10. Kapitel. Maimuni (Maimonides). 1171-1180.

[264] Seine Geburt, Jugendgeschichte und Jugendarbeiten. Seine Auswanderung nach Fez. Maimunis, des Vaters, Ermahnungs- und Trostschreiben an die afrikanischen Gemeinden. Maimunis erste Streitschrift zugunsten der Scheinmohammedaner. Auswanderung der Familie Maimun von Fez nach Palästina und Ägypten. Maimunis Schicksalsschläge. Sein Mischnahkommentar und dessen Bedeutung. Maimunis Dogmatik und Glaubensartikel. Saladins Verhalten gegen die Juden. Verfolgung der Juden in Südarabien; Maimunis Sendschreiben nach Jemen. Das Ende des falschen Messias in Südarabien. Maimunis Verordnungen als Rabbiner. Maimunis Religionskodex und seine Bedeutung.


In dem letzten Viertel des zwölften Jahrhunderts schien das Judentum seinen einigenden Standpunkt eingebüßt zu haben und einer um sich greifenden Zerfahrenheit verfallen zu wollen. Das südliche Spanien mit den Gemeinden Cordova, Granada, Sevilla und Lucena, das seit dem Untergange des Gaonats die Führerschaft an sich gebracht hatte, war durch die Unduldsamkeit der Almohaden ohne jüdische Gemeinde und sah höchstens Juden in der Maske des moslemitischen Bekenntnisses. Die Gemeinde der neuen Hauptstadt des christlichen Spaniens, Toledo, sowie die der nordspanischen Mittelorte, hatten es noch nicht dahin gebracht, weitgebietenden Einfluß zu üben. Die Gemeinden Südfrankreichs waren noch in dem Stadium der Jüngerschaft, die nordfranzösischen zu einseitig in den Talmud vertieft und gebeugt von Sorgen für das, was der Morgen bringen werde. Die deutschen Juden waren angehende Kammerknechte des deutsch-römischen Reiches, die der übrigen europäischen Länder hatten sich noch kaum der Barbarei entwunden und zählten gar nicht mit. Das wiederhergestellte Exilarchat, das Kind der Laune eines Kalifen, hatte in Asien selbst nicht feste Wurzeln genug, um auf die höher gestimmten Juden Europas einwirken zu können. So gab es nirgends einen Mittelpunkt, um den sich die weithin Zerstreuten hätten sammeln können. Auch waren seit dem Tode des Joseph Ibn-Migasch und des R. Tam keine Männer [264] von weitgebietender Autorität vorhanden, die imstande gewesen wären, einen entscheidenden Weg vorzuzeichnen oder auch nur eine Anregung zu geben. In dieser Zeit der beginnenden Zerfahrenheit trat Mose Maimuni auf und wurde, er ganz allein, Träger der Einheit des Judentums, Sammelpunkt für die Gemeinden in Osten und Westen, endgültig entscheidende Autorität, ohne mit einer offiziellen Würde bekleidet zu sein. Er war geistiger König der Judenheit, dem sich die bedeutendsten Führer der Gemeinden unterordneten. So denkwürdig erschien schon den Zeitgenossen alles an dieser großen Persönlichkeit, daß sogar Tag und Stunde seiner Geburt aufgezeichnet wurden.

Mose ben Maimuni (mit dem langen arabischen Namen Abu-Amran Musa ben Maimun Obaid Allah) wurde geboren 14. Nissan = 30. März nach 1 Uhr Mittags 11351 in Cordova. Die Jugendgeschichte des Mannes, der die Zukunft des Judentums auf seinen starken Schultern tragen sollte, war dazu geeignet, ihn zum festen Charakter zu stählen. Sein Vater Maimun ben Joseph, ein Jünger des Ibn-Migasch, war ebenso wie seine Ahnen in acht Geschlechtern aufwärts bis auf den Stammvater Obadia talmudisch gelehrt und Mitglied des Rabbinatskollegiums von Cordova. Maimun hatte auch Interesse an den Wissenschaften, verstand Mathematik und Astronomie und verfaßte Schriften darüber, sowie über talmudische Punkte. Er war es, der dem Sohne schwärmerische Liebe für Wissen einprägte und dessen Sinn für ein ideales Leben erweckte. Kaum hatte Maimuni das dreizehnte Jahr überschritten, so brach großes Unglück über die Gemeinde von Cordova herein, als diese Stadt von den Almohaden erobert wurde (Mai oder Juni 1148), die sofort fanatische Edikte gegen Juden und Christen erließen und ihnen die Wahl zwischen Annahme des Islams, Auswanderung oder Tod stellten (o. S. 157). Mit dem größten Teil der Cordovaner Gemeinde wanderten auch Maimun und seine Familie aus; wohin sie sich aber zunächst gewendet, ist nicht bekannt. Nach einer nicht ganz authentischen Quelle hätten sie [265] sich in der Hafenstadt Almeria niedergelassen2, die ein Jahr vorher von Christen erobert wurde. Wenn dem so war, so konnten sie nicht allzulange daselbst geweilt haben; denn im Jahre 1151 geriet auch Almeria in die Gewalt der Almohaden, deren fanatischer Sultan Abdulmumen gewiß nicht verfehlt hat, den jüdischen und christlichen Bewohnern dieser Stadt Religionszwang aufzuerlegen wie in allen übrigen eroberten Städten Südspaniens. Seit der Zeit führte die Familie wohl ein Wanderleben mehrere Jahre hindurch, hielt sich auch im christlichen Spanien auf3, ohne dort eine bleibende Stätte zu finden. Unter solchen Umständen reifte Mose Maimuni zum Jüngling heran.

Von seinem Vater lernte er Bibel, Talmud, die jüdischen Wissensfächer, Mathematik und Astronomie; bei mohammedanischen Lehrern hörte er Naturwissenschaften, Arzneikunde und wurde in den Tempel der Philosophie eingeführt. Er hatte Umgang mit dem Sohne des mohammedanischen Astronomen Ibn-Aflah, mit Jüngern des berühmten Philosophen Ibn-Baǵa (Avenpace) oder Ibn-Alzaig, und war befreundet mit dem Wesir Abu-Bekr Ibn-Zohar, der in Sevilla lebte4. Durch Lehre und Umgang eignete er sich einen Schatz von gediegenen Kenntnissen an, und sein klarer Geist, der dahin strebte, die Erscheinungen in der sichtbaren und unsichtbaren Welt zu durchdringen und sie durchsichtig zu machen, beherrschte sie, so verschieden und einander entgegengesetzt sie auch waren, mit gleicher Kraft. Maimuni bildete sich zu einer jener selten auftretenden Persönlichkeiten aus, welche das Dunkle, das Heimliche und Mystische nicht dulden können, überall nach Licht und Klarheit ringen und sich keinen Täuschungen hingeben wollen. Er war ein durchaus logischer und systematischer Kopf, der das Größte und Kleinste zu gruppieren und zu ordnen verstand. Er war ein abgesagter Feind der Unordnung und des chaotischen Durcheinanders. Man darf ihn nach dieser Seite hin mit Fug und Recht den jüdischen Aristoteles nennen, und es lag ganz in seiner [266] geistigen Natur, die größte Bewunderung für den Philosophen von Stagira zu hegen, der die Unbestimmtheit und poetische Verschwommenheit der vorangegangenen griechischen Philosophie zur Besonnenheit und Klarheit des Begriffs gebracht hat. Aristoteles hatte viele Verehrer unter Juden und Mohammedanern – christliche Denker konnten damals noch nicht seine Geisteshöhe erklimmen; aber keiner vor Maimuni hatte sich so sehr in dessen philosophische Weltanschauung vertieft und hineingelebt, daß er sie als sein geistiges Eigentum stets gegenwärtig in sich trug und darum auch die Schwächen, die sie hin und wieder, zeigt, tiefer erkannte.

Doch nicht das umfangreiche und tiefe Wissen allein war es, welches Maimunis Eigentümlichkeit ausmachte, sondern seine Gesinnungstüchtigkeit. Er war ein vollendeter Weiser in der schönsten, antiken und verehrungswürdigen Bedeutung. Geregeltes Wissen, besonnenes Wollen, reife Überzeugung und kräftiges Tun waren in ihm harmonisch verschmolzen. Er war von der tiefsten, geläutertsten Religiosität, von gewissenhafter Sittlichkeit und von philosophischer Weisheit ganz durchdrungen, oder vielmehr diese drei sonst öfter einander feindlichen Elemente waren in ihm zu vollendeter Versöhnung gekommen. Das, was er als wahr erkannte, war ihm unverbrüchliches Gesetz, davon ließ er nicht einen Augenblick, sondern suchte es durch sein ganzes Leben zu betätigen unbekümmert um die Nachteile, die es ihm bringen könnte. Wenn er nach der wissenschaftlichen Seite auf der Höhe der Zeit stand, nach der sittlichen und religiösen Seite nur wenige seinesgleichen hatte, so überragte er seine Zeit durch seinen scharf ausgeprägten Charakter. Sein Äußeres entsprach seinem Innern. Maimuni war von einem tiefen Ernste, der das Leben nicht als eine günstige Gelegenheit zu Genüssen betrachtete, sondern als eine schwere Aufgabe, edel zu wirken und die Wahrheit zu betätigen, daß der Mensch ein Ebenbild Gottes ist. Das Gemeine, das Erlogene, das Scheinwesen war ihm in tiefster Seele verhaßt und durfte nicht in seine Nähe kommen. Er hatte auch darum kein Interesse an der Poesie, weil sie nach der damaligen Anschauung, »daß das Beste daran das Erlogene sei«, auf Erfindung und Unwahrheit beruhte. Er hielt die Beschäftigung damit für eine müßiggängerische Tötung der Zeit, wollte selbst bei Hochzeiten keine Verse geduldet wissen, die nicht religiöser Natur sind, und machte keinen Unterschied, ob sie in der hebräischen oder einer profanen Sprache gedichtet waren5. Maimuni hat niemals getändelt, nicht einmal in seiner Jugend, gleich Jehuda Halevi, und am allerwenigsten sein Leben lang, wie Abraham [267] Ibn-Esra. Bei dieser Strenge gegen sich selbst war er von liebenswürdiger Milde in Beurteilung und Behandlung anderer. Nie ist ihm ein hartes Wort gegen seine heftigen lebenden Gegner und Widersacher entfahren, wie es Ibn-Esra gegen Harmlose und Heimgegangene in satirischer Bissigkeit gebrauchte. Nur über falsche Ansichten und Theorien goß er die Lauge seines Spottes aus, für die Träger derselben aber, selbst wo sie ihm Verlegenheit machten, hatte er nur Nachsicht und Entschuldigung. Bescheidenheit und Demut waren ihm, wie jeder gottbegnadeten Natur, in hohem Grade eigen.

Alle diese seltenen Eigenschaften des Geistes und des Herzens waren von einer außerordentlichen Willenskraft getragen, das, was in ihm als Überzeugung und Gesinnung lebte, zu verwirklichen und zu verallgemeinern, der Halbheit und Gedankenschwäche entgegenzuwirken, der Irreligiosität den Boden zu entziehen, in das Reich der Finsternis den Lichtstrahl der Erkenntnis hineinscheinen zu lassen. Nicht Ungemach, nicht körperliche Leiden, nicht Verkennung konnten Maimuni von dem Ziele abbringen, das er seiner Tätigkeit gesteckt. Dieses Ziel war nichts weniger, als das Judentum, das ganze Judentum, das biblische und das talmudische, die Ritualien wie den Lehrinhalt (Dogma) in einem solchen Lichte zu zeigen, daß andere Religionsgenossen und selbst Philosophen von der Wahrheit desselben überzeugt sein müßten. Dieses schwebte ihm in der Seele ahnend in der Jugend vor und reifte mit ihm im Alter. Zu diesem Zwecke eignete er sich alle die Kenntnisse gründlich an, welche ihm als Wegweiser auf dem unübersehbaren Gebiete dienen könnten. Er äußerte sich einmal, daß er sämtliche Schriften, welche über Religion und Kultus der götzendienerischen Völker ihm durch arabische Übersetzungen zugänglich waren, gelesen und sich in ihren Inhalt vertieft habe6 – und man darf ihm diese ohne Ruhmredigkeit getane Äußerung glauben. Eine tiefere Kenntnis des Heidentums schien ihm nämlich zum Verständnis des Judentums unumgänglich nötig.

