7. Die sogenannten Richter, ihre Bedeutung und ihre Zahl.

[369] Man hat die israelitischen Schofetim mit den karthagischen Sufeten verglichen, und man tut es noch immer, obwohl bei tieferer Betrachtung sie weiter nichts als den Namen miteinander gemein haben. Die Sufeten, soweit wir sie aus der Schilderung ihrer Gegner, der Römer, kennen, waren die höchsten Würdenträger des punischen Staates gleich den Konsuln in Rom: Sufetes, quod velut consulare imperium apud eos (Poenos) erat, und Sufetes, qui summus Poenis est magistratus. Sie fungierten lebenslänglich, hatten Nachfolger, die einander ablösten, hatten obrigkeitliche Gewalt über das ganze Gemeinwesen und jeden einzelnen. Ganz anders die Schofetim. Sie hatten keine offizielle Macht oder eine solche nur insoweit, als das Volk sie ihnen übertrug, herrschten höchstens über einen Bruchteil des Volkes, namentlich des Stammes, aus dessen Mitte sie hervorgegangen waren, und hatten keine kontinuierende Nachfolge; denn sobald ein Schofet gestorben war, trat gewissermaßen eine Vakanz ein, bis zufällig nach einigen, manchmal erst [369] 40 oder 80 Jahren wieder ein Schofet auftauchte. Allenfalls hat Jephtahs Stellung einige Ähnlichkeit mit der eines Sufeten. Denn er hatte sich als Lohn seiner Hilfeleistungen die Oberhoheit bedungen. Aber auch dabei springt die Unähnlichkeit in die Augen. Er verlangte keineswegs, von seinen Mitbürgern als lebenslänglicher Schofet anerkannt zu werden, sondern als Oberhaupt und Herrscher (Richter 11, 8-11) דעלג יבשי לכל שארל םכל היהא und dann ומישיו ןיצקלו שארל םהילע ותוא םעה. Das Wort טפש ist dabei gar nicht angewendet, weil es keinerlei magistratliche Bedeutung involviert. Das Verhältnis ist folgendermaßen zu denken. Jeder Stamm wurde von »Ältesten« (םינקז) geleitet, und da bei der Vielköpfigkeit einer den Ausschlag geben mußte, so stand der vornehmste Sakên an der Spitze: er war שאר und ןיצק, Oberhaupt und Herrscher, die übrigen Sekenim hatten nur beratende Stimmen. Jephtah stellte daher an die Gileaditen die Forderung, daß er als erster Sakên anerkannt werde, und in der Not haben ihm die vornehmen Familienhäupter dieses Vorrecht eingeräumt. Man beachte wohl den Umstand, daß ihm diese Gewalt erst übertragen werden mußte und daß er nur über die Gileaditen herrschte. Den übrigen Stämmen gegenüber war seine Stellung bedeutungslos. Ein ähnliches Beispiel gibt die Geschichte des Hauses Gideon an die Hand. Es wird vorausgesetzt, daß nach dem Tode ihres Vaters seine 70 Söhne herrschen werden (das. 9, 2), d.h. daß sie die Gewalt an sich reißen werden infolge der eingeräumten Macht, welche das Volk Gideon aus Dankbarkeit übertragen hatte und welche so weit ging, daß es ihn gar zum König wählen wollte. Darauf wählten die Sichemiten Abimelech zum Könige (ךלמל ךלמיבא תא וכילמיו, V. 6), nicht zum טפש, weil dieser Titel nichtssagend war. Auch Gideon herrschte lediglich über den Stamm Manasse, und Abimelech allenfalls auch noch über den Stamm Ephraim.

