Die Begründung des Perserreichs durch Kyros

[181] Es war nicht die Schuld der jüdischen Propheten, wenn die Katastrophe des babylonischen Reichs, die ihre an den Euphrat fortgeschleppten Landsleute sehnlichst herbeiwünschten, nicht, wie sie prophezeiten, von Medien aus hereingebrochen ist. Im J. 558 folgte dem Könige Kambyses I. von Persien und Susiana sein Sohn Kyros II. (pers. Kuru(š), hebr. שרכ). Dieser warf die medische Oberhoheit ab und griff den König Astyages an318. Von dem Verlauf des Kampfes besitzen wir keine zuverlässige [181] Kunde319. Nur soviel erfahren wir aus den Inschriften Nabonids, daß im Jahre 550 Astyages dem Kyros in die Hände fiel, daß dieser sich Egbatanas bemächtigte und die Königsschätze in sein Land fortführte. Wenn die nur fragmentarisch erhaltene und vielfach ideographisch geschriebene Inschrift richtig gedeutet ist, so hätten die eigenen Truppen sich gegen Astyages empört und ihn an Kyros ausgeliefert. Ein Nachklang dieser Begebenheiten hat sich auch in der Sage bei Herodot in der Erzählung vom Verrat des Harpagos noch erhalten. Den gefangenen König behandelte Kyros mit Milde; nach Ktesias hätte er ihm in Hyrkanien (Βαρκάνιοι) seinen Wohnsitz angewiesen. – Mit dem Falle der Hauptstadt scheint auch der größte Teil des modischen Reichs in Kyros' Hände gefallen zu sein. Ktesias berichtet, die Baktrer hätten auf die Nachricht, »daß Astyages der Vater des Kyros geworden sei«, ihren Widerstand aufgegeben, die Saken seien besiegt worden. Doch ist Ktesias' Erzählung über Kyros durchweg so späten Ursprungs und so unzuverlässig, daß auch auf diese Nachrichten kein größeres Gewicht gelegt werden darf; nach Herodot I 153 fällt die Unterwerfung der Baktrer und Saken erst in die Folgezeit. Fest steht dagegen durch die folgenden Ereignisse, daß im J. 547 sich Kyros' Reich bis an den Halys erstreckte320.

Der Sturz des modischen Reichs war – zunächst wenigstens – dem babylonischen Könige nicht unangenehm gewesen. Er benutzte die Gelegenheit, um Charrân wieder zu besetzen (o. S. 180), und stellt die Erhebung des Kyros daher als ein Werk des Mondgottes [182] Sin dar. Indessen der rasche Erfolg des Kyros, die Aufrichtung eines großen Reichs, das, da ihm auch Persien und Susiana direkt einverleibt waren, an Macht das medische weit überragte, mußten ihn bedenklich stimmen. Kyros war ein energischer, tatenlustiger Fürst, die Perser ein frisches Naturvolk, das von Ackerbau und Jagd lebte und den verweichlichenden Einfluß der Kultur noch nicht erfahren hatte, das aus der Ahuramazdareligion, der reinen Lehre, die es bekannte, mit der Aufforderung, auf alle anderen Völker herabzusehen und das Reich des guten Gottes zu erweitern, zugleich die Garantie des Erfolges im Kampfe gegen die Feinde entnahm. Wenn Kyaxares und Astyages Frieden gehalten hatten, so war von Kyros das gleiche nicht zu erwarten. Dieselben Beweggründe beeinflußten den lydischen König Krösos, der überdies des Astyages Schwager war und sich mit der Hoffnung trug, im Kampfe gegen Kyros das von seinen Vätern so ruhmreich begründete Reich nach Osten hin zu erweitern. Krösos war entschlossen, den Kampf zu beginnen. Die griechischen Orakel, welche er befragte, Delphi, Branchidä, das Amphiaraosorakel u.a. (Herod. I 49. 53. 92) verhießen ihm Sieg. So kam im J. 547 eine Allianz gegen Kyros zwischen Krösos und Nabonid zustande. Auch Amasis trat ihr bei; es konnte für Ägypten nur vorteilhaft sein, wenn die asiatischen Reiche sich untereinander bekriegten und womöglich der Status quo erhalten blieb. Schließlich sagte auch Sparta, der mächtigste und tapferste der griechischen Staaten, mit dem Krösos schon früher Verbindungen angeknüpft hatte, den Lydern die Sendung eines Hilfskorps zu (Herod. 177. 69f.). Im Frühjahr 546 eröffnete Krösos den Krieg, überschritt den Halys, verwüstete Kappadokien und eroberte die starke Festung Pteria321.

