8. Kapitel. Schatten und Licht. (1669-1685.)

[237] Die Juden im Kaisertum Fez und Marokko. Ausweisung der Juden aus Oran. Ausweisung aus Wien. Niederlassung in Fürth und der Mark Brandenburg. Der große Kurfürst; Elia Gumperts, Tobia Kohen Rofe. Abraham und Joseph Athias. Kindermordprozeß in Metz. Die Inquisition in Portugal gegen Marranen. Das große Autodafé in Madrid. Wiederholte Blutanklagen gegen die Juden in Berlin und Padua. Warme Teilnahme von Christen für Juden, Bewunderung ihres Fortbestandes. Jurieu, Oliger Pauli, Mose Germanus.


Es war recht freundlich von den Fürsten und Völkern Asiens und Europas, daß sie die Juden in der messianischen Posse nicht störten und ihnen ruhig gewährten, sich lächerlich zu machen. Es war gerade damals eine Pause in der regelmäßig wiederkehrenden Judenverfolgung eingetreten, die freilich nicht allzulang dauerte. Bald trat wieder das regelmäßige Tagewerk von Anschuldigungen, Quälereien und Ausweisungen ein. Dabei fällt der Unterschied zwischen den Bekennern Mohammeds und Jesu recht scharf ins Auge. In der Türkei ist den Juden trotz ihrer großen Aufregung und ihres nationalmessianischen Luftschlösserbaues kein Haar gekrümmt worden. In Afrika hat sie zwar Sid Gailand (o. S. 219) und später Muley Arschid, Kaiser von Talifet, Fez und Marokko teils wegen ihrer Rührigkeit und teils aus Habsucht gequält (o. S. 234). Aber dieses hörte mit dessen Nachfolger Muley Ismael auf. Dieser war vielmehr ein Gönner der Juden und vertraute mehreren von ihnen wichtige Posten an. Er hatte zwei jüdische Räte Daniel Toledano aus Miquenes, einen Freund Jakob Sasportas', einen talmudkundigen und in Staatsgeschäften erfahrenen Mann, und Joseph Maimaran, ebenfalls aus demselben Orte. Muley Ismael übertrug seine Gunst auch auf deren Söhne; Abraham Maimaran ernannte er zu seinem Geheimrat, und Joseph Toledano erhielt eine diplomatische Sendung nach Holland, um ein Bündnis zwischen dem afrikanischen [237] Kaisertum und den Generalstaaten abzuschließen1. Josephs Sohn Chajim Toledano wurde von demselben Kaiser zum Gesandten für Holland und England ernannt.

Innerhalb der Christenheit dagegen wurden die Juden nur in Holland als Menschen geachtet und behandelt, in den übrigen Staaten dagegen noch immer als Auswürflinge angesehen, für die es kein Recht und kein Mitleid gab. – Den Reigen der Ausweisungen eröffnete wieder Spanien. Dieses unglückliche Land, welches durch Despotismus, Glaubenswut und Inquisition immer mehr entmannt wurde, beherrschte da mals ein unkluges und fanatisches Weib, die Witwe-Regentin Maria Anna von Österreich, welche ihren Beichtvater, den deutschen Jesuiten Niethard, zum Generalinquisitor und zum allmächtigen Minister erhoben hatte. Natürlich konnte an diesem bigotten Hofe keinerlei Duldung Andersgläubiger gelitten werden. Nun gab es noch in einigen Plätzen der Monarchie Juden, in dem Winkel des nordwestlichen Afrika, in Oran, Mazarquivir und andern Städten. Viele unter ihnen hatten der spanischen Krone bedeutende Dienste im Kriege wie im Frieden geleistet gegen die eingeborenen Araber oder Mauren, welche mit Ingrimm die Herrschaft des Kreuzes ertrugen. Die Familien Cansino und Sasportas, von denen die ersteren angestellte königliche Dolmetscher oder Dragomans für diese Besitzung waren, hatten sich besonders durch ihre Treue und Hingebung an Spanien ausgezeichnet, was der Gemahl Maria Annas, Philipp VI., in einem besonderen Schreiben anerkannt hat2. Nichtsdestoweniger erließ die Königin-Witwe mit einem Male den Befehl, die Juden dieser Gegend auszuweisen, weil sie nicht dulden könne, daß in ihrem Reiche Leute dieses Stammes ferner leben sollten. Man sagte, der Gouverneur der afrikanisch-spanischen Besitzung, Marquis de Los Veles, habe diese Vertreibung veranlaßt, weil er das Dolmetscheramt, welches Jakob Cansino II. vom König als besondere Anerkennung erhalten hatte, demselben entziehen und einem Christen übertragen wollte, dessen Frau bei ihm in Gunst stand. Vergebens wandte sich mit beredten Worten Samuel Sasportas, ein Verwandter der Cansinos, an die Regentin und hob die großen Dienste und Verdienste der Juden dieser Gegend um die spanische Krone hervor. Es blieb bei dem Ausweisungsdekret, und dies lautete [238] im Übermaß der Herzlosigkeit, daß die Juden an ihrem Passahtage das Land bei Vermeidung schwerer Strafen verlassen müßten. Auf dringende Bitte der jüdischen Großen war der Gouverneur so freundlich, den Juden eine Frist von acht Tagen während ihrer Feiertage zu lassen und ihnen das Zeugnis zu erteilen, daß sie nicht wegen Vergehungen oder Verräterei, sondern lediglich wegen Unduldsamkeit der Regentin verbannt würden (Ende April 1669)3. Ihre Besitztümer mußten sie in der Eile um einen Spottpreis verkaufen. Die Ausgewiesenen ließen sich in der Gegend Savoyens, in Nizza, Villafranca nieder.

Wie die Mutter, so die Tochter. Um dieselbe Zeit wurde die Ausweisung der Juden aus Wien und dem Erzherzogtum Österreich dekretiert und zwar auf Anregung der Tochter der spanischen Regentin, der Kaiserin Margareta, in Verbindung mit den Jesuiten. Seitdem Leopold I. den Thron bestiegen hatte, er, der zum geistlichen Stande bestimmt worden war und dem Jesuitenorden auch als Kaiser angehörte, hatten die Jünger Loyolas allen Einfluß auf Schule und Kanzel und damit auch auf die öffentliche Meinung. Sie hetzten den Hof und die Bevölkerung zum Fanatismus gegen die akatholische Bevölkerung; die Protestanten in Ungarn ließen sie ebenso verfolgen, wie sie die Hugenotten in Frankreich und die Dissidenten in Polen rechtlos gemacht hatten. Die Juden mußten dabei mitbüßen. Der Brotneid der christlichen Kaufmannschaft und die Rauflust der jesuitisch erzogenen Studenten wurden künstlich gegen sie aufgestachelt. Angriffe von Scholaren auf Juden waren eine fast tägliche Erscheinung. Fand man gar eine christliche Leiche im Wasser, so wurde ohne weiteres von den geschäftigen Judenfeinden der Verdacht gegen die Juden erregt und durch Zeitungsblätter, Lieder, Pasquille und Bilder genährt4. Der Kaiser ließ sich zwar nicht so bald gegen die Juden einnehmen, weil er eine sichere Rente von ihnen bezog. Die auf fast 2000 Seelen angewachsene Gemeinde Wiens zahlte jährlich allein an Schutzgeld 10000 Gulden und die Landgemeinden 4000. Mit anderweitigen Einnahmen von den Juden zusammengerechnet, hatte der Kaiser [239] jährlich 50,000 Gulden von ihnen5. Aber eine Kaiserin braucht sich nicht um die Finanzen zu kümmern, sie darf ihrem Herzen folgen, und ihr Herz, vom jesuitischen Christentum erfüllt, haßte die Juden gründlich, und ihr Beichtvater bestärkte sie nur darin. Als sie einst auf einem Balle sich ein Unwohlsein zugezogen hatte, und eine frühzeitige Geburt die Folge davon war, wollte sie sich nach ihrer Genesung dankbar gegen den Himmel erweisen, der sie so wunderbar errettet, und fand kein Gott wohlgefälligeres Mittel als das Unglück der Juden. Dringender als früher bestürmte sie ihren kaiserlichen Gemahl, die ihr von ihrem Beichtvater als Auswürflinge der Hölle geschilderten Juden der Hauptstadt und des Landes zu verbannen und erhielt seine Zusage. Der Kaiser Leopold legte zwar die Frage dem Staatsrate vor und hörte von gewichtigen Personen Gegengründe. Einige markierten den Finanzpunkt und den Verlust, den die kaiserliche Schatulle dadurch erleiden würde, andere betonten mehr den Rechtspunkt. Ein besonders geachteter Mann (Graf Jörger, später Minister) sagte gerade heraus, daß die Vertreibung der Juden, denen die Niederlassung durch kaiserliches Wort verbrieft worden wäre, das Recht verletze und das Vertrauen sämtlicher Untertanen erschüttern würde. Allein der Kaiser war nicht mehr frei, auf Vernunftgründe zu hören. Die Verbannung der Juden aus Österreich war eine beschlossene Sache. Unter Trompetenschall wurde daher des Kaisers Befehl in Wien bekannt gemacht (1. März6 1670), daß die Juden binnen einigen Monaten Wien bei Leibes- und Lebensstrafe zu verlassen hätten. Die Juden ließen es an Bemühungen nicht fehlen, den Schlag abzuwenden. Öfter war schon von österreichischen Kaisern ein solcher Beschluß zurückgenommen worden. Sie beriefen sich auf ihre verbrieften Privilegien, auf die Dienste, die sie dem Kaiserhause geleistet, boten große Geldsummen (es gab sehr reiche Hofjuden in Wien), benutzten den Einfluß einiger dem Hofkreise nahestehenden Persönlichkeiten, überreichten nach einer Genesungsfeier des Kaisers beim Heraustreten aus der Kirche ihm einen großen, goldenen Pokal, und der Kaiserin ein schön gearbeitetes silbernes Handbecken nebst Gießkanne. Die Geschenke wurden angenommen, aber der Befehl doch nicht zurückgenommen. Der von glühendem Judenhasse erfüllte Bischof Kallowicz von Neustadt hielt eines Sonntags in Gegenwart des Kaisers eine so fanatisierende [240] Rede gegen die Juden, daß auch ein weniger bigotter Kaiser, als es Leopold war, gegen sie dadurch hätte eingenommen werden können. Er schilderte die Judengasse am untern Wörth als einen Schlupfwinkel der allerscheußlichsten Laster, wo unschuldige Christen und Jungfrauen verführt würden, wo Diebeshehlereien und Christenmord häufig vorkämen. Er beschuldigte sie des verräterischen Einverständnisses mit dem Reichsfeinde, dem Türken. Selbst einen kurz vorher entstandenen Brand, wobei die kaiserliche Familie in Gefahr geraten war, legte er ihnen zur Last. Zwar sei keines der ihnen zur Last gelegten Verbrechen jemals erwiesen worden, aber das beweise nur die Pfiffigkeit der Juden, daß sie durch Bestechung und Loskauf sich rein zu waschen wüßten.

