4. Kapitel. Ansiedelung der Juden in England und Manasse Ben-Israel. (1655-57.)

[77] Vorurteil der Engländer gegen die Juden Manasse Ben-Israel, sein Charakter und sein Wissensumfang. Vorliebe christlicher Gelehrter für hebräische und rabbinische Literatur. Scaliger, Buxtorf, Maria Schurmann, Dorothea Moore, Hugo Grotius, Selden, Vossius. Schwärmer für die fünfte Monarchie, Apokalyptiker, Mochinger, Frankenberg, Jesse, Serrarius, la Peyrère. Die Puritaner. Cromwell, Holmes. Nikolas' Schutzschrift zugunsten der Juden. Montezinos und die verschollenen israelitischen Stämme in Amerika. Die Hoffnung Israels. Neue Märtyrer der Inquisition: da Silva = Eli Nazareno, Lope de Vero y Alarcon = Juda Creyente, de Castro Tartas. Manasse Ben-Israel knüpft mit dem englischen Parlament an. Felgenhauers Mystik. Samuel Ben-Israel Soeiro. Manasses Reise nach London und ehrenvoller Empfang durch Cromwell. Beratung in Whitehall wegen Zulassung der Juden. Gunst und Ungunst gegen dieselben. Prynnes judenfeindliche Schrift. Pamphlete gegen und für sie. Manasses Schutzschrift und ehrenvolle Entlassung. Heimliche Ansiedelung der Juden in England.


Gerade in derselben Zeit, als die Juden Polens zertreten, hingeschlachtet oder wie ein gescheuchtes Wild umhergetrieben wurden, erschloß sich wieder für die Judenheit ein Land der Freiheit, aus dem sie seit mehr als dritthalb Jahrhunderten verbannt waren. England, welches die kluge Königin Elisabeth und der mutige Protektor Cromwell zur ersten Macht Europas erhoben hatten, das eine ganz andere Bedeutung als das zusammenbrechende Polenreich hatte, ließ wieder Juden einziehen, zwar nicht durch das große Portal, sondern durch eine Hintertüre; aber diese Zulassung machte so viel von sich reden, daß sie einem Triumphe des Judentums glich. Sehnsüchtig blickten die Juden Amsterdams und Hamburgs nach diesem Insellande, dem sie so nahe waren, mit dessen Kaufherren, Schiffsmeistern und Gelehrten sie in Verbindung standen, und das ihnen einen weiten Spielraum verhieß. Aber ihre Ansiedlung daselbst schien auf unüberwindliche [77] Hindernisse zu stoßen. Die englische Hochkirche, welche das Zepter über die Gewissen führte, war noch viel unduldsamer, als der von ihr verfolgte Papismus. Sie gönnte den Katholiken und Dissidenten nicht die Luft zum Atmen, und sollte gar die Nachkommen derer dulden, welche in den neutestamentlichen Schriften so verlästert werden? Das englische Volk, welches seit Jahrhunderten keinen Juden gesehen hatte, teilte meistens die Antipathie der Geistlichkeit gegen sie. Es sah in jedem Juden einen Shylock, der mit Herzenslust den Christen Stücke Fleisch ausschneiden möchte, ein Ungeheuer in menschlicher Gestalt, welches das Kainszeichen an sich trage. Wer sollte es unternehmen, dieses große Vorurteil zu bannen, um Bevölkerung wie Herrscher günstig für die Nachkommen Israels zu stimmen?

Ein Mann unternahm und führte diese schwierige Aufgabe durch, der nicht zu den Geistern erster Größe gehörte, der aber das rechte Maß von Einsicht und Beschränktheit, von Willensstärke und Schmiegsamkeit, von Wissen und Phantasterei, von Selbstverleugnung und Eitelkeit besaß, welches zu einer so dornenvollen Unternehmung durchaus erforderlich war. Manasse Ben-Israel, zweiter oder dritter Rabbiner in Amsterdam, der in der Heimat nur eine Nebenrolle spielte, der arme Prediger, welcher, um die Seinigen zu ernähren, ein Nebengeschäft, eine Buchdruckerei, anlegen mußte, der aber auch davon so wenig Gewinn zog, daß er die Kanzelberedsamkeit mit kaufmännischer Spekulation vertauschen wollte und nahe daran war, nach Brasilien zu übersiedeln, er war es, welcher England für die Judenheit eroberte und die Vorurteile gegen seinen Stamm, wenn auch nicht bannte, so doch verminderte. Ihm allein gebührt dieses Verdienst, das nicht gering anzuschlagen ist, nur wenige Hilfsgenossen standen ihm dabei zur Seite. Die Erlösung der Juden aus ihrer tausendjährigen Verachtung und Zurücksetzung in der europäischen Gesellschaft, oder vielmehr das Ringen nach ebenbürtiger Gleichstellung beginnt mit Manasse Ben-Israel. Er war der Rießer des siebzehnten Jahrhunderts. Er war, wie gesagt, keine hervorragende Persönlichkeit und kann nur zu den Mittelmäßigen gezählt werden. Aber er hatte etwas in seinem Wesen, welches sehr anzog, eine gewinnende Freundlichkeit und Zugänglichkeit, die ihn befähigten, mit verschiedenen Kreisen zu verkehren, sich überall Freunde zu erwerben und keinen Feind zu haben. Er gehörte zu den glücklichen Naturen, welche in der Erscheinungswelt nicht die herben Gegensätze, die schrillen Mißklänge wahrnehmen und daher vertrauensselig und unternehmend sind. Sein Gemüt war tiefer als sein Geist. Seine starke Seite war gewandte Beredsamkeit, [78] Leichtigkeit der Darstellung und Ausarbeitung derjenigen Gedanken, die in seinem engen Gesichtskreise lagen, und die er mehr empfangen als aus sich selbst heraus erzeugt hatte. Manasse Ben-Israel umfaßte die jüdische Literatur, kannte auch die christliche Theologie in dem Stande, den sie zu seiner Zeit eingenommen hatte, und wußte genau, was sich über jeden Punkt sagen läßt, d.h. von Vorgängern gesagt worden ist. Dagegen hatte er von denjenigen Wissenszweigen, welche Geistesschärfe verlangen, von Philosophie und Talmudkunde, nur oberflächliche Kenntnis. Seine starke Seite war eben diese seine Schwäche. Die Leichtigkeit zu sprechen und zu schreiben verleitete ihn zur Vielsprecherei und -schreiberei. Wie er über 400 ausgearbeitete Predigten in portugiesischer Sprache hinterließ, so verfaßte er auch eine Menge Schriften, welche einen ganzen Katalog füllen, die jedoch die in denselben behandelten Themata nur oberflächlich lösen.

Zum Muster für seine Schriftstellerei hatte er sich Isaak Abrabanel genommen, dessen Urenkelin Rahel Soeira er geheiratet hatte. Auf diese Verbindung war Manasse nicht wenig stolz, weil er des festen Glaubens war, die Abrabanels stammten aus königlich davidischem Geblüte, und daß er dem davidischen Hause Nachkommen erhalte. Gleich Abrabanel arbeitete er ein Werk (Conciliador) aus, in welchem die Widersprüche in der heiligen Schrift gelöst und versöhnt werden sollten1; er ahmte ihn auch in der Form nach, nämlich eine Reihe von Fragen aufzuwerfen, um darauf die Lösung zu geben. Nur ist Manasses Darstellung, wenn auch eben so unbefriedigend, doch nicht so außerordentlich weitschweifig und langweilig. Der Amsterdamer Prediger richtete sein Augenmerk meistens auf dogmatische oder religiös-philosophische Punkte und bemühte sich nachzuweisen, daß die Thora in ihren Lehren durchgehends folgerichtig sei und keinen Widerspruch enthalte. Zu diesem Zwecke zog er massenhafte theologische Gelehrsamkeit herbei, um die tatsächlichen oder willkürlich aufgeworfenen Schwierigkeiten aufzuheben. In seiner Beantwortung von 180 Fragen im Pentateuch allein erfährt man aus seinem »Versöhner« wohl, was die großen jüdischen, christlichen und auch heidnischen Denker, die Talmudlehrer oder die »heiligen kabbalistischen Theologen« (wie er sie nennt) über diese und jene Punkte gedacht und geäußert haben, nur nicht, was er selbst Neues darüber gedacht hat. Der ganze Inhalt dieses so weitläufig angelegten Werkes ist für unsere Anschauung und unsern [79] Geschmack vollständig wertlos. Vieles darin ist geradezu unsinnig. Noch wertloser ist seine einige Jahre später verfaßte Schrift über die Auferstehung, worin er alles, was von den jüdischen und christlichen Vorgängern darüber geschrieben war, zusammengetragen hat. Manasse Ben-Israel war ein sehr dankbarer Leser; er nahm nicht bloß das Wahre auf, von welcher Seite es ihm auch zukommen mochte, sondern auch das Unwahre, Alberne, Unsinnige. Den Gespenstergeschichten der Mystiker schenkte er denselben Glauben, wie der Erzählung der Bibel. In die Kabbala und ihre Theorie von der Seelenwanderung war er förmlich vernarrt2. Das Gepräge der Unselbstständigkeit, der urteilslosen Kompilation und der Leichtgläubigkeit tragen alle seine scheinbar religionsphilosophischen Schriften3.

Indessen sahen seine Zeitgenossen Manasses Schriften mit anderen Augen an; die darin angehäufte Gelehrsamkeit aus allen Literaturgebieten und Sprachen und die Glätte der Form bestachen sie und erregten sogar ihre Bewunderung. Von den Juden wurde er außerordentlich gefeiert; wer nur irgendeinen lateinischen, portugiesischen oder spanischen Vers zustande bringen konnte, verkündete Manasses Lob. Aber auch christliche Gelehrte seiner Zeit überschätzten ihn.

In Holland, welches durch das Zusammentreffen vieler Umstände und namentlich durch die große Anregung des Königs der Philologen, Joseph Scaliger, gewissermaßen eine Hochschule geworden war, wurde im siebzehnten Jahrhundert der Grund zu jener staunenswerten Gelehrsamkeit gelegt, welche sich in umfangreichen Folianten ablagerte. Zu keiner Zeit hat es so viel Philologen mit frühreifer Gelehrsamkeit, mit eisernem Gedächtnisse und wunderbarer Hingebung für die Sprachwissenschaft gegeben, als in der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts, als wären sie eigens in die Welt gesetzt worden, um das so lange Vernachlässigte schnell einzuholen. Alles, was das Altertum an Schriftschätzen hinterlassen hat, wurde gesammelt und nutzbar gemacht; Staatsmänner wetteiferten darin mit Fachgelehrten. Es kam bei dieser Riesensammlung wenig auf Prüfung und Ermittlung [80] des Wahren und Haltbaren an, sondern lediglich auf massenhaftes Wissen. Die drei bevorzugten Sprachen des Altertums, Griechisch, Lateinisch und Hebräisch, und ihre Literatur gründlich zu verstehen, spornte den Ehrgeiz vieler an. Das Hebräische, als Sprache der Religion, genoß noch eines besonderen Vorzugs, und wer sie gleich den beiden andern verstand, war der Auszeichnung sicher. Joseph Scaliger, das Orakel der holländischen und überhaupt der protestantischen Theologen, hatte neben der hebräischen Sprache auch der sogenannten rabbinischen Literatur das Bürgerrecht verschafft und selbst den Talmud mit einer gewissen Achtung behandelt. Seine holländischen, französischen und englischen Jünger folgten seinem Beispiele und verlegten sich mit allem Eifer auf diesen, ein Jahrhundert vorher mit Verächtlichkeit oder mit einer gewissen Scheu behandelten Wissenszweig4.

Johannes Buxtorf, der Ältere, in Basel (geb. 1564, gest. 1639) hatte die Kenntnis des Hebräischen und Rabbinischen zu einer Art Meisterschaft gebracht und sie christlichen Kreisen zugänglich gemacht. Er führte mit jüdischen Gelehrten in Amsterdam, Deutschland und Konstantinopel eine lebhafte Korrespondenz in hebräischer Sprache. Selbst Damen verlegten sich damals auf die hebräische Sprache und Literatur. Das Wundermädchen Anna Maria Schurmann aus Utrecht, welches fast alle europäischen Sprachen und ihre Literatur kannte, korrespondierte in hebräischer Sprache mit Gelehrten und auch mit einer englischen Dame, Dorothea Moore, und zitierte mit Kennersicherheit Raschi und Ibn-Esra. Die exzentrische Königin Christine von Schweden, Gustav Adolphs gelehrte Tochter, verstand hebräisch. Ernstlich und eingehend beschäftigten sich auch damit Staatsmänner, der Holländer Hugo Grotius und der Engländer Johannes Selden, für ihre theologischen oder geschichtlichen Studien.