Die Schofetim waren also keineswegs summus magistratus consularis imperii über ganz Israel und kaum über ihre eigenen Stämme. Aber auch Richter oder Oberrichter waren sie nicht. Man denke sich nur Simson mit seinen Abenteuern und Schwänken als gesetzten, ernsten Richter! Man hat sich von dem Worte טפש dazu verleiten lassen, den Schofetim richterliche Funktionen zu vindizieren. Wenn sie richterliche Entscheidungen getroffen haben sollten – denn einen entscheidenden Beleg hat man nicht dafür –, so war es eine zufällige Funktion, nie eine Machtbefugnis, welche je ein Stamm dem aus seiner Mitte aufgetauchten Schofet freiwillig eingeräumt hätte. Dem Verbum טפש inhäriert die Urbedeutung, ganz so wie dem Verbum ןיד, »sich eines Bedrückten, Beschädigten annehmen, ihm beispringen, ihn gegen die Unterdrücker zu verteidigen«. Man denke nur an םותיו לד וטפש (Ps. 82, 3), ךדו םותי טפשל (das. 10, 18), םע יינע טפשי (das. 72, 4) und viele andere Beispiele. Nur weil der Richter sich der beleidigten Partei annimmt oder annehmen soll, wird er טפש [shofet] genannt, und seine Tätigkeit ist טפש. Davon hat das Verbum neben der Bedeutung »richten« auch die »streng verfahren, strafen, züchtigen« erhalten.

Die ganze Bedeutung der sog. Richter lag in dem Umstande, daß sie ihrer Umgebung, ihrem Stamme zur Zeit der Not beisprangen, ihn von den Feinden retteten, ihm Hilfe brachten. Daher werden sie auch םיעישומ »Helfer, Retter« genannt. Von Othniel heißt es (Richter 3, 9): לאינתע תא ... לארשי ינבל עישומ 'ה םקיו[370] , ebenso von Ehud (3, 15). Nicht das Volk wählte die Schofetim, sondern Gott stellte sie auf, erweckte und ermutigte sie, daß sie den gefährdeten Stämmen beispringen konnten (das. 2, 16): םועישויו םיטפש 'ה םקיו םהיסוש דימ; (das. V. 18) םיטפש םהל 'ה םיקה יכו .... Von Simson heißt es (das. 13, 5): לארשי תא עישוהל לחי אוהו םיתשלפ דימ. Man verkennt den Sinn der stehenden Redensart, welche von den Schofetim gebraucht wird, לארשי תא טפשיו, wenn man ihn wiedergibt: »er richtete Israel so und so lange«. Es bedeutet gleich עשויו oder לציו »er rettete, stand bei, wehrte die Feinde Israels ab so und so lange«, solange er lebte (I. Sam. 12, 11). Die sogenannten Richter haben weder überhaupt gerichtet, noch ganz Israel gerichtet, sondern einen Teil desselben gerettet. Das gilt nicht bloß von den kriegerischen Richtern, Othniel, Ehud, Schamgar, Barak, Gideon, Jephtah und Simson, sondern auch von den scheinbar friedlichen, d.h. von denen, deren Kriegstaten nicht erzählt werden, wie Thola, Jaïr, Ibzan, Elon, Abdon, und selbst von Eli und Samuel. Von dem letzteren, bei dem es heißt (I. Sam. 7, 15) וייח ימי לכ לארשי תא טפשיו, wird ausdrücklich erzählt, daß er die Israeliten in den Krieg geführt hat (das. 9-12). Von Jaïr, dem gileaditischen Richter, von dem im Richterbuche weiter nichts weiter erzählt wird, als daß er 22 Jahre gerichtet hat, und nebenher, daß ihm die ריאי תוח gehört haben, wissen wir anderweitig, daß er diese Städte mit dem Schwerte erobert hat (vgl. weiter unten). Nur weil dem Sammler und Bearbeiter der Richtergeschichten die Kriegstaten mancher Richter nicht speziell bekannt waren oder für seinen Zweck nicht bedeutend erschienen, hat er bloß ihre Namen angeführt. Die vollständige Gleichbedeutung von טפש und עישומ ist noch kenntlich in einem Ausspruche des Propheten Obadja (1, 21) םיעישומ ולעו ושע רה תא טפשל ןויצ רהב »es werden Retter (Richter) aufbrechen zum Berge Zion (wie in alter Zeit), um (das Volk) des Berges Esau zu züchtigen«, d.h. Israel an den Idumäern zu rächen. Der Vergleich der Schofetim mit den Sufeten hinkt also vollständig, und man sollte ihn aufgeben. Die Richter waren durchweg mit geringen Ausnahmen kriegerische Helden, welche einen oder mehrere Stämme von der Unterjochung befreiten. Wenn sie infolge ihrer Kriegstaten auch obrigkeitliche Gewalt hatten oder erhielten, entweder als ausdrückliche Bedingung wie bei Jephtah oder stillschweigend, so war diese Seite nur eine zufällige Sache. Vom Richteramte zeigt sich bei den Schofetim keine Spur.

