7. Kapitel. Spinoza und Sabbataï Zewi. (Fortsetzung) (1665-1677.)

[188] Sabbataï Zewi, seine Jugend, sein Bildungsgang und seine kabbalistische Schwärmerei. Die mystischen Jahre 1648 und 1666. Sabbataïs Verbannung aus Smyrna und seine Reisen. Abraham Jachini. Raphael Joseph Chelebi in Ägypten und Sabbataïs Bekanntschaft mit ihm. Die Jerusalemer Gemeinde. Jakob Zemach und Jakob Chaǵes. Sabbataïs Aufenthalt in Jerusalem, seine Reise nach Ägypten. Die schöne Polin Sara, Sabbataïs Braut und Frau. Nathan Ghazati. Beginnende messianische Raserei in Jerusalem. Sabbataï Zewi in Smyrna als Messias verkündet und anerkannt. De la Papa. Benvenisti und Peña. Propheten und Prophetinnen. Wirkung der Nachrichten in den europäischen Gemeinden. Manoel Texeira und Bendito de Castro. Sabbataïs oder der Sabbatianer Theorie von der Gottheit und dem Judentume. Aufheben der Festtage. Reise Sabbataïs nach Konstantinopel und Gefangennahme. Seine Haft im Dardanellenschloß. Neuerungen. Nehemia Kohen und sein Verrat an Sabbataï Zewi. Abfall zum Islam und die Folgen. Fortgesetzter Schwindel nach seiner Bekehrung, Nathan Ghazati und Sabbataï Raphael. Sabbataï Zewis Rolle als Mohammedaner. Michael Cardoso. Phantastereien in Nordafrika. Sabbataïs Ende. Die Prachtsynagoge in Amsterdam. Spinozas Tod.


Ohne es zu ahnen hatte Spinoza an einem Gegenfüßler im Morgenlande einen Verbündeten, der tatkräftig an der Auflösung des Judentums arbeitete, und dem es gelungen ist, die Gesamtjudenheit in einen Taumel zu versetzen, der sie auf lange Zeit den rechten Weg verfehlen ließ. Sabbataï Zewi war zugleich der Gegenfüßler und der Bundesgenosse Spinozas, der viel, viel mehr Bewunderer zählte, als der Denker von Amsterdam, eine Zeitlang der Abgott der ganzen Judenheit war, und der noch bis auf den heutigen Tag heimliche Anhänger hat. Sabbataï Zewi (geb. am 9. Ab = 1. August 1626, st. 1676)1 in Smyrna in Kleinasien, von spanischer Abkunft, der Urheber einer neuen messianischen Raserei, der Stifter einer neuen [188] Sekte, war keineswegs eine außergewöhnliche Erscheinung. Er verdankte die Anhänglichkeit, die ihm schon als Jüngling zuteil wurde, nicht seinem umfassenden Geiste, sondern seiner äußeren Erscheinung, seinem einnehmenden Wesen. Er war groß gewachsen, wohlgestaltet, hatte schönes, schwarzes Bart- und Kopfhaar und ein angenehmes Organ, das durchs Sprechen und mehr noch durch Gesang die Herzen gewinnen konnte. Sein Geist aber war von dem Vorherrschen der Phantasie umwölkt, er hatte einen schwärmerischen Zug und einen Hang zum Außergewöhnlichen, besonders zur Einsamkeit. Im Knabenalter mied Sabbataï Zewi Gesellschaft und Spiel von Altersgenossen, suchte einsame Plätze auf und tat überhaupt niemals das, was die Jugend reizt. Seine Bildungsmittel waren die gewöhnlichen. Im beginnenden Jünglingsalter lernte er Talmud im Lehrhause des greisen Joseph Eskafa, eines Stocktalmudisten von Smyrna, worin er es nicht allzuweit gebracht hat. Destomehr zog ihn der Wirrwarr der Kabbala an. In die Irrgänge des Sohar eingeführt, fühlte er sich heimisch darin, geleitet an dem Faden der lurjanischen Auslegung. Sabbataï Zewi teilte damals noch die allgemein verbreitete Meinung, daß die Kabbala sich lediglich durch asketische Mittel erwerben lasse. Daher kasteite er seinen Leib und badete sehr oft im Meere, bei Tag und Nacht, im Winter wie im Sommer. Vielleicht erhielt sein Leib von den Seebädern einen Wohlgeruch, den seine Verehrer steif und fest von ihm behaupteten. Im beginnenden Mannesalter unterschied er sich dadurch von seinen Genossen, daß er keinerlei Neigung für das weibliche Geschlecht empfand. Nach Brauch wurde Sabbataï Zewi jung verheiratet, mied aber seine junge nicht unschöne Frau so hartnäckig, daß sie auf Scheidung antrug, die er ihr gern gewährte. Dasselbe wiederholte sich mit einer zweiten Frau.

Diese im heißen Morgenlande seltene Abneigung gegen die Ehe, seine emsige Beschäftigung mit der Kabbala und seine strenge Lebensweise zogen die Aufmerksamkeit auf ihn. Jünger suchten ihn auf und ließen sich von ihm in die Kabbala einführen. Als Zwanzigjähriger war er bereits Meister eines kleinen Kreises. Diesen Kreis fesselte er an sich teils durch sein ernstes und einsames Wesen, das jede Vertraulichkeit ausschloß, teils durch seine schöne Singstimme, mit der er kabbalistische Verse von Lurja oder selbst gedichtete, selbst in spanischer Sprache zu singen pflegte. Das war die erste Anregung zu seinem hochmütigen Selbstgefühle. Ein anderer Umstand kam hinzu. Mit der Thronbesteigung des Sultans Ibrahim entstand ein heftiger Krieg zwischen der Türkei und Venedig, welcher den levantinischen Handel in der Hauptstadt [189] unsicher machte. Mehrere europäische, namentlich holländische und englische Kaufhäuser verlegten daher ihr Kontor nach Smyrna. Diese bis dahin unansehnliche Stadt erhielt dadurch eine größere Bedeutung als Handelsplatz. Die Juden Smyrnas, welche bis dahin arm waren, benutzten diesen Aufschwung des Handels, hoben ihn noch mehr und erlangten zuerst als Agenten großer Handelshäuser und dann als Besitzer selbständiger Firmen große Reichtümer. Mardochaï Zewi, Sabbataïs Vater, aus Morea, von Hause aus arm, wurde Agent eines englischen Hauses in Smyrna, führte dessen Aufträge mit strenger Redlichkeit aus, genoß daher das Vertrauen der Handelsherren und machte dabei gute Geschäfte. Seinen zunehmenden Wohlstand schrieb der verblendete Vater dem Verdienste seines die Kabbala pflegenden Sohnes zu und zollte ihm eine so große Verehrung, daß sie unwillkürlich auf Fremde überging. Sabbataï galt als junger Heiliger. Freilich, Besonnene erklärten ihn wegen seiner Extravaganz für einen überspannten Narren. Im Hause seines englischen Handelsherren hörte Mardochaï Zewi oft von der Nähe des tausendjährigen Reiches sprechen, entweder daß dieser selbst oder einige seiner Leute zu den Schwärmern der Apokalypse der fünften Monarchie gehörten. Das Jahr 1666 wurde von diesen Schwärmern als das messianische Jahr bezeichnet, welches den Juden eine neue Herrlichkeit bringen und sie wieder nach Jerusalem zurückkehren sehen werde. Die im englischen Handelshause vernommenen Erwartungen teilte Mardochaï Zewi den Mitgliedern seiner Familie mit, und keins derselben lauschte mit mehr Andacht darauf als Sabbataï, der bereits in den Wirrwar der lurjanischen Kabbala verstrickt war und auch seinerseits schwärmerische Hoffnungen für bare Wirklichkeit nahm. Wie, wenn er selbst berufen wäre, diese Erlösungszeit herbeizuführen? War er nicht so jung, wie noch niemand vor ihm, in die Tiefe der Kabbala eingedrungen? Und wer wäre würdiger für diesen Beruf, als ein tiefeingeweihter Kabbalist?

Der Mittelpunkt der jüngeren Kabbala war eben die gespannteste Messiaserwartung: Lurja, Vital, ihre Jünger und Nachbeter verkündeten von neuem: »Das Himmelreich ist nah«. Ein eigenes Erlösungswerk werde ihm vorangehen und es begleiten, die Erlösung der zerstreuten urseelischen Elemente (Nizuzot) aus den Fesseln des Urbösen, Dämonischen (Keliphot), welches sich ihnen durch den Fall der Geister oder der göttlichen Elemente (Schebirat ha-Kelim) angesetzt habe, sie gefangen halte, sie am Aufschwung hindere und die ewige Wanderung der Seele von Leib zu Leib nötig mache. Sobald das Böse entweder aufgezehrt, vernichtet, unwirksam gemacht oder wenigstens für sich [190] bestehend ohne Vermischung mit dem Göttlichen sein werde, dann trete sofort die Welt der kabbalistischen Ordnung (Olam ha-Tikkun) ins Leben, die Gnadenströme könnten sich dann durch die Kanäle der Sefirot ohne Hemmnis auf die niedere Welt ergießen, sie befruchten und wunderhaft anregen. Dieses Erlösungswerk vermöge zwar jeder wahrhaft Fromme (Zaddik) zu vollbringen, der im Besitze einer geläuterten Seele, in die Kabbala eingeweiht, mit der Geisterwelt in Verbindung stehe, den Zusammenhang zwischen der oberen und niederen Welt begreife, sämtliche religiöse Übungen (Kewanot) mit gesammelter Andacht und mit Rücksicht auf die Einwirkung nach oben zu vollziehen vermöge. Aber noch nachhaltiger werde der Messias, der Sohn Davids, die Vernichtung der dämonischen Gewalten und die Wiederherstellung der verlorenen Seelen, richtiger die Sammlung der zerstreuten adamitischen Allseele, zustande bringen, er, dem eine lautere, durch keine Sünde befleckte Seele innewohne, er, dessen klarem Blicke die geheimnisvollen Tiefen der höheren Welten, Wesenheiten und des göttlichen Schöpfungsaktes, ja selbst das göttliche Wesen offen liege. Der Davidische Messias werde gewissermaßen der verkörperte Urmensch (Adam kadmon) und Teil der Gottheit sein.

Diese lurjanische Mystik hatte den wirren Kopf des Jünglings von Smyrna mit einem solchen Schwindel und Taumel geblendet, daß er diese geistige Erlösung mit Leichtigkeit herbeiführen zu können vermeinte, der die leibliche sofort nachfolgen müßte. Auf welche Weise dieses Gefühl der Überhebung, eine Messiasrolle spielen zu wollen, in schwärmerischen Gemütern keimt und zum Ausbruche kommt, ist ein undurchdringliches Rätsel der Seele. Sabbataï Zewi war nicht der erste solcher demütiger Vermessenen, die mit mystischem Dusel eine ganze Weltordnung umkehren zu können glaubten und sie zum Teil umgekehrt haben. Sicher ist es, daß die Schwärmereien jüdischer- und christlicherseits von dem nahen Bevorstehen der Gnadenzeit auf Sabbataïs schwaches Gehirn eingewirkt haben. Das Lügenbuch Sohar hatte bezeichnet, daß im Jahre 5408 der Welt (1648) die Erlösungszeit zu tagen beginnen werde, und gerade in diesem Jahre offenbarte er sich seinem Gefolge von jüngeren Genossen als messianischer Erlöser. Es geschah auf eine anscheinend nichtssagende Weise, die aber für die Eingeweihten von großer Bedeutung war. Sabbataï Zewi sprach den vollen vierbuchstabigen Gottesnamen im Hebräischen (Ihwh, Tetragrammaton) ohne Scheu aus, obwohl es talmudisch und durch Jahrtausende langen Brauch aufs strengste verpönt war. Die Kabbalisten hatten in dieses Verbot allerlei mystische Bedeutung gelegt. Während [191] der Zerstreuung Israels sei nämlich die Vollkommenheit Gottes selbst wegen der herrschenden Sündhaftigkeit der Menschen und der Erniedrigung des jüdischen Volkes gewissermaßen gestört, da die Gottheit ihren sittlichen Plan nicht durchsetzen könne. Die höhere und niedere Welt sei durch eine tiefe Kluft voneinander getrennt; die vier Buchstaben des Gottesnamens seien auseinander gerückt. Mit der messianischen Erlösungszeit werde die Welt der sittlichen Ordnung, wie sie Gott in den Weltplan gelegt, und damit die Vollkommenheit und Einheit wieder hergestellt werden. Indem Sabbataï Zewi sich erlaubte, den Gottesnamen voll auszusprechen, bekundete er damit, daß mit ihm die Gnadenzeit angebrochen sei.

Indessen hatte er als Zweiundzwanzigjähriger bei all seinem frommen, mystischen Wandel noch zu wenig Autorität, als daß die Rabbinen ihm eine solche Verletzung des Bestehenden, welche noch andere nachziehen könnte, hätten durchgehen lassen. Sobald es einige Jahre später ruchbar wurde, sprach das Kollegium und an der Spitze desselben sein Lehrer Joseph Eskafa den Bann über ihn und seinen Anhang aus; es gab deswegen viele Reibereien in der Gemeinde, deren Einzelheiten nicht bekannt geworden sind. Schließlich wurde er und seine Jünger (um 1651) aus Smyrna verjagt. Die messianische Schwärmerei schien damit im ersten Aufkommen erstickt zu sein, glomm aber unter der Asche fort und brach kaum fünfzehn Jahre später zu einer hellen verzehrenden Flamme aus. Die Verfolgung, weit entfernt Sabbataï Zewi abzuschrecken, gab ihm nämlich erst recht das Gefühl seiner Würde. Die Vorstellung von einem leidenden Messias hatte sich bereits früher vom Christentum in den jüdischen Kreis fortgepflanzt, so daß auch hier angenommen wurde, des Messias Demütigung führe zu seiner Erhöhung und Verklärung. Sabbataï glaubte an sich, und seine Jünger, darunter Mose Pinheiro, ein bereits gereifter Mann, der wegen seiner Kenntnisse in Achtung stand, teilten diesen Glauben mit aller Zähigkeit. Freilich, hätte sich der Messias durch die Welt betteln müssen, so würde seine Illusion nicht lange vorgehalten haben. Allein Sabbataï war von seinem Vaterhause aus mit Geldmitteln reichlich versehen, konnte seine Unabhängigkeit und seine vermeintliche Würde behaupten und noch dazu Anhänger werben. Anfangs hielt er sich indessen im Verborgenen, sprach nicht viel von seiner Messianität und entging dadurch dem Gespötte. Wohin er sich nach seiner Verbannung aus seiner Geburtsstadt begeben, ist nicht ganz sicher, wahrscheinlich jedoch nach der türkischen Hauptstadt, der zahlreichsten jüdischen Gemeinde, worin es so viel reine und unreine Elemente gab, [192] daß jedermann dort für seine Pläne und Abenteuer Genossen finden konnte. Dort lernte er einen Prediger Abraham Jachini kennen, welcher ihn in seinem Wahne bestärkte. Jachini stand wegen seines Predigertalentes in Ansehen. Er war ein armer Teufel und ein verschmitzter Mann, der für einen christlichen, holländischen Liebhaber der morgenländischen Literatur schöne Abschriften lieferte. Aus Eigennutz oder aus Lust an Mystifikation, um Sabbataï Zewi in seinem Wahne zu bestärken, spielte Jachini ihm eine apokryphische Rolle in altertümlichen Zügen in die Hände, welche angeblich aus älterer Zeit von Sabbataïs Messiastum Zeugnis ablegt. »Ich Abraham war 40 Jahre in einer Höhle eingeschlossen und war verwundert, daß sich die Zeit der Wunder nicht einstellte. Da tönte mir eine Stimme entgegen: »Ein Sohn wird im Jahre 5386 der Welt (1626) geboren und wird Sabbataï genannt werden. Er wird den großen Drachen demütigen, er ist der wahre Messias und wird ohne Waffen Krieg führen.« Diese Schrift, welche der junge Schwärmer selbst für eine echte Offenbarung gehalten zu haben scheint, wurde später die Quelle vieler Mystifikationen und Betrügereien. Indessen schien es weder dem Betrogenen, noch den Betrügern ratsam, in Konstantinopel aufzutreten. Salonichi schien ein geeigneterer Schauplatz für kabbalistische Schwärmereien; es huldigte von jeher der Mystik. Hier hielt sich daher Sabbataï längere Zeit auf, gewann Anhänger und trat bereits mit mehr Kühnheit auf. Hier führte er eines seiner Stücke auf, durch welche er auch später auf die Einbildungskraft der Kabbalisten zu wirken pflegte. Er ließ ein feierliches Fest bereiten, lud seine Freunde dazu ein, ließ sich die heilige Schrift (Thora) bringen und bedeutete die Anwesenden, daß er seine mystische Vermählungsfeier mit derselben begehen wollte. Kabbalistisch sollte es bedeuten, daß die Thora, die Himmelstochter, mit dem Messias, dem Sohne des Himmels oder des En-Sof, in einem unzertrennlichen Bund vereinigt werden sollte. Diese Szene mißfiel aber den besonnenen Rabbinen Salonichis und sie setzten seine Verbannung auch aus dieser Stadt durch. Von da begab sich Sabbataï nach Morea, wahrscheinlich zu Verwandten und Freunden seines Vaters und hielt sich auch einige Zeit in Athen auf, wo es damals eine jüdische Gemeinde gab. Als die Juden dieser Gegend aber von dem über ihn verhängten Bann erfuhren, leisteten sie ihm keinerlei Vorschub. Aber diese Widerwärtigkeiten, weit entfernt ihn zu entmutigen, machten ihn nur noch kühner, er mochte sie als die zur Verherrlichung des Messias notwendigen Leiden ansehen.

