteten, vor mehreren Rabbinen zu rechtfertigen. Wie zu erwarten war, wich Eibeschütz jeder Rechtfertigung aus, und so berieten die Verbündeten, welche Schritte ferner [374] gegen ihn einzuschlagen seien. Der Skandal wurde immer größer. Die Zeitungen berichteten über den Streit der Juden wegen des Rabbiners von Altona. Die Tragweite verstand das christliche Publikum natürlich nicht. Es hieß, es sei unter den Juden ein heftiger Streit ausgebrochen, ob der Messias bereits erschienen sei oder nicht. Die Juden wurden verhöhnt, daß sie an den Betrüger Sabbataï Zewi lieber als an Jesus glauben wollten. Das wirkte auf die Judenheit zurück, die Parteien schoben einander die Schuld dieses Skandals, dieser »Entweihung des Gottesnamens« zu. Ein tatkräftiger Mann, Baruch Jawan aus Polen, verpflanzte die Zerklüftung auch nach diesem Lande. Er war ein Jünger Falks, Faktor bei dem berüchtigten sächsischen Minister Brühl und genoß ein gewisses Ansehen in Polen. Durch seine Machinationen entsetzte ein polnischer Magnat Chajim Lublin seines Amtes als Rabbiner und ließ ihn und seinen Vater ins Gefängnis werfen (Elul = September 1751)54. In Polen nahmen die Streitigkeiten überhaupt einen noch häßlicheren Charakter an, dort spielten Bestechungen, Denunziationen, Gewalttätigkeiten, Verrat eine große Rolle. Überläufer verrieten die Geheimnisse der einen Partei an die andere. Jede Messe, jede Synodalversammlung war ein Kampfplatz gegeneinander wütender Eibeschützer und Falkianer (der Rabbiner von Frankfurt, in Polen sehr bekannt, galt dort als Fahne). Noch toller als auf den polnischen Reichstagen ging es auf den Synoden zu. Je nachdem die eine oder die andere Partei zahlreicher oder von energischeren Parteigängern vertreten war, wurde die schwächere in den Bann getan. Die Eibeschützer waren meistens rühriger. Graf Brühl machte ihnen ebensogut leere Versprechungen seines Schutzes wie ihren Gegnern durch Baruch Jawan55.

In Deutschland ging es natürlich gemessener zu. Das rabbinische Triumvirat erließ eine Entscheidung, daß derjenige, welcher die sabbataischen Amulette geschrieben habe, gebannt und abgesondert von Israels Gemeinschaft sei. Jeder fromme Jude müsse ihn aufs kräftigste verfolgen. Niemand dürfe von ihm Talmud lernen. Auch alle, die einem solchen zur Seite ständen, seien in den Bann eingeschlossen. Eibeschützens Name wurde nicht dabei genannt. Dieser milden Entscheidung traten viele Rabbinen Deutschlands bei, und ebenso diejenigen venetianischen Rabbiner, die Luzzatto gebannt hatten56. Sie wurde [375] Eibeschütz und dem Vorstand der Drei-Gemeinden eingehändigt (Febr. 1752)57 mit dem Bemerken, daß jener sich innerhalb zweier Monate vor einem rabbinischen Schiedsgerichte von dem Verdachte der Urheberschaft der ketzerischen Amulette reinigen sollte, sonst würde sein Name öffentlich gebrandmarkt werden. Dieser Bannspruch sollte von dem Rabbinat von Venedig durch den Druck überallhin nach dem Orient und Afrika verbreitet werden. Eibeschütz wußte aber schlau diesem Schlag zu begegnen. Er wußte den Venetianern beizubringen, daß er, weit entfernt, ein Sabbatianer zu sein, diese Sekte, welche sich in Polen wieder zu regen begann, mit aller Kraft zu verfolgen unternommen habe. Die italienischen Rabbiner scheuten es überhaupt, sich in diesem hitzigen Streit die Finger zu verbrennen, und wichen jeder ernsten Beteiligung aus. Das Rabbinat von Livorno und namentlich Maleachi Kohen, der letzte der rabbinischen Autoritäten Italiens, neigten sich mehr noch auf Eibeschützens Seite58. Die Portugiesen in Amsterdam und London hielten sich geflissentlich von diesem häßlichen häuslichen Zwist der Deutschen und Polen untereinander fern59. Nur ein Amsterdamer Geldmann, David Pinto, nahm für Eibeschütz Partei und bedrohte Emden mit seinem Zorn, wenn er in seiner Anfeindung fortfahren sollte60. Das Konstantinopler Rabbinat, geblendet von Eibeschützens klangvollem Namen oder sonst wie getäuscht, nahm entschieden Partei für ihn, mochte aber nicht geradezu den Bann über seine Gegner aussprechen. Was dieses unterließ, das tat ein sogenannter Jerusalemer Sendbote, Abraham Israel, ein anmaßender Bettler, er verfluchte und verwünschte, gewissermaßen als Vertreter des heiligen Landes und Gesamtisraels alle diejenigen, die auch nur ein ehrenrühriges Wort über Eibeschütz äußern würden61. So war denn so ziemlich ganz Israel in den Bann getan, von der einen [376] Seite diejenigen, welche den hochangesehenen Oberrabbiner der Drei-Gemeinden anfeindeten, und von der andern jene, welche den Ketzer unterstützt haben. Damit hörte die Wirkung des Bannes überhaupt auf, oder vielmehr er wurde lächerlich und ein Stück rabbinisches Judentum fiel damit zu Boden62.

Eine neue Wendung nahm dieser widrige Streit, als er von dem Herde der Entstehung vor das Forum der christlichen Behörden verpflanzt wurde. Daran hatte der Fanatismus der Eibeschützer mehr als der ihrer Gegner Schuld. Einer der Altonaer Vorsteher (Mardochaï Heckscher), der bis dahin treu zu den Verfolgern gehalten, hatte sich aber in einem Briefe an seinen Bruder zweifelnd an der Gerechtigkeit der Sache geäußert, zumal kein einziger der rein deutschen Rabbinen Eibeschütz zur Seite stünde. Dieser Brief wurde von den Eibeschützern erbrochen, und der Schreiber als Verräter angesehen, aus dem Vorstande gestoßen, mißhandelt und mit Ausweisung aus Altona bedroht. Es blieb ihm nichts übrig, als sich an die holsteinischen Behörden, d.h. an den König von Dänemark Friedrich V. zu wenden und alle Gesetzwidrigkeiten, Gemeinheiten und Gewalttätigkeiten, welche sich Ei beschütz und sein Anhang hatten zuschulden kommen lassen – wovon Heckscher die beste Kunde hatte – schonungslos aufzudecken. Dabei kam auch das ungerechte Verfahren des Gemeindevorstandes gegen Jakob Emden und seine Frau zur Sprache. Eine beglaubigte Abschrift der verdächtigten Amulette in deutscher Übersetzung wurde eingereicht. Der Prozeß wurde mit Leidenschaftlichkeit geführt; beide Parteien scheuten kein Geld. Der gereizte Kläger mit seinem Anhange hielt sich nicht an das Notwendige, sondern stempelte auch angeberisch manches an Eibeschütz zum Anklagepunkt, was harmloser Natur war. Der edle König Friedrich, der Beschützer Klopstocks, welcher Gerechtigkeit liebte, und sein Minister Bernstorff entschieden zum Nachteile der Eibeschützer (30. Juni 1752). Der Altonaer Vorstand wurde wegen ungerechten und harten Verfahrens gegen Jakob Emden scharf getadelt und mit einer Geldbuße von 100 Talern bestraft. Emden wurde gestattet, nicht nur nach Altona zurückzukehren, sondern auch von seiner Synagoge und seiner Druckerei wie früher Gebrauch zu machen63. Eibeschütz wurde die [377] rabbinische Befugnis über die Hamburger Gemeinde entzogen, und von der dänischen Regierung wurde er aufgefordert, sich über die angeschuldigten Amulette zu rechtfertigen und sich über fünfzehn ihm vorgelegte Fragen auszusprechen. Der Verlauf nahm allmählich eine schlechte Wendung für ihn. Selbst ein wohlwollendes Schreiben, das ihm von Polen aus, von einem Parteigänger, zugegangen war, zeigte, wie verzweifelt seine Sache stand. Jecheskel Landau (geb. um 1720, gest. 1793), erweckte bereits in der Jugend die Hoffnung, ein zweiter Jonathan Eibeschütz an rabbinischer Gelehrsamkeit und Scharfsinn zu werden. Sein Wort hatte bereits als Rabbiner von Jampol (Podolien) großes Gewicht gehabt. Landau schrieb in jugendlicher Einfalt geradezu an Eibeschütz, die Amulette, die er zu Gesicht bekommen, seien unzweifelhaft sabbatianisch-ketzerisch. Er könne daher nicht glauben, daß der so gefeierte fromme Rabbiner von Altona solche geschrieben haben sollte; darum sei er eben so sehr dafür, die Zettel zu verdammen, wie Jonathan Eibeschütz hoch zu halten und dessen Gegnern den Krieg zu erklären. Nur möge auch er öffentlich die Amulette als ketzerisch verurteilen und bei Gelegenheit auch die Beschuldigung, als sei er der Verfasser jener Lästerschrift voll unwürdiger Ausdrücke von Gott (o. S. 335), von sich abwälzen und sie Blatt für Blatt zu verdammen64. Das war aber für Eibeschütz ein Schlag ins Gesicht von einem Freunde. Er hatte einmal die Amulette als echt anerkannt, nur die Ketzereien sophistisch weggedeutelt. Er war in einer schlimmen Lage. Außerdem hatte ein Anhänger Emdens den Briefwechsel und die Entscheidung seiner Gegner, die Eibeschützens ganzes Tun und Lassen brandmarkten, samt den Amuletten in ihrer richtigen Deutung durch den Druck veröffentlicht (Sprache der Wahrheit65, um August 1752 gedruckt). Emden selbst ließ in Amsterdam die Geschichte des Schwindelmessias Sabbataï Zewi und seiner phantastischen und betrügerischen Nachfolger bis Chajon und Luzzatto drucken und führte das Unwesen und die Wirrnisse der Sabbatianer lebhaft vor die Augen des damaligen Geschlechtes, welches, unbekümmert um geschichtliche Vorgänge, keine oder nur geringe, jedenfalls nur verworrene Kunde davon hatte. Dadurch wurde vielen klar gemacht, daß die sabbataïsche Ketzerei nichts weniger bezweckte, als den Gott [378] Israels durch ein Hirngespinst zu entthronen und das Judentum vermittelst des kabbalistischen Wahnes aufzulösen. Wiewohl Emden in dieser Schrift sich weniger mit Eibeschütz beschäftigte, so überging er doch nicht manche Spuren, welche, wenigstens in früherer Zeit, dessen Verbindung mit den gesinnungslosen Sabbatianern verrieten. Das Schlimmste für Eibeschütz war noch, daß Emden selbst nach Altona unangefochten zurückkehrte und Aussicht hatte, daß der ihm zugefügte Schaden ersetzt werden würde.

Die schlimme Lage, in der sich Eibeschütz befand, sich von der Behörde und in der öffentlichen Meinung als Ketzer entlarvt zu sehen, bewog ihn zu einem Schritte, den ein Rabbiner alten Schlages mit ehrlicher Frömmigkeit auch in Todesgefahr nie getan haben würde. Er verband sich mit einem abtrünnigen getauften Juden, seinem ehemaligen Jünger, um sich von ihm eine Unterstützung seiner Sache zu verschaffen. Mose Gerson Kohen66 aus Mitau, welcher von mütterlicher Seite von Chajim Vital Calabrese abstammen wollte, hatte sieben Jahre in Prag unter Eibeschütz Talmud getrieben, dann Reisen nach dem Orient gemacht, und, nach Europa zurückgekehrt, in Wolfenbüttel die Taufe als Karl Anton empfangen. Er wurde von seinem Gönner, dem Herzoge von Braunschweig, zum Lektor der hebräischen Sprache in Helmstädt ernannt. Hinterher erwies es sich, daß Karl Anton nur aus schmutzigem Eigennutz zum Christentum übergetreten war.

Zu ihm begab sich der Oberrabbiner der Drei-Gemeinden heimlich, um von ihm eine Schutzschrift, noch mehr eine Lobrede ausarbeiten zu lassen67. Man sieht es ihr noch heute an, daß sie eine bestellte Arbeit war, und es kam auch an den Tag, daß Eibeschütz sie Karl Anton in die Feder diktiert hat. Er wird darin außerordentlich gehoben, als der vernünftigste und aufrichtigste Jude seiner Zeit, als Kenner der Philosophie. [379] der Geschichte und Mathematik, und als ein verfolgtes Opferlamm. Jakob Emden dagegen wird als ein Wicht und Neidhart dargestellt. Die Hauptrechtfertigung für Eibeschütz in diesem Machwerk setzt weitläufig auseinander, daß in jener Zeit kein Jude mehr an den falschen Messias Sabbataï glaube und am wenigsten der so gescheite Jonathan. Die Deutung der Amulette beweise nichts gegen ihn, weil man mit dieser Deutungsmethode alles Mögliche herausschrauben könnte, daß vielmehr Eibeschützens Beschwörungszettel ganz harmloser Natur seien. So plump auch diese Beweisführung ist, so war sie doch richtig für die dänische Behörde berechnet, welche weder befähigt, noch aufgelegt war, die Sache tiefer zu untersuchen und überhaupt hinter der scheinbar unparteiischen Schutzschrift eines Christen für einen Rabbinen etwas zu suchen. Karl Anton widmete sie dem Könige von Dänemark und legte ihm die Sache des angeblich unschuldig Verfolgten ans Herz. Sie wirkte, verbunden mit einem andern schlau gewählten Mittel, günstig für Eibeschütz. Er hatte sich nämlich eben so wie hinter einen Täufling, so auch hinter eine Fürstin gesteckt. König Friedrich V. hatte (Sommer 1752) eine braunschweigische Prinzessin, Maria Juliane, in zweiter Ehe geheiratet. Am Braunschweigischen Hofe verkehrte ein jüdischer Faktor, welcher zu Eibeschützens Anhängern zählte. Dieser machte seinen Einfluß mittelbar oder unmittelbar auf die junge dänische Königin geltend, und sie legte ein günstiges Wort für den verketzerten Oberrabbiner ein68. So kam es, daß der Amulettenprozeß vom Hofe aus mit der Bemerkung niedergeschlagen wurde, daß die meisten Rabbinen bis auf einige Streitsüchtige und Böswillige auf Eibeschützens Seite ständen, was für die Gerechtigkeit seiner Sache spreche. Ein königlicher Erlaß, welcher diese Streitigkeit fortzusetzen verbot, wurde in der Altonaer Synagoge (7. Febr. 1735) verlesen. Auf Antrag der Regierung wurde von neuem eine Abstimmung der Gemeinde über Eibeschütz vorgenommen, die günstig für ihn ausfiel. Darauf leistete er dem Könige den Eid der Treue69, und seine Stellung [380] war nun noch mehr befestigt. Seine Klugheit hatte zum zweiten Male den Sieg davon getragen.