Wenn es nun von Deborah heißt (4, 4) הטפש איהו איהה תעב לארשי תא, so kann es unmöglich bedeuten: »sie richtete Israel zu dieser Zeit«. Es wäre auch komisch, daß eine Frau das Richteramt ausgeübt, Streitsachen angehört und Entscheidungen getroffen hätte! Im folgenden Vers heißt es: לארשי ינב הילא ולעיו טפשמל, die Israeliten zogen hinauf zu ihr – doch nicht etwa zu Gericht? Denn es wird gleich darauf erzählt, daß sie Barak ermutigt hat, gegen Sisera zu ziehen und daß er ohne sie nicht ziehen mochte. טפשמל muß vielmehr bedeuten »wegen Rettung«. Die Israeliten haben sie angefleht, durch ihre prophetische oder dichterische Begabung die Rettung herbeizuführen, und sie ging darauf ein und berief Barak. Sie zog auch mit in den Krieg und hat, wenn auch nicht mit dem Schwerte, so doch mit ihrer begeisternden Rede zur Rettung beigetragen. Insofern konnte von ihr ausgesagt werden: הטפש איהו, sie hat Israels sich angenommen, ihm Hilfe [371] gebracht. Aus diesem Beispiele erkennen wir, daß auch derjenige, welcher zur Abwendung der Gefahren und zum Siege durch Eifer und Rede beigetragen hat, Schofet genannt wird. Das kann nun von Eli gelten, von dem es heißt (I. Sam. 4, 18): אוהו הנש םיעברא לארשי תא טפש. Es braucht durchaus nicht zu bedeuten, er habe das Richteramt solange ausgeübt, sondern er hat durch Rat und Wort zur Gegenwehr gegen die Philister, welche zu seiner Zeit Israel unterjocht hatten, ermutigt. Dasselbe gilt gewiß von Samuel, der zur Zeit eines neuen Überfalles der Philister die Männer in Mizpeh versammelt und durch sein Gebet den Sieg herbeigeführt hat.