An sich betrachtet, hätten die Mittel des großen Bundes vollauf genügt, um Kyros niederzuhalten. Aber es war unmöglich, dieselben zu konzentrieren oder gemeinsam zu operieren. Kyros [183] wandte sich direkt gegen seinen Hauptgegner, und ehe auch nur die ersten Kontingente der Bundesgenossen eingetroffen waren, war das lydische Reich vernichtet. Bei Pteria wurde das Heer des Krösos, welches seine Zeit mit den nutzlosen Kämpfen in Kappadokien verschwendet hatte, zurückgeworfen. Krösos zog sich nach Sardes zurück und erwartete, den Gegner nach seiner Weise der Kriegführung beurteilend, eine Erneuerung des Kampfes nicht vor dem nächsten Frühjahr. Indessen Kyros ließ alles andere beiseite liegen und zog direkt gegen die feindliche Hauptstadt. Schon nach vierzehntägiger Belagerung wurde die Burg von Sardes erstiegen, die Stadt erobert (Herbst 546 v. Chr.). Wie es nach der von Herodot erzählten Sage scheint, hatte Krösos, da alles verloren war, sich den Göttern zum Opfer bringen wollen und den Flammentod gesucht322, wie der letzte Assyrerkönig oder wie Hamilkar nach der Schlacht an der Himera (Herod. VII 167). Jedenfalls fiel er lebend in die Hände des Siegers und wurde von ihm mit derselben Milde behandelt wie Astyages323. [184] Die Angabe des Ktesias, daß Kyros ihm die Stadt Barene bei Egbatana übergeben habe, ist wahrscheinlich richtig. Nach dem Falle von Sardes wurde das übrige Kleinasien leicht unterworfen. Einen Aufstand der Lyder, den der von Kyros mit der Wegführung der Schätze beauftragte Paktyes erregte, warf der Feldherr Mazares nieder; die Ionier und Karer und schließlich auch die Lykier wurden von Harpagos der Reihe nach unterworfen324. Der König von Kilikien erkannte freiwillig die persische Herrschaft an und behielt infolgedessen sein Reich als erbliche Provinz; das gleiche wird von den Fürsten der Paphlagoner berichtet (Xen. Cyrop. VIII 6, 8). Das weite lydische Reich wurde von Kyros in zwei Sprengel geteilt, deren Statthalter in Sardes und in Daskylion ihren Sitz hatten.

