6. Kapitel. Die Thora.

[146] Form, Charakter und Bedeutung der Thora. Gesetze und Geschichte abwechselnd. Die Schöpfungsgeschichte der Thora im Vergleich mit der griechischen und chaldäischen. Bedeutung des Menschen nach dieser Schöpfungsgeschichte. Bedeutung der ersten Sünde der ersten Menschen. Unheilvolle Folgen der ersten Sünde. Der erste Brudermord. Kain's Wanderung. Lemech führt die Zweiweiberei ein. Seine Nachkommen. Erfinder der Werkzeuge des Sinnentaumels und des Krieges. Seth und seine Nachkommen. Die Sündfluth. Noah und seine Nachkommen. Bedeutung des Thurmbaues. Abraham's Urahnen und Nachkommen. Abraham's Tugenden. Isaak und Rebekka's Charakter veranschaulicht. Jakob und Esau. Jakob's Leidensstand. Joseph's Tugenden hervorgehoben. Juda's Stellung angedeutet. Die Erzählung von der Erlösung aus Aegypten. Gesetze, die sich an die Erlösung knüpfen. Die Darstellung der sinaitischen Offenbarung. Die Ordnung der Gesetzesgruppen. Sünde und Sühne. Die Erzählung von der Wüstenwanderung und die daran geknüpften Gesetze. Die ersten Siege. Bileam's Segen.


(730-724.)

Das bedeutungsvolle Buch, welches das verirrte Volk wieder mit seinem Gotte und seinem Ursprung in Verbindung bringen, es erheben, läutern und die Urkunde für dessen eigenes Wesen bilden sollte, führt mit Recht den Titel Thora (Belehrung), weil es für das Thun, Denken und Fühlen die rechte Anleitung geben will. Es hat allerdings vorherrschend den Charakter eines Gesetzbuches, ist aber keineswegs eine trockene Aufzählung oder Sammlung von Gesetzen, es enthält vielmehr eindringliche Belehrung; und diese Belehrung ertheilt es nicht auf trockene Weise, sondern in einer anziehenden, fesselnden Form, zugleich allgemein verständlich und doch erhaben. Es ist kindlich und Gedanken anregend zugleich. Seine beiden Bestandtheile, Geschichte und Gesetzesvorschriften, sind in einander verflochten; die Gesetze reihen sich an die Geschichte an. Es wird dadurch eine wohlthuende Abwechselung erzielt. Zuerst ist die Geschichtserzählung vorherrschend bis zu dem Zeitpunkt der Befreiung der Israeliten aus Aegypten und der Offenbarung am Sinaï. An diesem Punkte angelangt, bilden die Gesetze den Hauptinhalt, und die Geschichte tritt zurück oder wird nur angeführt, um die Veranlassung anzugeben, bei welcher gerade diese Reihe von Gesetzen vorgeschrieben wurde. Kein Buch aus alter Zeit kann daher mit diesem, mit der Thora, verglichen[146] werden; sie hat durchweg den Charakter eines Volksbuches, läßt sich nicht zum Volke herab, um mit ihm kindlich zu thun, ihm angenehme Fabeln zu erzählen, sondern sie will zugleich durch die Geschichte solche Gedanken und Gefühle anregen, welche zur Beherzigung der Gesetze Anleitung und Antrieb geben sollen. Die Thora stellt einerseits Persönlichkeiten von erhabenem, religiös sittlichem Lebenswandel auf und läßt auf der anderen Seite Bilder der Verworfenheit vorüberziehen, die einen als Muster zur Nacheiferung, die anderen als Beispiele zur Warnung. Allüberall will sie unmittelbar oder mittelbar belehren; auch in solchen Erzählungen, die sich harmlos ausnehmen und Vorgänge schlicht vorführen, steckt ein tieferer Sinn. Wenn auch nicht das ganze Volk, so hat doch eine Klasse, für welche die Thora zunächst aufgezeichnet wurde, aus der Worthülle und Umkleidung den sinnvollen Gedankenkern herauserkannt. Die Geschichtserzählung ist künstlerisch angelegt, kein Zug zu viel und keiner zu wenig, Licht und Schatten der vorgeführten Personen sind maßvoll vertheilt und die Handlungen und Gespräche von dramatischer Anschaulichkeit. Darum besitzen die Erzählungen einen so hohen Reiz und haben stets so viel Anziehung ausgeübt, nicht bloß auf schlichte Leser, sondern auch auf tiefe Denker.

Die Erzählung der Thora beginnt mit dem Anfang, mit der Weltenschöpfung und der Urgeschichte der Menschen. Sie giebt in kurzen Umrissen die Völkergeschichte, verweilt länger bei der Geschichte der Erzväter, die sie als Muster aufstellt, und bei den Völkern, welche die Ursassen oder Nachbarn des Landes waren, welches die Israeliten eingenommen haben, und schildert am ausführlichsten die Ereignisse der Nachkommen der Patriarchen von dem Zeitpunkte ihrer Gruppirung zum Volke bis zu der Zeit, als sie zum jenseitigen Jordanufer gelangten, um den Einzug in's Land Kanaan zu halten.

Die Entstehung der Welt ist mit so einfacher Kunst, in so anschaulicher und kindlich erhabener Darstellungsweise geschildert, daß die Völker der Erde, denen diese Geschichte mitgetheilt wurde, sie als die thatsächliche Wahrheit sich zu eigen gemacht und fest daran geglaubt haben. Kein Wunder! Die Thora stellt ein einziges Wesen als Herrn der Natur und der Menschen auf und verletzt nicht den einfachen Sinn durch fabelhafte Geschichten von Göttergeburten und Götterkämpfen, welche die angeblich Göttlichen mit einander und mit den Menschen geführt haben sollen. Ein oder zwei Menschenalter vorher hatte ein griechischer Sänger (Hesiod) die Schöpfungsgeschichte nach hellenischer Anschauung zusammengestellt, nach welcher die Götter selbst aus dem Chaos, der Urnacht und dem Uebel entstanden oder geboren [147] wurden. Das erste Wesen sei die Erde gewesen, und diese Allmutter habe den Regenhimmel (Urauos), das Meer (Pontos), aber auch Ungethüme, Titanen, einäugige Cyklopen, hundertarmige Riesen geboren, die der Vater, welcher zugleich der Sohn gewesen, in dem Schooß der Erde verborgen. Um das Toben dieser Wilden los zu werden, läßt die Erde ihren Sohn und Gatten Uranos durch den Titanen Kronos entmannen, und aus dessen in's Meer gefallenem Gliede sei die unzüchtige Liebesgöttin (Aphrodite Urania1) entstanden. Kronos verschlingt dann seine eigenen Kinder, bis auch er von einem seiner Söhne Zeus unter Aufruhr der ganzen Natur bekämpft wird. Zeus erringt die Oberherrschaft, muß sie aber mit Brüdern theilen. Die Menschen entstehen auch aus der Erde, aber kein Gott nimmt sich ihrer an, ja Zeus ist neidisch auf das Menschengeschlecht und hält das Feuer, das erste Schaffungsmittel, vor ihm verborgen. Ein Titane Prometheus bringt es ihnen verstohlen zu. Zur Strafe für diesen Diebstahl sendet ihm Zeus das Weib (Pandora), mit allen Reizen ausgestattet, zu, und dieses bringt in einem Gefäße Leid und Jammer über die Menschen und läßt ihnen nur die Hoffnung. Der Mensch leidet unverschuldet, nur durch den Neid der Götter. Dieser griechischen Schöpfungssage liegen allerdings sinnige und tiefe Betrachtungen zu Grunde; aber sie enthalten für die Menschen keine belehrende Anleitung, oder richtiger sie bergen eine verderbliche Lehre. Der Mensch steht schuldlos da, schuldig sind nur die Götter, und diese Erkenntniß müßte den Menschen mit Trotz gegen die Himmlischen erfüllen. Das Unglück, das Uebel und die Gebrochenheit stammen nicht aus seinem Innern, sondern von den göttlichen Mächten; in ihnen liegt die Quelle der Sünden, wodurch der Mensch auf Erden leidet. Fühlt sich der Mensch unschuldig und ungerecht verfolgt, so braucht er nicht auf Besserung zu denken, sondern darf sich seinen Trieben und gährenden Leidenschaften überlassen. Ersteht daraus Unglück für ihn, so kann er als Ankläger gegen die Götter, allenfalls auch gegen das Weib austreten, die ihm dieses gebracht haben.

Eine andere Schöpfungssage, die chaldäische, stellt den Uranfang der Welt durchaus plump dar. Auch nach dieser war zuerst das Chaos, bestehend aus Finsterniß und Wasser, und in ihm wimmelten mißgestaltete Ungethüme und Ungeheuer, zweiköpfige Menschen mit Thierleibern, doppelt geschlechtliche Menschen, Thiere mit hundert Köpfen und Gliedern aus verschiedenen Gattungen, wie sie die wilde[148] Phantasie in den Palästen der Könige von Babylon darzustellen pflegte. Ueber dieses herrschte ein Weib Thaltha (Maladtha, Mylitta, die Allgebärerin?). Der Gott Bel habe das Weib in zwei gespalten und aus der einen Hälfte die Erde, aus der andern den Himmel gemacht und auch das Licht geschaffen. Dieses Licht hätten die Ungethüme des Chaos nicht vertragen und seien umgekommen. Als der Gott Bel die Erde öde und unfruchtbar gesehen, habe er sich selbst den Kopf abgeschnitten oder einem andern Gotte befohlen, ihm den Kopf abzuschlagen und aus dem ausgeflossenen Blute, gemischt mit Erde, habe dieser zweite Gott Menschen, Hausthiere und Wild geschaffen. Bel habe auch die Sonne, den Mond und die Sterne aufgestellt2.

Wie sehr sticht die hebräische Schöpfungsgeschichte gegen die griechische und chaldäische durch Einfachheit und Erhabenheit ab! Als im Anfang Gott Himmel und Erde erschuf, und die Erde öde und unfruchtbar war, Finsterniß auf der Wasserfluth lagerte, und starker Wind auf dem Wasser wehte, da sprach Gott: »es werde Licht« und es ward Licht, nicht das Licht der Sonne und Sterne, sondern der allgemeine ätherische Lichtstoff3.

Und auf dieselbe Weise, durch ein einfaches Wort Gottes oder durch seinen Willen, ist die Erde und ihre Fülle, sind der Himmel und seine Heere geschaffen worden. Sobald das Licht geschaffen war, trat die Ordnung im Weltall ein. Das Wasser wurde getrennt, eine Scheidewand, der Luftraum, bildete sich zwischen dem unteren und oberen Gewässer, dieses wurde zum sichtbaren Himmel gestaltet. Das [149] untere Gewässer sammelte sich in einem großen Bette, es wurde zum Weltmeer. Durch die Ansammlung des Wassers zeigte sich das trockene Land, die Erde. Auf der Erde sproßten mannigfaltige Pflanzen, niedere Gräser und hohe, fruchttragende Bäume hervor, jedes nach seiner Art. Die Lichtträger wurden in den Luftraum des Himmels gesetzt, das große und das kleine Licht und die Sterne. Sie sollen lediglich dazu dienen auf der Erde zu leuchten, Tag und Nacht zu scheiden und die Zeichen zu den Festeszeiten, zu den Jahren und Tagen anzuzeigen, aber nicht göttlich verehrt zu werden4. Dann wurden die Wasser- und Luftthiere erschaffen; sie hat Gott zugleich gesegnet, daß sie sich zahlreich vermehren sollen. Später entstanden die Landthiere, die wilden und die zahmen, und auch die niedrigen Kriechthiere. Als Gott den Menschen schaffen wollte, um ihn zugleich zum Herrn über die Erde und alle Thiere zu setzen, gebrauchte er, nach der Darstellung der Thora, eine gewisse feierliche Anrede, um die Wichtigkeit dieses Wesens hervorzuheben. In menschlicher Redeweise, wie wenn ein König eine wichtige That vollbringen will, wird dessen Schöpfung eingeleitet: »Wir wollen den Menschen in unserm Ebenbilde und in unserer Aehnlichkeit schaffen«, damit er Einsicht haben soll, die Erde zu beherrschen. Und so hauchte er dem Staubgebornen von seinem Odem ein oder theilte ihm von seinem Geiste mit. Dem Lehrzweck angemessen, gelegentlich noch auf ein Anderes hinzuweisen, betont die Thora die sechs Schöpfungstage und die Ruhe am siebenten, um die Sabbathfeier, eine Ruhepause für die angestrengte Arbeit, auch für den zur Arbeit Geknechteten als höchst wichtig hervorzuheben.


»Wenn ich den Himmel, das Werk Deiner Hände, schaue,

Sonne, Mond, Sterne, die Du geschaffen,

(Denke ich)

Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkst,

Was der Adamssohn, daß Du ihn beachtest!

Du hast ihm nur wenig fehlen lassen,

Ein göttlich Wesen zu sein;

Mit Ehre und Glanz umgabst Du ihn,

Ließest ihn über Dein Händewerk herrschen,

Alles hast Du ihm zu Füßen gelegt:

Schafe und Rind insgesammt

Und auch die wilden Thiere des Feldes,

Des Himmels Vögel, des Meeres Fische,

Er durchzieht des Meeres Straßen5.


[150] Den Menschen stellt die hebräische Lehre nicht als sündenvolle Creatur dar, die nicht zu leben verdiene, sie hebt ihn vielmehr hoch über die Geschöpfe der Erde, weil er des göttlichen Geistes theilhaftig geworden. Gott gegenüber erscheint er allerdings als Staub und Asche, aber der Natur gegenüber, die er sich unterwerfen soll, wird er als ihr Herr und Meister vorgeführt.

Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut und zweckentsprechend, auch der Mensch6. Wie kommt es aber, daß die Menschen nicht gut und nicht glücklich sind? Diese sich aufdrängende Frage mußte die Thora beantworten, wenn sie ihren Lehrzweck erreichen wollte. Frage und Antwort erfordern aber Denkvertiefung, und doch sollten sie auch dem einfachen Menschen verständlich gemacht werden. Die Beantwortung der Frage konnte daher nur durch eine Geschichte gegeben werden, die wie eine Parabel klingt. Der Mensch ist einst sehr glücklich gewesen, so lautet sie, glücklich in einem paradiesischen Aufenthalte, so lange er unschuldig war. Mit seinem ersten Vergehen und seinem Schuldbewußtsein büßte er sein Glück ein und wurde aus dem Paradiese gewiesen. Worin bestand sein Vergehen? Er hat Gottes Gebot übertreten, übertreten durch Gelüste und Klügelei. Diese beiden Eigenheiten des Menschen, die er unterdrücken kann, wenn er ernstlich will, haben ihn um seine paradiesische Unschuld und um sein paradiesisches Glück gebracht. Die Sünde ist die Mutter des Unglücks. Diese Lehre wird sinnig und anschaulich mit schmuckloser Kunst erzählt. Gott setzte ursprünglich den Menschen in den Garten Eden, der von selbst bewässert wurde, der die schönsten Bäume und schmackhaftesten Früchte trug. Der Mensch brauchte ihn nur wenig zu bearbeiten und zu hüten7. Auch ein Baum des Lebens stand darin, von dem der Mensch hätte genießen dürfen, um lange zu leben8. Zur Lebensgefährtin erhielt er das Weib, das einen Theil seiner Selbst bildet und mit ihm eins sein sollte. Sie ist ihm nicht zur Strafe als Pandora mit einem Füllhorn von Elend zugeschickt, sondern zur Hülfe und zum Beistand beigesellt worden. Beide kannten im Paradiese nicht das Schamgefühl, weil sie wie die Kinder im Urzustande der [151] Unschuld waren. So wurde das erste Paar von Gott geleitet und erzogen, um stets im Glücke zu bleiben. Um dieses Glück zu behalten, mußte das noch unerfahrene erste Menschenpaar durch eine höhere Vernunft angeleitet und erzogen werden. Das erste Erziehungsmittel war die eindringliche Warnung: sich nicht auf die eigene Einsicht zu verlassen und nicht selbst zu bestimmen, was gut oder was böse sei, oder in sinniger Erzählungshülle: Gott verbot ihnen vom Baume der Erkenntniß des Guten und Bösen zu genießen9. Der Mensch sollte nicht etwa kindisch, unwissend und dumm bleiben – wozu hätte ihm Gott von seinem Geiste mitgetheilt oder ihn in seinem Ebenbilde geschaffen? – sondern er sollte zum sittlichen Wandel nicht den eigenen Verstand als Richtmaß nehmen. Hätte der Mensch dieses Verbot beachtet, so wäre er stets gut und glücklich gewesen. Er übertrat es halb durch eigene Schuld und halb durch Verführung. Die Klügelei – als deren Bild die Schlange mit ihren klugen Augen galt – reizte dazu. Sie wagte sich aber nicht an den ernster denkenden Mann, sondern machte sich an das leichter zu verführende Weib. das ohnehin ein Gelüste nach den schönen Früchten des Baumes der Erkenntniß empfand. Die Schlangenklugheit wußte Eva zu überreden, daß Gott ihnen nur aus Neid den Genuß vom Erkenntnißbaume verboten habe, damit sie nicht ihm gleich würden, das Gute und Böse selbst zu erkennen. Das verführte Weib Eva verführte auch Adam zur Uebertretung und zur ersten Sünde. Die nächste Folge war das Schamgefühl, entstanden aus dem Schuldbewußtsein. Gleich darauf erfolgte die Strafe, als neues Erziehungsmittel. Das Weib sollte im Schmerz gebären und doch stets zum Manne die Neigung haben und ihm untergeordnet sein. Der Mann wurde aus dem Paradiese vertrieben, auf einen anderen Schauplatz der Erde gewiesen, der nicht so ergiebig war, damit er mühseliger arbeiten sollte10.