Obwohl ihn viele Wissensfächer anzogen, die in seinem Geiste als ein einheitliches Ganzes zusammenhingen, so waren es doch vorzüglich vier, denen er den größten Eifer zuwandte, die biblischen und talmudischen Schriften in ihrem ganzen Umfange, die Philosophie, die Heilkunde und die Mathematik mit Astronomie. In seinem dreiundzwanzigsten Jahre arbeitete er für einen Freund eine kleine Schrift über das jüdische Kalenderwesen in hebräischer Sprache auf astronomischen Grundsätzen aus (Cheschbon ha-Ibbur, [268] 1158)7. Obwohl dieses Schriftchen keine besondere Bedeutung hat, so bekundet es doch seinen Ordnungssinn im frühesten Alter und seine Neigung, in klarer, systematischer Übersichtlichkeit darzustellen. In demselben Jahre legte er Hand an ein Werk, dessen Unternehmung schon von Größe und Kühnheit des Geistes zeugt. Er begann in einem Alter, in dem die meisten Menschen noch kaum ihre Lehrjahre vollendet haben, die Mischnah ganz selbständig in einem eigenen Lichte zu erklären, eine riesige Arbeit, wozu ihm kein Vorbild voranleuchtete. Er arbeitete daran unter steten Wanderungen und mit Ungemach kämpfend8, und so sehr war ihm der ganze Umfang des Talmuds gegenwärtig, daß er dabei der Bücher entbehren konnte.

Ein Jahr darauf oder zwei Jahr später (1159-60) wanderte sein Vater mit ihm, seinem Bruder David und seiner Schwester von Spanien nach Fez aus. Was die Familie Maimun bewogen hat, sich gerade nach dem Lande der größten Unduldsamkeit zu begeben, ist ein noch unaufgeklärter Punkt. In Fez, sowie in ganz Nordafrika, soweit der fanatische Abdulmumen herrschte, durften die Juden nicht öffentlich auftreten, sondern mußten den ersten Glaubenssatz des Islams bekennen, daß Mohammed, der Glaubensstifter ein Prophet war und waren genötigt, wenn sie nicht dem Tode verfallen wollten, die Moscheen zu besuchen (vergl. S. 155). Synagogen und Lehrhäuser bestanden nicht mehr in diesem Lande. Heimlich hingen aber die afrikanischen Gemeinden des Königreiches Marokko dem Judentum an, und auch die Familie Maimun mußte öffentlich die Maske des Islams annehmen9. Gewiß hat sie lediglich die allergrößte Notwendigkeit dazu bewogen. Da nun die Religionsverfolgung bereits über ein Jahrzehnt dauerte, so waren die afrikanischen Gemeinden in ihrem Bekenntnisse schwankend geworden. Stets zum Scheine die aufgezwungene Religion üben, und doch im Innern der angeerbten mit ganzer Seele treu bleiben, vermögen nur starke Geister. Die gedankenlose Menge gewöhnte sich allmählich an das aufgenötigte Bekenntnis, sah in [269] der unbarherzigen Unterdrückung des Judentums den Untergang desselben, machte mit dem Scheine ernst, war nahe daran, der Überzeugung Raum zu geben, daß Gott selbst durch Mohammed die Offenbarung auf dem Sinaï aufgehoben und eine neue in Mekka gegeben, und fing an zu glauben, daß er die Araber statt der Israeliten auserwählt habe10. Dieses Sichselbstaufgeben und überhandnehmende Verzweifeln erfüllte Maimun, den Vater, mit Schmerz, und er wollte, so viel er vermochte, der Erstorbenheit entgegenwirken und das Judentum in den Herzen der jüdischen Scheinmohammedaner befestigen. Er verfaßte zu diesem Zwecke ein Ermahnungsschreiben (1160)11 an die Gemeinden in arabischer Sprache, das voller Wehmut und Glaubensinnigkeit ist. Es gibt den Gemeinden zu bedenken, daß die verhängten Leiden nicht aus einem Rachegefühl von seiten Gottes entsprängen, sondern um die Sünder zu bessern. Namentlich gelte das vom jüdischen Stamme, den Gott gewiß nicht um einer andern Nation willen verstoße, nachdem er ihm so unendlich reiche Gnade erwiesen. Er bleibe stets der erstgeborene Sohn Gottes, dem an seiner Wiege schon vielfache Leiden vorherverkündet worden. Ist auch die Zahl der Irsaeliten zur Winzigkeit herabgesunken, und seien diese auch zur äußersten Verachtung herabgedrückt, während die andern Völker, zahlreich wie Sand am Meere, in der Gegenwart die Höhe des Glückes und des Wohlergehens erklommen hätten, so dürfe diese Betrachtung nicht an der besonderen Vorsehung Gottes für sein auserwähltes Volk zweifeln lassen. Er habe diesem sein Gesetz durch Mose offenbart, welcher nicht nur seine Zeitgenossen, sondern die Menschen aller Zeiten überragt habe, der beim Leben die größten Wunder vollführt und nach seinem Tode in den Kreis der Engel erhoben worden sei. Mose habe nun in seinem Gesetzbuche eine glanzvolle Zukunft für Israel verheißen, die gewiß nicht ausbleiben werde. Darum sei es Pflicht für die Söhne dieses Stammes, an ihrem Gotte und seiner Thora sich festzuklammern. Die Beschäftigung mit der Lehre [270] und die Ausübungen der religiösen Satzungen seien das Seil, welches die im Meere der Leiden Ertrinkenden festhalten müßten. So viel jeder vermöge, sollte er die religiösen Vorschriften des Judentums beobachten und sich im Gebet zu seinem Gotte wenden. Wer verhindert sei, die vorgeschriebenen Formeln zu beten, solle wenigstens ein kurzes Gebet in hebräischer Sprache dreimal des Tages verrichten. – Wie die zur Taufe gezwungenen Juden unter den westgotischen Königen, so hätten auch die zum Islam zwangsweise Bekehrten einander durch Schriften zum treuen Ausharren in der angestammten Religion ermahnt.

Mose Maimuni pflog in Fez intimen Umgang mit mohammedanischen Ärzten und Philosophen12, die in ihm den Religionsgenossen sahen. Aber unter der Maske eines Moslemin arbeitete er emsig an seinem Mischnahkommentar und verwertete darin die neuen Beobachtungen und Erfahrungen in dem halbkultivierten und halb wilden Gebiete. Bald hatte er Gelegenheit, zum ersten Male auf den Kampfplatz zu treten, seine selbständige Ansicht über das Judentum auszusprechen und seine tiefe talmudische Gelehrsamkeit und seinen hellen Geist leuchten zu lassen. – Ein jüdischer Schriftsteller von übertriebener Frömmigkeit hatte nämlich behauptet, daß die jüdischen Scheinmohammedaner durchweg nach dem Gesetze als Abtrünnige und als Götzendiener zu behandeln seien. Wer Mohammeds Prophetenberuf öffentlich anerkannt habe, selbst wenn er heimlich sämtliche Pflichten des Judentums eifrig und gewissenhaft erfülle, sei als Nichtjude anzusehen und gehöre zu denen, deren Zeugnis vor einem jüdischen Gerichte, namentlich in Ehesachen, keine Gültigkeit habe. Wer als Scheinmohammedaner die Moschee besuche, selbst wenn er sich nicht an dem Gebete beteilige, begehe eine Gotteslästerung und eine noch schwerere Sünde, wenn er in seinem stillen Kämmerlein dem jüdischen Gebete obliege. Der Eiferer behauptete endlich, jeder wahrhafte Jude sei gehalten, sein und seiner Kinder Leben preiszugeben, um sich nicht, sei es noch so äußerlich, dem islamitischen Bekenntnisse anzuschließen. Seine Behauptung beruhte auf der Annahme, daß die mohammedanische Religion ohne weiteres Götzendienst sei; denn in Mekka, der heiligen Stadt der Mohammedaner, werde in deren Tempel Kaaba, ein Götze, verehrt. Außerdem habe Mohammed 52000 Juden umbringen lassen. Ist nun der Islam ebensogut wie Heidentum – so folgerte der unbekannte Schriftsteller – so finde darauf die talmudische Vorschrift Anwendung, wegen Zwanges zum Götzendienst müsse jeder Jude das Märtyrertum bestehen, und wer sich dem entziehe, sei als ein Apostat zu betrachten.

[271] Diese Schrift scheint eine bedeutende Aufregung unter den heimlichen Juden in Afrika hervorgebracht zu haben. Die Gewissenhaften fühlten sich von einer Sündenlast erdrückt, die Menge wurde noch mehr schwankend, ob sie nicht lieber vollständig zum Islam übergehen sollte, da sie, bei noch so peinlicher Beobachtung, doch nun einmal dem Götzendienst fröhne und ein sündhaftes Leben führe für welches keine Vergebung zu erwarten sei. Maimuni, welcher das ganze Gewicht der Beschuldigung gegen sich und seine Leidensgenossen fühlte und für die üblen Folgen besorgt war, sah sich veranlaßt, eine Gegenschrift abzufassen, welche das Verfahren der Scheinmohammedaner rechtfertigen sollte. Es war sein erster Schritt in die Öffentlichkeit, und diese Erstlingsarbeit trägt schon vollständig den Stempel seines hellen, den Gegenstand nach allen Seiten hin beherrschenden Geistes. Sie stellte neue Gesichtspunkte auf, welche dem Eiferer entgangen waren, und ist so schlagend gehalten, daß sie jedem dieselbe Überzeugung beibringt. Maimuni ging in dieser Verteidigungsschrift, die er für jedermann leserlich in arabischer Sprache verfaßte13, wie der Eiferer, an den sie gerichtet war, vom talmudischen Standpunkte aus, bewies aber aus angezogenen Belegen das gerade Gegenteil.

Er führte zuerst den Beweis, daß teilweises Übertreten der Pflichten des Judentums noch immer nicht Abfall von demselben sei. Die götzendienerischen Israeliten in der Zeit der Propheten seien stets als Glieder des Gottesvolkes betrachtet worden. Ein hochverehrter Mischnahlehrer, R. Meïr, habe sich zur Zeit der Verfolgung als Heide verkappt und, auf die Probe gestellt, verbotene Speisen genossen. So wäre R. Meïr, nach der Meinung dieses Überfrommen, ein Apostat und Heide gewesen. Ferner sei es aus dem Talmud bekannt, daß R. Eliëser ben Hyrkanos als Christ angeklagt und eine Äußerung getan habe, welche den Richter über sein Bekenntnis zweifelhaft ließ; also wäre derselbe nicht als Zeuge zulässig gewesen! »Wir aber,« so fährt Maimuni fort, »wir huldigen mit unserm Tun keineswegs dem Götzendienste, sondern sprechen nur eine leere Formel nach, von der die Mohammedaner selbst wissen, daß wir es nicht ernst damit meinen, sondern nur den fanatischen Herrscher täuschen wollen.« Dann geht er tiefer auf die Sache ein. Allerdings schreibe der Talmud vor, daß jeder Jude wegen dreierlei Kapitalsünden, die ihm aufgezwungen würden, den Märtyrertod erleiden solle, wegen Götzendienst, Unkeuschheit und Mord, auch wegen der übrigen Pflichten des Judentums, [272] wenn der Feind sie geradezu als Übertretung des Gesetzes und nicht als Mittel zu einer sonst gleichgültigen Handlung verlange. Noch mehr, jeder Jude solle, um den Namen seines Gottes zu heiligen, für jedes Gesetz den Tod erleiden, und das sei das Höchste in den Augen der jüdischen Religion. Allein wer nun einmal nicht die Standhaftigkeit des Märtyrers besitzt, selbst gegenüber den Zumutungen der drei Hauptsünden, der unterliege durch das Unterlassen noch keinerlei Strafen von seiten des Gesetzes, werde auch keineswegs als Gesetzesübertreter vom talmudischen Gesichtspunkte aus und als unglaubwürdig angesehen. Denn dem Zwange gegenüber hat die Thora jede Verpflichtung aufgehoben. Wer demnach den Mut nicht habe, sich fürs Judentum zu opfern, habe also nur eine einzige Vorschrift übertreten, die nämlich, Gottes Namen zu heiligen; aber er gehöre dadurch nicht zu den Unwürdigen, deren Zeugnis keine Gültigkeit habe. Selbst wenn jemand zwangsweise tatsächlich einen Götzen anbete, unterliege er dadurch keineswegs der über Götzendienst verhängten Strafe. Denn wie könnte der gezwungene Übertreter dem Religionsverletzer aus freien Stücken gleichgestellt werden? Wenn im Talmud erzählt werde, daß viele fromme Männer wegen zugemuteter Übertretung Märtyrer geworden seien, so würden diese nur als Muster zum Nacheifern aufgestellt.

