8. Kapitel. David.

[226] (Fortsetzung.)


Davids Kriege und Siege über Moabiter, Ammoniter, Aramäer und Idumäer. Machtzuwachs. Davids Siegespsalm. Die Sünde mit Bathseba und ihre Folgen. Achitophels arglistiges Sinnen wird durch Amnons Schandtat gefördert. Brudermord. Absaloms Verbannung und Joabs Einmischung. Die kluge Thekoerin. Absaloms Rückkehr und Machinationen. Davids Vorbereitung zu einem umfassenden Kriege, Anwerbung von Soldtruppen, Volkszählung, Seuche, Unzufriedenheit des Volkes und Absaloms Empörung. Davids Flucht. Seine erbitterten Feinde und hingebenden Freunde. Kriegszug des Sohnes gegen den Vater. Absaloms Niederlage und Tod. Davids Heimkehr und Eifersucht der Stämme. Schebas Aufruf zum Abfall von David. Amasa und Joab. Belagerung von Abel und Dan. Davids Plan, einen Tempel zu bauen, nicht verwirklicht. Sein letzter Psalm. Davids schwindende Lebenskraft. Adonija von der einen und Salomo von der anderen Seite als König ausgerufen. Davids Tod und Leistungen.


(Um 1035-1015.)

Als David bereits zwei Jahrzehnte1 regierte, wurde er in mehrfache Kriege verwickelt, die ihn von der friedlichen Beschäftigung, der Regelung der inneren Angelegenheiten und der Handhabung der [226] Gerechtigkeit ablenkten. Diese Kriege mit entfernten Völkern, die ihm wider seinen Willen aufgedrängt wurden, haben seine Macht unerwartet vergrößert und dem Volke einen überraschenden Aufschwung gegeben. Zunächst führte David einen erbitterten Krieg gegen die Moabiter jenseits des toten Meeres, mit denen er früher, während seiner Wanderungen, auf freundlichem Fuße gestanden, und bei denen er gastliche Aufnahme gefunden hatte (o. S. 188). Die Veranlassung dazu ist unbekannt geblieben; eine bloße Vermutung ist es, daß der Moabiterkönig Davids Eltern, die dieser nach seinem Abzuge dort in sicherer Hut gelassen zu haben wähnte, habe umbringen lassen2. Wahrscheinlich haben die Moabiter, die in ihrer Nachbarschaft wohnenden Rëubeniten aus ihren Wohnsitzen verdrängt und sie mißhandelt, und David mag ihnen zu Hilfe geeilt sein. Es muß jedenfalls ein Vergeltungskrieg gewesen sein; denn nach dem Siege ließ David die Gefangenen mit einer Grausamkeit behandeln, wie keines der von ihm besiegten Völker. Gefesselt wurden sie auf dem Boden dicht neben einander gelegt, mit einem Seil gemessen und je zwei Teile getötet, und nur ein Teil verschont. Das ganze Land Moab wurde unterworfen und mußte jährlich Tribut nach Jerusalem senden. Reiche Beute brachten die israelitischen Krieger von diesem ersten entfernteren Feldzuge heim3. Zum entscheidenden Siege über Moab hatte einer aus Davids Heldenschar, Benajahu, Sohn Jojadas, beigetragen; er hatte zwei Fürsten der Moabiter getötet4. Als dann nach einiger Zeit Nachasch, der König der Ammoniter, gestorben war, und David, der mit ihm befreundet war, eine Gesandtschaft an seinen Sohn Chanun schickte, um ihm sein Beileid zu bezeugen, erregte diese Aufmerksamkeit Argwohn in der Hauptstadt der Ammoniter (Rabbat-Ammon). Des neuen Königs Vertraute flößten [227] ihm Mißtrauen ein, daß David in seinen Gesandten Auskundschafter nach Rabbat geschickt habe, um ihre Schwäche zu beobachten, sie zu bekriegen und ihr das Schicksal der moabitischen Hauptstadt zu bereiten. Chanun ließ sich so weit vom Argwohn übermannen, daß er dem israelitischen König einen Schimpf antat, der nicht ungeahndet bleiben konnte. Den Gesandten, welche nach dem Völkerrechte unverletzlich sein sollten, ließ er den Bart auf der einen Seite abscheren und ihre Kleider bis zur Scham abschneiden und jagte sie dann aus dem Lande. Die Gesandten schämten sich, in diesem Aufzuge in Jerusalem zu erscheinen, ließen David den Vorfall melden, und dieser rüstete darauf zu einem erbitterten Kriege. Der Heerbann wurde aufgeboten, die Heldenschar gürtete ihre Lenden5, und die Soldtruppen der Krethi und Plethi, die möglicherweise damals zuerst angeworben wurden, zogen mit ihrem Heldenführer Benajahu an der Spitze aus. Chanun, der die Kriegstüchtigkeit der Israeliten fürchtete, sah sich nach Hilfe um und mietete Aramäer, die damals vom Hermongebirge bis zum Euphrat wohnten und sich für Sold anwerben ließen. Die größte Zahl (20000 Mann) lieferte Hadadeser, König von Zoba am Euphrat6. David zog nicht selbst in den Krieg, sondern überließ die Oberleitung dem umsichtigen und zuverlässigen Joab. Als dieser mit dem israelitischen Heer den Jordan überschritten hatte, fand er bereits die aramäischen Soldtruppen in der Nähe der ammonitischen Hauptstadt7. Rasch teilte er das Heer in zwei Haufen. Mit dem einen griff er selbst die Aramäer an, und den anderen ließ er unter dem Befehl seines Bruders Abisaï. Den Mut des Heeres entflammte er mit kurzen, aber kernigen Worten: »Laßt uns mutig für unser Volk und die Stadt unseres Gottes kämpfen, Gott mag tun, was ihm gut dünkt.« Darauf schlug Joab mit Ungestüm die Aramäer in die Flucht; dadurch gerieten die Ammoniter in solchen Schrecken, daß sie das offene Feld aufgaben und hinter den Mauern ihrer Hauptstadt Schutz suchten8.

Es war ein glücklicher Waffentag; denn der Sieg wurde von dem israelitischen Heere ohne irgendwelche wunderbare oder wunderähnliche Dazwischenkunft, sondern lediglich durch Tapferkeit und Kriegstüchtigkeit [228] errungen. Joab eilte sofort nach Jerusalem9, um dem König Bericht zu erstatten und einen Plan auseinanderzusetzen, wie die Aramäer völlig aufs Haupt geschlagen werden könnten, damit sie ihre Einmischung künftighin unterließen. Dieser Plan drang durch. Mit dem siegreichen Heere, das vor der Hand das ammonitische Gebiet räumte und noch verstärkt wurde, verfolgte David selbst den aramäischen Feind jenseits des Jordans. Der König Hadadeser schickte zwar seinem geschlagenen Heere neue Verstärkungen aus der Euphratgegend unter der Führung eines Feldherrn Schobach zu. Als es aber bei der unbekannten Stadt Chailam zur Schlacht kam, wurde das aramäische Heer abermals geschlagen, und auch der Feldherr fiel im Treffen. Die Vasallen des mächtigen Hadadeser beeilten sich hierauf Frieden mit David zu schließen, die Aramäer von Rehôb im Norden des Hermongebirges und die von Maacha oder Bet-Maacha an der Ostseite des Gebirges10. Der König von Hamat, namens Thôi (oder Thou), welcher mit Hadadeser auf dem Kriegsfuße stand, sandte seinen Sohn Joram an David mit Geschenken, um ihm zum Siege über den gemeinsamen Feind Glück zu wünschen11. David verfolgte seinen Sieg noch immer weiter bis in das Gebiet von Zoba und bis zur Hauptstadt des Königs Hadadeser, in der Nähe des Euphrats12. Zum dritten Mal wurden die Aramäer geschlagen, ihre Streitwagen und Reiter konnten vor dem Ungestüm des israelitischen Heeres nicht standhalten. Die gefangenen Rosse wurden bis auf 1000 gelähmt und die reichen Städte von Zoba gebrandschatzt13. Das umfangreiche Gebiet von Zoba, dem mehrere Fürsten tributpflichtig waren, wurde der Auflösung zugeführt. Einer von Hadadesers Beamten, namens Rezon, Sohn Eljadas, sammelte später eine Schar um sich und machte Streifzüge von der Euphratgegend bis Damaskus14. Der König von Damaskus, der dem [229] König von Zoba beistand, wurde ebenfalls von David besiegt. Die alte Stadt Damaskus gehorchte seitdem dem König von Israel. In allen besiegten aramäischen Landstrichen vom Hermon bis zum Euphrat setzte David Landvögte ein, welche Tribut von den Einwohnern einzutreiben hatten15. David und das Heer mußten selbst von den großen Erfolgen, die sie errungen hatten, überrascht gewesen sein. Sie machten den König und sein Heer weit und breit berühmt und gefürchtet.

Indessen war der Ammoniterkönig wegen seiner Beschimpfung der israelitischen Gesandten noch nicht gezüchtigt. Infolge der Kriege gegen die Aramäer, welche fast ein ganzes Jahr dauerten16, konnte das israelitische Heer den Krieg gegen Chanun nicht wieder aufnehmen. Erst nach diesen großen Erfolgen sandte David Joab und das Heer wieder gegen Ammon. Aus dem Kriege gegen dieses Volk hatte sich aber noch ein anderer entsponnen. Die Idumäer im Süden des toten Meeres bis zum ailanitischen Meerbusen hatten ebenfalls den Ammonitern durch Sendung von Hilfstruppen Vorschub geleistet. Auch sie mußten gedemütigt werden. Gegen die Idumäer sandte David seinen zweiten Feldherrn Abisaï, Joabs Bruder17. Die Niederwersung dieser im Verhältnisse zu den Aramäern geringen Völkerschaften schien so leicht, daß das Heer geteilt werden konnte. Joab hatte indessen im ammonitischen Kriege lange zu kämpfen; denn die Ammoniter wagten keine offene Feldschlacht, sondern verschanzten sich hinter den starken Mauern ihrer befestigten Hauptstadt und machten von da aus Ausfälle. Mit Belagerungswerkzeugen und Mauerbrechern war das israelitische Heer nicht versehen. Es konnte nur durch Sturmlaufen gegen die Anhöhe der Stadt etwas ausrichten, wurde indessen von den Bogenschützen auf der Mauer öfter zurückgeworfen. Endlich gelang es Joab, einen Teil [230] der Stadt, die Wasserstadt, durch anhaltendes Stürmen zu erobern; diesen Sieg meldete er David eilig und suchte ihn zu bestimmen, zur Erstürmung der anderen Stadtteile im Lager einzutreffen, damit die Ehre der Eroberung ihm allein zuteil werde. Als David mit neuen Truppen vor Rabba ankam, gelang es ihm, auch die ganze Stadt zu erobern und reiche Beute zu machen. Die goldene mit Edelsteinen besetzte Krone des ammonitischen Götzen Malkom (Milkom) setzte David aufs eigne Haupt. Es scheint, daß er die Stadt Rabba nicht, wie es in seiner Absicht lag, zerstört hat, er hat nur die männliche Bevölkerung oder nur die Gefangenen zu harter Sklavenarbeit verurteilt, Steine zu glätten, mit eisernen Walzen zu dreschen, mit Äxten Holz zu fällen18 und Ziegelsteine zu verfertigen. Und ebenso verfuhr er mit den Gefangenen der übrigen Städte. Der König Chanun, der Urheber des Krieges, der David so schwer beschimpft hatte, wurde entweder getötet oder hat die Flucht ergriffen. An seiner Stelle scheint David dessen Bruder Schobi zum König eingesetzt zu haben.

Während der Zeit hatte Abisaï gegen die Idumäer Krieg geführt und sie im Salztale, wahrscheinlich in der Nähe des Steinsalzberges am toten Meere, bis zur Vernichtung geschlagen. Achtzehntausend Idumäer sollten damals gefallen sein. Die übrigen haben sich wohl unterworfen; darum begnügte sich David damit, daß der Steuervögte (Nezibim) über sie setzte, wie über Damaskus und die andern aramäischen Länder19. Die Steuervögte oder Landpfleger wurden wohl von einer israelitischen Besatzung unterstützt, um die Einwohner in Botmäßigkeit zu erhalten. Indessen [231] scheinen die Idumäer später einen Aufstand gegen die israelitische Besatzung und die israelitischen Steuervögte gemacht und sie niedergemetzelt zu haben. Denn Joab begab sich nach Idumäa, ließ die erschlagenen Israeliten begraben20, und sämtliche idumäische Männer und Knaben hinrichten. Ein halbes Jahr brachte er mit diesem Vernichtungskriege zu, so daß nur wenige männlichen Geschlechtes sich durch die Flucht retten konnten, darunter ein Sohn oder Enkel Hadads, des idumäischen Königs21.

Durch diese großen Siege Davids im Westen über die Philister, im Süden über die Idumäer, im Osten jenseits des Jordans über die Moabiter und Ammoniter und im Norden über die Aramäer wurde die Macht des Landes Israel auf eine ungeahnte Höhe erhoben. Wenn früher, als er zuerst als König über ganz Israel anerkannt wurde, die Grenzen des Landes zwischen Dan und Beërseba eingeschlossen waren, so beherrschte er jetzt das weit ausgedehnte Gebiet vom Strome Ägyptens (Rhinokolura, El-Arisch) bis zum Euphrat oder von Gaza bis Thapsakus (am Euphrat). Die unterworfenen Völker mußten alljährlich Huldigungsgeschenke senden, Tribut zahlen und vielleicht auch Leibeigene zu Bauten und schweren Arbeiten stellen.

Die großen Kriege und Siege haben mehr als sein früher dem Zwang unterliegendes Leben Davids große Seele in edelstem Glanze erstrahlen lassen. Fest und stark im Unternehmen, wo es galt, die Ehre und Sicherheit seines Volkes zu wahren, blieb er nach den errungenen Erfolgen bescheiden und demütig, ohne eine Spur von Überhebung. Er setzte sich kein Denkmal zur Erinnerung an seine Siege, wie Saul (o. S. 169); er war vielmehr, wie sein großer Feldherr Joab, von dem Gedanken [232] erfüllt, daß Gott allein ihm den Sieg verliehen habe. Das Gottvertrauen, das David in den Mund gelegt wird, als er sich anschickte, den Kampf mit dem Rephaiten Goliath aufzunehmen: »Gottes ist der Krieg, und nicht durch Schwert und Speer allein läßt Gott siegen«22, das hat er in den großen Kämpfen bewährt. Diesen Grundgedanken hat David in einem Psalm niedergelegt, den er wohl nach Beendigung der Kriege vor der Bundeslade gesungen, und in dem er einen Rückblick auf seine ganze Vergangenheit geworfen hat.


»Er (Gott) gewöhnte meine Hand zum Kriege

Und ließ meinen Arm den ehernen Bogen spannen.

Du gabst mir deinen Siegesschild,

Und deine Rechte unterstützte mich.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

So verfolgte ich meine Feinde,

Rieb sie auf,

Und kehrte nicht um,

Bis ich sie vernichtet habe.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Du gürtetest mich mit Kraft zum Kriege,

Ließest meine Feinde niederknieen

Und wandtest den Nacken meiner Widersacher.

Du errettetest mich von Völkern der Feindseligkeit,

Bewahrtest mich zum Haupte über Nationen,

Stämme, die ich nicht kannte, sind mir untertan.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Die Söhne der Fremde fallen

Und zittern in ihren Burgen.

Darum preise ich dich, o Herr! unter Völkern

Und lobsinge deinen Namen.«


Dieser Psalm, welcher Gemeingut des ganzen israelitischen Volkes geworden ist, ist ganz aus Davids Seele gesprochen23.

[233] Zwei ineinandergreifende Überzeugungen haben sich infolge der großen Siege so fest in das Bewußtsein des Volkes eingeprägt, daß sie für dessen ganze Zukunft bestimmend wirkten. Die eine lautet in den mannigfachsten Wendungen:


»Der König kann nicht durch große Heere gerettet werden,

Und nicht der Held durch Riesenkraft,

Eitel ist das Roß zum Siege24


Gott allein leite den Krieg, führe ihn zu Ende, verleihe Sieg oder Niederlage, und ihm sei es ein Leichtes zu helfen mit viel oder wenig. Die andere damit zusammenhängende Überzeugung lautet, daß Gott die Heere Israels, wenn sie für seine Sache ausziehen, zur Verherrlichung seines Namens oder zur Rettung seines Volkes, stets zum Siege führe. Der Gott Israels wurde infolgedessen seit den Davidischen Siegen durch einen eigenen Namen bezeichnet, welcher diesen Gedanken zum vollsten Ausdruck bringt; er wurde Gott der Heerscharen (Ihwh Zebaot) genannt (eigentlich Gott der Heerscharen Israels), der ihnen im Kampfe Sieg verleiht25. Vor jedem Kriege wurde fortan der König Zebaot angerufen, und die israelitischen Scharen gingen mit der Zuversicht in den Kampf, daß sie nimmer unterliegen könnten. Diese Zuversicht hat denn auch im Verlaufe der Zeit Wunder bewirkt.

So streng David gegen die Götzen der Völker, die er besiegte, war, weil er sie von seiner Anschauung aus als verführerisch betrachtete26, so milde verfuhr er gegen die besiegten Götzendiener. Nur die Moabiter wurden grausam gezüchtigt und die Ammoniter zu Leibeignen gemacht, während er den übrigen unterjochten Völkern lediglich Tribut auflegte. [234] Jene müssen sich daher gegen ihn sehr verschuldet und eine ungewöhnliche Züchtigung verdient haben. Die im Lande ansässigen fremden Völkerschaften blieben unbelästigt; so die Jebusiter in Jerusalem, so die Kanaaniter oder Chittiter in anderen Landesteilen. Daher reihten sich unter seine Heldenschar manche Ausländer und Eingeborene ein, die nicht von israelitischer Abkunft waren oder führten ihm eigene Scharen zu27. Der Chittiter Urija, einer der dreißig Tapferen Davids, der in Davids Lebensgang verwickelt werden sollte, zeigte eine innige Anhänglichkeit an das israelitische Volkstum28.