Die Thora stellt weiter dar, wie der scheinbar selbstständig gewordene Sinn des Menschen, ohne Anleitung und ohne Erfahrung das Gute vom Bösen unterscheiden zu wollen, oder wie die Frucht vom Baume der Erkenntniß gewirkt hat. Das erste Menschenpaar [152] zeugte zwei Söhne, die sich in den Besitz der Erdengüter gesetzt haben. Der ältere, Abel, beschäftigte sich mit der Heerdenzucht und der jüngere, Kaïn, betrieb Ackerbau. Beide opferten, aber mit verschiedenem Sinne; Abel vom Besten seiner Habe, Kaïn dagegen vom Ersten Besten. Als der Ackerbauer bemerkte, daß seine eigene Thätigkeit, den Boden zu bearbeiten, ohne Segen geblieben, während die des Hirten immer mehr gedieh, so erwachte der Neid in seiner Brust, und er blickte finster drein. Gott, der Kaïn's neidischen Sinn und sein finsteres Brüten bemerkte, warnte ihn, sich nicht dem bösen Zuge des Herzens zu überlassen. »Die Sünde liegt an der Thür und hat ihr Verlangen nach dir, aber du kannst sie beherrschen«11. Kaïn ließ sich aber nicht warnen, führte seinen finstern Plan aus und beging den ersten Brudermord. Zur Unthat gesellte sich noch die Heuchelei und Lüge. Auf die Frage: »Wo ist Dein Bruder?« antwortete der Mörder: »Bin ich sein Hüter?« So zeigten sich allsogleich die Folgen der vermeintlich selbstständigen Wahlfähigkeit des Menschen, sie führte zum Neid, dann zum Brudermord und endlich zur gemeinen Lüge, seine Unthat nicht eingestehen zu wollen. Den Brudermörder traf der Fluch; der Boden, den er bearbeitet, sollte keinen Ertrag geben; und wenn der Mörder weiter wandern wird, um einen bessern Boden aufzusuchen, so wird ihm auch dieser die Kraft versagen, und so soll er verurtheilt sein, immer zu wandern. Der Besitz, an den er sich angeklammert, soll ihm keinen Segen bringen. Die Thora entwickelt an dieser sinnigen Erzählung eine neue Lehre. Als Kaïn seine Reue über diese Unthat zu erkennen gegeben und gesprochen hatte: »Ist denn meine Sünde so groß, daß sie nicht verziehen werden kann?«, gewährte ihm Gott Vergebung und machte ihm ein Zeichen, daß er als unstäter Wanderer ohne Familienanhang von den nachkommenden Geschlechtern aus Blutrache nicht getödtet werden sollte12.

Die Folgen der durch dünkelhafte (Ueberhebung erlangten) Erkenntniß des Guten und Bösen greifen indeß immer weiter um sich. Kaïn wandert von der Gegend des Paradieses weit weg nach Osten und besetzt sich im Lande Nod (Hind, Indien?). Er erzeugt einen Sohn Chanoch, der die erste feste Stadt Chanoch erbaute13. Der [153] fünfte Nachkomme Kaïn's Lamech (Lemech) begnügte sich nicht mehr mit dem Besitze einer einzigen Frau, sondern nahm deren zwei und wurde dadurch der Urheber der Vielweiberei14. Von diesen zwei Frauen Adah und Zillah hatte er vier Kinder, von denen drei der Sünde die Wege geebnet haben. Jubal (Apollo15) hat die Laute und Liebesschalmei, welche zur Begleitung schlüpfriger Liebeslieder bei Gelagen den Sinnentaumel erzeugt haben, erfunden und heimisch gemacht. Tubal-Kaïn (Telchin) hat das Schmieden und Schleifen von Erz und Eisen erfunden, das Schwert und die Lanze, die Werkzeuge des blutigen Krieges, eingeführt16. Seine Schwester war Naamah, die Liebreizende, jene Liebesgöttin, welche weite Länderstrecken durchwandelte und überall die Liebesbrunst entzündete17. Lamech selbst hat viel Blut vergossen, er hat Männer erschlagen für seine Wunden und Kinder für seine Beulen18. So entwickelte sich aus kleinen Anfängen die immer größere Ausdehnung des Uebels auf Erden. Kaïn's Geschlecht war der Träger der Verworfenheit. Es gab zwar ein anderes Geschlecht, das einen guten Wandel einzuhalten schien. Das erste Menschenpaar hatte nämlich nach Abel's Tod einen Ersatzsohn, Seth, erzeugt, und dessen Sohn Enosch siedelte sich ebenfalls fest an und baute einen Altar mit Benennung des Namens des einzigen Gottes19. Aber seine Nachkommen haben sich ebenso wenig durch Tugenden ausgezeichnet. Nur ein einziger derselben, Chanoch, der Sethite, »wandelt mit Gott«; aber er wurde noch jung, kaum 400 Jahr alt, dem Leben gewaltsam entrissen20, während seine Vorfahren es bis zum Alter von[154] mehr denn 700 Jahren brachten, einige sogar mehr als 900 Jahre lebten. Auch die Sethiten verfielen der Entartung, »der Sinn der Menschen war nur auf Böses gerichtet«21, und ihr ihnen von Gott verliehener Verstand und ihre lange Lebensdauer unterstützte sie nur in ihrem bösen Thun. Je mehr die Menschen auf Erden sich vervielfältigten und über weite Länderstrecken ausbreiteten, desto schlimmer wurden sie. Es kam so weit, daß diejenigen, welche sich vornehm dünkten und sich »Söhne der Götter«22 nannten, so oft sie unter den geringen Menschenklassen schöne Töchter bemerkten, diese, ohne sie oder ihre Väter zu befragen, gewaltsam raubten. Zu den alten Frevelthaten kam noch Frauenraub hinzu. Es entstanden auch Riesen (Giganten), welche »Schrecken im Lande der Lebenden« verbreiteten und einen Kampf gegen den Himmel unternahmen. Diese mußten wegen ihrer Frevel in die Unterwelt, noch tiefer, als das Meer und seine Bewohner, gestürzt werden23. Das frevelhafte Geschlecht, Sethiten wie Kainiten, verdiente nicht mehr auf Erden zu leben und ihren Ertrag zu genießen. Es hatte den von Gott ihm verliehenen Geist nur zum Bösen angewendet; darum sollte es von der Erde vertilgt werden, der Geist Gottes im Menschen sollte nicht mehr schwanken und sinken. Nur ein einziger Nachkomme Adam's von der Linie Seth, Noah, sollte gerettet werden, weil er zugleich gerecht, harmlos, gut und fromm war. Durch ihn sollte das Menschengeschlecht neu erstehen und zum Guten erzogen werden. Eine entsetzliche Wasserfluth (Mabbul-Majjim) aus den Wolken und der Meerestiefe zugleich machte die Erde wieder zu einer wasserbedeckten Fläche, überfluthete und vernichtete alle Erdenwesen, und nur Noah, seine Familie und die Thiere, die er in das große Schiff, die Arche, aufgenommen hatte, wurden gerettet. Die von allen alten Völkern überlieferten Erinnerungen einer Sündfluth (oder Sintfluth) werden in der Thora in belehrender, versittlichender Weise als Strafgericht für Frevelthaten und unverbesserliche Sündhaftigkeit dargestellt.

Mit Noah hat Gott ein Bündniß geschlossen; und damit beginnt die unmittelbare Erziehung des Menschengeschlechts. Bis dahin war es sich selbst überlassen; es sollte an sich selbst erfahren, wie weit es mit seiner vom Baume der Erkenntniß erhaschten Einsicht und Klügelei kommen würde. Da aber Noah die Eitelkeit dieser menschlichen Erkenntniß [155] eingesehen hatte und nicht mehr auf sich selbst gestützt hinlebte, sondern mit Gott wandelte, so ist ihm der göttliche Wille als Gesetz kund geworden. Dieses Gesetz nahm er feierlich durch ein Bündniß an. Das Bündniß enthält auf der göttlichen Seite die Verheißung, daß das Strafgericht der Fluth sich nicht mehr wiederholen werde, und auf Seite Noah's die Verpflichtung für seine Nachkommen zunächst, daß das Leben der Menschen unter einander geschützt sein soll. »Wer Blut vergießt, dessen Blut soll durch Menschen vergossen werden.« Durch den Dünkel der Menschen entstand Brudermord und Krieg Aller gegen Alle. Diese Frevelthaten sollen durch die Erziehung vermöge des Gesetzes verhindert werden. Die ganze menschliche Gesellschaft selbst, nicht bloß die Familie, soll über die Unverletzlichkeit jedes seiner Glieder wachen, weil »der Mensch im Ebenbilde geschaffen ist«. Damit ist die Grundlage für den Staat gelegt und unter göttliche Obhut gestellt. Denn Gott selbst will des vergossenen Blutes der Menschen Rächer sein, wenn die Menschen es ungeahndet lassen sollten. Dann wurde Noah noch für seine Nachkommen eingeschärft, nicht Thierblut zu genießen, auch nicht das Fleisch mit dem Blute, »denn das Blut ist das Seelenelement«24. Sollten die Menschen dadurch vor Rohheit geschützt werden, weil der Genuß des Thierblutes den Menschen für thierische Verwilderung und Blutdurst geneigt macht?25.

Nach der Sündfluth wiederholten sich die Frevelthaten der Söhne Adam's nicht mehr, oder es wird nicht von solchen erzählt, als wenn der Schrecken des grausigen Strafgerichts die nachsündfluthlichen Menschen davon zurückgehalten hätte. Die drei Söhne Noah's, Sem, Japhet und Ham (Cham) bevölkerten wieder die verödete Erde. Ihre Nachkommen bildeten drei verschieden geartete Menschengruppen, von ihrem verschiedenen Entwickelungsgang oder von den Landstrichen, in denen sie sich ausbreiteten. In der Mitte, so erzählt die Thora, wohnten die Semiten von Assyrien am Tigris im Osten und Elam im Südosten bis nach Lydien im Westen (in Kleinasien); zu ihnen gehörten auch die Aramäer, die Bewohner des karduchischen Gebirges (Arpachschad, Ἀῤῥαπαχίτις), die Kasdim (Chaldäer26) und die Stämme auf der arabischen Halbinsel. Nördlich und westlich von den [156] Semiten breiteten sich die Japhetiten aus, von den Kimmeriern (Gomer) am schwarzen Meere und am Kaspi-See im Norden, den Medern im Norden und Osten, den Assyrern bis zu den Söhnen Jawan's (Jonien) in Kleinasien und auf den Inseln, wozu auch die Bewohner der großen Insel Cypern (Khittim) und der Insel Rhodus (Rodanim, Dodanim), gehörten. Die Chamiten endlich nahmen den Süden der Erde ein; die Aethiopier, Aegypter und Lybier bildeten die Hauptbevölkerung derselben, und zu ihnen gehörten auch die Kanaaniter und Philister. Im Ganzen stammten von Noah siebenzig Völkerschaften ab. Die Thora zählt sie alle auf, um die Belehrung anzudeuten, daß alle diese verschiedenen Gruppen und Völkerschaften doch von einem einzigen Stammvater entstanden sind, daß sie sich demnach als Brüder betrachten müßten und nicht Bruderkrieg gegen einander führen und nicht einander knechten sollten. Nur eine einzige Völkerschaft sei zur Sklaverei verurtheilt, die Kanaaniter, weil ihr Stammvater Ham die Ehrerbietung gegen seinen Vater verletzt, die Blöße desselben nicht verhüllt, ja noch mit Spott seinen Brüdern davon Mittheilung gemacht. Wer die Ehrerbietung gegen den Erzeuger verleugnet, legt alles Schamgefühl ab und scheut sich auch nicht, Blutschande mit den nächsten Verwandten zu begehen. Das hat sich bei den Kanaanitern gezeigt, welche thierische Unzucht getrieben haben. Darum verdienten sie nicht die Freiheit, sondern sollten als Sklaven unter der Zuchtruthe stehen27. Ham's oder Kanaan's Nachkommen wurden dem Fluche geweiht, auf die Nachkommen Sem's und Japhet's dagegen welche zartfühlend die Blöße ihres Vaters verhüllt haben, wurde Segen gelegt: Gott möge Sem's Zelte segnen und Kanaan ihm Sklave sein, und Japhet möge Gott ausbreiten, und er soll in Sem's Zelten weilen, soll mit ihm Brudergemeinschaft haben, weil Beide auf verschiedenen Wegen zu Großem berufen seien28.

Indeß sind doch Noah's Nachkommen ebensowenig im Wege Gottes geblieben. Sie begingen zwar nicht Gewaltthätigkeit, Mord und geschlechtliche Verirrungen, wie die vorsündfluthlichen Geschlechter, aber sie waten von Hochmuth besessen, der den Keim zur Selbstvergötterung der Menschen, zu Lastern und Freveln mit sich führt. Als [157] die Noachiden noch vereint waren und eine Sprache redeten, kamen sie auf einen Plan, in der Thalebene Sinear die Stadt Babel zu bauen und einen Thurm aufzurichten, der sich bis in die Wolken erheben sollte, um sich ein Denkmal zu errichten. Von Babel ging dieser kühne Trotz aus, welcher sprach: »Ich will mich zum Himmel erheben, will über den Sternen Gottes meinen Thron aufrichten, will bis in die Wolken steigen und mich dem Höchsten gleichstellen«29. Mit einem solchen hochmüthigen gottvergessenen Trotze, kann der harmlose Wandel des Urahnen Noah und das Bündniß mit Gott nicht bestehen; er muß zuletzt in Zerstörungswuth ausarten. Darum sollte diese hochmüthige Ueberhebung nicht ausgeführt werden, es gehörte zur vorbeugenden Erziehung. Durch ein einfaches Mittel vereitelte es Gott er verwirrte die Sprache der Menschen, und sie verstanden einander nicht mehr, gaben den Plan auf und entfernten sich im Raum und im Denken immer mehr von einander30.

Die Erzählung der Thora verläßt, nachdem sie die Völkertafel im Ueberblick gegeben, die von Noah abstammenden Geschlechter und Völker, um sich ausschließlich mit der Geschichte Abraham's und seiner Nachkommen zu beschäftigen. Sie deutet aus alten geschichtlichen Erinnerungen das Stammland an, aus dem des ersten Erzvaters Urahnen ausgezogen sind. Der erste Urahn war Arpachschad, d.h. er stammte aus dem Gebirge Arrapachitis, das einst die Grenze von Assyrien, Armenien und Medien bildete31. Von hier aus war diese semitische Familie nach Ur-Chasdim im karduchischen Gebirge gezogen. Hier ward auch Abraham von Therach erzeugt. Therach verließ diese Gegend, um nach dem Lande Kanaan auszuwandern. Als er aber mit seiner Familie in Charan (Hara, Carrhae) in Mesopotamien, dem Kreuzungspunkte der Karavanenstraßen, angelangt war, beschloß er sich da dauernd anzusiedeln. An Abraham erging aber der göttliche Ruf, dieses Land, Familie und Vaterhaus zu verlassen, um in ein Land zu ziehen, dessen Namen ihm erst später genannt werden sollte.

Abraham liebte Gott32 so sehr, daß er sich nicht einen Augenblick bedachte, nicht über das ihm auferlegte Opfer klügelte, sich vielmehr mit schwerem Herzen von Stamm- und Familiengenossen losriß33 und,[158] obwohl bereits fünf und siebzig Jahre alt, auswanderte. Der Stammvater der Abrahamiden oder der Israeliten handelte also ganz anders, als der Stammvater des Menschengeschlechts. Adam übertrat das erste von Gott ausgegangene Gebot, um mit seiner unzulänglichen Einsicht entscheiden zu wollen, was gut und was böse sei, oder hatte nicht Kraft genug, der Verführung zu widerstehen. Abraham dagegen folgte nicht der Eingebung seines Verstandes und Herzens, sondern der Stimme Gottes, um sich von ihm leiten, und von ihm über das Gute und Böse belehren zu lassen. Der Fluch, welcher durch Adam's Vergehen über die Menschen gekommen war, sollte daher durch Abraham getilgt werden. Er und seine Nachkommen sollten daher Segensspender werden34. Erst als er die weite Länderstrecke von dem Flachland des Zwischenflußlandes über das Hochland des Libanon und seiner Ausläufer zurückgelegt und bei Sichem im Lande Kanaan eingetroffen war, offenbarte ihm Gott, daß dieses Land für ihn und seine Nachkommen bestimmt sei. Dort erbaute er einen Altar dem Gott, der ihm erschienen war, den er erkannt hatte. Da indeß die Kanaaniter in dieser äußerst fruchtbaren und wasserreichen Gegend bereits angesiedelt waren, so mochte Abraham hier nicht festen Besitz nehmen, um nicht in Streit zu gerathen, sondern wanderte südöstlich, ließ sich in einer steinigen und wenig fruchtbaren Gegend zwischen Bethel und Ai nieder und baute dort wieder einen Altar. Abraham begann seine Laufbahn als Stammvater eines ihm verheißenen Volkes mit Friedfertigkeit35.