Dann sei noch eins zu bedenken, meinte Maimuni. Es sei doch wohl zu unterscheiden, ob eine Übertretung durch Tat oder durch ein bloßes Wort geschehe. Die mohammedanischen Behörden verlangten von den Juden keineswegs eine Verleugnung des Judentums, sondern bloß das Aussprechen des Bekenntnisses mit den Lippen, daß Mohammed ein Prophet gewesen, im übrigen hätten sie nicht viel dagegen, wenn die Juden nach ihren eigenen Vorschriften lebten. Ein solcher Zwang sei eigentlich beispiellos, daß nämlich weiter nichts als ein Wort zugemutet werde. Wer sich nun als Märtyrer opfere, um Mohammed nicht als Gottesgesandter anzuerkennen, habe allerdings ein hohes Verdienst. Wenn aber jemand die Frage stelle, ob er sein Leben deswegen preisgeben solle, so müsse man ihm gewissenhaft nach der Vorschrift des Judentums mit nein antworten. Man dürfe und müsse ihm nur raten, ein Land zu verlassen, wo solcher Bekenntniszwang herrsche. »Diesen Rat erteile ich auch mir und meinen Freunden, dahin auszuwandern, wo Religionsfreiheit heimisch ist.« Diejenigen, welche zu bleiben gezwungen seien, sollten sich als Gebannte und von Gott Angefahrene betrachten und sich bestreben, die religiösen Pflichten zu üben, aber auch diejenigen nicht zu verachten, welche aus Not den Sabbat verletzen müßten, sondern sie sanft ermahnen, von dem Gesetze nicht zu lassen. Im Irrtum seien aber diejenigen, welche des Glaubens seien, sie brauchten keine Anstalten zur Auswanderung zu treffen, [273] da der Messias bald in Maghreb erscheinen, sie erlösen und nach Jerusalem führen werde. Denn die Ankunft des Messias habe mit der religiösen Verpflichtung nichts zu schaffen, sie könne von nichts entbinden. – Diese Maimunische Gegenschrift, die eigentlich eine Schutzschrift für sein und der Seinigen Verhalten war (verfaßt um 1160-64), zeigt im Keime seine selbständige Auffassung des Judentums.

Mose Maimuni scheint eifrig bemüht gewesen zu sein, die jüdischen Scheinmohammedaner im Judentum zu erhalten, ihre Lauheit zu bekämpfen und ihnen ans Herz zu legen, ihre heuchlerische Lage zu verändern. Er mag mündlich und schriftlich in diesem Sinne gewirkt haben. Deswegen geriet er in Lebensgefahr und wäre dem Tode verfallen, wenn nicht ein mohammedanischer Theologe und Dichter, namens Abdul-Arab Ibn-Moischa, für ihn ein gutes Wort eingelegt und ihn gerettet hätte14. – Das Gefühl der Unsicherheit, verbunden mit den Gewissensbissen, das Judentum, das sie als das teuerstes Gut im Herzen trug, öffentlich verleugnen zu müssen, bewog die Familie Maimun Fez zu verlassen, um auf einem Schiffe zunächst nach Palästina auszuwandern. In dunkler Nacht bestieg sie das Fahrzeug (4. Ijar = 18. April 1165)15. Nach sechstägiger Fahrt auf dem Mittelmeere erhob sich ein furchtbarer Sturm, turmhohe Wogen schleuderten das Schiff wie einen Spielball, eine Rettung schien unmöglich. Die fromme Familie flehte zu Gott; Mose Maimuni gelobte, wenn er dem sichern Tod entgehen sollte, wollte er für sich und seine Hausleute diese beiden Tage, den vierten und den zehnten Ijar, dem Fasten und dem Almosenspenden weihen, und am letzten Tage sich einsam zu inbrünstigem Gebet einschließen und nur mit seinem Gott verkehren. Der Sturm legte sich, und nach einer Fahrt von einem Monat lief das Schiff in den Hafen von Akko ein (3. Sivan = 16. Mai). Diesen Tag weihte Maimuni zum Familienfest, da er dem Glaubenszwange und der Meeresgefahr entronnen war. Von der Gemeinde in Akko wurden die Auswanderer aus Spanien freundlich aufgenommen, und Maimuni wurde mit dem dortigen Rabbinen Jephet ben Elia (o. S. 245) befreundet. Nach einem Aufenthalte von beinahe einem halben Jahre in dieser Stadt reiste die Familie unter Gefahren nach Jerusalem, um an der ehemaligen Tempelstätte zu beten (4. Marcheschwan = 14. Oktober). Drei Tage blieben die Familienglieder in Jerusalem und begaben sich dann nach Hebron, und Maimuni betete einen ganzen Tag in der Höhle, [274] welche als die Grabesstätte der Patriarchen und ihrer Frauen von Juden, Christen und Mohammedanern in gleicher Weise verehrt wurde. Von Hebron begaben sie sich nach Ägypten, welches damals unter den Ajubiden den Ansatz machte, Mittelpunkt des Islams zu werden. Wo sie sich zuerst niederließen, ist zweifelhaft. Eine Quelle behauptet, daß sie zuerst in Alexandrien ihren Wohnsitz genommen hätten16, und daß sie dann erst nach Fostat (Alt-Kahira) übersiedelten. Einige Monate nach der Ankunft in Ägypten starb das Familienhaupt (anfangs 1166). So hochgeachtet waren bereits Vater und Sohn, daß dem letzteren aus Afrika und dem christlichen Spanien Trostbriefe von befreundeten Personen zugesendet wurden17.

In Ägypten dagegen hatte Maimunis Name damals noch keinen Klang. Die zwei Brüder lebten zurückgezogen, betrieben zusammen einen Juwelenhandel, doch so, daß der Jüngere David Hauptgeschäftsführer war und Geschäftsreisen bis nach Indien machte18, Mose dagegen den Wissenschaften oblag. Aus diesem zurückgezogenen Leben rissen ihn harte Schicksalsschläge, die einen minder starken Geist zur Verzweiflung gebracht hätten. Körperliche Leiden warfen ihn aufs Krankenlager, bedeutende Verluste schmälerten sein Vermögen, Angeber traten gegen ihn auf und versetzten ihn in Todesgefahr, wahrscheinlich dafür, daß er dem Islam abtrünnig geworden. Endlich ging sein Bruder David im Indischen Meer unter und mit ihm nicht nur beider Vermögen, sondern auch die Gelder, die sie zum Geschäftsbetrieb von anderen in Händen hatten. Diese gehäuften Unglücksfälle warfen ihn wieder aufs Siechbett und erfüllten ihn mit Trübsinn. Am meisten schmerzte ihn der Tod seines Bruders. In einem gemütswarmen Brief sprach er seinen Schmerz aus. »Noch heute, obwohl mehrere Jahre darüber hinweggegangen, kann ich noch immer keinen Trost finden. Er ist auf meinen Knieen großgewachsen, er war mein Bruder und zugleich Schüler, er machte Geschäfte und ernährte mich, daß ich ruhig leben konnte. Er verstand Talmud und hatte Sprachkunde, und ich hatte stets Freude an ihm. Seitdem er aber ins ewige Leben eingegangen, ist mir jede Freude gestört, er ließ mich einsam in einem [275] fremden Lande zurück. So oft ich einen seiner Briefe oder eines seiner Bücher sehe, erneuert sich mein Schmerz«19.

Sein unbedingtes Gottvertrauen, seine schwärmerische Liebe zu den Wissenschaften und endlich die Sorge für die Seinigen und die hinterlassene Witwe und Tochter seines Bruders richteten seinen Mut wieder auf und bewogen ihn, ins tätige Leben einzugreifen. Maimuni scheint seit dieser Zeit die Heilkunde ausgeübt und sich dadurch Existenzmittel verschafft zu haben. Doch hatte er anfangs keine einträgliche Kundschaft, weil er noch unbekannt war. Auch hielt er wohl schon um diese Zeit öffentliche Vorlesungen über philosophische Gegenstände20. – Sein ganzer Sinn war aber auf die Vollendung der umfassenden Arbeit gerichtet, mit welcher er sich von seinem dreiundzwanzigsten Jahre an auf Wanderungen, unter mohammedanischer Vermummung, auf der Seereise, trotz vielfacher Widerwärtigkeiten beschäftigt hatte, des Kommentars zur Mischnah. Er vollendete dieses sein erstes Meisterwerk im Jahre 116821 in arabischer Sprache unter dem Titel Siraǵ (die Beleuchtung). Der Zweck dieser Arbeit war, das Talmudstudium, welches durch die weitläufigen Diskussionen, durch die zerstreuten gaonäischen Erklärungen und durch die nicht immer sachgemäßen Kommentarien seiner Vorgänger so sehr erschwert war, daß es nur Sache der Gelehrten sein konnte, für jedermann zu erleichtern, die Praxis aus dem Wirrwarr der verschiedenen Meinungen festzustellen, die Gründe, auf welchen die Halachot beruhen, aufzusuchen und den Leser durch kurze, aber tiefeindringende Wort- und Sacherklärung [276] zu orientieren. Maimunis Mischnahkommentar entstand aus des Verfassers eigener Organisation, welche in allen Fächern Klarheit, Systematik und Abrundung erstrebte. Es ist die erste wissenschaftliche Behandlung des Talmuds, die nur ein so klarer und methodischer Denker wie Maimuni anbahnen konnte, weil der spröde Stoff einer systematischen Ordnung geradezu zu widerstreben scheint. Den wissenschaftlichen Charakter zeigen namentlich die lichtvollen Einleitungen, welche der Kommentar enthält. Maimuni schickte nämlich eine umfassende Einleitung dem ganzen Mischnahkommentar voraus, und ebenso leitete er jede besonders schwierige und dunkle Partie durch die Auseinanderlegung der Grundsätze ein, auf denen die mannigfachen Einzelheiten beruhen. Er offenbarte darin tiefes Eingedrungensein in den Stoff, wie lichtvolle Auffassung in der Methode. Nicht selten weicht er in der Erklärung der Mischnah von der talmudischen Auseinandersetzung ab und schlägt einen eigenen, einfacheren Weg ein22.

Mit besonderer Vorliebe behandelt Maimuni solche Punkte der Mischnah, welche einen wissenschaftlichen Anstrich haben, wozu er Lehrsätze aus der Mathematik, Astronomie, Physik, Anatomie, Morallehre und Philosophie heranziehen konnte. Hier war er in seinem Elemente. Bei solchen Partien konnte er zeigen, daß die Weisen der Mischnah, die Träger der Überlieferung, auch Wissenschaften verstanden und sie ihren Arbeiten zugrunde gelegt haben. Namentlich galt es ihm nachzuweisen, daß die Mischnah eine kernige Sittenlehre und einen tieferen philosophischen Gottesbegriff enthalte. Zu diesem Zwecke kehrte er die agadischen Elemente in der Mischnah, welche bis dahin wenig oder nur gelegentlich und nebenher beachtet worden waren, mit besonderer Vorliebe und in großer Ausführlichkeit hervor. In der allgemeinen Einleitung entwickelte er die wahre Bedeutung der Prophetie, daß sie nicht auf Wundern beruhe, und beleuchtete ihr Verhältnis zum sinaitischen Gesetze, besprach ferner den Charakter der biblischen und prophetischen Redefiguren, daß sie nämlich in sinnlicher Einkleidung tiefe, philosophische und metaphysische Geheimnisse enthielten. Er setzte ferner die Natur der Überlieferung auseinander, daß nämlich nicht alles, was in der Mischnah enthalten ist, Tradition sei, sondern nur diejenigen halachischen Elemente, welche keiner Meinungsverschiedenheit unterworfen sind. Denn eine traditionelle Lehre müsse unbedingt sein und dürfe nicht dem Zweifel und der Schwankung unterliegen. Unversehens hat sich Maimuni dabei mit dem Talmud in Widerspruch gesetzt und dessen festen Grund gelockert.

[277] Eine wahre Fundgrube schien für Maimuni der Mischnahabschnitt, welcher die Kernsprüche der Väter (Abot) wie Perlen an einer Schnur aneinander reiht. An diese konnte er den ganzen Reichtum seiner Gedankenwelt anknüpfen. In der Einleitung dazu (acht Abschnitte) entwikkelte er die Seelenlehre, die Krankheiten der Seele und ihre Heilmittel, die Sittenlehre, die in dem Gleichgewichthalten zwischen entgegengesetzten Trieben bestehe, das Ideal eines vollkommenen Menschen und endlich die Lehre von der menschlichen Willensfreiheit im Verhältnis zur göttlichen Allwissenheit und Vorherbestimmung. In einem anderen Abschnitte sprach sich Maimuni über die Unsterblichkeit der Seele aus, und wie sie sich zur biblischen Auferstehungslehre und zu dem Glauben an die messianische Erlösung verhalte. So durchtränkte er das talmudische Judentum mit philosophischen Ideen. Er gewahrte aber nicht, daß er sich damit in einer Selbsttäuschung befand. Es stand ihm nämlich fest, daß einerseits die Gedanken, welche Aristoteles und die arabische Philosophenschule, namentlich Ibn-Sina (Avicenna) zu Tage gefördert hatten, unerschütterliche Wahrheit seien, und anderseits die sinaitische Offenbarung, die Aussprüche der Propheten, die Lehre der talmudischen Agada in ihren Hauptzügen nicht minder Wahrheit enthalten. Maimuni glaubte sich nun zu der Schlußfolgerung berechtigt, daß diese zwei Wahrheiten, Judentum und aristotelische Philosophie, sich gegenseitig decken müßten, und seine Aufgabe bestand nun darin, einzelne schillernde Bibelverse und agadische Sentenzen so zu deuten, daß sie den philosophischen Lehrsätzen entsprachen. Daß diese beiden Gedankenkreise auf zwei ganz verschiedenen Weltanschauungen beruhen, und daher, weit entfernt einander zu bestätigen, einander vielmehr aufheben und im Kampfe miteinander begriffen sind, das entging seinem hellen Geiste eben so sehr wie seinen jüdisch-philosophischen Vorgängern und den Denkern des Mittelalters überhaupt.