Aber zur Selbständigkeit hatten es christliche Gelehrte bei allem Eifer doch nicht in der rabbinischen Literatur gebracht; sie konnten ohne einen jüdischen Führer nicht gehen oder fühlten sich unsicher. Selbst Buxtorf, der gelehrteste Rabbinist seiner Zeit und der Lehrer aller folgenden, hielt sich einen Juden, namens Abraham, zur Unterweisung, und da dieser ohne gründliche Kenntnis war, führte er [81] auch seinen Brotherrn auf Irrwege. Daher waren den christlichen Forschern Manasse Ben-Israels Abhandlungen, welche viel rabbinische Belegstellen und neue Gesichtspunkte boten, außerordentlich willkommen. Sie waren ihnen durch seine faßliche Darstellung mundgerecht gemacht. Die holländischen Gelehrten suchten daher Manasse auf, bewarben sich um seine Freundschaft, hingen sozusagen an seinem Munde, legten daher allmählich die Vorurteile gegen die Juden ab, welche damals auch im tolerantesten Lande Europas die freisinnigsten Männer noch nicht losgeworden waren. Zunächst waren es solche wißbegierige Forscher, welche von der herrschenden Kirche verfolgt oder verketzert wurden, die sich an Manasse anschlossen. Die gelehrte Familie Vossius, selbst Johannes Gerhard Vossius (der Ältere), obwohl mit einer reichen Dosis Judenhaß versehen, war gegen ihn zuvorkommend. Sein Sohn, Dionysius Vossius, ein Wunder der Gelehrsamkeit, obwohl im achtzehnten Jahre vom Tode ereilt, übersetzte in seinem Todesjahre Manasses »Versöhner« (Conciliador) kurz nach dem Erscheinen desselben ins Lateinische. Isaak Vossius, der jüngste Sohn, welcher bei der Königin von Schweden ein Ehrenamt bekleidete, empfahl ihr Manasse Ben-Israel. Durch diese Familie wurde er auch mit dem gelehrten Staatsmanne Hugo Grotius bekannt, der ebenfalls von ihm lernte. Das Haupt der Arminianer, Simon Episcopius, suchte Manasses Umgang auf und noch mehr Caspar Barläus, der als Socinianer, d.h. als Leugner der Dreieinigkeit, von orthodoxen Christen gemieden war. Er schmiegte sich eng an Manasse an und verherrlichte ihn in lateinischen Versen, wofür er nur noch mehr angefeindet wurde, weil er das jüdische Glaubensbekenntnis dem christlichen gleichgestellt hatte. Auch der gelehrte Jesuit Petrus Daniel Huet pflog Freundschaft mit ihm; aber dieser Fanatiker liebte das Exzentrische, haßte das Licht vernünftigen Denkens und glaubte an Manasse Ben-Israel einen Gleichgesinnten gefunden zu haben. Nach und nach erlangte der Chacham und Prediger von Amsterdam unter den Christen einen solchen Ruf, daß jeder durch Amsterdam reisende Gelehrte ihn als eine außerordentliche Persönlichkeit aufsuchte. Auswärtige wechselten Briefe mit ihm und ließen sich von ihm über dunkle Punkte Auskunft erteilen. Als die Frage angeregt wurde, ob das Zeugnis des Geschichtsschreibers Josephus von Jesus echt oder untergeschoben sei, wurde er von dem gelehrten Deutschen Christophor Arnold in Leyden um seine Meinung darüber angefragt. Manasse äußerte sich aber ausweichend, weil er sich's überhaupt zum Grundsatze gemacht hatte, über alles, was das Christentum [82] betraf, ein kluges Schweigen zu beobachten5. Mit der Königin Christine von Schweden hatte Manasse eine Unterredung, worin er ihr Wohlwollen für die Juden und ihre Gunst für die jüdische Literatur anregte6. So hoch stellten manche Christen Manasse Ben-Israel, daß sie den Wunsch nicht unterdrücken konnten, diesen so gelehrten und charaktervollen Rabbinen für das Christentum gewonnen zu sehen.

Am meisten drängten sich an Manasse Ben-Israel christliche Schwärmer heran, welche von dem Eintreten des fünften Reiches, der Herrschaft der Heiligen (nach der Sprache Daniels) träumten. Der bluttriefende dreißigjährige Krieg, welcher Eigentum und Leben der Rohheit wilder Landsknechte überliefert hatte, die tyrannische Unterdrückung der nach innerlicher Befreiung und Sittlichkeit ringenden Gläubigen – in England durch die Bischöfe und das weltliche Regiment und in Frankreich durch die Despotie Richelieus – erweckten in schwärmerischen Männern die Gedankenreihe, daß die vom Buche Daniel und der Apokalypse verkündete messianische Zeit des tausendjährigen Reiches nahe und daß die Kriegsnöte nur die notwendigen Vorläufer der Gnadenzeit seien. Diese phantastischen Schwärmer zeigten sich den Juden sehr günstig; sie mochten diese große Veränderung nicht ohne Teilnahme derer sich vollziehen lassen, an die doch eigentlich die Verkündigungen zuerst ergangen seien. Sie gaben demnach zu, daß die Juden wieder Besitz vom heiligen Lande nehmen müßten, was sich aber nicht so leicht, selbst nicht durch Wunder erringen ließe. Denn dazu müßten zuerst die verschollenen Zehnstämme wieder aufgefunden und versammelt werden, wenn die prophetischen Worte nicht zur Erde gefallen sein sollten. Sodann müßten die zur Besitznahme des heiligen Landes versammelten Stämme doch ihren Messias haben, einen Sproß vom Stamme Isaïs. Aber was sollte dann aus Jesus, als Christus, d.h. als Messias werden, an den doch die Juden schlechterdings nicht glauben wollten? Auch diese Zugeständnisse machten einige Enthusiasten des fünften Heiligen-Reiches zugunsten der Juden, ihnen einen eigenen Messias einzuräumen in der Erwartung, daß sich der Rangstreit zwischen dem jüdischen und christlichen Heiland und Erlöser gegebenenfalls würde ausgleichen lassen.

Solche apokalyptische Schwärmereien fanden in Manasse Ben-Israels Herzen eine widerhallende Saite, Erwartete doch auch er, [83] wenn auch nicht das tausendjährige Reich der Heiligenherrschaft, so doch, nach kabbalistischer Verkündigung, das baldige Eintreffen der Messiaszeit. Der Sohar, das auch von ihm als göttlich verehrte Buch, sagte mit unzweideutigen Worten, daß die Gnadenzeit für Israel ganz bestimmt mit dem Jahre 5408 der Welt (1648) anfangen werde7. Manasse war, wie schon gesagt, vor allem in seinem innersten Wesen Mystiker, seine klassische und literarische Bildung war bei ihm nur äußerer Anflug und tat seiner Wundergläubigkeit keinen Abbruch. Glücklich machte ihn daher das Schreiben eines christlichen Schwärmers aus Danzig an ihn, welches mit Überzeugung die Hoffnung der Juden auf Wiederherstellung ihres ehemaligen Glanzes aussprach. Johannes Mochinger, aus einem alten Tiroler Adelsgeschlechte, der in den Strudel der Mystik geraten war, schrieb an Manasse Ben-Israel unter Lobeserhebung über seine Gelehrsamkeit: »Von mir mögest du wissen und überzeugt sein, daß ich eure Glaubenslehren gebührend würdige und mit anderen Glaubensgenossen eifrig wünsche, daß Israel endlich vom wahren Lichte bestrahlt werden und sich des alten Ruhmes und Heiles erfreuen möge«8. Später trat ein anderer deutscher Mystiker aus Danzig mit dem kabbalistischen Chacham von Amsterdam in Verbindung, Abraham v. Frankenberg9, ein Edelmann aus der Gegend von Öls (Schlesien), ein Jünger Jakob Böhmes. Dieser sagte ihm rund heraus: »Das wahre Licht wird von den Juden kommen; ihre Zeit ist nicht mehr fern. Von Tag zu Tag wird aus verschiedenen Gegenden Wunderbares gehört werden, das für sie eintreffen wird, und alle Inseln werden mit ihnen jauchzen.« In seiner nächsten Nähe hatte Manasse zwei christliche Freunde, welche enthusiastisch für Israels Glorie schwärmten, Heinrich Jesse und Petrus Serrarius. – In Frankreich lebte damals im Dienste des Herzogs Condé ein Schwärmer eigener Art, Isaak la Peyrère aus Bordeaux, ein Hugenotte, vielleicht gar von jüdischmarranischem Blute. Er hatte den drolligen Einfall, daß es noch vor [84] Adam Menschen gegeben habe, von denen alle Völker, mit Ausnahme der Juden, abstammten (Präadamiten). In einem Buche, das er darüber schrieb (1655) und das ihn in die Kerker der Inquisition brachte, legte er den Juden große Wichtigkeit für die Zukunft bei. In einer anderen Schrift: »Von der Heimkehr der Juden« (Rappel des Juifs) setzte Isaak la Peyrère auseinander, daß die Juden von allen Enden der Welt aus ihrer Zerstreuung berufen werden müßten, um zeitlich in das heilige Land zurückzukehren. Der König von Frankreich, als ältester Sohn der Kirche, habe den Beruf, den ältesten Sohn Gottes, Israel, in das gelobte Land zurückzuführen10. Auch er trat mit Manasse in Verbindung.

Am meisten warme Verehrer des »Gottes-Voltes« gab es damals in England und zwar unter denen, die ein gewichtiges Wort im Rate und im Lager zu sprechen hatten. In einer Zeit, in der die Deutschen wegen Bekenntnisspaltung einander zerfleischt, die Einmischung des Auslandes herbeigerufen und beides, Freiheit und Macht, eingebüßt hatten, errang sich England, was ihm nimmermehr geraubt werden konnte, religiöse und zugleich politische Freiheit, und diese machte es zum mächtigsten und glücklichsten Lande. In Deutschland verlangten sämtliche Religionsparteien, Katholiken, Lutheraner und Calvinisten, in selbstsüchtiger Verblendung jede nur für sich Religionsfreiheit, für die anderen dagegen hatten sie nur Druck und Verfolgung. Diese Selbstzerfleischung der Deutschen benutzten ihre Fürsten zur Befestigung ihrer despotischen Gewalt. In England herrschte zwar unter den Episkopalen, Presbyterianern und Katholiken dieselbe Selbstsucht; aber es erhob sich eine vierte Partei, welche vollständige Religionsfreiheit für alle auf ihre Fahne schrieb. Dieser gesinnungstüchtigen und kernigen Partei, den so ungerecht verschrieenen Puritanern, hatten der kopflose Despotismus Karls I. und die Engherzigkeit des langen Parlaments die Herrschaft in die Hände gespielt. England glich damals auch wie Deutschland einem großen, blutgetränkten Schlachtfelde; aber es hatte Männer erzeugt, welche wußten, was sie wollten, dafür ihr Leben einsetzten und daher eine Wiederverjüngung des Volkes bewirkten. Oliver Cromwell war zugleich der Kopf, welcher richtige Gedanken ersann, und der Arm, der sie verwirklichte. Mit dem Schwerte erkämpfte er und das ihm anhangende Heer Religionsfreiheit nicht nur für sich, sondern auch für andere. Er und seine Offiziere [85] waren allerdings nicht racheerfüllte, beutesüchtige und blutdürstige Landsknechte, sondern gehobene, geisterfüllte Gottesstreiter, welche zugleich gegen die Bosheit und Falschheit des Herzens zu Felde zogen und eine sittliche Weltordnung, einen Gottesstaat, herbeiführen zu können träumten und herbeizuführen unternahmen. Wie einst die Makkabäer, hatten die puritanischen Krieger »das Schwert in der Hand und Gottes Preis im Munde«. Cromwell und seine Soldaten lasen ebenso oft die Bibel, als sie kämpften Aber nicht aus dem neuen Testamente konnten die »Rundköpfe« ihre Begeisterung und ihren Kriegsmut schöpfen, sondern lediglich aus dem alten. Die christliche Bibel mit ihren essäisch-mönchischen Gestalten, ihren Teufelsbeschwörern, ihren Betbrüdern und himmelnden Heiligen bot keine Musterbilder für Krieger, welche einen wortbrüchigen König, eine falsche Aristokratie und unheilige Priester bekämpfen mußten. Nur die großen Heldengestalten des alten Testaments, welche Gottesfurcht im Herzen und das Schwert in der Hand hatten, diese zugleich nationalen und religiösen Streiter, konnten den Puritanern als Vorbild dienen: die Richter, welche das unterdrückte Volk vom Joche der Fremdherrschaft befreiten; Saul, David, Joab, welche die Feinde ihres Landes zu Paaren trieben; Jehu, der einem götzendienerischen und lasterhaften Königshause ein Ende machte, das waren die Lieblingsgestalten der puritanischen Krieger. In jedem Verse der biblischen Schriften Josua, Richter, Samuel und Könige sahen sie ihre eigene Lage abgespiegelt, jeder Psalm schien eigens für sie gedichtet zu sein, wie sie, von gottlosen Feinden rings umgeben, durch ihr Gottvertrauen die Heerscharen nicht zu fürchten brauchten. Oliver Cromwell kam sich wie der Richter Gideon vor, der anfangs nur zaudernd der Gottesstimme folgte, dann aber mutig die Scharen der anstürmenden Heiden zerstreute, oder wie Juda Makkabi, der aus einer Handvoll Märtyrer siegreiche Streiter machte11.

