9. Kapitel. Rundblick. (Fortsetzung.) 1171-1205.

[228] Die Juden in Deutschland und ihr Verhältnis zu den Kaisern. Die Kammerknechtschaft. Die letzte Spur ihrer. Selbständigkeit. Die Verfolgungen. Die rabbinisch-deutsche Schule; Eliëser von Metz. Jehuda der Fromme von Regensburg. Der Martyrologe Ephraim von Bonn. Der Minnesänger Süßkind von Trimberg. Petachja, der Tourist. Die Juden Italiens. Papst Alexander III. Die Juden im byzantinischen Reiche. Die Gemeinden in Syrien und Palästina. Die Bagdader Gemeinde. Das erneuerte Exilarchat. Der Exilsfürst Samuel Chasdaï. Die Moßuler Gemeinde. Die kriegerischen Juden in Adherbeig'an. Der Pseudomessias David Alrui. Die kriegerischen jüdischen Stämme um Nischabuhr. Die Gemeinde von Susa und das Danielgrab. Die Juden in Indien. Die freien jüdischen Stämme in Arabien. Der Exilsfürst Daniel und das Schulhaupt Samuel ben Ali. Tataren als jüdische Proselyten. Das Grabmahl des Propheten Ezechiel als Wallfahrtsort. Esras Grabmal. Die zum Islam abgefallenen Juden, Nathanael Hibat-Allah Abulbarkat, Isaak Ibn-Esra und Samuel Ibn-Abbas. Die Karäer; Jephet ben Said. Die ägyptischen Gemeinden und ihr Oberhaupt (Nagid); Nathanael Hibat-Allah Alǵami. Die karäischen Gemeinden in Ägypten. Die Mose-Synagoge in Dimuh.


Etwas besser daran als die Juden Frankreichs und Englands waren die des damals weit ausgedehnten deutschen Reiches. Die deutschen Völker, von Natur religiöser und darum auch fanatischer als die Franzosen und andere Romanen, machten ihnen zwar öfter das Leben zur Höllenqual; aber da Kaiser und Fürsten ihnen zur Seite standen, konnte der Haß gegen sie nicht durchgreifend wirken. Durch den Beistand, den ihnen Heinrich IV. im ersten und Konrad III. im zweiten Kreuzzuge, so viel in ihrer Macht stand, leisteten, bildete sich die Meinung, daß der deutsche Kaiser Schutzherr der Juden sei, daß wer sich an ihnen vergreife, gewissermaßen eine Verletzung der Majestät begehe und daß sie dafür seine und des Reiches Kammerknechte seien. Friedrich Barbarossa,[228] der mächtigste deutsche Kaiser, der sich Karl den Großen zum Muster nahm, hat wohl zuerst diese Umwandlung der freien Juden in Kammerknechte begonnen1.

Interessant ist die Sage, welche das Verhältnis der deutschen Kaiser zu den Juden im Zusammenhang der Geschichte ausprägt. Bei der Zerstörung Jerusalems durch Titus sei ein Teil der Juden durch Hungersnot, ein Teil durchs Schwert umgekommen und der dritte Teil sei als Sklaven verkauft worden, je dreißig um einen schlechten Pfennig. Diese im römischen Reich Zerstreuten seien Eigentum des römischen Kaisers geworden und sollten Kammerknechte sein. Derselbe habe aber auch zugleich die Pflicht übernommen, sie zu schirmen, als Lohn dafür, daß Josephus, der Parteigänger der Römer, den Prinzen Titus von der Gicht geheilt habe. Rechte und Pflichten der römischen Kaiser gegen die Juden seien durch Karl den Großen auf die deutschen Kaiser übergegangen, und darum seien auch sie die Schirmherren derselben und diese ihre Kammerknechte2. Kammerknechte der Sache nach waren die Juden auch anderswo, in Frankreich und England geworden, d.h. halb und halb Hörige des Königs oder der Barone, und ihre Säckel mußten die leergewordene Kasse ihrer Herren stets von neuem unter einem oder dem anderen Titel füllen. In Deutschland hatten sie aber dafür den wenn auch nur idealen Schutz des deutsch-römischen Kaisers. Es war auch nicht zu verlangen, daß die Nachfolger Vespasians aus dem Hause Teuts dieses Schirmamt über die Juden ganz uneigennützig ausüben sollten. Im Gegenteil, sie brauchten mehr Einnahmen als andere Fürsten, da sie kein Erbland besaßen und von ihren Vasallen sehr knapp gehalten wurden. Es schien also nur gerecht, daß die Juden für den kaiserlichen Schutz dem Kaiser gewissermaßen Taschengeld zu liefern hatten.3

[229] So sehr aber auch die Juden Deutschlands Kammerknechte waren, so waren sie doch im zwölften Jahrhundert nicht aller persönlichen Rechte beraubt. Sie durften noch die Waffen führen, sogar den Zweikampf annehmen. Als Worms belagert wurde, kämpften die Juden gleich den Christen, und die Rabbinen erlaubten sogar am Sabbat die Waffen zur Verteidigung zu gebrauchen4. Sie hatten meistens eigene Gerichtsbarkeit und brauchten nicht vor einem fremden Richter zu erscheinen5. Hin und wieder nahmen einige von ihnen eine höhere Stellung ein. Der tapfere Herzog Leopold von Österreich, der wegen der Gefangennehmung des Königs Richard von England geschichtlich berühmt wurde, hatte einen jüdischen Finanzverwalter Salomo, der trotz des kanonischen Beschlusses des Laterankonzils christliche Dienerschaft halten durfte6. In Schlesien besaßen Juden noch einige Dörfer in der Nähe von Breslau mit den dazu gehörigen Leibeigenen7. Aber je mehr das Verbot, christliche Dienstboten zu halten, durchdrang, desto mehr mußten die Juden ihren Landbesitz nach und nach veräußern, sich in die Städte zurückziehen und dort sich auf Handel und Geldgeschäfte verlegen. Trotz des kaiserlichen Schutzes waren sie oft Mißhandlungen ausgesetzt. Die teuflische Erfindung, daß die Juden Christenblut brauchten, fand auch in Deutschland und hier noch mehr als anderswo Glauben, und wo immer ein christlicher Leichnam gefunden wurde, legten Volk und Fürsten den Mord ihnen zur Last. Ein Schiff, das Juden führte, war von Cöln nach Boppard gefahren und hinter ihm her segelte ein anderes mit christlichen Passagieren. Diese fanden bei Boppard eine tote christliche Frau, und alsbald hatten sie die Gewißheit, daß die Juden des ersten Schiffes sie erschlagen hätten, packten darauf viele von ihnen und stellten an sie die Forderung, sich taufen zu lassen und auf ihre Weigerung stießen sie dieselben in die Fluten des Rheins. Einen unter ihnen, Juda ben Menahem, schleiften sie von Stadt zu Stadt (Herbst 1197). Aber nicht bloß die Juden auf dem Schiffe, sondern sämtliche in der Umgegend sollten dafür büßen und sie waren genötigt, ihr Leben durch hohes Lösegeld loszukaufen. Der Kaiser Friedrich Rotbart ließ sich deswegen fünfhundert Mark Silber, der Erzbischof Philipp, Graf von Heimsberg, zweiundvierzigtausend von den Gemeinden seines Sprengels zahlen. Die reiche Gemeinde von Bonn [230] allein mußte vierhundert Mark beitragen8. Der Bischof Philipp war überhaupt gegen die Juden nicht am besten gesinnt und verfuhr ohne Erbarmen gegen sie. Als daher der Kaiser Friedrich den Kreuzzug antreten wollte, ließ er ihn zum Reichstag nach Mainz entbieten und der Bischof mußte einen Reinigungseid ablegen, daß er Juden und Kaufleute nicht hart behandelt habe (1188)9. In den Landfrieden, den der Kaiser vor sei nem Zuge nach dem Morgenlande anordnete, waren auch die Juden eingeschlossen. Den Geistlichen und Mönchen legte er ans Herz, das Volk nicht gegen die Juden zu hetzen; aber Gelder mußten diese doch zum Kreuzzuge hergeben10.

Trotzdem wiederholte sich unter Friedrichs Nachfolger, Heinrich VI., eine gräßliche Szene in der Rheingegend. Ein geisteszerrütteter Jude hatte in einem Anfall von Raserei einem christlichen Mädchen in Neuß vor den Augen vieler Anwesenden den Hals abgeschnitten (1. Februar 1194)11. Statt den Unzurechnungsfähigen unschädlich zu machen, [231] töteten die anwesenden Christen nicht nur denselben, sondern auch sechs der angesehensten Gemeindeglieder, darunter auch einen Tossafisten Samuel ben Natronaï, flochten ihre Leichname aufs Rad und stellten sie vor der Stadt aus. Damit sich noch nicht begnügend, verhafteten die Richter nach fünf Tagen, an einem Sabbat, Mutter, Schwester und Oheime des Wahnsinnigen und stellten ihnen die Annahme der Taufe als Bedingung für die Schonung ihres Lebens. Indessen ließ sich nur die Schwester, ein junges Mädchen, die Zwangstaufe gefallen, die Mutter dagegen ertrug alle greulichen Folterqualen um des Glaubens willen und wurde sogar lebendig begraben; ihre Brüder wurden gerädert und zur Schau ausgestellt. Alles dieses geschah mit Wissen des Landesfürsten, des Erzbischofs Adolf von Altenau. Ja, er legte noch den übriggebliebenen Juden von Neuß Strafgelder von 150 Mark Silber auf, und sämtlichen Juden seines Sprengels wurden bei dieser Gelegenheit bedeutende Summen abgepreßt. Dann ließ sich noch der Erzbischof Gelder zahlen für die Gnade, die ausgestellten Märtyrer bestatten zu dürfen. Die Erlaubnis zur Bestattung der unschuldigen Märtyrer wurde erst fünf Wochen später erteilt.

Zwei Jahre später kam ähnliches in Speyer vor (Februar 1196)12 Ein Christ wurde in der Nähe dieser Stadt tot aufgefunden, und der Verdacht des Mordes fiel wie immer auf die Juden. Der Pöbel lief zusammen und nahm seine Rache zuerst an einer jüdischen Leiche, der vor kurzem bestatteten Tochter des Rabbiners Isaak ben Ascher Halevi II.13, Enkels des Tossafisten gleichen Namens (o. S. 144). Sie wurde in ihrer Grabesruhe gestört, nackt auf dem Markte aufgehängt und auf rohe Weise beschimpft. Durch Geldopfer gelang es dem unglücklichen Vater, sie wieder in ihre Ruhestätte zu bringen. Aber tags darauf drangen die Wüteriche in das Haus des Rabbiners, erschlugen ihn und noch acht Juden und legten Feuer an die Gemeindehäuser. Der Bischof von Speyer war mit den Mördern im Einverständnis. Die Gemeindeglieder retteten sich auf den Söller der Synagoge und verteidigten [232] sich so lange, bis ihnen Hilfe von außen kam. Ein angesehener, reicher Jude von Boppard, Chiskija ben Rëuben, mit einem Genossen waren nämlich äußerst tätig, den bedrängten Glaubensbrüdern Rettung zu verschaffen. In der Nacht verließen diese den Söller und wanderten aus; die Christen nahmen darauf Rache an der Synagoge, verbrannten sie, warfen die Thorarollen in den Fluß und plünderten die jüdischen Häuser. Als Otto, Bruder des Kaisers Heinrich VI., Pfalzgraf von Burgund, Nachricht von den in Speyer begangenen Untaten erhielt, rückte er vor die Stadt und zerstörte die dem Bischof und den Bürgern gehörenden Dörfer, Felder und Wälder. Darauf wurden die Rädelsführer und Mörder ergriffen, mußten Sühnegeld an die Juden zahlen und die Synagoge sowie die beschädigten Häuser auf ihre Kosten wieder herstellen. – Sieben Tage nach den Vorfällen in Speyer überfielen einige Christen die Gemeinde von Boppard und töteten acht Mitglieder derselben. Herzog Otto nahm sich wieder der Juden an und ließ zwei der Mörder blenden. Und als Kaiser Heinrich VI. in Boppard war (Anfang Juli 1196), nötigte er die Bürger, an Chiskija 300 Mark Schadenersatz zu zahlen14.