Wichtig war nun für die Folgezeit, daß Maimuni aus seiner unbewußten Selsttäuschung heraus zum ersten Male unternahm, eine Glaubenslehre des Judentums zu entwickeln. Da das Judentum nach seiner Ansicht nichts weiter als geoffenbarte Philosophie ist, so müsse es ebenso die Ansichten und Anschauungen der Menschen, wie das sittliche und religiöse Verhalten regeln, ja noch mehr als das eine das andere, da die Sittlichkeit an sich keinen Wert habe und nur Frucht der richtigen Erkenntnis sei. Er nahm also als sicher und unzweifelhaft an, daß das Judentum nicht bloß das Tun bestimme, sondern auch das höhere Denken regle, gewisse Gedanken als unverbrüchliche Wahrheit aufstelle, welche der Sohn des Judentums gläubig hinnehmen müsse. Solcher Glaubenslehren oder Glaubensartikel stellte Maimuni dreizehn [278] auf. Der Glaube an das Dasein Gottes, an seine unteilbare Einheit, an seine Unkörperlichkeit und Unveränderlichkeit, an seine Ewigkeit und Vorweltlichkeit, an seine alleinige Verehrungswürdigkeit (Antipolytheis mus), an die prophetische Erweckung auserwählter Menschen, an die höchste, mit anderen unvergleichbare Prophetie Moses, an die Göttlichkeit der Thora und an ihre Unveränderlichkeit, an Gottes Vorsehung, an seine gerechte Belohnung und Bestrafung, an die einstige Erscheinung des Messias, und endlich an die einstige Auferstehung. Obwohl diese Glaubensartikel auf Erforschung beruhten, also nicht blind aufgenommen zu werden brauchten, so gelte doch, nach Maimunis Ansicht, nur der als wahrer Israelite oder Jude, welcher sie sämtlich als wahr anerkennt; derjenige aber, der einen derselben leugne, sei als Ketzer (Min, Apicoros) zu betrachten, gehöre nicht mehr zur Gemeinschaft des Judentums und habe keinen Anteil an der jenseitigen Seligkeit23.

So hat Maimuni einerseits das jüdische Bekenntnis zur Höhe vernünftigen Bewußtseins erhoben und anderseits der freien Gedankenentwicklung Schranken gesetzt. Bis dahin galt nur das religiöse Tun als Merkmal jüdischen Lebens. Wer die vorgeschriebenen Pflichten erfüllte, galt als Jude, mochte er über dieses und jenes eine abweichende Meinung haben. Maimuni rief aber dem freien Denker ein gebieterisches »Halt« zu, bezeichnete die Grenzscheide zwischen Gläubigkeit und Ketzerei nicht auf dem festen Gebiete der religiösen Praxis, sondern auf dem lockeren Boden der religiösen Theorie und führte damit das ätherische Element des Gedankens in den Bannkreis erstarrter Formeln.

So bedeutend auch die Leistung Maimunis im Mischnahkommentar ist, so viel Wissen, Geistesschärfe und systematische Ordnung er auch darin gezeigt hat, so brachte er ihm doch keineswegs einem dem Verdienste entsprechenden Ruf. Der Grund davon war, daß unter den Juden Ägyptens und des Morgenlandes, denen die Arbeit in der arabischen Sprache zunächst zugänglich war, nur geringes Verständnis für wissenschaftliche Behandlung vorhanden war. Das großartige Werk wurde daselbst anfangs kaum beachtet. Daher kam es, daß der Reisende Benjamin von Tudela Maimunis Namen unter den hervorragenden Juden Ägyptens mit Stillschweigen überging. Einen Ruf [279] machten Maimuni zunächst seine Jünger, denen er in demselben Sinne Vorlesungen hielt, und die in ihm die verkörperte Weisheit verehrten. Einer seiner frühesten Jünger, Salomon Kohen24, den eine Reise nach Südarabien (Jemen) geführt hat, war des Lobes voll von ihm und machte die dortigen Gemeinden aufmerksam, daß sie in der Zeit der Not in Maimuni Trost und Halt finden würden.

Es waren nämlich in Ägypten weitgreifende Veränderungen eingetreten, welche für die Juden dieses Reiches und der angrenzenden Länder eine günstige Wendung ihrer Lage herbeiführten. Der letzte fatimidische Kalif Alhadid starb oder wurde beseitigt, und der große Saladin, das Muster königlichen Edelmutes und hoher Ritterlichkeit in jener barbarischen Zeit, gelangte zur Herrschaft (September 1171). Anfangs fungierte der berühmte Ajubide lediglich als Unterfeldherr des Atabeken Nureddin; nach und nach gelangte er aber zur Alleinherrschaft über Ägypten und einen Teil von Palästina und Syrien, und selbst die Euphratländer und das Kalifat von Bagdad gehorchten seinem Herrscherworte. Sein Reich wurde ein sicheres Asyl für die verfolgten Juden. Wie gegen jedermann, selbst gegen erbitterte Feinde, war Saladin auch gegen Juden gerecht. Als einst ein Jude sich beschwerte, Saladin habe ihm Unrecht getan, und dieser es vernahm, machte er in seinem Gange Halt, um die Beschwerde zu vernehmen. Der Jude erzählte ihm, des Sultans Diener hätten ihm zwanzig Last Wein, die er aus Alexandrien nach dem Hafen von Akko eingeführt, gewaltsam genommen, in die Schatzkammer gebracht und angegeben, es sei auf Saladins Befehl geschehen. Sofort ließ der Sultan die Angelegenheit untersuchen und als sich die Aussage des Juden bestätigte, befahl er, demselben den ganzen Schaden zu ersetzen25. Unter ihm stiegen die Juden zu großem Wohlstand und Ansehen26.

Anfangs entfesselte indes der Sturz des fatimidi schen Kalifats und die Unterwerfung des dazu gehörenden Länderkomplexes unterden abbassidischen oder sunnitischen Kalifen von Bagdad einen gärenden [280] Fanatismus unter den Anhängern der schiitischen Lehre, welche Aufstandsversuche gegen ihre religiösen Gegner, die Sunniten, unternahmen. Diesen Fanatismus empfanden auch die jüdischen Gemeinden von Jemen. Dort hatten sich nämlich zwei schiitische Parteigänger, Hattam Monkidh und Azzeddin Othman, der Herrschaft bemächtigt27 und zwangen den Juden das Bekenntnis des Islams durch Androhung schwerer Leiden auf. Auch hier, wie in Afrika und Südspanien, nahmen die Juden indes nur zum Schein und ganz äußerlich die mohammedanische Religion an (um 1172). Allein da unter ihnen arge Unwissenheit herrschte, so war zu befürchten, daß die gedankenlose Menge aus dem Scheine Ernst machen und von dem Judentume ganz abfallen würde. Diese Befürchtung lag um so näher, als ein jüdischer Apostat den Gemeinden predigte, Mohammed sei in der Thora angedeutet, und der Islam sei eine neue, göttlich beurkundete Offenbarung, welche das Judentum ablösen sollte. Dazu kam noch, daß gerade zur selben Zeit in Jemen ein Schwärmer auftrat, der sich als messianischer Vorläufer ankündigte, die eingetretenen Leiden als Vorzeichen des bald zu erwartenden messianischen Reiches angesehen wissen wollte, und die Juden aufforderte, sich bereit zu halten und ihr Hab und Gut mit den Armen zu teilen. Diese Schwärmerei. an welche sich mancher als an ein Notseil klammerte, drohte das schwerste Geschick über die Juden Jemens heraufzubeschwören. Die Frommen waren über alle diese Vorgänge in Verzweiflung, wurden an sich und dem Judentum irre und waren ratlos, was sie tun, was sie lassen sollten. Da wandte sich der angesehenste Gelehrte unter ihnen, Jakob Alfajumi (o. S. 253), um Rat und Trost an Maimuni, von dem er durch dessen Jünger Kunde erhalten hatte, schilderte ihm Leiden und Befürchtungen und bat ihn um Bescheid.

Darauf sandte Maimuni ein Trostschreiben in arabischer Sprache an die Gemeinden von Jemen, gerichtet an seinen Korrespondenten, aber berechnet für jedermann (Iggeret Teman), welches ungeachtet seines geringen Umfanges einen reichen Inhalt hat und Zeugnis von des Verfassers hohem Geist und innigem, geläutertem Glauben ablegt. Er suchte darin die Leidenden zur Höhe des gläubigen Bewußtseins zu erheben, von welcher aus das Leiden um des Glaubens willen seinen stechenden Schmerz verliert und das Düster als notwendiges Moment zum Anbruch des Lichtes erscheint. Er sprach sich darin über das Verhältnis des Judentums zum Christentum und zum Islam [281] mit einer Schärfe und Bestimmtheit aus, welche seine innigste Überzeugung widerspiegeln. Es sei allerdings betrübend, bemerkt der Weise von Kahira, daß an zwei entgegengesetzten Punkten grausige Verfolgungen über die Juden hereingebrochen seien, im Westen unter den Almohaden und im Osten unter den Mohammedanern von Jemen. Indessen kämen sie nicht unerwartet, denn die Propheten hätten sie ganz bestimmt vorher verkündet. »Überhaupt weil Gott uns, Söhne Israels, durch seine Gnade besonders ausgezeichnet und uns zu Trägern der wahren Religion, der wahren Erkenntnis gemacht hat, hassen uns die Völker, nicht um unser selbst, sondern um des Göttlichen willen, das in unserer Mitte lebt, gewissermaßen um den göttlichen Plan zu vereiteln.« Seit der sinaitischen Gesetzesoffenbarung sei keine Zeit vorübergegangen, wo das Judentum und dessen Bekenner nicht Leiden und Verfolgungen ausgesetzt gewesen wären. Die Völker mit ihrem Hasse seien aber unter drei verschiedenen Gestalten dagegen aufgetreten. Entweder ganz plump mit dem Schwerte, wie Amalek, Sisera, Sanherib, Nebukadnezar, Titus und Hadrianus, um das Volk als Träger der Wahrheit einfach von der Erde zu vertilgen, oder mit der Lügenkunst sophistischer Überredung, Perser, Griechen und Römer, um die Lehre des Judentums zu widerlegen und als falsch darzustellen, oder endlich mit der Maske der Offenbarung, gewissermaßen im Gewande des Judentums, um es mit geschickter Taschenspielerkunst verschwinden zu machen. Das dem Judentum feindselige Prinzip habe nämlich endlich erkannt, daß es weder die Träger der Gotteslehre vernichten, noch diese aus deren Herzen zu reißen imstande gewesen, und es sei auf den Gedanken gekommen, sie durch eine schlaue List zu beseitigen. Es gebe vor, auch eine Offenbarung empfangen zu haben, erkenne zwar die sinaitische als zu ihrer Zeit berechtigt an, spreche ihr aber die fernere Gültigkeit ab. Dieses feindselige, auf Verbannung des Göttlichen von der Erde ausgehende Prinzip suche einen Balg für ein göttliches Kind unterzuschieben, um das Judentum zu fälschen. Die neue Offenbarung von Nazareth und Mekka verhalte sich aber zum Judentum wie ein noch so kunstfertig ausgeführtes Menschenbild zu einem vollkräftigen Menschenwesen. Nur Kinder und Toren könnten ein Bildnis für ein wirkliches Wesen halten. All dieses, die dreigestaltige bittere Feindschaft der Völker der Erde gegen Israel und seine göttliche Lehre, hätten die Propheten und besonders Daniel vorausgeschaut und zugleich den Sieg des Judentums über die Afterreligionen geweissagt.