Die Freude über die großen Errungenschaften blieb indessen nur kurze Zeit ungetrübt. Staatenglück, wie Menschenglück ist selten von langer Dauer, oder es müssen auf Sonnentage wieder trübe Tage folgen, um die Kräfte nicht einschlummern zu lassen, um den Charakter durch Kampf gegen Ungemach zu stählen und solchergestalt das verborgene innere Wesen ans Licht zu bringen. Ein einziger Fehltritt Davids brachte ihn nicht bloß um seine innere Freudigkeit und Ruhe, sondern rüttelte auch am Grundbau des Staates, den er mit so vieler Kraftanstrengung gelegt hatte. Als er von den aramäischen Siegen heimgekehrt war und von den Mühsalen des Krieges ausruhte, während Joab mit den Truppen und der Heldenschar im Lande Ammon den unterbrochenen Kampf wieder aufnahm (o. S. 230), erblickte David vom Dache seines hochgelegenen Palastes aus, wo er in den Abendstunden Kühlung suchte, ein schönes Weib im Bade. Es war die Ehefrau eines seiner treuesten Helden, des Chittiters Urija, namens Bathseba (Bathscheba). Die Häuser seiner Helden waren auf Zion in der Nähe von Davids Palast erbaut (o. S. 214), und so traf sein Blick die schöne Bathseba. Von plötzlich aufwallender Leidenschaft ergriffen, zügelte er sein Gelüste nicht, sondern sandte Boten an sie mit dem Befehle, daß sie sich zu ihm begebe. Sie leistete Folge; vielleicht glaubte sie einem Könige nichts versagen zu dürfen, nicht einmal ihre Keuschheit und die Treue gegen ihren Gatten. Als David nach einiger Zeit von Bathseba erfuhr, daß der Ehebruch nicht ohne Folgen geblieben sei, war er darauf bedacht, seine Ehre zu retten, und verstrickte sich immer tiefer in Sündhaftigkeit. Er ließ ihren Gatten Urija aus dem Feldlager von Rabba nach Jerusalem kommen, nahm ihn freundlich auf und erteilte ihm die Freiheit, sich in sein Haus zu begeben, sich behaglich auszuruhen und seines Weibes zu genießen. Urija aber, dem das Lagerleben und die Beteiligung an den Kämpfen für Israels Wohl höher galten als behagliche [235] Ruhe und Ehefreuden, machte von der Erlaubnis keinen Gebrauch, sondern schlief im Eingange des Palastes mit den Trabanten, welche des Königs Person bewachten. Das war David unangenehm. Er versuchte daher, ihn durch Trunkenheit von seiner Strenge abzubringen. Er lud Urija zur Tafel und ließ ihn berauschen in der Voraussetzung, daß er im Rausche den Weg zu seinem Hause und seinem Weibe suchen würde. Allein der rauhe Krieger blieb auch in der darauffolgenden Nacht an der Pforte des Palastes. David sann daher auf einen Ausweg, und dieser führte ihn zu einem Verbrechen. Da er seine Ehre nicht retten konnte, so sollte der Mann nicht am Leben bleiben, der bei der Kunde von seines Weibes Untreue und bei seiner Todesverachtung vielleicht Davids Leben bedrohen oder gar seine Genossen, die Helden, zum gemeinschaftlichen Aufstande gegen den ehrvergessenen König aufstacheln konnte. Der König sandte daher Urija zu Joab ins Lager mit einem Schreiben des Inhalts, daß dieser den Überbringer bei den Ausfällen der Ammoniter auf den gefährlichsten Platz stellen möge, wo ihn der Tod sicher treffen sollte. Das Erwünschte traf ein – Urija sank, von einem ammonitischen Pfeile durchbohrt, tot nieder. David vernahm diese Post freudig und tröstete sich dadurch über den anderweitigen Verlust, den sein Heer an demselben Tage vor der ammonitischen Hauptstadt erlitten hatte. Bathseba betrauerte ihren gefallenen Gatten der Sitte gemäß, und nach der Trauerzeit nahm sie David als Ehefrau in seinen Palast, und sie gebar ihm einen Sohn.

In jedem andern Staate würden solche Launen des Königs im Hofkreise nur leise flüsternd besprochen, kaum getadelt und jedenfalls vergessen worden sein. Bis zum Volke würde höchstens ein schwankendes Gerücht davon gedrungen sein. Was war denn geschehen? Urija ist im Kriege gefallen. Wer wußte, auf wessen Veranlassung? Joab ganz allein. Die Witwe Bathseba kam in Davids Frauenhaus, – wie konnte man daran Anstoß nehmen? Sie gebar einen Sohn, vielleicht um einige Monate zu früh. Wer konnte oder wollte die Zahl der Monate nachrechnen? Das Kind konnte als Urijas Waise gelten. Aber im israelitischen Staate gab es ein Auge, welches das künstliche Dunkel zu durchdringen vermochte, und ein Gewissen, welches mit lauter Stimme die Sünde dem Sünder, und sei er auch ein König, vorhielt. Das Prophetentum war das durchschauende Auge und das unerbittliche, wache Gewissen. Seine schönste Aufgabe bestand darin, das Verbrechen nicht durch Vertuschung und Beschönigung zur Gewohnheit aufwachsen zu lassen, es vielmehr in seiner grellen Gestalt zu zeigen und zu brandmarken. David mochte glauben, daß nur Bathseba Mitwisserin des Ehebruchs [236] und nur Joab Mitwisser des erwünschten Todes Urijas sei. Aus diesem Wahn wurde er plötzlich zu seinem Schrecken gerissen.

Eines Tages erschien der Prophet Nathan vor David und erbat sich die Erlaubnis, eine Klage vor ihm aussprechen zu dürfen. Er erzählte ruhig eine Parabel. In einer Stadt lebte ein Reicher, der viel Groß-und Kleinvieh besaß, und neben ihm ein Armer, welcher nur ein kleines Lämmchen besaß, das er sich groß gezogen und an sich so gewöhnt hatte, daß es von seinem Bissen aß, aus seinem Becher trank und in seinem Schoße schlief, das er überhaupt wie ein Kind liebte. Als nun eines Tages ein Gast zum Reichen gekommen war, war dieser zu geizig, von seinen eigenen Herden ein Mahl für den Gast zu bereiten, sondern raubte das Lamm des Armen und bewirtete damit seinen Freund. Beim Anhören dieser Klage empörte sich Davids Rechtsgefühl, und er bemerkte mit Entrüstung, der herzlose Reiche verdiene den Tod, mindestens solle er dem Armen das geraubte Lamm vielfach ersetzen. Darauf entgegnete ihm der Prophet: »Du selbst bist's! Du hast dich nicht mit den vielen Frauen Deines Harems begnügt, sondern dem armen Urija sein einziges Weib geraubt, hast ihn umbringen lassen im Kriege gegen die Ammoniter, als er für die Verteidigung der Ehre des Landes sein Leben einsetzte – und zuletzt noch, als wenn nichts geschehen wäre, hast du sein Weib in dein Frauenhaus aufgenommen. So wisse denn, daß das Schwert in deinem Hause wüten und das in Sünde erzeugte Kind nicht am Leben bleiben wird.«

Jeder andere König würde über den Sittenrichter, der sich erfrecht hätte, dem gekrönten Haupte, dem Abbilde Gottes auf Erden, die Wahrheit zu sagen, die verdiente Züchtigung verhängt haben. David, der Zögling des Propheten Samuel, sprach, als ihm das Bild seiner Missetaten vorgehalten wurde, von Reue gebeugt: »Ja, ich habe gesündigt.« Gewiß hat er es nicht an inbrünstigen Gebeten, an demütiger Zerknirschung29 und an Sühnopfern fehlen lassen, um von Gott Vergebung zu erflehen. Nach einiger Zeit verkündete ihm Nathan im Namen Gottes, daß ihm verziehen sei, daß er nicht durch das Schwert im eignen Hause umkommen werde, daß aber das Kind der Sünde sterben werde30. [237] Es starb auch gleich darauf, obwohl sich David in Gebet und Fasten abgehärmt hatte, sein Leben von Gott zu erflehen. Bathseba gebar ihm darauf einen zweiten Sohn, der Jedidja und Salomo genannt wurde (um 1033). Er wurde der Liebling des Vaters.

Allein wenn auch Gott dem König die schweren Sünden vergeben hatte, von den Menschen wurden sie ihm nicht verziehen, und sie wirkten unheilvoll für Davids Ruhe. Bathseba, das Weib Urijas, war die Tochter Eliams, eines von Davids Helden, und Enkelin seines Ratgebers Achitophel31. Vater und Großvater hielten ihre Ehre durch Davids Verführung ihrer Tochter verletzt und verziehen es ihm nimmer. Sie schwiegen zwar und hielten ihren Haß an sich; Achitophel besonders nährte ihn im Stillen und wartete nur auf eine Gelegenheit, ihn dem König empfinden zu lassen. David tat zwar alles, um sie zu beschwichtigen. Er erhob die geschändete Bathseba zur ersten Königin, sagte ihr im Geheimen zu, daß der von ihr geborene Sohn sein Nachfolger werden sollte, und beschwor seine Zusage feierlich32. Alles, um Achitophel, dessen Rat er nicht missen mochte, dadurch zu versöhnen, daß sein Enkel einst den Thron Israels besteigen werde. Achitophel blieb aber unerbittlich. Um den Knäuel noch mehr zu verwickeln, fiel eine häßliche Begebenheit in Davids Hause vor, die ihm die Ruhe seiner letzten Jahre vollends raubte.

Sein ältester Sohn Amnon, welcher der Thronfolge gewiß zu sein und sich alles erlauben zu dürfen glaubte, liebte leidenschaftlich seine Stiefschwester Thamar, Tochter der Gesuriterin Maacha und Schwester Absaloms33, aber in sträflicher Liebe. Leicht wäre es ihm [238] gewesen, um ihre Hand anzuhalten; allein das war nicht seine Absicht. Auf den bösen Rat seines Vetters und Freundes Jonadab lockte er sie, Krankheit vorschützend, in sein Zimmer, schändete sie und ließ sie, seiner Schamlosigkeit noch Hohn hinzufügend, aus seinem Zimmer werfen, als hätte sie ihn, einen keuschen Joseph, verführen wollen. Händeringend, weinend, mit zerrissenen Gewändern schritt Thamar ihren Gemächern zu. In diesem aufgeregten Zustande traf sie ihr Bruder Absalom. Bei diesem Anblick seiner Schwester zuckte ihm ein Plan durch die Seele. Er beruhigte sie, legte ihr Schweigen auf und versprach ihr vollständige Rache. David erfuhr von dem frechen Bubenstück, und es schmerzte ihn tief; aber er war zu milde gegen seine Kinder und ließ ihnen Torheiten und Vergehungen hingehen34. Absalom wußte den Haß gegen seinen ältern Bruder, den Schänder seiner Schwester, und seinen Plan zu dessen Verderben zwei Jahre in seinem Herzen zu verbergen. Er sprach kein freundliches, aber auch kein feindliches Wort zu ihn, um ihn, wie seinen Vater in Sicherheit einzuwiegen und glauben zu machen, daß er die Schändung seiner Schwester vergessen habe. Er war eben so gewandt in Verschlossenheit wie Achitophel. Dieser war vielleicht mit ihm im Bündnis und hat ihm sein Verhalten vorgezeichnet.

Jeder der erwachsenen königlichen Söhne – David hatte deren zu den sechs, die ihm in Hebron geboren waren, noch elf in Jerusalem gezeugt – hatte ein eignes Haus, einen Hausstand und Ländereien. Absalom hatte seine Güter und Herden in Baal-Chazor (im Tale Rephaïm)35, unweit der Hauptstadt. Dorthin lud er zum Feste der [239] Schafschur, bei welchem Gelage stattzufinden pflegten, sämtliche Königssöhne ein, und zum Scheine auch den Vater mit allen seinen Dienern. David schlug ihm die Bitte ab, das hatte Absalom vorausgesehen; aber er drang in ihn, daß sämtliche Königssöhne und auch Amnon seinem Schafschurfeste beiwohnen möchten. David gewährte diese Bitte. Während nun die Königssöhne und die Gäste sich beim Mahle gütlich taten und dem Weine zusprachen, fielen Absaloms Diener auf sein Geheiß über Amnon her und gaben ihm den Todesstoß. Absalom hatte mit diesem Morde einen doppelten Zweck im Auge. Er rächte die Schändung seiner Schwester und hoffte durch die Beseitigung des ältesten Bruders sich die Nachfolge zu sichern. Der Sohn Abigaïls, als der zweite in der Nochfolge, war bereits gestorben; so schien sie ihm, als dem dritten Sohne, gewiß. Beim Anblick des vergossenen Bruderblutes verließen die Königssöhne in Schrecken die Tafel. Aus Furcht, Absaloms Bosheit ebenfalls zum Opfer zu fallen, bestiegen sie eilig ihre Maultiere und entflohen der Hauptstadt zu. Das geflügelte Gerücht eilte ihnen voraus und verbreitete in Jerusalem die Schreckensnachricht, Absalom habe sämtliche Prinzen umbringen lassen. So schlecht muß David von seinem Sohne gedacht haben, daß er selbst dem Gerüchte Glauben schenkte und in der ersten Aufwallung seine Kleider zerriß. Die Ankunft der entronnenen Königssöhne berichtigte zwar die falsche Nachricht, erleichterte aber Davids beklommenes Herz nicht. Sein Sohn ein Brudermörder! Mußte diese blutige Tat nicht noch andere trübe Folgen nach sich ziehen? Nur sein festes Gottvertrauen schützte David davor, daß er gleich Saul dem Wahnsinn verfiel. Allerdings war das harte Geschick, das ihn betroffen hatte, tatsächlicher Natur und nicht eine Wirkung argwöhnischer Einbildung.

Davids erster Gedanke war, seinen brudermörderischen Sohn, der zu seinem Großvater, dem König Talmaï von Geschur – im Südwesten der Grenze Judäas – entflohen war, aufzusuchen und über ihn die verdiente Züchtigung zu verhängen, selbst wenn er dabei Waffengewalt hätte anwenden müssen36. Aber dagegen machten sich andere Einflüsse geltend, wie denn überhaupt seit dem Vorfall mit Bathseba das Intrigenspiel an Davids Hofe begann. Joab war gegen die Nachfolge des jüngst geborenen Salomo37 und selbstverständlich für die des ältesten, also für Absalom, entweder weil er von einer Änderung der Erbfolge Verwirrung und Spaltung im Lande befürchtete, oder weil er [240] mehr Anstoß an der nicht ganz lauteren Geburt des jüngsten Königssohnes als am Brudermord nahm. Auch Achitophel, Davids unfehlbarer Ratgeber, wünschte die Erhaltung Absaloms, weil er ihn als Werkzeug gegen den Vater zu gebrauchen gedachte. Dagegen war Davids vierter Sohn Adonija für die strenge Bestrafung seines Halbbruders, weil es ihm leichter schien, den spätgeborenen Salomo zu beseitigen als den vor nichts zurückschreckenden Absalom. Traf diesen die Strafe des Brudermordes, so mußte ihm die Nachfolge zufallen. Adonija und seine Mutter Chaggit mögen daher gegen Absalom gehetzt haben; aber Joab und Achitophel waren klüger und hatten es in den Händen, einen Kriegszug gegen den Flüchtling oder gegen den ihn beschützenden Großvater zu vereiteln. Freilich offen durften sie nicht Partei nehmen, denn dann hätte David ihre Absichten durchschaut. Sie intrigierten daher nur verstohlen.

Als dann David endlich doch beschlossen hatte, seinen blutbefleckten Sohn aufzusuchen oder dessen Auslieferung zu verlangen, obwohl er schon drei Jahre abwesend war, wandte Joab eine List an, um ihn von diesem Entschlusse abzubringen. Er ließ eine Frau aus der nahen Stadt Thekoa zu sich kommen, die im Rufe stand, eine gewandte und sinnreiche Rede führen zu können, und verabredete mit ihr den Plan, dem König das Grauenhafte der Sache lebendig vorzuführen, daß ein Vater seinen eigenen Sohn wegen des nicht ganz ungerechtfertigten Mordes an seinem Bruder umbringen wollte. Die kluge Thekoerin begab sich infolgedessen im Traueranzug zum König; als wenn sie ihn um Gerechtigkeit anflehen wollte, rief sie in klagendem Tone, sich tief verbeugend: »Hilf, o König, hilf!«38 Als David sich nach ihrem Begehr erkundigte, erzählte sie ihm eine Fabel. Sie sei eine Witwe und habe zwei Söhne, von denen der eine den andern bei einem Streite erschlagen habe. Und nun verlangten sämtliche Glieder der Familie ihres verstorbenen Gatten aus Blutrache das Leben des Brudermörders und wollten den Erben vernichten und ihrem Gatten keinen Nachfolger lassen. David, welcher anfangs nicht merkte, daß er eine Fabel hörte, die sich auf ihn selbst bezog, beruhigte die klagende Thekoerin und versprach ihr oder ihrem Sohne Schutz. Darauf sprach sie weiter und bat den König um mehr Sicherheit für den brudermörderischen Sohn, bis sie den König dahin brachte, ihr bei Gott zu schwören39, daß dem angeschuldigten Sohne von Seiten der [241] Bluträcher kein Haar gekrümmt werden sollte. Dann erbat sie sich vom König die Erlaubnis, noch eine Bemerkung zu machen, um ihm anzudeuten, wo sie eigentlich hinaus wolle. Sie sprach sehr geschickt mit feiner Wendung, ohne der Würde des Königs zu nahe zu treten, und verstand dabei doch, ihm die Sache nahe zu legen. »Wie magst du so etwas vom Volke Gottes denken! Und da der König dieses Wort (Urteil) einmal gesprochen hat, so ist er gewissermaßen schuldig, daß der König seinen Verstoßenen nicht zurückruft. Denn sterben müßten wir und wie Wasser zur Erde gegossen (verrinnen), wenn Gott nicht die Lebensseele erhöbe40 und Veranstaltungen getroffen hätte, daß der Verirrte nicht (für immer) von ihm verstoßen bleibe.« Dann wieder einlenkend und auf ihre Fabel zurückkommend, sprach die Thekoerin, sie sei zum König gekommen, weil die Leute ihr Angst gemacht, und sie wünsche vom König Schutz gegen den Mann, der ihren Sohn vom Erbe Gottes zu vertilgen gedächte. Das Wort des Königs genüge ihr indessen zur Beruhigung. – Trotz dieser nachträglichen Ablenkung verstand der König doch die Anspielung auf seine eigenen Verhältnisse und verlangte von ihr eine aufrichtige Antwort, ob Joab nicht bei ihrer Vermummung und Fabelei die Hand im Spiele habe. Als ihm die Thekoerin die Wahrheit gestand, ließ der König Joab rufen, versicherte ihn, daß er nunmehr nichts Böses gegen Absalom sänne, und trug ihm auf, ihn nach Jerusalem kommen zu lassen. Die seine, gewandte Rede des Weibes aus Thekoa hatte es ihm nahegelegt, daß die Blutrache gegen seinen eigenen Sohn ein Widerspruch wäre.