Es war aber ein flüchtiger Sieg. Die Zahl seiner Feinde hatte selbst in Altona durch das tiefe Zerwürfnis und die bessere Kenntnis, die sie von seinem Charakter nach und nach erlangten, bedeutend zugenommen. Diese Gegner ließen sich nicht so ohne weiteres durch den Machtspruch des Königs beschwichtigen, und sie wurden noch dazu von dem rabbinischen Triumvirat fanatisiert, ein Gesuch um Revision des Ketzerprozesses gegen Eibeschütz einzulegen und den König besonders zu überzeugen, daß seine Behauptung, hinter ihm ständen die meisten Rabbinen, auf Vorspiegelung beruhe, daß vielmehr nur seine Verwandten und Jünger zu ihm hielten. Die drei Rabbinen und auch der Rabbiner von Hannover stellten an den Vorstand der Altonaer Gemeinde geradezu das Verlangen, daß er Eibeschütz so lange als Gebannten betrachten und ihm jede rabbinische Funktion verbieten solle, bis er Reue über seine Ketzerei gezeigt und Besserung versprochen hätte70. Feindliche Schriften von Emden und anderen schürten noch dazu die Glut der Zwietracht; sie waren in derber, schonungsloser Sprache geschrieben und mit häßlichem Klatsch angefüllt. Um die Gemüter zu beruhigen, bewog der Altonaer Vorstand mit vieler Mühe Eibeschütz, eine behördlich bindende Erklärung abzugeben, daß er sich freiwillig vor einem unparteiischen rabbinischen Schiedsgericht zu rechtfertigen und dessen Schlußurteil zu unterwerfen bereit sei (Anf. 1753). Aber dadurch wurde der Streit nur noch mehr angefacht. Eibeschütz schlug zu seinen Richtern zwei Winkelrabbinen in Lissa und Glogau vor, welche einen dritten hinzuziehen sollten. Er rechnete darauf, daß diese Kleinstädter, aus staunendem Respekt vor seiner Größe und seiner Stellung, seiner Rechtgläubigkeit ein glänzendes Zeugnis ausstellen würden. Aber eben deswegen bestand die Gegenpartei darauf, daß das Schiedsrichteramt Joscha Falk und seinen Genossen übertragen werden sollte. Das reizte Eibeschütz; er verlor die bis dahin behauptete Gemütsruhe und richtete ein gemeines, schmähsüchtiges Schreiben an die Wormser Gemeinde gegen Falk, gewissermaßen eine Aufforderung, ihn für vogelfrei zu erklären. Er hatte aber bald Veranlassung, diese Gemeinheit zu bereuen, und mußte seinen Gegner anflehen, sich freiwillig vom Kollegium des Schiedsgerichtes auszuschließen71. Es war [381] ihm überhaupt darum zu tun, das Zustandekommen eines solchen zu vereiteln; denn er konnte dabei eher verlieren als gewinnen. Daher schob er den Zusammentritt desselben immer weiter hinaus. Bald wollte er sich nur dem Rabbinate von Konstantinopel unterwerfen, bald schlug er dafür die Synode der polnischen Vier-Länder vor, welche im Spätsommer (1753) in Jaroslaw zusammentreten sollte. Auf diese Versammlung von vielen Rabbinern und einflußreichen Personen scheint er viel gerechnet und gehofft zu haben, daß von ihr ein günstiger Spruch für ihn ausgehen würde. Wahrscheinlich hatten seine zahlreichen Jünger in Polen und seine durch allerlei Mittel geworbenen Anhänger die Weisung erhalten, sich massenhaft dabei einzufinden. Er hatte sich nicht verrechnet. Es ging recht tumultuarisch auf dieser Synode zu; die Eibeschütz-Partei erlangte das Übergewicht; und sämtliche Schmähschriften gegen ihn wurden feierlich verbrannt (2. Marcheschwan = 30. Okt. 1753)72. Auch das Krakauer Rabbinat und eine daselbst veranstaltete Zusammenkunft verurteilten später die gegen Eibeschütz gerichteten Schriften zum Scheiterhaufen (Juni – Juli 1754)73. Noch von andern Seiten erhielt er Verstärkung. Darauf gestützt, glaubte er den ihm aufgezwungenen Pakt, sich einem Schiedsgericht zu unterwerfen, einfach loswerden zu können. Er soll diesen Erfolg durch Angeberei beim Hofe durchgesetzt haben, als sei es ein Eingriff in die Majestätsrechte, vom Urteil des Königs an das von Rabbinen zu appellieren. Beide Parteien sind daher von der Behörde mit Geldstrafe belegt worden74. Das machte ihm aber nur noch mehr Feinde. Mehrere seiner warmen Anhänger, ehemalige Vorsteher, sagten sich von ihm los und brandmarkten ihn ihrerseits nicht bloß als Ketzer, sondern als Ränkeschmied75. Diese Gegner klagten von neuem beim König über die seinetwegen eingerissene Zwietracht in der Gemeinde; sie könnten in ihren Prozessen kein unparteiisches Urteil von ihm erhalten, da er sich bei seinem Rechtsspruch von Haß und Leidenschaft leiten ließe76. Auf diese Klage ging der gerechte König ein. Er wollte [382] sich endlich völlige Gewißheit über den Stand der Sache verschaffen, ob Eibeschütz wirklich ein arger Ketzer sei, wie seine Gegner behaupteten, oder eine verfolgte Unschuld, wofür er sich selbst ausgab.

Zu diesem Zwecke forderte der König ein Gutachten über die Amulette von des Hebräischen kundigen christlichen Professoren und Theologen ein (Anf. 1755). Diese Wendung machte Eibeschütz unruhig, er fürchtete, daß die Sache schlimm für ihn ausfallen könnte. Um sich in ein günstiges Licht zu stellen, entschloß er sich zu einem Schritte, den er bis dahin gescheut hatte, durch eine Druckschrift die öffentliche Meinung günstig für sich zu stimmen. Bei dem damaligen Stand der Angelegenheit blieb ihm nichts anderes übrig. Er arbeitete daher eine Schutzschrift für sich aus (Tafel der Zeugnisse, vollendet 18. Tammus = 27. Juni 1755), das erste Erzeugnis seiner Feder. Sie ist sehr geschickt gehalten, wie es von seiner Klugheit zu erwarten war. Er verbreitete über seine Sache eine günstige Beleuchtung. Diese Schutzschrift ist auch sehr gemäßigt und leidenschaftslos gehalten – nur gegen Emden konnte er seinen Unmut nicht bezähmen – sie war auf seine christlichen Richter berechnet. Sie betonte sehr scharf drei Punkte, daß das Zerwürfnis nicht von ihm, sondern von seinen Feinden, besonders von dem ehrgeizigen, neidischen, ihm mißgünstigen Jakob Emden verschuldet worden sei, daß so und so viel Rabbinen und Gemeindevorsteher, deutsche, mährische, böhmische, polnische, italienische und sogar türkische, die Gerechtigkeit seiner Sache anerkannt, sich entschieden für ihn ausgesprochen und seine Gegner verwünscht hätten, und endlich daß die verdächtigen Amulette nicht Ketzereien enthielten, sondern von seinen Feinden verdreht, mißdeutet und zum Teil gefälscht worden wären. Eibeschütz hat aber damit weder seine unparteiischen Zeitgenossen, noch die Nachwelt von seiner Unschuld überzeugen können. Im Gegenteil verraten seine Rechtfertigung und manche von ihm angeführten Zeugnisse geradezu seine Schuld. Ein gesinnungsvoller Rabbiner, der in seiner Jugend bereits eine Art Verehrung genoß und sie auch verdiente, der später berühmt gewordene Elia Wilna (geb. 1720, st. 1787), von Eibeschütz um Teilnahme angegangen, lehnte sie höflich ab77. Emden und sein Jünger (David Gans) verfehlten daher nicht, Gegenschriften zu veröffentlichen, um die schwachen Seiten aufzudecken und die für Eibeschütz günstigen Zeugnisse zu verdächtigen. Nur ließ sich Emden dabei zu sehr von seiner heftigen Natur hinreißen, wütete und keifte nicht bloß [383] gegen den von ihm gebrandmarkten Ketzer und seine Anhänger, sondern auch gegen Unparteiische, welche den Streit beizulegen versucht hatten, namentlich gegen Jecheskel Landau, überschüttete alle gleich mit der Lauge seines Spottes und dem Unrate niedrigen Klatsches. Er hat seinem Feinde dadurch einen großen Dienst geleistet. Man schenkte seinen leidenschaftlichen in Schimpfreden sich ergehenden Worten keinen rechten Glauben. Freilich war Emden vielfach dazu gereizt worden. Er war durch den Streit halb verarmt, und während er an einer Gegenschrift arbeitete, drang eine Rotte Eibeschützer in einer stillen Stunde in sein Haus, um seine Flugschriften aufzusuchen, bedrohte ihn mit dem Tode, zerstörte seine Pressen und konfiszierte einen Teil seiner Schriften (Juli 1755)78.

Eine neue Wendung brachte die Schrift eines Professors und Pastors David Friedrich Megerlin (Auf. 1756)79 scheinbar zu Eibeschütz' Gunsten in dieser Streitsache. Dieser halbnärrische Schwätzer und Proselytenmacher war durch die Aufforderung des dänischen Königs veranlaßt worden, sich darüber auszusprechen, und er glaubte den Schlüssel zu den rätselhaften Eibeschützischen Amuletten gefunden zu haben, die angefochtenen Buchstaben, welche die Gegner auf Sabbataï Zewi deuteten, seien nichts anderes als eine mystische Anspielung auf Jesus Christus. Der Oberrabbiner von Altona und Hamburg sei im Herzen dem christlichen Glauben zugetan, so behauptete Megerlin, er wagte nur nicht aus Furcht vor den Juden offen damit hervorzutreten. Zwar hätten dieser selbst und sein Jünger Karl Anton die Amulette ganz anders, und gar nicht im christlichen Sinne ausgelegt; aber der letztere habe den tiefen Sinn nicht erfaßt, und Eibeschütz habe seine Schutzschrift (o. S. 383) nur für polnische Juden ausgearbeitet, von denen er sich nicht habe ins Herz blicken lassen wollen. In seinem tiefsten Innern sei der Oberrabbiner vollkommen christgläubig. Megerlin forderte infolgedessen den König von Dänemark auf, Eibeschütz gegen die Verfolgungen seitens der Juden zu schützen und ganz besonders ihm zum Schilde gegen Jakob Emdens Verleumdungen zu dienen, der in ihm den Christen haßte und verfolgte, wie es sein Vater mit dem heimlichen Christen Chajon getan habe. In [384] seiner Narrheit ermahnte Megerlin mit ernsten Worten Eibeschütz, die Maske fallen zu lassen, das Rabbinat der Drei-Gemeinden aufzugeben und sich taufen zu lassen. Er richtete auch ein Sendschreiben an die Juden, eine allgemeine Rabbinerversammlung zu veranstalten und dem Christentum die Ehre zu geben80. Hätte Eibeschütz einen Funken Ehrgefühl in seinem Charakter gehabt, so hätte er diese ihm angedichtete Gesinnung, heimlich zum Christentum zu halten, zurückweisen müssen, selbst auf die Gefahr hin, die Gunst des Königs zu verlieren. Aber nicht das Geringste tat er gegen diese ihm aufgebürdete Heuchelei, er zog nur den Nutzen davon. Denn Megerlins Beweisführung, so närrisch sie auch ist, überzeugte den König Friedrich. Er hob die über Eibeschütz schwebende Suspension vom Amte auf und dekretierte, daß die Juden der Altonaer Gemeinde ihm Gehorsam zu leisten hätten. Auch der Hamburger Senat erkannte ihn wieder als Rabbinen der deutschen Gemeinde an. Eibeschütz jubelte. Seine Bewunderer bereiteten ihm einen feierlichen Triumph (Chanuka – Mitte Dez. 1756). Im Rei terkostüm zogen seine Jünger lärmend durch die Straßen bis vor des Rabbiners Haus, bezeugten ihm auf eine mehr die Gegner zu kränken geeignete als geziemende Weise ihre Huldigung und veranstalteten in seinem Hause ein Tanzvergnügen81. Behaglich sah Eibeschütz diesem wüsten Treiben zu, obwohl er nach rabbinischer Praxis die Berührung der Geschlechter beim Tanze hätte anstößig finden müssen. Der sechsjährige Streit, welcher alle häßlichen Leidenschaften unter den Juden von Lothringen bis Podolien und von der Elbe bis zum Po aufgeregt hatte, endete scheinbar mit einem Tanze. Aber in derselben Zeit erlitt Eibeschütz auf einer anderen Seite eine Niederlage; sie brandmarkte ihn in den Augen derer, welche ihm noch das Wort geredet hatten und für ihn eingetreten waren.

Als hätten die Tatsachen seine Behauptung Lügen strafen wollen, die er durch sein Mundstück Karl Anton aufstellen ließ, es gäbe keine Sabbatianer mehr, erhoben solche gerade in derselben Zeit ihr Schlangenhaupt und züngelten mit ihrem giftigen Rachen. Die Saat, welche Chajim Malach in Polen ausgestreut hatte (o. S. 314), war durch die Bannflüche der Rabbinen noch lange nicht unterdrückt. Sie hatten nur die Wirkung, daß die Sabbatianer sich mehr maskierten, sich tot stellten, dabei aber im Stillen ihr Wesen trieben und Anhänger [385] warben. Einige Städte in Podolien und Pakotien waren voll von Talmudisten, die nach sabbatianischer Theorie den Talmud verhöhnten, die Satzungen des Judentums verwarfen und unter der Maske strengfrommer Übungen unkeuschen Wandel trieben. Die Wirrnisse, welche die Eibeschützische Zwistigkeit auch nach Polen verpflanzte, als eine Partei die andere angab und verfolgte, ermutigte die polnischen Sabbatianer sich aus ihrem Versteck hervorzuwagen und ihre Maske ein wenig zu lüften. Die Zeit schien ihnen für einen Versuch günstig, die ihnen verhaßten religiösen Riten bei Seite zu werfen und offen als Kontratalmudisten aufzutreten. Doch fehlte es ihnen an einem mutigen Führer, der die Zerstreuten sammeln, ihnen Halt geben und eine Richtung vorzeichnen sollte. Auch dieser Führer fand sich, und mit seinem Auftreten begann eine neue Bewegung von widerwärtigem Charakter, welche die ganze polnische Judenschaft in große Aufregung und Verzweiflung versetzte. Dieser Führer war der berüchtigte Jakob Frank.