[282] »Und nun, ihr Brüder,« so redete Maimuni in diesem Trostschreiben die Gemeinden von Jemen an, »erwäget diese Wahrheiten und lasset euch nicht von dem Übermaß der Leiden entmutigen. Es dient nur dazu, um euch zu prüfen und um zu zeigen, daß nur die Nachkommen Jakobs, die Enkel derer, welche am Sinaï die Lehre empfangen haben, im Besitze der wahren Religion sind.« – Wenn der Apostat behaupte, die Thora enthalte Anspielungen auf Mohammed, so halte er noch an einem Wahne fest, den denkende Mohammedaner längst hätten fallen lassen; denn diese fänden in dem Gottesbuche so wenig Andeutungen auf Mohammeds Prophetie, daß sie im Gegenteil behaupteten, die Juden hätten solche daraus ausgemerzt. Die Beweise, welche der Apostat für die Beurkundung des Islams in der Thora finden wolle, seien Spinngewebfäden.

Die messianische Zeit zu berechnen, wie der Schwärmer von Jemen gefunden zu haben glaube, sei unrecht; denn sie könne gar nicht genau bestimmt werden, weil sie geflissentlich von dem Propheten in tiefes Geheimnis gehüllt worden sei. Wenn man sich auf Saadias Beispiel beruft, der ein bestimmtes Jahr als messianisches bezeichnete, so sollte man bedenken, daß derselbe in einer ungläubigen Zeit gelebt und bestrebt gewesen sei, seine Zeitgenossen durch verschiedene Mittel zum Glauben zurückzuführen. Sündhafter sei es aber, die messianische Zeit durch astrologische Alfanzereien zu berechnen. Die kräftigsten Widerlegungen gegen die Wahrheit solcher Berechnungen habe gerade die Gegenwart geliefert. Ein scharfsinniger jüdischer Gelehrter (vielleicht Ibn-Esra) habe nämlich auf astrologischem Wege herausgebracht, der Messias werde in dem Jahre 1146 auftreten, und gerade in diesem Jahre sei in Maghreb (Afrika) die Religionsverfolgung der Almohaden ausgebrochen. Solche messianische Erwartungen hätten stets Unglück über das Haus Jakob gebracht. In der Mitte der islamitischen Zeit sei ein falscher Messias in Isfahan (Abu-Isa Obadia) aufgetreten und habe dadurch viel Unheil über die Juden Persiens gebracht. Ebenso habe ein messianischer Verkünder 45 Jahre vorher in Fez (um 1127), ein anderer zehn Jahre vorher in Cordova (um 1117), und ein dritter dreißig Jahre früher in Frankreich (um 1087) durch falsche Zeichen die Juden dieser Gegenden verlockt und ins Unglück gestürzt28. Auch solche falsche messianische Vorspiegelungen und die darauf erfolgenden Unglücksfälle hätten die Propheten voraus [283] verkündet. – Merkwürdig ist aber, daß, obwohl Maimuni messianische Berechnungen so hart verdammte, er sich doch nicht enthalten konnte, in demselben Sendschreiben mitzuteilen, daß nach einer in seiner Familie fortgepflanzten Überlieferung die Prophetie, als Vorläuferin des Messias, im Jahre 1216 wieder ausbrechen werde29.

Zum Schlusse ermahnte Maimuni Jakob Alfajumi, sein Sendschreiben kopieren zu lassen und es unter die Gemeinden Jemens zu verbreiten, um sie im Glauben zu stärken. Beim Vorlesen desselben möge indes große Vorsicht gebraucht werden, damit nicht ein Verräter es zum Gegenstande einer Anklage machen könnte. Er selbst, bemerkte Maimuni, schreibe in Angst wegen der üblen Folgen, die es für ihn haben könnte, allein er bedenke, daß diejenigen, welche für das allgemeine Beste wirken wollten, der Gefahr ruhig ins Auge sehen müßten. – Dieser interessante, mit vieler Wärme geschriebene Trostbrief hat auf die südarabischen Juden einen so günstigen Eindruck gemacht, daß sie, weit entfernt, schwankend im Glauben zu werden, darin erstarkten und lebendigen Anteil an allen Vorgängen der Gesamtjudenheit nahmen. Maimuni fand später Gelegenheit, als er zu hohem Ansehen gelangt war, den politischen Druck und die fanatische Verfolgung aufhören zu machen. Dafür hingen auch die Gemeinden von Jemen ihm mit schwärmerischer Liebe und Verehrung an30. Sie schalteten seinen Namen in das tägliche Gebet ein, eine Ehrenbezeugung, die nur den ehemaligen Exilsfürsten in ihrem Glanze zuteil wurde. Der messianische Schwärmer in Jemen trieb sein Wesen ein ganzes Jahr. Endlich wurde er verhaftet und von einem der Herrscher ins Verhör genommen. Unerschrocken erklärte er, im Auftrage Gottes gehandelt zu haben, und verlangte zur Bekräftigung seiner göttlichen Sendung, daß man ihm den Kopf abschlage, und er hoffe, gleich darauf wieder lebendig zu werden. Der Herrscher bemerkte hierauf, daß in diesem Falle er selbst an ihn glauben werde. Darauf wurde der Schwärmer enthauptet, blieb natürlich tot, aber der Wahn starb damit nicht ab. Es fanden sich noch immer Anhänger, welche des Glaubens waren, er werde aus dem Grabe auferstehen. Die Juden Südarabiens wurden aber an vielen Orten infolgedessen in Geldstrafe genommen31.

[284] Erst nach und nach wurde Maimunis Größe erkannt und anerkannt. Im Jahre 1175 galt er bereits als entscheidende rabbinische Autorität, und es wurden an ihn religiös-gesetzliche Anfragen gerichtet, was immer als Zeichen allgemeiner Anerkennung gelten kann32. Der Rabbiner R. Ephraim von Tyrus ließ sich von ihm ein Gutachten erteilen, daß er, obwohl vermögend, als Talmudkundiger von den Gemeindelasten frei sei33. Nach Ephraims Tod wendeten sich dessen Jünger, obwohl Stocktalmudisten, die von Wissenschaft keine Ahnung hatten, an Maimuni mit Anfragen über verschiedene talmudische Punkte, welche dieser mit tiefer Sachkenntnis in gedrängter Kürze, wie seine Art war, beantwortet hat (Sommer 1177)34. Nur drei unter diesen Anfragen haben einiges Interesse; über den Grenzumfang des heiligen Landes, und inwiefern astronomische Kenntnisse Wichtigkeit für das Judentum hätten. Die letzte beantwortete Maimuni natürlich aus seiner Vorliebe für Wissenschaften, daß der Talmud mit Recht die Kenntnis des gestirnten Himmels empfehle, weil man daraus die Größe Gottes erkennen könne. In der Beantwortung der ersteren dagegen zeigte Maimuni, obwohl er in Palästina gelebt hat, daß er keine Ahnung von Geographie hatte35. Er war im Himmel heimisch, aber auf Erden fremd. Die dritte der Anfragen von seiten der Jünger Ephraims war mit Bezug auf einen talmudischen Ausspruch, ob ein Jude einen Christen oder Mohammedaner zum Verständnis der heiligen Schrift unterrichten dürfe. Maimuni beantwortete diese Frage dahin, daß es wohl gestattet sei, Christen im Judentum zu unterrichten, weil sie die heilige Schrift, gleich den Juden, als göttlich anerkennten, und nur manches darin verschieden deuteten; von ihnen sei insofern kein Mißbrauch zu befürchten; möglicherweise sei eine Bekehrung zu erwarten. Dagegen dürfe man keineswegs Mohammedaner in das Judentum einweihen; weil sie die Göttlichkeit der Bibel nicht anerkennten, so fänden sie stets Widersprüche darin mit dem ihnen aus dem Koran [285] Bekannten, und so könnte es zu Gehässigkeiten führen.36 Obwohl Maimuni die Anhänger des Islams als Verehrer eines einzigen Gottes hochstellte, die damaligen Christen dagegen mit ihrem krassen Trinitätsglauben und ihrer Bilderverehrung als Götzendiener betrachtete37, so sprach er sich doch gegen diese wegen ihres Verhaltens zur Bibel milder aus.

Vermöge seiner tiefen Talmudkenntnisse, seines Charakters und seines Rufes scheint Maimuni in demselben Jahre (1177) offiziell als Rabbiner von Kahira anerkannt gewesen zu sein38. Mit neun Beisitzern bildete er das Rabbinatskollegium. Dieses Amt betrachtete er als ein heiliges Priestertum und verwaltete es mit Gewissenhaftigkeit und Umsicht. Wo er Mißbräuche gewahrte, stellte er sich mit aller Entschiedenheit vor den Riß. Als er wahrnahm, daß rabbanitische Frauen in fast allen ägyptischen Gemeinden bei ihren Reinigungsbädern karäischen Bräuchen folgten, verordnete er mit dem Kollegium daß sie dieselben einstellen und sich nach talmudischer Vorschrift richten sollten. Da sie aber aus Gewohnheit und Hang zur Bequemlichkeit davon nicht lassen mochten, verhängte er über die widerspenstigen [286] Frauen den Verlust aller Ansprüche an das Vermögen ihrer Gatten als Geschiedene oder Witwen. Die Ehemänner wurden unter Androhung des Bannes angewiesen, ihre Frauen zur Beachtung der Verordnung anzuhalten. Dieser Erlaß des maimunischen Rabbinatskollegiums wurde in allen ägyptischen Gemeinden verlesen (Sommer 1177)39. – Obwohl Maimuni darauf drang, eingeschlichene karäische Bräuche aus dem rabbanitischen Kreise zu entfernen, so war er doch von überaus milder Duldsamkeit gegen die Anhänger Anans. Auf eine Anfrage, wie sich Rabbaniten gegen Karäer verhalten sollten, erwiderte er, daß, so lange sie sich in den Schranken des Anstandes halten und auf den Talmud und seine Bekenner nicht schmähen, man ihnen achtungsvoll begegnen, sich ihnen mit Freundlichkeit, Demut und Friedfertigkeit nähern, sie in ihren Häusern besuchen, ihre Leichen begraben, ihre Trauernden trösten und ihre Kinder in den Abrahamsbund aufnehmen solle. Schreibt doch der Talmud freundliches Begegnen gegen Heiden und Götzendiener, umsomehr gegen solche vor, welche vom Samen Jakobs abstammen und einen einzigen Gott bekennen. Höchstens sollte man sich von ihnen an ihren selbsterfundenen, von den Rabbaniten abweichenden Festtagen fern halten. Auch dürfe man sie nicht zur Ergänzung von zehn Mitgliedern zum Gebete zuziehen40. –

Kraft seines rabbinischen Amtes sorgte Maimuni auch für Anstand in den Synagogen und entfernte auch hier mißbräuchliche Gewohnheiten41. Er fand nämlich, daß die Gemeinde, weil sie ihrer Pflicht durch das stille Gebet (Schemoneh Esreh) genügt zu haben glaubte, dem lauten Beten des Vorbeters nicht mit Andacht zuhörte, sondern untereinander plauderte und sich überhaupt unanständig dabei benahm. Darüber spöttelten die Mohammedaner, welche ihrem Gottesdienst mit gesammelter Andacht beizuwohnen pflegten, mit Recht. Maimuni, der sich tief verletzt fühlte, wenn das Judentum dem Gespötte ausgesetzt war, wollte dieser Anstandswidrigkeit in den Synagogen steuern und schaffte zu diesem Zwecke das stille Gebet der Gemeinde ganz ab, ohne Rücksicht darauf, daß es vom Talmud vorgeschrieben ist. Zweckentsprechendes Beten stand ihm höher, als gedankenlose Befolgung der Vorschriften. Dieser Brauch Maimunis, daß der Vorbeter allein das Hauptgebet vortragen sollte, wurde nach und nach [287] nicht nur in ganz Ägypten, sondern auch in einigen Gemeinden Palästinas, in Damaskus und Haleb befolgt und hielt sich bei den einheimischen Gemeinden über drei Jahrhunderte.