Zur selben Zeit (Juli 1196) fielen ähnliche Mordszenen in Wien vor15. Der Papst und die Kardinäle hatten wieder nach dem schimpflichen Frieden Richards Löwenherz mit Saladin einen neuen Kreuzzug gepredigt und in allen Teilen Deutschlands nahmen Edle und Bürger das Kreuz, darunter auch Friedrich, Herzog von Österreich und seine Untertanen. Ein christlicher Diener des herzoglichen jüdischen Finanzverwalters Salomo (o. S. 230) hatte sich ebenfalls bekreuzt und glaubte damit das Recht erhalten zu haben, seinen jüdischen Herrn bestehlen zu dürfen. Dieser ließ ihn dafür in den Kerker werfen. Sowie die in Wien anwesenden Kreuzfahrer Kunde von der Einkerkerung eines ihrer Mitstreiter durch einen Juden erhielten, vergaßen sie den Dieb in ihm, stürzten sich auf Salomos Haus, ermordeten ihn und fünfzehn Juden mit ihm und befreiten den Gefangenen. Der Herzog war aber gerecht genug, zwei Rädelsführer der Mörderrotte hinrichten zu lassen. – Mehrere Monate später (November 1196)16 begingen wilde Kreuzfahrer noch weniger gerechtfertigte Exzesse in Worms. Sie drangen in das Haus [233] eines friedlichen Talmudisten, Eleasar ben Jehuda17, töteten unter grausamer Mißhandlung seine Frau Dolce, die ihren Gatten und ihre Familie ernährte, seine zwei Töchter, seinen Sohn und seine mit dem Studium beschäftigten Jünger, plünderten seine Habseligkeiten und ließen dem unglücklichen Gatten und Vater nur das nackte Leben. Nur einer der Mörder wurde später hingerichtet. –

Unter solchen drückenden Verhältnissen, da sie keinen Augenblick ihres Lebens sicher waren, konnten es die deutschen Juden zu keiner gedeihlichen Kultur bringen. Sie waren tief religiös, wohltätig, unterstützten einander und die zugewanderten Fremden mit allem, was sie besaßen18; die Religion und der Zusammenhalt der Gemeindeglieder waren die Säulen, an die sich die Schwachen anlehnen mußten; sie waren aber ohne Schwung und ohne Sinn für irgendeinen Wissenszweig. Die einzige Beschäftigung derer, welche geweckten Geistes waren, blieb das Talmudstudium; aber auch darin folgten sie nur der von Raschi und den Tossafisten angebahnten Richtung, ohne darüber hinauszugehen. Diejenigen, welche neben der Geistesschärfung auch ihrem Gemüte geistige Nahrung geben wollten, vertieften sich in eine Art Geheimlehre, deren Sinn und Bedeutung aber uns verschlossen ist. Die namhaften deutschen Talmudisten in dieser Zeit waren R. Eliëser ben Samuel von Metz aus R. Tams Schule, ein Tossafist, der das Bedürfnis fühlte, die jüdische Sittenlehre zu behandeln und die talmudischen Satzungen wieder an die Bibel anzuknüpfen. In diesem Sinne verfaßte er sein Werk (Sefer Jereïm) das nur unvollständig abgedruckt ist19; R. Baruch ben Isaak aus Worms, ein Jünger des Tossafisten R. Isaak des Ältern (o. S. 211), der ein praktisches Werk für die talmudischen Ritualgesetze mit vieler Gründlichkeit und Klarheit verfaßte (1195-1200)20. Endlich R. Jehuda ben Samuel der Fromme (ha-Chassid) aus Worms (st. 1226)21, der gleich seinem [234] Vater sich mit Mystik beschäftigt und ein Werk darüber verfaßt hat. Aus einer unbekannten Ursache verließ er seinen Geburtsort und wanderte nach Regensburg. Jehuda der Fromme war liturgischer Dichter, aber seine Poesien haben keinen besondern Wert. – Einen guten Ruf hatte in dieser Zeit Ephraim ben Jakob von Bonn (geb. 1132, st. um 1200), der zwar nicht Rabbiner von Beruf war, aber darum nicht weniger vertraut mit dem Talmud und außerordentlich sprachgewandt war. Im Alter von dreizehn Jahren während der Verfolgung des zweiten Kreuzzuges mit seinen Verwandten in der Wolkenburg (o. S. 150) eingeschlossen, sah er die Leiden seiner Glaubensgenossen mit eignen Augen und beschrieb sie später nach dem Vorgange des Eliëser ben Nathan (o. S. 146) in einem Martyrologium anschaulich, warm und durchaus unparteiisch. Während der Blutszene in Neuß (o. S. 231f.) hätte auch ihn das Todeslos getroffen, wenn er nicht drei Tage vorher eine Reise nach Cöln angetreten hätte; aber er litt bedeutende Einbuße an seinem Vermögen. Im Alter setzte er sein Martyrologium bis zum Jahre 1196-1197 fort. Ephraim war auch Verskünstler und dichtete mehrere liturgische Stücke und namentlich Klagelieder auf die Leiden seiner Zeit. Poetische Schönheit besitzen seine Dichtungen keineswegs, aber sie sind meistens sehr witzig gehalten durch überraschende Anspielung auf Bibelverse und Talmudstellen. Besonders künstlich ist sein chaldäisches Bußgebet (Ta Schemá), welches trockene Sätze aus dem Talmud für Gemütsverhältnisse in kühnen Wendungen gebraucht. Er hatte eine solche Vorliebe für die Poetanliteratur, daß er die älteren Bestandteile durch einen Kommentar erläuterte.22

Es klingt kaum glaublich, daß das gegen Juden nicht sehr liebevolle Deutschland in dieser Zeit einen jüdischen Dichter in der Landessprache, einen jüdischen Minnesänger erzeugt hat, der in schönen Weisen zu singen, Reim, Versmaß und Strophenbau zu behandeln verstand und so viel Anerkennung fand, daß er in den Dichterkreis ebenbürtig aufgenommen wurde. Süßkind (Suezkint) von Trimberg (einem Städtchen an der fränkischen Saale) hatte sich die Sangweise Walthers von der Vogelweide und Wolframs von Eschenbach angeeignet. In dem nahen Würzburg, wo die Burggrafen von Henneberg die deutsche [235] Dichtkunst liebten und förderten, mag Süßkind seine poetische Bildung empfangen haben (um 1200)23. Er war vielleicht Arzt von Beruf, von seinen Lebensumständen ist aber gar nichts bekannt. Auf der Burg seiner Heimat, auf dem Vorsprung eines rebenbepflanzten Berges, der sich in den Schlangenwindungen der Saale spiegelt, wo die Herren von Trimberg hausten, oder auf der nahen Burg Bodenlaube hat er wohl im Kreise edler Ritter und schöner Frauen beim schäumenden Becher, die Laute in der Hand, seine kunstgerechten Verse vorgetragen und von Geschenken sein Leben gefristet.

[236] Süßkind sang von des reinen Weibes hohem Wert:


»Ihres Mannes Kron' ist das viel reine Weib,

Je mehr ihn wohl ehret ihr wohl werter Leib,

Er, ein seliger Mann, dem die Gute sie bescheret«24.


Er vergegenwärtigte den Rittern, was wahren Edelmannes Wesen sein soll:


»Wer adlig tut, den will ich halten für edel«.


Er spricht von der Freiheit und Unbezwinglichkeit des Gedankens:


»Gedanken niemand kann erwehren den Toren, noch den Weisen

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Gedanken schlüpfen durch den Stein, den Stahl und durch Eisen«25.


Süßkind dichtete auch einen deutschen Psalm:


»König Herr, hochgelobter Gott, was du vermagst,

Du leuchtest mit dem Tage und dunkelst mit der Nacht

Davon die Welt viel Freude und Ruhe hat«26.


Er schilderte den markdurchbohrenden Gedanken an Tod und Vergehen, ironisiert sich selbst in seiner Armut und verschreibt eine Tugendlatwerge. Einst scheinen es ihm die Edelleute, deren Brot er aß, bitter empfinden gelassen zu haben, daß er als Jude nicht zu ihrem auserwählten Kreise gehörte. Seinen Unmut darüber brachte er in schöne Verse, womit er dem Dichten Lebewohl sagt:


»Ich war auf der Toren Fahrt

Mit meiner Kunst zwar,

Daß mir die Herren nicht wollen geben,

Da ich ihren Hof will fliehen,

Und will mir einen langen Bart

Lassen wachsen mit grauen Haaren,

[237] Ich will in alter Juden Leben

Mich fortan vorwärts ziehen,

Mein Mantel der soll sein lang,

Tief unter einem Hute,

Demütiglich soll sein mein Gang,

Und selten mehr singen höflichen Sang,

Seit mich die Herren scheiden von ihrem Gute«27.


Beim besten Willen konnten die Juden die deutsche Poesie nicht pflegen, da die jüdischen Dichter statt des Lorbeers Fußtritte hinnehmen mußten. Auf sich selbst und ihren Kreis angewiesen, stumpfte sich ihr Ohr für den Wohllaut der Sprache ab, und wer weiß, ob die deutsche Poesie dadurch nicht eben so viel verloren hat.

Auch Böhmen trat damals in den Kreis der talmudischen Gelehrsamkeit ein und hat einige Männer jüdischen Wissens erzeugt. Isaak ben Jakob ha-Laban aus Prag nimmt eine Stelle unter den bedeutenden Tossafisten ein; er schrieb einen tief eingehenden Kommentar zu einigen talmudischen Traktaten28. Sein Bruder Petachja machte weite Reisen (um 1175-1190) durch Polen, Rußland, Chazarien, Armenien, Medien, Persien, Babylonien, Palästina. Seine gekürzte Reisebeschreibung (Sibub R. Petachja)29 gibt interessante Notizen über die Juden des Morgenlandes. Endlich wird noch ein R. Eliëser aus Böhmen als eine rabbinische Autorität genannt30. Auch die Juden in den Slawenländern fingen an Anteil an der talmudischen Gelehrsamkeit zu nehmen, die sie später lange Zeit als ein Monopol besitzen sollten. Aus dieser Zeit werden genannt R. Mardochaï aus Polen und R. Isaak aus Rußland, d.h. aus der Gegend von Lemberg31.

[238] Es ist ein Rätsel, daß die italienischen Juden in dieser Zeit fast noch ärmer an Geisteserzeugnissen erscheinen, als die Böhmens und Polens. Selbst auf talmudischem Gebiete haben sie nicht eine einzige Autorität aufgestellt. Wenn man zu R. Tams Zeit sagte: »Von Bari geht die Lehre aus und das Gotteswort von Otranto«32, so war das weiter nichts als ein Kompliment; denn in der Tat haben sie das Talmudstudium in nichts gefördert. Die Zeitlage war ihnen außerordentlich günstig, ebenso günstig wie den Juden Südfrankreichs. Von Verfolgungen weiß die Geschichte aus dieser Zeit nichts zu erzählen, mit Ausnahme eines einzigen Falles, daß die Juden aus Bologna vertrieben wurden (1171)33. Der kluge Papst Alexander III. war ihnen gewogen34 und hatte einen gewandten jüdischen Finanzverwalter an R. Jechiël ben Abraham aus der Familie dei Mansi ('Anawim), einen Neffen jenes Nathan, der als Verfasser des Aruch einen wohlklingenden Namen hat. Bei dem Einzuge dieses Papstes in Rom nach seiner mehrjährigen Verbannung wegen eines Gegenpapstes zogen ihm auch die Juden mit der Thorarolle und mit Fahnen entgegen, und die Jahrbücher verfehlten nicht, solche dem Papste von seiten der Juden erwiesene Ehren zu vermerken35. Sie waren geehrt und hatten keinerlei Abgaben, keine Judensteuer, zu leisten36. Alexanders günstige Gesinnung für die Juden zeigte sich besonders in den Beschlüssen des großen Konzils in der Laterankirche (1179), bei welchem mehr als 300 Kirchenfürsten anwesend waren. Mehrere judenfeindliche Prälaten gedachten bei dieser Gelegenheit gehässige Gesetze gegen das Haus Jakob durchzusetzen. Die Juden, welche Kunde von dem feindseligen Geiste hatten, lebten in banger Besorgnis, und in vielen Gemeinden wurde ein dreitägiges Fasten und Beten angeordnet, damit der Himmel die Bosheit der Menschen vereitele. Was im Innern der großartigen Kirchenversammlung vorging, hat das Ohr der Geschichte nicht vernommen. Aber die endgültigen Beschlüsse legen Zeugnis ab, daß der milde Sinn der Duldung den Sieg über die Verfolgungssucht davongetragen hat. Verboten wurde den Juden auf diesem Konzil lediglich, christliche Dienstboten zu halten oder eigentlich nur ein altes Kirchenverbot erneuert. Dagegen wurde besonders hervorgehoben, daß sie nicht mit Gewalt zur Taufe geschleppt, nicht ohne richterliches Urteil angegriffen, nicht beraubt [239] und nicht in ihren religiösen Feierlichkeiten gestört werden dürfen. Die Beschränkung eines Rechts der Juden, daß fortan auch Christen zum Zeugnis gegen Juden zugelassen werden sollten, was gewiß nur billig ist, wurde durch Gründe entschuldigt, denn es sei doch nicht in Ordnung, daß die Juden, welche eigentlich den Christen untertänig sein sollten und nur aus reiner Menschenliebe geduldet würden, in diesem Punkte einen Vorzug vor den Christen genießen sollten, da doch ihr Zeugnis gegen Christen Gültigkeit habe37. Wie sehr sticht diese Auseinandersetzung ab gegen jenes byzantinische Gesetz und den Beschluß des westgotischen Konzils, daß die Juden kein Zeugnis gegen Christen ablegen dürfen! Nicht etwa war der Geist der Kirche in dem halben Jahrtausend milder geworden, sondern die Juden hatten sich Achtung errungen und darum wagten die Vertreter des Christentums nicht, den Satz zu wiederholen: »Nicht kann der wahrhaft sein gegen Menschen, der gegen Gott, d.h. gegen den christlichen Gott, ungläubig ist.«

In Süditalien, im Neapolitanischen und auf der Insel Sizilien unter der Normannenherrschaft, waren die Juden noch weniger beschränkt. Roger II. und Wilhelm II. bestätigten ihnen ausdrücklich das Privilegium, daß sie, ebenso wie die Griechen und Sarazenen, nur nach ihren Gesetzen gerichtet werden dürfen38. In Messina genossen sie Gleichberechtigung mit den Christen und waren amtsfähig. Ein Günstling, Minister und Admiral des Königs Roger von Sizilien, namens Philipp, hatte eine Zuneigung zum Judentum und besuchte öfter die Synagogen, spendete Öl für deren Beleuchtung und lieferte überhaupt Gelder zur Bestreitung der Gemeindebedürfnisse39. Samen einer höhern Kultur waren damals vielfach in Italien ausgestreut infolge der engen Verbindung mit dem Morgenlande während der Kreuzzüge und der Einwanderung der Griechen und Araber ins Königreich Neapel. Die Juden, welche eine besondere Gewandtheit haben, sich fremde Sprachen anzueignen, sprachen auch, neben der Landeszunge und dem Hebräischen, das Arabische und Griechische40. Der geniale Ibn-Esra[240] hat durch seinen Aufenthalt in Rom, Lucca, Mantua und anderswo eine höhere Auffassung der heiligen Schrift und des Judentums gelehrt. Sein Jünger Salomon ben Abraham Parchon aus Calatajud hielt sich eine Zeitlang in der Universitätsstadt Salerno auf und gab sich Mühe, die Italiener mit den Ergebnissen der hebräischen Sprachforschung und der Bibelexegese bekannt zu machen, »weil sie gar so unwissend in diesen Fächern waren,« und verfaßte zu diesem Zwecke ein hebräisches Lexikon (1160)41. Aber alle diese Anregungen waren für die italienischen Juden ohne Wirkung. Sie blieben in ihrer Unwissenheit, und die jüdische Literaturgeschichte hat bis zur zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts auch nicht das geringste Zeugnis eines Schriftstückes von einem italienischen Juden aufzuzählen. Das Land, von welchem später die Verjüngung der neuhebräischen Poesie ausging, hatte in dieser Periode nicht einen hebräischen Dichter aufzuweisen, wenn nicht etwa ein Joab ben Salomo in Rom identisch ist mit dem Dichter Joab, von dem mehrere liturgische Gebetstücke vorhanden sind, die nicht ganz der Schönheit entbehren42.