Sich in die Geschichte, die Prophezeiung und die Poesie des alten Testaments vertiefen, sie als Ausfluß göttlicher Offenbarung verehren, darin mit allen Regungen des Herzens leben, und das Volk, den Träger und Erzeuger aller dieser Herrlichkeit und Größe, nicht als besonders [86] bevorzugt und auserkoren halten, war unmöglich. Unter den Puritanern gab es daher ernstliche Bewunderer des »Volkes Gottes«, und Cromwell gehörte auch dazu. Es schien ihnen ein staunenswertes Wunder, daß dieses Volk, welches Gott durch große Gnade und harte Züchtigung so sehr ausgezeichnet hat, daß dieses Volk, oder ein Rest desselben, noch existierte. Der Wunsch regte sich in ihrem biblisch gestimmten Herzen, dieses lebendige, wandelnde Wunder, Juden, mit eigenen Augen zu sehen, es in die, in England zu errichtende, Gottesgemeinde hineinzuziehen und ihr damit gewissermaßen das Siegel aufzudrücken. Bezeichnend für die Gefühle, welche die Puritaner gegen die Juden hegten, ist die Äußerung Oliver Cromwells: »Groß ist mein Mitleiden mit diesem armen Volke (der Juden), welches Gott erwählt und dem er sein Gesetz gegeben hat; Jesus verwerfen sie, weil sie ihn nicht als Messias anerkennen«12. Cromwell träumte von einer Versöhnung des alten und neuen Testamentes, von einer innigen Verbindung des jüdischen Gottesvolkes und der englisch-puritanischen Gottesgemeinde. – Andere Puritaner hatten sich aber so sehr in das alte Testament hineingelesen, daß das neue ihnen vollständig entschwunden war. Besonders die Schwärmer für die fünfte Monarchie oder das tausendjährige Reich der Heiligen, welche sich in Cromwells Heer und unter den Parlamentsmitgliedern befanden, wiesen dem jüdischen Volke eine glänzende Stelle in dem erwarteten tausendjährigen Reiche zu. Ein puritanischer Prediger, Nathanael Holmes (Homesius), wünschte geradezu nach dem Buchstaben mancher Prophetenverse der Knecht Israels zu werden, und ihm auf den Knieen zu dienen13. Je mehr die Spannung in England durch die Gefangennehmung des Königs, durch die Spaltung zwischen dem presbyterianischen langen Parlamente und dem puritanischen Heere, durch den Bürgerkrieg, endlich durch die Hinrichtung des Königs Karl I. und die Konstituierung Englands zu einer Republik zunahm, desto mehr erhielten das öffentliche Leben und die Kirchenpredigten einen sozusagen israelitischen Anstrich. Es fehlte nur noch, daß die Parlamentsredner hebräisch sprachen, so hätte man sich nach Judäa versetzt glauben können. Ein Schriftsteller schlug geradezu vor, den Sabbat statt des Sonntags zum Ruhetag zu erwählen und wies in einer Schrift die Heiligkeit dieses Tages und die Verpflichtung der Engländer ihn zu feiern nach (Anfang 1649). Das [87] Parlament verurteilte zwar diese Schrift als ketzerisch, skandalös und profan zum Verbrennen und Drucker wie Verfasser zur Strafe14. Aber dadurch wurde die israelitische Stimmung bei den Puritanern und namentlich den Levellern (Ultrarepublikanern) nicht unterdrückt. Manche hatten gewünscht, daß die Staatsgesetze die Thora geradezu zur Norm für England erklären sollten15.

Mit pochendem Herzen folgte Manasse Ben-Israel diesen Vorgängen auf der britischen Insel, welche die baldige Verherrlichung Israels in nebelhafter Nähe verhießen. Sollten diese Stimmen nicht die Nähe des Messiasreiches verkünden? Er hoffte es und entwickelte eine fieberhafte Tätigkeit, um diese Zeit herbeiführen zu helfen. Er hegte dabei einen eigentümlich schwärmerischen Gedankengang. Der Messias könne nicht eher erscheinen, ehe sich nicht die Strafe für Israel vollzogen habe, daß es von einem Ende der Erde bis zum andern zerstreut sein werde. Nun lebten damals keine Juden in England. Es müßte daher daran gearbeitet werden, den Juden die Erlaubnis zum Wohnen in England zu erwirken, damit bei der Ankunft des Messias dieses Hindernis beseitigt sei. Er setzte sich daher mit einigen angesehenen Personen in Verbindung, welche ihm versicherten, daß »die Gemüter der Menschen in jener Zeit den Juden günstig wären und daß sie den Engländern angenehm und willkommen sein würden«. Was ihn besonders zu freudigem Hoffen berechtigte, war eine Schutzschrift unter dem Namen eines einflußreichen Christen, Edward Nikolas, ehemaligen Sekretärs im Parlamente16: »Für die edle Nation der Juden und die Söhne Israels«17 In dieser Schrift, [88] welche der Verfasser dem langen Parlamente gewidmet hat, werden die Juden durchweg als das auserwählte Volk Gottes mit einer Zärtlichkeit behandelt, woran sie bis dahin gar nicht gewöhnt waren. Er hielt es daher zum Schluß für nötig zu beteuern, daß er sie nicht auf Betrieb der Juden, sondern aus Liebe zu Gott und seinem Vaterlande geschrieben habe. Die Meinung des Apologeten war, die gehäuften Leiden, über England durch den Religions- und Bürgerkrieg hereingebrochen, seien eine gerechte Strafe dafür, daß die Engländer die Heiligen und Lieblinge Gottes, d.h. die Juden, verfolgt hätten, und es sei eine dringende Mahnung, diese große Sünde durch Zulassung und brüderliche Behandlung derselben wieder gut zu machen. Die Bevorzugung und Auserwähltheit Israels belegt der Verfasser mit zahlreichen Bibelversen. Er beruft sich auf einen Prediger, welcher im Parlamente geäußert hat, anknüpfend an den Vers: »Rühret meine Gesalbten nicht an und mißhandelt nicht meine Propheten«, daß das Wohl und Wehe der Welt von der guten oder schlechten Behandlung des Gottesvolkes abhänge. Gott habe dieses Volk vermöge seines geheimen Ratschlusses bis auf den heutigen Tag erhalten, und eine glorreiche Zukunft sei ihm vorbehalten. »Daher ist es unsere Pflicht, alles mögliche aufzubieten, um die Juden zu begünstigen, zu trösten, soweit es angeht, ihnen Genugtuung für ihr unschuldiges Blut zu geben, das in diesem Reiche vergossen wurde, und sie mit uns in Freundschaft und Verkehr zu einigen.« Diese Schrift nimmt auch die Juden gegen die Beschuldigung in Schutz, Jesum gekreuzigt zu haben. Jesu Tod sei nur auf Betrieb der Synhedristen und nicht des Volkes erfolgt. Mit den eindringlichsten Worten legt sie den Engländern ans Herz, »die betrübten und unglücklichen Juden zu trösten«. Am meisten würden wohl der Papst und seine Anhänger über die brüderliche Behandlung der Juden empört sein, sie, welche noch immer Grausamkeiten und Demütigungen über das Volk Gottes verhängten. Die Päpste zwängen die Juden ein Schandzeichen zu tragen und die Katholiken jede Berührung mit ihnen zu vermeiden, weil die Juden Götzen und heidnischen Kultus verabscheuten.

Diese mehr als judenfreundliche, geradezu judenverherrlichende [89] Schrift machte das größte Aufsehen in England und Holland. Manasse Ben-Israel war entzückt davon, er glaubte dem Ziele nahe zu sein, zumal ihm sein Freund Holmes gleich darauf schrieb, er selbst bereite eine Schrift über das tausendjährige Reich vor, worin er die hohe Bedeutung der Juden für die einstige Gestaltung der Zukunft hervorheben werde18. Manasse Ben-Israel machte sich sogleich ans Werk, dieses Ziel seinerseits herbeizuführen. Er wie die christlichen Mystiker in England trug jedoch eine Sorge im Herzen, was denn aus den verschollenen Zehnstämmen, die der assyrische König Salmanassar verbannt habe, geworden sei? Eine Wiederherstellung des jüdischen Reiches ohne diese Zehnstämme schien unmöglich, ja die Beglaubigung der prophetischen Verheißungen war davon bedingt. Die Vereinigung von Juda und Israel, welche manche Propheten so eindringlich verkündet hätten, bliebe unerfüllt, wenn die Zehnstämme untergegangen sein sollten. Manasse lag also unendlich viel daran, das Vorhandensein derselben irgendwo nachweisen zu können.

Glücklicherweise war Manasse Ben-Israel in den Stand gesetzt, den Fundort einiger der Zehnstämme anzugeben. Einige Jahre vorher hatte ein jüdischer Reisender, Montezinos, mit einem feierlichen Eide versichert, in einer Gegend Südamerikas eingeborne Juden vom Stamme Rëuben gesehen und mit ihnen verkehrt zu haben. Die Umstände, mit denen er es erzählte, spannten die Neugierde und machten die Zeitgenossen zum Glauben geneigt. Antonio de Montezinos war ein Marrane, welchen Geschäfte oder Reiselust nach Amerika geführt hatten. Dort war er auf einen Indianer-Mestizen gestoßen, welcher in ihm eine Ahnung erweckte, daß in Amerika Stammesgenossen lebten, welche von den Indianern ebenso verfolgt und unterdrückt worden wären, wie diese von den Spaniern. Ehe er noch diese Spuren verfolgen konnte, wurde Montezinos in Cartagena von der auch in Amerika wütenden Inquisition wegen Anhänglichkeit an das Judentum in den Kerker geworfen. Später befreit, lag es ihm am Herzen, sich Gewißheit darüber zu verschaffen. Er suchte den Indianer-Mestizen Francisco del Castillo auf, fand ihn zum Glücke und bewog ihn, nachdem er sich als Abkömmling von Abraham und Israel zu erkennen gegeben hatte, ihm mehr über die verborgen wohnenden unterdrückten Stämme mitzuteilen. Darauf führte ihn der Indianer nach mehreren Tagemärschen an das Ufer eines Flusses, auf welchem ein Nachen mit drei Männern und einer Frau sich ihnen näherte. Montezinos [90] gab sich durch das inhaltsvolle Glaubensbekenntnis: »Höre Israel, Gott ist einzig« als Juden zu erkennen, und sofort teilten die Personen im Nachen ihm durch Zeichen und durch Verdolmetschung des spanischen Indianers mit, daß sie vom Stamme Rëuben herkämen, ferner daß auf einer Insel zwei Stämme Joseph wohnten, daß die Zeit nahe sei, in der sie aus ihren Schlupfwinkeln heraustreten würden, und noch anderes. Nach und nach seien ungefähr 300 sogenannte israelitische Indianer auf Nachen zu Montezinos gekommen und hätten immer dasselbe durch Worte und Zeichen ausgesagt. Das, was er von ihnen habe herausbringen können, habe er von dem Mestizen und auch von anderen Genossen erfahren, daß israelitische Stämme zuerst in diese Gegend und erst später Indianer mit ihren Kaziken und Mohanen (Zauberern) gekommen wären. Diese hätten die betörte Menge überredet, gegen die Israeliten zu Felde zu ziehen und sie zu mißhandeln. Der Feldzug sei aber zuletzt unglücklich ausgefallen, und die Mohanen selbst wären dadurch zum Geständnis gebracht worden. der Gott der Söhne Israels sei der wahre Gott, und diese würden am Ende der Zeiten Herren aller Länder werden.

Diese überraschende Neuigkeit hatte Antonio de Montezinos oder als Jude Aaron Levi nach Amsterdam gebracht und sie unter Beteuerung der Wahrheit vielen Personen und auch Manasse Ben-Israel erzählt (um 1644). Später war er nach Brasilien gewandert und dort gestorben. Auf dem Totenbette hatte er die Nachrichten von dem Vorhandensein einiger israelitischer Stämme in Amerika wiederholentlich beteuert19. Manasse Ben-Israel war von der Aussage desselben fest überzeugt und legte sie einer Schrift, »Die Hoffnung Israels«, zugrunde, welche er eigens verfaßte, um die messianische Zeit anzubahnen. Die Zehnstämme waren nach seiner Annahme bis nach der Tatarei und China zerstreut worden und von da könnten einige Gruppen nach dem amerikanischen Festlande gekommen sein. Einige Anzeichen und gewisse, unter den Indianern angetroffene, den jüdischen ähnliche Sitten und Bräuche schienen ihm dafür zu sprechen. Die prophetische Verkündigung von der Unvertilgbarkeit des israelitischen Volkes hätte sich demnach bewährt, und noch mehr, auch unter den Stämmen in den Cordilleren soll sich unbewußt ein dunkles Gefühl, daß die Zeit der Erfüllung nahe sei, geregt haben; sie wären bereit, aus ihrem Versteck herauszutreten und sich mit den andern zu vereinigen. Die Zeit der [91] Erlösung, die man zwar nicht im voraus berechnen könne und in deren Berechnung so viele geirrt hätten – diese Zeit schiene sich doch endlich zu nähern. Mehrere Vorzeichen sprächen dafür. Haben sich doch die Strafandrohungen der Propheten für Israel in so schrecklicher Weise erfüllt, warum sollten sich nicht auch ihre Hoffnung erweckenden Verheißungen bewähren. »Welche unsägliche Grausamkeit verhängte und verhängt noch täglich das Ungeheuer der Inquisition über arme Unschuldige des jüdischen Stammes, Große und Kinder jeden Alters und Geschlechts? Aus welchem Grunde? Weil sie vom Gesetze Moses nicht lassen können, das unter so vielen Wundern offenbart wurde. Dafür sind unzählige Menschen umgekommen in allen Orten, wo sich das tyrannische Reich der Inquisition verbreitet. Und täglich bewähren noch Märtyrer eine unglaubliche Standhaftigkeit, sie lassen sich lebendig verbrennen, um den Namen Gottes zu heiligen.«