Inmitten seiner angestrengten Tätigkeit für Gemeindeangelegenheiten, in der ärztlichen Praxis und in anhaltendem Studium philosophischer und naturwissenschaftlicher Fächer vollendete Maimuni sein zweites großartiges Werk (8. Kislew = 7. November 1180)42, das in der jüdischen Welt epochemachend geworden ist, sein Mischneh-Thora oder Religionskodex. Wenn, wie er selbst angibt, er zehn Jahre hintereinander anhaltend daran gearbeitet hat43, so steht die Zeit in keinem Verhältnis zur Größe der Leistung. Man kann dem Uneingeweihten keine Vorstellung von diesem Riesenwerke beibringen, wie er da die entlegensten Einzelheiten aus dem unübersehbaren Schacht des Talmuds zusammengetragen, das Gediegene aus den Schlacken herausgearbeitet, die Einzelheiten an Ort und Stelle untergebracht, das Talmu dische wieder an das Biblische angeknüpft, das Besondere mit dem Allgemeinen verbunden und das scheinbar Zusammenhangslose zu einem organischen Ganzen, zu einem Kunstwerke zusammengesetzt hat. Mit Recht legte er selbst besonderes Gewicht auf die kunstvolle Gruppierung im Mischneh-Thora, deren Schwierigkeit nur von tiefen Sachkundigen gewürdigt werden könne44. Wenn der Talmud einem labyrinthischen Bau gleicht, in dem man sich nur mit einem Ariadnefaden zurechtfinden kann, so hat Maimuni daraus eine wohlgeordnete Anlage geschaffen, mit Flügelgebäuden, Hallen, Gemächern, Kammern und Kämmerchen, in denen sich auch ein Fremder ohne Führer, von passenden Überschriften und Nummern geleitet, orientieren und einen Überblick über das im Talmud Enthaltene gewinnen kann. Nur der klare, systematisch denkende, von Ordnungssinn erfüllte Kopf Maimunis konnte solches zustande bringen.

Neben den formellen Vorzügen und der unvergleichlichen, abrundenden Architektonik hat dieses Werk inhaltlich eine entschiedene Bedeutung für den Entwicklungsgang der jüdischen Geschichte. Alle die verschiedenen Richtungen, welche Maimunis Vorgänger auf dem Boden des Judentums einseitig ausgebildet haben, hat er darin zu schönster [288] Harmonie vereinigt. Nichts ist darin bevorzugt und nichts zurückgesetzt. Das Philosophische das Sittliche, das Ritualge setzliche und, sozusagen, die gemütliche Seite des Judentums, die sich in der Hoffnung auf die messianische Erlösungszeit ausspricht, alles ist in diesem Werke gleichmäßig gewürdigt und zur Vollberechtigung erhoben. Maimuni hat darin die verschiedenen Bahnen, in welche das Judentum geführt wurde, vereinigt und in einen Punkt zusammenlaufen lassen. Er machte damit den vollen Abschluß mit all den Bestrebungen, welche seit Saadia, der das Judentum dem Bewußtsein näher zu bringen und es begrifflich zu erfassen versuchte, zu Worte gekommen waren. Er führte für die gewaltige Geistesarbeit von mehr als drei Jahrhunderten den nötigen Ruhepunkt herbei. Das maimunische Werk bildet daher den Gipfel derjenigen Richtung, welche mit R. Jochanan ben Sakkaï nach Abstreifung der politischen Seite ihren Anlauf nahm. Von jetzt an konnte auf dem bis dahin eingeschlagenen Wege mit den gegebenen Mitteln unter den gangbaren Gesichtspunkten nichts Neues mehr geschaffen werden; nur einzelnes konnte noch hier und da berichtigt, besser ausgearbeitet, an dem Ganzen aber nichts mehr geändert werden.

Man kann fast sagen, daß Maimuni einen neuen Talmud geschaffen hat. Es sind zwar die alten Elemente, man kennt ihren Fundort, ihr Vorkommen, ihr ursprüngliches Gefüge, aber unter dieser Behandlung, Gruppierung und Verarbeitung nimmt sich alles ganz anders aus. Der Rost ist entfernt, das entstellende Beiwerk beseitigt, alles erscheint umgegossen, geglättet, frisch und neu. Die Mischnah, der Grundbau des Talmuds, beginnt mit der Gesetzesfrage: »Zu welcher Stunde darf man den Abschnitt Schema abends lesen?« und schließt mit der Diskussion, wann dieses oder jenes levitisch unrein wird. Maimuni dagegen beginnt seinen talmudischen Kodex: »Der Hauptgrund und die Säule aller Weisheit ist, zu erkennen, daß es ein Urwesen gibt, welches alle Kreatur ins Dasein gerufen hat,« und schließt mit den Worten: »Die Erde wird einst voller Erkenntnis werden, wie das Wasser den Meeresgrund bedeckt.« Es schwebt über diesem Werke ein eigener Duft, es weht darin der Geist vollendeter Weisheit, ruhiger Besonnenheit und tiefer Sittlichkeit. Maimuni hat sozusagen die Philosophie talmudisiert und den Talmud metaphysiziert. Er hat die Philosophie in den Religionskodex aufgenommen und ihr dort das ebenbürtige Bürgerrecht neben der Halacha eingeräumt. Wenn sie auch früher von jüdischen Denkern gepflegt und auf das Judentum angewendet wurde, von Philo bis auf Abraham Ibn-Daud, so galt sie diesen selbst noch immer als eine Außenseite, die mit dem praktischen Judentum, [289] wie es täglich und stündlich geübt wird, nichts zu schaffen hat. Maimuni dagegen hat die Philosophie in das Allerheiligste des Judentums eingeführt und sozusagen Aristoteles neben den Lehrern des Talmuds Platz angewiesen. Ein großer Teil des ersten Buches seines Werkes (Sefer Madda) ist philosophisch gehalten.

Es beginnt mit dem höchsten Prinzipe des Judentums, mit dem Dasein Gottes und dem Einheitsbegriffe und behandelt dieses Thema in den damals üblichen Schulformeln: Gott ist die alleinige Ursubstanz, er leitet den höchsten Sphärenkreis, der ohne ihn ohne Bewegung wäre. So wurde nämlich damals der Beweis vom Dasein Gottes geführt. Der Kodex fährt aber fort, diesen philosophischen Gedanken in eine talmudisch gehaltene Gesetzesformel zu bringen, das Erkennen dieser Wahrheit sei eine religiöse Pflicht. Damit war die philosophische Erkenntnis religiös geweiht und als eben so wichtig hingestellt, als der Sabbat und die Speisegesetze. Wie ein philosophisches Lehrbuch setzt der maimunische Kodex auseinander, daß Gott sowie einzig, so auch unkörperlich gedacht werden müsse, erklärt, daß die körperlichen Formen der Geisteswelt (die intelligiblen getrennten Formen) in der Bibel Engel genannt würden, und steigt von der höheren Welt zur Welt der Himmelssphäre und zu den vier Elementen des Erdenlebens, und damit von der Metaphysik zur Physik herab. Die aristotelische Weltanschauung wird talmudisiert, indem angenommen wird, der Talmud begreife unter Ma'aße Merkaba die Lehre von der höheren Welt und unter Ma'aße Bereschit die Lehre von der Natur, und beide zusammen kenne er unter dem Namen Pardes – eine Selbsttäuschung, von der sich Maimuni nicht loswinden konnte. Er geht sogar so weit, zu behaupten, daß die Beschäftigung mit der philosophischen Theorie einen höheren Wert habe, als die mit dem Gesetze des Judentums. Von der Metaphysik geht der Kodex des Mischneh-Thora zur Sittenlehre über, entwickelt sie zu einem hohen Ideale, alles auf talmudischer Basis, zieht sogar die Gesundheitspflege (Diätetik) mit hinein und stellt alles das als religiöse Pflicht, als Halacha hin.

Sämtliche Gesetze in betreff des Gottesdienstes fließen in diesem Kodex aus dem Begriffe der reinen Gotteserkenntnis als notwendige Konsequenz, und jede Art von Aberglauben wird als vernunftwidrig verdammt. Die Wissenschaft wird darin auf eine so hohe Stufe gestellt, daß sie in gleichen Rang mit dem Talmudstudium gesetzt wird. Der Fromme soll seine von Geschäften freie Zeit der theoretischen Beschäftigung zuwenden, einen Teil für die heilige Schrift, einen Teil für die Mischnah und einen Teil für die Erörterungen aus und nach [290] dem Talmud. Die Beschäftigung mit Metaphysik und anderen Wissenschaften gelte aber gleich der mit dem Talmud45. Bemerkenswert ist noch, daß der maimunische Gesetzeskodex die Unsterblichkeitslehre und zwar in eigentümlicher Auffassungsweise mit aufgenommen hat. Bis dahin wurde die vom Judentum verheißene Seligkeit für die Frommen mit der Auferstehung in Verbindung gesetzt. Die Gerechten aller Völker und sämtliche Israeliten, welche im Tode ihre Sünden abgebüßt hätten, würden mit ihren Leibern auferstehen, und für diese werde dann eine neue, bessere Welt, ein höherer Zustand, die zukünftige Welt (Olam Habbah, ὁ αἰὼν ὁ μέλλων)46 eintreten. Diese Welt wurde mit der messianischen Erlösung in Verbindung gesetzt. Maimuni wich davon ab und ging dabei von seiner eigentümlichen (aristotelischen) Seelenlehre aus. Die Seele sei nicht an sich unsterblich, sondern sei nur eine Kraft, sich zum Höchsten hinaufzuschwingen. Habe sich die Seele mit dem höchsten Gedanken von Gott und der Geisteswelt erfüllt, sich solchergestalt von den Banden der Leiblichkeit und der Vergänglichkeit befreit und die höhere geistige Stimmung durch sittliches Leben, als Gesinnung und unerschütterliche Überzeugung, dauernd zu erhalten gewußt, so sei sie dadurch unsterblich geworden, sie habe sich dann die Unsterblichkeit, das ewige Leben, errungen und könne mit dem Absterben des Leibes gar nicht vergehen, sondern trete in das Lichtreich der Geisteswelt ein Das eben sei die vom Talmud verheißene »zukünftige Welt«, obwohl sie eigentlich nicht zukünftig ist, sondern unmittelbar nach dem Tode eintritt. Diese durch philosophisches, d.h. religiöses und sittliches Leben selbst erworbene Seligkeit sei den Frommen verheißen als Lohn für ihren Wandel. Die Strafe der Sünder sei eben so natürliche Vergänglichkeit ihrer Seele, weil sie sich nicht zur Ewigkeit und Unsterblichkeit zu erheben vermocht habe. Sie vergehen einfach, weil ihre Seele eben so vergänglich geblieben ist, wie ihr Leib. Diese Lehre von Belohnung und Bestrafung stellt der Kodex als talmudisch auf47. Die Lehre von der leiblichen Auferstehung konnte Maimuni füglich nicht in seine Theorie einreihen und nahm sie nur gewissermaßen aus Gefälligkeit mit auf, weil sie in einigen biblischen Geschichten und im Talmud behauptet wird, ohne sie näher zu begründen.

Nach seiner Auffassungsweise mußte Maimuni die erwartete messianische Zeit ebenso von der Auferstehung loslösen, wie er diese [291] von der jenseitigen Seligkeit getrennt hat. Er stellt sie ganz nüchtern als eine politische Wiedergeburt auf, die ohne Wunder vor sich gehen werde. Es werde einst in einer günstigen Zeitlage ein Sproß vom Hause Davids auftreten, der sich nicht durch Wunderzeichen, sondern durch tiefe Religiosität bewähren werde. Er werde alle Israeliten zu einem innig religiös-sittlichen Leben anhalten, glückliche Kriege durch Gottes besonderen Schutz, wie sein Urahn David, führen, ein jüdisches Reich in Palästina gründen und alle Völker zum Dienste des einzigen, heiligen Gottes berufen. In der messianischen Zeit werde es keinen Streit und keinen Krieg geben, die wilden Leidenschaften würden ruhen, denn eine Fülle des Segens werde sich über die Menschen ergießen, und die Menschen würden sich nicht um Besitz und Genuß abzumühen brauchen, sondern ihr ganzer Sinn werde auf höhere Gotteserkenntnis gerichtet sein; aber der ordnungsvolle Lauf der Dinge werde nicht unterbrochen sein. Was die Propheten von dieser Zeit prophezeit hätten, von dem friedlichen Wohnen des Lammes neben dem Wolfe, das sei nicht buchstäblich, sondern nur als Parabel von dem tiefen Frieden unter den Menschen, gesichert durch die Herrschaft des Gesetzes zu fassen48.

Überall, wo der Gegenstand Gelegenheit dazu bot, räumte Maimuni in seinem Werke der Wissenschaft Gleichberechtigung mit dem talmudischen Lehrinhalt ein. Bei dem Kapitel über den jüdischen Festkalender behandelt er die Astronomie nach dem damaligen Stand dieser Wissenschaft und verfehlt nicht, dabei zu bemerken, daß es bei wissenschaftlichen Punkten gleichgültig sei, ob die Wahrheit von Propheten oder von nichtjüdischen Weisen stamme49. Nicht selten geht Maimuni in dem Kodex des talmudischen Judentums über ganz bestimmte talmudische Aussprüche hinweg, insofern sie seine philosophische Überzeugung vor den Kopf stoßen, namentlich in solchen Punkten, die mit der Mystik, mit magischer Praxis und mit abergläubischen Anschauungen in Verbindung stehen. Sein Grundsatz war, man soll seinen gesunden Sinn nicht fahren lassen. »Die Augen sind vorne und nicht hinten«50. – Wie er Geist und wissenschaftlichen Hauch in das halachische Judentum gebracht hat, so hat er auch in die Methode der Behandlung des Talmudstoffes Einfachheit eingeführt. Nichts war ihm widerwärtiger, als weitläufige Auseinandersetzungen, wo dem [292] Unwesentlichen und der Form eben so viel Raum und Wichtigkeit zugewiesen wird, wie dem Wesentlichen und der Hauptsache, gerade diejenige Seite, worin die Toßafisten so bedeutend waren. Er würde, bemerkt er einmal selbst, den ganzen Stoff des Talmuds in ein einziges Kapitel zusammengefaßt haben, wenn er es vermocht hätte51.