Indessen kommen in der Erzählung von Samuel einige Ausdrücke vor, die auf ein Richteramt schließen lassen. Es wird angegeben, daß er Bethel, Gilgal und Mizpeh jedes Jahr bereiste und dort Israel richtete9. Dann wieder, er kehrte jedesmal nach Rama zurück, »denn dort war sein Haus und dort richtete er Israel und baute einen Altar für den Herrn« (V. 17). An eine Vorbereitung zu einem Kriegszuge ist dabei nicht zu denken. Indessen ist das Richteramt Samuels dadurch noch nicht erwiesen. Im 12. Kapitel wird erzählt, Samuel habe wieder das Volk zusammenberufen und es zuerst zum Ablegen des Zeugnisses für seine Uneigennützigkeit aufgefordert und dann es angeredet: 'ה תוקדצ לכ תא 'ה ינפל םכתא הטפשאו ובציתה (V. 7). Es kann unmöglich aussagen: »Ich will euch richten,« denn es lag keine Streitsache zur Entscheidung vor. Im Verlaufe der Rede ergibt sich, daß Samuel dem Volke seine Sündhaftigkeit vorgehalten und es zur Besserung ermahnt hat. הטפשאו kann also hier nur bedeuten »richten« im Sinne von »zur Rede stellen, tadeln und ermahnen« (wie Ezech. 20, 4; 22, 2; 23, 36). Das Hauptbestreben Samuels ging dahin, das Volk vom Götzentum abzubringen und es stets an die Gnadenwaltung des Gottes Israels für sein Volk zu erinnern (I. Sam. 7, 3-4; 12, 20-21). In demselben Sinne ist auch das טפש der Rundreise zu erklären. Er bereiste die drei Städte, berief die Nahewohnenden zusammen und tadelte und ermahnte sie, vom Götzentum zu lassen. Dauernd tat er dasselbe in Rama, wo er einen Altar erbaut hatte und wohin von Zeit zu Zeit Opferer zu kommen pflegten, wie früher in Schilo.

Nur aus der einzigen Relation, daß Samuel im Alter seine Söhne zu Richtern eingesetzt und daß sie der Bestechung zugänglich waren (8, 1-3), ist zu entnehmen, daß Samuel auch das Richteramt ausgeübt hat. Aber daraus kann durchaus nicht gefolgert werden, daß sämtliche Richter diese Funktion hatten, oder daß sie ein integrierender Teil ihrer Stellung gewesen ist. Samuel genoß ein hohes, fast königliches Ansehen im Volke wie keiner seiner Vorgänger, und zwar mehr wegen seiner prophetischen Tätigkeit. Er nahm eine Ausnahmestellung ein; er allein war wohl auch Richter und hatte wohl die Berechtigung, Richter einzusetzen. Kurz, die Benennung »Richter« für die patriotischen und heldenhaften Männer, welche mehrere Jahrhunderte hindurch das Volkstum und selbst das Dasein der Israeliten gerettet haben, ist durchaus unrichtig und hat zum Irrtum geführt. Der griechische Vertent war der Urheber des Irrtums.

[372] Über Namen der einzelnen sogenannten Richter haben wir außer der Grundquelle, dem Richterbuche, noch anderweitige Quellen, deren Angaben beachtet werden müssen. Dadurch wird nicht bloß das Faktum bestätigt, sondern auch die Bedeutung der einzelnen markiert. Von den Richtern im allgemeinen spricht die Rede Nathans an David bezüglich des intendierten Tempelbaues im Namen Gottes (II. Sam. 7, 7): רבדה 'מע תא תוערל יתיוצ רשא לארשי יטבש דחא הא יתרבד. Die Parallelstelle (I. Chron. 17, 6) hat dafür יטפש דחא לארשי, was einen besseren Sinn gibt. Ist dem so, so ist auch im Segen Jakobs (Genesis 49, 16): ומע ןידי ןד לארשי יטבש דחאכ das Wort zu verstehen gleich טפש, und der Sinn ist: »Dan wird sich seines Volkes annehmen wie einer der übrigen Richter Israels,« d.h. Dan wird den übrigen Stämmen nicht nachstehen, auch er wird sein Volk erretten. In den folgenden Versen ist angegeben, auf welche Weise Dan Hilfe bringen wird: er wird den Feind wie eine Schlange am Wege und wie ein Basilisk auf der Straße plötzlich anfallen. Die Anspielung auf Simson ist handgreiflich und ist auch von allen Auslegern als solche verstanden worden. Offenbar wird in diesem Passus die hinterlistige Art, womit Dan oder Simson die Feinde bekämpfte, getadelt. Es ist überhaupt nicht zu verkennen, daß der Segen Jakobs einige Stämme tadelt: Rëuben, Simeon, Levi, Isachar, vielleicht auch Ascher und Benjamin. Wenn es nun beim Passus von Dan zum Schlusse heißt: »Auf deine Hilfe hoffe ich, Gott,« so bedeutet es: nicht auf List und Tücke. So hat der ganze Passus Zusammenhang, und man braucht nicht aus Verkennung des Sinnes zu späteren Einschiebseln Zuflucht zu nehmen. Die Geschichtlichkeit für Simson und sein Treiben ist also dokumentiert, und die angebliche Analogie mit Herakles ist dadurch widerlegt.