Jankiew Lejbowicz (d.h. Jakob Sohn Löbs) aus Galizien (Buczacz oder Korolowka, geb. um 1720, st. 1791)82 war einer der schlimmsten, verschmitztesten und betrügerischsten Menschen des achtzehnten Jahrhunderts, viel schlauer und abenteuerlicher als Chajon, der die Klügsten zu täuschen und seine Betrügereien so gut zu verhüllen wußte, daß viele ihn noch nach seinem Tode als einen trefflichen Mann betrachteten, der wichtige Geheimnisse mit sich herumgetragen und mit ins Grab genommen habe. Er soll der Sohn eines Rabbiners gewesen sein und von Jugend an mehr Neigung für den Dunst der Kabbala als für die verstandesscharfen talmudischen Erörterungen gehabt haben. Betrügen verstand er schon in der Jugend. Er selbst rühmte sich später, wie er seinen Vater beschwindelt habe, um neue Kleider zu bekommen. Lediglich auf äußeren Glanz war sein Sinn früh gerichtet. In seiner Jugend hatte er im Dienste eines jüdischen Herrn Reisen in die Türkei gemacht und war in Salonichi mit den dortigen Sabbatianern oder jüdischen Moslems, den Donmäh (o. S. 311), in Verbindung getreten. Wenn er auch nicht von ihnen Blendwerke und mystifizierende Wundertäterei gelernt hat, so doch jedenfalls Gleichgültigkeit gegen jede religiöse Form. Er wurde Türke, [386] wie er später Katholik wurde, äußerlich, so lange es seinem Zwecke diente; er wechselte die Religion, wie man ein Kleid wechselt. Von seinem längern Aufenthalte in der Türkei erhielt er den Namen Frank oder Frenk. Obwohl er in der talmudischen Literatur unwissend war, wie er selbst gestand, so war er doch in die soharistische Kabbala eingeweiht, legte sie sich zurecht und hatte ein besonderes Gefallen an der Seelenwanderungslehre, vermöge welcher die aufeinanderfolgenden Messiasse nicht Schwärmer oder Betrüger gewesen wären, sondern die Verkörperung einer und derselben Messiasseele. Der König David, Elia, Jesus, Mohammed, Sabbataï Zewi und seine Nachfolger bis auf Berechja (o. S. 311) seien lediglich eine und dieselbe innerliche Persönlichkeit, die nur verschiedene Leibeshüllen angenommen habe. Warum nicht auch er selbst? Obwohl Jakob Frank oder Lejbowicz das Geld sehr liebte, so betrachtete er es doch nur als eine Unterlage, um sich darauf zu einer Größe zu erheben; er wollte eine glänzende Rolle spielen und sich mit einem mysteriösen Glorienschein umgeben. Und die Umstände waren ihm außerordentlich günstig. Er kam in den Besitz einer sehr schönen Frau aus Nikopolis (Türkei), deren er sich zur Anlockung von Anhängern bedient haben soll. Er sammelte nach und nach ein kleines Gefolge von türkischen und walachischen Juden um sich, die seine lockeren Grundsätze teilten, ihn für ein höheres Wesen, für die jüngste Verkörperung des Messias, hielten. Indessen konnte er sein Unwesen in der Türkei nicht treiben, er wurde verfolgt, selbst Frauen warfen Steine nach ihm.

Frank scheint Kunde von der Spaltung erhalten zu haben, welche infolge der Eibeschützischen Wirren in Polen entstanden, und er glaubte den günstigen Zeitpunkt benutzen zu müssen, um die podolischen Sabbatianer um sich zu sammeln und unter ihnen und durch sie eine Rolle zu spielen. Er kam plötzlich nach Polen (Nov. 1755) und bereiste viele Städte in Podolien und im Lemberger Kreise, Rohatyn, Laskorun, Busk, Nadworna, wo heimliche Sabbatianer wohnten, mit denen er wohl schon früher in Verbindung gestanden haben mochte. Sie fielen gewissermaßen einander in die Arme. Frank brauchte eine Gefolgschaft, und sie suchten einen Führer, und nun fanden sie einen solchen, der noch dazu mit gefülltem Beutel gekommen war und mit seinen Mitteln nicht geizte. Im Nu hatte er die podolischen Sabbatianer gewonnen. Diesen offenbarte sich Frank als Sabbataïs Nachfolger, oder, was dasselbe bedeutet, als wiedergeborene Seele des sabbatianischen Hauptes Berechja. Was diese Offenbarung sagen wollte, war den Kundigen unter ihnen bekannt. Sie verstanden [387] darunter jene zugleich lästerliche und abgeschmackte Theorie von einer Art Dreifaltigkeit, dem heiligen Uralten, dem heiligen König und einer weiblichen Person in der Gottheit. Das Hauptgewicht legte natürlich Frank, wie sein Vorgänger, auf den heiligen König, der eben zugleich Messias und die verkörperte Gottheit sei, und alle Macht auf Erden und im Himmel besitze. Frank ließ sich von seinen Anhängern »der heilige Herr« nennen (bei den Salonicher Sabbatianern von jüdisch-spanischer Abkunft Santo Señor)83. Infolge seiner Teilhaftigkeit an Gott vermöge der Messias alles, auch Wunder zu tun. Frank tat auch Wunder, wie seine Anhänger behaupteten. Ein Licht strahlte über seinem Haupte, er verkündete in Verzückung oder durch Träume die Zukunft und zeigte noch anderes Blendwerk; er behauptete z.B. daß ihm der Prophet Elia erschienen wäre und ein Engel ihn nach Polen geleitet habe. Seine Anhänger, die er in seinem Gefolge mit sich führte, und die er in Polen um sich scharte, glaubten so fest an seine göttliche Natur, daß sie mystische Gebete in der Soharsprache an ihn richteten, mit denselben Formeln, welche die Salonicher Donmäh an Jakob Querido und Berechja zu richten pflegten. Kurz Frank bildete aus den podolischen Sabbatianern eine eigene Sekte, die man mit seinem Namen Frankisten nannte. Es war eine eigentümliche Sekte. Ihr Stifter lehrte seine Adepten, sich Reichtümer selbst auf betrügerischen und krummen Wegen zu erwerben. Betrug sei weiter nichts als ein geschickter Kunstgriff. Ihre Hauptaufgabe ging zunächst dahin, das rabbinische Judentum aufzulösen, den Talmud zu bekämpfen und zu vernichten. Diese Aufgabe erfüllten sie mit einer Leidenschaftlichkeit, die vielleicht in dem Zwange ihren Grund hatte, unter dem sie aus Furcht vor Verfolgung hatten leben müssen. Sie setzten den Sohar dem Talmud und Simon ben Jochaï (dessen angeblichen Verfasser) den Trägern des Talmuds entgegen, als wenn jener diese schon vor alter Zeit bekämpft und sie als Fälscher des Judentums angeklagt hätte. Im Sohar allein, der in der Tat das ganze talmudisch-rabbinische Judentum als eine sehr niedrige Stufe bezeichnete84, sei die wahre Lehre Moses enthalten, was die plumpen Kabbalisten so lange übersehen hätten. Die Frankisten hatten somit das halbverhüllte Geheimnis des Lügenbuches Sohar richtiger erkannt. Sie nannten sich mit Recht eben so gut Sohariten wie Kontratalmudisten. Mit einem gewissen kindischen [388] Trotz taten sie gerade dasjenige, was das rabbinische Judentum streng verpönt, und unterließen dasjenige, was dieses vorschreibt, nicht bloß in rituellen Punkten, sondern auch in betreff der Ehe und der Keuschheitsgesetze. Unter diesen kontratalmudistischen Frankisten befanden sich auch Rabbinen und sogenannte Prediger (Darschanim, Maggidim), Jehuda Löb Krysa, Rabbiner von Nadworna, und der Rabbiner Nachman ben Samuel Levi von Busk. Von besonderem Ansehen unter den polnischen Sabbatianern oder Frankisten war Elisa Schor von Rohatyn, ein bereits bejahrter Mann, der ein Abkömmling von bedeutenden polnischen Rabbinen war. Er, seine Söhne, seine Tochter Chaja (welche den Sohar auswendig gekannt, sich herausfordernd benommen haben soll und als Prophetin galt), seine Enkel und seine Schwiegersöhne, sie alle waren von früher her eingefleischte Sabbatianer und fanden eine besondere Befriedigung darin, die rabbinischen Vorschriften zu verhöhnen.

Indessen hielt Frank in den ersten Monaten nach seiner Rückkehr nach Polen nur geheime Zusammenkünfte mit den podolischen Kontratalmudisten; ein offenes Auftreten war mit Gefahr verbunden. Eines Tages wurde er indes mit etwa zwanzig Anhängern in Laskorun bei einem Konventikel überrascht. Sie hatten sich mit Lejbowicz-Frank während einer Jahrmarktszeit bei einem gesinnungsgenössischen Wirt in einem Wirtshause eingeschlossen und sogar das Eingangstor verrammelt, um ungestört und unbelauscht ihr Wesen zu treiben. Was hatten sie zu verheimlichen? Die Frankisten sagten aus, sie hätten weiter nichts als gewisse Lieder in der Sohar-Sprache gesungen. Ihre Gegner behaupteten aber, sie hätten um ein halbnacktes Frauenzimmer einen orgiastischen Tanz aufgeführt und es geküßt – vielleicht um die Verbindung der männlichen und weiblichen Person in der Gottheit symbolisch darzustellen85. Aber gerade diese Heimlichkeit, mit der sich die Sohariten umgaben, lenkte die Aufmerksamkeit der Juden von Laskorun und der Fremden, welche zum Jahrmarkt anwesend waren, auf sie und bestärkte den Verdacht, den man gegen sie gehegt hatte. Es versammelten sich viele um das Wirtshaus, um einzudringen, andere liefen zur Polizei, um Anzeige zu machen, daß ein Türke sich in Podolien eingeschlichen habe, um die Juden zur mohammedanischen Religion und zur Auswanderung nach der Türkei zu verleiten, und daß diejenigen, welche sich ihm angeschlossen hätten, eine adamitische [389] d.h. unzüchtige Lebensweise führten. Die Polizeischritt sofort ein, ließ die verrammelten Türen einschlagen und hob das frankistische Nest aus. Frank wurde zwar tags darauf als Ausländer entlassen, und begab sich nach dem benachbarten türkischen Gebiete, aber die podolischen Frankisten wurden in Gewahrsam behalten. Der Vorfall machte Aufsehen, wurde vielleicht geflissentlich übertrieben. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von der frechen Verhöhnung der Religion und Sittlichkeit durch die Sabbatianer; Entsetzen ergriff die Frommen. Man muß sich vergegenwärtigen, was diese Verhöhnung des rabbinischen Judentums damals und noch dazu in Polen zu bedeuten hatte, wo die geringfügigsten religiösen Bräuche mit Peinlichkeit beobachtet wurden, und jeder Übertreter derselben als ein gottloser Verbrecher galt. Nun zeigte es sich, daß inmitten der polnischen Überfrömmigkeit eine Anzahl von Personen, noch dazu talmudisch geschulte, das ganze rabbinische Judentum verhöhnte. Die Rabbinen und Vorsteher wendeten sofort die gewöhnlichen Mittel gegen die Übertreter an, Bannflüche und Verfolgung. Auf die verkappten Ketzer wurde Jagd gemacht. Durch große Summen gewonnen, standen die polnischen Behörden den Verfolgern kräftig bei. Diejenigen, welche in schlimmer Lage waren, zeigten Reue und legten offene Geständnisse ihrer Untaten ab, die, mögen sie genau oder übertrieben gewesen sein, ein trauriges Bild von der Gesunkenheit der Juden in Polen geben. Vor dem Rabbinate in Satanow in öffentlicher Sitzung sagten mehrere Männer und Frauen von sich und ihren Genossen aus (13. Siwan = 11. Juni 1756), daß sie sich nicht bloß über die Riten des Judentums hinweggesetzt, sondern Unzucht, Ehebruch, Blutschande und andere Frechheiten getrieben hätten, und das alles nach mystischkabbalistischer Theorie. Etwas Wahres muß an diesen Geständnissen gewesen sein, so unglaublich sie auch klingen; denn Ehefrauen von Frankisten mochten nicht länger mit ihren Männern leben und unterzogen sich lieber den härtesten Strafen, um nicht unzüchtigen Anfechtungen ausgesetzt zu sein. Die Reuigen sagten auch aus, daß Frank seine Anhänger zur Verhöhnung der Keuschheit verführt habe.