Der Zweck seiner Arbeit war auch eigentlich, die Kenntnis des ganzen Judentums, des biblischen und talmudischen (das ihm in eins zusammenfloß), zu vereinfachen. Er wollte die Weitläufigkeit und Dunkelheit, welche durch die talmudische Sprachform, die Diskussionen, die mangelhaften Erklärungen der Gaonen zum Talmud das Studium desselben so sehr erschwerten, wenn nicht unmöglich machen, so doch vermindern, das Chaos lichten, Ordnung in das Zusammengewürfelte bringen. Sein Werk sollte sämtliche vorangegangene Arbeiten überflüssig machen. Der Rabbiner, welcher Vorkommnisse des täglichen Lebens in religiösen und richterlichen Angelegenheiten zu entscheiden hat, der Fromme, welcher seiner religiösen Pflicht, das Gesetz zu kennen, genügen will, der Wißbegierige, welcher sich Talmudkenntnis aneignen möchte, soll sich nicht mehr durch das Dornengestrüpp der halachischen Diskussion hindurchzuwinden brauchen, sondern neben der heiligen Schrift sich aus dem Kodex des Mischneh-Thora vollständige allseitige Belehrung holen können. Er gab nicht undeutlich zu verstehen, daß sein Werk den Talmud wenn nicht beseitigen, so doch entbehrlich machen sollte52. Er verfaßte es deswegen in der leichtverständlichen neuhebräischen Sprache (Mischnah-Idiom), um es für jedermann zugänglich zu machen und auf diese Weise die Gesetzeskunde und überhaupt die Kenntnis des Judentums zu verbreiten53. Freilich verstieß er damit gegen die Anschauungsweise seiner rabbinischen Zeitgenossen, welche den Talmud gleich der heiligen Schrift behandelt wissen wollten, in dem kein Wort überflüssig sei, und daher die eingehende Beschäftigung mit dem Texte unerläßlich fanden.

Bei seiner Denkweise, alle Einzelheiten auf faßliche Gründe zurückzuführen und auf Notbehelfe nichts zu geben, mußte Maimuni hier und da bei der Feststellung der Ergebnisse von der talmudischen Art der Begründung abweichen und einen eigenen Weg einschlagen. Namentlich ging er in einem wichtigen Punkte über den Talmud [293] hinaus. Da er das ganze gesetzliche Judentum in allen seinen Teilen auseinandersetzen und das Verhältnis des Talmudischen zum Biblischen deutlich auseinandertreten lassen wollte, so mußte er den Begriff dessen, was biblisch sei, scharf bestimmen. Diese Scheidung machte er nun keineswegs selbständig, sondern ließ sich darin zum Teil vom Talmud leiten. Da dieser nun angibt, daß das biblische Judentum aus 248 Geboten und 365 Verboten bestehe, so beruhigte sich Maimuni dabei und hielt es nur für seine Aufgabe, teils diese Zählung als richtig nachzuweisen, teils zu bestimmen, was ernstlich als ein biblisches Gebot oder Verbot anzusehen sei. Seine Vorgänger, Simon aus Kahira und die liturgischen Dichter, welche sie zum Thema belehrender Poesie gemacht hatten, waren bei der Aufzählung derselben mit vieler Willkür verfahren und hatten rein Talmudisches (oder Rabbinisches) als ein biblisches Gesetz hingestellt. Um nun die vielfachen Irrtümer in betreff der Zählung zu widerlegen, verfaßte Maimuni als Anhang zu seinem Kodex ein Werk in arabischer Sprache »Das Buch der Gesetze« Kitab Aschariah (Sefer ha-Mizwot)54, worin er kritisch die Zählungsweise angab und vierzehn Regeln darüber aufstellte. Hier nun, wie in seinem Kodex, sprach er den Grundsatz aus, daß nicht alles, was der Talmud aus Schriftversen vermittelst der dreizehn Regeln oder sonst wie als biblisch ausgibt, als solches zu betrachten sei; denn nur, was ohne Meinungsverschiedenheit als biblisch hingestellt wird, dürfe als solches gelten; sobald aber in betreff der Ableitungen die Meinungen der Talmudisten auseinandergehen, so sei das eben ein Beweis, daß die Herleitung nicht auf Überlieferung beruhe, sondern nur eine Anlehnung eines soferischen Gesetzes (Dibre Soferim) an einen Schriftvers sei. An der Überzeugung, welche Maimuni in der Jugend in seinem Mischnahkommentar aussprach, daß über traditionelle Gesetze keine Meinungsverschiedenheit herrschen könnte, daß sie ihrer Natur nach nicht der Vergessenheit unterliegen, sonst hätte sie der Gesetzgeber nicht neben dem Schriftlichen dem Gedächtnisse anvertrauen können, an dieser Überzeugung hielt er auch im reifen Alter fest und beschränkte demgemäß die Zahl der überlieferten Gesetze, der mündlichen Lehren, auf ein geringes Maß. Von diesem Gesichtspunkte aus stellte Maimuni den Lehrsatz im Kodex auf, daß jeder religiöse Gerichtshof befugt sei, die Herleitung eines Gesetzes aus dem Schrifttexte, wenn auch noch so sehr von einem vorangegangenen [294] Gerichtshofe behauptet, zu widerlegen und anderer Ansicht zu sein. Die Schriftforschung, auch für gesetzliche Normen, sei frei, sobald sie nicht vom Talmud selbst durch eine deutliche, unbestrittene Überlieferung beschränkt werde55. Offenbar hat sich Maimuni bei dieser kühnen Ansicht von den Einwendungen der Karäer gegen die mündliche Lehre leiten lassen. Er machte ihnen, ohne sich dessen klar bewußt zu sein, das Zugeständnis, daß eine wahrhafte Tradition nicht einer Meinungsverschiedenheit unterliegen könne, sondern von Geschlecht zu Geschlecht über allem Zweifel erhaben fortgepflanzt sein müsse. Er glaubte aber auch damit auf dem Boden des Talmuds zu stehen, wie er denn überhaupt der Meinung war, daß er nur selten, höchst selten seine eigene Ansicht in den Kodex hineingetragen, sonst aber alles auf die Quellen des Talmuds und der dazu gehörigen Urkunden begründet habe, und später nur eines bedauerte, diese Quelle nicht kurz und faßlich angegeben zu haben56.

Obwohl Maimunis Theorie, konsequent durchgeführt, geeignet ist, das talmudische Judentum zu lockern, so stand es ihm in der Praxis so hoch, daß er nichts Höheres darüber kannte. Die talmudischen Weisen waren für ihn maßgebende Autoritäten, die nur eine Stufe niedriger als die Propheten gestanden hätten; sie waren für ihn Ideale, denen nachzueifern zu einem tugendhaften, religiös-vollkommenen Leben führen könne. Die von ihnen ausgegangenen Gesetzesbestimmungen, seien es Anordnungen oder verhütende Umzäunungen, dürften nur unter dem im Talmud selbst angegebenen Umständen aufgehoben werden, sonst hätten sie unverbrüchliche Gültigkeit, von denen sich kein frommer Israelit lossagen dürfe. Maimuni dachte sich sämtliche rabbinische Gesetze als von einer mit Autorität bekleideten, die jüdische Nation vertretenden, religiösen Behörde (Bet-Din) ausgegangen, deren gesetzgebende Befugnis von der heiligen Schrift, von der Thora, selbst im voraus anerkannt sei, daß man von ihren Vorschriften weder rechts noch links abgehen dürfe57. Für die Praxis sei daher der Unterschied von geringer Bedeutung, ob ein Gesetz biblisch oder rabbinisch sei; beide Gattungen müßten mit gleicher Gewissenhaftigkeit beachtet werden. Nur aus diesem Umstande, daß ihm das ganze talmudische Judentum nach der praktischen Seite mit einem heiligen, unverbrüchlichen Charakter [295] bekleidet schien, ist es erklärlich, wie er ihm eine so selbstaufopfernde Hingebung widmen konnte, daß er ihm Schritt für Schritt folgte, um die weit auseinanderliegenden Einzelheiten zu einem einheitlichen Ganzen zu ordnen. Maimuni war nicht der Mann, der anders dachte, als er handelte. Die verkörperte Wahrheitsliebe, war ihm nichts so sehr verhaßt, als die Heuchelei, in der Theorie etwas gering zu schätzen und sich ihm aus Rücksichten der Praxis anzubequemen. Er konnte in einer Selbsttäuschung befangen sein, aber nicht ein zwiespältiges Leben führen. Seine gutachtlichen Äußerungen zeugen, welche Verehrung er für das talmudische Judentum hegte, mit welcher Gewissenhaftigkeit er es behandelte. Sein talmudischer Kodex muß daher als ein Ausfluß seiner tiefsten Überzeugung betrachtet werden, oder er bleibt rätselhaft. In größter Unbefangenheit erzählt er von sich, daß er mit eigener Hand nach talmudischer Bestimmung die Thorarolle für sich abgeschrieben und am Vorabend des Trauertages zum Andenken an den Fall Jerusalems weiter nichts als trockenes Brot und Wasser genossen habe58. Es ist wohl nicht erfunden, was seine eigenen Enkel von ihm erzählen, daß Maimuni sich Gewissensbisse über seinen Aufenthalt in Ägypten gemacht habe, weil es nach talmudischer Vorschrift einem Sohn Israels nicht gestattet sei, auch nur zeitweilig in diesem Lande zu wohnen. In jedem Briefe habe er zu seiner Unterschrift die Worte hinzugefügt »der Unglückliche, der gezwungen ist, täglich ein dreimal verschärftes Verbot zu übertreten«59. Sein Privatleben war ganz vom talmudischen Judentum durchweht und getragen. Er kannte nichts Höheres als ein Talmudbeflissener (Talmid Chacham) zu sein, und zwar im vollen Sinne des Wortes, und stellte an einen solchen die strengsten Ansprüche der Sittlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Selbstlosigkeit.

Maimuni hat allerdings durch seinen Religionsko dex dem rabbinischen Judentum einen festen Halt gegeben. Auf der anderen Seite hat er es aber auch in feste Bande geschlagen. Vieles, was im Talmud selbst noch flüssig und deutbar ist, hat er zu einem unangreifbaren Gesetz erstarren lassen. Wie er in das Judentum Glaubensartikel eingeführt hat, welche mit dem Denken das Denken beschränken sollten, ebenso hat er mit seinem kodifizierenden Abschließen der Gesetze dem Judentum die Bewegung geraubt. Ohne Rücksicht auf die Zeitlage, in welcher die talmudischen Bestimmungen entstanden sind, stellte er sie als für alle Zeiten und auch unter veränderten Umständen verbindlich hin. Maimuni [296] war darin viel strenger als die Toßafisten, welche einem allzu scharfen talmudischen Gesetze die Spitze abbrachen, indem sie in tief eingehender Ergründung desselben herausbrachten, es sei gar nicht für anders geartete Zeiten anwendbar. Hätte Maimunis Kodex die Alleinherrschaft behauptet, wie es anfangs den Anschein hatte, und den Talmud aus dem Kreise der Lehrhäuser, der Religionsbehörden und der jüdischen Gerichtshöfe verdrängt, so wäre das talmudische Judentum ungeachtet des Gedankenstoffes und der wissenschaftlichen Behandlung, die Maimuni dazu getan hat, einem Versteinerungsprozeß verfallen, welcher üble Folgen hätte herbeiführen können.


Fußnoten

1 Die kritische Ermittlung dieses Datums in Geigers Zeitschrift II S. 127ff. – Kaum lohnte es sich, über die Aussprache des Namens ןומימ ein Wort zu verlieren, wenn nicht Kleinigkeitskrämer es zum Gegenstande der Gelehrsamkeit gemacht hätten. Nun, der Name ist nicht hebräisch, sondern arabisch. Wenn nun kompetente Arabisten, wie de Sacy, Munk, Dozy und andere ihn Maimun aussprechen, so muß die Stimme der minorum gentium schweigen. Die spanischen Araber haben allerdings den Laut Dhamma o ausgesprochen; da aber die Aussprache der orientalischen Araber allgemein rezipiert ist, so hat man kein Recht, eine gewissermaßen provinzielle Lautung vorzuziehen. Indessen reimt auch ein jüdisch-spanischer Dichter: ןומימ mit ןומא.


