Die Götter und die Religion

[99] 50. Das Zauberwesen operiert mit der unendlichen Menge der Gestalten der Geisterwelt. Nach ihren Wirkungen zerfallen sie zwar in bestimmte, mehr oder minder ausgebildete Klassen (die dann die mythische Spekulation mit Zahlen ausstatten mag); aber jede einzelne Gestalt kommt hier nur insoweit in Betracht, als gerade sie und keine andere in jedem Einzelfalle für den bestimmten Vorgang, den sie verursacht hat oder bewirken oder abwehren soll, als maßgebend und wirksam betrachtet wird. Es gibt aber auch Geister und in sinnlichen Objekten hausende Seelen, die ununterbrochen wirksam und daher für den Menschen bestimmt greifbare, dauernde Persönlichkeiten sind, die sich aus der Masse der übrigen scharf abheben. Das sind die Götter. Gemeinsam ist ihnen allen, im Gegensatz zu den übrigen Geistern, diese Dauer der Persönlichkeit, die Ewigkeit ihrer Existenz, oder mit anderen Worten, sie sind dem Bewußtsein des Menschen jederzeit gegenwärtig und treten immer aufs neue gleichmäßig in Wirksamkeit: denn auch wenn ein Gott nur in zeitlich bestimmten Vorgängen wirkt, etwa bei der Geburt oder dem Keimen und Wachsen der Vegetation oder im Feuer oder in Jagd und Krieg, so ist er doch bei jedem derartigen Vorgang, so oft er wiederkehrt, gleichmäßig wirksam, und wenn man von seiner Geburt und seinem Tode erzählt, ja wenn er alljährlich neu geboren wird und von neuem stirbt, so ist es doch immer derselbe Gott, mit denselben unabänderlichen Eigenschaften, der immer aufs neue wiederkehrt und immer wieder dasselbe Schicksal erleidet.

51. Nach ihrem Wirkungskreis zerfallen die Götter in zwei, trotz mancher Übergänge scharf geschiedene Gruppen. Die eine besteht aus den universellen göttlichen Mächten, welche gleichmäßig in der gesamten (physischen oder intellektuellen) [99] Welt wirken, vor allem in den kosmischen Erscheinungen wie Himmel und Erde, Licht und Finsternis, Sonne und Mond, zum Teil auch in dem Wechsel der Jahreszeiten, dem Wachsen und Vergehen der Pflanzen und Tiere, dem Geschlechtsleben u.a. – freilich tritt bei diesen letzteren meist die engere Beziehung zu einer bestimmten Menschengruppe dominierend in den Vordergrund. Bei manchen Völkern erwächst daraus der Glaube, daß überhaupt jede Naturerscheinung und jeder Gegenstand der Außenwelt die Manifestation einer Gottheit (d.h. einer als Persönlichkeit und als Seele vorgestellten Kraft) ist, daß also Gott und Welt vollkommen identisch sind und ihre Entstehung eins ist – so bei den Griechen –, während bei anderen Völkern, z.B. bei den Semiten, das lebendige Prinzip von der an sich als unbelebt gedachten Materie, in der die Götter hausen, scharf geschieden wird. – Die zweite Klasse umfaßt alle die Gottheiten, welche auf einen räumlich begrenzten Wirkungskreis beschränkt sind, sei es, daß sie aus einem bestimmten (festen oder beweglichen) Naturobjekt, einem Berg, Quell, Baum, Stein, Tier, oder auch einem von Menschenhand geschaffenen Gegenstand auf die Umgebung wirken, sei es, daß sie mit einem bestimmten menschlichen Verbande (Stamm, Sippe u.s.w.) in untrennbarer Verbindung stehen und in diesem sich dauernd durch ihre Wirksamkeit manifestieren. Die letzteren sind die lebendigen Mächte, die in der Existenz und dem Fortbestehen der Verbandes in die Erscheinung treten und diese erst ermöglichen. Innerhalb des Verbandes kann diese Wirksamkeit ganz universell oder auch auf einzelne Gebiete des menschlichen Daseins (etwa Jagd, Krieg, Fruchtbarkeit, Heilkraft) beschränkt sein; ebenso können sie entweder in einem bestimmten sinnlichen Objekt als ihrem Körper hausend gedacht werden oder auch lediglich in der Vorstellung des Stammes leben, als Geister, sie nur in Ausnahmefällen einmal sich der sinnlichen Wahrnehmung offenbaren. So gehen die beiden Unterabteilungen dieser Klasse vielfach in einander über; doch bleibt im allgemeinen der Unterschied, daß das Machtgebiet [100] der zuerst genannten Gruppe vorwiegend räumlich, das der zweiten dagegen durch den Kreis der zu ihnen gehörenden Verehrer begrenzt ist. Während bei den Geistern des Zauberwesens die Kenntnis des Namens und die dadurch über sie gewonnene Macht meist unentbehrlich ist und die kosmischen Gottheiten nach ihrer Erscheinungsform benannt werden, bedürfen die Gottheiten dieser Klasse eines Eigennamens ursprünglich nicht und haben ihn vielfach erst spät oder auch garnicht entwickelt: für ihre Verehrer genügt es, daß sie als mächtige Wesen vorhanden sind. Will man eine dieser Gottheiten zur Unterscheidung von anderen be stimmt bezeichnen, so benennt man sie nach der Stätte, in der sie haust, nach ihrem Wirkungskreis, oder nach einer charakteristischen