Endlich bot sich ihm nach langer Wanderung in Kairo Aussicht zur Verwirklichung seiner Träume. In der ägyptischen Hauptstadt [193] fungierte von jeher ein jüdischer Münzmeister und Zollpächter, welcher den Titel Saraf-Baschi führte, ähnlich den Arabarchen in Alexandrien in früherer Zeit2. In jener Zeit (seit 1656) hatte dieses Amt Raphael Joseph Chelebi (aus Aleppo) inne, ein Mann von großen Reichtümern und reich spendender Wohltätigkeit, aber auch von einer unsäglichen Leichtgläubigkeit und unvertilgbarem Hange zu nebelhafter Mystik und zur asketischen Lebensweise. Fünfzig Talmudkundige und Kabbalisten wurden von ihm unterhalten und speisten an seiner Tafel. Jeder, der sich an sein Mitleid wendete, fand Hilfe und Milderung seiner Not. Während er im Staatswagen fuhr, in Prachtgewändern auftrat, trug er an seinem Leibe ein Büßergewand, fastete und badete viel und ließ sich öfter in der Nacht geißeln. Samuel Vital, ein Sohn Chajims Calabreses, leitete seine beständigen Büßungen nach lurjanisch-kabbalistischer Vorschrift (Tikun Lurja). Diese hatten, wie schon angegeben, zum Zwecke, die bevorstehende Ankunft des Messias zu fördern. In Kairo seine und Raphael Josephs Bekanntschaft nicht zu machen, war für einen Kabbalisten nicht denkbar. Sabbataï Zewi kam also auch in dessen Kreise und gewann um so eher deren Vertrauen, als er vermöge seiner Unabhängigkeit nichts von ihnen verlangte. Ihm scheint er halb und halb einen Blick in seine messianischen Absichten eröffnet zu haben. Er war indessen älter, reifer und klüger geworden und wußte bereits sich die Menschen gefügig zu machen. Das apokalyptisch-messianische Jahr 1666 rückte immer näher, es galt daher für ihn, es zu bewähren.

Er begab sich nun nach Jerusalem (um 1663) wohl im Wahne, daß sich auf dem heiligen Boden ein Wunder ereignen werde, welches ihn in seiner Hoheit beglaubigen würde. Die Jerusalemer Gemeinde war damals nach jeder Seite hin arm und armselig. Durch die Quälereien und Gelderpressungen der türkischen Beamten ohnehin heruntergekommen, versiegten für sie noch die Zuflüsse aus Europa, infolge der anhaltenden Judenschlächtereien in Polen (o. S. 61 ff.). Die Folge davon war, daß die besten Männer auswanderten, und die Gemeindeführung eingefleischten Kabbalisten, lauter Lurjanisten und Vitalisten, oder gar einer zuchtlosen Bande überließen, welche dem Triebe des nacktesten Eigennutzes folgte. Männer von Klang und Gewicht gab es damals nur sehr wenige in Jerusalem. An der Spitze scheint ein Marrane gestanden zu haben, der Arzt Jacob Zemach, der sozusagen aus einer (portugiesischen) Kirche mit einem Satze nach[194] dem Kabbalistennest Safet entflohen und dort, wie später in Jerusalem ein unbewußtes Werkzeug der Vitalschen Mystifikationen geworden war. Neben ihm wirkte in demselben Sinne Abraham Amigo, ein Talmudist zweiten oder dritten Ranges. Einige Bedeutung hatte allerdings der aus Italien nach Jerusalem eingewanderte Jacob Chagis (geb. 1620, st. 1674), ein gelehrter Talmudist, der noch gut spanisch schrieb. Aber Chagis hatte keine offizielle Stellung, sondern war Klausner in einem Lehrhause, welches zwei Brüder Vega in Livorno für ihn gegründet und unterhalten hatten3. Die kopflose Leichtgläubigkeit der Jerusalemer jener Zeit charakterisiert eine grobe Mystifikation, die ihnen einer ihrer Almosen sammelnden Sendboten Baruch Gad aufgebunden, und die sie – Gelehrte wie Ungelehrte – nicht nur geglaubt, sondern als wahr beschworen haben. Derselbe hatte eine Bettelreise nach Persien gemacht. Dort wollte er viele Abenteuer erlebt haben und von einem Juden aus dem Stamme Naphtali errettet worden sein, der ihm auch einen kabbalistischen Brief von einem der Mose-Söhne am Wunderflusse Sabbation eingehändigt habe. Darin war viel von dem Reichtume, dem Glanze, den täglichen Wundern der Mose-Söhne geschrieben, und daß diese nur den Augenblick erwarteten, um beim Beginne der messianischen Zeit hervorzubrechen. Dieses Märchen, durch ein Sendschreiben beglaubigt, brachte Baruch Gad nach Jerusalem und fand unbedingten Glauben. Als die Jerusalemer Gemeinde infolge des kosakischen Gemetzels in große Not geraten war (o. S. 74), schickten zehn sogenannte Rabbinen, an der Spitze Jacob Zemach, ihrem Sendboten Nathan Spira aus Jerusalem eine Abschrift dieser in sorgsamer Verwahrung gehaltenen Urkunde von [195] den Mose-Söhnen nach Reggio nach4. Sie sollte als Lockmittel dienen, um reichlichere Almosen zu ziehen. Das Wunder, welches Sabbataï Zewi in der heiligen Stadt für sich erwartete, war bereits vorhanden, die Leichtgläubigkeit und die Wundersucht der Jerusalemer, die geneigt waren, wie die Wilden auf der untersten Stufe, das Albernste und Blödsinnigste als eine göttliche Offenbarung anzunehmen, wenn es ihnen nur auf die rechte Art beigebracht wurde. Anfangs hielt sich der Schwärmer von Smyrna ruhig und gab keinen Anstoß. Er lebte nach der lurjanischen Kabbala, legte sich die strengsten Kasteiungen auf und weilte oft auf den Gräbern frommer Männer, um deren Geister auf sich herabzuziehen. Damit und auch mit seinem einnehmenden, zu gleich anziehenden und in Respekt haltenden Wesen und seiner Schweigsamkeit gewann er allmählich einen Kreis von Anhängern, der einen blinden Glauben an ihn hatte. Einer seiner treu gebliebenen Anhänger erzählte von ihm in glaubwürdiger Einfalt, Sabbataï Zewi habe beim Gebete Ströme von Tränen vergossen, die ganze Nacht bei hellem Kerzenlicht die Psalmen mit seiner angenehmen Stimme gesungen, während er das Zimmer in kürzeren oder längeren Schritten durchmaß. All sein Tun sei außergewöhnlich gewesen. Er pflegte aber auch anstößige Liebeslieder in spanischer Sprache mit mystischer Andeutung zu singen, von der schönen Kaisertochter Melisselde mit ihren Korallenlippen und ihrem Milchfleische, wie sie aus dem Bade steigt. Sabbataï wendete aber noch ein anderes Mittel an, um die Herzen zu erobern. So oft er sich auf den Straßen zeigte, teilte er den Kindern allerlei Näschereien aus, die ihm infolgedessen stets nachliefen und auch die Mütter für ihn gewannen.

Ein Vorfall brachte seine Exzentrizitäten der Verwirklichung näher. Über die Jerusalemer Gemeinde wurde abermals von Seiten eines der Paschas oder eines Unterbeamten eine jener Erpressungen verhängt, welche öfter Folterqualen und Tod im Gefolge hatten. Die verarmten Mitglieder setzten ihre Hoffnung einzig und allein auf Raphael Joseph Chelebi in Kairo, von dem man wußte, daß er Vermögen und guten Willen hatte, seinen leidenden Brüdern, namentlich den Heiligen in Jerusalem, beizuspringen. Ein Sendbote sollte an ihn abgeschickt werden, und Sabbataï Zewi wurde allgemein als der geeignetste für diese Sendung angesehen, zumal er bei dem Saraf-Baschi eine beliebte Persönlichkeit war. Er übernahm diesen Auftrag um so bereitwilliger, als er dadurch Gelegenheit zu erhalten hoffte, eine Rolle als Retter der [196] heiligen Stadt zu spielen. Seine Verehrer datieren auch von dieser seiner Reise nach Ägypten die ersten Anfänge seiner Wundertätigkeit und lassen ihn besonders viele Meerwunder vollbringen. Aber Sabbataï reiste nicht zu Wasser, sondern zu Lande über Hebron und Gaza hin und zurück, wohl mit Anschluß an eine Karawane durch die Wüste. Er erregte bereits so viel Aufmerksamkeit, daß sämtliche Juden Hebrons bei seinem Aufenthalte die ganze Nacht durchwachten, um sein Tun und Gebahren zu beobachten5. In Kairo angekommen, erhielt er sogleich von Chelebi die für die Befreiung der Jerusalemer Gemeinde erforderliche Summe und noch dazu eine außerordentlich günstige Gelegenheit, seine messianischen Träume unerwartet bestätigen zu können.

Während des Gemetzels der Juden in Polen durch Chmielnicki wurde ein etwa sechsjähriges verwaistes jüdisches Mädchen von Christen gefunden und in einem Kloster untergebracht. Die Eltern waren tot, ein Bruder nach Amsterdam verschlagen, die ganze Gemeinde zersprengt und flüchtig, und niemand kümmerte sich um das verlassene Kind, so daß die Nonnen jenes Klosters den Findling als eine ihnen zugeführte Seele betrachteten und ihm eine christliche und klösterliche Erziehung gaben. Indessen waren die Eindrücke, welche die Waise im elterlichen Hause erhalten hatte, so lebendig, daß das Christentum keinen Eingang in ihr Inneres finden konnte; sie blieb dem Judentume treu. Nichtsdestoweniger wurde ihre Seele durch die klösterliche Umgebung von phantastischen Träumen genährt und erhielt eine exzentrische Richtung. So entfaltete sie sich zu einer schönen Jungfrau und sehnte sich, den Klostermauern zu entfliehen. Eines Tages fanden sie Juden, welche sich wieder in dem Orte angesiedelt hatten, auf dem jüdischen Begräbnisplatze nur mit einem Hemde bekleidet. Erstaunt, ein sechzehnjähriges schönes Mädchen in solchem Zustande zu finden, fragten sie sie aus und erhielten zur Antwort, sie sei von jüdischer Abkunft und in einem Kloster erzogen worden. Die Nacht vorher habe sie der Geist ihres Vaters an ihrem Leibe angefaßt und sie aus dem Bette auf den Begräbnisplatz getragen. Sie zeigte den Frauen zur Bewahrheitung ihrer Aussagen Nägelspuren an ihrem Leibe, die von den Händen ihres Vaters herrühren sollten. Sie scheint im Kloster die Kunst erlernt zu haben, sich an einem Körperteile Wundenmale beizubringen. Die Juden hielten es für gefährlich, ein dem Kloster entflohenes Mädchen in ihrem Orte zu behalten und beförderten sie nach Amsterdam. Dort [197] fand sie ihren Bruder wieder. Exzentrisch und noch mehr von dem mit ihr vorgegangenen Wechsel aufgeregt, wiederholte sie beständig die Worte, sie sei dem Messias, der bald erscheinen werde, zur Frau bestimmt. Nachdem sie unter dem Namen Sara einige Jahre in Amsterdam gelebt, war sie, man weiß nicht aus welcher Veranlassung, über Frankfurt a.M. nach Livorno gekommen. Dort hat sie, wie glaubwürdige Zeugen versichern, von ihrer Schönheit einen unsittlichen Gebrauch gemacht, und dabei blieb sie bei dem fixen Gedanken, sie sei dem Messias zugedacht und dürfe keine andere Ehe eingehen; es sei ihr aber gestattet, inzwischen ihren Geschlechtstrieb anderweitig zu befriedigen. Die abenteuerliche Geschichte dieses Mädchens machte unter den Juden einiges Aufsehen und drang auch nach Kairo. Sabbataï Zewi, welcher Kunde davon erhielt, gab vor, auch ihm sei im Schlafe ein polnisch-jüdisches Mädchen zu seiner seelenverwandten Frau bestimmt worden, sandte einen Boten nach Livorno und ließ Sara nach Kairo kommen.

Durch ihr zugleich phantastisches, freies, sehr wenig schüchternes Wesen und ihre Schönheit machte Sara einen eigenartigen Eindruck auf Sabbataï und seine Genossen. Er selbst wurde dadurch von seiner Messianität fest überzeugt. Sabbataï und seinen Freunden war auch der unkeusche Lebenswandel dieser polnischen Abenteurerin nicht unbekannt. Aber auch das sollte eine messianische Fügung sein; er sei angewiesen worden, wie der Prophet Hosea, ein unzüchtiges Weib heimzuführen6. – Keiner war glücklicher, als Raphael Joseph Chelebi, daß in seinem Hause dem Messias die Messiasfrau zugeführt und angetraut wurde. Er stellte fortan Sabbataï Zewi seine Reichtümer zur Verfügung und wurde sein erster einflußreicher Gläubige. Man tat dem Manne Unrecht, als man aussprengte, er habe sich aus Eigennutz dem neuen Messias zugewendet, er habe dadurch die Konkurrenz eines andern Juden auf sein Amt und seine Einkünfte vom Hafenzoll verhindern wollen. Wenn die Erlösung der Juden und die Rückkehr ins heilige Land so nahe bevorstehe, wozu sich um weltliche Dinge bekümmern, wozu die Münzpacht in Ägypten übernehmen? Das soll Raphael Joseph Chelebi allen gesagt haben, die auf seine Stellung und Einkünfte mit Neid geblickt hatten. Nein, nicht aus Habsucht, sondern aus Gläubigkeit und blinder Hingebung an die Kabbala hat er sich Sabbataï angeschlossen: er hat sich seine Parteinahme viel kosten lassen. Die warme Anhänglichkeit eines so hochgestellten, angesehenen [198] und einflußreichen Mannes hat Sabbataï viele Gläubige zugeführt. Mit Recht sagte man damals von ihm, als Sendbote sei er nach Ägypten gekommen und als Messias heimgekehrt. Denn von diesem seinem zweiten Aufenthalte in Kairo datiert sein offenes Auftreten. Auch Sara, die schöne Messiasfrau, die Sabbataï ebensowenig wie seine ihm früher angetrauten zwei Frauen berührt haben soll, hat ihm viele Anhänger zugeführt. Durch sie kam ein romantisch-lüderlicher Zug in das phantastische Treiben des Messias von Smyrna. Ihre Schönheit und ihr freies Wesen zog Jünglinge und Männer an, welche sonst für das mystische Messiastum keine Sympathie hatten. Mit einem größeren Gefolge, als bei seiner Abreise, kehrte Sabbataï nach Palästina zurück, und brachte zwei Talismane mit, welche nachhaltiger wirkten, als kabbalistische Mittel, Saras herausforderndes Wesen und Chelebis Geld. In Gaza hatte er einen dritten Bundesgenossen gefunden, der ihm noch mehr die Wege ebnete.

In Jerusalem lebte ein aus Deutschland eingewanderter, an Wanderungen gewöhnter Mann, namens Elisa Levi, den die Gemeinde in aller Welt Enden mit Bettelbriefen umherschickte. Während er in Nordafrika, Amsterdam, Hamburg und Polen herumstreifte, blieb sein Sohn Nathan Benjamin Levi (geb. 1644, st. 1680) sich selbst, oder der verkehrten Erziehung jener Zeit überlassen. Er entwickelte sich im Lehrhause des Jakob Chagis zu einem Jünglinge von oberflächlicher Kenntnis des Talmuds, lernte kabbalistische Floskeln, erlernte aber eine Gewandtheit in jenem pompös klingenden, aber hohlen und nichtssagenden rabbinischen Stile jener Zeit, worunter sich die Gedankenarmut verbergen konnte. Die Feder wurde sein treues Organ, die ihm die Sprache ersetzte, in der er wenig Gewandtheit hatte. Dieser Jüngling wurde plötzlich aus drückender Armut in Wohlhabenheit versetzt. Ein reicher Portugiese, Samuel Lisbona, der von Damaskus nach Gaza gezogen war, ließ sich einen Bräutigam für seine schöne, aber einäugige Tochter von Jakob Chagis empfehlen, und dieser hatte ihm jenen Jünger Nathan Benjamin vorgeschlagen. So war dieser in das reiche Haus gekommen und hatte infolge seines Glückswechsels allen Halt verloren, wenn er ihn überhaupt je gehabt hat. Als Sabbataï Zewi auf seiner Rückreise aus Kairo mit großem Gefolge nach Gaza kam, sich bereits zum Teil öffentlich als Messias bekannte und umschwärmt wurde, trat auch Nathan Ghazati (aus Gaza) in ein näheres Verhältnis zu ihm. Auf welchem Wege ihre gegenseitige Bekanntschaft und Anhänglichkeit entstanden ist, läßt sich nicht ermitteln. Sabbataïs Jünger erzählten, Nathan habe einen [199] Teil jener altertümlichen Schrift aus der Erde ausgegraben, worin Zewis Messiastum bezeugt wurde7. Das Umgekehrte wird wohl eher der Wahrheit nahe kommen, daß Sabbataï die ihm von Abraham Jachini übergebene Lügenschrift (o. S. 193) Nathan Ghazati in die Hand gespielt hat, um ihn von seinem Messiastum zu überzeugen. Genug, dieser wurde sein eifrigster Anhänger, ob aus Überzeugung oder Heuchelei, um eine Rolle zu spielen, ist in dieser Geschichte, wo naiver Glaube, Selbstbetrug und geflissentliche Täuschung so nahe aneinander grenzen, nicht mehr zu unterscheiden.