Von dieser weidearmen Gegend aus zog Abraham mit seinen Herden südlich immer hin und zurück; nur zur Zeit einer Hungersnoth wanderte er nach Aegypten, der Kornkammer. Gott segnete ihn auch mit Glücksgütern. Wodurch hatte er diese Bevorzugung verdient? Warum hat Gott ihn aus den »weiten Enden der Erde« berufen, ihm Segen verheißen und Segen gespendet? Die Erzählung der Thora beantwortet diese Frage nicht in Worten, sondern in lebensvollen Charakterzeichnungen. Sie führt Abraham's Tugenden anschaulich vor.

[159] Zuerst stellt sie Abraham's Selbstlosigkeit und Friedfertigkeit dar. Mit Abraham zugleich war sein Brudersohn Lot ausgezogen, und dieser mit den Seinigen bildeten Glieder der Familie. Auch Lot wurde durch Abraham's Genossenschaft gesegnet und hatte ebenfalls zahlreiche Heerden. Zwischen Lot's und Abraham's Hirten entstanden Streitigkeiten wegen der Weideplätze, die für Beider Herden nicht mehr ausreichten, zumal inzwischen ein anderer Stamm, die Pherisiter, in das Land Kanaan eingewandert war und Weidestriche in Anspruch genommen hatte36. Um den Streitigkeiten ein Ende zu machen, überließ Abraham seinem Brudersohn die Wahl der besseren Weideplätze, obwohl er das Familienhaupt und ihm das Land verheißen war. In selbstloser Bescheidenheit sprach er: »Trenne dich von mir, wenn du links ziehst, so ziehe ich rechts, wenn du rechts ziehst, so ziehe ich links.« Hader und Streit wegen irdischer Besitzthümer waren Abraham zuwider. Lot wählte die fruchthare Gegend des südlichen Jordankessels bis Sodom, welches damals noch einem Paradiese glich. Abraham dagegen begnügte sich mit der weit weniger fruchtbaren Gegend von Hebron. Hier siedelte er sich anbaute einen Altar für seinen Gott und trat in ein Freundschaftsbündniß mit drei Herdenbesitzern dieser Gegend. Seinem Brudersohn Lot bewahrte er indessen dieselbe Anhänglichkeit, wie ehemals. Als Eroberer aus weiter Ferne herangezogen waren, diesseits und jenseits Gefangene gemacht und Beute weggeschleppt hatten, wobei auch die Städte des fruchtbaren Jordankessels gelitten, und auch Lot in Gefangenschaft gerathen war, eilte Abraham zu dessen Rettung herbei, ohne die Gefahr zu achten, der er sich dabei aussetzte. Mit seinen dreihundert achtzehn Sklaven und seinen Bundesgenossen zog er den Eroberern nach, schlug sie und nahm ihnen die Beute und die Gefangenen ab. Durch Abraham's Eifer wurden nicht bloß Lot und seine Leute gerettet, sondern auch die Personen und die Beute sämmtlicher Städte des Jordankessels. Der König von Sodom will sich Abraham dankbar zeigen und ihm die abgejagte Beute überlassen und verlangt nur die Personen zurück. Abraham mag aber nicht ein Trumm oder einen Schuhriemen davon für sich annehmen; nur für seine Bundesgenossen bedingt er den gebührenden Antheil. So zeigte sich Abraham in allen Lebenslagen friedfertig mit seiner Umgebung, selbstlos und aufopferungsfähig.

Abraham bekundete auch ein felsenfestes Vertrauen zu seinem Gotte. Ihm und seinen Nachkommen war reicher Lohn verheißen, und er hatte im Alter von achtzig Jahren noch keinen Leiveserben. [160] In einer Art prophetischen Gesichtes wurde ihm bedeutet, daß seine Nachkommen so zahlreich wie die Sterne des Himmels sein würden, und er traute dieser Verheißung, obwohl in Wirklichkeit keine Aussicht zur Erfüllung derselben vorhanden war. In diesem Gesichte wurde ihm auch zu erkennen gegeben, daß seine Nachkommen erst durch gehäufte Leiden in einem fremden Lande in das Land der Verheißung einziehen würden. Drei Geschlechter werden aller Kraft und aller Selbstständigkeit beraubt werden, das vierte Geschlecht werde so geschwächt sein, wie zarte kleine Tauben und werde dem Tode nah sein. Und gerade dieses so geschwächte37 vierte Geschlecht werde in das Land Kanaan einziehen und es in Besitz nehmen von dem Schichor (Wady El-Arisch) bis zum Euphrat. Als sich Abraham im Gottvertrauen und in selbstloser Friedfertigkeit bewährt hatte, schloß Gott ein förmliches Bündniß zu gegenseitiger Verpflichtung mit ihm. Gott verhieß, ihn zum Stammvater zahlreicher Völker zu machen, seinen Nachkommen das Land Kanaan zu geben und ihnen ein schützender Gott zu sein. Als Gegenleistung sollte Abraham für sein Geschlecht die Verpflichtung übernehmen, vor den Augen Gottes zu wandeln, geraden Herzens, wahrhaftig und ohne Klügelei zu handeln und als äußeres Zeichen die Beschneidung für sich und seine Nachkommen einzuführen. Die Beschneidung sollte das äußere Zeichen für die innere Gesinnung sein, die Verstocktheit des Herzens abzuthun38. Das Bundeszeichen vollzog Abraham sofort an sich, obwohl er beinahe hundert Jahre zählte, an seinem dreizehnsäbrigen Sohn und an seinen Sklaven. Auch diese sollten der Bundes-Verheißung theilhaftig werden.

Noch zwei andere Tugenden erzählt die Thora von Abraham. Kaum sah er drei Reisende von Ferne, lief er ihnen entgegen, bat sie in sein Zelt einzukehren und leistete ihnen mehr, als er versprochen hatte. Als Gegensatz zu Abrahams eifriger Gastfreundschaft veranschaulicht die Thora die Engherzigkeit und Lieblosigkeit der Einwohner von Sodom, Gomorrha und der andern Städte in dem paradiesischen Jordankessel; sie waren äußerst engherzig39, obwohl sie in Fülle lebten. Alle Fremden, die in ihre Nähe zogen, wurden von ihnen mißhandelt oder getödtet40, so daß das Wehklagen der Schlachtopfer zum Himmel stieg41. Diese Städte zu zerstören hatte Gott beschlossen und theilte [161] seinen Beschluß Abraham mit, damit deren Untergang den Nachkommen Abraham's zur Warnung dienen sollte, und damit er ihnen einprägen sollte, stets den Weg Gottes zu wandeln und Gerechtigkeit und Milde zu üben42. Abraham flehte indeß um Vergebung für Sodom und Gomorrha: Gott möge um der Unschuldigen willen die Schuldigen verschonen. Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Gerechtigkeit üben?43 Aber auch nicht zehn Unschuldige befanden sich im Bereich der Sodomitischen Städte. Darum beschloß Gott über diese eine schreckliche Zerstörung zu bringen. Nur Lot, Abraham's Neffe, sollte verschont werden, weil er die Hartherzigkeit seiner Mitbewohner nicht theilte44. Zwei Boten kamen nach Sodom, um ihn zur Flucht zu bewegen. Er nahm sie gastfreundlich auf, aber die Sodomiter beschlossen, die Fremden zu tödten und hätten beinahe Lot's Haus zerstört, worin dieser sie geschützt hatte. So ereilte die Vierstädte das wohlverdiente schreckliche Strafgericht. Schwefel und Feuer regneten auf die Bewohner, vernichteten allen Pflanzenwuchs und verwandelten den schönen Thalkessel in das grausige Salzmeer. Ein Dampf stieg daraus auf, wie der Dampf eines Kalkofens. So erging es den herzensverhärteten, verderbten Sündern des Thalkessels von Sodom. Die Thora deutet zum Schlusse dieser Erzählung an, daß Lot's Familie von der Berührung mit den Sodomitern nicht frei geblieben ist. Seine beiden Töchter machten den Vater berauscht und gebaren in Blutschande jede einen Sohn, welche die Stammväter der Moabiter und Ammoniter geworden sind, die wegen ihrer blutschänderischen Geburt von der Lebensgemeinschaft mit den Abrahamiden ausgeschlossen werden sollten.

In ihrer lehrhaften Weise deutet die Thora ferner an, wie schwer es Abraham wurde, seine Ehe rein von Befleckung zu erhalten, da in seiner Umgebung Gewaltthätigkeit herrschte, schöne Frauen den Männern geraubt und diese getödtet wurden. So erging es Abraham einmal in Aegypten, als er wegen einer Hungersnoth dort Zuflucht nehmen mußte. Er lebte daher stets so sehr in Furcht, seiner schönen Frau Sara beraubt und ihretwegen erschlagen zu werden, daß er mit ihr verabredete, sie als seine Schwester auszugeben; sie war auch thatsächlich seine Halbschwester45. Abimelech, der König von Gerar im Lande der Philister, ließ sie ihm in der That gewaltsam rauben und in sein Haus führen, um sie zu beflecken. Und von Sara sollte ihm doch, [162] laut der Verheißung, ein Leibeserbe geboren werden, welcher der Stammvater einer reinen Nachkommenschaft werden sollte. Indessen schützte sie Gott vor ehebrecherischer Befleckung; Abimelech wurde durch ein schreckliches Traumgesicht und durch Strafen gewarnt, sie zu berühren und gab sie ihrem Gatten mit reichen Geschenken zurück46. So gebar Sara in aller Reinheit in hohem Alter einen Sohn, Isaak. Dieser sollte allein Erbe der Verheißung werden; darum mußte Abraham, obwohl mit blutendem Herzen, seinen Sohn Ismaël von der ägyptischen Sklavin Hagar aus seinem Hause verstoßen. Dieser wurde Kriegsmann, heirathete eine Aegypterin und wurde Stammvater der räuberischen Ismaëliten oder Amalekiter.

Die eine Seite der Verheißung war also erfüllt, Abraham hatte einen Leibeserben von der Sara aus unbefleckter Ehe. Auch die andere Seite trat allmählich in Erfüllung. Abimelech gestattete nicht bloß Abraham in seinem Lande zu weilen, sondern auch Cisternen zu graben – was als ein Zeichen von Besitzberechtigung galt – und schloß mit ihm ein förmliches Freundesbündniß wie mit einem Erbgesessenen. Dauernd schlug daher Abraham seinen Sitz in Beerseba auf, wo er eine Cisterne grub und einen Altar für seinen Gott erbaute47.

Abraham hatte sich bisher in allen Lebenslagen in Gottesverehrung und Sittlichkeit außerordentlich bewährt. Gott wollte ihm indessen die schwerste Prüfung auferlegen, ob sein Gottvertrauen sich unerschütterlich erweisen würde. Er sollte seinen einzigen, geliebten Sohn Isaak, den Erben der Verheißung, zum Opfer bringen. Sobald ihm Gott seinen Willen kund gegeben hatte, zauderte Abraham nicht einen Augenblick, sein Liebstes zu opfern und führte seinen Sohn zum Berge Moria, baute dort einen Altar, errichtete einen Holzstoß zum Scheiterhaufen und war schon nahe daran, seinen Sohn zu schlachten, als ihm eine Stimme »Halt« zurief und ihn bedeutete, daß es lediglich eine Prüfung sein sollte, und daß er auch diese mit Ergebung und Eifer bestanden habe. Mit dieser Erzählung will die Thora zugleich andeuten, daß Gott kein Menschenopfer verlangt. – Abraham hatte in den letzten Jahren dauernd seinen Wohnsitz in Veerseba, im Lande der Philister, genommen; im eigentlichen Lande Kanaan dagegen konnte er sich nicht ansiedeln; denn die Kanaaniter, auch in der Gegend von Hebron, seinem früheren Aufenthalte, die Söhne Cheth's, gestatteten ihm nicht, festen Besitz zu ergreifen. Als Sara in Hebron [163] während einer Wanderung Abraham's gestorben war, wollte er wenigstens ein festes Erbbegräbniß im Lande der Verheißung erwerben und trat in Unterhandlung darüber mit den Söhnen Cheth's oder mit ihrem Obern, Ephron. Dieser aber, obwohl voll Hochachtung für den friedfertigen, untadelhaften und reichen Herdenbesitzer, machte allerlei Ausflüchte, um ihm ein solches Erbbegräbniß zu verweigern. Endlich gelang es Abraham, sie zum Entschlusse zu bringen, ihm das Feld der Machpela mit einer Höhle und allen Bäumen in förmlichem Kauf für sich und seine Nachkommen zu überlassen. Dadurch gelangte er zu Grundbesitz im eigentlichen Lande Kanaan48. Zuletzt beschäftigte sich noch Abraham mit der Verheirathung seines Sohnes, und es gelang ihm, dem Isaak eine würdige Gattin zuzuführen. In seiner Nähe fand er keine solche, wie die Erzählung der Thora andeutet; die kanaanitischen Töchter waren religiös und sittlich verdorben. Er sandte daher seinen Hausverwalter, Eliëser, eigens in die weite Ferne, nach Haran, um aus seiner eigenen noch unverdorbenen Familie eine Lebensgefährtin für Isaak in sein Zelt zu führen. Dieser fand ein für Abrabam's Haus würdiges junges Mädchen in Rebekka, der Enkelin seines Bruders. Ihre Würdigkeit bekundete sie durch eifrige Liebesthätigkeit. Eliëser hatte von ihr nur ein wenig Wasser zum Trinken verlangt, und sie war voll Eifer, nicht bloß für ihn, sondern auch für seine Sklaven und Kameele zu schöpfen und ihn in ihres Vaters Haus einzuladen. Nicht gezwungen wurde Rebekka zur Ehe, sondern sie wurde befragt und folgte gern in Abraham's Zelt49. Als sie Isaak zugeführt wurde, liebte er sie und fand Trost in ihr für den Verlust seiner Mutter, die er so lange beweint hatte50. Abraham war nach der Schilderung des Schöpfungsbuches der vollkommenste Erzvater, es war kein Fehl an ihm, er befolgte treu Gottes Aufträge, Gebote, Satzungen und Lehren51.