Eigenschaft. – Allerdings greifen die Götter der zweiten Klasse in den Machtbereich der ersten vielfach über; nicht selten hat ein Stammgott nicht nur auf Erden seinen Sitz, etwa in einem Stein oder Tier, sondern manifestiert sich zugleich im Himmelsgewölbe oder in der Sonne, schafft Licht und Finsternis und den Wechsel der Jahreszeiten und alles Leben. Das beruht darauf, daß er innerhalb des ihn verehrenden Stammes als Ursache aller diesen betreffenden Geschehnisse gilt und daher auch die ewig gleichbleibenden kosmischen Vorgänge auf ihn zurückgeführt werden; daß sie auch allen übrigen Menschen, die mit diesem Gott in keiner Verbindung stehen, zu gute kommen, hat für die religiöse Vorstellung geringe Bedeutung. Umgekehrt können durch dieselbe Ideenverbindung die universellen Götter der ersten Klasse zu Stammgöttern und damit zugleich zu lokal gebundenen Mächten werden. Diese Vermischungen werden bei fortschreitender religiöser Entwicklung immer häufiger und sind für dieselbe bis auf die Gegenwart von der allergrößten Bedeutung – der universelle Gott des Christentums z.B. gilt zugleich als der spezielle Schutzgott jedes einzelnen Volks oder Staats und wird namentlich in Notfällen, Kriegen u.a. als solcher, als Gott der Deutschen oder Franzosen, nicht als Gott der gesamten Menschheit [101] angerufen. Trotz dieses Ineinanderfließens aber ist der tiefgreifende Unterschied zwischen beiden Götterklassen unverkennbar. Die Götter der ersten existieren als dauernde Wesen durch die ewig gleichartigen Wirkungen, die von ihnen ausgehen (die wir als Naturgesetze bezeichnen), und die Gestalt, in der die meisten von ihnen erscheinen, ist gleichfalls durch die Erfahrung unmittelbar gegeben. Die Götter der zweiten Klasse dagegen gehören an sich zu den Spukgestalten der Geisterwelt, deren göttlicher Charakter nur darin besteht, daß sie durch die, an sich willkürliche, Verknüpfung mit einem dauernden Substrat (Naturobjekten, menschlichen Verbänden, bestimmten immer wiederkehrenden Naturvorgängen oder Wirkungen im Menschenleben) selbst zu dauernden Wesen und damit zu Persönlichkeiten mit bestimmten Eigenschaften geworden sind. Eben dadurch ist es den Menschen möglich, mit ihnen in eine dauernde und festgeregelte Verbindung zu treten, während die durch Zauberriten bewirkte Verbindung mit den Geistern immer nur ephemer ist und die momentane Aktion der magischen Handlung nicht überdauert. Diese dauernde und geregelte Verbindung ist der Kultus; und so läßt sich die Definition der Gottheiten der zweiten Klasse auch dahin formulieren, daß sie Geister sind, die durch die Begründung eines festen Kultus zu dauernden Wesen mit persönlichem Charakter geworden sind.


Der Unterschied zwischen Geistern (Dämonen, Gespenstern, Djinnen u.s.w.) und Göttern kehrt in allen Religionen wieder, und muß scharf erfaßt werden, wenn man zu einem begründeten Verständnis der Religion gelangen will. Trotzdem ist mir ein Versuch einer Definition des Unterschiedes aus der Literatur nicht bekannt; hoffentlich ist es mir gelungen, in den vorstehenden Ausführungen die wesentlichen Momente bestimmt hervorzuheben. Auch des tiefgreifenden Unterschieds zwischen den beiden Götterklassen muß sich der Forscher immer bewußt bleiben. Er tritt sinnfällig überall darin hervor, daß die Götter der ersten Klasse ursprünglich wenig oder gar keinen Kult haben, und doch zweifellos Götter, ja oft die Götter κατ᾽ ἐξοχὴν sind, so der große Geist bei den Indianern, Allah bei den Arabern vor Mohammed, der Sonnengott Re' bei den Aegyptern vor der fünften Dynastie, ebenso der Mondgott Io'ḥ, [102] oder Helios und Selene bei den Griechen u.ä., oder im Christentum Gott der Vater und Gott der heilige Geist; auch bei den Iraniern spielt Ahuramazda, bei den Indern Brahma (Âtman) im Kultus nur eine geringe Rolle. Daher kann der Kultus auch nicht, wie ich lange Zeit geglaubt habe, zum Träger der Definition des Gottesbegriffs gemacht werden; er ist wesentlich nur für die Götter des zweiten Klasse, die in Wahrheit erst durch ihn geschaffen werden. Als das Wesentliche bleibt mithin die lebendige und dauernde Einzelpersönlichkeit, mit der der Mensch rechnen und zu der er in Beziehungen treten kann (die noch nicht Kultus, sondern nur ein Ausdruck des Gefühls persönlicher Abhängigkeit zu sein brauchen). Sie ist auch bei denjenigen Göttern vorhanden, mit denen der Mensch nur bei vereinzelten Gelegenheiten in Verbindung tritt, etwa bei einem Jahrfest oder bei be stimmten Handlungen wie Aussaat und Ernte, oder deren Wirksamkeit er nur bei einem einzelnen Anlaß einmal erkannt hat, wie der Aius Locutius und der Tutanus Rediculus der Römer – die Sondergötter USENERS (Götternamen, 1896) –; denn auch sie werden als dauernde Mächte von bestimmter gleichmäßiger Wirkung [nach der sie durch ihre Eigennamen bezeichnet werden] betrachtet, wenngleich sie diese Wirkung nur ganz vereinzelt üben, und sind daher von den Geistern und Dämonen durchaus wesensverschieden. – Natürlich fehlt es nicht an Übergangsformen zwischen der Geister- und Götterwelt. So sind z.B. die Mächte, welche Verderben, Krankheiten (besonders Epidemien), Tod u.