Nach dem Untergang des lydischen Reichs war der Fall Babylons nur noch eine Frage der Zeit. Von Operationen, die von Elam aus im J. 546, offenbar zur Deckung des lydischen Feldzugs, gegen Babylonien unternommen wurden, scheint bei Nabonid die Rede zu sein. Wann der Entscheidungskampf begann, wissen wir nicht; zu Anfang des Jahres 539, aus dem uns wieder ein Bruchstück der Annalen erhalten ist, war er schon in vollem Gange. Wir erfahren von einer Schlacht im Tišri (Anfang Oktober), nach der Sippara ohne Kampf genommen wurde und Nabonid fliehen mußte. Der persische Präfekt Gobryas (bab. Ugbaru, pers. Gaubaruva) rückte gegen Babylon vor und nahm die Stadt ohne Kampf325. Die Angaben des Kyroszylinders und des Berossos [185] stimmen damit vollkommen überein. Nabonid, so berichtet Berossos weiter, flüchtete nach Borsippa, ergab sich aber, ehe die Belagerung begann. Kyros wies ihm Karmanien zum Wohnsitz an, das er noch bis in die Zeit des Darius verwaltete. In Babylon selbst hielt Kyros am 3. Marchešwan (27. Oktober 539) seinen Einzug. »Er beruhigte die Herzen der Einwohner und befreite sie von ihren Sorgen« (Kyroszyl. 26). In die äußere Mauer der Stadt ließ er eine Bresche legen; die Verwaltung übertrug er dem Gobryas, daneben scheint er seinen ältesten Sohn Kambyses326 als Vizekönig in Babylonien eingesetzt zu haben. Die von Nabonid nach Babel gebrachten Götter wurden in ihre Heimat zurückgeschickt, Marduk, »der ihn ohne Kampf und Schlacht seinen Einzug halten ließ in Babylon« (Kyroszyl. 17), hoch geehrt. Die weiten Provinzen des Reichs bis nach Ägypten hin, ebenso die Vasallenstaaten (vgl. Herod. III 19), fielen dem neuen Herrscher ohne Schwertstreich zu (Kyroszyl. 29). Den in Babylonien gefangengehaltenen Juden, die ihn mit Enthusiasmus als Befreier begrüßten, gewährte er die Rückkehr in die Heimat und den Wiederaufbau Jerusalems und seines Tempels. Er konnte mit Sicherheit erwarten, daß ihnen die Unabhängigkeitsgelüste für alle Zeiten vergangen seien, daß sie seinem Reiche dankbar ergeben sein würden.

Von den weiteren Taten des Kyros haben wir nur dunkle Kunde. Wie das untere Asien hat er auch ganz Iran bis an und vielleicht über die Grenze der indischen Stämme seinem Reiche einverleibt; aber eine Kunde von diesen Kämpfen ist uns nicht bewahrt. Die Zeitgenossen Alexanders erfuhren, daß er wie dieser und wie angeblich Königin Semiramis das wüste Gadrosien durchzogen habe; nur sieben Mann seines Heeres hätten die Strapazen überstanden. An der Südgrenze Drangianas wohnte der Stamm der Ariaspen; diese hätten Kyros in seiner Not freundlich aufgenommen und mit Lebensmitteln versorgt. Deshalb habe er ihnen Abgabenfreiheit [186] gewährt und sie mit dem Namen »Wohltäter« (εὐεργέται) belegt. Am oberen Jaxartes in Sogdiana, an der fernsten Grenze des Reichs, wird eine Stadt Kyreschata auf ihn zurückgeführt. – Seinen letzten Krieg hat er gegen die Nomadenstämme an der Nordgrenze Irans geführt. Herodot nennt die Massageten, Ktesias die Derbiker (nach ihm in der Nähe der Inder seßhaft), Berossos, der zuverlässigste Zeuge (bei Euseb. I 30, 33), die Daher, d.h. ganz allgemein die turanischen Stämme327, als seine Gegner. Im Kampfe gegen sie hat er seinen Tod gefunden; wenn Ktesias' Bericht zuverlässig ist, ist er an einer Wunde nach dem Ende des Krieges gestorben (Frühjahr 528)328. Seine Leiche wurde in Pasargadä, dem Stammsitz seines Geschlechts, in dem Grabe, welches er sich hatte herrichten lassen, beigesetzt. Noch jetzt steht die einfache Grabkammer, welche sich auf einem massiven, terrassenförmig ansteigenden Unterbau von Quadern erhebt, im wesentlichen wohlerhalten329. Sie ist umgeben von Säulen und Pfeilern, die einem anderen Bau oder einem Säulengange angehört haben. Ein Pfeiler trägt das Bild eines bärtigen Mannes in langem Gewande. Auf dem Haupt trägt dieser einen Schmuck, welcher der ägyptischen Atefkrone nachgebildet ist; von seinen Schultern gehen vier Flügel aus; darüber steht in den drei Sprachen der Keilschrift die einfache Inschrift »ich bin König Kyros der Achämenide«. Er ist der Ferwer, das verklärte Bild des Eroberers von Asien330.