Seit der Bekanntschaft des zwanzigjährigen Nathan Ghazati mit dem vierzigjährigen Sabbataï folgten prophetische Offenbarungen aufeinander. Der erstere gebärdete sich nämlich mit einem Male als der auferstandene Elia, welcher dem Messias die Bahn ebnen sollte. Er gab vor, an einem bestimmten Tage (wahrscheinlich in der Nacht des Wochenfestes 1665) einen Ruf vernommen zu haben, in einem Jahre und wenigen Monaten werde der Messias sich in seiner Glorie zeigen und werde den Sultan ohne Waffen, nur durch Lieder gefangen nehmen und die Herrschaft Israels über sämtliche Völker der Erde gründen. Das messianische Jahr sollte auf das Jahr 1666 eintreffen. Diese Offenbarung posaunte der angebliche Prophet von Gaza durch Schriften überall aus und fügte abenteuerliche Phantastereien und anregende Züge hinzu. An Raphael Joseph schrieb er mit der Anzeige, daß er die von ihm eingesandten Gelder erhalten habe, er möge sich im Glauben an Sabbataï nicht irre machen lassen; derselbe werde gewiß in einem Jahr und einigen Monaten den Großherrn zum Untertanen machen und ihn als Gefangenen mit sich herumführen. Er werde ihm indes die Herrschaft so lange anvertrauen, bis er die übrigen Völker unblutig besiegen werde (nur Deutschland, das judenfeindliche, durch Krieg). Dann werde der Messias zum Flusse Sambation wandern, dort die dreizehnjährige Tochter des großen Propheten Mose heiraten, welche zur Königin erhoben werden würde, Sara aber werde ihre Sklavin sein. Endlich werde er von dort aus die Zehnstämme nach dem heiligen Lande zurückführen, und zwar auf einem Löwen reitend, der einen siebenköpfigen Drachen im Rachen haben werde. Je ausschweifender und toller diese prophetischen Aufschneidereien Nathans waren, desto mehr fanden sie Glauben. Ein wahrer Taumelgeist bemächtigte sich fast sämtlicher Juden Jerusalems und der nahegelegenen Gemeinden. Hier ein Prophet, der früher ein schüchterner Jüngling [200] war und jetzt so Großes verkündet, dort der Messias, welcher in der Kabbala mehr ist denn Chajjim Vital, mehr denn Isaak Lurja, wer wagt noch an der Nähe der Gnadenzeit zu zweifeln? Diejenigen, welche zu diesem auftauchenden Wahn den Kopf schüttelten, wurden von den Sabbatianern förmlich verhöhnt.

Freilich die rabbinischen Hauptführer Jerusalems waren von diesem messianischen Treiben unangenehm berührt und suchten es in der Geburt zu ersticken. Sie waren schon dadurch gegen Sabbataï eingenommen, daß er im Vordergrunde stand und sie verdunkelte. Auch soll er die aus Ägypten mitgebrachten Gelder nach eigenem Gutdünken verteilt und nur seine Anhänger damit bedacht haben. Jakob Chagis und sein Kollegium bedrohten ihn mit dem schwersten Banne, falls er sein Treiben fortsetzen sollte. Sabbataï Zewi scheint sich aber wenig daran gekehrt zu haben, zumal der Bannstrahl keine Wirkung haben konnte, sobald die Gemeinde mehr auf seiner Seite stand. Selbst Mose Galante, Schwiegersohn des Jakob Chagis, eine bereits geachtete Autorität im heiligen Lande, betrachtete ihn als eine bedeutende Erscheinung, wenn er auch, wie er sich später äußerte, nicht unbedingt an ihn glaubte. Indessen sah Sabbataï Zewi wohl ein, daß Jerusalem nicht der rechte Schauplatz für seine Pläne werden könnte, da ihm die Rabbinen Hindernisse in den Weg legen würden. Nathan Ghazati verkündete darauf in Verzückung, Jerusalem habe seine Bedeutung als heilige Stadt verloren, Gaza sei an die Stelle getreten. – In Smyrna, seiner Vaterstadt, einem bedeutenden Sammelplatze für Europäer und Asiaten, gedachte Sabbataï größere Erfolge zu erzielen. Seine reichen Brüder hatten ihm bereits durch Austeilung von Geld unter Arme und Unbemittelte einen guten Empfang vorbereitet und Nathans schwärmerisch-prophetische Briefe hatten die Phantasie der Smyrnaer entzündet. Ehe er aber Jerusalem verließ, sorgte Sabbataï dafür, rührige Sendboten von schwärmerischem und betrügerischem Charakter in die Welt hinaus als Propheten seiner messianischen Erscheinung zu schicken, die Gemüter aufzuregen und sie mit seinem Namen zu erfüllen. Sabbataï Raphael, ein Bettler und Schwindler aus Morea, nahm den Mund in marktschreierischer Weise voll von des Messias Größe, und ein deutscher Kabbalist, Matthatia Bloch, tat dasselbe in blinder Einfalt.

So kam es denn, daß, als Sabbataï Zewi Jerusalem verlassen hatte, freiwillig (wie er angab), ausgewiesen (sagten die andern), er bereits in der großen asiatischen Gemeinde Aleppo wie im Triumphe empfangen wurde. Noch größer war die Huldigung, die ihm in seiner [201] Vaterstadt zuteil wurde (Herbst 1665). An den früher über ihn verhängten Bann wurde gar nicht mehr gedacht. Ihn begleitete ein Jerusalemer Samuel Primo, der sein Geheimschreiber und einer der eifrigsten Werber wurde. Samuel Primo verstand nämlich die Kunst, nichtigen Dingen einen offiziellen Ernst zu verleihen und mit Stilblumen dem messianischen Schwindel die Wichtigkeit eines Weltereignisses zu geben. Er allein blieb inmitten der immer mehr anschwellenden Schwärmerei nüchtern und gab den Wahnwitzigen Richtung und Ziel. Primo scheint aus Überzeugung Sabbataïs Ruhm verkündet zu haben; er hatte einen geheimen Plan, der durch den Messias herbeigeführt werden sollte. Er scheint viel mehr Sabbataï benutzt zu haben, als von ihm benutzt worden zu sein. Sabbataï hatte Takt genug, in Smyrna sich nicht sogleich ganz offen als Messias zu bekennen; er gebot vielmehr der gläubigen Menge, noch nicht davon zu sprechen, bis seine Zeit gekommen sein würde. Aber diese Zurückhaltung, verbunden mit andern Umständen, den rasenden Briefen Nathans, der Ankunft einiger Jerusalemer, welche ihm die Huldigung der heiligen Stadt – allerdings ohne Auftrag – überbrachten, den schwersten Kasteiungen, welche sich das Volk auflegte, um die Sünden zu büßen und würdig für die Messiaszeit zu werden, dieses alles wirkte spannend und aufregend auf die Menge, und sie konnten den Tag seiner Offenbarung kaum erwarten. Die Kabbalisten hatte er ohnehin durch seine mystischen Deutungen auf seiner Seite. Endlich erklärte sich Sabbataï Zewi öffentlich in der Synagoge unter Hörnerschall für den erwarteten Messias (Neujahr = 10. September 1665), und die Menge jauchzte ihm entgegen: »Es lebe unser König, unser Messias.« Das Sprichwort, der Prophet gelte am wenigsten in seiner Heimat, wurde diesmal Lügen gestraft. Die Raserei der Smyrnaer kannte keine Grenzen. Alle Zeichen der Verehrung und der schwärmerischen Liebe wurden ihm erwiesen. Es war keine Freude, sondern ein Taumel, daß der so lang erhoffte Messias endlich erschienen und in ihrer Gemeinde erschienen sei. Der Taumel ergriff groß und klein. Frauen, Mädchen und Kinder fielen in Verzückung und verkündeten in der Sprache des Sohar Sabbataï Zewi als den wahren Erlöser. Das Prophetenwort, daß Gott am Ende der Tage seinen Geist über Unmündige ausgießen werde, schien in Erfüllung gegangen. Alle bereiteten sich zum baldigen Auszuge, zur Rückkehr nach dem heiligen Lande vor. Die Geschäftsleute vernachlässigten seitdem Handel und Wandel und dachten nur an das bevorstehende Messiasreich. Die Verwirrung der Köpfe zeigte sich in der Art, wie die Sabbatianer Smyrnas sich die Teilnahme an dieser [202] Gnadenzeit verdienen wollten. Auf der einen Seite unterwarfen sie sich unglaublichen Kasteiungen, fasteten mehrere Tage hintereinander, wachten Nächte hindurch, um durch kabbalistische Gebetformeln (Tikkunim) in der Mitternachtsstunde die begangenen Sünden und deren Wirkungen zu verwischen, badeten auch in schneidender Kälte oder gar im Schnee. Einige gruben sich bis an den Hals in die Erde ein und blieben in diesem Grabesbette, bis ihr Leib vor Kälte und Feuchtigkeit erstarrte. Auf der anderen Seite überließen sie sich dem ausgelassensten Jubel und begingen Festlichkeiten über Festlichkeiten zu Ehren des Messias, so oft sich Sabbataï Zewi blicken ließ – stets umgeben von einem großen Gefolge – so oft er durch die Gassen Psalmen singend schritt, »die Rechte des Herrn ist hoch, die Rechte des Herrn bringt Sieg«, oder so oft er in einer Synagoge predigte und seine Messianität durch kabbalistische Auslegungen bewahrheitete. Er zeigte sich nur in Prozession öffentlich, wehte sich mit einem Fächer Kühlung zu, und wen er damit berührte, der war des Himmelreiches sicher. Der Freudentaumel seiner Anhänger kannte keine Grenzen. Jedes Wort von ihm wurde wie ein Gotteswort tausendfach wiederholt, ausgelegt, überboten und zugespitzt. Alles, was er that, galt als ein Wunder, wurde verbreitet und geglaubt. So weit ging die Raserei, daß seine Gläubigen in Smyrna und auch anderwärts, namentlich in dem Kabbalistennest von jeher, in Salonichi, ihre Kinder zu zwölf, zehn Jahren, auch darunter, miteinander verheirateten – 700 solcher Paare – um nach kabbalistischem Wahnwitze den Rest der noch nicht geborenen Seelen in die Leiblichkeit eingehen zu lassen und dadurch das letzte Hindernis zum Eintreffen der Gnadenzeit zu beseitigen.

Die Tätigkeit Sabbataï Zewis, bald durch öffentliches Auftreten und Schaugepränge und bald durch stille Zurückgezogenheit die Gemüter der naiven Gläubigen zu elektrisieren, ergänzte Sara, seine Frau, durch ihr nicht allzu züchtiges Benehmen; sie wirkte auf die Sinnlichkeit der männlichen Bevölkerung. Die Schranken der Zucht, die im Morgenlande unter den Juden viel enger gezogen waren, als in Europa, wurden durchbrochen. Was bis dahin unerhört war, das Zusammenkommen von Personen beiderlei Geschlechts in größerer Menge, wurde noch überboten. In messianischem Freudenrausche tanzten Männer und Frauen wie Rasende miteinander, und in der mystischen Verzückung soll mancher Unfug getrieben worden sein. Die Stimmen der Bedenklichen und der Tadler verstummten immer mehr, wie in einen Wirbel wurden alle hineingerissen, und die Ungläubigen unschädlich [203] gemacht. Der Rabbiner Aaron Lapapa (st. 1674)8, ein greiser, würdiger Mann, welcher anfangs laut gegen diese messianische Raserei sprach und den Bann gegen den Urheber verhängte, wurde von Sabbataï, zugleich mit andern Rabbinen öffentlich in einer Predigt geschmäht, seines Amtes entsetzt und zuletzt genötigt, Smyrna zu verlassen. Unwürdig benahm sich dabei der Rabbiner Chajjim Benvenisti (geb. 1603 st. 1673), eine sehr bedeutende talmudische Autorität9 von erstaunlicher Gelehrsamkeit, der, weil er ein literarischer Gegner Lapapas war, nicht nur die Amtsentsetzung desselben duldete, sondern sich auch dessen Stelle von Sabbataï Zewi über tragen ließ. Anfangs bedenklich gegen das neue Messiastum, wurde auch er gläubig und betörte mit seiner Autorität die Menge noch mehr. Diese wurde von Sabbataï zu blutdürstigem Fanatismus aufgestachelt. Weil ein sehr edler, reicher und angesehener Mann in Smyrna Chajjim Peña (Penja), der Chajjim Benvenisti reichlich unterstützt hatte, diesem messianisch-kabbalistischen Schwindel hartnäckigen Unglauben entgegensetzte, wurde er in der Synagoge überfallen und verfolgt und war nahe daran, von der wütenden Menge zerfleischt zu werden. Sabbataï Zewi, der angebliche Inbegriff aller Frömmigkeit, befahl, die Synagoge zu erbrechen, um den argen Ketzer zu ergreifen. Als aber Peñas Töchter ebenfalls vom Taumel ergriffen, in Verzückungen geraten waren und weissagten, blieb dem Vater nichts übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Auch er gebärdete sich als eifriger Anhänger. Mit Peñas Überwindung war Sabbataï Zewi in der Gemeinde Smyrnas Alleinherrscher, er konnte die jüdische Bevölkerung nach Gutdünken zum Guten oder Schlimmen leiten. In dieser Stimmung, welche einige Monate lang anhielt, fürchteten die Smyrnaer Juden ihre Tyrannen, die türkischen Kadis, sehr wenig; wollten diese dem überhandnehmenden Treiben steuern, so wurden sie durch reiche Geschenke bewogen, die Augen zuzudrücken.

Diese Vorgänge im Smyrnaer Judenviertel machten in immer weiteren Kreisen das größte Aufsehen. Die kleinasiatischen Gemeinden in der Nähe, aus deren Mitte viele von dem Rufe angezogen, sich [204] nach Smyrna begeben hatten, daselbst Zeugen der Szenen geworden waren und übertriebene Erzählungen von des Messias Anziehungskraft und Wundertäterei mit nach Hause gebracht hatten, wurden in denselben Taumel hineingerissen. Der Geheimsekretär Samuel Primo sorgte dafür, daß den auswärtigen Juden die Kunde und der volle Eindruck von dem erschienenen Messias zukam. Nathan Ghazati tat dasselbe von Palästina aus durch Sendschreiben, und die Wanderpropheten Sabbataï Raphael und Matthatia Bloch erfüllten ihre Zuhörer mit den staunenswertesten Dingen von dem neuen Erlöser. Aber auch Christen sorgten für Verbreitung von Nachrichten. Die Residenten, die Sekretäre der englischen und holländischen Handelshäuser und die evangelischen Geistlichen berichteten von den außerordentlichen Dingen, die in Smyrna vorgingen, spotteten zwar über die Torheit der Juden, konnten sich aber doch nicht eines halbgläubigen Gefühls erwehren. Sahen sie doch mit eigenen Augen die Verzückungen und Verkündigungen der Propheten und Prophetinnen von Sabbataï Zewi, dem wahrhaften Erlöser! An den Hauptbörsen Europas sprach man von Sabbataï Zewi als von einer merkwürdigen Erscheinung und war gespannt auf jede Nachricht von Smyrna oder Konstantinopel. Anfangs waren die Juden selbst von diesen plötzlich auf sie eindringenden Nachrichten wie betäubt. Also die lang gehegte Hoffnung, daß einst der Druck und die Schmach von Israel genommen werden und es wieder in Glorie in seine Heimatstätte zurückkehren würde, sollte sich endlich doch verwirklichen! Kein Wunder, wenn fast überall sich Szenen, ähnlich wie in Smyrna wiederholten: Leichtgläubigkeit, die jede Nachricht als eine unleugbare Tatsache hinnahm, schwärmerische Spannung, Kasteiung und Almosenspenden an Dürftige, um sich würdig für die Messiaszeit vorzubereiten, hin und wieder auch dieselben prophetischen Verzückungen. In Konstantinopel fing ein betagter Kabbalist, Mose Suriel, plötzlich an zu singen, hüpfte wie ein Knabe, fiel wie in einer Krankheit auf die Erde und verkündete in der Sohar-Sprache, daß Sabbataï aus Smyrna der wahre Messias sei und dem Exile Israels bald ein Ende machen werde. Auf der Insel Elba, in Portoferrajo, geriet ein jüdischer Schneider in ähnliche prophetische Verzückung, lag wie entseelt und sprach bald lachend, bald weinend von der nahen Erlösung und von Sabbataï Zewis Macht im Himmel und auf Erden10. Solche Vorfälle, die sich durch die Ansteckung der Phantasterei [205] erklären lassen, wurden übertrieben und ausgeschmückt weiter verbreitet und zündeten immer weiter. Sie fanden nur allzu geneigte Gemüter, das Unsinnigste zu glauben. Nicht bloß die stumpfe Menge, sondern auch fast sämtliche Rabbinen und sogar Männer von Bildung und philosophischer Einsicht fielen dieser Leichtgläubigkeit anheim11. Die alles überwuchernde Kabbala hatte diese Leichtgläubigkeit erzeugt. Waren doch selbst die Karäer in den kabbalistischen Dusel eingelullt12, sie, welche den Talmud im Prinzip verwarfen, um zum reinen Bibelwort zurückzukehren! Es gab damals nicht einen einzigen Mann von Bedeutung und Gewicht, der das Grundübel aller dieser Erscheinungen, die Kabbala und den Sohar, erkannt oder gar aufgedeckt hätte – eine traurige Zeit! Jacob Sasportas (aus Afrika stammend, in Amsterdam, London und zu dieser Zeit in Hamburg, geb. 1608 [1610?], st. 1698)13, ein Mann von Mut und rücksichtsloser Schärfe, dessen Wort durch seine talmudische Gelehrsamkeit Gewicht hatte, Sasportas bekämpfte zwar von Anfang an mit Leidenschaftlichkeit diese messianische Raserei. Er war unermüdet, Sendschreiben auf Sendschreiben an die Gemeinden und Führer in Europa, Asien und Afrika zu richten, die groben Täuschungen zu entlarven und vor den traurigen Folgen zu warnen. Aber auch er war in die Schlingen der Kabbala verstrickt und erkannte ihre Grundsätze an. Auf dem Boden dieser Afterweisheit waren die ganzen Schwärmer mehr im Rechte als die halben. Spinoza hätte mit seinen sonnenhaften Gedanken diese dichten Nebel zerstreuen können; allein er war dem Judentume und seinem Stamme abgewendet, ja feindlich gesinnt und sah den Verwirrungen gleichgültigen oder schadenfrohen Blickes zu.