Joab selbst holte Absalom von Geschur ab und führte ihn nach Jerusalem; aber hier durfte er nicht vor seinem Vater erscheinen, sondern mußte wie ein Gebannter in seinem Hause bleiben. Joab hat damit, ohne es zu ahnen, die Zwietracht in Davids Haus gebracht. Denn Absalom brütete Tag und Nacht in der Vereinsamung der Ungnade über dem verruchten Plan, seinen Vater zu stürzen. Dabei wandte er Verstellungskünste an, um ihn recht sicher zu machen. Dazu war vor allem [242] nötig, daß äußerlich wenigstens eine Versöhnung stattfände. Joab sollte sie herbeiführen helfen; aber er mied Absalom geflissentlich. Dieser mußte zu einem sonderbaren Mittel greifen, um Joab zu einer Unterredung zu zwingen. Er ließ dessen Gerstenfeld, das an seinen Acker grenzte, durch seine Sklaven niederbrennen. Darauf eilte Joab zum Prinzen, um sich zu beklagen, und damit hatte Absalom seinen Zweck erreicht. Er benutzte dessen Anwesenheit, um ihm ans Herz zu legen, dem König, seinem Vater, zu schildern, wie ihn dessen Ungnade so unglücklich mache, daß erden Tod vorziehen würde. Joab, dem es selbst mit der Aussöhnung des Sohnes mit dem Vater ernst war, muß den beredten Anwalt für ihn gemacht haben. Denn David entschloß sich, nachdem er diesen Sohn zwei Jahre aus seiner Gegenwart verbannt hatte, ihn zu sich kommen zu lassen. Bei der Zusammenkunft spielte Absalom meisterhaft den reumütigen, unterwürfigen Sohn. Darauf gab ihm David wieder den Vaterkuß, und die Versöhnung war vollzogen. Seit dem Tode Amnons waren bereits sieben Jahre verstrichen.

Nun nahmen die Intrigen ihren Lauf. Absalom muß öfter heimliche Zusammenkünfte mit Achitophel gehalten und nach dessen Ratschlägen gehandelt haben. Er trat von nun an als künftiger Thronfolger auf. Er ließ sich aus Ägypten Rosse und Wagen kommen, schaffte sich fünfzig Trabanten an und machte überhaupt königlichen Aufwand. Dann stand er jeden Morgen zeitig auf, um die Personen zu sprechen, die mit ihrer Streitsache zum Könige kamen. Er fragte sie aus, ließ sich ihre Streitigkeiten erzählen, fand jedermanns Sache gerecht, bedauerte aber, daß der König nicht alles anhöre und nicht jedem Recht widerfahren lasse, warf nebenbei hin, wenn er erst Richter wäre, so würde sich niemand über Rechtsverkümmerung zu beklagen haben. Außerdem war er gegen jedermann herablassend und leutselig. Wollte sich jemand ihm zu Füßen werfen, so verhinderte er es und küßte ihn mit erheuchelter Gleichheitsmiene. So trieb es Absalom fast vier Jahre41 hintereinander seit der Aussöhnung mit seinem Vater. Absalom war der schönste Mann seiner Zeit und stand damals in den dreißiger Jahren, in der vollen Manneskraft. Vom Scheitel bis zur Sohle war kein Fehler an ihm zu bemerken. Sein reiches, schönes Kopfhaar wallte ihm auf Nacken und Schulter wie eine Löwenmähne. Kurz, er bezauberte alle diejenigen, welche in seine Nähe kamen, mit seiner Liebenswürdigkeit und Leutseligkeit. Und David war zu verblendet, um zu bemerken, wie sein tückischer Sohn ihm die Herzen raubte. Absalom wartete nur auf eine [243] günstige Gelegenheit, offen gegen seinen Vater aufzutreten, ihn zu stürzen, vielleicht gar zu töten und sich der Herrschaft zu bemächtigen. Diese Gelegenheit bot sich bald dar.

David beschäftigte sich in dem letzten Jahrzehnt seiner Regierung mit einem umfassenden Plan, wie es scheint, mit einem großen Kriege, der zahlreiche Mannschaft erfordern sollte. Welchem Lande der Krieg gelten sollte, läßt sich nur vermuten, wahrscheinlich Ägypten. Vor Davids Zeit war Ägypten unter drei Herrscherfamilien geteilt42; eine derselben hatte ihren Sitz in Tanis (Zoan). Um ihre Macht zu vergrößern, richtete einer der letzten Könige der tanitischen Dynastie, Psusennes, sein Augenmerk auf das benachbarte Land, zunächst auf den Küstenstrich, wo die Philister wohnten43. Es war zu befürchten, daß er auch das Land Israel mit Krieg überziehen würde. Um dem zuvor zu kommen, rüstete David. Schon hatte er neue Soldtruppen angeworben: sechshundert Chittiter und ihr Führer Ittaï, der aus ganz besonderer Bewunderung unwandelbare Anhänglichkeit an David bekundete, waren aus Gath bei ihm eingetroffen44. Der König wollte auch die Zahl der waffenfähigen Männer von zwanzig Jahren und darüber in sämtlichen israelitischen [244] Stämmen wissen, um zu bemessen, ob er mit ihnen einen voraussichtlich schwierigen und langwierigen Krieg unternehmen könnte. Die Zählung des waffenfähigen Volkes übertrug der König seinem Oberfeldherrn Joab und andern Heerführern. Sie begannen die Zählung im jenseitigen Lande in Aroër am Ufer des Flusses Arnon, von da begaben sie sich nach Jaëser und nach Gilead bis an den Fuß des Hermon, besuchten Dan und Ijon, durchzogen dann die Städte der Nordstämme und durchstreiften das Land bis Beërseba45. Wahrscheinlich ist in den Vororten der Stämme die Zählung vorgenommen worden. Sie dauerte wegen des langen Aufenthaltes neun Monate und zwanzig Tage. Aus den überlieferten Zahlen – wenn sie genau sind46 – würde sich ergeben, daß das ganze Land 1 300 000 kriegsfähige Jünglinge und Männer stellen konnte und eine Bevölkerung von 4 000 000 hatte.

Diese Volkszählung erwies sich aber als ein Mißgriff, den David schwer büßen mußte. Sie erregte auf außerordentliche Weise die Unzufriedenheit des Volkes. An sich selbst war sie mißliebig, weil sie eine Aushebung zu einem langwierigen Kriege in Aussicht stellte. Dazu kam, nach der Anschauung der damaligen Zeiten, noch die Angst, daß eine [245] Zählung verderbliche Folgen nach sich ziehen müsse47. Als nun gleich darauf eine entsetzliche Seuche eine große Menschenmenge hinraffte, stand bei allen die Überzeugung fest, daß die Volkszählung sie heraufbeschworen habe. Es starben nämlich an einer wütenden Pest in drei Tagen siebzigtausend Menschen. Erzählt wird der Vorgang folgendermaßen. Joab selbst, welcher die Volkszählung leiten sollte, habe dringend davon abgeraten und sei nur widerwillig, um dem Befehle des Königs nicht ungehorsam zu sein, an das Geschäft gegangen. Und als er dem König das Ergebnis der Zählung überbrachte, fühlte dieser Gewissensbisse darüber und hatte in derselben Nacht einen beängstigenden Traum48, der ihm seine Unbesonnenheit zum Bewußtsein brachte. Als er am andern Morgen mit betrübtem Gemüte aufstand, kam der Prophet Gad zu ihm und legte ihm eine traurige Wahl unter drei Übeln vor, welche als Strafe für seine Unbesonnenheit verhängt werden sollten, entweder drei49 Jahre Hungersnot im Lande oder ein drei Monate lang dauernder unglücklicher Krieg oder drei Tage Pest. David wählte das letztere mit dem Bemerken: »Wir wollen lieber in Gottes Hand fallen, dessen Erbarmen groß ist, und nicht in die Hand der Menschen.« Die Hauptstadt hatte selbstverständlich, wegen der größeren Menschenansammlung, am meisten von der Seuche gelitten. Beim Anblick der Leichenhaufen oder in der Bildersprache der Zeit, »des Engels der Verderbnis«, welcher das Volk hinraffte, flehte David: »Ich habe gesündigt und gefehlt, was hat die arme Herde getan? Möge deine Hand mich und mein väterliches Haus treffen.« Die Pest hatte aber gerade den Hügel Morija verschont, worauf die geduldeten Jebusiten sich angesiedelt hatten. Eilends verkündete der Prophet Gad dem Könige, auf diesem Hügel solle er einen Altar bauen und Opfer bringen, dann werde die Seuche in Jerusalem erlöschen. Ohne zu zögern, begab sich David mit seiner ganzen Dienerschaft dahin. Als ihn das Oberhaupt der Jebusiter Arna (Arnan, Arawna) von ferne kommen sah, eilte er ihm entgegen, begrüßte ihn untertänig und fragte nach seinem Begehr. David gab ihm darauf zu [246] erkennen, daß er den Hügel käuflich an sich bringen wolle, um darauf einen Altar zu bauen. Zuvorkommend wollte Arna ihm den Platz und alles, was dabei war, zum Geschenk machen, David lehnte es aber ab. Sobald ein Altar in Eile errichtet und ein Opfer gebracht war, hörte die Pest in Jerusalem auf. Der Hügel Morija galt seitdem als gefeiter Ort, dem das Verderben nicht nahe kommen könne, und auf dem auch Abraham seinen Sohn Isaak zum Opfer habe bringen wollen50.

Wenn Joab von der Volkszählung so dringend abgeraten hat, so muß ein anderer aus Davids Umgebung ihm nachdrücklich dazu geraten haben, einer, dessen Wort im Rate wie ein Gottesausspruch den Ausschlag zu geben pflegte. Achitophel, dessen Haß gegen den Schänder seiner Enkelin Bathseba mit den Jahren immer mehr zugenommen zu haben scheint, muß diesen verderblichen Rat erteilt haben, weil er voraussah, daß dadurch im ganzen Volke große Unzufriedenheit erregt und sein Plan, den König zu verderben, gefördert werden würde. Infolge der Pest zeigte sich allerdings eine Abneigung des Volkes gegen David, mehr noch, als der böse Ratgeber beabsichtigt hatte. Es bürdete ihm die Schuld am Tode der vielen Tausende auf, welche der »Engel der Verderbnis« so rasch hingerafft hatte. Diese Abneigung nutzte Achitophel aus, um Rache an David zu nehmen und gebrauchte Absalom dazu als Werkzeug. Er verabredete mit ihm einen Plan der Verschwörung, der kaum fehl gehen konnte51.

Heimlich schickte Absalom Boten überallhin, um den Anhängern, die ihm bereits zugetan waren, ein Zeichen zu geben. Sobald sie den Schall des Hornes vernehmen würden, werde er in Hebron als König anerkannt und ausgerufen sein. In Hebron, dem Vororte des Stammes Juda, sollte die Verschwörung und die Empörung gegen David beginnen. Hier waren die Ältesten bereits für Absalom gewonnen. Um den König, seinen Vater, über seine Reise nach Hebron zu täuschen, spiegelte Absalom ihm vor, er habe während seines Aufenthaltes in Geschur das Gelübde getan in Hebron zu opfern, wenn er nach Jerusalem in Frieden zurückgekehrt sein werde. David ließ ihn ohne Arg dahin ziehen.

Von seinen Freunden und Trabanten und von zweihundert angesehenen Jerusalemern begleitet, die Absalom unter irgendeinem Vorwande eingeladen hatte, und die von einem Verschwörungsplane keine Ahnung hatten, traf er in Hebron ein. Diese zweihundert trugen [247] in ihrer Harmlosigkeit zum Gelingen des Planes bei. Denn als man in Hebron sah, daß auch angesehene Männer der Hauptstadt zu Absalom übergegangen waren, hielten die in Hebron Versammelten Davids Sache für verloren. Achitophel, der sich unter einem Vorwande vom Hofe entfernt und nach seiner Heimat begeben hatte, traf ebenfalls ein52, erklärte sich offen für Absalom und gab damit seiner Sache ein außerordentliches Gewicht; denn er war als die rechte Hand Davids bekannt. Die Hebroniten scheinen ganz besonders gegen David eingenommen gewesen zu sein, entweder weil er durch die Gründung Jerusalems ihre Stadt, als ehemaligen Vorort, um alle Bedeutung gebracht hatte, oder – was auf dasselbe hinausläuft – weil die angesehensten Familien dieser Stadt, die Khalebiten, gegen die ehemals unbedeutende Familie Isaïs von Bethlehem sich zurückgesetzt fühlten. Der verräterische Plan gelang vollständig. Die Hebroniten und die übrigen Anwesenden riefen, während Opfer dargebracht wurden53, Absalom zum König aus und sagten sich von David los. Auch Glieder der Familie Davids schlossen sich aus Ehrgeiz Absalom an, namentlich Amasa, sein Vetter, der sich einen großen Feldherrn dünkte und sich gegen Joab zurückgesetzt glaubte. Alsbald wurden durch Eilboten den Städten die verabredeten Zeichen mit dem Horne gegeben, und die für Absalom gewonnenen Verschwörer rotteten sich zusammen und riefen ebenfalls: »Es lebe der König Absalom!« Sie rissen alle diejenigen mit, die noch wegen Davids Volkszählung aufgebracht waren, und alle diejenigen, die überhaupt von Veränderung und Umsturz Vorteile zu erhaschen hofften. Die Benjaminiten, die ihren Vorrang unter Saul durch David eingebüßt hatten, die Ephraimiten, die ewig Unzufriedenen, mochten sich ganz besonders über Davids Sturz freuen und huldigten um so lieber dem Thronräuber, weil sie hoffen mochten, durch Davids Entthronung wieder zu ihrem alten Ansehen oder ihrer alten Freiheit zu gelangen. Mit dem eitlen Absalom, dessen Volksgunst sich nicht lange erhalten werde, hofften sie leichter fertig zu werden, als mit David. Von vielen Städten aus allen Stämmen kamen Abgeordnete nach Hebron, um dem neuen Könige zu huldigen, und mit jedem Tage wuchs dessen Anhang.

Anfangs wurde selbstverständlich die Verschwörung von den Führern geheim gehalten; es durfte niemand von Hebron nach Jerusalem reisen, [248] um nicht die Kunde davon zu verbreiten. David erfuhr daher seine Entthronung durch seinen Sohn erst durch die Nach richt, daß die Stämme des Hauses Juda und des Hauses Israel von ihm abgefallen waren. Es war ein schmerzlicher Augenblick für ihn. Sein eigener Sohn sann auf seinen Sturz! Sein Entschluß war indessen schnell gefaßt. Er wollte es nicht auf einen Bürgerkrieg ankommen lassen, wozu ihm die Söhne Zerujas und andere treue Anhänger geraten haben mögen. Von allen Stämmen verlassen, hätte er sich in die Hauptstadt einschließen müssen. Diese würde dem Andringen so vielen Volkes nicht haben widerstehen können, und – er konnte sich darüber nicht täuschen – der ruchlose Absalom würde nicht Scheu getragen haben, ein Blutbad in Jerusalem anzurichten. Am meisten fühlte sich David von der Verbindung Achitophels54 mit seinem thronräuberischen Sohn gekränkt und wurde dadurch entmutigt. Er mochte zu spät erkennen, daß die Verschwörung von langer Hand angelegt war. Es wurde ihm daher klar, daß der Plan reiflich durchdacht war, und daß ein Widerstand nur zu seinem Unheil ausschlagen werde. So verkündete er denn seinen Leuten, daß er eilends Jerusalem verlassen wolle, ehe Absalom mit seinem großen Anhange von Hebron heranzöge.