ä. senden, bei vielen Völkern echte Gottheiten, die sogar einen vollen Staatskult entwickeln können; aber bei den Parsen gilt Ahriman, bei den Indern Mâra, in den christlichen Religionen der Teufel nicht als Gott, obwohl diese Wesen alle bestimmt ausgebildete, dauernde Persönlichkeiten sind so gut wie die Götter. Zum Teil wirkt hierbei die Scheu mit, sie mit den guten segenspendenden Mächten völlig auf eine Linie zu stellen; vor allem aber ist maßgebend, daß die Verbindung mit ihnen, obwohl sie unter genau bestimmten Riten dauernd möglich ist, als illegitim und streng verpönt gilt und sie daher auch keinen Kultus entwickeln; so bleiben sie in dem Kreis der Geisterwelt des Zauberwesens. – In ausgebildeten mythologischen Systemen (z.B. den griechischen oder indischen) gibt es auch zahlreiche Wesen, die als Götter anerkannt werden, obwohl sie weder eine kosmische noch eine irdische Funktion, noch einen Kult haben; aber das sind lediglich Füllfiguren des genealogischen Systems, die meist (soweit sie nicht Überbleibsel verschollener Kultgestalten sind) der Persönlichkeit völlig ermangeln.


52. Die Verknüpfung des menschlichen Verbandes mit der Gottheit durch den Kultus ist der vollendetste Ausdruck der Kausalitätsidee, den das mythische Denken erzeugt hat, [103] Dem Kultus liegt, wenngleich meist unbewußt oder nur halbbewußt, die Vorstellung eines Vertragsverhältnisses zu Grunde, das der Verband mit den äußeren Mächten, von denen seine Existenz abhängig ist, geschlossen hat. Durch diesen Vertrag sichern sich beide Teile ihre Dauer und ihr Gedeihen. Denn wie jedes einzelne Mitglied des Verbandes von diesem und von den mächtigen Männern in demselben, vor allem von dem Häuptling, abhängig ist, aber doch diese wiederum dadurch existieren, daß die Masse der Abhängigen ihre Macht anerkennt, so stehen auch Verband und Gott zu einander. Die Verbandsgottheiten schaffen und erhalten die Existenz des Verbandes; aber umgekehrt bestehen auch sie – dadurch unterscheiden sie sich von den kosmischen Mächten der ersten Klasse – nur dadurch, daß sie in dem Verband ihren Körper haben, daß sie von ihm anerkannt und verehrt werden, und daß mit ihm auch sie zu Grunde gehen. Das gelangt im Kultus zu ganz materiellem Ausdruck: die Gottheit erhält eine Ehrengabe von allem Gewinn, der dem Verbande zufällt, sie erhält ihren Anteil an jeder Mahlzeit, da sie Nahrung braucht so gut wie der Mensch, sie wird behandelt wie ein mächtiger Häuptling, dem man Ehrengeschenke bringt und dessen Gnade man, unter genauer Beobachtung seiner Wünsche und Launen, durch demütige Zeremonien zu erhalten sucht. Zürnt sie aus irgend einem Grunde oder auch ohne Grund, sendet sie ihren Verehrern Unheil, so muß man durch gesteigerte Dienste und Gaben ihre Gunst wieder zu gewinnen streben: da fehlt es dann nicht an grausigen Zeremonien, Selbstverstümmelungen und Menschenopfern. Denn gutartige Wesen sind wenigstens weitaus die meisten Götter so wenig wie die Häuptlinge und Despoten, wohl aber mächtig, und deshalb unentbehrlich. Oft lechzen sie nach Blut, an dem sie sich ersättigen wollen, und wehe dem, der ihnen dann in den Weg kommt! Daher schlachtet man ihnen Scharen gefangener Feinde, oft unter furchtbaren Martern, an denen sie ihre Augenweide haben, und bringt ihnen ganze Herden von Tieren als Opfer dar; man besänftigt ihren Zorn durch Opferung von Stammesgenossen, [104] ja des eigenen Kindes. Bei solchen Zeremonien ist allen Mitteln des Zauberwesens das Tor geöffnet – gerade in dem Opferwesen und der Schlachtung der Feinde spielt der magische Gedanke eine große Rolle, daß man die Seelenkräfte eines fremden Wesens (des Tieres oder Feindes) sich dadurch aneignen kann, daß man es verschlingt oder sein Blut als den Sitz der Seele trinkt, ferner die Vorstellung, daß durch das Mahl (oder den Trunk) eine Gemeinschaft wie zwischen den Menschen (auch den Stammgenossen und dem fremden Gast), so auch zwischen Menschen und Gott hergestellt wird und daß speziell das Opferblut die Kommunion unlösbar macht; auch geschlechtliche Orgien können da, wo die Gottheit sich vor allem im Geschlechtsleben manifestiert, eine solche Kommunion schaffen. Außer den Religionen der Indianer und Neger sind z.B. die semitischen, vor