Dem Umstande, daß die nord- und mittelitalienischen Städte größtenteils Handel trieben, ist es wohl zuzuschreiben, daß sie nicht so zahlreich von Juden bevölkert waren, als die süditalienischen. Die großen christlichen Handelshäuser, welche im Bürgerrate entscheidende Stimme hatten, mochten die Konkurrenz der Juden nicht zugelassen haben. In Genua wohnten nur zwei jüdische Familien, die vor der Verfolgung der Almohaden in Afrika von Ceuta dahin übergesiedelt waren. Pisa, Lucca, Mantua hatten nur kleine Gemeinden. Die größten bestanden in Rom von 200 Familien und in Venedig von 1300 Seelen, nach einer Liste vom Jahre 115243. Dagegen wohnten in Neapel 500, in Capua 300 Familien, und sie waren wohl gelitten und geehrt. Die neapolitanische Gemeinde hatte einen Vorsteher, R. David, an der Spitze, welcher den Titel Fürst (principino) führte. In Benevent bestand eine Gemeinde von 200, in Salerno von 600, in Trani von 200, in Tarent von 300, in Otranto von 500 Familien. In der Hafenstadt Brindisi wohnten dagegen nur 10 jüdische Familien, welche Färberei trieben.[241] Noch zahlreicher waren die jüdischen Gemeinden auf der Insel Sizilien. In Messina lebten 200 und in der Hauptstadt Palermo 1500 Familien, allerdings verstärkt durch die griechischen Juden, welche König Roger bei seinen Eroberungen dahin verpflanzt hatte, um durch sie den Seidenbau in seinen Staaten heimisch zu machen44.

Wenn man damals von Brindisi über das adriatische Meer setzte, landete man im byzantinischen Reiche. Hier gab es zahlreiche und bevölkerte jüdische Gemeinden, namentlich im eigentlichen Griechenland, in Thessalien, Mazedonien, Thrazien. In Arta (oder Larta) wohnten 100 Familien, deren Vorsteher, kurios genug, Rabbi Herakles hieß, in Lepanto ebensoviel, in Crissa am Fuße des Parnaßberges 200, welche Ackerbau trieben. In Korinth wohnten 300 Familien, in Negroponte 200, in Jabustrissa 100, in Rovinaca ebensoviel, in Armiros 400, in Visseno 100, in Saloniki 500, welche einen eigenen jüdischen Bürgermeister (Ephoros) hatten, der vom griechischen Kaiser eingesetzt war. In Rodosto lebten 400 jüdische Familien, in Gallipoli 200, auf der Insel Mytilene waren 10 Gemeinden, auf Chios 400 Familien, auf Samos 300, auf Rhodus ebensoviel und auf Cypern mehrere Gemeinden, unter denen auch eine, welche den Sabbat nicht mit dem Abend, sondern mit dem Morgen zu feiern begann und bis zum Sonntag Morgen fortsetzte. Die bedeutendsten Gemeinden im griechisch-byzantinischen Reiche waren die von Theben und Konstantinopel, in beiden beinahe 2000 Familien, die letztere hatte noch außerdem 500 Karäer. Die Thebaner Juden waren die geschicktesten Seiden- und Purpurfabrikanten von ganz Griechenland. Es gab unter ihnen auch viele Talmudkundige, die nur die Gelehrten der Hauptstadt als Ebenbürtige anerkannten. Die Juden Konstantinopels wohnten in der Vorstadt Pera, in einem abgeschlossenen Ghetto, das Stenon oder Stanor hieß; es gab unter ihnen reiche Kaufleute, Seidenfabrikanten und Talmudgelehrte. Eine Mauer trennte die Rabbaniten von der karäischen Gemeinde in Konstantinopel.

Wenn das byzantinische Reich in seiner Blütezeit unter Justinian und Alexius die Juden verachtete und demütigte, so war es in seiner Schwäche und Hinfälligkeit, als es in den letzten Zügen röchelte, nicht milder gegen sie gestimmt. Der Grundsatz, welcher in das Gesetzbuch aufgenommen wurde: die Juden und Ketzer sollen zu keiner Kriegscharge, zu keinem Amte zugelassen, sondern aufs äußerste verachtet[242] werden (B. V4 S. 16f.), ist unter allen wechselnden Gesetzen dieses launenhaftesten aller Reiche am strengsten und konsequentesten ausgeführt worden. Die reichen und armen, die guten und schlechten Juden wurden von den Griechen gleicherweise aufs tiefste gehaßt. Kein Jude durfte auf einem Rosse, dem Zeichen des freien Mannes, reiten; nur ausnahmsweise gestattete es der Kaiser Emanuel seinem Leibarzte, Salomo dem Ägypter. Der erste beste Grieche durfte sich herausnehmen, Juden öffentlich zu mißhandeln, oder gar sie als Sklaven zu behandeln; das Gesetz schützte sie nicht. Das von jeher geldgierige Byzanz legte ihnen die drückendsten Steuern auf. Sie erduldeten diese beschimpfende Behandlung mit Märtyrergleichmut, waren darum nichtsdestoweniger mildtätig gegen Arme und reich an Tugenden45. Aber der Geistespflege konnten die griechischen Juden nicht obliegen. Nicht einer ihrer Talmudkundigen hat seinen Namen durch irgendein Werk verewigt. Wohl gab es unter ihnen hebräische Verskünstler, aber ihre Dichtungen waren unschön, »hart wie Laststeine, ohne Geschmack und Duft«. »Sie waren nicht eigen in der Wahl der Wörter, vermischten Blumen mit Dornen, Perlen mit gemeinen Steinen, Weizen mit Unkraut.« So urteilt der sinnige und unparteiische Kunstrichter Charisi von den jüdischgriechischen Dichterlingen der Zeit. Nur den Versen eines einzigen jüdischen Dichters Michael ben Kaleb von Theben gesteht er einige Anmut zu und erklärt es daraus, daß derselbe die Verskunst in Spanien erlernt hatte46.

In Kleinasien, Syrien und Palästina konnte die jüdische Einwohnerzahl einen statistischen Maßstab abgeben für das Verhältnis der Duldung im Christentum und Islam. So weit das Kreuz in diesen Gegenden herrschte, gab es wenige und gering bevölkerte jüdische Gemeinden, wo aber der Islam herrschte, gab es deren viele und diese waren zahlreich bevölkert. In Antiochien, das einem christlichen Fürsten gehörte, lebten nur 10 Familien, fast alle Glasarbeiter; in Lega (Laodicea) 200, in G'ebilé, das den Genuesern gehörte, 150, in Beirut (Berytus) 50, in Saida (Sidon) 10; nur in Tyrus war eine Gemeinde von 400 Mitgliedern, und die Juden besaßen daselbst Äcker und durften sogar Schiffahrt betreiben. An ihrer Spitze stand R. Ephraim (aus Kahira). Dagegen wohnten in Haleb (Aleppo), das durch den großen mohammedanischen Fürsten Nureddin zur zweiten Hauptstadt nächst Bagdad erhoben wurde, 1500 jüdische [243] Familien, und es gab unter ihnen viele wohlhabende und bei Hofe angesehene Männer. Hier lebte der hebräische Dichter Jehuda ben Abbas, der Freund des Dichterfürsten Jehuda Halevi, der wegen des Religionszwanges von Fez hierher ausgewandert war47. Eine große Gemeinde war auch in Hama (Hamat), die aber in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts die meisten Mitglieder durch ein Erdbeben verloren hatte. In der Gegend des alten Palmyra wohnten beinahe 2000 jüdische Familien, deren Männer kriegerisch waren und öfter Fehden mit Christen und Mohammedanern führten. Die Gemeinde von Damuskus zählte 3000 Mitglieder48 und unter ihnen viele gelehrte Talmudisten und einen namhaften, Joseph ben Pilat49, welcher wohl aus Frankreich stammte und mit Abraham ben David von Posquières in gelehrter Korrespondenz stand. In Damaskus gab es auch eine karäische Gemeinde von etwa 200 und eine samaritanische von 400 Familien, die, obwohl sie sich miteinander nicht verschwägerten, doch mit den Rabbaniten in friedlichem Verkehr lebten. – In ganz Palästina, das in christlichen Händen war, wohnten kaum mehr als 1000 Familien. Die größten Gemeinden von 300 Mitgliedern waren damals in Torondelos Caballeros, in Jerusalem und in Askalon, in den wichtigsten Städten Judäas wohnten dagegen nur je 200 Juden. Die jüdischen Bewohner Jerusalems trieben meistens Färberei, die sie von dem christlichen Könige pachteten; sie wohnten am Ende der Stadt, im Westen des ehemaligen Zionsberges. Zwischen 1169 und 1175 wurden sie sämtlich bis auf einen einzigen daraus vertrieben (wahrscheinlich unter dem unmündigen und aussätzigen Schattenkönig Balduin IV.), und dieser einzige mußte die Färbereipacht mit hohen Steuern bezahlen50. Die in Laster versunkenen Christen Jerusalems glaubten, die heilige Stadt werde durch die keuschen Juden entweiht werden. In Askalon wohnten damals 300 Samaritaner-und 40 Karäerfamilien. In Cäsarea, das früher mehrere tausend Juden [244] beherbergte, wohnten damals nur 10 jüdische Familien, aber 200 Samaritaner. Von dieser Sekte wohnten auch viele in ihren Stammsitzen Samaria und Naplus (Sichem), aber kein rabbanitischer Jude unter ihnen. Kleinere Gemeinden von 50 gab es in Tiberias und Ulamma, 20 in Giskala, 22 in Betlehem. in den übrigen Städten zu drei und eine Familie. So war das Erbe Israels Fremden zugewendet. Die jüdischen Bewohner Judäas vegetierten mehr, als daß sie lebten; nicht einmal das Talmudstudium wurde von ihnen gepflegt. Nur Akko hatte einige Talmudgelehrte, einen R. Zadok und R. Jephet ben Elia, die wohl Eingewanderte waren. Überhaupt siedelten gerade in dieser Zeit viele Juden aus Europa und namentlich aus Südfrankreich nach Palästina über, und diese genossen vermöge ihrer geistigen Überlegenheit über die jüdischen Urbewohner eine solche Anerkennung, daß sie diesen den Brauch aufnötigten, das Neujahrsfest zweitägig zu feiern, welches sie bis dahin seit uralter Zeit gleich den übrigen Festen nur eintägig zu begehen pflegten51.