Daß die Richter zur Zeit der Demütigung des Volkes aufgetreten sind, ist ebenfalls in Nathans Anrede angegeben (II. Sam. das. 10-11): הלוע ינב יפיסוי אל לע םיטפש יתיוצ רשא םויה ןמלו הנושארב רשאכ ותונעל לארשי. Gott hat David als König groß gemacht, damit die Söhne des Frevels, die Heiden, es nicht mehr quälen sollen wie früher zur Zeit, als Gott Richter entboten hat. Damit ist die sichere Basis für die Richter, ihre Tätigkeit und die Situation ihrer Zeit in kurzen Zügen gegeben und die Treue der Erzählung im Richterbuche verbürgt.

Im Deborahliede werden zwei Richter namhaft gemacht, zugleich mit der tadelnden Nebenbemerkung, daß ihr heldenhaftes Auftreten nicht viel genützt hat (Richter 5, 6): תוחרא ולדה לעי ימיב תנע ןב רגמש ימיב תולקלקע תוחרא וכלי תוביתנ יכלהו, d.h. in den Tagen des Schamgar und Jaël haben Karawanenzüge aufgehört, und die sonst auf betretenen Straßen zu ziehen pflegten, mußten gewundene Wege gehen. Es herrschte keine Sicherheit im Lande – »bis du aufstandest, Deborah, bis du aufstandest als Mutter in Israel«10. Die Geschichtlichkeit und der Hintergrund von zwei Richtern ist damit gegeben. Denn daß unter לעי hier nicht das Weib des Keniters Cheber gemeint sein kann, welche Sisera auf seiner Flucht getötet und also nicht viel zum Siege beigetragen hat, leuchtet ein. Sollte unter לעי etwa irgendein Richter verstanden sein, den das Richterbuch aufzuzählen vergessen hätte, wie man behauptet hat? Es ist nicht recht denkbar. Eher[373] dürfte anstatt לעי zu lesen sein לאינתע. Beide, Schamgar und Othniel, haben nicht gar zu viel geleistet und die schlimmen Zustände nicht verbessert. Es ist daher nicht auffallend, daß das Deborahlied nicht von Ehud spricht, welcher doch der Zeit vorangegangen ist, weil dieser Richter nicht getadelt werden sollte, indem er viel mehr als die beiden genannten geleistet und das Joch Moabs zerbrochen hat.

Vier Richter nennt Samuel in einer Rede (I. Sam. 12, 11): לאומש תאו חתפי תאו ןדב תאו לעברי תא 'ה חלשיו. Daß Samuel, der hier redend aufgeführt wird, nicht von sich sprechen durfte, ist einleuchtend. Die syrische Übersetzung hat hier eine befriedigende Lesart: ןואמשלו חתפילו ןועדגלו קרבלו ארובדל אירמ רדשו. Also statt לאומש die Lesart ןושמש und statt ןדב die Lesart קרב. Ebenso haben LXX καὶ τὸν Βαράκ statt ןדב. Die chronologische Reihenfolge ist auch hier nicht beachtet, und darum braucht es auch nicht aufzufallen, wenn im Deborahliede Othniel nach Schamgar genannt wird. Diese vier genannten Richter, Gideon oder Jerubaal, Barak, Jephtah und Simson, galten als die bedeutendsten, darum sind sie hier besonders hervorgehoben. Simson, den die unbesonnene Kritik gerne in der Sage sich verflüchtigen lassen möchte, ist von zwei Seiten als Faktum erhärtet. Abimelech und sein Tod sind ebenfalls beurkundet durch II. Sam. 11, 21. Aber auch Ehuds Kampf ist anderweitig bezeugt.