Manasse zählte darauf die Autodafés gegen Marranen und andere das Judentum bekennende Märtyrer auf, welche zu seiner Zeit vorgekommen sind. Im Jahre 1632 ließ Philipp IV. von Spanien in Madrid ein großes Menschenopferfest im Beisein des Hofes und der Gesandten feiern. In dem Hause eines alten Ehepaares, Miguel Rodriguez und Isabel Alvarez, waren Marranen heimlich zu einem Gebete zusammengekommen. Verraten, wurden 53 von der Inquisition verurteilt, sieben zum Tode auf dem Scheiterhaufen und die übrigen meistens zu ewiger Kerkernacht. Um diese Grausamkeit von allen gebilligt zu sehen, wurde verbreitet, die verfluchten Juden hätten ein Jesusbild mißhandelt. Das Haus, welches als Synagoge gedient haben soll, wurde geschleift und an seiner Stelle ein Kloster gebaut – noch eines mehr zu den hundert Klöstern der Hauptstadt. Unter den lebendig Verbrannten waren mehrere schwache Frauen und unter den Eingekerkerten ein kaum zwölfjähriges Mädchen20. Manasse Ben-Israel übergeht das Autodafé in Valladolid vom 22. Juni [92] 1636, wo unter 28 Verdammten zehn Judaisierende waren21. Einige Jahre später (23. Januar 1639) wurden in Lima, Hauptstadt von Peru (erzählt er aus seiner Zeit), 72 zum Autodafé verurteilt, darunter 63 Juden, und drei, weil sie den Verkehr der Gefangenen untereinander erleichtert hatten. 17 Marranen wurden als Unbußfertige dem weltlichen Arm überliefert, d.h. lebendig verbrannt, darunter ein Marrane, dessen Bekenntnis und Märtyrertum ein gewisses Aufsehen gemacht hatten. Francisco Maldonadda Silva, ein Arzt in Lima, hatte den Mut, sich nicht bloß öffentlich zum Judentum zu bekennen, sondern es auch zu predigen, er lebte wie ein Nasaräer, ohne Wein- und Fleischgenuß und nannte sich Eli Nazareno. Freilich hat das Inquisitionstribunal einen solchen Frevel nicht ungeahndet hingehen lassen; es sperrte ihn zuerst ein, ließ ihn vierzehn Jahre im Kerker sitzen und veranstaltete von Zeit zu Zeit Bekehrungsdisputationen mit ihm. Die unwissenden peruanischen Geistlichen waren natürlich der Schriftgelehrsamkeit Elis nicht gewachsen, und so blieb nichts übrig, als ihn durch den Qualm des Scheiterhaufens stumm zu machen22. In demselben Jahre erlitt in Mexiko ein Marrane, Thomas Terbinjo (Termiño de Sobremonte?) das Märtyrertum mit großer Standhaftigkeit23. – Manasse Ben-Israel führte auch als Beispiel für die Hingebung an das Judentum den Märtyrertod eines christlichen Adligen an, welcher ohne Furcht vor den Flammen der Inquisition den Glauben an Jesus öffentlich aufgab. Don Lope de Vera y Alarcon von San-Clemente aus einem altadligen Geschlecht hatte in Salamanca studiert und wurde durch die hebräische Literatur für das Judentum begeistert. Die Psalmen in hebräischer Sprache waren die Nahrung seiner Seele. Mit dem Mute eines Ritters und Weisen sprach der zwanzigjährige Jüngling seine gewonnene Überzeugung aus. Die Inquisition ließ ihn in die Sicherheit des Kerlers in Valladolid bringen und ihm sogar einen Knebel in den Mund stecken, damit er nicht lästerliche Worte gegen das Christentum ausstieße. Vergeblich waren trockene Disputationen von Geistlichen [93] und die flehentlichen Bitten seiner Eltern; er blieb fest. Er wollte nicht mehr nach seinem adligen Namen, sondern Juda, der Gläubige, genannt werden. Nachdem er mehrere Jahre im Kerker zugebracht, wurde er dem Feuer übergeben (25. Juli 1644). Inmitten der Flammen vernahmen die Zuhörer schaudernd aus seinem Munde den Psalmvers: »In deine Hand, o Gott, empfehle ich meinen Geist.« Der Inquisitor Moscoso war von der Standhaftigkeit dieses Märtyrers betroffen und schrieb darüber an eine Gräfin, niemals habe man einen solchen Drang zum Sterben, ein solches Vertrauen auf Seligkeit gesehen, wie bei Lope. Er mußte immer den Knebel im Munde haben, damit er nicht, wie er es tat, den katholischen Glauben schmähe und Moses Gesetz verherrliche. Man hat noch nie eine solche Festigkeit gesehen, wie bei diesem Jüngling24.

Eine große Aufregung verursachte unter den holländisch-jüdischen Portugiesen der Feuertod eines 25 jährigen marranischen Jünglings, welcher in der lateinischen und griechischen Literatur belesen war. Isaak de Castro-Tartas, in der Gascogne in einem Städtchen Tartas geboren, war mit seinen Eltern nach Amsterdam gekommen. Vom Eifer erglüht, die noch im Christentum verharrenden Marranen zum Judentum zurückzuführen, schickte er sich an, nach Brasilien zu reisen. Vergebens hatten ihn Eltern und Freunde vor diesem tollkühnen Schritte gewarnt. In Bahia wurde er von den Portugiesen gefangen, als Jude erkannt, nach Lissabon geschickt und der Inquisition überliefert. Ihr stand nicht einmal das formelle Recht über Isaak de Castro zu, da er als holländischer Bürger in Gefangenschaft geraten war. Das Tribunal versuchte es zuerst, ihn zum Abschwören des Judentums zu bewegen; aber es war vergebliche Mühe. Der junge de Castro-Tartas hatte es darauf abgesehen, den Märtyrertod zur Verherrlichung seines Bekenntnisses mannhaft zu bestehen. Er wurde gewissermaßen mit dem Glanze zum Tode geführt, wie er es gewünscht hatte. In Lissabon wurde für ihn und noch mehrere Schlachtopfer ein Scheiterhaufen angezündet (22. Dez. 1647)25. Auch er rief aus den Flammen [94] heraus: »Höre Israel, Gott ist einzig,« mit so ergreifender Stimme, daß die Zeugen des schrecklichen Schauspiels in tiefster Seele davon erschüttert waren. Mehrere Tage sprach man in der Hauptstadt von nichts, als von der schauerlichen Stimme des Märtyrers Isaak de Castro-Tartas und seinem bis zum letzten Hauche ausgestoßenen Schemà. Mit Schauer erzählte es einer dem andern. Die Inquisition mußte mit Androhung schwerer Strafe das Aussprechen von Schemà verbieten. Es soll auch damals in Lissabon beschlossen worden sein, künftighin nicht mehr jüdische Ketzer lebendig zu verbrennen26.

Der Eindruck, den die Nachricht von dem aufeinanderfolgenden Flammentode junger Dulder auf die Amsterdamer Gemeinde machte, war betäubend. De Castro-Tartas hatte Eltern, Verwandte und Freunde in Amsterdam und war wegen seiner Kenntnisse und seines Charakters beliebt. Der Rabbiner Saul Morteira hielt eine beklemmende Gedächtnisrede auf seinen Tod. Die Dichter beweinten und verherrlichten ihn in hebräischen und spanischen Versen27.

Unter diesem Eindruck der Nachrichten von den neuen Greueltaten der Inquisition gegen die Juden schrieb Manasse Ben-Israel seine »Hoffnung Israels«. Man fühlt beim Lesen noch den Schmerz nachzittern. In der Tat, wenn Märtyrer die Wahrheit und Haltbarkeit der Sache, für die sie geblutet haben, beweisen könnten, so brauchte das Judentum keinen weiteren Beweis. Denn kein Volk und keine Religion der Erde hat deren so viele und so standhafte geliefert. Manasse bediente sich dieses Beweises, um die Schlußfolgerung daraus zu ziehen, daß wie die gehäuften Leiden sich auch die so fest verheißene Erlösung und Wiedergeburt des Gottesvolkes erfüllen werde. Diese Abhandlung über das Vorhandensein der Zehnstämme und die daran geknüpfte Hoffnung überreichte er in lateinischer Sprache28 einer hochgestellten [95] und gelehrten Persönlichkeit in England, um sie dem unter Cromwells Einfluß stehenden Parlamente und dem Staatsrate vorzulegen. In einem Begleitschreiben setzte Manasse dem Parlamente seine Lieblingsschrulle auseinander, daß der Rückkehr der Juden ins Stammland – wozu die Zeit doch so nahe sei – ihre allgemeine Zerstreuung vorangehen müsse. Die Zerstreuung soll nach den Worten der Schrift von einem Ende der Erde bis zum andern stattfinden, darunter sei die Insel England zu verstehen, welche im äußersten Norden der bewohnten Welt liege. Da aber seit mehr denn 300 Jahren keine Juden in England wohnen, so knüpft er daran die Bitte, der Staatsrat und das Parlament möchten den Juden die Erlaubnis erteilen, nach England überzusiedeln, dort freie Religionsübung halten und Synagogen bauen zu dürfen (1650)29. Aus seinen messianischen Hoffnungen machte Manasse kein Hehl, weil er darauf rechnete und rechnen durfte, daß die »Heiligen« oder die Puritaner selbst das »Einsammeln des Gottesvolkes« in seiner Urheimat wünschten und zu helfen und zu fördern geneigt waren. Er deutete auch in seinem Schreiben an, daß er entschlossen sei, nach England zu kommen, um die Angelegenheit der Übersiedlung der Juden persönlich zu betreiben.

Manasse Ben-Israel hatte sich nicht verrechnet. Sein Gesuch und seine Widmungsschrift wurden vom Parlamente günstig aufgenommen. Lord Middlesex, wahrscheinlich der Vermittler, sandte ihm ein Dankschreiben zu, mit der Überschrift: »Meinem teuren Bruder, dem hebräischen Philosophen Manasse Ben-Israel.« Auch ein Paß zur Reise nach England wurde ihm zugeschickt. Der englische Gesandte in Holland, Lord Oliver Saint-John, ein Verwandter Cromwells, zeigte ihm an, er wolle die Amsterdamer Synagoge besuchen, und gab wahrscheinlich im Auftrage Cromwells, zu verstehen, daß England geneigt sei, die langgehegten Wünsche der Juden zu befriedigen. Manasse sorgte daher dafür, daß er im Bethause mit Jubel, Musik und Hymnen (vor Aug. 1651) empfangen wurde30. Indessen schien das schöne Ziel, dem er so nahe zu sein glaubte, wieder in die Ferne gerückt. England und Holland gerieten in einen leidenschaftlichen Krieg, welcher die [96] Verbindung zwischen Amsterdam und London unterbrach. Manasse geriet in Spannung mit seinem älteren Kollegen Saul Morteira (1652) und dem Vorsteher Joseph da Costa, man weiß nicht aus welcher Veranlassung, und hatte in verdrossener Stimmung den Entschluß gefaßt, Amsterdam zu verlassen31. Die Vorsteher bahnten zwar wieder ein leidliches Verhältnis zwischen den beiden Chachams an, aber Manasse hatte weder die dazu notwendige freudige Stimmung, noch die günstige Gelegenheit, seinen jedenfalls abenteuerlichen Plan wieder aufzunehmen.

Als aber Oliver Cromwell durch die ungesetzliche, aber notwendig gewordene Auflösung des langen Parlamentes die Gewalt vollständig an sich gerissen hatte (April 1653) und Geneigtheit zeigte, mit den Generalstaaten Frieden zu schließen, nahm Manasse sein Vorhaben wieder auf. Cromwell hatte ein neues Parlament zusammenberufen, das sogenannte kurze, oder Barebone-Parlament, welches aus lauter Heiligen, d.h. puritanischen Predigern, biblisch gesinnten Offizieren und Schwärmern für das messianische tausendjährige Reich, zusammengesetzt war. Welche Vorliebe manche von Cromwells Offizieren für die altjüdische Ordnung hatten, erweist sich aus dem Umstande, daß sie ihm alles Ernstes vorschlugen, den Staatsrat aus 70 Mitgliedern zu erwählen, nach der Zahl der jüdischen Synhedristen32. Im Parlamente saß der Obergeneral Thomas Harrison, ein Wiedertäufer, welcher mit seiner Partei das mosaische Gesetz für England eingeführt wissen wollte. Sobald das Parlament zusammengetreten war (5. Juli 1653), beeilte sich Manasse daher, sein Gesuch an dasselbe zu wiederholen, den Juden die Erlaubnis zum Aufenthalt in England zu erteilen. Die Judenfrage wurde auch gleich darauf auf die Tagesordnung gesetzt33. Das Parlament sandte auch Manasse einen Paß zur Reise nach London, um die Angelegenheit persönlich zu betreiben. Indessen, da der Krieg zwischen England und Holland noch immer fortdauerte, so bestürmten ihn seine Verwandten und Freunde, sich nicht der Fährlichkeit des täglichen Wechsels der Dinge [97] auszusetzen, und er schob die Reise wieder auf eine günstigere Zeit auf34. Indessen wurde auch das kurze Parlament bald aufgelöst (12. Dez. 1653), und Cromwell erhielt königliche Gewalt unter dem Titel Protektor des Reiches. Als er Frieden mit Holland schloß (April 1654), hielt Manasse den Zeitpunkt für durchaus geeignet, seine innigsten Wünsche für die Erlösung Israels zu verwirklichen. Hatten doch sogar drei Generale der englischen Flotte eine Petition eingereicht (Okt. 1654), die Juden in England zuzulassen35. Dem zweiten von Cromwell zusammenberufenen, noch kürzer tagenden Parlamente (3. Sept. 1654 bis 22. Januar 1655) überreichte Manasse ebenfalls seine Bittschrift um Aufnahme derselben36 und, wahrscheinlich auf seine Anregung, reichte einer der Amsterdamer Vorsteher David Abrabanel Dormido, zu gleicher Zeit ein Gesuch in demselben Sinne ein, welches Cromwell dringend zur schnellen Erledigung dem Staatsrat empfahl (3. November 1654)37.