Bei der Flucht erwies es sich, daß David auch treue Freunde hatte, die ihm bis in den Tod ergeben waren. Er konnte nur verfügen, daß seine Frauen, Kinder und Dienstboten ihn auf der Flucht begleiten sollten – nur seine zehn Kebsfrauen hatte er zurückgelassen, seinen Palast zu hüten. Denen, die er groß gemacht, konnte er keinen Befehl erteilen; er konnte nicht wissen, ob seine Stimme noch Gehör bei ihnen finden würde. Als er von seinem Palaste aus auf dem Platze der Salbenhändler55, am südöstlichen Ende der Stadt, angekommen war, bemerkte er zu seiner Freude, daß ein großes Gefolge ihm nachzog. Nicht nur sein Feldherr Joab und dessen Bruder Abisaï mit ihren Leuten, nicht nur ein großer Teil der Heldenschar (Gibborim)56, die Soldtruppe Krethi und Plethi mit Benajahu, ihrem Anführer, sondern auch Ittaï, der Chittite, mit seinen sechshundert Mann, welche David kurz vorher angeworben hatte. Von Ittaï mochte David das Opfer nicht annehmen, ihm in die Verbannung zu folgen. Allein dieser wollte nicht umkehren [249] und schwur, an der Seite des Königs zu bleiben, »sei es zum Tode, sei es zum Leben.« Die ganze Bevölkerung der Stadt weinte laut, während David durch das Tal Kidron zog, und alle seine Hauptleute voran zogen, um über den Ölberg in die öde Gegend des Jordans57 zu fliehen. In einer Stadt Zuflucht zu nehmen wagte er nicht, aus Furcht vor Verrätern. Eilig kamen später die beiden ersten Priester Zadok und Ebjathar und sämtliche Leviten aus Jerusalem nach und brachten die Bundeslade, stellten sie nieder, und Ebjathar blieb bei ihr stehen, bis alle, welche David nachfolgten, vorbeigezogen waren, um die Nachzügler durch sie zu schützen58. David bedeutete aber die beiden Priester, die Bundeslade nach Zion zurückzubringen, und bemerkte in weichem Tone: »Wenn ich wieder bei Gott Gnade finden sollte, daß er mich nach Jerusalem zurückführen wird, dann werde ich die Bundeslade und das Zelt wieder sehen, wo nicht, wenn Gott mich verwirft, so bin ich bereit zu ertragen, was ihm gutdünkt.« Zugleich schien es ihm, daß die beiden Priester in Jerusalem ihm mehr Dienste leisten könnten, als in der Verbannung. Sie konnten sich zum Scheine Absalom unterwerfen, so als Priester von allen Vorgängen Kunde erhalten, und durch ihre Söhne ihm heimlich Nachricht zukommen lassen. Er gab ihnen daher den Weg an, den er einzuschlagen gesonnen war, um die Verbindung mit ihnen aufrecht erhalten zu können59. Während die Priester und Leviten die[250] Bundeslade eilig nach Jerusalem zurückbrachten, stieg David den Ölberg hinan, barfüßig, verhüllten Hauptes und in Tränen gebadet; seine ganze Begleitung brach in Schluchzen aus, daß der König, der so viel für das Volk getan, der mächtige Völker besiegt hatte, in diesem Aufzug vor seinem eignen Sohn fliehen mußte60. Aber als seine Traurigkeit und Verzweiflung einen hohen Grad erreichte, kam von der entgegengesetzten Seite auf dem höchsten Punkte des Ölberges ein Freund auf ihn zu, der ihm Hilfe bringen sollte.

Chuschaï aus der Stadt Erech im Stamme Ephraim war ein Vertrauter Davids und ein nicht minder kluger Ratgeber als Achitophel. Er kam im Traueraufzug mit zerrissenen Kleidern und Erde auf seinem Haupte und wollte die Flucht teilen. David wehrte es aber ab, weil er als Greis ihm nur zur Last sein werde. In der Nähe Absaloms könne er ihm aber größere Dienste leisten, Achitophels Ratschläge zu vereiteln und ihm heimlich Winke zu geben. Daraufhin begab sich Chuschaï nach Jerusalem. Wie die Treue so klammerte sich auch der Eigennutz an David, um sich bei ihm einzuschmeicheln. Als David vom Ölberg ostwärts hinabstieg, eilte ihm der Obersklave des Hauses Saul entgegen, jener Ziba (o. S. 225), welchen David dem Sohne seines Freundes Jonathan zur Verwaltung der Güter bestellt hatte. Er brachte auf Eseln geladen Brote, Früchte und Wein zur Labung und Erquickung für die Reise in der Wüste. Als David nach dessen Herrn Mephiboschet fragte, antwortete der schlaue Knecht, der weile in Jerusalem und erwarte, daß ihm das Haus Israel die Königswürde, die ihm von seinem Großvater vererbt sei, zurückerstatten werde. Mephiboschet saß indessen trauernd über das Geschick seines Wohltäters und wartete auf seinen Sklaven, daß er ihm einen gesattelten Esel zuführen solle, der ihn zu Davids Begleitung bringen könne. Der Sklave aber betrog und verleumdete ihn zugleich61. David ließ sich aber von der glatten Sprache des verräterischen Ziba betören und schenkte ihm sämtliche Güter Mephiboschets.

Die erste Stadt, durch welche David auf seiner Flucht zog, war das benjaminitische Bachurim. Anstatt freundlichen Empfangs fand er hier nur Beleidigung und Schmähung. Ein Benjaminite Schimi aus[251] der Familie Gera62 fluchte und schmähte David: »Du Blutmensch und Verworfener, Gott vergilt dir, was du dem Hause Sauls zugefügt, dessen Krone du geraubt hast.« Eine lange Strecke begleitete er Davids Zug, warf von der Anhöhe mit Steinen und Staub nach ihm, so daß die Helden den König schützen mußten. Abisaï wollte den Frechen züchtigen. »Warum soll dieser tote Hund dem König fluchen?« Aber David hielt ihn zurück: »Mag er schmähen; wenn Gott es so wünscht, wer kanns abwenden? Wenn mein eigner Sohn mir nach dem Leben trachtet, so mag der Benjaminite fluchen.« Indessen hatte David auch Freunde in Bachurim63. Gedemütigt und erschöpft kam David durch die Wüste mit seinem Gefolge in der Gegend von Jericho an64. Hier weilte der unglückliche König mit seinem Gefolge in Zelten, die aufgeschlagen wurden, und ruhte von der körperlichen und geistigen Abspannung aus, der Kunde gewärtig, die ihm von Jerusalem durch seine treuen Anhänger zukommen würde.

Während David auf der Flucht die Nähe des Jordans erreichte, kam Absalom mit den Verschworenen und Verrätern in Jerusalem an, und der böse Ratgeber Achitophel ihm zur Seite65. Er trieb den Thronräuber an, noch mehr Verworfenheiten zu begehen, damit er vollends mit dem Vater bräche und eine Aussöhnung unmöglich mache. Achitophel riet ihm das Frauenhaus seines Vaters in Beschlag zu nehmen und die dort zurückgelassenen zehn Kebsweiber zu schänden. Durch die Wahrnehmung des völligen Bruches würde das Volk ihn kräftiger unterstützen und die geheime Furcht fahren lassen, Vater und Sohn könnten sich wieder versöhnen und es allein den Abfall büßen lassen. Was lag Achitophel daran, daß Absalom durch diese neue Schändlichkeit sich etwa beim Volke verhaßt machte? Er wollte nur Rache an David nehmen und ihn stürzen. Absalom war ihm nichts, war nur ein Werkzeug in seinen [252] Händen. Der schwachköpfige Frevler, der sich König nennen ließ, aber ohne Beirat unfähig zu jeder Unternehmung war, ließ sich zu dieser Schändlichkeit verleiten und hielt vor den Augen der Sonne und der Hauptstadt sein Beilager mit den Kebsen seines Vaters66.

Aber während Absalom in seinen Freveltaten schwelgte, war der Mann in seiner Nähe, welcher seine ruchlosen Pläne vereiteln sollte. Chuschaï hatte zum Schein dem neuen König gehuldigt und ihm versichert, daß er ihm ebenso treu wie seinem Vater dienen werde. Mit dem Falschen hatte er falsch gespielt, und Absalom schenkte ihm Vertrauen. Darauf ließ dieser Rat pflegen, was zu beginnen sei, um seinen Vater zu besiegen und zu verderben. Die Ältesten der Stämme, die anwesend waren, wurden zugezogen. Achitophel riet teuflich, ungesäumt noch in derselben Nacht mit einem starken Heere David aufzusuchen, durch Überraschung und Übermacht der Mannschaft dessen Gefolge zu zerstreuen und ihn selbst erschöpft und gebeugt, wie er ihn sich dachte, zum Gefangenen zu machen und zu töten. Nach seinem Ende würde das ganze Volk ohne Gewissensbisse und aufrichtig dem neuen König anhänglich sein67. Diesem Plane stimmten die Ältesten bei, und auch Absalom zollte ihm Beifall. Je eher er seinen Vater aus dem Leben schaffte, desto lieber war es ihm; auch nicht eine schwache Regung kindlichen Gefühls sprach in seinem Herzen.

Die Folgen seiner Lieblosigkeit und des Übermaßes seiner Schlechtigkeit sollten ihn indessen bald treffen; er selbst führte seine Strafe herbei. Er zog auch Chuschaï zu Rate über den Feldzugsplan gegen seinen Vater, und dieser verwarf Architophels Rat als vollständig aussichtslos. Chuschaï machte so überzeugende Scheingründe geltend, daß Absalom sich davon fangen ließ. Er bemerkte, es sei unrichtig, mit Achitophel vorauszusetzen, daß David sich überraschen lassen werde; als geübter Kriegsmann werde er im Gegenteil Vorsicht gebrauchen und sich, wie zur Zeit seiner Verfolgung durch Saul, in Schlupfwinkeln verbergen, die erst aufgesucht werden müßten, und das würde viel Zeit erfordern. Und selbst wenn diese entdeckt würden, würde David mit seiner Heldenschar und den Chittitern sich nicht ohne weiteres fangen lassen, sondern mutig kämpfen und es mit einer Schar von 12000 aufnehmen, die doch auch eine Niederlage erleiden könnte. Aber selbst im besten Falls, wenn keine sofortige Niederlage erfolgen sollte, könne der Feldzug mit so geringer Mannschaft doch mißlingen. Denn es könne nicht fehlen, daß im [253] ersten Anlauf gegen Helden wie David und seine Krieger die Absalomiten Verluste erleiden würden, und der Schrecken, der vor David einhergeht, würde den, wenn auch geringen Unfall übertreiben; es würde heißen, das ganze absalomitische Heer sei geschlagen, und dann würde auch dem Tapfersten der Mut sinken, den Kampf gegen David und seine Helden, welche so viele Siege errungen, wieder aufzunehmen. Chuschaï erteilte demgemäß den Rat, nicht mit einem kleinen Heere gegen David zu ziehen, sondern den ganzen Heerbann von Dan bis Beërseba aufzubieten und ihn so mit der Überzahl zu erdrücken. Der Krieger müßten so viel sein, daß das Lager auf dem freien Felde sich wie eine Taulage ausnehmen müßte, und wenn David sich in eine feste Stadt werfen sollte, müßte die Überzahl der Krieger so imstande sein, die Mauer an Seilen in das Tal zu schleifen, daß nicht eine Scholle davon bliebe. Chuschaïs Rat gefiel noch besser als der Achitophels und wurde ins Werk gesetzt. Die sofortige Verfolgung unterblieb, und der Feldzug wurde hinausgeschoben bis zahlreiche Mannschaft versammelt sein werde. Chuschaï gab selbstverständlich sofort durch Jonathan und Achimaaz, die Söhne der beiden Hauptpriester, Nachricht von dem Ergebnis der Beratung. Diese hielten sich nämlich zur Botschaft bereit an der Quelle Rogel im Tale Kidron, und eine treue Sklavin überbrachte ihnen heimlich Chuschaïs Weisung an David, daß er sofort den Jordan überschreiten möge. Die beiden eifrigen Jünglinge wären beinahe verraten worden, denn ein Diener Absaloms hatte durch ihren Verkehr mit der Sklavin Verdacht geschöpft und es seinem Herrn mitgeteilt. Nur mit knapper Not konnten sie nach der Stadt Bachurim gelangen; denn Verfolger waren ihnen auf den Fersen. Indessen verbarg sie ein David ergebenes Paar in dieser Stadt in einer Zisterne und gab den Verfolgern eine falsche Richtung an68. Erst als die Gefahr vorüber war, stiegen Jonathan und Achimaaz aus dem Versteck und eilten zu David, um ihm Kundschaft zu bringen, und dieser setzte mit den Seinen noch vor Tagesanbruch über den Jordan.

Die erste günstige Wendung für David war, daß Achitophel sich aus Jerusalem entfernte und sich in seiner Vaterstadt Gilo erhenkte, aus Verdruß, daß Absalom seinen Rat verworfen oder aus Einsicht, daß, wenn David Zeit gewänne, Absaloms Sache verloren wäre und ihn selbst dann die gerechte Strafe ereilen würde. Dieser Selbstmord Achitophels war ein schwerer Schlag für den Thronräuber; denn er hatte unter [254] seinen Getreuen keinen fähigen Mann, und er selbst war weder kriegerisch noch voraussehend. Sein Feldherr Amasa zeigte wenig Kriegstüchtigkeit. Der Heerbann wurde zwar aufgeboten, aber ehe er sich sammelte, hatte David einen bedeutenden Vorsprung. Er begab sich nach Machanaïm, und die Einwohner dieser Stadt nahmen ihn ebenso zuvorkommend auf, wie ehemals den flüchtigen Sohn Sauls (o. S. 206).

Sämtliche Israeliten jenseits des Jordans stellten sich ihm zur Verfügung, um den ruchlosen Sohn bekämpfen zu helfen. Zwei Männer aus Gilead überboten sich an Aufmerksamkeit für den unglücklichen König und Vater und versahen ihn und die Seinigen mit allem Erforderlichen. Es waren der Greis Barsillaï aus Roglim und Machir aus Lo-debar, Sohn Ammiels, welcher auch dem Sohne Jonathans Schutz gewährt hatte (o. S. 212). Auch der König von Ammon, Schobi, Sohn Nachaschs, welcher wahrscheinlich an Chanuns Stelle von David auf den Thron gesetzt war, erwies ihm Aufmerksamkeit.

Als endlich Absalom oder Amasa eine große Truppenzahl zusammengebracht hatte, setzte diese durch eine Furt über den Jordan und näherte sich Machanaïm. Diese Stadt lag in der Nähe eines dichten Waldes, welcher Wald der Rephaïm genannt wurde69, weil dort früher ein Riesengeschlecht gehaust hatte. In dieser Waldgegend lagerten die Absalomiten, wie es scheint, ohne rechten Plan und ohne rechte Ordnung. David dagegen hatte seine Schar in drei Abteilungen geordnet, von denen die eine unter Joab, die andere unter Abisaï und die dritte unter Ittaï stand, alle drei bewährte Krieger und Führer. Jede Abteilung war in Gruppen von je tausend und wieder in je hundert geteilt mit je einem Hauptmann an der Spitze. So zogen sie gegen Absalom aus. David selbst ließen seine Feldherrn nicht mitziehen, weil sie seine Schwäche für seine, wenn auch verworfenen, Söhne kannten. Er legte ihnen aber ans Herz, Absalom zu schonen70 und sprach die Ermahnung laut aus, so daß das ganze Volk die Äußerung hören konnte. Der Kampf begann und kostete viele Menschenleben. Obwohl die Absalomiten an Zahl bedeutend überlegen waren, unterlagen sie doch, weil sie nicht recht geordnet kämpften und sich im Walde nicht zurecht finden konnten, Davids Truppen dagegen wie ein Mann standen. Mehr noch als das Schwert richtete der Wald Verderben unter ihnen an. Zwanzigtausend Krieger sollen darin geblieben sein. Auch für Absalom ward der Wald Rephaïm verderblich. Mit seinem langen Haar, auf das er so eitel war, blieb er [255] am Ast einer großen Eiche hängen, und das Maultier, das er ritt, trabte davon. Während er krampfhaft arbeitete, sich los zu machen, traf ihn ein Krieger von Davids Heer, wagte aber nicht selbst Hand an ihn zu legen, weil der König seine Schonung anbefohlen hatte; er meldete es aber Joab. Dieser eilte mit zehn Waffenträgern auf den Baum zu, wo Absalom zwischen Himmel und Erde schwebte, und stach ihm drei Speere in die Brust. Es war eine eigene Fügung, daß Joab selbst dem den Todesstoß versetzen sollte, den er früher begünstigt und dessen Empörungsplan er dadurch unwillkürlich gefördert hatte. Joab ließ sofort mit dem Horne das Zeichen für das Davidsche Heer geben, dem Kampf einzustellen, und die Absalomiten, welche den Untergang ihres Königs erfuhren, lösten sich in wilder Flucht auf und setzten über den Jordan.

Der zweite Bürgerkrieg während Davids Regierung, der um so unnatürlicher war, als auf der einen Seite ein Vater und auf der andern Seite ein Sohn stand, war damit zu Ende.

Seine Nachwehen waren ebenfalls traurig. Zunächst galt es, David die Siegesbotschaft zukommen zu lassen, und das war ein peinliches Geschäft, denn jedermann wußte, daß David schmerzlich vom Tode seines, wenn auch entarteten, Sohnes berührt sein werde. Joab sandte daher einen Äthyopier, der zu Davids Dienerschaft gehörte, ihm die Meldung zu hinterbringen. Von einem solchen erwartete niemand die Schonung des Gefühls. David erschrak bei der Botschaft, weinte und schluchzte und rief einmal über das andere: »Mein Sohn, mein Sohn Absalom, ich wollte ich wäre an Deiner Statt gefallen!« Die Tiefe eines Vaterherzens ist unergründlich. Er betrachtete Absalom vielleicht mehr als Verführten, den Achitophel umgarnt und zur Empörung getrieben hatte.

Die Krieger wagten nicht, als Sieger in Machanaïm einzuziehen, sondern schlichen hinein, als schämten sie sich wie nach einer Niederlage. David mochte niemanden sehen und sprechen, sondern jammerte unaufhörlich um den Tod seines Sohnes. Da faßte sich endlich Joab ein Herz und hielt ihm mit scharfen Worten die Undankbarkeit vor, die er durch seine Trauer gegen seine Krieger beging: »Du beschämst heute deine Diener, die dich und die deinigen gerettet haben, indem du deine Feinde liebest und deine Freunde hassest. Du verrätst damit, daß dir an deinen Führern und Dienern nichts liegt, daß es dir vielmehr lieber gewesen wäre, wenn Absalom noch lebte und wir alle als Leichen dalägen.«

Joab fügte noch eine Drohung hinzu, um den König aus seinem Schmerze zu reißen, wenn er sich nicht sofort den Kriegern zeigte und [256] sie nicht mit freundlichen Worten anredete, würden seine Getreuen sämtlich ihn noch in derselben Nacht verlassen, und er würde hilflos zurückbleiben. Diese scharfen Worte des rauhen, aber treuen Joab bewogen David, sich zu ermannen und sich dem Volke zu zeigen.