Die Nachrichten von Sabbataï Zewi und der messianischen Raserei kamen direkt oder auf Umwegen über Alexandrien nach Venedig, Livorno und anderen italienischen Städten. In Venedig gab den Ton der dummgläubige Kabbalist Mose Zacut an, Spinozas so unähnlicher Mitjünger (o. S. 9), der aus Amsterdam über Polen nach Palästina auswandern wollte und in Venedig festgehalten wurde. [206] Weit entfernt, dem Wahnwitz der Menge zu steuern und ihr den richtigen Weg zu zeigen, leistete er ihm, wie das Rabbinat von Venedig noch Vorschub14. Es fielen deshalb in Venedig häßliche Szenen vor. – In Livorno in der großen, zum Teil marranischen Gemeinde entzündete die Gemüter der ehemalige Jünger Sabbataï Zewis Mose Pinheiro (o. S. 19). Die Menge drang daher in ihren Prediger Joseph Levi, von Buße und Kasteiung zu sprechen und sie ins Werk zu setzen. Weil dieser, von Reue und Buße sprechend, darunter nicht das Herplappern von Litaneien und Fasten, sondern das Fahrenlassen gegenseitigen Hasses, die Rückerstattung unrecht erworbenen Gutes und das Einstellen unzüchtigen Verkehrs mit Christinnen verstanden wissen wollte, wurde er heftig angefeindet15. Am meisten aufregend wirkten die Nachrichten aus Smyrna auf die zwei Gemeinden, das große und kleine Jerusalem des Nordens. Der Prophet von Gaza, der auch nüchtern zu berechnen verstand, hatte seine fanatisierenden Sendschreiben geradezu nach den angesehensten und reichsten Gemeinden Amsterdam und Hamburg gerichtet; diese traten daher in ein inniges Verhältnis zu dem neuen Messiastume. Die Amsterdamer und Hamburger Juden erfuhren auch von glaubwürdigen Christen die Bestätigung der außerordentlichen Vorgänge in Smyrna, von denen manche eine aufrichtige Freude darüber empfanden. Hatte doch selbst Heinrich Oldenburg, ein vornehmer deutscher Gelehrter zu London, an seinen Freund Spinoza geschrieben (Dez. 1665): »Alle Leute sprechen hier von dem Gerüchte der Rückkehr der mehr als 2000 Jahre zerstreuten Israeliten in ihr Vaterland. Bei wenigen findet es Glauben, aber viele wünschen es ... Sollte sich die Nachricht bestätigen, so dürfte sie einen Umschwung in allen Dingen herbeiführen«16. Täglich wuchs in Amsterdam die Zahl der Gläubigen, unter den Portugiesen nicht minder, als unter den Deutschen, und viele Gebildete gingen mit dem Beispiel voran; die Rabbinen Isaak Aboab und Raphael Mose d'Aguilar, der Mitjünger Spinozas Isaak Naar und Abraham Pereyra, einer der Kapitalisten Amsterdams und Moralschriftsteller in spanischer Sprache17, sie wurden alle Gläubige. [207] Selbst der halbe Spinozist Dionys Musaphia (o. S. 22) wurde ein eifriger Anhänger des neuen Messias. Auch in Amsterdam äußerte sich die Gläubigkeit auf widersprechende Weise, durch Jubel mit rauschender Musik und Tänzen in den Bethäusern und durch trübe mönchische Kasteiung. Die Druckereien konnten nicht genug Exemplare von eigenen Gebetbüchern in hebräischer, portugiesischer und spanischer Sprache für die Menge der Gläubigen liefern, worin Büßungen und litaneihafte Formeln angegeben waren, durch welche man des messianischen Reiches teilhaftig zu werden hoffte. Manche sabbatianische Gebetbücher (Tikkunim) zeigten Sabbataïs Bild neben dem des Königs David, Embleme seiner Herrschaft und ausgewählte Bibelsprüche18. In der sichern Erwartung baldiger Rückkehr ins heilige Land führten die Vorsteher in einer Synagoge den Brauch ein, allsabbatlich den Priestersegen zu sprechen19, während er bis dahin nur in gesammelter Stimmung während der Feiertage üblich war. Mit jeder neuen Nachricht aus Smyrna nahm auch hier die Zahl der Sabbatianer und ihre Raserei zu. Hier wurden Andachtsbücher mit Gebeten zur Beförderung des Messiasreiches gedruckt, welche auf dem Titelkupfer Sabbataïs Bildnis allein oder umgeben von zwölf Personen, seinen Jüngern, enthielten.

In Hamburg trieben es die Juden fast noch toller, weil sie den bigotten Christen gegenüber, die ihnen noch immer mit Beschränkungen und Quälereien, womöglich mit dem Zwang, christliche Predigten anhören zu müssen, vielfach zusetzten, eine Demonstration machen wollten. Wer in die Synagoge trat und ihr Hüpfen, Springen und Tanzen mit der Gesetzesrolle im Arm, und dieses von ernsten würdigen Männern, mit spanischer Vornehmheit und Grandezza sah, mußte sie für wahnsinnig halten. Eine geistige Krankheit war es in der Tat, die sie so kindisch und närrisch machte; ihr erlagen auch die angesehensten Männer der Gemeinde. Manoel Texeira, auch Isaak Señor Texeira genannt (geb. um 1630, st. um 1695)20, war nach dem Tode seines Vaters, des aus Portugal ausgewanderten und in Hamburg angesiedelten marranischen Edelmanns Diego Texeira (o. S. 20), einige Monate vorher Resident, Bankier und Vertrauter [208] der ehemaligen Königin Christine von Schweden geworden. Sie schätzte ihn wegen seiner Redlichkeit, seines edlen Wesens und seiner Klugheit. Sie wechselte Briefe über wichtige Angelegenheiten mit ihm, besprach mit ihm die politischen Interessen der europäischen Staaten und traute ihm einen tiefen staatsmännischen Blick zu. Während ihres Aufenthaltes in Hamburg nahm sie, zum Verdruß der judenfeindlichen Hamburger Geistlichkeit, Wohnung in Manoel Texei ras Haus, unbekümmert darum, daß die protestantischen Prediger sie von den Kanzeln deswegen streng tadelten. Als der Senat ihm einst wegen Verdrießlichkeiten mit der Geistlichkeit seinetwegen das Wort abgenommen hatte, die Stadt nicht ohne seine Zustimmung zu verlassen, sprach die Königin nach ihrer Weise ein scharfes Wort gegen den Magistrat und betrachtete die ihrem Residenten aufgelegte Beschränkung als eine Beleidigung ihrer Person. In Texeiras Haus verkehrten die vornehmsten Männer und spielten mit ihm um hohe Einsätze. Und auch dieser jüdische Kavalier gehörte zu Sabbataïs Anhängern und machte die närrischen Tänze mit. Nicht minder der bereits betagte, gebildete und gesuchte Arzt Benditode Castro (Baruch Nehemias)21, eine Zeitlang Leibarzt derselben Königin während ihres Aufenthaltes in Hamburg. De Castro war damals Vorsteher der Hamburger Gemeinde, und auf seine Anordnung wurden die messianischen Torheiten in der Synagoge begangen. Ein alter Prediger nährte diese Gläubigkeit und Torheit von der Kanzel durch abgeschmackte Schriftauslegung. Jakob Sasportas – der sich damals, wegen des Ausbruchs der Pest in London, in Hamburg aufhielt – bekämpfte zwar mit Ernst und Spott diesen messianischen Wahnglauben; aber er drang mit seiner Stimme nicht durch und wäre von den Sabbatianern beinahe mißhandelt worden22. – Die junge, unter Karl II. entstandene Gemeinde in London, die Jakob Sasportas zu ihrem ersten Rabbinen gewählt hatte, war nicht minder von diesem Wahn besessen. Dort erhielt er durch christliche Schwärmer für das tausendjährige Reich noch mehr Nahrung. Wunderliche Gerüchte flogen von Mund zu Mund. Es hieß, in Nordschottland habe sich ein Schiff mit seidnen Segeln und Tauen gezeigt, das von hebräisch redenden Schiffsleuten geführt wurde. Die Flagge habe die Inschrift getragen: Die zwölf Stämme oder Geschlechter Israels23. Die Gläubigen in London gingen in englischer Weise hohe [209] Wetten, 100 gegen 10, ein, daß Sabbataï innerhalb zweier Jahre zum König von Jerusalem gesalbt sein würde, und stellten darüber förmliche Wechsel aus24. Und überallhin, wo Juden wohnten, drang die Kunde von dem kabbalistischen Messias in Smyrna und veranlaßte dieselben Erscheinungen. Die kleine Gemeinde von Avignon, die von päpstlichen Beamten nicht am glimpflichsten behandelt wurde, rüstete sich, im Frühjahr des Jahres 1666 in das Königreich Juda zu ziehen25.

Wenn Sabbataï Zewi bis dahin noch nicht an sich und seine Würde fest geglaubt hätte, so hätte diese Huldigung fast der ganzen Judenheit in ihm den Glauben an sich erwecken müssen. Täglich liefen Nachrichten, Sendboten und Deputationen ein, die ihn in den schmeichelhaftesten Wendungen als König der Juden begrüßten, ihm Habe und Leben zur Verfügung stellten und ihn mit Geschenken überhäuften. Wäre er ein Mann von festem Plane und von Willenskraft gewesen, so hätte er mit diesem ungeheuchelten Enthusiasmus und dieser opferwilligen Hingebung seiner Gläubigen doch etwas erzielen können. Faßte doch bereits Spinoza die Möglichkeit ins Auge, daß die Juden, bei dieser günstigen Gelegenheit und der Veränderlichkeit der menschlichen Dinge, ihr Reich wieder aufrichten und von Gott wieder erwählt werden könnten26. Allein Sabbataï Zewi hatte an dem Kitzel des Weihrauchs Genüge, er dachte an nichts Großes sondern lebte im Wahne, daß sich die Erwartungen von selbst durch ein Wunder erfüllen würden. Samuel Primo und einige andere seiner Vertrauten scheinen aber einen festen Plan verfolgt zu haben, nämlich das rabbinische Judentum zu durchbrechen oder gar es aufzuheben. Die Sache war eigentlich mit dem Messiastume gegeben. Der Grundgedanke des Sohar, der Bibel der Kabbalisten, lautet, daß in der Gnadenzeit, in der Welt der Ordnung (Olam ha-Tikkun), die Gesetze des Judentums, die Satzungen über Erlaubtes und Verbotenes vollständig ihre Bedeutung verlieren würden. Nun war diese im Sinne der Sabbatianer bereits angebrochen, folglich müßte der weitläufige, rituelle Kodex des Schulchan Aruch als nicht mehr verbindlich erscheinen. Ob Sabbataï selbst diese Konsequenz gezogen hat, ist zweifelhaft. Aber einige Vertraute seines Anhangs haben entschieden diese Theorie in den Vordergrund gestellt. Es herrschte überhaupt in diesem Kreise eine gewisse Bitterkeit gegen den Talmud und die talmudische Lehrweise. Hielt man den Sabbatianern entgegen, nach talmudischen Angaben müßte [210] der Messias eine ganz andere Stellung einnehmen und einen anderen Charakter haben, so spotteten sie über diese Autorität und sagten gerade heraus, die Lehrer des Talmuds hätten nichts von der höheren Weisheit verstanden. Der Trockenheit und Verknöcherung des Talmuds hatte schon der Sohar die Frische und den Phantasieschwung der Kabbala entgegengesetzt27. Die sabbatianischen Mystiker fühlten sich noch mehr von dem talmudisch-rabbinischen, dichtgezogenen Netze eingeengt und suchten Schlinge nach Schlinge aufzulösen. Sogar eine neue Gottheit stellten sie auf und setzten für den Gott Israels einen Gottmenschen. In ihrer Spielerei und Deutungswut hatten die Kabbalisten an dem Begriff der Gottheit so viel gemodelt, daß er ihnen in nichts verschwamm und fast abhanden gekommen war. Auf der andern Seite hatten sie den Messias in dem Maße erhöht und verherrlicht, daß er Gott so nahe als möglich zu stehen kam. Die lurjanisch-kabbalistische Theorie hatte die Verkehrtheit in der Welt von dem Überströmen des Göttlichen abgeleitet, weil diese die ganze Fülle nicht zu fassen vermocht habe. Es sei daher eine Unordnung eingetreten, Gutes und Böses seien vermischt worden, das Böse habe die Oberhand über das Gute erhalten. Die Sabbatianer oder einer derselben (Samuel Primo?) bauten auf diesem Grunde weiter. Aus dem göttlichen Schoß (dem Alten der Tage) habe sich eine neue göttliche Person entfaltet, welche die Ordnung der Welt wieder herzustellen imstande sei, wie sie im Plane der göttlichen Vollkommenheit gelegen habe. Diese Person sei der heilige König (Malka kadischa), der Messias, der ausgebildete Urmensch (Adam kadmon), der das Böse, die Sünde, den Fall der Geister aufzehren und die versiegten Gnadenströme wieder in Fluß bringen werde. Er, der heilige König, der Messias, sei der wahre Gott, der Erlöser und Befreier der Welt, der Gott Israels; ihm allein müsse Anbetung zu teil werden. Der heilige König und Messias enthalte zwei Naturen, eine männliche und eine weibliche; er vermöge wegen seiner höheren Weisheit mehr zu leisten als der Weltenschöpfer, mit dem er so ziemlich eins sei, indem er doch dessen Plan der Verwirklichung zuführe. Es war die alte Gnosis in einem andern Gewande, von der höhern Natur des Messias-Christus und von dessen Überlegenheit über den Weltenschöpfer. Einige Sabbatianer sprachen die lästerlichsten Dinge unzweideutig aus, bis zum Erscheinen des Messias habe nur ein untergeordneter Engel (Metatoron) die Welt und Israel regiert, und erst mit Sabbataï Zewi gelange die Gottheit zur Allmacht, oder Gott [211] habe sich von der Weltherrschaft zurückgezogen und Sabbataï zu seinem Stellvertreter eingesetzt. Sie erzählten von ihm, er habe sich mit Anwendung eines Verses im Hohenliede geäußert: »Gott gleiche Zewi.« Samuel Primo, welcher die Sendschreiben und Regierungserlasse im Namen des Messiaskönigs ausfertigte, setzte öfter als Unterschrift: »Ich, der Herr, euer Gott Sabbataï Zewi«28. Ob der Schwärmer von Smyrna wirklich diese gotteslästerliche Vermessenheit hegte, läßt sich nicht entscheiden und eben so wenig, ob er in seinem Innern das Gesetz des Judentums vollständig aufgehoben und außer Kraft gesetzt hat. Denn wiewohl einige Sabbatianer, welche diese Verrücktheiten aussprachen, sie aus seinem Munde vernommen haben wollten, so haben andere Jünger das Entgegengesetzte überliefert, er habe an dem Gottesbegriff, wie ihn Bibel, Talmud und Sohar lehren, festgehalten, er habe die talmudischen Schriften hochverehrt und geküßt und die talmudischen Weisen als seine Lehrer anerkannt.

Das Richtige ist wohl, daß Sabbataï Zewi in seiner eitlen Selbstbespiegelung alles das hinnahm, was die Tatkräftigen seines Anhanges gelehrt und vorgeschlagen haben. Die Auflösung des bestehenden Judentums begannen sie mit der Verwandlung des zehnten Tebet (Assara be-Tebet) in einen Freudentag. Samuel Primo richtete im Namen seines Götzen ein Sendschreiben an Gesamtisrael in halboffizieller Form. »Der einige und erstgeborene Sohn Gottes, Sabbataï Zewi, Messias und Erlöser des israelitischen Volkes, allen Söhnen Israels Frieden! Nachdem ihr gewürdigt worden seid, den großen Tag und die Erfüllung des Gotteswortes durch die Propheten zu sehen, so müssen eure Klage und Trauer in Freude und euer Fasten in frohe Tage verwandelt werden, denn ihr werdet nicht mehr weinen. Freut euch mit Gesang und Lied und verwandelt den Tag, der sonst in Betrübnis und Trauer verlebt wurde, in einen Tag des Jubels, weil ich erschienen bin.« So fest wurzelte bereits der Glaube an Sabbataï Zewi in den Gemütern, daß die Gemeinden, denen das Schreiben zeitig genug zugekommen war, diesen Fasttag einstellten, obwohl sie nur durch strenges Fasten in das Messiasreich eingehen zu können vermeinten. Die Stockorthodoxen wurden aber wegen dieser ersten Neuerung stutzig. Sie konnten sich den Messias nicht anders, denn als streng frommen Rabbi vorstellen, der, wenn möglich, noch neue Erschwerungen ausklügeln würde. Tausendfach hatten sie es zwar im Sohar gelesen und einander wiederholt, daß in der messianischen Zeit [212] die Trauertage in Festtage umgewandelt werden und das Gesetz überhaupt nicht mehr bindend sein würde; als aber Ernst damit gemacht wurde, ergriff sie ein förmliches Entsetzen. Diejenigen Rabbinen, welche früher halbungläubig dem Treiben zugesehen, oder, um die jedenfalls heilsamen Büßungen und Betätigung der Wohltätigkeit nicht zu stören, dazu geschwiegen hatten, erhoben jetzt ihre Stimme gegen das gesetzauflösende Messiastum. Es bildete sich daher in jeder größeren Gemeinde eine allerdings kleine Partei von Ungläubigen (Kofrim), meistens Talmudkundigen, welche das Bestehende vor jedem Angriff und vor Zerstückelung schützen wollten.

Das rabbinische Judentum und die Kabbala, bisher Engverbündete, fingen an miteinander in Streit zu geraten, die zweideutige Bundesgenossin zeigte sich endlich in ihrer wahren Gestalt als Feindin des Stockrabbinismus. Aber diese ernüchternde Entdeckung, daß die Rabbinen an der Kabbala eine Schlange im eigenen Busen großgezogen hatten, erkannten doch nur wenige. Sie blieben ihr noch immer treu, schoben die beginnende Feindseligkeit gegen den Schulchan Aruch auf Sabbataï und seine Helfershelfer und schrieen Zeter. Es war aber zu spät, ihre Stimme verhallte in dem Jubelrausche. Salomo Algasi und einige Gesinnungsgenossen, – zum Smyrnaer Rabbinat gehörig, – welche sich der Aufhebung des Fasttages widersetzen wollten, wurden von der Menge der Gläubigen fast gesteinigt und mußten, wie Aaron Lapapa, die Stadt eiligst verlassen. Chajim Benvenisti dagegen, der nicht genug Erschwerungen zum rabbinischen Kodex nachtragen konnte, mußte die allmähliche Entkräftung desselben schmerzlich mit ansehen; er hatte sich einmal aus Ehrgeiz Sabbataï Zewi verschrieben und mußte das von ihm so gewissenhaft verehrte Gesetz verletzen helfen.