In Wien und am Hofe war keine Aussicht auf Änderung des Entschlusses, hier hatten die Jesuiten die Oberhand durch die Kaiserin und deren Beichtvater. Da dachte die verzweifelte Wiener Gemeinde auf einem andern Wege oder auf einem weiten Umwege das Unglück von ihrem Haupte abzuwenden. Sämtliche Juden Deutschlands hatten ihr ein aufrichtiges Mitgefühl zugewendet und durch Fasten und Beten den Himmel um Erlösung angefleht. Auf ihren Eifer konnten die Wiener Juden mit Zuverlässigkeit zählen. Daher wandten sie sich in einem tränenreichen Schreiben an den einflußreichsten und vielleicht auch reichsten Juden der damaligen Zeit, an Isaak (Manoel) Texeira (o. S. 208), den geachteten Residenten der Königin Christine, seinen Einfluß auf weltliche und geistliche Fürsten zu ihren Gunsten geltend zu machen, um die Kaiserin Margarete umzustimmen. Texeira hatte bereits vorher wirksame Schritte dafür getan und versprach, sie eifrig fortzusetzen. Er hatte bereits an einige spanische Granden geschrieben, mit denen er in Verbindung gestanden, auf den Beichtvater der Kaiserin einzuwirken. Auch an einen mächtigen und klugen Kardinal in Rom, Azzolino, den Freund der Königin Christine (den sie bald einen Engel, bald einen Teufel nannte) hatte er sich gewendet. Die Königin von Schweden, welche nach ihrem romantischen Übertritt zum Katholizismus große Achtung in der katholischen Welt genoß, hatte Texeira Hoffnung gemacht, daß sie durch Schreiben an den päpstlichen Nuntius, an die Kaiserin und sogar an deren Mutter, die spanische Regentin, die Verbannung der österreichischen Juden hintertreiben zu können glaubte. Auch die römischen Juden taten das ihrige mit Eifer, ihre bedrohten Stammesgenossen zu retten. Aber alle diese vereinten Anstrengungen führten zu nichts. Unglücklicherweise war damals gerade nach dem Tode Clemens IX. eine neue Papstwahl [241] in Rom, so daß das Oberhaupt der Christenheit, welches doch Juden in seinem Staate duldete, nicht gewonnen werden konnte, einen Machtspruch zu tun. Der Kaiser Leopold blieb dieses Mal fest und verfügte bereits, ehe die Juden abgezogen waren, über ihre Häuser; nur war er menschlich genug, bei schwerer Strafe zu verordnen, daß den abziehenden Juden nichts zuleide geschehen sollte.

So mußten sich denn die Juden der eisernen Notwendigkeit fügen und zum Wanderstabe greifen. Als bereits 1400 Seelen ins Elend oder wenigstens in eine sorgenvolle Lage gestoßen und mehrere von ihnen den Strapazen erlegen waren, überreichte der Rest, mehr als 300, noch einmal dem Kaiser eine Bittschrift, hob noch einmal die Verdienste der Juden um das Kaiserhaus hervor, stellte alle die gegen sie erhobenen Anschuldigungen als grundlos, jedenfalls als unerwiesen dar, scheute sich nicht, es auszusprechen, daß »ein Jude zu sein doch kein Laster sein könne« und daß sie eigentlich doch als römische Bürger zu betrachten wären, die nicht so ohne weiteres hinausgejagt werden dürften. Sie baten wenigstens um Aufschub bis zum nächsten Reichstag. Auch diese Bittschrift, welche mit Recht darauf hinwies, wo sie denn eine Zufluchtsstätte finden sollten, wenn der Kaiser, das Oberhaupt von halb Europa, sie verstieße, blieb ohne Wirkung. Auch die letzten mußten abziehen; nur eine Familie, die des Hoffaktors Marcus Schlesinger Jaffa, durfte wegen geleisteter Dienste in Wien bleiben7. Die Jesuiten rieben sich die Hände und verkündeten in einem Gradusbüchlein den großen Ruhm Gottes. Das Judenquartier kaufte der Magistrat dem Kaiser um 100000 Gulden ab und nannte es zu Ehren des Kaisers Leopoldstadt. Der Platz der Synagoge wurde zu einer Kirche verwendet, wozu der Kaiser den ersten Grundstein legte (18. August 1670), zu Ehren seines Schutzpatrons. Eine goldene Tafel sollte die Schandtaten der Juden verewigen: »Nachdem die Juden völlig von hier ausgeschafft worden, hatte der Kaiser diese ihre Synagoge, als eine Mördergrube, zum Hause Gottes aufrichten lassen.« Die Tafel beurkundet aber nur die Geistesschwachheit des Kaisers und seines Volkes. Das talmudische Lehrhaus (Bet-ha-Midrasch), welches ein frommer und reicher Mann Zacharia ben Beer Halevi etwa ein Jahrzehnt vorher gegründet hatte, worin 24 Talmudbeflissene sorglos dem frommen Studium obliegen konnten8, dieses Gebäude wurde ebenfalls in eine Kirche verwandelt und zu Ehren [242] der Kaiserin und ihrer Schutzpatronin genannt9. Damit die Gräber der Vorfahren durch den jesuitischen Fanatismus nicht auch noch entweiht würden, übergaben zwei reiche Juden David Isaak und Israel Frankel (Kopelsche Erben) – die Urahnen würdiger Nachkommen bis auf den heutigen Tag – dem Magistrat 4000 Gulden mit der Bedingung, daß Gräber und Leichensteine unverrückt und der Begräbnisplatz in Rossau stets mit einer Planke umzäunt bleiben sollte, worüber der Magistrat eine Urkunde ausstellen mußte10.

Diese Schattenseite hatte aber auch ihre Lichtseite. Ein aufstrebender Staat, welcher bis dahin keine Juden duldete, wurde dadurch eine neue, wenn auch nicht sehr gastliche Heimat für die Verbannten, von der aus die Verjüngung des jüdischen Stammes ihren Anfang nahm. Die aus Österreich Verwiesenen zerstreuten sich nach vielen Seiten hin. Viele von ihnen suchten bei ungarischen Magnaten Schutz und siedelten sich im Ödenburger, Szalader und Eisenburger Komitat an11. Andere zogen nach Venedig und bis an die türkische Grenze12, noch andere wandten sich nach Fürth13 und bevölkerten diese fast [243] einzige Gemeinde, welche in diesem Lande nach der Vertreibung der Juden aus Nürnberg von einem einzigen Manne, Männele, Sohn Symelins, gegründet und von dem fürstlichen Hause Hohenzollern-Onolzbach geduldet wurde. Bei ihrem Durchzuge mußten die verbannten Juden in Bayern überall doppelten Judenzoll zahlen. Fünfzig Familien wurden von dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm in der Mark Brandenburg aufgenommen. – Dieser große Fürst, welcher den festen Grund zur einstigen Größe der preußischen Monarchie gelegt hat, war zwar nicht duldsamer, als die meisten Fürsten des Jahrhunderts Ludwigs XIV.; aber er war jedenfalls einsichtsvoller als Kaiser Leopold und erkannte, daß gute Finanzen für das Gedeihen eines Staates nicht so ganz unwesentlich sind, und daß die Juden noch immer etwas von ihrem alten Ruhm als gute Finanzkünstler behalten hatten. In der Mark Brandenburg durfte seit einem Jahrhunderte, seit der Ausweisung unter dem Kurfürsten Johann Georg (B. IX4, S. 441) kein Jude wohnen. Höchstens durften jüdische Hausierer aus dem benachbarten Polen die Jahrmärkte gegen Erlegung von Zoll und Geleitsgeld beziehen und ihre Ware verkaufen; aber auch gegen dieses beschränkte Recht protestierten die Adeligen und zünftigen Stände14. Eine gewisse Konsequenz bewog indes Friedrich Wilhelm, der kein Freund von Halbheiten war, die Juden gegen das Vorurteil der unduldsamen protestantischen Bevölkerung in der Kurmark zuzulassen. Im Westfälischen Frieden hatte er die Stadt Halberstadt und Umgegend erworben, wo zwar kaum zehn jüdische Familien wohnten; aber diese konnten doch nicht so ohne weiteres ausgewiesen werden. Der Große Kurfürst erteilte daher dieser winzigen Halberstädtischen Gemeinde ein Privilegium, das nicht besser und nicht schlimmer als die Duldungsakte jener Zeit war15. Auch in der Neumark scheinen einige jüdische Familien gewohnt zu haben. Im Cleveschen (Emmerich, Wesel, Duisburg, Minden), das zu Brandenburg gehörte, bestanden ebenfalls seit alter Zeit kleine Gemeinden. In Emmerich hatte Friedrich Wilhelm einen außerordentlich begabten Juden gefunden, Elia Gumperts [244] (Gompertz) oder Elia von Emmerich, welcher ihm wesentliche Dienste in den Kriegen als Lieferant von Waffen, Geschützen und Pulver leistete. Der Kurfürst brauchte ihn als klugen Agenten, den er nach Holland schickte, um diplomatische Unterhandlungen zu leiten und eine Anleihe zu kontrahieren. Elia Gumperts wurde in Amsterdam vom Senate mit großer Ehre behandelt. Vom Kurfürsten erhielt er ein Schutzpatent, ähnlich dem, welches früher die österreichischen Kaiser ihren Hofjuden zu erteilen pflegten16. Da nun einmal Juden in seinen zerstückelten Staaten wohnten, warum sollte der auf Hebung seines Landes bedachte Kurfürst nicht noch mehr aufnehmen, namentlich solche, welche Kapitalien mitbringen könnten?