Manasse schwelgte in einem wahren Taumel von Träumen ob der herannahenden Glanzzeit für Israel. Er betrachtete sich als ein von der göttlichen Vorsehung auserkorenes Werkzeug, ihre Erfüllung herbeizuführen. In diesen Träumen wurde er von den christlichen Mystikern des tausendjährigen Reiches erhalten und bestärkt. Der Holländer Heinrich Jesse (o. S. 84) hatte kurz vorher eine Schrift [98] »Von dem baldigen Ruhm Judas und Israels«, in holländischer Sprache veröffentlicht. Am tollsten trieb es der böhmische Arzt, Mystiker und Alchimist Paulus Felgenhauer. Dieser, von dem ausgetrockneten Formelglauben der evangelischen Kirche und dem götzendienerischen Treiben des Katholizismus angeekelt, schrieb während des dreißigjährigen Krieges gegen die Verderbnis der Kirche, das verstockte Babel und die protestantische Geistlichkeit und wollte eine innerliche, mystische Religiosität fördern. Nach einer eigenen Berechnung glaubte Felgenhauer, das sechste Jahrtausend der Welt und damit verbunden die Ankunft des Messias sei nicht fern. In Deutschland von Katholiken und Protestanten gleich verfolgt, suchte er ein Asyl in Amsterdam und knüpfte dort Bekanntschaft mit Manasse Ben-Israel an. Unter diesen beiden und einem dritten gleichgesinnten Schwärmer Petrus Serrarius war viel von dem baldigen Eintreffen der messianischen Zeit die Rede. Felgenhauer verfaßte darauf eine originelle Schrift (Dezember 1654): »Frohe Botschaft für Israel vom Messias, daß nämlich die Erlösung Israels von allen seinen Nöten, seine Befreiung aus der Gefangenschaft und die ruhmreiche Ankunft des Messias nahe sei, zum Troste für Israel aus den heiligen Schriften, alten und neuen Testaments, von einem Christen, welcher ihn mit den Juden erwartet38.« Felgenhauer stellt das jüdische Volk als Samen Abrahams sehr hoch, aber auch die wahren Gläubigen aus den andern Völkern seien geistiger Samen Abrahams. Daher sollten Juden und Christen einander nicht verachten, sondern einander lieben. Sie sollen beide, wie Juda und Israel, sich in Gott vereinigen. Diese Vereinigung stehe nahe bevor. Als Zeichen dafür der blutige Krieg zu Wasser und zu Land, von Volk gegen Volk und von Stadt gegen Stadt fast auf dem ganzen Erdenrunde, wie er bis zu dieser Zeit noch nicht in dieser Ausdehnung vorgekommen sei39. Als fernere Zeichen galten ihm die Kometen, welche nacheinander 1618, 1648 und 1652 erschienen waren, auch der wütende von den Kosaken angezündete polnische Krieg40. Verse aus der Bibel, namentlich aus Daniel und der Apokalypse, mit abenteuerlicher Auslegung galten ihm als Beweise. Indessen leugnete Felgenhauer einen irdischen Messias, sowie er auch Jesus eigentlich nicht als solchen gelten ließ.

[99] Da diese halbtolle Schrift Manasse Ben-Israel gewidmet war, so mußte er darauf antworten, und er antwortete sehr klug (1. Februar 1655), indem er die den Juden günstige Seite darin freudig begrüßte, das übrige aber schweigend überging: Die ihm verkündete frohe Botschaft für die nächste Zukunft sei seinem Herzen um so angenehmer, als er selbst trotz der Trübsale so vieler Jahrhunderte und trotz der öfter vereitelten Hoffnung nicht aufhöre, sie glühend zu wünschen.

»Wie gerne möchte ich dir glauben, daß die Zeit nahe sei, in welcher Gott, der uns so lange gezürnt, sein Volk wieder trösten und es aus einer mehr als babylonischen Gefangenschaft und mehr als ägyptischen Knechtschaft befreien wird! – Was du als Zeichen für das Anbrechen der messianischen Zeit angibst, von der durch die ganze Erde ergehenden Verkündigung der Erhebung Israels, scheint mir nicht bloß wahrscheinlich, sondern auch hell und deutlich. Eine nicht unbeträchtliche Zahl dieser Verkündigungen (von christlicher Seite) zur Tröstung Zions sind mir selbst zugeschickt worden von Frankenberg, Mochinger, aus Frankreich, Ungarn. Und erst aus England, wie viele Stimmen! Sie gleichen jener kleinen Wolke zur Zeit des Propheten Elias, welche plötzlich sich so sehr ausdehnte, daß sie den ganzen Himmel bedeckte41

Manasse Ben-Israel hatte den Mut, die jüdischen Erwartungen gegenüber dem, was von den christlichen Enthusiasten geltend gemacht wurde, unzweideutig zu betonen. Diese stellten sich meistens die angeblich anbrechende fünfte Monarchie als tausendjähriges Reich vor, in welchem Jesus wieder erscheinen und den Heiligen die Herrschaft übergeben werde. Die Juden würden zwar auch an diesem Reiche teilnehmen, sich aus allen Enden sammeln, in ihre Urheimat zurückkehren und Jerusalem und den Tempel wieder erbauen. Aber das werde nur ein Zwischenzustand oder eigentlich nur ein Mittel sein, damit sie alle, sämtliche zwölf Stämme, Jesus als Messias anerkennen könnten und ein Hirt und eine Herde bestehe. Diesem gegenüber arbeitete Manasse Ben-Israel eine Abhandlung über das fünfte Weltreich der Danielschen Prophetie aus (beendet 25. April 1655)42 um sie im Sinne der selbständigen Herrschaft Israels auszudeuten. In dieser Schrift »Der edle Stein« oder »Das Standbild Nebuchadnezars«, die er dem im Dienste der Schwedenkönigin stehenden Isaak Vossius widmete, bot er seine ganze Gelehrsamkeit auf, [100] um nachzuweisen, daß die Gesichte von den »vier Tieren« oder großen Reichen in der aufeinanderfolgenden Herrschaft der Babylonier, Perser, Griechen und Römer sich bereits bewährt hätten, und darum sei auch das Eintreffen des fünften Weltreiches sicher. Dieses sei aber deutlich genug im Daniel für Israel, das Volk Gottes, gezeichnet. An diesem messianischen Weltreiche würden zwar alle Völker der Erde Teil haben, sie würden mit Wohlwollen behandelt werden, aber die Autorität werde für immer bei Israel bleiben. Diesen einfachen Gedanken hat Manasse Ben-Israel durch kabbalistische Spielerei und Künstelei sozusagen entstellt. Eigen ist es, daß nicht nur ein gelehrter Christ die Widmung der sozusagen, stockjüdischen Schrift angenommen, sondern daß auch der berühmte holländische Maler Rembrandt vier kunstvolle Kupferstiche dazu geliefert hat, um das Traumbild Nebuchadnezars oder Manasses kunstvoll zu veranschaulichen43.

Manasse hat von dem zweiten kurzen von Cromwell zusammengerufenen Parlamente eine freundliche Einladung erhalten; aber da dieses inzwischen aufgelöst worden war, so konnte er die Reise nicht eher antreten, bis er vom Protektor selbst berufen wurde44. Seinen Sohn Samuel Ben-Israel Soeiro (nach der mütterlichen Familie so zubenannt) scheint er vorausgeschickt zu haben. Dieser wurde von der Universität Oxford wegen seiner Kenntnisse und Begabung einstimmig zum Doktor der Philosophie und Medizin ernannt und erhielt laut Brauch den goldenen Ring, das Barett und den Friedenskuß45. Es war nichts Geringes, daß einem Juden von einer Universität, die sich als sehr christlich gebärdete, diese Ehre zuerteilt wurde. Cromwells Wille scheint dabei entscheidend gewesen zu sein. Er erließ auch eine Einladung an Manasse, aber die Reise verspätete sich doch bis zum Herbste. Erst nach Beendigung der großen Feiertage (25. bis 31. Oktober 1655)46 unternahm Manasse die allerdings wichtige, aber nach seiner [101] Ansicht weltbedeutende Reise nach London. Er wurde von Cromwell aufs freundlichste empfangen und erhielt eine Wohnung angewiesen. In seiner Begleitung war der gelehrte und an Verkehr mit hochgestellten Personen gewöhnte Jakob Sasportas47, früher Rabbiner in afrikanischen Städten. Auch andere Juden hatten ihn begleitet, in der Hoffnung, die Zulassung der Juden werde weiter keine Schwierigkeiten machen. Auch andere wahrscheinlich verkappte Juden aus Spanien und Portugal waren bis dahin gekommen, um sofort von der gewährten Freiheit Gebrauch zu machen48. Allein so rasch ließ sich die Sache nicht erledigen. Zunächst überreichte Manasse dem Protektor in einer Audienz eine sorgfältig ausgearbeitete Bittschrift (Adress). Er hatte sich dazu von den Juden aus verschiedenen Ländern Europas Vollmachten ausstellen lassen, um nicht im eigenen Namen, sondern gewissermaßen in dem der ganzen jüdischen Nation die Ansiedlung der Juden in England zu erbitten. In der Bittschrift hatte er geschickt den Gedanken durchgeführt und mit Stellen aus der Bibel und dem Talmud belegt, daß Macht und Herrschaft von Gott nach seinem Willen erteilt werde; Gott belohne und bestrafe auch die Regenten der Erde, dieses habe sich besonders in der jüdischen Geschichte bewährt. Große Monarchen, welche Israel betrübt hätten, hätten ein unglückliches Ende erfahren, wie Pharao, Nebuchadnezar, Antiochus Epiphanes, Pompejus und andere. Hingegen hätten Wohltäter der jüdischen Nation auch hienieden Glück gehabt, so daß sich der Gottesspruch an Abraham buchstäblich erfüllt habe: »Ich werde die segnen, welche dich segnen, und die verfluchen, welche dich verfluchen.«

»Daher da ich, einer der geringsten unter den Hebräern, aus Erfahrung gefunden habe, daß durch Gottes große Gnade für uns viele angesehene und durch Frömmigkeit und Macht hervorragende Personen von aufrichtigem und innigem Mitleid und Mitgefühl gegen uns bewegt sind und uns mit der herannahenden Erlösung Israels trösten, kann ich nicht umhin für mich und meine Stammesgenossen diese untertänige Bitte bei Ew. Hoheit anzubringen, daß Sie uns gewähren mögen, daß der große und ruhmvolle Name Gottes von uns im ganzen Gebiete der Republik verehrt und gepriesen und uns Stätten in Ihrem Lande eingeräumt werden, worin wir unsere Synagogen und freie Übung unserer Religion haben könnten. Hat doch ein heidnischer König dem Hohenpriester Onias gestattet, in Ägypten einen eigenen jüdischen [102] Tempel zu bauen. Um so mehr seien die gegenwärtigen Juden zur Hoffnung berechtigt, dieselbe Freiheit von einem Volke zu erlangen, das mit uns den Gott Israels anbetet. Diese Hoffnung hege das jüdische Volk, seitdem es vernommen, daß in England das Königtum in eine Republik verwandelt worden sei, und es glaube, daß der alte Haß in Wohlwollen verwandelt und die alten strengen Gesetze gegen ein so unschuldiges Volk widerrufen werden würden.«

Zu gleicher Zeit hatte Manasse Ben-Israel eine Denkschrift (declaration) durch den Druck verbreiten lassen49, welche dazu dienen sollte, die Gründe für die Zulassung der Juden auseinanderzusetzen und die Gegengründe, sowie die Vorurteile zu entkräften. Alle seine Gründe liefen auf zwei hinaus, einen mystischen und einen handelspolitischen. Der mystische ist bereits öfters auseinandergesetzt worden. Seine Meinung begegne der vieler Christen, daß die Rückkehr des israelitischen Volkes in sein Urvaterland nahe bevorstehe; nach seiner Ansicht müsse aber die allgemeine Zerstreuung der Juden vorangehen. »Jetzt wissen wir, daß unsere Nation gegenwärtig überall zerstreut ist und ihren Aufenthalt in allen blühenden Ländern der Welt hat, sowohl in Amerika wie in den andern drei Weltteilen. Diese bedeutende und mächtige Insel allein ist davon ausgenommen. Daher müssen wir, ehe der Messias eintritt und unsere Nation wieder herstellt, auch hier unseren Wohnsitz haben.« Der andere Grund war dahin formuliert, daß durch die Juden der Handel Englands einen großen Aufschwung durch Ausfuhr und Einfuhr von allen Teilen der Welt nehmen werde. Diesen Punkt des Nutzens, den die Juden gewähren könnten, entwickelte er ausführlicher, um nachzuweisen, daß sie vermöge ihres Welthandels, ihrer Treue und Anhänglichkeit an die ihnen gastfreundlichen Länder berücksichtigt zu werden verdienten. Außerdem aber sollten sie vermöge ihres alten, ja ältesten Adels und der Reinheit ihres Blutes bei einem Volke, welches auf solche Vorzüge Wert legt, besonders beliebt sein.

Den Handel, dem die Juden meistens ergeben waren, faßte Manasse Ben-Israel von einem höheren Gesichtspunkte auf. Er hatte dabei den [103] Großhandel im Auge, den die portugiesischen Juden Hollands mit Münzen verschiedener Länder (Wechselgeschäft), Diamanten, Cochenille, Indigo, Wein und Öl betrieben. Die Geldgeschäfte, welche sie machten, beruhten nicht auf Wucher, worauf die Juden Deutschlands und Polens angewiesen seien, sondern sie legten ihre Kapitalien in Banken an und begnügten sich mit vier oder fünf Prozent Zinsen. Die Kapitalien der portugiesischen Juden in Holland und Italien seien deswegen so bedeutend, weil auch die Marranen in Spanien und Portugal ihre Barschaft denselben zum Verkehr übergäben, um sie gegen die Habsucht der Inquisition sicher zu stellen. Daher legte Manasse auf den Nutzen, welchen sich England von seinen aufzunehmenden Landsleuten versprechen könnte, ein starkes Gewicht. Er meinte, daß die Hauptbeschäftigung und gewissermaßen der Naturtrieb der Juden aller Länder seit ihrer Zerstreuung der Handel, ein Werk der Vorsehung und der göttlichen Güte gegen sie wäre, damit sie durch angehäufte Schätze Gunst in den Augen der Herrscher und Völker fänden. Sie seien darauf angewiesen, weil sie durch die Unsicherheit ihrer Existenz in fremden Ländern keine Ländereien besitzen könnten. Dem Handel würden sie demnach bis zur Rückkehr in ihr angestammtes Land obliegen müssen; denn dann »würde es keinen Krämer mehr im Lande des Herrn geben«, wie ein Prophet verkündet.