allem die Jahwereligion, voll von solchen Vorstellungen, die auch in der christlichen Kommunion noch fortleben. Mit diesen mythischen Vorstellungen verbinden sich dann oft in sehr grotesker Weise die nüchternen Tatsachen des realen Lebens, z.B., daß die Gottheit nun doch einmal keine Nahrung zu sich nehmen kann und sich daher mit denjenigen Teilen des Tieres, die der Mensch nicht essen kann, und die ihr durch Feuer als Opferdampf zugeführt werden, oder auch nur mit dem bloßen Anschauen der ihr hingestellten Speisen, die dann die Priester verzehren, begnügen muß (so bei den Aegyptern, die Brandopfer nicht kennen; auch bei den Semiten sind sie sekundär, dagegen wird bei diesen das Blut des Opfertieres für die Gottheit auf die Erde gegossen oder an ihren heiligen Stein geschmiert). Ein großes Opferfest, z.B. die griechischen Hekatomben, ist oft tatsächlich nichts als ein Volksfest, bei dem die Gesamtheit der Verbandsgenossen sich gütlich tun kann und an das sich ein Jahrmarkt anschließt; die religiöse Motivierung ist lediglich äußere Einkleidung. Ebenso sind die sakralen Bluttaten oft genug nur ein Ausdruck des Volkscharakters und menschlicher Feindschaft, mit starken (bewußten oder unbewußten) politischen Motiven, so oft andrerseits [105] die Religion den Menschen zu den furchtbarsten Verbrechen nicht nur den Vorwand, sondern wirklich den Anlaß gegeben hat. – Als letztes Mittel gegen eine renitente Gottheit bleibt, wenn alle anderen Zaubermittel versagen, der direkte Zwang, der in primitiven Kulten oft in der naivsten Weise geübt wird. Umbringen freilich kann man sie nicht, wie einen unfähigen oder bösartigen Häuptling, wohl aber sie absetzen; die Vorstellung, daß die fremden Götter mächtiger sind als die eigenen, und eine weitere Verehrung der letzteren daher nicht mehr lohnt, spielt wie bei der friedlichen Ausbreitung eines Kultus über fremde Gebiete so auch bei allen durch einen Staatsakt durchgeführten Religionswechseln die entscheidende Rolle.

53. Die untrennbare Verbindung und innere Einheit des menschlichen Verbandes (Stamm, Clan oder Sippe, Brüderschaft, Geschlecht, Familie) mit den Kultgottheiten beherrscht alle religiösen Vorstellungen und alle Religionsübung. Oft sind es zahlreiche Götter, die von dem Verbande verehrt werden und auf die sich die einzelnen Wirkungen der Außenwelt und der Naturkräfte verteilen; sie werden dann in einen gewissen, freilich durchaus nicht widerspruchslosen Zusammenhang, ein mythologisches System gebracht. Wenn mehrere Stämme sich zu der Einheit eines Volks zusammenschließen oder auch nur dauernd auf einander einwirken, mehrt sich die Zahl der Götter beträchtlich. Aber auch wo das Pantheon eines Stammes groß ist, tritt doch ein Gott immer besonders hervor als der eigentliche Schutzgott, der unmittelbar mit ihm verwachsen ist – höchstens daß in seinem Gebiet noch mehrere Kultusstätten lokaler Mächte liegen, die im Bereich ihres Wohnsitzes ihn in den Schatten stellen. Dieser Gott kann die übrigen so sehr an Bedeutung überragen, daß diese kaum noch in Betracht kommen, daß, wie vielfach bei den semitischen Stämmen, man lediglich von dem Gotte spricht, ohne sich um seine untergeordneten Genossen und Diener zu kümmern. Sein Name, wenn er einen erhält, ist nicht selten mit dem des Stammes (oder kleineren Verbandes) identisch, [106] ohne daß man von einer Priorität auf dem einen oder dem anderen Gebiet sprechen könnte: beide sind eben untrennbar und treten gleichzeitig in die Erscheinung. Die Menschen des Verbandes sind von diesen Göttern geschaffen, gewöhnlich (doch keineswegs ausschließlich) auf dem für das mythische Denken nächstliegenden Weg der Zeugung; sie gelten daher als die Ahnen des Verbandes (vgl. § 13) – eine besonders verfehlte moderne Theorie, die zeitweilig zu großem Ansehen gelangt ist, sucht daher im Ahnenkult die Wurzel der Gottesvorstellung und aller Religion überhaupt. Durchweg ist im Götterkult die Verbindung zwischen Gottheit und Verband das Dominierende; der einzelne Mensch tritt – ganz anders als im Zauberwesen – mit den Göttern nur dadurch und nur insoweit in Beziehung, als er Midglied eines diese Götter verehrenden Verbandes ist. Die Individualisierung der Religion und die Annahme fremder Kulte durch Einzelne, aus freiem Willen, gehört überall erst einem weit fortgeschrittenen Kulturstadium an. Dagegen stehen eben so selbstverständlich die Träger der Staatsgewalt immer in unmittelbarem Verkehr mit der Gottheit; denn in ihnen, vor allem im Königtum, faßt sich die Gesamtheit zu einer individuellen Einheit zusammen, und alles, was sie betrifft, affiziert unmittelbar die Gesamtheit und darum auch die in dieser lebenden Götter.