Sähe man lediglich auf die Menge und äußerliche Geltung und nicht auf die Geisteskraft, so müßte man den asiatischen Landstrich an den Zwillingsflüssen Euphrat und Tigris als Hauptsitz des Judentums ansehen. Hier gab es noch immer Gemeinden, die zu Tausenden zählten. Die ehemaligen akademischen Städte Nahardea, Sura, Pumbadita waren zwar verschwunden, an ihrer Stelle hatten sich aber die Gemeinden von Bagdad und Moßul (Neu-Ninive genannt) zu tonangebenden für ganz Asien erhoben. Die Bagdader Gemeinde zählte 1000 jüdische Familien52 mit vier Synagogen und lebte in unangefochtener Ruhe, wie in den besten Zeiten des Kalifats. So frei fühlten sich die Juden dieser Gegend damals, daß sie es wagen durften, den mohammedanischen Ausrufer in einer Moschee in Madain (unweit Bagdad), welcher das Gebet der Juden wegen der Nähe der Synagoge störte in seinem Amte hindern zu wollen53. Der Kalif Mohammed Almuktafi (1136-1160), selbständiger als sein Vorgänger, hatte einen angesehenen und reichen Juden Salomo (Chasdaï?)54 liebgewonnen, räumte ihm wieder die Würde des Exilarchats ein und ernannte ihn zum Fürsten über sämtliche Juden des Kalifats. Der Exilsfürst durfte sich mit fürstlichem Gepränge umgeben, auf einem [245] Rosse reiten, seidene Stickereien und einen Ehrenturban tragen, von einer Ehrenwache sich begleiten lassen und ein offizielles Insiegel führen. Erschien er öffentlich oder begab er sich zur Audienz, so war jedermann gehalten, Juden und Mohammedaner, vor ihm aufzustehen, bei Strafe der Bastonade; ein Herold ging vor ihm her mit dem Rufe: »Machet Platz für unsern Herrn, den Sohn Davids.« Der Exilarch ernannte und bestätigte die Rabbinen, Richter und Vorbeter im Gebiete des Kalifats von Persien bis nach Chorasan und dem Kaukasus hin und bis nach Jemen, Indien und Tibet. Er bestellte diese Beamten durch ein Diplom, mußte aber dafür Ehrengeschenke bekommen. Jeder Jude in diesen Ländern war verpflichtet, ihm eine Kopfsteuer zu zahlen; außerdem hatte er Einnahmen von Marktplätzen und Waren. Einen Teil davon mußte der Exilsfürst jedoch dem Kalifen abliefern. So erhob sich das Exilarchat wieder zum Glanze der Bostanaïschen Zeit. – Auch ein bedeutendes Lehrhaus für das Talmudstudium entstand wieder in Bagdad, dessen Vorsteher sich wieder den Titel Gaon beilegte. Isaak Ibn-Saknaï, der gegen Ende des elften Jahrhunderts von Spanien nach dem Orient eingewandert war (o. S. 63), scheint das Interesse für die talmudische Gelehrsamkeit in diesen Kreisen wieder geweckt zu haben. Der Exilarch Salomo (Chasdaï?) war selbst gelehrt im Talmud. Vorsteher des Lehrhauses, welches wieder eine zahlreiche Zuhörerschaft hatte, war damals R. Ali. Die Stadt Akbara im Kreise Bagdads hatte 10000 Juden, aber sie hatte keine besondere Bedeutung.

Die Gemeinde von Moßul war noch bedeutender, als die zu Bagdad. Sie zählte beinahe 7000 Familien55. Diese Stadt wurde durch den Helden Zenki, den Vater des großen Nureddin – beide der Schrecken der Christen – zur Hauptstadt erhoben, und da Zenki kein Feind der Juden war, so genossen sie unter ihm ausgedehnte Freiheiten. Die arabischen Geschichtsschreiber erzählen folgenden Zug von ihm. Als er einst mit seinem Heere nach der Stadt G'esirad-ul-Omar (am oberen Tigris) kam, wo 4000 jüdische Familien wohnten, die eine noch von Esra erbaute Synagoge zu besitzen glaubten, nahm er in dem Hause eines Juden Quartier. Sein Wirt klagte über die Verarmung der Stadt durch die häufigen Kriegszüge. Darauf verließ Zenki die Stadt und ließ sein Heer vor den Toren in Zelten lagern56. Seine Nachfolger, seine Söhne Saif-Eddin Ghasi (1146 bis [246] 1149) und Kotbeddin (1149-70) hegten dieselbe freundliche Gesinnung gegen die Juden. An der Spitze der Moßuler Gemeinde stand ein Mann, der sich ebenfalls als Nachkömmling des davidischen Hauses ausgab, namens Sakkaï, der infolgedessen den Titel »Fürst« führte. Er teilte aber seine Befugnisse mit einem anderen, namens Joseph, welcher als ein ausgezeichneter Astronom galt, den Ehrentitel »tiefer Kenner des Himmelskreises«57 führte und im Dienste des Fürsten von Moßul stand.

Die jüdischen Bewohner von Neu-Ninive (Aschur) galten als die unwissendsten unter den Juden58, und selbst im Talmud waren sie nicht heimisch. – Nördlich von Moßul im karduchischen Gebirge oder dem Gebirge Haftan gab es viele und reich bevölkerte Gemeinden, die zum Teil unter dem Drucke der Sultane und Persiens standen, zum Teil aber frei lebten und wild waren, wie das Waldgebirge, auf dem sie hausten. Diese freien Juden im Lande Adher-Baiǵan (Aserbeidsan) führten die Waffen, standen mit den dort hausenden, fanatischen Assassinen in freundschaftlichem Verkehr, waren jedermanns Feind, der nicht zu ihren Glaubens- und Bundesgenossen gehörte, stiegen öfter in die Niederung hinab, um Beute zu machen, waren selbst für Angriffe unzugänglich und lebten in naturwüchsiger Ursprünglichkeit, ohne Kenntnis ihrer Religionsquellen. Die Rabbinen, welche ihnen der Exilarch zusandte, nahmen sie an und richteten sich nach deren Aussprüchen. Da trat mit einem Male unter ihnen ein ehrgeiziger und gewandter Mann auf (um 1160), welcher die Kriegstüchtigkeit, den Mut und die Unwissenheit dieser Juden ausbeuten wollte, zu einem Zwecke, der nicht mehr bekannt ist. Dieser Mann, namens David Alrui (Alroy) oder Ibn-Alruchi (Arruchi)59 hat zu seiner Zeit viel von sich reden gemacht und gab in neuerer Zeit einer poetischen Feder Stoff zu einem anmutigen Roman.

Dieser junge Mann aus Amadia, von schöner Gesichtsbildung, hellem Geiste und hohem Mute, hatte sich in Bagdad unter dem Exilsfürsten [247] und Ali tiefe Kenntnisse in Bibel und Talmud, sowie in der arabischen Literatur angeeignet. Bei seiner Rückkehr nach Amadia, das seine Vaterstadt gewesen zu sein scheint, staunten nicht bloß die Juden seine Kenntnisse an, sondern auch der Befehlshaber der Stadt, namens Zain-Eddin faßte eine solche Zuneigung zu ihm, daß er oft mit ihm verkehrte. Die gewaltigen Kriegsunruhen in Asien, die infolge der Schwäche des Kalifats und der Kreuzzüge die Länderstrecken bis nach Kleinasien zum Tummelplatz der verschiedensten Völkerschaften machten, die Geteiltheit der Regierung zwischen dem schwachen Kalifen, seinen Wesiren und Feldherrn, dem seldschukkischen Sultan, dem Atabeken (militärischen Erzieher des Prinzen) und den Emiren, von denen jeder eine eigene Rolle spielte und auf Eroberung und Verstärkung ausging, die Leichtigkeit, mit der sich untergeordnete Personen, wie Nureddin und Saladin, zu gewaltigen Eroberern emporgeschwungen, dieses alles ermutigte David Alrui, seinerseits eine politische Rolle zu spielen. Er wollte aber seine Stammes- und Religionsgenossen, von denen in seiner Nähe manche kriegstüchtig waren, zu Bundesgenossen für seinen Plan gewinnen. Dieses vermochte er nur, wenn er nationale Gefühle wachrufen konnte. David oder Menahem ben Salomon (wie er auch genannt wurde) erließ daher einen begeisterten Aufruf an die Juden Asiens, er sei von Gott erweckt, sie vom Joche der Mohammedaner zu befreien und nach Jerusalem zu führen. Zu diesem Zwecke sollten sie ihn unterstützen, mit den Völkerschaften Krieg zu führen. Er machte auf gewisse Zeichen der Zeit aufmerksam, welche dem Unternehmen einen günstigen Erfolg versprachen, scheint sich aber durchaus nicht als Messias ausgegeben zu haben. Zunächst hatte es David Alrui auf die feste Burg in Amadia abgesehen, die ihm als Stützpunkt für seine Unternehmungen dienen sollte. Zu diesem Zwecke schrieb er an die Juden Adherbaiǵans, Moßuls und Bagdads, sie sollten in großen Massen nach Amadia kommen, und unter ihren Gewändern sollten sie Schwerter oder andere Kriegswerkzeuge tragen. Infolgedessen trafen sehr viele Juden, welche ihn für den verheißenen Messias hielten, zu einer bestimmten Zeit mit verborgenen und geschliffenen Waffen in dieser Stadt ein, und der Befehlshaber schöpfte anfangs keinen Verdacht, weil er glaubte, diese große Menge sei von dem Rufe Alruis als Gelehrten angezogen worden.

An diesem Punkte verläßt uns die Geschichte und wir sind auf die Sage angewiesen, welche den Faden folgendermaßen fortspinnt: Auf eine Einladung des persischen Sultans sei David Alrui vor ihm ohne Begleitung erschienen, habe freimütig gestanden, daß er König [248] der Juden sei und wäre infolgedessen in Taberistan eingekerkert worden. Während der Sultan sich aber beriet, welche Strafe er über ihn und seinen Anhang verhängen sollte, sei Alrui plötzlich in der Ratsversammlung erschienen und habe auf das Erstaunen der Anwesenden geäußert, vermöge seiner Geheimkünste habe er sich aus dem Kerker befreit und er fürchte weder den Sultan, noch seine Diener. Als der Sultan ihn wieder habe ergreifen lassen wollen, habe jener sich unsichtbar gemacht, habe auf diese Weise einen Fluß überschritten, ohne gefangen werden zu können und habe endlich die Strecke von zehn Tagereisen bis Amadia an einem Tage zurückgelegt. Da die Juden den verloren Geglaubten plötzlich wieder erscheinen gesehen, und er ihnen seine Abenteuer erzählt, seien die Machthaber in Schrecken vor ihm geraten, und der Sultan habe den Kalifen beordert, die Vertreter der Judenheit in Bagdad zu bedeuten, falls sie nicht David Alrui von seinem Vorhaben abbrächten, würde er sämtliche Juden seines Reiches über die Klinge springen lassen.

Unter den Juden Bagdads hatte die Schwärmerei für David besonders um sich gegriffen und gab zwei Betrügern Gelegenheit, die unwissende Volksmenge um ihre Habe zu bringen. Sie zeigten angeblich Briefe von dem Helden von Amadia vor, worin die Erlösung auf eine bezeichnete Nacht festgesetzt wurde. Die zwei Betrüger redeten nun den Schwärmern vor, sie würden in jener Nacht sämtlich einen Flug von Bagdad nach Jerusalem antreten, und sie sollten zu diesem Zwecke auf ihre Dächer steigen, grüne Gewänder anziehen und die Stunde erwarten. In sicherer Erwartung der Erlösungsstunde übergaben die Betörten ihre Habe den beiden Männern zur würdigen Verteilung unter die Armen. Die Nacht erschien, die Menge war auf den Dächern in gespannter Erwartung versammelt, Frauen weinten, Kinder schrien, alle bewegten sich ungeberdig, um das Fliegen zu versuchen, bis der Anbruch des Tages ihnen die Augen über ihre Leichtgläubigkeit öffnete. Die Betrüger hatten sich mit dem ihnen anvertrauten Vermögen davongemacht. Die Bagdader nannten diese Zeit »das Jahr des Fliegens (Aom el-Tajâran)« und berechneten fortan die Vorgänge der Zeit nach diesem Ereignisse.

Der Exilsfürst und der Vorsteher des Lehrhauses in Bagdad erachteten es als ihre Pflicht, teils wegen der überhandnehmenden Schwärmerei und teils wegen der angedrohten Strafe, sich an David Alrui zu wenden, und ihn unter Androhung des Bannes von seinem Plane abzubringen. Auch die Vertreter der Gemeinde von Moßul, Sakkaï und Joseph Barihan Alfalach, schrieben ihm in demselben [249] Sinne, bis endlich der mohammedanische Befehlshaber von Amadia dem am meisten daran lag, sich seiner zu entledigen, den Schwiegervater des Alrui gewann, ihn schnell aus dem Wege zu räumen. Dieser tötete ihn im Schlafe, und damit hatte die Bewegung ein Ende. Der Sultan verhängte aber eine Verfolgung über die Juden derjenigen Länder, welche Alrui anhingen, und es kostete dem Exilsfürsten Mühe, seinen Zorn durch hundert Talente Goldes zu beschwichtigen. Wie es in der Regel geht, daß ein Messias nach seinem Tode erst recht Glauben und Verehrung erwirbt, so hingen auch viele Juden der Gemeinden von Khoj, Salmas, Taris und Maragha in Adherbaiǵan dem getöteten Alrui an, nannten sich Menahemisten und schwuren bei seinem Namen.