Infolge dieser Zeugnisse wurde in Brody (20. Siwan) ein feierlicher Bann mit Auslöschen brennender Kerzen über die geheimen Frankisten ausgesprochen, daß sich niemand mit ihnen verschwägern dürfe, daß ihre Söhne und Töchter als im Ehebruch erzeugte Bastarde zu behandeln seien, und daß auch die nur Verdächtigen nicht zum Rabbinat, zu einem religiösen Amte oder zum Lehrfache zugelassen werden sollten. Jedermann sei verpflichtet, heimliche Sabbatianer anzugeben [390] und zu entlarven. Dieser Bannspruch wurde in mehreren Gemeinden wiederholt und zuletzt von einer großen Synode in Konstantinow am jüdischen Neujahr (25. Sept. 1756) bestätigt. Die Formel wurde gedruckt, verbreitet und sollte jeden Monat in den Synagogen zur Nachachtung verlesen werden. In diesem Bannspruch war ein Punkt von großer Wichtigkeit. Es sollte niemand unter dreißig Jahren sich mit der Kabbala beschäftigen und den Sohar oder eine andere mystische Schrift lesen dürfen. So hatte endlich die Not den Rabbinen die Augen geöffnet, zu erkennen, welche unreine Quelle seit der Lurjanischen Zeit die Säfte des jüdischen Stammes vergiftet hat. Diese Erfahrung war teuer erkauft. Mehr als vier Jahrhunderte waren vergangen, seitdem spanische und provenzalische Rabbinen mit der jungen Kabbala schön getan und die wissenschaftlichen Forschungen innerhalb des Judentums verdammt hatten. Die Verblendeten! Sie hatten geglaubt, das Judentum dadurch zu stützen, daß sie an die Stelle der Weisheit die Torheit setzten. Diese von den Rabbinen gehätschelte Torheit schuf das Lügenbuch Sohar, das sich frech über die heilige Schrift und über den Talmud setzte. Endlich erklärte der kabbalistische Wahn dem rabbinischen Judentum den Krieg auf Tod und Leben. Das war die Frucht der Verblendung. Die Rabbinen in Brody, welche der Jugend die Kabbala entzogen wissen wollten, sahen allerdings nicht die ganze Tiefe des Übels. Sie betrachteten die Ausschreitungen der Frankisten lediglich als Mißbrauch, während sie doch in der Natur der kabbalistischen Theorie lagen. Die Not zeitigte noch eine andere Erkenntnis. Die Mitglieder der Konstantinower Synode wandten sich in ihrer Verlegenheit um Rat an Jakob Emden, welcher seit seiner Fehde mit Eibeschütz als Vertreter der reinen Rechtgläubigkeit, als Säule des Judentums galt. Das war für ihn ein ganz anderer Triumph als der, welchen sein Gegner zur selben Zeit in der Mitte seiner taumelnden Bewunderer feierte (o. S. 385). Die polnischen Juden sahen endlich ein, daß weltliche Kenntnisse und gebildete Beredsamkeit doch nicht so ganz und gar verwerflich seien, daß sie vielmehr dem Judentum Dienste leisten könnten. Sie wünschten, daß ein gebildeter Portugiese nach Polen käme und mit seinem allgemeinen Wissen und seiner Redegewandtheit ihnen vor den polnischen Behörden und Geistlichen zur Unterdrückung der gefährlichen frankistischen Sekte zur Seite stünde86.

[391] Jakob Emden, dem der Notschrei seiner polnischen Brüder zu Herzen ging, kam ebenfalls auf eine richtige Einsicht, welche für die Folgezeit von großer Wichtigkeit war. Die Sabbatianer aller Art beriefen sich, so wie die Kontratalmudisten in Polen, stets auf den Sohar, als auf ein heiliges Grundbuch, die Bibel einer neuen Offenbarung. Mit Belegen aus dem Sohar beschönigten sie alle ihre Lästerlichkeiten und Frechheiten. Wie, wenn nun der Sohar unecht, eine untergeschobene Schrift wäre? Darauf kam Emden. Die widerwärtigen Vorfälle in Polen führten ihn auf diese Untersuchung, und es wurde ihm klar, daß mindestens ein Teil des Sohar die Ausgeburt eines Betrügers sei, und auch das Ganze könne nicht Simon ben Jochaï, die talmudische Autorität, zum Vater haben87. Vor dem frechen Auftreten der Frankisten in Podolien hätte Emden jeden, der an der Echtheit und Heiligkeit des ganzen Sohar zweifelte, als einen verdammungswerten Ketzer gebrandmarkt. Jetzt sprach er selbst diesen ketzerischen Gedanken freimütig, freilich mit vielen Vorbehalten und unter tausend Entschuldigungen aus. Es war eine Neuerung und bildet einen Bruch mit dem Jahrhunderte lang gehegten Wahne.

Auf die Anfrage, ob es gestattet sei, die Frankisten zu verfolgen, antwortete Jakob Emden mit einem entschiedenen Ja. Er hielt sie, wie sie ihm von Polen aus geschildert wurden, für freche Übertreter der heiligsten Gesetze, der Zucht und Keuschheit, welche vermittelst mystischer Spiegelfechterei aus dem Laster eine Tugend machten88. Indessen bedurfte es des Stachels von seiner Seite nicht; wo es in Polen zu verfolgen galt, fehlte es nicht an Lust dazu. Die Frankisten wurden bei den Behörden und Geistlichen als eine neue Sekte angegeben und der katholischen Inquisition überliefert. Der Bischof Nikolaus Dembowski von Kamieniec Podolski, in dessen Sprengel sie auf ihren Abwegen ertappt worden waren, hatte nicht übel Lust, Scheiterhaufen für sie zu errichten. Franks Schlauheit wußte aber das gegen die Seinigen abgedrückte Geschoß von ihnen abzuwenden und auf die Gegner zurückzuschleudern. Von Chocim aus, wohin er sich nach kurzer Haft in Sicherheit gebracht hatte, riet er ihnen zu ihrer Verteidigung zwei Punkte zu betonen, daß sie an eine Dreieinigkeit [392] glaubten, und daß sie den Talmud als eine Schrift voller Irrtümer und Lästerung verwürfen. Da die Frankisten aber anfangs Bedenken getragen haben mögen, stracks mit ihrer Vergangenheit zu brechen, so kam er heimlich in einem polnischen Städtchen mit einigen Anhängern zusammen, wiederholte seine Ratschläge und fügte hinzu, es müßten sich zwanzig oder dreißig von ihnen schnell taufen lassen, um ihrer Behauptung von ihrem Bekenntnis der Dreieinigkeit und der Verwerflichkeit des Talmuds mehr Nachdruck zu geben. Frank war es eine Kleinigkeit die Religion zu wechseln. Die talmudisch gesinnten Juden der Umgegend hatten aber Wind von Franks geheimer Zusammenkunft mit den Seinigen erhalten, rotteten sich zusammen, überfielen sie und führten sie unter Mißhandlungen ins Gefängnis. Dieses Verfahren reizte die Kontratalmudisten zur Rache an ihren Feinden. Die Taufe mochten sie zwar nicht annehmen, aber sie erklärten vor dem Tribunal des Bischofs Dembowski, daß sie beinahe Christen wären, daß sie an eine göttliche Dreieinigkeit glaubten, daß die übrigen Juden, welche diese verwerfen, nicht den rechten Glauben hätten, und daß sie selbst wegen ihres besseren Glaubens von ihnen verfolgt würden. Um ihren Bruch mit dem Judentume recht augenfällig zu machen, oder um sich an ihren Gegnern recht blutig zu rächen, bedienten sie sich erlogener Anschuldigungen als Mittel. Sie behaupteten, daß die Anhänger des Talmuds Blut von Christen gebrauchten, und daß der Talmud den Mord an Christen als religiöse Vorschrift einpräge. Wie leicht war es, diese Anschuldigung zu beweisen! Ein christliches Kind brauchte nur vermißt zu werden. Etwas dergleichen muß damals in Jampol (in Podolien) vorgekommen sein, und sofort wurden die angesehensten Juden dieses podolischen Städtchens in Fesseln geschlagen. Der Bischof Dembowski und sein Kapitel, glücklich einen solchen Fang zu machen, begünstigten die Frankisten infolge ihrer Aussage auf jede Weise, befreiten sie aus den Kerkern, schützten sie vor Verfolgungen, ließen sie in der Diözese Kamieniec sich ansiedeln, gestatteten ihnen nach ihrer Weise zu leben und nährten mit Wohlgefallen deren Haß gegen die talmudischen Juden. Der Bischof schmeichelte sich durch die Frankisten, unter denen mehrere Rabbinen waren, viele polnische Juden zum Katholizismus hinüberziehen zu können. Die neue Sekte trat in das Stadium, aus einer verfolgten eine Verfolgerin zu werden.

Um ihre Gegner zur Verzweiflung zu treiben, stellten die Frankisten (1757) das Gesuch an den Bischof Dembowski, eine Disputation zwischen ihnen und den Talmudisten zu veranstalten, und [393] machten sich anheischig, ihre Glaubenslehre von der Dreieinigkeit aus Schrift und Sohar einerseits und die Verwerflichkeit des Talmuds anderseits zu beweisen. Darauf ging der Bischof sehr gern ein. Zu diesem Zwecke arbeitete einer der frankistischen Rabbinen – vielleicht der alte Elisa Schor aus Rohatyn – (Frank selbst hatte damals Polen verlassen und war nach Nikopolis und Giurgewo zurückgekehrt) ein Glaubensbekenntnis aus, das an Frechheit und Verlogenheit wenig seinesgleichen hat und geschickt darauf angelegt war, zugleich durch die Entwickelung der sabbatianisch-kabbalistischen Lehre den Bischof in die Täuschung zu wiegen, daß diese dem christkatholischen Glauben verwandt sei und ihre Gegner in die Enge zu treiben. Dieses frankistische Glaubensbekenntnis enthielt neun Punkte. Der Glaube, den Gott offenbart habe, enthalte so viele tiefe Geheimnisse, daß er erforscht und ergründet werden müsse, ja, ohne höhere Eingebung gar nicht erkannt werden könne. Eines dieser Geheimnisse sei, daß die Gottheit aus drei einander gleichen Personen bestehe, die zugleich eine Dreiheit und Einheit bildeten. Ein anderes Mysterium sei, daß die Gottheit Menschengestalt annehme, um sich allen sichtbar zu zeigen. Diese Gottmenschen vermittelten für die Menschheit die Erlösung und das Heil, nicht der Messias, der die Juden allein wieder sammeln und nach Jerusalem zurückführen solle; das sei ein Wahnglaube. Jerusalem und der Tempel würden nimmermehr erbaut werden. Zwar lege der Talmud den geoffenbarten Glauben anders aus, aber dieser sei eben grundverderblich und habe seine Anhänger, die Talmudisten, in Irrtum und Unglauben geführt. Der Talmud enthalte überhaupt die abscheulichsten Dinge, daß Juden Christen betrügen und totschlagen dürften, ja müßten. Die richtige und wahre Auslegung der heiligen Schrift biete einzig und allein der Sohar, der eben dem Talmud entgegengesetzt sei. Alle diese Verkehrtheiten belegte die frankistische Bekenntnisschrift mit Stellen aus der Bibel und dem Sohar, und zur Anschwärzung des Talmuds verdrehten sie geflissentlich Aussprüche desselben. Sie wurde in polnischer und hebräischer Sprache gedruckt und verbreitet. Die Szenen sollten sich in Polen wiederholen, welche im Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts in Spanien von dem Papste durch den Täufling Josua Lorqui oder Geronimo da Santa-Fé stattfanden (VIII4, 113 f.), wo ein abgefallener Jude ebenfalls gegen seine Stammesgenossen und den Talmud Gift spie. Aber dort trat ein Laie als Ankläger auf; hier waren es Rabbinen mit Bärten und Kaftan, mit rabbinisch-kabbalistischen Floskeln und mit der ganz widerlichen Erscheinung eines verwahrlosten Wesens, welche aus Rachegefühl die [394] Maske des katholischen Glaubens annahmen, um ihre Feinde desto nachdrücklicher verfolgen zu können. Schmerzlich empfanden die Vertreter der polnischen Gemeinden, die Vier-Länder-Synode, in der verzweifelten Lage den Mangel an Bildung in ihrer Mitte. Sie konnten nicht einen einzigen Mann stellen, welcher imstande gewesen wäre, in gewandter oder nur anhörbarer Sprache die Spiegelfechtereien der Frankisten und die Hohlheit ihres Bekenntnisses aufzudecken. Die stolzen Häupter der Synode benahmen sich daher in ihrer Angst wie die Kinder. Sie waren ratlos, heckten phantastische Pläne aus, wollten an den Papst appellieren, die Portugiesen in Amsterdam und die römische Gemeinde in Aufregung setzen, sie vor den Ränken ihrer rachsüchtigen Feinde zu schützen.

Der Bischof Dembowski, welcher damals auch das Erzbistum Lemberg verwaltete und auf den Vorschlag der Frankisten einging, erließ einen Befehl, daß die Talmudisten Deputierte zu einer Disputation nach Kamieniec entsenden sollten, widrigenfalls er sie in Strafe nehmen und den Talmud, als ein christenfeindliches Buch, verbrennen lassen würde (20. Juni 1757). Vergebens beriefen sich die Juden Polens auf ihre alten Privilegien oder steckten sich hinter Edelleute und spendeten Summen; es half ihnen nichts. Sie mußten die Disputationen beschicken und ihren so verachteten Todfeinden Rede stehen. Es stellten sich aber nur wenige Rabbiner ein, von denen nur noch ein einziger bekannt ist, Beer, Rabbiner von Jaźlowiec, Vertreter der podolischen Gemeinden und Schwager des Baruch Jawan, der eben so tätig gegen die Frankisten, wie gegen die Eibeschützer wirkte. Es waren auch erschienen Mendel (Menahem), Rabbiner von Satanow, welcher das Zeugenverhör gegen die Untaten der Frankisten aufgenommen hatte; ferner Löb, Rabbiner von Miedziboź und Joseph Krzemieniec aus Mohilew. Aber keiner von ihnen hatte einen rechten Plan. Was vermochten auch die Vertreter des Talmuds mit ihrer gründlichen Unwissenheit in weltlichen Dingen und ihrer stotternden Sprache gegen die frechen Anklagen der Frankisten vorzubringen, zumal auch sie den Sohar als heiliges Buch anerkannten, und dieser tatsächlich eine Art Dreieinigkeit aufstellt?89 Was bei der Kamieniecer Disputation vorgefallen sein mag, ist nicht bekannt geworden. Die Talmudisten galten als besiegt und überführt. Der Bischof Dembowski ließ öffentlich bekannt machen (14. Okt. 1757), da die Kontratalmudisten die Hauptpunkte ihres Glaubensbekenntnisses [395] niedergeschrieben und bewiesen hätten, so sei ihnen gestattet, überall mit den talmudischen Juden zu disputieren. Diese sollten jenen 5000 polnische Gulden Schadenersatz leisten und außerdem 154 Goldgulden zur Ausbesserung der Kathedrale von Kamieniec zahlen. Die Talmudexemplare sollten konfisziert, nach Kamieniec gebracht und dort öffentlich durch die Hand des Scharfrichters verbrannt werden. Dembowski durfte nach eigenem Gutdünken die einen begünstigen, die andern verurteilen. Der König August III. von Polen oder vielmehr sein Minister Graf Brühl kümmerte sich wenig um innere Angelegenheiten und noch weniger um die Juden. Sie hatten Sorge genug um politische Vorgänge im Beginn des siebenjährigen Krieges, welcher diesen König aus seinem Erblande Sachsen vertrieben hatte. So durfte Dembowski, welcher damals auch Erzbischof von Lemberg geworden war, in den Städten seiner Bistümer mit Hilfe der Geistlichen, der Polizei und der Frankisten Talmudexemplare und andere rabbinische Schriften aufsuchen und nach Kamieniec zusammenbringen lassen. Zum Hohne wurden die Bücher an Pferdeschweifen geschleift. Nur die Bibel und der Sohar sollten verschont werden, wie zur Zeit der Talmudverfolgung unter den Päpsten Julius III., Paulus IV. und Pius V.90. An tausend zusammengeschleppte Exemplare wurden in Kamieniec in eine große Grube geworfen und durch Henkershand verbrannt. Die Talmudisten vermochten nichts dagegen zu tun, sie konnten nur seufzen, weinen, und einen strengen Fasttag wegen des »Brandes der Thora« veranstalten. Die Kabbala hatte diesmal die Fackeln zum Scheiterhaufen für den Talmud angezündet. Täglich machten Geistliche in Verbindung mit den Kontratalmudisten Überfälle in jüdischen Häusern, um Talmudexemplare zu konfiszieren. Die Verfolgung des Talmuds erstreckte sich auch auf die Städte im Erzbistum Lemberg. Es war eine Drangsalszeit für die Juden Polens, es häuften sich die Angriffe auf das Innerste ihrer Überzeugung, es wiederholte sich die Anschuldigung wegen des Gebrauchs von Christenblut. In dieser Not schüttete der Faktor des Grafen Brühl, Baruch Jawan, sein gepreßtes Herz vor ihm aus, um diesen in Egoismus verhärteten Staatsmann zu rühren und um Hilfe anzuflehen. Der Minister machte ihm schöne Versprechungen und gab ihm einen weitläufigen Weg durch den päpstlichen Nuntius an.