54. Wie alle Geister, haben auch die Götter einen geistigen Körper, mit dem sie sich frei und unsichtbar überall hin bewegen können; außerdem aber sind sie entweder dauernd mit einem materiellen Körper verbunden (wie die Götter der Lichtkörper) oder nehmen wenigstens zeitweise in einem solchen ihren Wohnsitz. Sehr oft ist dieser Körper ein Gegenstand der Natur, der fest an eine Örtlichkeit gebunden ist, sei es, daß er der leblosen Natur angehört, wie ein Berg, ein Fels, ein am Wege stehender Stein, ein Erdhügel – mag nun der Mensch durch die Zeichen, welche die Gottheit gibt, erkundet haben, daß sie in diesem Objekt haust, oder mag sie im Blitz in ihn hinabfahren oder ein Meteor vom Himmel herabsenden – sei es, daß er ein eigenes, immer reges [107] Leben zeigt, wie ein Baum, ein Quell, ein Fluß, oder auch das Meer. Diese Götter sind also lokale Mächte, deren Wirkungskreis räumlich beschränkt ist, wenn sie auch oft weit über die nächste Umgebung hinausgreifen und als geistige Wesen ihren Wohnsitz zeitweilig verlassen, mit ihrem Stamm umherziehen oder ihm in der Not, z.B. in der Schlacht, zu Hilfe eilen können, wie der Jahwe des Sinaivulkans den Israeliten. Aber der Mensch kann ihnen auch einen derartigen Wohnsitz erst selbst schaffen: er pflanzt einen Baum, er richtet einen Steinkegel (Maṣṣeba) oder einen Steinhaufen (Hermes) auf, oder auch einen entlaubten Baumstamm, einen Pfahl (ašera) oder ein Brett, oder das geweihte Brot, die Hostie, und darin haust jetzt die Gottheit. Manche dieser Objekte von Stein und Holz sind nicht an eine Lokalität gefesselt; dann kann man die Gottheit mit sich führen und ständig ihren Willen erkunden und auch beeinflussen. Vielleicht noch verbreiteter ist der Glaube, daß die Götter in Tieren ihren Wohnsitz haben. Die Tiere sind lebendige Wesen, die eine willensstarke Seele haben wie der Mensch; nur sind sie nicht nur an Kraft dem Menschen vielfach überlegen, sondern vor allem viel geheimnisvoller, unberechenbarer, und dabei zugleich durch ihren Instinkt viel sicherer und zielbewußter in ihrem Auftreten als der Mensch: sie wissen vieles, was der Mensch nicht weiß. Daher sind sie für die primitive Anschauung recht eigentlich der Sitz geheimnisvoller göttlicher Mächte. Auch Geister (Dämonen) fahren oft in ein Tier (oder einen Menschen) und wirken aus ihm. Der Unterschied besteht auch hier darin, daß die Einwirkung des Geistes und des Zaubers nur vorübergehend ist, sie daher auch durch Zauber aus ihm entfernt werden können, die Verbindung des Gottes mit dem Tier dagegen dauernd, so daß seine Charaktereigenschaften, böse (schädliche) wie gute (nützliche) in diesem Tiere zu Tage treten. Diesen Anschauungen steht die Tatsache entgegen, daß die Menschen die Tiere bekämpfen, jagen und töten, verzehren oder sonst als Haustiere sich nutzbar machen; aber den logischen Widerspruch, der darin liegt, empfindet man[108] nicht, sondern lebt mit den Tieren ebenso in Gemeinschaft, bald friedlich bald feindlich, wie mit den eigenen Stammgenossen und den Stammfremden. Daher ist die Heiligkeit, der göttliche Charakter, der ganzen Tiergattung gemeinsam, in deren Gestalt ein Gott erscheint; als sein Sitz und daher als unantastbar und als Objekt des Kultus gilt aber ein einzelnes Exemplar dieser Gattung, und wenn es stirbt, geht der Gott sofort in ein anderes (meist an bestimmten Zeichen erkennbares) Exemplar über, das fortan, bis zu seinem Tode, seinen Körper bildet. Nicht anders ist es aufzufassen, wenn in manchen, zum Teil hochentwickelten Religionen, wie im tibetischen Buddhismus, ein Mensch als Inkarnation der Gottheit gilt. In besonderer Weise entwickelt ist diese Vorstellung, wenn in absoluten Monarchien der König ein Gott ist und seine Göttlichkeit im Moment des Thronwechsels auf seinen Nachfolger übergeht; hier ist die Kluft zwischen den Untertanen und dem Herrscher so groß geworden, und sie fühlen sich von seinem Willen und seinen Launen so völlig abhängig, daß sie ihn nur als die irdische Erscheinung eines Gottes zu begreifen vermögen.