Aber der Messias mußte sich doch endlich einmal aus dem Schlaraffenleben und der Atmosphäre des Weihrauchs in Smyrna herausreißen, um sein Werk in der türkischen Hauptstadt zu vollenden, sei es, daß seine Anhänger ihn dazu gedrängt haben, sein Licht nicht unter, sondern auf den Scheffel zu stellen, damit die große Welt es sähe, oder daß der Kadi das tolle Treiben der Juden nicht länger dulden und die Verantwortlichkeit nicht allein tragen mochte. Es heißt, der Kadi habe Sabbataï Zewi drei Tage Frist gegeben, sich zu Schiff nach Konstantinopel zu begeben und vor die höchsten türkischen Behörden zu stellen. In seinem Wahne mochte Zewi glauben, daß sich ein Wunder ereignen werde, um die Prophezeiungen Nathan Ghazatis und anderer Propheten zu erfüllen, daß er mit Leichtigkeit dem Sultan die Krone [213] werde vom Haupte nehmen können. Er schickte sich zur Reise an. Ehe er Smyrna verließ, verteilte er unter seine sechsundzwanzig Getreuen die Erde und ernannte sie zu Königen und Fürsten. Den Löwenanteil erhielten seine Brüder Elias Zewi und Joseph Zewi; der erste wurde zum König der Könige überhaupt, und der andere zum Könige der Könige Judas ernannt. Den übrigen getreuen Anhängern eröffnete er zugleich kabbalistisch, welche Seele der ehemaligen judäischen oder israelitischen Könige ihren Leibern innewohne, d.h. durch Seelenwanderung in sie gefahren sei. Zu den mehr bekannten Namen gehörte sein Jugendgenosse Isaak Silveyra, dann Abraham Jachini in Konstantinopel, der ihm die Mystifikationskunst beigebracht hat (o. S. 193), Mose Galante und Daniel Pinto, welche aus Aleppo nach Smyrna zu seiner Huldigung gekommen waren; Salomon Carmona, welcher in seiner Phantasterei den Propheten Elia gesehen haben wollte. Raphael Joseph Chelebi in Kairo durfte am wenigsten übergangen werden, er war die erste, feste Stütze des Messias gewesen, er galt als König Joas. Ein aus Portugal entflohener und auf Sabbataï schwörender marranischer Arzt erhielt die Krone von Portugal. Selbst sein ehemaliger Gegner Chajim Peña erhielt ein eigenes Königreich. Ein Bettler, Abraham Rubio in Smyrna, erhielt unter dem Namen Josia ebenfalls eine Krone und war so fest von seiner baldigen Herrlichkeit überzeugt, daß er große Summen ausschlug, die ihm für sein utopisches Königreich geboten wurden.

Mit einer gewissen Absichtlichkeit scheint Sabbataï Zewi seine messianische Reise nach Konstantinopel gerade mit dem Beginne des für mystisch gehaltenen Jahres 1666 angetreten zu haben. Er war von einigen seiner Anhänger, namentlich von seinem Sekretär Samuel Primo begleitet und hatte den Tag seiner Ankunft in Konstantinopel voraus verkündet, aber die Ereignisse straften ihn Lügen. Das Schiff, das ihn trug, hatte mit Sturm zu kämpfen und verzögerte die Fahrt auf Wochen. Aber da das Meer ihn nicht verschlungen hatte, so hatten die Sabbatianer Stoff zu Wundererzählungen, wie Sturm und Wogen dem Messias gehorchten. An einem Platze an der Küste der Dardanellen mußten die Passagiere des beschädigten Schiffes ans Land gesetzt werden, und dort verhafteten ihn türkische Häscher, welche zu seiner Gefangennahme abgesandt waren. Der Großwesir Achmed Köprili hatte von der Aufregung der Juden in Smyrna und im ganzen türkischen Reiche Kunde erhalten und wollte sie mit einem Schlage dämpfen. Vielleicht hatten nüchterne Juden in Konstantinopel Sabbataï bei den [214] Behörden angegeben, um dem tollen Treiben ein Ende zu machen. Genug, die Häscher hatten den gemessenen Befehl, den angeblichen Erlöser in Fesseln nach der Hauptstadt zu bringen, und waren daher dem Schiffe, das ihn führte, entgegengeeilt. Laut Befehl legten sie ihm Fesseln an und führten ihn nach einem Städtchen in der Nähe Konstantinopels, weil der Sabbatbeginn nahe war. Durch einen Kurier von seiner Ankunft in Chekmese Kutschuk unterrichtet, eilten seine Anhänger aus der Hauptstadt dahin, um ihn zu sehen, fanden ihn aber in einem elenden Aufzuge und in Ketten. Ihr mitgebrachtes Geld verschaffte ihm indessen einige Erleichterung, und am Sonntag darauf (Febr. 1666) wurde er zu Wasser nach Konstantinopel gebracht, wie ganz anders, als er und seine Gläubigen geträumt hatten! Indessen hatte seine Ankunft doch Aufsehen erregt. Auf dem Landungsplatze war ein solcher Andrang von Juden und Türken, welche den wahren oder angeblichen Messias sehen wollten, daß die Polizei Ordnung für das Ausschiffen machen mußte. Ein Unterpascha, welcher ihn in Empfang zu nehmen beauftragt war, bewillkommnete den Gottesmenschen mit einem Schall von Ohrfeigen. Sabbataï Zewi soll aber klugerweise die andere Wange zum Streiche hingehalten haben. Da er nicht den triumphierenden Messias spielen konnte, wollte er wenigstens den leidenden mit Anstand spielen. Vor den stellvertretenden Wesir (Kaimakam) Mustafa Pascha geführt, hat er die erste Probe nicht glänzend bestanden. Befragt, was sein Vorhaben sei, und warum er die Juden so sehr in Aufregung setzte, soll Sabbataï geantwortet haben, er sei weiter nichts als ein jüdischer Chacham, der aus Jerusalem nach der Hauptstadt gekommen sei, um Almosen zu sammeln; er könne nichts dafür, wenn die Juden ihm so viel Anhänglichkeit bezeugten. Mustafa ließ ihn darauf in das Gefängnis bringen, wo zahlungsunfähige jüdische Schuldner verhaftet waren.

Weit entfernt, durch diese Behandlung enttäuscht zu sein, verharrten seine Anhänger in Konstantinopel noch immer in ihrem Wahne. Einige Tage hielten sie sich still in ihren Häusern, weil die Gassenjugend ihnen spottend zurief: »Kommt er, kommt er?« (Gheldi mi, Gheldi mi). Aber bald begannen sie von neuem zu faseln, er sei der wahre Messias, und die Leiden, die ihm widerführen, seien notwendig und Vorbedingung zu seiner Verherrlichung. Die Propheten fuhren fort, von seiner und Israels baldiger Erlösung zu verkünden. In Konstantinopel unterhielten zwei jüdische Propheten Mose Suriel, und ein greiser Deutscher, Mardochaï der Fromme, die Schwärmerei für ihn. Auch ein türkischer Derwisch erfüllte die [215] Straßen Konstantinopels mit seinen Prophezeiungen von dem erschienenen Messias – die Gegner sagten, Sabbataïs Anhänger hätten ihn gekauft. Tausende drängten sich täglich zu Sabbataïs Gefängnis, um nur einen Blick von ihm zu erhaschen. Englische Kaufleute, welche ihre Schuldforderungen von ihren jüdischen Schuldnern nicht erlangen konnten, wandten sich an den Messias. Ein Handschreiben von ihm, welches die Säumigen ermahnte, ihren Gläubigern gerecht zu werden, sonst würden sie nicht an seiner Freude und Herrlichkeit teilnehmen können, hatte die beste Wirkung. Samuel Primo sorgte dafür, daß den Juden Smyrnas und überhaupt den entfernt wohnenden Juden die fabelhaftesten Mitteilungen zukamen von der Verehrung, die dem Messias von Seiten der türkischen Großen zuteil werde. Sie seien sämtlich innerlich von seiner Würde überzeugt. Die Erwartungen der Juden wurden dadurch noch mehr gespannt, die ausschweifendsten Hoffnungen nur noch mehr genährt. Es galt als ein handgreifliches Wunder, daß die rasche türkische Justiz ihn, den aufwieglerischen Juden, am Leben ließ. Bewies diese Schonung nicht, daß sie ihn fürchtete? Eine gewisse Scheu scheint in der Tat die türkische Regierung vor dem jüdischen Messias gehabt zu haben. Der kandiotische Krieg stand bevor, der alle Kräfte des bereits halberschöpften türkischen Reiches brauchte, und da mochte der kluge Großwesir Achmed Köprili ihn nicht dem Tode weihen, um nicht einen neuen Märtyrer zu machen und unter den Juden einen todesmutigen Aufruhr zu erzeugen. Auch Türken, bezaubert von Sabbataïs Wesen und betört von den außerordentlichen Wundererscheinungen, namentlich den Prophezeiungen von Frauen und Kindern, gehörten zu seinen Verehrern. Aber es schien Köprili eben so bedenklich, ihn während seiner Abwesenheit im Kriege in Konstantinopel zu lassen, wo er leicht Stoff zu einer immer zunehmenden Aufregung in der Hauptstadt abgeben könnte. Er befahl daher, ihn nach zweimonatlichem Gefängnis in Konstantinopel (Auf. Febr. bis 17. April) nach dem Dardanellenschlosse Abydos abzuführen, wohin Staatsgefangene in Gewahrsam gebracht zu werden pflegten. Es war eine leichte Haft; einige seiner Freunde durften ihn dahin begleiten, Samuel Primo brauchte ihn nicht zu verlassen. Diese Festung nannten die Sabbatianer mit einem mystischen Namen »Turm der Macht (Migdal Oz)«.

Wenn Sabbataï Zewi einen Augenblick an sich zweifelte, so schwoll ihm wieder der Kamm durch die Ortsveränderung, die rücksichtsvolle Schonung von Seiten des Divan und die andauernde und zunehmende Anhänglichkeit der Juden. Er fühlte sich wieder voll als Messias. Bei [216] seiner Ankunft im Dardanellenschlosse (19. April) am Rüsttage des Passahfestes schlachtete er für sich und seine Begleiter ein Passahlamm und genoß es mit den Fetteilen, welche nach talmudischen Gesetzen verboten sind. Er soll dabei eine Segensformel gebraucht haben, welche andeuten sollte, daß das mosaisch-talmudische und rabbinische Gesetz aufgehoben sei: »Gebenedeiet sei Gott, der das Verbotene wieder gestattet.« In Abydos richtete er eine förmliche Hofhaltung ein mit den bedeutenden Geldsummen, welche seine Brüder und seine reichen Anhänger ihm mit vollen Händen zufließen ließen. Seine Frau Sara durfte bei ihm weilen, gebärdete sich als Messiaskönigin und bezauberte die Menge durch ihre Reize. In der türkischen Hauptstadt wimmelte es von Schiffen, welche seine Anhänger nach dem Dardanellenschlosse führten. Der Fahrpreis für Schiffe stieg dadurch von Tag zu Tag29. Auch aus allen Ländern und Erdteilen strömten Scharen von Juden nach dem Orte seines Gefängnisses, um seines Anblicks gewürdigt zu werden. Der Kastellan des Schlosses stand sich gut dabei; denn er ließ sich von den Besuchenden Einlaßgeld zahlen und steigerte es bis auf fünf oder zehn Taler für die Person. Auch die Einwohner des Städtchens hatten ihren Nutzen davon, weil sie für ihre Wohnung und Lebensmittel hohe Preise erzielen konnten. Ein wahrer Goldregen strömte über Abydos. Der Eindruck, den diese Tatsachen, noch dazu geflissentlich von Mund zu Mund vermehrt und übertrieben, auf die Juden in Europa, Asien und Afrika machten, und die Wirkungen, die sie hervorbrachten, sind unbeschreiblich. Mit geringen Ausnahmen waren alle von Sabbataïs Messianität und baldiger Erlösung in spätestens zwei Jahren überzeugt. Sie sagten sich: »Er hatte den Mut nach der türkischen Hauptstadt zu gehen, obwohl er offen die Entthronung des Sultans verkündet hatte, und wurde gleichwohl nicht am Leben gestraft, sondern in einer Art Scheinhaft gelassen.« Brauchte es mehr, um die Prophezeiung der Propheten älterer und neuerer Zeit zu bestätigen? Ernstlich bereiteten sich daher die Juden zur Rückkehr in ihre Urheimat vor. In Ungarn fingen sie bereits an, die Dächer ihrer Häuser abzutragen. Sie stellten ihre Geschäfte ein, wenigstens unternahmen sie keine neuen. In den großen Handelsstädten, in denen Juden im Großhandel tonangebend waren, in Amsterdam, Livorno, Hamburg, trat dadurch eine Stockung ein. Fast in allen Synagogen wurden die zwei Anfangsbuchstaben seines Namens S. Z. mit mehr oder weniger Verzierungen angebracht. Fast überall [217] wurde für ihn ein Gebet eingeführt mit der Formel: »Segne unsern Herrn und König, den heiligen, gerechten Sabbataï Zewi, Messias des Gottes Jakob.« Nathan Ghazati hatte den Gemeinden vorgeschrieben, ein eigenes Gebet an den Feiertagen und bei feierlichen Handlungen für ihn hinzuzufügen: »Und es bewähre sich an ihm das Wort des Propheten: ›es ruhe auf ihm der Geist Gottes, der Geist der Weisheit usw.‹«30. Es wurde angenommen und in Gebetbüchern mit abgedruckt. In Europa waren die Augen aller Gemeinden auf die Amsterdamer gerichtet, und diese war in ihren Vertretern am meisten der Schwärmerei zugetan. Jeder Posttag, welcher neue Briefe brachte, war ein Festtag für sie. Die Amsterdamer gaben ihre Freude offen zu erkennen und scheuten weder die christliche Bevölkerung noch die Obrigkeit. Isaak Naar aus Amsterdam und der reiche Abraham Pereyra bereiteten sich zu einer Reise zum Messias vor, und der erstere zeigte es ironisch dem ungläubigen Jakob Sasportas an. Die Hamburger Gemeinde äffte stets die Amsterdamer Gemeinde nach oder überbot sie noch. Der Vorstand führte den Brauch ein, nicht bloß am Sonnabend, sondern auch am Montag und Donnerstag für Sabbataï Zewi zu beten. Die Ungläubigen wurden gezwungen, in der Synagoge zu bleiben, um sich durch ein lautes Amen daran zu beteiligen. Und das geschah alles auf Veranlassung des gebildeten Arztes Bendito de Castro. Die Gläubigen bedrohten förmlich die wenigen Gegner, wenn diese es wagten, ein Wort des Tadels über Sabbataï auszusprechen. – In Venedig brach am Sabbat ein Streit zwischen Sabbatianern und ihren Gegnern aus, und einer der letzteren wäre dabei beinahe ums Leben gekommen. Als Sabbataï befragt wurde, wie mit den Kofrim (Ungläubigen) verfahren werden sollte, antwortete er oder Samuel Primo, diese dürften ohne weiteres selbst am Sabbat ums Leben gebracht werden. Die Vollstrecker einer solchen Strafe seien der Seligkeit gewiß31. Ein Talmudkundiger in Ofen, Jakob Aschkenasi aus Wilna, dessen Sohn und Enkel später so eifrige Verfolger der Sabbatianer wurden, verfuhr auch danach und erklärte ein Gemeindeglied für todeswürdig, weil dasselbe nicht den Segen für Sabbataï Zewi sprechen mochte. In Mähren (Nikolsburg) gab es infolge der messianischen Schwärmerei so heftige Reibungen und Aufläufe, daß der Landeshauptmann Graf von Dietrichstein zur Beruhigung der Gemüter Bekanntmachungen anschlagen lassen[218] mußte32. In Salé in Nordwest-Afrika verhängte der damalige Emir Gailan (Gailand) eine Verfolgung über die Juden, weil sie gar zu offen die Hoffnung auf ihre baldige Erlösung zur Schau trugen33.

Aber auch manche Christen waren nicht frei von dem Wahnglauben an den neuen Messias, auch auf sie hatten die allwöchentlich eintreffenden Nachrichten aus dem Morgenlande über Sabbataï Zewi, seine Umgebung und sein Tun einen überwältigenden Eindruck gemacht. In Hamburg z.B. begaben sich frommgläubige Protestanten zu dem bekehrungssüchtigen Prediger Esdras Edzard und fragten ihn, was nun zu tun sei: »Wir haben nicht nur von Juden, sondern auch von unsern christlichen Korrespondenten aus Smyrna, Aleppo, Konstantinopel und anderen Orten der Türkei ganz gewisse Nachricht, daß der neue Judenmessias so viele Wunder tue, und die Juden aus der ganzen Welt sich um ihn sammeln. Wo bleibt denn nun die christliche Lehre und der Glaube von unserm Messias34?« Die Aufmerksamkeit, wel che die Christen der gebildeten Stände den außergewöhnlichen Vorgängen schenkten, die als Zeitungsnachrichten verbreitet wurden, erhöhte wiederum die Gläubigkeit der Juden. Kurz, jedes Ereignis führte immer tiefer in die Täuschung hinein. Nur Jakob Sasportas ließ laut seine warnende Stimme gegen den Schwindel vernehmen. Er rieb sich förmlich auf, um überallhin zu korrespondieren, hier auf die Lächerlichkeit hinzuweisen und dort genaue Erkundigungen einzuziehen. Es nützte nicht viel. Er bekam von keiner Seite, wie er es wünschte, ganz augenfällige Beweise von Sabbataïs oder Nathans falschem Spiele. Abraham Amigo, einer der Rabbiner Jerusalems, welcher zu Sabbataïs Verbannung beigetragen hatte und um wahrheitsgetreue Auskunft angegangen wurde, erteilte keine Antwort35, vielleicht, weil er es mit den Sabbatianern nicht verderben und die Geldsendungen für Jerusalem nicht aufs Spiel setzen wollte. Von Konstantinopel aus, wo die Rabbinen am besten imstande waren, über Sabbataï wahrheitsgemäß zu berichten, bestätigte Abraham Jachini, im Namen des Rabbinenkollegiums, Sabbataïs Messianität und baldiges Erlösungswerk, um die Judenheit geflissentlich noch mehr in die Irre zu führen36. Fälschungen von Sendschreiben und Aktenstücken waren überhaupt an der Tagesordnung, Gewissenhaftigkeit [219] und Aufrichtigkeit im Strudel ganz abhanden gekommen. So verdichtete sich immer mehr die Nebelhülle des Wahnglaubens, und es war niemand mehr imstande, hinter die Wahrheit zu kommen. Die eifrigsten Sabbatianer fuhren fort, den glühendsten Fanatismus zu predigen. David Jizchaki z.B. schrieb nach Livorno, jeder Jude sei verpflichtet, an den Messias Sabbataï Zewi ebenso wie an Gott und seine Lehre zu glauben37.