Das zweite Ehepaar, welches die Thora vorführt, ist dem Charakter nach verschieden von dem ersten. Von Isaak's Tugenden erzahlt sie gar nichts und giebt nicht undeutlich zu verstehen, daß er [164] keine eigenen Verdienste hatte, sondern lediglich die seines Vaters genossen hat52. Während Abraham bei seiner Gottergebenheit und Menschenliebe auch Thatkraft zeigte und zur Rettung seines Verwandten die räuberischen Feinde mit dem Schwert verfolgte, zeigte Isaak keine Mannhaftigkeit, sondern durchaus Leidentlichkeit und unsicheres Tasten. An ihm erfüllten sich lediglich die Segnungen Abraham's. Er wird sehr reich, sein Feld liefert ihm hundertfach die Aussaat; diejenigen, welche ihm stille Feindseligkeit gezeigt und die Cisternen zugeschüttet hatten, die sein Vater und seine Sklaven im Lande Gerar gegraben hatten, sind zuletzt genöthigt, ihn aufzusuchen und ein Bündniß mit ihm zu schließen, alles um der Verdienste seines Vaters willen. Wegen der Unselbstständigkeit seines Charakters legte ihm Gott keinerlei Prüfungen auf. Er sollte nicht nach Aegypten ziehen, wo er Gefahren ausgesetzt gewesen wäre53. Er wohnte auch nicht inmitten der kanaanitischen Bevölkerung, sondern in der wenig bevölkerten Gegend der Trift bei Beer-Lachai-Roï, im Thale Gerar und in Beerseba54. Dagegen zeigte seine Frau Rebekka festen Willen, Entschlossenheit und ruhiges Urtheil. Sie allein greift in die Vorkommnisse des Familienlebens ein, ertheilt gute Rathschläge und trifft Entscheidungen, während Isaak kaum ein richtiges Verständniß für die Vorgänge hat. Sie wird unter den Erzmüttern als Ideal aufgestellt, und ihr wird ein Blick in die ferne Zukunft zugeschrieben55. Als sie nach langer Unfruchtbarkeit sich gesegnet fühlt und eine Unruhe in ihrem Schoß empfindet, als wenn ein Kampf in ihrem Innern vorginge, wird ihr eröffnet: daß sie eine Zwillingsgeburt zur Welt bringen werde, und die Zwillinge, die sich von ihr lösen würden, feindliche Brüder werden, und die Feindschaft auf ihre Nachkommen, auf die zwei Völker, übergehen werde, die von ihnen stammen würden, aber der Aeltere werde dem Jüngeren unterthänig sein. Der Kampf der Zwillinge setzte sich bei der Geburt fort, der Schwächere, Jakob, hielt mit der Hand die Ferse des zuerst heraustretenden Stärkeren fest, als wollte er ihn zurückhalten und sich zuerst ans Lichtringen, als gebührte ihm der Vortritt56. Der scheinbar Aeltere, Esau oder Edom, war von Geburt [165] an ausgebildet, stark, roth und voll mit Haaren und entwickelte sich zum wilden Jäger, der im Zelte keine Ruhe hatte, sondern stets in's Feld hinaus stürmte, um mit dem Wilde zu ringen. Der scheinbar jüngere, Jakob, dagegen war harmlos und zog das Zeltenleben vor. Die Neigung der Eltern für das Zwillingspaar war verschieden. Der schwächliche Isaak bevorzugte den starken, wilden Esau, die Mutter aber wandte ihre Vorliebe dem schwächeren, sinnigen Jakob zu. Sollte der Wilde etwa Erbe der Verheißung werden? Er selbst hatte keinen Sinn dafür und verkaufte in einem Augenblick der Ermattung von der Jagd um ein Gericht Linsen die ihm scheinbar anhaftende Erstgeburt: er verachtete sie. Esau hatte so wenig Sinn für die Verheißung an Abraham und für die Reinheit der Familie, daß er kein Bedenken trug, aus kanaanitischen Familien und sogar im Anfang zwei chittitische Frauen zu heirathen. Und doch wollte Isaak diesem weltlichen, wilden Sohn wegen seiner scheinbaren Erstgeburt die Segnungen zuwenden und ihn zum Herrn über den Jüngeren machen! Diese Verblendung schmerzte Rebekka, und sie war darauf bedacht, durch eine List des Vaters Segen Jakob zuzuwenden. Sie überredete ihn, Esau's Gewänder anzulegen, seine glatten Hände und seinen Hals mit einem Ziegenfelle rauh zu machen, sich als Esau vor den Vater zu stellen, dessen trübe Augen ihm nur noch gestatteten, durch Tasten mit den Fingern zu unterscheiden, und so den Segen des Vaters zu empfangen. Jakob sträubte sich gegen diese List und gab zuletzt nur dem Drängen der Mutter nach. So empfing er den Segen, daß er Fülle der Fruchtbarkeit haben, Herr über seine Brüder werden und Völker ihm unterthänig werden sollten. Als Esau später vor den Vater mit Wildpret trat, um den ihm zugedachten Segen zu empfangen, merkte Isaak, daß er ihn, von oberflächlichen Zeichen getäuscht, dem Jüngern zugewendet; er erschrak zwar darüber, konnte ihn aber nicht mehr zurücknehmen und gab nur Esau den Trost, daß er vom Schwerte oder Kriege leben werde, aber der friedliebende Bruder solle über ihn herrschen. Von diesem Augenblick an haßte Esau seinen Bruder und sann darauf, Rache an ihm zu nehmen, machte auch kein Hehl aus seinem Hasse. Die bedächtige Rebekka sann daher darauf, Esau die Gelegenheit zu nehmen, Brudermörder zu werden. Sie will Jakob aus dessen Nähe entfernen und überredet ihn zu fliehen und sich nach Haran zu ihren Verwandten zu begeben. Dabei hatte sie noch eine andere Absicht. Sie empfand Ekel vor der Verdorbenheit der kanaanitischen Weiber, da sie mehr Gelegenheit hatte, deren Thun und Treiben zu beobachten und überhaupt schärfer blickte als der halberblindete und nur wenig mit der Welt verkehrende Isaak. Zwei Kanaaniterinnen [166] waren ihre Schwiegertöchter; ihre reine, kensche Seele schauderte daher vor der Unsittlichkeit der Töchter Kanaan's und sie sprach zu ihrem Gatten: »Wenn Jakob von den Töchtern Cheth's wie diese heirathen sollte, wozu soll mir das Leben57!« Ihr Lieblingssohn Jakob, der Erbe der Verheißung, sollte also nur aus ihrer rein gebliebenen Familie eine Frau heimführen. Als sie Isaak diesen Plan mittheilte, kam er zu der Einsicht, daß sein Lieblingssohn, der kanaanitische Weiber geehelicht hatte, nicht sein und seines Vaters Fortsetzer und Träger des Heils werden könne, und ertheilte Jakob freiwillig den Segen, den er ihm früher in Täuschung gegeben hatte58. Esau selbst, dadurch zur Einsicht gelangt, bereute seine Vermischung mit Kanaaniterinnen und nahm aus Rücksicht auf seinen Vater noch eine dritte Frau hinzu aus der Familie Ismaël's. Aber er konnte das Geschehene nicht mehr ungeschehen machen. Er war reich gesegnet an Kindern und Enkeln, auch reich gesegnet an Gütern, zwölf idumäische Stämme gingen aus seinen Nachkommen hervor, die sich im Gebirge Seïr ansiedelten. Sie gelangten noch lange vor den Nachkommen Jakob's zu ruhigem Besitz und wurden von Königen regiert59. Aber der geistige Segen fehlte Esau. Diesen sollte Jakob erringen, aber erst durch einen Leidensstand.

Jakob's Lebensgang wird in der Thora unter Leiden und Prüfungen dargestellt; er ist durchweg verschieden von dem glücklichen Lebenslaufe seines Vaters. Im Alter bemerkte er seufzend: »Meine Lebensjahre waren wenig und unglücklich und erreichten nicht die meiner Vorfahren«60. Der Leidensstand, den Abraham für seine Nachkommen in einem Gesichte geschaut hatte (o. S. 161), begann bereits mit Jakob, er sollte Vorbild für das von ihm stammende Volk werden. Kaum hatte er eine Prüfung verschmerzt, so kam schon eine andere über ihn. Sein Leidensstand begann mit seiner Auswanderung; er mußte das Vaterhaus und die ihn zärtlich bewachende Mutter verlassen und die lieblose Fremde aufsuchen, um dem Hasse seines Bruders auszuweichen, dem er nichts Böses gethan und nur etwas entzogen hatte, was diesem werthlos schien. Ehe Jakob indessen das Land der Verheißung verläßt, erscheint ihm Gott in einem bedeutungsvollen Traumgesichte und versichert ihm, daß der Segen Abraham's auf ihn und seine Nachkommen übergehen, daß er der Erbe desselben werden [167] solle61. Viele Tagereisen mußte er zurücklegen, ging mit seinem bloßen Stabe über den Jordan und den Euphrat, ehe er Haran, den Wohnort seiner aramäischen Verwandten erreichen konnte. Als er in die Nähe desselben gekommen war, erblickte er seines Oheims Laban jüngere, schöne Tochter, Rahel, und sofort überkam ihn das überwältigende Gefühl inniger Liebe. Diese Liebe war so gewaltig in ihm, daß er, der schwache Jüngling, einen mächtigen Stein von der Oeffnung der Cisterne wälzen konnte, den nur die vereinte Kraft vieler Hirten zu bewegen im Stande war62. Er fühlte, daß Rahel die für ihn bestimmte Lebensgefährtin sei. Die Erzväter empfanden die zärtlichste Liebe für die Erzmütter, die sie in's Zelt führten. Die Gattenliebe war der Grundzug ihres Charakters, auch das deutet die Thora lehrhaft an. Laban nahm Jakob freundlich auf, dieser weidete für ihn die Herde, und als Lohn bedang er sich die Hand der Rahel aus. Sieben Jahre diente er um sie und wartete auf sie; aber diese langen Jahre kamen ihm wie wenige Tage vor, die Hoffnung verkürzte sie ihm63. Als er endlich, endlich in ihren Besitz gelangen sollte, spielte ihm Laban einen Streich, indem er ihm seine ältere Tochter, Lea, zuführte. Wider seinen Willen mußte er diese, die er nicht liebte, als Frau behalten, und Rahel wurde ihm nur unter der Bedingung gegeben, daß er abermals sieben Jahre um sie dienen sollte. So kam Jakob ohne Wahl und Verschuldung zu einer Doppelehe64. Von diesen zwei Frauen und noch zwei Kebsen, welche ihm die Frauen aufgezwungen hatten, erzeugte Jakob zuerst elf Söhne und eine Tochter.

Mit seinen Frauen und Kindern wollte Jakob nach vierzehnjähriger Entfernung in die Heimath zurückkehren; aber Laban hielt ihn zurück, weil er durch ihn reich gesegnet wurde; die geringe Herde Laban's hatte sich durch Jakob's treue Waltung und segenspendende Persönlichkeit vervielfältigt65. Auf das Drängen seines Schwiegervaters blieb er und sollte scheckig geborene Lämmer als Lohn erhalten. Aber sowie Laban die außerordentliche Vermehrung solcher Lämmer gewahrte, änderte er den Vertrag mit Jakob und stellte ihm andere Bedingungen66, und zuletzt wurden er und seine Söhne neidisch auf [168] den Herdenreichthum, den Jakob erlangt hatte. Daher beschloß Jakob, durch ein Traumgesicht dazu ermuthigt, sich von seinem Schwiegervater zu trennen, zog aber seine beiden Frauen zu Rathe, um nicht gegen ihren Willen zu handeln. Da auch sie zustimmten und sich beklagten, daß ihr Vater sie verkauft habe, sie wie Fremde behandle und sie um ihr Vermögen für ihre Kinder bringen möchte, verließ Jakob heimlich Laban's Hans und führte seine Weiber und Kinder, Sklaven und Herden mit sich. Drei Tage später erfährt es Laban, setzt ihm nach und hegt die schlimmsten Absichten gegen Jakob's Leben; aber durch ein Traumbild wird er gewarnt, Jakob Böses zuzufügen. Die Unterredung zwischen Beiden bei ihrem Zusammentreffen am Berge Gilead ist ein Muster eindrucksvoller Beredtsamkeit. Jakob erscheint darin in der ganzen Größe seiner Ehrenhaftigkeit, Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit. Zuletzt ist Laban genöthigt, ein Freundschaftsbündniß und einen Vertrag mit ihm zu schließen, daß sie einander nicht mit Krieg überziehen sollten. Ein Denkmal am Gebirge Gilead sollte die Grenze zwischen Jakob und den Aramäern bilden.

Jakob war von der drohenden Gefahr befreit und konnte weiterziehen, um über den Jordan zu setzen und das Land Kanaan wiederzusehen. Ehe er aber diese kurze Strecke zurücklegen konnte, erfüllte eine Sorge sein Gemüth. Friedliebend, wie er war, gedachte er sich mit seinem Bruder Esau auszusöhnen, ehe er in die Heimath einzog; es fiel ihm nicht einmal schwer, ihm als Familienhaupt zu huldigen67, um den Zwist aus ihrer Jugendzeit vergessen zu machen. Da brachten ihm die Boten, die er an Esau vorausgeschickt hatte, die erschreckende Nachricht, daß dieser mit vierhundert Mann ihm entgegenzöge. Jakob war auf das Schlimmste gefaßt und fand nur im Gebete Trost. Jedenfalls aber sandte er Huldigungsgeschenke von seinen Herden und Sklaven voraus, um auch thatsächlich seine Unterordnung unter Esau zu erkennen zu geben. Er zog indessen weiter, führte seine Weiber und Kinder durch die seichte und nicht tiefe Stelle des in seinem Oberlauf in einer Schlucht fließenden Jabbok und als er allein zurückgeblieben war, überfiel ihn ein Mann und rang mit ihm bis zum Morgengrauen, um ihm das Leben zu nehmen. Jakob unterlag aber nicht, nur eine Hüfte wurde ihm verrenkt, und er hinkte seitdem. Es sollte ein Merkzeichen für ihn sein, daß er im Kampf mit Mächten und Menschen stets siegen werde und sollte ihm Muth bei seiner Begegnung mit Esau einflößen68. Von diesem Kampfe erhielt Jakob einen höheren [169] Namen, Israel (der Machtbesieger); Jakob und Israel sind eine und dieselbe Person nach der Erzählung der Thora.

Ermuthigt durch diesen Vorgang, ging er dem herannahenden Esau ohne Zagen entgegen, unterwürfig zwar und mit der aufrichtigsten Absicht, ihm als ältestem Bruder zu huldigen, aber auch ohne Bangen über den Ausgang. Es folgte ein überraschend rührender Auftritt. Esau, der feindliche Bruder, eilte Jakob mit offenen Armen entgegen, umarmte und küßte ihn. Beide weinten Freudenthränen. Von dem Erstgeburtsrecht war keine Rede mehr; Esau hatte also darauf Verzicht geleistet. Er weigerte sich sogar, die Huldigungsgeschenke anzunehmen, und bot seinem Bruder noch Hilfe an. Jakob's Erstgeburt und die damit verbundene Hinterlassenschaft der Verheißung und des geistigen Segens gehörten ihm also rechtlich an, sie wurden ihm nicht mehr streitig gemacht. Im diesseitigen Jordanland angekommen, wollte Jakob sich der ruhigen Beschäftigung mit seinen Herden hingeben, und, um nicht mit den Nachbarn in Streit zu gerathen, kaufte er bei Salem oder Silo69 ein Stück Land, um sich da anzusiedeln. Allein er sollte keine Ruhe finden. Seine schöne Tochter Dinah wurde von dem Sohn des Herrn der Landschaft Sichem gewaltsam geraubt und geschwächt. Jakob empfand tiefen Schmerz darüber, aber er hegte keine Rachegedanken. Desto mehr waren seine Söhne über diese Frechheit empört. Obwohl darauf der Besitzer des Landes für seinen Sohn Genugthuung anbot und sogar auf die Bedingung einging, daß dieser nicht bloß die geschändete Dinah heirathen sollte, sondern daß auch sein Volk das Bundeszeichen der Abrahamiden annehmen und sich mit der Familie Jakob's vollständig verschmelzen sollte, daß sie zusammen ein einziges Volk bilden sollten, mochten ihre Brüder dennoch die Ehrverletzung, daß ihre Schwester wie eine Buhlerin behandelt wurde, nicht verschmerzen. Zwei derselben, Simeon und Levi, überfielen mit dem Schwerte die von der Beschneidung geschwächten Sichemiten, tödteten die Männer und erbeuteten Frauen, Kinder und Güter. Jakob war über diesen Wortbruch und die Gewaltthat seiner Söhne auf's tiefste empört und sprach eine Verwünschung gegen ihren aufwallenden Zorn und Rachedurst aus, die über ihre Nachkommen verhängt werden sollte, daß sie keinen einheitlichen Stammverband bilden, sondern unter den übrigen Stämmen zerstreut und in Abhängigkeit leben sollten70. Jede Gewalt und das Zücken des Schwertes auch für eine gerechte Sache waren Jakob zuwider. In diesem Lichte will die Thora den dritten Erzvater zeigen. In Folge der Blutthat an den Sichemiten [170] konnte Jakob nicht mehr in der Nähe von Sichem, in Silo, verweilen und zog zunächst nach Bethel. Hier sollte er einen Altar für den Gott bauen, der ihn bis dahin aus Nöthen errettet hatte. Aber mit den Götterbildern der Fremde, welche die Seinigen in Sichem erbeutet hatten, sollten sie nicht den Ort betreten, der zum Hause Gottes (Bet-El) bestimmt war. Auf des Vaters Ermahnen legten sie dieselben ab. In Bethel bestätigte ihm Gott den Namen Israel (Machtbesieger), den er fortan statt Jakob führen sollte.

Ehe er indeß den Aufenthalt seines Vaters erreichte, wurde er von zwei Vorgängen schmerzlich berührt. Seine Lieblingsfrau starb in Ramah in Kindesnöthen bei der Geburt ihres zweiten Sohnes, Benjamin, auf dem Wege nach Bethlehem, und sein ältester Sohn Rëuben schändete sein Beilager durch Unzucht mit seiner Kebsin Bilha. Diese Frevelthat schmerzte Jakob tief71. In Folge dessen büßte Rëuben das Erstgeburtsrecht ein. Die Thora erzählt, daß der Vater auf dem Todtenbette in Versen ihm diesen Vorzug entzogen hat:


»Rëuben, Du bist mein Erstgeborener und Erstling meiner Mannheit,

Bevorzugt an Würde, bevorzugt an Macht.

Aufschäumend wie Wasser, sollst Du nicht bevorzugt sein,

Denn Du hast Deines Vaters Beilager bestiegen,

Damals hast Du mein Bett entweiht72.


Doch das war nicht der einzige Schmerz, dem ihm seine Söhne bereitet haben. Die üblen Folgen der Vielweiberei kamen durch die Abneigung der Brüder von den verschiedenen Frauen gegen einander zum Vorschein. Die Erzählung verschweigt diese Folgen nicht, um das Verderbliche der Vielweiberei darzulegen. Joseph, der Sohn der geliebten Rahel, war der Liebling seines Vaters, und dieser zeichnete ihn vor allen seinen Söhnen aus. Diese Vorliebe erregte den Neid und Haß seiner Brüder, der sich noch mehr steigerte, als Joseph die bösen Reden, die ihnen entschlüpft waren, dem Vater hinterbrachte und ihnen zu erkennen gab, daß er von dem Gedanken erfüllt war, die Herrschaft über sie zu erlangen. Deßwegen trachteten diese gar nach seinem Leben und hätten den Mordplan ausgeführt, wenn nicht der älteste Bruder, Rëuben, welcher dem Vater gegenüber die Verantwortlichkeit hatte, gerathen hätte, ihn in eine Cisterne zu werfen. Diesen Rath führten sie Anfangs aus, dann verkauften sie ihn in Rëubens Abwesenheit auf Juda's Rath an eine vorüberziehende Karawane, [171] tauchten sein Prachtgewand, mit dem der Vater ihn frühzeitig bekleidet hatte, in Blut ein und gaben vor, ein wildes Thier habe Joseph zerrissen. Jakob's Schmerz über den Verlust seines Lieblingssohnes war herb. Von der Karawane wurde Joseph nach Aegypten gebracht und dort als Sklave an einen der hohen Beamten des Königs von Aegypten verkauft.