Ein unabhängiger, kriegerischer jüdischer Stamm wohnte damals östlich von Taberistan in der Landschaft Chorasan auf dem Hochgebirge bei Nischabur. Dieser Stamm zählte viele tausend Familien und wurde von einem jüdischen Fürsten namens Joseph Amarkala Halevi regiert. Diese Juden von Nischabur hielten sich für Abkömmlinge der Stämme Dan, Zebulon, Ascher und Naphtali. Sie trieben Viehzucht in den Tälern und an den Bergabhängen, waren gute Bogenschützen, hatten in ihrer Mitte talmudkundige Männer und standen in Bündnis und friedlichem Verkehr mit den türkischen Horden der Ghusen, welche an den Ufern des Oxusflusses zwischen Balch und Bochara hausten, öfter Kriegszüge machten und der Schrecken der zivilisierten Völker waren. Als die Ghusen einst wieder Verheerungen angerichtet hatten, unternahm der Seldschukkensultan Sinǵar Schah-in-Schah eine Expedition gegen sie (1153). Sein Heer verlor aber den Weg in den Wüsteneien und verminderte sich durch Hunger und Erschöpfung von Tag zu Tag mehr. Endlich kam Sinǵar in das Gebiet der freien Juden und verlangte von ihnen Nahrungsmittel und freien Durchzug zum Gebiet der Ghusen. Die Juden entgegneten darauf, sie seien niemandem weiter Gehorsam schuldig als ihrem eigenen Fürsten und seinen Bundesgenossen, den Ghusen, und sie würden deren Feinde als ihre eigenen Feinde behandeln. Schon rüsteten sie sich zum Kampfe, als Sinǵar ihnen melden ließ, wenn sie seine Wünsche nicht befriedigten, würde er bei seiner Rückkehr sämtliche Juden seines Landes hinrichten lassen. Diese Drohung machte Eindruck. Die Führer der Juden gingen darüber zu Rate, und der Beschluß war, das Heil der fernen Brüder nicht aufs Spiel zu setzen, sondern dem Seldschukkenheer Lebensmittel zu reichen, zugleich aber auch den Ghusen einen Wink von der ihnen drohenden [250] Gefahr zu geben, damit sie gerüstet seien. Infolgedessen wurde Sinǵars Heer, das weiter vordrang, von den türkischen Horden geschlagen, und der Führer selbst geriet in ihre Gefangenschaft, in der er drei Jahre zubringen mußte. Ein Jude von diesem freien Stamme, namens Mose, wurde in diesem Kriege von einem Perser verlockt, sein Vaterland zu verlassen und sich ihnen anzuschließen. In der Hauptstadt Isfahan angekommen, wurde dieser Mose von dem schlauen Perser zum Sklaven erklärt. Bei Gelegenheit eines Wettschusses zeichnete sich Mose aber in der Handhabung des Bogens so sehr aus, daß er vor den Sultan geladen wurde. Dort fand er Gelegenheit, von dem betrügerischen Verfahren des Persers gegen ihn zu erzählen, erhielt seine Freiheit wieder und wurde reich beschenkt. Der Sultan eröffnete ihm die Aussicht auf eine hohe Stellung, wenn er zum Islam übertreten wollte. Allein Mose blieb seiner Religion treu und erhielt die Tochter eines der angesehensten Juden von Isfahan zur Frau60. – Die Gemeinde von Isfahan zählte damals 15000 Juden und an ihrer Spitze stand R. Sar-Schalom, welcher vom Exilsfürsten zum Rabbinen über sämtliche Gemeinden Persiens ernannt war. In der zweiten persischen Stadt, in Hamadan, soll es 50000 Juden und in Schiras 10000 gegeben haben. In der ehemaligen Stadt Susa, damals Tuster genannt, gab es (um 1170) noch 7000 Juden, welche an beiden Seiten des Flusses wohnten. Die Gemeinde hatte vierzehn Synagogen, und bei einer derselben zeigte man das Grab Daniels. Da nun auf der einen Seite des Flusses die Märkte der Stadt lagen, und die andere von allem Verkehr entblößt war, die Juden auf jener Seite also wohlhabender waren, als die diesseitigen, so schrieben die letzteren ihre Armut dem Umstande zu, daß sie nicht im Besitze des Danielgrabes seien, und verlangten dessen Sarg. Jene mochten ihn aber nicht freiwillig missen; es entstanden daher Fehden und blutige Kämpfe zwischen den zwei Gemein den, bis eine Einigung zustande kam, daß der Sarg abwechselnd ein Jahr in dem diesseitigen und das andere im jenseitigen Stadtteile weilen sollte. Mit vielem Pomp, unter Begleitung der jüdischen und mohammedanischen Bevölkerung wurde die jedesmalige Übersiedlung des Sarges bewerkstelligt. Als einst der Sultan Sinǵar nach Susa kam und die Prozession der Übersiedlung gewahrte, fand er es unwürdig, die Gebeine des Frommen solchergestalt zu stören, und befahl, den Sarg in gleicher Entfernung von beiden Stadtteilen anzubringen. Da nun der Fluß die Mitte bildete, [251] so wurde der Sarg an Ketten hängend angebracht, und unter demselben wagte niemand zu fischen61. Indessen vermochte der Danielsarg die Gemeinde nicht zu schützen. Zur Zeit als Petachja aus Regensburg dort war (um 1180), wohnten nur zwei Juden als Färber in Susa. Die Veranlassung ihrer Verminderung ist nicht bekannt.

Während es im Norden des Schwarzen Meeres und auf der Krim nur Karäer gab, welche in grauenhafter Unwissenheit lebten, von der rabbanitischen Lehre, als ihrem Gegensatze, gar keine Ahnung mehr hatten, vor dem Sabbat sogar das Brot klein schnitten und am Abend des Sabbats im Dunkeln weilten, waren die Rabbaniten verbreitet bis Chiwa, wo eine Gemeinde von 8000 Familien wohnte, und bis Samarkand, welche 50000 Juden zählte, an deren Spitze R. Obadia stand. Von den Gemeinden in Indien berichtet der Reisende dieser Zeit nur, daß es daselbst Juden von schwarzer Hautfarbe gebe, daß sie zwar streng religiös lebten, aber vom Talmud nur geringe Kenntnisse hätten. Manche indischen Gemeinden kannten vom Judentum nichts weiter, als die Sabbatfeier und die Beschneidung, welche sie aus Gewohnheit beobachteten62. Auf der Insel Kandy (Ceylon) soll es in dieser Zeit 23000 Juden gegeben haben. Sie waren dort allen übrigen Einwohnern gleichgestellt. Der König dieser Insel hatte sechzehn Wesire, vier von seiner eigenen Nation und eben so viele von Juden, Mohammedanern und Christen63. In Aden, dem Schlüsselhafen zum Arabischen und Indischen Meere, war eine zahlreiche jüdische Gemeinde, welche unabhängig lebte, eigene Burgen hatte, Kriege mit den Christen von Nubien führte und mit Ägypen und Persien in Verbindung stand.

In Arabien gab es ebenfalls jüdische Gemeinden, obwohl sie der erste Kalif verbannt hatte (B. V4, S. 119). Freilich durften sie nicht in den den Mohammedanern heiligen Städten Mekka und Medina wohnen, und es mag sie auch nichts dahin gelockt haben. Denn diese Städte waren in dem halben Jahrtausend seit Mohammed ganz unbedeutend geworden. Dagegen bestanden jüdische Gemeinden in dem fruchtbaren und handelsreichen Jemen und in den Wüstenstrichen Nordarabiens. In Jemen wohnten zwar nur ungefähr dreitausend Juden, die wegen des lebhaften Verkehrs mit den Nachbarländern gar nicht ungebildet waren und Talmudkundige in ihrer Mitte [252] zählten. Der Gelehrteste unter ihnen war R. Jakob ben Nathanael Ibn-Alfajumi. Die jemensischen Juden galten als wohltätig; »ihre Hand ist jedem Wanderer entgegengestreckt, ihr Haus ist für Fremde weit geöffnet, bei ihnen findet jeder Müde Ruhe«64. Zahlreicher dagegen waren die Juden in Nordarabien, die wiederum, wie vor Mohammed, unabhängige, kriegerische Stämme bildeten, Burgen besaßen, teils Ackerbau und Viehzucht trieben und teils in Karawanen auszogen, um Waren zu transportieren oder nach Beduinenart Wanderer zu überfallen und auszuplündern. Ihre Zahl soll sich auf 300000 belaufen haben, was gewiß übertrieben ist. Eine Hauptgruppe wohnte in Taima und hatte einen eigenen jüdischen Fürsten namens Chanan, der sich davidischer Abkunft rühmte. Sie hatten in ihrer Mitte Asketen, welche von den Karäern das düstere Wesen entlehnt hatten, keinen Wein und kein Fleisch zu genießen, überhaupt die ganze Woche, mit Ausnahme der Sabbate und Feiertage, zu fasten, in Höhlen oder schlechten Häusern zu wohnen, sich schwarz zu kleiden und sich »Trauernde um Zion« zu nennen (B. V4 S. 269). Die Grund- und Viehbesitzer verabreichten diesen Frommen und Talmudbeflis senenden Zehnten von ihrem jährlichen Ertrage. Eine zweite Gruppe der arabischen Juden wohnte in der Gegend von Talmas und hatte ebenfalls einen Fürsten namens Salomo, Bruder des Chanan von Taima. Dieser wohnte in der alten Hauptstadt Sanaa (Tana)65, wo er ein eigenes, festes Schloß hatte. Auch unter ihnen gab es Asketen, welche vierzig Tage im Jahre fasteten, um die Erlösung aus der Zerstreuung herbeizuführen. Eine dritte Gruppe bewohnte die Landschaft Chaibar, etwa 50000, und diese waren am kriegerischsten, hatten aber auch Talmudkundige in ihrer Mitte. Die Sage war auch damals noch verbreitet, daß die chaibarensischen Juden Reste ehemaliger israelitischer Stämme Gad, Rëuben und Halbmanasse seien. Auch die halbarabischen Städte Wasit, Baßra und Kufa hatten zahlreiche jüdische Gemeinden, die erste mit 10000, die zweite mit 2000 und die dritte mit 7000 Mitgliedern.

Sowie ein großer Teil von Asien vom Mittelmeer bis zum Indus und Arabien dem abbassidischen Kalifen von Bagdad huldigte, so standen auch die Juden dieser Länderstrecken unter dem Exilsfürsten [253] von Bagdad. Der zweite Exilarch, welcher wieder mit Glanz umgeben war, hieß Daniel, Sohn des Salomo (Chasdaï, fungierte 1165 bis 75), der bei den Kalifen Almustanǵid und Almustadhi ebenso angesehen war, wie sein Vater bei Almuktafi. Unter Daniel erhob sich das talmudische Lehrhaus von Bagdad zu einer Höhe, welche an die alten Zeiten der Amoräer und Gaonen erinnerte. Es verdankt seinen Aufschwung einem Manne, welcher berufen war, am Ausgang des zwölften Jahrhunderts eine Rolle zu spielen. Samuel, Sohn jenes Rabbinen Ali Halevi von Bagdad (o. S. 246), der seinen Stammbaum bis zum Propheten Samuel hinaufführte, besaß tiefe Kenntnisse im Talmud, wie nur wenige in Asien. Aber da er mit den Fortschritten des Talmudstudiums, wie es in den Schulen Spaniens und Frankreichs betrieben wurde, unbekannt war, so blieb er am Buchstaben kleben und konnte sich nicht zu einem eigenen Urteil darüber erheben. Samuel ben Ali hatte zwar auch einen Anflug von philosophischer Bildung, stand aber damit um drei Jahrhunderte zurück, noch ganz auf dem Anfängerpunkte der Mutaziliten, wußte nichts von den Fortschritten Ibn-Sinas, Alghazalis und nicht einmal von der Höhe der Philosophie seiner spanischen Religionsgenossen, von Ibn-G'ebirol, Jehuda Halevi und Abraham Ibn-Daud66. In seinem beschränkten Gesichtskreise war er nichtsdestoweniger auf sein Wissen sehr eingebildet, überhaupt hochmütig und ehrzeizig. Es scheint, daß Samuel ben Ali den pomphaften Titel Gaon annahm, um auf diese Weise seinem Lehrhause die Suprematie über die ganze Judenheit zu verschaffen. Zweitausend Jünger wohnten seinen talmudischen Vorträgen bei; ehe sie aber zu seinen Vorlesungen zugelassen wurden, mußten sie sich Vorkenntnisse bei einem anderen Talmudisten angeeignet haben. Auf einer Art Thron, gekleidet in Gold und Stickereien, saß Samuel ben Ali beim Vortrage und führte wieder die alte Weise ein, daß er nicht selbst zu den Zuhörern sprach, sondern zu einem Dolmetsch (Meturgeman), der das Vernommene erläuterte67. Neben ihm gab es noch neun Männer, welche zugleich Vorträge hielten und Recht sprachen. Aber Samuel ben Ali wurde zugleich als Appellationsrichter betrachtet, und jeden Montag saß er zu Gerichte, umgeben von den Neunmännern, die ein untergeordnete Stellung ihm gegenüber einnahmen.

Als der Exilsfürst Daniel starb, glaubte Samuel die Zeit günstig, sich die höchste Würde und Macht über die asiatischen Gemeinden anzueignen. [254] Daniel hinterließ nämlich keinen männlichen Erben, und um das Exilarchat stritten sich zwei Neffen, David und Samuel, beide in Moßul. Während diese sich aber Mühe gaben, die politischen Machthaber und die Gemeinde für ihre Sache zu gewinnen, setzte sich Samuel ben Ali tatsächlich in den Besitz der religiösen und richterlichen Macht. Er ernannte selbständig Rabbinen, Richter und andere Funktionäre, zog die Abgaben der Gemeinden an sich und lieferte den Anteil davon an die Staatskasse. Sein Insiegel wurde mehr respektiert, als das der exilarchatischen Prätendenten. Reisende erhielten durch seinen Namen Schutz und Zutritt zu allen Sehenswürdigkeiten. Die politischen und Gemeindebeamten kannten nur Samuel ben Ali, den Vorsteher des Lehrhauses, den Gaon von Bagdad. Er wußte aber auch seine Würde durch kräftige Mittel zu behaupten. Sechzig Sklaven waren stets seines Winkes gewärtig, um demjenigen die Bastonade zu geben, der ihnen von ihrem Herrn bezeichnet wurde. In Bagdad besaß er ein palastähnliches Haus und in der Nähe der Hauptstadt einen großartigen Lustgarten. Samuel ben Ali beherrschte also damals die jüdisch-asiatischen Gemeinden von Damaskus bis Indien und vom Kaspisee bis Arabien. Als Kuriosität galt seine Tochter, welche so gelehrt in Bibel und Talmud war, daß sie vor jungen Leuten Vorträge hielt, aber so, daß sie von den Zuhörern nicht gesehen werden konnte68.