Indessen führte Sabbataï bereits drei Monate (April bis Juli) im Dardanellenschloß ein wahres Fürstenleben und war nur auf die eigene Vergötterung bedacht. Entweder aus eigenem Antriebe oder auf Samuel Primos Eingebung erklärte er den Fasttag des siebzehnten Tammus ebenfalls für aufgehoben, weil er an diesem Tage sein messianisches Bewußtsein erlangt habe38. War es übermütige Laune oder die Absicht, seine Gläubigen an Aufhebung des rabbinischen Judentums zu gewöhnen? Genug, er bestimmte den 23. Tammus (26. Juli), einen Montag, den siebenten Tag nach seinem Erwachen zu messianischem Bewußtsein, als strengen Sabbat, als großen Sabbat39. Mehr als viertausend Juden, Männer und Frauen, die sich gerade an diesem Tage in Abydos befanden, feierten diesen neuen Sabbat mit großer Gewissenhaftigkeit. Im voraussandte er oder sein Sekretär Rundschreiben an die Gemeinden, daß sie den nächsten Fasttag, den neunten Ab, seinen Geburtstag, als einen Feiertag förmlich begehen sollten mit einem eignen Gottes dienst, mit eigens ausgewählten Psalmen, mit Genießen von ausgesuchten Speisen und mit Saitenspiel und Gesang40. Auch soll er im Plane gehabt haben, sämtliche jüdischen Feiertage, sogar den Versöhnungstag außer Kraft zu setzen und dafür andere einzuführen41. Allein ehe es dazu kam, beging er im Übermut eine Unklugheit, welche das ganze messianische Kartenhaus umblies.

Unter den vielen Tausend Besuchern von Nah und Fern waren auch zwei Polen aus Lemberg zu ihm gewallfahrtet, um sich Gewißheit zu verschaffen und sich an seinem Anblick zu weiden. Der eine war Jesaia, Sohn einer hochgeachteten rabbinischen Autorität, des greisen David Levi (Ture Zahab) und Enkel des nicht minder berühmten Joel Serkes (o. S. 57), der andere sein Stiefbruder Loeb Herz. Über Wien nach Abydos gewandert, wurden sie anfangs [220] nicht zur Audienz zugelassen, sondern angewiesen, sich nach Konstantinopel zu Abraham Jachini zu begeben, der sie vorher mystisch bearbeiten und stimmen sollte. Sie kehrten gerade an dem neuen großen Sabbat nach Abydos zurück, und, nichts von der eingeführten strengen Feier ahnend, ließen sie für schweres Geld Lebensmittel für sich einkaufen. Ob dieser Freveltat wurden sie von Sabbataï finster empfangen und von Samuel Primo derb ausgescholten. Da sie aber ihre Reue zu erkennen gaben, so wurden sie mit Geschenken entlassen. Den greisen Rabbiner David Levi beehrte der Messias mit einem seidenen Unterkleide, das er dessen Sohne für ihn mit der Versicherung übergab, es werde sein Alter verjüngen. Von diesen beiden Polen hatte Sabbataï vernommen, daß in fernem Lande ebenfalls ein Prophet, Nehemia Kohen, die Nähe des Messiasreiches, aber nicht ihn als den Träger desselben, verkündete. Er gab daher Jesaia Levi einen lakonischen Brief für dessen Vater mit, worin er den Juden in Polen Rache für das erlittene Gemetzel durch die Kosaken verhieß und zum Schluß befehlshaberisch bedeutete: »Nehemia soll eiligst zu mir kommen.« Er legte auf Nehemia so viel Gewicht, daß er seinen Kreis auf dessen Ankunft gespannt machte. Überglücklich reisten die beiden Polen nach Lemberg zurück und berichteten überall von dem Glanze, in dem sie den Messias gesehen hatten. Nehemia wurde aufgefordert, schnell zu Sabbataï zu reisen, und dieser scheute es nicht, die Hunderte von Meilen zurückzulegen. Als er in Abydos eintraf (Anf. Sept.), wurde er sogleich zur Audienz vorgelassen, die ausnahmsweise mehrere Tage dauerte. Der polnische Prophet und der Smyrnaer Messias lachten nicht einander ins Gesicht, wie zwei Vogelschaupriester, sondern disputierten ernst und eifrig miteinander. Der Gegenstand ihrer mystischen Unterredung ist, wie sich denken läßt, unbekannt geblieben. Man erzählte sich, sie habe den messianischen Vorläufer, den Ephraimitischen Messias betroffen, ob dieser sich bereits gezeigt habe und ums Leben gekommen sei – wie es nach der Schablone geschehen müßte – oder nicht. Nehemia wurde von der langen Disputation nicht überzeugt und verhehlte es auch nicht. Deswegen sollen die fanatischen Sabbatianer einander verstohlen zugewinkt haben, den gefährlichen Polen bei Seite zu schaffen. Er entkam aber glücklich aus dem Schlosse und begab sich sofort nach Adrianopel zum Kaimakam Mustafa, wurde Türke und verriet demselben die phantastischen und hochverräterischen Pläne, welche Sabbataï Zewi hegte, die der Regierung nur deswegen unbekannt geblieben seien, weil der Aufseher des Dardanellenschlosses ein Interesse an dem Zuströmen der Juden hätte.

[221] Der Kaimakam überbrachte die Nachricht dem Sultan Mohammed IV., und das Verfahren gegen Sabbataï Zewi wurde reiflich erwogen, wozu auch der Mufti Wanni hinzugezogen wurde. Kurzen Prozeß mit dem phantastischen Aufwiegler zu machen, schien dem Rat untunlich, zumal auch Türken ihm anhingen. Fiele er als Märtyrer, so könnte daraus eine neue Sekte entstehen, welche Zündstoff für neue Unruhen geben könnte. Wanni, ein bekehrungssüchtiger Oberpriester, schlug vor, den Versuch zu machen, Sabbataï zum Islam herüber zu bringen. Dieser Rat wurde befolgt, und der Leibarzt des Sultan (Hekim Baschi), ein jüdischer Renegat, namens Guidon, wurde ins Mittel gezogen. Ein Tschausch (Sendbote) erschien plötzlich in Abydos, vertrieb die Juden, die den Messias huldigend belagerten, führte diesen nach Adrianopel und brachte ihn zuerst mit dem Hekim Baschi zusammen, der als ehemaliger Glaubensgenosse ihn leichter würde überreden können. Der Leibarzt stellte ihm vor, welche grausige Strafe ihn unfehlbar treffen würde – er würde mit brennenden Fackeln, am Leibe gebunden, durch die Straßen gepeitscht werden, wenn er nicht den Zorn des Sultans durch Annahme des Islams beschwichtigen wollte. Man weiß nicht, ob diese Zumutung zum Abfall vom Judentum dem eingebildeten Messias viel Seelenkampf gekostet hat. Mannesmut hatte er überhaupt nicht, und das Judentum in der bestehenden Gestalt war für ihn vielleicht bereits überwunden. So ging er auf Guidons Rat ein. Tags darauf (13. Elul, 13. Sept. 1666) wurde er vor den Sultan geführt. Er warf sogleich seine jüdische Kopfbedeckung zum Zeichen der Verachtung auf die Erde, ein Page reichte ihm einen türkischen weißen Turban und ein grünes Oberkleid statt des schwarzen, und somit war sein Übertritt zur mohammedanischen Religion vollzogen. Bei dem Kleiderwechsel soll man mehrere Pfund Zwieback in seinen weiten Beinkleidern gefunden haben42. Der Sultan war mit diesem Ausgang der Bewegung sehr zufrieden, gab ihm den Namen Mehmed Effendi und ernannte ihn zu seinem Türhüter – Capigi Baschi Otorak – mit einem nicht geringen Monatsgehalte; er sollte in seiner Nähe bleiben. Die Messiasfrau Sara, die schöne, unzüchtige, polnische Rabbinerstochter, wurde ebenfalls Mohammedanerin unter dem Namen Fauma Kadin, und erhielt von der Sultanin reiche Geschenke. Einige seiner vertrautesten Anhänger gingen ebenfalls zum Islam über. Der Mufti Wanni unterrichtete sie in der mohammedanischen Religion. Sabbataï soll zu [222] seiner Frau Sara, auf Befehl des Mufti, noch eine mohammedanische Sklavin geehelicht haben. Nehemia Kohen, der diese plötzliche Wandlung zu Wege gebracht hat, blieb aber nicht in der Türkei, sondern kehrte nach Polen zurück, legte den Turban wieder ab und lebte still, ohne auch nur ein Wort von den Vorgängen zu verraten. Er verscholl eben so plötzlich wie er aufgetaucht war. Frech schrieb der Ex-Messias einige Tage nach seiner Bekehrung an seine Brüder nach Smyrna: »Gott hat mich zum Ismaeliten (Türken) gemacht; er befahl und es geschah. Am neunten Tage nach meiner Wiedergeburt.« Ungefähr in derselben Zeit versammelten sich sämtliche Rabbiner und Vorsteher von Lehrhäusern in Amsterdam und richteten ein Huldigungsschreiben an Sabbataï Zewi, um ihm ihre Gläubigkeit und Unterwürfigkeit zu bezeugen. Der halbe Spinozist Dionys (Benjamin) Mussaphia, gekränkt darüber, beim Absenden des Sendschreibens nicht zugezogen worden zu sein, richtete an Zewi ein eigenes Sendschreiben, mit seiner Namensunterschrift und der von zwei Mitgliedern des Lehrhauses versehen (24. Elul). Eine Woche später sandten 24 angesehene Männer aus Amsterdam abermals ein Huldigungsschreiben an den bereits apostasierten Messias. An der Spitze derselben stand Abraham Gideon Abudiente43. Ob diese Schreiben dem Türken Mehmed Effendi zu Händen gekommen sind? In Hamburg, wo man ebenfalls keine Ahnung von seiner Bekehrung hatte, wurde über Sabbataï am Versöhnungstage (9. Okt. 1666) fünfmal der Segen gesprochen. Ein Greis, der es nicht mit anhören mochte, wurde mißhandelt, der Vorsteher Bendito de Castro vergriff sich an ihm und erregte in der Synagoge Zank und Aufregung44. Auch an anderen Orten dauerte der Schwindel nach Sabbataïs Abfall vom Judentum noch eine längere Zeit fort.

Als aber die Kunde davon die Runde durch die Gemeinden machte und nicht mehr abzuleugnen war, folgte auf die Zuversicht das betäubende Gefühl der Enttäuschung und Beschämung. Der höchste Vertreter des Judentums hatte es verlassen und verraten! Chajim Benvenisti, der Rabbiner von Smyrna, welcher aus nicht sehr edlen Beweggründen den falschen Messias mit seiner Autorität gedeckt hatte, verging fast vor Reue und Scham45. Mohammedaner und Christen [223] wiesen mit Fingern auf die leichtgläubigen, verblendeten Juden. Die Gassenbuben in der Türkei riefen ihnen den Spottnamen Pouschtai nach. Mit dem Spott war es noch nicht abgetan. Eine so durchgreifende Bewegung konnte nicht ohne Spuren verlaufen, konnte nicht ohne weiteres ungeschehen gemacht werden. Der Sultan gedachte sämtliche Juden seines Reiches, weil sie sich mit rebellischen Plänen getragen hatten, zu vertilgen, und die Kinder unter sieben Jahren im Islam erziehen zu lassen. Der Neutürke Mehmed Effendi soll, um sich zu rächen, selbst seine Pläne und die Zustimmung der Juden dazu verraten haben. Zwei Räte und die Sultanin-Mutter sollen aber den Sultan von diesem Vorhaben abgebracht haben, mit der Bemerkung, die Juden seien als Betrogene zu betrachten. Aber 50 Hauptrabbinen, weil sie ihre Pflicht versäumt hatten, das Volk zu belehren, sollten in der Tat hingerichtet werden, 12 von Konstantinopel, 12 von Smyrna und die übrigen 26 aus den übrigen türkischen Gemeinden46. Es wurde als ein besonderes Wunder angesehen, daß dieser Beschluß unausgeführt blieb, und die Juden nicht einmal eine Geldstrafe erlitten haben. Schlimmer noch als dieses hätte die Zwietracht in den Gemeinden wirken können, wenn die Ungläubigen die ehemaligen Gläubigen mit Spott und Hohn überhäuft hätten. Aber die Rabbi natskollegien traten im Morgenlande beschwichtigend und vermittelnd dazwischen. Sie bedrohten denjenigen mit dem Banne, der einem ehemaligen Sabbatianer durch Wort und Tat zu nahe treten sollte47.

Indessen, wenn sich auch die Gemüter für den Augenblick beruhigten, so war die Ruhe doch lange nicht hergestellt. Nachdem die erste Betäubung über das Unerwartete seiner Bekehrung vorüber war, besannen sich seine eifrigen Anhänger, namentlich in Smyrna, und konnten sich nicht überreden, daß sie wirklich einem Schatten nachgelaufen sein sollten. Es müsse doch wohl etwas an Sabbataïs Messianität sein oder gewesen sein, da alle Zeichen so sehr übereinstimmten. Die Kabbalisten kamen leicht über das Anstößige hinweg. Sabbataï sei gar nicht Türke geworden, sondern eine Scheingestalt habe diese Rolle gespielt, er selbst sei in den Himmel oder zu den Zehnstämmen entrückt worden und werde bald wieder erscheinen, um das Erlösungswerk zu vollbringen. Wie zur Zeit der Entstehung des Christentums mystische Gläubige Jesu Kreuzestod als einen bloßen Schein auslegten (Doketen), ebenso erklärten sich in dieser Zeit eingefleischte [224] Mystiker Sabbataïs Abfall vom Judentum. Andere, welche den Sturz des rabbinischen Judentums durch ihn herbeizuführen gedachten, Samuel Primo, Jakob Faliachi, Jakob Israel Duchan, mochten diesen Plan nicht so ohne weiteres aufgeben, sie klammerten sich vielmehr noch fester an ihn an. Am meisten Interesse an ihm festzuhalten, hatten die Propheten, welche durch seine Bekehrung am augenscheinlichsten Lügen gestraft wurden. Sie mochten ihrer Glanzrolle nicht so einfach entsagen und sich ins Dunkel zurückziehen oder gar ausgelacht werden. Die seßhaften Propheten in Smyrna, Konstantinopel, Rhodos, Chios waren allerdings mit einem Mal verstummt, aber die Wanderpropheten Nathan Ghazati und Sabbataï Raphael mochten noch nicht abdanken. Der erstere hatte sich während Sabbataïs Triumphe in Palästina aufgehalten, um seinerseits Huldigungen zu empfangen. Nachdem die Enttäuschung eingetreten war, hielt er sich dort nicht mehr für sicher, machte Anstalt sich nach Smyrna zu begeben und setzte seine mystisch-bombastischen Sendschreiben fort. Von Damaskus aus ermahnte er in einem Schreiben an die Juden in Aleppo48, sich nicht durch auffallende Ereignisse im Glauben an den Messias entmutigen zu lassen; das alles sei ein tiefes Geheimnis, das in kurzem offenbar werden würde; aber er wußte noch nicht anzugeben, worin das Mysterium bestehen sollte. Durch diese Sendschreiben wurden die Leichtgläubigen in ihrem Wahne von neuem bestärkt. In Smyrna fuhren manche Synagogen fort, den Segen für Sabbataï beim Gebete einzufügen. Daher mußten die Rabbinen tatkräftig einschreiten, namentlich tat es das Rab binat der türkischen Hauptstadt. Es belegte alle diejenigen mit dem Banne, welche auch nur Sabbataïs Namen nennen oder mit seinen Anhängern verkehren sollten, und drohte sie dem weltlichen Arm zu überliefern. Nathan Ghazati wurde besonders in den Bann getan und jedermann gewarnt, ihn zu beherbergen oder in seine Nähe zu kommen (12. Kislew = 9. Dezbr. 1666). Diese Bannbullen wirkten insofern, als Nathan sich nirgends lange aufhalten und selbst in Smyrna nur heimlich bei einem Gläubigen einige Zeit weilen durfte. Aber den Schwindel ganz zu bannen vermochten sie keineswegs. Einer der eifrigsten Sabbatianer, vielleicht auch der erfindungsreichste, Samuel Primo, warf ein Stichwort hin, das besser zog, als jenes von der Scheinbekehrung. Es mußte alles so kommen, wie es gekommen ist. Gerade durch seinen Übertritt zum Islam habe sich Sabbataï als Messias bewährt. Es sei ein kabbalistisches [225] Mysterium, welches bereits früher einige Schriften voraus verkündet hätten. Wie der erste Erlöser Mose einige Zeit lang an Pharaos Hof habe weilen müssen und zwar nicht als Israelite, sondern zum Schein als Ägypter, ebenso müsse der letzte Erlöser an einem heidnischen Hofe einige Zeit scheinbar im heidnischen Gewande leben, »äußerlich sündhaft und innerlich gut«. Es sei Sabbataïs Aufgabe, die verlorenen Seelenspuren, die auch im mohammedanischen Menschen weben, zu befreien, gewissermaßen aufzusaugen und sie dem Urquell wieder zuzuführen. Dadurch eben befördere er am wirksamsten das messianische Reich, indem er die Seelen in allen Kreisen erlöse. Dieses Stichwort machte Glück, es zündete von neuem und fachte den Schwindel wieder an. Es wurde ein Zugwort für sämtliche Sabbatianer, sich mit Anstand und mit einem Scheingrunde als solche bekennen und sammeln zu können.