Plötzlich starb der Bischof Dembowski (17. Nov. 1757) eines nicht natürlichen Todes, und dieser Tod führte eine andere Wendung herbei. [396] Die Verfolgungen des Talmuds hörten sogleich auf und kehrten sich gegen die Frankisten. Wodurch dieser Umschwung herbeigeführt wurde, ist nicht ermittelt. Jakob Emden ließ sich allerlei Märchen darüber erzählen und teilte sie sehr weitläufig mit, wie der Bischof in der Todesstunde von den verbrannten Talmudexemplaren, als drohenden Gespenstern, erschreckt und zur Reue wegen seiner Untaten gebracht worden wäre. Tatsache ist es, daß die Frankisten seit der Zeit verfolgt, eingekerkert und für vogelfrei erklärt wurden. Die Bärte wurden ihnen abgeschoren, um sie zu beschimpfen und kenntlich zu machen. Die meisten derselben, die sich nicht mehr in der Diözese Kamieniec behaupten konnten, flohen nach dem benachbarten Bessarabien, in die Gegend von Chocim. Der alte Sabbatianer Elisa Schor von Rohatyn fand bei dieser Verfolgung den Tod. Aber auf türkischem Gebiete fanden die Frankisten noch weniger Ruhe. Ihre Verfolger machten den jüdischen Gemeinden von dem Aufenthalt der Kontratalmudisten in jener Gegend, von ihrer Verworfenheit und Schädlichkeit für das Judentum Anzeige, und diese brauchten nur dem Pascha und dem Kadi anzuzeigen, daß diese äußerlich polnischen Juden nicht unter dem Schutz des Chacham Baschi (Oberrabbiners) von Konstantinopel ständen, um die Türken herauszufordern, über die Ankömmlinge herzufallen und sie vollständig zu berauben und zu mißhandeln. So irrten die Frankisten unstät an der Grenze von Podolien und Bessarabien umher, ratlos und verzweifelt, was aus ihnen werden sollte. Darauf wandten sie sich an den König von Polen und flehten ihn an, das ihnen vom Bischof Dembowski erteilte Privilegium, mit ihrem eigenen Bekenntnis geduldet zu werden, zu bestätigen. August III., der Schwächling und Märtyrer des siebenjährigen Krieges, erteilte hierauf den Befehl (11. Juni 1758), daß die Frankisten unangefochten in ihre Heimat zurückkehren und überall in Polen wohnen dürften. Es waren noch immer einige Hundert, welche sich in der Gegend von Kamieniec niederließen, arme Teufel, die von den Almosen der geheimen Sabbatianer lebten. Doch dieser Befehl erhielt nicht Nachdruck genug, und so wurden die Frankisten immer noch von ihren Gegnern mit Hilfe der Edelleute verfolgt. In ihrer Not schickten sie einige aus ihrer Mitte an Frank, der sie so lange im Stiche gelassen hatte und während der Zeit wieder in der Türkei lebte, ihn angehend, ihnen mit seinen Ratschlägen beizustehen. Widerstreben heuchelnd folgte er ihrem Rufe gern und begab sich wieder nach Podolien (Januar 1759).

Mit seinem Erscheinen begann das alte Intrigenspiel von neuem. [397] Frank wurde seit der Zeit die Seele seiner Anhänger, ohne dessen Befehl oder Wink sie nichts unternahmen. Sie waren auch kopflos geworden. Er sah wohl ein, daß die Erklärung, die Kontra talmudisten glaubten auch an die Dreieinigkeit, allein nicht viel helfen werde, und war bereit, dem Christentum weitere Zugeständnisse zu machen. Auf seinen Rat begaben sich sechs Frankisten, meistens Ausländer, zum Erzbischof Wratislaw Lubienski von Lemberg mit der Erklärung (20. Februar 1759) »im Namen aller«, daß sie sämtlich unter gewissen Bedingungen geneigt wären, sich der Taufe zu unterziehen. Sie brachten in ihrer Bittschrift widerliche, mönchisch-katholische Faseleien vor und schnaubten Rache gegen ihre ehemaligen Glaubensgenossen. Sie wünschten, »daß ihnen ein Feld angewiesen würde, auf dem sie eine entscheidende Schlacht gegen die Feinde der Wahrheit schlagen könnten,« d.h. sie wünschten eine neue Disputation gegen die Talmudisten und machten sich anheischig, zu beweisen, »daß die Talmudisten noch mehr als die Heiden unschuldiges Christenblut vergössen, danach gelüsteten und davon Gebrauch machten.« Lubienski ließ zwar dieses Gesuch der Sohariten drucken, um einerseits den Sieg der Kirche zu verkünden und anderseits die Anhänger dieser Sekte beim Wort zu nehmen, tat aber nichts für sie und dachte auch nicht daran, ein Religionsgespräch einzuleiten. Obwohl sie in ihrer katholischen und kabbalistischen Redeweise angaben, daß sie nach der Taufe, »wie das Reh nach Wasserbächen lechzten,« dachten sie noch gar nicht daran, sich ihr zu unterziehen. Frank, ihr Leiter, dem sie blindlings folgten, hielt es noch nicht an der Zeit, damit vorzugehen. Er wollte durch diesen letzten Schuß günstige Bedingungen erzielen. Diese Bedingungen ließ er durch zwei Deputierte, die sich wenigstens blicken lassen konnten, verkünden, durch Jehuda (Löb) ben Nathan (Noßen) Krysa, ehemaligen Rabbinen von Nadworna, und Salomo Schor, Sohn Elisas von Rohatyn. Beide richteten gleichzeitig eine Bittschrift an den König und den Erzbischof Lubienski, welcher inzwischen Primas des Reiches und Erzbischof von Gnesen geworden war. Darin sprachen sie ihre und Franks Wünsche aus (16. Mai 1759). Sie bestanden vor allem auf einer Diskussion mit ihren Gegnern. Sie führten als Gründe dafür an, daß sie der Welt dadurch zeigen wollten, sie seien nicht aus Not und Armut, sondern aus innerer Überzeugung zum Christentum geführt worden. Sie wollten ferner dadurch ihren heimlichen Genossen Gelegenheit geben, sich ebenfalls offen zum christlichen Glauben zu bekennen, was sie unfehlbar tun würden, wenn ihre gerechte Sache den Sieg davon tragen sollte. Endlich gedachten sie damit ihren verblendeten [398] Gegnern die Augen zu öffnen. Bestimmter verlangten die beiden Deputierten Krysa und Schor, der König möge einen Aufruf ergehen lassen, daß sämtliche Sohariten, die sich aus Furcht vor Verfolgung zu den Talmudisten hielten, sich offen bekennen dürften und auf den königlichen Schutz rechnen könnten. Ferner sollten ihnen ihre Frauen und Kinder, die ihnen entrissen worden (d.h., die sich von ihnen losgesagt hatten und bei Verwandten und Freunden lebten) zurückgegeben werden, damit sie dem Religionsgespräche beiwohnen und davon überzeugt werden könnten. Endlich verlangten sie, daß den Frankisten Wohnplätze in der Gegend von Busk und Gliniany (östlich von Lemberg) angewiesen werden sollten, um von ihrer Hände Werk leben zu können, da »wo die talmudischen Branntweinpächter die Trunkenheit nährten, das Blut der armen Christen aussaugten und mit doppelter Kreide zeichneten.« Auf dieses schlau angelegte und gegen ihre Feinde hämische Gesuch antwortete der König gar nichts und Lubienski ausweichend, »er könnte ihnen nur das ewige Heil versprechen, wenn sie sich taufen lassen wollten; alles übrige werde sich finden.« Er zeigte keinerlei Eifer für die Bekehrung dieser zerlumpten Teufel, die er für Heuchler hielt, welche das Christentum mit den Lippen bekannten, aber sich darunter allerlei mystischen Schwindel denken mochten. Auch der päpstliche Nuntius in Warschau, Nikolaus Serra, war nicht für die Bekehrung der Kontratalmudisten eingenommen. Sollte Graf Brühl seinem Faktor Baruch Jawan Wort gehalten und den König doch, wie den Nuntius, gegen sie ein genommen haben?

Die Sachlage änderte sich aber mit einem Male, als Lubienski nach seinem erzbischöflichen Sitze Gnesen zog, und der Administrator des Erzbistums Lemberg, der Kanonikus de Mikulicz Mikulski, mehr Eifer für die Bekehrung zeigte. Er sagte sofort den Frankisten zu, ein Religionsgespräch zwischen ihnen und den Talmudisten herbeizuführen, wenn sie aufrichtige Neigung für die Taufe zeigen würden. Hierauf legten (25. Mai) dieselben Deputierten Löb Krysa und Salomon von Rohatyn im Namen aller ein katholisches Bekenntnis ab, das noch immer einen kabbalistischen Beigeschmack hatte, das Kreuz sei das Symbol der heiligen Dreifaltigkeit und das Siegel des Messias. Es schloß mit dem Refrain, der Talmud lehre das Blut der Christen zu gebrauchen und wer an ihn glaube, sei verpflichtet es zu gebrauchen. Darauf traf Mikulski hinter dem Rücken des päpstlichen Nuntius Serra Vorkehrungen zu einer zweiten Disputation in Lemberg (Juni 1759). Die Rabbinen dieser Diözese wurden aufgefordert, bei einer Geldstrafe [399] von 1000 Talern, sich am 16. Juli einzufinden. Der Adel und die Geistlichkeit wurde angegangen, sie dazu nötigenfalls durch Zwang zu bewegen. Der Nuntius Serra, an den sich die Talmudisten klagend wendeten, war in hohem Grade mit der Disputation unzufrieden, mochte sie aber nicht hintertreiben, um sich daraus die Gewißheit zu verschaffen, ob die Juden wirklich Christenblut gebrauchten. Dieser Punkt schien ihm der wichtigste von allen. Gerade in dieser Zeit hatte der Papst Clemens XIII. einem polnischen Juden Jakob Jelek einen günstigen Bescheid in dieser Frage zukommen lassen. Jelek hatte die beschwerliche Reise nach Rom unternommen, um vom päpstlichen Stuhle ein gewichtiges Wort gegen diese ewige Anschuldigung zu erwirken, und es war ihm gelungen. Clemens XIII. erklärte für alle, daß der heilige Stuhl die Gründe, worauf sich die Meinung vom Gebrauche menschlichen Blutes für das Passahfest und von Mord an Christenkindern seitens der Juden stützt, geprüft und gefunden habe, daß man sie darauf hin nicht als Verbrecher verurteilen dürfe, vielmehr bei ähnlichen Vorkommnissen die gesetzlichen Formen für die Beweisführung anzuwenden habe91. Und dennoch schenkte, durch die Gemeinheit der Frankisten getäuscht, um dieselbe Zeit der päpstliche Nuntius diesen Lügen halb und halb Glauben und berichtete darüber an die Kurie.

Das Religionsgespräch, das zur Bekehrung so vieler Juden führen sollte, anfangs mit gleichgültigen Augen angesehen, fing an Interesse zu erregen. Der polnische Adel, Herren und Damen, lösten um einen hohen Preis Eintrittskarten, deren Erlös den ärmlichen Täuflingen zugute kommen sollte. An dem anberaumten Tage wurden die Talmudisten und Sohariten in die Kathedrale von Lemberg geführt; der Administrator Mikulski präsidierte, Geistliche, Edelleute und Bürgerliche drängten sich dazu, dem Schauspiele beizuwohnen, wie Juden scheinbar von derselben Richtung gegeneinander Anklagen wegen der scheußlichsten Laster schleuderten. Im Grunde waren es Talmud und Kabbala, früher ein engverbundenes Geschwisterpaar, die einander in den Haaren lagen. Die Disputation fiel erbärmlich aus. Von den Frankisten, welche ruhmredig viele Hunderte der ihrigen in Aussicht gestellt hatten, waren nur etwa zehn erschienen; die übrigen[400] waren zu arm, um die weite Reise machen und sich anständig kleiden zu können. Als ihre Sprecher traten auf Löb Krysa, Salomon Schor und ein dritter, wahrscheinlich Nachman, sogenannter Rabbiner von Busk. Von den Talmudisten fanden sich zwar aus Furcht vor der angedrohten Geldstrafe vierzig ein, und als ihre Vertreter Chajim Cohen Rapaport, Rabbiner von Lemberg, ferner jener Rabbiner und Beglaubigter Beer von Jaźlowiec, der sich bereits früher bei der Kamieniecer Disputation bloßgestellt hatte (o. S. 395), und ein dritter Rabbiner Israel Miedziboź, ein angeblicher Wundertäter (Baal Schem)92. Welche Rückschritte hatte die Judenheit im Jahrhundert der Aufklärung gegen das dreizehnte Jahrhundert gemacht! Damals trat bei einem ähnlichen Falle am Hofe von Barcelona der Sprecher der Juden, Mose Nachmani, stolz seinen Gegnern gegenüber und machte sie durch sein Wissen und seine Haltung fast erzittern. In Lemberg standen die Vertreter des talmudischen Judentums linkisch und betreten und wußten kein Wort hervorzubringen. Sie verstanden nicht einmal die Landessprache – allerdings ihre Gegner ebensowenig – Dolmetscher mußten herbeigezogen werden. Aber die katholische Geistlichkeit in Polen und der Gelehrtenstand verrieten bei dieser Gelegenheit ebenfalls eine grelle Unwissenheit. Nicht ein einziger Pole verstand Hebräisch oder Rabbinisch, um unparteiischer Zeuge des Streites sein zu können, während in Deutschland und Holland die christlichen Kenner des Hebräischen nach Hunderten zählten. Die Talmudisten hatten bei diesem Religionsgespräche allerdings den schwersten Stand. Das Hauptthema der Frankisten war, daß der Sohar die Dreieinigkeit lehre, und daß eine Person in der Gottheit Fleisch geworden sei. Durften sie dieses Dogma so entschieden in Abrede stellen, ohne die Christen, ihre Herren, zu verletzen? Und daß sich solch Anklänge finden, konnten sie auch nicht leugnen. Freilich die erlogene Behauptung vom Gebrauche des Christenkinderblutes und vom Blutdurst des Talmuds hätten sie mit aller Entschiedenheit zurückweisen und sich auf Zeugnisse von Christen und sogar auf Aussprüche von Päpsten berufen können. Aber sie waren in der eigenen Leidensgeschichte unwissend, und ihre Unwissenheit hat sich an ihnen gerächt. Es ist wohl glaublich, daß die talmudischen Wortführer nach dreitägigem Gespräche beschämt und verwirrt heimgekehrt sind. Sogar die Blutbeschuldigung blieb an ihrem Bekenntnis haften.