Zur Beurkundung der im Richterbuche erzählten Vorgänge ist es nötig, die Feinde kennen zu lernen, gegen welche die Richter zu kämpfen hatten. In I. Samuel 12, 9 werden deren Feinde namhaft gemacht, nämlich der König Jabin von Chazor, die Philister und Moab.. In Richter (10, 11 bis 12) werden, gelegentlich der Wehklagen der Israeliten wegen Bedrückung von seiten der Philister und Ammoniter, die Völker aufgezählt, welche früher Israel bedrängt haben: םיתשלפ ןמו ןומע ינב ןמ ירמאה ןמו םירצממ אלה םכתא העישואו םכתא וצחל (רשא) ןועמו קלמעו .םינודיצו םדימ. Emori ist hier nicht an der Stelle. Die syrische Version hat dafür איבאומ, also באומ, und für ןועמ haben LXX Μαδιάμ = ןידמ. Das waren also die Völkerschaften, mit denen die Richter zu kämpfen hatten: 1. Moab, zweimal bezeugt, wodurch auch Ehud bezeugt ist; 2. Philister, also Schamgar; 3. Amalek und Midjan, d.h. Gideon; 4. Sidonier, wahrscheinlich identisch mit Jabin von Chazor, also Barak; 5. Ammoniter, vielleicht im Bündnis mit den Moabitern. Denn selbständig bekriegten diese erst zu Jephtahs Zeit die jenseitigen Stämme. Tatsachen und Personen sind also auch von anderen Seiten bezeugt. Selbst die Zahlen der Lebensdauer der Richter und der Pausen zwischen einem und dem anderen und der Zeit der Bedrückung dürften nicht gar so abenteuerlich sein, wenn man die 40 und 80 als runde Zahlen für einen längeren Zeitraum ansieht – wie bei Davids Lebensdauer 40 statt 401/2 – und die Gleichzeitigkeit einiger Richter für verschiedene Stämme berücksichtigt wird. So fallen Jephtah und Simson so ziemlich in eine und dieselbe Zeit, d.h. die Bedrückung seitens der Ammoniter gegen die jenseitigen Stämme und seitens der Philister zunächst gegen Dan und Juda. Diese Gleichzeitigkeit ist im Richterbuche selbst angedeutet (10, 7): ןומע ינב דיבו םיתשלפ דיב םרכמיו. Beide Völkerschaften haben ihre Feindseligkeiten noch später fortgesetzt, die Philister nach Simsons Tod unter Eli und Samuel; erst Saul hat sie zu Paaren getrieben, und die Ammoniter wurden ebenfalls erst unter diesem König gedemütigt.

[374] Beachtet man die Feinde, mit denen die Richter zu kämpfen hatten, so gewinnt man ein kritisches Resultat.