Auch Nathan Ghazati ergriff dieses Wort und faßte wieder Mut, seine Prophetenrolle weiter zu spielen. Es war ihm bisher schlecht ergangen, er mußte Smyrna, wo er mehrere Monate heimlich geweilt, verstohlen verlassen (Ende April 1667). Seine Begleitung, aus mehr als dreißig Mann bestehend, wurde zersprengt. Durch diesen neuen Schwindel trat er aber wieder kühner auf und näherte sich Adrianopel, wo sich Mehmed Effendi aufhielt und mehrere Anhänger um sich hatte, die als Scheintürken mit ihm lebten und schwärmten. Die Vertreter der Judenschaft von Konstantinopel und Adrianopel fürchteten mit Recht neue Unruhen von der Anwesenheit des falschen Propheten und wollten ihn entfernt wissen. Abgeordnete von Ansehen begaben sich zu ihm nach Ipsola, um ihn aus dieser Gegend zu verbannen. Nathan Ghazati steifte sich aber auf seine Prophezeiung, deren Erfüllung noch bis zum Ablauf des Jahres möglich sei. Er erwartete, daß der heilige Geist am Wochenfeste (Pfingsten) auf den Renegaten Mehmed herabfahren werde, und infolgedessen werde auch er imstande sein, Zeichen und Wunder zu geben. Bis dahin könne er sich auf nichts einlassen, entgegnete er den Abgeordneten trotzig. Als das Wochenfest vorüber war, drangen die Adrianopolitaner wieder in ihn, seine Spiegelfechtereien einzustellen, konnten aber mit vieler Mühe nur das schriftliche Versprechen von ihm erlangen, daß er sich zwölf Tagereisen von Adrianopel entfernt halten, daß er mit Sabbataï nicht korrespondieren, daß er Leute nicht um sich sammeln werde, und daß er, wenn bis Ende des Jahres der Erlöser sich nicht einstellen sollte, seine Prophezeiung als falsch betrachten werde. Aber trotz seines schriftlichen Versprechens setzte dieser Lügenprophet seine Wühlerei fort, hielt sich in Comargena [226] (in der Nähe Adrianopels) auf und ermahnte die Sabbatianer in Adrianopel, ihre fortdauernde Anhänglichkeit durch das Einstellen des Fastens am siebzehnten Tammus zu bekunden. In dieser Stadt gab es nämlich einen sabbatianischen Konventikel unter Leitung eines ehemaligen Jüngers Mose Kohen, der mit Mehmed Effendi in Verbindung stand. Das Rabbinat von Adrianopel wußte keinen Rat, wie es dem Unfug dieser kecken Sekte steuern sollte, und mußte zu einer Notlüge greifen. Es berichtete nämlich, der Renegat sei plötzlich in der Vorstandsversammlung erschienen, habe seinen Schwindel bereut und habe alles auf Nathan und Abraham Jachini gewälzt, die ihn betrogen hätten49. Auf diese Weise gelang es dem Rabbinat, für den Augenblick die Sabbatianer zu täuschen. Aber das Mittel hielt nicht lange vor. Durch Nathan auf der einen Seite und durch den Kreis um Mehmed Effendi auf der andern Seite ermutigt und zu neuer Hoffnung erweckt, nahm die Zahl der Gläubigen wieder zu, und diese setzten etwas Besonderes darein, am neunten Ab, dem Geburtstag ihres Messias, nicht zu fasten, namentlich in Smyrna und Tiria. Die Rabbinate von Konstantinopel und Smyrna versuchten diesen Schwindel mit den alten Mitteln, mit Bann und Androhung von Strafen, zu unterdrücken (Ende Juli)50; aber es schlug wenig an, die Sabbatianer lechzten gewissermaßen nach Märtyrertum, um ihren Glauben zu besiegeln. Der Lügenprophet ging geradezu auf Propaganda aus. Er hatte noch immer einige Begleiter um sich und sogar zwei Türken. In Salonichi, wo es einen Schwarm von Kabbalisten gab, kam er zwar schlecht an, aber desto mehr Gehör fand er in den Gemeinden auf den Inseln Chios und Korfu. Sein Blick war aber hauptsächlich auf Italien gerichtet.

Auch hier dauerte der Wirrwar noch fort51. Denn auf die erste Nachricht von Sabbataïs Abtrünnigkeit war keine zweite gefolgt, weil infolge des kandioti schen Krieges die Schiffe der Christen von den Türken gekapert wurden. So hatten die Sabbatianer freien Spielraum, ihren Glauben zu behaupten und jene Nachricht als ein lügenhaftes Gerücht zu verschreien, zumal von Kairo aus, von Raphael Josef Chelebi, und anderen Orten ermutigende Schreiben für sie eingingen. Die abgeschmacktesten Märchen über Sabbataïs Macht und Ansehen an der Pforte wurden in Italien verbreitet und fanden Glauben. Mose Pinheiro, Sabbataïs alter Genosse, Raphael Sofino in Livorno, die Amsterdamer Schwärmer Isaak Naar und Abraham Pereyra, [227] welche nach Italien gekommen waren, um den Messias aufzusuchen, hatten ein besonderes Interesse daran, sich an einen Strohhalm zu klammern, um wenigstens nicht als Betrogene verlacht zu werden. Geradezu auf Täuschung und Betrug legte es aber der unwissende, marktschreierische Wanderprophet Sabbataï Raphael52 aus Morea an, der sich damals in Italien aufhielt. Er scheint dort eine gute Ernte gemacht zu haben. Als aber endlich an der Tatsache von Sabbataïs Religionswechsel nicht zu zweifeln war, wendete er seine Schritte nach Deutschland, wo wegen mangelhafter Postverbindung und geringen Verkehrs der Juden mit der Außenwelt, diese in ihrer Leichtgläubigkeit nur eine traumhafte Vorstellung von den Vorgängen hatten und die albernsten Märchen für bare Münze nahmen. In Frankfurta. M. soll sich Sabbatai Raphael mancher Vergehen gegen das rabbinische Judentum schuldig gemacht haben, ohne in Mißkredit zu verfallen. Er galt einmal als Prophet. Indes schien sich Sabbataï Raphael mehr Gewinn von der reichen Amsterdamer Gemeinde zu versprechen und begab sich dorthin (Sept. 1667). Auch hier dauerte der Schwindel noch fort. Aus Schamgefühl, daß sie, die klugen und gebildeten Portugiesen so sehr betrogen sein sollten, schenkten sie anfangs den Nachrichten von Sabbataïs Verrat keinen Glauben. Selbst die Rabbinen Isaak Aboab, Mose Raphael de Aguilar und der philosophische Zweifler Musaphia blieben zähe und mochten die infolge der messianischen Erwartung eingeführten Gebete und den sabbatlichen Priestersegen nicht aufgeben53. Mit Recht verhöhnte sie Jakob Sasportas, namentlich den letztern wegen seines gegenwärtig unerschütterlichen Glaubens gegen seinen ehemaligen Unglauben54. Indessen mochten die Portugiesen sich doch nicht mit dem Marktschreier Sabbataï Raphael einlassen, zumal sie durch einen angesehenen Mann von Frankfurt aus gewarnt worden waren. Aber die deutsche Gemeinde in Amsterdam trieb wahre Abgötterei mit ihm, ließ ihn in ihrer Synagoge predigen und war begeistert von seiner mystischen Beredsamkeit in der Sohar-Sprache, die weder sie noch er verstanden. Als er sich aber als Prophet gebärdete, mit Elias im Verkehr zu stehen vorgab und Verwirrungen veranlaßte, gab ihm der portugiesische Vorstand einen deutlichen Wink, Amsterdam zu verlassen. Sabbataï Raphael wandte sich zwar an den Magistrat um [228] Schutz und verklagte den Vorstand; es half ihm aber nichts; er wurde ausgewiesen (Anfang Nov. 1667). Er begab sich hierauf nach Hamburg; aber hier kam er anfangs nicht gut an, hier hatte Jakob Sasportas' Wort viel Gewicht, der sich von Anfang an den sabbatianischen Tollheiten entgegengestemmt hatte; sein richtiger Blick hatte sich bewährt. Sabbataï Raphael war auch klug genug, sich vor ihm anfangs zu demütigen, leugnete seine Prophetenrolle und heuchelte Reue. Inzwischen hatte er sich bei den deutschen Juden eingeschmeichelt, und sich sogar, als angeblicher Heilkünstler, der Protektion eines der Bürgermeister versichert, der am Podagra gelitten hatte, wodurch seine Ausweisung nicht so leicht war. Erst als seine gemeine Natur an den Tag gekommen war, entfloh er nach Polen (anfangs 1668). Welchen Schwindelgeist er unter den polnischen Juden erregt haben mag, ist nicht bekannt geworden. Vier Jahre später tauchte der Prophet von Morea wieder in Smyrna und Kleinasien auf und regte wieder die heimlichen Sabbatianer auf. Die Rabbinen ließen ihn aber einkerkern, angeblich wegen frecher Unzucht55. Seitdem ist er verschollen.

Inzwischen trieb der Prophet von Gaza sein Unwesen in Italien. Als er, von Griechenland kommend, in Venedig landete (Ende März 1668), wollten ihn Rabbinat und Vorstand, welche Kunde davon hatten, gar nicht ins Ghetto einlassen. Aber ein Sabbatianer verwendete sich für ihn bei angesehenen Christen, und unter solchem Schutze konnte er nicht so bald ausgewiesen werden. Um aber die Beteiligten von dem Schwindel zu heilen, erpreßte das Rabbinat von ihm ein schriftliches Bekenntnis, daß seine Prophezeiung von Sabbataï Zewis Messianität auf einer Täuschung seiner Phantasie beruht habe und daß er sie selbst als solche anerkenne und für eitel halte. Dieses Geständnis ließ das Rabbinat von Venedig mit einer Einleitung und den Berichten über die Vorgänge in Ipsola (o. S. 226) drucken, um den Sabbatianern in Italien endlich die Augen zu öffnen. Es half aber nicht viel. Der auf der Kabbala beruhende Wahn war zu tief gewurzelt. Von Venedig wurde er nach Livorno befördert und der dortigen Gemeinde ein Wink gegeben, ihn dort, wo die Juden mehr Freiheit genossen, unschädlich zu machen; Nathan Ghazati entwich aber heimlich nach Rom, schor sich den Bart ab, machte sich unkenntlich und soll chaldäisch beschriebene Zettel in den Tiber geworfen haben, um Roms Untergang herbeizuführen. Aber die Juden erkannten ihn, und da sie auf päpstlichem Gebiete von seinen betrügerischen Tollheiten Gefahr für sich fürchteten, [229] sorgten sie für seine Ausweisung. So kam er nach Livorno und fand auch hier Anhänger. Nathan versprach sich aber in der Türkei mehr Ehre und Gewinn oder Gelegenheit, seinen unruhigen Geist zu befriedigen, und so kehrte er wieder nach Adrianopel zurück. Auf Wort und Eid gab er nicht viel. Nathan Ghazati schrieb viel kabbalistischen Blödsinn zusammen. Sein Name ist aber verschollen; er soll in Sophia gestorben und in eine von ihm selbst gegrabene Gruft gelegt worden sein (1680). Es traten aber andere Männer an die Spitze der Sabbatianer, welche ihn weit überflügelten und ein festes Ziel verfolgten.

Sabbataï oder Mehmed Effendi fing in dieser Zeit seine wühlerischen Mystifikationen von neuem an. In der ersten Zeit nach seiner Abtrünnigkeit mußte er sich erst unter des Mufti Wanni Leitung in den Mohammedanismus hineinleben und sich vor jedem Schein einer Neigung zum Judentum und den Juden sorgsam hüten. Er spielte daher den frommen Türken. Aber nach und nach durfte er sich freier bewegen, durfte auch seine kabbalistischen Ansichten über Gott und Weltzusammenhang aussprechen. Wanni, dem überhaupt vieles fremd war, hörte seine Auseinandersetzungen mit Neugierde an, und auch der Sultan soll seinen Worten mit Aufmerksamkeit gelauscht haben. Wahrscheinlich hat Sabbataï auch einen und den anderen Türken für seine kabbalistischen Träume gewonnen. Des Stillebens müde und begierig, wieder eine Rolle zu spielen, knüpfte er wieder mit den Juden an und gab vor, am Passahfeste (Ende März 1668) von neuem vom heiligen Geist durchweht worden zu sein und Offenbarungen empfangen zu haben. Sabbataï oder einer seiner Helfershelfer verbreitete eine mystische Schrift (fünf Zeugnisse des Glaubens, Sahaduta di Mehemnuta)56 in überschwenglicher Sprache an die Juden gerichtet, worin folgende Phantastereien auseinandergesetzt werden, daß Sabbataï der wahre Erlöser sei und bleibe, daß es ihm ein Leichtes wäre, sich als solchen zu bewähren, wenn er nicht Mitleid mit Israel hätte, das dadurch grausige Messiasleiden durchmachen müßte, daß er nur im Scheinmohammedanismus verharre, um Tausende und Zehntausende Nichtjuden zu Israel hinüberzuführen. Dem Sultan und Mufti gegenüber gab er dagegen an, seine Annäherung an die Juden habe den Zweck, sie zum Islam hinüber zu ziehen. Er erhielt auch die Erlaubnis, wieder mit Juden zusammenzukommen und vor ihnen in Adrianopel, sogar in Synagogen zu predigen. So spielte er bald den Juden, bald den Muselman. Waren türkische Aufpasser zugegen, so [230] wußten die jüdischen Zuhörer sie zu täuschen. Sie warfen ihre jüdische Kopfbedeckung weg und setzten den Turban auf. Manche Juden mögen bei dieser Gelegenheit sich ernstlich zum Islam bekehrt haben, und es bildete sich eine jüdisch-türkische Sekte unter Sabbataï Zewi. Das Entsetzen, welches die Juden bis dahin vor der Abtrünnigkeit von ihrer Religion empfanden, so daß nur die Verworfenen unter ihnen zum Christentum oder Islam übergingen, dieses Entsetzen minderte sich; es hieß einfach, der und der hat den Turban genommen57. Durch Spiegelfechtereien ließen sich die eingefleischten Sabbatianer in Adrianopel, Smyrna, Salonichi und anderen Städten, sogar in Palästina im ausdauernden Glauben an den bereits erschienenen Messias bestärken; sie wollten gerne getäuscht sein. Selbst fromme und talmudisch gelehrte Männer hingen ihm noch immer an. Der Arzt Meïr Rofe aus Hebron, Sohn eines gediegenen Talmudisten und schlechten Arztes Chija Rofe, wallfahrtete zu Mehmed Effendi nach Adrianopel und blieb im Verkehr mit ihm. Abraham Cuenqui in derselben Stadt, der später als ein Heiliger galt und als Sendbote in Polen und Deutschland umherwanderte, blieb ein eingefleischter Sabbatianer bis in sein Alter.58

Als sollte dieser wirre Knäuel noch mehr verwirrt oder dieses kabbalistisch-messianische Unwesen bis in seine letzten Konsequenzen fortgeführt werden, erhielt es unerwartet an einem europäisch gebildeten, nicht unbegabten Manne einen Verteidiger und Anhänger, an Abraham Michael Cardoso59. Er war eine originelle Persönlichkeit, welche die Wandlungen der portugiesischen Juden seit ihrer Vertreibung an sich verlebendigte. In einer kleinen portugiesischen Stadt (Celarico, Prov. Beira) von marranischen Eltern geboren, studierte Miguel Cardoso wie sein älterer Bruder Fernando Medizin; aber während dieser sich mit Ernst den Wissenschaften ergab, vertändelte Miguel in dem üppigen Madrid seine Tage im süßen Nichtstun, sang zur Laute Liebeslieder unter dem Balkon schöner Damen und dachte sehr wenig an die Kabbala oder an das Judentum. Was ihn bewogen hat, Spanien zu verlassen, ist nicht bekannt; vielleicht hat ihn sein ernsterer und gesinnungstüchtiger Bruder mitgerissen, der, nachdem er bereits als medizinischer und naturwissenschaftlicher Schriftsteller sich in Spanien einen Namen gemacht hatte, aus Liebe zum Judentum nach Venedig auswanderte und dort sich in die jüdische Literatur vertiefte. [231] Beide Brüder nahmen nach ihrer Rückkehr zur Religion ihrer Väter jüdische Namen an. Der ältere Isaak Cardoso60 gab seinen Namen Fernando ganz auf, der jüngere nahm zum Namen Miguel (Michael) noch den Namen Abraham hinzu. Beide dichteten spanische Verse. Während der ältere Bruder ein geregeltes Leben führte, getragen von sittlichen Grundsätzen und einem vernünftigen Glauben, verfiel der jüngere haltlos der Regellosigkeit einer ausschweifenden Phantasie und eines exzentrischen Wandels. Isaak Cardoso (geb. 1615, st. nach 1680) verherrlichte das Judentum, Abraham Michael Cardoso (geb. um 1630, st. 1706) schändete es.