Obwohl wir auch jetzt noch über die Taten des Kyros nur sehr wenige authentische Nachrichten besitzen, ist seine Persönlichkeit zu allen Zeiten gleichmäßig aufgefaßt worden, und das Urteil wird [187] auch durch weitere Funde nicht geändert werden331. Der Adel seines Wesens leuchtet uns in gleicher Weise entgegen aus den Berichten der Perser, die er zur Weltherrschaft führte, der Juden, die er befreite, und der Hellenen, die er unterwarf. Er hat ähnlich wie Caesar den geheimnisvollen Zauber besessen, dem alles sich fügen muß. In dem Edelmut, mit dem er seine Gegner behandelte und der im schärfsten Gegensatz steht zu dem Verfahren der Semiten und der Römer, tritt auch uns noch der Adel seines Charakters entgegen. Den ebenbürtigen Gegner, wenn er besiegt war, zu achten und zu schonen ist allen seinen Nachfolgern Grundsatz geblieben – etwas ganz anderes ist natürlich Darius' Verfahren gegen Usurpatoren, die sich eine Stellung anmaßten, die ihnen nicht zukam. Vor allem aber ist Kyros klar und zielbewußt in allem seinem Tun als Feldherr und als Staatsmann. In wenig Jahren, mit raschen entscheidenden Schlägen hat er drei gewaltige Reiche für immer vernichtet. Seinen Persern gegenüber war und blieb er der Volkskönig, der in Übereinstimmung mit den Edlen des Landes nach gemeinsamer Beratung handelt, und wie 'Omar die Araber, so hat er die Perser in kaum mehr als einem Jahrzehnt aus einem wenig zivilisierten Kriegervolk zu Herrschern der Welt gemacht. Es ist zweifellos, daß dabei die religiöse Idee belebend und begeisternd mitgewirkt hat. Aber dadurch unterscheiden sich die alten Perser von den Semiten wie von den späteren Parsen, daß sie keine religiösen Fanatiker waren. Die Kriege, durch welche das Reich der Iranier begründet wurde, waren nicht zugleich Religionskriege wie die der Araber und der Sassaniden. Wenn Kyros zweifellos wie Darius ein frommer Mazdajasnier war, so schonte er doch durchweg die religiösen Gefühle seiner Untertanen. In Babel trat er offiziell als Verehrer des Marduk und des Nebo auf, die Juden konnten ihn als Diener Jahwes betrachten. Überhaupt achtete er überall die einheimischen Institutionen; für die Babylonier war er durchaus der Nachfolger ihrer alten Könige; wie früher Sargon rechnete er seine Jahre hier erst von der Übernahme der babylonischen Königskrone. Daß die Meder als die [188] nächsten Stammverwandten der Perser sich besonderer Begünstigung zu erfreuen hatten und neben den Persern den Kern der Truppen bildeten, lehren die Inschriften des Darius, der daher durchweg von »Persien, Medien und den übrigen Provinzen« redet. Auch hat schon Kyros die Meder Mazares und Harpagos an die Spitze eines Heeres gestellt. Die Organisation, die er seinem Reiche gegeben hat, im einzelnen zu verfolgen, ist uns leider versagt. Das wenige, was sich darüber ermitteln läßt, muß daher der Darstellung der von Darius durchgeführten Reichsordnung vorbehalten bleiben; nur daß alle Untertanen zur Heeresfolge verpflichtet waren (Herod. II 1. III 1), ist schon hier zu erwähnen.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 41965, Bd. 3, S. 181-189.
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