Von Absalom blieb nur eine Spur zurück. Sein Leichnam wurde in dem Walde Rephaïm in eine Grube geworfen, und ein großer Steinhaufen darüber gedeckt. Er hinterließ keinen Sohn, sondern nur eine schöne Tochter; drei Söhne, die ihm geboren worden waren, hatte der Tod noch vor seiner Empörung hinweggerafft71, als sollte dem kein Sohn bleiben, der seinem Vater nach dem Leben trachtete. Er hatte sich aber während seiner kurzen Regierung bei Jerusalem im Königstale ein prachtvolles Grabmal errichtet »das Denkmal Absaloms72« genannt, das seinen Namen verewigen sollte; er hat nur seine Schande verewigt. Aber seine Untaten ließen mehr Spuren in der Geschichte zurück. Nach Beendigung des Krieges gedachte David nach Jerusalem zurückzukehren; allein aufzwingen wollte er sich den Stämmen nicht, sondern abwarten, bis sie reuig wieder zu ihm zurückkehren und ihm huldigen würden. Auffallenderweise war gerade unter den Nordstämmen zuerst eine günstige Umstimmung eingetreten. Die Sicherheit und Unabhängigkeit, die sie David zu verdanken hatten, kam ihnen nach der Empörung lebhaft zum Bewußtsein, und sie fühlten sich beschämt, einen solchen König Absaloms wegen aufgegeben zu haben, und waren mit sich selbst unzufrieden73. Das Volk rief gewissermaßen den Ältesten zu: »Der König, der uns von unsern Feinden gerettet und besonders von den Philistern befreit hat, mußte vor Absalom aus dem Lande fliehen; dieser ist tot, warum habt ihr keine Eile den König wieder zurückzuführen? Kommt, lasset uns ihn heimführen«74! Darauf luden die [257] Stammesältesten David ein, in seine Hauptstadt und sein Haus zurückzukehren75 und erkannten dadurch ihn zum zweitenmale als König an. Dagegen blieb unerwarteterweise der Stamm Jehuda und selbstverständlich der Stamm Benjamin zurückhaltend, ohne dem König mit einem Schritt entgegenzukommen. Fühlten sich die Judäer durch die von ihnen zuerst ausgegangene Empörung in Hebron so tief beschämt, daß sie nicht wagten David um Verzeihung zu bitten? Oder wirkte die Unzufriedenheit, welche sie zum Abfall bewogen hatte, noch weiter fort? Oder hat sie Absaloms Feldherr Amasa, der auf Vergebung nicht rechnen durfte, von der Aussöhnung zurückgehalten? Es scheint, daß Amasa, der nach der Niederlage im gileaditischen Walde nach Jerusalem entflohen war, einen großen Einfluß auf die Judäer ausübte. Als nun David sah, daß der Stamm Juda noch immer schmollte, beauftragte er die beiden in Jerusalem zurückgebliebenen Priester Zadok und Abjathar, den Ältesten Judas ans Herz zu legen, daß es ihre Pflicht sei, den König zur Rückkehr einzuladen. »Ihr seid Davids Gebein und Fleisch, und warum wollt ihr die letzten sein, den König zurückzurufen, während die übrigen Stämme sich bereits unterworfen haben?« Amasa ließ er durch dieselben Priester Vergebung zusichern und ihm anbieten, ihn zum Feldherrn zu ernennen. Erst durch diese Aussicht zeigte sich Amasa geneigt, zu David überzugehen und redete den Ältesten Judas zu, David entgegenzukommen76. Daraufhin schickten auch die Judäer eine Einladung an David, und eine Gesandtschaft zog dem König nach Gilgal zum Empfang entgegen.

Der Stamm Benjamin geriet dadurch in Verlegenheit. Was sollte er nun beginnen? Benjaminiten hatten David bei seiner Flucht aus Jerusalem durch ihr Gebiet ihren feindseligen Sinn offenkundig gezeigt. Sie hatten es nicht für möglich gehalten, daß er je wieder zurückkehren und den Thron einnehmen werde. Nun war eine Wendung eingetreten, und nicht nur die Nordstämme, sondern auch Juda war nahe daran, ihm wieder zu huldigen. Ein Herz hatten die Benjaminiten nicht für David; sollten sie aber in ihrer Vereinzlung in Feindseligkeit verharren? Dann würde sie des Königs Zorn am empfindlichsten treffen. Schimi, jener Benjaminite, der dem König auf seiner Flucht [258] durch Schmähungen so viel Herzeleid zugefügt hatte und am meisten zu fürchten hatte, erteilte den Rat, so recht auffällig einen großen Eifer für David an den Tag zu legen, einen noch größern, als die übrigen Stämme, ihn durch Zuvorkommenheit milde zu stimmen, und gewissermaßen seinen Edelmut zu ihrem Fürsprecher zu machen. Infolgedessen erklärten sich tausend Benjaminiten bereit, David zum Empfang entgegenzueilen, schlossen sich der judäischen Gesandtschaft an und, am Jordan angelangt, schlugen sie eine Brücke über denselben, um dem König den Übergang zu erleichtern77.

Während dessen hatte der König Machanaïm verlassen und sich dem Jordan genähert, begleitet von seinem Hause, seinen Dienern und den Treuen, die er jenseits des Landes gefunden hatte: Schimi eilte allen voraus zum König, als er eben über den Fluß setzen wollte, warf sich ihm zu Füßen, bekannte sein Vergehen, daß er den König so sehr geschmäht hatte, und bat um Verzeihung. Er hob hervor, daß er vor dem Stamme Joseph und ganz Israel zuerst dem Könige entgegengeeilt sei78. Auch diesmal war der rasche Abisaï dafür, den Lästerer dem Tode zu weihen, dafür, daß er den Gesalbten Gottes geschmäht hatte. David fuhr ihn aber an und sprach: »An diesem Tage soll niemand getötet werden, denn an diesem Tage habe ich erfahren, daß ich noch König in Israel bin.«

Mit größerm Gefolge als David nach seiner Flucht über den Jordan gesetzt war, kehrte er zurück, begleitet von der judäischen Gesandtschaft, den tausend Benjaminiten und den treuen Freunden vom jenseitigen Lande, die ihm das Ehrengeleite gaben. Die nächste Stadt nach dem Übergang über den Jordan war Gilgal. Hier fanden sich die Abgeordneten der diesseitigen israelitischen Stämme ein, um ihm von neuem [259] zu huldigen und waren erstaunt und zugleich verletzt, daß die Judäer einen Vorsprung vor ihnen hatten und dem König schon zum Jordan entgegengezogen waren. Sie hatten erwartet, daß die Judäer mit ihnen gemeinschaftlich David entgegenziehen würden, und erblickten in diesem Eifer, den sie für nicht ganz aufrichtig hielten, die Absicht, daß das Haus Juda zum Nachteil des Hauses Israel sich in die Gunst des Königs habe setzen wollen.

Die israelitischen Ältesten machten aus ihrer Verstimmung kein Hehl und äußerten sie in Davids Gegenwart. Die Judäer blieben die Antwort nicht schuldig. »Uns ist der König näher; haben wir von ihm etwa gegessen oder gab er uns Geschenke79?« Die israelitischen Ältesten entgegneten darauf: »Wir haben zehn Anteile am König und haben mehr Anhänglichkeit an David als ihr. Auch haben wir zuerst an den König das Wort gerichtet, ihn zurückzuführen80.« Diese Rangfrage artete in einen heftigen Streit aus, die Judäer gaben herbe Antworten und kränkten die Nordstämme noch mehr. Es entstand eine Erbitterung der streitenden Parteien. David scheint sich auf die Seite der Judäer geneigt zu haben. Ein Benjaminite Scheba aus der Familie Bichri81 benutzte darauf die Verwirrung, stieß ins Horn und rief: »Wir haben keinen Anteil an David und kein Los an Isaïs Sohn, ein jeder von Israel eile in sein Zelt!« Diesem Aufrufe folgend, entfernten sich die Ältesten der Nordstämme und zogen dem Bichriten Scheba nach. Nur die Judäer blieben David treu und geleiteten ihn nach Jerusalem. Die Freude der Rückkehr war mit Betrübnis gemischt. Eine neue Spaltung war ausgebrochen, und ein neuer Bürgerkrieg stand vor der Tür. In dieser traurigen Lage tat David einen Schritt, der, je nachdem, als Klugheit oder Unbesonnenheit ausgelegt weren kann. Joab war bei ihm, seitdem er erfahren, daß Absalom von ihm getötet worden war, in Ungnade gefallen; er mochte ihm nicht mehr das Feldherrnamt [260] lassen. Außerdem wollte er dem Amasa das ihm gegebene Wort, ihn zum Feldherrn zu ernennen, halten. Da er jetzt auf den Stamm Juda allein angewiesen war, fühlte er noch mehr die Notwendigkeit, Amasa, der auf die Judäer einen überwiegenden Einfluß hatte,82 in guter Stimmung zu erhalten.

Hinter Joabs Rücken forderte David daher Amasa auf, den Heerbann des Stammes Juda innerhalb dreier Tage zu sammeln, um gegen den Empörer zu ziehen. Die Frist war aber bereits verstrichen und Amasa fehlte. David war unruhig. Sollte Amasa ihn getäuscht und mit den Empörern gemeinschaftliche Sache gemacht haben? Eile war erforderlich, um Schebas Anhang nicht anwachsen und ihm nicht Zeit zu lassen, sich in feste Städte zu werfen83. Es blieb David also nichts übrig, als sich doch an die Söhne Zerujas zu wenden, deren unwandelbare Treue trotz der oft erfahrenen Zurücksetzung felsenfest, und deren Kriegsfähigkeit erprobt war. Indes mochte David Joab doch nicht den Oberbefehl übergeben, sondern betraute damit dessen Bruder Abisaï. Dieser zog zunächst mit den Krethi und Plethi und der Heldenschar, als Kern der Mannschaft, die er unterwegs zu sammeln hoffte, aus. Joab vergaß die erfahrene Kränkung von Seiten Davids und schloß sich dem Zuge an oder vielmehr war der Anführer84. Er scheint einen Aufruf erlassen zu haben, daß sich das Volk um ihn sammeln solle.

Als die Brüder in Gibeon anlangten, kam ihnen Amasa entgegen. Sofort stand bei Joab der Entschluß fest, diesen aus dem Wege zu räumen. Er näherte sich ihm freundlich, fragte ihn nach seinem Befinden, sorgte aber dafür, daß sein Schwert wie zufällig der Scheide entfiel, faßte es in die Hand und stieß es ihm in die Rippe. Der eine Stoß genügte, Amasa den Tod zu geben. Ohne sich aufzuhalten, eilten Joab und Abisaï zu Schebas Verfolgung, ließen aber einen Getreuen zurück, der den vorüberziehenden Ausgehobenen zurief: »Wer für David ist, möge Joab nachziehen!« Da viele Krieger bei dem im Blute schwimmenden Leichnam Amasas stehen blieben, schleifte Joabs Mann diesen auf ein Feld und deckte ihn mit einer Hülle zu. So zogen die [261] Judäer, die Amasa aufgeboten hatte, den Söhnen Zerujas nach. Diese zogen durch die Nordstämme und fanden in allen Städten, die sie berührten, Anhänger und Parteigänger für David85. Scheba hatte wenig Anhang gefunden; die Nordstämme schienen es doch gescheut zu haben, sich wegen eines Mannes, wie Scheba, der ohne Bedeutung war, in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Mit der geringen Mannschaft, die ihm gefolgt war, hatte er sich in die feste Stadt Abel geworfen, die zum Unterschiede von andern desselben Namens noch Bet-Maacha hieß, und ein anderer Teil seines Gefolges besetzte das eine Stunde östlich davon entfernte Dan am Fuße des Hermons und unweit der Jordanquelle. Joab ließ rasch einen Wall um die Stadt Abel ziehen und, ohne die Einwohner zur Unterwerfung aufzufordern, Minen graben, um die Mauern zu Falle zu bringen. Die Einwohner gerieten dadurch in Angst86. Da rief eine kluge Frau von der Mauer den Minengräbern zu, Joab herbeizurufen. Als dieser sich der Mauer näherte, sprach sie mit beredten Worten vorwurfsvoll: »Man hätte doch erst sprechen sollen, d.h. man hätte doch in Abel und Dan anfragen sollen, ob alle friedlich Gesinnten und Treuen in Israel verschwunden sind! Warum willst Du Kinder und Mütter in Israel vernichten? Warum willst Du das Erbe Israels zerstören87

[262] Joab erwiderte darauf, daß es ihm nicht darum zu tun sei, das Erbe Israels zu vernichten, sondern nur sich des Mannes zu bemächtigen, der gewagt habe, die Hand gegen den König zu erheben. Sobald ihm der Benjaminite ausgeliefert werde, werde er sofort abziehen. Die kluge Frau versprach ihm, daß binnen kurzem das Haupt des Empörers ihm von der Mauer zugeworfen werden werde. Sie hielt Wort. Sie wußte ihre Mitbürger heimlich zu überreden, ihn von seinen wenigen Anhängern zu trennen und ihn zu töten. Schebas blutiges Haupt wurde dann über die Mauer geworfen, und Joab hob darauf die Belagerung auf, entließ die Mannschaft und kehrte nach Jerusalem mit der Siegesbotschaft zurück. Widerwillig mußte ihn David in dem Feldherrnamt belassen88.

Geläutert war David in seine Hauptstadt zurückgekehrt. Für seine Sünden hatte er zwiefach gelitten und gebüßt. Er hatte das Weib eines seiner treuesten Diener heimlich geschändet, sein eigener Sohn hatte seine Weiber geschändet. Er hatte Urijas Blut vergießen lassen, Blutströme flossen in seinem eigenen Hause und hätten ihn beinahe verschlungen. Er hatte trübe Erfahrungen gemacht, wie wenig selbst ein milder König auf des Volkes Liebe bauen könne. Seine umfassenden Pläne, einen großen Krieg zu unternehmen, waren gescheitert. Er beschränkte sich daher im beginnenden Alter, in den letzten Jahren seiner Regierung, auf die Tätigkeit im Innern. Einen Gedanken, der lange in seiner Seele gelebt haben mag, wollte er vor seinem Tode noch verwirklichen. Dem Gotte Israels, welcher ihn aus so vielen Nöten gerettet hatte, gedachte er einen herrlichen Tempel zu erbauen89.

[263] David gedachte zunächst mit dem Bau eines festen Tempels seine Dankbarkeit gegen Gott zu bekunden. Zugleich konnte ein solcher zur Befestigung im Innern beitragen. Jerusalem hatte als Hauptstadt noch nicht feste Wurzeln im Gemüte des Volkes gefaßt. Als politischer Vorort machte ihm noch Sichem den Rang streitig, und selbst im Stamme Juda behauptete Hebron noch immer, wenn nicht den Vorrang, so doch die Ebenbürtigkeit. Als religiöser Mittelpunkt war ihm Gibeon überlegen, wo Saul einen großen Altar errichtet hatte. Dieses hatte das Ansehen von Schilo geerbt. Ein großartig angelegter Tempel würde alle diese rivalisierenden Städte in den Schatten stellen, das Volk dahin bringen, zu Festeszeiten nach Jerusalem zu wallen und diese Stadt als einzigen Mittelpunkt anzusehen. Ehe indessen David an die Ausführung seines Planes ging, besprach er ihn mit dem Propheten Nathan; der Prophet stand damals über dem Priester. »Ich wohne in einem Zedernhause, und die Bundeslade Gottes weilt noch immer in einem beweglichen Zelte. Ich will einen Zederntempel für sie erbauen.« Nathan billigte diesen Plan: »Alles, was in deinem Herzen ist, führe aus; denn Gott ist mit dir!« In derselben Nacht hatte aber David einen bedeutungsvollen Traum90. Und des andern Tages begab sich der Prophet Nathan zu ihm, um ihm im Namen Gottes zu eröffnen, daß er nicht berufen sei, einen Tempel zu erbauen, weil er viel Blut vergossen habe, daß diese Aufgabe vielmehr seinem Sohne vorbehalten [264] bleibe. Zugleich wurde David verkündet, daß sein Thron für lange Dauer errichtet sei, daß eine lange Reihe von Königen aus seinen Nachkommen über das Volk Gottes herrschen werde, wenn sie in Gottes Wegen wandeln würden. So sehr es auch für David eine Herzenssache geworden war, einen stattlichen Tempel in Jerusalem aufzurichten, so unterwarf er sich doch in Demut dem von Nathan ihm verkündeten Gottesspruche und gab den Plan auf. In einem inbrünstigen Gebete vor der Bundeslade sprach er indes gegen Gott Dankesworte aus für die Gnade, deren er ihn gewürdigt hatte, daß er ihn aus dem Staube erhoben, ihn über sein Volk herrschen zu lassen, das er aus Ägypten befreit und für ewig auserkoren. Ganz besonders dankerfüllt war sein Herz wegen der Vorausverkündigung, daß sein Königshaus und sein Thron für lange, lange Zeiten errichtet seien. Dieselben Empfindungen legte David in einem Psalm91 nieder, der aber nicht den Schwung seiner frühern Dichtungen erreicht; es war vielleicht sein Schwanenlied.


[265] Spruch Davids, Sohn Isaïs,

Spruch des Mannes, der über (Israel) gestellt,

Des Gesalbten des Gottes Jakobs,

Dessen, der liebliche Weisen für Israel sang.

Gottes Geist sprach in mir,

Sein Wort war auf meiner Zunge.


Es sprach der Gott Israels,

Zu mir sprach Israels Hort:

»Herrsche über die Menschen gerecht,

Herrsche in der Furcht Gottes.

Dann wird, wie beim Aufgehen des Morgens

Die Sonne scheint,

Des Morgens ohne Wolken,

Wenn vom Strahle, vom Regen

Grünes der Erde (entsprießt)« ...

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Denn nicht so ist mein Haus bei Gott.

Denn ein ewiges Bündnis hat er mir errichtet,

Geordnet für alle (Zeit) und bewährt.