Dieser, welcher ebenfalls in Venedig zum Judentum zurückgekehrt war, lebte von der Arzneikunde in Livorno, befand sich aber in mißlichen Verhältnissen. Als der Bey von Tripolis einen Leibarzt suchte, empfahl der Herzog von Toskana Abraham Cardoso; so fand er eine feste Lebensstellung, und es schien, als wollte er ein gesetztes Leben beginnen. Allein seine heißblütige und zerfahrene Natur hinderte ihn daran. Gegen die Gewohnheit selbst der afrikanischen Juden heiratete er zwei Frauen und anstatt sich mit seiner schwierigen Wissenschaft zu beschäftigen, hing er der Phantasterei nach. Cardoso scheint von dem in Livorno weilenden Mose Pinheiro (o. S. 192) in die Kabbala und in den sabbatianischen Schwindel eingeweiht worden zu sein Seit dieser Zeit hatte er fortwährend Träume und Gesichte, welche mit dem öffentlichen Auftreten Sabbataïs in Smyrna und Konstantinopel immer mehr zunahmen. Er steckte damit seine Weiber und Hausgenossen an, die ebenfalls allerhand Erscheinungen gesehen haben wollten. Der Abfall des falschen Messias vom Judentum brachte ihn von seinem Wahne nicht ab; er blieb ein eifriger Parteigänger desselben, rechtfertigte noch dazu dessen Verrat, als sei es notwendig gewesen, daß der Messias zu den Sündern gezählt werde, damit er die Sünde des Götzendienstes für Israel abbüße und tilge. Das jesaianische Kapitel vom Messiasvolke und seiner Auferstehung von den Toten, welches die Christen auf Jesus anzuwenden pflegten, deutete Cardoso ebenso verkehrt auf Sabbataï Zewi. Er richtete überallhin Sendschreiben, um das sabbatianische Messiastum aufrecht zu erhalten und sich als Prophet zu gebärden. Vergebens warnte und verspottete ihn sein nüchterner Bruder Isaak Cardoso und fragte ihn ironisch, ob er denn von seinen ehemaligen Liebeleien und seinem Lautenspielen für die schönen Mädchen von Madrid die Prophetengabe empfangen habe. [232] Der ehemalige Leichtfuß Abraham Cardoso war dadurch keineswegs verdutzt, er nahm vielmehr gegen seinen älteren und ernsteren Bruder, welcher die Kabbala gleich der Alchemie und der Astrologie gründlich verachtete, einen belehrenden Ton an und sandte ihm zahllose Beweise aus dem Sohar und den andern kabbalistischen Schriften, daß Sabbataï der wahre Messias sei, und daß er notwendig dem Judentum entfremdet sein müsse. Durch seinen Eifer gewann er für den sabbatianischen Schwindel viele Anhänger in Afrika; er zog sich aber auch Gegner und Gefahren auf den Hals. Ein Ungläubiger, Abraham Nuñes in Tripolis, klagte den phantastischen Propheten öffentlich vor Juden, Türken und Christen gewisser Vergehungen an, wodurch Cardoso beinahe in Ungnade beim Bey gefallen wäre und sein Leben verwirkt hätte. Er entging aber diesmal der Gefahr. Als er aber fortfuhr, von dem baldigen Beginne des Messiasreiches zu prophezeien, obwohl von der Wirklichkeit so oft Lügen gestraft, das Eintreffen desselben immer von einem Jahre auf das nächste schob, kabbalistische Spielerei und Aufschneiderei trieb, einen neuen Gott für Israel aufstellte, oder vielmehr zwei oder drei Personen in der Gottheit predigte und zuletzt sich selbst als Messias vom Hause Ephraim gebärdete, wurde er von einem Gegner des Unwesens, von Isaak Lambroso, hart verfolgt. Dieser, ein vermögender und angesehener Mann, ließ es sich viel Geld kosten, um den falschen Propheten und Messias aus Tripolis verbannen zu lassen. Cardoso war dadurch in seine ehemalige unangenehme Lage zurückversetzt, mußte ein Abenteurerleben beginnen, von seinem Wahne gewissermaßen Brot für sich und die Seinigen ziehen, trieb bald in Smyrna, bald in Konstantinopel, auf den griechischen Inseln und in Kairo allerhand Spiegelfechtereien und nährte den sabbatianischen Unfug mit seinem reicheren Wissen, beredtem Munde und seiner gewandten Feder. Er war vermöge seines Bildungsganges in christlichen Schulen den übrigen sabbatianischen Aposteln bei weitem überlegen, wußte dem Blödsinn einen Anstrich von Vernünftigkeit und Weisheit zu geben, blendete dadurch die Befangenen und betörte selbst solche, welche früher dem sabbatianischen Treiben abgeneigt waren.

In Afrika hinterließ Cardoso viele Anhänger. Mehrere Gemeinden dieses Landstrichs, Marokko, Salé und andere, begingen mehrere Jahre den Fasttag der Zerstörung Jerusalems als Freudentag61. Ein eifriger sabbatianischer Parteigänger in Salé, Jakob [233] Ibn-Saadon, unterhielt diesen Wahn. Vergebens ermahnte sie der eifervolle Sasportas, ihr Landsmann, in ernsten und scharfen Briefen, davon abzustehen. Ibn-Saadon wußte diese Sendschreiben zu unterschlagen und wagte öffentlich zu verkünden, wer den Geburtstag des Messias nicht als Festtag begehe, der würde Zions Glanz nimmer erleben. Und in der Tat feierten ihn (noch 1669) die afrikanischen Sabbatianer mit Jubel und Saitenspiel. Diese Zähigkeit scheint um so sonderbarer, als die Tage der Juden in dieser Gegend nicht sehr angenehm waren. Muley Arschid, der Thronräuber, welcher sich des Königreichs von Tafilet bemächtigt, die kleinen Tyrannen vertrieben und seine Herrschaft weit ausgedehnt hatte, zeigte sich anfangs freundlich gegen die Juden, was sie eben in ihrem Wahne bestärkte. Nach und nach trat er aber als ihr erbittertster Feind auf, legte ihnen nicht bloß harte Steuern auf, sondern beraubte auch die Reichen ihres Vermögens, hin und wieder auch ihres Lebens und ließ die Synagogen in Marokko und Todela zerstören. Den Juden Todelas verbot er Fußbekleidung zu tragen und verhängte noch andere Quälereien über sie62. Gerade diese Gemeinde beharrte am hartnäckigsten in ihrem Glauben an Sabbataï.

Durch die fortwährende Anhänglichkeit unter den Juden an Sabbataï trotz seines Religionswechsels ermutigt, beharrte dieser auch in seiner messianischen Rolle und verkehrte immer mehr mit Juden. Freilich hatte sein schwacher Kopf durch diese auf ihn einstürmenden Ereignisse noch mehr gelitten und er verlor allen Halt. Das eine Mal schmähte er das Judentum und den Gott Israels mit gemeinen Schimpfworten und soll sogar Juden bei der türkischen Behörde als Verlästerer des Islams angegeben haben. Das andere Mal hielt er mit seinen jüdischen Anhängern Gottesdienst nach jüdischem Ritus, sang Psalmen, legte den Sohar aus, ließ am Sabbat aus der Thora Abschnitte vorlesen und wählte dazu öfter sieben Jungfrauen aus. Infolge seines häufigen Verkehrs mit Juden, die er doch nicht so massenhaft zum Mohammedanismus herüberzuziehen vermochte, wie er aufschneiderisch sich gerühmt haben mag, soll Mehmed Effendi zuletzt in Ungnade gefallen sein, seinen Gehalt eingebüßt haben und von Adrianopel nach Konstantinopel verbannt worden sein. Er heiratete zuletzt noch eine Frau, die Tochter eines talmudkundigen Mannes, Joseph Philosoph aus Salonichi. Als ihn einst die türkische Scharwache in einem Dorfe bei Konstantinopel (Kuru G'ismu) in [234] einem Konventikel mit Juden beim Psalmsingen überraschte und der Bostangi Baschi (Offizier) Anzeige davon machte, erteilte der Großwesir dem Kaimakam den Befehl, ihn nach Albanien in ein kleines Städtchen Dulcigno, wo keine Juden wohnten, zu verbannen. Dort starb er, man sagte später am Versöhnungstage, vereinsamt und verlassen (1676).

Der ebenfalls vom Judentum abgefallene Spinoza, welcher alle diese Erscheinungen erlebt hat, mag wohl mit großer Verachtung auf dieses tollhäuslerische messianische Treiben geblickt haben. Wenn es ihm darum zu tun war, das Judentum zu unterwühlen und zu bestatten, so hätte er in Sabbataï Zewi, in dessen Geheimschreiber Samuel Primo und dessen Propheten Bundesgenossen und Helfershelfer begrüßen müssen. Die Unvernunft der Kabbala hat das Judentum viel wirksamer in Mißachtung gebracht, als die Vernunft und Philosophie. Aber das ist das Merkwürdige, daß weder die eine noch die andere die zahlreichen gebildeten Juden Amsterdams von der Religion ihrer Väter abbringen konnte, so fest wurzelte sie in ihren Herzen. Gerade in dieser Zeit der doppelten feindlichen Strömung gegen das Judentum im eigenen Schoße, im Morgen- und Abendlande, unternahm (1671) die zu 4000 Familien angewachsene portugiesische Gemeinde den Bau einer Prachtsynagoge und vollendete das durch Kriegsunruhen unterbrochene großartige Werk nach einigen Jahren. Die Einweihung der Synagoge (10. Ab = 2. August 1675) wurde mit größter Feierlichkeit und mit Pomp begangen. Weder der erste, salomonische, Tempel, noch der zweite, der zerubabelsche, noch der dritte, der herodianische, sind so viel besungen und durch Beredsamkeit gepriesen worden, wie der neue Amsterdamer Tempel (Talmud Tora genannt). Abbildungen mit Kupferstichen wurden davon, mit Versen versehen, verbreitet. Christen beteiligten sich ebenfalls dabei. Sie schossen den Juden in der bedrängten Zeit Geld zum Bau vor, und ein Dichter Romeyn de Hooghe dichtete zur Verherrlichung der Synagoge und des jüdischen Volkes Verse in lateinischer, holländischer und französischer Sprache63.

[235] Spinoza erlebte noch diesen Jubel der Gemeinde, von der er sich abgewendet hatte. Er war gerade zur selben Zeit in Amsterdam, um seine, die bisherige Weltanschauung umkehrende Schrift (die Ethik) drucken und die andere, vorzüglich gegen das Judentum gerichtete und mit Zusätzen vermehrte Politik überdrucken zu lassen64. Er mag die Freude der Amsterdamer Juden als eitel belächelt haben; aber der Bau dieser Synagoge in einer Stadt, die ein Jahrhundert vorher keine Juden duldete und eine spanische Inquisition erhalten hatte, war ein lautredendes Zeugnis der Zeit und zeugte auch gegen manche seiner Behauptungen. – Er starb nicht lange darauf, oder richtiger, er entschlief sanft, wie mit einem Gotteskusse (21. Februar 1677), etwa fünf Monate nach Sabbataï Zewi. Er hat wider seinen Willen zur Verherrlichung des Stammes beigetragen, den er so ungerechterweise geschmäht hat. Seine riesige Geisteskraft, seine Konsequenz und Charakterstärke werden immer mehr als Eigenschaften anerkannt, die er dem Blute zu verdanken hat, aus dem er sein Dasein hatte. Von Seiten der gebildeten Juden hat nur Isaak Orobio de Castro ganz allein eine ernstliche Widerlegung der philosophischen Ansichten Spinozas versucht65. Dieser fand nämlich, daß diese doch nicht so unschädlich wären, als er anfangs glaubte, indem auch Halbwisser sich denselben zuwendeten und dadurch in Atheismus und in ein darauf gebautes gesetzloses, unsittliches Leben verfielen. Orobio de Castro, so gut er es auch gemeint hat, war aber zu schwach, die geschlossene Gliederkette des spinozistischen Systems zu durchbrechen; es mußte der Geschichte überlassen bleiben, die Widerlegung derselben durch Tatsachen zu führen.


Fußnoten

1 S. über ihn Note 3.


2 S. Band III, S. 34.


3 Bei den Biographen herrscht durch Wolf und de Rossi eine große Konfusion in betreff Jakob Chagis', und ein bibliographisches Objekt ist ihnen entgangen. Chagis übersetzte Isaak Aboabs I. רואמה תרונמ unter dem Titel: Almenara de la Luz.. nuevamente traducido en lengua vulgar.. por el Haham Jahacob Hages.. Liorne 1656. In der Einleitung sagt der Verf.: para poder sacar á Luz un comento en lenguaje hebraico sobre las Misnaiot que intitulé Arbol de la vida (ץע םייח) y hallandome en Liorne para imprimir dichá obra paresióme traduzir.. Menorat amahor. [Vgl. Kayserling, Bibl. española-portugueza-judaica, S. 51. Grünbaum, jüdisch-spanische Chrestomatie, S. 114.] Er stammte also nicht aus Livorno, sondern befand sich zufällig 1656 das. Erst später muß er nach Jerusalem übergesiedelt sein. Über seine Klaus, gegründet von Gebrüder Vega s. Moses Chagis תפש תמא, p. 26b. Er starb nicht 1688, sondern wie Asulaï angibt (s.v.) 'ד'ל'ת 'טשוקב ותחונמ התיהו = 1674. Seinen Geburtstag (31. Januar 1620) gibt er selbst Halachot Ketannot, p. 51 b: ... ינעיגה ב"לתה תנש טבש ו"כ םויהכו םינש םיתשו םישמחל.


4 S. Ghirondi, Biographien S. 58; Jakob Sapir, ןבא ריפס, Nr. 42.


5 Abraham Cuenqui, Sabbataïs Biographie bei Jakob Emden Torat ha-kenaot, p. 17 a b.


6 In der anonymen holländischen Quelle, p. 12.


7 Abraham Cuenqui a. a O. Note 3.


8 S. Asulaï, ed. Ben-Jakob I, Aleph 133 u. II, Beth 87.


9 Verf. des הלודגה תסנכ 'ס, Nachträge zu den vier Teilen des Schulchan-Aruch enthaltend, die mehr von Sammelfleiß als von Tiefe zeugen. Im Vorwort zu םייח חרוא vom Jahre 1658 bemerkt er יתויהב ד"פש תנש הנש א"כ ןב bei Asulaï s.v. falsch א"פש. Das Todesjahr ist bei Asula angegeben; auch seine literarische, nachmals aber in eine persönliche ausgeartete Feindschaft gegen Lapapa ist bei Asulaï vermerkt.


10 Jakob Sasportas' Bericht (s. Note 3, III, 1), p. 17 b. Damit zu vergleichen das. p. 40b: טייח ויארופ וטרופב איבנ אוהש דחא.


11 Thomas de Pinedo war ein schlechter Beobachter, wenn er glaubte, daß nur Dummköpfe an den Messias von Smyrna glaubten: In ea (Gaza) 1668 surrexit pseudopropheta ille Nathan, qui una cum suo Pseudomessia Sabatai decepit stultos Judaeos, non eos ex meliore luto fixi praecordia Titan (Anmerkung zu Stephanus de urbibus, p. 322, Note 39).


12 Vgl. den Bericht Simcha Isaak Luzkis über die karäischen Kabbalisten des siebzehnten Jahrhunderts bei Neubauer, Aus der Petersburger Bibliothek, p. 128 f.


13 S. Note 2.


14 In Venedig wurde ca. 1666 יבצ יתבש ןוקת mit Approbation des Rabbinats gedruckt: s. Steinschneider, C. B. Nr. 3041. Emden referiert, Zacut habe zum Gebetbüchlein ןויצ ירעש ein Gedicht geliefert, worin eine Strophe das Akrostichon יבצ hat (s. םירפס תחפטמ, p. 31 a).


15 Sasportas יבצ לבונ תציצ רוצק, p. 28a.


16 S. Note 3, Nr. 14.


17 Über diese Amsterdamer Sabbatianer berichtet Sasportas; von Abraham Pereyra sagt er: םהרבא םינימאמה שאר הרייריפ vergl. über seine Schriftstellerei Rodriguez de Castro, Bibliotheca Española I, p. 595. Gerade im Jahre 1666 schrieb er la certeza del camino.


18 Wolf II, p. 1459, 1469; Steinschneider, Catal. Bodl. Nr. 3032, 3034, 3037.


19 Sasportas' Resp. Nr 68-71.


20 Note 2, II.


21 Oben S. 19.


22 Sasportas יבצ לבונ תציצ רוצק, p. 3b, 4a.


23 Ricaut, History of the ottoman empire, und daraus in der Schrift de tribus impostoribus und in allen deutschen Nachrichten von Sabbataï Zewi, Anfang Note 3, I.


24 Theatrum Europaeum X, 437.


25 Das.


26 Spinoza, Tractatus Theologico-politicus III, Ende.


27 S. Band VII4, S. 214 f.


28 S. über alle diese Blasphemien Note 3, Nr. 17.


29 Anonymer holländischer Bericht, S. 19.


30 Note 3, II.


31 Sasportas, p. 26 a.


32 Theatrum Europ. X, p. 440.


33 Sasportas a.a.O., p. 8 b.


34 Schudt, jüd. Merkwürdigkeiten II*, S. 47


35 Sasportas a.a.O., p. 24 b.


36 Das. p. 12 b.


37 Sasportas a.a.O., p. 31 b.


38 Das. p. 26 a.


39 Das. p. 26 a, der 23. Tammus fiel damals auf Montag.


40 Das., auch die christlichen Quellen.


41 p. 28 b.


42 Anonymer holländischer Bericht p. 20.


43 Diese drastische Szene ist sehr gut geschildert von Sasportas a.a.O. p. 25 a b. Vgl. Monatsschr. Jahrg. 1876, S. 145 f.


44 Das. p. 26b. זאו ... (ךרבש ימ תכרב) והוכרב רופכ לילבו ןקזל) ושפתו סאימחנ ךורב לילא אפורה אוה ואסכמ דרי סנרפה 'וכו הלודג הקעצ התיהו די וב חלשו ודובכב לזלזו ודגבב (רפוכ: Baruch Nehemias ist B. d. Castro.


45 Das. p. 36 b.


46 S. Note 3, Nr. 22.


47 Bei Emden Torat ha-Kenaot, p. 10 b.


48 S. darüber Note 3.


49 S. Note 3, Nr. 8, 23.


50 Sasportas p. 35, 36.


51 Das. p. 37 f.


52 Note 3, II, 2.


53 Sasportas' Responsen Nr. 68-71.


54 Sasportas' Zizat Nobel Zebi p. 25 b: לש תופסלפתהו ... ווג ירחא הכילשהו ול הליעוה אל ... (איפסומ ןימינב) אפורה ? עבטה לא םירבדה ותברקה הפיא היאו


55 Note 3, II, 2.


56 Note 3, Nr. 23.


57 תפנצמה שבל.


58 Note 3, Sabbat. Quellen 1.


59 Note 4, I.


60 RÉJ. XII, 303.


61 Sasportas a.a.O., p. 36 a, p. 41 a, b.


62 Sasportas a.a.O., p. 46 b, 47 a.


63 Über diese Synagoge und ihre Einweihung ist eine Sammlung von Predigten erschienen: Sermones que pregaron etc. S. de Barrios, Govierno popular Judaico, p. 32 f. Bentheim, holländischer Kirchen- und Schulstaat I, S. 53. Wülfer, animadversiones ad Theriacam, p. 307. Schudt, jüdische Merkwürdigkeiten I, S. 281. Koenen, Geschiedenis der Joden in Nederland, p. 165 f. D. H. de Castro, De synagoge der Portug.-Israelitischen Gemeente te Amsterdam 1875. Das lateinische Gedicht von Hooghe auf die Synagoge bei den drei letzten, bei de Castro auch die in anderen Sprachen.


64 Spinozas Briefsammlung Nr. 19.


65 S. Note 1, III.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1897], Band 10, S. 237.
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