55. Mit den tiergestaltigen Göttern leben die Menschen in besonders enger Gemeinschaft. Hier können sich daher die Versuche, mit den Göttern in unmittelbare Verbindung zu treten und durch Zauber der magischen Kraft der Wesen der Geisterwelt teilhaftig zu werden, am stärksten entwickeln. Die Bekleidung mit Tierfellen, die Umgürtung mit dem Schwanz eines Wolfs oder eines Löwen bei den ältesten Aegyptern oder die Schlange am Haupte der aegyptischen Könige, die Verwendung von Tiermasken u.ä. dienen diesen Zwecken, besonders im Kriege, wo man die magischen Kräfte und die göttliche Macht am stärksten braucht. Auch die Vorstellung, daß die menschlichen Seelen nach dem Tode Tiergestalt annehmen und so in das Gefolge des Stammgottes eintreten, ist weit verbreitet. Der Gott des Stamms oder der Sippe, als Ahne des Stamms (§ 53), hat in Tiergestalt die ältesten Menschen erzeugt, die Tiere seiner Gattung sind ihre nächsten [109] Verwandten, nach ihnen erhält der Stamm seinen Namen. Das ist der sogenannte Totemismus (benannt nach einem Wort der Irokesen, bei denen diese Vorstellungen besonders entwickelt sind), in dem, in vollkommener Verkennung der wirklichen Tatsachen und der ihnen zu Grunde liegenden Vorstellungen, so viele Ethnologen und Religionshistoriker die Wurzel und die älteste Gestalt der Religion gesucht haben. In Wirklichkeit entsteht die Gottheit nicht aus dem Tierkult, geschweige denn aus dem Glauben, daß die Seelen der Vorfahren in den Tieren weiter leben, sondern umgekehrt der Tierkult aus dem Bewußtsein der Abhängigkeit von lebendigen, seelischen Mächten, die sich irgendwie in Naturobjekten verkörpern und sinnlich erkennbar machen müssen. Daher steht denn auch überall neben dem Tierkult die Verehrung von Göttern in Stein und Baum und anderen sinnlichen Objekten und dahinter der vollentwickelte Geisterglaube, und die Menschen stammen ebensowohl wie vom Tier auch vom Baum und Fels, nicht nur bei den Griechen, sondern auch z.B. bei den Indianern [auch bei den Israeliten]. Im übrigen ist bei der Annahme spezifisch totemistischer Vorstellungen ganz besondere Vorsicht geboten. Denn daneben steht überall der Brauch, daß Menschen und Stämme sich nach Tieren benennen, ohne daß damit der mindeste Kult des betreffenden Tieres verbunden wäre; sehr oft sind diese Namen vielmehr Spottnamen, die an körperliche oder sittliche Gebrechen, auffallende, namentlich komisch wirkende Eigenschaften u.ä. anknüpfen, in anderen Fällen Ehrennamen, die in dem betreffenden Mann oder Stamm die Kraft, den Kampfesmut des Tieres erkennen oder sie ihm erwünschen. Das kann dann dazu führen, daß man sich in der Tat mit dieser Tiergattung enger verbunden fühlt, ohne daß daraus jedoch ein Kultus oder der Glaube an eine reale Verwandtschaft mit ihr entstände – es sei denn, daß dieser vielleicht einmal in einem Märchen oder einem bedeutungslosen Mythus zum Ausdruck käme. Auch die Totems, die mit einem Tierbild oder einem phantastischen Wesen in Tiergestalt, doch oft auch mit Pflanzen, [110] Steinen, Waffen u. ä: geschmückten Pfähle und Standarten, sind oft genug lediglich Stammabzeichen, an die ein Kult keineswegs notwendig anknüpft, wenn sie auch oft als Bilder des Stammgottes (und darum auch des göttlichen Ahnen) gelten.


Die totemistische Theorie postuliert, daß diejenigen Tiere, welche als heilig und als Ahnen gelten, von den Menschen nicht getötet und gegessen werden sollen; aber gerade das Umgekehrte ist der Fall: eben die Tiere, die nicht gegessen werden (wie das Schwein bei den Semiten und Kleinasiaten u.s.w.), sind auch nicht heilig, sondern unrein, sie werden verabscheut als ganz und gar ungöttliche Wesen (eventuell als Erscheinungsform der Feinde der Götter). Dagegen kommen ihre Namen auch hier als Namen von Stämmen, Geschlechtern und Personen vor. – Weiteres gegen den Totemismus § 62.