Denn all mein Heil

Und all mein Wunsch . . .

. . . Denn er läßt nicht blühen.

Und die Verworfenen92 hat er

Wie verächtliche Dornen vernichtet,

Die nicht mit der Hand angegriffen werden:

Wollte sie einer berühren,

So müßte er sich mit Eisen versehen,

Und mit dem Griff des Speeres,

Und mit Feuer werden sie verbrannt.


Wenn David auch den Tempelbau nicht in Angriff genommen hat, so hat er doch Vorbereitungen dazu getroffen. Von der Beute, die er den besiegten Völkern abgenommen hatte, weihte er einen Teil für das Heiligtum93. Auch die Ordnung des Gottesdienstes hat er ohne Zweifel festgestellt und zwar im Sinne Samuels, daß im neuen Tempel neben den Opfern auch Levitenchöre mit Saitenspiel und Psalmen wirken sollten. Er galt als Erfinder vieler musikalischer Instrumente, die später beim Gottesdienst eingeführt wurden94.

Indessen nahmen Davids Lebenskräfte ab, noch ehe er das siebzigste Jahr erreicht hatte. Die Mühsale in seiner Jugendzeit und in den [266] Kriegen, die aufreibenden Ereignisse in seinem Hause, Amnons Schandtat, Absaloms Empörung machten ihn früh altern. Die Wärme schwand aus seinem Körper; er fror im heißen Klima Jerusalems; wärmende Hüllen, die er anlegte, ersetzten nicht die mangelnde körperliche Wärme. Seine Umgebung riet ihm zu einem eigenartigen Mittel. Sie führte ihm ein junges schönes Mädchen Abischag aus Sunem als Frau zu in der Hoffnung, daß ihre jugendliche Wärme den Greis neu beleben werde.

Die Abnahme der Kräfte Davids benutzte sein vierter, ihm von Chaggit in Hebron geborener Sohn Adonija, um die Nachfolge an sich zu bringen. Er war nach dem Tode Amnons und Absaloms der nächste Thronerbe, fürchtete aber, daß die Erbfolge ihm entgehen würde, wenn er bis zum Tode des Vaters warten sollte; er mochte wohl von der geheimen Verabredung Kunde haben, die Bathsebas Sohn, einen seiner jüngsten Brüder, zum Nachfolger bestimmte. Adonija wollte sich nicht wie Absalom gegen den Vater auflehnen, sondern seine Erbfolge als vollendete Tatsache hinstellen und sich von den Würdenträgern des Reichs anerkennen lassen. Er pflog daher mit den Dienern Davids Rat, welche gegen Salomos Nachfolge eingenommen waren, zunächst mit Joab, der ihn – zu seinem eignen Verderben – ebenso unterstützte, wie er Absalom unterstützt hatte. Der zweite Vertraute Adonijas war Abjathar, einer der beiden Hohenpriester. Abjathar scheint von David hintangesetzt worden zu sein, obwohl er ihm zugesichert hatte, als er vom Blutbade der Seinigen zu ihm Zuflucht genommen hatte (o. S. 191), er werde ihn wie ein teures Pfand behüten. David nahm gerade auf seine ergebensten Anhänger weniger Rücksicht als auf diejenigen, die aus einer gegnerischen Partei zu ihm übergegangen waren. Zadok, dessen Familie ehemals von Saul in Gibeon zum Hohenpriester eingesetzt worden war (o. S 191), hatte sich David zugewendet und, um ihn festzuhalten, scheint ihm David den Vorrang beim Heiligtum eingeräumt zu haben. Abjathar mag sich über diese Zurücksetzung gekränkt gefühlt haben, und, um nicht bei Davids Nachfolger derselben Unterordnung ausgesetzt zu sein, hielt er sich an Adonija. Auch sämtliche übrigen Königssöhne wünschten die Nachfolge Adonijas gesichert zu sehen, um nicht dem ihnen an Alter nachstehenden Salomo aus einer zweideutigen Ehe untergeordnet zu sein.

Das Intrigenspiel am Hofe begann von neuem. Adonija war fast ebenso schön95 wie Absalom und gewann ebenso die Herzen, war, [267] wie es scheint, ebenso unbesonnen und unfähig zum Regieren wie dieser. Er begann wie dieser die Augen der Menge durch königlichen Aufwand auf sich zu ziehen, versah sich mit Wagen und Reiterei und hielt sich fünfzig Trabanten, die ihm bei seinem Ritt oder seiner Ausfahrt voranliefen. David war gegen ihn ebenso schwach, wie er es gegen Absalom gewesen war, ließ ihn gewähren und erkannte ihn damit stillschweigend als Nachfolger an96. Eines Tages lud Adonija seine Vertrauten Joab, Abjathar, sämtliche Königssöhne, mit alleiniger Ausnahme von Salomo, noch andere Diener Davids und mehrere Einwohner Jerusalems zu einem Feste an der Quelle Rogel ein. Bei einem Felsen wurden Opfer dargebracht, und während des Mahls riefen die Eingeweihten ihn zum König aus: »Es lebe der König Adonija!« Das Gerücht von der Huldigung drang in die Stadt bis in den Palast; nur David erfuhr nichts davon; er lebte mit seinem frierenden Körper abgeschlossen in seinem Gemache und brachte seine Tage auf dem Lager zu.

Der erste, der Anstoß an Adonijas Nachfolge nahm, war der Prophet Nathan. Er wußte um das Geheimnis, daß David seiner Frau Bathseba zugeschworen hatte, ihr Sohn Salomo werde den Thron erben. Auch hatte er David verkündet, daß Salomo von Gott zu seinem Nachfolger berufen sei. Er scheint mehr Vertrauen zu Salomos Charakter gehabt und Besseres von ihm erwartet zu haben, als von Adonija. Nathan suchte darum Bathseba auf, teilte ihr das Vorgefallene mit und verabredete mit ihr einen Plan, Adonijas Nachfolge zu vereiteln. Darauf begab sich Bathseba zum König, erinnerte ihn an seinen Schwur und machte ihn aufmerksam, daß im Falle Adonija den Thron besteigen sollte, sie und ihr Sohn zum Opfer fallen und seine Ehe mit ihr als eine schandbare gebrandmarkt werden würde97. Kaum hatte sie unter Schluchzen das traurige Schicksal geschildert, das ihrer durch Salomos Zurücksetzung wartete, als sich der Prophet Nathan meldete. Er wiederholte dem König die Vorgänge und zählte ihm diejenigen auf, welche Adonija von der Einladung ausgeschlossen hatte, weil alle diese gegen ihn und für Salomo eingenommen seien. Adonija hatte den Hohenpriester Zadok, Benajahu, den Führer der Soldtruppen, Schimi, des Königs Bruder, Ira des Königs vertrauten Freund98, die Heldenschar [268] und ganz besonders ihn, den Propheten, von dem Feste ausgeschlossen, obwohl ihm eine gewichtige Stimme bei der Verfügung über die Nachfolge zukäme.

Davids Entschluß war rasch gefaßt und noch an demselben Tage ausgeführt. Es lag ihm alles daran, seinem Schwur getreu, Salomo das Zepter zu übergeben. Er ließ die nicht mit Adonija verbundenen Würdenträger Zadok, Benajahu und die Helden rufen und verkündete ihnen seinen Willen, Salomo noch bei seinen Lebzeiten zum König salben zu lassen. Sie alle gelobten feierlich, Salomo als König anzuerkennen. Darauf ließ David die Krethi und Plethi zusammenkommen, um Salomo zu geleiten. Dieser ritt auf einem königlichen Maultiere von Zion nach dem Tale Gihon, an der Westseite der Stadt. Eine große Volksmenge schloß sich dem Zuge an, und als der Hohepriester Zadok und Nathan aus dem Ölgefäße, das im Zelttempel aufbewahrt war99, Salomo gesalbt und die Krieger in das Horn gestoßen hatten, rief das ganze Volk: »Es lebe der König Solamo!« Große Aufregung herrschte in Jerusalem an diesem Tage. Die östlichen Berge hallten von dem Ruf wider: »Es lebe der König Adonija!« und die westlichen Berge tönten das Echo wider: »Es lebe der König Salomo.« Wären beide Königssöhne und ihr beiderseitiger Anhang fest geblieben, so wäre es abermals zum Bürgerkriege gekommen. Allein Adonija war nicht gleich Absalom; er mochte es nicht bis zur Empörung treiben. Auch hätten ihn seine angesehensten Anhänger Joab und Abjathar nicht darin unterstützt. Sobald Adonija erfuhr, daß Salomo auf des Vaters Geheiß zum König gesalbt worden war, und dieser ihn neben sich auf den Thron setzen ließ, schwand ihm der Mut. Er eilte zum Altar der Bundeslade auf Zion, um im Heiligtum Schutz zu suchen. Salomo, der sofort die Zügel der Regierung ergriffen hatte, ließ ihm melden, er möge den Altar verlassen, es werde ihm kein Haar gekrümmt werden, so lange er ein wackerer Mann bleiben und sich nichts zuschulden kommen lassen werde. Darauf begab sich Adonija zum jungen König, huldigte ihm und wurde gnädig entlassen. Damit hatte der Thronstreit ein Ende. Davids Schwäche nahm immer mehr zu, und er entschlief nach einer bewegten Regierung von vierzig Jahren und sechs Monaten (um 1015). Er eröffnete die Reihe der Königsgräber in einer Felsengruft, die er auf dem Berge Zion (am südlichen Abhange) angelegt hatte100.

Gewiß wurde Davids Tod aufrichtig betrauert, denn er hatte das Volk selbständig, groß und glücklich gemacht. Der Tod verklärte ihn. [269] Nachdem seine Seele die Hülle verlassen hatte, kam erst das Volk zum Bewußtsein dessen, was er ihm in Wahrheit gewesen war, und was er geleistet hatte. Im Innern hatte er die Stämme, welche in Sonderinteressen auseinandergegangen waren, geeinigt und sie als ein enggeschlossenes Volk zusammengehalten. Die Empörung Absaloms und Schebas bewies, wie kräftig der Kitt war, der die Glieder zusammenhielt. Das Haus Israel benutzte die Gelegenheit seines Todes nicht, um sich vom Hause Jakobs zu trennen, und wie groß auch die Eifersucht eines auf das andere war, so hielten sie doch zusammen. Auch sonst hat David jede Veranlassung zur Entzweiung aus dem Wege geräumt und mit mildem Sinne gewirkt. Das Prophetentum und Priestertum ging während seiner Regierung Hand in Hand. Salomo ließ er zugleich durch den Hohenpriester Zadok und den Propheten Nathan salben101. Die beiden priesterlichen Häuser Eleasar und Ithamar, vertreten durch Zadok und Abjathar, hielt er in Eintracht. Über Bedrückung hatte sich keiner aus dem Volke zu beklagen; so weit seine Einsicht und seine Kraft reichte, verschaffte er jedem sein Recht. Eine Ungerechtigkeit empörte ihn tief102. Indem er die Macht der Philister brach, welche die Nachbarstämme solange unterjocht hatten, und die Völker rings umher bis zum Euphrat in Abhängigkeit brachte, hatte er nicht nur Wohlstand im Innern erzeugt, sondern auch ein großes Reich gegründet, welches sich an Macht mit Ägypten messen konnte und die Reiche am Euphrat und Tigris, das chaldäische und assyrische, verdunkelte103. Dadurch hatte er im Volke ein stolzes Bewußtsein geweckt. Es fühlte sich als mächtiges Gottesvolk, als Träger einer Gotteslehre, über das Wesen der Nachbarvölker erhaben. Davids Fehltritte wurden allmählich vergessen; hatte er sie doch schwer [270] und vielfach gebüßt. Die Nachwelt urteilte versöhnlicher über ihn als die Mitwelt. In der Erinnerung an seine großen Taten und sein mildes, vor Gott demütiges Wesen nahm David die Züge eines idealen Königs an, der allen späteren Regenten als Vorbild vorschwebte, der stets in den Wegen Gottes gewandelt und nie davon abgewichen ist. Er wurde der Maßstab, an dem die spätern Könige aus seinem Hause gemessen wurden, ob sie ihm ähnlich waren oder nicht. Davids Regierungszeit erglänzte in der Zeitenferne als die vollkommenste, in welcher Recht und Gerechtigkeit, Gottesfurcht und Eintracht geherrscht haben, Macht und Demut mit einander gepaart waren. Mit jedem Jahrhundert steigerte sich Davids Verklärung mehr und mehr und nahm eine lautere, ideale Gestalt an, als Musterbild eines tugendhaften Königs und heiligen Sängers.


Fußnoten

1 Der ammonitische Krieg, die daraus entstandenen aramäischen Kriege und folglich auch der Vorfall mit Bathseba, der ein Jahr nach der Besiegung der Aramäer stattfand (II. Sam. 11, 1, vgl. weiter unten), sind in die zweite Hälfte von Davids Regierung zu setzen. Denn Salomo, der bei seinem Regierungsantritt noch jung, höchstens zwanzig Jahre alt, war, wurde erst nach diesen Vorgängen geboren. Nach II. Sam. 12, 24 scheint es, als wenn er in demselben Jahre, als der Tod das erste Kind Bathsebas hingerafft hatte, geboren worden wäre. Jedenfalls liegen zwischen dem Vorfall mit Bathseba und Davids Tod kaum zwanzig Jahre. Amnos Schandtat erfolgte nicht lange nach diesem Vorfall und der Beendigung der ammonitisch-aramäischen Kriege (das. 13, 1). Amnon, als der älteste, muß nämlich schon ein erwachsener junger Mann gewesen sein, da er noch in Hebron geboren wurde; auch Absalom wird als erwachsen vorausgesetzt. Zwanzig Jahre und darüber mögen bereits seit ihrer Geburt vergangen sein; folglich hatte David mindestens 20 Regierungsjahre zurückgelegt, als diese tragischen Geschichten vorfielen. Zwischen Amnons und Absaloms Tod vergingen elf Jahre. Zwei Jahre zögerte Absalom mit der Rachenahme (das. 13, 23); drei Jahre lebte er in der Verbannung in Geschur (das. Vers. 38), zwei Jahre nach seiner Rückkehr in Jerusalem in Ungnade (das. 14, 28), und vier Jahre nach der Aussöhnung mit seinem Vater unternahm er die Empörung (das. 15, 7 vgl. weiter unten). Diese elf Jahre fallen also in Davids letzte 20 Regierungsjahre, also Absaloms Empörung nur wenige Jahre vor Davids Tode.


2 Talmud Traktat Sanhedrin fol. 39 b.


3 II. Samuel 8, 2. 3. 12. An der ersten Stelle wird der Krieg gegen Moab nach dem gegen die Philister und vor den gegen die Aramäer gesetzt. Der letztere entwickelte sich erst aus dem ammonitischen Krieg (s. Note 8); folglich ging der Krieg gegen Moab dem gegen Ammon voran.


4 Das. 23, 20. באומ לאירא ist unstreitig dasselbe wie באומ יליא Exodus 15, 15; das ר ist nach aramäischer und wohl auch nach moabitischer Mundart eingeschoben, wie טיברש von טבש und andere Substantive.


5 II. Sam. 10, 1-7. Für םירבגה אבצה לכ תאו (v. 7) muß gelesen werden םירבגהו. [Anders Klostermann z. St.]


6 Vgl. o. S. 87 f. und Note 8.


7 Die Angabe I. Chronik 19, 7, daß diese Soldtruppen bei Medaba lagerten, ist mit der Lokalität nicht zu vereinigen; denn Medaba lag 8 Stunden südlich von Rabbat-Ammon (Philadelphia). Man müßte denn ergänzen אבדימ ינפל, רע, daß sich das aramäische Heer bis Medaba gelagert hat.


8 II. Samuel 10, 8-14 a.


9 II. Sam. 10, v. 14b.


10 Das. 10, 19.


11 Das. 8, 10.


12 Thapsakus, vgl. oben S. 87.


13 Das. 8, 3-13; die L.-A. in Vers 3: ודי בישהל ותכלב תרפ רהנב ist richtiger als die in Parall. I. Chronik 18, 3 די ביצהל. Denn די בישה bedeutet »wiederholentlich die Hand feindlich gegen jemanden erheben, wiederholentlich bekriegen.« Das Subjekt ist David (fälschlich auf Hadadeser bezogen). David selbst hat den Krieg bis zum Euphrat geführt, was auch aus Vers 13 folgt: םרא תא ותוכהמ ובשב םש דוד שעיו. Hier bezieht sich ובשב nur auf David, keineswegs auf Joab, der in diesem Passus gar nicht genannt ist. Der Überschrift in Ps. 60 kann kein Gewicht beigelegt werden, da der Ps. schwerlich davidisch ist.


14 I. Könige 11, 23-24.


15 II. Sam. 8, 5-6; 10, 16-19.

16 Das. 11, 6. םיכאלמה תאצ תעל הנשה תבושתל (Keri םיכלמה) ist zu lesen םיכאלמה, d.h. ein Jahr nach dem Auszuge der Gesandten Davids an den Ammoniterkönig.


17 Die Nachricht von Bekämpfung der Idumäer durch Abisaï findet sich nur in I. Chronik 18, 12, scheint aber in II. Sam. 8, 13 ausgefallen zu sein und in dem Vers ergänzt werden zu müssen: ובשב םש דוד שעיו איגב [םתא ךיו םודא לע... ישיבא תא חלשיו] םרא תא ותוכהמ חלמ. Daß die Idumäer den Ammonitern Hilfe geleistet haben, folgt aus der syrischen Version zu I. Chron. 19, 6-7: ןירהנ םרא ןמ אפסכד ןירככ ףלאב ירגאמל ןונח רדשו אכלמו ןרחד אכלמו ... ןוהל ורגאו םודא ןמו ןיביצנ ןמו ןרח ןירהנ םראד אכלמו םודאד. Hier kann םודא nicht verschrieben sein für םרא da Aram besonders aufgezählt wird. Der syrische Vertent las also noch im Texte םודא, dadurch ist der idumäische Krieg erklärlich. [Ganz anders Klostermann z. St.]