Die Sohariten, welche ihren Wunsch erreicht hatten, wurden darauf [401] von den Geistlichen gedrängt, endlich ihr Versprechen zu erfüllen und sich taufen zu lassen. Aber sie sträubten sich immer wieder dagegen, als wenn es ihnen große Überwindung gekostet hätte, und taten es erst auf ausdrücklichen Befehl ihres Oberhauptes Frank und in seinem Beisein. Dieser war bei der Disputation nicht anwesend, sondern erschien erst in Lemberg, als sich der Sieg seinen Anhängern zuzuneigen schien. Er trat mit großem Pomp auf, in prachtvoller türkischer Kleidung mit einem Sechsgespann und umgeben von 30 bis 50 Gardisten in türkischer Kleidung. Er wollte den Polen imponieren. Er war auch der starke Wille, der die Frankisten leitete, und dem sie blindlings folgten. Im ganzen nahmen damals etwa tausend Sohariten die Taufe. Unter ihnen waren zwei Söhne des alten Elisa von Rohatyn, Salomo Schor, welcher seinen Namen in Lucas Francischek Wolowski verwandelte, und sein Bruder Nathan, der sich Michael Wolowski nannte, beide Nachkommen berühmter Rabbinen. Frank allein ließ sich nicht in Lemberg taufen, sondern erschien plötzlich mit blendendem Schaugepränge in Warschau (Okt. 1759), machte die Neugierde der polnischen Hauptstadt rege und bat sich die Gnade aus, der König möge sein Taufpate werden. Auch dieser Umstand sollte seiner Marktschreierei dienen, in den Augen seiner Genossen einen Vorzug zu haben. Er setzte diesen Wunsch durch, wurde getauft und nahm den Namen Joseph an (Nov. 1759). Die Spalten der Zeitungen der polnischen Hauptstadt waren voll von Berichten über die täglich erfolgten Taufen so vieler Juden und von den hohen Edelleuten und Edelfrauen, die ihre Taufpaten waren. Aber erfreuen konnten sie sich des Sieges der Kirche nicht. Frank wurde vielmehr von der Geistlichkeit mit argwöhnischen Blicken umlauert. Sie traute ihm nicht und ahnte in ihm einen Schwindler, der unter der Maske des Christentums, wie früher unter der des Islams, als Haupt einer Sekte eine Rolle spielen wollte. Je mehr Frank darauf zurückkam, daß ihm ein eigener Landstrich angewiesen werden solle, wo er namentlich mit seinen ausländischen Genossen aus Ungarn, der Walachei und Siebenbürgen, welche die Landessprache nicht verstanden, zusammenleben könnte, desto mehr erregte er den Verdacht, daß er eigene selbstsüchtige Zwecke verfolgte, und die Taufe ihm nur als Mittel dienen sollte. Die talmudischen Juden unterließen nichts, Beweise von seinen Schwindeleien zu liefern. Seine polnischen Anhänger wurden heimlich von den Geistlichen über sein Tun und Treiben, seine Vergangenheit und seine Ziele ausgeforscht. Endlich wurde er entlarvt und von einigen seiner polnischen Anhänger, die sich von ihm gegen die ausländischen [402] Frankisten zurückgesetzt fühlten, verraten, daß ihm der Christusglaube nur ein Spiel sei, und daß er sich vielmehr von den Seinigen als Messias und verkörperter Gott, als heiliger Herr, anbeten lasse. Er wurde von dem Offizial der polnischen Inquisition als Betrüger und Glaubensschänder verhaftet und verhört. Die Zeugenaussagen bestätigten immer mehr seine Schwindeleien. Darum wurde er nach der Festung Czenstochow abgeführt und in ein Kloster eingesperrt (März 1760), wie sich denken läßt, nicht ohne Betrieb der Gegner. Vom Feuertod als Ketzer und Abtrünniger rettete Frank nur die Patenschaft des Königs. Seine hervorragenden Anhänger, wie Salomo Schor-Francischek Wolowski, wurden ebenfalls verhaftet und in Ketten gelegt. Der Troß wurde zum Teil zur Schanzenarbeit an der Festung Czenstochow angehalten oder in die Heimat verwiesen. Viele Frankisten mußten an den Kirchentüren betteln und waren bei der polnischen Bevölkerung verachtet. Sie blieben aber ihrem Messias oder heiligem Herrn treu. Alle widerwärtigen Vorgänge legten sie sich kabbalistisch zurecht, es habe alles so kommen müssen. Das Kloster von Czenstochow nannten sie mystisch die Pforte Roms. Äußerlich hingen sie dem Katholizismus an, machten alle Sakramente mit, hielten sich aber doch nur zueinander, und wie ihre türkischen Genossen, die Donmäh, verheirateten sie sich nur untereinander. Noch heutigen Tages sind die von ihnen abstammenden Familien in Polen, Wolowski, Dembowski, Dzalinski und andere als Frenks oder Schäbs kenntlich. Frank wurde nach dreizehnjähriger Haft in der Festung von den Russen in Freiheit gesetzt, spielte auf anderen Schauplätzen in Wien, Brünn und zuletzt in Offenbach über zwanzig Jahre eine Betrügerrolle, stellte seine schöne Tochter Eva als verleiblichte Gottheit auf und täuschte bis an sein Lebensende und über sein Grab hinaus die Welt; aber mit diesem Teil seines Lebensganges hat die jüdische Geschichte nichts zu tun.

An allen diesen trübseligen Ereignissen hatte Jonathan Eibeschütz einige Schuld. Die Frankisten zählten ihn, den großen Gaon, zu den ihrigen und er tat nichts, um diesen brandmarkenden Verdacht von sich abzuwälzen. Er wurde angefleht, der Not der polnischen Juden beizuspringen, seinen Einfluß geltend zu machen, der Anschuldigung vom Gebrauch des Christenblutes entgegenzutreten. Er blieb stumm93, als fürchtete er, die Frankisten gegen sich zu reizen [403] Sein jüngster Sohn Wolf stand in Verbindung mit dem giftigen Frankisten Salomo Schor-Wolowski94. Dieser junge Eibeschütz trieb ebenfalls mystische Schwindeleien, bald als Kabbalist, bald als Goldmacher, lebte auf großem Fuße, erschwindelte sich den Titel Baron von Adlersthal, weil er dem österreichischen Hofe die Aussicht eröffnete, sich taufen zu lassen, betrog alle Welt und vielleicht am meisten seinen eigenen Vater, machte Schulden und wurde von Gläubigern und Gläubigen verfolgt95. Bis in sein Mannesalter, als er mit dem Titel Baron von Eibeschütz in Dresden lebte, blieb er mit dem Hofe Franks in Offenbach und mit der berüchtigten sogenannten Gräfin [404] v. Frank in Verbindung96. Um seine Schulden zu decken, ließ der unglückliche Vater in aller Eile sein erstes rabbinisches Werk drucken97. Durch die leichtsinnigen Streiche seines Sohnes geriet Jonathan Eibeschütz in vieler Augen immer mehr in Mißkredit98. Einige seiner Anhänger, die ihm früher warm das Wort geredet hatten, faßten Mißtrauen gegen ihn. Eibeschütz fühlte sich zuletzt in allem so unbehaglich in seinen Gemeinden, daß er Altona zu verlassen und nach Prag überzusiedeln gedachte. Zu diesem Zwecke richtete er ein Gnadengesuch an Maria Theresia, ihn von der Anklage des Landesverrates freizusprechen und ihm den Aufenthalt in der böhmischen Hauptstadt zu gestatten. Aber Ezechiel Landau, damals hochgeachteter Oberrabbiner von Prag, welcher von Eibeschützens Schuld zuletzt völlig überzeugt war, bemühte sich, ihm entgegen zu arbeiten. Er richtete (um 1760) ein Gegengesuch an die Kaiserin, den ketzerischen Anhänger von Sabbataï Zewi, der von deutschen und italienischen Rabbinen in den großen Bann gelegt worden war, die Erlaubnis zur Übersiedelung nach Prag zu versagen. Landau erinnerte die Kaiserin an die Dienste, die er ihr während des siebenjährigen Krieges geleistet, und drohte sein Amt aufzugeben und Prag zu verlassen, falls Eibeschütz da seinen Wohnsitz nehmen sollte, weil er mit einem so schwer Gebannten nicht an einem Orte wohnen dürfe, und es ohnehin zu Reibungen in der Gemeinde kommen würde99. Jakob Emden hatte gewonnenes Spiel, er konnte noch mehr die Geißel seines Spottes über Eibeschütz schwingen; aber er verfolgte ihn auch über das Grab hinaus, als den verworfensten Menschen, der je das Judentum geschändet habe. Das Rabbinertum hat sich selbst an den Pranger gestellt und seine eigene Autorität untergraben. Damit hat es den Boden gelockert, auf dem eine bessere Saat aufgehen konnte. Während sich Eibeschütz und seine Gegner wegen Amuletten und sabbatianischer Ketzerei herumbalgten und Jakob Frank Lejbowicz seine soharitischen Schwindeleien trieb, schlossen Mendelssohn100 [405] und Lessing einen Freundschaftsbund, Portugal löschte seine Scheiterhaufen gegen die Marranen aus, und in England wurde die bürgerliche Gleichstellung der Juden im Parlamente ernstlich verhandelt.


Fußnoten

1 Seine ausführliche, mit Liebe und doch Unparteilichkeit ausgearbeitete Biographie hat der am 7. März 1860 verstorbene Privatgelehrte Joseph Almanzi aus Padua 1838 geliefert, in Kerem Chemed III, p. 113 f. Sie hat die unvollkommene und einseitige Vorarbeit von Ghirondi 1836 das. II, p. 55 f., die Monographie von Delitzsch und Letteris, lateinisch und hebräisch als Einleitung zum Drama זוע לדגמ 1837, ergänzt und berichtigt. Eine kurze Biographie gab auch Freistadt als Einleitung zu Luzzattos לבוקמו רקוח 1840. Delitzsch hat die poetische Seite an Luzzatto besser hervorgehoben, als die übrigen Biographen. [Vgl. ferner A. S. Isaacs, a modern hebraic poet. The life and writings of Moses Chaim Luzzatto. New-York, 1878].


2 1721, also im vierzehnten Lebensjahre, dichtete er eine schöne Elegie auf den Tod des Isaak Vita Kohen Cantarini (o. S. 262, Anmerk. 1). [Isaak Cantarini starb vielmehr am 5. Siwan 1723 (Berliners Magazin VI, 181) oder vielleicht gar erst am 5. Siwan 1738 (Monatsschrift XXX, 542). Damals war also Luzzatto 16 oder 31 Jahre alt].


3 Proben davon hat Almanzi mitgeteilt in Kerem Chemed III, p. 139.

4 Diese Auseinandersetzung findet sich in Luzzattos לבוקמו רקוח, ferner in המכח יחתפ, gedruckt Korzec 1785, und in םירקעה רמאמ, zum Teil auch in רמאמ המכחה, erste Edition Amsterdam 1783.


5 Almanzi hat das Faktum unwiderleglich bewiesen, daß Luzzatto sich als Messias geträumt hat, Kerem Chemed III, p. 115, 135 f., Note 28. Er läßt den Propheten Elia sprechen: ,אתולגב אתניכשל אכמס תיוה תנא תנא אתולגמ (אתניכש) קופת דכו הבגל ארקי יסרוכ תנא אתשהו .הל להנמ אהת


6 Luzzatto dichtete ein Epithalamium auf dessen Hochzeit mit Judith Italia (Chaluz II, 106 f.). Den Grundgedanken bildet der Wettstreit zwischen dem Meere (Anspielung auf Marini-mare) und dem Festlande Italia (Anspielung auf die Braut). Sie feiern ihre harmonische Versöhnung im Brautpaare.


7 S. über denselben Finn הנמאנ הירק, Geschichte der Juden von Wilna, p. 113 f. [und Kaufmann in RÉJ. XXIII, 256 ff.].


8 S. über denselben L. Aug. Frankl, Wiener Epitaphien Nr. 430. Jakob Emden verdächtigte ihn und sein erworbenes Gut. בקעיב תודע, p. 27 b, p. 40b. Anmerkung.