Unter diesem Schulhaupte kamen Boten von einem heidnischen Volke, von den moschischen Bergen69 in Armenien (Tataren?), welche jüdische Religionslehrer für ihr Land wünschten, die das Volk im Judentum unterrichten sollten, da sieben Fürsten die Annahme des [255] jüdischen Bekenntnisses beschlossen hatten (um 1180-85). Der Reisende R. Petachja aus Regensburg, welcher diese Nachrichten überlieferte und ein glaubwürdiger Zeuge war, sah die Gesandten von den moschischen Bergen mit eigenen Augen. Arme Gesetzeskundige von Babylonien und Ägypten entschlossen sich, zu dem Proselytenvolke in weiter Ferne sich zu begegeben und es in Bibel und Talmud zu unterrichten.

Der Stand des Judentums in Asien war damals sehr, sehr niedrig. Ohne höhere Kenntnis, ohne Bewußtsein, ohne Geist und Schwung erfüllten die Juden Asiens, Gelehrte wie Ungelehrte, die religiösen Satzungen und Pflichten auf ganz äußerliche und mechanische Weise70. Selbst Talmudkundige dachten sich das göttliche Wesen in körperlicher Gestalt mit Gliedmaßen, Augen und Bewegung. So sehr hatten die Agadas und das Buch von den »Maßbestimmungen der Gottheit« (Schiur Komah, Bd. V4, S. 216) den gesunden Sinn verdreht, daß er das Reingeistige gar nicht zu fassen vermochte, und so durchdrungen waren diese Verkörperer von ihrer verkehrten Anschauung, daß sie diejenigen, welche einen geistigen Gottesbegriff behaupteten, als Ketzer und Gottesleugner betrachteten. – Von den Mohammedanern und Christen hatten die asiatischen Juden die Sitte angenommen, zu den Gräbern frommer Männer zu wallfahrten. Ein Hauptwallfahrtsort war das Grab des Propheten Ezechiel in der Gegend der Stadt Kufa.

70000 bis 80000 Juden kamen alljährlich im Herbste, von Neujahr bis zum Versöhnungsfeste oder Hüttenfeste, um an dem vermeintlichen Grabe des Propheten des Exils zu beten; unter ihnen auch der Exi larch und die Vorsteher des Lehrhauses von Bagdad. Der Glaube war, daß es sich südlich von Hilla in der Nähe des Euphrat befinde. Das Grabmal war durch eine Wölbung aus vergoldetem Zedernholz geschützt und mit prachtvollen Tapeten geschmückt. Dreißig Lampen brannten dort Tag und Nacht. Neben dem Grabmale befand sich eine schöne Synagoge, welche als ein Tempel im kleinen betrachtet wurde, angeblich vom König Jojachin und dem Propheten erbaut. In dieser Synagoge zeigte man eine Thorarolle von bedeutender Größe, von der die damalige Zeit glaubte, daß sie von der eigenen Hand des Propheten geschrieben worden sei; am Versöhnungstage wurde daraus vorgelesen. Ein besonderer Raum (Ginze) war für Bücher bestimmt. Synagoge und Grabmal waren von einer Mauer mit Türmen eingeschlossen. [256] die eine niedrige, enge Pforte hatte, die sich aber zur Zeit der Wallfahrt erhöhte und erweiterte, wie der Volksglaube annahm. In dem Raume innerhalb der Mauer pflegten die Wallfahrer ihre Lauben zum Hüttenfeste aufzuschlagen. Sie waren an diesem Grabe nicht bloß andächtig, sondern auch lustig gestimmt. Die Tage nach dem Versöhnungsfeste waren festlicher Stimmung und festlichen Mahlen geweiht. Da auch die Mohammedaner das Grab verehrten, sogar die wilden Karmaten, welche in der Gegend hausten und bei dem Gotte Cheskels schwuren, die Gegend also ein friedliches Asyl bildete, so entstand nach und nach dort ein Jahrmarkt (Pera) mit Krambuden und eine Stadt (Kabur Kesil)71. Samuel ben Ali erzählte dem Reisenden Petachja, daß in früherer Zeit eine Feuersäule Ezechiels Grabmal deckte und einst plötzlich durch das unanständige Benehmen einiger Wallfahrer erloschen sei. Die Spenden zur Unterhaltung dieses Mausoleums fielen so reichlich aus, daß man von dem Überschusse Talmudjünger unterhalten und mannbare Waisen ausstatten konnte.

Ein anderer Wallfahrtsort war das vorgebliche Mausoleum des Schriftkundigen Esra. Obwohl dieser große Restaurator des Judentums nur in Judäa wirksam war, so verlegt die Sage doch dessen Grab in die Nähe des Tigris bei Nahar-Samara (bei dem heutigen Korna), wo er auf einer Reise zum König Artaxerxes gestorben sein soll. Auch dieses Grabmal bestand aus einer Kuppel, woran auf der einen Seite eine Synagoge und auf der anderen eine Moschee stieß. Denn auch dieses Grab verehrten die Mohammedaner gleich den Juden, schenkten Spenden zu dessen Unterhaltungskosten und wallfahrteten dahin. Die Entstehungsgeschichte dieses Wallfahrtsortes ist voll von Wundern: Ein mohammedanischer Hirte schlief auf einem Hügel, und ihm erschien Esra und sprach zu ihm die Worte: »Bedeute den Sultan, daß er meine Gebeine durch Juden an den und den Platz versetzen möge, sonst würden viele aussterben.« Auch soll das blinde Auge des Hirten wieder hell geworden sein, wie ihm im Traum angegeben war. Da nun eine Seuche entstanden war, habe der Sultan (um 1060) den Hügel aufgraben lassen, und man habe einen eisernen Sarg mit Marmorstein, versehen mit der Inschrift »Esra«, entdeckt und den Sarg nach Nahar-Samara gebracht; der Platz behielt seit der Zeit den Namen Al-Azer. Es entstand eine Stadt dabei, worin 1500 jüdische [257] Familien wohnten. Auf diesem Grabe bemerkte man von Zeit zu Zeit hellrote Flammen aufsteigen, die ein solches Licht verbreiteten, daß sie die Nacht in Tageshelle verwandelten. Die Ungläubigen und Karäer erklärten aber diese Erscheinung auf natürliche Weise, durch asphaltartige Stoffe aus der Erde, deren Ausdünstungen sich durch die Luft entzündeten72.

Wie die katholische Kirche, so zeigten auch die Juden Asiens Reliquien: den Baum, woran sich die Engel bei Abraham lehnten, in drei Teile auseinandergehend, und den Stein, worauf sich Abraham beschnitten. Alle diese Wundermärchen entstanden erst durch die Verkümmerung des Judentums, nach dem Untergange des Gaonats. Möglich, daß dieser Verfall dazu beitrug, daß in dieser Zeit Übertritte gebildeter Juden zum Islam vorkamen.

Ein Apostat war ein berühmter Arzt in Bagdad, Nathanael, mit dem arabischen Namen Abul-Barkat Hibat-Allah73 ben Malka, einer der drei medizinischen Koryphäen im mohammedanischen Reiche, die gleichen Namens und verschiedener Religion waren. Der jüdische Hibat-Allah wurde wegen seiner außerordentlichen Leistungen »der einzige seiner Zeit« (Wachid-al-Zeman) zubenannt. Nächst der Heilkunde war dieser mit der Philosophie und der hebräischen Sprachkunde vertraut und verfaßte als Jude einen Kommentar zum Prediger (Kohelet). Ein Sohn des wanderungslustigen Ibn-Esra, namens Isaak, der seinen Vater auf Reisen begleitet hatte und in Bagdad zurückgeblieben war, wurde von dem reichen Hibat-Allah unterstützt und dichtete schwungvolle Verse auf seinen Wohltäter und dessen Kommentar, streute ihm viel Weihrauch und sagte unter anderem, das salomonische Buch werde fortan nach dem Namen dessen benannt werden, der den Sinn desselben erschlossen hat (1143). Zum Schluß des Gedichtes wünschte ihm Isaak Ibn-Esra, sein Leben möge sich bis zur messianischen Erlösungszeit hinziehen, und er möge noch die Herrlichkeit des neuen Jerusalems schauen74. Aber beide warteten die [258] Zeit nicht ab, sondern sagten sich vom Judentume los und gingen zum Islam über (1160-1170).

Hochmut war die Triebfeder von Hibat-Allahs Übertritt. Er hatte nämlich einst einen seldschukkischen Sultan von einer schweren Krankheit geheilt, wurde von ihm reichlich mit Gold, kostbaren Stoffen und Pferden beschenkt, kehrte wie ein Triumphator nach Bagdad zurück und glaubte, daß alle Welt ihn bewundern werde. Stattdessen verfaßte ein arabischer Dichter ein Spottlied auf ihn und geißelte seinen ungemessenen Stolz. Hibat-Allah glaubte nun, daß die Religion schuld daran sei, daß ihm nicht von allen Seiten Weihrauch gestreut würde und faßte im hohen Alter den Entschluß, zum Islam überzutreten. Da er aber wußte, daß seine Erben (Töchter) seinen Religionswechsel nicht nachahmen würden, und befürchtend, daß sein bedeutendes Vermögen ihnen nach seinem Tode nicht zufallen würde, erbat er sich vom Kalifen eine schriftliche Zusicherung, daß sie als seine Erben anerkannt werden sollten. Dann erst bekannte er sich öffentlich zum Islam. Isaak Ibn-Esra, seinem Gönner anhänglicher als seiner Religion, verließ mit ihm gemeinschaftlich das Judentum. Spottend sang der Dichter Charisi von ihm:


Abrahams Sohn schöpfte aus des Liedes Quelle,

Des Vaters Glanz umstrahlt auch ihn,

Aber nach dem Osten ausgewandert,

Legte er des Glaubens Gewand ab

Und deckte sich mit fremden Kleidern75.


Ein dritter Apostat in dieser Zeit war Samuel Ibn- Abbas, Sohn des Dichters Jehuda aus Fez. Lieblicher hebräischer Dichter, gründlicher Mathematiker und Philosoph, war Samuel wegen des Religionszwanges der Almohaden nach dem Orient ausgewandert. Während der Vater sich in Haleb niederließ, nahm der Sohn seinen Aufenthalt in der Stadt Maragha in Adherbaiǵan, trat in den Dienst des dortigen Herrschers und ging endlich zum Islam über (1163). Der greise Jehuda Ibn-Abbas eilte bei der Nachricht von dem Religionswechsel seines Sohnes voll Schmerz zu ihm, um ihn zu seinem väterlichen Glauben zurückzubringen, ward aber plötzlich in Moßul von einer Krankheit befallen und starb daselbst. Samuel wurde ein erbitterter Feind des Judentums und seiner ehemaligen Glaubensgenossen. Er verfaßte eine feindselig gehaltene Schrift: »Zur Beschämung der Juden« (Ifcham al Jehud, um 1165-75), worin er [259] ihre Fehler übertreibend bloßlegte und behauptete, die Juden hätten Anspielungen auf Mohammed aus ihren heiligen Schriften ausgemerzt76.

Waren die Rabbaniten in Asien verkümmert und versteinert, so waren es die Karäer in dieser Zeit noch mehr. Sie haben nach dem Ableben der beiden mittelmäßigen Lehrer Tobia von Konstantinopel und Jehuda Hadassi (o. S. 159) nur eine einzige leidlich berühmte Persönlichkeit gestellt: Jephet II. ben Said, vielleicht aus Baßra und Nachkomme des ersten Je phet (blühte um 1160-1200)77. Seine ganze Bedeutung besteht darin, daß er dem lahmen Karäertum einen Stelzfuß angesetzt hat, auf dem es sich bis heutigen Tages künstlich fortbewegt hat. Es war den Karäern seit ihrem vierhundertjährigen Bestande nicht gelungen, ein Judentum auf rein biblischer Norm zu gründen, sondern sie nahmen, bei aller Peinlichkeit, der talmudischen Überlieferung aus dem Wege zu gehen, vieles davon auf, weil es eine Notwendigkeit war. Die karäischen Denker quälte daher die Frage: Woher stammen denn die traditionellen Elemente im Karäertum, welche in der Bibel keine Begründung haben? Jephet ben Said gab auf diese Frage Antwort, d.h. er erfand einen künstlichen Notbehelf. In einer Schrift »Die Überlieferung der Lehre« (ha-Atakat ha-Torah, verfaßt 1167) stellte er folgende Behauptung auf. Bis zur Zeit von Hillel und Schammaï habe sich das Judentum rein erhalten; erst in ihren Schulen sei eine Meinungsverschiedenheit über die Auslegung der Gesetze und deren Umfang entstanden. Die Hilleliten[260] hätten eine durchweg erleichternde, die Schammaiten eine erschwerende Ansicht aufgestellt. Während die Rabbaniten Hillel und seiner Schule folgten, hätten die Karäer sich an Schammaï gehalten und wären also die Bewahrer des unentstellten Judentums geworden. Nun stellte Jephet eine Traditionskette auf von Schammaï bis Anan, die auf lauter Erdichtungen beruht. Aber er hatte damit die Lösung gefunden, daß die talmudischen Elemente im Karäertum von Schammaï und seiner Schule stammten. Diese durchweg unwahre und ungeschichtliche Behauptung blieb eine stehende Annahme im karäischen Kreise. So schwach war das Gebäude des Karäertums, daß es an morschen Stützen ein Genüge fand.