18 II. Sam. 12, 26-31. Hier ist nicht angegeben, daß Rabbat-Ammon damals zerstört wurde, nur in der Parallst. I. Chron. 20, 1: הסרהיו; dieses kann sich indes auf die Mauern beziehen. Da II. Sam. 17, 27 angegeben ist, daß יבוש, Nachaschs Sohn, mit David befreundet war, so folgt daraus, daß David die Hauptstadt Rabba stehen gelassen und wahrscheinlich einen Bruder des ihm feindlichen Chanun an dessen Statt zum Könige über Ammon eingesetzt hat. Daher war dieser ihm dankbar. Daraus folgt auch, daß David gegen die Ammoniter unmöglich so grausame Strenge habe walten lassen, wie die Ausleger aus dem Vers 31: םתוא ריבעהו לזרבה תורזגמבו לזרבה יצירחבו הרגמב םשיו ןבלמב herauslesen. Ihre Erklärung in malam partem stimmt ohnehin nicht mit dem Texte, denn ןבלמ bedeutet nicht einen »glühenden Ziegelofen«, in den etwa die Ammoniter geworfen worden wären, sondern »Ziegelsteine«. Folglich kann םתוא (דיבעהו 1.) ריבעהו ןבלמב nur bedeuten, er hat sie durch Anfertigung von Ziegelsteinen geknechtet. הרגמב... םשיו bedeutet nun: er setzte sie an Steinhobel (nach I. Könige 7, 9), nämlich Steine zu glätten, תורזגמ sind gleich ןזרג, »Äxte«, nicht Schneidemühlen. רשיו in I. Chr. 20, 3 steht für םשיו in II. Sam. 12, 31.


19 II. Samuel 8, 14.


20 Wie oben S. 230, Anm. 3 nachgewiesen, hat Abisaï die Idumäer bekämpft. Wenn es aber I. Könige 11, 15-16 heißt, Joab habe die Idumäer vertilgt, so muß dieser Relation ein späteres Faktum zugrunde liegen. Ohnehin muß man diese beiden Relationen auseinanderhalten, da in der einen erzählt wird, David habe םיביצנ in Idumäa eingesetzt, und in der anderen, Joab habe sämtliche Männer und Knaben umbringen lassen. Wenn es keine Männer, also kein Volk gegeben hat, waren die Steuervögte überflüssig. In der zweiten Relation ist ferner angegeben, Joab sei nach Idumäa gezogen, die Leichen (םיללח) zu begraben. Das kann sich doch nur auf Israeliten beziehen. Daraus folgt, daß es zwei verschiedene Relationen sind, die von zwei verschiedenen Fakten handeln. Zuerst hat Abisaï die Idumäer bekriegt, unterworfen und םיביצנ in ihr Land gesetzt. Dann zog Joab hinauf, die israelitischen Erschlagenen (םיללח), welche durch einen Aufstand umgekommen waren, zu begraben und während eines halben Jahres das ganze männliche Geschlecht der Idumäer zu vertilgen.


21 I. Könige 11, 17.


22 I. Samuel 17, 47.


23 Den ganzen Psalm 18, den die Überschrift und II. Sam. c 22 David beilegen, ihm zu vindizieren, dagegen sprechen die Breite und Zerflossenheit mancher Verse und auch manche andere Momente. Vers 7 setzt den Bestand des Tempels voraus. Dagegen ist es unverkennbar, daß der Gedankengang mancher Verse nur auf Davids Situation paßt. Hupfelds und Olshausens Annahme, daß der ganze Psalm von einem späteren Davididen gedichtet und dem Ahnen in den Mund gelegt worden sei, hat keine Analogie für sich. Es scheint vielmehr, daß der Kern des Psalms echt davidisch ist, daß dieser aber im Laufe der Zeiten erweitert und überarbeitet wurde. Daher die Varianten in den beiden Texten. [Keßler in Strack-Zöcklers kurzgef. Kom. möchte mit guten Gründen den ganzen Psalm (außer Vers 51) für davidisch halten.]


24 Ps. 33, 16 f. und viele andere Stellen.


25 Die vulgäre Erklärung, daß תואבצ יהלא, »Gott der Himmelsscharen« bedeute, setzt voraus, daß die Israeliten in alter Zeit dem Astralkultus zugetan gewesen wären, was aber erst bewiesen werden müßte. Im Gegenteil, aus dem Umstande, daß die Hauptseite des Tempels dem Westen zugekehrt, also der aufgehenden Sonne abgewendet war, folgt, daß gegen den Sonnenkultus reagiert wurde. Erst die späteren Könige Judas haben diesen Kultus eingeführt (II. Könige 21, 5: Ezechiel 8, 16). In Deuteron, wird gegen ihn eifrig polemisiert 4, 19 f. Übrigens wird die »Himmelsschar«, die Sterne nie durch םימשה תואבצ im Pl., sondern konsequent im Sing. םימשה אבצ bezeichnet. Folglich kann תואבצ יהלא 'ה nur bedeuten »Heere Israels«, als Ellipse für לארשי תואבצ.


26 Er setzte sich die »Krone des Götzen Milkhom oder Malkhom auf« (so die richtige Erklärung) und verbrannte die Bilder der Philister. Statt םאשיו II. Sam. 5, 21, richtiger in I. Chr. 14, 12: שאב ופרשיו [So auch Klostermann z. St.]


27 Vgl. Note 9.


28 II. Samuel 11, 11.


29 Die Psalmenüberschrift bezieht den Reuepsalm 51 auf David und seine Sünde mit Bathseba. Die Kritik setzt indessen die Abfassung desselben in eine spätere Zeit. Einige Ausleger beziehen aber den Bußpsalm 32 auf dieses Faktum; allein er paßt so wenig darauf, daß nicht einmal der Psalmensammler, welcher die Überschriften an die Spitze gestellt hat, ihn darauf bezieht. Er gehört entschieden der Zeit der םידיסח und םיונע an.


30 II. Sam. 11, 2-18; 12, 1-14. In 12, 13 ist eine Lücke angedeutet: קוספ עצמאב אקספ. Es fehlt wahrscheinlich die Erzählung, daß David sich vor Gott kasteit hat. Denn erst infolge der Zerknirschung sprach Nathan zu ihm die Worte in Vers 13b ff.


31 Die neueren Historiker haben diesen Umstand außer acht gelassen, daß Achitophels Feindseligkeit gegen David und daher Parteinahme für Absalom dadurch motiviert sind, daß Bathseba seine Enkelin war. II. Sam. 11, 3 wird Bathseba םעילא תב, Tochter Eliams, genannt. I. Chronik 3, 5 verändert: תב עוש תב לאימע für םעילא. Eliam, einer der dreißig Helden Davids, war Achitophels Sohn (s. [II. Sam. 23, 34] u. Note 9): ינלגה לפתיחא ןב םעילא. Kimchi zitiert ältere Erklärer, welche Achitophels Haß gegen David auf diese Tatsache, auf die Schändung seiner Enkelin, zurückgeführt haben (zu II. Sam. 17, 1): האנשה יכ ורמאו ... ותגירה ץעיש דוד תא לפותיחא אנוש היהש תאזה הלודגה ונב תב התיה עבש תב יכ ורמאו עבש תבב השעש השעמה ינפמ לפותיחא לש. Erst durch dieses Motiv sind die Vorgänge in der Geschichte Davids und Absaloms verständlich.


32 I. Könige 1, 13. 17. 30.


33 II. Sam. 13, 1-4 ist deutlich genug angegeben, daß Amnon und Thamar gar nicht blutsverwandt waren. Thamar war Maachas Tochter aus einer früheren Ehe.


34 II. Sam. 13, 21 verglichen mit I. Könige 1, 6.


35 Die Lokalbestimmung in II. Sam. 13, 23 ריצח לעב םירפא םע רשא ist durchaus unverständlich. Eine Stadt Ephraim gab es durchaus nicht, und wenn es eine solche auch gegeben hätte, so kann man im Hebräischen nicht die Präposition םע gebrauchen, um die Nähe zu bezeichnen. Sehr weit von Jerusalem kann Baal-Chazor nicht gewesen sein, da das Gerücht von dem, was dort vorgegangen war, David schnell zu Ohren kam (V. 30). Nach 14, 30 grenzten Absaloms Felder an die Joabs, und diese können doch nur bei Bethlehem gelegen haben, von wo Joab stammte. Von Jerusalem nach Bethlehem zu und noch weiter läuft südwestlich ein Tal, welches das Tal Rephaïm םיאפר קמע genannt wird. Liest man statt םירפא םע, wie es sich von selbst aufdrängt, םיאפר קמעב, so ist die Lokalität genau bezeichnet. Baal-Chazor lag im Tale Rephaïm. Über Transposition von םירפא in םיאפר vgl. Note 12. Der Späher sah von der Warte in Jerusalem aus die Königssöhne eilig zurückkehren (13, 34) רהה דצמ, wozu LXX den Zusatz haben: ἐν καταβάσει, d.h. דרומב. Er sah sie also von der Höhe zwischen Bethlehem und Jerusalem an der Berglehne herabsteigen. [S. jedoch Buhl a.a.O. S. 177.]


36 Vgl. Note 17.


37 Folgt aus I. Könige 2, 28, wo die griechische und syrische Version die L.-A. haben: הטנ אל המלש ירחאו (באוי).


38 II. Sam. 14, 4; wo die griechische Version sachgemäß zweimal das Wort: σῶσον hat.


39 Schon Kimchi erklärt richtig das Wort רכז , das. V. 11, als »schwören«, gleich ריכזה in der Hiphilform.


40 Der ganze Passus das. V. 13-14 ist von den Auslegern mißverstanden worden. םע לע תאזכ תבשה המלו םיהלא bedeutet: »wie dürfte der König so schlecht vom Volke Gottes denken, daß eine Familie aus Blutrache den letzten Zweig eines blutsverwandten Hauses wird vertilgen wollen!« Folglich wenn der König zum Volke Gottes gehört, so darf er Absalom nicht vertilgen wollen. תומנ תומ יכ ist ein hypothetischer Satz: »wir müßten sterben«, oder sterben müßten wir usw. אלו steht für אלול [lule] »wenn Gott nicht die Seele erheben wollte« und sogar Vorkehrungen getroffen hat, daß der חדנ [niddach], der Verirrte, nicht verirrt bliebe. Und so wie Gott den Verirrten aufnimmt, müßten auch die Menschen einem Sünder verzeihen. Es ist eine tiefsittliche Anschauung, welche die Thekoerin entwickelt.


41 II. Sam. 15, 7 hat Peschito ןינש עברא statt םיעברא.


42 Brugsch, histoire d'Égypte, p. 213.


43 I. Könige 9, 16 ist erzählt, daß Pharao die Stadt Geser (Gazer) erobert und verbrannt und sie seiner Tochter, Salomos Frau, zum Brautgeschenk gemacht habe. Um Geser zu erobern, das im Binnenlande lag (o. 80), mußte Pharao ganz oder doch einen Teil von Philistäa durchzogen und es unterworfen haben, wahrscheinlich noch ehe er seine Tochter Salomo gegeben hatte, noch zu Davids Zeit. Dieser Pharao war Psusennes (vgl. weiter Kapitel 9); er hat noch mehrere Jahre vor Salomo den Thron bestiegen, da sein Nachfolger Scheschenk (Schischak) noch zu Salomos Zeit den Thron bestieg (vgl. weiter Kap. 10 gegen Ende) und 35 Jahre regierte.


44 II. Sam. 15, 18-21. Ittaï und die 600 waren kurz vor Absaloms Empörung zu David gekommen; es folgt aus dem Ausdrucke: ךאוב לומת. Wozu? Es ist nur denkbar, wenn David Kriegsrüstungen vorgehabt hat. Auch die Volkszählung hängt mit den Rüstungen zusammen. Aus II. Sam. 24, 8 und Parall. I. Chronik c. 21 geht mit Entschiedenheit hervor, daß nur Kriegsfähige gezählt wurden: ברח ףלש שיא. David wollte also durch eine Zählung erfahren, über wie viel Waffenfähige er disponieren könnte. Die Volkszählung und Ittaïs Ankunft in Jerusalem mit den 600 stehen demnach im Zusammenhange; beides war Vorbereitung zu einem Kriege und zwar zu einem Kriege in größeren Dimensionen. Da nun die Nachbarvölker dies- und jenseits bis zum Euphrat tributpflichtig waren, so kann die Rüstung nur gegen Ägypten gerichtet gewesen sein. Andererseits folgt daraus auch, daß die Volkszählung kurz vor Absaloms Empörung vorgenommen wurde, weil eben Ittaï kurz vor dieser eingetroffen war. Daher ist die Unzufriedenheit des Volkes mit David und der Abfall von ihm erklärlich, die Volkszählung hat eben die Unzufriedenheit erzeugt. Vgl. I. Chronik 26, 31.


45 Die Lokalitäten, welche Joab und seine Genossen zum Zwecke der Volkszählung berührt haben (II. Sam. 24, 5-7), sind sehr dunkel gehalten; es liegt am Texte. Da Aroër zuerst genannt ist, so ist der Anfang der Zählung mit den jenseitigen Stämmen gemacht worden. Denn Aroër lag am Ufer des Arnon, ein Teil der Stadt lag aber innerhalb des Tales; sie bildete die Grenze zwischen Moab und den Israeliten, speziell den Rëubeniten. Es wird öfter darauf hingewiesen, daß die Stadt im Tale auch zu Israel gehörte (Josua 12, 2; 13, 9): רשא ריעהו ןונרא לחנ תפש לע רשא רעורעמ לחנה ךיתב. Folglich muß man an unserer Stelle statt ריעה ןימי lesen לחנה ךיתב רשא ריעה ןמ, vgl. Deuter. 2, 36. Das darauffolgende דגה hängt mit diesem Passus nicht zusammen, sondern setzt eine Kürzung voraus ידגה ירע ורבעיו oder ידגה ירע לא ואביו. Das darauffolgende רזעי scheint noch im Gaditischen Gebiete gelegen zu haben (Numeri 21, 32; 32, 3). Unter הדעלגה ist das Gebiet des jenseitigen Manasse zu verstehen. ץרא לאו ישדח םיתחת ist schon von andern richtig in רה תחת ץרא ןומרח aufgelöst worden, d.h. die Volkszähler kamen in das nördlich-danitische Gebiet am Abhange des Hermon, nämlich דג לעב und Dan; הנד ist eben Dan. Das folgende ןעי ist wohl ןויע (I. Könige 15, 20; II, 15, 29). ןודיצ לא ביבס ist dunkel, da Sidon nicht zum israelitischen Gebiete gehörte. רצ-רצבמ kann aus demselben Grunde nicht Tyrus sein, sondern eine Stadt dieses Namens im Gebiete Aschers (Josua 19, 29): דע רצ-רצבמ ריע; LXX geben es richtig wieder durch Μαψάρ. Unter ינענכהו יוחה ירע ist das naphtalitische Gebiet zu verstehen. Es fehlen aber in diesem Verzeichnisse die Städte in der Ebene Jesreël, dann die von Manasse, Ephraim und Benjamin. Zu בגנ לא ואציו עבש ראב הדוהי muß ergänzt werden עבש ראב דע.


46 Die Zahlen differieren in Samuel und Chronik.


47 Exodus 30, 12.


48 II. Sam. 24, 10 deutet die Masora eine Lücke vor דוד רמאיו durch קוספ עצמאב אקספ an. Die Lücke gab wohl den Traum an, den David hatte, und in diesem Traume sprach David דאמ יתאטח; vgl. o. S. 237 Anmerk. 2. Dadurch ist Vers 11 erklärlich רקבב דוד םקיו. Aber auch innerhalb dieses Verses deutet die Masora eine Lücke an, wahrscheinlich den Inhalt von Davids Gebet vor der Bundeslade.


49 II. Samuel 24, 13 ff. I. Chronik 21, 12 hat drei Jahre Hungersnot statt sieben.


50 II. Chronik 3, 1. Genesis 22, 2. 14.


51 Vgl. oben S. 244, Anmerk. 3, daß Absaloms Empörung mit Ittaïs Ankunft in Jerusalem und der Volkszählung chronologisch koinzidiert.


52 II. Samuel 15, 12. Hinter םולשבא חלשיו muß ergänzt werden ארקיו vor לפתיחא תא; so hat es die syrische Version. [Vgl. auch Klostermann z. St.]


53 In demselben Verse muß hinter םיחבזה תא וחבזב ergänzt werden: םולשבא ךלמה יחי םעה לכ ורמאיו.


54 II. Sam. 15, 31.


55 Über קחרמה תיב das. Vers 17 vgl. Note 13.


56 Daß die םירבג David nicht verlassen haben, folgt aus II. Sam. 16, 6. In 15, 18 fehlt der Passus לכו םירובגה vor םיתגה לכו. Die LXX haben ihn noch erhalten: πάντες οἱ ἁδροί. Übrigens enthält der Text der LXX hier eine dreifache Übersetzung, welche aus Glossemen zusammengeflossen ist.


57 Die Richtung, die David auf der Flucht verfolgte, ist nicht zweifelhaft. II. Sam. 15, 28 ist angegeben, David wollte weilen: רבדמה תורבעב, wo das Keri richtig hat תוברעב, d.h. in der Araba des Jordans, ebenso 17, 16, wo gleich darauf der Jordan genannt wird. An anderen Stellen heißt es רבדמב, was dieselbe Bedeutung hat.