Manasse Ben-Israel gab darauf einen Rundblick über die Länder, wo die Juden zu seiner Zeit oder kurz vorher vermöge ihres Handels zu Ansehen gelangt waren, und zählte die Persönlichkeiten auf, welche durch ihre Dienste an Staaten oder an Fürsten es zu einer hohen Stellung gebracht hatten. Indessen war vieles, was er als Beispiele anführte, in der Nähe betrachtet, nicht so glänzend mit Ausnahme der geachteten und gesicherten Stellung, welche die Juden in Holland einnahmen. Dann suchte er durch Beispiele zu belegen, welche Treue und Hingebung die Juden in alter und neuer Zeit ihren Beschützern bewiesen haben. Er widerlegte eingehend das Vorurteil, als wenn die Juden wegen ihres verräterischen und treulosen Verhaltens aus Spanien und Portugal verbannt worden wären. Es war ihm leicht, aus christlichen Schriftstellern zu beweisen, daß diese Verbannung und die grausame Behandlung der Juden in Portugal zugleich ein Verbrechen und eine Torheit waren, welche weise Fürsten aufs strengste gebrandmarkt haben. – Gelegentlich nahm er seine Religionsgenossen auch gegen drei andere Anschuldigungen in Schutz, wegen Wuchers, Kindesmordes und Verführung zum Judentum. Um sein Volk vom Schandfleck des Wuchers rein zu waschen, bediente er sich der Rechtfertigung, welche ein zeitgenössischer [104] jüdisch-italienischer Schriftsteller, Simone Luzzatto, gebraucht hatte, daß der Wucher nicht an sich, sondern nur das Übermaß desselben verwerflich sei. Von besonderem Gewichte aber ist die Tatsache, die er aufstellte, daß die portugiesischen Juden, für die er eben eintrat, den Wucher ebenso wie viele Christen verabscheuten, und daß sie ihre großen Kapitalien nicht damit erworben hätten. Die Beschuldigung des Chri stenkindermordes konnte Manasse mit mehr Entrüstung zurückweisen. Die Christen machten es beinahe wie die Neger Guineas und Brasiliens, meinte er, welche die von einem Schiffbruch kaum Geretteten und überhaupt vom Mißgeschick Heimgesuchten besonders quälen, weil sie annehmen, daß solche von Gott verflucht seien. »Wir leben freilich nicht unter Schwarzen und Barbaren, sondern unter weißen und gesitteten Völkern, finden aber doch häufig, daß die Menschen nur allzu geneigt sind, denjenigen zu hassen und zu verachten, welcher das Unglück hat, dagegen den hochzustellen, welcher vom Glück begünstigt wird.« Manasse erinnerte die Christen daran, daß es eine Zeit gegeben, in der auch sie von den Heiden als Kindesmörder, Zauberer und Beschwörer angeklagt und von heidnischen Kaisern und Beamten bestraft wurden. Er konnte auf ein Beispiel aus seiner Zeit hinweisen, wie die Unschuld eines vielfach wegen Christenmordes gemarterten Juden, Isaak Jesurun in Ragusa, an den Tag gekommen war und die Richter mit Reue erfüllt hatte50. Die Beschuldigung der Verleitung von Christen zum Judentum wies Manasse, als der Wahrheit zuwiderlaufend, ebenfalls zurück und berief sich auf die Vorschrift des jüdischen Gesetzes, Proselyten eher abzumahnen, als anzuziehen.

»Da ich nun glaube, daß ich mit gutem Gewissen unsere Nation von diesen drei Verleumdungen gereinigt habe, so darf ich auf Grund der zwei Eigenschaften, des Nutzens und der Treue, schließen, daß eine solche Nation wohl aufgenommen, geliebt und allgemein geschätzt werden müßte, zumal sie in der heiligen Schrift Söhne Gottes genannt werden, wer ›euch antastet, tastet den Augapfel Gottes an‹. »Über den dritten Punkt, den Adel der Juden, brauche ich mich nicht auszulassen, da er unter den Christen hinlänglich bekannt und jüngst von dem christlichen Prediger Heinrich Jesse und dem Edelmanne Edward Nikolas hervorgehoben wurde. Ich schließe daher mit den Worten des Königs Salomo: ›Eines andern Mannes Mund möge dich loben und nicht dein eigener.‹«

[105] Cromwell war entschieden der Aufnahme der Juden geneigt. Er mag nebenher den Vorteil im Auge gehabt haben, daß der ausgebreitete Handel und die Kapitalien der spanischen und portugiesischen Juden, sowohl der offenen als der verkappten, England zugeführt werden könnten, das damals noch nicht mit Holland konkurrieren konnte. Auch war er von dem großen Gedanken unbedingter Toleranz aller Religionsbekenntnisse beseelt und dachte damals daran, sogar den am meisten verhaßten, gefürchteten und daher verfolgten Katholiken Religionsfreiheit zu gewähren51. Darum kam er dem Wunsche der Juden entgegen, ihnen ein Asyl in England zu eröffnen. Am meisten wirkte bei ihm aber das religiöse Gefühl, die Juden durch freundliche Behandlung fürs Christentum zu gewinnen. Er glaubte, das Christentum, wie es in England von den Independenten gepredigt wurde, ohne Götzendienst und Aberglauben, müßte die bisher vom Christentum abgeschreckten Juden doch endlich dafür einnehmen52.

Cromwell und Manasse begegneten einander in einem messianischschwärmerischen Hintergedanken. Der kabbalistische Rabbiner glaubte, infolge der Ansiedelung der Juden auf der britischen Insel werde die messianische Erlösung eintreten, und der puritanische Protektor glaubte, die Juden würden massenhaft dem Christentum zuströmen, und dann würde die Zeit von einem Hirten und einer Herde einkehren. Um die Bevölkerung den Juden günstig zu stimmen, ließ Cromwell zwei seiner eifrigsten Independenten dafür arbeiten, den Geistlichen Hugh Peters, seinen Sekretär, und das feurige Mitglied des Staatsrats Harry Martens53.

Endlich war die Zeit gekommen, die Frage und Zulassung der Juden ernstlich in Beratung zu ziehen. Denn da sie im Jahre 1290 infolge eines Dekrets auf Nimmerwiederkehren aus England ausgewiesen worden waren, so war es fraglich, ab dieses Gesetz nicht noch zurzeit Anwendung finden sollte. Cromwell ließ daher eine Kommission in Whitehall zusammentreten (4. Dezember 1655), um die Sache erschöpfend [106] zu beraten, bestehend aus dem Oberrichter (Lord chief justice) Glynn und dem Gerichtsrat (Lord chief Baron) Steel, aus sieben Bürgern, darunter dem Lordmayor von London, dem abgetretenen Lordmayor, den beiden Sheriffs von London, einem Alderman und dem Archivrat der Stadt, und aus vierzehn hohen Geistlichen verschiedener Städte. Cromwell stellte zwei Punkte zur Debatte, ob es gesetzlich sei, die Juden wieder in England zuzulassen, und dann, falls es nicht gegen das Gesetz verstieße, unter welchen Bedingungen die Aufnahme geschehen solle. Manasse hatte seinen Antrag in sieben Punkten formuliert, daß sie zugelassen und gegen Gewalttätigkeit geschützt würden; daß ihnen Synagogen, freie Religionsübung und Begräbnisplätze gestattet würden; daß sie Handelsfreiheit genießen, ihre Streitigkeiten untereinander durch Rabbinen und Vorsteher schlichten, und daß alle älteren judenfeindlichen Gesetze gegen sie zur größeren Sicherheit aufgehoben werden sollten. Bei der Einwanderung sollte jeder Jude England den Eid der Treue schwören54.

Die Aufregung in London bei der Verhandlung um Zulassung der Juden war groß, und man stritt im Volke dafür und dawider. Blinder Haß gegen die Kreuziger des Gottessohnes und blinde Liebe für das Volk Gottes, Furcht vor Handelskonkurrenz der Juden und Hoffnung, vermittelst derselben den Holländern und Spaniern den Rang abzulaufen, Vorurteile, daß sie Christenkinder kreuzigen, Münzen beschneiden oder gar sämtliche Engländer zu Juden machen würden, alle diese dunkeln [107] Gefühle trübten das Urteil für und wider sie. Auch Parteileidenschaften spielten hinein. Die Anhänger Cromwells und überhaupt die Republikaner waren dafür, seine geheimen und offenen Gegner, die Royalisten und Papisten, waren auch ihre Gegner. Das Volk drängte sich daher zum Saale, wo die Judenfrage zu allererst öffentlich verhandelt wurde. Gleich im Anfang erklärten die Vertreter des Staatsrechts, daß kein altes Gesetz die Juden aus England ausschließe; denn ihre Verbannung wäre lediglich vom König ohne Zustimmung des Parlamentes verfügt worden. Die Vertreter der Stadt verhielten sich ruhig; desto heftiger waren die Geistlichen, welche ihren aus den Evangelien und der theologischen Literatur gezogenen Haß gegen die Juden nicht loswerden konnten. Cromwell, welcher gern ein günstiges Resultat erzielen wollte, zog daher noch drei Geistliche hinzu, von denen er ein judenfreundliches Votum erwartete, unter ihnen auch jenen Hugh Peters. In drei Sitzungen wurde die Frage noch nicht zur Entscheidung gebracht. Cromwell ordnete daher eine Schlußberatung an (18. Dezember 1655), der er selbst präsidierte. Die Mehrzahl der Geistlichen war auch an diesem Tage gegen die Zulassung und nur einige für deren Aufnahme unter zweckmäßiger Vorsicht. Cromwell, unzufrieden mit dem Gang der Verhandlung ließ zuerst die theologischen Einwendungen von Manasse-Ben-Israel widerlegen, dann sprach er selbst mit vieler Wärme und schalt die Geistlichen aus; er habe gehofft, von ihnen eine Aufklärung für sein Gewissen zu erhalten; statt dessen hätten sie die Frage noch dunkler gemacht. Die Hauptstärke seiner Gründe war: man müsse den Juden das reine (puritanische) Evangelium predigen, um sie für die Kirche zu gewinnen. »Können wir es ihnen aber predigen, wenn wir sie nicht unter uns dulden wollen?« Cromwell schloß darauf die Beratung und wollte nach eigenem Ermessen die Angelegenheit entscheiden.

Allein er hatte nicht bloß den Widerstand fanatischer Geistlicher gegen sich, sondern auch den der Menge, welche deren vorurteilsvolle Stimmung teilte55. Die Judenfeinde machten alle Anstrengung, um die Bevölkerung gegen die Zulassung einzunehmen. Sie verbreiteten, die Juden gingen damit um, die Bibliothek von Oxford durch Kauf an sich zu bringen und womöglich die Paulskirche in eine Synagoge zu verwandeln. Sie suchten Cromwells Judenfreundlichkeit zu verdächtigen und sprengten aus, eine Gesandtschaft asiatischer und Prager Juden wäre nach England gekommen, um Untersuchungen anzustellen, [108] ob nicht Cromwell der erwartete Messias der Juden sei. Am meisten fanatisch aufregend gegen die Juden wirkte ein geistlicher Rumormacher und Pamphletschreiber, William Prynne. Er verfaßte eine giftige Schrift »Bedenken wegen der rechtmäßigen Zulassung der Juden in England«56, worin er alle lügenhaften Beschuldigungen gegen sie, von ihrer Falschmünzerei und ihrer Kreuzigung von Christenkindern, wieder aufwärmte und die judenfeindlichen Dekrete aus dem 13. Jahrhundert kurz zusammentrug, um den Namen Jude verhaßt zu machen. Auch von anderen Seiten erschienen Flugschriften gegen sie. Ein Holländer Johann Hoornbeek verfaßte ein ganzes Buch über die Bekehrung der Juden, worin er nur scheinbar Gutes von ihnen sagte, im Grunde aber sie anzuschwärzen beabsichtigte57. Ein Engländer, der sich zurzeit in Cassel aufhielt, John Dury, wollte auch seine Stimme über die Judenfrage vernehmen lassen, wog das Für und Wider ab und neigte sich endlich der Ansicht zu, daß es doch bedenklich sei, die Juden in England zuzulassen. Seine Schrift wurde gedruckt und verbreitet58. Wahrscheinlich auf Cromwells Veranlassung schrieb Thomas Collier eine Widerlegung gegen Prynnes Anklagen, die er dem Protektor selbst widmete. Er rechtfertigte darin sogar Jesu Kreuzigung durch die Juden und schloß seine Schrift mit einer im Geschmack jener Zeit gehaltenen Wendung: »Laßt uns sie, die Juden, hochstellen! Erwarten wir den ruhmreichen Tag, welcher sie zum Haupt der Nationen machen wird. O, die Zeit ist nah, in welcher jeder sich glücklich fühlen wird, welcher das Gewand eines Juden auch nur wird anfassen können! Unser Heil kommt von ihnen. Unser Jesus war einer der ihrigen. Wir sind in ihre Verheißungen und Bevorzugungen hineingebracht. Die natürlichen Zweige sind abgeschnitten worden, damit wir als Pfropfreiser eingesetzt werden können. Laßt uns um Gottes Willen nicht undankbar gegen sie sein. Nein, wir hätten genug, wenn wir alle ihre geistigen Reichtümer hätten«59.

Während die Zulassung der Juden in England auf so viel Schwierigkeiten stieß, hegte die holländische Regierung Argwohn gegen die Bemühung Manasse Ben-Israels, ihre Ansiedlung durchzusetzen. Sie[109] mochte befürchten, daß die Amsterdamer Juden mit ihren Kapitalien sämtlich nach England auswandern würden. Manasse mußte deswegen den holländischen Gesandten in einer Unterredung beruhigen und ihm versichern, daß seine Bemühung nicht den holländischen Juden, sondern den von den Argusaugen beobachteten Marranen in Spanien und Portugal gelte, denen er ein Asyl in England verschaffen wolle60.