Er tat selbst den für viele so schweren Schritt. Er selbst schrieb (19. April 1670) an seinen Gesandten Andreas Neumann nach Wien, er wäre geneigt, vierzig bis fünfzig jüdische wohlhabende Familien von den aus Wien Ausgewiesenen – versteht sich unter Bedingungen und Beschränkungen – in der Kurmark aufzunehmen. Neumann setzte sich darauf mit reichen Juden Wiens in Verbindung, und zwölf derselben reisten sofort nach Berlin, um mit dem Kurfürsten wegen des Vertrages zu unterhandeln. Drei der jüdischen Unterhändler, deren Nachkommen noch bis auf den heutigen Tag einen guten Namen haben, werden dabei namhaft gemacht: Hirschel Lazarus, Benedikt Veit und Abraham Rieß. Die Bedingungen, unter welchen sie zugelassen wurden – und die erst ein Jahr später (20. Mai 1671)17 bekannt gemacht wurden – waren in manchen Punkten hart, sehr hart, [245] aber doch noch günstiger als in andern protestantischen Ländern, namentlich in dem bigotten Hamburg. Fünfzig Familien aus dem Österreichischen wurden aufgenommen; sie durften sich nach Belieben im Brandenburgischen und im Herzogtum Krossen niederlassen und überall ungehindert Handel treiben. Die Bürgermeister wurden angewiesen, ihrer Ansiedelung kein Hindernis in den Weg zu legen und sie nicht zu chikanieren. Jede Familie hatte jährlich acht Taler Schutzgeld zu zahlen und für jede Hochzeit einen Goldgulden, gleich den Halberstädtischen Juden, wohl auch von jeder Leiche eben so viel18; dafür waren sie aber im ganzen Lande vom Leibzoll befreit. Häuser durften sie kaufen und bauen; aber unter der Bedingung, sie nach Ablauf einer Frist an Christen zu verkaufen. Synagogen durften sie nicht halten, wohl aber Betstuben, einen Schulmeister und einen Schlächter. Dieser Schutzbrief war zwar nur auf zwanzig Jahre gültig, aber es war ihnen in Aussicht gestellt, daß er vom Kurfürsten oder seinem Nachfolger verlängert werden würde. Von diesen fünfzig österreichischen Familien ließen sich sofort etwa sieben in Berlin19 nieder, und diese bildeten den Grundstock der später so angewachsenen und tonangebenden Gemeinde. Ein Schritt zog den andern nach sich. Friedrich Wilhelm nahm auch andere reiche Juden aus Hamburg, Glogau und andern Städten auf; so entstanden Gemeinden in Landsberg, Frankfurt a.O. Unter diesen Gemeinden entspann sich bald ein kleiner Streit. Ein wenig bekannter Mann, R. Chajim, war damals Rabbiner in der Neumark, und seine Freunde wollten ihn mit einem Male zum Oberrabiner für die ganze Mark Brandenburg erheben. Die österreichischen Juden, die ohne Zweifel talmudisch gelehrt und ihm überlegen waren, mochten nicht darauf eingehen. Der Streit kam vor den Kurfürsten, und er bestätigte den Winkelrabbiner als brandenburgischen Landrabbiner. Er allein durfte Ritualien entscheiden, den [246] Bann verhängen und Strafgelder auflegen, von denen zwei Drittel der kurfürstlichen Kasse zufließen sollten20.

Man kann nicht verkennen, daß Friedrich Wilhelm die Juden lediglich aus finanziellen Rücksichten zugelassen hat. Aber er zeigte hin und wieder auch uneigennütziges Wohlwollen gegen einige unter ihnen. Als er auf den abenteuerlichen Plan des schwedischen Reichsrates Skytte einging, in der Mark (Tangermünde) eine Universaluniversität für alle Wissenschaften und ein Asyl für verfolgte Gelehrte zu gründen, unterließ er nicht, nach seinem Programm, auch jüdischen Männern der Wissenschaften, wie Arabern und Ungläubigen aller Art, Aufnahme in dem märkischen Athen zu gestatten, jedoch unter der Bedingung, daß sie ihre Irrtümer für sich behalten und nicht verbreiten sollten21. Besonders machte es diesem Fürsten Ehre, daß er sich zweier jüdischer Jünglinge, welche von Wissensdurst getrieben waren, eifrig annahm und sie unterstützte. Tobia Kohen Rofe, der später ein medizinischer Schriftsteller wurde (geb. 1. Febr. 1653, st. 1729), war im Jugendalter auf ein mühseliges Wanderleben angewiesen. Sein Vater, der während der kosakischen Judenverfolgung von 1648 von Narol nach Metz verschlagen wurde (o. S. 76), hatte ihn als junge Waise hinterlassen, und er war genötigt, von Metz zurück nach Polen zu gehen. Von Wissensdrang getrieben, verließ Tobia wieder Polen, um in Italien Medizin zu studieren. Auf seiner Durchreise durch die Kurmark wagte er und ein gleichalteriger Freund den Kurfürsten zu ersuchen, ihnen zu gestatten, an der Universität von Frankfurt a.O. zu studieren. Friedrich Wilhelm hatte nichts dagegen; aber die medizinische Fakultät war nicht ohne weiteres geneigt, Juden in die Zahl der Studierenden aufzunehmen – es war etwas Unerhörtes in Deutschland. Der Kurfürst machte aber von seinem despotischen Regimente Gebrauch, befahl der Fakultät, die jüdischen Jünglinge an den Vorlesungen teilnehmen zu lassen und setzte ihnen noch dazu einen Jahrgehalt während ihrer Studienzeit aus22. Die Juden waren auch diesem Fürsten außerordentlich dankbar für das verhältnismäßige Wohlwollen, das er ihnen zuwendete. Der reiche Buchdruckereibesitzer [247] Joseph Athias in Amsterdam – dessen Vater Abraham23 mit noch einem andern Marranen in Cordova den Märtyrertod auf dem Scheiterhaufen der Inquisition erlitten hatte – war nach Amsterdam gekommen und hatte auf seine Kosten eine jüdisch-deutsche Übersetzung des alten Testamentes anfertigen und ziemlich schön drucken lassen. Die Übersetzung widmete er – sonderbar genug – dem großen Kurfürsten. In der lateinischen Widmung dazu bemerkte Athias, daß er es aus Dankbarkeit tue, weil dieser Fürst den Juden unzählige Wohltaten mit Eifer zugewendet habe, daß sie nirgends größere Wohltaten, einen sichereren Hafen und ungestörtere Ruhe gefunden hätten, als unter seinen Flügeln24. So rosig war es allerdings nicht, aber einem Fürsten durfte man nicht weniger sagen.

Auch an einem andern Punkte des christlichen Europas zeigte sich für die Juden Schatten mit Licht vermischt. Um dieselbe Zeit, als die Juden aus Wien ausgewiesen wurden, tauchte gegen die Juden einer französisch gewordenen Stadt die alte, lügenhafte Anschuldigung auf, welche weitreichende Folgen hätte haben können. Sie ist wegen einiger Umstände erwähnenswert. In der Stadt Metz war seit einem Jahrhundert aus vier jüdischen Familien eine ansehnliche Gemeinde herangewachsen, und sie hatte seit dem Ende des sechzehnten Jahrhunderts bereits einen eigenen Rabbiner. Die Metzer Juden führten einen so guten Wandel, daß König Ludwig XIV. öffentlich seine Zufriedenheit mit ihnen äußerte und ihre Privilegien erneuerte. Aber da Metz damals noch ein deutsches Bürgertum hatte, so gab es engherzige Zünfte, und diese wollten durchaus die Juden in ihrer Hantierung beschränken. Mit ihrem Gesuche bei den Behörden abgewiesen, fachten einige unter ihnen einen glühenden Haß gegen die Juden an. Ein Bauer hatte ein Kind verloren und rasch wurde die Nachricht verbreitet, [248] die Juden hätten es getötet, um mit dessen Fleisch Zauberei zu treiben. Gegen einen armen Hausierer25, Raphael Levi, wurde besonders die Anklage erhoben; er wurde eingezogen, und obwohl das verlorene Kind tot im Walde gefunden wurde, so hob dieser Umstand die Anklage nicht auf, wälzte sie vielmehr auf die ganze Metzer Gemeinde, als wenn sie den Leichnam dahin gebracht und versteckt hätte. Papierstreifen mit hebräischen Buchstaben, welche Raphael Levi während seiner Haft beschrieben hatte, dienten als Beweismittel seiner Schuld. – Ein getaufter Jude Paul du Vallié (Vallier, ehemals Isaak), Sohn eines in der dortigen Gegend berühmten Arztes, übersetzte mit noch einem andern Täufling die beschriebenen Streifen zum Nachteil des Angeklagten.

Du Vallié war geradezu in den Schoß des Christentums gelockt und in einen eifrigen Feind seiner ehemaligen Glaubensgenossen verwandelt worden. Er war ein guter Sohn gewesen und von seinen Eltern angebetet worden. Er war auch ein frommer Jude gewesen und hatte zu zwei Versuchern, die ihn zum Abfall vom Judentum hatten bewegen wollen, geäußert, er würde sich eher verbrennen lassen. Nichtsdestoweniger setzten diese Versucher, zwei Kanoniker, ihre Bemühung so lange fort, bis sie ihn zum Übertritt verlockt hatten. Die Nachricht von seiner Taufe hatte seiner Mutter Antoinette das Herz gebrochen. Ein rührender Brief von ihr an ihren Sohn in französischer Sprache ist noch vorhanden, worin sie ihm zu Herzen redet, zum Judentum zurückzukehren. Du Vallié tat es nicht, zeigte sich vielmehr auch als schlechter Mensch und als Verräter. Er legte gegen den armen Angeklagten falsches Zeugnis ab. Darauf hin wurde Raphael Levi auf die Folter gespannt, und obwohl er seine Unschuld im Ton überzeugender Wahrheit behauptete, wurde er von dem Metzer Parlamente verurteilt und unter Qualen getötet (Januar 1670). Er starb standhaft. Das Parlament gedachte die Verfolgung fortzusetzen, zunächst gegen zwei andere Juden und dann immer weiter. Die Judenfeinde ließen noch dazu eine Schrift darüber drucken und die Anschuldigung gegen die Juden verbreiten, um die rechte Wirkung zu erzielen. Aber die Metzer Gemeinde fand einen Helfer an einem eifrigen Glaubensgenossen Jona Salvador aus Pignerol26.

Er war ein vermögender und unternehmender Mann, der in [249] Pignerol (einer Stadt im Piemontesischen, die ehemals zu Frankreich gehört hatte) ein großes Tabaksgeschäft angelegt hatte und damals gerade nach Paris gekommen war, um seine Verbindungen mit einigen einflußreichen Personen bei Hofe zu benutzen, um noch andere Monopole zu erlangen. Dieser Verbindungen bediente er sich auch, um für die Rettung seiner leidenden Stammesgenossen in Metz zu wirken. Jona Salvador war talmudkundig und ein Anhänger Sabbataï Zewis. Ihn suchte der lernbegierige Pater Richard Simon auf, um sich unter seiner Leitung im Hebräischen zu vervollkommnen. Es gab damals sonst keinen Juden in Paris, von dem er hätte lernen können. Diesen Pater de l'oratoire wußte Jona Salvador für die Metzer Gemeinde zu interessieren und ihn zu bewegen, eine Schutzschrift für die Unschuld der Juden am Christenkindermord auszuarbeiten. Die Schrift händigte der Tabakshändler von Pignerol Personen bei Hofe ein, welche ein gewichtiges Wort sprechen durften. Sie gab den Ausschlag. Der königliche hohe Rat ließ sich nunmehr die Prozeßakten vom Metzer Parlament zuschicken und fällte das Urteil (Ende 1671), daß an dem armen Raphael Levi ein Justizmord begangen worden war. Ludwig XIV. verordnete infolgedessen, daß fortan peinliche Anklagen gegen Juden stets dem hohen Rat des Königs vorgelegt werden sollten27.