58 LXX haben das. 15, 24 einen sonderbaren Zusatz: καὶ πάντες οἱ Λευεῖται ... αἴροντες τὴν κιβωτὸν ἀπὸ Βαιϑάρ. Eine Lokalität Baithar, wo die Bundeslade gewesen, gab es nicht. Vorschnell macht Ewald daraus רהה תיבמ und bezieht es auf den Berg Zion! Das Wort ist allerdings korrumpiert, deutet aber einen richtigen Text an. Im Verlaufe der Erzählung 15, 24-29 ist wiederholentlich angegeben, daß Zadok nicht allein mit der Bundeslade nachgefolgt war, sondern auch Ebjathar war dabei. [Vgl. auch Klostermann z. St.] Vers 24 ist er erwähnt: רתיבא לעיו, ohne daß vorher seine Ankunft erzählt wurde. Die Korruptel der LXX ἀπὸ Βαιϑάρ deutet aber רתיבא an; der Vertent hat gelesen רתיבאמ, verstand es aber nicht. Vers 24 muß also lauten: ןורא תא םיאשנ ... קודצ םג הנהו רתיבא םגו ... תירב. Im zweiten Halbvers muß übrigens gelesen werden: רתיבא דמעיו statt לעיו, wie Josua 3, 17. Er blieb mit der Bundeslade stehen, bis das ganze Volk vorüber gezogen war.


59 II. Sam. 15, 27 ist das Wort התא האורה [heroe] unverständlich; dafür האורה [haroe] zu lesen, als wenn der Priester zugleich Seher, Prophet, gewesen wäre, ist Widersinn. Man muß dafür הרהמ התע lesen, wie Jeremia 27, 16. David gab Zadok an, eilig, bald nach Jerusalem zurückzukehren, ehe Absalom eintraf, um sich nicht zu verraten. [S. jedoch Klostermann z. St.]


60 Psalm 3, den die Überschrift von David bei Gelegenheit seiner Flucht vor Absalom gedichtet sein läßt, stammt nicht von ihm. Vers 5 setzt den Bestand des Tempels voraus [vgl. hierzu die treffenden Bemerkungen Keßlers z. St.].


61 II. Samuel 16, 1-4: 19, 25-28.


62 II. Sam. 16, 5; ארג ןב ist übrigens benjaminitischer Familienname, vgl. o. S. 109 Anmerkung 2. Nach der Überschrift zu Psalm 7 soll ihn David beim Anhören der Schmähungen von Schimi und zum Protest dagegen gedichtet haben. Denn unter ינימי ןב שוכ ist wohl Schimi zu verstehen. Allein der Ps. ist nicht davidisch [s. jedoch Delitzsch u. Keßler].


63 Das. 17, 18.


64 Das. 16, 13 ist masoretisch durch קוספ עצמאב אקספ eine Lücke angedeutet, darin muß die Lokalität angegeben gewesen sein, wo David Halt machte. Es ist auch das. Vers 14 durch םש שפניו angedeutet. Es kann nur Jericho gewesen sein. Denn David setzte später von dem Ruhepunkte aus über den Jordan.


65 Das. 15, 37; 16, 15. Durch den Zusatz ותא לפתיחאו ist angedeutet, daß Achitophel die Seele der Verschwörung war.


66 II. Sam. 16, 22 ff.; vgl. das. 12, 11 ff.


67 Das. 17, 1-3. Der Satz לכה בושכ ist höchst dunkel und noch nicht enträtselt.


68 II. Sam. 17, 20, muß םימה לכימ, das sich appellativ nicht erklären läßt, Name eines Dorfes sein.


69 S. Note 12.


70 II. Samuel 18, 12 nach LXX, Peschito und Targum übereinstimmend םולשבאב... יל ורמש statt ימ. Da gegen ist das Wort טאל Vers 5 dunkel.


71 II. Samuel 14, 27; 18, 18.


72 Man zeigt noch gegenwärtig im Tale Kidron gegenüber der Moschee el-Haram ein Denkmal Absaloms. Sepp behauptet, dieses Pyramidion zeige uralte Bauart (Jerusalem I, S. 223 f.). Josephus gibt indes an, Absaloms Denkmal sei eine marmorne Stele gewesen, und habe 2 Stadien (1200 Fuß) von Jerusalem entfernt gestanden (Altert. VII, 10, 3), gibt aber weder die Richtung an, noch ob es noch zu seiner Zeit vorhanden gewesen. Jedenfalls folgt daraus, daß das ךלמה קמע, Königstal, das mit הוש קמע identifiziert wird (Genesis 14, 17), wo das Denkmal errichtet war, bei Jerusalem zu suchen ist, und nicht irgendwo im Norden am Jordan.


73 II. Samuel 19, 10. Das Verbum ןודנ steht hier vereinzelt. Eine griechische Version hat dafür γογγύξων »murrend, unzufrieden sein«; das wäre hebr. ןגרנ. [Klostermann z. St. möchte nach II. M. 15, 24 ןולג vorschlagen.]


74 II. Samuel 19, 11. Die syrische Version hat hier einen passenden Zusatz: התיבל יהויכפהנ ות.


75 II. Samuel 19, 12. Nur muß das Verbum ובישהל ergänzt werden zu ותיב לא auch im zweiten Halbvers. Eine Gesandtschaft haben die Stämme nicht an ihn beordert, das folgt aus Vers 12, sondern ein Wort an ihn gerichtet. אב לארשי לכ רבד, d.h. durch einen Boten ihren Willen kund gegeben.


76 Das. 19, 14-15: zu טיו ist Amasa als Subjekt hinzudenken.


77 II. Samuel 19, 18 ןדריה וחלצו, das ohne Analogie ist, gibt die syrische Version sinngemäß wieder, ורשגו, »sie machten eine Brücke über den Jordan oder überbrückten ihn.« Dann muß הרבעה [haavarah] Vers 19 die Brücke bedeuten. An »Schiff« oder »Fähre« ist nicht zu denken, denn ein Schiff kann unmöglich auf dem Jordan fahren. Ist der Fluß voll, so reißt es die Strömung fort, und ist er seicht, so hindern die Felsstücke die Fahrt. – Das Subjekt zu ןדריה תא וחלצו 'וגו ךלמה תיב תא ריבעל... sind die Benjaminiten und Schimi. Sie haben die Brücke geschlagen, sie dem König zur Verfügung gestellt; sie waren die ersten, die über den Jordan gingen, den König zu begrüßen. So erhält die Relation einen prägnanten Sinn.


78 Das. Vers 21 ףסוי תיב לכל ןושאר hat keinen Sinn. Benjamin vertrat nicht das Haus Joseph und noch weniger Schimi, der die Worte sprach. Die syrische und griechische Version haben richtiger לכמ [mikol] statt לכל, jene ףסוי תיבד ןוהלכ ןמ ימדק, und diese mit einem Zusatz: πρότερορ παντὸρ ʼΙσραὴλ καὶ οἴκου ʼΙωσήϕ.

79 II. Samuel 19, 43. Statt תאשנ muß man wohl תאשמ lesen, »Geschenk«, die griechische Version hat dafür d?µa und der Syrer אתבהומ אתבהמ .


80 Das. Vers 44. Dunkel ist der Passus ינא דודב םגו ךממ. Eine griechische Version las dafür רוכב: καὶ πρωτότοκορ ἐγὼ ἢ σύ. Allein רוכב ist in diesem Sinne ohne Analogie, und inwiefern konnten sich sämtliche Zehnstämme eines höheren Alters als Juda oder der Erstgeburt rühmen? Vor דודב scheint vielmehr ein Verbum zu fehlen, יל ןושאר ירבד היה אלו bezieht sich auf Vers 12, wonach die Zehnstämme zuerst dies Wort an David gerichtet, nur muß אלו, wie öfter, fragend genommen werden, gleich אלה.


81 Das. 20, 1 f. ירכב ןב ist nicht Vatername, sondern benjaminitischer Familienname von רכב (Genesis 46, 21; fehlt in Numeri 26, 38 ff. und scheinbar auch I. Chronik 8, 1 ff.) ירכב ןב ist gleich ארג ןב o. S. 100, 252.


82 Vgl. o. S. 258.


83 II. Samuel 20, 6. Statt des unverständlichen ליצהו ונניע hat das Targum richtig אנל קיאעו d.h. ונל רצהו.


84 Das. 20, 7 באוי ישנא וירחא ואציו gibt keinen Sinn. Was sollen denn »Joabs Leute« bedeuten? Etwa Freiwillige? LXX haben hier zweierlei Übersetzung, einmal καὶ ἐξῆλϑεν ... ʼΑβεσσαΐ und einmal οἱ ἄνδρερ ʼΙωάβ. Die erste ist richtiger: באויו ישיבא וירחא ואציו. Das Wort וירחא bezieht sich auf den zu verfolgenden Scheba: sie zogen ihm kriegerisch nach.


85 II. Samuel 20, 14 beziehen die Ausleger irrtümlich auf Scheba; das Subjekt ist aber Joab. Die syrische Version hat dafür Plural nämlich Joab und Abisaï: הרתב לזאו ןירק לכבו ... ליארסאד איטבש ןוהלכב ורבעו. Das dunkele םירבה לכו gibt dieselbe durch ןירק »Städte« wieder, d.h. וירחא ףא ואביו ולהקנ םירעה לכו, die Städte zogen Joab nach, nahmen Partei für ihn oder David gegen Scheba. הלבא steht für לבא דע.


86 Das. Vers 16. לחב דמעתו (V. 15) hat nur die syrische Version richtig wiedergegeben: אנצלואב תמקו, d.h. ליחב (ריעה) דמעתו, die Stadt blieb in Schrecken.


87 Das. Vers 18-19 sind sehr dunkel. LXX haben zwei verschiedene Versionen zusammengeworfen, wovon die eine den ersten Teil richtiger wiedergibt: ʼΗρωτηµένορ ἠρωτήϑη (ἐρωτῶντερ ἐπερωτήσουσιν) ἐν τῇ ʼΑβὲλ καὶ ἐν Δὰν εἰ ἐξέλιπον ... d.h. ... לאש ומתה ןדו לבאב ולאשי [...hatmu]. Daraus folgt, daß beide Nachbarstädte, Abel und Dan, von Joab belagert wurden. Das Verbum ומתה in der Frageform setzt voraus, daß der Passus noch nicht zu Ende ist, sondern daß der nächste Vers noch dazu gehört, und daß daher für יכנא ein anderes Wort stehen muß (die erste Version hat auch nicht יכנא gehabt). Man könnte dafür ישנא lesen, also: שקבמ התא יכ לארשי ינומא םולש ישנא ומתה 'וגו. Das vorangehende רמאל ist explikativ, wie öfter: »das will sagen.« – םאו ריע Vers 19 kann unmöglich µητρόπολιρ bedeuten. Denn Abel hatte nie die Bedeutung einer Mutterstadt, eher noch Dan. Die syrische Version hat dafür המאו אילט, »Kind und Mutter,« also etwa לוע statt ריע, sprichwörtlich, wie םינב לע םא. [S. auch Klostermann z. St.]


88 Nicht zufällig ist das Beamtenverzeichnis Davids II. Samuel 20, 23 ff. wiederholt; es will offenbar angeben, daß Joab geblieben ist, was er früher war: אבצה לע I. Könige 1, 25 wird er noch mit seiner Würde Feldhauptmann aufgeführt. David hat ihn in seinem Amte belassen oder belassen müssen.


89 An das Projekt des Tempelbaues konnte David nicht eher denken, als nachdem eine Stätte dafür gefunden, gewissermaßen prädestiniert war, nämlich Morija, und diese Stätte wurde ihm erst infolge der Pest zugewiesen. Diese brach bei der Volkszählung und kurz vor Absaloms Empörung aus (o. S. 246). So ist auch in II. Sam. 7, 1 angegeben, daß erst als David Ruhe von allen seinen Feinden rings umher hatte, er das Projekt realisieren wollte; ויביא לכמ ביבסמ ול חינה, d.h. erst nachdem er auch von Absaloms Empörung und dem darauffolgenden Bürgerkriege durch Scheba Ruhe gewonnen hatte. Der Verfasser von II. Samuel hat aber an die Geschichte von der Übersiedlung der Bundeslade nach Jerusalem die Geschichte des projektierten Tempelbaues angereiht, vgl. Note 8; chronologisch aber gehören sie nicht zusammen.


90 II. Sam. 7, 4 ist masoretisch eine Lücke angedeutet wie in 24, 10 (vgl. o. S. 246 Anm. 2). In der Lücke muß erzählt gewesen sein, daß David einen Traum hatte, und auch was der Inhalt desselben war. Denn das darauf mitgeteilte Gebet Davids (18-29) bezieht sich nur zum Teil auf Nathans Verkündigung (5-16). In dieser ist nur vorübergehend von der langen Dauer der davidischer Dynastie die Rede, während in Davids Gebet diese Aussicht (V. 19: ךדבע תיב לא םג רבדתו קוחרמל) den Mittelpunkt bildet. In diesem Traume muß ein Gesicht angedeutet gewesen sein, welches in I. Chronik 17, 17 deutlicher als in Samuel ausgedrückt ist הלעמלמ םדאה רותכ ינתיארו. So dunkel auch der Passus ist, so ist doch so viel gewiß, daß תאזו םדאה תרות nicht das Richtige sein, und רות oder הרות nicht »Reihe der Menschen« oder etwa Reihenfolge der Geschlechter bedeuten kann. Das wäre eine unhebräische Ausdrucksweise. Das Verbum ינתיאר führt darauf, daß ינתיארה das Ursprüngliche war; dann kann aber eher רותכ das Wort רתכ oder תרתוכ sein, »Krone«. David könnte im Traumgesichte eine Krone gesehen haben. Dann ist der Sinn des Passus verständlich: הלעמלמ םדאה רתכ ינתיארהו [wehariteni...], »Du hast mich die Krone eines Menschen von oben sehen lassen.« – In diesem Traume kann er auch die Worte vernommen haben, welche I. Chron. 22, 7 anführt, daß David den Tempelbau unterlassen möge, weil er in Kriegen viel Blut vergossen habe. Darauf weist ja auch der Zusammenhang von המלש und םולש hin.


91 Der Ps. II. Sam. 23, 1 f. kann nur von David selbst stammen, und zwar, wie die Überschrift angibt הלאו םינרחאה דוד ירבד, aus der Zeit seines Alters, als ihm die Kunde ward, daß sein Haus für lange Zeit errichtet sei. Der Ausdruck לא םע יתיב und יל םש םלוע תירב Vers 5 entspricht dem Ausdruck in Davids Gebet, 7, 26 ךינפל ןוכנ היהי דוד ךדבע תיבו. Es ist ganz undenkbar, daß dieser Ps. in Davids Geiste von einem anderen gedichtet sei, wie einige Ausleger annehmen. Wenn der Verfasser sich selbst לארשי תורמז םיענ nennt oder richtiger תורמז םיענמ, so ist das keine Prahlerei, da er gleich hinzufügt, daß Gottes Geist ihm die Lieder eingegeben. – םאנ ist nicht gerade ein Gottesspruch, sondern ein bedeutsamer, inhaltsreicher Spruch, wie Spr. 30, 1 רבגה םאנ. – Die Dunkelheiten des Psalms rühren von der Lückenhaftigkeit her, in der er uns überliefert ist. So fehlt vor Vers 5 לא םע יתיב ןכ אל יכ die vorangegangene antithetische Aussage von den Frevlern, den לעילב, auf welche der Schlußvers hinweist. Von diesen לעילב spricht auch der Schluß von Vers 5 חילצי אל יכ. Der Psalm war antithetisch angelegt. David und das ihm von Gott zugesicherte Bündnis auf der einen und der Ausgang der לעילב auf andern Seite. Diese Antithese ist trotz der Lückenhaftigkeit noch erkennbar. – Eine Lücke ist auch hinter dem Versgliede ץפח לכו יעשי לכ יכ bemerkbar. – Auch sonst muß manches emendiert werden. Vers 1 לע םקח ist nicht hebräisch; man muß dazu ergänzen לע םקה לארשי oder 'ה םע לע. – Vers 3 לשומ kann nur Imperativ sein: לשמ [meschol], und םיהלא תארי ist die modale Ergänzung dazu. Vers 5 לכב הכורע ist unhebräisch: LXX ἐν παντὶ καιρῷ = תע לכב. Vers 6 םהלכ ist eine unmögliche Form. Ich halte es für ein Perfekt von הלכ mit gedehntem Suffix verbal. םהלכ [kilaham] oder םהלכ [kilahem], wie םהיאפא, poetische Form. – Dunkel sind רטממ הגנמ Vers 4. Zu ץראמ muß wohl das Verbum חמצ ergänzt werden. Auch תבשב Vers 7 ist rätselhaft.


92 לעילב, Abstraktum für לעילב ינב, darunter können die Götzendiener, oder Davids Feinde verstanden sein. Scheba wird das. 20, 1 לעילב שיא genannt.


93 I. Sam. 8, 11 ausführlicher und übertrieben in I. Chronik c. 18.


94 Amos 6, 6.


95 I. Könige 1, 6.

96 I. Könige 1, 5 f.


97 Das ist wohl der Sinn von das. Vers 21 ינבו ינא םיאטח המלש.


98 Das. 1, 8. יעמש ist wohl identisch mit העמש, Davids Bruder (II. Samuel 13, 3) auch המש geschrieben (I. Sam. 16, 9; 17, 13). יער ist wohl identisch mit אריע יריאיה (II. Samuel 20, 26), wo für ןהכ wohl הער stehen sollte, wie die Ausleger geahnt haben.


99 I. Könige 1, 39.


100 Folgt aus Nehemia 3, 16.


101 I. Könige 1, 34. 45; Nathan fehlt in Vers 39.


102 Wie das Beispiel lehrt beim Anhören der fingierten Erzählung von Nathan und der Thekoerin.


103 Die Bedeutung des Reichs Israel unter David und Salomo als Großmacht haben neuere englische Geschichtsschreiber mit Recht hervorgehoben. Vgl. George Rawlinson, the five great monarchies of the eastern ancient world II. p. 333 Note: »The true character of the Jewish kingdom of David and Salomon as one of the great oriental Empires, on a par with Chaldaea and Assyria, and only less celebrated than the others from the occident of its being short-lived, has rarely been sized by historians.. to recognise the real greatness of the Hebrew kingdom. It remained for Dean Stanley, with his greater power of realising the past, to see that David, upon the completion of his conquests became a king on the scale of the great oriental sovereigns of Egypt and Persia«, founding an imperial dominion and placing himself on a level with the great potentates of the world, as, for instance Rameses or Cyrus.



Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1908], Band 1, S. 272.
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