Wie die Mohammedaner Ägyptens unter der Dynastie der Fatimiden getrennt waren von denen des abbassidischen Kalifats in Asien, so standen auch die jüdisch-ägyptischen Gemeinden in keinem innigen Zusammenhange mit den asiatischen. Sie hatten ein eigenes vom Kalifen anerkanntes Oberhaupt, das geistliche und richterliche Funktionen übte, den Titel Nagid (arabisch Reïs) führte und gewissermaßen der ägyptische Exilarch war. Der Nagid hatte die Befugnis, Rabbinen und Vorsänger zu ernennen oder zu bestätigen, über Vergehen und Verbrechen Geld-, Geißel- und Kerkerstrafe zu verhängen. Er bezog für seine Funktion laufenden Gehalt von den Gemeinden und Abgaben vom Ausstellen gerichtlicher Urkunden. Eine Sage gibt an, eine Kalifentochter aus Bagdad, welche an einen fatimidischen Kalifen verheiratet war, habe die Institution des Nagid auch für die ägyptischen Juden einführen lassen78. In dieser Zeit bekleidete, nach Samuel Abu-Manßur, diese Würde R. Nathanael79, oder mit dem arabischen Namen Hibat- Allah Ibn-Alǵami, welcher Leibarzt des letzten fatimidischen Kalifen von Ägypten Aladhid, und später Saladins war. Ibn-Alǵami war ein Mann von bedeutender Bildung und Kenntnissen. Er sprach das [261] Arabische mit besonderer Gewandtheit, schrieb mehrere medizinische Abhandlungen, unter anderen eine Anleitung zum Nutzen für Seele und Leib und über die klimatische Natur Alexandriens. Gerühmt wird von ihm, daß er auf eine sinnreiche Weise den Scheintod eines Menschen erkannte, der gerade beerdigt werden sollte. Dieser kenntnisreiche Mann leitete auch das Lehrhaus in der ägyptischen Hauptstadt, aber als bedeutender Talmudkenner hat er keinen Namen.

Die Hauptgemeinde von zweitausend jüdischen Familien, darunter ehr wohlhabenden, war natürlich in Kahira (Neu-Misr) mit zwei Synagogen, in welchen verschiedene Riten herrschten. In der einen galt der palästinensische und in der andern der baylonische (irakensische) Ritus. Nach dem ersteren wurde der Pentateuch in den sabbatlichen Vorlesungen in einem dreijährigen Zyklus vollendet. Die vom babylonischen Ritus hatte dagegen den einjährigen Zyklus. Nur am Wochenfeste und Thorafreudenfeste hatten beide Gemeinden gemeinschaftlichen Gottesdienst. In Kahira bestand auch eine karäische Gemeinde, welche noch zahlreicher gewesen sein soll, als die rabbanitische. Auch sie hatte ein eigenes Oberhaupt mit richterlicher und religiöser Machtvollkommenheit und mit dem Titel Fürst (Nassi, Reïs). In dieser Zeit fungierten als solche nacheinander Chiskija und Salomo I. (um 1160-1200), welche Anan als ihren Stammvater betrachteten80. Einige Karäer in Ägypten genossen Ansehen bei Hofe und waren überhaupt den Rabbaniten überlegen81.

In Fostat (Alt-Kahira) bestand von alters her eine bedeutende Gemeinde. Als aber der Wesir Schaver, das Heranrücken des christlichen Königs Amalrich von Jerusalem befürchtend, die Stadt in Flammen aufgehen ließ (1168)82 wanderten wohl die Juden mit den übrigen Bewohnern nach der nahe gelegenen Hauptstadt aus. Die zweite Hauptgemeinde war in Alexandrien, welche 3000 Familien zählte; sie hatte einen Rabbiner aus der Provence, Pinehas ben Meschullam83. So arm war damals die Judenheit Ägyptens an tamudischen Autoritäten. Auch eine karäische Gemeinde war in Alexandrien84. Eine große Gemeinde bestand noch in Bilbeïs (östlich vom Nil) von 3000 Mitgliedern, die ebenfalls [262] durch den Kriegszug des Amalrich viel gelitten hat85. Kleinere Gemeinden waren zu Damira 700, zu Machale 500, zu Manifita 200, ebensoviel zu Bubaig und in der Hafenstadt Damiette. In der Geburtsstadt Saadias, Fajûm, lebten damals bloß zwanzig jüdische Familien.

Der Kulturzustand der ägyptischen Juden in dieser Zeit war nicht glänzender als der ihrer asiatischen Brüder. Sie haben die jüdische Literatur mit nichts bereichert. Das niedere Volk war in den eigenen Religionsquellen so unwissend, daß es von den benachbarten Karäern Bräuche annahm und sogar solche, welche im grellen Widerspruch zum talmudischen Judentum stehen86. Auch die ägyptischen Gemeinden hatten ihren Wallfahrtsort. In Dimuh, unweit Fostat, in der Nähe der Pyramiden, zeigten sie die Mose-Synagoge, von welcher sie glaubten, daß sie der größte Prophet erbaut habe; neuerbaut worden sei sie aber nach der Tempelzerstörung durch Titus. Bei dieser Synagoge befand sich ein Baum von erstaunlicher Höhe mit immergrünem Laube und schlankem Stamme.

Dieser Baum sei, nach der Meinung der ägyptischen Juden, aus dem Mosesstabe aufgeschossen. Am Wochenfeste pflegten die Juden Ägyptens nach Dimuh zu wallfahrten, um in der hochverehrten Synagoge zu beten87. Und gerade aus diesem Lande der Unwissenheit ging für den jüdischen Stamm ein zweiter Mose aus, welcher berufen war, ein geläutertes Judentum zu verkünden, dem Wahnglauben unerbittlichen Krieg zu erklären und die Unwissenheit zu zerstreuen. Ägypten wurde durch Mose Maimuni der Mittelpunkt der Judenheit.


Fußnoten

1 Die Zeit läßt sich allerdings nicht fixieren, vgl. Stobbe, Juden in Deutschland während des Mittelalters S. 11. 201. Aber da in England die Kammerknechtschaft bereits im 12. Jahrhundert ausgebildet war, und da die deutschen Kaiser den Juden Schutz verliehen, so muß in Deutschland die Kammerknechtschaft wohl ebenfalls im selben Jahrhundert begonnen haben; dazu kommt noch die Sage im Sachsenspiegel, welche die Kammerknechtschaft als schon zu Recht bestehend voraussetzt.


2 Diese Sage kommt schon im Sachsenspiegel vor (gesammelt um 1215 ed. Homayer, S. 125), ausführlicher behandelt im Schwabenspiegel, Nr. 214; ed. Wackernagel, S. 206f.


3 Vgl. darüber Stobbe, das. S. 18, 31f. Es bleibt noch ungewiß, welche Steuer die Juden an den Kaiser zu leisten hatten, und wann die Krönungssteuer eingeführt wurde.


4 Sachsenspiegel a.a.O. und Eleasar von Worms, Rokeach Nr. 196.


5 Stobbe das. S. 80, 94, p. 140f.


6 Ephraim von Bonn, Martyrologium, S. 12.

7 L. Oelsner, Geschichte der Juden im Mittelalter (1855), S. 6.


8 Ephraim von Bonn a.a.O. S. 9.


9 v. Raumer, Hohenstaufen II. 412.


10 Ephraim von Bonn, S. 12.


11 Ephraim von Bonn a.a.O. hat bei diesem Faktum in dem vorliegenden Texte ein offenbar korrumpiertes Datum. Es soll vorgefallen sein: רדאב 'זב ז"מקתת תבשב 'בב ןושארה; aber das genannte Jahr (1187) war kein Schaltjahr. Joseph Kohen (in Emek ha-Bacha) hat dafür ז"נקתת = 1197; allein auch dieses ist unrichtig, denn die angegebenen Tage differieren allzusehr von der Jahresform. Ohnehin befolgt Ephraim ganz sichtlich eine chronologische Reihe in seinen Erzählungen, und so kann er unmöglich ein Faktum von 1197 vor ein anderes von 1196 gesetzt haben. Wenn die Monatsund Wochentage stimmen sollen, so bietet nur die Jahresform ד"נקתת = 1194 das Richtige. Da aber der 7. Adar niemals auf einen Montag fallen kann, so hat man רדאב 'חב statt 'זב zu emendieren. Für das zweite Tagesdatum in derselben Erzählung existieren zwei Lesarten (im Text: ב"יב םימי 'ה ץקל כ"חאו חונמ םויב שדוחל,und bei Joseph Kohen: שדוחל א"יב). Man muß dafür ג"יב setzen. Zunz hat alle diese kalendarischen Schwierigkeiten übersehen und setzt das Faktum nach der Kopie 1197 (synagogale Poesie, S. 26). – Joseph Kohen in Emek ha-Bacha und nach ihm neuere Annalisten setzen in die Zeit Friedrich Barbarossas den Vorfall von drei Christenknaben in Wien, die unter dem Eise umgekommen und deren Tod die Richter den Juden zur Last gelegt haben, so daß der Kaiser sie in den Kerker werfen und dreihundert derselben verbrennen ließ, bis die Wahrheit ans Licht kam. Auch Manasse ben Israel in »Rettung der Juden« und Cardoso, las excellencias de los Hebreos p. 410 haben diesen Vorfall, geben aber nur den Namen eines Kaisers Friedrich ohne bestimmtes Datum an. Aus dem Umstande, daß Ephraim von Bonn dieses Martyrium verschweigt, und daß Friedrich Barbarossa keine Gerichtsbarkeit in Wien hatte, darf dieser Vorfall nur unter Friedrich III. aus dem Hause Österreich gesetzt werden. Doktor Eck aus Ingolstadt in seiner judenfeindlichen Schrift »Aus Juden büechlein's Verlegung« (1541) teilt dieses Faktum mit unter Erzherzog Albrecht von Österreich, Anno 1420, daß dieser dreihundert Juden wegen angeblich ermordeter Christenkinder hinrichten ließ. Der Irrtum stammt aus Alfonso de Spinas Fortalitium fidei, vgl. B. VIII4, S. 132. Anmerk. 1.


12 Ephraim von Bonn, p. 14.


13 Vgl. darüber Mardochaï zu Moed Katan No. 504. Woher Zunz die Nachricht hat, daß Isaak ben Ascher II. den Märtyrertod in Würzburg erlitten habe, weiß ich nicht.


14 Ephraim p. 14.


15 Derselbe S. 12, 13.


16 Die Nachricht stammt aus einer Handschrift; vgl. Landshut, Amude Aboda I. 25. Das Datum ist wohl richtig ז"נקתת ולסכ = Nov. 1196. Denn erst gegen Ende 1195 beschloß Heinrich VI. den neuen Kreuzzug, 1193 dagegen gab es keine Kreuzfahrer in Deutschland.


17 Verfasser des Rokeach und anderer Schriften.


18 Benjamin von Tudela, Itinerarium gegen Ende.


19 Vgl. Asulaï, sub voce.


20 Sefer ha-Terumah vgl. Hilchot Aboda Sara No. 135, woraus die Zeit der Abfassung folgt.


21 Vgl. Landshut, Amude Aboda I. 776. Fälschlich schreibt man ihm die Abfassung des Sefer Chassidim zu (s.o. S. 217). Auch die Abfassung der Hymnen Schir ha-Jichud gehört weder ihm noch seinem Vater an, denn sie setzen die Kenntnis des saadianischen Emunot voraus, das erst von Jehuda Ibn-Tibbon oder gar noch später von Berachja Nakdan ins Hebräische übersetzt, damals noch nicht nach Deutschland gedrungen sein konnte. Der Zeitgenosse Nachmanis, Moseben Chasdaï Taku (dessen Ketab Tamim jetzt veröffentlicht ist, Ozar Nechmad III. 58-59, das älteste Zeugnis darüber) bemerkt, daß ein Teil des Schir ha-Jichud von einem R. Samuel verfaßt sei (81). Derselbe hält viele Verse darin für Lästerung. Unmöglich können sich die deutschen Mystiker von Worms und Regensburg so hoch verstiegen haben.