Einen Augenblick schien es, als wenn in dieser Zeit die unglücklichsten der unglücklichen Juden, die Marranen, in Portugal wenigstens, aus ihrer grausigen Lage befreit werden sollten, und die fluchwürdige Inquisition, die ewige Schmach für das Christentum, einen Stoß bekommen würde. Mehr als ein Jahrhundert war vorübergegangen, drei oder vier Geschlechter, seitdem das Bluttribunal in Portugal, ohne formell-gesetzliche Bestätigung von Rom, eingeführt worden war. Volk, Adel und auch fürstliche Häuser waren mit marranischem Blute vermischt, Mönchs-und Nonnenklöster waren voll von Marranen und Halbmarranen28. Nichtsdestoweniger waren die Neuchristen noch immer Gegenstand des Argwohns, der Auflauerung, des Hasses und der Verfolgung. Erklärlich war die Antipathie, weil die altchristliche Bevölkerung instinktiv fühlte, daß die Marranen mit ihrem christlichen Bekenntnisse nie und nimmer Ernst machten, sondern es nur als Joch [250] ertrugen, bis sie Gelegenheit fanden, es abzuwerfen und offen zu verwünschen. Diese Antipathie wurde von der Inquisition eifrig genährt, weil die Verurteilung der vermögenden Neuchristen zum Feuertode oder zu den Galeeren vermöge der Güterkonfiskation ihr reiche Beute brachte. Der König João IV. aus dem Hause Braganza, welcher Portugal von Spanien wieder losriß, hätte gerne die Inquisitionstribunale aufgehoben, weil von den konfiszierten Gütern wenig in die königliche Kasse floß. Er erließ wenigstens ein Dekret, daß die Enterbung der Nachkommen verurteilter Marranen nicht mehr stattfinden sollte. Indessen wußten sich die Inquisitoren und ihr Anhang ein Breve vom Papste zu verschaffen, welches die Fortdauer der Konfiskation verordnete. Der König mußte nachgeben, befahl aber, da die Gelder von Rechts wegen ihm zukämen, sie den Erben wieder zuzustellen. Deswegen waren ihm die Inquisitoren so sehr gram, daß sie es durchsetzten, seine Leiche vor der Bestattung zu absolvieren, als wenn er ein unbußfertiger Sünder gewesen wäre. Unter dem Regenten Dom Pedro verfuhr das Tribunal nur noch strenger gegen die Marranen, um den Verlust zu decken. Der Zufall bot ihm eine günstige Gelegenheit. Aus einer Kirche in Lissabon wurde unter andern Kirchengefäßen ein Ziborium gestohlen und die darin enthaltenen geweihten Hostien verächtlich weggeworfen (1672). Weranders konnte diese fürchterliche Entweihung begangen haben als die Neuchristen! Die weltlichen Gerichte hielten in dieser Voraussetzung Haussuchung bei marranischen Familien, sperrten viele ein, und das Volk war so wütend gegen sie, daß sich fast kein Neuchrist öffentlich zeigen konnte, um nicht Mißhandlungen ausgesetzt zu sein29.

Diese Strenge der Inquisition und die dadurch herbeigeführte Fanatisierung des Volkes sollte gewissen Intrigen entgegenwirken, welche am Hofe und in Rom von einflußreichen Personen eingefädelt wurden, um die Macht des Bluttribunals zu brechen oder sie in die Hände der Jesuiten zu spielen. Diese Intrigen gingen von dem Jesuitenpater Antonio Vieira aus, dem Schlauesten unter diesen [251] Schlauen, welcher auffallenderweise eine ganz besondere Zuneigung zu den Juden und Marranen hatte, bei seinem Aufenthalt in Amsterdam die jüdischen Predigten besuchte und mit den Rabbinen verkehrte. Die Juden hielten ihn für einen Marranen. Vieira wurde vom König João IV. zu diplomatischen Geschäften und Reisen verwendet, und unter Dom Pedro stieg sein Einfluß noch höher, weil er dessen Erzieher und Beichtvater gewesen war30. Dieser Jesuit wurde einst von dem Inquisitionstribunal zur Haft in ein strenges Profeßhaus gebracht und zum Verluste seines Stimmrechtes und seiner Berechtigung zu predigen verurteilt. Der Grund ist nicht bekannt. Hatte er sich vielleicht den Marranen günstig gezeigt? Vieira schmiedete daher Rachepläne gegen das sogenannte heilige Offizium, und seine Ordensgenossen standen ihm zur Seite. Er mußte nach sechsmonatlicher Haft freigelassen werden; aber das genügte ihm nicht. Er eilte nach Rom, um die Demütigung der Inquisition durchzusetzen, was seiner Schlauheit nicht allzuschwer war. Alle Hebel setzte er, der eine gewichtige Stimme im Jesuitenorden hatte, dazu in Bewegung. Eines Tages erschien der Jesuiten-Provinzial von Malabar Balthasar da Costa am Hofe des Regenten Pedro und gab ihm die Mittel an, wie das für Portugal verlorene Indien wieder zu gewinnen wäre. Das Hauptmittel dazu wäre Geld. Aber wo sollte das verarmte und zerrüttete Portugal Geld hernehmen? Da Costa ließ ein Wort fallen, Geld besäßen die Marranen, und diese würden es gerne für Erleichterung ihrer Pein und eine allgemeine Amnestie hergeben31. Dom Pedro ging auf diesen Wink ein und wies seinen Beichtvater Manuel Fernandes an, mit da Costa in Unterhandlung zu treten. Dieser, ebenfalls von der Gesellschaft Jesu, war bereits dafür gewonnen, Milde gegen die Marranen eintreten zu lassen und die Macht der Inquisition zu brechen. Es galt nur noch den Regenten zu bewegen, sich mit einem Gesuche an die päpstliche Kurie zu wenden; dort war bereits durch Vieira und den Jesuitenorden kräftig vorgearbeitet. Ein Sekretär der Inquisition von Portugal hatte sich nach Rom geflüchtet und dort [252] die schauerlichsten Enthüllungen über die von der Inquisition gegen die angeschuldigten und eingekerkerten Marranen begangenen Frevel mit den schwärzesten Farben gemacht. Der Beichtvater Fernandes setzte sich sogar in heimliche Verbindung mit den Marranen, um von ihnen das grausige Verfahren des Tribunals im einzelnen zu erfahren und Anhaltspunkte für eine nachdrückliche Anklage gegen dasselbe beim Papste und Kardinalskollegium zu haben. Schauerliche Geheimnisse kamen dabei ans Licht32. Stammte ein Verdächtigter oder Verleumdeter von Juden ab, so galt dieser Umstand schon als Beweis. Zeugen wurden durch Drohung und Verheißung bewogen, gegen Marranen auszusagen. Durch Folter erpreßte Geständnisse wurden als Gewißheit für Straffälligkeit und Grund zur Verurteilung angesehen. Neuchristen wurden nicht als Entlastungszeugen angenommen. Die angeklagten Marranen wurden in dunklen, düstern und ungesunden Kerkerlöchern bis zur Verdammung oder Freisprechung, welche sich öfter mehrere Jahre hinzog, gehalten und unmenschlich behandelt. Waren Angeschuldigte freigesprochen, so hielten sie die Tribunale noch eine Zeitlang im Kerker bis zum nächsten Autodafé und ließen sie auch das Gerüst besteigen, um dadurch eine imposante Zahl und ein größeres Schauspiel bieten zu können. Mit der Güterkonfiskation und Zerstückelung des Vermögens der Angeklagten wurde nicht bis zum Spruch auf schuldig gewartet, sondern sie wurde zugleich mit [253] der Einkerkerung vorgenommen. War ein angeschuldigter Marrane eingezogen, so wurden die Seinigen sofort von Haus und Hof gewiesen die Kinder zum Betteln, die Frau und Töchter nicht selten zum Schandleben gezwungen. Die Kerkermeister wurden zu Vormündern der hinterlassenen Waisen der Verurteilten eingesetzt. Es war öfter vorgekommen, daß Marranen, um sich an ihren Peinigern zu rächen, in ihren Geständnissen »alte Christen« als Mitschuldige des Judaisierens angegeben hatten. Um dem künftig vorzubeugen, hatte ein Inquisitionsstatut festgestellt, jede Aussage von Neuchristen gegen alte mit Strafe zu belegen33.

Während die Jesuiten gegen das heilige Offizium heimlich wühlten, hatte dieses das Volk, das ohnehin unter der Regentschaft verwildert und empörungssüchtig war, gegen die Marranen fanatisiert und viele derselben wegen des Diebstahls des Ziboriums eingekerkert. Infolgedessen ließen sich im Staatsrate einige Stimmen vernehmen, um der ewigen Aufregung ein Ende zu machen, die Marranen samt und sonders aus dem Lande zu verbannen. Damit wäre aber den Inquisitoren, diesen Molochspriestern, wenig gedient gewesen. Sie boten alles auf, um diesen Vorschlag zu bekämpfen und machten sogar, sie, die Herzlosen, das Gebot der Barmherzigkeit geltend, man dürfe doch nicht um einiger Schuldigen willen so viele Unschuldige hinausstoßen und ihren schwankenden Glauben der Versuchung aussetzen. Inzwischen war der Hostiendieb in einem alten Christen entdeckt worden, und infolgedessen verwandelte sich der Fanatismus des Volkes in Mitleid für die Marranen. Die Eingekerkerten wurden gewaltsam befreit. Aber die Inquisition wußte ihre Kerker von neuem zu füllen34. Diese rücksichtslose Grausamkeit und die Wühlereien der Jesuiten gegen die Inquisition bewogen Dom Pedro auf Anraten seines Beichtvaters, Gutachten von Theologen und gelehrten Körperschaften über den einzuschlagenden Weg einzuholen (1673). Die Jesuiten beantworteten die ihnen aufgegebenen Fragen zugunsten der Marranen, das gegen sie angewandte Verfahren habe bisher wenig Nutzen, vielmehr recht viel Schaden gebracht; statt für den Glauben gewonnen zu werden, seien sie ihm nur noch mehr entfremdet worden. Auch Edelleute und der [254] Erzbischof von Lissabon verurteilten mit einem Male die gegen die Neuchristen gebrauchte Gewalt, erblickten darin den Ruin des Landes und rieten dem Regenten zur Milde. Dieser ermächtigte darauf seinen Beichtvater, die Angelegenheit dem Papste vorzulegen, und auch der portugiesische Gesandte in Rom Gaspar de Abreu de Freitas, erhielt die Weisung, die Kurie günstig für die Marranen zu stimmen.