2 Leo Afrikanus, der seine Nachrichten aus arabischen Quellen schöpfte, berichtet: et maluit Moise ben Maimon aufugere cum suis in Elmeria. Wenn auch der Zug unhistorisch ist, daß Maimuni daselbst dem verfolgten Philosophen Averroes Asyl gegeben habe, so ist doch wohl sein Aufenthalt in Almeria nicht ohne weiteres zu verwerfen.


3 Zum Schlusse des Mischnahkommentars bemerkt Maimuni, Gott habe über ihn diese Wanderung verhängt und er sei zu Land und zu Wasser gewandert. Aus dem Umstande, daß er in seinem Mischnahkommentar sehr oft spanische Wörter neben arabischen zur Worterklärung der Mischnah heranzieht, ist zu schließen, daß er diese Sprache ebenfalls verstand und also auch im christlichen Spanien gelebt hat.


4 More Nebuchim II. 9, 24; Munk in Archives israélites 1851 p. 326 Note.


5 Kommentar zu Synhedrin X, 1; zu Abot I. gegen Cnde; vgl. Tur Orach Chajim No. 560 Ende.


6 Sendschreiben an die Gemeinden der Provence in der Maimunischen Briefsammlung Nr. III.


7 Abgedruckt in Dibre Chachamim des Eliëser Aschkanasi Tunensis.


8 Ende des Mischnahkommentars.


9 Daß Maimuni und die Seinigen Scheinmohammedaner waren, hat zuerst Carmoly (Annalen 1893 S. 325ff.) und dann Munk erhärtet (Notice sur Joseph ben Jehuda und Archives israélites 1851 p. 319ff.). Diese Tatsache steht nach dem jetzt vorliegenden Iggeret ha-Schemad und mohammedanischen Zeugnissen von Zeitgenossen so fest, daß nur die Kritiklosigkeit sie ableugnen kann. Nur ist man nicht genötigt, anzunehmen, die Familie Maimun hätte bereits in Spanien dem Kryptomohammedanismus gehuldigt, vielmehr scheint es, daß sie nur deswegen in diesem Lande umhergewandert ist, um ihre Religion ungefährdet bekennen zu dürfen.


10 Folgt aus Maimuns Ermahnungsschreiben.


11 Einen hebräischen Auszug aus diesem Ermahnungsschreiben hat Edelmann in Chemda Genusa Einl. LXXXIV ff. veröffentlicht unter dem Titel Iggeret ha-Schemad. Es hat in der Überschrift die Autorschaft Maimun ben Joseph und das Datum 1471 Seleucid. Es Mose Maimuni zuzuschreiben, ist Unsinn. Es ist keine Spur von seinem Geiste darin; Geiger irrte, wenn er dieses Schreiben des Vaters mit dem Iggeret ha-Schemad des Sohnes identifizierte (Mose ben Maimon Studien 1. Heft S. 49f.). Sicherlich hat Maimun dieses Sendschreiben bald nach seiner Ankunft verfaßt, nachdem er sich von dem desolaten Zustande der jüdisch-afrikanischen Gemeinden überzeugt hat. Seine Einwanderung ist daher um 1159-1160 anzusetzen.


12 Bewiesen von Munk, Archives israélites a.a.O. S. 326f.


13 Der Titel derselben lautet Iggeret ha-Schemad oder Maamar Kiddusch ha-Schem; die Abhandlung ist abgedruckt in Geigers Mose ben Maimon und in Edelmanns Chemda Genusa.


14 Dshebi zitiert von Munk, Archives israélites a.a.O. 329.


15 Diese und die folgenden Angaben hat Eleasar Askari in seinem Sefer Charedim (Anhang II, Ende S. 83) aus einem Berichte Maimunis erhalten.


16 Jakob von Prag bei Asulaï, Schem ha-Gedolim 139 a.


17 Maimunis Brief an Jephet ben Elia in Dibre Chachamim p. 60 und bei Geiger, Mose ben Maimon, Beilage II.


18 So ist wohl die Nachricht Alkiftis: gemmarum aliarumque hujusmodi rerum mercatura victum quaeritans (bei Casiri, Bibliotheca arabicohispana I. p. 293 a), mit Maimunis eigenen Worten: היה (חאה) אוהו חטבל בשוי יתייה ינאו חיורמו קושב ןתונו אשונ (Brief an Jephet a.a.O.) auszugleichen.


19 Brief an Jephet. Dieses Schreiben kann nicht so spät, mindestens zehn Jahre nach seiner Ankunft in Ägypten, erlassen sein, wie aus der Lesart der Carmolyschen Handschrift (in Dibre Chachamim a.a.O. דע לבאתמ ינא םינש הנומש ומכ הזה םויה) zu schließen wäre. Denn nach einem so langen Zeitraum beklagt man sich nicht über einen Korrespondenten, daß man keinen einzigen Brief von ihm erhalten habe. Auch betrachtet Maimuni in diesem Briefe Ägypten noch als »fremdes Land«, während er im Jahre 1175 bereits eine anerkannte Persönlichkeit war und sich in Ägypten durch seine Wirksamkeit ganz heimisch fühlte. Der Text bei Geiger hat die Zahl »acht Jahre« nicht. Man darf da höchstens ergänzen: שלש. – In dem Ertrunkenen einen andern als David zu erblicken, etwa Ibn-Almoschat, ist ganz ungerechtfertigt, denn dieser lebte noch 1191. Der Brief an Jephet müßte demnach etwa nach Maimunis Ankunft geschrieben sein.


20 Alkifti a.a.O.


21 Da Maimuni genau angibt, er habe den Kommentar 1479 Sel. = 1168 vollendet, so muß man mit Rapaport annehmen, daß die Zahl »im Alter von dreißig Jahren« eine Korruptel ist, statt: von 33 Jahren. Von einer zweiten Version, die etwa drei Jahre später vollendet worden, zeigt sich im Werke keine Spur.


22 Über die Bedeutung des maimunischen Mischnahkommentars vgl. Frankels Darche ha-Mischnah oder Hodegetica in Mischnam p. 320ff.


23 Einleitung zum zehnten Abschnitt des Traktats Synhedrin, oder zu Perek Chelek.


24 Iggeret Teman Anfang. Dieses wichtige Sendschreiben nach Jemen ist sicherlich um 1172 abgefaßt (Mose ben Maimon S. 66). Die Abfassungszeit mit Carmoly um 1189 zu verlegen (Josts Annalen II. S. 248), ist auch darum ungerechtfertigt, da in Jemen seit 1182-1183 Saladins Bruder, Saif-ul-Islam Togtekin Gouverneur war, der sicherlich die dortigen Juden nicht verfolgt hat: vgl. Abulfeda, Annales ed. Adler VI. p. 49.


25 Abulfaraǵs Barhebraeus, Chronicon Syriacum Text p. 424f.


26 Folgt aus dem Fragmente in Maimunis Briefsammlung Nr. 7 ed. Amst. p. 17.


27 Abulfeda a.a.O.


28 Von diesen drei Pseudomessiassen ist aus anderen Quellen nichts bekannt.


29 Iggeret Teman ed. Amst. p. 126 d.


30 Nachmanis großes Sendschreiben an die französischen Rabbinen in der Sammelschrift Taalumat Chochma, in der Brünner Ausgabe der Maimunischen Briefsammlung und neuerdings aus einer Handschrift abgedruckt in Frankels Monatsschrift 1860 S. 184ff.


31 Maimunis Sendschreiben an die Provenzalen.


32 Maimunis Briefsammlung p. 51f. und Maimunis Rechtsgutachten (Peer ha-Dor) Nr. 151.


33 Mose Alaschkars Rechtsgutachten Nr. 19. Da R. Ephraim 1177 bereits tot war, so fällt dessen Anfrage an Maimuni vorher.


34 Über die Bescheide an die םירפא 'ר ידימלת vgl. Mose ben Maimon hebr. Beil. VII. Note und Anmerkungen S. 64. Es sind im ganzen 32 Nummern, die in der übersetzt gedruckten maimunischen Gutachtensammlung in Unordnung geraten sind. Die letzte ist Nr. 53 das., welche das Datum 1488 Sel. = 1177 trägt: sie behandelt eine astronomische Frage.


35 In der Gutachtensammlung Nr. 4.


36 Das. Nr. 50 und ausführlicher M. ben Maimon hebr. Beil. a.a.O.


37 Iggeret ha-Schemad, Responsum an den Proselyten Obadia, Briefsammlung p. 44f. verglichen mit Jad ha-Chasaka hilchot Aboda Sara Absch. IX. in den unzensierten Ausgaben und enthalten in Parchis Kaftor p. 33.


38 In der Gutachtensammlung Nr. 152 ist eine Verordnung Maimunis und des Rabbinatskollegiums mitgeteilt, die er nur als anerkannter Rabbiner erlassen haben kann. Die Verordnung trägt ein Datum, das aber jedenfalls korrumpiert ist. Das Datum lautet nämlich 4977 Aera Mundi = 1217, aber in diesem Jahre war Maimuni bereits tot. Zacuto hat dagegen das Datum 4947 = 1187 (Jochasin ed. Filipowski p. 221). Aber auch diese Zahl kann nicht richtig sein; denn es ist unglaublich, daß Maimuni erst nach mehr denn zwanzigjährigem Aufenthalt in Ägypten Anstoß an karäischen Bräuchen innerhalb der rabbanitischen Gemeinden genommen haben sollte. Geiger emendiert die Zahl in 4927 (Zeitschrift II. 132 Note, M. ben M. 58). Allein 1167 war M. in Ägypten selbst noch eine obskure Person, wie aus Benjamins Stillschweigen über ihn hervorgeht. Will man darüber zu einiger Gewißheit gelangen, so muß man die Korruptel in dem Datum der Aera Seleucidarum suchen, deren sich M. bedient. Das erstgenannte Datum würde also lauten: ח"כקת 'א, das bei Zacuto: ח"צת'א. Die Zahl ח ist also jedenfalls festzuhalten. Nun ist das ק im ersten Datum gewiß zu streichen, liest man nun פ statt כ oder צ, was nicht so ferne liegt, so hat man das Datum ח"פת'א 1488 Sel. = 1177. Früher darf man die Verordnung nicht ansetzen, well M. erst in der ersten Hälfte der siebziger Jahre Anerkennung gefunden hat, und später nicht aus dem angegebenen Grunde. – Im Ms. der Responsen sind mit M. noch 9 gezeichnet (M. ben M. a.a.O.).


39 Dieselbe Nummer in der Responsensammlung.


40 Das. Nr. 71 und Briefsammlung S. 45 b ff.


41 Responsa David Ibn-Abi-Simra (Radbas) ed. Livorno Nr 94.


42 In einer Handschrift fand Munk, daß es vollendet wurde 1492 Sel., d.h. wenn man den Monat berücksichtigt 1180. Abschnitt Schemitah ist datiert 1176, die Einleitung 1177 und Abschnitt Kiddusch ha-Chodesch 1178.


43 Sendschreiben an R. Jonathan und an die Gemeinde von Lunel, Gutachtensammlung Nr. 41.


44 Das.


45 Hilchot Talmud Thora I. 12.


46 Auch in den Evangelien wird die Eschatologie nur so aufgefaßt.


47 Hilchot Teschubah VIII. 8.


48 Hilchot Melachim XI, XII.


49 Hilchot Kiddusch ha-Chodesch XVII. 25.


50 Briefsammlung p. 6 b.


51 Tractatus de resurrectione p. 103 b.


52 Einleitung zu Mischneh-Thora und zu S. ha-Mizwot. In dem Schreiben an Pinehas von Alexandrien (das. 18 b) bemüht sich Maimuni, seine Intention abzuschwächen.


53 Einleitung zu S. ha-Mizwot.


54 Ins Hebräische übersetzt von Samuel Ibn-Tibbon, erster Druck Konstant. 1515.


55 Hilchot Mamerim II 1. S. ha-Mizwot Regel 2. Briefsammlung 22 a. Gutachtensammlung Nr. 144 und Einl. zu Mischnah. Die Einwendungen dagegen vgl. Jaïr Chajim Bacharach, Chawot Jaïr No. 192.


56 Briessammlung S. 20f.


57 Hilchot Mamerim II 2f.


58 Hilchot Sefer Thora IX 10, Hil. Taanijot V 9.


59 Parchi, Kaftor c. 5 ed. Edelmann S. 12.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1896], Band 6, S. 298.
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