Manasse Ben-Israel wartete bereits ein halbes Jahr in London, um von Cromwell einen günstigen Bescheid zu erhalten, ohne daß es dazu gekommen wäre. Der Protektor hatte keine Muße für die Judenangelegenheit; er hatte damals vollauf zu tun, um die nötigen Gelder für die Verwaltung des Staates und die auswärtigen Kriege zu beschaffen, die ihm ein Parlament nach dem andern versagte, und die Verschwörung der Royalisten gegen sein Leben zu vereiteln. Manasses Begleiter, welche die Hoffnung auf Erfolg aufgegeben hatten, verließen daher London; andere, welche, aus der pyrenäischen Halbinsel entflohen, auf dem Wege dahin waren, kehrten um und ließen sich in Italien oder Genf nieder61.

Indessen ermatteten die Judenfreunde nicht und hofften noch immer eine günstige Bewegung in der Bevölkerung zu erzeugen. Einer der »Heiligen« veröffentlichte eine kleine Schrift (April 1656), worin er den Vorgang bei der Beratung wegen der Aufnahme der Juden kurz zusammenfaßte und dann hinzufügte: »Wie der Ausgang sein wird, weiß der große Gott! Rabbi Manasse weilt noch in London. Er erhoffte eine günstige Antwort auf seine Vorschläge, da er sie nicht erhielt, hat er darauf angetragen, daß, wenn das Gesuch nicht erfüllt werden sollte, ihm eine günstige Entlassung gewährt werden solle, um heinzukehren. Da aber andere große Dinge gegenwärtig vorliegen, und jenes eine Angelegenheit von großer Wichtigkeit ist, so ist ihm bis auf den heutigen Tag noch keine Antwort erteilt worden62

Um eine gründliche Widerlegung aller der Beschuldigungen herbeizuführen, an welche sich die Judenfeinde und Gegner der Toleranz in England anklammerten, veranlaßte um dieselbe Zeit eine hochgestellte Persönlichkeit, welche der Regierung nahe stand, Manasse Ben-Israel [110] eine kleine, aber umfassende Schrift zur Verteidigung der Juden zu veröffentlichen. In Form eines Briefes stellte derselbe sämtliche Anklagepunkte zusammen. Sie betrafen die landläufigen Verleumdungen, Gebrauch des Blutes von Christen am Passahfeste, Verwünschung der Christen und Lästerung des Christengottes in ihren Gebeten, und endlich, daß sie den Thorarollen götzendienerische Verehrung erwiesen. Die Schutzschrift63 für die Juden, welche Manasse Ben-Israel infolgedessen ausgearbeitet hat, (10. April) und die bald darauf durch den Druck verbreitet wurde, ist vielleicht das Beste, welches aus seiner Feder geflossen ist. Sie ist mit warmem Herzen und darum überzeugend geschrieben; gelehrter Kram fehlte zwar auch darin nicht, aber die Gelehrsamkeit ist dem Hauptzweck untergeordnet. Bei Abfassung der Schutzschrift muß es Manasse eigen zumute gewesen sein. Er war nach England in der Erwartung gekommen, als Dolmetsch oder Vertreter des Gottesvolkes die Sympathie der Christen gewissermaßen im Sturmschritt zu erobern und die Herrschaft Israels über die Völker der Erde anzubahnen, und nun wurde diese Nation sozusagen auf die Anklagebank gesetzt und er mußte sie verteidigen. Daher ist der Ton dieser Schrift nicht herausfordernd und siegesgewiß, sondern im Gegenteil elegisch. Er versicherte, daß nie etwas auf sein Gemüt eine tiefere Wirkung hervorgebracht habe, als der an ihn gerichtete Brief mit der Summe der Anschuldigungen. »Denn es betrifft das Ansehen eines Volkes, das ich ungeachtet der mannigfaltigen, offenbar schändlichen Verleumdungen für unschuldig zu erklären unternehmen muß. Zuerst muß ich mit bittern Tränen und Beklemmung der Seele jene harte und schreckliche Anklage einiger Christen wider die zerstreuten und niedergebeugten Juden beweinen, daß sie (ich zittre, indem ich dieses niederschreibe) bei der Feier des Passahfestes zur Gärung ihres Brotes sich des Blutes von Christen bedienen sollten, die sie zu diesem Zwecke umgebracht hätten.« Dieser so oft und auch von Prynne behaupteten erlogenen Anklage ist der größte Teil seiner Verteidigung gewidmet, und sie ist schlagend ausgefallen. Die Beglaubigung dafür führte er mit Recht entweder auf falsche Zeugen, oder die Geständnisse der Angeklagten auf der Folter zurück. Die Wahrheit und die Unschuld der Angeklagten [111] sei öfter an den Tag gekommen, aber zu spät, wenn sie bereits hingerichtet waren. Manasse belegte dieses mit einer ergötzlichen Geschichte. Der Arzt eines portugiesischen Grafen war von der Inquisition als judaisierender Christ angeklagt und eingekerkert worden. Vergebens verbürgte sich der Graf für dessen Rechtgläubigkeit, er wurde nichtsdestoweniger gefoltert und gestand selbst ein, daß er ein judaisierender Sünder sei. Darauf habe der Graf, eine schwere Krankheit vorschützend, den Inquisitor zu sich rufen lassen und in seinem Hause bei verschlossenen Türen ihm mit drohender Miene befohlen, schriftlich einzugestehen, daß er ein Jude sei. Der Inquisitor weigert sich; da bringt ein Bedienter einen glühenden Helm, um ihm denselben auf den Kopf zu setzen. Darauf gesteht der Inquisitor alles ein, was der Graf von ihm verlangt hat, und dieser nimmt nun Gelegenheit, ihm seine Grausamkeit und Unmenschlichkeit vorzuwerfen.

Manasse Ben-Israel beteuerte zum Überfluß mit einem feierlichen Eide, um die so oft wiederholten Anschuldigungen wegen Gebrauchs von Christenblut abzuweisen: »Ich beschwöre, daß ich nie einen solchen Gebrauch bei dem Volke Israel gesehen und daß es nie eine solche Ruchlosigkeit ausgeübt oder auch nur versucht hat.« Nachdem er alle übrigen Beschuldigungen gegen die Juden auf ihr Nichts zurückgeführt hat, beschließt er seine Schutzschrift mit einem schönen Gebete und mit einer Anrede an England. »Die sehr ehrwürdige englische Nation ersuche ich ganz untertänigst, daß sie meine Gründe unparteiisch und ohne Vorurteil und Leidenschaftlichkeit lesen möge, die durch die Propheten verheißene Zeit nahen zu lassen, daß wir Gott eines Sinnes anbeten und daß wir die Tröstungen Zions sehen mögen.«

Diese letzte Schrift Manasse Ben-Israels hat in England den gewünschten günstigen Eindruck gemacht. Denn wenn auch Cromwell unter der zunehmenden Schwierigkeit seiner Regierung die Zulassung der Juden nicht durchsetzen konnte, so hat er doch den Anfang dazu gemacht. Er entließ Manasse mit Auszeichnungen und setzte ihm einen Jahresgehalt von 100 Pfund (20. Februar 1657) aus dem Staatsschatze aus64. Die Juden sind zwar nicht durch das große Portal im Triumphe in England aufgenommen worden, aber sie sind von Cromwell durch eine Hintertür eingelassen worden, und haben doch daselbst festen Fuß gefaßt. Noch in demselben Jahre gestattete Cromwell einzelnen Juden, [112] sich wahrscheinlich als Spanier oder Portugiesen, in London anzusiedeln, und räumte ihnen ein Grundstück zu einem eigenen Begräbnisplatz ein65. Manasse bezog nicht die ihm ausgesetzte Pension, noch erlebte er das Aufgehen des von ihm ausgestreuten Samens; denn er starb, wahrscheinlich von Anstrengung und getäuschter Hoffnung gebrochen, noch ehe er die Seinigen erreicht hatte, unterwegs in Middleburg (März 1657). Man brachte seine Leiche später nach Amsterdam und setzte ihm eine ehrende Grabschrift66. Aber die von ihm mit so viel Eifer, wenn auch aus messianischem Wahn entwickelte Tätigkeit trug, weil ehrlich gemeint, ihre Früchte. Ehe ein Jahrzehnt nach seinem Tode vergangen war, wurden von dem die Republik überlebenden Königtume nach und nach viele Juden in England zugelassen. Es sammelte sich eine Gemeinde, die sich nach allen Seiten hin selbständig ohne Hindernis organisierte, ein Zimmer in King-Street zu einer Synagoge einrichtete und jenen aus Afrika verschlagenen Begleiter Manasse Ben-Israels, Jakob Sasportas, zu ihrem ersten Rabbiner wählte. Die Tochtergemeinde zu London nahm sich die Amsterdamer zum Muster67. Von diesem zweiten Posten aus, den die portugiesischen Juden besetzten, ging später die Anregung für die Völkerfreiheit und auch für die Befreiung der Juden aus.


Fußnoten

1 Der Conciliador ursprünglich spanisch, erster Band über Pentateuch, der wichtigste Teil, gedruckt 1632.


2 Charakteristisch für seine Anschauung ist, was er zum Schluß von םייח תמשנ sagt: תחאש יתרמא רבכ לבא ףוס יתנומאב רקשא אלו (רהז) יאחוי ןב ןב ןועמש ’רהל יתעבשנ .י"בשרה ןימאהש המ לכב ןמאה ליאמשת וא יבל ןימאת רבד


3 Außer der Fortsetzung des Conciliador, 2. T. erste Propheten 1641, 3. T. letzte Propheten 1650, 4. T. Hagiographen 1651: La resurreccion 1636, ebenso gehalten ist םייחה רורצ de termino vitae lateinisch 1639; Fragilidad humana 1642, םייח תמשנ über Unsterblichkeit und Seelenwanderung, das einzige hebräische Werk von ihm 1652.


4 Schickardt, Bechinat Happeruschim, praefatio: O quam frequens est hodie Semihebraeorum temeritas; qui ut Rabinos legisse putentur, Maimonidas, Nachmanos, Aben-Ezras, Bechajas, R. Salomones subinde crepant, ipsumque adeo Talmudum citant, quorum tamen nihil unquam, ne per transennam quidem, non dico legerunt, sed vix viderunt.


5 Christophorus Arnold de testimonio Flavii Josephi sive 30 epistolae, auch in Havercamps Edition des Jo sephus T. II, No. 12, ist von Manasse Ben-Israel französisch, datiert 7. Dec. 1650.


6 Arkenholz, mémoires concernant Christine I, p. 303 f.


7 S. darüber Note 3.


8 Mochingers Schreiben von 1636 zu Ende von Felgenhauers bonum nuncium Israeli p. 100. Er schrieb auch de nominibus Dei Hebraïcis, biblicis et Rabbinicis.


9 Bei Felgenhauer das. p. 97 Brief von 1643. Er sagt: Gravissima et profundissima arcana ad novissimum usque tempus apud Judaeos sunt recondita.

Hebraei habent fontes,

Graeci rivos,

Latini paludes.


10 Über La Peyrère (nicht le P.) gibt die sicherste Auskunft Richard Simon, lettres choisies II, No. 4, der auch die Vermutung aufstellt, daß der präadamitische Mystiker von marranischem Geschlechte gewesen sei.


11 Mit Recht bemerkt C. Schöll, Verf. des Artikels Puritaner in Herzogs Realenzyklopädie für protest. Theol. XII, S. 393: »In seiner Vaterlandsliebe gleicht Oliver den Römern der alten Zeit, in seinem theokratischen Eifer den Richtern des alten Bundes. Seine ganze religiöse Anschauung mit all ihrer Stärke und Schwäche wurzelt im alttestamentlichen Boden. Man tausche Namen und Zeiten, und Olivers Charakter und ganzes Tun wird verständlich.«


12 De Larrey, histoire d'Angleterre, d'Ecosse et d'Irlande, IV, p. 341.


13 Holmes' Brief an Manasse Ben-Israel bei Felgenhauer a.a.O., p. 106: quin et universae vestrae nationi flexis genibus servire molior.


14 Tovey, Anglia judaica p. 268: das Votum der Verurteilung vom März 1649.


15 Vgl. Carlyle, Cromwell's letters and speeches T. III, p. 253 (ed. von 1850), wo in einer Rede von Cromwell der Passus vorkommt: when they (the party of fifth Monarchy) tell us, not that we are to regulate Law, but that Law is to be abrogated and subverted and perhaps wish to bring in Judaical Law.


16 Vgl. jedoch Revue des E. j. VI, S. 98, Anm. 2.


17 Apology for the honorable nation of the Jews, by Edward Nicholas, erschienen London 1648. 8o. Basnage, Wolf und de Rossi halten sie für die pseudonyme Schrift eines portugiesischen Juden. Allein Holmes hat sie für echt gehalten und schrieb darüber an Manasse Ben-Israel d.d. 24. Dec. 1649. Delectari videris D. Nicolai apologia: spero, ne glorier, te plura visurum meo de mille annis prodeunte tractatu (bei Felgenhauer bonum nuncium Israeli Ende). Wäre sie unecht gewesen, so hätten es Manasse und Holmes herausgerochen. – Ob aber der Verfasser derselben jener esquire Edward Nicholas, secretary of the parliament after Falkland (1642) war, ist nicht gewiß. Möglich, daß der Verfasser diesen Namen benutzt hat. Es existiert von dieser Apologie eine spanische Übersetzung, wie de Castro (I, 565) berichtet. Die Seminarbibliothek besitzt ein solches handschriftliches Exemplar als cod. 94, das auch auf dem Titel hat: London 1648, wie das Original. Ob Manasse Ben-Israel es ins Spanische übersetzt hat, ist nicht erwiesen.