22 Landshut, Amude Aboda das. 476.


23 Von der Hagen, der gelehrte Herausgeber und Illustrator der deutschen Minnesänger (Leipzig 1838; Süßkinds sechs Gedichte, B. II. S. 258ff. und B. IV. S. 536ff. der gelehrte Apparat dazu), setzt den jüdischen Minnesänger um 1218-1225. Der Beweis dafür ist aber sehr schwach. Er beruht auf zwei Urkunden; in der einen wird einem Juden Süßkind in Würzburg ein Grundstück verkauft und in der anderen wird ein Streit darüber erwähnt. Allein wo liegt da die Identität von Süßkind von Trimberg mit dem von Würzburg? Der Name Süßkind war unter Juden nicht so selten, daß daraus ohne weiteres die Identität der Person folgen sollte. Ohnehin schildert sich der Minnesänger als arm (V, 1, 2), während der Süßkind in den Urkunden als ein Wohlhabender erscheint, der ein Grundstück zu kaufen und eine Wasserleitung anzulegen imstande war. Chronologisch läßt sich Süßkinds Blütezeit nur dadurch bestimmen, daß er vor dem kanonischen Erlaß Innocenz' III. (daß die Juden eine absondernde Tracht tragen sollten) gelebt haben muß, da Friedrich II. es als unübertretbar schon im Jahre 1221 einschärfte. Denn der jüdische Minnesänger erscheint noch in der landesüblichen Tracht ohne ein Abzeichen, und nur im Unmute sagte er, er wolle seine kleidsame Sängertracht ablegen, sich einen langen Bart wachsen lassen, in der Juden Art einhergehen mit langem Mantel tief unter einem Hute. Von dem gelben Rade oder Flecken spricht er keineswegs. Wenn die Manessische Liedersammlung der Minnesänger ihn in reicher Tracht mit langem Bart und dem Abzeichen des trichterförmigen, spitzen, gelben Hutes konterfeit (das. IV. 517), so hatten die später lebenden Sammler (um 1280-1325) sich einen Juden ihrer Zeit zum Muster genommen, und es folgt noch nicht daraus, daß dieses Süßkinds Tracht wirtlich war. Wenn er einerseits vor 1215 gelebt hat, so darf man ihn anderseits nicht vor 1200 setzen, da seine kunstgerechten Reime, Metra und Strophen die klassische Zeit des Minnesanges voraussetzen. – Koch mutmaßt aus dem Gedichte »die Tugend-Latwerge« (I, 2), daß Süßkind die Arzneikunst betrieben habe (das. IV, 538, Note 1). – Von der Hagen bemerkt, daß weder Sprache noch Ausdruck in Süßkinds Versen den Juden verraten (S. 538 b). Indessen erinnern doch einige Verse daran, daß sie von einem Juden stammen. In III, 1: »Du liutest mit dem Tage und vinsterst mit der nacht«, liegt wohl eine Reminiszenz an das jüdische Gebet und an םיברע בירעמ. In III. 2 zum Preis der Frau ist das letzte Kapitel der Sprüche von der biederen Frau stark benutzt; die Verse: »ir liecht vurleschet nicht in nacht, ihr hohez Lop mit der meisten menge vert« sind ganz wörtlich daraus entlehnt.


24 Irs mannes kron' ist daz vil reine wip,

ie mer in wol eret ir wohlwerder lip:

er sälik man, dem diu guete sie beschert.


25 Gedanke nie man kann erwern den torn, noch den wisen,

Gedanke slüffen dur den stein, dur stahel unt durch isen.


26 Künik herre, hochgelopter Got, waz du vemaht,

Du liutest mit dem Tage unt vinsterst mit der naht,

Da von diu welt vil vröude unt rouwe hat.


27 Ich war uf der toren vart

mit miner künste zwore,

Daz mir die Herren nicht wullent geben,

daz ich ir hof wil vliehn,

und wil mir einen langen bart

lan wachsen griser hare,

ich wil in alter Juden leben

mich hinnan vürwert ziehen,

Min mantel der soll wesen lang

tief unter einem huete,

demueteklich sol sin min gank,

unt selten me gesingen hovelichen sank

sit mich die herren scheident von ihr guote.


28 Noch handschriftlich in der Münchener Bibliothek vorhanden.


29 Vgl. Note 10.


30 Tossafot Aboda Sara 76.


31 S. D. Luzzatto in Kerem Chemed VII. p. 69.


32 Sefer ha-Jaschar ed. Wien. p. 74 a.


33 Ghiradacci, istoria di Bologna I. p. 91.


34 Note 1, IV.


35 Muratori, Antiquitat. dissertatio XVI. p. 896.


36 Benjamin von Tudela.


37 Note 1, IV.


38 Vgl. Ersch und Gruber, Allgemeine Enzyklopädie Sectio II. B. 27, S. 142. Raumer, Geschichte der Hohenstaufen III. 486.


39 Romualdus Salernitanus Chronicon bei Muratori, rerum italicarum scriptores T. VII. p. 194: Synagogas malignantium frequentius visitabat (Philippus Rogeri Eunuchus) et eis oleum ad concinnanda luminaria et quae erant necessaria ministrabat.


40 Folgt aus Zidkijas Schibole Leket Ms. mitgeteilt in Zion I. p. 110, Note 21.


41 Machberet ha-Aruch (herausgegeben von S. G. Stern, Preßburg 1843), vgl. Einl. und Schluß des Werkes.


42 Vgl. darüber Zunz' Analekten in Geigers Zeitschrift III, Sachs, religiöse Poesie der Juden in Spanien 329 und Landshut, Amude Aboda I. 81.


43 Gallicioli memorie venete II. No. 874. Das Übrige nach Benj. von Tudela.


44 Bei Pertz, Monumenta Germaniae p. 192.


45 Benj. von Tudela und Charisi, Tachkemoni Pforte 18.


46 In Tachkemoni Pforte 18.


47 Munk, Notice sur Joseph ben Jehuda p. 8, Note.


48 Nach Benj. von Tudela, nach Petachja gar 10000.

49 Die Literaturhistoriker versetzen ihn nach Südfrankreich und machen ihn gar zum Lehrer des Abraham ben David von Posquières. Allein Benj. von Tudela traf ihn um 1170 in Damaskus (p. 48) als Vorsteher des Lehrhauses. Joseph ben Pilat stand vor 1177 in Korrespondenz mit Maimuni (Responsa Peer ha-Dor No. 16) sicherlich von Damaskus und nicht von Südfrankreich aus. – Die Aussprache Pilat ergibt sich aus Resp. Temim Deïm Nr. 40.


50 Folgt aus Vergleichung der Angaben bei Benj. von Tudela und bei Petachja, vgl. Charisi a.a.O. Pf. 28.


51 Serachja Halevi in Maor zu Jom Tob. I.


52 Beide zeitgenössische Touristen geben dieselbe Zahl an.


53 Ibn-Alathir schwedische Übersetzung II. p. 352.


54 Vgl. Note 10.


55 Beide Touristen übereinstimmend.


56 Ibn-Alathir a.a.O. S. 147.


57 Barihân al-Falach, zweimal bei Benj. von Tudela.


58 Charisi, Tachkemoni Pforte 46.


59 Vgl. Note 10. Der Führer der Tory-Partei in England, Benjamin Disraeli, nahm ihn zum Helden eines Romans »Alroy«, ins Deutsche übersetzt von Clara Mai. Darin läßt der Verfasser die Schwester Alruis diesem die Worte zusprechen: »Vielleicht wird eines Tages ein Dichter, in dessen Adern das Blut unseres Volkes fließt und den unser Schicksal begeistert, seine Harfe rühren und deinen nur zu lange vergessenen Namen feiern.« Disraelis Roman ist zwar von geschichtlicher Treue weit entfernt, gibt aber die Stimmung der Zeit sehr treu wieder.


60 Benj. von Tudela p. 84-88.


61 Benj. von Tudela und Petachja.


62 Maimunis Sendschreiben an die Luneler Gemeinde in Ozar Nechmad II. p. 4.


63 Edrisi zitiert in Benj. von Tudela ed. Ascher II.


64 Maimunis Sendschreiben nach Jemen (Iggeret Teman) Anf.


65 Bei Benj. von Tudela (p. 71); הנידמה שאר יאנת ist wohl nichts anderes, als die bekannte, südarabische Stadt Sanaa. Auffallend ist es, daß Ritter das übersehen und sie mit Chaulan identifiziert. (Erdkunde XII, 829ff. und a.a. St.)


66 Maimuni, Tractatus de resurrectione ed. Amst. p. 129 a.


67 Petachja, Sibub.


68 Petachja, Sibub.


69 Derselbe. Er gibt dabei an, daß die Boten von den sieben ךשמ יכלמ jenseits der finstern Berge gekommen wären (ed. Altona Bl. 6 a). Die Gegend ist vielleicht die der Μοσχικὰ ὄρƞ, montes moschici (vgl. Ritter, Erdkunde X. u.a. St.). Was die Sache betrifft, so muß man wohl die Nachricht des Matthäus Paris hinzuziehen, daß ein Teil der Tataren und Kumanen in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts als Juden betrachtet wurden. Die Juden des deutschen Reiches wollten ihnen bei ihren Einfällen in Deutschland heimlich Waffen zuführen: credentes quod plebs Tartarorum et Cumanorum esset de genere eorum (Judaeorum), quos Deus in montibus Caspiis – quondam inclusit (historia major zum Jahr 1241 ed. London p. 564). Nachmani spricht ebenfalls von einem neuen Volke, das der Wahrheit des Judentums näher, als die übrigen Nationen steht und im Anfang des sechsten Jahrtausends = 1240 auftrat: יששה ףלא תליחתב יכ ןמ רתוי תמאה לא תברקתמו אפיקת המוא תוכלמ שדחתת תונושארה (Kommentar zu Genesis 1. Ende). Nachmani kann nur die Tataren im Sinne gehabt haben.


70 Vgl. Maimunis Urteil über die asiatischen Gemeinden seiner Zeit, Sendschreiben an die Luneler Gemeinde in Ozar Nechmad II. S. 3f. und Eingang zum Tractatus de resurrectione.


71 Vgl. über dieses Grabmal Benjamins und Petachjas Itinerarium, Niebuhrs Reisen T. II. S. 264, Benjamin des Jüngeren acht Jahre in Asien 2. Aufl. S. 120f. Die ימרכ bei Petachja sind wohl Karmaten.


72 Dieselben Quellen und Charisi, Tachkemoni Pforte 33, vgl. Ritter, Erdkunde X, 268; ein neuaufgefundenes Gedicht von Charisi aus einem Ms. auf dieses Grab teilte Kämpf in Frankels Monatsschrift 1860 S. 217ff. mit.


73 Abulfaraǵ Bar-Hebraeus, Historia dynastiarum ed. Pococke 259f. Über die auf der Hand liegende Identität von Nathanael und Hibat-Allah vgl. Zeitschrift der deutsch-morgenländischen Gesellschaft, Jahrgang 1859, S. 711f.


74 Das Gedicht, mitgeteilt von Dukes in Kochbe Jizchak Jahrgang 1848, S. 21ff. Hibat-Allahs Kommentar zu Kohelet findet sich noch in der Bodlejana.


75 Tachkemoni Pforte 3.


76 Alkifti, Bibliotheca philosophorum bei Casiri I. 440, Abulfaraǵ Bar – Hebraeus a.a.O. 268; Munk, Notice sur Joseph ben Jehuda p. 8, Note. Revue des Etudes juives V. p. 53.


77 Vgl. über Jephet ben Said und über dessen Verschiedenheit von Jephet ben Saghir: Dod Mardochaï c. 9 und Pinsker, Likute Kadmonijot Text 222 und Noten 185f. Das Datum der Abfassungszeit seines Werkes und damit seine Blütezeit läßt sich aus dem von Pinsker mitgeteilten Auszuge leicht ermitteln. Es ist verfaßt 413 Jahre seit dem Schisma der Karäer: dieses setzt Jephet selbst ins Jahr 136 der Hedschra = 754. Folglich war die Abfassungszeit 1167. Dieselbe Zahl kommt auch heraus, wenn man das andere von ihm angegebene Datum nach der Tempelzerstörung emendiert. Denn die Zahl ןברוחל ה"עו ףלא ist entschieden falsch; man lese dafür: ח"צו = 1098 seit der Tempelzerstörung, diese vom Jahre 69 der üblichen Ära gerechnet, d.h. ebenfalls 1167. In diesem Jahre schrieb Jephet ben S. So löst sich die von Pinsker aufgeworfene Schwierigkeit. Daß Jephet nicht im Jahre 1145 sein Werk geschrieben hat, wie Pinsker behauptet, ergibt sich schon daraus, daß er das Buch ירזוכ kannte, das erst 1140-1141 verfaßt wurde (o. S. 122). Unmöglich kann das Buch in so wenigen Jahren von Spanien nach dem Orient gekommen und von Karäern benutzt worden sein.


78 Folgt aus der Angabe des David Ibn-Abi-Simra (Radbas) Responsa I ed. Venet. No. 622 II p. 5. III No. 509.


79 Die Identität des von Benjamin erwähnten Nathanael von Misr, »des Fürsten« und Dieners des Kalifen mit dem von arabischen Schriftstellern genannten Hibat-Allah Ibn-Alǵami (bei de Sacy, Abdellatif p. 42, Note 13) ergibt sich aus der Identität des Namens und der Örtlichkeit (vgl. o. S. 258). Zunz hat schon diese Vermutung zu Benjamin von Tudela ed. Asher II, p. 254. Ibn-Alǵami hatte einen heftigen Gegner an dem jüdischen Arzte Muwafis Ibn-Saraah; vgl. über dens. Frankel-Graetz Monatsschrift Jahrg. 1871, S. 29ff.


80 Vgl. Dod Mardochaï c. 6 und Pinsker Noten S. 52f. Anmerk. Vgl. Frankel-Graetz das. S. 7.


81 Folgt aus Nachmanis Angabe in dessen großem Sendschreiben an die französischen Rabbinen und aus der Mitteilung von Jakob Prag bei Asulaï, sub voce Maimuni.


82 Weil, Kalifen III, 329.


83 Maimunis Briefsammlung ed. Amst. S. 18f.


84 Folgt aus Charisis Angabe Tachkemoni Pforte 46.


85 Weil, Kalifen a.a.O.


86 Maimuni, Responsa Peer ha-Dor No. 152.


87 Benjamin von Tudela, Makrisi bei de Sacy, Abdellatif p. 245f.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1896], Band 6, S. 264.
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