9 S. über ihn Finn a.a.O., p. 109 ff. [und Dembitzer, יפוי תלילכ, II, p. 75b f.

10 Folgt aus dem Schreiben des Venetianer Rabbinats in Emdens Torat ha-Kenaot (p. 51 a): ותיבב רשועו ןוה דרפהלו וידוד םע הקולח תושעל הצר (וטאצול) אוה יכ... .דבאו .םירזל ול וכפהנ ויבהואו ותוא ואנשיו .םמעמ


11 Jakob Emden, der in seiner derben Ehrlichkeit kein Blatt vor den Mund zu nehmen pflegte, hebt diesen niedrigen Zug des Venetianer Rabbinats hervor, daß es Luzzatto nur aus Rücksicht auf seinen Reichtum geschont haben mag (das. p. 54b): רמול שי אמשו ילעב ותחפשמ ינבו ןיסכנ ריתע (וטאצול) היהש יפל ותלחתבש .(איציניו ינבר לע) םהילע ותמיא הלפנ ןיסיכ


12 Über Belillos' und Pacificos Charakter vgl. Bassans Brief in Kerem Chemed II, p. 63.


13 Torat ha-Kenaot, p. 53b.


14 Bei Emden das. p. 54 b unten: תולהק 'גד ד"באה הנהו ןינעב םג רוזגל ןמצעב לוסלס וגהנש .. זיגאח השמ 'רה ףוריצב .'וכו הלבקה תמכח דומל


15 Bei Emden, Torat ha-Kenaot, p. 55b.


16 Almanzi setzte irrtümlich den Bannspruch des Venetianer Rabbinats d.d. 5. Marcheschwan ו"צת = 1735 (Kerem Chemed III, p. 156-159) vor den d.d. 8. Kislew ה"צת = 1734 (bei Emden p. 50-52). Der letztere ist noch während Luzzattos Anwesenheit in Italien erlassen, der erstere dagegen ist erst nach seiner Abreise (etwa 8. Kislew 1734), fast ein Jahr später erlassen. Er enthält die früher gegen ihn erlassenen Bannsprüche vieler Rabbinen.


17 Das. S. 123, 165, Note 117. [Vgl. Kaufmann a.a.O., S. 258 ff.].


18 הלהת םירשיל Akt II: תחא םעפ ךא רורב םלוע הזחנ ול.


19 S. Mendel Breslauer, Einleitung zum Drama תודלי תורחבו.


20 Jakob Emden, Torat ha-Kenaot, p. 57 b, 58.


21 Das. p. 58 b. 63 a.


22 S. Note 7. Da Karl Antons Biographika von Eibeschütz von diesem selbst diktiert sind, wie das. erwiesen ist, so können sie als Leitfaden dienen. [Vgl. auch Dembitzer, יפוי תלילכ, I, fol. 117 ff.]


23 Karl Anton läßt Eibeschütz von sich rühmen (S. 51, Note e.e.): »Er (Eibeschütz) war so weit gekommen, daß er nicht allein die talmudische Wissenschaft ... inne hatte, sondern auch in ihrer Theologie, geistlichen und weltlichen Rechten, in allen Teilen der Kabbala und in der Philosophie, Historie usw. eine große Einsicht hatte.« Ebenso prahlerisch ist Eibeschütz' Schreiben an Jak. Jos. Falk, das er wohlweislich nicht abgeschickt hat (Kerem Chemed III, p. 32-38). Nehemia Reischer teilt einen Passus aus einem Briefe Eibeschützens an ihn mit, damit er ihn für das Metzer Rabbinat empfehlen sollte, der seine Eingebildetheit auf sein Wissen charakterisiert: ןיאו ... הרות ץיברהל יאדכ אוה יכ רמאי רשא ינמז ינבר לכמ דחא ס"שמ השק רבד ררבל לארשיה הרות שי לאל הלהת ... ינומכ תוינרות תולכשומ תוידומל תוינוציח רתסנו הלגנ ... םיקסופו תוחצ תידומל תינויגה תיסידנה איפוסולפ תוינכות תויעבט הושאו ינוימדת רשא הז אוה ימו..תוצלה. Mitgeteilt in der anonymen polemischen Briefsammlung ןושלו תמא תפש תירוהז לש (Bogna 5, f. 2a). Auch in dem handschriftlichen Werke seines Jüngers Simon Buchhalter (Note 7) tut sich Eibeschütz viel auf seine philosophischen Kenntnisse zugute; Bl. 30 nennt er סויזעטראק תכ. Aber es steckt gar wenig dahinter, man braucht nur seine Auffassung von den sieben Wissenschaften oder Künsten zu lesen, die er in einer Predigt, Metz 1749, auseinandersetzte (שבד תורעי II, p. 44c f.), um zu erkennen, daß sein außertalmudisches Wissen rein kindisch war. Sein geringes profanes Wissen scheint er aus Delmedigos Elim geschöpft zu haben, den er – charakteristisch genug – über alle Philosophen seit Maimuni – also auch über Cartesius – stellte (Ms. Bl. 34b, 46 a): ףסוי 'ר ברה ומכ ם"במרה ימימ לודג םכח ןיא האידנק. Ob Eibeschütz wirklich einige kabbalistisch-philosophische Schriften verfaßt hat, wie er von sich rühmt? המכחה רצוא nennt er (Kerem Chemed das. p. 35), ןתנוהי תוחא ברימ zitiert er öfters im Ms. In dem selben tut er auch, als ob er Anatomie, Farbenlehre und alles mögliche verstände. Auf Prahlerei ist auch zurückzuführen, was er sich in יתלפו יתרכ auf anatomische und physiologische Kenntnisse zugute tut.


24 Nicht bloß Jakob Emden, dem man Parteilichkeit zutrauen könnte, sondern auch sein ehemaliger Bewunderer, Nehem. Reischer, bezeugt, daß Eibeschütz in rituellen Dingen nicht allzu skrupulös, vielmehr lax war (תמא תפש a.a.O.). Dagegen spricht nicht, daß er rigorose Strafpredigten wegen ritueller Vergehungen hielt und sogar das Trinken von Kaffee und Tee und Tabakrauchen verpönte (Predigtsammlung שבד תורעי I, p. 39 und and. St.). Das lag in seinem Charakter.


25 S. Note 7.


26 Dieses Faktum, welches kein günstiges Licht auf Eibeschütz wirft, ist noch wenig bekannt. Er selbst rühmt sich (Einleitung zu יתלפו יתרכ) des Verdienstes, den Druck des Talmuds durchgesetzt zu haben: דומלת ירפס סיפדהל ינשרהש. Den Kommentar dazu liefert Emden in תוקבאתה (p. 3 b): םע (ןתנוי 'ר) רשקתה זא לע אשמה ליטהלו ס"ש םגו תולפת רודס סיפדהל גארפד ףושיבה רסיק תונידמ ינבמ שיא לכ וחקיש םחירכהל גארפו םהיפ ישנא ןיב םיחורה קלחלו ... םהילע תשוה רשא חקמב ס"שו תולפת ... רמוכה ץפח לככ ס"שה תונושלמ ערגו ריסחה ןכו ... םהינש פ"פ ’ק וכרצוהו זנכשא ץראבו םהיפב הלודג הקעצ התיה הז לעו םיפלא האמ א"י דואמ בר ךס הז שיב קסע לע איצוהל ןיימד ררוצ ןימה תבשחמ ולטבש דע רסיקה לצא לדתשהל םיבוהז זלה םידוהיה. Ähnlich klagte Chagis ihn bereits im Jahre 1728 an (Emden, Respp.ץבעי תליאש, No. 23, p. 53 b): קסעמ םוריח תעש התיה חז רבד בתוכ יתייהש העשב ס"שהמ סופדה תהגה קסעב גארפ ק"קב תיחשמל םקש ןטש ותוא ... ויתועומש ראש דבלמ ... תונושמו תונוש תוהנהב תולפתו .םייהנמו אסיל פ"פ ק"קב הפי ד"ב חכב וררבתנש Über die Verstümmelung dieser Prager Talmudausgabe unter Teilnahme der Geistlichen s. Wolf, Bibliotheca III, p. 45: De editione Talmudis Babyl. nova, sed decurtata, quam Pontificii Pragae tentarunt, scripsi supra. Vgl. Rabinowicz, Einleitung zu םירפוס יקודקד (München 1867), p. 73, der von Eibeschützens Beteiligung an dieser Edition nichts zu wissen scheint. [S. jedoch desselben דומלתה תספדה לע רמאמ, München 1877, S. 99 f.] Über Eibeschützens Verkehr mit den Jesuiten und Hasselbauer öfter in Emdens Schriften (besonders בקעיב תודע, p. 41d, Note): םיכשמ ןתנוי 'ר תא וארו םוי לכב רעיופליזאה ףושיבה לש וחתפל; s. Beer in Frankels Monatsschr. 1858, S. 391. Über die Prager Zensur des Bischofs in Prag s. Wolf in Maskir, VIII, S. 58. Es ist aus Aufschneiderei von Karl Anton oder Eibeschütz angegeben, daß »die königl. Appellation ihn zum Oberzensor ernannt habe ..., daher durfte kein jüdisches Buch ohne die Erlaubnis des R. Jonathan im Druck erscheinen« (Anton, Kurze Nachrichten, S. 53). Oberzensor war damals nur der Erzbischof von Prag. Eibeschütz hat nur dabei Hilfe geleistet. Die Apologie für Eibeschützens Beteiligung an der Edition des zensierten Talmuds von Prag (Hamaggid, Jahrg. 1877, S. 170 f., 180, 188, 199) ist durchaus nicht geeignet, ihn von der Anschuldigung seiner Gegner reinzuwaschen.


27 Im genannten Ms. (p. 69b) ... ךלמה תוריזג ושדחתנ זא אניוו בר ךלמ תירקל רובצה תבוטל (ןתנוי ’ר) ברה ירומ חלתשנו .ךלמה תמח בישהל ילואו יאה ילוכ תוצירח תולדתשהב


28 Jakob Backofen, Verfasser des Werkes בקעי קח und anderer ähnlicher Schriften.


29 S. über ihn die Bibliographien, auch weiter unten. [Vgl. Horowitz, M. Frankfurter Rabbiner III, S. 5-59.]


30 König, Annalen der Juden in den preußischen Staaten, S. 272.


31 [Über Jonathan Eibeschütz' Tätigkeit in Metz vgl. Cahen in R É J XII. 283-289.]


32 Abr. Trebitsch, םיתעה תורוק p. 9-18.


33 Vgl. über ihn L. A. Frankl, Zeitung des Judentums, Jahrg. 1854, S. 657 f. Das daselbst Nr. 50 Berichtete klingt zu romantisch, um geschichtlich zu sein. In der Broschüre Pintos: Reflexions critiques ... à Mr. de Voltaire heißt es schon in der ersten Ausgabe 1762 (p. 19): Le Baron d'Aguilar, trésorier de la reine de Hongrie est encore regretté à Vienne. S. Lettre d'un Milord sur la nation hebraique (1767, p. 57), wo es heißt: où (à Londres) il (Aguilar) mourut, il y a deux ans. Vgl. Anekdoten von guten Juden S. 34, Nr. 20 über d'Aguilars Benehmen. [Vgl. Kaufmann im Jahrbuch תורפסה רצוא II, S. 118. Kaufmann, Aus Heinrich Heines Ahnensaal, S. 83, n. 1 und תליגמ םירדס, ed. M. Baumgarten (Berlin 1895), S. 10, 53.]


34 S. über ihn Wiener Grabinschriften von L. A. Frankl, Nr. 424 und S. XX. [Vgl. Kaufmann, Samson Wertheimer, S. 88 ff.]


35 Handschriftliche Urkunden Frankel, Monatsschrift 1867, S. 426.


36 [Vgl. Kaufmanns Abhandlung: »Barthold Dowe Burmania und die Vertreibung der Juden aus Böhmen und Mähren« in der Jubelschrift zum 70. Geburtstag des Prof. Graetz (Breslau 1887), S. 279-313.]


37 S. darüber Note 7 [und ein noch unbenutztes handschriftliches Fragment, das sich gegenwärtig im Besitz der Bibliothek des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau befindet].


38 Note 7.


39 Emden in Bet Jonathan ha-Sofer und תוקבאתה; auch Reischer in תמא תפש, p. 36.


40 Die meisten Predigten in der Predigtsammlung שבד תורעי (2 B.) sind in Metz gehalten.


41 Supplik Ezech. Landaus an Maria Theresia (Monatsschr. 1877, p. 20). »Da aber oben benannten Supplikanten (Eibeschütz) wegen seines üblen Lebenslaufes die Judenschaft zu Metz nicht gedulden wollte.«


42 Seine Biographika sind in seinen polemischen Schriften, namentlich in בקעיב תודע am Anfang gegeben. Amtlich wurde er Jakob Hirschel genannt; nach einer Krankheit hat er den Namen Israel dazu angenommen. Eine gründliche und unparteiische Biographie Emdens, dessen Leben bis Luzzatto hinauf und bis Mendelssohn hinunter reicht, ist noch ein Desideratum. Nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe ist zwar eine Biographie erschienen: ץ"בעי תודלות. Jakob Hirschels (Emdens) Leben und Schriften von H. A. Wagenaar, mit Beiträgen von Gabriel Polak, Amsterdam 1868. Aber sie enthält nur das dürre Gerippe und ist so eisig unparteiisch gehalten, daß sie den von Emden so schonungslos verketzerten Eibeschütz bezeichnet als וישרפו לארשי בכר רוהט שיא! Emden würde einem solchen Biographen keineswegs Dank gewußt haben.


43 In seinen Respp. ץבעי תליאש [I, No. 162].


44 In םירפסה תחפטמ.


45 S. Note 7.


46 Der ganze Hergang ist mitgeteilt in Emdens תודע בקעיב, p. 4 f., und תוקבאתה Anfang. Das Monatsdatum für Emdens feierliche Erklärung am Donnerstag ist daselbst nicht gegeben. Aus einem handschriftlichen Briefe eines Jüngers von Eibeschütz, Nathan Arolsen (im Besitze des H. Kirchheim) ist das Datum angegeben 9. Schebat. Demnach muß das Datum in תודע בקעיב, p. 30: Freitag טבש 'ג, das ohnehin falsch ist, in טבש 'י emendiert werden. Falsch auch bei Klemperer: R. Jonath. Eibeschütz, S. 73, Note טבש א"י.


47 תוקבאתה, p. 21 a heißt es: ... םלוק ועימשה ... םידימלת .ונימאי םה םג יבצ יתבשב ןימאמ (ןתנוי 'ר) אוה םא תובוחרב


48 Eibeschütz, תודע תוחול, p. 72.


49 Eibeschütz, Zeugensammlung zu seinen Gunsten תודע תוחול, p. 20; die Namen der Gebannten hat er daselbst ausgelassen, sie können aus תמא תפש, p. 46, ergänzt werden.