In Rom hatte bereits der Jesuitenorden und besonders der gegen die Inquisition erbitterte Antonio Vieira eine günstige Stimmung hervorgebracht. Papst Clemens X. erließ ein Schreiben nach Portugal, es solle den Neuchristen gestattet werden, Sachwalter nach Rom zu senden, um ihre Beschwerden gegen das Tribunal vorzubringen. Das war es eben, was die Jesuiten und die Marranen gewünscht hatten. Sofort begab sich ein gewandter Marrane Francisco de Azevedo und nicht mit leeren Händen nach Rom35 und setzte das empörende Verfahren der Inquisitoren gegen die marranischen Schlachtopfer in ein düsteres Licht; er brauchte dabei nicht zu übertreiben. Infolgedessen suspendierte der Papst (3. Oktober 1674) die Tätigkeit der portugiesischen Tribunale, verbot ihnen über die Marranen Todes- oder Galeerenstrafen, sowie Güterkonfiskation zu verhängen, und befahl, daß die Prozesse der eingekerkerten Marranen nach Rom an das Amt der Generalinquisition geschickt werden sollten36. Der päpstliche Nuntius Marcello Durazzo machte diese Bulle in Portugal bekannt. Die Jesuiten hatten gesiegt. Aber die Inquisition hatte auch ihre Anhänger. Ein ansehnlicher Teil der Cortes drang in Dom Pedro, der Anmaßung der Marranen zu steuern. Der Regent war ohnehin empfindlich verletzt, daß der päpstliche Nuntius die Suspension der Tribunale ohne landesherrliche Genehmigung veröffentlicht hatte. Auch das Volk wurde von neuem aufgehetzt. In den Straßen Lissabons erschallten aufrührerische Stimmen: »Tod allen Juden und Verrätern!« Aber in Rom blieb man fest zugunsten der Marranen. Die Jesuiten gingen gar damit um, einen der ihrigen, den Beichtvater Fernandes, zum Generalinquisitor zu erheben37. Dieser Plan drang zwar nicht durch, aber auch der neuerwählte Papst Innocenz XI., welcher einen neuen Generalinquisitor in Person des Erzbischofs von Braga, Verissimo da Alemcastro, ernannt hatte (1676), [255] verbot ihm unter Androhung der Amtsentsetzung und des Bannes gegen die Marranen zu verfahren; die Inquisition sollte vielmehr, bis die Angelegenheit geprüft sein würde, nur leichte Strafen über Überführte, keineswegs den Tod oder Verurteilung zur Galeere oder Güterkonfiskationen verhängen dürfen38. Wahrscheinlich auf Eingebung der Jesuiten verlangte derselbe Papst (24. Febr. 1678), daß ihm vier oder fünf abgeschlossene Prozeßakten über die wegen Judaisierens Verurteilten zugeschickt werden sollten, um sich zu überzeugen, welches Verfahren die Inquisition einzuschlagen pflegte, und bedrohte den Großinquisitor Verissimo und sämtliche Unterbeamten mit Amtsentsetzung und kanonischen Strafen, falls nicht innerhalb zehn Tagen die gewünschten Papiere dem päpstlichen Nuntius übergeben würden39. Aber der Großinquisitor und seine Kollegen dachten nicht daran, dem päpstlichen Befehle zu gehorchen. Darauf erklärte der Papst durch eine förmliche Bulle die Suspension da Alemcastros und aller ungehorsamen Inquisitoren von ihren Ämtern (27. Mai 1679)40. Jetzt zeigten die Inquisitoren offene Auflehnung gegen den Papst; sie legten ihre Stellen nicht nieder, und als der Nuntius befahl, daß die Schlüssel zu den Inquisitionskerkern dem weltlichen Richter übergeben werden sollten, verweigerten sie es. Die Glieder versagten dem Leiter den Gehorsam. Dem Könige wußten sie beizubringen, daß, wenn dem Papste die Einmischung gestattet werden würde, es mit des Königs Unabhängigkeit zu Ende sei. Der päpstliche Hof würde sich auch anmaßen, die Akten des weltlichen Gerichts vor sein Tribunal zu ziehen, angeblich um sie zu prüfen41.

In Spanien sahen die Inquisitoren diese Einmischung des Papstes in die innern Angelegenheiten der Tribunale mit vielem Verdruß. Wie, wenn es dem päpstlichen Hofe einfiele, dasselbe Verfahren auch gegen sie einzuschlagen? Sie kamen diesem Beginnen zuvor, sie wollten es dem Papste zeigen, daß er es nicht wagen dürfte, sie anzutasten, da Hof und Volk mit ihnen einverstanden seien, die Ketzer und Juden zu vertilgen. Zu diesem Zwecke bedienten sie, die Klugen, sich des schwachköpfigen, jungen Königs Karl II., der eben, so zu sagen, die Zügel der Regierung ergriffen und eine französische Prinzessin, eine Bourbon-Orleans, eine Nichte Ludwigs XIV., heimgeführt hatte. Sie wußten ihm beizubringen, daß er seiner jungen Gemahlin keine anziehendere [256] Festlichkeit bieten könne, als wenn in der Hauptstadt ein großes Autodafé gefeiert und recht viele Ketzer verbrannt würden. Mit Freuden griff Karl zu und befahl, daß zu Ehren der jungen Königin ein großes Menschenopfer-Schauspiel in Madrid aufgeführt werden sollte. Der 25. Großinquisitor Diego de Sarmiento erließ darauf ein Rundschreiben an die Tribunale Spaniens, sämtliche verurteilten Ketzer für das große Fest rechtzeitig nach Madrid zu liefern. Vier Wochen vorher (Mai 1680) wurde in der Hauptstadt in feierlicher Weise durch Herolde bekannt gemacht, daß an dem und dem Tage ein großes Autodafé stattfinden würde, damit sich jedermann dazu vorbereite, und sich recht viel Teilnehmer und Schaulustige dazu einfinden möchten. Je mehr, desto besser. Die dichtgedrängten Volksmassen riefen: »Es lebe der Glaube!« (viva la Fé). Es war nicht bloß auf ein Schaugepränge abgesehen, sondern auch auf Einschüchterung des Papstes und der Kardinäle, welche anfingen, menschlich für die Opfer der Inquisition zu fühlen und die Gerechtigkeit nicht länger mit Füßen getreten sehen mochten. Sechzehn Meister mit ihren Gesellen arbeiteten mehrere Wochen daran, um Estraden und Schauplätze für den Hof, den Adel, die Geistlichkeit und das Volk auf einem großen Platze zu errichten.

Endlich erschien der von der Bevölkerung Madrids und von den von auswärts herbeigeströmten Zuschauern sehnsuchtsvoll erwartete Tag (Sonntag, 30. Juni 1680)42. Eine so große Zahl Opfer der Inquisition war schon lange nicht vereint gesehen worden. 118 Personen jedes Alters und Geschlechts! Siebzig oder noch mehr Judaisierende hatten die verschiedenen Tribunale geliefert; die übrigen waren sogenannte Hexen, Männer, die mehr als eine Frau hatten, ein verheirateter Priester und ähnliche Verbrecher. Des Morgens früh wurden alle diese Unglücklichen barfuß, in Hemden und Papiermützen, mit Teufeln und Flammen bemalt, mit brennenden Kerzen in den Händen, zur Prozession geführt, begleitet von Geistlichen und Mönchen aller Orden, Rittern und Familiaren der Inquisition mit flatternden Fahnen und Kreuzen. Kohlenbrenner mit Hellebarden eröffneten den Zug nach[257] altem Brauch und Vorrecht. Bilder von verstorbenen und flüchtigen Ketzern, mit Namen bezeichnet, und Särge mit den Gebeinen der Unbußfertigen wurden von Henkersknechten der Inquisition getragen. Der geistesschwache König, die junge Königin Maria Louise d'Orleans, Hofdamen, Großwürdenträger, der hohe und niedere Adel, alle diese waren von morgens an auf dem Schauplatz versammelt und hielten in der drückenden Hitze bis spät abends aus. Wer von bedeutenden Persönlichkeiten, selbst von Damen, ohne Grund fehlte, kam dadurch in den Verdacht der Ketzerei. Die Geistlichkeit bot allen Tand auf, um das Schauspiel imposant und denkwürdig zu machen. Beim Anblick der Schlachtopfer rief das ganze Volk, wie zu erwarten war, abermals: »Es lebe der Glaube!« Plötzlich hörte man die flehentliche Stimme einer kaum siebzehnjährigen Marranin von wunderbarer Schönheit, welche in die Nähe der Königin zu stehen kam, ausrufen: »Großmütige Königin! Erbarmen Sie sich meiner Jugend! Wie kann ich der Religion entsagen, die ich mit der Muttermilch eingesogen?« Maria Louise de Bourbon, selbst nicht viel älter, unterdrückte eine Träne. Der Großinquisitor Diego de Sarmiento ließ die feierliche Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen, den König beim Evangelium und dem Kreuze an seine Pflicht als allerchristlichste Majestät zu ermahnen, daß er die Ungläubigen und Ketzer verfolgen, sie ohne Ansehen der Person bestrafen, der heiligen Inquisition seinen Arm leihen und sie mit seiner königlichen Macht unterstützen wolle. Laut rief Karl: »Das schwöre ich bei meiner königlichen Würde.« Denselben Eid wiederholten die Großwürdenträger, die Ritter und die Bürgerschaft, und die Menge bekräftigte ihn mit einem weithinschallenden Amen. Der König fügte die Tat dem Worte hinzu und zündete zuerst mit einer ihm gereichten Fackel den Scheiterhaufen an, und zu diesem waren achtzehn Marranen verurteilt, welche sich offen zum Judentum bekannt hatten. Darunter war eine sechzigjährige Witwe mit zwei Töchtern und einem 66jährigen Schwiegersohn, welche acht Jahre im Kerker zugebracht hatten. Noch zwei andere Frauen, von denen die eine erst dreißig Jahre alt war, die meisten Männer kräftigen Alters zwischen 27 und 38 Jahren, einfache Leute, Tabakspinner, Goldarbeiter, Handelsleute, sie alle starben mit Standhaftigkeit den Flammentod. Einige stürzten sich in die Glut. »Ich hatte nicht den Mut, dieser entsetzlichen Hinrichtung der Juden beizuwohnen. Es war ein erschreckliches Schauspiel, wie man mir sagte. Man konnte aber nur durch eine Bescheinigung des Arztes von der Anwesenheit dispensiert werden. Was für Grausamkeit man beim Tode dieser Elenden gesehen hat, kann ich Ihnen [258] nicht beschreiben.« So berichtet die Marquise de Villars an ihren Gemahl. Eine andere französische Dame berichtete darüber. »Ich ging nicht zur Exekution, ich war schon von Schmerzen ergriffen, als ich die Verurteilten am Tage sah ... Man muß aber nicht glauben, daß ein so strenges Beispiel imstande wäre, die Juden zu bekehren. Sie werden nicht im geringsten davon gerührt, und es gibt selbst in Madrid eine beträchtliche Anzahl, welche als solche bekannt sind, und die man in ihren Stellungen als Finanzbeamte läßt.« Die übrigen 54 Marranen wurden teils zu den Galeeren, teils zu mehrjährigem und manche zu ewigem Kerker verurteilt.

