8. Davids Berufung an Sauls Hof und sein Verhältnis zu Samuel.

[377] Ewald hat die Manier eingeführt, in fast sämtlichen Relationen der israelitischen Geschichte von der Genesis an bis zum Ende der Königsbücher mindestens zwei Quellen zu erblicken, eine ältere und eine jüngere, welche die Fakta von einem verschiedenen Gesichtspunkte aus dargestellt und überliefert hätten. Diese Manier hat sich selbst aber dadurch gerichtet, daß sie zum Notbehelf öfter genötigt ist, in der jüngeren Relation Überbleibsel der älteren anzunehmen. Es lohnt sich nicht, diese Methode der Quellenkritik zu widerlegen. Einigemal bieten indes die Relationen wirklich den Schein, als wenn sie aus zwei verschiedenen Nachrichten subsumiert worden wären. So ganz besonders die Erzählung von Sauls erster Bekanntschaft mit David (I. Sam. Kap. 16-18). Sie erscheint voller Widersprüche. Zuerst wird erzählt, David sei an Sauls Hof berufen worden und habe da Sauls Schwermut durch Saitenspiel geheilt, und später, in der Geschichte von Davids Sieg über Goliath, wird erzählt, Saul habe David früher gar nicht gekannt. Dieser [377] Widerspruch schien dem griechischen Übersetzer so grell, daß er die letztere Erzählung (17, 55-58 und 18, 1-5) ganz wegließ (und ebenso 17, 12-31). Erst ein späterer Interpret hat die Stücke nachgetragen. Die Exegeten helfen sich mit der Annahme von späteren Interpolationen von verschiedenen Quellen durch. (Vgl. darüber Winer, Bibl. Reallexikon s.v. David.) Der Widerspruch ist aber nur Schein. Man muß die Eigentümlichkeit der biblischen Geschichtserzählung beachten, ohne welche ihre Art stets verkannt werden muß. Sie erzählt nicht in streng geschlossener Geschichtsmanier, um die Tatsachen, ihre Ursachen und ihre Folgen gewissermaßen zu dramatisieren, sondern sie erzählt nur, um zu belehren. Ihr Hauptaugenmerk ist auf den didaktischen Zweck gerichtet. Die chronologische Aufeinanderfolge der Begebenheiten ist ihr ein untergeordnetes Moment. Sie hat Ähnlichkeit mit Herodots historischer Darstellungsweise, die ebenfalls durch die Gruppierung der Tatsachen gewisse didaktische Wahrheiten einprägen will.

Die verschiedenen israelitischen Historiker (wahrscheinlich aus dem Kreis der Prophetenjünger hervorgegangen, die aus Liedern und Überlieferungen die Begebenheiten erzählten) haben nur das in den Vordergrund gestellt, was ihnen als das Wichtigste erschien. In der Jugendgeschichte Davids erschien ihnen ganz besonders wichtig, daß der Geist Gottes, 'ה חור, infolge der Salbung auf ihn gekommen war und welche Wirkung dieser Geist auf ihn hervorgebracht hat. Als Gegensatz wird die Tatsache gegenübergestellt, daß Gottes Geist von Saul gewichen sei und der böse Geist ihn erschreckt habe (16, 14-15). Dadurch ist schon im Anfang der späteren Erzählung vorgegriffen oder die chronologische Reihenfolge ist unterbrochen. Die Wirkungen des göttlichen Geistes auf David werden V. 18 erzählt:ןגנ עדי ... ישיל ןב יתיאר ומע 'הו ... רבד ןובנו המחלמ שיאו ליח רובגו

Schon aus dieser Schilderung erkennt man, daß der Erzähler hier vorgreift; denn er hat doch schwerlich David als mutigen Krieger schildern wollen, ehe er ihn noch gegen Goliath auftreten läßt! Aber dem Erzähler liegt daran, hervorzuheben, daß der göttliche Geist David zum Saitenspiel und zum verwegenen Mute geweckt hat; zum Vorschein ist er aber erst später gekommen. Also die Berufung Davids an Sauls Hof ist nicht etwa vor dem Kampfe mit Goliath erfolgt, weil sie früher erzählt wird. Sie ist vielmehr erst später, nach dem Kriege bei Ephes-Damim, erfolgt. Vor dem Zweikampfe wußte Saul von David gar nichts, er ließ sich ihn erst nach dessen Sieg vorstellen (17, 55-58). Bei dieser Gelegenheit wird auch der Ursprung der Freundschaft zwischen Jonathan und David mitgeteilt (18, 1). Der folgende Vers, daß Saul David nicht mehr ins Vaterhaus zurückkehren ließ, knüpft wieder an 16, 23 an und fährt dann fort, wie der göttliche Geist ihn nicht bloß zum Sänger und Dichter, sondern auch zum Krieger gemacht habe. David war in allen Kriegen, wohin ihn Saul sandte, glücklich, so daß ihn Saul zum Hauptmann seiner Leibwache (ותעמשמ לע [רש] רס) gemacht hat (18, 5), während er früher nur sein Waffenträger war (16, 21). Daran knüpft der Erzähler Beginn12 und Verlauf des Konfliktes zwischen Saul und David.