Keinen von Jakob's Söhnen von der Lea stellt die Thora als Muster auf73, hebt vielmehr ihre Vergehungen hervor. Rëuben hatte sich durch Schändung seiner Stiefmutter vergangen, Simeon und Levi hatten sich Gewaltthätigkeit und Wortbruch an den Sichemiten zu Schulden kommen lassen. Der vierte Sohn von Lea, Jehuda, heirathete eine Kanaaniterin. Die Folge war, daß seine beiden ältesten Söhne aus dieser Ehe, Er und Onan, Sträfliches sich zu Schulden kommen ließen und jung starben. Von der hinterlassenen Wittwe Thamar erzeugte Jehuda in einer nicht sehr keuschen Umarmung zwei Söhne Perez und Serach. Dagegen wird Joseph's Lebensgang ausführlich erzählt und sein sittliches Betragen in der Sklaverei und in der Fremde als nachahmungswürdig empfohlen. Seinem ägyptischen Herrn brachte er Segen ins Haus, wie Jakob in Laban's Haus, und dadurch vertraute ihm jener sein ganzes Hauswesen an. Seine Frau warf indeß lüsterne Blicke auf den schönen hebräischen Sklaven und wollte ihn zur Unzucht verlocken. Heldenhaft widerstand dieser aber der Verführung und wurde von ihr bei ihrem Gatten verleumdet, als hätte er ihrer Keuschheit zu nahe treten wollen. In den Kerker geworfen, erlangte Joseph die Gunst des Kerkermeisters, wie die seines ersten Herrn und erlangte im Kerker Freiheit der Bewegung. Durch richtige Traumauslegung für zwei höhere Diener Pharao's, seine Kerkergenossen, wurde er an den Hof desselben empfohlen, um dessen wirre Träume zu deuten, was die Hofweisen nicht vermocht hatten. Joseph's Vorausverkündigung, daß sieben Hungerjahre auf sieben fruchtbare Jahre folgen würden, traf ein, und dadurch erlangte er eine hohe Stellung am Hofe Pharao's und wurde der nächste zum Throne. In Folge der Hungersnoth war auch Jakob wie alle Einwohner Kanaans genöthigt, Getreide in Aegypten ankaufen zu lassen. Er sandte seine zehn Söhne zu diesem Zwecke nach Aegypten und zuletzt nothgedrungen auch den jüngsten, Benjamin, seinen Liebling von der Rahel. Mit welcher Zärtlichkeit begegnet ihnen der ihnen unkenntlich gewordene Bruder, der zweite im Reiche der Pharaonen! Vergessen ist sein Leid [172] während seiner Knechtschaft, vergessen der Groll gegen seine Brüder, die ihn als Sklaven verkauft hatten. Wie er sich ihnen zu erkennen giebt, bittet er sie, des Vergangenen zu vergessen und nur daran zu denken, daß Alles ein Werk der Vorsehung gewesen. Er mußte nach Aegypten kommen, damit ein großes Volk und seine eigene Familie in den Nothjahren erhalten würde74. Unübertrefflich ist die einfach künstlerische Erzählung des Zusammentreffens Joseph's mit seinen Brüdern und der Wiedererkennungsscene geschildert, wie Joseph, aller Unbilden vergessend, sich den Brüdern mit Herzlichkeit hingiebt: »Ihr habt es böse gemeint, Gott aber hat es gut gemeint.« Er läßt selbstverständlich seinen Vater und sein ganzes Haus mit Pharao's Bewilligung nach Aegypten kommen, um sich dort während der Hungesnoth aufzuhalten. Das Weideland Gosen wurde ihnen zum Wohnplatz angewiesen. In einer Nachterscheinung billigte auch Gott diesen Zug nach Aegypten. So kamen Jakob-Israel's Söhne und Enkel, siebzig an der Zahl, die Stammväter von siebzig Familien, nach Aegypten. Jakob starb im Nillande, beschwor aber vor seinem Tode seine Söhne, seine Leiche in dem Grabmal seiner Väter beizusetzen, und dann lüftete er halb den Schleier der Zukunft für seine Söhne. Joseph's zwei in Aegypten geborene Söhne, Manasse und Ephraim, sollten zwei Stämme bilden und der jüngere den Vorzug genießen vor dem älteren. Joseph würde ein fruchtbares Loos im Lande haben:


»Segnungen des Himmels von oben,

Segnungen des Meeres, des tiefliegenden.


Aber die Herrschaft soll nicht ihm zu Theil werden, auch nicht dem ältesten, Rëuben, wegen seiner Schandthat, auch nicht den nächstfolgenden ältesten, Simeon und Levi, sie sollten vielmehr wegen ihrer Gewaltthätigkeit zerstreut sein, sondern Jehuda; ihm werden seine Brüder huldigen.


Er wird einem jungen Löwen gleichen,

Nimmer wird das Scepter von Juda weichen

Und der Herrscherstab von seinen Nachkommen.

Denn kommen wird der Friedliche75,

Und ihm wird die Unterthänigkeit der Stämme.

[173] Binden wird er an den Weinstock sein Füllen

An die Edelrebe die Jungen der Eselin,

Waschen in Wein sein Gewand, in Traubenblut seine Hülle.

Röthe der Augen von Wein,

Weiße der Zähne von Milch.


Die Geschichte der übrigen Söhne und Stämme, welche wenig Bedeutung haben, wird nur kurz und flüchtig berührt und ihrer Thaten theils lobend, theils tadelnd erwähnt, Joseph dagegen wird bis zu seinem Lebensende als edelmüthig geschildert. Nach dem Tode Jakob's, als die Brüder Rachenahme von ihm fürchteten, wiederholte er, daß er völlig ihre unbrüderliche Handlung an ihm vergessen habe. Vor seinem Tode legte er ihnen an's Herz, ihren Nachkommen zu befehlen, seine einbalsamirten Gebeine bei ihrer zuverlässig eintretenden Rückkehr in's Land Kanaan mitzunehmen und sie dort beizusetzen. Obwohl hochgestellt in Aegypten, liebte er doch das Land der Väter und wollte dort begraben sein.

Das zweite Buch der Thora »der Auszug«, erzählt den Leidensstand der zahlreich gewordenen Nachkommen Jakob's in Aegypten durch einen König, der, uneingedenk der Wohlthaten, die Joseph dem Lande geleistet, seine und seiner Brüder Nachkommen zur Sklaverei erniedrigt hat. Es erzählt auch mit anschaulicher Lebendigkeit die Erlösung aus dem Sklavenhause. Im Vordergrunde der Geschichte der Erlösung steht Mose. Aber seine hohe Bedeutung und Größe wird auch nicht mit einem Worte hervorgehoben, als wenn er, der Erzähler der Geschichte, es für unbescheiden hielte, sich selbst das Lob zu reden. Nur seine wunderähnliche Rettung aus den Fluthen des Nil, worin er wie andere hebräische Knaben ausgesetzt war, wird schlicht ohne Wunder vorgeführt. Die Königstochter selbst rettet das zu Großem berufene Kind vor Untergang. Mit leisem Tadel wird hervorgehoben, daß Mose sich Anfangs gesträubt hat, die Sendschaft der Erlösung zu übernehmen. Um diese Erlösung durchzuführen, mußten Plagen über das Land, die Bewohner und den König von Aegypten verhängt werden, weil dieser sein Herz verhärtet und die frei eingewanderten Israeliten in ewiger Sklaverei behalten wollte. Die Plagen, Zeichen und Wunder, welche im Lande geschehen, sollten auch einen erziehenden Zweck haben; das Volk Israel, Aegypten und alle Welt soll dadurch erfahren, daß Ihwh allein mächtig ist, daß ihm die Erde gehört, daß sie seinen Worten und Winken gehorcht76. Auch die Götter der Aegypter, die von ihnen verehrten Thiere, hat das Strafgericht ereilt, damit ihre Nichtigkeit offenbar werde77. Von diesen Plagen wurden [174] die in Gosen wohnenden Israeliten verschont. Während die Aegypter im Dunkeln tasteten oder vielmehr in der Finsterniß nicht von ihren Plätzen sich erheben konnten, war für die Israeliten Licht in ihren Wohnungen78. Erst in Folge der zehnten Plage, des plötzlichen Sterbens der Erstgebornen durch eine Seuche unter Menschen und Thieren, entließ Pharao die geknechteten Israeliten, ja er drängte sie so sehr, daß sie nicht einmal Zeit hatten, den angerührten Teig des Morgens gähren zu lassen, sie mußten ungegohrenes Brod schnell backen.

Zum Andenken an diese Erlösung aus Aegypten, damit sie den folgenden Geschlechtern stets überliefert werden soll, wurden mehrere Gesetzesbestimmungen eingeführt. Der Frühlingsmonat, der Monat des Auszuges, soll als der erste gezählt werden. Am vierzehnten desselben soll ein Paschalamm geopfert und Abends mit ungesäuertem Brode verzehrt werden. Ueberhaupt soll an dem darauf folgenden siebentägigen Feste Gesäuertes weder genossen, noch aufbewahrt werden. Selbst die aufgenommenen Fremdlinge sollen dieses Gesetz befolgen. Zur Gemeinschaft am Paschamahle sind auch Fremdlinge zugelassen, insofern sie und die zu ihnen gehörenden Familienglieder das Bundeszeichen angenommen haben; wie denn überhaupt das gleiche Gesetz für Fremdlinge und eingeborene Israeliten gelten soll. Dagegen sollen Unbeschnittene vom Paschalamm ausgeschlossen werden. Die Erstgeborenen sollen Gott geweiht werden, die der reinen Thiere geopfert, die der Esel umgetauscht und die der Menschen ausgelöst und nicht geopfert werden. Endlich soll an Hand und Stirn ein Erinnerungszeichen sein, daß Israel mit starker Hand aus Aegypten erlöst wurde. Darauf legte die Thora bei vielen Gesetzesvorschriften ein besonderes Gewicht, daß sie einen belehrenden und erziehenden Zweck haben. Sie sollen dazu dienen, die Aufmerksamkeit des jüngeren Geschlechtes zu erregen und dem älteren Gelegenheit zu geben, die außerordentlichen geschichtlichen Vorgänge zu erzählen79. Die Fülle der großen Erinnerungen im Lebensgang des israelitischen Volkes soll nicht verwischt, sondern gelegentlich von neuem aufgefrischt und zum Bewußtsein gebracht werden. Die Gesetze, die nicht Selbstzweck haben, sollen als Lehrmittel (Oth, Sikkaron) dienen.

Weiter erzählt »das Buch des Auszuges« die Vorgänge, welche dem Aaszuge solgten bis zum Durchzug durch das Schilfmeer, die Gefahren und die Errettungen. Diese Ereignisse waren so gewaltig, daß ein außerhalb der Gemeinde stehender Mann Jethro [175] zur Erkenntniß und Bekenntniß gelangte: »Ihwh, der Gott Israels, ist größer deun alle Götter«80.

In den schönsten Farben und dramatischer Anschaulichkeit erzählt die Thora die Gesetzesoffenbarung am Sinai. Sie stellt diesen Vorgang in den Vordergrund. Der Darstellung sieht man es an, daß sie mit der Sprache zu kämpfen hatte, um das Erhabene und Unbegreifliche begreiflich und verständlich zu machen. Das ganze Volk hat die Worte der Offenbarung vernommen, und doch hat das göttliche Wesen, von dem sie ausgegangen, keinerlei sichtbare Gestalt. Von einem Raume aus sind diese Worte ertönt; scheinbar erschien Gott auf dem Berge Sinai in Glanz und Hoheit; aber Gott kann doch nicht in einem Raum gedacht werden!81

Als Einleitung wird das Wort vorausgeschickt: »Ihr habt gesehen, was ich an Aegypten gethan, wie ich euch auf Adlers Flügeln getragen und zu mir gebracht. Wenn ihr mein Bündniß bewahret, so sollt ihr mir ein kostbarer Schatz unter allen Völkern sein, obwohl die ganze Erde mir gehört. Ihr sollt mir ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk sein«. Den Hauptinhalt des Bündnisses sollen die heiligen Zehnworte bilden, welche das Volk selbst am Fuße des Sinai unter außerordentlichen Erscheinungen vernommen hat. Gewicht legt die Thora auf die Thatsache, daß das Volk nur eine Stimme vernommen, aber keine Gestalt gesehen, und daraus leitet sie die Nutzanwendung, daß kein Bildniß Gottes von Silber oder Gold gemacht werden soll. Zur Gottesverehrung genügt ein Altar aus Erde, aber nur an dem Orte, auf den Gott seinen Namen rufen wird82. Zu einem Altar aus Stein soll nicht das Eisen verwendet werden, weil es an den Krieg erinnert; auch soll der Altar nicht hoch angelegt und nicht mit Stufen versehen sein, weil dadurch beim Hinaufsteigen die Blöße zum Vorschein kommen müßte. Werkzeuge des Mordes und das Zeichen des Thierischen sollen vom Heiligthume fern bleiben.

[176] Daran sind in der Thora bürgerliche Gesetze angereiht, welche den Inhalt des »Bundesbuches« ausmachen83. Sie sind sämmtlich in verschiedene Gruppen getheilt, und jede Gruppe enthält, dem Zehnwort gemäß, je zehn einzelne Gesetze84. Diese Eintheilung ist behaltlich angelegt, damit sie dem Gedächtnisse eingeprägt werden könne. Diese vielfachen Gesetze werden nicht etwa trocken aufgezählt, sondern stets ist eine Ermahnung und die Aussicht auf nationale Belohnung daran geknüpft. Erzählt wird, daß Mose diese grundlegenden Gesetze, als Auslegung zu den Zehnworten, dem Volke vorgelesen und das Volk sie einstimmig angenommen und durch ein Bündniß besiegelt habe85. Während Mose noch einmal auf den wolkenumhüllten Sinaï stieg und dort vierzig Tage weilte, um die steinernen Bundestafeln der Hauptgesetze in Empfang zu nehmen und Anordnungen zu holen, um für dieselben einen Zelttempel zu erbauen, verfiel das Volk in die Verirrung, sich Gott unter einem Stierbild aus Gold zu versinnlichen. Diesen Vorgang erzählt die Thora zur Warnung mit vieler Ausführlichkeit. Sie verschweigt nicht, daß Ahron, der Stammvater der Priester, aus Furcht die Hand zum Götzenthum geboten. Auf Mose's inbrünstiges Flehen offenbarte Gott seine »Wege«, daß er voll von Barmherzigkeit, Gnade und Langmuth ist. In Folge des Abfalls mußten die wichtigen Gesetze über die Gottesverehrung noch einmal eingeschärft werden86; die Thora wiederholt sie. Daran reiht sich die Erzählung von der Anfertigung und Einweihung des Zelttempels durch Opfer an87. Die Vorschrift für die Opfer und ihre Weise ging von Mose oder vom Gesetze aus. Daß Ahron, der Priester, diese zur Richtschnur nahm, ohne im Geringsten davon abzuweichen, wird hervorgehoben. Der Weihe des Stiftzeltes von Seiten der Menschen mußte aber erst von oben das Siegel aufgedrückt werden. Die Weiheopfer waren vorbereitet, Ahron hatte nichts mehr hinzuzufügen, er hatte bereits dem Volke mit erhobenen Händen den Segen ertheilt, und noch erfolgte kein Zeichen. Erst als Mose mit ihm zugleich in den Zelttempel gegangen war und noch einmal das Volk gesegnet hatte, zeigte sich die »Herrlichkeit Gottes« in einem plötzlichen Blitzstrahl, der die Opfertheile verzehrte. Beim Anblick dieses Vorgangs fiel das Volk auf das Angesicht und stieß einen lauten Ruf aus, wie zur Zeit, als der Prophet Elia das Volk von der Nichtigkeit des [177] Baal überzeugt hatte88. Das erste Feuer, welches dem Altar die Weihe geben sollte, kam von oben, und dieses sollte durch Priesterhand stets unterhalten werden89. Die zwei Söhne Ahron's, Nadab und Abihu, welche menschliches Feuer zum Altar gebracht und damit die Opfer verdampfen lassen wollten, wurden von demselben Blitzstrahl getroffen. Es sollte zur Warnung dienen, daß die Priester vor allem sich davon fernhalten müßten, eine willkürliche Opferhandlung vorzunehmen. Gerade weil sie dem Heiligthum näher stehen, tragen sie eine größere Verantwortlichkeit, und sie sollten zu Neuerungen nicht die Hand bieten90.