56. Die Verbindung der Götter mit einem (lebendigen oder leblosen) Körper hebt ihre Bewegungsfreiheit und ihren geistigen, dem gewöhnlichen Auge unsichtbaren Leib nicht auf, selbst nicht bei den kosmischen Mächten wie Himmel, Sonne und Mond. Daher können sie mehrere Leiber haben, in denen sie zeitweilig, und tatsächlich oft genug gleichzeitig, erscheinen. Das ist für den Menschen von der höchsten Bedeutung; denn er wünscht den Gott überall da zu haben, wo er ihn braucht, und er kann auf ihn nur da einwirken, wo er ihn in einem Objekt oder wenigstens mittels eines Objekts sinnlich fassen kann. So erklären sich die heiligen Steine, Balken, Bretter u.ä., in denen der Stamm oder das Geschlecht seine Götter mit sich führt und die er dann mit Kleidung und Schmuck behängt, so die Thronsitze (beweglich oder unbeweglich), die ihnen errichtet werden, und auf denen sie in ihrer geistigen Gestalt inmitten ihrer Verehrer Platz nehmen wie der Häuptling. Sehr gewöhnlich ist der Versuch, auch diesen geistigen Leib sinnlich zu verkörpern. Trotz aller äußeren Gestalten, die der Gott annimmt, denkt man sich diesen seinen eigentlichen Körper doch im Grunde immer in Menschengestalt – denn die Seele, die wirkende Willenskraft, entstammt ja dem Inneren des Menschen selbst und wird daher als ein Abbild des Menschenleibes gedacht –, nur weit furchtbarer und mächtiger als diese. Wo die Gottheit sich in Tiergestalt [111] offenbart und deren Eigenschaften hat, treten die tierischen Züge hinzu; daher die überall vorkommenden Mischgestalten der Götter: Tiere mit Menschenkopf oder Menschen mit Tierkopf, dazu zahlreiche Attribute, die meist der Erscheinung des Häuptlings oder Königs entlehnt sind. Die Verbindung mehrerer Tiere, die Erfindung phantastischer Mischwesen ist für Götter sehr selten, dagegen um so häufiger bei den Dämonen der Geisterwelt (die dann oft zu Dienern der Götter werden). Diese Gestalten sucht der Mensch nachzuahmen; er bildet nach ihnen den Stein oder das Holz, in dem er die Gottheit verehrt, oder knetet Götterfiguren von Ton. So entstehen die Götterbilder. Alle diese von Menschenhand geschaffenen Kultobjekte werden unter dem Namen der Fetische zusammengefaßt. Dabei hat man sich aber von dem, seit den israelitischen Propheten immer wiederkehrenden Mißverständnis zu hüten, als verehre der Mensch jemals wirklich Stein und Holz oder Ton oder das Werk seiner Kunst. Alle diese Objekte sind nur Leiber, die er den Göttern schafft, und die an Stelle oder neben die Tiere, Bäume, Steine der Natur treten; die Gottheit ist immer das geistige Wesen, die Seele, die in ihnen ihren Wohnsitz genommen hat. – Auf diese Weise erhält ein Gott immer zahlreichere Erscheinungsformen und Kultobjekte. Das kann zu einer Zersplitterung seiner ursprünglichen Einheit, zur Entstehung zahlreicher von einander abweichender Sonderkulte führen. In der Regel aber bleibt die Einheit der Person trotz der Vielheit der Erscheinungen wenigstens in der Idee erhalten. Die uns geläufige Art, wie in den christlichen Religionen die Götter in unzähligen Hostien und Heiligenbildern verehrt werden und daraus gar nicht selten rivalisierende Sonderkulte entstanden sind, während die Theorie, und in weitem Umfang auch der Volksglaube, dabei doch die Einheit des betreffenden Gottes oder Heiligen festhält, ist in nichts von den Vorstellungen verschieden, welche auf diesem Gebiet schon bei den primitivsten Menschen geherrscht haben. Die Gottheit ist für den Kultus eben immer zugleich ein sinnliches und ein übersinnliches Wesen.