50 בקעיב תודע, p. 59 b, vgl. 60 b, aus einem Briefe von Eibeschütz' Sohn an Chajim Lublin und תרות תואנקה p. 65a.


51 Folgt aus dem königlichen Dekret zugunsten Emdens in בקעיב תודע p. 63a.


52 תודע תוחול, p. 43-44. Daselbst ohne Datum, in einer Handschrift datiert י'ר'ש'א' ןויס 'ג = 27. Mai 1751. In demselben kommt der Satz zur Verfolgung seiner Gegner vor: םיקנעב לודגכ ןטקכ ... והוספת ,והופדר .םיקיזב והרסאת


53 Das. p. 12 a verglichen mit תמא תפש p. 39 a. Es gab noch einen dritten Mantelträger, der die Kamiot bald so, bald so deutete: Salom Busaglo, Herausgeber des Sohar, s. תמא תפש p. 59, 60; בקעיב תודע p. 57a; ןואה תוחול תריבש p. 45b.


54 תואנקה תרות p. 62b; תמא תפש p. 60a; בקעיב תודע p. 60b.


55 Vgl. בקעיב תודע p. 59a.


56 Vgl. Ezech. Landaus Supplik an die Kaiserin M. Theresia, Monatsschrift 1877, p. 20 f.


57 Diese Entscheidung, ןיד קספ genannt, ist abgedruckt in תמא תפש p. 30. Die Unterschrift des Venetianer Rabbinats datiert vom 9. Tischri = 28. September 1751. Aus dem Schreiben des Amsterdamer Rabbiners daselbst d.d. 23. Schebat 1752 ergibt sich, daß sie damals noch nicht übermittelt war. Aber in einem Schreiben d.d. 29. Adar (= 15. März) beruft sich schon J. Falk darauf in 'ע תוחול p. 6a.


58 Über Maleachi Kohen, Verf. des יכאלמ די, s. Steinschneider C. B. Nr. 6202. Sein Schreiben an Emden תואנקה תרות, p. 65 b, auch בקעיב תודע, p. 56b f. und im Verein mit dem Livornenser Rabbinat an Eibeschütz 'ע תוחול p. 22.


59 Busaglos Schreiben in תמא תפש, p. 60: םידרפסה םיזבכשאה לש תקולחמה עלסב ישאד סינכהל אלש ילע ובכע.


60 בקעיב תודע, p. 65a (bis).


61 תודע תוחול, p. 41.


62 Vgl. über die Erfolglosigkeit des Bannes durch den häufigen Gebrauch Wessely תמאו םולש ירבד, zweites Sendschreiben p. 34.


63 בקעיב תודע, p. 10a, p. 63a Reskript des Königs. Vgl. die Affäre Heckschers, Acta histor. eccles., gesammelte Nachrichten über Kirchengeschichte B. XVIII, S. 754, 889.


64 S. Note 7.


65 Das bereits genannte תמא תפש, Emden leugnete seine Autorschaft. Ein Auszug daraus in »Gelehrte Nachrichten«, Jahrg. 1752 (Rostock und Wismar), S. 410 f., 418 f.


66 Über diesen s. Vorwort zu Karl Antons »Kurzer Entwurf der Erklärung jüdischer Gebräuche.«


67 Der langatmige Titel dieser Schrift lautet »Kurze Nachricht von dem falschen Messias Sabb. Zebhi und den neulich seinetwegen in Hamburg und Altona entstandenen Bewegungen, zu besserer Beurteilung derer bisher in den Zeitungen und anderen Schriften davon bekandt gewordenen Erzählungen von Karl Anton (Wolfenbüttel 1752) Widmung an den König 26. September 1752.« Der Panegyrikus für Eibeschütz beginnt S. 48, vgl. darüber Note 7. Gegen Karl Antons Schrift erschien in »Hamburger freie Urteile« 1752, Nr. 84, S. 662 eine Gegenschrift. Rezensionen darüber das. 1753, Nr. 30, S. 713, ferner »Hamburger Berichte von gelehrten Sachen« 1752, Nr. 30. Schleswig-Holstein. Nachrichten 1752, Nr. 41, Leipziger »Zeit« 1753, Nr. 14.


68 תוקבאתה p. 27 b: ךלמה אשנו הכלמה התמש רבדה לגלגתנ (?) ב"אס םשו גיוושנורבמ תיסכוד הינש השא (קרמינאד לש) אוהו ... השדחה הכלמה םע תברועמ ותעדו סוכודה תיבב ףיקת ןתיו הכלמה םע לדתשהל םכחתיו ... והומכ עשרל בהוא היה לא בורקה םינפלמ ועדויו וריכמ ץעוילו תרכזמל הל תורגא הדיב התלעו ויאנוש דגנ וילע ןיגהלו רצישבייא דעב ץילמהל ךלמה וממז קיפהל ודיב. Auch בקעיב תודע, p. 12 b.


69 Mecklenburgische Gelehrten Nachrichten, Jahrg. 1753, S. 53. Auch in der Schlesischen Zeitung, Jahrg. 1752, Nachtrag Nr. 156, S. 190, ist ein langer Bericht über den Prozeß gegen Eibeschütz und das königliche Dekret zu seinen Gunsten mitgeteilt. S. auch Emden a.a.O.


70 Inhalt der Briefe in der Schrift הריאמה אירלקפסא, s. Ende der Noten.


71 Über das sogenannte Kompromiß תודע תוחול Einleitung und p. 48 f. תוקבאתה p. 32 f. In der Einleitung sagt Eibeschütz: תוצמ זמריוו ק"קד מ"ופ להקל יתבתכו עשוי 'ר ןואגה ברה לע םירורמו. Dieses gemeine Schreiben ist aus einer Handschrift abgedruckt in Frankels Monatsschr. 1867, S. 462 f. Der demütige Abbittebrief an Falk d.d. 1. Schebat 1754 ist abgedruckt 'ע תוחול, p. 49a.


72 תודע תוחול, p. 50b, בקעיב תודע, p. 56b.


73 'ע תוחול das. p. 52a.


74 Emden בקעיב תודע, p. 64. תוקבאתה, p. 32b.


75 Vgl. die Anklagen gegen Eibeschütz von sieben Vorstehern d.d. Marcheschwan 5515, beginnend תמא חמצת שראמ in בקעיב תודע, p. 62b–63b.


76 תוקבאתה, p. 32b.


77 Eibeschütz תודע תוחול, p. 72b.


78 בקעיב תודע, p. 17b f.


79 Der Titel dieser närrischen Schrift lautet »Geheime Zeugnisse für die Wahrheit der christlichen Religion, aus 24 neuen und seltenen jüdischen Amuletten oder Anhängezetteln gezogen«, Frankfurt und Leipzig 1756. Ich habe diese seltene Schrift nicht einsehen können und kenne sie nur aus einem Auszuge.


80 Neue Erweckung der zerstreuten Judenschaft durch eine allgemeine Rabbinerversammlung 1756; Christlicher Zuruf an die Rabbinen 1757.


81 Emden תוקבאתה, 33a, שומש 'ס, 19b.


82 S. über ihn die ausführliche Monographie Graetz, Frank und die Frankisten. [Vgl. Kraushar, Alex. Frank i Frankisci Polscy (1726 bis 1816). Krakau 1895, 8. Nach diesen neuen gründlichen Untersuchungen ist die vorliegende Darstellung in vielen wesentlichen Punkten zu ergänzen und zu berichtigen. S. auch Porges in REJ, XXIX, 283 ff.].


83 Auch hebräisch abgekürzt: ס"ס, d.h. רויניס וטנס = Santo Señor, s. Frank und die Frankisten, hebräische Beilage VI.


84 S. B. VII4, Note 12, S. 447 f.


85 Der mystische Ausdruck dafür war םע אתניכש גוויז הלעב oder אתינורטמ םע אשידק אכלמ גוויז.


86 Baruch Jawan schrieb an Emden (שומש רפס I, p. 4b): םיזיגיטרופה ןמ דחא אב וליא רבדה בוט היה דואמ המ תכ) םיעשופה דגנ דומעיש עילטיא ןושלו אימפסא ןושל ריכמה .טפשמל (קנערפ


87 Die kritischen Zweifel an der Echtheit des Sohar, welche Emden in seiner Schrift םירפסה תחפטמ, Altona 1762, entwickelt hat, sprach er schon 1757 in seiner Schrift שומש 'ס p. 37a f. zur Widerlegung des frankistischen Glaubensbekenntnisses aus.


88 S. Jakob Emden, Anhang zu dessen Edition d. רדס הבר םלוע, zum Schluß unter dem Titel: עריאש רז הרקמ וז הנשב.


89 S. B. VII4, S. 214, Anm. 5.


90 S. B. IX4, S. 321, 343, 345.


91 Es existiert eine gedruckte Schrift darüber, mitgeteilt von J. B. Levinsohn in םימד ספא p. 107 f. [Der Abgesandte der polnischen Judenschaft hieß Eljakim ben Ascher Selig oder Jakob Selek (nicht Jelek), vgl. Berliner, Gutachten Ganganellis – Clemens XIV. – in der Angelegenheit der Blutbeschuldigung, Berlin 1888, S. 42].


92 Vielleicht der ט"שעב, Stifter der Sekte der modernen Chaßidim.


93 תוקבאתה p. 35a f. [Die Darstellung im Text bedarf einer grundsätzlichen Berichtigung. Die Bibliothek des jüdisch-theologischen Seminars besitzt jetzt (seit 1892) eine aus dem Nachlaß des sel. Dr. B. Zuckermann stammende Handschrift, welche drei Gutachten in deutscher Sprache gegen die Blutbeschuldigung enthält. Das erste derselben ist von R. Jonathan Eibeschütz verfaßt und trägt seine eigenhändige Unterschrift d.d. Altona 22. Dezember 1759. Die Eingangsworte des umfangreichen Aktenstückes, das ich in meinem Jahrbuch für 1897, S. 50-65, veröffentlicht habe, treten erst im Zusammenhang mit den im Text dargestellten Ereignissen in das rechte Licht. Sie lauten wie folgt: »Ich habe nicht allein mit dem größesten Verdruße sondern auch mit der größesten Wehmuth vernehmen müssen, wie daß sich einige Gottlose, Ehrvergessene Leute, so längstens aus der Jüdischen Synagoge verdammet worden, zusammen gerottet, und um ihre Laster zu Bedecken, die jüdische Nation Bey der Christlichen, Hohen Obrigkeit zu verkleinern und mit grundlosen, ja gantz falschen Sätzen aus jüdischen Büchern zu Behaupten gesucht, als wenn die jüdische Nation zu ihren haupt Ceremonien Christen-Blut von nöthen hätte. Es ist diese Beschuldigung so gottloß, daß man sich billig zu verwundern hat, wie der Erd Boden solche Leüte tragen Kan.« Darauf folgt dann in 36 weiteren Absätzen eine grundgelehrte Widerlegung der Beschuldigung. Sie endigt mit folgenden, in eigenhändiger deutscher Schrift hinzugefügten Worten: »Ich zweifle nicht, daß die Hochlöbl. Ober-Keit Dieses gnädig in Erwegung Zihen und auff das Falsche anbringen im geringsten nicht Reflectiren werde. Altona, 22. Dec. 1759. Jonas Nahen Eybschütz, Ober Rabiner der Juden-gemeine Altona nebst alle Juden, die im Königreich Denimarck siezhafft sind, auch der Judengemeinde Hamburg et Wadesbeck.« Dem Gutachten Eibeschützens schlossen sich Christian Benedikt Michaelis (s. über ihn A. D. B. Bd. 21, S. 676) und Johann Salomo Semmler (s. über ihn A. D. B. Bd. 33, S. 606), beide Professoren der Theologie in Halle, am 21. Februar 1760 an. Die letzteren beiden Gutachten habe ich in meinem Jahrbuch für 1893 S. 83-109 mitgeteilt. Über die Geschichte der Handschrift hat sich weiteres bisher nicht ermitteln lassen].


94 Schreiben des Abraham Zamosć an Emden d.d. 4. Nissan 1760 (שומש p. 84 a): רוש עשילא) רחא עשילא ןב איושרוו הכולמ ריעכ םיקיזאב רוסא אוהו ותד רימה (ןיטהרמ היהש ... אוה ילואו .ץישבייא ןבמ תרגא הארה רשא אוהו הנידמהו גרופשלוקינ ק"קד ברה הוצו ןיהרעמ תנידמב ררוגתמ הנידמ לכב הליל תניל ול תתל אלש םבחר. S. auch das. 84 b.


95 תוקבאתה, Abteilung ליסכה קוחש, Dr. Beer in Bondis שדק תפש יבתכ (Prag 1857) p. 78 f.


96 Frank und die Frankisten.


97 Über den eilfertigen Druck des יתלפו יתרכ 1757 s. Beer das.


98 תוקבאתה, p. 52 p. spricht sich Landau sehr entrüstet über Wolf Eibeschütz aus und bemerkt, er werde den alten Eibeschütz auffordern, diesem tollen Treiben seines Sohnes zu steuern, wo nicht, werde er ihn selbst nicht schonen. Einen solchen Brief richtete Landan tatsächlich an J. Eibeschütz; der 1867 verstorbene Rapoport hat ihn handschriftlich gesehen; s. Klemperer a.a.O. S. 134, Note 2.


99 Vgl. dazu Ezech. Landaus Supplik an Maria Theresia. Monatsschr. Jahrg. 1877, S. 20 f.


100 Es scheint wenig bekannt zu sein, daß sich auch Mendelssohn gegen die Sabbatianer und Frankisten in sehr verdammenden Ausdrücken ausgesprochen und ein schmeichelhaftes Schreiben darüber an Jakob Emden, d.d. 27. Tischri = 1. Oktober 1766, gerichtet hat, תוקבאתה p. 163. In Mendelsohns Briefsammlung ist dieses Schreiben nicht aufgenommen. Eibeschützens süßliches Schreiben an Mendelssohn (Kerem Chemed III, p. 224 f.) d.d. Ijar Mai 1761, als dieser sich in Hamburg verlobte, scheint eine captatio benevolentiae gewesen zu sein. Mendelssohn war in dieser Zeit nicht mehr der homo obscurus und verkehrte in Hamburg mit gelehrten Christen freundschaftlich. Es mag Eibeschütz daran gelegen haben, nachdem er durch die Apostasie der Frankisten diskreditiert war, Mendelssohn für sich einzunehmen oder wenigstens ihn nicht gegen sich zu haben.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1897], Band 10, S. 407.
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