An diesen Vorgang, den plötzlichen Tod der beiden Ahrons-Söhne bei der Einweihung der Stiftshütte, reiht die Thora wieder einige darauf bezügliche Gesetze an. Zunächst sollten die Priester, die Nachkommen Ahron's, sich beim Altardienste vom Trunke fern halten; ihr Beruf ist, das Volk darüber zu belehren, was heilig und unheilig und was rein und unrein sei91. Ganz besonders sollten sie sich, im Gegensatz zu den Bräuchen der Völker, von Todtenopfern fernhalten; nicht einmal die Todtenklage und Todtenbräuche um den Verlust ihrer Verwandten sollten sie anstellen92. Das Abgestorbene sei unheilig und unrein und solle vom Tempel und den Priestern ferngehalten werden. Auch das Gesetz vom Sühntage (Jom ha-Kippurim) reiht sich an diesen Vorfall an, weil Nadab und Abihu nach eigenem Ermessen das Allerheiligste betraten. Selbst Ahron, der Hohepriester, soll das Heiligthum hochhalten und nicht zu jeder Zeit in dasselbe eingehen, sondern nur einmal des Jahres, um für sich, das Priestergeschlecht und das Volk durch Opfer und Sündenbekenntniß Versöhnung mit Gott zu erlangen. Der Sühnetag soll durch Ruhe von Arbeit und Enthaltung von Speisen begangen werden. Auch der Fremdling soll an der Aussöhnung und dem Ingemeinschafttreten mit Gott Theil haben. Das Heiligthum selbst, welches inmitten der Sündhaftigkeit des Volkes steht, bedarf ebenso der Sühne und soll an diesem Tage, gewissermaßen jedes Jahr von neuem, geweiht werden.

Was ist aber die Sünde, welche die Menschen, die Gemeinde Israels von Gottes Gemeinschaft entfernt, sie als unrein erscheinen läßt und versöhnungsbedürftig macht? Durch eine lange Reihe von Verwarnungen [178] bezeichnet die Thora die Natur der Sünde, welche Gott ein Gräuel ist, um derentwillen das Land Kanaan seine Urbewohner, denen sie zur Lebensgewohnheit geworden, ausgespieen hat. Die Söhne Israels sollten sich von solcher Sünde und von solchen Gräuelthaten fern halten, nicht die Unthaten der Aegypter, unter denen sie so lange gelebt, und der Kanaaniter, in deren Land sie einziehen sollten, nachahmen. Zwei Gruppen von je zehn Gesetzen behandeln die Keuschheitsgesetze. In dem (dritten) Buche, welches überhaupt den Gesetzen gewidmet ist, ist durch dieses Keuschheitsgesetz die Natur der schweren Sünde, die zugleich Unreinheit ist, gekennzeichnet. Zunächst Verbot der Blutschande mit den Erzeugern, mit der Stiefmutter, mit den Geschwistern in allen Abstufungen, mit den Erzeugten, mit den Geschwistern der Eltern, der Schwiegertochter und der Schwägerin; Verbot der Ehe mit einer Frau und deren Tochter oder Enkelin, mit zwei Schwestern zugleich; Verbot des ehelichen Verkehrs mit der eigenen Ehefrau zu gewissen Zeiten; Verbot des Ehebruchs, der Preisgebung der Tochter zur Unzucht zu Ehren des Moloch93; Verbot der Männerliebe und der thierischen Unzucht. Warnend fügt die Thora dabei hinzu: »Ihr sollt euch durch alles dieses nicht verunreinigen; weil die Völker diese Gräuel geübt, vertreibe ich sie vor euch. Das Land würde auch euch ausspeien, wenn ihr in dieselbe Verunreinigung verfallen solltet« – eine beherzigenswerthe Warnung, welche durch den Gang der Völkergeschichte, ihren Auf- und Niedergang, bestätigt wurde. An diese Gesetze reiht die Thora andere von hoher Sittlichkeit, welche gewissermaßen das Zehnwort erläutern und näher ausführen. Sie tragen an der Spitze die Ermahnung: »Ihr sollt heilig sein, denn ich euer Gott bin heilig.« Auch diese Gesetze sind wohl nach der Zehnzahl geordnet Mutter und Vater in gleicher Weise zu ehren, die Ruhetage zu beobachten, dem Armen und Fremdling ein Theil der Feldfrüchte zu überlassen, nicht zu stehlen, nicht zu lügen und nicht einem Andern etwas abzuleugnen, nicht falsch zu schwören, den Stammesgenossen nicht zu bedrücken, nicht zu rauben, den Lohn des Mietharbeiters nicht einmal über Nacht zurückzubehalten. Den Tauben darf man nicht schmähen, dem Blinden nicht einen Anstoß legen, nicht Verrath beim Gericht üben, den Angesehenen nicht berücksichtigen, nicht verläumdend und zutragend umhergehen. Den Bruder darf man nicht im Herzen hassen, man soll ihn vielmehr, wo es nöthig ist, offen zurechtweisen, nicht Rachegedanken darf man nachhängen, man soll überhaupt den Nächsten wie sich selbst lieben.

[179] Es folgen dann Gesetze, welche Saat und Frucht betreffen, daß die Gattungen nicht vermischt werden sollen, weder bei der Viehzucht, noch bei der Kleidung. Von einem jungen Baume sollen die ersten drei Jahre die Früchte nicht genossen werden, die des vierten Jahrganges sollen geweiht sein. Dann noch andere Satzungen, welche götzendienerische Bräuche und Unsitten verpönen94. Am Schlusse dieser Gesetzesgruppe wird noch einmal zarte Rücksichtnahme auf die Fremdlinge empfohlen, daß man sie wie Eingeborene behandele, sie nicht bedrücke, ihnen nicht Unrecht thue im Gerichte, bei Maß und Gewicht: »Du sollst den Fremdling wie dich selbst lieben«95.

An einen Vorfall knüpft die Thora abermals mehrere Gesetzesreihen. Ein Israelite hatte im Lager einen heftigen Streit mit einem Halbisraeliten von einem ägyptischen Vater. Der Letztere hatte dabei Gott gelästert. Mose selbst wußte nicht, was dem Lästerer geschehen sollte. Da wurde ihm das Gesetz geoffenbart: ein Gotteslästerer soll mit dem Tode bestraft werden, gleichviel ob ein Einheimischer oder ein Fremdling96. Daran reiht die Thora Strafgesetze bei muthwilligem Todschlag und bei Verwundung an, und daran schließen sich die Strafgesetze überhaupt97 und besonders die für Unzucht, Blutschande und Götzendienst an, mit dem die Unkeuschheit in engster Verbindung stand. Besonders eingeschärft wird die strenge Bestrafung eines Vaters, welcher seine Tochter buhlerischer Preisgebung zu Ehren des Moloch weiht98. Wie beim Eingang, so wird auch beim Abschluß dieser Gesetze hervorgehoben, daß die Israeliten zur Heiligkeit berufen seien und daher die Gräuelthaten der Götzendiener nicht nachahmen sollen, sonst wären sie nicht besser als die Kanaaniter, und das Land würde auch sie ausspeien. Israel ist deswegen aus den Völkern ausgewählt worden, um durch besondere Gesetze, durch Vermeidung von Unkeuschheit und Unreinheit, die Heiligkeit zu erstreben99.

Da das Geschlecht Ahron's berufen war, mit dem Beispiel der Heiligkeit den übrigen Israeliten voranzugehen, so werden an diese Gesetze andere geknüpft, die lediglich für die Priester Geltung haben sollen100. An die Priestergesetze reihen sich Opfergesetze an101. Besonders [180] wird hervorgehoben, daß nicht außerhalb des Lagers und nicht außerhalb des Heiligthums geopfert werden dürfe102. Mit den Opfergesetzen stehen die Festzeiten in engster Verbindung. Die Thora zählt diese Zeiten der Reihe nach auf und bestimmt kurz die Opfer, welche an denselben gebracht werden sollen. Zunächst wird der Sabbat erwähnt; dann eröffnet das Frühlingsfest die Reihe, die Paschafeier mit dem darauffolgenden siebentägigen Feste der ungesäuerten Brode; fünfzig Tage später das Erntefest oder Wochenfest. Im Anfang des siebenten Monats ein Posaunenfest, im ersten Drittel desselben der Sühnetag und am Schlusse das Ernte- oder Hütten-Fest103.

An die Bestimmungen für Sabbat und Feiertage reiht die Thora die Gesetze für die Feier des Bodens, des Ackersabbats. In jedem siebenten Jahr soll der Boden nicht angebaut und sollen die Gärten nicht gepflegt werden. Was von selbst wächst, soll für sämmtliche Bewohner des Landes frei sein, für Sklaven, Fremdlinge, Miethlinge und selbst für die Thiere des Landes. Jedes fünfzigste Jahr soll ebenso ein Brachjahr und noch dazu ein Freijahr, Jobeljahr (Jobel, Deror) sein. Jeder als Sklave Verkaufte soll zu seiner Familie, jedes veräußerte Grundstück zu seinem Urbesitzer zurückkehren. Ueberhanpt sollen Ackerfelder, Gärten und Häuser in offenen Städten nicht für die Dauer verfallen, sondern nur zeitweise bis zum Jobeljahr verkauft werden; denn der Boden des Landes gehört nicht den Besitzern, sondern Gott104. Auch innerhalb eines Jobelzeitraums darf der Eigenthümer oder seine Blutsverwandten die veräußerten Grundstücke auslösen. Nur ein Haus innerhalb einer befestigten Stadt kann bloß innerhalb eines Jahres ausgelöst werden; denn die festen Städte gehören nicht den Bewohnern derselben, sondern Allen gemeinschaftlich, d.h. der ganzen Nation, an; es ist also gleichgültig, in wessen Besitz die Häuser augenblicklich sind. An die Sabbatjahr- und Jobel-Gesetze reihen sich die verwandten Gesetze an, um derentwillen die ersteren gegeben sind. Ein Verarmter soll kräftig unterstützt werden; wer ihm Geld vorschießt, soll nicht Zins von ihm nehmen. Wenn ein Verarmter sich als Sklave verkauft, sollen die Blutsverwandten ihn auslösen, und der Käufer darf ihn nicht zurückbehalten. Ein Solcher soll auch als Sklave nicht mit Härte behandelt werden; denn die Israeliten sollen lediglich Gottes Knechte sein und nicht als Sklaven dienen105. Den Abschluß dieser Gesetzesgruppen macht die Thora mit einer allgemeinen Ermahnung. Der Lohn für [181] die Erfüllung derselben wird anhaltende Fruchtbarkeit, Fülle und nationale Selbstständigkeit, die Strafe für die Uebertretung wird gesteigertes Unglück, Mißwachs, Unfruchtbarkeit, Krieg, Unterjochung und zuletzt das entsetzliche Strafgericht der Zerstreuung unter die Völker sein106. Alle diese Gesetze, Bestimmungen und Belehrungen (Toroth) sind Mose durch Gott als Bündniß zwischen ihm und dem Volke auf dem Berge Sinaï offenbart worden107.

Nun sollten die Israeliten vom Sinaï ihrer Bestimmung entgegen weiter ziehen; die Züge, die sie vom Sinaï bis zu ihrer Rast am Jordan zurückgelegt haben, erzählt das vierte Buch der Thora. Vor dem Aufbruche, im Anfange des zweiten Jahres seit dem Auszuge, nahm Mose im Verein mit den Aeltesten der Stämme eine Volkszählung der Jünglinge und Männer, vom zwanzigsten Jahre an, vor; die Zählung hatte 603,556 Personen ohne Frauen, Kinder und Knaben und ohne die Leviten ergeben. Die Leviten wurden nicht mitgezählt, weil sie nicht kriegspflichtig und nicht besitzfähig, sondern als Ersatz für die Erstgeborenen für den Dienst des Heiligthums bestellt waren. Ihre Zahl betrug, die jungen männlichen Kinder von einem Monat an mitgerechnet, 22,000. Ihre Dienstzeit sollte indeß erst mit dem dreißigsten Jahre beginnen und mit dem fünfzigsten aufhören. Die Gesammtzahl der Leviten innerhalb des Alters zwischen dreißig und fünfzig Jahren (8,580) war von Anfang an in drei Klassen getheilt. Die vornehmsten waren die Kehathiten, darauf folgten die Gersoniden und die letzte Stelle nahmen die Merariden ein. Nur in der Umgebung des Heiligthums sollten sie sich halten und die Zugänge bewachen, in das Innere dagegen nicht eindringen. Der Zugang zu demselben sollte nur den Ahroniden vorbehalten sein108. Ehe die Leviten in den Dienst des Heiligthums traten, wurde eine Weihe mit ihnen vorgenommen109. Auch hier haben diese Erzählungen der Thora einen lehrhaften Charakter, und auch daran sind Gesetze angereiht, die eigentlich Nachtrags-Gesetze sind. Aus dem Lager sollte jeder mit Aussatz oder mit Fluß Behaftete gewiesen werden; da, wo die heilige Bundeslade weilt, soll sich keine Unreinheit befinden110. Mit der Vollstreckung dieser Maßregel wurden wahrscheinlich die Leviten betraut, sie sollten die Tempelpolizei üben. Das Heiligthum sollte auch vor Entweihung geschützt werden, und das Gesetz bestimmt die Sühne, welche bei etwaiger Veruntreuung [182] des Heiligen dem Priester geleistet werden soll111. Daran schließen sich Gesetze, welche die Bedeutung des Priesterthums hervorheben sollen. Bei einer im Verdacht des Ehebruchs stehenden oder von der Eifersucht des Mannes geplagten Frau soll der ahronidische Priester durch Wort und Handlung die Wahrheit an den Tag bringen112. Die Priester sollen ferner über das Volk den Segen sprechen oder beten, daß Gott ihm Segen gewähren möge113. Neben dem Priester kann es zwar noch andere Geweihte geben, Nasiräer, welche ein außerordentliches Gelübde gethan, keinen Wein zu trinken und das Haar nicht abzuscheeren. Aber diese sich selbst Weihenden kommen den Priestern nicht gleich; ihre Weihe dauert nur einige Zeit; nach Ablauf derselben hört sie auf, und dann soll der Nasiräer den Priester in Anspruch nehmen, daß er für ihn Opfer darbringe114.

Nachträglich wird noch erzählt, daß bei der Einweihung des Zelttempels die Stammesfürsten, dieselben, welche bei der Volkszählung mitgewirkt hatten, nicht bloß Opfer, sondern auch Geschenke dargebracht haben, und als der erste derselben, gewissermaßen als Anreger, Nachschon, der Fürst des Stammes Juda. Uebrigens haben sämmtliche zwölf Vorsteher gleich viel gespendet, keiner mehr und keiner weniger115.