[378] Freilich, ein objektiver Historiker hätte den Verlauf anders erzählt. Er hätte mit dem Krieg und der Herausforderung zum Zweikampfe begonnen, dann David eingeführt, seinen Sieg über den Riesen erzählt, dann Sauls flüchtige Bekanntschaft mit David angereiht, hätte ferner erzählt, wie David ihm als Saitenspieler empfohlen wurde, jener ihn von Zeit zu Zeit an seinen Hof kommen ließ, ihn dann dauernd behalten, ihn zu seinem Waffenträger gemacht, ihn zu Fehden gegen die Philister gesandt, bis Davids wiederholte Siege so gepriesen wurden, daß Sauls Neid erregt wurde. Das wäre allerdings eine pragmatische, aber keine didaktische Geschichtserzählung. Diese, welche es für nötig hält, das ihr Zweckdienliche voranzustellen, gibt geflissentlich den epischen Effekt preis, durchbricht die chronologische Aufeinanderfolge und ist daher darauf angewiesen, Nachträge zu machen.

Auf dieselbe Erzählungsmethode ist auch die Darstellung von Davids Kriegen mit Aram (II. Sam. Kap. 8 und Kap. 10, 15-19) zurückzuführen. Einige Forscher haben sich auch darin nicht zurechtgefunden und auch darin eine Verwirrung gefunden, und Ewald war gleich mit seinem Zwei-Quellensystem bei der Hand. Ermittelt man aber das didaktische Ziel des Darstellers, so wird man den Leitfaden der Erzählung nicht vermissen. Der Geschichtsschreiber erzählt zuerst mit allen Nebenumständen (Kap. 6), wie David die Bundeslade nach Jerusalem gebracht. Das war ihm die Hauptsache, weil Jerusalem dadurch erst den Charakter der Zentralstadt und der heiligen Stadt erhalten hat. Er erzählt dann weiter, daß David die Absicht gehabt habe, einen schönen Tempel aus Zedernholz in Jerusalem zu erbauen (Kap. 7), obwohl er dieses Projekt chronologisch erst viel später, kurz vor seinem Tode äußerte (vgl. S. 263, Anm. 2). Um einen großen und reichen Tempel zu erbauen, dazu bedurfte David reicher Geldmittel. Der Geschichtsschreiber gibt daher an, daß David viele Schätze zum Tempelbau geweiht habe. Woher hat er sie gewonnen? Durch große Siege. Der Historiker mußte also die Kriege und Siege voranschicken; das tut er in Kap. 8 und zwar summarisch. Als Gegensatz wird nebenher die Verkommenheit des Hauses Saul geschildert (Kap. 9). Im weiteren Verlaufe will der Erzähler Salomos Thronfolge als berechtigt auseinandersetzen, obwohl er ein jüngerer Sohn und halb und halb in Sünde erzeugt war. Aber Gott habe durch den Propheten Nathan Davids Sünde verziehen, ihn durch den Tod des Erstgeborenen von der Bathseba gezüchtigt und den Zweitgeborenen von derselben Frau besonders bevorzugt. Es waren zwar viele ältere Söhne vorhanden, aber diese sind nach und nach beseitigt worden. Der Geschichtserzähler [379] mußte also ab ovo anfangen, wollte aber Davids Vergehen nicht vertuschen – denn auch dieses ist lehrreich wegen der Reue, die der König aufrichtig gezeigt hat. Da dieses Vergehen mit dem ammonitischen Kriege zusammenhängt, so erzählt er diesen Krieg mit den Nebenumständen über die Hilfstruppen, welche der Ammoniterkönig gewonnen hatte und die sämtlich von David aufgerieben wurden. Das ist der Zusammenhang von Kap. 10. Die Siege über die Aramäer werden als Nachtrag hier vervollständigt (V. 15 bis 19), weil sie früher (8, 3-10) nur um eines anderen Zweckes willen erwähnt waren. – Dieselbe scheinbare Ordnungslosigkeit herrscht auch in der Geschichte Salomos, weil der Darsteller nicht sowohl den Zusammenhang der Begebenheiten, als vielmehr ihren belehrenden Inhalt hervorheben wollte. Auch die Reihenfolge der Kriege Sauls ist aus didaktischem Grunde in unchronologischer Ordnung erzählt (o. S. 156, Anm. 2).