Unter den feindlichen Völkern, welche in den anderweitigen Quellen namhaft gemacht werden, figuriert םרא durchaus nicht. Die Aramäer greifen erst zur Zeit Davids und dann nach der Reichsspaltung in die israelitische Geschichte ein. Um so weniger ist von vornherein anzunehmen, daß die Stämme unter den Richtern von den Aramäern der Euphratgegend aus bedrückt worden wären. Und doch soll ein König von Mesopotamien die Israeliten 18 Jahre bedrückt haben (Richter 3, 8-11)! Das kann unmöglich mit rechten Dingen zugehen. Der Richter Othniel, welcher diesen Feind besiegt hat, ist auch anderweitig als jüngerer Bruder Kalebs bekannt; er war also ein Judäer. Der mächtige Eroberer von Mesopotamien müßte also bis Judäa vorgedrungen sein und ein zweiter Kedarlaomer ganz Palästina, das heidnische Gebiet ebensogut wie das israelitische, unterworfen haben. Denn er wird doch nicht bloß der Israeliten wegen einen so weiten Kriegszug unternommen haben! Er müßte sogar die Eroberung Ägyptens im Auge gehabt haben. Denn sämtliche große transeuphratensische Eroberer zogen stets nur gegen Ägypten, und Palästina galt ihnen nur als Etappenstraße. Eine solche Eroberung müßte aber einen sehr bedeutenden Klang haben. Davon ist aber in der ersten Zeit nach dem Einzug der Israeliten in den Erinnerungen der Völker keine Spur. Und hätte gar Othniel mit der geringen Schar der Judäer – denn von dem Zuzug der übrigen Stämme ist in der Relation keine Rede – einen so mächtigen Eroberer mit einem voraussichtlich zahlreichen Heere besiegen können? Es ist ganz undenkbar. Wir sind daher genötigt, die Unterjochung und den Sieg auf ein enges Gebiet zu lokalisieren. Khuschan Rischataim kann nur den Stamm Juda unterjocht haben. Er wird also nicht ein König von Mesopotamien, sondern lediglich von Edom gewesen sein. Sein Land wird nur zweimal genannt, einmal 3, 10 als םרא ךלמ – wie oft ist םרא und םדא verwechselt11 – und einmal in V. 8 םרא ךלמ םירהנ. [375] Lesen wir auch hier םדא ךלמ, so haben wir nur םירהנ zu erklären. Es kann recht gut aus םירח [chorim] oder םירחהו [wehechorim] entstanden sein. Khuschan kann zugleich König der Idumäer und der benachbarten Völkerschaft oder des autochthonen Volkes der Choriter gewesen sein. Von ירח kommt auch der Plural vor (Deuteronom. 2, 12): םינפל םירחה ובשי ריעשבו. Doch mag diese Emendation richtig oder unrichtig sein, so kann Khuschan nur König von Edom gewesen sein. Die Idumäer hatten bereits lange vor der Einführung des Königtums in Israel Könige, wie besonders in der Genesis hervorgehoben wird. Ein König von Edom hat den Israeliten den Durchzug durch sein Land nicht gestatten wollen. Es liegt daher auf der Hand, daß Edom eine feindselige Haltung gegen den in seiner Nachbarschaft angesiedelten Stamm Juda angenommen hat. Er griff ihn daher an und unterjochte ihn 18 Jahre. Dagegen trat Othniel auf und besiegte Edom. Der Vorgang spielte in einem entfernten Winkel, die übrigen Stämme hatten keine oder nur eine geringe Kunde davon, wenn im Deborahliede unter dem Richter לעי Othniel zu verstehen ist (o. S. 374). – Auch aus einem anderen Umstande läßt sich folgern, daß Othniels Sieg keine große Tragweite gehabt haben kann. Der Stamm Juda figuriert gar nicht im Buche der Richter, manchmal scheint es, als wenn er gar nicht existierte. Das Deborahlied nennt ihn gar nicht, nicht einmal tadelnd. Nur erst gegen die Neige der Richterzeit, in der Geschichte Jephtahs und Simsons kommt sein Name vor. Es kommt entschieden daher, daß die Jebusi, welche vom Berge Zion aus die Gegend beherrschten, eine Scheidewand zwischen diesem Stamm und den nördlich davon wohnenden Stämmen gebildet haben. Die Geschichte der Richterperiode, und selbst Davids und der nachfolgenden Zeit, ist nur dadurch zu verstehen, daß Juda oder das Haus Jakob von den übrigen Stämmen mehrere Jahrhunderte streng getrennt waren. Hätte der einzige judäische Richter Othniel einen so glänzenden Sieg über einen mächtigen Feind Khuschan errungen, so hätte er die Schranke der Jebusi durchbrochen und wie später David sämtliche Stämme geeinigt, und der Verlauf der Begebenheiten wäre ganz anders ausgefallen.