Ehe indessen das Volk vom Sinaï aufbrach, rückte, wie die Thora weiter erzählt, die Zeit zum Pascha-Opfer heran, und die Söhne Israels wurden ermahnt, dasselbe zum erstenmal zur bestimmten Zeit darzubringen. Es gab aber unter ihnen einige, die mit Leichen in Berührung gekommen und als solche verunreinigt waren. Diese, welche von diesem Opfer der Gemeinschaft ausgeschlossen werden sollten, beklagten sich darüber bei Mose. Aus eigener Beurtheilung wußte der Führer keinen Bescheid darüber zu geben; das Verhalten in solchen Fällen ist ihm erst offenbart worden: daß Unreine und solche, welche an dem Tage vom Heiligthum entfernt waren, in Zukunft das Pascha-Opfer einen Monat später darbringen dürften116. Endlich kam die Zeit zum Aufbruch heran, der zwanzigste des zweiten Monats im zweiten Jahr des Auszuges. Das Verschwinden der Wolke, welche den Zelttempel zu decken und sich bei Nacht in eine Feuererscheinung zu verwandeln pflegte, gab das Zeichen zum Aufbruche. Die Stämme wanderten stets in geordneten [183] Zügen, in fünf Gruppen (Chamuschim117), immer Juda an der Spitze mit zwei beigesellten Stämmen, dann erst Rëuben, ferner Ephraim und zuletzt Dan, ebenfalls mit genossenschaftlichen Stämmen; als fünfte Gruppe der Stamm Levi mit der Bundeslade118. Die Hauptzüge und die Begebenheiten, welche von der ersten Station des Berges Sinaï bis zur letzten am Jordan vorgefallen, erzählt die Thora mit größerer oder geringerer Ausführlichkeit. In der ersten Zeit ist die Bundeslade vorangezogen, um einen Ruhepunkt auszusuchen. Nichts desto weniger hat Mose seinen Verwandten Chobab – von Seiten seiner midianitischen Frau – ersucht, mit seiner Stammgruppe die Israeliten zu begleiten, um die weidereichen Lagerplätze in der Wüste, mit welchen sie vertraut waren, auszusuchen und anzugeben. Diese midianitische Stammgruppe, die Keniter und Jithrither, haben sich dem Volke Israel angeschlossen und haben Antheil an dem Lande erhalten119. Die Thora erzählt ferner, welche Widerwärtigkeit Mose durch die Unzufriedenheit und Kleingläubigkeit des Volkes zu erdulden hatte, und wie die Strafe stets auf dem Fuße gefolgt sei. Bei einer der ersten Stationen (Kibroth ha-Taawah) habe das Mischvolk, das sich von Aegypten aus den Stämmen angeschlossen, über Mangel an Fleisch geklagt und habe damit die Israeliten angesteckt, obwohl sie Manna in Fülle hatten. In Folge dieser wiederholten Unzufriedenheit sei Mose selbst müde geworden und habe gewünscht, daß ihm die Last der Führung abgenommen werde, da sie ihm allein zu schwer sei. Darum habe ihm Gott siebzig Aelteste als Mitführer bestimmt, die Vertreter der siebzig Familien; ein Theil des Geistes von Mose sei auf diese abgesondert worden, so daß auch sie die prophetische Schauhelle einpfingen. Bei dieser Gelegenheit zeigt die Thora Mose's Selbstlosigkeit, wie seine Persönlichkeit vollständig in seinem Beruf für das Volk aufging. Zwei Aelteste, welche nicht zu Mitführern berufen waren, Eldad und Medad, prophezeiten im Lager. Josua, Moses Jünger, wünschte, daß ihnen dieses als unberechtigte Anmaßung verboten werde. Mose aber sprach: »Bist du etwa für mich eifersüchtig? O wäre doch das ganze Volk prophetisch und würdig, daß Gott seinen Geist auf es gäbe!« – Die Fleisch-Lüsternen erhielten solches durch Wachtelschwärme in solcher Fülle, daß es ihnen zum Ekel wurde, aber [184] ihre Strafe wegen ihres Gelüstes war Tod durch Pest. Bei der Erwähnung der dritten Station, in der wasserreichen und fruchtbaren Oase Chazerot120, wo die Israeliten sich länger aufhielten, erzählt die Thora in kurzen Zügen einen Vorgang innerhalb des Kreises von Mose's Familie, um dessen prophetische Bedeutsamkeit und Ueberlegenheit hervorzuheben. Sie führt die Gottheit selbstredend ein, wie sie die geringschätzigen Aeußerungen Ahron's und Mirjam's über ihren großen Bruder rügt: »Wenn es unter euch einen Propheten geben wird, so werde ich in einem Gesichte mit ihm verkehren, im Traume mit ihm sprechen; nicht so ist mein Knecht Mose; in meinem ganzem Hause ist er bewährt, von Mund zu Mund spreche ich zu ihm und in Sichtbarkeit und nicht in Räthselsprüchen, und die Herrlichkeit121 Ihwh's schaut er. Warum habt ihr euch nicht gescheut, gegen meinen Knecht Mose zu sprechen?« Mirjam, die Anregerin der tadelnden Aeußerung gegen Mose, wurde durch einen vorübergehenden Aussatz bestraft. Mit dieser Erzählung hat die Thora ihren Lehrinhalt besiegelt: Mose überragte alle übrigen Propheten, und die von ihm offenbarten Gesetze, Bestimmungen und Lehren halten daher keinen Vergleich mit denjenigen anderer Seher aus.

Mit Uebergehung der vielen Stationen, welche die Israeliten von der Wüstenwanderung von der Oase Chazerot bis zum längeren Aufenthalte in Kadesch berührt hatten, erzählt die Thora nur die Vorgänge auf dieser letzten Station in der Wüste Zin oder Paran: Das Aussenden der Kundschafter, um das Land der Verheißung kennen zu lernen, ihre Rückkehr und das Bösreden über das Land, die Unzufriedenheit des Volkes, Mose's Fürbitte für die Erhaltung desselben, die über dasselbe verhängte Strafe vierzigjähriger Wanderung, entsprechend den vierzig Tagen der Auskundschaftung, bis zum Aussterben des unverbesserlichen Geschlechts und dem Heranwachsen einer neuen, empfänglicheren Generation. Ein Theil des Volkes, welches trotzdem ohne Mose's Führung und ohne Begleitung der Bundeslade vorzudringen wagte, wurde geschlagen. – Aus der Zeit des Rückganges, den die Stämme antreten mußten, der beinahe neununddreißigjährigen Hin und Herzüge in der Wüste, erzählt die Thora nur wenige Vorfälle, und auch an diese knüpft sie belehrende Gesetze. Ein Mann hatte den Sabbat entweiht, er hatte Holzreiser abgebrochen. Darüber waren diejenigen, welche ihn dabei betroffen hatten, entrüstet und führten ihn mit einer Anklage wegen Gesetzesübertretung vor Mose's Richterstuhl.[185] Aber dieser wußte selbst nicht, welche Strafe über ihn verhängt werden sollte, bis ihm offenbart wurde, daß der Tod durch Steinigung auf muthwillige Sabbatentweihung erfolgen sollte. An diesen Vorgang reiht sich die Vorschrift, daß die Israeliten an den Zipfeln ihres Obergewandes Quasten mit himmelblauen Purpurschnüren machen sollten, damit sie durch den Anblick derselben an ihren priesterlichen Beruf der Heiligkeit gemahnt werden sollten, ähnlich wie der Hohepriester ein ganz himmelblaues Oberkleid tragen sollte, in der Farbe, welche Heiligkeit bedeutet. Durch den Anblick der Quasten sollten sie stets erinnert werden, daß sie nicht eigener Einsicht und eigenem Gelüste nachhängen, sondern lediglich der Vorschrift des Gesetzes folgen sollten122.

Der zweite Vorfall aus dem letzten Jahre der Wüstenwanderung, den die Thora erzählt, ist die Geschichte des Kora (Korach), wie dieser aus der vornehmen Levitenfamilie, ferner Dathan und Abiram aus dem ältesten Stamme Rëuben und noch zweihundertfünfzig vornehme Männer sich gegen Mose und Ahron aufgelehnt haben, als wenn diese sich Vorzug, Herrschaft und Heiligkeit angemaßt hätten. Es folgte darauf die Strafe wegen angemaßter Priesterlichkeit und die Auszeichnung Ahron's durch das Erblühen des Stabes. Daran sind Gesetze gereiht, welche Bezug haben auf die Ordnung der Ahroniden, der Leviten und Laien im Verhalten zum Tempel123. Die Thora erzählt ferner, daß Mose und Ahron selbst der Strafe nicht entgingen und das Land der Verheißung nicht betreten durften, weil sie vom Befehl Gottes, wenn auch nur um ein Geringes, abgewichen sind124. Dann werden die letzten [186] Wanderungen der Israeliten in der Wüste aufgezählt. Das Land Edom haben sie umgangen, um nicht mit dem Brudervolke Krieg zu führen, da dieses den freiwilligen Durchzug nicht gestatten mochte. Auf dem Umwege starb Ahron nahe dem Berge Hor, ohne das Land zu sehen, und die Thora fügt hinzu, daß er, trotz der Unzufriedenheit der Rotte Kora's mit ihm, so beliebt war, daß die ganze Gemeinde um seinen Tod einen ganzen Monat weinte125. Müde des Umherwanderns, wurde das Volk abermals unzufrieden und wurde durch den Biß giftiger Schlangen gestraft. Indessen hatte es sich schon so viel gegen früher gebessert, daß es seine Unzufriedenheit bereute. Zur Abwendung des Todes durch Schlangenbisse hat Mose, wie die Thora erzählt, eine eherne Schlange, wahrscheinlich in der erzreichen Gegend von Phunon anfertigen lassen; durch den Ausblick zu derselben seien die Gebissenen geheilt worden126.

Ausführlicher als die letzte Wanderung, die Kriege mit Sichon und Og und die Besitznahme des jenseitigen Landes, erzählt die Thora die Geschichte von Bileam, wie er, berufen, dem Volke zu fluchen, es gegen seinen Willen segnen mußte. Der heidnische Zauberer mußte selbst die Größe und die Unvertilgbarkeit des israelitischen Volkes anerkennen. Ueberwältigt von einer höheren Macht, zur Erde liegend, sprach Bileam in wohlgesetzten Versen diese Gedanken in verschiedenen Wendungen aus und verkündete, wie Israel seine feindlichen Nachbarn unterwerfen werde. Noch weiter die Zukunft enthüllend, sah er, wie Aschur siegreich vordringen, aber von einem andern Volke gedemüthigt werden werde, und auch dieses Volk werde dem Untergange geweiht sein127. Weiter erzählt die Thora, wie die Israeliten in Baal-Peor durch ihre Theilnahme an den götzendienerischen Festen zur Unzucht verleitet wurden, und wie dadurch 24,000 durch eine Pest umgekommen sind. Die weitere Verheerung der Pest hat Pinehas, Sohn Eleasars des Sohnes Ahrons, abgewandt, indem er über die offen betriebene Schamlosigkeit eines simeonitischen Stammesfürsten mit seiner Buhlerin die gebührende Strafe verhängte. Wegen seines Muthes und seines Eifers ist Pinehas' Nachkommen (dem Hause Eleasar) die ewige Priesterwürde [187] zugesichert worden128. Wegen der Verführung zum Götzendienst und zur Unzucht wurden die Midianiter mit Krieg überzogen, die Männer, Frauen und reifen Mädchen getödtet und nur die unschuldigen Töchter verschont. Ehe aber der Kriegszug angetreten, wurde von neuem eine Volkszählung vorgenommen, sie ergab 601,730 waffenfähige Männer. Bei dieser Gelegenheit nennt die Thora die siebzig Familien Israels, knüpft daran die Vorschrift über das Verfahren bei der zukünftigen Vertheilung unter die Stämme, das Gesetz über die Erbfolge und die Stellung des weiblichen Geschlechts129. Sie erzählt ferner, wie Mose bedeutet wurde, vor dem Einzug in's Land sich auf den Tod vorzubereiten, da er wegen seines Vergehens das Land nicht sehen sollte, wie er seinen Jünger Josua zum Nachfolger bestellt hat, im Verein mit dem Hohenpriester Eleasar das Land zu unterwerfen. Als die Zeit endlich heranrückte, über den Jordan zu setzen, stellten zwei Stämme, Gad und Rëuben, das Verlangen an den Führer und Gesetzgeber, sie im jenseitigen Lande sich ansiedeln zu lassen, weil da reiche Weideplätze für ihre zahlreichen Herden wären. Mose war über diese beabsichtigte Trennung unzufrieden und gestattete die Ansiedelung erst, als sie ihre Bereitwilligkeit versicherten, den übrigen Stämmen voranzuziehen, um ihnen das Land der Verheißung erobern zu helfen. Dann zählt die Thora die Städte auf, welche diese Stämme jenseits in Besitz genommen und befestigt haben. Sie giebt ferner ein übersichtliches Verzeichniß der Stationen, welche die Israeliten auf ihren Wanderungen berührt haben, von dem Sammelpunkt in Raamses in Aegypten bis zu ihrem Lagerplatz am jenseitigen Jordan130. Vor dem erfolgten Einzug in's Land schärfte Mose ihnen zum letzten Male ein, ehe er Abschied von dem Geschlechte nahm, das er erzogen, die Götzendiener nicht im Lande zu dulden und die götzendienerischen Zeichen, besonders die Prachtbilder von Mosaïkarbeit131, die Bildnisse und die Altarhöhen zu zerstören, um sich von der Verführung fern zu halten, damit sie den Israeliten nicht »zur Spitze in den Augen und zu Stacheln an der Seite« werden. Zuletzt bestimmt die Thora die Grenzen des Landes, wobei sie die Südgrenze, welche die Mark Juda's nach Edom zu war, ausführlicher beschreibt, führt die Männer auf, welche zugleich mit Josua und Eleasar die Vertheilung [188] des Landes vornehmen sollten, bestimmt die Wohnsitze, welche den Leviten eingeräumt werden sollten, und zum Schlusse behandelt sie ausführlich das Gesetz der Freistädte für unfreiwillige Mörder132.

So ist dieses eigenartige Buch aus einem Gusse geformt, Geschichte, Lehre und Gesetze greifen ineinander, und ein Grundgedanke durchzieht es von Anfang bis zu Ende: Gott ist Schöpfer und Herr des Himmels und der Erde, auch des Menschen, dem er seine Ebenbildlichkeit, seine geistigen Kräfte mitgetheilt und die Erde unterworfen hat. Alles, was Gott geschaffen, ist gut, wenn es der Mensch nur nicht verderbt. Der Mensch soll darum nicht dem Gelüste seines Herzens und eigener Einsicht folgen. Das erste Menschenpaar hat darin gefehlt, hat ohne Erfahrung wie ein Kind augenblickliche Befriedigung gesucht, darum büßte es das Paradies ein, und seine Nachkommen entarteten immer mehr in Uebermuth, Gewaltthätigkeit und Unzucht. Die Erde selbst litt unter der Sünde Last. Endlich wurde Abraham wegen seiner hohen Tugenden auserkoren. Durch ihn und seine Nachkommen sollten alle Geschlechter der Erde, welche unter dem Fluche der Selbstsucht, der Selbstzerfleischung und thierischen Selbstschwächung standen, gesegnet werden, damit Recht und Gerechtigkeit zur Herrschaft auf Erden gelangen sollten. Um Muster dafür zu werden, mußte das Geschlecht Abraham's erst durch die Leidensschule und eine überwältigende Lehroffenbarung erzogen werden. Drei Lehren bilden den Kern dieser Offenbarung. Nach der einen Seite: Abscheu vor aller Vergötterung der vergänglichen Creatur, Abscheu vor geschlechtlicher Unzucht, die zum Wesen des Götzenthums gehörte, und Abscheu vor jeder Gewaltthätigkeit, vor Mord und Blutvergießen. Nach der andern Seite: Verehrung des unsichtbaren Gottes, der sich in der Geschichte Israels als Erlöser und Erretter bewährt hat; Streben nach Heiligkeit und Fürsorge für die Schwachen und Hilflosen. Diese Grundlehren sind in Gesetze formulirt, welche sie entweder unmittelbar bethätigen oder sie stets in Erneuerung bringen. Die Gesetze sollen das Leben des Einzelnen und der Gesammtheit regeln, damit Abraham's Nachkommen in Wahrheit ein heiliges Volk und zum Segen für alle Geschlechter der Erde werden können. Welche Tiefe, welcher Reichthum und welche Mannigfaltigkeit in diesem nicht sehr umfangreichen Buche! Es kann darum kein Schriftwerk mit der Thora verglichen werden.


Fußnoten

1 Mit Recht erklärt Boeckh, daß es falsch sei, die Aphrodite Urania als himmlisch hehre, hohe anzusehen, sondern das Wort habe dieselbe Bedeutung wie κοσμικἠ, »die Erzeugerin«, also die fleischliche Aphrodite.


2 Berosus bei Syncellus. M. v. Niebuhr bemerkt mit Recht, daß in dem Satz: Βῆλον ἰδόντα τὴν χώραν ἔρƞμον καὶ καρπόφορον, statt χώραν ursprünglich die Erde gestanden habe; aber dann muß gestanden haben ἄκαρπον statt καρπόφορον.


3 Mit Recht bemerken die beiden taktvollen Exegeten, Raschi und Ibn-Esra, daß םיהלא ארב תישארב nicht ein Hauptsatz, sondern ein temporaler Nebensatz zum Folgenden sei. Denn sonst hätte das Wort determinirt sein müssen תישארב [bareshit], dagegen ist תישארב [bereshit] die Status-Construktusform zu den folgenden Sätzen. Dieses einfache: »Gott sprach und es ward« hat von jeher die Bewunderung der feinfühligen Aesthetiker auf sich gezogen. Der Rhetor Dionysius Longinus bemerkt in seiner Abhandlung über die Erhabenheit IX, 9: »Auf dieselbe Weise hat der Gesetzgeber der Juden – kein gewöhnlicher Mensch, der die Allmacht Gottes erfaßt, erkannt und verdeutlicht hat – gleich im Anfang zu den Gesetzen geschrieben: »Es sprach Gott« nach ihrer Würde. Was? »Es werde Licht, und es ward, es werde Erde, und es ward: »εἶπεν ὁ Θεός« ψƞσί τί; γενέσϑω φῶς καὶ ἐγένετο, γενέσϑω γῆ καὶ ἐγένετο. Cuvier bemerkte über die ersten Worte der Genesis: »Eine erhabenere Stelle vom ersten bis zum letzten Wort kann und wird nie aus einer menschlichen Feder kommen, als die: »im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.«


4 Es ist nicht zu verkennen, daß in der Häufung und Wiederholung der Bestimmung der Himmelskörper, Genesis 1, 14 fg., die Andeutung liegt, sie nicht für göttliche Wesen zu halten, wie es deutlich Deuteron. 4, 19 ausgesprochen ist.


5 Ps. 8. Das hohe Alter dieses Psalms geben sämmtliche Ausleger zu. [Vgl. jedoch Keßler (in Strack-Zöckler's kurzgef. Comment., München 1894), S. 18.]


6 Genesis 1, 31.


7 Es ist wohl zu beachten, daß nach Genesis 2, 15 der Mensch im Paradiese nicht als Faulenzer ein Schlaraffenleben führen, sondern auch arbeiten sollte.