Dieses große Autodafé in Madrid muß in Rom einen niederschmetternden Eindruck gemacht haben. Denn der Papst Innocenz XI. gab gleich darauf dem Widerstand der Inquisition in Portugal nach und begnügte sich mit einem Schein von Gehorsam. Der für die Marranen so eifrig tätige, schlaue Vieira war indes gestorben (1680), und dadurch scheint auch der Eifer der Jesuiten erkaltet zu sein. Man stellte dem Papste vor, wie sehr viel Ärgernis es den Portugiesen gäbe, daß man an der Gerechtigkeit des heiligen Offiziums zweifle, und daß man dadurch nur das ketzerische Judaisieren begünstige. Der portugiesische Großinquisitor Verissimo schickte zum Schein zwei Prozeßakten nach Rom; er hatte dazu die am wenigsten verdächtigen ausgesucht, und die Sache war abgemacht. Er und seine Untergebenen wurden infolgedessen vom Interdikt befreit und in ihr Amt wieder eingesetzt (28. August 1681). Der Papst stellte zwar neue Bestimmungen für die Behandlung der Marranen und eine bessere und gerechtere Prozeßordnung auf, aber das war alles nur Schein, die alte Unmenschlichkeit während der Haft und nach Verurteilung war geblieben43. In der Tat kaum ein Jahr später (10. Mai 1682) wurden wieder in Lissabon drei jüdische Märtyrer verbrannt, zwei namens Gaspar Lopez Pereyra (der eine Aaron Coen Faya und der andere einfach Abraham zubenannt) und dazu ein Mann der Wissenschaft, Isaak Henriquez de Fonseca)44. Die Folge davon war der immer mehr zunehmende Verfall des kleinen Staates. Etwa ein halbes Jahrhundert später sprach sich ein portugiesischer Staatsmann gegen den Thronfolger freimütig aus: »Wenn Eure Hoheit zum Thron gelangt, werden Sie viele schöne Flecken und Dörfer fast unbewohnt finden, die Städte Lamego und Guarda, und die Stadt [259] Braganza. Wenn Sie fragen, wie diese Plätze in Trümmer gefallen und ihre Manufakturen zerstört worden sind, so möchten wenige es wagen, Ihnen die Wahrheit zu sagen, daß die Inquisition, weil sie viele wegen des Verbrechens des Judaisierens eingekerkert und andere aus Furcht vor Konfiskation und Gefängnis zu flüchten genötigt hat, diese Städte und Flecken verwüstet und die Manufakturen des Landes zerstört hat«45.

Außerhalb Spaniens und Portugals hatte die christliche Kaufmannschaft die Rolle der Dominikaner gegen die Juden übernommen. Um die lästige Konkurrenz der Juden loszuwerden, benutzten oder erfanden Kaufleute Gerüchte von Christenkinderkauf oder -mord von seiten der Juden, um deren Vernichtung oder wenigstens Ausweisung durchzusetzen. Es scheint nicht Zufall, sondern Symptom einer krankhaften Erregung gewesen zu sein, daß fast zu gleicher Zeit diese Anschuldigung in Metz (o. S. 248), Berlin und Padua erhoben und ausgebeutet wurde. Es war ein eigner Wahn, daß in Handelsstädten, wo Juden nicht geduldet wurden, wie in Leipzig und Wien, der Handel blühte, dagegen wo sie weilen durften, wie in Prag, Verfall eingetreten sei. In Berlin und im Brandenburgischen überhaupt waren die wenigen dort erst kurz vorher angesiedelten Juden den christlichen Kaufleuten ein Dorn im Auge; aber der stramme Kurfürst Friedrich Wilhelm ließ ein solches Gerücht auf der Stelle untersuchen und unterdrücken46.

Eine ernstere Gefahr brachte der Brotneid christlicher Kaufleute über die Gemeinde von Padua, welche sich in ihrem Ghetto behaglich fühlte und fast keinen Armen in ihrer Mitte hatte. Die Tuchmacherzunft in Padua beschuldigte die Juden, daß sie widergesetzlich Tuch ellenweise verkauften und machte deswegen einen schweren Prozeß gegen sie anhängig. Sie konnte aber mit ihren Klagen vor Gericht nicht durchdringen und versuchte es daher, die niedere Bevölkerung gegen sämtliche Juden zu reizen. Sie benutzte schlau die aufgeregte Stimmung, welche in Italien wie in ganz Europa herrschte, wegen des Vordringens türkischer Heere bis vor die Mauern Wiens und der tapferen Gegenwehr, welche die türkische Besatzung in Ofen den vereinten christlichen Heeren entgegensetzte. Wer will es den Juden [260] verdenken, daß ihre Sympathie auf seiten der Türken war, welche allerdings gegen einzelne Juden, nie aber gegen Gemeinden barbarisch verfuhren, nie Ausweisungen über sie verhängt haben? Diese Sympathien wurden ihnen aber als Verrat am »teuren Vaterlande« angerechnet; neue Märchen wurden erfunden, um ihre Schlechtigkeit zu bekunden. In einer kleinen mährischen Stadt Unga risch-Brod fiel die Bevölkerung gerade an dem Tage, an dem die Türken Wien umzingelten (20. Tammus = 14. Juli 1683) unter den Augen des österreichischen Heeres die kleine Gemeinde an und tötete vierzig von ihnen47.

Eine große Aufregung brachten die Türkenkriege vor Wien und in Ungarn auf die heißblütigen Italiener hervor, besonders auf die Bevölkerung der venetianischen Republik, welche durch die Siege des Halbmondes manchen Verlust erlitten und sich daher Österreich zur Bekämpfung der Türken angeschlossen hatte. So oft eine Post vom Kriegsschauplatze eintraf, stellte sich in den venetianischen Städten eine fieberhafte Spannung ein. Man weiß nicht recht, hat die schlaue Berechnung der Judenfeinde in Padua oder ihre erhitzte Phantasie die Juden in jede Nachricht hineingezogen; von der großen Anzahl der Judengemeinden in Ofen, ihrem erstaunlichen Reichtum und ganz besonders von ihrer Grausamkeit gegen die christlichen Krieger und Gefangenen, die sie mit den Türken um die Wette mißhandelt, geschunden, zerfleischt haben sollen? Damit hetzten die Judenfeinde in Padua die Menge gegen die Juden, als wenn auch sie es heimlich mit den Türken hielten. Als diese am Tage zur Erinnerung an Jerusalems Untergang in den Synagogen zum Trauergottesdienste versammelt waren, hieß es, sie beteten für den Sieg des Halbmondes über das Kreuz. Die Bevölkerung, von den Tuchfabrikanten, Wollenwebern und deren Gesellen unterstützt, machte einen Angriff auf das Ghetto der Paduaner Gemeinde, mit der Miene, klein und groß zu vertilgen. Anfangs schritten die Stadtbeamten ein und trieben die Rotte auseinander. Als aber ein unzüchtiges Frauenzimmer ihr Klagegeschrei mit wilden Gebärden erhob »ihr Kind sei ihr im Ghetto abhanden gekommen, es sei von den Juden bereits geschlachtet«, – wie es scheint, laut Verabredung – da war kein Halt mehr. Auch anständige Bürger schlossen sich der aufrührerischen Bande an und [261] gemeinsam machten sie Angriffe auf die Pforten des Ghetto, zerstörten, legten Feuer an, griffen zu den Waffen, und die Miliz war nicht imstande oder nicht gewillt, dem Tumult Einhalt zu tun (10. Ab = 2. August 1684). Bei Anbruch der Nacht schwebte bereits das Leben der Paduaner Juden in der größten Gefahr, als es doch dem Stadthauptmann Tipoli gelang, die Aufwiegler nach und nach vom Judenviertel zu verdrängen. Später kamen auch vom Dogen in Venedig dringende Schreiben an die Paduaner Behörde, sich der Juden tatkräftig anzunehmen. So war für den Augenblick die Gefahr abgewendet, aber ein Groll blieb in der Bevölkerung gegen sie zurück. Mehrere Tage mußten Bewaffnete das Ghetto vor neuen Angriffen bewachen und lange wagten die Juden nicht, sich in den christlichen Teilen der Stadt blicken zu lassen. Auch die Juden in der Umgegend litten unter dieser künstlich erzeugten Aufregung48.

Ofen fiel damals nicht in die Hände des österreichischen Heeres, dieses mußte vielmehr die Belagerung aufheben, um sie zwei Jahre später, verstärkt durch brandenburgische und andere deutsche Truppen wieder aufzunehmen. Erst nachdem die Türken Niederlage auf Niederlage erlitten hatten, wurde die starke Donaufestung Ofen erstürmt, und sämtliche Türken in der Stadt von den christlichen Soldaten erschlagen (Sept. 1686). Die Juden hatten die Stadt auf der Wasserseite tapfer verteidigt, noch tapferer als die Türken49. Dafür wurde auch die ganze [262] Gemeinde gefangen erklärt und die Mitglieder verlost. Ein Teil fiel den österreichischen und der andere den brandenburgischen Hauptleuten zu. Die deutschen Gemeinden hatten wieder Gelegenheit, die Pflicht der Auslösung zu üben. Jakob, der Flüchtling aus Wilna im polnischen Kosakenkriege, der eifrige Gläubige an Sabbataï Zewi (o. S. 74f., 218), wurde mit den Seinigen von den brandenburgischen Hilfstruppen nach Berlin geführt und dort von den mitleidigen Stammesgenossen ausgelöst50.