Was Bunsen geltend macht, daß Semiramis, das Mädchen von Gaza oder Askalon, von einem syrischen Statthalter Oannes zur Frau genommen, bei ihren Eroberungszügen in »Lybien und Äthiopien« einen Statthalter Khuschan über Palästina gesetzt und nicht früher und nicht später als 1257 einen Druck auf sämtliche Stämme ausgeübt habe (Ägyptens Stellung in der Weltgeschichte IV, S. 346 f., 365 f.), wird kaum mehr denn als eine kühne Hypothese angesehen werden. Semiramis gehört der Sage an, von ihren Eroberungen in Palästina und Ägypten läßt sich nichts Faktisches nachweisen, und noch viel weniger läßt sich diese in einen chronologischen Rahmen einfassen. Vgl. Rösch in Herzogs Real-Enzykl. XVIII, S. 448. Das Hauptargument dagegen ist, daß Aram nicht unter die Feinde Israels gezählt wird. Und wäre Khuschan auch nur der Delegierte einer so großen Macht gewesen, [376] so wäre es dem Richter des Stammes Juda nicht gelungen, ihn zu besiegen. Denn die Tatsache steht fest, daß hinter keinem Richter die ganze Nation stand, sondern höchstens einige Stämme, und man hat keinen Anhaltspunkt dafür, daß es unter Othniel anders gewesen wäre.

Aus der richtigen Vorstellung von dem Wesen der Richter, daß sie eigentlich Retter waren, folgt als selbstverständlich, daß sie sämtlich kriegerisch auftraten, mit Ausnahme von Eli und Samuel. Der Geschichtsschreiber des Richterbuches hat es entweder nicht zweckdienlich gefunden, die Kriegstaten der fünf Richter, Thola, Jaïr, Ibzan, Elon und Abdon, ausführlich zu erzählen, oder die Vorgänge waren ihm dunkel geblieben; daher berichtet er nur summarisch über sie. Wenn es noch eines Beweises bedürfte, daß auch diese Richter kriegerisch gewirkt haben, so würde ihn Jaïr liefern. Denn es kann nicht zweifelhaft sein, daß Jaïr der Gileadite, d.h. der Manassite (Richter 10, 4), mit dem in Numeri (32, 41) und in Deuteronom. (3, 14) genannten identisch ist. Und aus diesen Stellen folgt, daß Jaïr Baschan oder das Territorium Argob, die ריאי תוח, erobert hat. Baschan ist das Gebirge und die Gegend, welche sich östlich vom Gebirge Gilead abzweigt und bis zum Hauran reicht, vgl. Note 12. – In der Richterstelle wird die Zahl der ריאי תוח auf 30 angegeben, dagegen im Deuteronom. (3, 4) auf 60 und ebenso in I. Könige (4, 13). Man müßte also auch in Richter lesen: םהל םיריע םיששו ריאי תוח וארקי. Die Zahlenveränderung entstand aus dem vorangehenden םישלש. Die Chronik, welche bereits beide Zahlenvarianten kannte, sucht sie auszugleichen (I. 2, 22-23). Sie hat überhaupt das Faktum anders dargestellt. Sie verwechselt ןשבה ץרא mit ץרא דעלגה, läßt auch תנק, d.h. חבנ, von Jaïr erobern, im Widerspruch mit Numeri (32, 42), und läßt die תוח ריאי den Geschuri und Maachathi (הכעמ תיב םרא) entreißen, im Widerspruch mit Deuteronom. (3, 14), wo angegeben ist, daß das Gebiet Argob bis zu den Geschuri und Maachathi reichte. Jedenfalls geht aus diesen Stellen hervor, daß Jaïr der Gileadite ein kriegerischer Richter war.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1908], Band 1, S. 369-377.
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