[112] 57. So verschieden wie Ursprung, Gestalt und Wirkungskreis der einzelnen Götter, sind auch die Art ihrer Betätigung und die Schicksale, die ihnen widerfahren. In dem eigentlichen Stammgott (oder dem Gott eines kleineren Verbandes) dominiert das beharrende Moment, die ewig gleiche beschirmende Wirkung; und so unheimlich, so blutgierig und grausam er sein mag, den ihm verbundenen Stammgenossen tritt doch seine segensreiche Wirkung durchaus in den Vordergrund; bei vielen Völkern sind die Götter daher vorwiegend freundliche, milde, stets hilfsbereite Wesen. Umgekehrt sind die Mächte, die Tod und Krankheit, Unfruchtbarkeit und Dürre senden und die in wilden Tieren hausen, stets bösartige Wesen, wenn es auch gelingen mag, sie durch die Zauberkraft des Kultus, einigermaßen zu bändigen und auch von ihnen segensreiche Wirkungen zu gewinnen – so in vielen Tierkulten der Aegypter. Am mannigfaltigsten aber gestalten sich die Vorstellungen bei denjenigen Göttern, welche im Leben der Natur ihre Wirkung offenbaren, namentlich in der Pflanzenwelt und in dem Wechsel der Jahreszeiten. Hier hat das mythische Denken den freiesten Spielraum, und die schöpferische Phantasie gestaltet dessen Gebilde aus und sucht für die Vorgänge überall Erklärungen und Motive, oft der naivsten Art. Diese Gottheiten werden geboren und sterben mit der Natur, oder sie wandern aus und kehren wieder, oder sie hausen als Geister im Grabe und in den Erdtiefen und senden dann von hier aus, wenn die Pflanzen sprießen, Offenbarungen ihres magischen Fortlebens, wie Osiris bei den Aegyptern und Persephone bei den Griechen, oder der kretische Zeus. Die Menschen suchen ihnen zu helfen, sie stehen dem neugeborenen Gott gegen die feindlichen Mächte bei mit Waffentänzen und Geschrei; sie feiern seinen Einzug und die volle Blüte seiner Macht mit Freudenfesten, sie beklagen seinen Tod oder sein Verschwinden in Trauerfeiern, sie suchen seine Seele zu retten für die Wiedergeburt im nächsten Jahr. So werden die Schicksale des Gottes das ganze Jahr hindurch von den Menschen miterlebt und oft in dramatischen Darstellungen anschaulich vorgeführt. [113] Zu ihrer Erklärung dient die heilige Geschichte, der ausgebildete Mythus im engeren Sinne; er entspringt immer aus den Kultushandlungen (den δρώμενα), die er erläutern und motivieren will. Der ursprüngliche Sinn, aus dem er erwachsen ist, wird oft völlig unverständlich; aber er wird von Generation zu Generation weiter überliefert, ebenso wie die Kulthandlungen immer von neuem begangen werden. Dann setzt sich der Mythus um in eine Erzählung von einem Vorgang, der sich in der Urzeit einmal abgespielt hat, und der Festritus in eine Erinnerungsfeier. Solche Erzählungen können dann als interessante Geschichten von Stamm zu Stamm, ja von Volk zu Volk wandern, zu Menschen, die den Gott und den Kultus nicht mehr kennen; aber auch für die Verehrer selbst kann bei fortschreitender Kultur der Gott; durch diesen Prozeß seiner Göttlichkeit völlig entkleidet und zu einem sterblichen Menschen (einem König oder Helden) werden, der nur in der Erinnerung und in den Festbräuchen fortlebt. Auf diese Weise ist die griechische und jede ähnliche Heldensage entstanden. Ebenso wird z.B. bei den Indern der Feuergott immer von neuem gezeugt oder tritt wenigstens immer von neuem in die Erscheinung, wo ein Feuer entzündet wird, und lebt und stirbt mit der lodernden Flamme. Auch an die Schicksale der Himmelskörper setzen gleichartige Kulte und Erzählungen an, namentlich an die Verfinsterungen von Sonne und Mond, auch an die Mondphasen und den Sonnenlauf, ferner an das Gewitter. Aber es war ein schwerer Mißgriff, wenn die sogenannte vergleichende Mythologie in derartigen Vorgängen die Wurzel aller Mythen und Kulte und womöglich aller Religion suchte, Ideen, die gegenwärtig in den Phantastereien der Verkünder der »babylonischen« (oder gar »orientalischen«) »Weltanschauung« und der »Astralreligion« nochmals repristiniert werden, nachdem sie von der Wissenschaft längst überwunden sind. Die Vorgänge des irdischen Naturlebens stehen dem primitiven Menschen viel näher und spielen daher eine viel größere Rolle als die Vorgänge am Himmel. Erst in fortgeschrittenen Religionen treten diese in den Vordergrund; [114] und daher werden alsdann sehr oft alte Mythen in himmlische Vorgänge umgesetzt oder auf solche gedeutet, ebenso wie die irdischen Götter in diesem Stadium immer mehr in Beziehung zum Himmel treten und sich oft ganz in Himmels- und Lichtgötter umsetzen (so z.B. in Aegypten). Auch auf diesem Gebiet aber bestehen die mannigfachsten Anschauungen und Kultbräuche nebeneinander und kreuzen und beeinflussen sich fortwährend; nichts wäre verkehrter, als hier Einheitlichkeit und systematische Ordnung zu erwarten. Das Interesse haftet immer am Einzelvorgang, und auch da nur so weit, wie er den Menschen affiziert und unmittelbar interessiert. Für diesen sucht der Kultbrauch ein helfendes Mittel und das mythische Denken eine Erklärung, die den Vorgang begreiflich macht: ist dies Bedürfnis befriedigt, so hört auch das Interesse auf.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 71965, Bd. 1/1, S. 99-115.
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