Die grausige Behandlung der Juden, Ausweisungen, lügenhafte Anschuldigungen und Gemetzel hörten also in dieser Zeit noch nicht auf, aber ihre Zahl und Ausdehnung verminderte sich doch. Diese Erscheinung war allerdings eine Folge der zunehmenden Gesittung in den europäischen Hauptstädten, aber auch eine Art Vorliebe für Juden und ihre Glanzliteratur hatte Anteil an der milden Behandlung. Gebildete Christen, Katholiken wie Protestanten, und nüchterne von Schwärmerei nicht befangene Männer, die den Ton angaben, fingen an über den Fortbestand dieses Volkes zu erstaunen. Wie, dieses Volk, das seit einem Jahrtausend und darüber so blutig verfolgt und zertreten, das wie giftiges oder räudiges Getier behandelt wurde, das kein Vaterland, keinen Beschützer hat, an das alle Welt Hand anlegt – dieses Volk existiert noch? Es existiert nicht bloß, sondern bildet noch immer eine eigene Körperschaft, unvermischt mit andern Völkern, auch in seiner Niedrigkeit noch zu stolz, sich mit den weitgebietenden Nationen zu vermischen51? Immer mehr Schriftsteller traten für sie als Fürsprecher auf, drangen auf ihre milde Behandlung und redeten in Wort und Schrift den Christen zu Herzen, dieses lebendige Wunder doch nicht zu zerstören oder zu entstellen. Manche gingen in ihrer Begeisterung für die Juden sehr weit. Der hugenottische Prediger Pierre Jurieu in Rotterdam schrieb ein Buch (1685) über »Die Erfüllung der Propheten,« worin er die zukünftige Größe der Juden als sicher [263] auseinandersetzte und behauptete, daß Gott sich diese Nation aufbewahrt habe, um noch große Wunder an ihr zu tun. Der wahre Antichrist sei die grausige Verfolgung der Juden52. Eine übereifrige Tätigkeit für die Rückkehr des jüdischen Volkes in sein einstiges Vaterland entwickelte der Däne Oliger (Holger) Pauli (geb. 1644, st. nach 1702). Er hatte schon in der Jugend Visionen von der einstigen Größe Israels, wobei er eine Rolle spielen würde. Oliger Pauli war so sehr für den jüdischen Stamm eingenommen, daß er, obwohl von christlichen patrizischen Urahnen abstammend, sich durchaus als von jüdischem Geblüte erzeugt ausgab. Er hatte als Kaufmann Millionen angehäuft und sie für seine Grille, die Rückkehr der Juden nach Palästina zu befördern, verschwendet. Oliger Pauli richtete mystische Sendschreiben an König Wilhelm III. von England und an den Dauphin von Frankreich, um sie geneigt zu machen, die Sammlung und Zurückführung der Juden in ihre Hand zu nehmen. Dem Dauphin sagte der dänische Schwärmer gerade heraus, durch den Eifer für die Juden könnte Frankreich sein blutiges Gemetzel der Bartholomäusnacht und der Dragonaden sühnen53. Noch weiter ging in seinem Enthusiasmus für Juden und Judentum der von katholischen Eltern in Wien geborene Johannes Petrus Spaeth (aus Augsburg). Nachdem er zuerst Lutheraner geworden, dann (1683) zur katholischen Kirche zurückgekehrt war und eine Schrift zur Verherrlichung des Katholizismus geschrieben hatte, trat er, wie einige zu berichten wissen, zu den Socinianern und Menoniten über, wurde aber zuletzt Jude in Amsterdam und nahm den Namen Mose Germanus an (gest. 27. April 1701)54. Wie er selbst aussprach, hatten gerade die lügenhaften Anschuldigungen gegen die Juden ihm Ekel vor dem Christentum eingeflößt: »Noch heutzutage geschieht viel dergleichen in Polen und Deutschland, da man alle Umstände hervorzählt, auch Lieder auf den Gassen davon singt, wie die Juden abermals ein Kind gemordet und das Blut in Federkielen einander zugesendet, für ihre gebärenden[264] Frauen zu gebrauchen. Diesen mordteuflischen Betrug habe ich bei Zeiten erkannt und das sogeartete Christentum verlassen, um keinen Teil daran zu haben, noch befunden zu werden bei denen, die das Blut Israels, des ersten und eingebornen Sohnes Gottes, mit Füßen treten und wie Wasser vergießen.« Mose Germanus wurde ein umgekehrter Paulus. Dieser wurde als Christ ein eifervoller Verächter des Judentums und jener als Jude ein ebenso fanatischer Gegner des Christentums. Er betrachtete den Ursprung desselben als einen großartigen Betrug. Man darf heute noch nicht alles niederschreiben, was Mose Germanus über die Jesuslehre ausgesprochen hat. Er war übrigens nicht der einzige Christ, der in dieser Zeit »aus Liebe zum Judentum« sich der nicht ungefährlichen Operation und der noch empfindlicheren Schmähung und Verlästerung aussetzte. In einem Jahre traten drei Christen, allerdings in dem freien Amsterdam, zum Judentum über, darunter ein Studierender aus Prag55.


Fußnoten

1 De Barrios, Historia universal Judaica, p. 9, 10, 22. Der hebräische Übersetzer von Manasse Ben-Israels Esperança (Eliakim ben Jakob לארשי הוקמ) p. 56 b. Sasportas' Respp. Nr. 13.


2 Note 2.


3 De Barrios a.a.O., p. 15-18. Sasportas, Zizat Nobel Zebi, p. 46 a, s. auch Note 2.


4 Vgl. die Urkunde bei Wertheimer, Die Juden in Österreich Nr. 24, S. 167. [Über alle diese Vorgänge vgl. die gründliche und erschöpfende Darstellung David Kaufmanns in seinem Buche: Die letzte Vertreibung der Juden aus Wien und Niederösterreich, ihre Vorgeschichte (1524-1670) und ihre Opfer. Budapest, 1889, 8. S. bes. S. 95 ff.].


5 Das. S. 131, Theatrum Europaeum T. XI, S. 258, eine Supplik der Juden, worin sie angeben, daß der Kaiser von ihnen in zehn Jahren 600000 Gulden bezogen hat.


6 [Vgl. Kaufmann a.a.O., S. 125].


7 L. A. Frankl, Inschriften des Wiener jüdischen Friedhofs, Nr. 430.

8 Grabschrift in den Wiener Epitaphien von L. A. Frankl das. S. 47 (hebr.); Wagenseil, Tela ignea Satanae I, Praef. p. 72.


9 [Vgl. jedoch Kaufmann a.a.O., S. 157, Anm. 7]. Quellen für die Ausweisung der Juden aus Wien, Bericht des Jesuiten Wagner und des protestantischen Historiographen Rink in Historia Leopoldi magni P. I., p. 330 f. bei (Wertheim), Juden in Österreich S. f.; Theatrum Europaeum XI, p. 256 f., auch bei Schudt I, S. 344. Aus dieser Quelle ist zu ersehen, daß Wagner alle die Übertreibungen referiert hat, welche der Bischof Kallowicz von der Kanzel gedonnert hatte. Jüdische Quellen, Sasportas, Respp. Ende (s. Note 2). Isaak Vita Cantarini קחצי דחפ, p. 13b: er setzte die letzte Auswanderung der Juden aus Wien in den Monat Ab. Irrtümlich wird öfter angegeben, daß die Gesamtzahl der Ausgewiesenen nur 1400 betrug. In der Supplik des Restes der Juden an den Kaiser: 300 und darüber (im Theatrum Europ.) ist angegeben, daß 1400 bereits abgezogen waren. [Vgl. Kaufmann a.a.O., S. 113 ff.].


10 L. A. Frankl zur Geschichte der Juden in Wien, S. 6, 7. [Kaufmann, S. 148 f.]


11 L. A. Frankl, Wiener Grabinschriften a.a.O., S. 18. [S. jedoch Kaufmann, S. 190, Anm. 3.]


12 Theatrum Europaeum a.a.O.


13 [Kaufmann, S. 191 ff.]. Die Frankels wohnten in Fürth. L. A. Frankl zur Geschichte a.a.O., S. 9 f. Zunz, Synagogale Poesie S. 346. [Kaufmann, S. 88, 191.]. Über die Entstehung der Gemeinde Fürth: Historische Nachrichten von der Judengemeinde in Fürth (anonym von Würfel), Frankfurt und Prag 1754, S. 3. S. Haenle, Geschichte der Juden im ehemaligen Fürstentum Ansbach (1867) teilt eine Urkunde mit (S. 217), daß Georg von Hohenzollern-Onolzbach 1528 zuerst einem Juden Perman die Erlaubnis zur Ansiedelung in Fürth erteilt hat. Derselbe vermutet (das. S. 53, 3), daß Männele und Perman identisch sein dürften. Dagegen spricht die Klage der Nürnberger d.d. Juli 1528, daß der Markgraf Georg »einen oder mehr Juden zu Furt zu wohnen vergunstigt hat« (bei Würfel, Urkunde S. 81). Nach Haenle hat in demselben Jahre noch eine jüdische Familie Uriel Wolf aus Schwabach das Niederlassungsrecht erhalten (das.).


14 Mylius, Corpus Constitutionum marchicarum V. 5, 3, S. 122; Annalen der Juden in preuß. Staaten (anonym, König), S. 84 f., 91 f.


15 König a.a.O., S. 88. Dr. C. H. Auerbach, Geschichte der israelitischen Gemeinde in Halberstadt (Halberstadt 1866), S. 23 f

16 König, das. S. 85 f., 93 f. Von diesem Elia Gumperts erzählt der hebräische Übersetzer von Manasse Ben-Israels לארשי הוקמ (Eliakim ben Jakob 1697), p. 56b: ךירמע הילא 'ר ןיצקהל היהש לודגה דובכהמ עודי םגו דובכהו אווילק ריעב גרובידנרב לש דיסחה לודגה סכודה רצחב אידנלוה יצעוי ןיב ול היהש. H. J. Koenen, Geschiedenis der Joden in Nederland, p. 224 ff., teilt aus dem Archiv von Geldern die Nachricht mit, daß die Erben des Elia Gumperts von der Landschaftsversammlung von Geldern die Bewilligung erhalten haben, sich in diesem Staate niederzulassen. Sie genossen einen besonderen Schutz und durften Leihämter in Pacht nehmen. Sie müssen demnach aus dem Cleveschen ausgewandert sein. [Vgl. Kaufmanns Vorwort zu יכרעמ בל ירבל בל, S. VI ff. und Jos. Weißes הדוהי תודלות das. S. VIII ff.].


17 Das Privilegium, auf welches später öfters rekurriert wurde, ist vollständig mitgeteilt bei Mylius a.a.O., S. 121 f. und auszugsweise bei König a.a.O., S. 95 f. Es ist zwar nicht ausdrücklich dabei bemerkt, daß es für die österreichischen Juden ausgestellt wurde; aber da dabei angegeben ist »Einige von andern Orten sich wegbegebende jüdische Familien«, und zwar 50, und außerdem die Agenten Lazarus Veit und Rieß, welche Österreicher waren, dabei genannt werden, so war dieses Privilegium ohne Zweifel für die Österreicher ausgestellt. Königs Angabe, daß die drei genannten Juden damals Vorsteher waren, ist ungenau; sie waren z.Z. nur Unterhändler. [S. das Detail jetzt bei Kaufmann, die letzte Vertreibung usw., S. 206 ff.]


18 Vgl. damit König a.a.O., S. 87 und Auerbach a.a.O.


19 König zählt das. S. 98 vom Jahre 1674 zwölf jüdische Älteste von Berlin auf, welche ein Gesuch an den Kurfürsten richteten. Zwölf Parnassim setzten aber noch mehr Familien voraus, aber das. S. 101 gibt König selbst an, daß 1677 nur 13 Familien in Berlin wohnten. Jene zwölf können daher nicht als Vertreter, sondern als Familienväter angesehen werden.


20 Bei Mylius das. S. 125, d.d. 20. Febr. 1672. [Vgl. Landshuth םש ישנא תודלות, S. 1.]


21 Erman, sur le projet d'une savante ville dans le Brandenbourg. Ende § 11.


22 Einleitung zu seinem medizinisch-philosophischen Werke היבוט השעמ. Seine Studienzeit in Frankfurt fällt in das Jahr 1678, s. RÉJ. XVIII, S. 294; 1683 wurde er Doktor der Phil. und Med. in Padua.


23 In der Einleitung zu Witzenhausens jüdisch-deutscher Bibelübersetzung bemerkt der Editor: ףסוי רמא ’ה אבודרוק ריעב םשה תשודק לע ףרשנש שאיטע םהרבא ןב ז"כת. Das Autodafé in Cordova, von dem Llorente in seiner Geschichte der spanischen Inquisition nichts aufführt, fand also 1667 statt, fälschlich setzt es de Barrios zwei Jahre früher, Govierno popular Judaico, p. 46.


24 Ich setze die betreffende Stelle, wegen der Seltenheit dieses Buches, hierher: At non tantum indigenas, Tuique cultus populos, quin et alienigenas ac gentem nostram, quae inter tot ac tantos.. labores.. huc ac illuc vagari cogitur, innumeris beneficiis prosequeris, accumulas atque custodis. Immo palam audeo dicere, eam nostram gentem ... nullibi terrarum majora beneficia, tutiorem portum, laetiorem pacem, quam sub umbra alarum Celsitudinis Tuae invenisse. Diese Widmung datiert vom Jahre 1687.


