Die Horusverehrer und die beiden Reiche

[110] 198. Als letzte Dynastie vor Menes nennt die Überlieferung die der »Horusverehrer«. Mit diesem Namen werden die Herrscher der beiden Reiche bezeichnet, aus deren Vereinigung unter einem Könige das Pharaonenreich entstanden [110] ist. Diese beiden Reiche, der »Süden« (res) oder das »Südland« (to šema') und das »Nordland« (to mehi), sind geschichtlich bereits recht wohl greifbare Gebilde, da ihre Institutionen in dem geeinten Staate noch Jahrhunderte lang, und in der Theorie allezeit, weiter bestanden haben. In ihrer Gestaltung zeigen sie eine sehr auffallende Gleichartigkeit. Die Grenze lag bei Dahšûr (Akanthos) an der Südgrenze des memphitischen Gaus, etwa vier bis fünf Meilen oberhalb des Deltas. Die Residenzen dagegen liegen nahe den äußeren Grenzen der beiden Reiche und sind in beiden durch den Strom getrennte Doppelstädte, in deren einer die Schutzgöttin des Reichs, in der anderen der Gott Horus verehrt wird. Die Hauptstadt des Südens, im dritten Gau, in dem engen oberen Niltal wenig unterhalb von Edfu, dem Hauptsitze des Horus in Oberaegypten, ist Nechab (Elkab), dessen große, von Luftziegeln erbaute Ringmauer bis in diese Zeit zurückreichen mag, der Sitz der Geiergöttin Nechbet Die Horusverehrer und die beiden Reiche (griech. Eileithyia), und gegenüber, auf der Westseite des Stroms, auf einem durch eine elliptische Futtermauer gestützten Sandhügel (daher das Schriftzeichen der Stadt Die Horusverehrer und die beiden Reiche oder Die Horusverehrer und die beiden Reiche) Nechen (Hierakonpolis), die Stadt des Horus, der hier in Gestalt eines hockenden Falken Die Horusverehrer und die beiden Reiche verehrt wird. Die Könige des Nordlands residieren im Nordwesten des Delta, in dem Sumpflande südlich vom Burlussee, in der Stadt Ṭep (Buto), dem Sitz der Schlangengöttin Uaẕit Die Horusverehrer und die beiden Reiche (in älterer Zeit Die Horusverehrer und die beiden Reiche, und in der benachbarten Horusstadt Pe. Die alte Bedeutung der beiden Hauptstädte lebt später noch darin fort, daß der »Graf von Nechen und Priester der Nechbet« und der »Richter von Nechen«, sowie der »Herr von Pe« zu den höchsten Beamten des Alten Reichs gehören (§ 222). Das Wappen des Südens ist eine lilienartige Pflanze Die Horusverehrer und die beiden Reiche sein Herrscher führt den Titel suteni (?) Die Horusverehrer und die beiden Reiche und trägt als Krone einen hohen weißen [111] Helm (von Leder?) Die Horusverehrer und die beiden Reiche. Das Wappen des Nordens ist der Papyrus Die Horusverehrer und die beiden Reiche; sein Herrscher biti Die Horusverehrer und die beiden Reiche trägt eine flache rote Kappe, aus der ein hohes Rückenstück und ein seltsames Drahtgeflecht herausragt Die Horusverehrer und die beiden Reiche. Auch der Verwaltungsapparat des Pharaonenreichs mit seinem Hofstaat, seinen Beamten, Magazinen und Schatzhäusern wird größtenteils schon in diese Zeit zurückgehen, ebenso die zahlreichen Attribute der Könige, Hirtenstab, Geißel, verschiedene Scepter, Titulaturen u.ä.


Über die Šemau Ḥor s. § 192 A. SETHE hat gezeigt, daß sie auch in ihrem späteren Fortleben als selige Totengeister noch mit Hierakonpolis und Buto in Verbindung gebracht werden. Über die Gestalt des Horus von Hierakonpolis s. Hierak. pl. 41. 42. 46. 47. Auf die Bedeutung der Königsstädte Nechen und Pe für die beiden Reiche wird in den Pyramidentexten fortwährend angespielt. – Die »bitiu (unteraeg. Könige) in Pe« werden in dem Pyramidentext Pepis I. Zl. 684 erwähnt, vgl. SETHE, ÄZ. 38, 64. – Zu den Namen der beiden Reiche s. SETHE, ÄZ. 44, 1ff. Das Südreich heißt später mit Artikel patoris = assyr. paturisi, hebr. םרתפ; der Name des Nordlands, mit Artikel pato meḥ, muß in den םיחתפנ der Völkertafel Gen. 10, 13 stecken, wenn nicht vielmehr in ihnen mit SPIEGELBERG, Oriental. Literaturztg. 1906, Nr. 5, »die aus dem Delta« (aeg. naṭḥu, assyr. natḥû, Herod. II 165 Ναϑῶ) zu suchen sind. – SETHES Ausführungen über die Aussprache des Titels des Königs von Oberaegypten ÄZ. 49, 15ff., den er nj-śwt lesen will, erscheinen mir sehr problematisch.


199. Der durchgehende Parallelismus der beiden Staaten legt die Vermutung nahe, daß ein bestimmter Stamm das ganze Niltal sich unterworfen und beide Staaten gegründet hat; und zwar muß dieser Stamm, wie der Name bezeugt, unter dem ihre Herrscher in der Überlieferung fortleben, den Horus als Stammgott verehrt haben. In der Tat ist der Horusdienst das eigentliche Charakteristikum der beiden Reiche: durch sie ist Horus der älteste Nationalgott Aegyptens geworden. Er hat sich in derselben Bedeutung noch unter den Thiniten erhalten und wird damals in jedem zweiten Jahr durch ein großes, vom König veranstaltetes Fest gefeiert. Daß er [112] in Oberaegypten meist deutlich ein Eindringling ist und hier vielleicht den ältesten Hauptgott Sêth zurückgedrängt hat (etwa in Kämpfen bei Herakleopolis und Oxyrynchos, vgl. § 194), haben wir schon gesehen (§ 181); vielleicht ist auch der Lokalgott von Edfu erst unter den Horusverehrern zum Horus der geflügelten Sonnenscheibe geworden. So mögen die Reiche der Horusverehrer vom westlichen Delta ausgegangen sein. In den Doppelstädten sind die Horusstädte offenbar die Residenzen und Krönungsstädte; und sie können nur politische Gründungen gewesen sein, Heiligtümer des Königsgottes, die den weit älteren und größeren Gaustädten an die Seite gesetzt wurden. Im Südreich, von dem wir durch gleichzeitige Denkmäler schon etwas mehr wissen, ist der Herrscher ein realer Gott in Menschengestalt, die Inkarnation des Horus, und führt als solcher einen besonderen Namen; auf seinem Palast, dessen Portal dann zur Schreibung des Königsnamens verwendet wird, sitzt das Bild des Horusfalken. Im Nordreich wird das nicht anders gewesen sein. An dem Stirnreif oder dem Kopftuch, das sein Haupthaar zusammenhält, trägt er wie der Sonnengott eine Spange in Gestalt der Uraeusschlange (§ 191; an den Kronen wird sie erst viel später angebracht); und dieselbe Schlange hängt von der geflügelten Sonnenscheibe des Horus von Edfu herab. Aber Horus ist überhaupt der typische Gott dieser Zeit, dessen Falke daher in der Schrift wie den König so auch einen jeden Gott und das Wort Gott (nuter) im allgemeinen bezeichnet. Dieser Horus ist aber nicht der Sohn der Isis und des Osiris, sondern der große Lichtgott, der mit Sêth in ewigem Kampf liegt und ihn doch nie wirklich bezwingt. Daher ist die volle Macht auf Erden erst in der Verbindung beider Götter enthalten. Diese Verbindung verkörpert sich im König, der von seiner Residenz aus die Geschicke der Völker leitet und ihnen Gnade und Strafe, Segen und Verderben spendet. So sitzt er in seinem Palast als »Horus-Sêth«, eine Bezeichnung, die sich in dem uralten Titel der Königin »die den Horus-Sêth schaut« erhalten hat. Diese Göttlichkeit des Königs, die in ihren Ansätzen [113] schon in weit frühere Zeit zurückgehen mag, ist ein ganz wesentliches Moment der Kulturgestaltung dieser Epoche. In ihr findet die Allmacht des in einem einzigen Willen konzentrierten Staatsgedankens ihren sinnlichen Ausdruck: die Persönlichkeit, von der Leben und Gedeihen jedes anderen abhängt, ist eben kein Mensch wie diese, sondern ein Wesen von übermenschlicher, magischer Macht wie die Götter. So hat der Geist des ewigen Reichsgottes in ihm seinen Wohnsitz genommen, wie sonst in seinem heiligen Tier oder seinem Fetisch; und wie er hier, wenn das Tier stirbt, sich ein neues sucht, so geht er nach dem Tode des Herrschers in seinen Nachfolger über, den er selbst gezeugt und die Göttinnen mit ihrer Milch gesäugt haben. – Neben Horus und Sêth haben sich vor allem die Dienste der Neit und der Ḥatḥôr verbreitet, jene vom Nordwesten, diese vom Süden aus. Daher haben die beiden, ursprünglich in ihrem Wesen sehr verschiedenen Göttinnen sich aneinander assimiliert: beide sind »Herrinnen der Sykomore«, und im Alten Reich wird ihr Dienst »an allen ihren Sitzen« von den vornehmen Frauen gemeinsam versehen.


Der Horus, der den Königsnamen bezeichnet, sitzt ursprünglich auf einem halbmondartig gekrümmten Holz; so beim »Skorpion« Hierakonpolis pl. 19, auch bei den Standarten auf seinem Scepter pl. 26 c, 5, ebenso pl. 34 [vgl. jetzt NEWBERRY, PSBA. 34, 295ff., dessen Ansicht, daß der Sperber im Herrschertitel ursprünglich das Stammzeichen (Totem), dann das Zeichen des Gaus sei, und den Herrscher als »Häuptling« des Horusdistriktes bezeichne (ähnlich LOBET, L'Egypte au temps du Totémisme, 1906), ich jedoch nicht für richtig halten kann. Ähnlich will er das Neitzeichen bei Neitḥotep § 209 A. erklären]. Bei Narmer und Menes wird dies Holz auf das Portal des Palastes gesetzt, bei den folgenden Königen die gekrümmte Linie in eine gerade verwandelt. – Über den Uraeus in der Königstracht der älteren Zeit s. SCHÄFER, ÄZ 41, 62ff. – Über den König als »Horus Seth« [vgl. Unaspyr. Z. 214 und 68f.] s. meine Chronologie S. 133; titular wird Sêth bei Perjebsen, die beiden Gottesnamen nur bei Cha'sechemui in der 2. Dynastie verwendet (§§ 213. 215), sonst heißt der König titular immer nur Horus. Die weitverbreitete Meinung, daß in diesem Titel jeder der beiden Götter der Re präsentant des einen der beiden Reiche wäre (also ein Sethreich und ein Horusreich einander gegenübergestanden hätten), ist falsch. Sie ist [114] zwar schon von den späteren Aegyptern ausgebildet; aber daß diese bald dem Horus den Süden, dem Seth den Norden zuweisen, bald umgekehrt, beweist, daß sie sekundär ist. – Für die Verbreitung der Ḥatḥôr vgl. auch die Palette Narmers Hierak. pl. 29 und Royal Tombs I 11, 13 = 27, 71; analog ein Ornamentstück in Berlin.


200. Aus den letzten Zeiten des Südreichs besitzen wir bereits mehrere Monumente, die nicht mehr lediglich den Kulturzustand ihrer Zeit illustrieren, sondern schon als in engerem Sinne historische Denkmäler bezeichnet werden müssen. Es sind vor allem Schminksteine von Schiefer, die offenbar den Königen selbst angehörten, und reich mit bildlichen Darstellungen geschmückt sind. Diese Denkmäler zeigen nicht nur äußerlich, z.B. in den Kampfszenen, in der Zeichnung der Tiere u.ä., manche Ähnlichkeiten mit denen der ältesten Denkmäler Babyloniens, die sich aus der Gleichartigkeit der Kultur und der Unbeholfenheit der ersten Versuche zur Darstellung lebensvoller Szenen erklären, so gut wie die vielfachen Analogien zwischen der aegyptischen und der babylonischen Hieroglyphenschrift; sondern sie berühren sich auch darin mit ihnen, daß unter den Tieren phantastische Mischwesen, geflügelte Greife, Löwen mit Schlangenhälsen u.ä. vorkommen, und daß diese und ähnliche Tiere mehrfach symmetrisch gegeneinander aufgerichtet (z.B. Hunde an beiden Rändern der Tafel) oder miteinander verschlungen sind: Formen, die mit Recht als charakteristisch für Babylonien gelten. Man hat daher hier babylonischen Einfluß auf Aegypten angenommen und das Eindringen asiatischer Eroberer vermutet, die diese Anschauungen und Kunstformen aus ihrer Heimat ins Niltal mitgebracht hätten. Nun ist an fremden Ursprung gerade bei den Horusverehrern und ihrem Kult und Staat am wenigsten zu denken; denn Horus ist wohl in vielen Teilen Aegyptens erst später eingedrungen, aber wenn irgend einer ein echt aegyptischer Gott. Kulturbeziehungen zwischen dem Niltal und Babylonien dagegen sind ohne Zweifel so alt wie die Entstehung der beiden Kulturen überhaupt; und auch das Eindringen von Fremden, etwa als Söldner, würde an [115] sich in der ältesten Zeit so wenig ausgeschlossen sein wie später – die Geschichte Babyloniens zeigt, wie alt derartige Völkermischungen sein können. Indessen sind in Aegypten Spuren einer solchen Mischung nirgends nachzuweisen; und eine genauere Analyse der Denkmäler bestätigt die Hypothese einer Entlehnung nicht. Denn die symmetrische Anordnung der Figuren (die auch sonst in Aegypten zu allen Zeiten vorkommt) ergibt sich ohne weiteres aus der Aufgabe, eine ovale Tafel mit einem kreisrunden Loch in der Mitte zu dekorieren; ihr Gebrauch zum Schminken ist spezifisch aegyptisch und im Niltal seit uralter Zeit heimisch. Phantastische Wesen sind auch der Mythologie geläufig und in der Ausmalung der Geisterwelt ganz natürlich. Die realen Tiere und Pflanzen aber, die auf diesen Denkmälern vorkommen, sind echt aegyptisch und schon seit langem von der aegyptischen Kunst dargestellt; und der Stil ist, trotz der äußeren Analogien, doch ein sehr anderer als der babylonische. Dazu kommt nun als ganz entscheidendes Argument, daß die babylonische Kultur ganz wesentlich jünger ist als die aegyptische, so daß, falls überhaupt eine Beeinflussung stattgefunden hat, dieselbe umgekehrt von Aegypten ausgegangen sein muß. Über die Frage, ob Babylonien in den Anfängen seiner Kultur von Aegypten abhängig gewesen ist, wird indessen eine Entscheidung erst möglich sein, wenn vor allem die ältesten Formen der babylonischen Schrift so genau ermittelt sein werden, daß eine auf das einzelne eingehende Vergleichung der Zeichen möglich wird (vgl. § 229).


Die in Betracht kommenden Schiefertafeln (vgl. § 169 A.) sind Hierakonpolis pl. 28 = LEGGE, PSBA. 22, pl. 8. CAPART p. 224f., die Giraffen auf der Tafel LEGGE pl. 7, die Vorderseite der Tafel Narmers (§ 208), die von BÉNÉDITE, Monum. de l'ac. des inscr. X publizierte Tafel, ferner einige kleinere Objekte bei LEGGE pl. 8 und der Messergriff bei DE MORGAN, Rech. II pl. 5, PETRIE, Diospolis 20, 20, CAPART p. 68. 90. Auch auf der Soldatentafel (§ 167) sind die Vorderteile zweier Stiere zu einem Mischwesen verschmolzen, das sich auf einem Elfenbeinstück des M. R. und als Hieroglyphe wiederfindet (NAVILLE, Rec. 22, 109). Mischwesen finden sich auf einigen der ältesten Siegelcylinder (NEWBERRY, [116] Scarabs p. 49; auch hier hatte EVANS, J. Hell. Stud. 17, 1897, babylonischen Einfluß angenommen) und vielfach auf den knopfförmigen Siegeln seit der 6. Dynastie (§ 291); und zu Eigentumsmarken sind sie in der Tat sehr geeignet und daher in der kretischen und kleinasiatischen wie in der babylonischen Kunst immer beibehalten. In Aegypten dagegen sind sie bald aufgegeben, abgesehen vom Greif und Sphinx [über den aegyptischen Vogelgreif, Löwenleib mit Vogelkopf und Flügeln, der von dem babylonischen Löwengreif mit Löwenkopf und Hinterteil eines Vogels und dem Schlangengreif durchaus verschieden ist, s. PRINZ, Art. Gryps bei PAULY-WISSOWA VII]; auch sonst finden sich derartige phantastische Gestalten nach der Zeit des Menes nur noch sehr selten, z.B. vereinzelt in Benihassan, abgesehen natürlich von den Toten- und Zaubertexten. – Wie vorsichtig man in der Annahme von geschichtlichen Zusammenhängen sein muß, haben frühere Gleichungen zwischen babylonischen und aegyptischen Hieroglyphen und die Gleichung zwischen den Pyramiden und den babylonischen Tempeltürmen gezeigt (um von HOMMELS Identifikationen der Götter und Mythen ganz zu schweigen). Ebenso könnte man z.B. den auf mehreren Bergspitzen einherschreitenden Elephanten Hierakonp. pl. 6, 6 = pl. 16 und auf der Rückseite der Minstatuen von Koptos (§ 171) mit den bekannten analogen Darstellungen aus Kleinasien vergleichen, obwohl hier natürlich jeder Zusammenhang ausgeschlossen ist. Vgl. auch § 202 A. – Eine sichere Beziehung liegt, wie HROZNÝ, Über das Bier im alten Babylonien und Aegypten (Anzeiger der Wien. Ak. phil. Cl. 1910, Dez.) gezeigt hat, darin vor, daß sowohl die Babylonier wie die Aegypter seit alters das Bier kennen und auf dieselbe Weise aus Malzbrocken bereiten, die zerstückt werden und im Wasser gären; auch weist er eine Biersorte nach, die semitisch ḥîqu heißt, übereinstimmend mit aeg. ḥqt; desgleichen, daß aeg. boṭet »Emmer« mit bab. buṭuttu identisch ist; aber seine Folgerung, daß hier die Aegypter die Entlehnenden seien (er will ḥîqu von ḥâqu »mischen« ableiten), ist keineswegs gesichert.


201. Zu den Schminksteinen mit Szenen aus dem Leben gehört die bereits öfter erwähnte Darstellung auf die Jagd ausziehender Krieger (§ 167). Einen Schritt weiter führt eine Schiefertafel, die auf der einen Seite mit zwei Giraffen verziert ist, auf der anderen ein Schlachtfeld zeigt: die Leichen nackter, zum Teil gefesselter Krieger liegen auf dem Boden, eine wird von einem Löwen, andere von Geiern und Raben verzehrt; darüber führt ein Aegypter in langem Gewande (wahrscheinlich der König; der Kopf ist verloren) einen [117] nackten Gefesselten, dem ein Stein an den Nacken gebunden ist. Weiter oben sind Standarten mit dem Horusfalken und dem Ibis dargestellt, von denen Arme ausgehen, die nackte Gefangene gepackt haben. Das ist offenbar bereits eine Gedenktafel zur Erinnerung an einen bestimmten großen Sieg. Völlig historisch ist das Bruchstück eines anderen Steins (die Rückseite zeigt Reihen von weidenden Rindern, Eseln, Widdern, darunter Bäume), auf dem sieben zinnengekrönte Mauerringe, die außer quadratischen Hausblöcken die Wappenzeichen von Städten umschließen (eine Eule, eine Pflanze, zwei ringende Männer, zwei in die Höhe gestreckte Arme [das Silbenzeichen ka] u.a.), von Wappentieren mit Hacken zerstört werden; erhalten sind Falke, Löwe, Skorpion, zwei Falken auf Standarten. Hier wird in rein symbolischer Schrift von einem Kriege berichtet, bei dem eine Anzahl verbündeter Gaue-darunter der durch die beiden Falken bezeichnete von Koptos-sieben Ortschaften erobert und zerstört haben. Ein dritter Schminkstein zeigt auf beiden Seiten einen Stier, das Symbol des siegreichen Königs, der einen zu Boden geworfenen Feind mit den Hörnern aufspießt: der Gegner ist deutlich ein Aegypter in der früher geschilderten Tracht (§ 167). Unter ihm sind auf der einen Seite zwei Mauerringe mit den Stadtnamen erhalten; auf der anderen Seite fassen fünf in Hände auslaufende Standarten (zwei Wölfe, Ibis, Falke, Symbol des Minu von Panopolis) einen Strick, mit dem ein Feind gefesselt zu sein scheint-das übrige ist weggebrochen. An diese ältesten Urkunden aegyptischer Geschichte reihen sich dann weitere, die bereits Königsnamen und andere wirkliche Schriftzeichen aufweisen (§ 207f.); auf ihnen sind noch die Namen einiger der letzten Herrscher des Südreichs erhalten.


Die besprochenen Schiefertafeln sind: 1. LEGGE, PSBA. 22, pl. 7, CAPART p. 230-333; 2. STEINDORFF in den Aegyptiaca S. 123 = DE MORGAN, Rech. II, pl. 3 = PSBA. 22, pl. 5 = CAPART, L'art égypt. p. 228f.; 3. STEINDORFF S. 126 = BCH. XVI pl. 1 = DE MORGAN II pl. 2 = PSBA. 22, pl. 4 = CAPART p. 234f.


Quelle:
Eduard Meyer: Geschichte des Altertums. Darmstadt 81965, Bd. 1/2, S. 110-118.
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