8 Layard's Vermuthung, daß der heilige Baum oder eine mit Zweig und Blüthen versehene Verzierung auf assyrischen Monumenten mit dem Lebensbaum identisch sei, hat G. Rawlinson mit Recht in Zweifel gezogen a.a.O. II, p. 238. [Vgl. Schrader bei Riehm-Bäthgen I, S. 143. 145. 344.]


9 Der Sinn von ערו בוט תעדה ץע drückt offenbar diesen Gedanken aus, wie Sprüche 3, 5: »verlaß dich nicht auf deine Einsicht.« Aehnlich das. 28, 26 ובלב חטוב ליסכ אוה, und als Gegensatz טלמי אוה המכחב ךלוהו. Dieser Gedanke liegt auch in der Warnung (Numeri 15, 39): םכיניע ירחאו םכבבל ירחא ורותת אלו: Unter בל ist das selbstvertrauende Klügeln und unter םיניע das Gelüste zu verstehen.


10 S. Note 6.


11 Genesis 4, 3 fg. hat unstreitig diesen Sinn, der V. 7 'וגו תאש ביטת םא אלה ist noch immer dunkel.


12 Das. V. 13 fg. kann nicht anders gefaßt werden, als daß Kaïn Reue zu erkennen gegeben hat, wie es die alten Versionen und andere Ausleger gefaßt haben: ?אשנמ ינוע לודגה.


13 Am wahrscheinlichsten ist v. Bohlen's Annahme, daß unter דינ ץרא verstanden werden muß דנה ץרא = ודנה = Indien und daß unter ךונח ריע die indische Stadt Kannudsch arabisch (גונק), Kanjakubdschah zu verstehen sei. Dann paßt ןדע תמדק sehr gut, das Land der Wanderung lag östlich von Eden. Die Genesis versetzt die Nachkommen Kaïns nach Indien. [Die meisten Neueren folgen der Annahme, daß die Namen דונ ,ןדע als ךונח in erster Linie eine symbolische Bedeutung haben und darum geographisch nicht näher bestimmbar seten.]


14 Delitzsch (im Comment. zu Genesis), hat den Gedanken daß in dieser Erzählung der Tadel der Bigamie liege, richtig erfaßt.


15 S. Note 6.


16 Dieselbe Note.


17 Daselbst.


18 Dieselbe Note.


19 Es ist sonderbar, wie Genesis 4, 26 ארקל לחוה זא 'ה םשב so verkannt werden konnte. Es kann nichts anderes bedeuten, als einen Altar bauen und ihn Ihwh weihen. Vergl. Genesis 12, 9; 13, 4; 21, 33; 26, 25. 'ה םשב ארק bedeutet also: Gott einen Altar weihen. Folglich kann לחוה nur »angefangen werden« bedeuten. Richtig hat Aquila diesen Halbvers wiedergegeben: τότε ἤρχϑƞ τοῠ καλεῖσϑαι ἐν ὀνὸματι Κυρίου.


20 Dies ist die Bedeutung von םיהלא ותא חקל Genes. 5, 24 (vgl. Ezech. 24, 16) vor der Zeit hinwegraffen. Darauf hat bereits der Polemiker R'Abbahu hingewiesen gegen die christologische Erklärung, welche die Himmelfahrt damit belegen wollte; die syrische Version hat das Verbum חקל auch richtig durch הבסנד wiedergegeben. Die griechische Uebersetzung der LXX durch μετέϑƞκεν stammt wohl von christlicher Hand.


21 Genesis 6. 5; 8, 21.


22 S. Note 6.


23 Dies. Note.


24 Genesis 9, 4 fg.; dazu Leviticus 17, 11 fg.


25 Der Moleschott-Feuerbach'sche Satz: »Der Mensch ist, was er ißt« klingt in dieser Allgemeinheit allerdings übertrieben, aber die Nahrungsmittel, wenn zur Gewohnheit geworden, mögen in langen Geschlechtsreihen Einfluß auf das moralische Verhalten haben. Wenigstens scheint das Gesetz der Thora vom Verbot des Thierblutes davon auszugehen.


26 Ueber die Kasdim oder Chaldäer, s. Note 6.


27 In der Erzählung Genesis 9, 21 fg. ist zu beachten, daß dabei das Wort הורע gebraucht wird, welches meistens pudenda bedeutet, während Nacktheit durch רעמ ausgedrückt wird. Cham hat sich also über das Membrum seines Vaters lustig gemacht. Es weist also auf Leviticus 18, 3. 24 hin, daß die Kanaaniter scheußlichen Incest getrieben haben. Erst daduich ist das Herbe des Fluchs verständlich. Sem und Japhet dagegen haben die Scham des Vaters verhüllt, sind daher nicht geschlechtlich gesunken.


28 S. Note 6.


29 Zu Genesis 11, 4 muß man heranziehen Jesaia 14, 13 fg.


30 S. Note 6.


31 [S. jedoch Schrader, KAT2, S. 112 u. Kautzsch bei Niehm-Vaethgen I, S. 116 b.]


32 Jesaia 41, 8 wird Abraham ausnahmsweise יבהא genannt.


33 Man hat den Verstheil Genesis 12, 1 רשא ץראה לא ךארא nicht genug beachtet, obwohl darin der Schwerpunkt der Erzählung liegt. Die Parallele dazu ist 22, 2 ךילא רמא רשא םירהה דחא לא. In Beiden ist der Name nicht genannt. Abraham sollte sich des eignen Urtheils entschlagen, um der göttlichen Weisung zu folgen. Er vertraute auf Gott, und das war sein Verdienst, das. 15, 6: הקדצ ול הבשחיו 'הב ןימאהו. Erst als Abraham in Sichem angekommen war, bedeutet ihm Gott, daß er dieses Land, das Land Kanaan, gemeint habe, worin er dauernd weilen solle. Bei der Auswanderung wußte es Abraham noch nicht, welches Land ihm zum Aufenthalte zugewiesen werden sollte, und dennoch folgte er unbedingt.


34 Genesis 12, 2.

35 S. darüber Frankel-Graetz, Monatsschrift, Ig. 1874, S. 116 fg.


36 S. das.


37 S. Note 6.


38 S. Note 6.


39 Ezechiel 16, 49-50.


40 Genesis 19, 5 fg.


41 Das. 18, 20-21.


42 Das. 18, 19.


43 Das. 18, 25 fg.


44 Das. 19, 2 fg.


45 Genesis 20, 11-13. Damit deutet die Thora an, daß Abraham sich nicht einmal einer Nothlüge bedient habe.


46 Das. 20, 16 ist noch immer ein dunkler Vers


47 Genesis 21, 22 Fg. kann nur diesen Hintergedanken haben


48 Die Ausführlichkeit, mit der der Ankauf der Machpela erzählt und öfter wiederholt wird, Genesis, Kap. 23; 25, 9 fg.; 50, 13 will offenbar die Thatsache hervorheben, daß Abraham rechtmäßigen Besitz von einem Theile des Landes Kanaan ergriffen hat.


49 Genesis 24, 57. 58.


50 Das. V. 63 הדשב חושל kann nichts anderes bedeuten, als: »zu klagen über den Verlust der Mutter«, חוש gleich חיש klagen, wie es einzig und allein Knobel richtig erklärt hat. Alle anderen Erklärungen sind falsch oder gezwungen. V. 67 ומא ירחא םחניו ergiebt diese Andeutung.


51 Das. 26, 5.


52 Das. V. 3-5. 24.


53 Das. 26, 2.


54 Das. 25, 11; 26, 17. 23. 33; 28, 10.


55 Das. 25, 23. Geflissentlich wird hier hervorgehoben, daß Gott nur ihr die Zukunft ihrer Zwillingskinder geoffenbart.


56 Genesis 25, 26 ושע בקעב תזחא ודיו ist kein etymologisches Spiel, sondern will Jakob das intendirte Erstgeburtsrecht vindiciren, wie 38, 28-30 bei Perez und Serach. Darauf spielt auch Hosea 12, 4 an, keineswegs in tadelndem Sinne.


57 Das. 27, 46; 26, 34-35; 28, 8.


58 Das. 28, 1 fg. In V. 3 ist angegeben, daß Isaak freiwillig den früher ertheilten Segen für Jakob wiederholt hat.


59 Das. 33, 9; 36, 31 fg.


60 Das. 47, 9.


61 Das. 28, 12 fg.


62 Das. 29, 1 fg.


63 Das. V. 20.


64 Offenbar will die Genesis vergegenwärtigen, daß Jakob's Bigamie nur aus Noth entstanden war, daß er, ohne Laban's Betrug, wie Isaak, monogam geblieben wäre.


65 Das. 30, 29-30.


66 Das. 31, 7 fg.


67 Das. 32, 4 fg.


68 S. Note 6.


69 S. B. I, S. 70, Note.


70 Gen. 49, 5 fg.


71 Der hebräische Text Gen. 35, 22 deutet hier eine Lücke an: קוספ עצמאב אקספ (vergl. I, S. 104). Den Inhalt dieser Lücke haben LXX erhalten: καὶ πονƞρὸν ἐφάνƞ ἐναντίον αὐτοῠ, d.h. ויניעב עריו.

72 Das. 49, 3 fg. Vgl. Chronik I, 5, 1. Der Satz יעוצי הלע ist dunkel; LXX geben es durch οὗ ἀνέβƞς wieder.


73 Der sogenannte Segen Jakob's enthält geradezu Tadelworte gegen einige Söhne oder Stämme, so nicht bloß gegen Rëuben, Simeon und Levi, sondern auch gegen Isaschar und Dan.; vergl. V. I, S. 410.


74 Das. 45, 7; 50, 20 fg.


75 Der V. Genesis 49, 10: יכ דע... הדוהימ טבש רוסי אל הליש אבי, der für äußerst dunkel gehalten wird und in absurder Weise christologisch gedeutet wurde, ist am richtigsten von Salomo Ibn Adret (13. Jahrhundert) erklärt worden. (Responsa IV, No. 187): Das דע gehöre nicht zum Nachsatze, sondern zum Vordersatze: דע... הדוהימ טבש רוסי אל. Ibn Adret erklärt das דע gleich דעל Besser ist es, gleich דע zu erklären. רוסי אל דע.... Was das Wort הליש betrifft, ist wohl ein Subst. von ילש und gleich הלש: »der Friedensbringer« = המלש.


76 Exodus 7, 5 fg; 8, 6; 9, 14, 29; 10, 2.


77 Das. 11, 8; 12, 12; Numeri 33, 4; 29, 13 [?]


78 Das. 10. 23; 8, 18-19; 6; 11, 7.


79 Das. 12, 26 fg.; 13, 8 fg.; 14 fg.


80 Das. 18, 11 fg.


81 Das liegt in dem Worte Exodus 20, 22; 24, 10.


82 Das. 20, 24. 'וגו אבא ימש תא ריכזא רשא םוקמה לכב kann nichts anderes bedeuten, als: »an irgend einem Orte, wo ich meinen Namen werde nennen lassen«, d.h. den ich als Heiligthum bestimmen werde. ריכזא ימש תא ist gleich ימש תא םישא oder ימש תא ןכש oder לע ימש ארקנ. Sämmtliche alte Versionen haben hierbei die erste Person. Es ist daher eine Uebereilung von Merx, wenn er die zweite Person dafür emendirt, um eine mögliche Hypothese zu beweisen. (Tuchs, Comment. über die Genesis, 2. Auflage 1871, Nachwort S. CXVI. Anmerk.: »es muß heißen ריכזת רשא d.h. »wo du meinen Namen verkündest, einen Zikr machst)«. Merx beruft sich auf Ibn-G'anach als Vorgänger dieser Emendation; das ist nicht richtig; vergl. Rikmah p. 191, Note. Aber selbst Ibn-G'anach's Autorität genügte nicht, um einen so deutlichen Sinn zu ändern.


83 S. B. I, S. 44.


84 Vgl. Bertheau, die sieben Gruppen des Pentateuchs S. 21 fg.


85 Exodus 24, 7 fg.


86 Das. 34, 12 fg.

87 Das. c. 35-40; Leviticus 8, 10.


88 o. S. 30; vgl. Leviticus 9, 24 mit Könige I, 18, 39.


89 Levit. 6, 2. 5-6.


90 Das ist offenbar der Sinn von Leviticus 10, 1-3.


91 Das. V. 8-11. Die kurzgehaltene Ermahnung das. V. 10 muß durch Deuteron. 33, 10 und Ezechiel 44, 23 ergänzt werden.


92 Das. 10, 6. 16-19.


93 Vgl. Note 6.


94 Leviticus Kap. 18, 1-19, 1-22.


95 Das. 19, 33 fg.


96 Das. 24, 10 fg.


97 Das. 24, 17 fg.; vgl. 20,9 ff.; s. Note 6.


98 Das. 18, 21; 20, 2 fg.; s. dieselbe Note.


99 Das. 20, 22 fg.


100 Das. 21, 1 fg.; s. dieselbe Note.


101 Das. 22, 1 fg.


102 Das. 17, 1 fg.; s. dieselbe Note.


103 Das. 23, 1 fg.

104 Das. 25, 1 fg.


105 Das. 25, 35 fg.


106 Das. 26, 3 fg.


107 Das. 26, 46 fg.


108 Numeri Kap. 1-4. Zu 4, 2. 22. 30 vergl. das. 8, 24 fg.


109 Das. 8, 6-22.


110 Das. 5, 2-4; vergl. Deuteronom. 23, 10 fg.


111 Das. 5, 6 fg.


112 Das. 5, 12 fg.


113 Das. 6, 23 fg.


114 Numeri das. 6, 2 fg.; vergl. o. S. 30.


115 Das. 7, 10 fg.


116 Das. 9, 1-14.


117 Das Wort םישומח, das »in geordneten Zügen« bedeutet, kann nur aus dem Umstande gebildet sein, daß das Lager in fünf Theile getheilt war, die Mannschaft der Stämme in vier Gruppen und die Bundeslade mit den Leviten in der Mitte. Einmal steht םישח für םישמח Numeri 32, 17.


118 Numeri 2, 2 fg.; 10, 11 fg.


119 Das. 10, 29 fg.


120 S. B. I, S. 394.


121 Numeri 12, 1 fg. V 8 das. haben sämmtliche Versionen statt 'ה תנומת δόξα oder ארקי, d h. 'ה דובכ. [Die Targumim haben ארקי תומד bezw. יתניכש דתבר ומד].


122 Numeri 15, 37 fg. Auffallend ist es, daß an die Geschichte von der Sabbatentweihung das Gesetz von den Quasten mit der himmelblauen Schnur תלכת ליתפ angereiht ist. Daß dieses Gesetz eine symbolisch-belehrende Bedeutung hat, ist dabei selbst angegeben, V. 39 םכבבל ירחא ורותת אלו ... (תלכת ליתפ) ותא םתיארו םישודק םתייהו ... םכיניע ירחאו. Offenbar soll die blaue Farbe an Heiligkeit mahnen. Nun war diese Farbe bei den priesterlichen Gewändern vorhanden, der Hohepriester sollte ein Gewand von dieser Farbe tragen (Exodus 28, 31). Folglich soll die Quaste an den priesterlichen Beruf Israel's erinnern, ganz besonders aber daran, nicht eigener Einsicht zu folgen, vgl. o. S. 152, sondern dem göttlichen Gesetze. Der Mann, der das Sabbatgesetz übertreten, hatte sich, von seiner eigenen Einsicht verleitet, darüber hinweggesetzt. Diesen Gedankengang scheint die Erzählung mit dem Gesetze zu verbinden. Uebrigens kann םיצע ששקמ V. 32 nicht gleich sein, wie שק ששקמ Exodus 5, 7 fg. Denn dieses Verbum stammt von שק und kann schwerlich auf »Holz sammeln« übertragen sein. Es scheint vielmehr dialektisch verwandt mit ססק Ezechiel 17, 9 und dieses ist gleich ץצק, also »Holz abschneiden« ebenso Könige I, 17, 10 fg.


123 S. o. S. 94.


124 Numeri 20, 1 fg.


125 Das. V. 22 fg.


126 Das. 21, 4 fg. Der Vorfall von den Schlangenbissen und der ehernen Schlange scheint nach ןונופ gesetzt zu sein. Denn V. 10 heißt תובאב ונחיו... ועסיו, das. 33, 43 wird die Station תבא nach ןונופ verzeichnet. In Phunon waren Metallminen B. I, S. 51 Anm.


127 Die letzten Verse in der Rede Bileam's 24, 21 fg. sind höchst dunkel, der Sinn ist aber unverkennbar, daß die erobernden Völker nach und nach dem Untergange verfallen werden.


128 Das. 25, 12 fg.


129 S. Note 6.


130 Das. 33, 1 fg.


131 Ueber den Ausdruck תיכשמ das. 33, 52 und an anderen Stellen (auch unter der Form תיכש, Plural. תויכש) vergl. Nedslob über den Ausdruck Mosaïk in Zeitschr. d.D. Morgenl. Ges. Ig. 1860, S. 663 fg., wo sprachlich und archäologisch nachgewiesen ist, daß das Wort Mosaïk von dem phönicisch-hebräischen Worte תיכשמ stammt.


132 Das. Kap. 34-35.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1902, Band 2.1, S. 190.
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