25 S. Beguins, Nachrichten in Revue Orientale II, p. 454 f. Halphen, recueil des lois concernant les Israélites etc., p. 172 f. Archives Israélites 1841, p. 371 f., 417, 483, 607; 1842, p. 14 f.


26 Über denselben s. Richard Simon, Lettres choisies II, No. 8, III, No. 2.


27 Über diese Anklage: Richard Simon, Lettres choisies II, No. 8; Revue Orientale II, p. 233 f. Eisenmenger, Entdecktes Judentum II, S. 224. Er erwähnt eine Schrift: Abrégé du procès fait aux juifs de Metz. S. Grégoire, Essais sur la régéneration des juifs ad III, p. 207. Archives israélites 1842, p. 675.


28 Orobio de Castro, s.o. S. 160, Anmerk. 1.


29 Diese Einzelheiten, die auch Schäfer unbekannt gewesen zu sein scheinen, sind entnommen einer anonymen Schrift: Mémoires historiques pour servir à l'histoire des inquisitions, Cöln 1716 (eigentlich Paris, Verf. war Dupin), T. II., p. 5 f. Die Quelle ist daselbst angegeben: tiré du voyage de Mr. Dellon. Der französische Arzt dieses Namens schmachtete 1673-1677 im Inquisitionskerker zu Goa, wurde dann nach Portugal auf die Galeeren geschickt und auf eigentümliche Weise befreit. Der Londoner Rabbiner David Nieto hat in Noticias reconditas y posthumas del procedimiento de las Inquisiciones de España y Portugal, 2 Teile, Dellons Schrift benutzt. –


30 Vgl. über ihn Schäfer, Geschichte von Portugal V., S. 7, 8, Note 1, S. 18. Über sein Verhältnis zu den Juden Wolf, Bibliotheca III, p. 709. Narrabat ille (Judaeus Lusitanus autori): Patrem Vieiram concionatorem quondam inter Pontificios Ullysiponensem (quem Judaei animo Judaeum fuisse forte non praeter rem contendunt), Amstelodami aliquando Menassen (B. Israel) nostrum et Aboabum audivisse etc., s.o. S. 11, Anmerk. 1.


31 Quellen bei Schäfer a.a.O., S. 6 f.


32 Die ganze Scheußlichkeit des Inquisitionsverfahrens gegen Marranen veranschaulichen die Bestimmungen der Konstitution Clemens X. im Bullarium Romanum T. VIII, No. 106, p. 234 f., welche die Härte mildern wollten. Es sind im ganzen 20 Bestimmungen. Einige mögen hier für die Verstockten ausgezogen sein, welche der Inquisition noch das Wort zu reden wagen. Der Papst dekretiert: § 5. Christiani novi non habentes exceptiones legales admittantur ad deponendum in defensam Reorum. § 7. Nec deveniantur ad carcerationem Inquisiti, nisi praecedentibus legitimis indiciis et prout de jure, neque detineantur carcerati ultra necessitatem, sed quam citius fieri possit expediantur, non expectato actu publico, quem vocant actum fidei (Autodafé). § 12. Prohibeantur autem omnino suggestiones, concussiones, promissiones.. in examinibus testium et reorum, nec ex descendentia sanguinis Hebraei ulla deduci possit prolatio Judaismi contra talem descendentem. § 13. Si autem carcerati non veniant condemnandi, nullo modo compellantur ascendere Palcum (Palco, Gerüst beim Autodafé), et si non fuerint culpabiles, non retardetur eorum expeditio, sed illicio relaxetur. § 14. Tollatur omnino statutum seu consuetudo.. puniendi Christianos novos ex eo, quod deposuerint contra Christianos veteres. § 23. Carcerati charitate tractentur, et redi gantur carceres minus rigidi et non tam obscuri.


33 In Dupin oder Dellon, mémoires historiques Vol. II sind schauerlich-ergötzliche Anekdoten mitgeteilt, wie Marranen ihre Feinde de pur sang chrétien in Ketzerprozesse verwickelten und zuweilen sich selbst opferten, um wie Simson mit den Philistern zu sterben. Auch in Noticias reconditas (von David Nieto) I, p. 2, nach der Mitteilung eines Sekretärs der Inquisition. Prologo das.


34 Dupin, mémoires historiques a.a.O., p. 16 f. Noticias II, p. 47 f.


35 Quellen bei Schäfer das. S. 9 f., zum Teil auch Dupin oder Dellon.


36 Bullarium Romanum a.a.O. T. VIII, constitt. Clementis X. No. 162, auch bei Schäfer das. S. 10; 8. Oktober das. ist wohl ein Druckfehler, statt 3. Oktober.


37 Bei Schäfer das. S. 11.


38 Bullarium No. 9, constitutt. Innocentis XI.


39 Das. Nr. 61.


40 Das.


41 (Dupin) mémoires historiques II, p. 21 f.


42 Dieses Autodafé ist ausführlich und mit Behaglichkeit beschrieben von Josephdel Olmo in einem 308 Quartseiten enthaltenden Buche, in demselben Jahre erschienen: Relacion historica del Auto General de Fé, que se celebró en Madrid 30. Junio de 1680. Erwähnt ist es in Mémoire de la Cour d'Espagne par Mad. Aulnay; Lettres de la Marquise de Villars; de Barrios, Govierno popular Judaico p. 45 (bis); Llorente, Histoire de l'Inquisition IV, p. 3 f.; La Fuente, Historia General de España T. XVII, p. 34 f. Eine Monographie darüber von Kayserling, ein Feiertag in Madrid (Berlin 1859).


43 Bullarium Romanum, constit. Innocentis XI, No. 106, p. 230 f. Dupin, Mémoires historiques, das. p. 234 f.


44 De Barrios, a.a.O. p. 46 (bis).


45 Holliday, the present state of Portugal, zitiert bei Schäfer, Geschichte von Portugal V, S. 454 f.


46 Vgl. über eine solche Anklage in Berlin 1682, (König), Annalen S. 102, und die langweilige und giftige Beschwerde der Kaufmannschaft von Frankfurt a.a.O. das. S. 106-117.


47 Vgl. Orient. Litbl. 1843, col. 270, 71, Katalog Bodleiana Nr. 3526. [Die Verheerung von Ung.-Brod fand durch die Kuruzzen unter Tököly statt. 113 Juden kamen dabei ums Leben. Vgl. Kaufmann in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, 37. Jahrg., S. 270 ff., 319 ff.]


48 Hauptquelle für die Judenrazzia in Padua und Umgegend ist das rhetorische Werk קחצי דחפ von Isaak Chajim (Vita) Cantarini, anagrammatisch ’ם'כ'ח'י d.h. םינזחהמ ןהכ םייה קחצי (Amsterdam 1685). Es ist ein wirres Buch, in dem man vor lauter Schönrednerei den Kern der Erzählung kaum fassen kann. Da es nicht sehr häufig ist, so ziehe ich einige Notizen daraus aus: Das Ghetto in Padua wurde 1603 errichtet (p. 10d): ץבקל םידוהיה חור תא 'ה ריעה ג"סש 'ה תנשב יהיו השאל אוה טג וטיג םשב ארקיו ... תחא םעפב ... ריעה ווצק. Über den Wohlstand der Paduaner Gemeinde (p. 35 b): יכ הקיזחה אל ןויבאו ינעו זפב .םיאלוסמ םירקי ... הישנא לדח טעמכו לד לע יסוחל םירס הירחוס רשא, וטעמ. Über die Mitleidenschaft der Juden in der Umgegend von Padua (p. 39 b): תוביבס םירפכב םיבשויה םיזרפה םידוהיהו ופדרנ ךרדב םיכלוההו ... תוערה סוכ רבע םהילע םג הבודאפ אבלו תאצל ולכי אלו זובו הואגב. Besser als das Ganze ist der Schluß des Buches, eine Rekapitulation in Psalmenart: ריכזהל רומזמ ריש הבודאפ ינבל תוניגנ לע חצנמל. [Vgl. Lattes in der Zeitschrift »Mose«, 1879, S. 87 ff.; Brann, Monatsschrift, 30. Jahrg., S. 541 f.] De Barrios hat auf die Aufstände gegen die Juden Italiens ein Gedicht versifiziert: El vulgo de algunas ciudades de Italia se amutinó contra los Hebreos en el tiempo que los Judios ... de Buda la defienden contra los Turcos ... 1684.


49 (Hosmann) neueröffnete Ottomanische Pforte II, p. 3. [Vgl. Brann, a.a.O., Kaufmann, Die Erstürmung Ofens und ihre Vorgeschichte, Trier, 1895, 8.]


50 Juda ben Ephraim Kohen, Vorwort zu Respp. רעש םירפא; Jakob Emden, Biographie seiner Vaters Chacham Zewi Aschkanasi, worüber Note 6.


51 Basnage, Histoire des Juifs T. I. plan: Cependant par un miracle de la providence, qui doit causer l'étonnement de tous les Chrétiens, cette nation haïe, persécutée en tous lieux depuis un grand nombre de siècles, subsiste encore en tous lieux. Wagenseil, Hoffnung der Erlösung Israels, c. 2: »Das große Wunder für unser Auge, daß Gott gleichwohl die jüdische Volksversammlung nun so viele Hunderte Jahre nach Zerstörung ihrer Polizei (Staats) in so manchen Drangsalen, Verfolgungen und Vertreibungen von einem Lande in das andere, und auch erbärmlichen Massakrierungen bis gegenwärtige Stunde beständig erhalten.«


52 Richard Simon, Lettres choisies I, No. 37.


53 Eine ausführliche Schrift darüber im Pantheon anabaptisticum; Oliger Paulis Sendschreiben sind datiert vom Jahre 1697. [Vgl. Monatsschrift, 39. Jahrg., S. 279.]


54 Jöcher, Gelehrtenlexikon s.v. Wachter, Der Spinozismus im Judentum, an Mose Germanus. Wolf I, p. 811; III, p. 740. Die Verleumdung, als hätten die Juden ihn zuletzt wegen Ketzerei vergiftet, widerlegt der gut unterrichtete Surenhuys in einem Brief an Unger, Wolf III, p. 741. [Vgl. die gründliche und erschöpfende Darstellung von N. Samter in der Monatsschrift, Jahrg. 39, S. 178, 221, 271 ff.]


55 Im Jahre 1681; vgl. Eisenmenger, Entdecktes Judentum II, S. 996.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1897], Band 10, S. 266.
Lizenz:
Faksimiles:
Kategorien:

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Meine Erinnerungen an Grillparzer

Meine Erinnerungen an Grillparzer

Autobiografisches aus dem besonderen Verhältnis der Autorin zu Franz Grillparzer, der sie vor ihrem großen Erfolg immerwieder zum weiteren Schreiben ermutigt hatte.

40 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon