Das älteste unteraegyptische Reich. Die religiöse Entwicklung. Der Kalender

[104] 193. Wie weit der Machtbereich der alten Könige Unteraegyptens sich erstreckt haben mag, darüber ist zur Zeit noch keine Vermutung möglich; doch haben wohl zweifellos neben ihnen andere Reiche im Niltal bestanden. Die dominierende Stellung Unteraegyptens in den Anfängen der aegyptischen Geschichte ist in der Religion noch deutlich erkennbar. Die meisten Kulte, welche universelle Bedeutung für ganz Aegypten gewonnen haben, die Ordnung des Göttersystems und der heiligen Geschichte, und die Theologie haben hier ihre Heimat; die Stadt On (Heliopolis) am Eingang des Delta, und daneben Busiris im Zentrum desselben bilden ihre Ausgangspunkte. Wir haben schon gesehen, daß in Heliopolis der Lokalgott Atumu mit dem Götterkönig Rê' identifiziert wurde (§ 188). Sein Erzeuger ist das Urgewässer Nunu, sein Sohn der Luftgott Šow, der ihm die Himmelskuh aufgerichtet hat und mit seinen Armen stützt. Daran schließt der Götterkreis von Busiris: Osiris ist der Sohn des Erdgottes Gêb und der Himmelsgöttin Nut, diese werden zu Söhnen des Šow und der Tefênet, und dem Osiris treten seine Geschwister Isis, die Mutter des jungen Horus, des Rächers seines Vaters, sowie Sêth und Nephthys zur Seite. Da Nunu nicht mitgezählt wird und Atumu keine Gemahlin hat, sondern seine Kinder durch Selbstbegattung zeugt, Horus der Sohn der Isis aber in diesem System nicht mehr zu den großen ursprünglichen Göttern gehört, entsteht so ein Kreis von neun Göttern mit Atumu (= Rê') an der Spitze, die »große Götterneunheit von On«, die in ganz Aegypten als [104] der Kreis der großen kosmischen Hauptgötter anerkannt wird-nur daß die großen späteren Metropolen des Reichs versucht haben, ihre eigenen Götter in denselben einzudrängen, Memphis den Ptaḥ, Theben den Amon.


Während ERMAN, Aegypten S. 32f., dem ich in der Geschichte Aegyptens gefolgt bin, die Städte und Kulte des Delta für jünger hielt als die oberaegyptischen, hat MASPERO (§ 178 A.) gezeigt, daß der Osiriskult vielmehr von Busiris ausgegangen ist, und Bedeutung und Entstehung der Enneade von Heliopolis eingehend analysiert. Ihr Bestand wird Pyr. Merenrê' 205 = Neferkerê' 665 und sonst oft aufgezählt: Atumu, Šow, Tefênet, Gêb, Nut, Osiris, Isis, Sêth, Nephthys. Die Verbindung und Ausgleichung ursprünglich verschiedener Elemente ergibt sich dadurch, daß Nunu der Vater des Sonnengotts und Nut die Mutter des Osiris Varianten desselben Grundbegriffs sind und daher Nut auch Mutter des Rê' ist (§ 187); und auch Isis ist Himmelsgöttin. Ferner sind Erde und Himmel Kinder des Luftgotts, weil dieser in der Sage von der Aufrichtung der Himmelskuh schon Sohn des Rê' war; für den Mythus von Gêb und Nut wäre dagegen der natürliche Fortschritt, daß Šow, der ihre ursprüngliche Verbindung zerreißt, vielmehr ihr Sohn wäre. Sehr bezeichnend ist auch, daß Horus nicht zur Enneade gehört, wie er denn auch als Sonnengott neben Atum-Rê' keinen Platz hat; auch er ist deutlich ein späterer Eindringling. [Im übrigen vgl. jetzt SETHE, ÄZ. 44, 26, 2.]


194. Von den Kultusstädten Oberaegyptens haben in alter Zeit nur zwei allgemeine Bedeutung gewonnen, die beide dem nördlichen Drittel des langgestreckten Niltals angehören und offenbar mit Unteraegypten in naher Beziehung standen: Ḥenensu (Ahnâs, Herakleopolis) oberhalb des Faijûm, und weiter stromaufwärts, im Hasengau, Chmunu (Ešmunein, Hermopolis). An beiden Orten soll Rê' zuerst aus dem Urwasser aufgetaucht sein (§ 187); beim Tempel von Herakleopolis hat Horus den Sêth und seine Genossen besiegt (vgl. § 199) – Sêth ist der Gott des südlich angrenzenden Sceptergaus von Oxyrynchos. Die von der heliopolitanischen völlig unabhängige Kosmogonie von Hermopolis und seinen Gott Thout haben wir schon kennen gelernt (§ 187). Diese Lehre ist immer lokal geblieben; im übrigen aber haben die beiden Vorstellungskreise sich vielfach vermischt. So wird [105] die Aufrichtung des Firmaments durch die Erhebung des Šow nach Hermopolis verlegt, während Thout als der ordnende und vermittelnde Gott überall in die Sagen von den Götterkämpfen eingeführt wird. Er ist der Vezir des Rê'; er versöhnt die Brüder Horus und Sêth, heilt ihre Wunden durch den Speichel seines Mundes, teilt die Erde unter ihre Herrschaft; er ist der Anwalt des Horus, des Sohns des Osiris, und des Osiris selbst in ihrem Prozeß gegen Sêth um die Erbschaft des Gêb, der vor dem Gerichtshof der großen Götterneunheit von Heliopolis verhandelt wird, und »verhilft seiner Rede zum Recht« (sma'a chru-f), so daß Horus König wird; er folgt diesem in der Herrschaft, und nach ihm seine Gemahlin, die Rechtsgöttin Ma'at.

195. Die wichtigste Kulturerrungenschaft, die aus dem alten unteraegyptischen Reich stammt, und die zugleich unsere bisherigen Ergebnisse bestätigt und chronologisch festlegt, ist der Kalender. Daß die Aegypter die Zeit ursprünglich nach Monden von abwechselnd 29 und 30 Tagen gerechnet haben, kann nicht zweifelhaft sein; die Nachwirkung davon hat sich sowohl in der Feier der Mondfeste wie in dem Namen »Monat« (eboṭ) als Unterabteilung des Jahres erhalten. Aber für ein ackerbautreibendes Volk hat der Sonnenlauf und der regelmäßige Wechsel der Jahreszeiten viel größere Bedeutung, während der Mond, so sehr seine wechselnden Gestalten die Phantasie und den Aberglauben fesseln mögen, im praktischen Leben überhaupt keine Rolle spielt. Zu einem festen Sonnenjahr und damit zu einer Datierung der landwirtschaftlichen Arbeiten im Kalender ist indessen vom Mondmonat aus überhaupt nicht zu gelangen, sondern nur zu einem schwankenden Jahr von abwechselnd 12 und 13 Monaten (354-384 Tagen), das durch fortwährende Schaltungen reguliert werden muß. Das werden die Aegypter auch versucht haben; dabei sind aber Verwirrungen und Unregelmäßigkeiten kaum zu vermeiden, so daß ein derartiger Kalender weder den Ansprüchen der Sonne noch denen des Mondes zu entsprechen vermag (§ 137f.). Das hat dazu geführt, daß die Aegypter den [106] kühnen Schritt getan haben, für den Kalender auf die Berücksichtigung des Mondes überhaupt zu verzichten und zu einem reinen Sonnenjahr überzugehen-richtiger sollte man vielleicht sagen, zu einem landwirtschaftlichen Jahre von gleichbleibender Länge. Einen festen Anhalt besaßen sie dafür in dem großen Regulator des aegyptischen Lebens, der Nilüberschwemmung, von der der Gang aller Feldarbeiten abhängt. Durch sie wird das Jahr in drei gleich lange Jahreszeiten geteilt: Überschwemmungszeit, echet, Mitte Juni bis Mitte Oktober gregorianisch (d.h. nach dem gegenwärtigen Stande unserer Monate zur Sonne); Aussaat oder Winter, prôjet, Mitte Oktober bis Anfang Februar; Ernte oder Sommer, šomu, Mitte Februar bis Juni. Das erste Anschwellen des Nils nach dem tiefsten Stande, den er im Mai erreicht hat, ist neun Jahrtausende lang zusammengefallen mit dem ersten Wiedererscheinen des Siriussterns, aegyptisch Sopṭet Sôthis, in der Morgendämmerung, dem sogenannten Frühaufgang des Sirius, der während des ganzen Verlaufs der nationalen aegyptischen Geschichte, bis tief ins erste Jahrtausend v. Chr. hinab, in der Breite von Memphis und Heliopolis julianisch auf den 19. Juli, gregorianisch also im 43. Jahrhundert v. Chr. auf den 15. Juni fiel. Dieser Tag galt daher für den Anfangstag der Überschwemmungszeit, mit ihm begann der neue Kalender. Von hier ab werden in den drei Jahreszeiten je vier gleich lange Monate zu 30 Tagen gezählt; jede Beziehung des Monats zum Monde ist mithin aufgegeben. Daß das Sonnenjahr ungefähr 365 Tage umfaßte, mußte man längst beobachtet haben; man schiebt also regelmäßig zwischen je zwei zwölfmonatliche Jahre noch fünf Zusatztage (Epagomenen) ein, die offiziell wie außerhalb der Monate so auch außerhalb des Jahres stehen (vgl. § 159).

196. Die Voraussetzung, daß das so gewonnene Jahr von 365 Tagen mit dem wahren Sonnenjahr identisch sei, ist bekanntlich nicht zutreffend. Vielmehr erfolgte bereits nach Ablauf von vier Jahren der Frühaufgang des Sirius erst am zweiten Tage des Jahres, und verschob sich von da an alle [107] vier Jahre weiter um einen Tag. Trotzdem hat man den Kalender nicht wieder geändert: man wollte sich der Gefahr einer Kalenderverwirrung durch neue Schaltungen nicht wieder aussetzen. Überdies erfolgt die Verschiebung so langsam und so regelmäßig, daß der Mißstand sich im Leben des Einzelnen und einer Generation kaum bemerklich macht. Wohl aber verschoben sich auf diese Weise im Laufe der Jahrhunderte der Jahresanfang und die »Jahreszeiten« des Kalenders gegen den Siriusaufgang, die Nilüberschwemmung und die wahre Lage der Jahreszeiten durch das ganze Sonnenjahr hindurch; auch die Jahreszeiten des Kalenders lösten sich daher eben so vollständig von ihrer natürlichen Grundlage ab und wurden zu rein willkürlichen Unterabteilungen des Kalenderjahrs wie die Monate. Erst nach 1461 bürgerlichen Jahren kehrte das Siriusfest, das heilige Neujahrsfest, wieder für vier Jahre auf den bürgerlichen Neujahrstag zurück; so ergibt sich die Gleichung 1461 bürgerliche Wandeljahre von 365 Tagen = 1460 Sirius- oder julianischen Jahren von 36511/4 Tagen. Das wahre (gregorianische) Sonnenjahr ist freilich auch mit letzterem nicht erreicht, sondern ist bekanntlich etwas kürzer. Aber teils durch die Praecession der Nachtgleichen, teils durch seine Eigenbewegung hat sich inzwischen auch der Siriusaufgang gegen das wahre Sonnenjahr in derselben Weise verschoben wie das julianische Jahr; der Siriusaufgang ist eben Jahrtausende lang auf dasselbe julianische Datum, in Memphis den 19. Juli, gefallen9, rückte aber eben darum im wahren Sonnenjahr immer weiter vor10. So erklärt es sich, daß die Aegypter glauben konnten, mit dem Siriusjahr von 3651/4 Tagen-das aber immer nur in der Theorie, nicht in der Praxis bestand, und lediglich in der vierjährigen [108] Verschiebung des »Neujahrs –« oder Siriusfestes in die Erscheinung trat-das wahre Sonnenjahr gefunden zu haben.

197. Es liegt auf der Hand, daß der aegyptische Kalender nur in einem Jahr eingeführt sein kann, in dem der bürgerliche Neujahrstag (nach späterer Bezeichnung der 1. Thout) auf den Tag des Siriusaufgangs, den 19. Juli julianisch, gefallen ist. Das ist in den Jahren 4241/0-4238/7, 2781/0 bis 2778/7, 1321/0-1318/7 v. Chr. und 140/1 –143/4 n. Chr. der Fall gewesen. Nun finden wir unter der vierten Dynastie, die um 2840 v. Chr. auf den Thron gekommen ist, den aegyptischen Kalender und die fünf Epagomenen, auf denen seine Eigenart beruht, bereits in ständigem Gebrauch, und die beiden Neujahrsfeste, das bürgerliche und das Siriusneujahr, werden in den Opferformeln der Gräber regelmäßig nebeneinander erwähnt. Auch in den Pyramidentexten wird dieses Jahr und der Mythus, der die Epagomenen mit der Geburt der Götter in Verbindung setzt, erwähnt, ein sicherer Beweis, daß es viel älter ist als die Blütezeit des Alten Reichs. Mithin kann es nur im Jahre 4241 v. Chr. eingeführt sein; und das wird dadurch weiter bestätigt, daß in dieser Zeit die Jahreszeiten des Kalenders sich im Normaljahr mit den natürlichen Jahreszeiten vollkommen deckten und der Siriusaufgang am 19. Juli julianisch wirklich in den ersten Beginn der Überschwemmung (15. Juni gregorianisch) fiel. Da der Tag des Frühaufgangs des Sirius sich durchschnittlich mit jedem Breitengrade um einen Tag verschiebt, und er nur unter dem 30. Breitengrade auf den 19. Juli julianisch fiel, ergibt sich zugleich, daß der Kalender im Süden des unteraegyptischen Reichs, im Gebiet von Heliopolis und Memphis, geschaffen ist. Ferner ist er durch den Mythus eng mit den Gottheiten des Osiriskreises verbunden: der Sirius, dessen Frühaufgang die Überschwemmung herbeiführt, gilt als Stern der Isis, der großen Naturgöttin, die durch eine Träne, die sie in den Strom fallen läßt, die Überschwemmung verursacht, und der Neujahrstag ist zugleich der Geburtstag des Rê', der Sonne-er fiel nahezu mit der Sommersonnenwende zusammen. [109] Der Ursprung der fünf Epagomenen wird dadurch erklärt, daß Rê' die Nut, als sie von ihrem Bruder Gêb schwanger war, verflucht habe, sie solle in keinem Monat noch Jahre gebären; da gewann Thout, der sie liebte, dem Monde im Brettspiel ein Siebzigstel jedes Mondlichts ab und bildete daraus fünf Tage, die er den 360 Tagen des Jahres anfügte; an diesen brachte dann Nut der Reihe nach ihre fünf Kinder zur Welt, den Osiris und seine Geschwister, denen hier, um die unentbehrliche Fünfzahl zu erhalten, der »ältere«, wohl aus Letopolis stammende Horus (d.i. der Bruder des Sêth, nicht der Sohn der Isis, § 178) eingefügt wird. Diese uralte Erzählung (erhalten bei Plut. de Is. 12, erwähnt schon in der Pyramide des Neferkerê' Zl. 754) ist kein vom Volke geschaffener, aus religiösen Vorstellungen erwachsener Mythus, sondern eine Fiktion, welche die seltsame Gestalt des Jahres erklären und die kühne Neuerung, welche die Einführung der fünf außerhalb der Monate und des Jahres stehenden Zusatztage enthielt, dem Volke schmackhaft machen und religiös sanktionieren soll. Dadurch, daß sie als große Festtage begangen werden (vor allem der erste und fünfte), haben sie Eingang finden und sich behaupten können. – So bestätigt der Kalender ebensowohl die Überlieferung über ein altes unteraegyptisches Reich wie die Folgerungen, die sich aus der Religion für dasselbe ziehen lassen, und gewährt uns zugleich ein festes Datum für dasselbe. Der 19. Juli (julianisch, = 15. Juni gregorianisch) 4241 v. Chr., an dem in Unteraegypten der 365tägige Kalender eingeführt wurde, ist das älteste sichere Datum der Weltgeschichte; es ist noch auf lange Zeit das einzige geblieben.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 104-110.
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