Kommen wir wieder auf die Erzählung von Davids erster Bekanntschaft mit Saul zurück. Sie ist aus einem Gusse, wenn auch nicht pragmatisch und chronologisch referiert. Ein Widerspruch sindet sich keineswegs darin, und auch die scheinbare Wiederholung ist gerechtfertigt. Zwei Punkte müssen noch beleuchtet werden, an denen die Kritiker Anstoß genommen haben. 1. In Kap. 17, 12-14 werden Davids Vater und Brüder dem Leser so vorgeführt, als wenn von ihnen noch nicht die Rede gewesen wäre, während schon früher (16, 5-10) von ihnen gesprochen war. Diese Partie ließ die griechische Version als widersprechend weg. Ewald begründet damit seine Zwei-Quellentheorie. Allein auch dabei hat er die Methode des prophetischen Erzählers verkannt. Früher war von Isaï und seinen Söhnen nur gelegentlich die Rede, daß der Vater sie nach und nach Samuel vorgeführt, dieser aber an den älteren keinen Gefallen gefunden habe. Da aber David eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der israelitischen Geschichte ist, so hielt es der Erzähler der Biographie Davids für nötig, Davids Abstammung nicht bloß gelegentlich, sondern gründlich zu erzählen. Daher führt er die Genealogie noch einmal ab ovo auf (17, 12 f.); er will hier noch hinzufügen, daß der Stammvater Isaï aus einer vornehmen Familie stammte (יתרפא), daß er zwar an dem Kriege nicht teilgenommen habe, aber nur deswegen, weil er schon alt war (םינשב אב), daß er aber seine drei ältesten Söhne zum Kriege gesandt habe. Eine solche Wiederholung der Abstammung bedeutender Persönlichkeiten, auch wenn sie schon anderweitig bekannt ist, kommt auch in der Relation über Mose vor. Exodus Kap. 2 ist Moses Abstammung angegeben, im Verlauf ist erzählt, daß er einen Bruder Ahron hatte. Nichtsdestoweniger wird da, wo Moses und Ahrons Wirksamkeit ins rechte Licht gesetzt werden soll, ihre Genealogie wiederholt und ausführlich gegeben (6, 20 bis 26); um ihretwillen wird auch die Genealogie der Familie Levis auseinandergesetzt (das. 16-19). An der Wiederholung der Abstammung Davids braucht man also keinen Anstoß zu nehmen, und man ist nicht berechtigt, Folgerungen daraus zu ziehen. Nur der Schlußhalbvers in 17, 14 scheint überflüssig, da dasselbe schon Vers 13 (auch in der syrischen Übersetzung) gesagt ist.

2. Mehr Schwierigkeit macht Vers 17, 15. Hier wird geradezu erzählt, ehe der Goliathzweikampf angeführt wird, daß David ab und zu von Saul in sein Vaterhaus zurückgekehrt sei, um die Herden seines Vaters zu weiden. Folglich war David schon vorher mit Saul bekannt, [380] folglich sind die Relationen darüber verschieden. Allein man muß sich doch fragen, wozu wird dieser Umstand überhaupt hervorgehoben? An sich ist es doch ein gleichgültiges Moment, daß David öfter von Sauls Hof in sein Vaterhaus zurückgekehrt sei. Liest man dafür לאומש לעמ בשו ךלה דודו, so ist auch dieser Punkt in Ordnung. Die Verwechslung von לאומש und לואש ist leicht möglich. Die griechische Version hat in 15, 12 zweimal diese Verwechslung, und ein Kennicotscher Kodex hat das. Vers 13 statt לואש לא לאומש אביו die umgekehrte Lesart לא לואש אביו לאומש. Sachlich ist es doch wohl notwendig, daß die Beziehung Davids zum Propheten Samuel nach der Salbung irgendwie angegeben sein muß. Sollte sich Samuel um den Jüngling, den er zum künftigen König auserkoren, gar nicht gekümmert haben? Und David sollte nicht das Verlangen getragen haben, mit dem Propheten zu verkehren? In diesem Verse ist dieses Verhältnis angedeutet. David kam öfter zu Samuel nach Rama, kehrte aber stets wieder nach Bethlehem zurück, um die Herden seines Vaters zu weiden. Die Erzählung von Davids Jugendleben in Verbindung mit dem philistäischen Kriege in Ephes-Damim und seinem Verhältnis zu Saul hat demnach einen einheitlichen Charakter, es besteht kein Widerspruch. Die Erzählungsart des ganzen Buches Samuel hat zwar keinen klassischen oder pragmatischen Charakter, reflektiert aber die Weise prophetischer Geschichtsdarstellung. Sie ist tendenziös, indem sie das Religiös-Sittliche in den Vordergrund stellt und diesem den tatsächlichen Verlauf unterordnet. Aber sie hat die Tatsachen weder erfunden noch entstellt, sondern sie hat sie nur ihrem Zwecke gemäß gruppiert, unbekümmert um die chronologische Aufeinanderfolge.


Quelle:
Geschichte der Juden von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Leipzig [1908], Band 1, S. 377-381.
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