III. Der Prophet Obadja.

[399] Noch ist ein Wort über Obadja zu bemerken, den einige Ausleger bis zur Zeit Joram's 889 hinaufrücken, und andere bis zum Beginn der seleucidischen Aera 312 hinabrücken, jedenfalls consequenter als Ewald, der nach seiner Zerstückelungsmanie einen Theil alt und einen Theil jung macht. Indessen ist die Zeit eben so deutlich angegeben, wie die Einheit unverkennbar ist. Ibn Esra hat bereits Obadja in die unmittelbar nachexilische Zeit versetzt, was ja deutlich genug die Verse 10-17 voraussetzen; םהישרומ תא בקעי תיב ושריו erinnert an die Hoffnung der Idumäer, daß sie das Land in Besitz nehmen oder erben werden (Ezechiel 35, 10): הנייהת יל תוצראד יתש תאו םיוגה ינש תא ךרמא ןעי הונשריו. Vers 20 םלשורי תולג spricht ebenfalls deutlich vom Untergang Jerusalems und der »Auswanderung« eines Theils ihrer Bewohner nach דרפס. Dieser Name kann weder Spanien sein nach dem Targum, noch Bosporus nach Hieronymus, sondern muß in Phönicien gesucht werden. Darauf führt der erste Halbvers תפרצ דע םינענכ [ץראב] רשא לארשי ינבל הזה לחה תלגו; das Subject לחה תלגו gleich ליחה kann sich einfach auf einen Theil des judäischen Heeres beziehen, das nach der Einnahme Jerusalem's und nach der Flucht Zedekia's sich zerstreut hatte. תולג bedeutet nämlich nicht bloß zwangsweise Verbannung, sondern auch halbfreiwillige Auswanderung. Vor Jerusalems Unglück sind viele Flüchtlinge in die Nachbarländer gewandert und suchten sich da anzusiedeln. Vergl. Klagel. 1, 3 חונמ האצמ אל םיוגב הבשי איה הדבע ברמו ינעמ הדוהי התלג. Darauf weist ja auch Obadja V. 14 קרפה לע דמעת לאו ויטילפ תא תירכהל. Judäische Flüchtlinge sind also auch nach Phönicien gekommen, ein Theil derselben hat sich bis תפרצ Sarepta und ein anderer Theil in דרפס angesiedelt Man darf wohl dafür דורא emendiren, da Aradus eine phönicische Stadt war [Vgl. jedoch Riehm-Bäthgen s.v. Sepharad]. Vers 18, wo von תיב ףסוי die Rede ist, erschüttert keineswegs die Annahme von der nachexilischen Zeit Obadja's. Denn der darauffolgende Vers setzt doch unzweideutig voraus, daß Ephraim und Samaria nicht mehr existirt haben: ושריו דעלגה תא ןימינבו ןורמש הדש תאו םירפא הדש תא. Es ist aber eine Prophezeiung, daß bei der zukünftigen Restauration nicht bloß Juda, sondern auch das Haus Joseph's oder Ephraim oder die Zehnstämme wiederkehren werden. Gerade wie in der deuterojeremianischen Partie (Jeremia 50, 19): הערו והונ לא לארשי תא יתבבשו ושפנ עבשת דעלגהו םירפא רהבו ןשבהו למרכה u.a. St. Obadja prophezeite also unmittelbar nach dem Exil. Das Stück Jerem. 49, 7. 9. 10. 14 fg. ist aus Obadja entlehnt [Ueber das Verhältniß Obadja's zu Jeremia vgl. die gründlichen Ausführungen Kuenen's a.a.O. S. 351-354]. Denn es gehört nicht Jeremia an, sondern dem Autor [399] der deuterojeremianischen Partie, Kap 50-51. Dafür spricht die Parall. Jerem. 49, 19 הנה הלעי היראכ und das. 50, 44.

Die chronologische Reihenfolge der Propheten ist demnach so zu ordnen:


I. Die vorexilischen Propheten.

  • 1. Unter Jerobeam und Usia: Amos, Joël, Hosea I.
  • 2. Unter Jotham, Achas, Hiskija, Pekach und Hosea: Jesaia, Micha, Zacharia I., Hosea II.
  • 3. Unter Manasse wahrscheinlich Nahum.
  • 4. Unter Josia: Zephanja, Jeremia und die Partie Jes. 24-27.
  • 5. Unter Jojakim und Zedekia: Jeremia, Zacharia II. und Habakuk.


II. Die Propheten unmittelbar nach dem Exil:

Obadja und der Autor der Partie Jesaia 34-35.


III. Die exilischen Propheten:

Ezechiel und dreißig Jahre später der Autor der Partie Jes. 13-14, der Autor der Partie Jeremia 49, 7-22; 50-51 (Deuterojeremia ist von der vorhergenannten abhängig). Deuterojesaia und der Autor der Partie Jes 21, 1-10.


IV. Die nachexilischen Propheten.

Dazu gehören nicht bloß die beiden Zeitgenossen Haggai und Zacharia III, und Maleachi, ein Jahrhundert später, sondern auch der Autor des Buches Jona, das allerdings einen ganz andern Charakter hat.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig 1902, Band 2.1, S. 399-400.
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