18 S. die vorangegangene Note.


19 Manasse Ben-Israel Esperança de Israel (Amsterdam 1650) Einleitung und p. 41 f.


20 Manasse, Esperança de Israel p. 100; Llorente, Histoire de l'Inquisition en Espagne III, p. 465 f. Es existiert eine Schrift darüber: Auto da Fé celebrado en Madrid 1632; s. Kayserling, Sephardim S. 346, Note 249. Manasse erwähnt nicht ein acht Jahre früher in Coimbra vorgekommenes Autodafé, das eine gewisse Wichtigkeit hatte, das Martyrium des Professors und Diakonus Antonio Homem, des Praeceptor infelix, der eine Art Verbindung der Marranen untereinander, Hermandad de St. Antonio, zustande gebracht zu haben scheint. Diese Verbindung wurde entdeckt und eine Art Synagoge aufgefunden, in welcher der Diakonus als Chasan und Prediger fungierte. Er wurde verhaftet (1619) und verbrannt 5. Mai 1624. S. darüber O Antiquario Coimbricense Sept. Act. No. 3, 4.


21 Llorente das. p. 466.


22 Manasse das. S. 100, Llorente das. S. 469. Isaak Cardoso Excelencias de Israel, p. 323, entlehnt einer Schrift über dieses Autodafé, erschienen 1640.


23 Manasse das., Cardoso das. Beide referieren sehr kurz über ihn. Dagegen weiß de Barrios ein Langes und Breites zu erzählen und nennt ihn Tremiño de Sobremonte aus Rioseco (Govierno popular, p. 43). Mit Recht glaubt Kayserling a.a.O., S. 360, Note 489, de Barrios habe denselben mit da Silva = Eli Nazareno verwechselt.


24 Manasse das. S. 98, Spinoza in einem Briefe, siehe Note 1, II; Cardoso das. S. 363; de Barrios, Govierno popular, S. 45. Adolfo de Castro, Judios en España zitiert einen zeitgenössischen Bericht über diesen Märtyrer, Kayserling das. S. 346, Note 253. Es herrscht übrigens eine kleine Differenz zwischen Manasses und Cardosos Angaben. Nach dem ersten hätte Juda Creyente fünf Jahre im Kerker zugebracht und wäre im 25. Jahre verbrannt worden, nach dem letztern sechs Jahre und im 26. Jahre.


25 Manasse das. S. 99, Cardoso das. S. 324. Das Datum nur bei Cardoso. Bei de Barrios (das.) Druckfehler: 23. de Septembre. Das Datum bei Salom. de Oliveyra (Reimlexikon תולבג תושרש p. 52 b): תעיוג לא טבש שדוחב רוחב סאתראת ורטסאק יד קחצי ... םיהלאה שיא ח"יתה bezieht sich nicht auf den Todestag, sondern auf den Tag, an dem Oliveyra die Elegie gedichtet hat. Denn anfangs Schebat 5418 entspricht 25. Jan. 1648, d.h. einen Monat, nachdem die Nachricht aus Lissabon nach Amsterdam gelangt war.


26 Cardoso a.a.O.


27 Nämlich Oliveyra hebräisch und Jona Abrabanel spanisch; von dessen Versen hat Cardoso sechs erhalten.


28 Gewöhnlich wird angenommen, Manasses Esperança sei aus dem Spanischen ins Lateinische übersetzt worden. Aber der Widmungsprolog sagt gerade das Gegenteil, daß er diese Abhandlung zuerst für einen Engländer von Rang lateinisch ausgearbeitet habe: mas como de nuevo persona de gran calidad y letras de Inglaterra me obligase, a que sobre ello escriviese mas largo, hizé en lengualatina este tratado. Da er in »Rettung Israels« (erste deutsche Mendelssohnsche Edition S. 7) selbst angibt, er habe die Esperança dem Parlamente und Staatsrate zugeschrieben, so scheint es durch diese persona de gran calidad y letras geschehen zu sein.


29 Manasse Rettung Israels, c. 7.


30 Rettung Israels, c. 4, Nr. 7. Adress to the english Commonwealth Auf.


31 David Franko Mendes, Biographie Manasses, s. Note II, Nr. 2, Anmerkung 2. Koenen, Geschiedenis der Joden in Nederland, p. 174. Es heißt daselbst, Manasse Ben-Israel sei nicht frei von Herrschsucht gewesen.


32 Schlosser, Allgemeine Geschichte XV, S. 232.


33 Schon am 29. Juli 1653 berichtet Feeld darüber an Franklin in Thurloe States Papers I, p. 387 in einem aufgefangenen Brief: There hath been several motions in the house, that the Jews might be admitted to trade as well as in Holland. Vgl. die Mitteilung über Samuel Herring in RÉJ. VI, 99.


34 Manasse, Rettung, c. 7.


35 Thurloe das. II, S. 552 Bericht des französischen Gesandten in Holland, d.d. 16. Oktober 1654: A Jew of Amsterdam hath informed me for certain, that the three Generals of the fleet have presented a petition to his Highness (Cromwell) the protector, to obtain, that their nation may be received in England to draw the commerce thither.


36 In der Adress to the Commonwealth sagt Manasse: If by humble adresses to the late honorable Parliament I might obtain a safe conduct to transport myself thither, which I have done, and according to my desire received a most kind and satisfactory Answer. I now am come. Das letzte Parlament, im Jahre 1655 gesprochen, kann nur das zweite von Cromwell zusammenberufene sein, nicht das kurze Barebonesche. Dagegen wenn er in der Rettung sagt: »Ich schrieb meine »Hoffnung Israels« dem ersten Parlament, nachher wandte ich mich an das zweite,« so kann das zweite nicht mit dem letzten identisch sein, sondern es ist darunter das kurze Barebone-Parlament zu verstehen, und unter dem ersten das lange Parlament. Manasse hat demnach an alle drei unter Cromwell tagende Parlamente petitioniert.


37 Kayserling, Biographie Manasses (S. 137) zitiert dafür Godwin, history of the Commonwealth of England IV, p. 247, das ich nicht nachsehen konnte, und teilt ein Memorandum Cromwells vom 3. November 1654 an das Council mit, die Sache zu beschleunigen.


38 Bonum nuntium Israeli etc. Amsterdam 1655.

39 Das. p. 23.


40 Das. p. 32.


41 Auch Manasses Antwortschreiben ist mit dem Bonum nuntium abgedruckt; vgl. Note 3.


42 Titel הרקי ןבא Pedra gloriosa ó de la estatua de Nebuchadnezar, Amsterdam 5415.


43 In der Vorrede spricht Manasse selbst von den dabei angebrachten Kupferstichfiguren. Sie fehlen aber in dem mir vorliegenden Exemplar der Seminarbibliothek. Vgl. Steinschneider, Ha-Maskir I, S. 46 ff.


44 Rettung Israels, c. 7.


45 Koenen, Geschiedenis der Juden in Nederland p. 440 ff., Note XI teilt das von der Oxforder Universität an Samuel B. J. Soeiro erteilte Doktordiplom originaliter mit. Es ist datiert Anno 1655 die 6to Majas. Damals war Manasse allerdings noch nicht in England; aber kann sein Sohn nicht früher dorthin gereist sein? Dadurch erledigt sich die aufgeworfene Schwierigkeit.


46 Godwin referiert (bei Kayserling a.a.O., S. 137), daß Manasse Oktober 1655 in London eintraf. Das kann erst gegen Ende des Monats nach den jüdischen Feiertagen erfolgt sein.


47 Über Sasportas' Begleitung s. Note 2.

48 Rettung Israels gegen Ende, auch Einleitung zum Berichte über die Verhandlung, wovon weiter unten.


49 Die Humble adresses to the Protector und ein Teil der Declaration to the Commonwealth of England sind zuerst abgedruckt in Tovey, Anglia Judaica, p. 204. Tovey sagt: the Treatise referred to this declaration was published at the same time with it. Vollständig ist beides zuerst abgedruckt in Jewish Chronicle, Jahrg. 1859 und daraus in deutscher Übersetzung bei Kayserling a.a.O., Jahrg. 1861, S. 193. Die Seminarbibliothek (cod. 79) besitzt von beiden, der Adress und Declaration, eine spanische Übersetzung handschriftlich, zum Schlusse defekt, s. auch Koenen a.a.O., S. 439.


50 Das Martyrium Isaak Jesuruns ist ausführlich erzählt von einem Zeitgenossen: Aaron Kohen Ragusano, in ןורושי השעמ, verbunden mit ןורהא ןקזו בוטה ןמש, gedruckt zuerst Venedig 1657.


51 Carlyle, Letters and Speeches of Cromwell III, p. 154 ff. Merle d'Aubigné, the Protector, p. 299 ff.


52 Dieses Motiv ist besonders hervorgehoben in dem Passus bei de Larrey, Histoire d'Angleterre etc. IV, p. 341, spielt auch in dem Hauptbericht über die Verhandlung eine wichtige Rolle. In dem Schreiben des Major-General Whalley an den Staatssekretär Thur loe, in des letzteren Collection of States-Papers IV, p. 308 wird neben dem Handelsvorteil die Bekehrung der Juden hervorgehoben.


53 Monteth, history of Great Britain bei Tovey, Anglia Judaica, p. 200.


54 Der Hauptbericht über die Kommissionssitzungen, die Mitglieder des Komitees und die Motive dafür und dawider sind zusammengestellt in einer Flugschrift von 16 Seiten, die schon 1656 erschienen ist, abgedruckt in Harleian Miscellany VII, p. 578-583. Der vollständige Titel der Flugschrift laute: A Narrative of the late Proceedings at Whitehall concerning the Jews, who had desired by Rabbi Manasse, an Agent of them, that they might return into England and worship the God of their fathers here in the Synagogues. Published for satisfaction to many in several parts of England, that are desirous and inquisitive to hear the truth thereof. Die ganze Haltung spricht dafür, daß der Herausgeber [vgl. Bibliotheca anglojudaica Nr. 284] zu den Gönnern der Juden gehörte. Aus diesem Berichte haben alle Späteren, auch Tovey a.a.O. geschöpft. Der ganze Bericht ist deutsch wiedergegeben in Pantheon Anabaptisticum, p. 235 f. In bezug auf die Zeit der Kommissionssitzung heißt es daselbst, die Kommission sei am 4. Dezember 1655 zusammengetreten und hätte wöchentlich zwei bis drei Tage, bis zum 18. beraten. Die Namen der Kommissionsglieder sind daselbst verzeichnet, bei den Späteren haben sich einige Korruptelen eingeschlichen. Daß Cromwell zuletzt noch sein Faktotum Hugh Peters und andere hinzugezogen hat, berichtet der Sammler der Cromwelliana p. 154


55 Thurloe schrieb 17. Dezember desselben Jahres an Cromwells Sohn: The like difference I find in the counsel, and so amongst the Christians abroad; Collection of States-Papers IV, p. 321.


56 Die polemische Schrift, erschienen 1655/56, hat den Titel: Short Demurrer against the Jewes continued remitter into England. [Vgl. Bibliotheca anglo-judaica Nr. 278].


57 Hornbeek de Convertendis Judaeis 1655.


58 Harleian Miscellany VII, p. 240 f. Das Schreiben vom Januar 1656 ist in demselben Jahre gedruckt. [Vgl. Bibliotheca anglo-judaica Nr. 277].


59 Tovey a.a.O. p. 279. [Vgl. Bibliotheca anglo-judaica Nr. 286].


60 Der holländische Gesandte Neuport in England berichtete Dezember 1655 an seine Regierung: Manasseh Ben-Israel hath been to see me and did assure me, that he doth not desire any thing for the Jews in Holland but only for these as sit in the inquisition in Spain and Portugal; Thurloe a.a.O. IV, p. 333.


61 Rettung Israels, c. 7.


62 Tovey a.a.O. p. 270.


63 Der Titel derselben lautet Vindiciae Judaeorum, or a Letter in answer to certain Questions propounded by a Noble and Learned Gentleman, touching the reproaches cast on the Nation of the Jewes, gedruckt London 1656, später ins Holländische, von Mendelssohn 1782 ins Deutsche, Rettung Israels, und 1848 ins Hebräische, unter dem Titel לארשי תעושת übersetzt.


64 Carlyle, Letters and Speeches of Cromwell III, p. 58: To Manasseh Ben-Israel a pension of 100 L. per annum, payable and commencing 20. Febr. 1656. Carlyle emendiert dafür mit Recht 1657; um diese Zeit muß Manasse England verlassen haben.


65 Godwin teilt ein Aktenstück von Februar 1657 aus dem Archiv der Lewis-Mark-Synagoge in London mit: an account of piece of Ground in the Parish of Stepney, granted them (to the Jews) for a burying ground und eine Klage, daß die Juden die Kühnheit haben, in England auf ihre Weise Gott zu verehren, bei Kayserling a.a.O., S. 187. Tovey referiert aber eine ihm von Rabbiner David Nieto gemachte Mitteilung, daß er im jüdischen Gemeinderegister gefunden habe: that even so late as the year 1663 the whole number of Jews in London did not exceed twelve. a.a.O. p. 279, s. auch das. p. 274. Indessen muß 1664 die Zahl schon größer gewesen sein, denn in diesem Jahre wurde Sasportas zum Rabbiner von London berufen, s. Note 2. Vgl. James Picciotto, Sketches of Anglo-Jewish History 1875, p. 30, daß Thomas Greenhalg bezeugt, 1662 in der Synagoge in der Straße King-Street über hundert stattlich aussehende Männer und reich gekleidete Damen gesehen zu haben. Das. p. 32 f. sind die Namen von 23 Männern und einer Witwe aufgezählt, welche die ersten Ansiedler waren.


66 D. Franco Mendes teilt in seiner Biographie M. B. J. die hebräische Übersetzung der Grabschrift mit, die er gemacht hat. Zeitschrift Meassef, Jahrg. 1788, p. 171.


67 Sasportas Respp., No. 64. Vgl. Anmerkung oben.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1897], Band 10, S. 114.
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